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Full text of "Abriss der gesammten Kirchengeschichte"

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ABRISS • 



DER 



GESAMMTEN 



KIRCHEIiGESCHICHTE 



VON 



D". J. J. HERZOG, 

OBDENTLICHEM PROFESSOR DER THEOLOGIE IN ERLANGEN. 



IN DREI THEILEN. 



I. THEIL. 



ERLANGEN. 

TERLAG VON EDUARD BESOLD. 
1876, 



ABRISS 



DER 



GESAMMTEN 



KIßCHENGESCHICHTE 



VON 



DR. J. J. HERZOG, 

ORDENTLICHEM PROFESSOR DER THEOLOGIE IN ERLANGEN. 



EKSTER THEIL. 

DIE ZEITEN DER GRÜNDUNG UND ERSTEN AUSBREITUNG DER CHRISTLICHEN 
KIRCHE VON CHRISTI GEBURT BIS ZUM ENDE DES ERSTEN JAHRHUNDERTS 

NACH CHRISTI GEBURT. 

DIE ZEITEN DES ALTEN KATHOLICISMUS VOM ANFANG DES ZWEITEN JAHI^- 
HUNDERTS BIS ZUM ANFANG DES ACHTEN, 




ERLAHGEN. 

VERLAG VON EDUARD BESOLP, 
1876. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Prnek d«r UniversitSti-Bnchdraekerei Ton £. Tb. jRcob In Brian gen. 



Vorwort. 



Wozu, nachdem in unsern Tagen mehrere ausgezeichnete Dar- 
stellungen der allgemeinen Kirchengeschichte erschienen sind, wozu dieser 
neue Versuch? So wird vielleicht mancher der geehrten Leser fragen, so 
musste der Verfasser, ehe er an die Arbeit ging, sich selbst fragen. Die 
Antwort darauf wurde ihm in Einer Beziehung nicht zu schwer. Obgleich 
die Werke 'von Ne ander und Gi eseler, den z>vei hervorragendsten 
Kirchengeschichtschreibern der neuesten Zeit, noch immer die vollste Be- 
achtung verdienen und von jedem, der sich mit der Kirchengeschichte 
beschäftigt, fleissig benützt werden müssen, so liegt doch am Tage, dass, 
seitdem jene Männer , auf deren Schultern wir stehen , • den irdischen 
Schauplatz verlassen haben, die Kirchengeschichtschreibung, in Folge des 
von ihnen gegebenen lebendigen Impulses, bedeutende Fortschritte gemacht 
hat. Der Gesichtskreis für dieselbe hat sich überhaupt sehr erweitert. 
Es ist auch eine bedeutende Zahl von Einzelforschungen gemacht worden, 
und es werden deren immer noch mehrere gemacht, die es gilt in das 
Ganze der Geschichte zu verarbeiten und eben dadurch zu verwerthen. 
Ausserdem sind die angeführten Werke von Ne ander und Gi eseler so 



Yt Vorwort. 

weitläufig angelegt, dass schon dadurch leider manche vom Lesen der- 
selben abgeschreckt, manche wirklich daran verhindert werden. Es möchte 
daher eine Darstellung, welche die Mitte hält zwischen jenen ausführ- 
lichen Geschichtswerken und den kurzen Compendien, deren in neuester 
Zeit mehrere, zum Theil sehr vorzügliche, erschienen sind, vielleicht 
den Wünschen und Bedürfnissen mancher Leser entsprechen. 

Die beigefügten Quellen- und Literaturangaben, in welche wo mög- 
lich das Hauptsächliche und Wichtigste aufgenommen ist, sind dazu 
bestimmt, diejenigen, die diesen oder jenen Theil der Geschichte näher 
erforschen oder überhaupt näher kennen lernen wollen, auf diesem be- 
sonderen Gebiet zu orientiren. 

Es ist, wie der geneigte Leser sogleich bemerken wird, die Ge- 
schichte der Lehre in die Darstellung aufgenommen in der Art, wie Ne- 
ander es gethan. Denn es lässt sich wohl die Geschichte der Lehre 
abgesondert von der allgemeinen Kirchengeschichte behandeln, aber nicht 
so gut diese ohne jene. Es fehlt nämlich ein wesentliches Mittel des 
Verständnisses der Geschichte, wenn die bewegenden Ideen, die den Lehr- 
gehalt der Kirche bilden, nicht in Rechnung gebracht werden. Man kann 
sagen, die Geschichte der Lehre verhält sich einigermassen zur allge- 
meinen Kirchengeschichte wie die Mathematik zu den Naturwissenschaften, 
üebrigens musste für die grundlegende patristische Zeit die Geschichte 
der Lehre in grösserer Ausführlichkeit gegeben werden, als es später der 
Fall sein wird. 

Wegen der genannten Verbindung mit der Geschichte der Lehre 
lässt sich die Darstellung, die wir zu geben versuchen, nicht vollziehen 
ohne bestimmte Stellung zur christlichen Frage, zur immer wiederkelu^en- 
den Frage: was dünkt euch von Christo? Denn, obwohl im Leben der 
modernen Culturvölker so vieles sich findet, was die Aufmerksamkeit vom 
Christenthum abzieht, es führen doch viele Wege dahin zurück. Gehört doch 
dasselbe zu unserem Leben und ist unzertrennlich damit verwachsen. Auch 
die Angriffe auf das Christenthum, so stark sie öfters sein mögen, bewei- 



Vorwort. Vit 

Sen an ihrem Theile nur so viel, dass die Gegner sich bewusst sind, es 
handle sich um eine grosse Macht im Völkerleben, wenn gleich man sie 
tief heruntersetzt, indem man sich bemüht, das Christenthum als unver- 
träglich mit der fortschreitenden Cultur der Menschheit darzustellen. 
Ueberdiess, welch' ein eigenthümliches Verhängniss muss das Christen- 
thum über sich ergehen lassen! Eine andre Macht, die sich zur Be- 
schützerin des Wortes vom Kreuze aufgeworfen, gründet sich auf einen 
Abfall von demselben. Ihren Orakeln Unfehlbarkeit beimessend, macht 
sie Front nicht blos gegen die Angriffe auf das positive Christenthum, 
sondern auch gegen das richtig aufgefasste Evangelium und gegen alle 
Bestrebungen, dasselbe zur Anerkennung zu bringen und zu verbreiten. 
So ist das Christenthum, deutlicher gesprochen, der evangelische Prote- 
stantismus mitten inne gestellt zwischen zwei entgegengesetzte Feinde, 
zwischen die abschätzigen Urtheile derer, die auf der Höhe der Bildung 
der Zeit zu stehen sich rühmen, und die Bannstrahlen Roms, das neuer- 
dings die unbedingte Herrschaft über die Kirche und auch die über die 
Welt beansprucht. 

Auf den Standpunkt des von diesen zwei Seiten angegriffenen , auch 
innerlich so vielfach angefochtenen evangelischen Protestantismus stellen wir 
uns, zwar wohl fühlend den gewaltigen Ernst der Lage, worin das Chri- 
stenthum gegenwärtig sich befindet, aber ohne im mindesten die Hoffnung 
auf den ferneren Bestand desselben aufzugeben. Wir fürchten auch nicht, 
dass, wenn wir uns bei unserer Arbeit auf den Standpunkt des evan- 
gelischen Protestantismus stellen, unser Gesichtskreis verengt und unser 
Urtheil befangen gemacht werde. Es ist der christliche Geist, der sich 
selbst erkennt in seiner Geschichte, — der zugleich scharfe Kritik am 
Eigenen übt und das Substantiell -christliche auch in fremdartigem Gewände 
zu erkennen und zu würdigen weiss. 

Wenn wir anfangs bemerkten , dass uns die Antwort auf die Frage : 
wozu dieser neue Versuch einer allgemeinen Kirchengeschichte? in Einer 
Beziehung nicht zu schwer wurde, so wollten wir damit andeuten, dass 



Vni Vorwort. 

wir in anderer Beziehung das Gewicht der Frage und die Grösse und 
Schwierigkeit der übernommenen Aufgabe wohl fühlen und erkennen. In 
Beziehung darauf schliessen wir dieses Vorwort mit dem aufrichtigen 
Bekenntniss, dass wir uns der Mängel unserer Arbeit wohl bewusst sind, 
und mit der Bitte an den geneigten Leser, der unvollkommenen Arbeit 
in Betrefi' des erhebenden Gegenstandes derselben nachsichtige Aufnahme 
angedeihen zu lassen. Der zweite Theil, wozu schon manche Vorarbeiten 
gemacht sind, wird die Geschichte bis zum Jahr 1517 fortführen. 

Erlangen, 28. Juli 1876. 



Der Verfasser. 



InlialtsvCTzeiclmiss. 



Die Zeiten der Grilndung und ersten Ausbreitung der christlichen Kirche. 

Von Christi Geburt bis zum Ende des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt. 
Einleitung S. 1. 2. 

Erster Abschnitt. 
Uebersicht des Zustandes der alten Welt, besonders in religiös -sittlicher und intellek- 
tueller Beziehung zur Zeit der Gründung und ersten Ausbreitung der christlichen 
Kirche. 
Erstes CapiteL Zustand der heidnischen Völker S. 2—11. 
Zweites Capitel. Zustand des jüdischen Volkes S. 11 — 23. 

Zweiter Abschnitt. 
Gründung und erste Ausbreitung der Kirche im apostolischen Zeitalter S. 23—41. 

Die Zeiten des alten Katholicismus. 

Vom Anfange des zweiten bis zum Anfange des achten Jahrhunderts. 

Erste Periode des alten Katholicismus. 

Vom Anfange des zweiten Jahrhunderts bis zum Jahr 313, vom Tode des Apostels Jo- 
hannes bis zum Religionsedikt zu Gunsten der Christen, erlassen von Constantin dem 
Grossen und Licinius. Die Zeit der Entstehung, ersten Ausbildung, ersten äusseren und 
inneren Entwicklung des Katholicismus. 

Erster Abschnitt. 
Geschichte der Ausbreitung und Beschränkung, Verfolgung der Kirche. 
Erstes Capitel. Die Ausbreitung des Christenthuras S. 44—46. 
Zweites Capitel. Die Verfolgungen S. 46—64. 

Zweiter Abschnitt. 
Angriffe der Juden und Heiden auf das Christenthum in Wort und Schrift und Ver- 
theidigung durch die Apologeten. 

Erstes Capitel. Polemik der Juden und Apologetik gegen die Juden S. 65—67. 
Zweites Capitel. Polemik der Heiden und Apologetik gegen die Heiden, 
§, 1. Schriften wider und für das Christenthum S. 68—72. 



X Inhaltsverzeichniss. 



Dritter Abschnitt. 

Die häretischen Angriffe auf das Christenthum und die Gegenanstalten der sich bilden- 
den katholischen Kirche. 

Erste Abtheilung. 

Die Häresien S. 75. 76. 

Erstes Capitel. Die Ebioniten S. 76—80. 

Zweites Capitel. Die heidenchristlichen Gnostiker S. 80—94. 

Zweite Abtheilung. 

Die Gegenanstalten der Kirche gegen die häretischen Angriffe. 

§. 1. Zusammenfassung der Gläubigen als katholische Kirche, gestützt auf die 

mündliche Ueberlieferung und die mit derselben übereinstimmend ausgelegte 

Schrift S. 94-97. 
§. 2. Sammlung der ächten, unverfälschten neutestam entlichen Schriften S. 97 — 98. 
§. 3. Die Glaubensregel und das apostolische Symbolum S. 98 — 101. 
§. 4. Begriff der Häresie, des Häretischen S. 102. 103. 

Vierter Abschnitt. 

Die Geschichte der Theologie. 

Erstes Capitel. Die Kirchenlehrer und Kirchenschriftsteller. 
§. 1 der griechich - morgenländischen Kirche S. 103—124. 

§. 2. Die Kirchenlehrer und Kirchenschriftsteller der lateinisch - abendländischen 
Kirche S. 124-128. 
Zweites Capitel. Uebersicht der sich bildenden katholischen Theologie. 
§. 1. Die Lehre von den Erkenntnissquellen des Christenthums S. 128—131. 
§. 2. Die Lehren von Gott, von der Dreieinigkeit, von der Schöpfung S. 131— 138. 
§. 3. Die Anthropologie S. 139-141. 
§. 4. Die Christologie S. 141—144. 
§. 5. Die Heilsordnung S. 144-146. 
§. 6. Die Eschatologie S. 146-148. 
Anhang zur Geschichte der Lehre. 
Die Manichäer S. 149—151. 

Fünfter Abschnitt. 

Die Geschichte der Kirchenverfassung, der Kirchenzucht und der ßeactionen gegen die 
erstrebte Art der Kirchenverfassung und der Kirchenzucht. 

Erstes Capitel. Geschichte der Kirchenverfassung S. 152. Fortschreitende Ent- 
wicklung des geistlichen Standes S. 152—154. Der Episkopat S. 153 — 156. 
Conföderation der einzelnen Gemeinden S. 156 - 161. Die Einheit der Kirche 
S. 161-163. Der Bischof von Rom S. 163—169. 
Zweites Capitel. Geschichte der Kirchenzucht S. 169—171. 



Inhaltsverzeicliniss. XI 

Drittes Capitel. Geschichte der Reactionen gegen die erstrebte Art der Kirchen- 
zucht und Kirchenverfassung. 

1) Der Montanismus S. 171—178. 

2) Kirchenspaltung des Felicissimus in Carthago S. 178. 179. 

3) Das novatianische Schisma S. 179. 180. 

4) Schisma zwischen der afrikanischen und römischen Kirche über die Taufe 
der Häretiker S. 180-182, 

5) Meletianische Spaltung in Aegypten S. 182. 

Sechster Abschnitt. 

Geschichte des Cultus und der Sitte in der katholischen Kirche. 
Erstes Capitel. Geschichte des Cultus. 

1) Versammlungsorte der katholischen Christen S. 184. 
Zweites Capitel. Gottesdienstliche Versamralungszeiten. 

a) Wöchentliche Feiertage S. 188. 189. 

b) Jahresfeste S. 189—194. 

Drittes Capitel. Der Gottesdienst im Ganzen und die einzelnen Handlungen des- 
selben S. 194. - Das Abendmahl S. 197 — 209. Die Taufe S. 209—211. Sa- 
cramente 211. 212. 

Viertes Capitel. Sittliche Wirkungen des Christenthums. 
Sitte und Leben der katholischen Christen S. 213. 219. 
Schluss S. 219-220. 

Zweite Periode des alten Katliolicismns. 

Vom Jahre 313 bis zum Jahre 451, vom Religionsedict der Kaiser Constantin und 
Licinius bis zur Kirchenversammlung voiv Chalcedon. 
Einleitung S. 221—222. 

Erster Abschnitt. 

Aeussere Schicksale des Christenthums im römischen Reiche. Kampf mit dem Heiden- 
thum und Sieg über dasselbe. 

1) Regierung Constantin's und seiner Söhne S. 223—229. 

2) Julian zubenannt der Abtrünnige S. 229—234. 

3) Weitere Entwicklung bis zum Ende der Periode S. 234—241. 

Zweiter Abschnitt. 

Geschichte der Theologie. 
Uebersicht der Kirchenlehrer dieser Periode und ihrer Leistungen im Allgemeinen. 
I. Lehrer und Schriftsteller der griechich- morgenländischen Kirche S. 243— 250. 
II. Lehrer und Schriftsteller der lateinisch - abendländischen Kirche S. 251—262. 
Streitigkeiten, die von der griechisch-morgenl&ndischen Kirche 

ausgehen. 
1. Die arianische Streitigkeit und ihre Verzweigungen. 
Aeussere Geschichte der Streitigkeit S. 262—273. 



XII Inhaltsverzeichniss. 

• 

Nähere Betrachtung der dogmatischen Momente der arianischen Streitigkeit. 

1) Die arianische Lehre S. 273—275. 

2) Die Synode von Nicäa. Das nicänische Symbol S. 275. 276. 

3) Der Lehrbegriff des Athanasius S. 276—280. 

4) Vermittelnde Eichtungen. Eusebianer und Semiarianer S. 280—282. 

5) Die extremen Richtungen S. 282—284. 

6) Die Lehre vom heiligen Geiste S. 284 — 286. — Weitere Entwicklung der 
Lehre von der Dreieinigkeit S. 286. 

n. Origenistische Streitigkeiten S. 287—291. 
in. Die nestorianische Streitigkeit S. 292. 

1) Christologische Verhandlungen und Stand der christologischen Frage bis zum 
Ausbruche der nestorianischen Streitigkeit S. 293—297. 

2) Die nestorianische Streitigkeit und das dritte ökumenische Concil zu Ephesus 
im Jahr 431. 

§. 1. Aeussere Geschichte des Streites S. 297—301. 

§. 2. Nähere Betrachtung der christologischen Momente der nestorianischen 
Streitigkeit S. 302-305. 
IV. Der eutychianische Streit. Die Eäubersynode von Ephesus im Jahre 449 und 
die vierte allgemeine Synode zu Chalcedon im Jahre 451 S. 305—313. 
Streitigkeiten, die von der lateinisch-abendländischen Kirche 

ausgingen. 
Die pelagianische und die semipelagianische Streitigkeit. 
Stand der anthropologischen und der soteriologischen Frage bis zum Ausbruch der 

pelagianischen Streitigkeit S. 313—314. 
Aeussere Geschichte der pelagianischen und der semipelagianischen Streitigkeit 

S. 314-318. 
Uebersicht des augustinischen imd des pelagianischen Lehrbegriffes. 
I, Anthropologie S. 319—322. 
n. Soteriologie S. 322-328. 
Priscillianus und seine Anhänger S. 329. 

Uebersicht der nicht controvers gewordenen Lehren. 
Die Lehre von den Erkenntnissquellen des Christenthums. Von der Tradition und 

der Autorität der Concilien S. 330—336. 
Lehre von Gott S. 336—337. 
Die Christologie S. 337—339. 
Die Eschatologie S. 339—341. 
Anhang zur Geschichte der Theologie S. 341. 342. Begriff des Dogma. 

Dritter Abschnitt. 

Geschichte der Kirchenverfassung , Kirchenzucht, Kirchenspaltungen. Das Dogma von 
der Kirche. 
§. 1. Das Verhältniss des Klerus zum Staate und zur bürgerlichen Gesellschaft 

S. 343-346. 
§. 2. Innere Verhältnisse des Klerus S. 346—348. 



Inhaltsverzeichnisa. Aill 

§. 3. Die Patriarchalverfassnng , besonders im Oriente S. 348—350. 
§. 4. Der Bischof von Korn S. 350—355. 
§. 5. Kirchenzucht S. 355-357. 
§. 6. Die Kirchenspaltungen S. 357. 

Die donatistische Spaltung S. 357 — 360. 

Das Schisma des Lucifer, Bischofs von Cagliari auf der Insel Sardinien 

S. 360. 361. 
§. 7. Das Dogma von der Kirche S. 361—364. 

Vierter Abschnitt. 
Geschichte des Gottesdienstes. 
• §. 1. Gottesdienstliche Gebäude S. 366—367. 

§. 2. Gottesdienstliche Tage und Zeiten S. 368—375. 

Märtyrer- und Mariencultus. 
§. 3. Der Gottesdienst selbst. Der öffentliche, sonntägliche Gottesdienst insbe- 
sondere S. 375. Abendmahl S. 375 -385. Taufe S. 385. 386. 

Fünfter Abschnit. 

Geschichte des christlichen Lebens und der christlichen Sitte S. 387. 
Erstes Capitel. Das Mönchthum S. 387. 
I. Mönchthum im Oriente S. 387—399. 
II. Mönchthum im Occidente S. 399—402. 
III. Verhältniss der Mönche zum Klerus S. 402. 403. 
Zweites Capitel. Zustand des Klerus in religiös -sittlicher Beziehung. Einwirkung 
desselben auf das Volk. Sittliche Grundsätze und christliche Sitte. Einfluss des 
Christenthums auf die Gesetzgebung S. 403—412. 
Drittes Capitel. Reformatorische Bestrebungen S. 412. 

Jovian S. 412-414. Vigüantius S. 414-416. Aerius S. 416. 417. 

Sechster Abschnitt. 
Ausbreitung des Christenthums ausserhalb des römischen Reiches S. 417, in Afrika 
S. 418, in Asien S. 419. 420, in Europa unter den germanischen Völkern S. 420 
— 427, in Grossbritannien S. 427-429. 

Dritte Periode des alten Katholicismns. 

Vom Jahr 451 bis Anfang des achten Jahrhunderts, vom Concil von Chalcedon bis zu 
den Bilderstreitigkeiten und bis zu Bonifacius, Apostel der Deutschen. 
Einleitung S. 430. 431. 

Erste Abtheilung. 
Die Kirche vorherrschend des römischen Reiches. 
Erstes Capitel. Aeussere Schicksale. Ausbreitung und Beschränkung des Chri- 
stenthums S. 431—433. 
Zweites Capitel. Geschichte der theologischen Streitigkeiten. 
§. 1. Der monophysitische Streit S. 434—437. 



XIV Inhaltsverzeiclmiss. 

§. 2. Der monotheletische Streit S. 437-440. 

§. 3. Augustinische und semipelagianische Streitigkeiten S. 440—442. 
Drittes Capitel. Anbau der theologischen Wissenschaften und der Wissenschaften 

überhaupt S, 442. Cassiodor 443—446. Boethius 446—447. Isidor von Hispa- 

lis S. 447. Dionysius Areopagita S. 447—448. 
Viertes Capitel. Geschichte des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, Ge- 
schichte der Kirchen Verfassung, der Patriarchen, insbesondere des römischen S.449. 

Gregor I. S. 450— 453. Concilium quinisextum S. 454. 
Pünftes Capitel. Geschichte des Gottesdienstes (Kirchen S. 455. 456. Reliquien 

S. 457. Neue Feste S. 457. Litaneien S. 458. Messcultus S. 458. Fegefeuer 

S. 460, 
Sechstes Capitel. Geschichte des Mönchthums. Benedict von Nursia und der Be- 

nedictinerorden S. 462 -467. 

Zweite Abtheilung. 

Die Kirche unter den germanischen Völkern und in Grossbritannien. 
Erstes Capitel, Verbreitung des Christenthums unter den germanischen Völkern 

auf dem Continente von Europa S. 468—473. 
Zweites Capitel. Die britannischen Inseln S. 473—485. 

Drittes Capitel. Die von Grossbritannien ausgehenden Missionen auf dem Conti- 
nente von Europa S. 486—489. 
Viertes Capitel. Innere Verhältnisse der katholischen Kirche unter den germa- 
nischen Völkern S. 489—496. 
Schluss S. 496. 
Nachträge S. 500. 



Die Zeiten der MAn mi ersten Anstireitnng der cöristliclien Kirclie. 

. Von Christi Geburt bis zum Ende des ersten Jahrhunderts 
nach Christi Geburt. 

Wir stehen hier vor der schöpferischen Anfangsperiode der gesammten 
Kirchengeschichte. Als solche enthält sie zugleich die Grundbedingungen 
und Regulative für alle folgende EntNvicklung in allen den Beziehungen, worin 
das christliche Prinzip sich bethätigt. Daher alle christlichen Religions- 
partheien, jede in ihrem Sinne, sich auf diese Zeit berufen. Wenn nun 
von katholischer Seite gesagt wirdM, dass in diesen Anfängen die Keime 
einer Cultur liegen, die noch immer im Werden begriffen ist, wenn die 
ganze folgende Geschichte lediglich als ein mit iimerer Nothwendigkeit sich 
vollziehender Entfaltungsprocess aufgefasst wird, welcher über die primi- 
tiven Formen des apostolischen Zeitalters hinausgeht, so wollen wir zwar 
die Wahrheit, die diesen Behauptungen zu Grunde liegt, nicht verkennen, 
aber eben so wenig den katholischen Grundirrthum , der sich daran knüpft 
und der zur Rechtfertigung der grössten Abweichungen von der Wahrheit 
des Evangeliums (Gal. 2, 5) verwendet worden und noch inmier verwendet 
wird. Denn, sofern angenommen wird, dass das Christenthum, wie es im 
Neuen Testamente urkundlich bezeugt wird, erst durch das, was die katho- 
lische Kirche im Laufe der Zeit daraus gemacht hat, zu seiner vollen Ver- 
wirklichung gelangt ist, erst dadurch sich in seiner ungeschmälerten 
Wahrheit Geltung erworben, sofern das Urchristenthum mehr als Ausgangs- 
punkt denn als Norm aufgefasst wird, so läuft die Sache zuletzt darauf 
hinaus, dass, was man gemeinhin Fundament zu nennen gewöhnt ist, nicht 
mehr Fundament im vollen Sinne des Wortes ist, sondern das darauf er- 
richtete Gebäude tritt gewissermassen, — so sonderbar es klingen mag — 
an die Stelle des Fundamentes. — Auf einen in der Form ähnlichen wle- 



1) Döllinger in der Schrift: Christenthum und Kirche in der Zeit der Grund- 
legung. 
Herzog, Kirchengeschichte I. \ 



wohl durch Irrthümer anderer Art zubereiteten Abweg führt eine gewisse 
moderne Weltanschauung in ihrer Anwendung auf das Urchristenthum. Das 
Endergebniss davon ist eine willkürliche Construction der Geschichte des- 
selben, wobei dessen eigentliches Wesen, ungeachtet mancher glücklicher 
Apper Jus und Combinationen im Einzelnen, geradezu ausgemerzt ist. Daher 
sollen wir uns hüten, die Zeiten der Grundlegung durch das Prisma der 
folgenden Entwicklung oder einer dem Christenthum entfremdeten Denk- 
weise zu betrachten und darnach zu beurtheilen. — Da aber das Christen- 
thum, ungeachtet seines übernatürlichen Ursprungs in alle Bedingungen 
geschichtlicher Erscheinungen eingetreten ist, so ist vor Allem nötliig, den 
Boden kennen zu lernen, auf welchem es entstanden, die Zeitumstände und 
Verhältnisse, unter welchen es hervorgetreten und sich seinen Platz in 
der Welt erstritten hat. 



Erster Abschnitt. 



Uebersicht des Zustandes der alten Welt besonders in reli- 
giös sittlicher und intellektueller Beziehung zur Zeit der 
Gründung und ersten Ausbreitung der christlichen Kirche. 

Tzschirncr, der Fall des Heidenthums, 1829. — Tholuck, über das Wesen 
und den sittlichen p]influss des Heidenthums besonders unter Griechen und Römern — 
in Neandcr's Denkwürdigkeiten, 1. Bd. — Schnockenburger, Vorlesungen über 
neutestamcntliche Zeitgeschichte. — Hausrath, neutestamentliche Zeitgeschichte. 
Burkhardt, die Zeit Constantin's des Grossen. Abschnitt V. VI. — Schür er, 
Lehrbuch der alttestamentliclien Zeitgeschiclite, 1874. — Döllinger, Heidenthum 
und Judenthum, Vorhalle des Christenthums, 1857. -- Schmidt, essai historique 
sur la societe civile dans le mondc romain et sur sa transformation par le chri- 
stianisme, 1853. — Hundeshagen, über einige Hauptmomente in der geschicht- 
lichen Entwicklung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche — in Dove's 
Zeitschrift für Kirchenrecht 1861. S. 232 u. ff. — die Werke von Jost, Ewald, 
Herzfeld, Grätz über die Geschichte der Juden. — Die einschlägigen Artikel 
in Herzog's Realencyklopädie. Neander und Gieseler in der Einleitung 
zu ihren Werken über allgemeine Kirchengeschichto. S. ausserdem Ackermann, 
das Christliche im Plato u. in der platonischen Philosoj)hie, 1835. 

Erstes Capitel. Zustand der heidnischen Yölker. 

I. ;;Als die Zeit erfüllet war, sandte Gott seineu Sohn^ Gal. 4, 4. 
Inwiefern entsprachen die Zeitverhältnisse dieser Aussage ? ^ Allerdings 
waren grosse Veränderungen in der Welt vorgegangen, und so gross sie 
sein mochten, schienen sie nur die Vorboten von noch grösseren zu sein. 
Es kommen hier in Betracht die Völker der damals bekannten Welt 
(oixoviief^rj). Da bemerken wir vor, Allem, dass die Weltgeschichte, die im 



3 

fernen Osten ihren Anfang genommen, mehr und mehr nach dem Westen 
hingedrängt hat; den Schauplatz der Bewegung bilden diejenigen Völker, 
die um das Becken des mittelländischen Meeres herum wohnen. Von ent- 
scheidender Bedeutung ist, dass zwischen diesen Völkern die nationalen 
Schranken, die in der antiken Welt so sehr hervortraten, und denen auch 
die Religion sich am wenigsten entzog, theils durchbrochen, theils nieder- 
gerissen waren. Die genannten Völker sind durch die politische Herrschaft 
Eines Volkes verschlungen worden. In die Herrschaft Bom's mündet die 
alte Welt aus. Nur die Parther nn Osten, die germanischen Völker im 
Norden sind von der allgemeinen Unterjochung ausgenommen. Mit den 
römischen Adlern w^erden römische Sprache, Sitte, Bildung und Gesetz- 
gebung weithin ausserhalb der römischen Nationalität verbreitet und da- 
durch die Völker einander näher gebracht. Rom bildet den Abschluss der 
alten Welt und den Wendepunkt der neuen. Rom ist die durch providen- 
tielle Fügung aufgestellte Macht, welche den Uebergang der alten Welt in 
die neue Welt des Christenthums vermittelt, sowie denn durch ein merk- 
würdiges Zusammentreffen der Heiland der Welt unter dem ersten römischen 
Kaiser geboren wurde. 

Die antike Trennung zwischen den Völkern war in Hinsicht der 
Bildung und Civilisation noch in anderer Weise durchbrochen. Diess ist 
die Bedeutung der Eroberungen Alexanders des Grossen, dass er griechische 
Bildung und Sitte nach Asien und Egypten verpflanzte und diesen Völkern 
die geistigen Schätze des alten Hellas öffnete. Griechische Bildung drang 
auch in Palästina ein. Gab es doch in diesem Lande kaum einen Ort, 
worin nicht griechisch gesprochen wurde ^). Wie denn überhaui)t die grie- 
chische Bildung mehr in dem östlichen Theile des römischen Reiches ein- 
heimisch geworden. Athen, Alexandrien und Tarsus in Cilicien waren die 
bedeutendsten Sitze und Sammelpunkte derselben 2). In den westlichen 
Theilen des Reiches hatte sich im Ganzen genommen die römische Bildung 
überwiegende Geltung verschafft, doch keineswegs mit Ausschliessung der 
griechischen Literatur, die seit Livius Andronicus (240 a. Chr.) in Rom 
bekannt geworden. Im Verlaufe der Zeit bildete sich die lateinische Sprache 
nach griechischen Mustern aus. Der ursprüngliche Hass der Republikaner 
gegen die griechische Bildung und Litteratur schlug seit Augustus in 
schwärmende Bewunderung um. Nur, was nach griechischem Muster ver- 
fasst war, hatte fortan in den Augen der Römer Werth. Griechische Ge- 
lehrte und Künstler aller Art strömten nach Rom. Griechen wurden die 
Erzieher der römischen Jugend, in Griechenland, am liebsten in Athen, 
vollendete der junge Römer seine Bildung. Noch lange wurde in Rom die 
griechische Sprache als Schriftsprache verwendet. Auch in Carthago wurde 
die Beschäftigung mit der griechischen Sprache und Litteratur eifrig be- 
trieben. 

So waren mehrere neue, durchgreifende Berührungspunkte zwischen 



1) S. Hug's Einleitung in das N. T. II. 10. 

2) S. Strabo, Geographie 14, 5. 



den Völkern entstanden, so dass ein auf einem gewissen Punkte gegebener 
Impuls auf einen grösseren Kreis seine Wirkung ausdehnen konnte als es 
in der vorhergehenden Zeit möglich war. 

IL Die heidnischen Religionen der Völker des römischen Reiches waren 
damals in merkwürdiger Gährung begriffen und ihr alter Bestand auf das 
tiefste erschüttert. Alle Irrthümer, Uebelstände und Widersprüche derselben 
waren auf das grellste hervorgetreten. In sich selbst betrachtet beruhten 
diese polytheistischen Religionen auf einer bald gröberen, bald feinern 
Vermischung von Welt und Gott, wodurch die sittlichen Grundsätze und 
die Sittlichkeit in ihren Grundfesten w^ankend gemacht wurden ; sie beruhten 
auf einer Vergötterung der Natur und des Menschen, so dass man treffend 
sagen konnte : alles in der Welt war nach den diesen Religionen zu Grunde 
liegenden Anscliauungen Gott, nur Gott selbst nicht ^). Daher, als bei fort- 
geschrittener Bildung der Pantheisnms sich entwickelte, w^elcher die Identi- 
fizirung von Natur und Gottheit in ihrer Einheit darstellte, — wie der 
Polytheismus dieselbe in der Vielheit, — beide sich fi'iedlich mit einander 
ausglichen. In Folge nun jener Ideutifizirung, wie sie der Polytheismus 
vollzog, konnte die höchste sittliche Entartung sich unmittelbar an die 
Religion anschliessen. Befriedigung der Fleischeslust war integrirender 
Bestandtheil einiger Culte. Es fand, wie die Schrift sagt, ein eigentliches 
Buhlen mit der Gottheit statt. Wie sehr die Mythologie der Griechen 
aller Sittlichkeit Hohn sprach, bedarf hier nur der Andeutung. Bekannt 
ist, wie Plato vor deren Kenntniss die heranwachsende Jugend zu bewahren 
suchte. Allerdings ist die sittliche Bedeutung und Tragweite der griechi- 
schen Civilisation in Kunst und Wissenschaft, im Staatsleben und in vielen 
Theilen des Privatlebens anzuerkennen. Aber diese Sittlichkeit rührt nicht 
von der Religion her, sondern von einer von der Religion unabhängigen 
Humanität. „Daher Homer schon sittlicher als das alte Pelasgerthum , die 
Tragiker sittlicher als Homer, Sokrates und Plato sittlicher als die Tragiker, 
Cicero sittlicher als Plato, und über Cicero steht Seneca." — Ernster und 
sittlicher als die Religion der Griechen war die der Rinner, wenn gleich 
die Nachricht unrichtig sein sollte, dass in Rom binnen fünfhundert Jahren 
keine Ehescheidung vorgekommen. Doch seit dem Eindringen der griechi- 
schen Bildung iing die griechische Mythologie an, ihren verpestenden Hauch 
in Rom zu verbreiten. Die ]\Iysterien, bei den Egyptern uralt, bei den 
Griechen gleichzeitig mit der griechischen Cultur entstanden, in manch- 
faltigen Formen ausgeprägt und auch zu den Römern durchgedrungen, 
erhoben den Anspruch, tiefere Religiosität und Religionskenntniss zu ptiegen 
und zu befördern, selbst sittlich reinigend zu wirken und mochten so 
manche ernster gestimmte Gemüther anziehen. Cicero 2) meint, die eleu- 
sinischen Mysterien hätten die Menschen zur Civilisation erhoben und 
ihnen bessere Hoffnung im Sterben gegeben. Diodor v. Halicarnass sagt: 
durch die Einweihung in die Mysterien werden die Menschen besser und 



1) Omnia colit humanus error praeter ipsuni omnium conditorem. Tertull. de ido- 
latria c. 4. — apud vos quodvis colere ius est praeter deum verum. Apologeticum c. 24. 

2) de legibus 2, 14. 



gerechter. Doch in der Wirklichkeit gestaltete sich die Sache anders; 
daher schon Plato erklärte, die wahren Mysterien seien diejenigen, welche 
die Philosophie feiert. Varro i) meint sogar, — was wohl übertrieben sein 
mag, in den eleusinischen Mysterien beziehe sich Alles auf die Erfindung 
der Agricultur. Derselbe Varro weiss ebendaselbst allerlei Schändliches, 
was in den andern Mysterien vorkam, zu berichten, ebenso Clemens von 
Alexandrien in seinem Protrepticus , Tertullian von den eleusinischen 
Mysterien 2). Die Differenzen in den Berichten und Urtheilen über die 
Mysterien laufen zuletzt darauf hinaus , dass sie in der älteren Zeit einen 
verhältnissmässig reineren und besseren Charakter gehabt haben als später. 
Sofern der Polytheismus Volksreligion ist, die Religion mit dem Volks- 
leben identifizirt und das Gesetz des Volkes dem Einzelnen aufdringt, in- 
sofern ist er intolerant. So wachten die griechischen Freistaaten in ihrer 
ßlüthezeit eifrig darüber, dass nicht neue Culte eingeführt würden. Um 
deswillen oder wenigstens unter dem Vorwande, dass er neue Götter ein- 
führe, musste Sokrates den Giftbecher trinken. Auch bei den Kömern war 
bis zu den Zeiten der Kaiser die Ausübung fremder Culte durch die Ge- 
setze streng verboten. ^^Separatim nemo hal)essit deos'' ^). Solche Culte, 
von welchen man politische Agitation l)efürchtete , fielen unter den Begriff 
der collegia illicita ^), der unerlaubten Genossenschaften. Auf der aiideren 
Seite konnten sich die polytheistischen Religionen dem Princip der Toleranz 
nicht entziehen, weil sich in denselben das Gefühl der Beschränktheit und 
UnVollständigkeit jedes besonderen Gottes geltend machte. Je mehr nun die 
alten Religionen an Lebenskraft abnahmen, desto mehr musste dieses Gefühl 
sich befestigen und eine A'ennischung von verschiedenen Volksreligionen her- 
beiführen. So ist das Zeitalter der Entstehung und ersten Ausbreitung des 
Christenthums dasjenige einer in's Grosse getrie])enen Religionsmengerei. 
Rom, das eine Zeitlang das Eindringen fremder Culte abgewehrt hatte, 
nuisste dem weitverbreiteten Drange der Zeit nachgel)en. Schon im J. 43 
a. Chr. wurden Serapis und Isis in Rom verehrt. Umsonst gab, wie Dio- 
cassius berichtet, Mäcenas dem Kaiser Augustus den Rath, die fremden 
Gottesdienste zu verbieten. So gross wurde der Liuschwung in der Denk- 
art, dass bald die Kaiser mit dem Beispiele der Religicmsmengerei voran- 
giengen, und dass die Römer selbst sich rühmten, niclit nur die Völker der 
Erde sich unterworfen, sondern auch ihre Götter, geschmückt mit den Namen 
der eigenen vaterländischen Götter, sich angeeignet zu haben, freilich unter- 
worfen dem Jupiter Capitolinus, der Personification des weltbeherrschenden 
Rom's. Wie in Rom, so fand anderwärts Religionsmengerei statt. Griechische 
Götter fanden sich weithin ausserhalb der Grenzen Griechenlands, nicht 
blos in den griechischen Kolonien, ausser dem orientalische, egyptische Culte 
im Westen Europa's. Die Priester der Isis, der Kybele, des Mithras, die 
Chaldäer erfreuten sich, ungeachtet ihrer schändlichen Betrügereien, eines 



1) Bei Augustin de civitate Dei 7, 20. 

2) adv. Valentinianos c. 1: siraulacrura membri virilis revelatur, 

3) Cicero de legibus II. 8. 

4) Sueton. Caesar c. 42, 



ö 

grossen Beifalles. Von Bedeutung ist hiebei der Umstand, dass so das 
Beispiel gegeben wurde von Culten, die in keinerlei Verbindung mit dem 
Staate standen. 

So allgemein verbreitet die Neigung zu fremden Culten war, so gross 
die Toleranz in dieser Hinsicht wurde, so konnte sich doch die alte Welt 
zur Idee einer Universalreligion für alle Menschen, einer ausschliesslichen 
Religion nicht erheben, weil eine solche Religion nothwendig den wahren, 
ausschliessenden Monotheismus und die Idee der Menschheit, die dem 
antiken Heidenthum so viel wie unbekannt war, voraussetzt. Daher der 
heidnische Philosoph Celsus zu Anfang des 2. Jahrhunderts seinen Spott 
ausgoss über die Idee der Allgemeinheit einer Religion mit Ausschliessung 
aller anderen. Es zeigte sich darin auf das Deutlichste, dass ungeachtet 
aller noch soweit getriebenen Religionsmengerei der volksmässige Stand- 
punkt in Betrachtung und Behandlung der Religion' noch durchaus nicht 
überwunden war. So sehr war diess der Fall, dass die Fürsten des herr- 
schenden Volkes, die römischen Cäsaren sich selbst göttliche Verehrung 
darbringen Hessen i). Der Cäsarencultus , die Cäsarenapotheosen stellen 
sich dar als die speziellen Beispiele einer allgemeineren, im Wesen des 
Polytheismus gegründeten Abirrung. Wenn berichtet wird, dass Herodes 
Atticus seine Gattin unter die Heroen versetzte und ihr in Athen ein 
tempelartiges Grabmonument errichtete, — um nur diess eine Beispiel an- 
zuführen, — so darf man sich nicht wundern, dass die römischen Herrscher 
ihre Apotheosen erhielten. Der Cäsarencultus war zunächst der religiöse 
Ausdruck der Zustimmung zur römischen Monarchie. Der Dienst des Ju- 
piter Capitolinus galt dem Gedanken des Rechts und der Staatsordnung, 
dem unsichtbaren Haupte der Republik, der Staat selbst wurde unter dem 
Namen des obersten Staatsgottes gefeiert. Daher, seit Errichtung der 
Alleinherrschaft dem Genius des jeweiligen Kaisers ähnliche Verehrung zu 
Theil wurde. Hatte doch nach antik römischer Anschauung jeder Mensch 
seinen Genius, der ihn durch das Leben begleitete und der nach seinem 
Tode den Laren, den das Haus beschützenden lichten Geistern beigezählt 
wurde. Nachdem schon die Proconsuln, asiatischer Sitte gemäss, bisweilen 
göttliche Ehren empfangen , Hess sich nun solche Cäsar ^) vom Senate de- 
cretiren. Augustus erklärte sich anfänglich dagegen, doch er musste ge- 
währen lassen, dass Städte, Corporationen und Einzelne in Erbauung von 
Cäsarien- und Augustustempeln mit einander wetteiferten, dass Vasallen- 
fürsten ihm die Attribute des Jupiter Capitolinus beilegten. Nach dem Tode 
des Augustus schwur ein Senator, er habe ihn gen Himmel fahren sehen. 
Den Cultus, den Augustus schon bei Lebzeiten gutgeheissen 3j, ordnete und 
erweiterte nach dessen Tode Tiberius^j, während er sich selbst alle gött- 
lichen Ehren in Rom verbat. AUe seine Nachfolger folgten dem Beispiele 
des Augustus und übertrieben noch die Sache. Cäsar Caligula erklärte sich 



1) S. Prelle r, römische Mythologie. 2. Aasgabe. 1865. 

2) S. Suetoi]» Caesar, c. 76. 

3) Tacitus. Annales I. 10. 

4) Tacitus. Annales I. 54« 



selbst als Herrscher für ein übermenschliches Wesen: ;,so wie der Hirte 
kein Bock ist, sondern einer höheren Gattung von Wesen angehört, so 
steht der Herr der Welt über den Menschen/^ Domitian fing daher seine 
Briefe so an : Dominus ac Dens noster i). Folgerichtig wurden daher die 
Bilder der Kaiser mehr geehrt als die des Jupiter: es war dies alles eine 
erbärmhche Nachäffung einer Universalreligion, zugleich Culmination der 
volksmässigen Ausprägung und Gestaltung der Religion, überdiess Extrem 
der Verbindung der Religion mit dem Staate, Extrem der politischen Be- 
handlung der Religion. 

Der Ruf des Kaisers Vespasian in seiner letzten Krankheit: ;,ich 
glaube, ich werde ein Gott" ^) , enthüllt uns die Hohlheit dieses Cäsaren- 
cultus und des religiösen Zustandes überhaupt. Das Haupt des Staates 
verspottete seine eigene Gottheit, — so wie in den Theatern die vaterlän- 
dischen Götter und ihre Laster dem Gelächter des Volkes schon längst preis- 
gegeben wurden. So kündigte sich das Sinken der Religion bei den einen 
durch Aberglauben, bei den anderen durch Unglauben an. Als entgegen- 
gesetzte Pole verstärkten sie einander gegenseitig. Je krasser der Aber- 
glaube wurde, desto dreister, unverschämter, desto vernichtender für alle 
Religion machte sich der Unglaube geltend. Oft waren Unglaube und 
Aberglaube in demselben Menschen bei einander. Derselbe Plinius der 
Aeltere, der über den Glauben an eine göttliche Vorsehung spottet und 
jeden Glauben an Unsterblichkeit leugnet, er kann wieder sehr gläubig 
über portenta sich äussern. Der Aberglaube wurde genährt durch ein 
dunkles Bedürfniss nach Vereinigung mit der Gottheit, durch die Schrecken 
des Gewissens , das nach Sühnung verlangte für furchtbare sittliche Ent- 
artung, durch die vielerlei Mysterien und fremden Culte, durch die Men- 
schenopfer, die in Rom bis in den Anfang des 4. Jahrhunderts stattfanden 3). 
. HI. Eine eigenthümliche Stellung nimmt die griechische Philosophie 
zu diesen Erscheinungen ein. Wir bemerken zunächst, dass sie ein auf- 
lösendes Element für den religiösen (ilauben wird. Nicht als ob sie von 
Anfang an diesen Charakter gehabt hätte. Ihre grössten Repräsentanten 
griffen die Volksreligion nicht an; sie waren einig in dem Glauben an 
einen höchsten Gott, der den Glauben an die polytheistischen Götter nicht 
ausschloss, und sie öfter als Symbole von Naturkräften auffasste. Später 
aber änderte die griechische Philosophie dieses accommodirende Benehmen. 
So huldigten die Epicuräer einem kalten Deismus, der alle Einwirkung des 
als abstrakt gedachten Gottes auf die Welt ausschloss. Die Stoiker waren 
einem Pantheismus ergeben, der auf die ignobilis deorum turba mit 
herzlicher Verachtung herabsah, und den weisen, tugendhaften Mann weit 
über den obersten der Götter erhob. Es wurde daher angenommen, dass die- 
jenigen, die sich mit Philosophie beschäftigen, den Glauben an die Götter 
aufgeben^). Die Art, wie Cäsar und Cato major im Senate sich über die 



1) Sueton. Caligula c. 13. 

2) Sueton. Vespas. c. 24. „Ut puto, deus üo." Berualdus in seinen Bemerkungen, 
dazu meint freilich, der Kaiser sage diess im Ernste! 

3) Lactanz inst. 1, 21. 

4) Cicero de inventione I. 29. 



8 

Götter und die Unsterblichkeit der Seele aussprachen i), lässt uns einen 
Blick werfen in die Anschauungen der gebildeten Kreise. Der römische 
Staatsmann Yarro (50 a. Chr.), der römische Pontifex Scaevola, zur Zeit 
des Cicero, zeigen uns in ihren Aussagen, auf welchem Standpunkte die 
römischen Staatsmänner und die Priester standen. Jener unterschied ^} drei 
Arten ^genera) von Theologie , die mythische , deren sich die Dichter be- 
dienen, die physische, die die Philosophen behandelt haben, und die bür- 
gerliche, (die Behandlung der Volksreligion lediglich vom Standpunkte des 
äusserlichen Staatsinteresse) wozu gehört, dass es sich geziemt zu wissen, 
welche Götter man öffentlich verehren, welche Opfer man ihnen bringen 
soll. Dasselbe sagt Scaevola ^) und setzt hinzu : der wahre Gott habe weder 
Geschlecht noch Alter noch bestimmte Gliedmassen; das solle aber dem 
Volke nicht mitgetheilt werden. Er meinte nämlich, in Sachen der Religion 
sei es angemessen, die Leute im Irrthum zu lassen. Strabo meinte auch, 
das gemeine Volk und die Weiber könne man nicht auf philosophischem 
Wege zur Frömmigkeit und Heiligkeit führen, sondern durch Götterverehrung, 
Mythologie und Wunderglauben. Seneca ^) sagt von den öffentlichen Got- 
tesdiensten: „das Alles wird der W^eise beobachten, weil es durch Gesetze 
geboten, nicht als ob es den Göttern angenehm wäre. Aus Juvenal S) er- 
sehen wir, dass dieser Abfall von der alten Religion nicht auf die Kreise 
der Gebildeten beschränkt blieb. 

Die Philosophie setzte sich aber zu der Religion nicht blos in ein 
negatives, sondern auch in ein i)ositives Verhältniss. Das gilt insbesondere 
von dem platonischen System der Philosophie, von welchem mit Recht ge- 
sagt worden ist, dass es religiöser sei als irgend ein anderes System der 
alten Philosophie. Plato lehrt eine von der Welt unabhängige Gottheit, 
wenn nicht u mv der mosaischen Urkunde, so doch to ov^ welche Gottheit 
vor Allem durch Sittlichkeit zu ehren sei. Durch seine Lehre von der 
intelligiblen Welt, von den angebornen Ideen hat er dem sinnlichen Km- 
pirismus, der seiner Natur und Anlage nach immer antireligiös ist, ein 
mächtiges Gegengewicht entgegengehalten. Plato hat die Ahnung des 
Sündenfalles und der Versöhnung, er spricht die Ansicht aus, dass der voll- 
kommene Gerechte unter den Menschen nur ein solcher sein könne, der 
mit Leiden behaftet sei. Es war nun ein bedeutendes Zeichen der Zeit, 
dass die platonische Philosophie in der Zeit, wovon wir reden, ziemlich 
viele Anhänger zählte und manche nach Wahrheit forschende Geister an- 
zog. Sie konnte nach zwei Seiten hin eine Wirkung ausüben. Sie konnte, 
auf das Heidenthum angewendet, zur Idealisirung und Rechtfertigung des- 
selben angewendet werden, sie konnte sich aber auch mit dem Christen- 
thiim in Berührung setzen und zur philosophischen Begründung und Er- 
läuterung desselben verwendet werden. Was die Idealisirung des Heiden- 



1) Catilina von Sallust c. 51. 52. 

2) Augnstin de civitate Del 6, 5. 

3) Ibid. 4, 27. 

4) Ibid. 6, 10. 

h) Satyren 11. v. 140. 



thums betrifft, so fand sie statt in jener Zeit, bis sie im Neuplatonismus 
ihre volle Ausbildung erreichte. Dazu kam die unter Augustus wieder auf- 
gebrachte pythagoreische Lehre, wie sie von Anaxi laus und etwas später 
von Apollonius von Tyana ausgebildet und mit Astrologie, Theurgie, 
Magie und Nekromantie in Verbindung gebracht wurde, (n, 3 a. Chr. f 96 
post Chr.). Ausserdem machte sich der Eintluss der orientalischen Philo- 
sophie geltend. Emanation, d. h. Ausströmen gewisser Kräfte aus Gott, 
mit Ausschluss eines göttlichen Willensactes und einer schöpferischen 
Thätigkeit, Dualismus, fussend auf dem absoluten Gegensatz von Geist und 
Materie und endigend in der Annahme von zwei ewigen Prinzipien der 
Dinge, — mystische Anschauung Gottes ohne aJle Vermittlung — das sind 
die Hauptsätze dieser Philosophie, wovon besonders der letzte Punkt, die 
mystische Anschauung Gottes in den Neuplatonismus übergegangen ist. 

IV. Die Sittlichkeit und die sittlichen Grundsätze des antiken Hei- 
denthums waren von jeher in enge Grenzen eingeschlossen geblieben. Zur 
richtigen Beurtheilung dieses Punktes muss bemerkt werden, dass dem 
Alterthum grösstentheils die Idee der Menschheit fehlte so wie auch die 
Idee der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung. Die Alten haben 
dagegen festgehalten, was zwischen der Menschheit und dem einzelnen 
Menschen mitten inne liegt, das verbindende Mittelglied zwischen beiden, 
die Idee des Volkes, und zwar in der Weise, dass die allgemeine Idee der 
Menschheit und die der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung in der 
Idee des Volkes, so zu sagen, aufgegangen waren. Im einzelnen Volke 
selbst machte sich das Gesetz der nationalen 1 Beschränkung auf die furcht- 
barste Weise geltend durch die Scheidung zwischen Freien und Sklaven. 
Nur jene bildeten eigentlich das Volk und genossen die Rechte von Staats- 
bürgern, während die Sklaven, die ohnehin fremder Abstammung waren, 
aller bürgerlichen, ja aller Menschenrechte bar, kaum noch als Menschen 
angesehen wurden i). W^enngleich der Zustand derselben sich mit der Zeit 
etwas besserte, wie denn Kaiser Claudius verbot, altersschwache und kranke 
Sklaven auszusetzen 2), so blieb derselbe immer noch unglücklich und trost- 
los genug. Der Mangel an Achtung v(n* der mensclilichen Person, ihrer 
Würde und Selbstbestimmung zeigte sich auch in der Stellung der Frau, 
in der absoluten Gewalt des Vaters über seine Kinder. Obwohl die Lage 
der beiden mit der Zeit sich l)esserte, so dass schon unter Augustus ein 
Vater, der seinen Sohn getödtet hatte, vom erzürnten Volke getrultet wurde, 
so blieb doch noch für beide Vieles zu wünschen übrig. Wie sehr die sitt- 
lichen BegriÜe verdunkelt worden, zeigt sich in der soweit verbreiteten 
Knabenliebe, und in dem Wahne, dass die Liebe zum Weibe unedel, die 
Liebe zu einem Jüngling edel sei, daher Plato noch in seiner Republik die 
Weibergemeinschaft forderte. Die Paederastie fand auch bei den Kömern 
Eingang, zwar nicht in so ausschweifendem Maasse wie bei den Griechen, 
doch in grellerer Gestalt als bei diesen. In einem politischen Processe 
wurden Jünglinge aus den ersten Familien Roms den Richtern angeboten, 



1) als cto/nttttt otxertxit angesehen und benannt bei Aeschinea, 

2) Snet in Cl. c. 25. 



10 

Ulli ihre Stimmen zu erkaufen. Doch war durch (his Gesetz auf die 
Schändung eines Freien eine schwere Strafe gesetzt. — Harter, gefühl- 
loser Egoismus zeigt sich in der Art und Weise, wie man die Armen 
ansah und behandelte. Quinctilian fragt: ^^Könntest du dich soweit her- 
ablassen und einen Armen nicht mit Ekel von dir stossen^*? Plautus 
äussert sich nicht humaner: ,,VVozu dem Armen etwas geben? man ver- 
liert, was man gibt und verlängert dem Armen ein elendes Leben." Dieser 
Egoismus trat unverhüllt hervor in anderer Beziehung, seitdem mit dem 
Verschwinden der politischen Unabhängigkeit, unter den römischen Impe- 
ratoren, welche grundsätzlich die Nationalitäten niederzutreten suchten, die 
Liebe zum Yaterlande mehr und mehr im Verschwinden begriffen war. 
Tief gesunkene Sittlichkeit, wie sie uns die Satyriker Persius und Juvenal 
und Seneca de ira schildern, ist die Signatur zumal der Kaiserzeit, die 
Weisen sahen die Vergeblichkeit des Kampfes gegen das herrschende Ver- 
derben, die Ohnmacht aller Gesetze ein. Das sittliche Verderben zeigte sich 
zwar am tiefsten und schrecklichsten in Rom, allein Rom verbreitete seinen 
verpestenden Einfiuss auf die Provinzen. Der Hang zu Ausschweifungen 
entwickelte sich in riesenhaften Dimensionen. Dieselbe Energie, die vor- 
dem auf die Bezwingung der Völker der Erde verwendet worden, warf 
sich nun auf Befriedigung der sinnlichen Lust in ihrer grässlichsteu Aus- 
artung, wozu Kaiser wie Tiberius und Nero das Beispiel gaben in einer 
Weise, wie Sueton sagt, die man kaum glauben, kaum aussprechen kann ^). 
Einige edle , stolze Seelen flüchteten sich aus dieser Fluth des Verderbens 
in die stoische Selbstgenügsamkeit und Weltverachtung ; doch diese, stoische 
Tugend war keineswegs geeignet, einen irgendwie weit verbreiteten Ein- 
fluss zu erlangen. Es fehlte der stoischen Tugend die religiöse Grund- 
lage, wie denn auch bei Tacitus das Göttliche vor dem Menschlichen zu- 
rücktritt, seine Wirksamkeit und sein Einfluss auf die Welt, auf das Le- 
ben und Treiben der Menschen in Zweifel gezogen oder gar geläugnet 
wird. Doch das hindert Tacitus nicht, an anderen Stellen den römischen 
Staat als unter der Wucht des göttlichen Zornes liegend zu betrachten 2). 

Das tiefste Gebrechen der heidnischen Völker ,und die Quelle aller 
anderen Gebrechen ist überhaupt auf dem religiösen Gebiete zu suchen — 
in der Verdunkelung und Verzerrung des ursprünglichen Gottesbewusstseins. 
So wie aber der menschliche Geist, weil aus (Jott entsprungen, mitten in 
seinen Verirr ungen für die Wahrheit unwillkürlich zeugen inuss*, so regte 
sich in der heidnischen Welt das Bewusstsein, dass die aus der Verdunkel- 
ung und Verzerrung des Gottesbewusstseins hervorgegangenen Religionen 
mit dem Glauben an den gesammten Goetterstaat sich ausgelebt hatten 
ohne Hotfnung auf Neubelebung. Dafür konnte freilich der Glaube an die 
dunkle, geheimniss volle Macht des Schicksals (avarxrj, ^otga). die selbst 
als die Goetter beherrschend ^ gedacht wurde, wie Herodot ausdrücklich 



1) Sueton in Tib. c. 43. 44. 

2) Annales 4, 1 wo von Deum ira in rem Romanam die Rede ist. 16, 16, Ira illa 
numinum iu res Romanas. 



11 

bezeugt i) ,, keinen Ersatz bieten und keinen Trost gewähren. Dunkel 
blieb die Aussicht in die Zukunft. Wie verschieden von der Otfenbarungs- 
religion ! Der alte Bund schliesst sich ab mit der Weissagung eines neuen 
Bundes Gottes mit seinem Volke (Jeremia 31, 31), der neue Bund mit der 
Weissagung, dass Christus nach üeberwindung aller Feinde das Reich dem 
Vater übergeben werde (1 Kor. 15, 24). 



Zweites Capitel. Zustand des jüdischen Volkes. 

I. Mitten in der Finsterniss, worin der Polytheismus in seinen man- 
nigfaltigen Gestalten das Gottesbewusstsein der Völker der alten Welt 
eingehüllt hatte , war seit uralten Zeiten ein lichter Punkt auf Erden , wo 
vermöge göttlicher Offenbarung der Monotheismus sich eine Wohnstätte 
bereitet hatte. Denn es ist eine grundfalsche Annahme, dass der (ilaube 
an Einen Gott bei den Juden auf ihrer Naturanlage als Semiten ruhte. 
Alle Semiten, mit einziger Ausnahme der Juden, waren Polytheisten , — 
auch die Araber vor Muhammed, der seinen Monotheismus aus der Bibel 
schöpfte 2j. Jene göttliche Offenbarung , durch gewaltige Thatsachen sich 
wirksam erweisend, das Uebernatürliche in die geschichtliche Entwicklung 
einfügend, hatte eigentlich das jüdische Volk geschaffen und zum Volke 
Gottes auserwählt , so dass dasselbe als von Gott im Grossen und im Klei- 
nen beherrscht, ein Reich Gottes, eine Theokratie in nationaler Form und 
Beschränkung darstellte, die bestimmt war, einst die ihrem Wesen nicht 
adäquate Form zu sprengen und so das Heil der Heiden zu werden. Diese 
Bestimmung knüpfte sich an die Person des Messias, welche eine Zusam- 
menfassung aller wesentlichen Momente des jüdischen Gottesglaubens war, 
und zwar so, dass dieser Person im Verlaufe der sich entwickelnden Offen- 
barung bereits Attribute beigelegt wurden, welche sie über die Linie der 
Menschheit hinausstellten, zum Behuf der Lösung der ihr gewordenen, 
die ganze Menschheit umfassenden Aufgabe. 

Doch welch ein Contrast zwischen der hohen Bestimmung des Volkes 
und seiner damaligen Lage! Abgesehen von der Offenbarung, deren Trä- 
ger sie waren, hatte sich bei den Juden Alles geändert, Aeusseres und 
Inneres; nur war ihr Herz in gewissem Sinne noch immer eben so hart 
geblieben wie in den Tagen der Vorzeit. Nachdem sie mehrfachen Wech- 
sel fremder Herrschaft erfahren und unter den Makkabäern eine Zeitlang 
einen eigenen, unabhängigen Staat gebildet hatten (167 — 63 a. Chr.), 
musste der letzte Makkabäer, Hyrcan, die römische Oberhoheit anerken- 
nen. Die Idumäischen Könige , die ihm nachfolgten und wovon der erste, 



1) 1, 91. rr^y TTBTtQOJ^ifyijy fxoigrjv a^wara (Gtip anocpvysfty xcci B^do. 

2) ßoentsch, über Indogermanen - und Semitenthum. — S. auch J. G. Müller, die 
Semiten in ihrem Verhältniss zu Chamiten und Japhetiten S. 61 : „dieses Gottesbewusst- 
sein (der Hebräer) bildete einen schroffen Gegensatz gegen die Religionen aller anderen 
Völker, auch die anderen Semiten nicht ausgenommen.'' 



12 

Herodes der Grosse vom J. 40 a. Chr. bis 4 p. Chr. regierte, fügten sich 
unter die römische Oberhoheit. Schon nach der Verweisung" des Archelaus 
(6 p. Chr.), der über Judäa , Idumäa und Samarien regierte , wurden diese 
Landschaften römische Provinz, verwaltet von römischen Procuratoren, 
wovon der fünfte Pontius Pilatus (28 — 37 p. Chr.) war. Eine Zeitlang 
wurde ganz Palästina wieder unter dem Zepter eines idumäischen Königs 
vereinigt, des Herodes Agrippa, durch die Gnade des Kaisers Claudius 
zum Könige gemacht. Nach seinem Tode wurde das ganze Land wieder 
römische Provinz und unter die Verwaltung von Procuratoren gestellt. 

Noch in anderer Beziehung hatte sich, was die äusseren Verhältnisse 
betrifft, der Zustand des jüdischen Volkes geändert. Die Auswanderung 
der Juden hatte schon zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft ihren 
Anfang genommen. Viele machten damals von der Erlaubniss des Cyrus, 
in ihr Vaterland zurückzukehren, keinen Gebrauch. So kam es, dass sie 
sich in Asien weit verbreiteten und überall eifrige Propaganda machten. 
Im römischen Pieiche waren sie an sehr vielen Orten zu finden, so dass 
man sagen konnte , es gebe nicht leicht einen Ort auf Erden , der dieses 
Volk nicht beherberge und der nicht in seiner Gewalt sei. In dem reichen 
Alexandrien machten sie zwei Fünftel der Bevölkerung aus. In Egyi)ten 
waren nahezu eine Million Juden, in Cyrene und Libyen annähernd eben so 
viele. In Syrien waren sie ebenfalls sehr zahlreich, besonders in An- 
tiochien; wie es denn nach Strabo im römischen und im parthischen Eeiche 
nicht leicht eine grössere Stadt gab, w^orin die Juden nicht ihr Geschäft 
trieben. — Auch in Kleinasien und in Griechenland finden wfr sie. Nach 
Rom brachte Pompejus die ersten Juden als Kriegsgefangene. Sie wurden 
bald freigelassen. Die einen kehrten nach Palästina zurüclv und stifteten 
in Jerusalem die Synagoge der Libertiner i), die anderen blieben in Rom, 
erhielten von Cäsar die Erlaubniss in Rom Synagogen zu errichten. Sie 
bew^ohnten den grössten Theil des Stadtgebietes jenseits der Tiber. Fast 
überall, wo sie sich ansiedelten, wurde der Handel ihre unbestrittene 
Domäne. So war die Kornausfuhr aus Alexandrien nach Rom in ihren 
Händen. Der Reichthum, den sie sich durch ihre Rüstigkeit und Geschick- 
lichkeit im Handel verschafften, kam ihrer äusseren Stellung zu Gute. 
Sie genossen das Bürgerrecht, hatten Autonomie in der Verwaltung ihrer 
inneren Angelegenheiten, waren frei vom Kriegsdienste, von einigen Ab- 
gaben; kaum waren Juden Sklaven, denn man konnte sie als solche nicht 
brauchen. Sie genossen schon unter Cäsar Religionsfreiheit, sie konnten 
sich ungehindert kirchlich organisiren und ihr Gesetz beobachten. Ihre 
Synagogalvereiue wurden in die Classe der collegia licita gesetzt, die 
Gesetze gegen die Hetärien auf sie nicht angewendet. Der Befehl des 
wahnsinnigen Caligula, sein Bildniss im Tempel von Jerusalem aufzustel- 
len, scheiterte zuletzt am Widerstände der Juden. Es war dieser Befehl 
eine grosse Abnormität; denn, antiker Anschauung gemäss, hatten schon 
Alexander, Ptolemäus Euergetes, Seleucus Philopator, so wie auch Au- 
gustus dem Gotte der Juden ihre Huldigung dargebracht. Daher konnten 



1) Apostelgesch. 6, 9, 



13 

die ausserhalb Palästina's wohnenden Juden, die öiaanoqa genannt, unge- 
hindert die Verbindung mit dem Tempel in Jerusalem festhalten ; sie zahl- 
ten für die Unterhaltung desselben eine bestinmite Abgabe und besuchten, 
nach gesetzlicher Verordnung den Tempel in Jerusalem an den grossen 
Festen. Das Synedrium in Jerusalem betrachteten sie als ihre kirchliche 
Oberbehörde. — Alle Juden aber wurden von den Heiden verachte^; denn 
man kannte ihre Verachtung der ausländischen Gottheiten; ihr Handels- 
geist zeigte sie wie noch jetzt in ungünstigem Lichte; ihre Reichthümer 
erweckten Neid. Man hasste sie als Menschenfeinde; Tacitus zumal kann 
sie nicht hart genug beurtheilen. In ihrem Verhältniss zu einander, sagt 
er, beweisen sie unbedingtes Vertrauen und unterstützen einander, aber 
gegen alle anderen Menschen hegen sie feindlichen Hass. Daher er sie 
als die verachtetste Classe der römischen Unterthanen, als die niederste 
Art von Menschen autführt i). Besonders in Egypten waren sie furchtbar 
verhasst. Es lebte im Volke eine alte und gewissermassen angeborne 
Feindschaft gegen sie, wie Philo berichtet, daher die blutige Verfolgung 
gegen sie um die Zeit der Geburt Christi. Diese Feindschaft und Ver- 
achtung, letztere gegründet auf die Lage der Juden überhaupt als eines 
unterjochten Volkes, dessen Gott sich als ohnmächtig" erwiesen 2), zeigte 
sich in der Travestie ihrer ältesten Geschichte 3) und in den Vorstellungen 
über den Gegenstand ihrer Verehrung, wofür die Einen einen Eselskopf *), 
die Anderen ein Schwein ausgaben 0). Das Märchen, dass die Juden 
jährlich einen Griechen, den sie vorher gemästet haben, t()dten und von 
seinen P'.ingeweiden etwas geniessen ^>) , darauf berechnet, den wildesten 
Hass gegen sie zu nähren, ist ein V(n-läufer ähnlicher Märchen, die gegen 
die ersten Christen, in der Zeit des Mittelalters gegen gewisse Ketzer, 
in der Neuzeit gegen die sogenannten Momiers im Waadtlande erfunden 
wurden. 

H. Wie war alwr der religiös -sittliche und (U^r intellektuelle Zu- 
stand beschaffen? In den alten Zeiten hatte dieses Volk nur zeitweilige 
Anläufe genommen zur Erreichung des ihm von seinem Gotte durch 
Mosen und die Propheten vorgesteckten Zieles, welches für seine Hart- 
herzigkeit und seinen irdischen Sinn zu hoch war. Die alte Geschichte des 
Volkes, wie wir sie aus dem A. T. kennen lernen, zeigt — zum deutlichen 
Beweise, wie wenig der Monotheisnuis populär war — regelmässig wieder- 
kehrende Rückfälle in den polytheistischen Götzendienst, verbunden mit 
der von den Propheten so strenge untersagten Anschliessung an fremde 
Völker. Seit der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar , seit der 
Rückkehr aus dem Exil hörte zwar der Hang zum Götzendienste auf und 
der strengste Monotheismus erlangte unbedingte Herrschaft. Absolute 



1) Bist. 5, 5. 8. 

2) Im Octavius des Min. Felix, c. 10. 

3) Durch Manetho bei Jos. c. Apionem 1, 26, bei Justin 36, 2. Tacitus liist. 5, 2. 

4) Tacitus 1. c. 5, 4. 

5) Plutarch im Symposion. 

6) Joseph contra Apionem 2, 8. 



14 

Unterwerfung unter das Gesetz und dessen noch ins Masslose vermehrten 
religiösen Gebote wurde der Grundton in der Stimmung des Volkes. Un- 
ter Antioclms Epiphanes hatte der jüdische Cultus seine Heldenzeit und 
wurde eben dadurch dem religiösen Bewusstsein des Volkes mit unaus- 
löschlichen Zügen eingeju-ägt. In der ;Ileligionsverfolgung unter jenem 
Könige zogen Viele den furchtbarsten Märtyrertod vor, statt in einem klei- 
nen Punkte vom Gesetze abzuweichen M. Sehr wirksam für Aufrechthalt- 
ung des Gesetzes wurden die seit der Rückkehr aus der babylonischen 
Gefangenschaft gestifteten Synagogen -), welche eine eigene Verfassung 
hatten, und worin das Gesetz gelesen und erklärt wurde, wobei der Rabbi 
bald wichtiger, einflussreicher wurde als der Priester. Es ist aus dem 
N. T. bekannt und durch den Tlialmud gehörig documentirt , wie sehr der 
cerimonielle Theil des Gesetzes durch Zusätze geschärft, so dass z. B. 
am Sabbath dreissig verschiedene Arten von Arbeiten untersagt waren, 
Avie sehr der sittliche Theil des Gesetzes durch Zusätze geschwächt wurde, 
wie sehr die Synagogen , die doch an sich selbst ein Fortschritt über den 
alten Opfercultus hinaus w^iren und daher ein Vorbild wurden für die 
älteste gottesdienstliche Ordnung und Verfassung der christlichen Kirche, 
wie sehr diese Synagogen äusserliche, geistlose Religiosität und Formalis- 
mus begünstigten. Je mehr nun aber das Volk das Drückende seines 
Zustandes fühlte, desto mehr klammerte es sich an die Hoffnung der bal- 
digen Ankunft seines Älessias an. Diese Hoffnung wurde mit grellen Far- 
ben ausgeschmückt und war als solche eine wesentliche Stütze des Reli- 
gionsfanatisnnis. Nur wenige fromme Seelen erwarteten in stiller Ergebung 
den Trost Israels im geistigen Sinne des Wortes (Luc. 2, 38). So ver- 
fielen die Juden in denselben Fehler, den wir bei den Römern wahrge- 
nommen haben. Ihr Gott, ihr Messias wurde mit dem Vaterlande identi- 
fizirt, ihre Volksleidenschaften wurden auf den Messias übertragen , der 
das Volk Israel zum weltbeherrschenden machen sollte. Zu Grunde lag 
eine buchstäbliclie Auffassung der alttestamentlichen Weissagungen, ver- 
möge welcher deren ewiger, universaler Gehalt mit ihrer national be- 
schränkten Form verwechselt wurde, eine Abirrung, die bis auf die neue- 
sten Tage auch in christlichen Kreisen sich zeigt. 

Inmitten solcher Umstände und Verhältnisse hatten sich unter dem 
jüdischen Volke zwei Haupti)artheien (aiQSffsig) gebildet, die man unrichti- 
gerweise Sekten genannt hat. Auf der einen Seite sehen wir eine Richt- 
ung, welche am festesten und folgerichtigsten das seit der Rückkehr aus 
dem Exil begonnene Nationalwerk der Gründung des Volkes auf das Ge- 
setz und Unterwerfung unter das Gesetz fortführte und dadurch für die 
nächste und für die folgende Zeit die wichtigste geworden ist. Von allen 
Grundsätzen des Judenthums ergriffen die Leute diese Richtung am eifrig- 
sten den der Isolirung des ächten Israeliten von allem, was dem Urbilde 
der GesetzUchkeit ferne stand — zunächst vom Heidenthum überhaupt, 
sodann von allen, noch so rechtgläubigen Volksgenossen, w^elche sich nicht 



1) 2 Makkabäer c. 7. 

2) S. die Art. Synagogen in der Realencyklop. 



15 

gleicher Strenge beflissen. Sie hiessen um deswillen die Abgesonderten 
D'^IÖIIÖ , von Suidas atpdOQtcT^evoi übersetzt — woraus der Name Pharisäer 
entstanden. Sie pflegten die Volkserziehung, wie sie in den Synagogen 
erstrebt w urde, fügten aber in wachsendem Maasse wissenschaftliche Schul- 
bildung hinzu. Sie hielten fest am Glauben der Väter und können inso- 
fern als die Orthodoxen bezeichnet werden. In i)olitischer Hinsicht er- 
strebten sie die Unabhängigkeit des Landes und Volkes, alles Eingehen in 
hellenische Bildung war ihnen in tiefster Seele verhasst. Sie waren die 
Partei der Patrioten — gritfen tief ins Leben des Volkes ein , bei dem 
sie in hoher Achtung standen, wenn gleich gewisse Spitznamen, die ihnen 
gegeben wurden, beweisen, dass man unter der Hülle gesetzlicher Fröm- 
migkeit ihre Fehler doch erkannte. Als Schöpfer und Erhalter des heuti- 
gen Judenthums und der Güter, die ihnen anvertraut waren, bis auf die 
Zeit, wo dieselben in besser geleiteten Händen nicht das Majorat eines 
kleinen Volkes, sondern Gemeingut der ganzen Menschheit werden sollten, 
haben sie grosse Verdienste, die freilich durch ebenso grosse Fehler auf- 
gewogen werden. Wenn das Judenthum ihnen vieles verdankt, so sind 
sie auch haui)tsächlich Schuld an der Verstossung Jesu durch sein Volk 
und an der darauf folgenden Katastrophe des jüdischen Staates. All ihre 
Gesetzesgerechtigkeit lief aus in das ungeheuerste Verbrechen, all ihre 
Kenntniss des Gesetzes in die schrecklichste Verblendung in Beziehung 
auf die höchste Erfüllung der göttlichen Verheissungen , all ihr Patriotis- 
mus in die wirksamste Vorbereitung des Unterganges des jüdischen Staa- 
tes. — Das Widerspiel der Pharisäer, obschon neben ihnen wirkend und 
selbst im Synedrium neben ihnen sitzend sind die Sadducäer, von un- 
gewissem Alter und Ursprünge. Unter den vielerlei Vernuithuugen , die 
darüber so wie über ihren Namen sind autgestellt worden, ist die wahr- 
scheinlichste diese, dass sie, im Gegensatz gegen die Pharisäer, die sich 
ausschliesslich Gesetzesgerechtigkeit vindizirten, sich als Gerechte* hin- 
stellten, als C'^p'^li^^ ^^ich so nennend ctno dixaioavvriq , wie Epiphaiiius 
haeresis 14 berichtet. Es war nämlich von vorn herein zu erwarten, dass die 
gesetzliche Richtung der Pharisäer und die vielfachen Zusätze, die sie zum 
Gesetz aus der mündlichen Trath'tiou machten, eine Reaction hervorrufen 
würden. Diese knüpfte sich an die Sadducäer. Sie standen aber mit (Umi 
Pharisäern auf demselben Boden des Mosaisnuis. nur dass sie behaui>teten, 
die altväterliche Religion rein zu bewahren, wobei der Li-thum abzuwehren 
ist, als ob sie blos den Pentateuch als kanonisch angenommen hätten. 
Aber so viel steht fest, dass sie viele Ritualien geringschätzig betrachteten 
und als» Priester selbst zuweilen im Tempel Aergerniss gaben. Im Ein- 
zelnen lehrten sie, dass es keine Auferstehung gebe i), sie leugneten das 
Dasein der Engel und körperlos ausser Gott existirender Geister. Jo- 
sephus berichtet sogar, dass sie lehrten, die Seele des Menschen löse 
sich im Tode auf 2). Derselbe führt als Lehre von ihnen an, dass Gott 



1) Matth. 22, 23. 

2) BeUum jud. 2, 8. 14. 



16 

auf die Handlungen der Menschen keinen Einfluss ausübe *) , hiebei vom 
Bestreben geleitet, Gott ausser aller Beziehung zum Bösen zu setzen und 
dem Menschen die Tugend als sein reinstes Eigenthum zu vindiziren. Die 
Sadducäer bequemten sich im Unterschiede von den Pharisäern unter die 
Fremdherrschaft und wehrten sich weniger als diese gegen den Einfluss, 
den dieselbe auch in anderen als politischen Dingen üben mochte. Sie 
wollten also nicht wie die Pharisäer eine ausschliesslich nationale Ent- 
wicklung, sondern auch Fremdes aufnehmen. Während der Pharisäismu^s 
den schärfsten jüdischen Particularisnuis festhielt, hegte die sadducäische 
Partei weltbürgerliche Tendenzen. Sie fanden sich daher vorwiegend in den 
höheren Classen der Gesellschaft, waren im Ganzen wenig zahlreich, und 
vom Volke bei weitem nicht so geachtet wie die Pharisäer. Sie mögen 
im Einzelnen durch -Luxus und Unsittlichkeit Anstoss gegeben haben. 
Nichts berechtigt uns aber, sie, wie die Juden des Mittelalters es thaten, 
als Epicuräer anzusehen, wobei man sie auch mit dem Vorwurfe des 
Atheismus und Materialismus belastete. Dem Christenthum gegenüber 
erscheinen sie keineswegs in günstigerem Lichte als die Pharisäer, wie 
das N. T. es deutlich beweist. Ja, sie stehen in dieser Beziehung tiefer 
als die Pharisäer. Kein Nikodenuis, kein Gamaliel trat unter ihnen auf 2). 
Es wird nicht gemeldet, dass einer von ihnen zum christlichen Glauben 
übertrat, während ausser Paulus die Ai)ostelgesch. 15, f) von einigen 
Pharisäern weiss, die gläubig geworden. 

Gänzlich verschieden von den bis jetzt genannten Parteien der Ju- 
den , ist eine dritte , auf welche allein der Name Sekte anwendbar ist. Es 
sind die Essener, Eaarjvoi bei Josephus, der wohl das Richtige hat, 
Eaaaiot bei Philo. Der Name ist am wahrscheinlichsten abzuleiten vom 
Aramäischen XON, heilen, also die Heilenden, weil ihre ganze Lebens- 
weise ein Heilmittel gegen das Verderben der Welt sein sollte. Ihr Ur- 
sprung geht auf die Mitte des 2. Jahrh. a. Chr. zurück, sie wohnten, 
theils von den Volks.genossen abgesondert, in eigenen Kolonien am todten 
Meere, theils in Städten und Dörfern Palästina^ und Syriens mit jenen 
zusammen, 40(X) an der Zahl, eine Art von asiatischem Mönchsorden mit 
hierarchischer Verfassung und Gütergemeinschaft, strenger Askese erge- 
ben, so dass wenigstens ein Theil ehelos lebte, aber den jüdischen Reli- 
gionsgiauben bewahrend 3), wegen ihrer Abgeschlossenheit ohne Einfluss 
auf die übrigen Juden, übrigens ausgeschlossen vom Tempel, weil sie 
keine Thieropfer bringen wollten. Von Bedeutung war es, dass ihr Leben 
sich nicht auf Theokratie, Tempel und Politik bezog, dass sie auf innere 
Wiedergeburt und Beschneidung des Herzens drangen ^). . 



1) Autiq. 13, 5. 9. 

2) Apostelgesch. 5, 34. 

3) Ob, wie Kitschi meint," vom Bestreben erfüllt, den Charakter des Priesterkönig- 
reiches, welches dem Volke Israel zugesprochen war Exod. 19, 6 zu verwirklichen (daher 
ausschliesslicher Genuss heiliger Opferspeise, tägliche Lustrationen, leinene Kleidung) bleibt 
dahingestellt. 

4) S. Philo, quod omnis probus liber. Euseb. praeparatio evang. 8, 11, Jo- 



17 

Die Unschuld und Reinheit der Sitten der Essener bildete einen wohl-- 
thuenden Contrast gegen die auch unter den Juden eingerissene Sitten- 
losigkeit und Gottlosigkeit, >vovon Josephus ^j ein abschreckendes Bild ent- 
wirft ; sie war zum Theil Folge der Berührung mit den Römern. Als Wir- 
kung solcher Yerderbniss, als grelles Zeichen eines tief zerrütteten Zu- 
standes in Religion und Sittlichkeit stellen sich uns die Dämonischen dar. 
So sehr war der Geist aus Israel gewichen, dass nicht nur kein Prophet 
mehr aufstand, durch den der Herr zu seinem Volke rodete, sondern dass 
Einzelne in Grausenerregender Geisteszerrüttung die ()i)fer dämonischer 
Einwirkungen wurden. So waren an die Stelle der prophetischen Begei- 
sterung, als teuflische Carricatur derselben, die schäumende Wuth und die 
Tobsucht der Besessenen getreten. Es schien, als ob die unteren 
Mächte ihre Kräfte zusannnenraffen wollten, dem kommenden Lichte, das 
sie als solches erkennen, Widerstand zu leisten. 

III. Von wesentlicher Bedeutung ist die Berührung der Juden mit 
den heidnischen Völkern, unter denen sie lebten. Sie war doppelter Art, 
indem die Juden theils auf die Heiden einwirkten und sie zu sich heran- 
zogen, theils aber auch Einwirkungen von den Heiden empfingen und in 
den Kreis der hellenischen Bildung hineingezogen wurden. Die erste Art 
der Berührung führt zum jüdischen Proselytenwesen. (nqoariXvToq nach 
Suidas soviel als TTQoaelfjXv&cog^ nämlich zu den Juden, advenae). Von 
jeher hatte es solche gegeben, d. h. Nicht-Israeliten, die durch Bekehrung 
zum Glauben Israels und zur Haltung des mosaischen Gesetzes in Israel 
naturalisirt wurden, in vollkonmiener Uebereinstimmung mit dem Geiste des 
Gesetzes. Denn Fremdlinge wohnten jederzeit vom Auszug aus Aegyi)ten an 
unter Israel 2). In der davidisch-salomonischen Zeit war die Zahl dieser Fremd- 
linge auf 153,600 gestiegen 3), wovon manche wohl durch Beschneidung sicli 
vollkonnnen nationalisiren Hessen und volles Anrecht an den ^'orrechten und 
Heilsgütern des auserwählten Volkes erlangten. Auch diejenigen, w^elche sich 
der Besclmeidung nicht unterzogen, wenn sie nur gewisser heidnischer 
Greuel sich enthielten, fanden Schutz und Begünstigung. In den ersten 
Jahrhunderten nach dem Exil waren die Uebertritte zum Judenthum nur 
vereinzelt. Nun aber wurden durch Eindringen griechischer Bildung und 
Sitte von Aegypten und Syrien aus dem ächten Judenthum schwere Kämpfe 
bereitet. Namentlich vom Tode Simonis des Gerechten (f 198 v. Chr.) an 
riss die Apostasie ein *) , was nothwendig eine Reaction hervorrief. Daher 
in der makkabäischen Zeit eine eifrige Propaganda begann. Job. Hyrcanus 
zwang die Idumäer 129 a. Chr. zur Beschneidung, auch die Ituräer nahmen 
nach Aristobulus die Beschneidung an. So gewaltthätig war dieser Prose- 
lytismus, dass Pella zerstört wurde, weil es sich geweigert, das Juden- 
thum anzunebmen. Von dieser Zeit an entbrannte auch der pharisäische 



sephus, der selbst Essener war, de vita sua §.2 de bello jud. 2, 8. 2—13. S. Ritsclil, 
die Entstehung d. altkathol. Kirche 2. Auflage S. 178 ff. 

1) de bello jud. 7, 8. 1. 

2) Exodi 12, 38. 48. 

3) 2 Chron. 2, 16. 

4) 1 Makkab. 1, 41. 2 Makkab. 4, 9. 

Herzog, Kirchengeschichte I. ' 2 



18 

Eifer, Proselyten zu iiuicheii, die freilich meistens das strenge Urtheil ver- 
dienten, das der Herr^) über sie fällt, wie sie denn die heftigsten Ver- 
folger der Christen wurden; zu ihnen gehörte llerodes und die Frau des 
Nero, Poppäa, die den Kaiser wahrscheinlich zur Verfolgung der Christen 
anreizte. Bei den Juden selbst wurden solche Proselyten, weil sie nicht aus 
Ueberzeugung übergetreten waren, verächtlich. Sie werden im Tahnud 
der Aussatz der Israeliten genannt; von ihnen heisst es ebendaselbst, dass 
sie zusammen mit den Knabenschändern die Ankunft des Messias aufhalten. 
Es galt daher der Grundsatz, man dürfe einem Proselyten nicht trauen bis 
zur 24. Generation. Neben jener unlauteren Propaganda gieng eine dem 
göttlichen Missionsberuf Israels entsprechende Einwirkung auf die Heiden 
aus, und zog viele zum Judenthum hin. Es sind die im N. T. oft genannten 
(poßov[i€Potr oder aeßoyiEvot. top O^sov, auch evaeßeiq und aEßo^ievoi , Jiqoq 
tlXvToiy svXaßeiq, wovon die Mehrzahl zu der christlichen Gemeine über- 
traten. Es waren Wahrheitsuchende, Heilsbedürftige, welche sich von der 
greulich entarteten heidnischen Peligion abgestossen fühlend, der im A. T. 
geoffenbarten Wahrheit sich zuwendeten. Diese Einwirkung auf die Heiden 
erscheint um so intensiver, je mehr die Juden verachtet waren. Zu den 
edleren Motiven des Uebertrittes gesellten sich jedoch noch andere mehr 
äusserlicher Art, die Aussicht, vom Militärdienst frei zu werden, Handels- 
interesse, Heirath u. s. w. Auf diese Weise wurde die Menge der Ueber- 
tretenden so gross ^ dass mehrere römische Schriftsteller sich darüber be- 
klagten 2) und Seneca ausrief: die Besiegten haben den Siegern Gesetze 
gegeben 3). Die Zahl der weiblichen Proselyten überstieg die der männ- 
lichen ^). 

Schon im Bisherigen ist ein unterschied verschiedener Classen oder 
Arten von Proselyten angedeutet. Die Rabbinen unterscheiden deren zwei. 
1) Proselyten des Thores TjriT\ ''1:., ein von den Fremdlingen entlehnter 
Name , w^elche in den Thoren Israels wohnten &). Es sind , wie bereits an- 
geführt, die im N. T. erwäbnten. Es war ihnen nicht sowohl die Beobach- 
tung des ganzen Gesetzes auferlegt als die der sieben sogenannten noachi- 
schen Gebote: Verbot des Götzendienstes, der Gotteslästerung, des Ver- 
giessens von Menschenblut, der Blutschande, des Diebstahles, das Gebot, 
Gerechtigkeit zu üben und kein Thier, in welchem noch sein Blut ist, zu 
gemessen. In Jerusalem selbst durften sie nicht wohnen, wohl aber unter 
gewissen Bedingungen in Palästina. Sie waren nicht verpHichtet, den Sab- 
bath zu feiern, noch sich beschneiden zu lassen; der Eintritt in die Syna- 
gogen war ihnen gestattet. Unter ihnen fanden sich viele Walirheit 
suchende Gemüther, der Hauptmann zu Kapernaum, Cornelius und die 
Seinen, Lydia in Philippi. Sie zeigten sich empfänglich für die Predigt 
des Evangeliums. 2) Von ihnen sind zu unterscheiden die Proselyten der 



1) Mat. 23, 15. 

2) Cicero pro Flacco. 28 Horat. Öat. 1, \). bi) Juv. U, y6. Tac. Anuales 2, 85. 

3) bei Aug. de civitate Dei 6, 11. 

4) Apg. 17, 4. 

5) Exodi 20, 10. Deut. 5, 14. 



19 

Gerechtigkeit, pTjrn ""l^, fUirch Beschneidung, Taufe und Opfer in den 
Bund Israels aufgenommen, daher ri''~"n ^"2^ Söhne des Bundes genannt, 
auch neue Creaturen. Als solche waren sie 'losgerissen von allen Banden 
des Blutes mit den heidnischen Verwandten, selbst den nächsten, sodass 
sie nach einigen rabbinischen r)estimniungen selbst mit Mutter und Schwester 
eheliche Verbindung eingehen durften. Von ihnen sagt Tacitus ' ) : ,.die zu 
ihnen übertreten, lassen sich beschneiden und werden vor allem anderen 
dahin instruirt, die Götter zu verachten, des Vaterlandes sich zu entschla- 
gen, Eltern, Kinder und Brüder gering zu schätzen". Eine Kückwirkung 
solchen Fanatismus war wahrscheinlich der Blutschänder in Korinth ( 1 Cor. 5, 1 ). 
Auf solche Proselyten bezieht sich des Herrn strenges Urtheil (Mat. 25, 13), 
man könnte eine 3. Classe von Proselyten unterscheiden, solche, welche an 
den jüdischen Gottesdiensten Theil nahmen, ohne die heidnische Religion 
aufzugeben, worüber Horaz^j sich lustig macht; solche geriethen in die 
Hände von jüdischen Gauklern und Betrügern. 

Es fand aber noch eine andere Art von Berührung zwischen den Heiden 
und Juden statt, indem jene auf diese einwirkten und sie gewissermassen 
zu ihren Proselyten machten. Als ein geistig regsames Volk, das in allen 
Dingen seinen Vortheil wohl verstand, gingen die Juden in die griechische 
Cultur ein. Solches geschah im bedeutendsten Maasse in Alexandrien, das 
durch die Ptolomäer zu einem Hau[)tsitze griechischer Cultur und (Jelehr- 
samkeit erhoben worden war. Es gab in dieser Stadt eine Anzahl Jiuleii, 
welche, fern von aller Religionsmengerei und mit Entschiedenheit ihren 
alten Gottesglauben festhaltend, denselben mit Hülfe der griechischen Philo- 
sophie, zum wissenschaftlichen Bewusstsein zu bringen suchten. Dazu kam 
ein apologetisches Interesse, da die Juden dazu getrieben wurden, ihre 
Religion, welche sie mit jüdischer Zähigkeit festhielten, gegenüber den lUv 
schuldigungen des Anthropopathisnuis zu vertheidigen und zu reclitfertigen. 
So entstand die alexandrinisch-jüdische Religionsphilosophie, wovon die ida- 
tonische Philosophie die Grundlage bildete, worin aber auch Ideen, von 
Aristoteles, den Pythagoräern und Stoikern entlehnt, Aufnahme fanden. 
Eine wichtige Folge dieser Verbindung jüdischer und hellenischer Denk- 
weise war die allegorische Erklärung des A. T., welche die alexandrinischen 
Juden von den Stoikern aufnahmen, von diesen angewendet zur Erklärung 
und Rechtfertigung der heidnischen Mythen ^). Die wissenschaftliche Grund- 
lage dieser Erkiärungsart ist der Grundsatz, dass die religiösen Wahrheiten 
auf geschichtliche Weise und in Bildern aus der Xatur sich zu verkörpern 
suchen, und es soll nun die Idee aus der Geschichte und dem Bilde, w^orin 
sie eingehüllt ist, vermittelst der allegorischen Erklärung al)gelöst werden. 
Schon im 2. Jahrhundert a. Chr. bediente sich dieser Erklärungsart der 
alexandrisch-jüdische Philosoph Aristobulus. Man berief sich dabei auf eine 
geheime Ueberlieferung, welche den Schlüssel gebe zum richtigen Verständ- 
nisse des A. T. 



1) bist. 5, 5. 

2) Satyr. 1, 9. 69. 

3) Cicero de natura deorum I. 15. 



20 

Noch auf andere Weise suchten die alexandrinischen Juden den 
Ideen der hellenischen Weltweisheit ihre Offenbarungsurkunde anzupassen, 
durch die Uebersetzung derselben in das Griechische, welche Uebersetzung 
zunächst durch ein religiöses Bedürfniss veranlasst wurde, da sich den 
Hellenisten das Yerständniss der vaterländischen Sprache inmier mehr ver- 
dunkelte. Die LXX ist das älteste Document jüdisch-alexandrinischer Weis- 
heit. Denn ihre Anfänge reichen in die erste Hälfte des 8. Jahrh. a. Chr. 
hinauf, unter Ptoloinäus Philadelphus f 246 a. Chr.. unter welchem Könige 
die Uebersetzung des Pentateuch gemacht wurde. Vollendet wurde das 
Ganze vor der Mitte des zweiten Jahrh. a. Chr. Die Fabel von dem Ur- 
sprünge dieser Uebersetzung, von den 70 Männern, die daran gearbeitet, 
gegründet auf einen angeblichen Brief des Aristaeus, eines Offiziers der Leib- 
wache des Ptolomäus Philadelphus, im Auszuge mitgetheilt von Josephus ^), ist 
jetzt völlig aufgegeben. — Es ist nun wirklich überraschend, wie der Ueber- 
setzer des Pentateuch im platonischen Sinne arbeitete. So ist die Ansicht 
von einer doppelten, geistigen und sinnlichen Welt in Gen. 1, 2 hineinge- 
tragen, die Ansicht, dass die Ideen der Thiere zuerst in der .geistigen 
Welt, hernach die Individuen aus irdischem Stoffe gebildet wurden, in 
Gen. 2, 19. — Gen. 2, 6 ist so übersetzt, dass Gott zuerst die unkörper- 
lichen Ideen geschaffen habe; Gen. 1, 11 liegt die Idee zu Grunde, dass 
die geistige Welt die Gattungen der Dinge enthalte. Dem Wechsel des 
Numerus in Gen. 2, 16. 17 ((fayrj und ffayec^e) liegt der Gedanke zu 
Grunde, dass zur Uebung der Tugend nur Eines nöthig sei, der vernünftige 
Geist, Adam, während dem man, um Unerlaubtes zu geniessen, nicht allein 
den Geist haben müsse, sondern auch den Körper und die sinnliche Seele. 
Eva 2). Daher diese Uebersetzung für die pharisäische Partei ein Greuel 
war. Sie meinten, so wie Gott sein Gesetz auf Sinai in hebräischer Sprache 
geoff'enbart habe, so müsse es auch hebräisch erhalten bleiben, und es 
werde verunreinigt, wenn es in die Sprache der Heiden übertragen werde. 
Sie betrachteten den Tag des Bibelfestes, * an dem die Juden Alexandriens 
nach der Pharosinsel wallfahrteten, wo die Sage den 70 Dolmetschern ihre 
Zellen gebaut hatte, als Unglücks- und Fasttag, gleich dem, an dem Israel 
um das goldene Kalb getanzt hatte. Die Spaltung zwischen Hebräern und 
Hellenisten heftete sich fortan vorzüglich an die griechische Bibel; und 
doch wurde sie das Mittel, das Millionen am alten Glauben festhielt, und 
Millionen gewann, für die der hebräische Text ganz unverständlich gewor- 
den. Sie wurde, wie die Lutherische Bibel im 16. Jahrh., für die Juden 
die wichtigste Grundlage ihrer sich verjüngenden Cultur. 

Dieselbe alexandrinische Religionsphilosophie brachte noch manche andere 
Producte hervor. Nebst der Weisheit Salomo's kommen hauptsächlich hier 
in Betracht die Werke des Juden Philo 3), f 41 p. Chr. in Alexandrien, von 



1) Ant. 12, 2. 

2) S. Dähne, geschichtliche Darstellung der jüd.-alex. Religionspliilosopliie II. 1 — 72. 
Lipsius, alex. Keligionsphilosophie in SchenkePs Bibellexicon 1. 88. 

3) das eine, von der Weltschöpfung, wurde Jierausgegeben von J. G. Müller 1841 
mit einem vortrefflichen Commentar. 



21 

vornehmer Abkunft, in der Plülosophie und den encyklischen Wissenschaften 
l)e\Yandert. Er ist der erste alttestamentliche Theologe; er suchte den 
biblischen Glauben seines Volkes zum wissenschaftlichen Bewusstsein zu 
In'ingen, nicht ohne durch die allegorische Auslegung dem A. T. vielfach 
Gewalt anzuthun i). Er hat auf die Bildung der christlichen Theologen 
in Alexandrien, Clemens und Origines Einfluss gehabt. Er war, wie viele 
seiner Zeitgenossen, in der Philosophie Eklektiker, aber vorherrschend der 
platonischen Lehre zugethan, in einer Weise, die der Autorität des A. T. 
keinen Eintrag that. So wie er meinte, dass Plato daraus geschöpft habe, 
so glaubte er auch, dass ihm die philosophische Weltanschauung, die er 
Plato und Zeno verdankte, aus der Bibel gekommen. Das reine Sein der 
griechischen Philosophie ist ihm der jüdische Gott. Das Verbot, den 
Namen Gottes auszusprechen besagt, nach seiner Ansicht, dass auf Gott 
kein Prädikat anwendbar sei. Der Mosaismus, den er glaubt, ist Platonis- 
mus, derjenige, den er übt, ist der alte Glaube der Väter. Denn, lehrte 
er, nur der mag den äusseren Gebrauch unterlassen, der, des Körpers 
ledig, als reiner Geist das Irdische abgestreift. Er glaubte, die Menschen 
werden noch ihre Religion aufgeben und den Mosaismus annehmen. Israel 
ist ihm Führer der Völker der Erde, bestimmt, Gott als Priester zu 
dienen und für die ganze Menschheit zu beten. In Mose ist die Wahrheit 
und der Weg zum Heile gegeben. Jener Seher und Weise, nach dem 
stoische und neu-pythagoräische Denker suchen, ist in dem zu finden, den 
sich Israel schon längst zum Führer des Lebens gesetzt hat. — Der Mittel- 
punkt der Theologie Philo's aber ist die Lehre vom Logos, in der Doppelbe- 
deutung von Vernunft und Wort, gedacht als das verbindende Mittelglied 
zwischen Gott und Welt. 

Die alexandrinischen Juden suchten überhaupt ihren monotheistischen 
Gottesglauben und ihre messianischen Hoffnungen den Heiden, unter denen 
sie lebten, einzui)flanzen und zugleich die Haltlosigkeit des alten Poly- 
theismus ihnen deutlich zu machen. Da sie aber die Erfahrung machten, 
dass directe Schutzschriften für ihren Glauben von den Heiden nicht gele- 
sen wurden, so griffen sie zu dem Ausweg, diesen ihren Glauben und ihre 
messianischen Hoffnungen heidnischen Autoritäten in den Mund zu legen. 
So legte Aristobulus 180 a. Chr. dem hochgefeierten mythischen Sänger 
Orpheus, um den sich eine eigene Literatur gebildet hatte, das Lob Abra- 
hams, der 10 Gebote, des Sabbath's in den Mund ^j. Grossen Eindruck 
musste es machen, wenn die uralte Sibylle ihre Stimme für das Juden- 
thum abgab. In der That gibt es zahlreiche sibyllinische Orakel, in wel- 
chen sich die jüdische Propa^nda an das Gewissen der Heidenwelt wendet, 
um dieselbe zur wahren Gotteserkenntniss und zu reinerem Leben aufzu- 
fordern , und ihr das jüdische Volk als dasjenige zu bezeichnen , das allen 
Sterblichen als Führer des Lebens bezeichnet ist •*). Daran reihen sich 



1) S. Siegfried, Philo v. Alexandria als Ausleger des A. T. Jena 1875. S. 
üherdiess den Artikel Pliilo von J. G. Müller in der Realencyklopädie. ^ 

2) Euseb. praeparatio evangelica 13, 12. 

3) Die rechten Sibyllinen wurden 74 a. Chr. mit dem Capitol verbrannt. Es ent- 



22 

Ankündigungen von Strafgerichten über die dem sittlichen und religiösen 
Verderben preisgegebene Heidenwelt , Ankündigungen , die um so mehr 
Eindruck machen nmssten, als sie den Ahnungen der denkenden Gei- 
ster des antiken Heidenthums entsprachen. Dieselben sibyllinischen Orakel 
eröffnen aber auch die Aussicht in die Glückseligkeit der messianischen 
Zeit, sobald nämlich die Welt zum jüdischen Gott und zum jüdischen Ge- 
setz sich gewendet haben wird. Einen Nachklang dieser messianischen Aus- 
sichten gibt Yirgil in der 4. Ekloge, nur dass er sie in die niedrige Sphäre 
der Schmeichelei gegen seinen Gönner Pollio, herabzieht, dessen Kind er 
mit dem Jesaia 9, 6 geweissagten zusammenstellt, und an welches er die 
Hoffnung einer goldenen neuen Zeit anknüpft. Dass die jüdische Messias- 
idee den Heiden bekannt war, ersehen wir auch aus den Aussagen des 
Sueton 1) und des Tacitus 2), dass, zufolge einer alten, weit verbreiteten 
Meinung, nach Sueton, auf Grund heiliger Urkunden, nach Tacitus, von 
Judäa aus die Weltherren sich erheben würden, wenn gleich beide, sowie 
Josephus ^), den sie ausschreiben, die Sache aufVespasian und seinen Sohn 
Titus deuten. 

So trug sich die Welt mehr als je vorher mit grossen Hoffnungen 
und mit grossen Befürchtungen, aber überwiegend mit diesen letzteren. 

Anhang. Noch muss bemerkt >t erden, dass sich in Aegypten in 
Folge des Umsichgreifens der alexandrinisch jüdischen Religionsphilosophie 
eine ähnliche Sekte bildete wie die Essener in Palästina, die Therapeu- 
ten. Sie trieben die Enthaltsamkeit noch weiter als die Essener, denn 
sie lebten alle ehelos. In der Nähe von Alexandrien, auf einer Anhiihe 
über dem See Mareotis war ihre Niederlassung. Der Name Therapeuten 
soll sie als die ächten, eigentlichen Gottesverehrer bezeichnen. Sie sind 
die Vorläufer der christlichen Mönche ^). 

Verwandt mit den Juden, doch von ihnen mit Abscheu angesehen und 
behandelt waren die Samaritaner in der zwischen Judäa und Galiläa 
mitten inne gelegenen Landschaft Samaria, entstanden aus der ' Ver- 
mischung der nach Wegführung der zehn Stämme im Lande gebliebenen 
wenigen alten Einwohner mit den Kolonisten aus Babel, Cutha (daher 
auch Cuthäer genannt), und anderen assyrischen Landschaften, welche 
der König von Assyrien, um das Land wieder zu bevölkern, dahin ver- 
pflanzt hatte (2 Könige 17, 24). Aus der anfänglichen Keligionsmengerei, 
da die Ansiedler neben den aus dem Vaterlande mitgebrachten Göttern 
den Gott des Landes, Jehovah, verehrten, waren sie 409 a. Chr., unter 



standen bald neue, ziemlich zahlreiche, so dass Augustns ein Verbot dagegen erliess. Tac. 
annalcs 6, 12, die erste Spur jüdischer Sibyllinen findet sich bei Jos.Antiq. 1, 4. 5. Nach 
den neueston gründlichen Forschungen von Bleek, stammen die ältesten jüdischen Orakel 
.ins dom 2. .Tahrh. a. Chr. — die jüngsten cliristlichen, ans dem 5. J, p. Chr. Von alex. 
Juden rüliren viele jüdische Orakel her. 

1) In Vespasiano c. 4. 

2) In den Historien 5, 1.3. 

n) De hello judaico 6, 5. 4. - g. auch Kuseb. n, 7. 

4) Vgl. über sie Philo, de vita contemplativa, wovon Enseb. l E. IT. 17 nur einen 
Auszug gibt — auch Daehne a. a. 0. I. 4f^9 



(lern Schutze des persischen Staathalters Saiina])alletes, durch den Prie- 
ster Manasse herausgerissen worden, und liatten den Pentateuch, einen Tem- 
pel auf Garitzim, da sie Deut. 27, 4 Garizim statt Ebal lasen, und ein 
levitisches Priesterthum erhalten. Fortan war bei ihnen keine Spur von 
Polytheismus mehr zu finden, sondern sie ergaben sich dem strengsten 
Monotheismus ; daneben verwarfen sie alle kanonischen Schriften der Juden 
ausser dem Pentateuch. Es blieben ihnen die späteren rabbinischen Ent- 
wicklungen des Judenthums fremde. Dies so wie der Umstand, dass sie 
den Tempel auf Garizim als den einzig ächten ausgaben, schürte den 
Hass der Juden gegen sie an, der auch seit der Zerstörung des Tempels 
durch Joh. Hyrcanus im J. 109 a. Chr. nicht gelöscht wurde. Ihre geistige 
Auffassung des Mosaismus, wie sie in den späteren Schriften hervortritt, leitet 
Gesenius in der Schrift de theologia Samaritana von der Einwirkung der 
alexandrinischen Pieligionsphilosophie her, wie denn schon durch Alexan- 
der Samaritaner nach der Thebais, durch Ptolomeus Lagi nach Unter- 
ogypten und Alexandrien waren verpflanzt worden ^j. Im ersten Jahrhundert 
nach Christo traten unter ihnen drei Sektenstifter auf, Dositheus, Si- 
mon der Magier und sein Schüler Menander. 



Zweiter Absclinitt. 



(iründung und erste Ausbreitung der Kirche im aposto- 
lischen Zeitalter. 

Quollen, die Schriften des N. T. und Einzelnes aus kirchlichen Schriftstellern. — Bearbeit- 
ungen des Lebens Jesu von sehr verschiedenem Standpunkte aus verfasst, von Stra uss 
(X Auflage 1 838 des gi-össeren Werkes) , von Neander, Pressense, Keim, 
Hase 1876 u. A. — Bearbeitungen der Geschichte der Apostel von Neander, 

0. Auflage 1847, von Lechler, 2. Auflage 1857, von Schaff 2. Auflage 1854. 
von Pressense, als erste zwei Bände eines umfassenden Werkes über die drei er- 
sten Jahrhunderte der Kirche. — Hier sind noch zu erwälmen die Werke von 
Baur und von Hausrath über den Apostel Paulus. 

1. Nachdem durch die Predigt des Täufers und die damit verbundene 
Ankündigung von bevorstehenden grossen Gnadenerweisun^n und Straf- 
gerichten im jüdischen Volke eine grosse Erweckung entstanden war , trat 
Jesus von Nazareth, der bis dahin in stiller Verborgenheit gelebt hatte, 
auf und zwar mit derselben Aufforderung, welche der Täufer an das Volk 
gerichtet hatte: ^,thut Busse, denn das Himmelreich ist nahe herbeige- 
kommen.^' Er selbst hat später erklärt, dass die Predigt des Täufers und 



1) Jos. Antiq. 1, 8. 6. 12. Vgl. übrigens d. Artikel Samarlen von Petermann 1. d. 
Fvealencyklop. Bd. XIIL 



24 

die dadurch bewirkte Erweckung die Erfüllung sei der Weissagung des 
Propheten Maleachi vom Boten, der vor dem heran kommenden Herrn den 
Weg bereitet, von Elia, dem Propheten, den der Herr sendet, ehe der 
Tag Jehovah's kommt, der grosse und furchtbare (Maleachi 3, 1, 4, 5. 
Matth. 11, 14. 17, 11—13), wobei er nicht undeutlich sein eigenes Auftre- 
ten mit dem Kommen Gottes zu seinem Volke zusammenstellte. Nur schon 
diese Deutung der Worte des Propheten, woran sonst Niemand gedacht 
hätte, zeigt das Hervorbrechen eines neuen Geistes, der von sich aus, 
ohne alle menschliche Ermächtigung, das geheiligte Wort der Weissagung 
regelt, vervollständigt, auf seinen wahren geistigen Sinn und Inhalt zu- 
rückführt, eines neuen Geistes, der die gesammte alttestamentliche Weis- 
sagung in ungeahntem Lichte erscheinen liess. Die alttestamentliche Idee 
der Theokratie' (ein zuerst von Josephus gebrauchtes Wort) verklärte sich 
durch diesen Geist zu der Idee des Peiches Gottes, in welchem die Men- 
schen sittlich neu geschaffen, vom Geiste Gottes erfüllt, mit Gott und unter 
sich in Liebe verbunden sind. Dieses Reich Gottes ist mit Jesu, als dem 
eingebornen Sohne Gottes auf Erden gekommen („es ist mitten unter 
euch^') und soll durch ihn unter den Menschen verwirklicht werden. Dar- 
auf arbeitete er hin durch seine Lehrthätigkeit und durch die wunderbaren 
Heilungen, die er verrichtete. Frühe sah er aber ein, dass er von sei- 
nem Volke werde verworfen werden. Denn seine Auffassung des Reiches 
Gottes war eine wesentlich religiöse und ethische, während sie in den 
meisten seiner Volksji;enossen eine wenn nicht ausschliesslich so doch vor- 
wiegend politische war. Obwohl Jesus als specieller Diener der Juden 
{diaxovog rijg neqixonriq) (Rom. 16, 8) seine Wirksamkeit auf die verlornen 
Schafe des Hauses Israel beschränkte, so hatte sie doch eine über die 
Grenzen des jüdischen Volkes hinausgehende Tragweite, die sich bisweile^i 
zu der bestimmten Ankündigung gestaltete, dass das Reich Gottes von 
den Juden genommen und den Heiden werde gegeben werden (Matth. 21, 
40 — 43). Er war sich bewusst, dass Alles, was er that und lehrte, am 
Ende nur dazu dienen werde, die Herzeushärtigkeit seines Volkes auf das 
höchste zu steigern und so das schrecklichste Strafgericht über sein Volk 
herauf zu beschwören. Aber eben so deutlich sah er ein, dass nur so die 
nationale Beschränkung, in welche, laut göttlicher Anordnung, seine Wirk- 
samkeit sich hatte fügen müssen, gründlich könne beseitigt werden. Indem 
er sich nun nach einiger Zeit öffentlich als den verheissenen Messias be- 
kannte und er als solcher in Jerusalem einzog, wusste er, dass er sein 
Todesurtheil unterschrieb, und doch musste er sich als Messias so feierlich 
bekennen, weil er sonst seiner Stellung nicht genügt und den Schein auf 
sich geladen haben würde, als ob er aus Furcht sich geweigert hätte, dieses 
Bekenntniss abzulegen. Seinen Tod bezeichnete er im voraus als Sühnopfer 
für die Sünden der Welt, als Bedingung erhöhter Wirksamkeit, als Mit- 
tel, um die für die Wahrheit empianglichen Gemüther an sich zu ziehen. 

Wenn aber Jesus im Tode blieb, so verlor Alles, was er bisher ge- 
than und gelehrt hatte, und auch sein Tod alle und jede Nachwirkung und 
Bedeutung. Der Tod, zumal ein solcher Tod war der schreiendste Wider- 
spruch nicht nur gegen das, was er gesagt, dass er auferstehen werde, 



25 

sondern auch gegen sein eigenes Wesen. Die Jünger mussten daher, wenn 
er im Grabe blieb, schlechterdings den Glauben an ihn aufgeben. Die 
christliche Kirche gründet sich also auf Christi Auferstehung als feste Ge- 
währ seiner Gottessohnschaft (Rom. 1, 4). Selbst Dr. Baur gesteht, dass 
wenigstens der Glaube an die Auferstehung Christi nothwendig war, um 
in den Aposteln den Glauben an Christum überhaupt am Leben zu erhal- 
ten. Mit ihm war dieser Glaube zu Grabe getragen, mit ihm stand er 
siegreich wieder auf. 

IL Nun begann die zunächst durch die Apostel vermittelte unsichtbare 
Thätigkeit Christi, im Vergleich mit welcher sein Leben und Wirken vor 
dem Tode nur als Grund legender Anfang erschien, wie das die Schrift 
selbst bezeugt (Apostelgesch. 1, 1). Sowie er von seinem Leben und 
Wirken auf Erden gesagt hatte : ,,ihr werdet (mit den Augen des Glau- 
bens) den Himmel oifen sehen und die Engel Gottes hinauf und hinab- 
fahren auf des Menschen Sohn" (Joh. 1, 51 j, so wurde nun auch das andere 
Wort erfüllt, das er als ein hülfloser Gefangener in seinem Verhöre ge- 
sprochen: ;^von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn sitzen zur 
Rechten der lü-aft, und kommend auf den Wolken des Himmels" (Matth. 
26, 64). Denn die ganze Kirchengeschichte ist ein fortgesetztes Kommen 
des Herrn 1), d. h. die ganze Entwicklung des Christenthums auf Erden 
ist die fortgehende Oifenbarung seiner Gegenwart in der Kirche, eine 
fortgesetzte Einwirkung auf die Kirche, alles Vorbereitung auf die letzte 
entscheidende Krisis, welche den endlichen, abschliessenden Sieg des Reiches 
Gottes über alle Feinde herbeiführen wird (1 Kor. 15, 24). Also eines- 
theils trifft sein Kommen ein, ehe alle, die in den Tagen des Fleisches 
seine Zeitgenossen waren, gestorben sind, anderntheils erst am Ende aller 
Tage , und die Kirche , von Feinden umringt , bittet und fleht immerfort : 
„Komm, Herr Jesu (Apokal. 22, 20). 

Denn allerdings trifft das Christenthum , indem es die menschliche 
Natur zu durchdringen sich bestrebt, in allen Beziehungen und Verzweig- 
ungen des Lebens der Völker und der Einzelnen auf ein feindliches Prin- 
cip, welches sich gleich bleibt in der unendlichen Älannigfaltigkeit seiner 
Formen und Aeusserungen. Dieses feindliche Princip, das alle Nerven 
und Adern der Menschheit durchdrungen hat und seit Jahrtausenden in 
der Menschheit eingewurzelt ist, setzt der Wirkung des Christenthums, 
menschlicher Weise zu reden, unübersteigliche Hindernisse entgegen, die 
nicht aufgewogen werden durch die Anknüpfungspunkte, welche das- 
selbe in der gottverwandten menschlichen Natur flndet. Daher ist das 
Programm von Arbeiten und Leistungen, welche das Christenthum bei sei- 
nem Eintritte in die Welt sich gestellt, noch bei weitem nicht erschöpft, 
das Ziel der christlichen Entwicklung der Menschheit in eine für unser Auge 
unendlich weite Ferne gerückt. Nicht nur dieses, sondern die Geschichte 
der Kirche, — weil corruptio optimi pessima — ist auch die Geschichte 
der grössten sittlichen und intellectuellen Verirrungen des menschlichen 



1) Darnach sind die Stellen Matth. 10, 28, 16, 28. 24, 35. Marc. 13, 30. Lucas 
21, 32 auszulegen. 



26 

Herzens und Geistes. So gestaltet sich die Geschichte der Erh'jsiing der 
Menschheit, — als welche wir die Geschichte der Kirche Christi aufzu- 
fassen haben, — auch zu einer Geschichte des Verderbens der Menschheit. 
Das Christenthum , wie ein weiser Mann gesagt, hat die Menschheit all 
ihre Bosheit, all ihre Thorheit ausschwitzen machen. Daher stellt sich 
uns die Geschichte der Kirche Jesu dar als ein lebendiges Gemälde von 
dem Kampfe zwischen dem christlichen Geiste und den gegnerischen Kräf- 
ten, welche das Christenthum in jeder Periode vorfindet. Die Kirchen- 
geschichte hat diesen Kampf zu beschreiben, zu zeigen, wie zwar in 
Christo das Reich Gottes gekommen, wie aber dieses Reich immerfort 
umgeben ist von Feinden, welche ihm den Sieg, ja die Existenz streitig 
machen, und oft die Oberhand zu behalten scheinen, bis der Herr aufs 
neue seine Macht erweist zur Rettung der Kirche. 

Das erste Stadium der Thätigkeit des zur Rechten der Kraft er- 
höhten Erlösers ist die Ausgiessung des Geistes mit den begleitenden 
ausserordentlichen Erscheinungen, worin der Apostel Petrus die Wahr- 
zeichen erkennt des herannahenden Tages des Herrn. ]\Ian pflegt dieses 
Ereigniss als den Siiftungstag der Kirche zu bezeichnen, obwohl die An- 
hänger Jesu sich schon vorher zusammengeschlossen hatten. Allein, inso- 
fern die Apostel und Jünger damals den verheissenen Geist empfingen, 
insofern dieser Geist das einigende und heiligende Band in der Kirche ist, 
insofern er die Gläubigen erst recht fest zusammenschloss, kann man wohl 
sagen, dass damals die Kirche als solche gestiftet wurde, wie denn auch 
seit dem unter den Gläubigen ^) der Name exxXrjcncx, Versammlung, Ge- 
meinde autliam, als Correlat der Gemeinde Gottes im A. T. (des nliT^ i^HD 
Num. 20, 4) als Verwirklichung des von Christo vorbereiteten und ange- 
kündigten Reiches Gottes. Insofern die Apostel an der Spitze standen, 
wie sie denn noch immer durch ihre Schriften an der Spitze stehen, ging 
damals an ihnen, freilich in sehr kleinen Dimensionen das Wort des Er- 
lösers Matth. 18, 28 in F.rfüllung. Es war der erste Anfang der sittlich- 
religiösen Erneuerung der Welt gegeben. Unter den Aposteln ragt bis 
auf die Zeit des Apostelconvents (Apostelgesch. 15) der Apostel Petrus 
hervor, als derjenige, der die Gemeinde innerlich gründet und befestigt 
und nach aussen für sie das Wort führt, sie zu schützen vor Vergewalti- 
gung und Anhänger für die Sache Christi zu gewinnen und die schon ge- 
wonnenen zu stärken — alles in Gemässheit dessen, was der Herr zu ihm 
gesagt, betreffend seine Stellung in der zu stiftenden Gemeinde (Math. 16, 
18. 19. Luc. 22, 32. Joh. 21, 15—17). 

Bei alledem handelte es sich darum, das in Christo gegeliene Heil 
((TmijQia) der Menschheit einzupflanzen. Aber derselbe Kampf, der durch 
das Wesen des Christenthums und sein Verbal tniss zu der Gott entfrem- 



1) Der Herr hatte die Bezeichnung eingeführt für die einzelne Gemeinde Matili. 
18. 18 und für die ganze Kirche Matth. 16, 18. Beide Beziehungen werden znsainmen- 
gefasst in den Aufschriften paulinisclier Briefe 1 Kor. 1, 1. 2 Kor. 1, 1. l Tliesaal. 
1, 1. — Die einzelnen Gemeinden werden auch kurzweg fxy.lrj<r,(t, lov ^fov genannt 
1 Kor. 11, 16. 



27 

deten Welt gesetzt war, derselbe Kampf, den der Stifter der christlichen 
Religion zu bestehen hatte und der eigentlich die Bewegung seines Lebens 
bildet, er zog sich auch durch das apostolische Zeitalter hindurch. Da das 
Christenthum zunächst mit der mosaischen Religion und mit dem jüdischen 
Volke in Berührung gekommen war, so hatte sich der Kampf zu Lebzeiten 
Christi auf diesem Gebiete entsponnen. Im apostolischen Zeitalter w^ar es 
ein Kampf nicht blos mit dem Judenthum ausserhalb der Kirche, sondern 
wesenthch Kampf zwischen der am Gesetz festhaltenden und der specitisch 
evangelischen Richtung innerhalb der Kirche selbst. Das apostolische Zeit- 
alter ist der eigentliche Schauplatz dieses Kampfes. 

Wir sehen die junge Kirche, angegriffen theils von den Juden, theils 
von der streng judenchristlichen Richtung, die sie im eigenen Schoosse 
hegt, sich von den Banden der jüdischen Religion losreissen, die P^man- 
cipation vom mosaischen Ceremonialgesetze , welche im Wesen des Evan- 
geliums gegeben war, und dessen Wahrheit ausmacht (Galater 2, 5) voll- 
ziehen. Das ist also die eigenthümliche Bedeutung des apostolischen Zeit- 
alters, das die geschichtliche Mission desselben. In solchem Ringen 
übte die junge Kirche ihre Kräfte zur Vorbereitung auf die grösseren 
Kämpfe, die ihr bevorstanden und die auch zum Theil schon ihren Anfang 
nahmen. Zugleich aber wurde die monotheistische Grundlage der mosai- 
schen Religion und alle damit zusammenhängenden ethischen Bestinnnun- 
gen mit gewissenhafter Sorgfalt aufrecht gehalten. Die Grundvoraussetz- 
ung so wie der oberste Satz der Predigt von Christo war der Gott A])ra- 
hams, Isaaks und Jakobs, der allmächtige Schöpfer des Himmels und der 
Erde, derselbe aber erst in Christo sich in abschliessender Weise offen- 
barend. 

Jede geistige Bewegung, wenn sie zum Siege durchdringen soll, er- 
heischt einen Mann, in welchem sie sicii verkörpert, Gestalt gewinnt, zum 
vollen Bewusstsein ihrer selbst gelangt, und der sich nun als Lebensauf- 
gabe stellt, sie zur Geltung zu bringen. Das ist die Bedeutung des Apo- 
stels Paulus, des Apostels der Heiden i). Eine jede geistige Bewegung, 
soll sie festen Euss fassen und sich ausdehnen, erheischt aber aucli einen 
Ort, wo sie zunächst sich festsetzen und von wo es ihr möglich wird, sich 
weiter auszubreiten, — wie Chursachsen für die deutsche Reformation, der 
Canton Zürich für die schweizerische. — Ein solcher Ort war für Paulus 
und seine Bestrebungen Antiochien, die Hauptstadt von Syrien, wo unab- 
hängig von der Mutterkirche in Jerusalem sich eine Gemeinde aus ehe- 
maligen Heiden bildete, wo das Christenthum sein anfängliches Gepräge 
als einer jüdischen Sekte ablegte, wo die Bekenner Jesu von den zur 
Spötterei geneigten Antiochenern zuerst Christianer genannt wurden 
(Apostelgesch. 11, 26). Durch die Unterstützung von Seiten dieser Ge- 
meinde wurde Paulus in den Stand gesetzt, seine Missionsreisen zu be- 
ginnen, die er bald in immer grösserem Umfange nach Westen hin aus- 
dehnte, dem (iange der Weltgeschichte folgend, die mehr und mehr nach 



1) Er führte diircli, was durcb Petrus (Apostelgesch. 10. 11. 12) und den Apostel- 
convent (Apostelgescli. 15) eingeleitet worden. 



28 

Westen hingedrängt hatte. Daher, nachdem das Evangelium in Kleinasien 
und in Griechenland festen Fuss gefasst, treibt es ihn so mächtig nach 
der Hauptstadt der Welt, um auch da das Panier des Kreuzes aufzu- 
richten. Rom sollte für das Abendland ein zweites Antiochien werden. 
Ausser den beiden genannten Aposteln ragt in den späteren Zeiten 
des ersten Jahrhunderts der Apostel Johannes hervor, der die zu Ende 
geführte Emancipation vom Mosaismus in den Worten ausspricht: ^,das 
Gesetz ist durch Mosen gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Je- 
sum Christum geworden (Joh. 1, 17). Also an die drei Apostel Petrus, 
Paulus, Johannes knüpft sich die Bewegung des apostolischen Zeitalters. 
Jerusalem bleibt Sitz des Judenchristenthums , die Gemeinde daselbst hat 
frühe ihre hervorragende Stellung eingebüsst und wird in ihrer Arnuith 
durch die Wohlthätigkeit anderer Gemeinden unterstützt. Diese reichen bis 
nach Rom im Westen, nach Babylon im Osten und bestehen hauptsächlich 
aus bekehrten Heiden, meistens ehemaligen jüdischen Proselyten des 
Thores. 

III. Was die anderweitigen Verhältnisse der christlichen Gemeinden, 
zunächst die Verfassung betrifft ^) , so wurde , obschon die Apostel an der 
Spitze derselben standen, die Einheit der Kirche durchaus nicht durch sie 
repräseniirt — weiss man doch von der Thätigkeit der meisten Apostel 
so wenig, — sondern durch die Einheit des Glaubens (Ephes. 4, 4 — 7), 
welche sehr verschiedene Lehrtypen nicht ausschloss, wie wir sie bei Pau- 
lus, Petrus, Johannes, Jakobus finden. Die Apostel machen auch keinen 
hierarchischen Gebrauch von ihrer Autorität. Sie handeln in Verbindung 
mit den Gemeinden (Apostelgesch. 1, 6. 11, 2. 15, 23), lassen sich von den 
Gemeinden aussenden, so Paulus von der Gemeinde zu Antiochien (Apo- 
stelgesch. 13), der auch Willens ist, sich von der Gemeinde in Rom nach 
Spanien senden zu lassen (Rom. 16, 24). Sie hatten Mitarbeiter, die nicht 
blos neben ihnen arbeiteten, sondern die sie auch in den Gemeinden zu- 
rückliessen, um an ihrer Stelle zu arbeiten. Timotheus, Titus, Sil- 
vanus, Marcus, Clemens, Epaphras, von einigen Kirchenschrift- 
stellern auch Apostel genannt, daher als die ersten Bischöfe der betreffen- 
den Gemeinden aufgeführt, so Timotheus und Titus als die ersten Bischöfe 
von Ephesus und Kreta 2). 

Wichtig war es für die christlichen Gemeinden, in der jüdischen 
Synagogeneinrichtung ein sehr nachahmungswerthes Muster vorzufinden 
nicht blos was den Cultus, sondern auch was die eigentliche Kirchenver- 
fassung betrifft. Die Einrichtung der Aeltesten, nQeGßvxeqoi entsprechend 
den jüdischen D^'Dp , der Diakonen oder Almosenpfieger (Apostelgesch. 6, 1), 
die Auswahl der Jünglinge, vectvKTxoi zur Verrichtung gewisser Dienste 
(Apostelgesch. 5, 6 — 10), alles dieses ist der Synagoge entlehnt. Im An- 
fange bezeichnete der Name nQtGßvtaqoq und emaxonog diu'chaus dieselbe 

1) Die Verfassung der Kirche im Jahrhundert der Apostel, von einem kathoHschen 
Historiker. NördUngen 1873.— Dr. Beyschla^, die christliclie Gemeindeverfassung im 
Zeitalter des N. Test. Von der Teyler'sclien theol. Gesellseliaft gekrönte Preissclirift. 
Hartem 1874. 

2) Euseb. 3, 4. 



29 

Person (Apostelgesch. 20, 17. 28. Tit. 1, 5 — 7. Philipp. 1, 1), >Yelche 
Identität auch anerkannt wird von Hieronymus (cap. 72) von Chrysostomus 
(hom. in Phil. 1, 1). So wie nun die Gemeinde die Diakonen gewählt 
hatte, so wie sie schon an der Wahl des Apostels Matthias Theil genom- 
men, so gewiss auch an der Wahl der Presbyter, nämlich so, dass die 
Apostel sie etwa vorschlugen und die Gemeinde ihre Zustinnnung gab und 
ihre Wahl dadurch legitimirt wurde. — Mt Zustimmung der ganzen Ge- 
meinde (^vpevdoxrjcracfig naGTjg TTjg exxXrjffiag) haben die Apostel Presbyter 
aufgestellt, sagt Clemens Rom. 1 Cor. c. 44. Nach dieser Analogie müssen 
Stellen wie Apostelgesch. 14, 25. Tit. 1, 5 ausgelegt werden. Die Ge- 
meinde nahm auch Theil an der ersten Kirchenversammlung in Jerusalem, 
gewöhnlich Apostelconvent genannt (Apostelgesch. 15, 6 tf.). Allerdings 
führen Petrus und Jakobus das grosse Wort; allein der Beschlub^, be- 
treffend die Aufnahme der Ileidenchristen ohne Beschneidung, wurde 
durchaus nicht blos von den Aposteln und Presbytern (v. 6), sondern auch 
von den Brüdern (v. 22. 23) gefasst, unter welchen hier die männlichen 
Laien zu verstehen sind. Der Beschlussfassung war vieler Wortwechsel 
vorangegangen (v. 7), wobei offenbar die Laien der beiden in der Yer- 
sammlung vertretenen Richtungen in Beziehung auf die obschwebende 
Streitfrage gegeneinander fochten. Die Laien hatten also unbeschränkte 
consultative Stimme und sofern sie auch bei der Beschlussfassung als mit- 
thätig aufgeführt werden, auch deliberative Stimme. 

Was die gottesdienstlichen Yersannnlungen betrifft, so befolgte man 
dabei, wie bevorwortet, das in der jüdischen Synagoge gegebene Muster, 
wodurch der Gottesdienst von vorn herein, dem Wesen des Christenthums 
gemäss, mit dem vorherrschend symbolischen Cultus der alten Welt brach 
und ein didaktisches Gepräge erhielt. Demnach fand neben Gebet, wobei, 
ebenfalls nach dem Muster der Synagoge, wahrscheinlich bald stehende. 
doch sehr einfache Formehi sich zu bilden anfingen. Vorlesen des A. T. 
und Vortrag darüber statt. Dazu kamen schon im apostolischen Zeitalter 
Briefe der Apostel (Kol. 4, 16). — Sowie nun in den Synagogen Lehrfrei- 
heit herrschte (Luc. 4, 16), so auch in den ersten christlichen Gemeinden, 
und das entsprach auch dem ersten Feuer der l^)egeisterung. Das Lehr- 
amt gehörte ursprünglich weder zum Presbyterat noch zum Diakonat. Wie 
es in den christlichen Gemeinden in dieser Beziehung herging, davon gibt 
uns Paulus im ersten Briefe an die Kor. c. 12. 14 eine sehr anschauliche 
Beschreibung, wenngleich einige Züge ausschiesslich jener Gemeinde ge- 
hören mögen. Die dabei vorfallenden Unordnungen mögen dem Apostel 
den Wunsch nahe gelegt haben, dass das Lehramt eine mehr geordnete 
Gestalt annehme. Daher dringt er in den Pastoralbriefen darauf, dass der 
Bischof oder Presbyter lehrhaftig (Sidaxiixog) sei (1 Tim. 3, 2), d. h. dass 
er fähig sei, die Gemeindeglieder in der gesunden Lehre zu bestärken 
und die Widersprechenden zu widerlegen (Tit. 1, 9). Daher verordnet er 
sogar, dass die dem Lehramt obliegenden Presbyter ein doppeltes Honorar 
empfangen (1 Tim. 5, 17); daher empfiehlt er dem Timotheus und Titus 
so eifrig das Lehren (1 Tim. 4, 16. Tit. 2, 1. 7). Dadurch will er dem 
Uebelstande abhelfen, dass einige ohne wahre innere Berufung in den 



30 

Verstimniliiiigeii das Wort ergreifen. Dalier schärft er den Korinthern ein, 
dass Gott die einen zu Aposteln, Lehrern u. s. w. berufen habe, ^^onlit er 
eben sagen will, dass nicht alle berufen sind zu lehren, wie denn auch 
Jakobus 3, 1 eine darauf bezügliche Ermahnung ertheilt. Dass an die 
Lehrvorträge sich der Gesang von Psalmen und geistlichen Liedern an- 
schloss, kann nicht erwiesen werden. Denn in den Stellen, ^vorauf man 
sich beruft (Kol. 3, 16. Ephes. 5, 19), ist zunächst nicht von den gottes- 
dienstlichen Versammlungen die Rede, sondern von wechselseitiger Er- 
bauung und Belehrung bei Mahlzoiten, im Familienkreise u. s. w. Sowie denn 
das Singen bei den ersten Christen sehr in Ehren und Gebrauch war. Es 
gab später viele Lieder, die als von Alters her gedichtet galten i). Gesang im 
Gottesdienste werden wir aber zum ersten Male finden zu Anfang des 2. Jahr- 
hunderts in den Gemeinden Bithyniens nach dem Berichte des Plinius; 
Justinus Martyr jedoch der später schreibt, weiss nichts davon. Das Abend- 
mahl, Brodbrechen (Apostelgesch. 2, 42. 46), nebst der Taufe die 'einzige sym- 
bolische Handlung, wurde anfänglich bei den täglichen Zusammenkünften ge- 
feiert und zwar gewiss in höchst einfacher Weise, da es mit einer Liebes- 
mahlzeit {ayanri Brief Judä v. 12) verbunden war. Als Zeichen der Bru- 
derliebe war in den Versammlungen der Bruderkuss, der Kuss der Liebe, 
der heilige Kuss ((ftlrjfia ayantiq^ (ftXrnia ayiov. Köm. 16. 16. 1 Petr. 
5, 14) üblich. Spuren der Sonntagsfeier finden sich Apostelgesch. 20, 7. 
1 Kor. 16,2; deutlich tritt er hervor Apokal. 1, 10, schon mit der be- 
stimmten Bezeichnung als Tag des Herrn (xvotaxTj ^/u-e^a), wobei, nach 
späteren Deutungen zu schliessen, wahrscheinlich die Beziehung auf die 
Auferstehung Christi vorwaltet. Man hat in 1 Kor. 5, 7, doch wohl ohne 
hinlänglichen Grund, die Spur eines christlichen Passahfestes in Korinth 
finden wollen. Die palästinensischen Judenchristen dagegen behielten die 
jüdischen Feste bei. 

Der sittliche Zustand bot manche Lichtseiten, doch fehlten keines- 
wegs die Schattenseiten. Es Jiing diess damit zusammen, dass die Apostel, 
Paulus zumal, aus wohl verstandener und vollkommen gerechtfertigter 
Kirchenpolitik das Evangelium zunächst in den grösseren Städten verkün- 
digten, von wo aus es sich in der Umgegend leichter verbreiten konnte. 
Li den Städten, zumal in den grösseren herrschte grosse Sittenverderbniss, 
und diese brachten die von den Heiden zur christlichen Partei Uebertre- 
tenden zum Theil mit. Die Apostel waren nämlich, wie uns schon die 
Vorgänge am ersten christlichen Ptingstfest und die in Samarien beweisen, 
in der Aufnahme neuer Mitglieder sehr weitherzig. Ihre Praxis hielt die 
gesunde Mitte inne zwischen der römisch-katholischen Laxheit und dem 
Rigorismus einiger protestantischer Missionare. Sie begnügten sich mit 
den ersten aufrichtigen Regungen christlichen Glaubens und christlicher 
Sinnesänderung und behielten sich vor, die Leute, nachdem sie dieselben 
für das Christenthum gewonnen, geistig zu bearbeiten, wie ihre Briefe es 
bezeugen. Aus diesen Briefen ersehen wir, wie viele und tief gehende 
Schäden hervortraten, wie auch die Lehre von der Rechtfertigung durch 



1) Euseb. 5, 28. 



31 

den Glauben Heischlicli niissbraucht wurde. Eine, eigentlich unsittliche 
Sekte bildete sich in den kleinasiatischen Gemeinden, die Sekte der Niko- 
laiten, die identisch sind mit denjenigen, die als die Lehre Bileams fest- 
haltend autgeführt werden (Apokal. 2 , 6. 14. 15) ^j. Eine schauerliche 
Tiefe sittlichen Verderbens thut sich uns auf in den Menschen, welche der 
2. Brief Petri und der Brief Judä bekämpft. Denn es ist das Eigenthüm- 
liclie solcher Perioden grosser Bewegung, alle guten und alle schlechten 
Kräfte in der menschlichen Natur anzuregen und in Thätigkeit zu setzen. 
Wo viel Licht, da ist auch viel Schatten, dieses Wort bestätigte sich auch 
an den ersten christlichen Gemeinden. Die sittlichen Auswüchse inmitten 
der christlichen Gemeinden blieben den Heiden, wie von vorn herein zu 
erwarten, keineswegs verborgen. Sie wurden, wie wir aus Sueton und 
Tacitus ersehen, geltend gemacht, um die Christen überhau})! als eine 
unsittliche Sekte darzustellen. Daher die Ermahnung des Apostels Petrus 
(1 Brief 3, IGj habt ein gutes Gewissen, auf dass die, so von euch after- 
reden als von Uebelthätern, zu Schanden werden. Dass man bei grellen 
Vergehungen sich nicht mit Ermahnungen begnügte, verstellt sich von 
selbst. Nachdem Petrus im eigenen Namen, als Apostel, Ananias und 
Sai)hira und Simon den Magier gestraft, machte Paulus den Grundsatz 
geltend, dass die Kirchenzucht durch die gesammte Gemeinde geübt wer- 
den müsse, mit sorgfältiger Vermeidung alles dessen, was an Hierarchie 
erinnern konnte. Ein sehr bezeichnendes Beispiel davon ist die Aus- 
schliessung des Blutschänders in Korinth (1 Kor. 5, 2—13. 2 Kor. 2, .0—8). 
Dass aber die Apostel den Gemeinden kein hartes Joch auferlegten, ist 
aus ihren Briefen zu ersehen. Sie forderten nicht einmal Easten, erklär- 
ten sich gegen harte Askese, gegen solche, die des Leibes nicht schonen, 
dem Eleisch seine Ehre nicht anthun (Kol. 2, 21—23). Derselbe Paulus, 
der (1 Kor. 7) den Puith gegeben, nicht zu heirathen, theils wegen der 
misslichen Zeitumstände, theils wegen der mit dem ehelichen Leben ver- 
bundenen Versuchung, den Dienst des Herrn hintanzusetzen, er fand es 
später für nothwendig, sich gegen diejenigen zu erklären, welche die Ehe 
verboten, und die höhere, christliche Idee von der Ehe hervorzuheben 
(Ephes. 5, 23—32). Waren doch alle Apostel, ausser Paulus und Johannes 
verheirathet und führten ihre Erauen mit sich herum (1 Kor. 9, 5) '^), wo- 
bei Paulus geflissentlich Petrus hervorhebt. Paulus war soweit davon ent- 
fernt, zum ehelosen Leben anzutreiben, dass er (1 Tim. 5, 14), die be- 
stimmte Willensmeinung ausspricht, die jungen Wittwen sollen heirathen, 
Kinder zeugen u. s. w., sich darauf gründend, dass schon einige allein 



1) S. Jas Nähere darüber im betreffenden Artikel der Realencyklopädie. 

2) Nachdem schon in der patristischen Zeit von einigen, z. B. v. Cleni. AI. 
Strom. 3, 6 auch Euseb. 8, f)0 die Meinung aufgestellt worden, Paulus sei ver- 
heirathet gewesen, welcher Ansicht auch Luther beipüichtete, hat Hausratli a. a. 0. II. 
S. 428) dieselbe Ansicht aufgestellt, indem er davon ausging, dass die Stellen 1 Kor- 6, 
12—7, 10. 1 Thess. 2, 7. 5, 4. Gal. 4, 10. 1 Kor. 3, 2. 4, 15 am besten auf einen 
Verbeiratheten passen. Er meint Paulus sei Wittwer gewesen. Nach Chrysostomus zu 
Phil. 4, 3 meinten einige, Paulus rede mit Gv^vye yytjffie seine Gattin an. 



32 

stehende junge Wittwen vom christlichen Glauben abgefallen sind. Alte 
Wittwen, die das 60. Lebensjahr überschritten und einen guten Lebens- 
wandel geführt, wurden unter die Zahl der zu versorgenden aufgenommen, 
in die später sogenannte Classe der Wittwen {Tayfia xVQ^^^i sie sollten 
über das weibliche Geschlecht, zunächst über die verheiratheten jungen 
Frauen eine mütterliche Aufsicht führen (Tit. 2-, 3). Dass mit dem Amt 
der Diakonissen (Rom. 16, 2) die P^nthaltung von der Ehe verbunden war, 
ist höchst unwahrscheinlich, da die Diakonen verhcirathet waren und Paulus 
nur darauf dringt, dass sie in der Monogamie leben (1 Tim. 3, 12). 

IV. Auf dem Gebiete der Lehre war vor allem massgebend die 
Kampfstellung gegen das Judenthum und das Judenchristenthum. In diesem 
Kampfe entwickelte Paulus die Grundzüge der Lehre vom Menschen, von der 
Sünde, von der Erlösung und Versöhnung, von der lleilsordnung überhaupt, 
sodann die Lehre von den Gnadenwirkungen, von der Vorherbestimmung im 
Gegensatze zu dem engherzigen Stolze der Juden, die nur das eigene Volk 
als das von zu Gnaden angenonnnene gelten lassen wollten, endlich die 
Lehre von der Kirche als Zusammenfassung der Gläubigen aus allerlei 
Volk in der Einheit des Geistes und Glaubens, in welchem alle nationalen 
und religiösen Unterschiede verschwinden und nur der in Liebe thätige 
Glaube, nur die neue Creatur gilt (Galater 5, 6. 6, 15). 

PiS gab aber noch mannigfaltige andere Verirrungen. In Beziehung 
auf die schw\ärmerischen eschatologischen Erwartungen der Thessalonicher, 
welche die Zukunft Christi als unmittelbar bevorstehend sich dachten, so 
dass einige nicht mehr arbeiten wollten, gab Paulus einige berichtigende 
Erläuterungen (2 Thess. 2, 1 if. 3, 10—12). Die Unordnungen und Miss- 
bräuche bei der Feier des Abendmahls gaben ihm Anlass, die betreffende 
Lehre durch einige wichtige Sätze zu erläutern (1 Kor. 11, 20 ff.). Schon 
in demselben Briefe tritt er solchen entgegen, welche die Auferstehung 
der Todten läugnen und verbreitet sich ausführlich über diese Lehre 
(1 Kor. 15). Von besonderer Beachtung ist das Eindringen einer philoso- 
phischen oder theosophischen , vielleicht von den P^ssenei^n entlehnten Be- 
handlung des Christenthums , wodurch Christus unter die Engel gestellt 
wurde, in einigen heidenchristlichen Gemeinden, verbunden mit einer aske- 
tischen Richtung, welche des Leibes nicht schonte und zugleich mit Ver- 
pflichtung auf das mosaische Ceremonialgesetz. Paulus stellt daher im 
Briefe an die Kolosser, unter welchen diese Verirrungen sich zeigten, die 
Hauptsätze seiner Christologie auf. Er warnt vor der Verführung durch 
die Philosophie Kol. 2, 8. Derselbe Apostel, der sonst so sehr die Erkennt- 
niss, yvcoaig empfiehlt (1 Kor. 1,5), der die Erkenntniss als besonderes 
Charisma aufführt (ibid. c. 12, 8), er sieht sich veranlasst, den Timotheus 
vor fälschlich sogenannter Erkenntniss zu warnen (1 Tim. 6, 20), weil es 
offenbar schon einige gab, welche unter dem blendenden Namen der Er- 
kenntniss den Inhalt des christlichen Glaubens untergruben. Auf Irrlehrer 
bezieht sich auch seine Anrede an die Aeltesten von Ephesus (Apostel- 
gesch. 20, 29. 30). In Palästina versteifte sich die judenchristliche Richtung 
bald nach dem Tode des Paulus so weit, dass die Gottheit Christi nicht an- 
erkannt wurde und einige bereits in das Judenthum völlig zurückfielen. 



33 

Denn die Richtung dieser Partei ging dahin, die ganze mosaische Reli- 
gionsverfassung aufrecht zu halten. Gegen diese Abirrung ist der Brief an 
die Hebräeji» gerichtet, der die Gottheit Christi hervorhebt (c. 1), die mo- 
saische Religionsverfassung als blosse Abschattung dessen, was im Evange- 
lium gegeben ist, darstellt und vor dem Verlassen der Versammlungen, 
d. h. vor Rückfall in das Judenthum warnt (10, 25 vgl. mit 2, 1—4. 3, 7. 
5, 11. 6, 20). Es sind diess die Anfänge des späteren Ebionitismus i). Die 
Zerstörung von Jerusalem mit den begleitenden entsetzlichen Unglücks- 
fällen brachte doch diese Leute nicht zur Besinnung. So sehen wir denn 
die beiden Hauptformen der Häresis, die im zweiten Jahrhundert stärker 
sich geltend machten, bereits im apostolischen Zeitalter hervortreten, wie es 
denn von vornherein zu erwarten ist, dass die grosse häretische Bewegung 
des zweiten Jahrhunderts ihre Vorläufer hatte; und zwar entspringt, was 
wohl zu beachten, die gnostische Richtung zunächst auf dem Gebiete des 
Judenchristenthums, und verpflanzt sich erst von da auf das Gebiet des 
Heidenchristenthums. 

Seit der Zerstörung von Jerusalem traten aufs neue Abirrungen ein, 
wie denn der Apostel Johannes klagt, dass viele Antichriste, d. h. Christus- 
läugner in die Welt ausgegangen (1 Job. 2, 18. 2 Job. v. 7). Einei stär- 
keren Tadel konnte er über diese Verirrung nicht aussprechen^ als wenn 
er sie als Erscheinung des Antichristenthums hinstellte, woraus er zugleich 
den Schluss zog, dass die letzte Stunde für die gegenwärtige Weltperiode 
geschlagen habe. In den Kreisen, worin der Apostel Johannes lebte, d. h. in 
und um Ephesus, regte sich wie zu des Apostels Paulus Zeit die Gnosis, die 
fälschlich sogenannte, und zwar wiederum zunächst an das Judenthum sich 
anschliessend, ohne jedoch den antijüdischen, antimonotheistischen Charakter 
verläugnen zu können. Es lebte nämlich gleichzeitig mit dem Apostel Johan- 
nes in Ephesus, der jüdische Gnostiker Kerinth. Er ging aus von einem 
über alle Berührung mit der sinnlichen Welt erhabenen, aus der Verbor- 
genheit seines Wesens nicht heraustretenden Gotte, dem unerkennbaren 
Gotte (d^sog ayvca^og). Derselbe habe durch seine Engel die Welt erschaffen 
lassen. Als obersten derselben mag er sich der Juden Gott gedacht haben, 
ohne dass wir mit Epiphanius annehmen müssen, er habe dem Urheber 
des Gesetzes die Güte abgesprochen; durch ihn und die übrigen Engel sei 
das mosaische Gesetz gegeben worden, eine ziemlich allgemeine Vorstellung 
der damaligen jüdischen Theologie (Apostelgesch. 7, 53). Dadurch sollte 
einerseits die jüdische Religion vor den anderen Religionen, die durchaus 
irdischen Ursprungs sind, ausgezeichnet, andererseits unter das Christen- 
thum gestellt werden. Die genannte Vorstellung vom Judengotte erscheint 
weniger auffallend, wenn wir bedenken, dass Kerinth einem Theile des 
mosaischen Gesetzes den wahrhaft göttlichen Ursprung absprach. Im Mes- 
sias ist die vollkommenste Offenbarung des verborgenen Gottes erschienen, 
aber nicht die vollkommene. Bei Kerinth ist keine Spur von paulinischer oder 
johanneischer Christologie zu finden. Jesus, Sohn Joseph's und der Maria, 
machte sich durch gesetzliche Frömmigkeit fähig und würdig, zum Messias 
erkore n zu we rden. Bei der Taufe verband sich der heilige Geist, den er 

1) S. Bleek in der Einleitung zum Commentar über den Brief an die Hebräer. 
Herzog, Kirchengeschichte I. o 



34 

den avoo Xqictoq nannte, mit dem Menschen Jesns, dem xar« XgKTtog, 
und so wurde dieser mit Wundergaben und vollkommener Erkenntniss 
Gottes ausgerüstet. In Verbindung mit diesem mächtigen Gottesgeiste 
hätte Christus nicht leiden können. Sein Leiden und Tod beweist, dass der 
obere Christus ihn wieder verlassen hatte. So wenig gehörte Leiden und 
Tod zum Versöhnungswerke Christi. Als Fortsetzung und Vollendung der 
göttlichen Offenbarung sollte, nachdem die Welt sechstausend Jahre bestanden, 
eine neue himmlische Ordnung der Dinge entstehen, im siebenten Jahrtausend 
der Sabbathsruhe für die von allem Kami)fe befreiten Frommen. Bis dahin 
sollte die Beobachtung des Gesetzes (Beschneidung, Sabl)ath u. s. w.) fort- 
dauern. Jerusalem sollte der Sitz des tausendjährigen Reiches sein. l^]s 
werden dem Kerinth über die Beschaffenheit dieses lleiches krass sinnliche 
Verstellungen beigelegt. Später behauptete man sogar, dass er Verfass(;r 
der Apokalypse Johaiinis sei, die er, um den darin niedergelegten Ansichten 
mehr Eingang zu verschati'en, unter jenem verehrten Namen herausgegeben 
habe. Gewiss ist, dass er die Autorität des Ai)ostels Paulus nicht anerkannte 
und unter den Evangelien nur das von Matthäus und zwar bloss theilwei^e 
als kanonisch ansah i). 

Es standen diese Ansichten des Kerinth nicht vereinzelt da. Nicht mir 
war der Chiliasmus eine weit verbreitete Zeitansicht; auch Kerinth's theo- 
sophische Sätze erinnern an vorhandene Speculationen , die fi'eilich zum 
Theil zu anderen Resultaten führten. Aus der absoluten Entgegensetzuu.»- 
von Geist und Materie, die als unerschaffen galt, ging schon am Ende des 
ersten Jahrhunderts der sogenannte Doketismus hervor. Die Dokete i 
{öoxritai)^ iiiidi phantasiasfae genannt, lehrten, dass die göttliche Natur sic.i 
mit der menschlichen durchaus nicht habe vereinigen können, Jesus habo 
bloss dem Scheine nach (to Soxsiy^ ^oxr^CEi) einen menschlichen Leib ge- 
habt. Sein Leib sei ähnlich gewesen dem der Engel; daher habe er aucli 
bloss scheinbar gelitten. Zu Anfimg des zweiten Jahrhunderts erschein, 
diese Vorstellungsart schon ziemlich ausgebildet 2). 

Ob und inwieweit das Evangelium und die Briefe des Apostels Johan 
nes gegen diese Zeitansichten gericlitet sind, darüber weichen noch jetzl 
die Ansichten sehr von einander ab. Das steht fest, dass Johannes in 
Evangelium nirgends direct polemisch verfährt. Er gibt die positive Thesit 
zu der von Anderen angefochtenen Wahrheit; in den Briefen dagegen ist 
die direct polemische Beziehung nicht zu verkennen (1 Joh. 2, 18 ff. 4, 2 ff. 
2 Joh. V. 7). AVahrscheinlich ninnnt Johannes Bezug auf Kerinth, nicht 
aber auf die Doketen. 

So viel steht fest, Johannes hat als Centralpunkt des christlichen Be- 
kenntnisses den Glauben an das Fleisch gewordene ewige Wort (Logos) 
aufgestellt. Darin schliesst er sich auf das bestimmteste an Paulus an, 
dessen Christologie , wie er sie besonders im Briefe an die Kolosser dar- 
legt, sich in der Anerkennung der Gottheit Christi und in der Auffassung 
des Christenthums als der absoluten Religion abschliesst. Wohl zu beachten 



1) Irenäus adv. haer. 1, 26. Euseb 3, 28. Epipbanius haeresis 28. Hippoljtns 7, 33. 

2) Ignatius ad Smyrn. c. 1—8 ad Epliesios c. 7. 



35 

ist, class, jemehr Johannes und Paulus, sowie auch der Verfasser des Briefes 
an die Hebräer auf Emancipation von der mosaischen Religionsform hin- 
arbeiten, sie desto stärker die Offenbarung Gottes in Christo, die Gottheit 
Christi hervorheben, worin sie eben die Berechtigung und das Mittel zu 
jener Emancipation erkennen. 

y. Die vorhin genannten Differenzen und Abirrungen waren um so 
bedenklicher, da die Apostel einer nach dem anderen vom Schauplatze 
dieser Erde abtraten. Es ist hier der Ort, von ihren letzten Schicksalen 
und Thaten zu reden. Petrus, der in der Apostelgesch. vom 15. Capitel an 
merkwürdigerweise gar nicht mehr erwähnt wird, verweilte etwas später 
vorübergehend in Antiochien in Syrien (Gal. 2, 11) und wendete sich bald, 
während Paulus nach den westlichen Gegenden sich richtete, nach dem 
äussersten Osten, nach Babylon, wo die zahlreichen Juden ihm ein ergie- 
biges Arbeitsfeld darboten. Von Babylon aus (5, 13) schrieb er seinen 
ersten Brief an kleinasiatische Gemeinden, deren Existenz wir, was die Ge- 
meinden in Pontus, Kappadocien und Bithynien betrifft, erst aus diesem 
Briefe kennen lernen und die grossentheils aus Heidenchristen bestanden 
(1, 18. 2, 10. 4, 3. 4). Von seinem Märtyrertode spricht in dieser Zeit 
bloss und allein Clemens von Rom in seinem am Ende des ersten Jahrhun- 
derts geschriebenen Briefe an die Korinthier und zwar in solcher Weise, 
dass daraus ebensowohl gegen eine Anwesenheit des Petrus in Rom als 
für eine solche geschlossen werden kann. Alle anderen Berichte über des 
Petrus Aufenthalt, Wirksamkeit und Tod in Rom gehören den nachaposto- 
lischen Zeiten an und müssen im Zusammenhange mit den damaligen Zeit- 
strömungen betrachtet und beurtheilt werden. Was den Apostel Paulus be- 
trifft, so steht fest, dass sein Tod nicht an das Ende der zwei Jahre fällt, 
die er nach der Apostelgeschichte als Gefangener in Rom zubrachte; denn in 
diesem Falle hätte Lucas nicht ermangelt, seine Geschichte damit abzu- 
schliessen. Es bleibt das wahrscheinlichste, dass er damals aus der Ge- 
fangenschaft befreit, nachdem er noch einige Jalire seine Wirksandveit fort- 
gesetzt und wieder in Gefangenschaft gerathen, in der neronischen Verfol- 
gung hingerichtet wurde, wie aus demselben Briefe des Clemens hervor- 
geht, der auch von Petri Tode spricht^). 



1) Bekanntlich deuten ausgezeichnete Ausleger und Historiker, im Anschlüsse an 
eine Ansicht, die schon Euseb. 2, 15 kennt, in der Stelle 1 Petr. 5, lo Babylon als figür- 
liche Bezeichnung von Eom, sich berufend auf die ebenfalls figürliche Bezeichnung (Tm- 
GnoQtt (1, 1), fxlfXTTji und viog von Marcus ausgesagt. Allein es liegt auf der Hand, 
dass daraus kein zwingender Grund abgeleitet werden kann, Babylon auch so zu verstehen. 
Mit Recht hat der katholische Theologe Hug bemerkt, dass eine solche figürliche Bezeich- 
nung in einem Werke, dessen ganze Anlage symbolisch sei, sehr wohl angehe, hingegen in 
der JJnterschrift eines Briefes nur dann glaublich wäre, wenn es arcana nomina ecclesiarum 
unter den Christen gegeben hätte. Es ist auch nicht. ohne Grund bemerkt worden, dass 
die Aufeinanderfolge der Landschaften , deren Gemeinden gegrüsst werden (1 Petr. 1 , 1), 
nicht zu einem Briefsteller, der in Rom weilt, passt, sondern vielmehr zu einem solchen, 
der im Osten befindlich ist. Sodann fällt es auf, dass Petrus den Spuren des Apostels 
Paulus gewissermassen nachgeht. Es steht fest, was auch Thiersch dagegen sagen möge, 
das Petrus zu der Zeit, als Paulus den Brief an die Christen zu Rom schrieb, daselbst 

3* 



36 

Petrus und Paulus, diese beiden Apostel, repräsentiren die Aussöhnung: 



nicht war noch früher gewesen war; sonst hätte Paulus es erwähnt oder wenigstens darauf 
Bezug genommen. Ebensowenig fand sich Petrus in Rom, als Paulus daselbst eintraf, um 
zwei Jahre daselbst zu verweilen. Unerklärlich wäre das Stillschweigen der Apostelgesch. 
über eine so wichtige Thatsache. Auf keinen Fall kann also Petrus vor dem Jahre 62 
oder 63 nach Rom gekommen sein. Es liesse sich damit immer noch mit Gieseler die 
Annahme verbinden, dass der genannte Brief aus Babylon geschrieben sei. Nur müsste man 
sich über Petri Beweglichkeit wundern, der in seinen alten Tagen auf seinen Reisen noch 
mehr Länder umspannt haben würde als selbst Paulus. 

Im Schreiben an die Korinthier (c. 4. 5. 6) theilt Clemens von Rom über das Mar- 
tyrerthum der beiden Apostel Petrus und Paulus einiges mit, wovon bei der näheren Unter- 
suchung der Sache ausgegangen werden muss, weil es die erste ausserneutestamentliche 
Nachricht ist. Clemens unterscheidet drei Classen von Menschen, die für die gute Sache 
gekämpft und gelitten haben. In erster Linie führt er Abel, Moses, David an. Darauf 
geht er zu denjenigen über, welche uns, sagt er, der Zeit nach die nächsten sind, zu den 
erlauchten Vorbildern der gegenwärtigen Generation (t^? ytyeag ^^wv t« y^waia vno- 
dsiy/uara. Hier kommt er, ohne jedoch den Ort zu nennen, auf das Märtyrerthum jener 
beiden Apostel zu sprechen. In dritter, von der zweiten deutlich unterschiedener Linie 
führt er römische Märtyrer an, eine grosse Schaar von Auserwählten, welche viele Qualen 
ausgestanden haben, und so, sagt er, „unter uns" die besten Vorbilder geworden sind 
{(iTJo^fty/Lta xakliGiov ?// »/,«<»'.)• ^^ ist hier offenbar die Rede von der Verfolgung 
unter Nero und von den römischen Opfern dieser Verfolgung. Insofern haben wir hier 
eine Ortsbestimmung, die, wie es scheint, auf das Martyrium jener beiden Apostel ausge- 
dehnt werden kann. Allein diess ist nicht völlig sicher. Möglicherweise geht der Sinn 
des Verfassers dahin, dass Petrus und Paulus auch zu denjenigen gehören, die „unter 
uns", d. h. in Rom, Märtyrer geworden sind. Aber in den Worten ist es nicht ausge- 
drückt. So urtheilt auch Gieseler. 

Was insbesondere Petrus betrifft, so macht noch ein anderer Punkt Schwierigkeit. 
Von diesem Apostel wird in aller Kürze berichtet, dass er, nachdem er Vieles ausgestan- 
den, an den verdienten Ort der Verherrlichung gegangen sei. In dem weit grösseren und 
ausführlicheren Lobe, das Paulus ertheilt wird, kommen Angaben vor, woraus man schliessen 
könnte, dass allein dieser Apostel im Abendlande lehrend aufgetreten und daselbst Mär- 
tyrer geworden: er habe den Preis der Ausdauer erhalten, da er siebenmal Fesseln ge- 
tragen, verjagt und gesteinigt worden sei. Er sei Verkündiger des Evangeliums sowohl 
im Morgen- als im Abendlande geworden, habe die ganze Welt Gerechtigkeit gelehrt, sei 
bis an das Ende des Abendlandes (rf()^/« it^q dvctojg) gekommen und habe vor Fürsten 
und Obrigkeiten Zeugniss abgelegt (luftQTvoTjffag (m rwr ijyovtjfywv). So sei er an den 
heiligen Ort gegangen, als das grösste Beispiel der Ausdauer. — Die siebenmaligen Fesseln 
bringt der Verfasser vielleicht so heraus, dass er zu den fünf Malen, die Paulus selbst an- 
gibt (2 Kor. 11, 24) noch die Gefangenschaft in Cäsarea und in Rom rechnet. Das Ende 
des Abendlandes ist wahrscheinlich auf Spanien zu beziehen (Rom. 16, 24). MaQTVQijaag 
int TMv rtQ^o/mivMv erklärt sich am besten auf die angegebene Weise, wobei nicht speciell 
an diejenigen zu denken ist, welche am Ende der Regierung Nero's die Herrschaft führten. 
(S. Dressel, patrum apostolic. opera ad h. 1.). Es fällt nun aber sehr auf, dass nur von 
Paulus gesagt wird, er sei in das Abendland gekommen. Ist auch Petrus dahin gekom- 
men, so bleibt es geradezu unerklärlich, warum Clemens dieses nur von Paulus im deut- 
lichen Unterschiede von Petrus aussagt. Er konnte dazu unmöglich durch die Annahme 
veranlasst sein, dass es von Paulus weniger bekannt war als von Petrus. Oder ist das 
der Sinn des Verfassers, dass Petrus zwar in Rom gewesen, aber durchaus nicht als Ver- 
kündiger des Evangeliums, bloss um daselbst hingerichtet zu werden? Möglich aber un- 
wahrscheinlich. Auf jeden Fall verliert so die Anwesenheit Petri in Rom, wenn sie je 
stattgefunden, für die Entwicklung der dortigen Gemeinde jegliche Bedeutung. 



37 

der beiden Parteien in der Kirche, der judenchristlichen und der heiden- 
christlichen in der Einheit des Glaubens an Christum als den alleinigen 
Grund des Heiles, mit Ausschliessung der Gerechtigkeit aus dem Gesetze. 
Der Apostel Johannes verweilte, nachdem er Jerusalem verlassen, 
in Ephesus , seine Wirksamkeit auf kleinasiatische Gemeinden erstreckend 
bis zum Anfang der Regierung Trajans, d. h. bis nahe an das Ende des 
ersten Jahrhunderts ^). Er soll unter Domitian nach Patmos verwiesen wor- 
den sein 2) , was aber wahrscheinlich früher geschehen ist. Völlig ins Ge- 
biet der Sage gehört die Nachricht, dass er unter demselben Domitian nach 
Rom geschleppt, daselbst in siedendes Oel geworfen worden und daraus 
unversehrt hervorgegangen sei 3). Einen sehr schönen Zug von ihm hat Cle- 
mens von Alexandrien, doch auch nur auf einer Sage beruhend, aufbewahrt ^) 
— von dem Jünglinge , der auf grosse Abwege gerathen und vom Apostel 
wieder auf den rechten Weg gebracht wurde. Nach einer bis auf Polykarp 
zurückgehenden Ueberlieferung soll Kerinth einst mit dem Apostel Johan- 
nes in einem Bade in Ephesus zusammengetroffen sein und dadurch diesen 
bewogen haben, das Haus sofort zu verlassen, aus Furcht, es möchte das 
Dach sofort über dem Ketzer zusammenstürzen &) ; jedenfalls ein Ausdruck des 
Abscheus der Zeitgenossen gegen Kerinth's Irrlehren. Anderes Sagenhafte 
übergehen wir. Man hat aber in neuester Zeit selbst des Apostels Auf- 
enthalt in Ephesus für eine spätere Erdichtung erklärt, dazu bestimmt, 
der ephesinischen Gemeinde einen neuen Glanz zu verleihen , wie aus 
ähnlicher Absicht die Sage von Petri Wirksamkeit und Tod in Rom ent- 
standen sei. Man hat behauptet, es sei der Apostel mit dem Presbyter 
Johannes , dessen Existenz durch Papias verbürgt ist ^) , verwechselt wor- 
den. Doch, wenn gleich in der Ueberlieferung, betreffend des Apostels 
Johannes Aufenthalt in Ephesus, einige Unklarheit herrscht, so berechtigt 
das keineswegs zu der genannten Ansicht ^). Jakobus , nicht der Bruder 
des Apostels Johannes, der frühe hingerichtet wurde (Apostelgesch. 12, 
1, 2) , sondern der Bruder des Herrn (Gal. 1 , 19) wirkte lange Zeit hin- 
durch in Jerusalem als Vorsteher der Gemeinde, als Vorsteher des nicht 
häretischen Judenchristenthums , auch bei den Juden hoch angesehen, der 
Gerechte genannt; er erlag dem Fanatismus der Juden kurz vor Ausbruch 
des jüdischen Krieges ^). An seine Stelle wurde Simeon, des Erhisers 
Verwandter, gewählt, und zwar von den damals noch lebenden Aposteln, 
unmittelbaren Jüngern des Herrn und von den noch lebenden leiblichen 
Verwandten desselben. Diess berichtet Eusebius auf Grund einer münd- 



1) So berichtet Irenäus 3, 3. 4. 

2) Euseb. 3, 18. 

3) Tertullian de praesurapt. heret. c. 36. Hieron. adv. Jovirn. c. 1. 

4) Am Ende der Schrift: quia dives salvus. 

5) Irenäus 3, 3. Euseb. 3, 28. 4, 14. 

6) Euseb. 3, 39. 

7) S. Keim im angeführten Werke. Gegen ihn ist Steitz aufgetreten in den 
Studien und Kritiken 1868 S. 487. 

8) Hegesipp. bei Euseb. 2, 23. 



liehen Tradition 0- ^^^ wissen aus demselben Eusebius , dass die Juden- 
cbristen gerne leibliche Verwandte des Herrn zu Vorstehern wählten 2). 
Wie diese Vorsteherschaft beschalfen war, darüber sagen die Berichte 
nichts. — Was die übrigen Apostel betrifft, so soll, der Ueberlieferung 
zufolge, Thomas in Parthien, Andreas in Scythien das Evangelium ver- 
kündigt haben 3). Erst Gregor von Nazianz kennt die Sage , dass Thomas 
bis nach Indien gelangt sei, wo übrigens noch heut zu Tage die Thomas- 
christen sich auf ihn berufen. Bartholomäus soll in Indien, d. h. in Jemen, 
gewirkt haben, Matthäus in Aethiopien. Beachtenswerth ist es, dass von 
keinem einzigen der 12 ursprünglichen Apostel gemeldet wird, er habe 
sich nach Europa gewendet, um so grössere Bedeutung erhielt die Wirk- 
samkeit des Apostels Paulus. Denn für die fernere Entwicklung und Aus- 
breitung des Christenthums war es von der höchsten Bedeutung, dass es in 
Europa eingebürgert wurde. 

VI. Der Nachwuchs von Lehrern und Vorstehern der Kirche, ob- 
schon es zum Theil Apostelschüler und Apostelgehülfen waren, bildet einen 
grossen Abstand gegen die Apostel selbst, und das war nicht gerade ein 
günstiges Zeichen der Zeit. Es kommen hier in Betracht die seit Clericus 
unter dem Namen apostolische Väter zusammengefassten Lehrer und 
Vorsteher von Kirchen , sieben an der Zahl , Barnabas, Clemens von 
Rom, Hermas, Ignatius, Polykarp, Papias, Dionysius Areo- 
pagita (Apostelgesch. 17, 34). Allein die ihnen zugeschriebenen Schriften 
sind theils verloren gegangen (wie die des Papias"), theils gehören sie an- 
deren Verfassern an, sind im zweiten Jahrhundert oder noch später (z. B. 
die areopagitischen Schriften) verfasst worden ^). 

Unter allen diesen Männern fällt allein Clemens von Rom mit Sicher- 
heit noch in das apostolische Zeitalter, bildet aber bereits den Uebergang 
in das nachapostolische Zeitalter. Einem Manne dieses Namens wird schon 
von Dionysius von Korinth c. 170, sodann von Irenäus, Clemens von Alexan- 
drien u. A. ein an die Korinthische Gemeinde gerichteter Brief zugeschrieben &), 
der noch vorhanden ist, doch ohne Nennung des Namens des Verfassers. Viel- 
mehr ist es die römische Gemeinde, welche als den Brief schreibend auf- 
tritt. Er ist veranlasst durch die Auflehnung einiger unruhigen, frechen 
Menschen gegen die eingesetzten Presbyter, er soll dazu dienen, die 
Ungehorsamen zurecht zu weisen und den Frieden wieder herzustellen. 
Der Verfasser scheint der paulinischen Schule anzugehören , daher die wie- 
derholte \Yarnung, sich nicht auf Werke zu verlassen (c. 32). Die Art, wie 
er von Paulus spricht in der oben angeführten Stelle (c. 5) scheint auf 
solche Bezug zu nehmen, welche Paulus neben Petrus zu verkleinern 
suchten. Doch lässt er dem Apostel Petrus seinen Vorrang, indem er ihn 



1) Euseb. 3, 11 loyog xaTS/d' 

2) Euseb. 3, 20. 

3) Origenes bei Euseb. 3, 1.. 

4) Ausgaben der patres apostolici von Cotelerius, Paris 1672, von Clericus, Am- 
sterdam 1724, von Hefele, Tübingen 1839 u. 1855, von Dressel 1857. 1863. 

6) Euseb. 4, 23. 



39 

zuerst erwähnt. Ergreilend ist die Stelle, wo der Verfasser, um seinen 
Ermahnungen zum Frieden Eingang zu verschaffen, hinweist auf die Har- 
monie und Ordnung in der Bewegung der Weltkörper, die alle ihre ange- 
wiesenen Bahnen verfolgen, ohne über die Grenzen derselben hinauszu- 
schweifen. Der Verfasser scheint durchaus dem PresbytercoUegium anzu- 
gehören. Es könnte sein, nach c. 1, dass der Brief zur Zeit der Verfolg- 
ung durch Kaiser Domitian geschrieben ist. Er zeigt übrigens noch keine 
Spur der späteren Episkopalverfassung. Presbyter und Bischöfe sind 
identisch c. 42. Der Verfasser des Briefes, den man mit dem im Briefe 
an die Philipper 4, 3 genannten Clemens nicht verw^echselu darf, muss in 
der römischen Gemeinde eine angesehene Stellung eingenommen haben, da 
er mit der Abfassung des Briefes beauftragt wurde. Dass man daraus 
später geschlossen, er sei Bischof von Rom gewesen, dass er bald der 
erste, bald der zweite, bald der dritte oder auch der vierte Nachfolger 
Petri genannt wird, das hängt theils mit der Ausbildung der Episkopal- 
verfassung, theils mit der Entwicklung der Petrussage zusammen und wird 
später in Verbindung damit zur Sprache kommen. 

Hier soll noch auf folgende Punkte aufmerksam gemacht werden. 
Der Brief des Clemens gibt uns das erste Beispiel einer Gemeinde, die 
an eine Schwestergemeinde eine Ermahnung ergehen lässt. Dass gerade 
die römische Gemeinde ein solches Beispiel gab, ist ein im Hinblick auf 
die Folgezeit beachtenswerthes Ereigniss, zugleich ein Beweis der hohen 
Achtung, worin diese Gemeinde stand (Rom. 1, 8). Ihr Verfahren hat aller- 
dings etwas Auftauendes denn sie hat von der Korinthischen Gemeinde keiner- 
lei Auftrag zu einem solchen Mahnschreiben erhalten. Sie handelt aus eigen- 
stem Antriebe als wie mit einem Aufsichtsamte über die Kirche betraut (c. 47). 
Die wichtige Angelegenheit, um welche es sich handelte, liess über das Unge- 
wöhliche der Sache hinwegsehen. Galt es doch, eine hoch angesehene Kirche 
vor Zerrüttung zu bewahren; und es war der korinthischen Gemeinde gewiss 
sehr erwünscht, an der Kirche zu Rom eine Stütze und Schutzwehr gegen ver- 
derbliches Parteiwesen zu finden ; daher dieser Brief fortan in den Gemeinde- 
versammlungen zu Korinth öfter vorgelesen wurde (Euseb. 4, 23). — In dem- 
selben Sendschreiben begegnet man auch der ersten leisen Spur eines mit 
dem Abendmahle verbundenen sichtbaren Opfers und der Aulfassung des 
Episkopats oder Presbyterats als eines Opferdienstes. Schon so früh und 
zwar in Rom wurde die Linie der Schrift überschritten (c. 40. 41. 44). Ein 
2. aber unächter Brief desselben Clemens an die Korinthier, der erst jetzt 
vollständig erschienen, ist eigentlich eine Homilie. S. die Nachträge. Dem- 
selben Verfasser sind im 2. Jahrhundert eine Menge Schriften untergeschoben 
worden: 1) zwei Briefe in syrischer Sprache, 2) die apostolischen Constitutio- 
nen und Kanones, 3) die clementinischen Homilieen und Recognitioneu. 

VII. Inmitten dieser Bewegungen im Inneren der jungen christlichen 
Gemeinden trübten sich mehr und mehr die Verhältnisse nach aussen. 

Zunächst zwar waren die Christen vor der Verfolgung durch den 
Staat geschützt. Sofern sie als jüdische Sekte galten, gehörten ihre Ver- 
sammlungen zu den collegia licita (Apostelg. 18, 12). Doch gab es hin 
und wieder Volkstumulte gegen sie (Apostelgesch. 16, 19). In Thessalo- 



nich behandelte man sie als lElevolutionäre (Apostelgesch. 17, 6), gerade 
so wie die Juden Christum behandelt hatten. Mehrmals nahmen sich die 
römischen Behörden ihrer schützend an. Tiberius verfolgte die Chri- 
sten nicht, was zu der Sage Anlass gab, dass er Clmstum unter die Göt- 
ter aufgenommen 1). Aber auch Claudius liess die Cliristen in Kühe; er 
begnügte sich, die unter sich zankenden Juden aus Rom zu vertreiben, 
welcher Befehl nicht eigentlich durchgeführt wui-de^). 

Die erste eigentliche Verfolgung betraf die römische Gemeinde und 
ging von Nero aus, worüber Tacitus Bericht erstattet 3). Sie ging nicht 
aus Religionshass , sondern aus dem Bestreben hervor, den im Shwange 
gehenden Verdacht, dass er der eigentliche Urheber der Feuersbrunst , die 
Rom verzehrte, sei, von sich abzuwälzen. Dazu boten sich ihm die Chri- 
sten als willkommene Opfer dar. Er liess einige ergreifen, welche be- 
kannten Christen zu sein ; duixh sie erfuhr er das Vorhandensein vieler 
anderen in Rom, die er nun auch festnehmen liess. Da man sie de.s 
odium generis humuani beschuldigte — wie auch die Juden — so konnte^ 
der Verdacht, dass sie Urheber der Feuersbrunst seien, um so eher bei 
einigen Glauben linden; und die ausgesuchten Martern, womit man sie 
tödtete, wozu der Kaiser wahrscheinlich durch seine vertraute Rathgeberin 
die jüdische Proselytin Poppaea Sabina augetrieben wurde, — waren geeignet, 
im Volke den Glauben zu erwecken, dass auf den Christen eine grosse 
Schuld laste. Es wurde noch Spott mit ihnen getrieben, indem sie theils 
in Felle wilder Thiere eingenäht, und von Hunden zerrissen, theils in 
Nachahmung Christi gekreuzigt, theils in eine Tunica gehüllt, die mit 
Pech, Harz und anderen brennbaren Stoffen bestrichen war, an Pfählen 
festgebunden, lebendig verbrannt wurden, damit sie, wenn der. Tag sich 
neigte, bei einer vom Kaiser in seinen Gärten veranstalteten Lustbarkeit, 
dem Volke in ihrer Todesqual als lebendige Fakelu leuchteteu, indess 
Nero in dem Aufzuge eines Wagenlenkers unter das Volk sich mischte. 
Daher, obgleich bereits die ungünstigsten Urtheile und Lügen über die 
Christen im Volke laut geworden^), sich doch das Mitleid regte, da sie 
der .Mordlust eines Einzigen geopfert zu sein schienen. Die Verfolgung 
scheint mit Unterbrechung bis in die letzten Jahre Nero's (68) gedauert, 
jedoch sich nicht weit ausserhalb Rom's und der nächsten Umgebung aus- 
gedehnt zu haben ^). Während unter dem heidnischen Nero anhängenden 

1) Tertull. Apolog. c. 5. 

2) Sueton in Gl. c. 25. Judaeos impulsore Chresto assidue tamultuantes Roma 
expulit. Auch die Apostelg. 18, 2 weiss nur von einer Vertreibung der Juden. Man hat 
die Stelle in Sueton so gedeutet, als ob er sagen wollte, dass Juden und Christen über 
Christum mit einander gestritten hätten und desshalb vertrieben worden seien; doch das 
ist in den Text hineingetragen. Chrestus könnte allerdings i. q. Christus sein. Nach 
Tert. apol. c. 3, ad nationes 1, 5 wurden die Christen chrestiani genannt von den Juden. 
Aber Sueton kennt sehr wohl die Form christiani (in Nerone c. 16). 

3) Annales XV. 44. 

4) Tacitus nennt sie per flagitia invisos, wirft ihnen exitiabilis superstitio, atrocia 
und pudenda vor, Sueton in Nerone c. 16 nennt sie genus hominum superstitionis novae 
et maleficae. 

5) Obschon Orosius historiae 7, 7 von Nero berichtet: Komae christianos supplicio 
et morte affecit ac per omnes provincias pari persecutione excruciari imperavit. 



41 

Volke sich nach dessen Tode die Sage bildete , er werde als mächtiger 
Herrscher aus dem Orient wieder kommen, war bei den Christen das 
Grauen vor Nero so gross, dass sie glaubten, er werde am Ende der Tage 
mit dem Antichrist oder gar als Antichrist wieder kommen i). Man berief 
sich dabei auf sibyllinische Weissagungen. 

Nachdem unter Vespasian und Titus (70 — 81) die Christen in Kühe 
gelassen worden, verschlimmerten sich wieder die Verhältnisse unter Do- 
mitian (81 — 96). Man forderte von ihnen den jüdischen Leibzoll, eine 
Abgabe für den capitolinischen Jupiter 2). Man fing an , sie der Gottlosig- 
keit zu beschuldigen (a^eotrjg)^ sowie auch die Juden, mit denen man sie 
oft zusammenwarf. Angebereien von Sklaven wurden gegen sie angenom- 
men, gegen den bestimmten Wortlaut der römischen Gesetzgebung. Viele 
Christen sollen damals als Märtyrer gestorben sein, wie Eusebius in Chro- 
nicon berichtet. Weniger Bedeutung hatten des argwöhnischen Kaisers 
Nachforschungen nach Nachkommen Davids in Palästina, womit schon 
Vespasian vorangegangen war. Als die zwei Männer, die man ihm als 
leibliche Verwandte Christi und Nachkommen Davids vorstellte, ihm erklärt 
hatten, dass das Reich Christi nicht von dieser Welt sei und am Ende der 
Tage eintreten werde, entliess sie der Kaiser und befahl die Verfolgung 
gegen die Kirche einzustellen. Jene zwei Männer wurden darauf Vorsteher 
von Kirchen 3). Unter Nerva 90—98 hatten die Christen Ruhe, aber unter 
Trajan erneuerten sich die Verfolgungen, wovon später die Rede sein wird. 

Während auf diese Weise die Periode der Verfolgungen von heid- 
nischer Seite eingeleitet wurde, sehen wir, wie das jüdische Volk sich 
die furchtbaren Schläge, die es erlitten, nui' dazu dienen lässt, dass es 
in der Abwendung von dem zu ihm zunächst gesendeten Heilande sich 
noch mehr verhärtet. Seit den letzten Jahren des ersten Jahrhunderts 
kam der Gebrauch auf, in den Synagogen die Christen und den christ- 
lichen Namen täglich zu verfluchen *). Man hat lange geglaubt , dass der 
grösste unter seinem Volke in damaliger Zeit, Flavius Josephus, sich so- 
weit über das Niveau seiner Volksgenossen erhoben habe, dass er sich 
vor Jesu beugte. Allein, da Origenes bestimmt bezeugt, dass diess nicht 
der Fall gewesen &), so muss die Stelle, worauf jene Annahme sich grün- 
det 6) , als von den Christen entweder ganz angefertigt oder wenigstens 
stark interpolirt angesehen werden. 



1) Aug. de ci?it. Del 20, 19, Lact, de mortibus peraecutormn. 

2) Jos. de hello jud. 7, 6. 6. Sueton in Domit. b. 12. 

3) So Hegesipp bei Euseb 3, 16 und besonders 20. 

4j S. Justins Dialog mit dem Juden Tryphon c. 16. 47 u. a. Stellen, Hieronymus in 
Jesaiam 5, 18. 49, 7, in Arnos 1, 11: principes Judaeorum perseverant in blasphemia 
et ter per singuloa dies in omnibus synagogis sub nomine Nazarenorum anathematizant 
vocabulum christianum. 

5) C. Celsum: antßrcpv tw 'lijCov tag XqiCtq), 

6) Antiquitaeten 18, 3. 3. S. dazu die sinnige Hypothese von Gieseler 1, 81 ühef 
die wahrscheinüche Interpolution. 



Die Zeiten des alten Eatüflliclsnins. 

Vom Anfange des zweiten bis zum Anfange des achten Jahrhunderts. 

Dieser Katholicismus , den man ja nicht mit dem verwechseln dari, 
was wir jetzt Katholicismus nennen, entwickelt sich vorherrschend unter 
Griechen und Römern, unter Völkern, die griechische und römische Bildung 
sich angeeignet haben und die unter dem vorherrschenden Einflüsse dieser 
Bildung stehen. Dazu kommen germanische Völker, die aber noch völlig; 
unselbständig auftreten, noch gar sehr der Bildung ermangeln und sici. 
vorherrschend receptiv verhalten. In dieser Zeit geht mit den allgemeiner 
Weltverhältnissen eine totale Umwälzung vor, wovon wir die Hauptpunkte 
in der chronologischen Aufeinanderfolge hier sogleich angeben : Befestigung 
der Herrschaft der römischen Cäsaren bei mannigfaltigen Bewegungen im 
Inneren des Reiches und häufigen Kämpfen mit den auswärtigen Feinden. 
Bildung des byzantinischen Kaiserthums. Die Völkerwanderung. Fall des 
weströmischen Reiches, Gründung der germanischen Reiche inmitten der 
Länder des weströmischen Reiches. Entstehung des Islam, in Folge davon 
theils Schmälerung der Kirche, theils Bedrückung derselben in Asien, in 
Afrika, in Spanien, Bedrohung und Gefährdung des oströmischen Reiches. 

Diese allgemeine Periode zerfällt in drei Unterperioden, wovon die 
eine die Zeit der ersten Entwicklung des alten Katholicismus, die zweite 
die Zeit der höchsten Blüthe und Machtentfaltung, die dritte die Zeit des 
Sinkens des alten Katholicismus und des Ueberganges in den römischen 
Katholicismus darstellt, im Unterschiede vom griechischen Katholicismus. 



Erste Perioäe des alten Katholicisinns. 

Vom Anfang des zweiten Jahrhunderts bis zum Jahr 313, vom Tode des 
Apostels Johannes bis zum Religionsedikt zu Gunsten der Christen, erlassen 
von Constantin dem Grossen und Licinius. Die Zeit der Entstehung, ersten 
Ausbildung, inneren und äusseren Entwicklung des Katholicisraus. 

Die allgemeine Hauptquelle ist die Kirchengesehichte {fxxltjGtnffrtxTj iGTOQtn) des Eu- 
sebius, Bischofs von Caesarea in Palästina, in 10 Büchern bis 324 reichend, vom 
8. Buche an als von einem Augenzeugen geschrieben, ein sehr verdienstliches, für 
uns jetzt unentbehrliches Werk, insofern der gelehrte Bischof eine Menge Bücher 
und Archive aus£:ebeutet hat, deren Kenntniss — wenn auch nur eine fragmen- 
tarische — uns nur durch ihn ist erhalten worden. Das Werk ist aber mit vieler 
Umsicht zu gebrauchen, da es in Hinsicht der historischen Genauigkeit und Kritik 
sehr mangelhaft ist. Das Werk ist öfter herausgegeben worden, von V'alesius. 
Paris 1659, von Heinichen 1827. 28, von Schwegler, von Dindorf, als 
4. Bd. der gesammten Werke Eusebius, als Theil der biblioth. scriptorum graeeorum 
et romanorum Teubneriana. Zur Beurtheilung der Schrift S. Jach mann in Ilgens 
Zeitschrift 1829, Baur, die Epochen der kirchlichen Geschichtschreibung. — Eu- 
seb. ins Deutsche übersetzt v. Closs 1839. Von älteren Bearbeitungen dieser Pe- 
riode sind noch immer sehr zu empfehlen und sehr reichhaltig die memoires von 
Le Nain de Till'emont 1693. 1712, die 6 ersten Jahrhunderte umfassend, Mos- 
heim, Commentarii de rebus Christ, ante Const. M. 1771. 1772. Ausserdem Baur, 
das Christentimm der drei ersten Jalirhunderte. Pressense, 3. und 4. Bd. des 
Werkes über die drei ersten Jalirlmnderte der christlichen Kirche, ins Deutsche 
übersetzt. 



Erster Abschnitt. 



Geschichte der Ausbreitung und Beschränkung, Verfolgung 

der Kirche. 

Auf die Verfolgung von Seite der Juden, wie sie im Leben des Herrn 
und im apostolischen Zeitalter Statt gefunden, folgte diejenige von Seiten 
der Heiden. Denn, wie sehr auch der Bestand der alten Religionen er- 
schüttert war, das Volk hing doch im Allgemeinen daran mit einem Eifer, 
der oft bis zum Fanatismus sich steigerte. Die römischen Staatsmänner, 
wenn sie auch für ihre Person über den Volksglauben hinaus waren , be- 



44 

eiferten sich schon aus politischen Gründen, den ererbten Religionszustand 
aufrecht zu halten. Uebrigens waren einige Kaiser mit Aufrichtigkeit der 
alten Religion ergeben. Zu neuen Schöpfungen fehlte dem Heidenthum 
zwar die Kraft; ihm verblieb aber die Kraft zu verfolgen. So kam es 
denn, dass der Hass, den die Heiden schon im apostolischen Zeitalter in 
gewissen Fällen gezeigt, bald einen stärkeren Charakter annahm und mit 
grösseren oder kleineren Unterbrechungen die Kirche bis an das Ende 
dieser Periode verfolgte. Dessungeachtet breitet sie sich zusehends aus. 
Getränkt mit dem Blute der Märtyrer vermehrt sich ihre Fruchtbarkeit. 
Ihre Siege sind durch blutige, äussere Niederlagen erkauft. Je grösser 
die Ausbreitung, desto heftiger, grausamer, allgemeiner gestaltet sich der 
Widerstand von Seiten der heidnischen Welt, bis er, auf den höchsten 
Punkt gesteigert und doch nicht zum Ziele gelangt, einer neuen Wendung 
der Dinge Platz macht, wo der Staat sich zur Kirche in ein freundliches, 
beschützendes Verhältniss stellt. 



Erstes Capitel. Die Ausbreitung des Christenthums. 

Zuerst ist zu bemerken, dass es in Asien weit vordrang. Schon 
einige Apostel bereisten die asiatischen Länder östlich und nordöstlich 
von Palästina. Unter Mark Aurel wurden Gemeinden unter den Parthern 
gegründet. Im Jahr 170 findet sich in Edessa ein christlicher Fürst Ab- 
gar-manu Uchonio, der auf deinen Münzen das Kreuzeszeichen abprägen 
liess. Im Jahr 202 wurde eine christliche Kirche in Edessa durch eine Ueber- 
schwemmung zerstört. Hingegen entbehrt das Verhältniss zwischen Jesus 
und einem früheren Abgar von Edessa, wovon Eusebms i) die geschichtlichen 
Documente gibt, einer geschichtlichen Begründung. Der Brief Christi an 
Abgar ist, wie Neander mit Recht bemerkt, eine Christi unwürdige Zusam- 
menstoppelung aus Stelleu der Evangelien. In Arabien waren die Christen um 
die Mitte des dritten Jahrhunderts schon zahlreich und hatten viele Bischöfe. 
Es war das nördliche Arabien, seit Trajan Provinz geworden, mit der Haupt- 
stadt Bostra 2j. Um 190 soll Pantaenus, erster Lehrer der alexandrini- 
schen Schule, nach Indien gewandert sein und daselbst ein von Bartholo- 
mäus hinterlassenes Evangelium gefunden haben, allein dieses Indien ist 
wahrscheinlich Yemen, Theil von Arabien. Auf dem Festlande von Afrika 
wurde das Evangelium zuerst in Egypten verkündigt, angeblich durch den 
Evangelisten Marcus. In Unteregypten wurden die Christen bald zahlreich, 
während Oberegypten durch die koptische Sprache, die grössere Macht 
der Priesier und die grössere Anhänglichkeit an die alte Religion noch eine 
Zeitlang vom Evangelium ferne gehalten wurde, so dass es erst um 190 
dorthin vordringen konnte. Rom, ehemals die unversönliche Feindin von 
Carthago, gab ihm jetzt die Botschaft vom Heile; erleichtert wurde diess 
durch die Handelsverbindungen zwischen beiden Städten. Am Ende des 
zweiten Jahrhunderts waren die Christen in Carthago schon zahlreich. Nach 



1) 1, 13. 

2) Euseb. 6, 33, 37. 



45 

Tertullian ^) bildeten sie den zehnten Theil der Einwohner. Derselbe sagt 
anderwärts 2) : ,^wir sind von gestern her und haben all das Eure angefüllt, 
Städte, Inseln, Schlösser, Municipien.^ Von Carthago kam das Christen- 
thum nach Numidien und Mauretanien. Um das Jahr 200 waren 70 Bischöfe 
aus diesen beiden Ländern auf einer Synode in Carthago versammelt 3). 

In Europa, dem wichtigsten Missionsgebiete, worauf der Apostel 
Paulus sehr bald seine Aufmerksamkeit und Thätigkeit gerichtet hatte, 
breitete sich das Christenthum am meisten in Griechenland, Rom und 
Umgegend aus. Bald kam es nach Gallien, wo die kleinasiatischen 
Griechen in alter Zeit die ersten Samenkörner der Cultur ausgestreut 
hatten. Massilia war eine griechische Kolonie. In der christlichen Zeit 
brachten Griechen aus Kleinasien auf dem Wege der alten Handelsver- 
bindungen das Evangelium nach Gallien. Lyon und Vienne hatten im 
Jahr 177 schon zahlreiche christliche Gemeinden, welche die Verbindung mit 
den kleinasiatischen Muttergemeinden unterhielten ^). Irenäus , Bischof von 
Lyon, ist ein Grieche aus Kleinasien. Nach Gregor von Tours ^) gründeten 
römische Missionäre um die Mitte des dritten Jahrhunderts in Gallien sieben 
Bisthümer, worunter das von Paris, — nach einer durch die kirchliche 
Politik der römischen Bischöfe entstandenen Sage. Was von der Aus- 
breitung des Christenthums in H e 1 v e t i e n bis zum Ende des dritten Jahr- 
hunderts gemeldet wird, beruht ebenfalls auf Sagen. Historisch sicher ist das 
Vorhandensein zweier Bischöfe von Genf, Paracodus und Dionysius, 
im zweiten Jahrhundert. Das Evangelium war wohl von Lyon nacli der 
Allobrogenstadt gekommen. In der Sage von der thebäischen Legion 
verschlingt sich die Geschichte der Verfolgungen in die der Ausbreitung. 
Maximian, Augustus des Occidents von 285 bis 305, soll, auf einem Zuge 
gegen die aufrührerischen Bagauden, bei dem alten Agaunum, dem jetzi- 
gen St. Maurice im Canton Wallis, eine ganze Legion, die thebäische 
genannt, und die nebst ihrem Anfülirer Mauritius christlicli war, weil 
sie den Göttern nicht opfern noch zur Verfolgung der Christen (die Sage 
lässt die Bagauden als Christen auftreten, — ) sich hergeben wollte, haben 
hinrichten lassen. Es wird hinzugesetzt, wodurch die Sage sich selbst 
berichtigt, dass mehrere christliche Soldaten der grausamen Schlächterei 
entgingen; sie werden aufgeführt als Kirchenstifter in verschiedenen Ge- 
genden der Schweiz. Diese an sich selbst sehr unwahrscheinliche Begeben- 
heit wird erst im fünften Jahrhundert schriftlich bezeugt. Im höchsten Grade 
fällt es auf, dass Lactantius in seiner Schrift de mortibus persecutorum 
die Sache nicht erwähnt, die ihm unmöglich' unbekannt sein konnte. 
Kennt er doch genau die Unthaten Maximians. Nach dem Plane seines 
Werkes war jene Erzählung für ihn uuerlässlich, wenn er die geringste 
Kunde davon hatte. Mithin ist sein Stillschweigen geradezu entscheidend. 



1) Ad Scapulam c. 5. 

2) Apolog. c. 37. 

3) Augustin de baptismo 2, 13. 

4) Euseb. 5, L 

5) Historia Franconim 1, 28. 



46 

Es kommt hinzu, class um dieselbe Zeit nach beglaubigten Nachrichten ein 
christlicher Hauptmann, Namens Mauritius, mit 70 christlichen Soldaten 
unter demselben Maximian in Ai)amea in Syrien getödtet wurde, wobei 
ähnliche Züge des Märtyrerthums wie bei der thebäischen Legion berichtet 
werden. Unmöglich können beide Erzählungen wahr sein; für die Authen- 
tie der zweiten spricht das höhere Alter der geschichtlichen Zeugnisse. 
;,Möglich bleibt es, bemerkt Rettberg, dass im Abendlande eine gewisse 
einfache Thatsache zu Grunde liege, etwa die Hinrichtung einiger christ- 
lichen Soldaten durch einen römischen Feldherrn an jener Stelle des Walli- 
serlandes, zu deren legendenmässiger Ausschmückung die griechische 
Fassung benutzt wurde.'' Dazu kann auch der Umstand beigetragen ha- 
ben, dass an jenem Orte in ü'üheren Zeiten manche Kämpfe stattgefunden 
und daher viele menschliche Gebeine zum Vorschein gekommen ^). Vcn 
Gallien drang das Christenthum nach Germanien herüber, folgend dem 
Ufer des Rheines. Es erhoben sich Risthümer in Köln und Trier; im 
Jahr 313 wird ein Bischof Mater nus in Köln genannt. In Augsburg wurde 
304 die erste Christin, Afra, verbrannt. Denn die Germanen, von Hass 
gegen die Römer erfüllt, stiessen das von diesen verkündigte Evangeliuri 
zurück. Nach Tertullian 2) drang das Christenthum in der zweiten Hälfte des 
zweiten Jahrhunderts nach Grossbritannien vor. Irenäus^j spricht von Christen 
in Spanien. Nach Arnobius "*) waren sie im Jahr 300 daselbst zahlreich. 
Noch bemerken wir, dass römische Gefangene das Evangelium zu den 
Gothen am schwarzen Meere brachten. — Wie gross war am Ende dieser 
Periode die Zahl der Christen im römischen Reiche ? Nach Stäudlin machter 
sie die Hälfte der Bevölkerung aus, nach Matter den fünften Theil, nach 
Gibbon blos ein Zwanzigstel , nach La Baslie ein Zwölftel. Burkhardt &) 
nimmt für den Westen ein Fünfzehntheil, füi' den Osten ein Zehntheil an. 



Zweites Capitel. Die Verfolgungen. 

Sie verlaufen in drei Phasen. Bis Mark Aurel waren sie partiell 
und im Ganzen nicht heftig; von Mark Aurel bis Decius schon umfassender 
und heftiger als früher; von Decius bis 313 in bisher unbekannter Allge- 
meinheit und Heftigkeit. Seit dem vierten Jahrhundert zählte man zehn 
Verfolgungen nach Analogie der zehn Plagen Egyptens oder der zehn Hör- 
ner des Thieres, das in der Ai)okal. (17, 3) mit dem Lamme kämpft; doch 
man kann kaum zehn Verfolgungen herausbringen. 

L Nachdem der edle Nerva das Unrecht wieder gut gemacht, welches 



1) S. Mosheim 1. c. p. 565. Rettberg, Kirchengeschichte von Deutschland. 
1. Band §.16. Gelpke, Kirchengeschichte der Schweiz, 1. Theil S. 50. Desselben Ar- 
tikel Mauritius und die thebäische Legion , in der Realencyklopädie Bd. IX. 

2) Adv. Judaeos c. 7. 

3) 1, 3. 

4) 1. 16. 

5) A. a. 0. S. 157. 



47 

Domitian den Christen zugefügt hatte, nahmen die Dinge unter Trajan 
(98—117) wieder eine schlimme Wendung; denn der Kaiser war durch und 
durch vom altrömischen Geiste beseelt und hielt strenge auf Aufrechthalt- 
ung der alten Religion, die er als die festeste Stütze des Staates be- 
trachtete. Unter ihm kamen zuerst die Ausbrüche jener Yolkswuth vor, 
welcher nachher so viele Christen zum Opfer fielen. Die Christen in Pa- 
lästina wurden durch den römischen Statthalter Tiberianus verfolgt, der 
achtzigjährige Simeon, Vorsteher der Gemeinde in Jerusalem, wurde ge- 
kreuzigt. Besonders in Kleinasien ergingen harte Drangsale über die 
christlichen Gemeinden, deren gedeihliches Wachsthum den römischen Be- 
hörden ernsthafte Besorgnisse einflösste. Damals war Plinius der jüngere 
Statthalter von Bithynien. Da noch keine besonderen Gesetze gegen die 
Christen gegeben wurden, so wendete Plinius gegen sie die Gesetze gegen 
die allerdings politisch gefährlichen Hetärien an. Sein Bericht an Trajan 
über diese Sache ist ein wichtiges Aktenstück, dessen Aechtheit ohne 
Grund bezweifelt w orden ^) , und das leider auf die Christen kein günstiges 
Licht wirft. 

„Mit denjenigen, die mir als Christen angezeigt wurden, habe ich 
folgendes Verfaliren beobachtet. Ich habe sie gefragt , ob sie Christen 
seien. Wenn sie die Frage bejahten, habe ich sie zum zweiten und drit- 
ten Male wiederholt, indem ich ihnen Todesstrafe androhte. Die in ilirer 
bejahenden Antwort verharrenden hiess ich zum Richtplatz führen. Denn 
ich zweifelte nicht, was auch der Inhalt ihres Bekenntnisses sein möge, so 
verdiene wenigstens ihre beharrliche und unbeugsame Hartnäckigkeit (per- 
tinacia et inflexibilis ohstinatio) Bestrafung. Einige benahmen sich wie 
Wahnsinnige, welche ich, weil sie römische Bürger waren, aufzeichnete 
als solche, welche nach Rom geschickt werden müssten. — Bald zeigte 
sich das Verbrechen in mehreren Gestalten. Es wurde eine anonyme 
Schrift vorgebracht, welche die Namen Vieler enthielt, die da läugneten, 
dass sie Christen seien oder es je gewesen. Da sie mein Beispiel nach- 
ahmend die Götter anriefen, und vor deinem Bilde, welches ich zu diesem 
Zweck mit den Bildern der Götter hatte herbeibringen lassen, mit Weih- 
rauch und Wein, auf die Füsse fallend, anbeteten, überdiess Christum ver- 
fluchten, wozu diejenigen, die wahrhafte Chi'isten sind, niemals gebracht 
werden können, glaubte ich sie freilassen zu müssen. Andere, w^elche als 
Christen angegeben waren, sagten aus, sie seien Christen, läugneten aber 
diess bald nachher. Sie seien zwar Christen gewesen, hätten aber aufge- 
hört, es zu sein, einige vor drei Jahren, andere vor mehreren Jahren, 
einige auch vor zwanzig Jahren. Alle beteten dein und der Götter Bildniss 
an und verfluchten Christum. ,,Nun folgen Angaben über den Gottesdienst, 
die später in Betracht kommen werden. Plinius berichtet ferner, dass er 
zwei Diakonissen (ministrae) ausgeforscht habe und zwar mittelst der Fol- 
ter. ;,Allein ich fand nichts anderes als schlechten, unmässigen Aberglau- 
ben. Daher schob ich die Untersuchung auf und nahm mir vor , dich um 



1) Plinii Epistolae^ib. X. 96 al. 97, erwähnt von Tertullian Apologeticum c. 2 u. 
Euseb. 3, 33. 



48 

Rath zu fragen. Die Sache schien es mir werth, besonders wegen der 
Menge derjenigen, die sich in Gefahr befanden. Denn viele von jeglichem 
Alter, von jeglichem Stande und von beiden Geschlechtern werden und 
wurden in Untersuchung gebracht. Und nicht blos die Städte, auch die 
Dörfer und Felder sind von jenem Aberglauben angesteckt worden. Es 
scheint, dass demselben Einhalt gethan werden könne. Soviel ist wenig- 
stens gewiss, dass man anfängt, die fast ganz verlassenen Tempel wieder 
zu besuchen, die gottesdienstlichen Uebungen nach langer Unterbrechung 
wieder zu begehen. Es kommt wieder Futter für die Opferthiere, wofür 
sich fast kein Käufer mehr fand. Woraus sich schliessen lässt, welche 
Menge gebessert werden kann, wenn man ihnen Frist zur Busse ge- 
währt.^ Trajan billigte durchaus das Verfahren seines Statthalters. Er 
ist dagegen, dass die Christen aufgesucht werden — werden sie angezeigt 
und überführt, Christen zu sein, so sollen sie gestraft werden. Auf 
Befehl desselben Kaisers wurde Ignatius Bischof von Antiochien festgenom- 
men, nach Rom geführt und daselbst den wilden Thieren vorgeworfen (116). 
Ueber die Briefe, die er während dieser Reise an verschiedene Gemein- 
den schrieb, über die verschiedenen Recensionen derselben, über ihre 
Aechtheit sowie über ihren dogmatischen Gehalt werden wir später das 
Wesentliche mittheilen. 

Hadrian (117 — 138) war zwar kein Feind des Christenthums , denn 
er war ein Verächter aller fremden Gottesdienste. Doch verwendete er 
sich zu Gunsten der Christen, um sie vor der Volkswuth zu schützen. In 
einem Schreiben an Minucius Fundanus, Proconsul von Kleinasien, soll er 
verordnet haben, dass nur Anklagen in gesetzlicher Form gegen die Chri- 
sten angenommen werden sollten ; wenn es sich jedoch erwiesen, dass sie den 
Gesetzen zuwider gehandelt, dann sollten sie nach Verdienst bestraft 
werden, der falsche Ankläger aber solle noch härtere Strafe leiden i). 
Aehnliche Rescripte erliess der Kaiser für andere Gegenden. Unter dem- 
selben Hadrian', doch ohne seine Schuld, hatten die Christen in Palästina 
viel zu leiden. Diejenigen, die sich dem Aufruhr des Bar Kochba 2) nicht 
anschliessen und Christum nicht verleugnen wollten, wurden grausam ge- 
martert. 

Unter dem milden Antoninus Pius (138 — 161) entgingen die Chri- 
sten auch nicht allen Verfolgungen. Der Volkshass wurde erregt durch 
öffentliche Unglücksfälle," Hungersnoth, Ueberschwemmungen , welche man 
dem Zorne der Götter gegen die Christen zuschrieb. In einer solchen Ver- 
folgung kam der Bischof Publius in Athen um. Der Kaiser verwendete 
sich zu Gunsten der Christen durch Rescripte an mehrere Städte Griechen- 
lands ; es sollte in Betreff der Christen keine Neuerung vorgenommen wer- 
den 3). Es heisst sogar, er habe an alle Hellenen dergleichen Rescripte er- 



1) Euseb. 4, 9—26, die ganze Erzählung ist von Keim (Theol. Jahrbücher 1856) 
verworfen worden. 

2) Sohn des Sternes Num. 24, 17. Just. Apol. I. 31. 

3) So Melito in einer dem Kaiser Mark Aurel eingereichten Schutzschrift bei Eu- 
seb. 4, 26. 



49 

lassen *). Diess mag wohl die Veranlassung gegeben haben, ihm das Edict an 
die kleinasiatische Deputirtenversammlung zuzuschreiben, worin bestimmt 
wird, es sollten die Christen nur dann bestraft w^erden, wenn sie gegen 
die römische Herrschaft etwas unternommen hätten; wer sie aus andern 
Gründen, blos um der Keligion willen anklage, solle bestraft werden 2). 
Dieses Edict ist wahrscheinlich unächt. Es passt nicht zum Charak- 
ter dieses Kaisers, dem eine grosse Sorgfalt für Aufi'echthaltung der Staats- 
religion nachgerühmt wird. Auch findet sich nachher keine Spur mehr 
davon. 

IL Nach dieser Unterbrechung brach die Verfolgung mit neuer Wuth 
aus unter dem Nachfolger des Antonin, dessen philosophisch gebildeter 
Geist Besseres erwarten liess, Mark Aurel (161 — 180). Allein sein 
stoischer Tugendstolz und seine kalte stoische Resignation konnte die 
christliche Gesinnung nicht begreifen. Er verachtete der Christen Hin- 
gebung, ihre Hoffnung einer ewigen, persönlichen Fortdauer: der Weise 
müsse es mit Gleichgültigkeit ansehen, wenn seine Seele nach dem Tode 
verlösche ; er müsse aTgaycoSaq aus der Welt gehen 3). Dazu kam eine 
grosse Anhänglichkeit an die von den Vätern ererbte Religion und die 
Ueberzeugung , dass das Heil des Staates von der Aufrechthaltung dersel- 
ben abhänge. Daher war er überhaupt gegen die P'inführung neuer Culte 
und erliess strenge Verbote dagegen. In einer verheerenden Pest, die 
von Aethiopien aus sicli bis nach Gallien verbreitete und besonders in 
Italien wüthete, erkannte er die dringende Mahnung, den alten Cultus 
mit aller Genauigkeit aufrecht zu erhalten, so dass sogar manche Heiden 
über die Menge der vom Kaiser dargebrachten Opfer spotteten. Bei solcher 
Gesinnung musste er ein Verfolger der Christen werden •*). Nicht nur 
liess er Ausbrüche der Volkswuth gegen die Christen ungestraft, er trat 
activ als ihr Verfolger auf. Es scheint, dass er wenigstens in Kleinasien 
die Aufsuchung der Christen befohlen, obwohl ]\Ielito den Fall nicht aus- 
schliessen will, dass die betreffenden Edicte nicht vom Kaiser selbst her- 
rühren 5). Immerhin steht fest, dass man in Ausführung derselben mit 
grosser Grausamkeit verfuhr. 

Damals traf die Verfolgung aucli die Gemeinde zu Smyrna (166 oder 
167). Einen ausführlichen Bericht darüber gab die dortige Gemeinde in 
einem encyklischen Schreiben, welches für die grösstmögliche Verbreitung 
bestimmt war ß). Der Proconsul , der den ganzen Process leitete , scheint 



1) Nach demselben Melito bei Enseb. a. a. 0. 

2) Bei Euseb. 4, 13. Jnst. Apol. 1, 70. 

3) Monologen Hb. XI. §. 3. 

4) Er mochte auch gereizt sein durch einige starke Aeusserungen Justins und durch 
Tatian, der von ihm sagte, er gebe manchen Philosophen jährlich 600 Goldstücke, damit 
sie den Bart nicht umsonst wachsen Hessen. 

5) Bei Euseb. 4, 26. 

6) Dressel patres apostoHci S. 391 und Euseb. 4, 15. Im Berichte sind fabeDiafto 
Züge, welche eine spätere Abfassung als wahrscheinlich erscheinen lassen. S. Lii>sius, 
der Märtyrertod des Polykarp bei Hilgenfeld, Zeitschrift IT.Jahrgg. 2. Heft 1874. Lipsius 

Herzog, Kirchengeschichte I. 4. 



50 

mehr der Wuth des Volkes als dem eigenen Hasse nachgegeben zu ha- 
ben. Die Christen, deren er habhaft wurde, suchte er durch Drohungen 
zu schrecken; blieben sie standhaft, so verurtheilte er sie zum Tode. Ein 
besonderer Gegenstand des Volkshasses war der unter den Christen hoch- 
verehrte sechsundachtzigjährige Bischof Polykarp von Sniyrna, der dem 
Heidenthum in jenen Gegenden vielen Abbruch gethan hatte. Das Schrei- 
ben gibt eine sehr lebendige, ausführliche Schilderung seines Martyriums. 
Besonders ergreifend ist die Erwiderung des Biscliofs auf die Autforderung 
des Proconsuls , Christum zu lästern: „sechsundachtzig Jahre diene ich 
ihm und er hat mir nichts zu Leide gethan; wie könnte ich meinen König, 
der mich erlöst hat, lästern?'^ Die Verläugnung Christi wurde ihm auch ir 
der Form zugemuthet, dass er das Volk, das aufgeregte, wuthentbrannte Volk 
beschwichtigen möge "*), womit der Proconsul ihm andeuten wollte, er könne ja 
innerlich ganz anders gesinnt sein. — Es scheint nicht, dass die Verfolgung 
damals noch viele Opfer forderte; ihr Feuer erlosch mit dem Feuer des 
Scheiterhaufens, auf dem Polykarp sein Bekenntniss des christlichen Glau- 
bens bestätigt hatte. — Ein Jahr vorher (166) wurde Justin der Märtyrer 
in Rom enthauptet 2); nach Tatian, seinem Schüler, haben die Ränke des 
cynischen Philosoi)hen Crescens ihm den Tod bereitet S). Eine grössere 
Verfolgung erging 177 über die Gemeinden in Lyon und Vienne. Die 
Volkswutli gab das Zeichen, die Ortsobrigkeiten liessen sich dadurch be- 
stimmen. Man nahm sogar gegen den bestimmten Inhalt römischer Gesetze 
die Anklagen von Sklaven gegen ihre Herren an. Fürchterlich waren die 
Qualen, die Einzelnen auferlegt wurden. Leider gab es eine Anzahl Ab- 
trünniger; der Bischof Po thinus* von Lyon starb als Märtyrer. Unge- 
achtet aller Verluste blieb ein Stamm der Gemeinden zurück. Einen weit- 
läufigen Bericht über das Ganze gab die schwer geprüfte Gemeinde in 
einem Sclireiben an die Gemeinden von Asien und Phrygien '^). 

Unter denselben Kaiser fällt die Sage von der Donnerlegion oder 
blitzenden Legion (legio fulminatrix'). — Während eines Feldzuges gegen 
die Markomannen und Quaden 174 gerieth, so berichtet die Sage, jder 
Kaiser und sein Heer in grosse Noth. Die brennende Sonne erregte 
grossen Durst, den zu löschen nicht möglich war, indess das Heer jeden 
Augenblick den Angriff der Feinde erwartete. Da fiel die zwölfte Legion, 
die aus Christen bestand, auf die Knie um zu beten. Es kam ein Gewitter, 
welches den Durst der Soldaten durch reichlichen Regenguss löschte, die 
Feinde in die Flucht trieb und Verderben über sie brachte. Das römische 
Heer erhielt den Sieg; der Kaiser gab jener Legion den Namen ///^mmea. 
Er hörte auf, die Christen zu verfolgen und erliess Strafgesetze gegen 
diejenigen, welche die Christen blos wegen der Religion anklagen würden. 

setzt den Tod Polykarp's in die Jahre 155 oder 156. Wir bleiben bei der älteren An- 
gabe d. Euseb. für 166, des Hieron. für 167, welche. beide Zahlen auch jetzt durch Ge- 
lehrte festgehalten werden. 

1) Tiftaou Tou dtjfjop rief ihm der Proconsul zu. 

2) Euseb. 4, 16. 

3) Euseb. a. a. 0. 

4) Euseb. 5, 1-3. 



bi 

Er erkannte in einem Briefe an, dass er und das Heer damals durch der 
Christen Gebet gerettet worden i). Das Wahre an der Sache ist, dass 
damals der Kaiser und sein Heer auf unerwartete Weise aus grosser Noth 
erlöst wurden, wie christliche Soldaten dem Claudius Apollinaris, Bischof von 
Hierapolis in Phrygien erzählten, in welcher Ncähe die zwölfte Legion ihre 
Standquartiere hatte. Die Christen schrieben ihre Rettung ihrem Gebete 
zu, die Heiden leiteten das Wunder theils von den Beschwörungen des 
Egyptiers Arnuphis, theils vom Gebete des Kaisers selbst ab. Dieser 
schrieb seine Rettung speciell dem Jupiter zu und Hess Münzen prägen, 
worauf derselbe dargestellt wird, wie er den Blitz auf die Barbaren schleudert. 
Andere Bilder stellen den Kaiser betend vor und das Heer fängt mit den 
Helmen den Regen auf. Im ersten Buche der Monologen erwähnt der 
Kaiser unter anderem, was er nicht sich, sondern den Göttern verdanke, 
^,das, was bei den Quaden geschehen ist." Ueberdiess führte die zwölfte 
Legion schon seit des Augustus Zeiteli den Namen Donnerlegion 2). Dazu 
kommt, dass die Verfolgungen keineswegs aufhörten, wie denn drei Jahre 
später die Christen in Lyon und Vienne heftig verfolgt wurden. Der ge- 
nannte Brief des Kaisers ist untergeschoben; es ist der von Justin a. a. 0. 
mitgetheilte , der durchaus das Gepräge der Unächtheit trägt. 

Der unwürdige Sohn des Mark-Aurel, Commodus (180 — 192) 
gönnte den Christen Ruhe, weil seine Concubine, Marcia, dem Christen- 
thum günstig war. Immerhin aber waren die Christen den Verfolgungen 
durch feindlich-gesinnte Statthalter ausgesetzt 3). Auf die Ermordung des 
Commodus folgten Bürgerkriege zwischen Pescennius Niger im Orient, 
Clodius Albinus in Gallien und Septimius Severus, während 
welcher Kriege, wie Clemens Alexander berichtet, ziemlich viele Christen in 
Egypten den Märtyrertod starben. Septimius Severus dagegen (193 — 211) 
war anfangs den Christen günstig. Nach Tertullian ^) hatte er einen Christen 
in seinem Palaste, der ihn einst von einer Krankheit geheilt hatte; das 
muss dahingestellt bleiben, da Tertullian manches Unverbürgte aufgenom- 
men hat. Derselbe berichtet (ibid.), der Kaiser habe angesehene Männer 
und Frauen in Rom vor der Volkswuth geschützt. Auf die Provinzen dagegen 
erstreckte sich sein Schutz nicht. Im proconsularischen Afrika kamen Ver- 
folgungen vor, wozu die Habsucht der Statthalter beitrug. Daher Ter- 
tullian den Christen verbot, sich durch Geld von der Verfolgung loszu- 
kaufen ^). — Der Kaiser wurde aber bald gegen die Christen eingenom- 
men, ob montanistische Ueberhebungen dazu beigetragen, mag dahinge- 
stellt bleiben. Es geschah nämlich, dass ein römischer Soldat, während 
seine Waffenbrüder bekränzt erschienen, mit dem Kranze in der Hand sich 
zeigte, um den Antheil an der Summe in Empfang zu nehmen, welche der 



1) Eüseb. 5, 5. Tertullian apologeticum c. 5, ad Scapulam c. 4. Justin Apol. I. 
c. 11. 

2) to (fcüdexaroy {dTQarons^ov) ro xfQavi/oßoXov Diocassius 55, 23. 

3) Ad Scapulam c. 5. 

4) Ad Scapulam c. 4. 

5) Tertullian de fuga in persecutione c. 12. 

4* 



52 

Kaiser als Gnadengeschenk unter eine afrikanische Legion hatte vertheilen 
lassen. Dieser Vorfall veranlasste die Schrift Tertullians de corona müi- 
tis, worin des Soldaten Benehmen vertheidigt wird. — Severus verbot 
darauf den Uehertritt zum Christenthum und die \'erordnungen betreffend 
die collegia illicita wurden auch auf die Christen angewendet; daher an 
einigen Orten die Christen so hart gedrängt wurden, meint Eusebius i), 
dass einige die baldige Erscheinung des Antichrist erwarteten. Als Opfer 
der Verfolgung fielen in Alexandrien Leonides, Vater des Origenes 2), in 
Carthago Perpetua und Felicitas, Montanistinen, doch bis auf den heu- 
tigen Tag in der katholischen Kirche als Heilige verehrt, damals den 
wilden Thieren vorgeworfen zur Jahresfeier der Ernennung des jungen 
Geta zum Cäsar. Unter dem Sohne des Severus Caracalla (211 — 217) 
hörten die Verfolgungen allmälig auf, nur in Afrika dauerten sie noch eine 
Zeitlang fort, daher Tertullian seine Schrift ad Scapulam herausgab. 
E 1 a g a b a 1 u s (218 — 222) Hess die 'Christen in Ruhe ^ freilich aus einer 
Absicht, die, wenn sie zur Ausführung gekommen wäre, bei den Christen 
selbst den stärksten Widerstand herbeigerufen hätte. Er war einem sy- 
rischen Sonnendienst ergeben, der mit grossen Ausschweifungen verbunden 
war; dieser sollte herrschend werden und alle anderen Culte, selbst den 
jüdischen und christlichen in sich aufnehmen. In dem Tempel, den er 
auf dem palatinischen Berge der syrischen Gottheit zu Ehren erbaut, ver- 
einigte er die verschiedenartigsten Gottheiten. Er schien darauf auszu- 
gehen , dass in Rom kein anderer Gott als Elagabalus verehrt würde 3). 
Aus besserer Quelle floss der Syncretismus des Alexander Severus 
(222 — 235). In seiner Hauskapelle, wo er jeden Morgen in Andacht sein 
Gemüth zu Gott erhob, war neben den Büsten berühmter und für weise 
gehaltener Männer, des Apollonius n. A. auch diejenige Abrahams sowie 
Christi und Orpheus aufgestellt. Vermöge dieses Eklekticismus erkannte 
er in Christo ein göttliches Wesen neben anderen Göttern an. Er hatte die 
Absicht, Christo einen eigenen Tempel zu erbauen, und ihn förmlich 
unter die Götter aufzunehmen. Von der Ausführung dieses Vorhabens sei 
er von Solchen zurückgehalten worden, die nach Befragung der Orakel 
gefunden hätten , wenn diess wirklich nach dem Wunsche Vieler zu Stande 
käme, so würden sich bald Alle zum Christenthum bekennen und die übri- 
gen Tempel nicht mehr besucht werden ^). Seine Achtung vor dem Chri- 
stenthum bewies er auch dadurch, dass er den von einem Juden oder 
Christen gehörten Spruch „was du nicht willst, dass man dir thue, das 
thue du keinem anderen" oft für sich wiederholte, ihn vor der Vollstreck- 
ung von Strafen durch seinen Herold ausrufen Hess und auch Sorge trug, 
dass derselbe Spruch als Aufschrift im Eingange zu seinem Palaste und 
an passenden Steüen öffentHcher Gebäude angebracht würde. Ohne Zwei- 



1) 6, 7. 

2) Euseb. 6, 1. 

3) Lampridius c. ;> id agens , ne quis Romae deus nisi Heliogabalüs coleretur. 

4) Lampridius c. 29. 43. 

5) Lampridius c. 51. 



53 

fei machte sich hierin der Einfluss der frommen Mutter des Kaisers , Julia 
Mammaea geltend. Sie war den Christen entschieden günstig. Während 
eines Aufenthaltes in Antiochien liess sie Origenes zu sich kommen und 
unterhielt sich mit ihm über Gegenstände der christlichen Religion i). — 
So gestattete denn der Kaiser den Christen viele Freiheit; nicht nur durften 
sie ihren Gottesdienst öffentlich feiern, sie konnten auch eigene Häuser 
dafür erbauen. Als die Zunft der Garköche Roms mit den Christen um 
den Besitz eines Grundstückes stritt, entschied er, zum Verdruss der 
Garköche und ihrer Kunden, es sei besser, dass jener Platz für die Got- 
tesverehrung verwendet werde. Bei solcher Gesinnung ist es um so auf- 
fallender, dass er die christliche Religion nicht offiziell unter die religio- 
nes licitae aufnahm 2). Alexander Severus wurde durch den Thracier M a- 
ximinus ermordet und dieser erhielt die Herrschaft (235 — 238). Seinen 
Hass gegen den Vorgänger trug er auf die von demselben begünstigte 
christliche Kirche über und verfolgte besonders die Bischöfe ^). In Kap- 
padocien und Pontus wurde die Volks wuth gegen die Christen durch ver- 
heerende f]rdbeben entflammt. Maximinus liess sie gewähren; und so 
erhob sich in jenen Gegenden eine harte Verfolgung, wobei der Proconsul 
Severianus sich als heftiger und harter Verfolger zeigte ''). In den übrigen 
Theilen des Reiches hatten die Christen Ruhe. Diese Ruhe war allgemein 
unter den zwei folgenden Kaisern. Gor dia nus (238—244) und Philippus 
Arabs (244 — 249). Diesen stempelte die übertreibende Sage zu einem 
Christen. Er soll einst in der Vigilie des Opferfestes an der Gemeinde- 
versammlung haben Antheil nehmen wollen, aber vom Bischof abgehalten 
worden sein wegen des auf ihm lastenden Verbrechens der Ermordung 
seines Vorgängers Gordianus — bis er Busse gethan habe , welcher sich 
der Kaiser willig unterzogen haben soll &). Doch Philippus gibt sich nir- 
gends als einen Christen zu erkennen. Dass er aber den Christen günstig 
war, erhellt auch daraus, dass Origenes an seine Gemahlin Severa Briefe 
richtete ^). Vielleicht huldigte er gleich wie Alexander Severus einem 
religiösen Eklekticismus. 

III. In Beziehung auf die damalige Lage der Christen und die Ver- 
folgungen sind sehr lehrreich die Worte des Origenes in der Schrift gegen 
Celsus ^). Er gibt zu , dass zu Zeiten wenige und leicht zu Zählende für 
die christliche Religion gestorben, — , da Gott einen Vertilgungskrieg habe 
verhindern wollen. Er spricht von der Vermehrung der Christen, von der 
Freimüthigkeit und Offenheit, womit sie auftreten. Je mehr sie verfolgt 



1; Euseb. 6, 21. 

2) Lampridius sagt nur, christianos esse passus est c. 22. nachdem er bevorwortet 
Judaeis privilegia reservavit. 

3) Euseb. 6, 26. 

4) Brief des B. Firmilianus von Caesarea in Kappadocien an Bischof Cyprian: in 
der Briefsammlung des letzteren der 75. §. 10. 

5) Euseb. 6, 34 und im Chronicon. 

6) Euseb. 6, 36. 

7) IIb. UI. 



fe4 

wurden, desto mehr sei ihre Zahl gewachsen, und desto mehr seien sie 
erstarkt. Er hebt hervor, dass Reiche, Vornehme, in hohen Aemtern 
Stehende zur christlichen Kirche gehören, dass selbst ein christlicher Ge- 
meindelehrer auch unter den Heiden Ehre erlangen könne. Doch kündigt 
er zugleich an, dass die seit langer Zeit unterbrochenen Verfolgungen 
wieder ausbrechen werden, wenn die Verläumder des Christenthums die 
Meinung wieder verbreitet haben werden, die Ursache der vielen Em- 
pörungen (in den letzten Jahren des Kaisers) sei die grosse Menge der 
Christen, welche desshalb sich so sehr gemehrt hätten, weil sie nicht mehr 
verfolgt würden. Er sucht seine Glaubensgenossen im Voraus gegen die 
neue Verfolgung, die er kommen sieht, zu waffnen: die alte Religion 
werde fallen, die christliche Religion werde herrschen, indem sie immer 
mehr Seelen anziehe. 

Dßs Ürigenes Vorherverkündigungen trafen nur zu bald ein. Die 
Christen sowohl die Rischöfe wie die Laien durch lange Ruhe und Sicher- I 
heit in Erschlatiiing gerathen i), bedurften einer mächtigen Erschütterung. — 
Auf Philippus Arabs folgte Decius, sein liesieger (249 — 251). Erfüllt 
vom Verlangen ein neuer Trajan zu werden, die Herrlichkeit des Reiches 
wieder herzustellen, '^^dasselbe auf seinen Grundlagen zu befestigen, wozu er 
hauptsächlich die alte Religion rechnete, fasste er den Entschluss, die 
Kirche wo möglich zu vertilgen. Bald nach seiner Tlu'onbesteigung erliess 
er ein Edict, des Inhaltes, dass alle Christen am Gottesdienste des Staates 
Antheil nehmen sollten. Durch Drohungen und wenn diese nichts fruchteten, 
sollten die sich weigernden durch Gewalt gezwungen werden. Blieben sie 
standhaft, so traf vor allem die Rischöfe die Todesstrafe. Die Verfolgung 
sollte alle Theile des Reiches umfassen. Ueberall wurde ein Termin an- 
gesetzt, bis zu welchem alle Christen eines Orts vor dem Magistrate er- 
scheinen, Christum verlaugnen und opfern sollten. Den Elüchtigen wurde 
das Vermögen contiscirt und Todesstrafe über sie, im Falle der Rückkehr, 
verhängt. Was die anderen betrifft, so versuchte man alle möglichen 
gelinden und harten Mittel, um sie zu Falle zu bringen. Diese Edicte und 
Massregeln brachten in Folge der vorhandenen Erschlaffung die traurigsten 
Wirkungen hervor. Sehr viele warteten nicht, bis man sie ergriff*; sie 
eilten in Haufen, den Glauben an Christus zu verlaugnen, — zum Theil 
unter mildernden Formen; es waren Austiüchte des bösen Gewissens, in 
welche die heidnischen Obrigkeiten gerne einwilligten, theils aus Habsucht, 
theils aus wirklicher Schonung. Demnach gab es verschiedene Classen von 
Abgefallenen: sacrißcati, die sich zu Opfern verstanden, tlturificati, die 
Weihrauch über den Opfern anzündeten — schon eine mildere Form des 
Abfalles; libellatici^ die in keiner Weise opferten, sondern sich einen Schein 
ausstellen Hessen, als hätten sie wirklich geopfert. Andere Hessen sich 
einen solchen Schein nicht ausstellen, erschienen nicht einmal vor den 
Behörden, sorgten aber dafür, dass ihre Namen in die Zahl derjenigen, 
die dem Edicte Folge geleistet, eingetragen würden i). Unter den Mär- 



1) Cyprian entwirft im Tractat de lapsis ein ergreifendes Bild davon. 

2) Cyprian ep. 31. 



55 

tyrern dieser Verfolgung werden genannt: Fabianus, Bischof von Rom, 
B a b y 1 a s , Bischof von Antiochien , P i o n i u s , Presbyter zu Smyrna i) ; 
;,denn der Tyrann war gegen die Geistlichen am feindlichsten gesinnt." 
Durch auswärtige Kriege an der Fortsetzung der Verfolgung gehindert, 
starb er schon 251; sein Nachfolger Gallus setzte sie fort (251—253). 
Eine verheerende Seuche, Landdürre und Hungersnoth steigerten die Wuth 
des Volkes 2). Ein neues kaiserliches Edict gebot, den Göttern zu opfern, 
um Rettung von diesen Unglücksfällen zu erlangen ^). Valerian (253 — 
260) war anfangs den Christen günstig und hatte mehrere derselben in 
seinem Palaste ^). Durch seinen Günstling Macrianus umgestimmt, erliess 
er 257 ein Edikt, dass die Bischöfe, Presbyter und Diakonen alsobald mit 
dem Tode bestraft, die Senatoren und römischen Ritter ihrer Würde und 
Güter beraubt, und wenn sie auf dem Bekenntniss des Christenthums ver- 
harrten, auch enthauptet werden sollten 0), In dieser Verfolgung fielen als 
Opfer Sixtus, Bischof von Rom und drei Diakonen der römischen Ge- 
meinde, Cyprian, Bischof von Carthago am 14. Sept. 258. Nachdem 
Valerian in persische Gefangenschaft gerathen, schlug sein Sohn und 
Nachfolger Gallienus (260 — 268) einen anderen Weg ein. Er gestattete 
durch ein eigenes Edict den Christen freie Religionsübung, befahl ihnen 
die weggenommenen Häuser und Grundstücke zurückzugeben und erkannte 
sie insofern als religio licita au ^) ; die verbannten Bischöfe wurden zu- 
rückgerufen. Von dieser Zeit an erfreute sich die Kirche einer fast vier- 
zigjährigen Ruhe. Kriege mit auswärtigen Feinden und innere Empörun- 
gen lenkten die Aufmerksamkeit von den Christen ab. Dem Kaiser Au- 
relian (270 — 275) wird zwar die Absicht zugeschrieben, am Ende seiner 
Regierung ein Edict gegen die Christen zu erhissen - j . er sei aber durch 
Ermordung daran gehindert worden. Fortan wurde der Zustand der Kirche 
äusserlich immer blühender. Schöne, grosse Kirchen wurden erbaut, 
unter anderen eine in Nikomedien, der kaiserlichen Residenz. Christen 
gelangten zu hohen und niederen Militärwürden, zu ansehnlichen Hof- 
ämtern und wurden vom neuen Kaiser Diocletian wie Kinder des Hauses 
behandelt. 

Wie kam es nun , dass auf das ungestörte fröhliche Gedeihen für die 
Kirche die furchtbarste Verfolgung ausbrach, und dass derjenige Kaiser, 
der viele Jahre hindurch die Christen hatte gewähren lassen und sich ih- 
nen freundlich erzeigt, nun ihr heftigster, unmenschlicher Verfolger wurde ? ^). 

Diocletian, der Sohn dalmatischer Sklaven, ursprünglich als gemei- 



1) Nähere Angaben über die Verfolgung s. bei Euseb. 7, 89 — 42. 

2) Cyprian ad Demetrianum. 

3) Cyprian ep. 55. 57. 58. 

4) Euseb. 7, 10. 

5) Cyprian ep. 80. 
. 6) Euseb. 7, 13. 

7) Euseb. 7, 30. Nach Lactantius de mortibus persecutorum c. 6 wurde das Edirt 
wirklich erlassen , konnte aber nicht mehr ausgeführt werden. 

8) Für das folgende s. besonders Euseb. 8 — 10 B., sodann dessen Leben Couslau- 
tins, Lactantius de mortibus persecutorum, Burkhardt a. :i. 0, 



56 

ner Soldat in das Heer getreten, schnell von einer Stufe zur anderen 
emporgestiegen, wurde 284 nach der Ermordung des Carus von den zu 
Chalcedon versammelten Generälen zum Beherrscher des römischen Reiches 
erwählt. Er selber sah darin die Erfüllung der Weissagung einer Druidiu. 
Um seine Gewalt, die er als eine völlig unbeschränkte ansah, in allen 
Provinzen des Reiches und für alle Folgezeit zu sichern, berief er Maxi- 
mian 286 zur Antheilnahme an der Herrschaft, indem er ihn zum Au- 
gustus des Abendlandes ernannte, während er selbst als Augustus das 
Morgenland beherrschte. Um besser den Barbaren widerstehen und Usur- 
pationen entgegenarbeiten zu können, stellte er 292 zwei Unterkaiser odei- 
Cäsaren auf, Galerius, seinen Schwiegersohn, im Morgenlande, und 
Constantius Chlorus im Abendlande. Diocletian war für seine Person 
der alten Staatsreligion mit Eifer ergeben; er hielt viel auf Auguren und 
Haruspicien; er sah die ererbte Religion als die festeste Stütze des Staa- 
tes an. In einem Decrete gegen die Manichaeer 296 erklärte er, es sei das 
grösste Verbrechen, das umzustossen, was einmal von den Vätern festge- 
setzt und was im Staate herrschend ist. Was ihn von der Verfolgung 
während einer geraumen Zahl von Jahren abhielt, war die Erwägung, dass 
dadurch die Ruhe des Reiches gestört und viel Blutvergiessen veranlasst 
würde. Es war aber am Hofe eine grosse heidnische Partei, worunter 
Priester, Staatsmänner, Philosophen, voll von Unwillen über die reissen- 
den Fortschritte des Christenthums. Seele dieser Partei war Hierokles, 
Statthalter von Bithynien, den Grundsätzen der neuplatonischen Schule 
ergeben. Besonders aber Galerius, Tochtermann des Kaisers, zeigte sich 
als heftiger Feind der Christen und suchte den Kaiser gegen sie zu stim- 
men. Auch der Augustus Maximianus (mit dem Zunamen Herculius), der 
alten Religion und ihrem Aberglauben eifiig ergeben, war gegen die Chri- 
sten, wenn gleich die spätere Nachricht, dass er die sogenannte thebäische 
Legion habe tödten lassen, nicht begründet ist. Diese heidnische Partei 
mochte um so mehr gereizt worden sein, da Spuren vorhanden sind, dasS 
die Christen, nachdem bereits manche am kaiserlichen Hofe zum Christen- 
thum sich bekehrt hatten, die Hoffnung hegten, den Kaiser selbst für die 
christliche Religion zu gewinnen; bereits wurde im Geheimen bemerkt, 
dass es von dem grössten Werthe wäre, wenn ein christlicher Kammerherr 
die Autsicht über die kaiserliche Bibliothek erhielte und bei Gelegenheit 
literarischer Gespräche den Kaiser behutsam und allmälig von der Wahr- 
heit der christlichen Religion überzeugen könnte i). Darin täuschten 
sich aber die Christen vollständig. Die alte Natur behielt im Kaiser die 
Oberhand. Seine Gesinnung gibt sich kund in einer späteren Inschrift, 
worin er sich der Unterdrückung des Christenthums rühmt, und den Chri- 
sten vorwirft , da&s sie den Staat zu Grunde richteten 2). Und in dem 
Edicte, wodurch Galerius der von ihm angeregten Verfolgung ein Ende 



1) Diess d. Hauptinhalt des Schreibens des (^weiter nicht bekannten) Bischofs Theonas 
an den kaiserlichen Oberkammerherrn Lucian, wahrscheinlich am Hofe Diocletian's, s. 
Neander K. G. I. 244. 

2) Ghristiani qui rem publicam evertebant. 



57 

machte, erklärte er, es sei die Absicht der Herrscher gewesen, Alles den 
alten Gesetzen und der römischen Staatsverfassung gemäss zu verbessern. 

Wie grosse, verheerende Naturereignisse durch einzelne Vorzeichen 
sich ankündigen, so geschah es auch bei jenem letzten, äussersten An- 
griffe des Heidenthums gegen das sein Leben bedrohende Christenthum. 
Einige Zeit vor den allgemeinen Massregeln wurden Christen aus der Ar- 
mee gestossen. Bei einer Musterung im Jahre 298 wurde ihnen die Wahl 
gelassen, entweder den Göttern zu opfern oder ihre Dienste aufzugeben, 
worauf die meisten ohne Besinnen das letztere vorzogen; einige sollen 
darob schon damals das Leben eingebüsst haben. Man könnte glauben, 
dass die Kaiser unter christlichen Truppen sich nicht mehr ganz sicher 
glaubten. Doch haben wir kein Beispiel, dass bei den mancherlei Unruhen 
im römischen Reiche seit alter Zeit die christlichen Soldaten einen aufrüh- 
rerischen Geist kundgegeben. Die Sache erklärt sich . genügend so : wenn 
man eine Verfolgung der Kirche anbahnen wollte, so empfahl sich jene 
Ausscheidung der christlichen Soldaten als geeignete Vorbereitung '^). 

Die entscheidende Wendung Diocletian's zu allgemeinen Massregeln 
erfolgte erst acht Jahre später, da im Winter des Jahres 303 Galerius in 
Nikomedien mit seinem alten, kranken Schwiegervater zusammentraf, und, 
unterstützt von manchen eifrigen Heiden unter den Staatsbeamten alle seine 
Beredtsamkeit anwendete, um eine allgemeine Verfolgung zu betreiben. 
Diocletian gab endlich nach, das Fest des Gottes Terminus, die Termi- 
nalia am 23. Februar 304 wurden die Losung zum Anfang der Drang- 
sale der Christen. An jenem Tage liess der Gardepräfect die grosse 
prächtige Kirche in Nikomedien durch seine Soldaten plündern und nieder- 
reissen. Am folgenden Tage erschien das erste Edict, worin die Absicht 
einer gänzlichen Vertilgung des Christenthums sich noch nicht völlig kund 



1) Burkardt hat in seiner Schrift über Constantin den Ausbruch der Verfolgung 
auf folgende Weise zu erklären gesucht: „einige, vielleicht nur sehr wenige christliche 
Hofleute und einige christliche Kriegsbefehlshaber in den Provinzen glaubten mit einem 
voreiligen Gewaltstreich das Imperium in christliche oder christenfreundliche Hände brin- 
gen zu können, wobei sie vielleicht die kaiserlichen Personen zu schonen gedachten. Es 
ist möglich, dass in der That Galerius der Sache früher auf die Spur kam als Diocletian 
und dass dieser sich wirklich nur mit Mühe überreden liess." — Burkhardt setzt hinzu: 
„man kann nicht läugnen, dass es unter den Christen damals Leute gab, die für solche 
Staatsstreiche nicht zu gewissenhaft waren. Eusebius Charakteristik (8, 6) redet darüber 
deutlich genug." Das wäre schön und gut, wenn wir nur bestimmte Angaben über den 
projektirten Gewaltstreich hätten ; sie fehlen aber gänzlich und wären übrigens einzig in 
ihrer Art in der Geschichte der drei ersten Jahrhunderte, wo doch die Versuchungen dazu 
nicht mangelten. Wenn nun einige Bischöfe vermöge ihrer weltlichen Gesinnung sich so- 
weit konnten hinreissen lassen, so entscheidet das nicht (a posse ad esse non valet con- 
sequentia). Burkhardt legt auch zu grosses Gewicht darauf, dass bei Anlass der Auf- 
rühre in Melitene (Kappadocien) und in Syrien die Bischöfe gefänglich eingezogen wur- 
den (Euseb. 8, 6). Daraus auf das oben genannte „Complott" zu schliessen, ist gar zu 
voreilig. Mit Kecht bemerkt Burkhardt selbst, es sei im Allgemeinen unbillig, aus der 
Verfolgung auf eine Verschuldung zu schliessen. Die wahre Verschuldung — denn eine 
solche gab es, — zeigt Enseb. 8, 1 an, in dem gesunkenen Zustand der damaligen Chri- 
stenheit. 



58 

gibt 1). Es sollten die gottesdienstlichen Versamnilungen der Christen ver- 
boten sein, ihre Kirchen niedergerissen, alle Handschriften der Bibel ver- 
brannt werden, diejenigen, welche Ehrenstellen und Würden im Staate 
bekleideten, sollten dieselben verlieren, wenn sie nicht das Christenthum 
abschwuren, gegen alle Christen, von welchem Stande sie seien, sollte die 
Folter angewendet werden können, die Christen von niedrigerem Stande 
sollten des Genusses ihrer Rechte als Bürger und als freie Männer be- 
raubt sein, die christlichen Sklaven sollten, so lange sie Christen blieben, 
nie freigelassen werden können ^). Gänzlich neu war der Befehl die heili- 
gen Schriften zu verbrennen, — wodurch man glaubte, der christlichen 
Kirche die empfindlichsten Schläge versetzen zu können. Noch hatten die 
Christen von der Ueberraschung , worin sie dieses erste Edict versetzte, 
sich noch nicht erholt, als ein zweites Edict, bei Anlass jener Aufstände 
in;;Melitene und Syrien erlassen, erschien, welches die Einkerkerung der 
Geistlichen verordnete. Ein drittes bestimmte, dass diejenigen, die den 
Glauben abschwuren, aus den Gefängnissen entlassen, die anderen aber 
auf alle mögliche Weise zum Abfall vom christlichen Glauben gezwungen 
werden sollten. Ein viertes befahl allen Christen jeglichen Alters, Ge- 
schlechts und Standes den Göttern zu oi)fern. 

In Folge dieser Verordnungen wurden die christlichen Gemeinden des 
römischen Reiches der schrecklichsten Verfolgung preisgegeben. Eine un- 
geheure Zahl von Christen starb in den Gefängnissen und Bergwerken, wozu 
man sie verurtheilte , viele unter unsäglichen Qualen von neu erfundenen 
grässlichen Todesarten, so dass die blosse Enthau])tung nur als Gnade 
gewährt wurde solchen, die sich früher Verdienste erworben ^). Nur die 
von Constantius Chlorus, einem der alten Religion mehr oder w-eniger ent- 
fremdeten Anbeter des höchsten Gottes, beherrschten Länder blieben mehr 
oder weniger verschont. Schandenhalber musste er zwar die christlichen 
Kirchen zerstören (doch blieben manche unversehrt) die Bibeln (so vieler 
er habhaft werden konnte), verbrennen, die gottesdienstlichen Versamm- 
lungen der Christen aufheben; aber sie blieben wenigstens am Leben ver- 
schont. Damals gab es eine neue Classe von Abgefallenen, TraditoreSy 
welche die Bibeln auslieferten. Uebrigens zeigten sich die Behörden und 
ihre Schergen im Autsuchen der Bibeln ziemlich tolerant. Sie nahmen 
manche sonstige selbst häretische Schriften an als wären es heilige. Eine 



1^ Euseb. 8, 2. Lactantius 1. c. c. 18. 

2) Als erstes Opfer dieses Edicts fiel eiii angesehener Christ, der dasselbe abriss 
und zerfetzte, mit dem spöttischen Bemerken, es seien wieder einmal Siege über die Gothen 
und Sarmaten angesclilagen gewesen. Er wurde lebendig verbrannt. Wenn Burkhardt 
a. a. 0. S. 337 dazu bemerkt: „ein solcher Trotz wäre übrigens ganz sinnlos, wenn man 
nicht annehmen will, dass noch in jenem kritisclien Augenblicke eine geheime Hoffnung 
auf allgemeinen Widerstand vorhanden war" — so verkennt er die Gesinnung, die jenen 
Mann und tausend andere vor ihm und Manche nach ilmi beseelte, wogegen seit alten 
Zeiten die Vorsteher der Kirchen protestirten , wie denn auch Lactantius jenen Ausbruch 
des Eifers nicht eigentlich rechtfertigen will. 

3) Lact. 1. c. c. 22 auimadversio gladii admodum paucis quasi beneficii loco defere- 
l?atur, (j[ui ob merita vetera impetraverant bonam mortem. 



59 

seit 305 eingetretene Aenderung in der Kegierung brachte Unordnung in 
das Reich und that der Yerfolgung Einhalt. Nach der Abdankung Diocle- 
tians und Maximians, der beiden bisherigen Augusti wurden es die bis- 
herigen Cäsaren Galerius und Constantius Chlorus, jener im Morgenlande, 
dieser im Abendlande. Zu Cäsaren wurden gewählt Maximin, der über 
Syrien und Egypten herrschte und Julius Severus, Beherrscher von 
Italien und Africa. Constantius Chlorus Hess in den ihm unterworfenen 
Ländern die Verfolgung gänzlich einstellen. In dieFussstapfen des 306 gestorbe- 
nen Vaters trat der Sohn, der spätere Kaiser Co ns tan t in. In andern Theilen 
des Reiches Hess die Verfolgung ebenfalls nach. Galerius, der ein ganzes 
Jahr lang von einer fürchterlichen Krankheit geplagt wurde, Hess die Ver- 
folgung einstellen (311) durch ein Edict ^), worin ausdrücklich bezeugt war, 
dass , da die früheren Massregeln zur Bekehrung der Christen nichts ge- 
fruchtet hätten, ihnen gewährt werde, dass sie wieder Christen sein und 
ihre Versammlungen halten dürften, doch unter der Bedingung, dass sie nichts 
gegen die öffentliche Ordnung unternähmen 2). Es traten aber Unruhen ein. 
Constantin wurde nach Besiegung des Maxentius, des Sohnes des 
Augustus Maximian (312j Beherrscher des ganzen Abendlandes, Licinius, 
der bald Gemahl der Constantia, Schwester des Constantin, wurde, — 
herrschte über das europäische Morgenland und hatte nur noch Maximin in 
Asien gegen sich, der bald die Christen wieder zu verfolgen anfing, doch 
nach einiger Zeit der Verfolgung ein Ende machen musste ^). Darauf gaben 
(312) die beiden Augusti, Constantin und Licinius ein Edict, welches all- 
gemeine Religionsfreiheit einführte. Da aber, nach dem Wortlaute dessel- 
ben die Bekehrung zum Christenthum ausgeschlossen, die Freiheit der Re- 
ligion nur den gebornen Christen gewährt zu sein schien, so erliessen die 
beiden Augusti 313 von Mailand aus ein neues Edict, wodurch der Ueber- 
tritt zum Christenthum gänzlich freigestellt, und den Christen ihre ihnen 
entrissenen Kirchen zurückgegeben wurden. Als Zweck dieser Beschützung 
der Clu'isten wurde im Edict der Wunsch angegeben, alle Götter sich ge- 
neigt zu machen ^). 

IV. Kaiser Constantin, geboren 274, der von nun an auf den Vorder- 
grund der Geschichte tritt &), huldigte wie sein Vater dem Glauben an den 



1) Euseb. 8, 17. Lact. 1. c. 34. 

2; Ne quid contra disciplinam agant, Moslieim verstellt darunter die römische Re- 
ligion. 

3) Euseb. 9, 10 der das Edict Maximins zu Gunsten der Christen mittheilt. 

4) Lactantius 1. c. c. 48, quo quidquid est divinitatis in sede coelesti, nobis atque 
Omnibus, qui sub potestate nostra sunt coustituti, placatum ac propitium possit existere. 

oj Es hat seinem Rufe sehr geschadet, dass er einen so beschränkten, knechtischen 
Schmeichler, wie Euseb von Caesarea in dessen Leben Constantins sich zeigt, als Bio- 
graphen gefunden hat. Kritisch verfährt Manso in seinem Leben Constantins des Grossen 
1819, ebenso Ne ander und Gieseler in ihren allgemeinen Werken über Kirchen- 
geschichte. Burkhardt a. a. ü. gibt, wie auch Gass im Artikel Constantin und seine 
Söhne in der Realencyklopädie es anerkennt, eine im ungünstigen Sinne befangene Dar- 
stellung des ersten christlichen Kaisers. Keim in seiner kleinen, selir inhaltreichen 
Schrift: der üebertritt Cuustantins des Grossen zum Cliristenthum 1862, akademischer 
Vortrag, hat die Kritik Burkhard t's auf das rechte Maass zurückgeführt. 



60 

höchsten Gott, der aber die Verehrung der heidnischen Götter nicht aus- 
schloss, unter welchen er nach dem höchsten Gotte dem Apollo, dem Gotte 
Helios , als dessen Offenbarer die erste Stelle anwies. Nach dem so eben 
erwähnten Keligionsedict war er noch kein Christ, er bekannte sich viel- 
melir zu einer Art von Religionssyncretismus , ähnlich dem des Alexander 
Severus und Philippus Arabs. Diese Bemerkungen stellen uns auf den 
richtigen Standpunkt, um die wunderbare Begebenheit zu beurtheilen, die 
seinen Uebertritt zum Christenthum bev>irkt haben soll. Er selbst erzählt(» 
am Ende seines Lebens dem Bischof Euseb und bekräftigte mit einem 
Eidschwur, dass er im Jahr 311, im Kriege gegen Maxentius, als er über 
die Mittel nachdachte, wie er sich den Sieg verschaffen könnte und den 
höchsten Gott bat, ihm beizustehen, in den Nachmittagsstunden, geger 
Sonnenuntergang in der Luft ein hell leuchtendes Kreuz gesehen habe, um 
welches herum die Worte standen: ev tovtm vixa. Er war von der Er- 
scheinung überrascht wie auch die ganze Armee. Noch grösser wurde seine 
Ueberraschung , als ihm in der darauf folgenden Nacht Jesus erschien mit 
der Kreuzesfahne in der Hand, der ihn ermahnte, eine solche Fahne machen 
zu lassen zum Schutz gegen die Feinde, worauf er den Sieg über Maxen- 
tius erfocht, der dabei in den Fluthen der Tiber den Tod fand. Der Kaiser 
befolgte die ihm gegebene Anordnung, Hess christliche Geistliche kommen 
und eine solche Fahne verfertigen, befragte die Geistlichen, welcher Gott 
ihm erschienen, und welches die Bedeutung des ihm erschienenen Zeichens 
sei ; sie sagten ihm, es sei des einen und einzigen Gottes eingeborner Sohn, 
das erschienene Zeichen aber ein Symbol der Unsterblichkeit und ein 
Zeichen des Sieges über den Tod, den Christus errungen als er einst auf 
Erden wandelte. Von dieser Zeit an begann er, die göttliche Sclirift 
zu lesen, nahm die Priester Gottes in seine Gesellschaft auf und glaubte 
den ihm erschienenen Gott mit allen möglichen Dienstbezeugungen ehren 
zu müssen ^). Um diese bis auf die neusten Tage viel besprochene Sache 
richtig zu beurtheilen. muss vor Allem bemerkt werden, dass Lactanz de 
mortibus persecutorum c. 44 berichtet, der Kaiser habe ein Traumgesicht 
gesehen. Auch Sozomenus 1, 3 weiss nur von einem solchen 2) und Engel 
flüstern dem Kaiser das Wort zu: „durch dieses Zeichen wirst du siegen." 
Es ist diess um so auffallender, da Sozomenus die Erzählung des Eusebius 
kennt und sie anführt, aber ohne, wie es scheint, derselben Glauben zu 
schenken. Dass im fünften Jahrhundert die Annahme einer blossen Traum- 
erscheinung sich noch erhalten hatte, ist auch aus Rufin's Kirchengeschichte 9, 9 
ersichtlich. Was überdiess auffällt, Tst, dass selbst Euseb an der Stelle 
seiner Kirchengeschichte, wo er den Kampf mit Maxentius beschreibt (9, 9) 
nichts von dem am Himmel erschienenen Zeichen zu berichten weiss, was 
doch nach Aussage des Kaisers das ganze Heer mit Staunen wahrgenom- 
men haben soll, was daher unmöglich unbekannt bleiben konnte. Sodann 
kann keine Rede davon sein, dass der Kaiser bis zu jenem Zeitpunkte keine 
Kenntniss des Christenthums, keine Ahnung vom Kreuzeszeichen und dessen 



1) Euseb. de vita Const. 1, 28—32. 

2) Oyag f«Je ro tov Ctkvqov Gijjusiov er rm ovgavta delnyiCoy, 



61 

Bedeutung gehabt hat, so wie denn auf der andern Seite erwiesen ist, dass 
der nach dem Siege über Maxentius errichtete Triumphbogen ursprünglich 
die Inschrift trug: J. 0. M. (Jovis Optimi Maximi). Constantin machte be- 
kanntlich noch eine Zeitlang heidnische Ceremonien mit, nahm Theil an 
heidnischen Opfern; auf Münzen und Inschriften bis in das Jahr 320, ja 328 
erscheint er als heidnischer Oberpriester. Das ist aber gewiss, dass er 
von jener Zeit an eine besondere Verehrung fiir das Kreuz und das Kreu- 
zeszeichen an den Tag legte. Er meinte, durch das Kreuzeszeichen die 
Wirkungen der von Maxentius verrichteten heidnischen Sacra, Wirkungen 
die er ängstlich befürchtete, abgewendet zu haben. Daher Hess er nach 
dem Siege seine Bildsäule auf dem Forum zu Rom mit einer Fahne in Ge- 
stalt eines Kreuzeszeichens, in der rechten Hand darstellen und die In- 
schi"ift darunter setzen : durch dieses heilbringende Zeichen , das wahre 
Zeichen des Muthes, habe ich eure Stadt vom Joche des Tyrannen befreit.'^ 
Alles diess lässt sich mit der Annahme vereinbaren, dass Constantin im 
Traume ein Kreuz gesehen hat; wenn er in der Erzählung an Euseb der 
Sache eine äussere Objectivität gegeben, so ist es nicht nöthig, hier eine 
bewusste Lüge und Eidbruch anzunehmen i), sondern in der Erinnerung des 
damals bereits mehr als 60 Jahre alten Herrn verwandelte sich der Traum 
in Wirklichkeit, was um so leichter geschehen konnte, da es seiner Eitelkeit 
schmeichelte und seiner Politik zusagte. Er mochte auch gerne seinen 
Uebertritt zum Christenthum früher ansetzen als er in Wirklichkeit erfolgte. 
V. Welches die Ursachen der Verfolgungen überhaupt waren, warum 
sie mit der Ausbreitung der Kirche zusammenfielen, wie diese beiden Reihen 
von Ereignissen sich zu einander verhalten, diese Fragen sind dui'ch die 
bisherige Darstellung noch nicht genügend beantwortet. Vor Allem ist zu 
beachten, dass, sobald das Christenthum nicht mehr blos als jüdische Sekte 
sich erwies , die Duldung , die den Juden zu Theil wurde , sich nicht .mehr 
auf die Christen ausdehnte , sodann , dass das Evangelium , obschon es jede 
Regung aufrührerischen Geistes niederhielt (Rom. 13, 1), so dass, wie Ter- 
tullian bemerkt, bis zu seiner Zeit die Christen an keiner der vielfachen 
Empörungen Theil genommen, doch das Gewissen unangetastet Hess und 
sogar befahl, denjenigen Gesetzen, welche Gott widerstreiten. Trotz zu 
bieten (Apostelgesch. 4, 19. 5, 29). Nun aber war die Verehrung der Götter, 
der Kaiser als bürgerliche Pflicht angesehen. Da die Christen sich der 
Beobachtung, solcher Pflichten entzogen, so erklärte man sie für Aufrührer, 
Feinde des Staates, der Kaiser, der Götter, für Gottlos 2). Daher Hess 
man ihnen nicht diejenige Duldung zukommen, die man anderen Religionen 
angedeihen Hess , welche nicht auf den ausschliesslichen Besitz der Wahr- 
heit Anspruch machten und sich weit weniger an das Gewissen ihrer An- 
hänger wendeten. Da einige Christen sich weigerten, am Kriegsdienste 
Theil zu nehmen und gewisse Erwerbszweige, welche mit dem Götzendienste 
in Verbindung standen, zu treiben, so gab das jenen Beschuldigungen eini- 
gen Schein der Wahrheit. Wie die Erwartungen der Christen vom Reiche 



1) Zosimus 2, 28 wirft ihm vor, dass er gewohnt war, den Eid zu brecheu. 

2) Hostes Caesarum, populi, tm^ »tcou xa^ttiQeint, afheot. 



62 

Gottes in politischem Sinne gedeutet wurden, davon haben wir schon in der 
Apostelgesch. 17, 10 und an Domitian ein Beispiel gefunden. Allein, obwohl 
widerlegt, erhielten sich diese Beschuldigungen. ^^Wann ilir davon hört, 
sagt Justin 1), dass wir einKeich erwarten, so vermuthet ihr ohne gehörige 
Unterscheidung, wir meinten ein menschliches Reich, da wir doch vom 
Reiche Gottes reden.'' Wir haben gesehen, wie gerade die ausgezeichnet- 
sten Kaiser, Trajan, Mark-Aurel, Decius, Diocletian das Christenthum nur 
als neues Mittel den Staat zu erschüttern, betrachteten und sich daher 
als die ärgsten Feinde der Christen zeigten. Man kann sich um so weniger 
darüber wundern, da neuere christliche Historiker ihnen Recht gegeben, von 
der Ansicht ausgehend, dass der römische Staat auf die alte Religion gegründet 
war, dass man also den Staat selbst untergrub, indem man die alte Religion 
beseitigte. Daran ist so viel wahr , dass die Verfolgungen einen fieberhaf- 
ten Zustand im Staate unterhielten, dass die Menschen, die man einkerken^e 
und tödtete, der Gesellschaft, entzogen wurden. Das Christenthum an sich 
aber hätte die festeste Stütze des Staates werden können. 

Ueberdiess schien die Einfachheit des christlichen Gottesdienstes , die 
gegen den heidnischen Prunk einen so scharfen Contrast bildete, das Siegd 
einer geheimen Verschwörung gegen den Staat zu sein. Die Liebe der 
Christen zur Stille', zur Betrachtung, ihr Abscheu vor den weltlicher, 
rauschenden Vergnügungen, das im öffentlichen Auftreten beobachtete Still- 
schweigen, die eifrigen Mittheilungen, welche die Christen unter einandei* 
pflogen, das alles gab ihnen den Schein einer Menschen und Götter hassen- 
den gefährlichen Verbrüderung. Bald kamen, wie wir schon angedeutet 
die ärgsten Gerüchte über sie in Umlauf. Schon der Umstand, dass Jesu& 
auf Befehl der römischen Obrigkeit hingerichtet worden, wurde benützt, um 
von ihm und seinen Anhängern so schlecht als möglich zu denken, ihnen 
Schändliches Schuld zu geben 2). Schon Tacitus und Sueton lassen sich, 
wie wir gesehen haben, in diesem Sinne vernehmen. Bald trug man sich 
mit Beschuldigungen wie folgende: dass die Christen in ihren Versammlun- 
gen bei ausgelöschten Lichtern durch Unzucht und Laster wider die Natur 
sich befleckten, dass sie bei der Einweihungsfeierlichkeit eines Bekehrten 
kleine Kinder tödteten, um sie zu essen. So wurde ihnen Menschenfresserei 
und Blutschande vorgeworfen 3). Solche Beschuldigungen wurden beson- 
ders im Antoninischen Zeitalter erhoben und dienten damals zumal in Lyon 
und Vienne als Vorwand der Verfolgung, als Mittel, um die Volkswuth an- 
zuschüren, bei welcher Gelegenheit, — um nur ein Beispiel anzuführen, 
Blandina einen Tag lang grässlich gefoltert wurde, um aus ihr die Ver- 
läugnung ihres Glaubens und das Geständniss jener schändlichen Verbrechen 
herauszupressen. Sie beharrte aber auf ihrer Aussage: ,jich bin eine 



1) Apologie I. 11. 

2) Minucius Felix c. 8. 

3) Athenagoras c. 4. Svfdriia öetnvn. Oi^mcdeiai fxi^ftg. Ebenso Euseb. 5, 1. 
Justin 2, 12. Minucius Felix spricht ausführlich von diesen Verläumdungen c. 9, die der 
heidnische Rhetor Fronto gegen die Christen eifrig zu verbreiten suchte. Min. FeUx c. 9. 31. 



63 

Christin und bei uns geschieht nichts Schlechtes^ ^). In der That wurden 
von dieser Zeit an die Christen nicht mehr mit solchen Beschuldigungen 
belastet. Doch gab es genug andere. Zur Zeit der diocletianischen Ver- 
folgung bot man auch einen erdichteten Bericht des Pontius Pilatus an 
Kaiser Tiberius herum, worin der Charakter des Herrn auf lästerliche 
Weise entstellt war. Der Hass gegen die Christen nahm noch andere For- 
men an. In den Augen der Menge w^aren die Christen an allem Unglücke 
schuld, welches den Staat traf. Noch im vierten Jahrhundert gab es in xVfrika 
ein Sprüchwort : non pluit Dens, diic ad Christianos. — Tertullian sagt im 
Apolog: ,,wenn die Tiber bis zu den Mauern der Stadt steigt, wenn die 
Ueberschwemmung des Nil ausbleibt, wenn Hungersnoth oder Pest ein 
Land verheeren, so erhebt sich alsbald das Geschrei: werft die Christen 
den Löwen vor : j^christianos ad leonem.^' 

Wenn alles dieses der Verbreitung des Christenthums entgegenstand 
und das Feuer der Verfolgung schüren half, so war nichts desto weniger 
der Sache Christi der Sieg zugesichert durch die ihr inwohnende göttliche 
Kraft, wie sie sich in den Verfolgungen und in manchen anderen Bezieh- 
ungen kund gab. Wenn wir bedenken, welchen Anklang die morgenlän- 
dische Culte bei den Römern fanden, wie viele Prosehten die verachteten 
Juden machten, wie war es möglich, dass nicht auch das P]vangelium viele 
Herzen gewann? Dazu kam, dass die damalige Kirche von einem feurigen 
Missionstriebe beseelt war. Die Sklaven redeten vom Evangelium zu ihren 
Herrn, der eine Gatte zum anderen, die Tochter zum Vater. Wandernde 
Soldaten brachten das Evangelium in die Kolonien, Gefangene ihren Sie- 
gern. Viele Christen wanderten, nach Vertheilung ihres Vermögens unter 
die Armen aus, um Christum zu verkündigen 2). 

Die Fortdauer der Wundergaben trug auch (hizu bei , den Glauben an 
die göttliche Kraft des Evangeliums zu w^ecken, die (lemüther auf dasselbe 
aufmerksam zu machen. Diese fortdauernden Wundergaben sind durch zu 
viele Zeugnisse von Kirchenlehrern bestätigt als dass wir sie durchweg in 
Zweifel ziehen könnten, weimgleich nicht alle die berichteten Wunder- 
wirkungen als verbürgt gelten können 3). Ein Wunder anderer Art und 
nicht weniger wirksam war die Liebe der Christen unter einander und 
gegen ihre Nächsten aus den Heiden, sowie die standhafte Ertragung all^r 
Leiden und Schmerzen. In jener Zeit, wo unter dem römischen Joche der 
Gemeinsinn so sehr verschv;unden war, wo die crasse Selbstsucht um so 
ungezügelter, unverschämter hervortrat, konnte die innige Liebe der Christen 
unter einander ihres Eindrucks nicht verfehlen. „Sehet, wie sie einander 
lieben", hörte man die Heiden bewaindernd sagen ^). Was aber noch grös- 
seren Eindruck machte, war dieses, dass die Christen ihr Herz nicht gegen 
anders Denkende verschlossen. Bei öffentlichen Unglücksfällen sah man 



1) Euseb. 5, 1. 

2) Euseb. 3, 37. 

3) S. Tholuck, vermischte Schriften. 1. Theil. ' 

4) Tertull. Apologeticum c. 39. Cäcilius bei Min. Felix c. 9. occultis se. notis et 
insignibus noscunt, et amant mutuo paene antequam noverint. 



64 

sie ihren leidenden heidnischen Volksgenossen, welche von den ihrigen ver- 
lassen waren , zu Hülfe kommen. In jener Zeit der sittlichen Entartung, 
der Ausschweifungen, die unter den Reimern riesige Verhältnisse annahmen, 
musste die heldenmüthige Ausdauer in den grässlichsten Martern die Ge- 
rüchte über die von ihnen verübten Laster siegreich widerlegen und auf 
die in ihnen wirksame göttliche Kraft hinweisen 3). 

Uebrigens ist wohl zu beachten, dass bis zu dem Zeitpunkte, wo das 
Christenthum in allen Theilen des Reiches Wurzel geschlagen, es keine 
allgemeine Verfolgung gab und nach dem Zeugnisse des Origenes nicht eine 
grosse Zahl von Märtyrern. Es ist auch nicht zu vergessen, dass die 
grössten Verfolgungen durch grosse Zwischenräume von einander getrennt 
sind, in welchen Zwischenräumen die Kirche sich von der Blutarbeit einigei*- 
massen erholen konnte. Unter Diocletian wuchs freilich die Zahl der Mär- 
tyrer ins Ungeheure an. Aber das Siegesgeschrei der Heiden über die 
bevorstehende gänzliche Vertilgung des christlichen Namens erwies sich 
bald als voreilig. An einigen Orten wurden damals im buchstäblichen Sinn 3 
des Wortes die Schwerter abgestumpft ob der Menge derer, die sich dem 
Märtyrertode unterwarfen. Man kann aber wohl sagen: der Staat hätt(i 
sein Schwert gänzlich abgestumpft, wenn er sein Werk hätte fortsetzen 
wollen. Die Duldung des Christenthums war eine politische Nothwendigker; 
geworden. Da man das Christenthum nicht vertilgen konnte — wovon dif 
Christen den lebendigsten Beweis gegeben, — so musste man es gewahrer 
lassen. Auf diesen Standpunkt stellte sich Constantin. Die frühere An- 
schauung hatte sich umgekehrt. Nicht mehr erschien das Christenthum als 
die Existenz des Staates bedrohend, sondern als das Hauptmittel, um den 
furchtbar erschütterten Staat wieder in's Gleichgewicht zu bringen. Das 
ist der Sinn der Sage von dem Kreuz in den Wolken mit der den Sieg 
verheissenden Inschrift. 



Zweiter Abschnitt. 



Angriffe der Juden und Heiden auf das Christenthum, in 
Wort und Schrift und die Vertheidigung desselben durch die 

Apologeten. 

Solche Angriffe waren ebenso unausbleiblich wie die Verfolgungen von 
Seiten des jüdischen und heidnischen Staates und Volkes es gewesen, und 
waren zum Theil die Veranlassung und treibende Kraft dazu. Dem Chri- 
stenthum stand eine geistige Welt feindlich entgegen, ein Ganzes von Re- 
ligionsanstalten, ein Complexus von religiösen Begriffen und Anschauungen, 



3) Justin. ApoL U. 12. 



Polemik der Juden und Apologetik gegen die Juden. 65 

von tief eingewurzelten, durch alte Tradition und lange Uebung noch immer 
ehrwürdigen und stark wirkenden Principien , deren Vertreter sie geltend 
machten, um das Christenthum zu widerlegen, herabzusetzen. Es fand auch 
eine solche Bildung vor, welche mit der Religion überhaupt mehr oder 
weniger gebrochen hatte und die von diesem Standpunkte aus ihre Angriffe 
gegen dasselbe richtete. Es hatte die Aufgabe, sich dagegen zu verthei- 
digen, und nicht blos in der That, sondern auch in Wort und Schrift sein 
eigenthümliches Wesen der Welt offen darzulegen. Die Christen sollten 
bereit sein , Rechenschaft zu geben von der Hoffnung , die in ihnen war ^). 
So gab denn diese Defensivstellung, die auch in die Offensive überging, 
vielfältigen Anlass zur Entwicklung des christlichen Lehrbegriffes. 



Erstes Capitel. Polemik der Juden und Apologetik gegen die Juden. 

Von Schriften, welche die Juden gegen die Christen in dieser Zeit 
verfasst hätten, sind uns keine erhalten worden. Nur eine wird überhaupt 
genannt, das liber Toledot Jeschu, angefüllt mit gemeinen Beschuldig- 
ungen gegen Jesum, seine Mutter und seine Apostel. Nachdem Vol- 
taire aus leicht begreiflicher Ursache gerühmt hatte, es sei die älteste 
Schritt der Juden gegen die Christen, noch vor unseren Evangelien ge- 
schrieben, haben neuere Untersuchungen ergeben, dass sie nicht vor dem drei- 
zehnten Jahrhundert verfasst worden 2j. Die Beschuldigungen selbst sind weit 
älteren Datums, wie aus der Schrift des Celsus zu ersehen ist. Der Hass 
der Juden gab sich noch auf andere Weise kund. So wie man diesen in alten 
Zeiten vorgeworfen, dass sie einen Esel anbeteten 3), so übertrugen sie nun 
diesen Schimpf auf die Christen ^). Durch eigene nach allen Weltgegenden 
gesandte Emissäre sprengten sie aus, es sei von einem galiläischen Be- 
trüger Jesus eine gottlose und gesetzlose Sekte gestiftet worden, welchen 
Jesus, nachdem ihn die Juden gekreuzigt, seine Schüler Nachts aus dem 
Grabe gestohlen hätten; damit betrügen sie nun die Leute, indem sie vor- 
geben, er sei von den Todten auferstanden und gen Himmel gefahren ^). 

Das älteste Document der Apologetik gegen die Juden ist die avti- 
Xoyia laffopog xat Jlaniffxov^ von Celsus bei Origenes ß) angeführt, später 
unter dem Namen Siake^ig erwähnt, von Origenes als eine mittelmässige, 
doch für die Ungebildeten immerhin nützliche Schrift bezeichnet, wahr- 
scheinlich unter Hadrian verfasst, verloren gegangen nebst der lateinischen 
Uebersetzung eines gewissen Celsus, von dessen Vorrede dazu in den 



1) 1 Petr. 3, 15. 

2) S. das Nähere über sie in d. Studien u. Kritiken, 1873. I.Heft: die Jesusmythen 
des Jüdenthums v. Gustav Kösch, Pfarrer. 

8) Tacitus liist. 5, 4. 

4) TertuUian apologeticum c. 16; adnationes 1,14. Vgl. über das Ganze den Artikel 
asinarii in d. Realencyklopädie. 

5) Justin im Dialog mit dem Juden Tryphon c. 108. 

6) c. Celsum 4, 52. 

Herzog, Kirchengeschichte g 



66 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Werken des Cyprian sicli ein Fragment vorfindet. Sie wurde fälschlich 
dem Ariston v. Polla, einem Judenchristen, zugeschrieben. Nach Hierony- 
mus ^) sind in der Schrift die ersten Worte der Genesis so übersetzt: in filio 
fecit deus coehnn et terram. 

Besonders wichtig sind folgende zw^ei Schriften : Justin 's des Märtyrers 
Dialog mit dem Juden Tryphon und des Origencs Schrift gegen 
Celsus, wo im 1. und 2. Buche ein Jude redend eingeführt wird, der seine 
Argumente gegen die heilige Schrift vorbringt, den Christen ihren Abfall vom 
mosaischen Gesetze vorwirft und sie zur Bückkehr ermahnt. Von geringerer 
Bedeutung sind Tertullian's Schrift adversus Jiidaeos und Cyprian 's 
Schrift: testimonia adversus Jtidaeos. 

Des Juden Polemik gegen die Christen in den Fragmenten der Schrift des 
Celsus ist übrigens von derselben Art, wie die im genannten Dialog enthaltene. Fs 
wird da zum ersten Male die Sage von der ehebrecherischen Verl)iii(lung der 
Mutter des Herrn mit dem Soldaten Panthera angeführt'^), w^ogegen Origenes 
treffend bemerkt, so nehme man Zuflucht zur Lüge, weil man nicht läugneri 
könne, dass Jesus auf ausserordentliche Weise geboren worden sei. Gegei 
die Auferstehung des Hemi bringt der Jude einen Grund vor, der etwas 
Speziöses hat: gestraft (d. h. am Kreuze hangend) sei Jesus von allen gesehen 
worden, auferstanden nur von einem (worunter er die Maria Magdalena ver- 
steht); das Gegen tlieil wäre am Platze gewesen. Was Origenes dagegen be- 
merkt, war allerdings nicht geeignet, auf einen ungläubigen Juden Eindruck 
zu machen: die Feinde hätten den Anblick des Auferstandenen und bereits 
Verklärten nicht ertragen können, daher habe der Herr aus Schonung sich 
ihnen nicht gezeigt s). 

Ernster sind die Einwendungen des Tryphon: 1) die messianischen 
Weissagungen seien in Jesu nicht erfüllt, da sie einen mächtigen König ver- 
kündigten, Jesus aber unrühmlich und elend gelebt habe und elend gestorben 
sei; 2) die Lehre von der Gottheit Christi widerspreche dem Glauben an 
Einen Gott, von dem es heisse (Jesaia 42, 8) dialog. c. 65, dass er seine 
Ehre keinem andern überlasse; 3) die Christen thun nicht recht, indem sie 
das mosaische Cärimonialgesetz verlassen, an dessen Beobachtung Gott selbst 
die Seligkeit geknüpft habe. Justin und andere Apologeten vertheidigten 
sich ausführiich in Beziehung auf diese drei Punkte. Mit Becht berufen sie 
sich darauf, dass die einen Weissagungen bei der zweiten Zukunft Christi in 
Erfüllung gehen sollten. Wenn aber Justin auf die Frage Tryphon's, ob denn 
auch Jesu Kreuzestod geweissagt sei, antwortet, indem er sich auf das Gebet 
Mose in der Schlacht mit den Amalekitern, w^obei er die Arme in Kreuzes- 
form ausbreitete, und auf die eherne Schlange berief, so zeigt sich darin 
eine Blosse dieser Apologetik; ebenso, w^enn er die Auferstehung Jesu vorher 
verkündigt sein lässt durch den Propheten Jonas. Ferner berief sich Justin 



1) qnaestiones in Genesin. 

2) 1, 32. Auch im Talmnd l^isst Jesus Solin der Pandira; er heisst so als Sohn 
der Buhlerin. liav^rio ist wie lupa ein Bild habsüchtiger Wollast, die auf alles Jagd 
macht, ttJio lov Tictv 9)]Qr(^. S. Nitzsch. St. u. Krit. 1840. 1. S. 115. 

3) Contra Celsum 2, 64. ipetdofayog avicoy ovx eipaivixo TinCtv avaCTttg tx yfXQioy. 



Polemik der Juden und Apologetik gegen die Juden. 67 

auf dieselbe Stelle, Jesaia 42, 8, die Tiyphon gegen die Gottheit Christi an- 
geführt hatte; er meint, die Worte: meine Ehre gebe ich keinem anderen, 
besagen nur so viel, dass Gott seine Ehre keinem anderen geben werde als 
demjenigen, den er zum Bundesmittler, zum Lichte der Heiden l)estimmt 
habe, worin Justin allerdings über den Gedanken des Propheten hinausgeht, 
doch nur in consequenter Fortführung dieses Gedankens. Er ist vollkommen 
in seinem Rechte mit der Behauptung, dass das mosaische Cärimonialgesetz 
blos zeithchen Bestand habe, dass aber die Christen Alles das dem Wesen 
nach hätten, was im mosaischen Ge>etz blos äusserlich und - als' Vorbild ge- 
geben sei. 

Die Apologetik gegenüber den Juden gab sich in Anführung von Bibel- 
stellen gefährliche Blossen. Die Christen nämlich, des Hebräischen unkundig, 
bedienten sich in ihren Anführungen aus der Schrift der LXX, sowie sie denn 
den fabelhaften Erzählungen vom Ursprünge dieser Uebersetzung Glauben 
schenkten, nicht blos Justin M., Apol. 1, 31, sondern auch Irenäus 3, 21. 2, 
und der unbekannte Verfasser des Xoyog nooq ^EXXrjyag c. 13. Nun aber 
waren manche Exemplare dieser Uebersetzung durch christliche Abschreiber 
zu Gunsten der christlichen Lehren verändert worden. Es waren ursprüng- 
lich wohl Randbemerkungen, die nach und nach in den Text Aufnahme ge- 
fuiulen. So beklagt sich Justin ^) mit einer gewissen Naivetät, dass die Juden 
viele Stellen ausgemerzt oder verstünunelt hätten, betreffend den Kreuzestod 
und die Gottheit Christi. So seien Ps. 96, 10 hinter o xvgiog sßacrdsvce, (was 
selbst etwas erweiterte Uebersetzung ist), die Woite ano tov ^vXov ge- 
strichen worden, (die gar nicht im hebräisclien Texte sich finden 2). Derselbe 
Justin wirft auch den Juden .vor, dass sie die ganze Stelle Jeremia 11, 19 
ausgemerzt hätten. Die Christen sahen darin eine Weissagung auf Christum 
nicht blos in den Anfangsworten: ich aber bin wie ein Hauslamm u. s. w. 
sondern hauptsächhch in den Worten: e^ßaXoifiev ^vXop eig top aqtoi' 
avToVy falsche Uebersetzung des Hebräischen : lasst uns den Baum verderben 
mit seiner Frucht. Es ist die Rede vom Mordanschlag wider Jeremia^). 
Diese Beispiele, denen wir leicht noch mehrere andre hinzufügen köimten, 
trieben die Juden an, die streng buchstäbliche Uebersetzung des A. T. von 
Aquila zu gebrauchen*). Auch auf christlicher Seite envachte bald die 
Erkenntniss von der Unzulänglichkeit der Alexandrinischen Bibelübersetzung. 



1) Dialog mit Tryphon c. 71. 72. 73. 67. Justin wirft auch den Juden vor, dass sie 
d. Stelle Jesaia 7, 14 falsch übersetzten, indem sie tluPV nicht als nnQ^svo^, sondern 
als vf(iviq übersetzten; dass dabei nicht an Aquila zu denken sei, wie Diestel, Geschichte 
d. A. T. S. 22 meint, behauptet Bleek, Einig, in das Ä. T. S. 764. 

2) Dieselbe Klage führt Tertullian adv. Marcionem 3, 19, adv. Judaeos c. 10, deus 
regnavit a ligno; es sei Christus gemeint, qui exinde a passione ligni superata morte 
regnavit. 

3) Tertullian adv. Marcionem 3, 19 führt aucli die falsche Uebersetzung an: venite, 
emmittaraus lignum in panem ejus, utique in corpus, u. deutet die Worte mittelst künstlicher 
Exegese auf Christum, der seinem Leibe die Figur des Brodes gegeben. 

4) wie Origenes in seinem Briefe an Julius Africanus bemerkt. 



68 Erste Periode des alten Katholicismug. 



Zweites Capitel. Polemik der Heiden und Apologetik gegen die 

Heiden« 

ij. 1. Schriften wider und für das Christenthum. 

Die Einwürfe der Heiden gegen das Christenthum lernen wir wtit 
weniger aus ihren eigenen Schriften als aus den Apologieen der Christen 
kennen. Jene Schriften sind nämlich nur in geringer Anzahl erschienen und 
fast alle sind verloren gegangen oder vernichtet worden. Mussten doch nach 
einem Gesetze Valentinian's III. und Theodosius II. alle Schriften heidnischer 
Philosophen gegen das Christenthum verbrannt werden (449). 

Hier konmit in Betracht des Celsus wahres Wort (Xoyog aXrj^ric) 
Diese Schrift, nur in Bruchstücken vorhanden in der Widerlegungsschrift des 
Origenes^), gehört jedenfalls dem zweiten Jahrhundert und zwar den letzten 
Jahren von Marc-Aurel an. Der Verfasser ist derselbe Celsus, dem Lucian seinen 
Alexander widmet. Er ist der platonischen Philosophie ergeben, wie schon 
Mosheim gegen Origenes, der ihn für einen Epicuriler hielt, bewiesen hatte. 
Doch schhesst sein Platonisnuis einen gewissen Religionssyncretisnuis nichi- 
aus. Ob die Schrift in Egypten oder, wie Keim wahrscheinlich zu machei 
sucht, in Rom entstanden ist, lassen wir dahin gestellt. . Die Schrift ist eine 
grobe, äusserst gehässige Schmähschrift gegen das Christenthum und dessen 
Anhänger. Die Person Christi ist darin unbiUiger beurtheilt, als von den 
Neuplatonikern. Celsus geht auch über Lucian hinaus in seinen Angritlen 
auf das Christenthum. Ob er mit seiner Schrift, wie Keim meint, einen Ver- 
ständigungsversuch beabsichtigte, ob er auf dem Wege der Ermässigung der 
christlichen Grundsätze den Christen Duldung im römischen Pantheon an- 
bieten will? jedenfalls eine eigene Art von Verständigung, wobei Celsus alles, 
was die Christen Heiliges haben, mit Koth bewirft und an ilmen nichts Gutes 
lässt, als schw^achsinnige Gutmüthigkeit und Leichtgläubigkeit. Darum muthet 
er ilmen auch zu, wenn sie durchaus etwas Neues haben wollten, so könnten 
sie sich an Hercules oder Orpheus oder an einen andern von denjenigen, die 
eines grossen heiligen Todes gestorben sind, halten 2). Derselben Zeit wie 
Celsus gehört Lucian, der leichtsinnige Religionsspötter, an. Man hat ihn 
den Voltaire seiner Zeit genannt, er geht aber weit über den Philosophen 
V. Eerney hinaus, zwar nicht in seinen Angriffen auf das Christenthum und 
dessen Anhänger, in der Schrift über den Tod des Peregrinus und ganz kurz 
in der andern Schrift Alexander von Abonoteichos. Viel giftiger als gegen 
die Christen, deren Gutmüthigkeit und Wohlthätigkeit er eigenthch blos 
lächerhch zu machen sucht, tritt er gegen die eigenen Rehgionsgenossen auf. 
Kaum haben christliche Schriftsteller jener Zeit das Heiden thum so meister- 
haft durchgehechelt und in seiner Blosse hingestellt. Insofern gebührt ihm 



1) Uebersetzt u. mit Erläuterungen versehen von L. Mosheim, Hambuig 1745. Der 
neueste Bearbeiter der Schrift des Celsus ist Keim, älteste Streitschrift antiker Welt- 
anschauung gegen das Christenthum vom J. 178 n. Chr. u. s. w. 1873. 

2) Or. c. Celsum 7, 63. 



Polemik der Heiden und Apologetik gegen die Heiden. 69 

das Verdienst, der alten Religion die empfindlichsten, stärksten Schläge ver- 
setzt zu haben, freilich auf Kosten des rehgiösen Gefühles überhaupt. 

In welcher Beziehung das Leben des Schwänners und Zauberers Apol- 
lonius V. Tyana, verfasst um das Jahr 200 von Philostratus, zum Chri- 
stenthum stehe , darüber gehen die Meinungen der Gelehrten auseinander i). 
Das steht fest, dass Philostratus auf heidnischem Gebiete ein Gegenbild von 
Christus aufstellen wollte, einen Mann, der zum Heidenthum dieselbe Stellung 
einnimmt, wie Christus zum Judenthum, der jenes reformirt, überall auf die 
ursprüngliche Wahrheit zurückgeht, dieselben Wunder wie Christus ver- 
richtet und zuletzt gen Himmel fährt {ate^x^iv etg ovqavov). Vielleicht han- 
delt es sich blos darum, wie Baur meint, das Heidenthum auf die gleiche 
Höhe mit dem Christenthum zu erheben, um so eine Verschmelzung beider 
Rehgionen anzubahnen, welche syncretistische Bestrebungen damals stark 
hervortraten. Nach D. Riekher wäre das Werk aus dem Bestreben hervor- 
gegangen, den wachsenden Einfluss des Christenthums auf die Volksmassen 
und den drohenden Untergang des Heidenthums aufzuhalten. Doch in diesem 
Falle würde man eine Polemik gegen das Christenthum erwarten. Diese 
trat hervor in den Schriften der neuplatonischen Philosophen, am Ende der 
Periode, die zwar Christum als hebräischen W^eisen und Theurgen verehrten, 
aber den Jüngern desselben vorwarfen, dass sie dessen Lehre, die ursprüng- 
hch mit der neuplatonischen übereinstimmte, entstellt hätten. Schon Plotin 
polemisirt an manchen Stellen seiner Werke gegen die Christen, doch ohne 
sie zu nennen. Unverhüllt und direct sind die Angriffe, welche Porphyr 
in seinen fünfzehn Reden gegen die Christen und Hierokles, Statthalter in 
Bithynien, in seinen wahrheitliebenden Reden an die Christen {loyoi, (fda- 
Xrj^etg nqoq ;fßfO'r*ai/oi;g) machten. 

Zur xVbwehr solcher Angriffe, die eine weit verbreitete Sinnesart be- 
kundeten und, wie wir gesehen, mit Verfolgungen zusannnenhingen, erschienen 
seit dem Anfange des zweiten Jahrimnderts bis zum Ende der Periode eine Reihe 
von Schriften, Äpologieen genannt, zwar von verschiedenem Werthe, manche 
Blossen gebend, manche schwache Argumente vorbringend, doch im Ganzen 
genommen das Richtige treffend, die Augriffe meistens kräftig abweisend, 
daher wohl geeignet, auf die Empfänglichen einen günstigen Eindruck zu 
machen. 

Leider sind einige von diesen Äpologieen verloren gegangen, diejenigen, 
welche die christlichen Philosophen Aristides und Quadratus dem Kaiser 
Hadrian während seines Aufenthaltes in Athen darreichten 2j, eben so die au 
Marc-Aurel gerichteten Äpologieen des Melito, Bischofs von Sardes, und des 
Claudius Apollinaris, Bischofs von Hierapohs3), des Miltiades, der noch bis 
in die Zeiten des Connnodus lebte ^). Indessen sind uns doch mehrere und 



1) S. D. Baur, ApoUonius v. Tyana u. Christus in d. Tübinger Zeitschrift 1832, auch 
besonders erschienen. Riekher in d. Studien der Würtemberg. Geistlichkeit 1847. 

2) im Jahr 126. Euseb. 4, 3. Hieron. de viris illustribus c. 19. 20. 

3) Euseb. 4, 26. Hieron. 1. c. 24. 26. 

4) Euscb. 5, 17. Hieron. 1. c. 39. — Bei Euseb. sind einige Fragmente dieser 
Äpologieen aufbewahrt. 



70 Erste Periode des alten Katholicismus. 

zum Theil sehr bedeutende Apologieen erhalten worden, von Justin dem 
Märtyrer zwei, die eine grössere dem Antoniuus Pius gewidmet 138 oder 
139, (S. Semisch, Justin der Märtyrer 1, 64 ff.) die kleinere dem Marc- Aurel und 
Lucius Verus 161 — 166) ^). Alle anderen Schiiften, die demselben Verfasser zu- 
geschrieben werden, mit alleiniger Ausnahme des Dialogs mit dem Judea 
Tryphou, sind als unächt abzuweisen. Justin's Schüler, Tatian aus Syrien, schrieb 
vor seinem Uebertritte zu den Gnostikern in heftig polemischem Tone seine Rede 
an die Griechen ßoyog ngog '"ElXrjyag) 169 — 170. Athenagoras, von dessen 
Leben man nichts weiss, schrieb zwischen 165 — 177 seine Schutzschrift für di(} 
Christen {nqeGßeia neqi xQ^^^^^^^^^)^ ^'^it milder gehalten als die Schrift 
Tatians. Zwischen 170 und 180 schrieb The ophilus, Bischof von Antiochieii 
seine an einen weiter nicht bekannten, dem Verfasser befreundeten Heiden. 
Namens Antolykos, gerichtete Apologie in drei Büchern. Eine sehr schöne 
erhebende Schutzschrift für das Christeutluim ist der wahrscheinlich der zwei- 
ten Hälfte des zweiten Jahrhunderts angehörende Brief au Diognet, dessen 
Verfasser unbekannt ist; die Schrift wurde lange Zeit hindurch als Werk des 
Justin angesehen , von dem sie unmöglich herrühren l^ann ^) , so verschieden 
ist sie von Justin's Schriften in Hinsicht der Diction sowohl als der Ge- 
danken ^). Des Hermias Durchhechelung der auswärtigen Philosophen 
(diacvQfiog tcdp f?w (fiXoGO(fMv), worin der Verfasser mannichfaltige Kennt- 
nisse der alten Philosophie, aber nur ihrer Schattenseiten und Blossen zeigt, 
fällt wohl jedenfalls noch in diese Periode. Des Origenes Schrift gegen 
Celsus, an seinen Freund Ambrosius gerichtet, ist die bedeutendste Apologie 
dieser Zeit, welcher auch aus der spätem Zeit nur noch Augustins Schrift de 
clvitate Dei an die Seite gesetzt werden kann; sie ist gegen die Mitte des 
dritten Jahrhunderts abgefasst. Noch bemerken wir, dass die christhchen Wider- 
legiuigsschriften der polemischen Schriften der Neuplatoniker sammt diesen 
untergegangen sind; es sind die Schriften des Methodius, Bischofs von 
Tyrus, des Eusebius von Caesarea, des Apollinaris, Bischofs von 
Laodicea. 

Auch die lateinische Kirche brachte apologetische Schriften hervor, 
wenn auch keineswegs in solcher Zahl wie die griechische, so doch zum Theil 
bedeutende. Wahrscheinhcli in das Zeitalter der Antonine fällt die Schrift 
des Minucius Felix 4), eines Sachwalters in Born, des ersten, der die 
Sache des Christenthums in römischer Sprache führte. So steht er an der 



1) Nach Volkmar: die Zeit Justins des Märtyrers kritisch untersucht. Theol. Jahrbb. 
1855 würden beide in d. Jahr 150 fallen. 

2) c. 11 u. 12 sind später von einem anderen Verfasser angehängt worden. 

3) von Semisch gegen Otto nachgewiesen. — S. d. Art. Justin in d. Kealencyklopädie ; 
die Hypothese Overbeck's, der die Schrift 250 oder 310 verfasst sein lässt, ist v. Keim u. 
Hilgenfeld widerlegt worden. 

4) Neu herausgegeben von Halm 1867, im 2. Bande des corpus scriptorum eccles. 
latinorum , welches im Auftrage der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien erscheint. 
S. Behr, der Octavius des Minucius Felix in seinem Verhältniss zu Cicero's lib. de 
natura deorum. Ebert, Untersuchungen über TertuUian's Verhältniss zu Minucius Felix 
in den Abhandlungen der sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. Leipzig 1868. S. 
auch das Programm des Gymnasiums in Erlangen von Prof. Dombart. 1875. 



Polemik der Heiden und Apologetik gegen die Heiden. 71 

Spitze der lateinischen Kirchenlehrer. Odavius ist der Titel der Schrift, — 
es ist ein Gespräch über Heidenthum und Christenthum zwischen dem Hei- 
den Cäcihus und dem Christen Octavius, unter dem Vorsitze des Minucius Fe- 
lix in Ostia während der Weinleseferien gehalten, — Erzeugniss eines wissen- 
schafthch gebildeten, geistreichen Mannes, der eine vortretfliche Zusammen- 
stellung alles dessen, was die Heiden am Christenthum auszusetzen hatten 
und treffende Erwiderungen darauf gibt. TertuUian ergriff" auch gegen die 
Heiden das Wort in eigenen Schriften, worin er die Schrift des Minucius 
Fehx benützte, vor allem in seinem mit schwungvoller Beredtsamkeit ge- 
schriebenen Apologeticum sc, scriptum^ an die Antistites romajii impen'i 
gerichtet 197. 198. Daran schhesst sich die sehr ähnhche Schrift ad natio- 
nes, eben so de testimonio animae, Entwicklung eines im Apologet, c. 17 aus- 
gesprochenen Gedankens, dass das Christenthum in der menschüchen Natur 
Anknüpfungspunkte finde. In den Kreis der apologetischen Schriften gehören 
auch Cyprians Schrift adversus Demetrianum und de idolorum vanitate. 
Arnobius, von Sicca in Africa proconsularis gebürtig, Lehrer der Beredt- 
samkeit, im Heidenthum geboren und erzogen, hatte schon einiges gegen 
die Christen geschrieben, als er, durch ein Traumgesicht erschreckt, den 
christUchen Glauben annahm. Der Bischof von Sicca, gegen den Neophyteu 
misstrauisch wegen dessen bisheriger Richtung, verweigerte ihm die Auf- 
nahme in die Kirche , bis er zu seiner Rechtfertigung eine Apologie geschrie- 
ben hätte. So entstanden , nach Hieronymus ^) disputationum adversus gen- 
tes librl VIL, etwa 303 — 305, während der diocletianischen Verfolgung. 
Allerdings gibt Arnobius zunächst einen anderen Grund der Abfassung seiner 
Schrift an, gleich zu Anfang, nämhch die Widerlegung der Anklagen der 
Heiden, dass das Christenthum alle Uebel, worunter der Staat und die Völker 
des römischen Reiches htteu, verschuldet habe. Doch der eine Zweck schliesst 
den anderen nicht aus. Die Schrift trägt deutliche Spuren der Unreife in 
Erkenntuiss des Christenthums, z. B. wenn Arnobius lehrt, dass gewisse Thiere 
und die Seelen der Menschen vom Demiurgos geschaffen worden, dass die 
Seelen der Gottlosen vernichtet werden, wenn die evangehsche Geschichte 
durch Zusätze erweitert wird. Die Stärke des Ai'nobius zeigt sich in der 
kräftigen Widerlegung jener Anklage, in der Darstellung der Nichtigkeit des 
Heidenthums, so wie denn auch der alte und immer wieder erneute Versuch, 
dasselbe durch allegorische Deutung der Mythen zu rechtfertigen, in seiner 
Blosse aufgedeckt wird. Schüler des ^Vraobius, obschon er ihn nie nament- 
lich anführt, wird von Hieronymus 1. c. 80 Lactantius Firmianus genannt. 
Geboren zu Finnium im picentinischen Gebiete, im Heidenthum aufgewach- 
sen, durch Diocletian, auf Anlass seines Symposion, als Lehrer der latei- 
nischen Beredtsamkeit nach Nikomedien, der neuen kaiserlichen Residenz 
berufen, fand er sich olme Schüler, weil die Stadt griechisch war, daher er 
anfing zu Schriftstellern. Um diese Zeit wurde er Christ, lebte später in 
Gallien als Lehrer des Crispus, des Sohnes Constantins des Grossen. Die 
Hauptschrift des Lactantius, divinarum institutionum libri VH. ist noch 
während der diocletianischen Verfolgung geschrieben, auf welche einige Stel- 



1) De viria illustribua c. 79 und im Clironicon. 



72 tlrste Periode des alten Katholicismuö. 

len deutlich anspielen. Der Zweck ist die Vertheidigung der christlichen 
Religion und Widerlegung des Heidenthums, in der Weise, dass die Schriften 
des Minucius Fehx, Tertulhans und Cyprians, als welche zunächst für Gläu- 
bige geschrieben und nicht geeignet seien, Ungläubige zu belehren, ergänzt 
werden sollen. Lactantius ist wie andere Apologeten weit stärker in der 
Polemik gegen das Heidenthum, denn als Apologet der christlichen Lehre, 
deren Darstellung bei ihm an grosser Unklarheit leidet, während die Polennk 
gegen die Heiden von reicher Kenntniss der heidnischen Rehgion zeugt und 
zugleich, ungeachtet einer gewissen Schärfe, wie sie der Gegenstand mit sich 
brachte, durchaus würdig gehalten ist. Lactantius glänzt durch eine ver- 
hältnissmässig reine Diction, daher mit dem Beinamen: ^,der christhche Ci- 
cero" geschmückt. Die Schrift de mortibus persecutorum , worin am Bei- 
spiele mehrerer römischer Kaiser gezeigt wird, welches tragische Loos die 
Verfolger der Kirche genommen, ist wahrscheinlich von Lactantius, dieselbe 
Schrift, welche Hieronymus 1. c. c. 80 unter dem Titel de persecutione 
anführt ^). 

§. 2. Uebersicht des Inhaltes der Apologieen. 

Einiges davon ist bereits zur Sprache gekommen. Anderes wird in der 
Geschichte der Lehre behandelt werden. Die Apologeten verfuhren, wie 
bevorwortet, zunächst defensiv. Es war vor allem nöthig, die mannigfaltigen 
Einwürfe der Heiden gegen das Christenthum abzuweisen oder zu widerlegen. 
Die aus der bisherigen Darstellung bekannten gräuhchen Verläumdungeu 
der Christen, wobei der ganzen Christenheit schuld gegeben wurde, und 
zwar in höchst übertriebener Weise, was die Schuld Einzelner war oder was 
Einzelnen durch die Folter ausgepresst worden, diese Verläumdungeu hörten 
mit dem dritten Jahrhundert auf. Tertullian ist der letzte Schriftsteller, der 
davon spricht. Es war von vornherein zu erwarten, dass die Heiden dem 
Christenthum seine Neuheit vorwerfen würden, wogegen Justin Apol. 1, 
c. 2 bemerkt, dass die wahrhaft Frommen und Philosophen nur das Wahre 
ehren und heben und den Meinungen der Vorfahren nicht folgen, wenn sie 
verwerflich seien. Auf der anderen Seite lassen die Apologeten den Vorwurf 
der Neuheit nicht gelten und fassen das Christenthum auf als die volle Oti'en- 
barung und Zusammenfassung der von Anfang der Welt dunkel und spora- 
disch erkannten Wahrheiten; daher lehrten sie, dass die christhclie Religion 
ihrer Substanz nach älter sei als alle heidnischen Religionen, dass Plato aus 
Moses geschöpft habe. 

Ein Vorwurf anderer Art als der der Neuheit war der, dass das Wahre 
am Christenthum, namenthch die ethischen Vorschriften nicht neu seien, son- 
dern sich schon bei den griechischen Philosophen landen, und die Christen 
hätten das alles durch Aberglauben und Irrthümer verunstaltet; ferner sagten 
die Heiden: eure Lehre stammt von den Barbaren ab, eure heiligen Schrif- 
ten sind in einer ungebildeten Sprache geschrieben. Man tadelte am Chri- 



1) Die letzte ältere Ausgabe der Apologeten des 2. Jahrhunderts ist die von Pru- 
dentius Maranus. Paris 1742; die neueste ist von Otto in neun Bänden. 



I^olemik der Heiden und Apologetik gegen die Heiden. 73 

stentliiim , dass es blinden Glauben verlange, die Philosophie verwerfe und 
nur bei den unteren Volksklassen Anhänger suche und finde. Aecht antiker 
Art ist der Vorwurf, den Celsus gegen das Christenthum erhob, dass es 
Anspruch darauf mache, Universalrehgion zu werden. Damit verband er in 
seinem Sinne treö'end den anderen Vorwurf, hergenommen von der Mannig- 
faltigkeit der Sekten unter den Christen, wobei er einige anführt, die wir 
nur aus seinem Buche kennen lernen; jeder will, bemerkt er höhnisch, eine 
eigene Sekte stiften; die Christen stimmen nur etwa noch im Namen überein, 
wogegen Origenes mit Recht bemerkt, dass in allen wichtigen Dingen sich 
abw eichende Meinungen bilden und dass der Forschungsgeist dadurch gefördert 
werde, — wie denn auch die Entgegnungen auf die anderen der genannten 
Einwürfe meistens treffend zu nennen sind. — Von den dogmatischen Leh- 
ren des Christenthums griffen die Heiden vorzüglich 1) die von einer spe- 
ciellen Vorsehung an , worin sie nichts als Selbstüberhebung sahen ; 2) Alles, 
was von Christo gelehrt wurde, von seiner Gottheit, von dor Menschwerdung 
des Wortes, von der Wirkung seines Todes, welches hinlänglich Anlass zu 
weitschichtigen und tief gehenden Erörterungen gab; 3) die Lehre von der 
Auferstehung des Fleisches, welche allerdings bereits sinnUch ausgemalt 
wurde und insofern den heidnischen Angriffen eine Handhabe darbot ij. 

Aus der Defensive gingen die Apologeten, durch die Natur der Sache 
getrieben , in die Offensive über. Der Vertheidigung des Christenthums 
ging zur Seite eine Polemik gegen das Heidenthum, welche schonungs- 
los dessen Irrthümer und Greuel aufdeckte; dabei aber suchten die philo- 
sophisch Gebildeten unter den Apologeten Anknüpfungspunkte an das Chri- 
stenthum im Heidenthum und besonders in der hellenischen Philosophie. — 
Sie wiesen die Ungereimtheit der heidnischen Götterlehre nach; ein grosser 
Theil der als Götter verehrten Wesen seien Menschen gewesen. Ein beson- 
derer Gegenstand des Spottes war der von Hadrian unter die Götter ver- 
setzte Antinous. Dass Arnobius die Unhaltbarkeit der allegorischen Erklärung 
der Göttermythen nachgewiesen, ist bereits angeführt worden; wie zu erwar- 
ten, war die Unsitthchkeit der heidnischen Götter eine reiche Quelle von 
polemischen Ausfällen. Das ganze Heidenthum galt den Christen als Werk 
der Dämonen. Auch der heidnische Cultus war Gegenstand des Angriffes; 
die Apologeten bewiesen, wie thöricht der Wahn sei, durch sinnliche Opfer 
die Gunst der Gottheit zu gewinnen, oder ihren Zorn zu stillen. 

In Verbindung mit dieser Polemik verkündigen die Apologeten mit Zu- 
versicht den bevorstehenden Untergang des Heidenthums und den Sieg des 
Christenthums, wobei Tertullian den römischen Machthabern den Satz ent- 
gegenstellt: je mehr wir von euch weggemäht werden, desto grösser wird 
unsere Zahl: seinen est sanguis christianorum. In dieser Beziehung ver- 
schmähten es die Apologeten (z. B. Justin) nicht, auf die sogenannten sibil- 

1) Die Heiden in ihrer blinden Wuth suchten auch praktisch die Lehre von der 
Auferstehung zu widerlegen , indem sie nicht gestatteten , dass die Christen die Leichname 
der Ihrigen begruben, sondern sie verbrannten und die Asche in den Fluss warfen. So 
in Lyon, wobei die Heiden höhnisch bemerkten: „nun wollen wir sehen, ob 'sie aufer- 
stehen werden und ob ihr Gott ihnen helfen und sie aus unseren Händen erretten kann. 
Euseb. 5, 1. 



74 Erste I*eriode des alten Katholicismus. 

liiiisclien Orakel sich zu berufen und uuterliessen es auch danu nicht, als die 
Heiden nicht mit Unrecht jene Schiiften theils für verfälscht, theils für 
von Christen erdichtet erklärten i). So wurde in mehr als einer Beziehung 
der guten Sache des Christenthums durch menschliche Beschränktheit Scha- 
den bereitet, damit offenbar würde, dass nicht menschhclie Kunst dieser Sache 
den Sieg bereite. 

Ein besonderer Punkt verdient hier noch Erwähnung, um so mehr, da 
er gewöhnhch nicht gehörig beachtet wird. 

Indem Tertullian nebst anderen Apologeten sich beklagt, dass man 
gegen die Christen alle Gesetze der Billigkeit und Gerechtigkeit übertritt, 
indem er erklärt, dass es unrecht sei, die Christen blos desshalb zu verfol- 
gen, weil sie Christen sind, wie man denn oft sagen höre: ;,der und der ist 
ein rechtschaffener Mann , nur schade , dass er ein Christ ist" , kommt er 
darauf zu sprechen, dass im römischen Reiche alle möghchen Culte gestattet, 
alle möglichen Götter verehrt, nur den Christen liierin keine Freiheit ge- 
stattet sei. Bei diesem Anlasse spricht er das grosse Princip der Beligions- 
freiheit aus, nicht blos der Toleranz, und begründet es kurz in schlagen- 
der Weise: „sehet zu^, spricht er zu den nimischen Machthabern, ^,dass ihr 
nicht die Irreligiosität befördert, indem ihr die Freiheit der Religion aulliebt 
und die freie Wahl der Gottheit (die einer verehren will) verbietet, so dass 
mir nicht erlaubt ist, den zu verehren, den ich will verehren, sondern ge- 
zwungen werde, den zu verehren, den ich nicht will. Und doch wird Nie- 
mand sich von einem verehren lassen, der ihn nicht verehren will. — Jede 
Provinz, jede Stadt verehrt ihren eigenen Gott. Wir allein dürfen keine 
eigene Religion haben. Man darf bei euch Alles verehren, nur den wahren 
Gott nicht^ ^). Derselbe Tertullian lehrt anderswo: es sei gottlos und 
schniachvoll , die Verehrung der Gottheit nach der Willkür menschlicher 
Meinung zu bestimmen, so dass kein Gott sein darf, als welchem der Senat 
erlaubt hat es zu sein 3). Auch Lactantius spricht sehr schön darüber, dass 
die Religion durch Zwangsmassregeln nicht gefördert wird. ^,Willst du die 
Religion durch Blut und Folter vertheidigen , so wird sie selbst nicht mehr 
vertheidigt, sondern vielmehr befleckt und verletzt. Nichts ist so sehr Sache 
des freien Willens wie die Religion. Wenn das Gemüth des Opfernden da- 
von abgewendet ist, so ist sie schon hinweggeschafft und zu Nichte ge- 
worden^' ^). 

Es gehört diess zur hervorstechenden Eigenthümhchkeit der lateinischen 
Apologetik. Bei den griechischen Apologeten ist der Erweis der Wahrheit 
der christhchen Lehre der durchschlagende Gedanke, bei den lateinischen 
Apologeten, lauter Männern von juridischer und politischer Bildung, das ge- 
kränkte Recht des Individuums und der Gemeinschaft als moralische Person 



1) Lactantius 4, 15, non esse illa carmina SibylHna sed a nostris ficta et com- 
posita. 

2> Apolog. c. 24. 

31 Ad nationes 1, 10, ut deus non sit, nisi cui esse permiserit senatua. 

4) Divin. instit. 5, 13. 



Die Häresieen. 75 

betrachtet, womit aber nicht gesagt sein soll, dass die latehiischeii Apolo- 
geten sich auf den Erweis der Wahrheit der christlichen Lehre gar nicht 
eiuliessen. 



Dritter Absclinitt '), 



Die häretischen Angriffe auf das Christenthum und die Gegen- 
austalten der sich bildenden katholischen Kirche. 

Bis jetzt haben wir den Kampf der Kirche mit den äusseren Feinden 
in seinen verschiedenen Formen und Phasen betrachtet. Nun gehen wir über 
zur Darstellung des nicht minder gefährlichen Kampfes, den die Kirche mit 
mannigfaltigen inneren Feinden zu bestehen hatte, — gleich einem Kriegs- 
heere, das Angesichts des Feindes, ja von demselben aufs heftigste ange- 
griffen, durch innere Paiteiungen mit innerer Auflösung und daher mit gänz- 
licher Niederlage bedroht wird. Diese Parteiungen waren um so bedenk- 
licher, da der kirchliche Lehrbegrift" noch so wenig lixiit war. 

Erste Abtheilung. 

Die Häresieen. 

Es ist noch nicht an der Zeit, den Begriff der Häresie selbst festzu- 
stellen; diess kann nur geschehen in Verbindung mit der Bestimmung des 
entgegengesetzten Begriffes der Katholicität. Wir richten unsere Aufmerk- 
samkeit vorerst auf das iSachliche. Diejenigen, die innerhalb des christlichen 
Bekenntnisses und der Kirche verbleibend das Evangehum verunstalteten, 
verfolgten eine zwiefache Bichtung. Die einen verschmolzen das Christen- 
thum mit dem Judenthum, das ist die judenchristliche Häresie. Die an- 
deren, folgend dem in jeuer Zeit stark hervortretenden Zuge nach ßeligious- 
mengerei, verschmolzen das Christenthum mit griechischer und morgenlän- 
discher Beligionsphilosophie , wodurch das Christenthum von seinem Zusam- 
menhange mit der Religion des alten Testamentes losgerissen und wesentlich 



1) Ueber diesen und den vierten Abschnitt, der die Geschichte der katholischen 
Theologie umfasst, verweisen wir auf M uns eher undfcoelln, Lehrbuch der christlichen 
Dogmengeschichte. 1832—38. — Hagen bach, Lehrbuch der Dogmen geschichte 5. Auti. 
1867. — B aur, Lehrb. der Dogmengeschichte 1858 — uod die nach seinem Tode erschienenen 
Vorlesungen über Dogmengeschichte. Desselben Werke über die Geschichte der Lehre von 
der Dreieinigkeit und Menschwerdung Jesu, von der Versöhnung. — D or n e r, Entwicklungs- 
geschichte der Lehre von der Person Christi. 2. Aull. 1851. — Nitzsch, Grundriss der 
christlichen Dogmengesch. 1870. — Thomasius, die christliche Dograengesch. 1. Bd., 
die Dogmengesch. der alten Kirche. 1874. — S. ausserdem Neander's und Gieseler's 
Dogmengesch., nach ihrem Tode herausgegeben. Diese literarischen Angaben kommen 
schon in Betracht bei dem vorhergehenden zweiten Abschnitte. S. auch ühlhorn, die 
Homilieen und Kecognitionen des Clemens Kom. 



76 Erste I*eriode des alten !&atholicismu8. 

verändert wurde. Das ist die heidenchristliche Häresie. Das sind also die 
beiden Hauptformen der Häresie, deren Anfänge in das apostolische Zeit- 
alter hinaufreichen. Es muss aber sogleich bemerkt werden, dass die juden- 
christliche Häresie im Verlaufe der Zeit heidnische Elemente aufnahm und 
dadurch, was einen Theil ihrer Anhänger betrifft, ihren Charakter we- 
sentlich veränderte. Die heidenchristliche Häresie hatte jüdischchristlichti 
Vorläufer, d. h. die Gnosis entstand, wie wir I)ereits gesehen, auf dem 
Gebiete des Judenchristenthums und machte von da den Uel)ergaug auf das 
Gebiet des Heidenchristenthums , auf welchem Gebiete sie ihre grösste Ent- 
faltung erreichte. 



Erstes Capitel. Die Ebioniten 

sind die letzten Ausläufer einer im apostolischen Zeitalter innerlich und 
meistens auch äusserUch überwundenen Richtung. Der Name Ebioniten, von 
"JVDS, (arm) abgeleitet, bezeichnete, sowie der Name Nazaräer, ur- 
sprünglich alle Christen, theils weil sie wirklich zu der armen Classe der 
Gesellschaft gehörten, was besonders von der Gemeinde in Jerusalem galt, 
und theils weil das Armsein im Christenthum eine tiefere Bedeutung hatte. 
Daher noch ün zweiten Jahrhundert auch die Heidenchristen ^die Armen ^ 
gescholten wurden i). Weiterhin wurde nach Origenes (c. Celsum 2, 1) der 
Name speziell auf alle Judenchristen angewendet. Unter diesen bildeten sich 
verschiedene Parteien und eine von diesen, die am meisten an das Juden- 
thuni sich haltende, die extreme Partei erhielt den Namen, der ursprünglich 
Gesammtname aller Judenchristen war. So ist der Name theils älter, theils 
jünger als die Partei. Die Ableitung von einem Sektenstifter Ebion bei Ter- 
tullian 2) ist v()lUg zu verwerfen. Eine sorgföltige Abwägung der Berichte 
über sie gibt folgende Resultate. Die Gemeinde in Jerusalem hatte zwei 
Bestandtheile. Die einen, im Gegensatz gegen den Apostelgesch. 15 und 
Gal. 2 gestifteten Compromiss hielten das Gesetz auch füi die Heiden für 
verbindlich, die anderen hielten an jenem (Kompromisse fest und wollten den 
gläubigen Heiden das Joch des jüdischen Cärimonialgesetzes nicht auferlegen. 
Die Gründung von Aelia Capitolina auf der Stelle des alten Jenisalem im J. 
135, nach Unterdrückung des Aufstandes von Bar-cochba durch Hadriau, 
gab das Zeichen zur definitiven Spaltung zwischen den beiden bisher in der- 
selben Gemeinde vorhandenen Richtungen. Diese Gemeinde, die bereits vor 
der Zerstörung von Jerusalem im J. 70 ihren Sitz in Pella, einer der zehn Städte 
im ostjordanischen Palästina *feenommen 3), hätte gerne den heiligen Boden 
Jerusalems wieder betreten. Allein Hadrian, um dem Empörungsgeiste der 
Juden keine Nahrung zu geben, hatte allen verboten, sich in Aelia Capitolina 
niederzulassen. So mussten also die Judenchristen sich vom mosaischen 



1) Minucius FeHx c. 36: quod plerique pauperes dicimur, non est infamia nostra 
sed gloria. 

2) De praescriptione haereticorum c. 33. 
, 3) Euseb. 3, 5. 



Die Ebioniten. • 77 

Cärimonialgesetz völlig lossagen, wenn sie sich in Aelia Capitolina ansiedeln 
wollten. Dazu eutschloss sich damals ein Theil derselben, die theils durcli 
die Zerstörung von Jerusalem, theils durch eigene Erfahrung des Christen- 
timms zu der Einsicht gekommen , dass das mosaische Gesetz in Christo sehie 
Erfüllung, sein Ende und Ziel gefunden habe. Sie siedelten sich in Jeru- 
salem an, vennischten sich mit den Heidenchristen und bildeten eine Ge- 
meinde, worin die Emancipation vom Mosaismus durchgeführt war. 

Die übrigen Judenchristen, die für .sich dem mosaischen Gesetz treu 
blieben, spalteten sich nun in zwei Parteien; die Anfänge dieser Spaltung 
reichen in die ersten Jahre des zweiten Jahrhunderts ; aber im J. 135 kam sie 
zum Ausbruch. Ein Theil bheb auf dem alten, milderen Standpunkte und 
wollte das Gesetz den Heidenchristen nicht auferlegen ^). Das sind die 
jedoch erst später so genannten Nazaräer, der erste Name der Christen in 
Jerusalem ^). Im 4. Jahrhundert waren sie noch im ostjordanischen Palästina 
zu finden; sie galten bei den Heidenchristen nicht für häretisch, um so we- 
niger, da sie keine Aenderung im christlichen Bekenntniss vornahmen, und 
da die meisten Apostel anfangs denselben Standpunkt inne geliabt hatten. 
Man sah sie an als etwas beschränkte Leute, die sich in die Entwicklung 
und den Fortschritt der Zeit nicht finden konnten. Die anderen dagegen 
beharrten auf der absoluten Verbindlichkeit des mosaischen Gesetzes für alle 
Gläubigen, seien es Juden- oder Heidenchristen. Sie waren, im Gegensatz 
zu den stabilen Nazaräern, beweglicher, durclüiefen eine Peihe von Bild- 
ungen und Wandlungen, nahmen gnostische Elemente in sich auf, wodurch sie 
jedoch über ihren anfänglichen Standpunkt hinausgingen. Zunächst versteiften 
sie sich hn Judenthum, gelangten dahin, den Aimstel Paulus als einen Ab- 
trünnigen zu verwerfen und die Geburt Jesu aus der Jungfrau zu läugnen. 
In dem Evangelium, dessen sie sich bedienten, das sie das Evangelium Mat- 
thäi nannten, von dem es übrigens mehrere Pedactionen gegel)en, fehlte die 
Geburtsgeschichte des Herrn; es fing an mit der Geschichte de^s Täufers wie 
das Evangehum Marci 3). 

Indessen nahmen sie doch nach und nach gnostische Elemente auf. 
Es gab gnostische Ebioniten in den Gegenden des todten Meeres schon vor 
Abfluss der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Es sind die Elkesaiten, 
Elkessäer oder Sampsaer *); diesen letzten Namen, griechisch '^HXiaxoi 
übersetzt, von 'ä'Ü'O abzuleiten, erhielten sie, weil sie gegen die Sonne 
gewendet ihre Gebete verrichteten. Der Name Elkesaiten ist nicht vom 
Flecken Elkesi in Galiläa, noch von einem angeblichen Stifter Elxai, sondern 
vom Hebräischen ''DD^^n, dvva^ig x€xaXv^^€vf} abzuleiten; es ist der heilige 
Geist, die övvaiiiq aaaqxoq in den clementinischen Homiheen. Es ist wahr- 



1) Dialog, mit Tryphone c. 47. 

2) Apostelgesch. 24, 5. 

3) Easeb. 3, 24. Irenaeus 1, 26. Epiphanius haeresis 30. c. 13, 35; die Evange- 
lien der Hebräer, der Ebioniten, der Aegypter, Petri sind eben so viele häretisch ver- 
fälschte Umarbeitungen derselben Urschrift, des Ev. Matthäi. 

4) Epiphanius haeresis 19. 30. 53. Hippolytus fAfy;^o? IX. 13. Origenes bei Eu- 
seb. 6, 38. 



78 Erste Periode des alten Katholicismus. 

scheinlich der Titel eines Buches, das bei diesen Judenchristen als Haupt- 
autorität galt. Wahrscheinlich haben wir es hier nicht mit einer abgeschlos- 
senen Sekte zu thun, sondern es waren die nach der höhereu Erkenntniss 
strebenden, die sich um jenes Buch sammelten. Es sollte, nach Origenes, 
vom Himmel gefallen, nach Hippolytus, von einem Engel, der Sohn Gottes 
war, geoffenbart sein. Es war Gelieind)uch und der Inhalt desselben wurde 
nur gegen einen Eid, w^odurch man Verschwiegenheit gelobte,, mitgetheih. 
Das Judenthum wird darin nicht völlig festgehalten, namentlich werden di(3 
Opfer verworfen, wie denn auch dhs EvangeUum, dessen sich die Ebioniten 
bedienten, dem Herrn die Worte in den Mund legt: ;,ich bin gekommen, um 
die Opfer abzuschaffen, und wenn ihr nicht aufhört zu opfeni, wird der Zorn 
Gottes über euch bleiben'' ^). Vom N. T. werden in jenem Buche die paulini- 
schen Briefe beseitigt. Christus erscheint darin als Engel von ungeheurer Grösse, 
sechsuudneunzig Meilen hoch, vierundzwanzig Meilen breit (Hippolytus 9, 13). 
Andererseits wird eine fortwährende Incarnation Christi gelehrt. l)ie Taufe wie- 
derholt sich in vielfachen Waschungen, welche Sündenvergebung bewirken; da- 
neben besteht die Besclmeidung. Das Abendmahl wird mit Brod und Salz gehal- 
ten. Fleischgenuss ist verboten. Der p]ssenismus einerseits und orientalisches 
Heidenthum andererseits haben auf die Bildung dieser Partei offenbar Ein- 
fluss gehabt. Origenes traf 234 in Cäsarea in Palästina mit einem ihrer 
Sendboten zusammen. Schon früher war einer derselben in Rom gewesen, 
aus Apamea in Syrien gekommen, fand aber in Rom keinen Anklang. 

Diesem Kreise des gnostischen Judenthums gehören die sogenannten 
Clementinen (ra xXrj^eptta, xlrj^sPTiva) an, die durch den Namen, den sie 
tragen, die grosse Verehrung bekunden, welche dem Clemens von Rom in der 
Kirche des zweiten Jahrhunderts zuTheil wurde. Es sind drei Schriften, die 
Homilieen^), die Recognitionen, die Epitome, die einen räthselhaften 
Kreis unter sich verwandter und aus Einer Quelle geflossener Schriften 
bilden. Die Homilieen sind die Hauptschrift : Sie enthalten eine weitläufige 
gnostisch -jüdische Lehre, eingekleidet in einen historischen Roman, worin 
als Hauptfiguren Petrus der Fürsprecher der wahren Gnosis, Clemens, der 
die Wahrheit suchende, Simon der Magier, der aus der Apostelgeschichte 
bekannte samaritanische Goet, der Vertreter der falschen Gnosis, hervor- 
treten. Petrus und Clemens unternehmen verschiedene Reisen. Petrus 
disputirt mit Simon und überwindet ihn, er untenichtet Clemens. Das Ganze 
der Lehre läuft daraus hinaus, dass, nachdem die Uroff'enbarung verdunkelt 
worden, eine fortgehende Offenbarung nöthig geworden; diese ist durch den 
w^ahren Propheten vermittelt, der alles weiss und den heihgen Geist besitzt. 
Dieser wahre Prophet ist in verschiedenen Personen erschienen, unter welchen 
drei besonders hervortreten, Adam, Moses, Christus. So ist denn auch die 
vom wahren Propheten geoffenbarte Religion dieselbe. Reiner Mosaismus 
und das Evangelium sind identisch s). Das Christenthum ist der gereinigte 
Mosaismus, seine Hauptlehre ist die von Einem Gotte, die oftmals in pan- 
theistischen Formeln ausgedrückt wird. Gott hat die Welt gebildet in Syzy- 

1) Epiphanius haeresis 30. c. 16. 

2) Ausgabe von Dressel 1863, von de Lagarde 1865. 

3) Homil. 8, 6. fxias yaQ cT*' a^ifoxegtüp dtSacxaXtag ovCijq. 



Die Ebioniten. 79 

gien, in paarweise ziisamniengehörigen Gegeu^sätzeu, Hiiiiinel und Erde, Kain 
und Abel, Ismael-Isaak, Esau- Jakob, zuletzt Antichrist - Christus. Nach 
demselben Gesetze gehen neben dem wahren Propheten auch falsche her, 
welche die Wahrheit entstellen; es sind die vom Weibe geborenen, wovon 
der Herr spricht Matth. 11, 11. Der Mosaismus ist in dem nach Mose ab- 
gefassten Pentateuch nicht rein enthalten, im gegenwärtigen Judenthum in 
verderbter Gestalt. Zur Bekämpfung der Sinnlichkeit werden emi)fohlen Fasten, 
Enthaltung von Fleischspeisen, Waschungen, frühzeitige Ehe, freiwillige Ar- 
muth; die Besclmeidung wird nicht geboten; doch nehmen die Beschnittenen 
einen höheren Rang ein. Dagegen, während Petrus als der Heidenapostel 
auftritt, wird Paulus gar nicht envähnt *), die Gnostiker, besonders die 
Marcioniten, die montanistischen Propheten, die hypostatische Trinitätslehre, 
der Chiliasmus bekämpft. Die Polemik gegen Marcion ist die Ursache, warum 
vom Judenthum Alles beseitigt wird, was angreifbar war, die Anthropomor- 
l)hismen und die Opfer. Ausserdem macht sich ganz bestimmt der Einlluss 
der stoischen Philosophie bemerkbar 2). Die Homiheen kennen übrigens alle 
vier Evangelien, folgen aber, mit Ausnahme der Geburtsgeschichte, überwie- 
gend dem Matthäus. Daneben gebrauchen sie eine unkanonische Schrift aus 
dem Stamme des Evangeliums der Hebräer. Noch ist anzuführen, dass der 
den Homilieen vorgesetzte Brief des Clemens an Jakobus einen nicht unwich- 
tigen Beitrag gibt zu der sich bildenden Petrussage. Nachdem Clemens in 
seinem Briefe an die Korinther, wie wir gesehen haben, nur von Paulus 
gerühmt hatte, dass er in das Abendland gekonnnen sei, wird nun Petrus als 
derjenige Apostel bezeichnet, der den Auftrag erhalten, als der am meisten 
dazu geeignete, das Abendland, den dunkleren Theil der Welt mit seiner 
Lehre zu erleuchten; es wird auch von ihm gesagt, was im Briefe des 
Clemens an die Korinther allein von Paulus ausgesagt wird, dass er darauf 
ausgegangen, der ganzen Welt (Hiristum zu verkündigen. Deutlich ist das 
Bestreben, den Apostel Petrus hierin dem Apostel Paulus völlig gleichzu- 
stellen. Nachdem nun noch angeführt worden, dass Petrus nach Bom ge- 
kommen, daselbst sein Lehramt ausgeübt und eines gewaltsamen Todes ge- 
storben sei, berichtet Clemens dem Jakobus, dass Petrus, als er seine Hin- 
richtung herannahen sah, in einer Versammlung der Brüder, ihn, Clemens, 
zu seinem Nachfolger ernannt und zum Bischöfe geweiht habe. Jakobus wird 
dabei von Clemens angeredet als Bischof der Bischöfe, der die heilige Kirche 
der Hebräer in Jerusalem und die allerwärts gestifteten Kirchen leitet. Ja- 
kobus erscheint als das Haupt der Judenchristen. 

Die Eecognitionen^), Wiedererkennungen, apayvoigicfioi. so genannt, 
weil Clemens auf seinen Wanderungen an verschiedenen Oiten mit den 
Seinen zusammeutrifil und sie wieder erkennt, sind ursprünglich griechisch 
geschrieben , und nur noch in der lateinischen Uebersetzung Rufin's voriian- 
den, die jedoch getreuer zu sein scheint als die übrigen Uebersetzun^en des- 



1) In dem den Homilien vorgesetzten Brief des Petrus an Jakobns c. 2 ist unter 
dem f/Oon,; «/','^of.j77 0f, der eine von der petrinischen abweichende Lehre verkündigte, wahr- 
scheinlich der Apostel Paulus verstanden. ' 

2) Uhlhorn a. a. 0. 404. 

3) Ausgabe von Gersdorf 1838. 



so Erste Periode des alten Katliolicismus. 

selben. lu Hinsicht des Romanes, in welchen die Lehre eingekleidet ist, sind 
sie den Homilieen sehr ähnlich; die Lehre selbst aber ist praktischer und 
christlicher gehalten als die der HomiUeen. Der Mosaismus ist an sich un- 
vollkommen und lediglich Vorbereitung auf das Yollkonnnene , das darauf im 
Christenthum gefolgt ist. Nur in Christo ist der wahre Prophet erschienen, 
der freilich blos lehrend wirkt, sodass kein Raum übrig bleibt für die Ver- 
söhnung. — Es sind sehr verschiedenartige Ansichten über diese zwei 
Schriften aufgestellt worden. Wahrscheinlich sind die Recognitionen später 
als die Homilieen geschrieben worden; denn in vielen Stücken scheinen sit3 
von diesen abhängig zu sein, und sie citiren des Bardesanes Schrift de fato. 
Hingegen weisen beide auf eine gemeinsame Urschrift hin, woraus beide geschöpft 
haben, und als welche Lipsius die nsgioSot IJergov erklärt hat, die selbst 
wieder Bearbeitung einer älteren Schrift, xrjQvy^aza JTstqov sein sollen 
Beide sind wahrscheinlich nicht in Rom, sondern in der ostsyrischen Kiixhe 
entstanden, w^o schon damals sowie noch jetzt Religionsmengerei Statt fand; 
keine von beiden Schriften ist vor der Mitte des zweiten Jahrhunderts entstanden, 
beide wohl etwas später. — Die dritte Schrift, die epitome, ist ein dürf- 
tiger, unvollständiger Auszug aus den Homilieen, somit ohne Bedeutung. Es 
gibt noch andre etwas frühere Producte dieses häretischen Judenchristenthums; 
die genannten Schriften sind die letzten Producte desselben. Es erscheint 
darin als in einer Zersetzung begriffen, vennöge welcher es theils heidnisch- 
naturahstische Elemente aufnimmt, theils durchbricht es nach der Seite des 
Christenthums hin die Schranke des Judenthums und nähert sich dem Christen- 
thum. Von dieser Zeit an verschwindet es aber vom Schauplatz der Geschichte. 
Es hat sich überlebt und ist von der kirchlichen Entwicklung überflügelt 
worden^). Denn die eine Zeitlang mit einem grossen Aufwände von Scharf- 
sinn und Gelehrsamkeit vertheidigte Ansicht, dass das Judenchristenthum 
mit ebionitischer Färbung bis in die Mitte des zweiten Jahrhunderts geherrscht 
und dass erst von da an das pauUnische Christenthum die Oberhand gewon- 
nen, diese Ansicht kann jetzt als überwunden angesehen werden, womit aber 
keineswegs gesagt sein soll, dass in der kirchlichen Entwicklung das alte und 
das neue Testament in allen Beziehungen in das rechte Verhältniss zu ein- 
ander gebracht, noch dass die pauhuischen Ideen in ihrer Reinheit erhalten 
wurden. 



Zweites CapiteL Die heidenchristlichen Gnostiker. 

Die Hauptquellen zur Geschichte der Gnostiker überhaupt sind die "Werke von Iren aus 
adv. haereses, von Hippol3^tus, refutatio omnium haeresium, von Epiphanius 
adv. haereses, dazu kommt Tertullian adv. Marcionem, adv. Valentinianos , de 
praescriptione haereticorum, Clemens Alex, in den Stromata besonders über Basi- 
lides, Theodorets compendium von den häretischen Fabeln, Plotins Abhand- 
lung gegen die Gnostiker im zweiten Buche der Enneaden. lieber das Verhältniss 
dieser haeresiologischen Schriften zu einander S. Lipsius, zur Quellenkritik des 
Epiphanios 1866. — Harnack, zur Quellenkritik der Geschichte des Gnosticismus 



1) Es gab zwar noch bis in das fünfte Jahrhundert Elkesaiten und Ebioniten — 
nach Epiphanius (f 403). 



Die heidenchristljcben Gnostiker. 81 

in der Zeitschrift für historische Theologie. 1874. 1. nnd 2. Heft. Mit Beziehung 
auf Harnack: Lipsius, die Quellen der ältesten Ketzergeschichte neu untersucht. 
Leipzig 1875. — Unter den Bearbeitungen, wobei von den Monographieen über ein- 
zelne Männer oder einzelne Sekten abgesehen wird, S. Neander, Entwicklung 
der gnostischen Systeme und desselben allgemeine Kirchengeschichte. Ritter, Ge- 
schichte der christlichen Philosophie. Baur, die christliche Gnosis und das Chri- 
, stenthum der drei ersten Jahrhunderte. Mo eller, Geschichte der Kosmologie in 
der griechischen Theologie bis auf Origenes. — Zusammenfassende Uebersicht in 
Jacobi's Artikel Gnosticismus , in der Realencyclopädie , bei Nitzsch in der 
Dogmengeschichte und bei Lipsius im Artikel Gnosticismus bei Ersch und Gru- 
ber. l.Bd. 71. 

L Die häretische, vom Grund des Heiles abfallende Gnosis, deren 
Anfänge wir im apostolischen Zeitalter zuerst auf dem judencliristlichen Ge- 
biete, sodann aber auch schon zum Theil auf dem heidenchristHchen walir- 
genommen haben, entwickelt sich auf diesem nach Abschhiss jenes Zeitalters i) 
in grossartigen Dimensionen und mit dem sichtbaren Bestreben, in der 
Kirche zur Herrschaft zu gelangen. Obschon in Bildern und Mythen sich 
bewegend, trat sie, wie der Name es besagt, mit dem Ansprüche auf, die 
vom Apostel Paulus so eifrig empfohlene tiefere p]insicht in die Geheimnisse 
des Christenthums zu geben. Im Grunde aber war sie, wie Neander bemerkt, 
die Reaction des antiken Standpunktes in der Rehgion gegen den christlichen. 
Daher Ritter sie ansieht als den Uebergang bildend von der vorchristlichen 
in die christhche Philosophie. Wenn die Gnostiker, sich selbst mit diesem 
Namen, der einen guten Klang hatte, benennend 2), darauf Ansi)ruch machten, 
das Christenthum mit der Philosophie, den Glauben mit dem Wissen auszu- 
söhnen und diejenigen zu befriedigen, welchen der blosse Autoritätsglaube 
nicht genügte 3), so begreift man leicht, dass sie bei den Gebildeten Anklang 
und Anhang fanden. Eine andere Frage ist aber die, wie ist es gekommen, 
dass die Gnosis diese besondere Gestalt und Art, wie sie geschichtlich vor- 
liegen, angenommen? 

So verkelirt es wäre, diese Erscheinung blos aus dem Triebe abzuleiten, 
den Ursprung des Bösen zu erklären, so steht doch fest, dass jener Trieb 
zur Ausbildung der Gnosis wesenthch mitgewirkt hat. - Augustin sagt in 
seinen Bekenntnissen, es habe ihn lange und viel die Frage beschäftigt: wo- 
her das Böse? Es geschah diess zu einer Zeit, da er eine überwiegende 
Macht der Sünde in sich wahrnahm, die er, im Bewusstsein meines besseren 
Selbst, sich nicht erklären konnte. Zur Zeit der Erscheinung des Christen- 
thums, da ein Heer von Sünden die von Gott entstammte Menschheit be- 
herrschte, so dass die besten und edelsten an der Menschheit fest verzwei- 
felten, da beschäftigte dieselbe Frage viele denkende Geister und empfäng- 



1) Nach Hegesipp bei Euseb. 3, 32 blieb die Kirche eine reine, unbefleckte Jung- 
frau bis auf den Tod Symeons 107 unter Trajan. 

2) So die Naassener, Hippolytus 5, 6. Naacarjvot oi ^ttvrovg yvMCimovq ano- 
xakovuTfg — (prtüxovrfg uovo$ rrt ßaS'Tj ytvioGxfir. 

3) Wie Origenes Tom. V in Joannem §. 4 von seinem Freunde Ambrosius sagt, er sei 
zum Gnosticismus geführt worden anoQia tmu nQBCßfvovKoy ra xnfiTTorn, utj <f,ff)(ov 
rtjv akoyov xcci i^KOTtxrju TTtffrtr, 

Herzog, Kirchengeschichte I. a 



82 Erste Periode des alten Katholicismus. 

liehe Gemüther. Woher das Böse und warum? ist eine der Fragen, welche 
Tertullian bei den Häretikern behandelt findet 0- I«i Zusammenhange damit 
fragte man sich: wie hat die Welt das werden krmiien, was sie ist, sündHch 
und verderbt? Wie soll man sich Gott denken als Urheber einer ihm so 
fremdartigen Welt? Wie den Uebergang vom Unendlichen zum Endlichen? 
Woher, wenn Gott das Vollkommene ist, so viele Unvollkommenheiten in 
der Welt? woher unter den Menschen so grosse Verschiedenheiten, von den 
göttUch - gesinnten an bis zu solchen, in welchen keine Spur des Vernünftigen 
und Sittlichen sich findet? Diese Fragen wurden aufgeworfen und deren 
Beantwortung und Lösung versucht, theils auf dem Grunde der platonischen 
Philosophie — und das ist das Wahre an der Beliauptung einiger Kirchen- 
väter, dass Plato der Stifter aller Ketzerei sei 2), theils auf dem Grunde 
einer orientahschen Philosophie, worin Parsisches und selbst Budhistisches 
sich vermengte, — das ist das Wahre an der anderen Behauptung einiger 
Kirchenväter, dass Simon der Magier der Erzvater aller Ketzer sei 3). Da 
trat das Christenthum hervor, welches, obwohl auf allen Schmuck der Phi- 
losophie verzichtend, jene höchsten Fragen des menschlichen Geistes noch 
lebhafter anregte und deren Beantwortung auf praktisch - positive Weise gab. 
Dadurch geriethen alle jene philosopliischen Bestrebungen in eine neue Gäh- 
rung; sie nahmen die Richtung darauf, die Erlösung und Versöhnung, welche 
das Christenthum zu verwirkhchen darbot, philosophisch zu construiren, in 
Gedanken zu erfassen. Die Idee der Erlösung wurde ihr Grundton, aber 
nicht vorwiegend rehgiös oder als Heilsprincip , sondern kosmologisch , als 
Weltprincip, nicht vorwiegend als geschichtliche Thatsache, sondern als ab- 
stracte Idee gefasst. Das Christenthum wurde zwar als die absolute Reli- 
gion, als das Vollkommene hingestellt, im Unterschiede vom Judenthum als 
dem Unvollkommenen, und von dem Heidenthum als dem Schlechten und 
ganz und gar Verderbten; aber ungeachtet dieser hohen Stellung, so aufge- 
fasst, dass sein eigenthümhches Wesen von Grund aus alterirt wurde. Es 
war ein ungünstiges Zeichen der Zeit, dass die ersten Anfänge philosophischen 
Denkens inmitten der Christenheit auf solche Abwege führten. 

Es ist zum Verwundern, wie viele unter den Zeitgenossen in die gno- 
stische Bewegung eintraten. Nach denjenigen, die schon im apostolischen 
Zeitalter diese Richtung verfolgen, kommen jetzt erst, in der ersten Hälfte 
des zweiten Jahrhunderts die wahren, folgerechten Gnostiker, welche ihre 
Theorieen weit ausspinnen und Gründer von eigenen Schulen oder Sekten 
werden, die sich selbst wieder in neue Schulen und Sekten zerspalten. Da 
begegnet uns zuerst Basilides c. 125 in Alexaudrien, dessen Schüler, die 
Basilidianer, später eine vom Meister sehr abweichende Richtung ein- 
schlugen, und bis zum Jahre 400 ihr Dasein fristeten. Eine besonders wich- 
tige Erscheinung ist Valentinus, Urheber des sinnreichsten gnostischen 
Systemes, der c. 140 von Alexaudrien nach Rom gekonnnen und c. 160 auf 



1) De praescript. haeret. c. 7. Unde malum et qua re? Dasselbe berichtet Euseb. 
5, 27; nokvS^QvXltjTot^ nnQct rotq nigffriMinti; to noS^fy // xaxta. 

2) Tertullian de anima c. 23. Plato oranium haereticorum condimentarius. 

3) Hegesipp bei Euseb. 4, 22. Justin M. apol. I. 26. 56. 



Die heidenchristlichen Gnostiker. 83 

der Insel Cyperu starb i). Seine Schule verzweigte sich in eine morgenlän- 
dische und eine italische und zählte manche talentvolle Männer, Herakleon, 
den ersten oder wenigstens einen der ersten neutestamentlichen Exegeten, Pto- 
lemäus, Marcus, Bardesanes, einen Armenier, der zu Anfang des dritten 
Jahrhunderts am Hofe des Abgar Manu in Edessa lebte 2). Nach Einigen 
soll er sich mehr an die Lehren der Ophiten gehalten haben. Diese, auch 
Naassener genannt bei Hippolyt, Schlangenbrüder, scheinen mit Valentin 
verwandt gewesen zu sein, vielleicht bestanden sie schon vor Valentin in 
Egypten. Sie theilten sich in mehrere Sekten, Sethia'ner, Kainiten, Pe- 
raten. Noch im Jahr 520 gab Justinian Gesetze gegen die Ophiten. Kar- 
pokrates, der ebenfalls in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts in 
Alexandrien lebte, that sich bei mancher Berührung mit den bisher genann- 
ten Gnostikern hervor durch unsittliche Richtung, worin sein Sohn Epipha- 
nes sich auch hervorthat; und doch errichteten die Schüler diesem im sieb- 
zehnten Lebensjahre verstorbenen Sohn des Meisters in Cephalenia einen 
Tempel. Auch die verwandten Sekten der Antitakten, Prodicianer, 
Schüler des Prodicus, brandmarkten sich diu'ch unsittliche Grundsätze. — 
Die bisher genannten Gnostiker fasst man oft unter dem Namen alexan- 
drinische Gnostiker zusammen, obschon diese Benennung bei Barde- 
sanes nicht zutrifft. Davon unterscheidet man eine andere Classe, die 
syrischen Gnostiker. Dazu gehören Saturnin oder Satornilus in 
Antiochien, Zeitgenosse des Basilides, Tatian, der Syrer, ein Schüler des 
Justin, Stifter einer eigenen Partei, die sich durch harte Asketik auszeich- 
nete und über das vierte Jahrhundert hinaus fortdauerte. Die Namen iyxoa- 
tiTai, vÖQonccqaCTCiTai, , aquarii , bezeichnen eine Richtung, die manchen 
Gnostikern gemeinsam war, scheinen aber vorzugsweise den Anhängern des 
Tatian beigelegt worden zu sein. Zu diesem Kreise gehört vermöge seines 
scharfen Dualismus sowie seines Doketismus die Gnosis des Marcion von 
Sinope, der sich an den Syrer Kerdon anschloss. 

Bei der Mannigfaltigkeit der gnostischen Erscheinungen und Richtungen 
ist es allerdings kaum möglich , irgend welche Eintheilung und Classification 
ganz genau durchzuführen. Indessen lassen sich in Beziehung auf die hei- 
denchristhcheu Gnostiker zwei Hauptrichtungen unterscheiden; die eine, ver- 
treten durch die alexaudrinischen Gnostiker weist entschieden platonische 
Elemente auf, ohne dass man, mit Gie seier, sagen dürfte, dass die Ema- 
nationslehre ihr eigenthümlich angehöre, da z. B. Karpokrates mit seinen 
platonischen Grundansichten die Emanationslehre nicht verbunden hat; die 
andere Richtung, vertreten durch die syrischen Gnostiker trägt, veimöge 
des scharfen Dualismus und des Doketismus offenbar das Gepräge der orien- 
tahschen Religionsphilosophie, bestimmter gesagt, des Parsismus. Der Unter- 
schied beider Richtungen gipfelt in den Vorstellungen über den Weltschöpfer, 
seine Natur und seine Wirksamkeit, sein Verhältniss zum höchsten Gott 



1) S. über ihn insbesondere Henrici, die Valentinianische Gnosis und die heilige 
Schrift. Berlin 187L 

2) Nach den neuesten Forschungen über ihn, worüber S. den Art. Bardesanes in 
der Realencyklopädie. 21. Bd. S. 585. 

6* 



84 ßiste Periode des alten Katholicismus. i^ 

sowohl als zu der sichtbaren Welt und zur Vorgeschichte des Christenthums. 
In Beziehung auf das Christenthum betrachtet geht diese Eintheilung von 
dem verschiedenen Verhältnisse ans, in welches die Gnostiker die Offen- 
barung des höchsten Gottes zur Natui' sowohl als zur Vorgeschichte setzen. 
Ausser den genannten zwei Classen, wovon wir die eine auch die platonisi- 
rende, mit Hase die hellenistische, mit Gieseler die alexandrinische , die 
andere die dualistische, orientalische, syrische nennen können, ist eine dritte 
Classe anzuführen , die der j u d a i s i r e n d e n Gnostiker. Als Repräsentanten 
derselben vermögen wir aber nur die dem ai)ostolischen Zeitalter angehören- 
den Irrlehrer von Kolossae, sodann Kerinth und im zweiten Jahrhundert di(3 
philosophirendeu Ebioniten anzuerkennen, und auch diese beiden letzten 
wollen sich nicht ganz in diese Classe einfügen, insofern jene Ebioniten zuletzt, 
dahin gelangen, Beschneidung und Opfer bei Seite zu lassen, insofern Ke- 
rinth den Weltschöpfer vom höchsten Gott abscheidet, so dass er nur durch 
sein Festhalten am Gesetz als judaisirend erscheint i). 

IL Eine Beschreibung der einzelnen Systeme würde zu weit führen. 
Wir suchen die Frage zu beantworten, was war der Hauptinhalt der heiden- 
christlichen Gnosis im Unterschiede vom gewöhnhchen Christenthum? wobei 
wir Anlass haben werden, die beiden Hauptrichtungen genauer zu be- 
schreiben. 

An der Spitze des Ganzen steht die abstracte Idee Gottes, nicht blos, 
wie der gewöhnliche Christenglaube bekennt, als des schlechthin immateriellen 
und unendlichen, sondern auch als des schlechthin jenseitigen, bestimmungs- 
losen und unergründlichen Urwesens, von Basilides genannt ^eog aqqriToq, 
avccTovo^acTtog, selbst ovx cov , von Valentin Bv^og, so schlehthin jenseitig, 
und ruhend vorgestellt, dass er nicht sowohl Princip (aQxr}) und Vater (na- 
trig) von Allem, als jiQoaQxrj und ngMTintajQ, tiqomv genannt wird, und 
doch ist er der unerschöpflich reiche Urgrund einer Fülle von Besonderungen. 
Saturnin nennt ihn natriQ äyvcofftog. Aus ihm emanirt oder wurden ge- 
schaffen oder auch gezeugt eine Stufenreihe von personiflcirten Potenzen, die 
an der Gottheit und ihrer Ewigkeit, je nach der Stufe, worauf sie sich be- 
finden, Antheil haben, daher sieAeonen heissen. Ihre Zahl ist grösser oder 
geringer, ihre Namen und Functionen sind verschieden je nach den verscliie- 
denen Systemen oder Schulen. Zusammen bilden sie das Lichtreich, von 
Valentin Pleroma genannt. Bei Basilides geht aus dem unneimbaren Gott 
eine Siebenzahl von Aeonen hervor, die durch ihre Namen ihre speculative 
Bedeutung beurkunden (Novg, Xoyog, (pQovrjCTig, aocpia^ Svpa^ig, dixaio- 
(Tvvfi, stQrjvrj). Die oberste Hebdomas strahlt aber eine zweite, der erste 
Himmel, den sie mit dem Urvater bewohnt (daher Ogdoas genannt), einen 
zweiten ab, und diese Abstrahlung wiederholt sich den Tagen des Sonnenjahres 
entsprechend bis zur Zahl von 365 Himmeln oder Geisterreichen, deren Ge- 



1) Alle heidenchristlichen Gnostiker gelten uns als antijudaisirend, insofern sie alle 
von dem Satze ausgehen, dass der Schöpfer der Welt und der Erlöser der Welt zwei 
verschiedene Wesen seien. 



Die heidenchristlichen Gnostiker. 85 

sammtheit den Namen Aßgal^ag (auch Aßgacra^) trägt i). Nach Valentin 
ist die erste Vermittlerin aller Hervorbringuugen die mit dem Bv&og als 
dessen Genossin ((Tvl^vyog) verbundene Giyr} oder svvoiaj der schweigende 
Gedanke, das unmittelbare Bewusstsein seiner selbst, in welchem der Bvd^og 
sich erfasst, um aus sich herauszutreten. TlatriQ und agxt} %o>v navtuiv ist 
jedoch erst der aus der Vermählung des Bv^og mit der aiyri entsprossene 
vovg {ybovOYSvrig) , die nach aussen thätiges Subject gewordene Gottheit, die 
sich wiederum in der aXrj^eia, der <Tvli,vyog des povg, reflectirt. Diese vier 
Aeonen bilden die erste und ursprüngliche pythagoräische Vierheit (nv&ayoqi- 
xrip TSTQaxTvv), welche sie auch die Wurzel aller Dinge nennen, und in dem 
yovg als dem eingebornen offenbaren Gotte hegen die Keime aller weiteren 
Besonderungen, die Ideen zunächst aller folgenden Aeonen. Ferner erweitert 
sich die Vierzahl zur Achtzahl, indem aus dem vovg und der aXri^eta der 
Xoyog als das schaffende und lebenspendende Wort, und die Icotj, aus diesen 
aber der av&Qconog^ der Urmensch, das Urbild der Individuahsirung des 
Göttlichen und die exxXijff^a, das Urbild der göttlichen Lebensgemeinschaft 
hervorgehen. Dieser Emanationsprocess setzt sich noch weiter fort, indem 
loyog und £«?/ noch eine Dekas, av^qcanog und sxxXrjffia noch eine Dodekas 
von Aeonen erzeugen (wozu naqccxXritog und nictig gehören). Demnach sind 
es dreissig Aeonen, die das nXrjQco^a, das Buch der göttlichen Lebensfülle, 
die göttliche Idealwelt darstellen. Dieser theogonische Process ist aber bei 
Valentin wie bei andern Gnostikern theils Vorspiel, theils Urbild des kosmo- 
logischen Processes. Hier tritt nun ein neues, überaus wichtiges Moment 
hinzu: Dem göttlichen Wesen und dem Lichtreich gegenüber steht die un- 
götthche, unerschaffene Materie {vXrj), das Substrat der Welt und zugleich 
Grund des Bösen, das Chaos, der Stoff, aus dem die sinnhche, materielle 
Welt gebildet wird. Denn die Gnostiker verwarfen die Schöpfung aus Nichts, 
indem sie dagegen einwendeten: aus Nichts wird Nichts. Insofern sind alle 
Duaüsten. Da aber der höchste Gott mit der Materie in keine Beziehung 
treten kann, so wird die Entstehung der sinnlichen, sichtbaren Welt auf 
untergeordnete, vom götthchen Wesen weit abstehende Mächte oder auf Eine 
untergeordnete schöpferische Macht zurückgeführt, den drjfiiovQyog , wie ihn 
viele Gnostiker nennen, nachdem schon Xenophon, sodann die jüngeren Pla- 
toniker den Weltbildner vom höchsten Gott unterschieden und Demiurg ge- 
nannt haben. Bei BasiUdes sind die sieben Aeonen des untersten Himmels 
und besonders ihr uqxmv, ^der als Gott der Juden, nicht namentlich als 
Demiurg aufgeführt wird, Weltschöpfer. Von einem feindlichen Verhältniss 
des Weltschöpfers gegen den höchsten Gott ist keine Rede. Der uqxmp des 
Basihdes ist nur beschränkt ni seinem Wesen, er unterwirft sich der höhe- 
ren Ordnung, sobald sie ihm bekannt wird. Auch bei Valentin steht der 
Weltschöpfer, der Demiurg, durchaus nicht dem höchsten Gott feindlich ent- 
gegen. Der kosmogonische Process wird im Zusammenhange damit von Va- 



1) Der Zahlenwerth der Bachstaben dieses Namens beträgt addirt 365: 3 « =: 3 
/J = 2, ^ = 100, (> = 200, $ = 60. Wie sehr der Gnosticismus des Basilides und 
Beiner Anhänger sich mit heidnischen Religionselementen vermischte, erhellt aus dem Ar- 
tikel von Matter über Abraxas in der Bealencyklopädie. 



8ß Erste Periode des alten Katholicismus. 

lentin mythologisch beschrieben: sowie das nkriq^na sich vollendet hat, 
will der vovq seine Einsicht in das ßvd^og auch den niederen Aeonen mitthei- 
len. Die Giyn widersetzt sich; doch die brennende Sehnsucht darnach 
bemächtigt sich der (To(pia, des letzten Aeons. Der Aeon o^oq, zur Auf- 
rechthaltiiiig" der Schranken nachträghch erzeugt, führt der (Totpia das Ver- 
werfliche dieser ev^vfirjcrig zum Bewusstsein und schied diese von der Gocpia 
aus, als unreife Frucht; sie sank als die xaton aocpia, als die axcc^coO^ in 
den Ort der Leere, in das xevcofia, und es wird nun die im jikrjocopa ge- 
störte Harmonie durch zwei neue von vovg erzeugte Aeonen, den obern 
(apco) Christus und den heiligen Geist wiederhergestellt. — In Folge von 
neuen mythologischen Vorgängen, wobei Christus betheiligt ist, wird die im 
Kenoma herumirrende Achamoth Mutter der Sinnenwelt. Gewisse Affekte de}'- 
selben werden die Fundamente der sichtbaren Welt, — aus ihrer flehenden 
Hinwendung nach oben entsteht das ipixixov, aus den übrigen Aflecten dss 
vhxov. Die so gereinigte Achamoth und durch die Engel befruchtet, wird 
fähig zu pneumatischen Hervorbringungen; ihr Werkzeug ist der Demiuri;, 
den sie aus psychischem Stoffe gebildet. Der Demiurg hält sich selbst für 
den höchsten Gott und ist Weltschöpfer. Die drei bereits genannten Stoffe, das 
Pneumatische, das Psychische und das Hylische sind in der Welt vermischt; 
in seiner Beschränktheit ^ieht der Demiurg nicht, dass in den Menschen mit- 
telst der Psyche, die er ihm mittheilt, auch Pneumatisches eingeht, welches 
die Achamoth in ihn einströmen lässt. So wie nun in jedem Menschen di(^ 
drei genannten Elemente zu unterscheiden sind, so auch im Menschenge- 
schlecht überhaupt, die Heiden sind der Masse nach Hyliker (es gibt aber 
Ausnahmen) ; die dem Demiurg als ihrem Gott unterworfenen Juden der Masse 
nach Psychiker. Einige Juden haben sich zum höchsten Gott erhoben. — 
Pneumatiker sind die bevorzugten Geister unter Heiden und Juden, w^elche 
die Wahrheit theils w^eissagen, wie die Propheten des alten Bundes oder 
derselben, wenn sie ihnen geoffenbart wird, entgegenkommen. Im Systeme 
der Ophiten ist der Weltschöpfer, Jaldabaoth, d. h. Sohn des Chaos, 
hervorgegangen aus der Mutter der Lebenden, noch eines Funkens des gött- 
lichen Lichtes theilhaftig, zugleich aber selbstsüchtig der Materie zugewandt. 
Ohne Erlaubniss der Mutter erzeugt er einen Sohn, und indem dieser Zeug- 
ungsprocess sich fortsetzt, entsteht noch eine Reihe anderer Engel, welche 
mit ihm als dem Haupte eine den sieben Planeten entsprechende Siebenzahl 
bilden; es entsteht ihm ein neuer Sohn, in Schlangengestalt, ocpcofiog^og, 
voll Neid und Bosheit; Jaldabaoth selbst verstockt sich in Selbstsucht und 
Hochmuth so sehr, dass er sich geradezu für den höchsten Gott erklärt. Er 
sucht das Pneumatische in den Menschen, das sie von seiner Mutter haben, zu 
unterdrücken. Was Saturnin betrifl't, so nimmt er an, dass sieben ay^e- 
koi^ xo(T^oxQatoQ€g , welche die unterste Stelle im Lichtreich einnehmen, die 
Welt schufen. Auch der Mensch ist ihr Geschöpf; sie vermochten aber nicht 
demselben Lebenskraft einzuflössen, daher der Urvater, nach dessen Bilde der 
Mensch geschaffen war, einen Lebensfunken herabsandte. Aber nicht alle Menschen 
haben diesen Lebensfunken in sich, sondern nur die guten; ihnen gegenüber 
stehen die bösen, denen die Dämonen Hülfe leisten. — Saturnin ist nicht 
SO schroff dualistisch , wie man bis jetzt angenommen , sein Satanas ist ein 



Die heidenchristlichen Gnostiker. 87 

gefallener Engel und wahrscheinlich nicht der S'-höpfer der hösen Menschen. — 
Es hat sich uns also gezeigt, dass der Weltschöpfer in doppelter Weise auf- 
gefasst wird, theils als beschränkt, aber dem höchsten Gotte sich unterord- 
nend, theils als Feind des höchsten Gottes, das eine nach platonisirender An- 
schauung, das andere nach orientalischer. 

Nun aber haben wir noch den wichtigsten Theil der aufgeworfenen 
Frage zu beantworten. Wie erfolgt die Erlösung? wie ist sie beschaffen? 
Im Allgemeinen ist darüber zu sagen, dass sie aufgefasst wird als die Be- - 
freiung des pneumatischen Elementes im Menschen von den Banden der 
Materie und des W^eltschöpfers , als die Ausscheidung des Bösen, als arroxa- 
TQGxacTig TMv navtwv (Apostelgesch. 3, 2). Diese Erlösung wird durch einen 
der Aeonen bewirkt, der obere Christus öfter genannt, welchem der irdische 
Jesus zum Werkzeug dient, als Maske oder als Offenbarungsorgan, wobei 
die Menschheit Christi theils festgehalten (auf Kosten seiner Gottheit) oder 
in doketischer Weise verflüchtigt wird. — Diess soll bei einigen Gnostikern 
genauer dargelegt werden. Nach Basilides hat der Archon, der Gott der 
Juden durch die Bildung der geordneten Welt, aus den einzelnen, dem 
Lichtreich entquollenen Lichtstrahlen und dem Chaos schon den Anfang zur 
Erlösung, d. h. zur Befreiung des in der Materie gefangenen Geistes ge- 
macht, der im Menschen zum Bewusstsein kommt. Der Archon wollte da- 
durch sein eigenes Reich erweitern, in Wahrheit aber ist er das Werkzeug 
des höchsten Gottes, genauer gesprochen, seiner nqovoia, welche seine 
Zwecke verwirklicht. Der Mensch ist in dem Maasse der Erlösung fähig, 
als sein Geist die Anhängsel der Materie abstreift. Die Erlösung selbst be- 
reitet der Archon wieder unbewusst dadurch vor, dass er, die Heiden seinen 
Engeln überlassend, die Juden unter seine besondere Obhut nimmt und Mo- 
sen und die Propheten sendet und dadurch Ahnungen der W^ahrheit in die 
Menschheit hineinwirft, die sich vereinzelt auch ausserhalb Israels zeigt. 
Aber erst in Folge der Erlösung durch den himmlischen vovq (Siaxovog) 
vermag die kleine Zahl von Auserwählten in Israel und den andern Nationen 
(exloyT}) sich von der Welt wahrhaft frei zu machen. Der himmlische vovg, 
vom höchsten Gotte herabgesendet, verbindet sich bei der Taufe mit dem 
irdischen Jesus, dem Messias des Archon. Dieser, überrascht durch die 
heilsame Wirkung des von jenem verkündigten Evangeliums , erschrickt zwar 
darüber, unterwirft sich aber demüthig der höchsten Macht, die in Jesu 
wirksam ist. Dieser selbst muss, nachdem der vovg ihn wieder verlassen, 
den Tod erleiden und zwar für eigene Schuld; so sehr ist sein Tod ausser 
alle Beziehung zur Erlösung der Menschen gesetzt ^). Das Heil derselben ist 
bedingt durch die Hingebung an die Offenbarung des vovg. Nach Valen- 
tin ist GWTiiQ IrjCTovg, das Product der gesammten Aeonenreihe, so wie er 
schon bei der Weltschöpfung betheiligt ist, so aber auch derjenige, der die 
Erlösung wesentlich vollbringt, — durch vollständige Enthüllung der W^ahr- 
heit. Diese Enthüllung der Wahrheit geschieht dadurch, dass der Soter sich 
mit dem vom Demiurgos, dem Judengotte, gesendeten psychischen Messias bei 



1) Jesus als wirklicher Mensch gedacht ist nur deV Erstling der Erlösten und be« 
darf selbst der Erlösung, bei Clem. Strom. 4, 12 gemildert ausgedrückt. 



88 Erste Periode des alten Katholicismus. 

der Taufe bis zum Tode verbindet und durch ihn den Urvater offenbart. 
Durch die Kraft der geoffenbarten Wahrheit sammelt er um sich alle pneu- 
matischen Naturen, theilt ihnen die Gnosis mit, wodurch sie fähig werden, 
wenn der Bräutigam sie abholt, in das nXriqwiia einzugehen. Die psychischen 
Christen, die nur bis zur ntcrtig fortschreiten und dazu Wunder und Weis- 
sagungen brauchen, sannneln sich um den psychischen Messias, welcher mit 
seinem Reiche den Ort der Mitte, zwischen dem Pleroma und der Materie 
bildet. Naclidem diese durch P'euer verzehrt zum xevMna geworden, tritt 
die a7voxatK)C(j%aaiq ein, worüber sich selbst der Demiurg als Freund des Bräu- 
tigams freut. Im Lehrbegriffe des Saturnin ist, im Vergleich mit den 
bis jetzt dargelegten Ideen anderer Gnostiker, der Process der Erlösung 
ziemlich vereinfacht. Um die guten, die pneumatischen Menschen zu erlösen, 
und die bösen sammt dem Gotte der Juden und den Dämonen zu vernich- 
ten, erschien Christus als Heiland in einem Scheinkörper, doxrjdei (Hip- 
polyt. 7, 28), was allerdings auf einen ausgeprägten Dualismus schlies- 
sen lässt. 

Die sittlichen Grundsätze der Gnostiker sind bedingt durch ihre Re- 
ligionsphilosophie und sollen dieser Eingang und Autorität verschaffen. 
Da sie alle die Materie als Sitz des Bösen betrachteten, so bekam ihre 
Ethik die Gestalt eines Kampfes mit der Materie, die besiegt werden sollte, 
damit der Geist sich ungehindert der Gnosis hingeben könnte. Daher bei den 
von sittlichem Ernste erfüllten Gnostikern die Asketik in Ehren war, welche 
je nach Massgabe ihres Dualismus milder oder herber war. So ist bei 
Basilides die Ehe erlaubt, wenigstens für einen Theil der Gläubigen. Sie 
galt als Abbild eines höheren, durch alle Stufen des Daseins hindurch 
gehenden Verhältnisses. Bei Valentin und den Seinen war die Ehe sogar 
Gesetz für die Pneumatiker. Herber war die Askese des Saturnin, der 
das Gebot des Cölibats aufstellte, doch ist es nicht völlig sicher, dass diess 
Gebot für alle Mitglieder der Sekte galt. Tatian stellte in einer beson- 
deren Schrift Christum als Urbild des ehelosen Lebens auf und wollte aus 
1 Cor. 7, 7 beweisen, dass für Paulus Ehe und Unzucht gleich verwerflich 
seien. Bei unreinen Menschen artete die Abwendung von den gewöhn- 
lichen ethischen Verhältnissen in Unsittlichkeit, in freche Verhöhnung aller 
Sittengesetze aus: Alles Aeussere sei gleichgültig; der Mensch solle sich 
dadurch nicht stören lassen ; wir müssen durch den Genuss der Lust die Lust 
bekämpfen. Es sei nichts Grosses, sich zu enthalten, wenn man die Süssig- 
keit der Lust nicht geschmeckt habe. Das sei gross, mitten in der Lust 
stehend , von derselben nicht überwältigt zu werden. Nur ein kleines Ge- 
niessen könne durch eingegossenen Schmutz verunreinigt werden, nicht 
der Ocean , der Alles aufnehme , weil er seine Grösse kenne ^). Damit 
hing zusammen eine gänzliche Verachtung des Judenthums, wobei sie sich 
auf den Apostel Paulus beriefen, der die Unzulänglichkeit des Gesetzes 
für die Heiligung gelehrt habe. Sie nannten sich Söhne Gottes, das kö- 
nigliche Geschlecht in dem Sinne, dass sie an kein Gesetz gebunden seien. 
Einige suchten, in Nachahmung der heidnischen Poeten und Philosophen 



1} Neander, Kirchengeschichte 1, 2. 657, 



Die heidenchristlichen Gnostikel*. 89 

durch Magie das zerrissene Band mit der Gottheit wieder anzuknüpfen 
(s. das vierte Buch von Hippolyt). Diese Richtung befolgten Karpokrates 
und seine Schule, Prodikus und seine Schule, die späteren Markosianer, 
Schüler des Markus, die Saturnianer. Die Antitakten (ungewiss ob als eigne 
Sekte aufzufassen) gaben vor, sich dem Weltschöpfer deswegen entgegen- 
zustellen (daher die Benennung), weil der Weltschöpfer sich dem höchsten 
Gott entgegenstelle. Die dem Doketismus ergebenen Basilidianer wurden auch 
zu Uebertretungen der sittlichen Gebote geführt. Sie verhöhnten die Mär- 
tyrer als solche, die für ein Trugbild ihr Leben hingäben, und entzogen sich 
aller Verfolgung durch Theilnahme an dem heidnischen Gottesdienste; 
denn, so sagten sie, sowie Christus sich in alle Scheinlormen einzuhüllen 
weiss, so könnten sie auch alles zum Scheine mitmachen, um die fleisch- 
lich-gesinnte Menge zu täuschen und ihren Verfolgungen zu entgehen. 
Man sieht, die Gnostiker hatten Grundsätze und Verhaltungsregeln, die 
für sehr verschiedenartige Leute berechnet waren, für die ernsten ernste, 
für die frivolen frivole, doch ohne dass solches, wie bei den Jesuiten, 
Sache eines Planes, einer Uebereinkunft war. 

IIL Wichtig ist für uns besonders das Verhältniss, worin sich die 
Gnostiker zum Glauben, zur Lehre, zur Gemeinschaft der Kirche stellten. 
Die Gnosis, deren sie sich rühmten, und in der ihnen das Wesen der Re- 
hgion, von einer Seite betrachtet, aufging, unterschied sich von dem ge- 
wöhnlichen Christenglauben, niatig, yjUij ni(TTig, nicht blos theoretisch 
als tiefe Erkenntniss der Heilswahrheit, sondern auch praktisch als Be- 
dingung der Vollkommenheit im Christenthum , der wahren Vereinigung 
mit der Gottheit. So lehrten die Naassener, die sich selbst Gnostiker 
nannten, ^^der Anfang der Vervollkommnung ist die Kenntniss des Men- 
schen, die Erkenntniss Gottes aber vollendete Vervollkommnung'^ *). Die 
psychischen Menschen, d. h. solche, in denen blos die niederen Seelen- 
kräfte obwalten, sind der Gnosis nicht ftihig; sie müssen durch Autorität 
und sinnliche Bilder geleitet werden, (als ob das Denken der Gnostiker 
selbst sich nicht in lauter sinnlichen Bildern bewegte). Die Gnosis eignet 
den pneumatischen Menschen, und es wird ihr eine ethische Bedeutung 
beigelegt, die für das sittliche Leben Bedenken erregt. So lehrten nach 
Irenäus 1, 6. 2 die sonst sittlich ernsten Valentinianer : „die psychischen 
Menschen, die nicht die vollkommene Gnosis haben, werden durch Werke 
und blossen Glauben in psychischen Dingen unterrichtet. Sie sagen aber, 
dass wir, die wir zur Kirche gehören, solche sind. Daher behaupten sie, 
für uns sei das Gutesthun {aya^ri nqu^ig) nöthig; sonst könnten wir nicht 
gerettet werden; sie selbst aber würden gerettet nicht durch gute That, 
sondern blos und allein dadurch, dass sie von Natur pneumatisch seien. 
Denn, sowie das Irdische (to xoixov) unmöglich das Heil erlange (denn es 
sei dessen unfähig), so könne, was geistlich ist (wofür sie sich ausgeben) 
unmöglich dem Verderben anheimfallen, was für Thaten sie auch voll- 
bringen mögen. Denn, sowie das im Kothe liegende Gold seine Schönheit 



1) flippolytus 5. 6: «qxv TfXnüJCecog ypioCts ttv^Qoinov^ f^tot de yvioCis anfj^* 



90 Erste Periode des alten Katholicismus. 

nicht verliert, sondern seine Natur unversehrt behält, so behaupten sie 
auch von sich, dass sie, in was für materiellen Dingen sie sich herumtrei- 
ben, keinen Schaden leiden und ihre pneumatische Substanz nicht ver- 
lieren/^ 

Um nun den Inhalt der Gnosis mit dem geschichtlich gegebenen Evan- 
gelium zu vereinbaren, schlugen sie zwei entgegengesetzte Wege ein. 
Entweder erkannten sie die neutestamentlichen Schriften, wie sie vorlagen, 
als gültig und als die gnostische Lehre enthaltend an, so jedoch, dass sie 
diesen Schriften Gewalt antliaten und ihren eigenen Sinn hineinlegten ^), 
oder sie nahmen an, das neue Testament enthalte die christliche Lehre 
in verstümmelter und verfälschter Gestalt. Im ersten Falle bedienten sie 
sich der damals so sehr beliebten, in heidnischen, jüdischen und christ- 
lichen Kreisen so sehr verbreiteten allegorischen Interpretation — mit 
Verschmähung aller Regeln der historisch -grammatischen Auslegung, als 
blos für die psychischen Menschen geeignet. Ihnen sollte der Geist alles 
offenbaren. So ist nach Valentin der Greis Simeon, der das Kind Jesum 
auf die Arme nimmt, der Demiurg, der den wahren Messias aufnimmt, ebenso 
der Hauptmann von Kapernaum. Die dreissig Jahre, die Jesus vor Antrit: 
seines Amtes verlebte, sind für Valentin eine Bestätigung der dreissig: 
Aeonen des Pleroma. Dieselbe Bestätigung fand er in der Erzählung voi: 
den Arbeitern im Weinberge, Matth. 20, 1 ff., wo die verschiedenen Stun- 
den, in welchen die Arbeiter gedungen werden, die dritte, die sechste, 
die neunte und die elfte, zusammengerechnet, die Zahl dreissig ausmachen 
(mit Hinzufügung von einer Stunde), die Stunden bedeuten die Aeonen. 
Das sind, bemerkt Irenäus 1, 1. 3 die grossen und wunderbaren und ver- 
borgenen Geheimnisse, die sie vorbringen, jedwede Schriftstelle sind sie 
im Stande ihren Erdichtungen anzupassen.^' So ist die letzte Emanation 
von zwölf Aeonen bei Valentin dadurch angedeutet, dass der Herr, zwölf Jahre 
alt, im Tempel mit den Schriftgelehrten sich unterhielt, und was der- 
gleichen Spielereien mehr sind -). — Sie nahmen daher bei Christo und 
den Aposteln Accommodation an, und meinten, den eigentlichen Sinn 
Christi und der Apostel durch ihre accommodirenden Reden hindurch fin- 
den zu können; die hölieren Wahrheiten der Gnosis hätten Christus und 
die Apostel nur der kleinen Zahl von Pneumatischen mitgetheilt, den an- 
deren blos durch Winke und Bilder angedeutet. Sie beriefen sich, wie 
die alexandrinischen Religionsphilosophen, wie der Verfasset* der Clemen- 
tinischen Homilien, auf eine geheime Ueberlieferung, welche erst den 
Schlüssel gebe zur tieferen Schrifterklärung. So rühmten sich die Schüler 



1) So rauss der Prolog des Johannes der Gnosis dienen, um die Geheimnisse des 
Pleroma und seiner Offenbarung zu entschleiern. Sehr reichhaltig ist die Darstellung von 
Heinrici über die Valentinische Benützung der Schrift. 

2) Phantastische Willkür der Interpretation zeigt sich auch bei Herakleon, der 
sonst in manchen Bemerkungen sich als sinnigen und gewandten Exegeten zeigt in seiner 
Auslegung des Evangelisten Johannes, wovon Origenes Fragmente aufbewahrt hat. S, 
Heinrici a. a. 0. 130 ff. Die Fragmente sind aus den ronoi des Origenes zum Evange- 
lium Johannis zusammengedruckt bei Grabe specileg. IL 83—147. 236. 



Die heidenchristlichen Gnostiker. Öl 

des Karpokrates, dass Jesus ihre Lehren insgeheim den Aposteln mitge- 
theilt habe ; Basilides führte seine Lehren auf Glaukias , den Hermeneuten 
des Petrus, Valentin auf Theodas, Bekannten des Paulus, zurück. Sie 
wagten sogar die Behauptung, Jesus selbst sei in die Geheimnisse der 
höheren Welt noch nicht völlig eingeweiht gewesen. Einiges h^be aus ihm 
der psychische Christus, Anderes der povg, der himmlische Christus, ge- 
sprochen (kenäus 3, 1. 2. Im zweiten Falle, worin sie annahmen, das Neue 
Testament enthalte die christliche Lehre nicht in ihrer Reinheit und Unver- 
sehrtheit, lehrten sie, die Apostel selbst hätten Christum missverstanden 
und seine Lelu'e unrichtig dargestellt. — Aus dem Verhältniss, worin die 
Gnostiker sich zur Lehre der Kirche stellten, geht hervor, dass sie nicht 
daran dachten, aus der kirchlichen Gemeinschaft auszuscheiden. Sie ac- 
commodirten sich, soweit sie sich öffentlich aussprachen, an die herrschen- 
den Vorstellungen, Hessen sich herab zum Standpunkte der Psychiker. 
Besonders Valentin und seinen Schülern wurde von Irenäus (1, 1. 1) vor- 
geworfen, dass sie dasselbe zwar lehrten, w^as die Kirche lehrte, aber 
etwas Anderes dabei dächten ^). Allerdings wollten sie eine Art von theo- 
sophischen Schulen bilden, ähnlich den Mysterienvereinen des Heiden- 
thums, die ja auch keine Lostrennung von der grösseren Gemeinschaft in 
sich schlössen. Die idealisirenden Gnostiker, denen die Welt ein Abbild 
war einer höheren Ordnung der Dinge, wendeten diese Anschauung auf 
den Cultus an, den sie in ihren besonderen Versammlungen zu feiern 
pflegten. Er stach ab gegen die Einfachheit des katholischen Gottes- 
dienstes. — Die Markosier führten Bilder und Weihrauch in ihren Gottes- 
dienst ein, — damals eine völlige Neuerung. Sie unterschieden eine 
zwiefache Taufe, eine auf den psychischen Christus, wodurch die Psychiker 
Sündenvergebung und Hoffnung auf Seligkeit im Reiche des Demiurgen 
erhielten und eine auf den pneumatischen Christus , wodurch das Pneuma- 
tische im Menschen zur Vollendung gelange und in Gemeinschaft trete mit 
dem Lichtreich. 

IV. Eine abgesonderte Behandlung erheischt Marcion, theils weil 
er sich von den anderen Gnostikern auf sehr bezeichnende Weise unter- 
scheidet, theils, wxil er mit seiner Schule noch grössere Aufregung in 
der Kirche angestiftet als die übrigen Gnostiker 2). Sohn des Bischofs von 
Sinope in Pontus, nach Epiphanius von seinem Vater wegen Unzucht, 
wahrscheinlich aber, weil er zu Heterodoxie hinneigte, aus der Kirchen- 
gemeinschaft ausgeschlossen, kam er 140 oder 150 nach Rom, vielleicht 
in der Hoffnung, einen füi' seine Richtung günstigen Boden daselbst zu 
finden. Die Frage, die er den römischen Geistlichen vorlegte, wie sie die 
Stelle Matth. 9, 17 erklärten, dass man neuen Wein in neue Schläuche 
fassen müsse, zeigt deutlich, dass er die Kirche eines Rückfalles in jüdi- 
sche Anschauungen und Gesetzeswesen beschuldigte. Er stand anfangs in 
gutem Verhältnisse zur römischen Gemeinde, machte ihr ein ansehnliches 



1) 'Ofiotn fxfy XnlovyTKg, avofioin tff (pQOvovrntt^. 

2) S. über ihn TertulHan adv. Marcionem. Irenäus 1, 27. Hippolyt. 7, 29 — 31. 
37. 10, 10. Clem. Alex. Strom 3, 3. Epiphanius, haeresis 42. Die Realencyklopädie s, v, 



9^ terste Periode des alten Katholicisöiüs. 

Geldgeschenk und wurde als Askete verehrt. In Eom lernte er den sy- 
rischen Gnostiker Kerdon kennen, der kurz vor Marcion unter Bischof Hy- 
ginus (137 — 141) in diese Stadt gekommen. Kerdon unterschied zwischen 
dem höchsten unbekannten Gott, den er vielleicht den guten Gott nannte, 
und dem bekannten, dem Demiurgen, der sich mit der Materie vermischte 
und aus ihr die Welt bildete; er war speciell der Juden Gott. Seit seiner 
Bekanntschaft mit diesem Manne trat für Marcion eine entscheidende 
Wendung in seinem Leben ein. Er schloss sich eifrig an Kerdon an, nahm 
seine Ideen auf, bildete sie weiter fort, er fand darin die erwünschte Un- 
terlage für seine auf Ausweisung des Jüdischen in der Kirche ausgehende 
Kichtung. Bald, nachdem Valentin in Rom gelehrt und gewirkt hatte, 
suchte er nun daselbst seine Ansichten zu verbreiten, fand Schüler und An- 
hänger, aber auch eifrige Gegner und wurde mit den Seinen excommuni- 
cirt; in seinen Ansprachen und Sendschreiben pflegte er sie die „Mitge- 
hassten,'' „die Mitelenden'' {(Tvfifitcrovfjispoi, uvvtaXamtaQoi) zu nennen 
Am Ende seines Lebens soll er Reue gezeigt und den Wunsch ausge- 
sprochen haben, in die Gemeinschaft der Kirche wieder aufgenommen zu 
werden. Die Wiederaufnahme wurde ihm versprochen unter der Beding- 
ung, dass er seine Anhänger der Kirche wieder zuführe; er starb, ehe er 
diese Bedingung erfüllen konnte. (Tertullian de praescript. haeretic. 
c. 30). Er hinterliess ein Werk, betitelt antifheses. Es waren, wie Ter- 
tullian adv. Marcionem 1, 19 bemerkt, einander widersprechende Gegen- 
sätze (contrarine opposifiones), welche dahin gingen, den Zwiespalt zwischen 
dem Evangelium und dem mosaischen Gesetze darzulegen , auf dass man 
aus der Verschiedenheit der beiderseitigen Lehren auf eine Verschieden- 
heit der Götter schliessen solle. Seine Schüler verbreiteten sich nicht nur 
in Rom und in Italien, sondern auch in Aegypten, Pontus, Arabien, Sy- 
rien , Cypern , Thebais. Eine Menge ansehnlicher Schriften erschienen, 
um ihn zu widerlegen, wovon die bedeutendste die angeführte des Ter- 
tullian ist. Constantin erliess Gesetze gegen die Marcioniten, wodurch 
aber der Sekte keineswegs ein Ende gemacht wurde. Will doch Theodo- 
ret im fünften Jahrhundert ungefähr tausend dieser Leute in Syrien be- 
kehrt haben. Seine Schüler, die auch wieder besondere Sekten bildeten, 
und worunter die l)edeutendsten Marcus und Apelles sind, näherten 
sich zum Theil im Verlaufe der Zeit den anderen Gnostikern mehr als 
Marcion selbst es gethan hatte ; während andere den Gnosticismus des 
Meisters milderten. 

Was ist nun aber die Lehre des Marcion? Sie ist bei weitem nicht 
80 phantastisch wie die der übrigen Gnostiker. Er hat sich nicht viel 
mit den gnostischen Speculationen , die man auch mythologische Versuche 
nennen könnte, abgegeben. Er dachte nicht daran, eine Geheimlehre zur 
Quelle des Christenthums zu macheu. Er war ein Gegner der allegorischen 
Erklärung. Er erkannte den Werth des Glaubens, auf den die übrigen 
Gnostiker so stolz herabsahen. Die Hauptsache war ihm die Losreissung 
des Evangeliums vom Gesetz, als Mittel dem judäisirendeu Wesen in der 
Kirche ein Ende zu machen. Indem er aber dabei auf grosse Irrthümer 
verfiel, hat er unwillkürlich diesen judäisirendeu Zug noch bestärkt. ^ 



Die heidencbri stlichen Gnostiker. 93 

Nach einigen (so nach Hippolytus X. 19) nahm er drei (nach Theodoret 
sogar vier) Principien, agxctt an — den guten Gott, der die ewige Liebe 
ist, — den Demiurgen, ein untergeordnetes Wesen zwischen bös und gut 
in der Mitte stehend, erst von den Schülern eigentlich bös (TiovriQog) ge- 
nannt, die iXri, den diaßoXog, nortjQog, mit dem guten Gotte in bestän- 
digem Kampfe begriffen. — Nun aber sprechen die ältesten Quellen nur 
von zwei Principien:, dem guten Gott und dem Demiurgen, daher Marcion 
Dualist genannt wurde. Die Hyle war ihm der passive, regungslose Stoff 
der Welt, der gute Gott und der Demiurg waren ihm die wirksamen Mächte, 
die Epochen der Offenbarung bildend. 

Der Demiurg ist der Weltschöpfer. Er bildete die Hyle zur Welt. 
Sein höchstes Werk ist der Mensch, der seiner leiblichen Natur nach aus 
der Hyle gebildet ist, daher das Böse im Menschen. Die Seele ist vom De- 
miurg, dem Wesen des letzteren entsprechend gebildet; das Pneuma 
konnte er ihr nicht mittheilen. Der Demiurg ist nun als solcher das Offen- 
barungsprincip des Alten Testamentes. Alle Gegensätze zwischen dem 
Alten und Neuen Testament werden auf den Gegensatz des guten und 
gerechten Gottes zurückgeführt. Der Demiurgos ist nicht blos gerecht, er 
ist leidenschaftlich. Er ist beschränkt in seinem Wissen; er weiss nicht, 
dass Saul in Sünde gerathen wird. Er widerspricht sich, denn er verbietet 
am Sabbath zu arbeiten und befiehlt doch am Sabbath die Bundeslade 
herum zu tragen. Er verbietet, Bilder zu verfertigen und lässt die eherne 
Schlange aufrichten. Selbst Diebstahl befiehlt er den Is^'aeliten. — Er 
verstockt Pharao und bestraft ihn. Im Gesetz fordert er Opfer und ver- 
bietet sie durch seine Propheten. Er gab dem Menschen ein Gesetz, um 
seinen Gehorsam zu prüfen, um ihn nach Verdienst zu belohnen oder zu 
bestrafen. Die Kraft der Erfüllung des Gesetzes konnte er nicht geben, 
daher der Mensch fiel und unter die Herrschaft böser Geister gerieth. 
Unter allen Völkern hat er eines besonders erwählt. Er verhiess ihm 
den Messias, der die Juden, nachdem sie aus ihrer Heimath vertrieben 
worden, dahin zurückführen, zum herrschenden Volke auf Erden machen, 
sie beseligen, dagegen die Heiden mit eisernem Zepter richten sollte. 

Doch dieses harte Gericht wollte der Gott der Liebe nicht zugeben. 
Da stieg im vierzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius Gott 
plötzlich in die Stadt Kapernaum herunter; denn der Unterschied zwischen 
Gott und Christo ist unbestimmt gelassen; Christus ist die höchste 
Offenbarung des Gottes der Liebe. Er war nicht der vom Demiurgen ver- 
heissene Messias- der Juden, — mit blossem Scheinkörper behaftet, ge- 
kommen, um das Reich des Demiurgos zu zerstören, daher von diesem 
gehasst , von den Juden, auf Anstiften des Demiurgos verfolgt und getödtet. 
Nach seinem Tode stieg er in die Unterwelt hinunter, um die darin be- 
findlichen Seelen der Heiden zu erlösen. — Die Sittenlehre Marcions war 
streng asketisch. Wahrscheinlich erkannte er nur Paulus als Apostel an, 
die anderen beschuldigte er einer judäisirenden Verfälschung des Evan- 



1) Tertullian: adv. M. 1, 19 separatio legis et evangelii proprium et principale 
opus est Marcionis. 



94 Erste Periode des alten Katholicismns. 

geliiims. Er nahm zehn paulinische Briefe an, die Pastoralbriefe verwarf 
er wegen der darin enthaltenen Vorschriften über den geistlichen Stand; 
auch den Brief an die Hebräer nahm er an, überdiess ein Urevangelium, 
aus der Verstümmelung des Evangeliums Lucä, wie er meinte, ent- 
standen, 



Zweite Abtheilung i). 
Die Gegenanstalten der Kirche gegen die häretischen Angriffe. 

§. 1. Zusammenfassung der Gläubigen als katholische Kirche, 
gestützt auf die mündliche Ueberlieferung und die mit der- 
selben übereinstimmend ausgelegte Schrift. 

In dieser Zeit, wo die Kirche durch die genannten Häresieen bedroht 
wurde, trat mit Macht hervor die Idee der katholischen, der allgemeine.! 
Kirche, im Gegensatz gegen die Häresie. Wir stehen hier an einem 
Wendepunkte der kirchlichen Entwicklung, der für alle folgenden Zeiten 
von unübersehbarer Wichtigkeit geworden ist. Die Idee der katholischen 
Kirche hatte aber eine tiefere Grundlage, als die Bekämpfung der Häre- 
tiker, — im Wesen des Christenthums selbst und in den Resultaten der 
Entwicklung des apostolischen Zeitalters. Das Christenthum war im Gegen- 
satz gegen die heidnischen Volksreligionen üniversalreligion, wodurch die 
Menschheit in Eine Familie Gottes vereinigt werden sollte. Die wesent- 
liche Anbahnung dazu war gegeben in der Vereinigung der Judenchristen 
und Heidenchristen, in der Aufhebung der Scheidewand zwischen diesen 
beiden Bestandtheilen der Kirche. Die Allgemeinheit des Christenthums, 
in dem Sinne, wie der Apostel Paulus sie gelehrt hatte, ist die Grundlage 
der Allgemeinheit der Kirche, die in sich selbst durch Einheit des Glau- 
bens verbunden ist (Ephes. 3 , 4—7). Die Idee des allumfassenden Reiches 
Gottes wurde entgegengesetzt dem jüdischen Particularismus , der heid- 
nischen Religionsmengerei, entgegengesetzt dem römischen W^eltreiche, 
welches die Einheit auf Unterdrückung der Nationalitäten gründete. Dem 
römischen Weltreiche stand entgegen die erhabene Idee des Reiches Got- 
tes, worin alle Völker durch den sanften Hirtenstab des Menschensohnes 
zusammengefasst werden sollten. Doch diess sind nur die Vorbedingungen 
der Katholicität. 

Nach dem Tode des letzten Apostels, Johannes, befand sich die 
Kirche in grosser Verlegenheit wegen der Häretiker, besonders wegen der 
heidenchristlichen Gnostiker. Juden und Heiden warfen den Christen vor, 
dass es so viele Sekten unter ihnen gebe. Es galt, die Identität des 
christlichen Glaubens darzulegen. Verlassen von der apostolischen Hilfe 
musste die Kirche doppelt die Schwierigkeit dieser Aufgabe fühlen, und 



1) Ritschi, die altkathalische Kirche. 2. Ausgabe. — Hackenschmidt, die 
Anfänge des katholischen Kirchenbegriffs. Strassb. Schulz u. Comp. 1875. — Holtz- 
mann, Kanon und Tradition 1859. 



ZusammenfassuDg der Gläubigen als katholische Kirche. 95 

doch hing an der Bekämpfung der Häretiker, an dem Siege über dieselben 
die Fortdauer des Christenthums. Wenn die genannten Häresieen 
die Oberhand erhielten, so war es um das Christenthum ge- 
schehen. Es war aber unmöglich, die Häretiker blos durch Berufung 
auf die Schrift zu widerlegen, denn erstens war diese noch sehr wenig 
verbreitet. Viele hatten das Christenthum blos durch mündlichen Unter- 
richt, wie Irenäus 3, 4 sich treffend ausdrückt, ohne Papier und Dinte 
(sine carta et atramento) erhalten. Ueberdiess war es für die Kirchen- 
lehrer eine äusserst schwierige Aufgabe, die Interpretation der Häretiker, 
wodurch sie ihre Ideen in die Schrift hineintrugen, abzuweisen; denn sie 
selber trieben zum Theil dieselbe Art von Auslegung. Die Häretiker 
Hessen ja auch manche Bücher der heiligen Schrift als unächt fallen, sie 
gaben vor, allein den Schlüssel des richtigen Verständnisses der Schrift 
zu besitzen, sie beriefen sich auf eine geheime Ueberlieferung von den 
Aposteln her. Hätte sich die Kirche ausschliesslich auf die heilige Schrift 
berufen, so würde sich die Kirche von Anfang an in kleine Gemeinschat- 
ten aufgelöst haben. 

Wie sollte in dieser äussersten Gefahr geholfen werden? Die Kirche, 
noch so nahe an die apostolische Zeit hinaufreichend, hatte ein einfaches 
Mittel an der Hand, um die Häretiker zu widerlegen. Der Apostel Stimme 
hatte in den bedeutendsten Städten des Reiches ertönt; sie hatten Ge- 
meinden daselbst gestiftet und geleitet und sie nachher ihren zum Theil 
noch lebenden Schülern übergeben, im Morgenlande, ausser in Jerusalem, 
in Antiochien, in Syrien, in Ephesus, in Kleinasien und in anderen Städten 
Kleinasiens, in Alexandrien, sofern man die Stiftung der dortigen Ge- 
meinde auf den Evangelisten Marcus zurückführte, in Griechenland, in 
Korinth, in Philippi, in Thessalonich, — im Abendlande, in der einzigen 
Stadt Rom. Von diesen Städten war das Evangelium in die kleineren 
Städte und Ortschaften und in die Landschaften gedrungen. Auf diesen 
Thatbestand richteten die angesehensten Kirchenlehrer die Aufmerksam- 
keit der Gläubigen, welche die Häretiker zu sich herüber zu ziehen such- 
ten. Irenäus (3, 3) hob hervor, dass Polykarp, Bischof von Smyrna, von 
den Aposteln unterrichtet, mit ihnen umgehend, von ihnen zum Bischof 
eingesetzt, den auch er (Irenäus), gesehen und gehört habe, immer mir 
das gelehrt, was er von den Aposteln empfangen. Sein Zeuguiss sei weit 
gewichtiger als dasjenige eines Valentin. Auch die Kirche von Ei)hesus, 
von Paulus getiftet, von Johannes geleitet, sei ein getreuer Zeuge der 
apostolischen Ueberlieferung. Tertullian (de praescriptione haereticorum 
c. 21J) lehrt übereinstimmend mit dem Bischof von Lyon: ,,Was die Apostel 
gelehrt, das kann man nicht anders erfahren als durch dieselben Kirchen, 
welche sie gegründet, in denen sie zuerst mündlich, sodann durch ihre 
Schriften gepredigt haben. Mithin ist alle Lehre als authentisch anzu- 
sehen, welche mit diesen apostolischen Kirchen, Gebärmüttern 
und urspünglichen Stätten des Glaubens (matrices et originales 
fidei) übereinstimmt, ib. c. 36. Durchgehe die apostolichen Kirchen, in 
welchen die Lehrstühle der Apostel selbst das Präsidium führen, in welchen 
ihre authentischen Briefe vorgelesen werden, welche die Stimme und das 



96 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Antlitz eines jeden vergegenwärtigen/* Er spricht noch weiter von den 
sedes apostolicae, von welchen die übrigen Kirchen die Ueberlieferung des 
Glaubens und den Saamen der Lehre (traducem fidei et semina doctrinae) 
entlehnt haben und immerfort noch entlehnen, um Kirchen zu werden. 

Irenäus (3, 4) hob hervor, „man solle nicht bei Anderen die Wahrheit 
suchen, welche bei der Kirche leicht zu linden ist, da die Apostel selbst 
in dieselbe als in ein reiches Behältniss (depositorium dives) vollständig 
Alles hineingetragen haben, was zur Wahrheit des J>angeliums gehört. 
Wenn sich ein Streit über eine theologische Frage erhebt, sollte man 
nicht zu den ältesten Kirchen seine Zuflucht nehmen, in welchen die Apo- 
stel gelehrt haben, und von ihnen die Entscheidung erw^arten? Was sagea 
wir? Wenn die Apostel uns keine Schriften hinterlassen hätten, müsste man 
nicht die Ordnung der Ueberlieferung befolgen, die sie denjenigen anver- 
trauten, welchen sie die Kirchen übergaben? Welcher Ueberlieferung viel'3 
barbarische Völker zustimmen, die an Christum glauben und ohne Papier 
und Dinte das Heil in ihren Herzen geschrieben festhalten und die alte 
Ueberlieferung flejssig befolgen. Daher kommt ihnen gar nicht in den 
Sinn, was die Gnostiker Fabelhaftes lehren.^' Irenäus macht auch darauf 
aufmerksam, dass die Häretiker die heiligen Schriften selbst verstümmeln, 
dass die Kirche allein die wahren unverfälschten heiligen Schriften besitze, 
und stellt sie entgegen den vielen apokryphischen Schriften, die in der 
häretischen Kreisen im Umlaufe sich befänden. Die Kirche gibt auch alleiü 
die wahre Auslegung derselben. Es ist diejenige, welche mit dem Inhalt 
der mündlichen Lehre der Apostel übereinstimmt, wie sie noch jetzt in 
den Apostelschülern und den apostolischen Kirchen fortlebt. So gewöhnte 
sich die Mehrzahl der Christen und zwar gewiss schon vor den Zeiten des 
Irenäus und des Tertullian, sich als Einheit zu fühlen, zusammengehalten 
durch das Festhalten an der Ueberlieferung und an der gemäss dieser 
Ueberlieferung ausgelegten Schrift, zusammengehalten durch die Aufein- 
anderfolge (successio) der Lehrer, welche die reine Lehre bew^ahren. So 
bildete sich die mächtige Idee der allgemeinen, katholischen Kirche, über 
alle Welt verbreitet, in Einem Glauben vereinigt. Der Name exxXijcTta 
xaS^oXixrj kommt zum ersten mal vor in dem Brief des Bischofs Ignatius 
an die Gemeinde zu Smyrna ^), welcher Brief nebst den anderen desselben 
Verfassers jedenfalls in ein hohes Alter hinaufreicht. Sodann kommt der- 
selbe Name vor im encyklischen Sendschreiben der Gemeinde zu Smyrna' 
an die Gemeinden im Pontus 167 bei Anlass des Todes ihres Bischofs Poly- 
karp erlassen 2), woraus hervorgeht, dass in jenem Jahre der Name katho- 
lische Kirche schon seit einiger Zeit im Gebrauche war. 

Mithin traf damals der Geist der jungen Kirche eine andere Ent- 
scheidung als der reformatorische Geist des sechszehnten Jahrhunderts. 
Die Kirchenlehrer des zweiten Jahrhunderts setzen den Häretikern die 
Tradition entgegen; die Reformatoren verwerfen die Tradition und gehen 



1) C. 8. oTJov itv (fayrj 6 fniüxonog , fxfi to nXrj^o^ €Cto), loffnfQ onov ay tj 
XQtüTog Itjüovg, fxet rj txyAtjCtn xa&okixt]. 

2) Bei Euseb. 4, 15. ytvo^svog smCxoTioq T/;f fy ^/uvQyrj xa&oltxrjg exxXijfftas» 



Sammlung der neutestamentlichen Schriften. 97 

lediglich auf die Schrift zurück ; und doch ist bei aller nicht zu läug- 
nenden Verschiedenheit das Ziel, welches beide Theile verfolgen, dasselbe, 
nämlich die wahre Lehre der Apostel unverfälscht durch spätere Zusätze 
kennen zu lernen und festzuhalten. Weil die Lehrer des zweiten Jahrhunderts 
sich in Berührung mit einer noch unverfälschten Tradition befanden, darum 
gingen sie auf diese zurück und hielten sich an sie, während die Refor- 
matoren, weil sie es mit einer im Laufe der Jahrhunderte sehr verunrei- 
nigten Tradition zu thun hatten, sich von derselben hinweg wendeten, um 
auf die Schrift zurückzugehen. Dasselbe Streben, welches die einen zum 
Gebrauch der Tradition hin trieb, bewog die andern, von ihr abzusehen. 
Auf beiden Seiten waltet derselbe Geist, nur anderer Mittel sich bedienend, 
nur in andere Formen eingehend. 

Es lag also im Begriffe der Katholicität die Vereinigung von zwei 
Momenten, erstens das Zurückgehen auf die Apostel, wobei von den Kir- 
chenlehrern noch bemerkt wurde, dass alle Häretiker hinterher gekom- 
men, dass sie schon um deswillen nicht im Besitz der Wahrheit sein könn- 
ten , indem ihre Lehren die wahre Lehre voraussetzten, sowie der Irrthum 
die Wahrheit voraussetze, wovon er eben die Abirrung sei. Dazu kommt 
als zweites Moment, dass die überwiegende Mehrheit der Gläubigen sich 
auf dieser Seite befindet, in Beziehung worauf Tertullian den Satz geltend 
macht: q\iod apud multos unum invenitur, non est erratum. Diese beiden 
Momente der Katholicität finden wir schon bei Paulus vertreten. Im Briefe 
an die Koloss-er 1,5, deutet er auf das höhere Alter des* reinen Evan- 
geliums, das ihnen gepredigt worden, im Gegensatze zu den später ge- 
kommenen Irrlehrern (nQorjxovcrate) , sowie auf die allgemeine Verbreitung 
des reinen Evangeliums {€P Tiapti zm xoc/i«) im Gegensatz zu dem ver- 
einzelten Häuflein der Irrlehrer mit ihrem Anhange. 

§. 2. Sammlung der ächten, unverfälschten neutestament- 
lichen Schriften. 

Die Art, wie die Häretiker mit den heiligen Schriften umgingen, die 
verstümmelten und interpolirten Schriften, die so in Umlauf kamen, über- 
diess die apokryphischen und pseudepigraphischen Schriften, die diese Zeit 
in Fülle hervorbrachte und woran auch solche sich betheiligten, die durch- 
aus nicht zu den Häretikern gehörten, diess Alles trieb die Kirchenlehrer 
an, die ächten, unverfiilschten heiligen Schriften aufzusuchen und sie^u 
unterscheiden von den apokryphischen und pseudepigraphischen Schriften. — 
Die Schriften, die unseren neutestamentlichen Kanon bilden, waren jede 
zunächst in einem gewissen Kreise von Gemeinden beschlossen geblieben. 
Die apostolischen Briefe wurden in denjenigen Gemeinden, an welche sie 
gerichtet waren, vorgelesen Kol. 4, 16. Bis in die ersten Decennien des 
zweiten Jahrhunderts aber gab es noch durchaus keine Sammlung der- 
selben. Nun fing man noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts an, 
sie zu sammeln. Die Sammlung, erst weit später Kanon genannt, umfasste 
zwei Theile, die vier Evangelien, ausgeschieden, w^ie Irenäus meldet^ aus 
einer unzählbaren Menge von apokryphischen Evangelien; das nannte man 

Herzog, Kirchengesclüchte I. 7 



98 Erste Periode des alten Katholicismus. 

to evayyeXioPy to evayyeXixov. — Dazu kamen die Apostelgeschichte und 
die apostolischen Briefe, unter dem Namen 6 anoatoXoti, to anoaiohxov. 
Die Sammlung war noch durchaus nicht vollendet, im Einzelnen nicht ganz 
festgestellt, und verschiedene andere Schriften genossen auch ein grosses 
Ansehen und wurden in den Versammlungen vorgelesen. Immerhin ist es 
ein grosses Verdienst der katholischen Kirche dieser Zeit, diese Sammlung 
gemacht zu haben. Sie verfuhr dabei mit sicherem Takte, wie die Ver- 
gleichung mit den apokryphischen Producten es deutlich beweist. Was 
wäre aus dem Christenthum geworden , wenn es den Häretikern gelungen 
wäre, die von ihnen gebrauchten heiligen Schriften selbst nur theilweise in 
den Kanon einzuschmuggeln? Auch die reiche pseudepigraphische Litera- 
tur, die in diesem unkritischen Zeitalter viele Bewunderer fand, konnte 
den ächten heiligen Schriften Eintrag thun ; schon als Gegengewicht gegen 
diese Literatur war die genannte Sammlung von grosser Bedeutung, und 
eine Vergleichung der kanonisch gewordenen Schriften mit den ausserkano- 
nischen schon vom Ende des ersten und Anfang des zweiten Jahrhunderts 
zeigt, welche tiefe Kluft zwischen beiden Classen von Schriften befestigt ist. 

§. 3. Die Glaubensregel und das apostolische Symbol. 

Der Inbegriff der apostolischen Verkündigung, wie sie in der münd- 
lichen Ueberlieferung und in den neutestam entlichen Schriften niedergelegt 
worden, war .die Glaubensregel oder kirchliche Regel, auch Regel der 
Wahrheit genannt (xapcop axxXrjaiafTTixog) bei Clemens Alexandr. Strom. 
7, 15, xavMf triq aXri^eiciq bei Irenäus 1, L Eeyula fidei bei Tertullian de 
virg, veL 1^ de praescriptione haeretic. c. 13. Species eornm, guae per praedi- 
cationem apostolicam manifeste tradvntur bei Origenes, de principiis^ Pro- 
oemiimi). Diese Regel war keineswegs eine von den Aposteln angeerbte 
Formel, enthielt aber die Summe der apostolischen Predigt, wie sie durch 
die Ueberlieferung in der heiligen Schrift zu den späteren Geschlech- 
tern gekommen war; und darum konnte man sie als a Christo instituta, 
ah apostolis tradita hinstellen, wiewohl sie in ihrer empirischen Ge- 
stalt nicht direct auf den Herrn und seine Jünger zurückgeht. Sie wurden 
von den Lehrern in freier Form aufgezeichnet und von ihnen nach dem 
jedesmaligen Bedürfnisse weiter oder enger gefasst. Daher weichen die 
verschiedenen Formulare derselben von einander ab. Deutlich tritt in 
all^n die Entgegensetzung gegen die genannten haeretischen Irrthümer, 
insonderheit gegen die judenchristlichen, sodann gegen die heidenchrist- 
lichen hervor. Die Glaubensregel hatte keinen öffentlichen, kirchenrecht- 
lichen Charakter, zeigt aber deutlich das Bestreben und das Bedürfniss, 
den Hauptinhalt des Christenglaubens zu fixiren, worauf auch der Name 
xavtav, regula hinweist. 

Wir übergehen die kleinen Ansätze dazu in den ignatianischen Brie- 
fen (ad Trallianos c. 9^ ad Smyrnaeos c. 2, ad Magnesios c. 11) und bei 
Justin (Apol. 1, 6) und gehen sogleich zu der ältesten und wichtigsten 
Formel über, wie sie Irenäus 1, 10, 1 mittheilt: 

;;Die in der ganzen bewohnten Welt bis ans Ende der Erde verbreitete 



Die Glaubensregel und das apostolische Symbolnm- 99 

Kirche hat von den Aposteln und ihren Schülern überkommen den Glau- 
ben an Einen Gott, der Himmel und Erde erschaffen^ — gegen den heid- 
nischen Polytheismus, gegen den gnostischen Weltschöpfer, gegen das 
Emanationssystem, gegen den Dualismus — ;,und an Einen Christus, Sohn 
Gottes, um unseres Heiles willen Fleisch geworden'' — gegen die gnostische 
Lehre von einem oberen und unteren Christus, zugleich gegen den Doke- 
tismus — ,,und an den heiligen Geist, der durch die Propheten verkündigt 
hat die Heilsanstalten (oixovofiiag), das Kommen und die Geburt aus der 
Jungfrau'' — gegen die Ebioniten und einen Theil der Gnostiker — ,,das 
Leiden, die Auferstehung und die leibliche Auffahrt gen Himmel unseres 
geliebten Herrn Jesu Christi und seine Wiederkunft vom Himmel in der 
Herrlichkeit des Vaters, um Alles unter Ein Haupt zusammenzufassen und 
aufzuerwecken alles Fleisch der ganzen Menschheit, damit vor Jesu, unsern 
Herrn und Gott, Heiland und König jegliches Knie sich beuge derer, die 
im Himmel, auf Erden, unter der Erde sind und jegliche Zunge ihn bekenne, 
und damit er ein gerechtes Gericht halte über alle Geister der Bos- 
heit, die Gottlosen und Ungerechten in das ewige Feuer werfe, den Ge- 
rechten aber und Heiligen, die seine Gebote gehalten und in der Liebe 
beharrt haben, sei es von Anfang an oder indem sie sich durch Busse 
erneuert haben, Leben, Unsterblichkeit und ewige Herrlichkeit gebe." 

Bei Tertullian finden wir drei verschiedene Formeln, kürzer gefasst, 
aber mit einigen neueren Bestimmungen ; die kürzeste ist die in der Schrift 
de virg. vel. c. 1 mitgetheilte , das neue darin ist dieses, dass von Christo 
gesagt wird, er werde wieder kommen und richten die Lebendigen und die 
Todten auch durch die Auferweckung des Fleisches (per carnis etiam re- 
surr ectionem). Die Formel in der Schrift de praesrriptione haeretic. c. 13 
ist etwas weitläufiger; es wird die Schöpfung aus Nichts genannt, die 
Schöpfung durch das Wort , was Gottes Sohn genannt worden ; er sei den 
Patriarchen erschienen und zuletzt in der Jungfrau Maria herunter ge- 
bracht worden, aus dem Geist des Vaters. — Erhöht nach der Aufer- 
stehung zur Rechten des Vaters habe er den heiligen Geist ausgesendet, 
er werde wieder kommen in der Herrlichkeit u. s. w. ,,Diese Glaubens- 
regel, sagt Tertullian, von Christo angeordnet, ist bei uns keinen weiteren 
Fragen unterworfen." In der Schrift adver sus Praxeam c. 2 ist im Gan- 
zen dasselbe gesagt, nur mit montanistischer Färbung. Bei Origenes (de 
principiis Prooemium §. 4) ist die Glaubensregel schon complicirter , wo- 
durch sich die spätere Periode der Entwicklung kund gibt, in welcher der 
Gegensatz gegen die ebionitische und heidenchristliche Häresis weit schär- 
fer und ausführlicher hervorgehoben und zugleich das Interesse des dog- 
matischen Systems des Origenes gewahrt ist, indem er die von der Kir- 
chenlehre unbestimmt gelassenen Punkte scharf abzirkelt, um für seine 
Philosopheme Raum zu gewinnen. Zu diesen Formeln kommt noch die 
Glaubensregel bei Novatian de trinitate seu de regida fidei, welche nur die 
gewöhnlichen Erweiterungen der Taufformel bietet, sodann die kurze 
mensura fidei bei Victorin von Petavio in Oberpannonien , j etzt Petau in 
Steyermark, in seinen Scholien zu Offenbarung Job. 11, 1, und die 
xadoXixri didarrxaXia in den apostolischen Constitutionen VI, 14 untermischt 

7» 



100 Erste Periode des alten Katholicismus. 

mit sittlichen Ermahnungen; es wird die Bemerkung vorausgeschickt, dass 
die Apostel, wozu namentlich Paulus gerechnet wird, zusammen dieses 
Bekenntniss aufgesetzt haben i). 

In der Glaubensregel, besonders wie sie bei Irenäus und TertuUian 
vorliegt, haben wir das Glaubensbekenntniss der katholischen Kirche im 
Kampfe mit der Juden- und heidenchristlichen Häresis des zweiten Jahr- 
hunderts, „den ersten nicht bloss individuellen, zusammenfassenden Aus- 
druck für den wesentlichen Inhalt des christlichen Bewusstseins." Die 
Fluctuationen des Inhalts lassen nur um so deutlicher den festen Kern 
erkennen, der zu Grunde liegt und bürgen auch für die Freiheit der Ent- 
wicklung. Wer also an diesem Bekenntniss festhielt, galt für katholisch. 
Mit Recht konnte die katholische Kirche erklären, dass, wer sich von ihr 
in dieser Beziehung trenne, des Heiles verlustig gehe. 

Verschieden von der Glaubensregel, obschon damit verwandt, ist das 
apostolische Symbol um. Dass es nicht von den Aposteln ist abge- 
fasst worden, so dass jeder der zwölf Apostel einen Artikel aufgestellt 
hätte, diese erst im vierten Jahrhundert aufgekommene Sage bedarf heut 
zu Tage keiner Widerlegung. Eben so wenig braucht bewiesen zu wer- 
den, dass die Stellen 1 Tim. 6, 12 cofioXoyrjCTag trjy xaXriv ö^oXoyiai^ 
evoaniov noXXoav fiaQzvQmp und 1 Petri 3, 21 (TvyetdrjO'eMg ayadi^g eneQUi- 
trilia eiq ^eov , Nachfrage eines guten Gewissens an Gott bei der Taufe, 
nicht nothwendig auf das Bekenntniss des apostolischen Symbols, wie es 
uns seit dem vierten Jalirhundert vorliegt, bezogen werden müssen. Aller- 
dings war mit der Taufe ein Bekenntniss verbunden. Wenn Jesus seinen 
Jüngern befiehlt, alle Völker auf den Namen des Vaters, des Sohnes und 
des heiligen Geistes zu taufen (Matth. 28, 19), so erhellt daraus, dass die 
Täuflinge das Bekenntniss des Glaubens an den dreieinigen Gott ablegten: 
das wird die ofioXoyia sein, welche Timotheus ablegt, das eneqtüTruia aig 
^eovy insofern der Täufling dabei befragt wurde und als Antwort seinen 
Glauben bekannte 2). Hilarius von Poitiers derselbe, der behauptet, in 
der allerersten Zeit habe das Bekenntniss des dreieinigen Gottes genügt, 
fügt hinzu, dass die Tautformel wegen der weit verbreiteten häretischen 
Meinungen erweitert worden. Davon haben wir ein unzweideutiges Zeug- 
niss bei TertuUian, de corona militis c. 3, wo er die Taufe beschreibt: 
ter mergitamur, amplius aliquid respondentes quam Dominus 
in Evangelio determinavit. Bis in die zweite Hälfte des zweitea 
Jahrhunderts war also die ursprünglich auf das Bekenntniss des dreieini- 
gen Gottes beschränkte Tauflbrmel in etwas erweitert worden, d. h. es 
waren wohl einige der Sätze, wie wir sie in der Glaubensregel gefunden, 
hinzugekommen. Doch in der Schrift de baptismo c. 6 deutet TertuUian 
nur so viel an, dass in der Taufformel die Kirche erwähnt werde. Aus- 



1) Die verschiedenen Formulare der Glaubensregel sind abgedruckt in Hahn, Bi- 
bliothek der Symbole und Glaubensregeln der apostolisch - katholischen Kirche. 

2) Allerdings werden in der Apostelgeschichte die Täuflinge lediglich auf den Na- 
men Christi getauft: Apostelgesch. 2, 38. 8, 16, 37. 10, 48. Gal. 3, 27. Allein schon 
Basilius M. bemerkte mit Recht: y rov Xqigtov xctrtjyoQta tov navrog fCny ofAoXoyia* 



Die Glaubensregel und das apostolische Symbolum. 101 

serdem erhellt aus der Schrift de praescriptione haeretic. c. 36, dass im 
Taufsymbol die Auferweckung des Fleisches erwähnt war. Es ist mög- 
lich, dass TertuUian wegen der Arcandisciplin die Taufformel nicht ge- 
nauer beschreibt. Bei Cyprian ist sie schon weit mehr ausgebildet. Er führt 
als Bestandtheile derselben die Vergebung der Sünden und das ewige Leben 
an. Am Ende des dritten oder am Anfange des vierten Jahrhunderts, noch vor 
dem Concil von Nicäa, d. h. im siebenten Buche der apostolischen Constitutio- 
nen erscheint das Taufbekenntniss in sehr erweiterter Gestalt ; es enthcält theils 
wesentlich dasselbe, was unser Taufsymbol, aber in grösserer Ausführlich- 
keit, theils fehlt die Erwähnung des heiligen Geistes bei der Zeugung 
Christi, die Höllenfahrt, die Gemeinschaft der Heiligen. Später verliert 
sich jene Weitläufigkeit , sowie das polemische Interesse , welches sie her- 
vorgerufen, zurücktritt, und es kommen die mangelnden Stücke hinzu, und 
so haben wir das fertige apostolische Symbol, aber erst im fünften Jahr- 
hundert ^). 

Nun fragt sich, wie verhalten sich die Glaubensregel und das apo- 
stolische Symbol zu einander? Hiebei ist wohl zu beachten, dass dieses 
noch sehr unvollständig entwickelt war zu einer Zeit, da uns schon aus- 
führliche Formulare der Glaubensregel vorliegen. Doch kann man des- 
wegen nicht sagen, dass diese die Mutter, das Symbol die Tochter sei; 
denn dieses existirte in seiner einfachsten Gestalt als Bekenntniss des 
Glaubens an den dreieinigen Gott vor der Glaubensregel und dasselbe 
Bekenntniss war der feste Kern, der der Glaubensregel zu Grunde liegt. 
Nun bildete sich um jenen festen Kern ein Inbegriff der christlichen Lehre 
und wurde im Kampfe mit den Häretikern erweitert. Er mag als Grund- 
lage des Katechumenenunterrichts gedient haben und wurde auch als Au- 
toritätswaffe gegen die Häretiker gebraucht, während die Kirche bei Er- 
theilung der Taufe sich noch einige Zeit mit dem einfachen Bekenntniss 
des Glaubens an den dreieinigen Gott begnügte. Nun aber entstand das 
Bedürfniss, den Gegensatz der gesunden Lehre gegen die häretische nicht 
nur theologisch, sondern auch kirchlich festzustellen, und die Katechume- 
nen vor der Gefahr der Häresie durch ein w^eitläufigeres Bekenntniss sicher 
zu stellen. So wurde das Taufbekenntniss allgemach erweitert, und die- 
selben Verhältnisse, welche früher die einzelnen Artikel der Glaubensregel 
ins Leben gerufen, bewirkten nun, dass dieselben Artikel einer nach dem 
anderen dem Taufsymbol beigefügt wurden; so wurde es factisch der Erbe 
der Glaubensregel, erhielt auch von ihr her den Ehrennamen apostolisch 
und wurde vom vierten Jahrhundert an selbst regida fidei genannt. 
S. Stockmeyer, wann und auf welche Veranlassung ist das apostolische Symbolnm 
entstanden. Basel 1846. — Gas pari, Urkundensammlang zur Geschichte des 
Taufs3'mbols I.Band — der es in seiner römischen Form bei Hahn S. 3 in das apo- 
stohsche Zeitalter hinaufrückt. — Güder, Artikel Glauhensregel in der Real- 
encyklopädie. — v. Zezschwitz, System der Katechetik S. 70ff. — Semisch, 
das apostolische Glaubensbekenntniss , sein Ursprung, seine Geschichte 1872. 



1) In der römischen Form nach Hufinus In der eXpositio symboli apost. bei Hahn 
a. ft. 0. S. 3- 



1Ö2 ferste Periode des alten Katholicisniüä. 



§. 4. Begriff der Häresis, des Häretischen. 

^iQSOig war zuvörderst vox media, Bezeichnung einer jeden durch 
eigenthümliche Grundsätze und Tendenz sich kund gebenden Partei; das 
Wort wurde angewendet auf die Schulen der Philosophen, selbst der Ju- 
risten, im Neuen Testament zunächst von den Sadducäern Apostelgesch. 
5, 17, von den Pharisäern Apostelgesch. 15, 5 gebraucht, auch zur Be- 
zeichnung der Bekenjier Christi Apostelgesch. 24, 5. 28, 20. Paulus ge- 
braucht den Ausdruck von den Christen aus Accommodation, Apostelgesch. 
24, 14 xata triv oöov ri^ ksyovaiy alqeaiv. Also findet er etwas Tadelnh- 
werthes in der Sache, die dadurch bezeichnet wird. Dieses Tadelnswerthe 
legt Paulus in den Begriff Tit. 3, 10; es ist Abirrung von der gesunden 
Lehre, die Spaltung erregt, darunter verstanden, aber noch zusammenge- 
stellt mit (Txicriia 1 Cor. 11, 19. Gal. 5, 20. Sehr scharf tritt er gegen den 
häretischen Menschen auf, den man nach ein- oder zweimaliger Ermahnung 
meiden soll Tit. 3, 10. Auf dieser Grundlage erbaute sich der Begriff der 
Häresis mit Hinzunahme des Begriffs der Katholicität. 

1) Häretiker <6ind diejenigen, die von der apostolischen Lehre ab- 
weichen, wie sie zumal in der Glaubensregel zusammengefasst ist. ;,Sie 
bringen fremdes Feuer auf den Altar Gottes, d. h. fremde Lehre und wer- 
den daher vom himmlischen Feuer verzehrt werden," sagt Irenäus 4, 26. 2. 

2) Insofern sie vom gemeinsamen Glauben der katholischen Kirche ab- 
weichen, constituiren sie sich als Einzelpartei, als rebellische Minorität. 

3) Insofern die Glaubensregel durch die Bischöfe gehandhabt wird, sind die 
Häretiker solche, welche den Bischöfen, die von den Aposteln abstammen, 
den Gehorsam aufsagen , sich von ihnen abwenden , um da und dort se- 
parirte Häuflein zu bilden. 4) Die Häresis führt unter christlichen Namen 
unchristliche Lehren ein, sie verdirbt den Sinn der biblischen Aus- 
drücke. Das Gefährliche der Häresis besteht eben in diesem äusseren 
Zusammenhange mit dem Christenthum. Sie ist ein tödtendes Gift mit 
Honig vermischt, nach Ignatius an die Gemeinde zu Tralles c. 6; derselbe 
nennt sie auch Wölfe, die sich glaubwürdig stellen ßvxoi a^ioTicatot, an 
die Philad. c. 2). 5) Die Häresis entspringt aus subjectiver Willkür, aus 
Mangel an Glauben, aus Vermischung des Christenthums mit der Philo- 
sophie; dazu kommen Ehrgeiz, Habsucht und andere irdische Motive. Sie 
zeigt eine grosse Zerfahrenheit, wogegen die katholische Lehre dieselbe 
ist in allen Kirchen (doch wie viele Ausnahmen gab es davon!). 6) Die 
Häresis ist das hinterher gekommene, die katholische Wahrheit das Ur- 
sprüngliche und schon um deswillen das Wahre. 1) Ignatius empfiehlt für 
die Häretiker zu beten (ad Smyrn. c. 4), im Allgemeinen wich man 
den Erörterungen mit ihnen aus und schloss sie von der Gemein- 
schaft mit der Kirche aus, sie dem Schicksale von Chore, Dathan und 
Abiron überlassend. Es zeigt sich darin eine polemische Heftigkeit, die 
leider nur zu leicht zu erklären ist. Welche Aeusserungen in dieser Be- 
ziehung selbst dem Apostel Johannes zugeschrieben wurden, davon ist 
schon die Rede gewesen. In seinem zweiten Briefe v. 10. 11 hatte er alle 



Geschichte der Rheologie. 1Ö3 

Gemeinschaft mit den Häretikern untersagt. Es war allerdings nöthig, 
dass ein starker Abscheu gegen die Häresis entstünde, damit das Ganze 
der Kirche vor ihrem Gifte bewahrt bliebe. 

So waren denn die Anstalten getroffen, welche das fernere Eindrin- 
gen der Häresis in die Christenheit verhindern sollten. Die Kirchenlehrer 
begnügten sich aber nicht damit. In der Behandlung der Dogmen, im 
Ganzen wie im Einzelnen nahm die Kirche eine Kampfstellung ein gegen 
die gefahrdrohende Häresis, dieselbe Kampfstellung nehmen wir wahr 
in Hinsicht der Verfassung, sogar des Cultus und der Sitte. In allen 
Zweigen der kirchlichen Entwicklung bildete sich im Gegensatz gegen die 
häretischen Abirrungen ein bestimmter, katholischer Typus aus, zum 
deutlichen Beweise, welchen mächtigen indirecten Einfluss die Häresis auf 
die Kirche ausgeübt hat. 



Vierter Abschnitt. 



Die Geschichte der Theologie. 

Dasselbe polemische Interesse, welches die Gegenanstalten der Kirche 
gegen die judenchristliche und heidenchristliche Häresis hervorgerufen, 
wozu noch das apologetische Interesse gegen die Angriffe der Juden und 
Heiden hinzukam, gab immerfort mächtigen Antrieb zum Anbau der Theo- 
logie, und diese erheischt um so mehr unsere Aufmerksamkeit, je mehr 
sie massgebend wurde für alle folgende Zeit. Es entwickelte sich zumal 
in der griechich- morgenländischen Kirche schon ein ziemlich reges theo- 
logisches Leben, welches, von bescheidenen Anfängen ausgehend, bald 
kühn genug war, sich an die Lösung der schwierigsten Probleme der 
Theologie zu wagen. Es zeigte sich dabei, welch' einen weiten Gesichts- 
kreis das Christenthum dem denkenden Geiste eröffnet. Das Streben nach 
Uebereinstimmung in der Lehre beschränkte so wenig die Freiheit der 
Entwicklung, dass bereits sehr verschiedenartige Richtungen aus dem 
Schosse der katholischen Kirche hervorgingen. So zeigte sich eine sehr in 
die Augen fallende Verschiedenheit zwischen der griechisch- morgeiilän- 
dischen und der lateinisch -abendländischen Theologie und besonders in 
jener schon sehr verschiedenartige Richtungen, auch neue Abirrungen. 



Erstes CapiteL Die Kirchenlehrer und Kirchenschriftsteller 

§. 1. der griechisch-morgenländischen Kirche. 

Es lag in der Natur der Sache, dass das christliche Dogma zunächst 
weniger entwickelt und erläutert, als einfach bezeugt wurde nebst prak- 
tischer Anwendung desselben; und auch dann, als es nöthig schien, gegen 



1Q4 Erste Periode des ^Iten Katholicismus. 

die waclisende Macht der Häresie noch stärker aufzutreten, gab es Lehrer, 
welche sorgfältig jede Anschliessuug an die hellenische Philosophie ver- 
mieden, von der ja eben die gnostische Häresis abgeleitet wurde. 

I. In den Kreis dieser Richtung gehören zuvörderst einige Männer, 
die noch zu den apostolischen Vätern gerechnet werden. 

Hier kommt zunächst der Brief des Barnabas in Betracht der von 
Clemens Alexandr. Strom 2, 6 und in anderen Stellen sowie von Origenes 
c. Celsum 1, 63 als ächte Schrift dieses aus der Apostelgeschichte bekann- 
ten Mannes angesehen und benützt, dagegen von Euseb.*3, 25 zu den vo^oiq 
und von Hieronymus de viris ill. c. 6 zu den apokryphischen Schriften 
gerechnet wird. Es ist allerdings nicht wohl möglich, dass ein aposto- 
lischer Mann das mosaische Gesetz als das Werk eines bösen Engels be- 
trachtete (c. 9), die Apostel als vor allen grosse Sünder bezeichnete c. ö 
(vnsQ naaav a^agtiap apofiMT€Qövg)^ das Fasten der Juden völlig verwarf 
c. 3 , da doch aus der Apostelgeschichte bekannt ist, dass Barnabas fastete 
13, 2. 3. 14, 23. Er leugnet sogar, dass Gott jemals mit den Israeliten 
im Bundesverhältniss gestanden. Der Verfasser ist ein Heidenchrist, dei' 
im Anfang der Regierung Hadrians schrieb, wie aus mehreren Anzeichen 
hervorgeht. Zweck des Briefes ist, zu erweisen, dass der alte Bund, 
buchstäblich verstanden, nicht giltig ist, dass er dagegen, geistig verstan- 
den, ein Vorbild ist auf den neuen, an den die Christen sich allein zu 
halten haben; diese Erkenntniss, diese Gnosis will der Verfasser seiner 
Lesern vermitteln — durch ausschweifende Anwendung der allegorischen 
Auslegung. Das autfallendste Beispiel davon ist die allegorische P>klärung 
der Zahl der dreilmndertundachtzehn Sclaven des Abraham, wo die beiden 
ersten Buchstaben I und H (10 + 8) Jesum bedeuten und weil das Kreuz 
Gnade verschaffen sollte, so w^erden dreihundert hinzugesetzt, welche durch T 
das Zeichen des Kreuzes bezeichnet werden; ^ich habe das noch Niemand 
mitgetheilt, setzt der Verfasser hinzu, aber ich weiss, dass ihr dess wür- 
dig seid" c. 9. Der Brief ist gegen judenchristliche Häresie, so wie auch 
gegen die Juden selber gerichtet, und das Hervorheben der Gnosis deutet 
darauf, dass zur Zeit der Abfassung das Streben nach Gnosis sich in der 
Kirche lebhaft kund gab i). 

Der bereits in der Geschichte der Verfolgungen erwähnte Ig- 
natius, Bischof von Antiochien, kommt hier in Betracht wegen der 
ihm zugeschriebenen Briefe. Er war Bischof von Antiochien und nach 
den Märtyreracten Schüler des Johannes, was jedoch nicht richtig 
sein kann, da er in allen Briefen, die seinen Namen tragen, nirgends 
andeutet, dass er einen der Apostel gekannt habe, so wie er auch Bischof 
Polykarp nicht gesehen bis kurze Zeit, bevor er ihm schrieb. Er erlitt 



1) Dieser Brief ist öfter besonders herausgegeben worden, zuletzt 1869 durch J, G. 
Müller, auf Grund des vollständigen griechischen Textes, der sich glücklicherweise im 
codex sinaiticus des Neuen Testaments vorgefunden. Die beigefügten Anmerkungen geben 
eine sehr genaue Erläuterung des Textes — so wie aller einleitenden Fragen über Be- 
schaffenheit des Briefes, der Abfassung u. s. w. Kiggenbach (der sogenannte Brief 
des Barnabas 1873) gibt die deutsche üebersetzung und Bemerkungen dazu. — Siehe 
ausserdem das Programm von Weizsäcker zur Kritik des Bamabasbriefea. 1863. 



Geschichte der Theologie. Ignatius. 105 

unter Trajan 109 — oder 116 in Rom den Märtyrertod, indem er den 
wilden Thieren vorgeworfen wurde. Dass der Kaiser ihn nach Rom trans- 
portiren Hess, das macht keine Schwierigkeit. Es geschah oft, dass die 
Provincialstatthalter Material zu Hinrichtungen in andere Provinzen schick- 
ten, also nicht auffallend, dass sie auch nach Rom solches Material lieferten. 
Vielleicht hoffte der Kaiser, Ignatius werde durch die beschwerliche Reise 
in der treuen Festhaltung an seinem Bekenntnisse wankend gemacht wer- 
den. Dieser Mann soll nun, auf der Wegführung nach Rom verschiedene 
Briefe geschrieben haben, die wichtig sind für die Geschichte der Kirchen- 
verfassung, aber auch für das Dogma, indem wir aus ihnen den Zustand 
der Häresis in diesem Jahre, wo der Verfasser schrieb, kennen lernen. — 
Im Ganzen tragen fünfzehn Briefe den Namen des Ignatius, sind aber 
offenbar von sehr verschiedenem Alter und Werthe. Es kommen eigent- 
lich nur die sieben von Euseb. 3, 36 angeführten in Betracht: an die Ge- 
meinde zu Magnesia, Tralles, Philadelphia, Smyrna, Ephesus, Rom und 
der an Bischof Polykarp. Sie finden sich in einer längeren und in einer 
kürzeren Recension vor. Im Allgemeinen neigt sich das Urtheil dahin, 
dass die kürzere Recension der längeren vorzuziehen, dass sie als dem 
ächten Texte näher stehend anzusehen sei. Euseb kennt keine anderen 
Briefe, als die genannten sieben, und hat niemals von einem Zweifel an der 
Aechtheit derselben gehört. Man hat in der starken Anpreisung des Epis- 
kopats die Spur einer späteren Abfassung oder einer Interpolation dieser 
Briefe zu finden geglaubt, aber gerade diese starke Anpreisung scheint 
darauf zu deuten , dass der Episkopat noch jungen Datums ist und gar 
sehr der Unterstützung bedarf. Ueberdiess ist der Episkopat anders ge- 
fasst, als bei den anderen Vätern, z. B. bei Irenäus, der die Bischöfe als 
Nachfolger der Apostel ansieht, während die Briefe des Ignatius sie als 
Nachfolger und Stellvertreter Christi auffassen, und die Presbyter als 
Nachfolger der Apostel, ein Verhältniss, welches an die Nähe der Ge- 
meinde zu Jerusalem erinnert, welche Gemeinde eine Zeitlang leibliche 
Verwandte des Herrn zu Bischöfen oder Vorstehern wählte. Zudem ist der 
Episkopat bei Ignatius nicht, wie er sonst in der katholischen Kirche auf- 
tritt, Organ der Verbindung der Gemeinden, er ist lediglich Gemeinde- 
amt, er hat keine über die Grenzen der Ortsgemeinde übergreifende Be- 
deutung. Man hat in der ciyri , angeführt im Brief an die Magnesier c. 8, 
eine deutliche Spur der Valentinianischen Gnosis zu finden geglaubt und dar- 
aus einen neuen Grund gegen die Aechtheit abgeleitet. Allein bei Hippolyt 
lib. 6, 18 wird ein Fragment aus der anocfaaiq ^eyalrj des Magiers Simon mit- 
getheilt , woraus deutlich erhellen soll , dass Simon den Begriff der (Tiyfj 
kannte *). Eine starke Instanz gegen die Aechtheit hat man gefunden in den 
Resultaten der Forschungen des Engländers Cureton ; er hatte 1839 und 1843 
in der nitrischen Wüste zwei syrische Handschriften gefunden, welche den 
Brief an Polykarp, den an die Ephesier und den an die Römer enthielten. 
Der Text dieser syrischen Briefe ist nun noch kürzer als der der kürzeren 



1) Es bleibt freilich mehr als unsicher, ob diese nnoipaffts /LKyttlrj der Zeit vor 
Valentin angehört, ob sie von Simon herrührt. 



106 Erste Periode des alten Katholicismüs. 

bereits genannten Recension der sieben Briefe, und es wird der Episkopat 
nicht gar so hoch gestellt, als Stellvertretung Christi, wie in jener Re- 
cension. Das erklärt sich vielleicht daraus, dass der syrische Auszug, den 
Cure ton gefunden, nur für den liturgischen Gebrauch bestimmt war. Auf 
jeden Fall ist kein zwingender Grund da, warum man diese syrischen Do- 
cumente als die einzig ächten Reliquien des Ignatius ansehen sollte. Auf 
der anderen Seite muss die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, dass Inter- 
polationen angebracht wurden, anerkannt werden i). 

Polykarp, der aus der Geschichte der Verfolgungen bekannte Bi- 
schof von Smyrna, der daselbst 167 auf dem Scheiterhaufen sein Leben 
endete, nach Irenäus, der einst sein Schüler gewesen, von Aposteln un- 
terrichtet, von Aposteln zum Bischof von Smyrna eingesetzt (Iren. adv. 
haer. 3, 3. 4), vertrat im Leben und im Sterben die apostolische Tradition 
der kathohschen Kirche und bezeugte immer einen grossen Abscheu vor den 
gnostischen Lehren, so dass, wenn etwas davon vor ihm geäussert ward, 
er auszurufen pflegte: „o guter Gott, auf welche Zeiten hast du mich 
aufbewahrt, dass ich solches erleben muss." Euseb. 5, 20. Derselbe ist 
Verfasser eines Briefes an die Gemeinde zu Philipp! , dessen Aechtheit 
durch das Zeugniss des Irenäus, des Schülers von Polykarp, bestätigt wird 
(Iren. 3, 3. 4); und der zugleich die erste Anführung der ignatianischen 
Briefe enthält c. 9 und 13. Der Brief verdankt seine Entstehung, wie es 
scheint, einer schmerzlichen Erfahrung, welche die Gemeinde gemach', 
hatte , da der Presbyter Valens mit seiner Frau Gemeindegelder unter- 
schlagen hatte. Polykarp ermahnt die Philipper zu sanfter Behandlung 
dieser Leute und wünscht, dass Gott ihnen wahre Sinnesänderung ein- 
flösse c. 11, der Brief enthält ausserdem noch allerlei sittliche Ermahn- 
ungen, die sich auch speciell an die einzelnen Stände richten. Zugleich 
zeigt sich der Verfasser als Bekenner der paulinischen Rechtfertigungs- 
lehre (c. 1). Er warnt vor dem gnostischen Irrthum des Doketismus, und 
zwar mit denselben Worten wie Johannes. Die Menschwerdung des W^ortes 
heisst bei ihm elevciq ev caqui 1 Joh, 4, 2 2). 

In den Testamenten der zwölf Patriarchen, geschrieben zu 
Anfang des zweiten Jahrhunderts von einem Judenchristen, der in der 
Form erdichteter Abschiedsreden der Söhne Jakobs an ihre Söhne die noch 
dem Christenthum fern stehenden Juden zur Annahme desselben einladet, 
sind hauptsächlich sittliche Ermahnungen enthalten, woran sich Weissag- 
ungen anschliessen. Das Judenchristenthum des Verfassers hat nichts 
Ebionitisches an sich; denn er erkennt Paulus als Apostel an und Christus 
ist ihm mehr als Prophet, er ist ihm Hoherpriester , nirgends deutet er 
an, dass die Heiden bei dem Eintritt in die Kirche sich der Beschneidung 
unterwerfen sollen. 

Ebenfalls judenchristlicb, aber nicht ebionitisch ist der Standpunkt des 



1) Vgl. Ignatius von Antiochien von Dr. Zahn. 187S. 

2) Wegen der Aufforderung c. 5 sich den Presbyteren und Diakonen zu untetwer* 
fen (üg d^fio xai ^gtcra, eine Interpolation dieser Stelle anzunehmen, scheint nicht ge» 
rechtfertigt. 



beschichte der Theologie. Hermas. Papias. 107 

Verfassers der Schrift: der Hirte i), der sich selbst auf den Begleiter des 
Apostels Paulus, Hermas Rom. 16, 14 zurückführt. Die Schrift, die sich 
in Visionen bewegt, ist hauptsächlich ethischen Inhalts, sie ist eine Buss- 
predigt an die hochmüthigen Geistlichen, an die sittlich erschlafften Laien, 
eine Busspredigt, geschärft durch die Ankündigung: der Herr ist nahe, 
plötzlich kann er kommen. Die Schrift hat mit dem Montanismus Aehn- 
lichkeit; es sind dieselben Fragen, die beide behandeln, Busse, zweite 
Ehe, Askese, Verhältniss von Prophetie und Amt, wobei die unächte Pro- 
phetie von der ächten geschieden wird. Hermas, obschon er die hierar- 
chische Richtung bekämpft, wie er denn gegen die Kathederreiter pole- 
misirt (nQcoTO'xa^eSQiTat) will doch, dass durch sie seine Offenbarungen 
der Kirche mitgetheilt werden; die Reaction ist noch eine innerkirchliche. 
Hermas erscheint nach Dorn er als Vorläufer des Montanismus. Er [ist nach 
Nitzsch auf dem Wege vom Judenchristenthum zum Dogma der Glaubens- 
regel; selbst die Christologie geht nicht über den judenchristlichen Monar- 
chianismus hinaus, doch ist keine Spur von Festhaltung der Beschneidung 
wahrzunehmen, an deren Stelle die christliche Taufe getreten. Auftallend 
ist seine Empfehlung der Werke, als ob er bereits opera siipererogatoria 
aufstellen wollte 2). Verfasser ist auf keinen Fall der paulinische Hermas, 
wie Origenes meinte, sondern er ist überhaupt unbekannt. Er lebte aber 
zu einer Zeit, wo bereits die häretische Gnosis sich kund gab (Similitudo 
9, 22), aber von Marcion ist nicht die Rede. Die Schrift mag in dem zwei- 
ten Viertel des zweiten Jahrhunderts entstanden sein. — Dass sie unter 
Nerva oder unter Domitian geschrieben, davon muss abgesehen werden. — 
Sie genoss unter den katholischen Kirchenlehrern ein grosses Ansehen. 
Erst in der neuesten Zeit ist der ächte griechische Text entdeckt und 
veröffentlicht worden 3). 

Papias, Bischof von Hierapolis in Phrygien, steht wie die anderen 



1) S. Hermas, der Hirte des, von Dr. Th. Zahn. 1867. 

2) Visio III. 3 kttv de ayct^oy noii]ffiis fxros t//? fyroXtjg rov &fov, GfavTCD 
TTfQtnoiTjüTj do^ny TtfoiGGoTfgny xm fGrj fydo^oTrgog nctgct to) 9fio ov f/nfUfg ftyat. 

3) Origenes ad Rom. 16, 14 stellt die Schrift den kanonischen an die Seite. Ire- 
näus 4, 20. 2 citirt sie als tj yQK(frj. Auch Clemens spricht davon mit Verehrung 
Strom 1, 29. 2, 1, ebenso TertuUian vor seiner montanistischen Periode, de oratione c. 16, 
während er sie de pudicitia c. 10 als apocrypha falsa, adultera verwirft. Euseb. 3, 25 
setzt sie zwar unter die ro&a, aber mit dem Brief des Barnabas und der Apokalypse des 
Johannes. — Die Schrift kannte man lange Zeit nur nach einer alten lateinischen Ueber- 
setzung, Paris 1513 zum ersten mal gedruckt — vom griechischen Texte waren nur 
Bruchstücke vorhanden. — Erste Ausgabe des griechischen Textes von Anger und Din- 
dorf. Leipzig 1856, nach einer von Simonides fabricirten gefälschten Copie der Abschrift 
des griechischen Textes, die sich in einem Athoskloster gefunden, — sodann 2. Ausgabe dea 
griechischen Textes von Tischendorf nach der ersten ächten Abschrift des Simonides. 
Tischendorf fand 1859 im Codex sinaiticus einen nicht vollständigen griechischen Text, 
dessen Varianten bei Dressel (2. ed.) verzeichnet sind. — Es sind aber seitdem zwei alte 
lateinische und eine äthiopische Uebersetzung entdeckt worden. — Diese Materialien benützte 
Hilgenfeld für seine Ausgabe des Hermas. Leipzig 1866 im dritten Fascikel des Neuen 
Testamentes extra canonem receptum. S. auch Tischendorf über den Text dea Hermas \j\ 
der Realencyklopädie 19. Band S. 631. 



108 Erste Periode des ;alteii Katholic)smu3. 

bis jetzt genannten Vertreter der sich bildenden katholischen Theolo- 
gie an der Pforte des alten Katholicismus , den er als fleissiger Sammler 
apostolischer Traditionen wesentlich gefördert hat. Trenäus 5, 33, 4 nennt 
ihn Zuhörer des Johannes; aber Euseb. 3, 39 sieht diese Angabe an ala 
auf einer Verwechslung mit dem Presbyter Johannes beruhend. In seinem 
leider bis auf Fragmente verloren gegangenen Werke loyiMv xvgmxoiv 
€^riyrf(Ttc hat Papias, auf Grund sorgfältiger Nachforschung bei denen, die ihm 
authentischen Bericht über das, was die Apostel und die Jünger des Herrn 
gesagt, zu geben im Stande waren, Aussprüche Jesu zusammengestellt 
und mit Erklärungen begleitet. Aus den von Euseb. aufbewahrten Worten 
der Einleitung zu diesem Werke sehen wir deutlich, dass die Tradition als 
die Trägerin des in der Erinnerung der älteren Zeitgenossen noch leben- 
den Bildes Christi aufgeüisst wird. Die Schrift des Papias war vornehmlich 
auch dahin gerichtet, die falschen gnostischen Traditionen durch die Ent- 
gegenstellung der verbürgten apostolischen zu bestreiten und zu wider- 
legen. Doch ist nicht zu leugnen, dass er auch sehr unverbürgte, geia- 
dezu falsche muss aufgenommen haben, so z. B. die, betreffend die aus- 
serordentliche Fruchtbarkeit der Erde im tausendjährigen Reiche Iren. 5, 
33, 3, daher ihn Euseb. 3, 39 einen an Geist beschränkten Mann genanat 
hat. Er starb' als Märtyrer in Pergamus, unter Mark-Aurel wahrscheia- 
lich 167. 

Hegesipp ist für die neue Tübingerschule eine Hauptstütze dc^r 
Ansicht, dass in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts der Ebionitis- 
mus in der Kirche herrschend war (S. Euseb. 2, 23. 3, 11. 16. 20. 32. 4, S. 
11. 21. 22). Ein geborener Jude, nachdem er den christlichen Glauben 
angenommen, schenkte er der Zerspaltenheit der jüdischen Sekten seiie 
Aufmerksamkeit. Da er viele Irrthümer derselben sich in die Form christ- 
licher Häresieen kleiden sah, machte er, eifrig für die Einheit der Lehro, 
um „den gesunden Kanon der Heilsverkündigung kennen zu lernen'^ (Euseb. 
3, 32) Reisen zu sehr vielen Bischöfen , um zu erfahren, was ihr Glaube 
sei, und fand in allen Kirchen, die er besuchte, denselben Glauben, wie 
das Gesetz, die Propheten und Christus ihn bezeugen; dieser Einheit stellte 
er die häretische Vielheit gegenüber. Die Früchte seiner Studien sind 
fünf Bücher von Denkwürdigkeiten, vTrofn^rj^jata bis auf werthvolle, voi 
Euseb. aufbewahrte Fragmente verloren gegangen. Er suchte darin, nacli 
Euseb. 4, 8 in einfacher Schreibart die irrthumsfreie Darstellung der apo- 
stolischen Predigt zu geben. Der Titel und einzelne Anführungen bei 
Euseb. könnten zur Vermuthung führen, dass das Werk ein rein geschicht- 
liches w^ar. Es geht aber aus anderen Indizien hervor, — da die histo- 
rischen Notizen nicht chronologisch geordnet sind, — dass das Ganze ein 
apologetisch -polemisches Werk war, doch angefüllt mit vielen historischen, 
zum Theil sehr wichtigen Angaben. Daher führt ihn Euseb. 4, 8 unter der. 
Vorkämpfern für die christliche Wahrheit gegen die Häresieen auf. So ist 
Hegesipp eine beachtenswerthe Erscheinung in dem Process der Bildung 
der altkatholischen Kirche als solcher, wie derselbe durch den Gegensatz 
gegen die Häresis bedingt ist. Dass er auf ebionitischem Standpunkt ge- 
standen, ist ein falscher Schluss aus einigen von Euseb. aufbewahrten 



Geschichte der Theologie. Hegesipp. Irenäus. 109 

Fragmenten seiner Schrift. So ist seine Schilderung Jakobi, des Gerech- 
ten, des Bruders des Herrn allerdings stark judenchristlich gefärbt aber 
keineswegs ebionitisch, übrigens aus der Tradition geschöpft. Wenn der 
Umstand, dass Hegesipp die Orthodoxie der Kirche im Anschlüsse an Ge- 
setz, Propheten und Christum findet, beweisen soll, dass er Ebionit ge- 
wesen, so müsste auch Paulus als Ebionit gelten, da er von sich aussagt, 
Apostelgesch. 26, 22, er lehre nichts, als was in Moses und den Propheten 
enthalten sei. Eben so kann man nicht sagen, er polemisire gegen Paulus, 
indem er sich dagegen erkläre, dass kein Auge die den Gerechten berei- 
teten Güter gesehen habe u. s. w. (1 Cor. 2, 9 nach Jesaia 64, 3), wahr- 
scheinlich wurden diese Worte von Gnostikern missbraucht. Die Gnosis 
ist überhaupt der einzige Feind, durch den er die Einheit der Kirche ge- 
fährdet sieht. Wäre er ebionitisch gesinnt, wie könnte er seinen Glauben 
bei Polykarp und Clemens von Rom wieder finden? Die in Korinth vor- 
gefundene Lehre sieht er als identisch an mit derjenigen, die Clemens 
vorträgt. Der stärkste Beweis für seine nicht ebionitische Richtung ist 
die Ansicht des Euseb. über ihn, der doch dessen Schrift genau kennt und 
ihn an die Spitze der Kirchenlehrer stellt, die von der apostolischen Ver- 
kündigung im Gegensatz gegen die gnostische Häresis zeugen. Er lebte 
bis c. 180. 

Der als Verfasser einer dem Kaiser Mark-Aurel überreichten Apo- 
logie bereits angeführte Melito, Bischof von Sardes, verfasste auch viele 
Schriften gegen die Gnostiker, zur Vertheidigung der evangelischen Ver- 
kündigung — über den im Körper erschienenen Gott (n€Qi xov eycrw^atov 
&eov^), darüber, dass Gott nicht Urheber der Sünde sei, über die Kirche, 
über die Natur des Menschen u. A. (Euseb. 4, 26 2). 

Unter den Vertretern der katholischen Lehre und Bekämpfen! der 
Häresie, die wir bis jetzt betrachtet haben, nimmt die bedeutendste Stelle 
Irenäus, Bischof von Lyon, ein 3). Von Geburt ein Grieche, wie sein 
Name und seine Schriften es bezeugen, wahrscheinlich in der Mitte des 
zweiten Jahrhunderts geboren und im Schoosse einer christlichen Familie, 
wurde er frühe Schüler von Polykarp, Bald begab er sich nach Gallien, 
vielleicht zu dem Zwecke, die Gnostiker, besonders die Valentinianer, die 
sich auch in diesem Lande eingenistet und Anhang gefunden hatten (1, 13. 



1) Neander meint zwar, es sei die Eede von der Körperlichkeit Gottes, in dem 
Sinne, den Tertullian damit verband. Neander beruft sich auf Origenes, der diese Vor- 
stellung bei Melito voraussetzt ; er gibt aber zu , dass Origenes des Melito Schrift wabr- 
scheinlich nicht gelesen habe. — S. Steitz unter Melito in der Eealencyklopädie. 

2) Eine der verlorenen Schriften des Mannes, xXfig, Schlüssel, wahrscheinlich eine 
in die heilige Schrift einleitende oder zur Erklärung derselben dienliche Schrift, glaub- 
ten die französichen Benedictiner wieder gefunden zu haben und gaben sie heraus im 
Spicilegium Solesmense. Vol. II. III. Steiz hat in den Studien und Kritiken 1857 die 
tJnächtheit der Schrift nachgewiesen. 

3) S. Graul, die christliche Kirche an der Schwelle des irenäischen Zeitalters 
1860. Ziegler, Irenäus, der Bischof von Lyon. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte 
der altkatholischen Kirche. Berlin 1871. Duncker, des heiligen Irenäus Christologie 
u. 8. w. 1843. 



110 Erste Periode des alten Katholicismus. 

1 — 7), zu bekämpfen. Er verbrachte daselbst einige Jahre als Presbyter 
(Euseb. 5, 4) und erlebte die schreckliche Verfolgung der Gemeinden von' 
Lyon und Vienne 177, wurde nach dem Tode des Bischofs Pothinus dessen : 
Nachfolger (178) und starb als Märtyrer im Jahre 202. 

Mit welcher Innigkeit und Treue er an dem Lehrer seiner Jugend 
hing , das bezeugt er in der Epistel an seinen Jugendfreund Florinus , der 
zu den Gnostikern abgefallen war. „Was wir, sagt er, in den ersten Jah- 
ren gehört und erfahren haben, wächst mit unserer Seele zusammen, so 
dass ich noch den Ort beschreiben kann, wo der selige Polykarp sass, sein 
Ausgehen und sein Eingehen, seine Lebensweise und seine körperli(^.he 
Gestalt, die Reden, die er zur Gemeinde hielt, wie er seinen Umgang 
mit Johannes und den übrigen, die den Herrn gesehen hatten, erzählte 
wie er ihre Reden wiederholte und welche Worte des Herrn er aus ihrem 
Munde vernahm, welche Wunder des Herrn sie ihm erzählten. In allen 
diesen Dingen theilte er nur solches mit, was mit der Schrift (den ge- 
schriebenen Evangelien) übereinstimmte. Diess Alles hörte ich nach der 
mir von Gott widerfahrenen Gnade eifrig an und schrieb es nicht auf Pa- 
pier, sondern in meinem Herzen nieder und durch die Gnade Gottes be- 
wege ich es immerfort in meinem Herzen^ (Euseb. 5, 20). Das ist dar 
Mann, der die Bedeutung der mündlichen Tradition überhaupt für die 
Kirche so sehr hervorhob, durch seine eigene Erfahrung sie bestätigend. 
Es gehörte diess zu seiner Kampfstellung gegen die Häresie, die gnostische 
zumal. Er erkannte aufs tiefste die Gefahr, womit die Gnosis das Christen-^ 
thum bedrohte, er deckte die grundstürzenden Irrthümer der Gnostiker, 
die gänzliche Haltlosigkeit und Willkürlichkeit ihrer glänzenden Systemo, 
ihre willkürliche Behandlung der heiligen Schrift auf. So schlug er, wie 
Graul sagt, die Riesenschlange, die an der Wiege des Christenthuncs 
lauerte, zu Boden. Eine gewisse Einseitigkeit war aber mit dieser pole- 
mischen Stellung unmittelbar gegeben, und in jener Phase der Entwick- 
lung auch heilsam als Gegengewicht gegen die gnostischen Verirrungei. 
Es ist ihm nicht möglich, das Streben nach tieferer Erfassung des Christen - 
thums, welches im Gnosticismus sich dunkel regte und auf so grosse Ab- 
wege gerathen war, irgendwie als solches anzuerkennen. Die Philosophen 
sind ihm diejenigen, die von Gott schlechterdings nichts wissen, sie sind die 
Vorläufer der Gegner des Christenthums. Irenäus ist von der Polemik 
gegen die Gnosis so sehr beherrscht, dass ihm der Blick für die Berühr- 
ungspunkte des Christenthums mit der Philosophie völlig verschlossen bleibt : 
ausser den Wahrnehmungen der Sinne und des natürlichen Verstandes 
haben für ihn allein die Aussprüche der Schrift und der Ueberlieferung 
Gewissheit. In dieser Beziehung steht er im Ganzen sogar unter Justin. 
Dagegen hat er, wie wir gesehen, die grossartige Idee der allgemeinen, 
katholischen Kirche mit Macht erfasst, wie sie auf Tradition und Schrift 
sich gründet und den wesentlichen Inhalt ihres Glaubens in der Glaubens- 
regel ausspricht. Es lässt sich aber nicht verkennen, dass bei Irenäus 
die christliche Kirche im Begriffe ist, aus einer nur durch geistige Bande 
zusammengehaltenen Gemeinschaft zu einer streng einheitlichen, auch 
äusserlich besonders durch den Episkopat festgeordneten Anstalt zu werden, 



Geschichte der Theologie. Irenäus. 111 

wodurch das Christenthum ein gewisses gesetzliches Gepräge erhielt. Die 
Polemik gegen die gnostische Verachtung und Verwerfung des Mosaismus 
trug wesentlich dazu bei. Uebrigens griff Irenäus noch in anderer Be- 
ziehung vielfach in die Zeit ein und erwies sich als friedliebend, seinem 
Namen entsprechend ^) , in allem gemässigte Ansichten festhaltend. Er 
zeigt sich wohl unterrichtet in der Schrift Alten und Neuen Testamentes, 
wohl bekannt mit den alten Dichtern und Philosophen, besonders mit Plato 
und Homer. Es finden sich in ihm Ansätze zu einer wahrhaft theologischen 
Behandlung der GlaubensNvahrheiten. — Seine vielen Schriften^ Euseb. 5, 20 
aufgezählt, gegen die Gnostiker hauptsächlich gerichtet, sind meistens ver- 
loren gegangen. Erhalten ist nur die eine bereits angeführte Hauptschrift: 
Widerlegung und Zerstörung der fälschlich sogenannten Erkenntniss (ekey- 
Xog xai avatQonri trjg (fsiöoavvnov yyaxTsojg), gewöhnlich unter dem Titel 
adversus haereses angeführt, in fünf Büchern, in Gallien vor dem Jahre 192 
geschrieben, nur in einer schlecht lateinischen Uebersetzung erhalten. 
Fragmente des griechischen Textes finden sich bei einigen Kirchenvätern, 
und sind von den Herausgebern, Massuet (Paris 1710), Stieren (Leip- 
zig 1853), Wigan Harvey (Cambridge 1857) zusammengestellt worden. 
Diese Schrift, eine Hauptquelle für die Kenntniss des Gnosticismus ist 
besonders gegen die in Gallien eingenisteten Valentinianer gerichtet. 

H. Indem die Gnostiker eine philosophische Auffassung und Begrün- 
dung des Christenthums erstrebten, indem die Heiden das Christenthum mit 
Hülfe der Philosophie angriffen, entstand bei denkenden, gebildeten Geistern 
unter den Christen das Streben, sich in ihrer Behandlung der christlichen 
Lehren auf diesen philosophischen Boden zu versetzen , den Gegnern die 
Waffe, die sie gegen das Evangelium brauchten, zu entwinden, die Berüh- 
rungspunkte zwischen der Philosophie und dem Evangelium aufzusuchen 
und zu verwerthen, das Christenthum selbst als die höchste Philosophie auf- 
zufassen und es auf diese Weise mit dem wissenschaftlichen Geiste der Zeit 
auszusöhnen. Dadurch erhielt es eine für gebildete Heiden ansprechendere 
Form und konnte sich um deswillen auch unter den höheren Classen der 
Gesellschaft mehr verbreiten. Dadurch wurde es auch vor abergläubischer, 
fanatischer und roh sinnlicher Auffassung bewahrt, in welche eine Religion 
leicht geräth, deren Anhänger ohne wissenschaftliche Ausbildung blos dem 
Gefühle und der Phantasie folgen. Auf der andern Seite war mit derselben 
Richtung eine gewisse Gefahr verbunden, die einer Vermengung von Chri- 
stenthum und Philosophie, und diese Gefahr trat wirklich ein. — Es war 
hauptsächlich die platonische Philosophie, an welche die Kirchenlehrer 
sich anschlössen, freilich keineswegs rein, sondern es war eine eklektische 
Philosophie, doch mit Vorherrschen des Platonischen. Wenn nun Plato bis- 
weilen auf einen agxcciog Xoyog hindeutet, nach dem er sich richte, wenn er 
auf Männer sich beruft, die von Gott besonders erleuchtet worden, so be- 
ziehen diess die Väter auf Mosen , die Propheten und die alttestamentliche 
Offenbarung. 



1) Euseb. 5, 24 xm 6 (Af.y Eiorjvmos (ftQMyvyog Tti u)V rrj ngosrjyootn, ccvjt 
T€ TW TQOTiü) fiQr]yonotos. 



112 Erste Periode dos alten Katholicismus. 

Von solchen philosophischen Christen oder christlichen Philosophen, 
die gewöhnlich den Philosophen-Mantel beibehielten, gab es eine ziemliche 
Anzahl, wovon hier nur die bedeutendsten erwähnt werden sollen. 

Justin der Märtyrer, der schon öfter genannte, kommt zuerst in 
Betracht i). Geboren zu Anfang des zweiten Jahrhunderts in Flavia Nea- 
polis, dem alten Sichem, dem heutigen Nablus, im Schosse einer heid- 
nischen Familie, fühlte er früh in sich den Trieb nach Erkenntniss des 
Wahren. Er wandte sich der Reihe nach an mehrere Philosophen, die ihn 
entweder nicht befriedigten oder durch ungebührliche Forderungen ab- 
stiessen. Der Stoiker theilte ihm nichts über Gott mit, indem er meinte, 
das sei überhaupt kein wichtiger Gegenstand der philosophischen Specula- 
tion. Zu einem Platoniker fühlte er sich am meisten hingezogen; denn 
dieser versprach ihm unmittelbare Anschauung der Gottheit. Voll von sol- 
chen Gedanken, um sich ungehindert denselben hingeben zu können, begab 
er sich eines Tages an das Gestade des Meeres, an einen einsamen Ort. 
Da sah er einen Greis, von mildem, ehrwürdigem Ansehen, der an dem- 
selben Gestade die Ankunft einiger Verwandten erwartete, auf sich zu- 
kommen. Es entspann sich ein Gespräch zwischen beiden. Justin brachte 
seine platonische Weisheit vor, wodurch er zur Anschauung Gottes und zur 
Seligkeit zu gelangen hoffte. Der Greis trieb ihn aber durch seine Frage i 
so sehr in die Enge, dass Justin endlich ausrief: welche Lehre soll ich mir 
denn aneignen, wenn bei allen Philosophen keine Wahrheit zu finden ist.-^ 
worauf der Greis erwiederte , dass er die ersehnte Wahrheit leicht finden 
könne, wenn er sich an die rechte Quelle wende; es seien in alten Zeiten 
Propheten aufgestanden, bestätigt durch Wunder und Weissagungen ah 
Organe des göttlichen Geistes, in ihren Schriften seien die reichsten Schätz»? 
untrüglicher religiöser Wahrheit niedergelegt; diese solle Justin erforschen: 
^Bete, dass sich die Pforten des Lichtes dir erschliessen , denn das sine' 
Dinge, die Niemand erkennen kann, als welchem Gott und sein Christ es 
gegeben^' (Dialog mit Tryphon c. 3—8). Justin befolgte den Rath und fühlte 
sich mehr und mehr zum Christenthum hingezogen. Allein es waren übei 
die Christen so abscheuliche Gerüchte ausgesprengt worden, dass er zu dem 
Glauben, den sie bekannten, kein Vertrauen fassen konnte. Da sah er sie 
als Märtyrer, ohne Furcht im Tode und bei Allem, was die Menschen 
schrecklich nennen; nun erkannte er, dass sie unmöglich in Lastern und 
Wollust leben könnten. Apologie. IL c. 12. Justin wurde im Jahre 133 
Christ, etwa dreissig Jahre alt ; er widmete sich der Bekehrung heidnischer 
Gelehrter und der Vertheidigung des Christenthums durch Schriften und 
öffentliche Vorträge, die er in mehreren Städten des Reiches, namentlich 
in Rom hielt. Er ahnte, dass er für seinen Glauben das Leben werde lassen 
müssen, und -dass der Cyniker Crescens, dessen scheinheilige Unwissenheit 
er öffentlich blos gestellt hatte, ihn zu verderben suchen werde. (Apol. IL 
c. 3). So geschah es auch (Euseb 4, 16). Sein Tod durch Enthauptung in 
Rom fällt nach der Berechnung von Semisch in das Jahr 166, unter Marc-Aurel. 



1) Vergl. über ihn das Werk von Semisch 1840 und die neue Ausgabe seiner Werke 
von Otto. 



Justin der Märtyrer. 113 

Justin's Thätigkeit war nach den drei Seiten hin, woher die Angriffe 
auf das Christenthmn kamen , gerichtet ; 1) gegen die Heiden eine apolo- 
getische; die betreffenden zwei Apologieen sind bereits angeführt , 2) gegen 
die Juden; das Document davon ist der Dialog mit dem Juden Tryphon, 
3) gegen die Häretiker; aber die dahin einschhägigen Schriften sind ver- 
loren gegangen. Gewiss ist, dass Justin eine Zusammenstellung, awrayiia 
aller Häresieen machte (Apologie I. c. 26. Euseb. 4, 11). Er schrieb eine 
besondere Schrift gegen Marcion (Iren. 4, 14. Euseb. 4, 14). Alle anderen 
ihm beigelegten Schriften sind als unächt abzuweisen. 

Um Justin richtig zu beurtheilen, müssen vor Allem zwei irrthümliche 
Ansichten über ihn abgewiesen werden; die eine, dass er eine Entwick- 
lungsphase des Ebionitismus darstelle, wobei wir uns der Kürze halber auf 
die treffenden Gegenbemerkungen von Semisch im Artikel Justin in der 
Realencyklopädie berufen; die andere, dass er den Piatonismus auf das 
Christenthum geradezu übertragen habe. — „Justin steht, sagt Semisch, 
als Repräsentant einer neuen Richtung an der Spitze seines Zeitalters, 
einmal darin, dass er, angeregt durch Aristides, das Christenthum mit der 
classischen Bildung in eine nicht mehr zu lösende Verbindung brachte und 
durch philosophische Behandlung des Glaubens die Anfänge einer christ- 
lichen Theologie einleitete, sodann, indem er durch den Rückschritt zu 
einer mehr ethisch gesetzlichen Auffassung des Christenthums i) einer der 
Hauptbegründer des seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts sich fest- 
stellenden kirchlichen Katholicismus wurde. ^ Was seine Anschliessung an 
Plato betrifft, so ist zuvörderst zu bemerken, dass sie sich nicht auf die- 
sen Philosophen beschränkte, wie denn in seiner Logoslehre der Einfluss 
der Stoiker sich zeigt. Alles Wahre und Gute, was sich bei den grie- 
chischen Dichtern und Philosophen findet, gehört den Christen an; jeder 
hatte etwas vom Vernunftsamen {anequatixog Xoyog). Der koyog offenbarte 
sich ihnen und wirkte in ihnen, bevor er in Christo Mensch wurde; und 
es hat daher Christen gegeben vor Christo; solche, die mit dem Xoyog in 
Gemeinschaft gelebt haben, sind Christen. Denn die Lehrsätze Christi 
und die Plato's sind bei aller Verschiedenheit einander ähnlich. (Apolog. 
n. c. 13). Das Gute und Wahre der vorchristlichen Zeit bleibt aber nur 
das Vorspiel zu dem, was in der christlichen Zeit in vollendeter Fülle her- 
vortrat, als die absolute Wahrheit. So fasste Justin das Cliristenthum 
mehr als Wissen, als die höchste Philosophie auf und das ist bedingt durch 
die Einseitigkeit seiner griechischen Bildung. — In seinen Schriften gibt 
sich Justin einige Blossen, theils durch allegorische Spielereien (im Dialog), 
theils durch unkritische Nachlässigkeit in Prüfung von historischen An- 
gaben, allein sein Verdienst ist, der Apologetik ein so sprechendes Ge- 
präge aufgedrückt zu haben, dass angesehene Kirchenlehrer manche seiner 
Gedanken und Beweismittel sich aneigneten. Die Logoslehre, der Angel- 
punkt seiner ganzen Theologie wurde von den alexandrinischen Theologen 
aufgenommen und weiter entwickelt. 



1) So nennt er im Dialog mit Tryphon c. 18 Christum 6 xntpog vofxo^errjg, 
Herzog, Kirchengeschichte I. 3 



114 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Hauptsächlich kommen in Betracht die Lehrer der ale- 
xandrinischen Katechetenschule ^). 

Stiftungen wie das novceiov oder die Akademie von Alexandrien, von 
den römischen Kaisern reichlich unterstützt, und wie die reichhaltige Bi- 
bliothek veranlassten in dieser Stadt einen grossen Zusammenfluss von 
Gelehrten und Philosophen und trugen überhaupt bei zur Verbreitung 
wissenschaftlicher Bildung. Diese Sachlage musste auch auf die Unter- 
richtsanstalten der Kirche Einfluss ausüben. Nirgends traten so häufig wie 
in Alexandrien Gelehrte und Philosophen zur christlichen Partei über; in 
Alexandrien standen, wie wir gesehen, einige der bedeutendsten Gnostiker 
auf. Daher es den dortigen Bischöfen nöthig schien, den Katechumenen- 
unterricht nur durch bewährte, kenntnissreiche Männer geben zu lassen, 
damit er den hohen Anforderungen des gelehrten Alexandrien genügen 
könnte. Diese Männer fanden bald zahlreiche Zuhörer; denn nicht nur 
Katechumenen besuchten ihre Vorträge ; sie zogen auch andere junge Mäi- 
ner an, welche eine tiefere Kenntniss vom Christenthum erstrebten und 
sich zum Dienst der Kirche vorbereiteten. So entstand die christliche 
Schule von Alexandrien, die katechetische oder kirchliche genannt. 
Die Anfänge mögen wohl bis in die ersten Jahrzehnde des zweiten Jahr- 
hunderts hinaufreichen. Um 180 war sie vollkommen ausgebildet, oft lehr- 
ten gleichzeitig mehrere Katecheten, — von den Zuhörern nahmen di«) 
Lehrer kein Honorar an, der Unterricht wurde im Hause des Lehrern 
ertheilt; nicht selten wechselten Fragen und Antworten, es kamen auch 
Frauen in die Vorträge, wie auch Jungfrauen und Knaben an den Vor- 
trägen der heidnischen Philosophen Theil nahmen 2). Der erste Lehrei* 
war Pantaenus (181 — 203), der früher Stoiker und Missionar im ferner 
Asien gewesen (Euseb 5, 10) und nun als Lehrer sein Leben beschloss 
Von seinen zahlreichen Schriften, die sich alle auf die Erklärung der Schrifi 
bezogen, haben sich nur wenige Fragmente erhalten. 

Wir richten unsre Aufmerksamkeit auf die zwei folgenden Lehrer. Cle- 
mens (Eus. 5, 11), ob in Athen oder in Alexandrien geboren, bleibt unge- 
wiss, nach Epiphanius haer. 32, 6 jedenfolls im Schooss einer heidnischen 
Familie, begabt mit beweglichem, nach Wahrheit strebendem Geiste, tüch- 
tig gebildet in den Schulen seiner Vaterstadt, scheint frühe zum Christen- 
thum übergetreten zu sein. Von jetzt an fühlte er den Drang nach tieferer 
Erkenntniss des Christenthums ; er verlangte etwas mehr als den einfachen 
Glauben , er bereiste viele Länder und suchte überall die Männer auf, von 
denen er Belehrung zu erhalten hoffte. Er behauptet von ihnen, worunter 



1) S. Guericke, de scbola quae Alexandriae floruit cateclietica 1824 — 25. — 
Thomasius, Origenes 1837.— ßedepenning, Origenes 1841 — 1846.— Ausgaben der 
Schriften des Clemens, von Sylburg 1592, von Heinsins 1616, von Migne. Handausgabe 
von Oberthür 1779, von Klotz 1831. — Ausgaben der Schriften des Origenes von de la 
Rue, — eine von Lommatzsch 1831—46, eine von Migne. Mehreres von Origenes ist be- 
sonders edirt worden, so die Schrift nfQi kqxmv von Redepenning, das Werk gegen Cel- 
sus u. A. 

2) Redepenning I. 67—69. 



Clemens von Älexandrien. 115 

selbst Apostelschüler, die ächte apostolische Tradition empfangen und sich 
angeeignet zu haben (Stromat. 1. c. 1). In Älexandrien land er den Mann, 
der allen seinen Wünschen entsprach ; er nannte ihn die sicilianische Biene, 
weil er die Blüthen von der prophetischen und apostolischen Wiesenfiur 
pflückte. Unter ihm bildete sich Clemens zum Lehrer heran. Nachdem 
er Presbyter geworden, ernannte ihn Bischof Alexander 189 zum Nachfolger 
des Pantaenus im Vorsteheramt an der katechetischen Schule. Auch Hei- 
den besuchten seine gediegenen Vorträge und viele unter ihnen w^urden 
für den christlichen Glauben gewonnen. Der Verfolgung unter Septimius 
Severus (202) entzog er sich, um nicht sich selbst der Gefahr preis zu 
geben (Strom. 4, 4), er begab sich zu einem ehemaligen Schüler, Bischof 
Alexander zu Flaviades in Kappadocien (Euseb. 6, 11). Von seinen späteren 
Schicksalen, von seinem Tode ist nichts bekannt ^). 

Seine drei uns erhaltenen Hauptwerke bilden Ein Ganzes, zusammen- 
gehalten durch die Idee des göttlichen, schon vor der Menschwerdung in 
der Welt wirksamen Logos. Dieser, der göttliche Lehrer der Menschen, 
sucht sie zuerst vom Götzendienst und lasterhaften heidnischen Leben 
abwendig zu machen und sie zum Glauben zu bewegen ; diess ist der Inhalt 
der Ermahnungsrede an die Griechen (Xoyog ngotgentixog ngog '^EkXfjvag). 
Darauf sucht er ihre Sitten umzuwandeln, diess der Inhalt des Xoyog nai- 
dayMyog; endlich führt er sie ein in die Geheimnisse der christlichen Pie- 
ligion in den Stromata {aTqco^axsig c. 9), buntgewirkte Teppiche, was wir 
miscellanea nennen würden; der Name ist hergenommen von ihrem man- 
nigfaltigen Inhalte, oder vom Mangel an methodischer Ordnung. Clemens 
behauptet, den Hauptinhalt aus Pantaenus geschöpft zu haben. Von seinen 
übrigen Schriften ist nur die eine erhalten: %i,g 6 (Tcoli^o^evog nXovtrtogy in 
welcher am Ende die schöne Erzählung (fiv&ov ov fiv&ov nennt sie Cle- 
mens) von dem durch den Apostel Johannes bekehrten Jüngling sich fin- 
det; — die übrigen Schriften sind folgende: das Passah, Gespräche über 
das Fasten; über die Verläumdung, eine Ermahnung zur Standhaftigkeit 
oder an die so eben Getauften; dann der Kirchenkanon, wodurch er gegen 
judaisirende Irrthümer beweisen wollte, dass die Schriftstellen des Alten, 
sowie die des Neuen Testamentes unter sich übereinstimmen, endlich die 
leider verloren gegangenen vnozvncocreig in acht Büchern, worin man in 
späterer Zeit viele gottlose und fabelhafte Reden fand 2). 

Clemens nimmt seinen Ausgangspunkt zunächst vom allgemeinen Glau- 
ben der Christen, enthalten in der Schrift und in der Tradition, zusani- 
mengefasst in der Glaubensregel. Gegen die Abweichung davon, gegen 
die Häretiker spricht er sich so scharf aus wie nur irgend ein anderer 
katholischer Lehrer Strom. 7, 16: so wie einer aus einem Menschen ein 
Thier wird, wie diejenigen, die durch die Zaubertränke der Circe be- 
rauscht waren, so hört derjenige, der gegen die kirchliche Tradition an- 
kämpft und zu den Meinungen der Häretiker abfällt, auf, ein Mann Gottes 
zu sein. Wer aber, von diesem Irrthume sich abwendend, der Schrift sich 



1) S. Moehler Patrologie S. 430. 

2) Photius codex 109. Euseb. 6, 13. 



116 Erste Periode des alten Katholicismus. 

unterwirft und sein Leben der Wahrheit hingibt, wird aus einem Menschen 
gleichsam Gott" (otop e| ccvx^qmtiov ^sog anoteXettai). Die yvcaatq sieht 
er durchaus an als auf dem Glauben ruhend ; er beruft sich dabei auf Je- 
saia 7, 9, nach der Uebersetzung der LXX.: so ihr nicht glauben werdet, 
versteht ihr nicht erkennen {sav fiij niatevtTTiTe, ovde iiri (xvvrjte. Die 
Gnosis hat im Glauben ihren wahren Inhalt. Dabei bleibt er aber durch- 
aus nicht stehen. Zur Entwicklung der Gnosis ist die Philosophie nöthig, 
— die Philosophie, die auch von Gott kommt und nicht, wie einige wäh- 
nen, vom Teufel ; sie war das den Griechen gegebene Testament ; gleichwie 
das Gesetz erzog sie (sTiaiöaycoye) die Hellenen für das Christenthum. 
So kommt Clemens dahin, was mit seinen grundlegenden Erklärungen 
nicht ganz zusammenstimmt, den Glauben nur als eine abgekürzte Er- 
kenntniss des Nothdürftigsten , worunter er wohl die Glaubensregel ver- 
steht, aufzufassen (^ niatiq = (xvvtofiog roov xaTsneiyovtuiv ypcoatg)^ die 
tiefere Erkenntniss wird nur erlangt mit Hülfe der griechischen Philoso- 
phie, worunter er nicht ein besonderes System derselben versteht, sondei'n 
eine eklektische Philosophie (Strom. 1, 7), worin jedoch das platonische 
Element vorherrscht. Nach Massgabe des angegebenen Verhältnisses der 
Philosophie zur Gnosis muss die andere Erklärung verstanden werden, 
dass die Gnosis ein zum Wissen erhobener Glaube (nifftig enKTtrjfiovixr) 
seil). Daher nun der mit Erkenntniss ausgestattete, der Gnostiktr, — 
so nennt ihn Clemens durchweg — , weit über demjenigen steht, der die 
blosse TtiffTig hat. Gemäss dem platonischen Satze, dass die wahre Ei- 
kenntniss auch mit dem richtigen Handeln verbunden sein müsse, wird der 
Gnostiker die wahi'e Tugend üben, er wird .ein im Fleische wandelnder 
Gott sein (av aaqxt neqmoXoav d^eog). Der Gnostiker allein hat die wahr'3 
Liebe (Job. 15, 14. 15), während die ni(Jtig durchaus noch mit knechtischer 
Furcht verbunden ist; der Gnostiker allein ist derjenige, der in Wahrheit dio 
Gottheit verehrt (fiovov ovtoog eivat ^eoaeßri top yvcofftixov) , der darum 
von Gott geliebt wird und dahin gelangt, Gott zu lieben (Strom. 7, 1). 
Was aber die Quelle dieser so Grosses wirkenden Gnosis betrifft, so gib, 
Clemens nicht in den Stromaten, sondern in einem von Euseb aus den 
Hypotyposen aufbewahrten Fragment (Euseb. 2, 1) eine geheime Ueber 
lieferung an, die ihm den wesentlichen Inhalt seiner Sätze mittheilt; die 
Gnosis, sagt Clemens, übergab der Herr nach der Auferstehung Jakobue 
dem Gerechten, dem Johannes und dem Petrus, diese den übrigen Apo- 
steln, diese den siebenzig Jüngern, wovon einer Barnabas war 2). 

Or igen es, mit dem Beinamen des Stählernen, von eisernen Ein- 
geweiden, geschmückt (adafiaptivog , /«Axerrf^og) , der einflussreichste, 
bedeutendste Theologe der alexandrinischen Schule, der auch weit über 
sein Zeitalter hinaus wirksam gewesen, geboren 185 zu Alexandrien, von 
christlichen Aeltern, anfangs vom Vater in den Wissenschaften und im 
Christenthum unterrichtet, besuchte darauf, im späteren Knabenalter, die 



1) Auch so definirt er die yj/ioffts' ^niCTrj^oPixrj nno^€i^ig rojr xnrn ttjv nlrj^ri 
fftXoüo<finv 7iaQa&t&ojusp(i)y. Strom. 2, 11. 

2) Clemens hält den Brief des Barnabas für acht 



Origenes. 117 

Vorträge des Clemens, noch später die Schule desAmmonius Sakkas, 
um sich in der Philosophie auszubilden. Sein Vater starb als Mär- 
tyrer in der Verfolgung des Septimius Severus, sein Vermögen wurde 
confiscirt. Origenes, der ihn im Kerker ermahnt hatte, um der Sei- 
nen willen seinen Glauben nicht zu verläugnen, sorgte durch Copisten- 
arbeiten für den nothdürftigen Unterhalt der Familie, bestehend aus der 
Wittwe und sechs Brüdern. Im Jahre 202 wurde er Lehrer an der 
katechetischen Schule. Da nicht nur Männer, sondern auch Frauen seine 
Vorträge besuchten, glaubte er, der ohnehin der strengsten Askese erge- 
ben war, — er schlief auf dem blossen Boden, — um übelwollenden 
Verdacht oder sinnlichen Anwandlungen zu entgehen, an sich eine damals 
nicht blos bei Heiden und heidnischen Priestern, sondern auch bei Christen 
vorkommende Handlung vornehmen zu müssen. Sich gründend auf die 
buchstäblich ausgelegte Stelle Matth. 19, 12 (vielleicht auch auf Jesaia 56, 
4. 5) nahm er, ungewiss, ob durch Anwendung des Schierling oder eines 
eisernen Instrumentes, an sich die Entmannung vor ^), die er selbst später 
erkannte als aus mangelhafter Auslegung der Schrift hervorgegangen. 
Aus seinen späteren Aeusserungen ersieht man deutlich, dass, was dem 
Jünglinge tiefere Auslegung schien, dem Manne in vorgerückten Jahren 
als fleischlicher Irrthum vorkam ^). Die That war eine Uebertretung des 
zweiundzwanzigsten der apostolischen Kanones 3), von denen es fi^eilich nicht 
ganz sicher ist, dass sie damals schon existirten. So viel ist gewiss, dass 
Bischof Demetrius von Alexandrien Origenes deswegen nicht blos nicht 
tadelte, sondern ihn sogar deswegen mit Lob überhäufte (Euseb. 1. c). 
Zur Erweiterung seiner Kenntnisse unternahm er mehrere Reisen, be- 
suchte Rom, kam aber bald wieder nach Alexandrien zurück (Euseb. 6, 14). 
Er verliess die Stadt wieder im Jahre 216, als Caracalla mit einem Heere 
nach Alexandrien kam und daselbst um unbedeutender Ursachen willen ein 
furchtbares Blutbad anrichtete. In Cäsarea in Palästina wurde er vom 
Bischof The okti st US mit grosser Auszeichnung willkommen geheissen 
und aufgefordert, in der Kirche Lehrvorträge zu halten. Da diess dem 
Gebrauche der Kirche von Alexandrien zuwiderlief, wo nur dem Presbyter 
das Lehren in der Kirche gestattet wurde, beklagte sich Bischof Demetrius 
darüber und forderte von Origenes Rückkehr und Wiederaufnahme seines 
Katechetenamtes , was Origenes that. Kirchliche Wirren und Streitigkeiten 
in Achaja veranlassten seine Berufung nach diesem Lande, um den Frie- 
pen wiederherzustellen. Mit dem kirchlichen Empfehlungschreiben seines 
Bischofs versehen, wählte er den Weg durch Palästina, und wurde zu 



1) Euseb. 6, 8, die That ist bezweifelt worden, mit Unrecht, wie Redepenning weit- 
läuiig bewiesen hat. 

2) Tom. XV, in Matthäus yf.isig (^e XQtCroy &fov, roy Xoyov tov &{ov xma CaQxa 
xat xara to ygafu/ua nort votjGctvKQ, vvv ovxsti ytyojGxovTfg, wir stimmen denen 
nicht bei, die unter dem Vorwande des Reiches Gottes den dritten Eunnchismus über 
sich bringen. Redepenning a. a. 0. S. 213. 

3) Der Wortlaut besagt, dass, wer sich selbst verstümmelt, nicht Kleriker wer- 
den dürfe. 



118 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Cäsarea von den Bischöfen dieser Gegend, an ihrer Spitze Bischof Ale- 
xander von Jerusalem und Bischof Theoktistus von Cäsarea, zum 
Presbyter geweiht (Euseb. 6, 23). Origenes musste diess sehr willkommen 
sein, da die Presbyterwürde seinem Wirken in Achajia grösseren Nach- 
druck gab und von Demetrius durfte er sich die Hoffnung machen, dass er 
das Urtheil angesehener Bischöfe beachten oder wenigstens dazu schweigen 
werde. Nach einiger Zeit kehrte er nach Alexandrien zurück (etwa 230). 
Hier aber nahmen die Dinge für ihn eine ungünstige Wendung; er wurde 
231 durch eine Synode unter dem Vorsitze von Demetrius excommunicirt 
und seines Lehramtes entsetzt, bald darauf in einer kleinen Synode seiner 
Presbyter würde für verlustig erklärt. Ursache war nicht jene strafbare 
Handlung, — denn es steht kein Wort davon in den Acten jener Synode, — 
sondern der beginnende Verdacht gegen seine Heterodoxieen, unter andern 
gegen die Lehre von der Wiederbringung aller Dinge, und der Umstand, 
dass er mit Umgehung der alexandrinischen Kirche sich in einer auswär- 
tigen Kirche um die Würde des Presbyter beworben, wobei freilich nicht zu 
vergessen ist, dass Demetrius sich früher geweigert hatte, ihm diese Würde 
zu ertheilen. Alle Kirchen, ausgenommen die in Palästina, Phönicien, 
Achaja und Arabien erkannten das Urtheil jener Synode an, besonders 
auch Rom mit grosser Bereitwilligkeit. Origenes hatte Aegypten wied(ir 
verlassen, um nicht wieder dahin ziu'ückzukehren , obschon er die Liebe 
zum Vaterland keineswegs aufgab, das, wie er sagte, Christum und die 
Propheten, welche in Palästina verworfen wurden, in hohen Ehren hielt. — 
Palästina wurde seine zweite Heimath. In Cäsarea eröffnete er eine ge- 
lehrte Schule, die den Glanz der alexandrinischen bald überstrahlte. Se n 
Unterricht umfasste Philosophie und Theologie. Er unternahm noch meli- 
rere Reisen in wichtigen kirchlichen Angelegenheiten und starb 254 tu 
den Folgen der Misshandlungen, die er während der Verfolgung unt(T 
Decius erlitten hatte. 

Des Origenes Schriften waren so zahlreich, dass er, wie Hieronymus 
sagt, mehrere schrieb, als Manche lesen können, und doch sträubte sich ^u 
Anfang der seitdem so Unermüdliche, die Feder in die Hand zu nehmen. An 
seinem Freunde Ambrosius, einem vornehmen und reichen Staatsbeamte!, 
den er von der falschen Gnosis zur wahren Gnosis geführt, hatte vr 
einen fortwährenden Treiber zur Arbeit, eQyoÖKoxtrjg ^ wie er ihn selbem 
nannte. In ihm fand er auch eine äusserst wichtige Unterstützung für seiie 
gelehrten Arbeiten, da Ambrosius ihm sieben Schnellschreiber hielt uüd 
kostbare Handschriften für ihn kaufte; er stellte ihm auch sieben Abschrei- 
ber und einige Schöuschreiberinnen. Origenes hat zuvörderst das grosse 
Verdienst, die Wissenschaft der bibUschen Textkritik angebahnt und die 
Exegese der heiligen Schrift mächtig gefördert zu haben. Zuerst unternahm 
er, von Ambrosius dazu ermuntert, eine Revision des Textes der LXX. in 
seiner Hexapla, worüber er sich selber ausspricht in der epistola ad Äfricmium, 
Durch das Vorhandensein der griechischen Uebersetzungen des Alten Testr- 
ments von Aquila, Theodotion und Symmachus, so wie durch die Disputatic- 
nen mit den Juden, stellte es sich nämlich mehr und mehr heraus, dass die 
kiixhlich recipirte LXX. den hebräischen Text öfter nicht richtig wiedergebt'. 



Origenes. 119 

Es entstand daher das Bedürfniss, ein Mittel zu finden, um namentlich in 
den Disputationen mit den Juden, auch ohne eigene genügende Kenntniss 
des Hebräischen erkennen zu können, wo und wie die kirchUche Ueber- 
setzung im Einzelnen mit dem hebräischen Texte übereinstimmte oder 
davon abwich. Dieses Bedürfniss suchte Origenes durch seine Hexapla zu 
befriedigen. Er wollte nicht einen neuen Text der LXX herausgeben, 
sondern durch eine Art synoptischer Zusammenstellung der LXX mit 
den anderen griechischen Uebersetzungen und mit dem hebräischen Texte 
und durch Andeutungen und diakritische Zeichen im Texte der LXX 
selbst theils das Verständniss derselben fördern, theils ihr Verhältniss zum 
hebräischen Texte bemerklich machen, um so die Christen abzuhalten, 
im Streite mit den Juden aus dem Alten Testament solches vorzubringen, 
was sich im hebräischdn Text nicht fand, oder auch das aus dem hebräischen 
Texte vorgebrachte desshalb zu verwerfen, weil es sich in der LXX nicht 
finde. Die äussere Einrichtung war folgende: 1) der hebräische Text in 
hebräischer Schrift, 2) derselbe mit griechischen Buchstaben, 3) Aquila, 
4) Symmachus, 5) LXX, 6) Theodotion, also sechs Columnen, in einzelnen 
Büchern gab es deren acht, daher der Name Octapla bei Epiphanius. Die 
Tetrapia, über deren Verhälniss zur Hexapla man ganz im Dunkeln ist, lassen 
wir bei Seite. Origenes verwendete auf die Sammlung der Materialien zu 
diesem Werke, so wie zu dessen Ausarbeitung viele Jahre. Fünfzig Jahre 
nach dessen Tode wurde es aus seiner Verborgenheit, wahrscheinhch zu 
Tyrus hervorgeholt und in die Bibliothek des Pamphilus zu Cäsarea gebracht ; 
hier von Hieronynuis benützt, wurde es wahrscheinlich im Jahre 653 bei der 
Einnahme von Cäsarea durch die Araber vernichtet. (S. ausser Redepeuuing 
Bleek's Einleitung in das Alte Testament S. 767). Auch auf die Emeudation 
des Textes des Neuen Testaments richtete Origenes seine Aufmerksamkeit, 
ohne Zweifel angeregt durch seinen Lehrer Clemens, der schon ein sehr 
starkes Beispiel von Corruption des Textes Matth. 5, 10 anführt (Strom. 
4, 6) 1). Origenes (in Matth. 19, 19) entwirft ein erschreckendes Bild des Zu- 
standes des neutestamentlichen Textes : unter den Handschriften des Matthäus 
sei eine solche Verschiedenheit, dass keine einzige mehr mit der anderen 
übereinstimme und eben so sei es bei den übrigen Evangehsten. Diese Ab- 
weichungen aber seien so gross geworden theils durch Nachlässigkeit der 
Abschreiber, theils durch Kühnheit der Corruptoren, theils durch willkür- 
Hche Aenderung der Besitzer der Handschriften. Durch solche Erscheinungen 
angeregt, beschäftigte sich Origenes viele Jahre hindurch mit kritischen Un- 
tersuchungen über den Text des Neuen Testamentes. Es cursirteu, nach 
Hieronymus, gewisse von ihm besonders revidirte und emendirte Handschrif- 
e n ; doch scheint er nicht dazu gekommen zu sein, eine vollständige Textes- 
recension des Neuen Testamentes vorzunehmen (S. Gu er icke, neutestament- 
hche Isagogik S. 644). Innnerhin hat er an seinem Theile dazu beigetragen, 
dass die beginnende Corruption nicht zu sehr um sich greifen konnte. — 
Was die exegetischen Schriften des Origenes betrifft, so bestehen sie 

1) Clemens führt hier an, dass rivfg nov /ufrciTtl^ePTMu tcc fvnyytha also 
lesen: /nnxnQtot oi Jfdtcoy/ufyot vTieo rrjg iStxaioGvvTj<;i cri nvroi taovrai TÜ.fioi — 
l^axaQtoi 6t Si6ib)y[xevot tpfxa €fxov ort i^ovCiy ronoVi önov ov ^Kax^iJ^ovrai' 



120 Erste Periode des alten Katholicismus. 

theils aus Schollen ((rrifismffstg) , theils aus Commentaren (tofioi); sie 
umfiissten einen grossen Theil des Alten Testamentes und den grössten Theil 
des Neuen Testamentes, ebenso die Homilieen, auslegende Predigten, er- 
bauliche Erklärungen; doch sehr Vieles von diesen exegetischen Arbeiten ist 
verloren gegangen oder nur in das lateinische übersetzt, durch Rufinus, vor- 
handen. — Bei Origenes war die Exegese ein Zusammenfluss des gesamm- 
ten theologischen Wissens. Nach den vorausgegangenen exegetischen Ar- 
beiten von Papias (s. oben), von Pthodon, Candidus und Apion, über 
die mosaische Schöpfungsgeschichte (Euseb. 5, 27), von Heraklit, über die 
paulinischen Briefe (Euseb. a. a. 0.), von Melito von Sardes, über die 
Apokalypse des Johannes (Euseb. 4, 26j, gab Origenes diesen Arbeiten noch 
eine mächtige Anregung. 

Das apologetische Werk des Origenes, das sind die uns bereits hv- 
kannten acht Bücher gegen Celsus, die bedeutendste Apologie aus 
dieser Periode überhaupt. Von den dogmatischen Werken des Mannes 
hat sich nur eines erhalten, und zwar das Hauptwerk tisqi agxoyv, de prh- 
cipiis, vier Bücher, in neuerer Zeit besonders herausgegeben von llede- 
penning. Der griechische Text ist leider bis auf Fragmente, die sich bei 
einigen Vätern finden, verloren gegangen; die lateinische Uebersetzung von 
Bufinus ist vollständig erhalten, lässt aber vieles zu wünschen übrig. Das 
Wort ccQxcti, principia, bedeutet hier nicht, was es auch bedeuten kann, 
die Grundprincipien aller Dinge, sondern es sind die Fundamentalartikel des 
christlichen Glaubens, die wesenthchen Heilsthatsachen , die (Ttoix^ia des 
christlichen Glaubens, wie Origenes sonst sich ausdrückt, gemeint, mithhi 
die Glaubensregel, die er im Prooemium angibt, indem er zugleich die darin 
enthaltenen Punkte und auch die Lücken, die sich darin finden, aufweist. 
Sein Zweck ist nun , eine wissenschaftliche Darstellung des christlichen Glau- 
bens zu geben, zu vervollständigen, was Clemens in seinen Stromaten, was 
er selbst in eigenen Stromaten vorbereitet hatte. Aber der Hauptbestand- 
theil der Darstellung ist dasjenige, was der philosophischen Speculation der 
Zeit angehört. In die Erörterung solcher Dinge f^ind die einzelnen Dogmen, 
aber durchaus nicht alle eingefügt. Daher man diese Schrift auch als christ- 
liches Philosophen! über die Urgründe des Daseins angesehen und das Wort 
ccQxcct in diesem Sinne verstanden hat ^). Das Werk ist aber vielmehr der 
Grundriss, der erste Grundriss eines Lehrgebäudes der christlichen Heils- 
wahrheiten. Es handelt in vier Büchern von Gott, vom Logos, von der 
unsichtbaren Welt, den Geistern, von der sichtbaren Welt in ihrem gegen- 
wärtigen Zustande, von der Auferstehung der Todten und der Vergeltung 
nach diesem Leben, von der Freiheit des Willens, ihrem Wesen, ihren 
Kämpfen mit den bösen Mächten, ihren inneren Versuchungen, von ihrem 
Siege in der Wiederbringung aller Dinge. Das vierte Buch stellt die Grund- 
sätze der wahren Schriftauslegung auf, die dazu dienen sollen, die philo- 
sophischen" aus der Speculation gewonnenen Sätze in der Schrift wieder zu 
finden. — Dazu kommen ethisch -praktische Schriften, vom Gebet, — eine 
Ermahnung zum Märtyrerthum u. s. w. 



1) So zuletzt noch Neander, Dogmengeschiclite, 1. Theil. 1856. 



Origenes. 121 

Des Örigenes theologische Arbeiten sind eine Fortsetzung, Vervollstän- 
digung und theilweise Berichtigung der Arbeiten des Clemens. Örigenes, 
obwohl auf demselben Boden wie sein Lehrer stehend, unterscheidet sich 
von ihm dadurch, dass er den einfachen Glauben höher stellt und den Gno- 
stiker nicht mit so idealen Zügen ausmalt. Ausserdem hat er wenigstens 
einen Anfang gemacht, dasjenige, was Clemens fragmentarisch vorgetragen, 
systematisch zu gestalten. Er sieht es nämhch, darin übrigens mit Clemens 
vollkommen übereinstimmend, als Aufgabe des Theologen an, sich des christ- 
lichen Glaubens denkend zu bemächtigen, Das Christenthum , aus der höch- 
sten Vernunft, aus dem Logos entsprungen, ist seiner Natur nach vernünf- 
tig. Die menschhche Vernunft, ebenfalls ein Werk der höchsten Vernunft, 
ist durch die Sünde verdunkelt, wodurch die Offenbarung nöthig geworden. 
Insofern aber die Vernunft nicht völlig verdunkelt ist, insofern der Logos 
auch ausserhalb des eigentlichen Ott'enbarungskreises seine Wirksamkeit hat, 
so sind die Wahrheiten des Glaubens in Harmonie mit den höchsten Sätzen 
der Vernunft ^ j. Daher kommt es , dass bei den heidnischen Weisen viele 
Wahrheit zu finden ist; sie haben sie empfangen theils unmittelbar vom Lo- 
gos, der auch in ihnen wirksam war, theils mittelbar durch Moses und die 
Propheten, aus welchen sie geschöpft haben. Von da schreitet Örigenes zu 
dem Satze fort, dass der unterschied, der zwischen der hellenischen Philo- 
sophie und der biblischen Offenbarung stattfindet, mehr die Form als die 
Gestalt betrifft. Plato und die hellenischen Philosophen sind insofern mit 
den Aerzten zu vergleichen, die nur für die höheren gebildeten Stände Sorge 
tragen. Das Verdienst des Christenthums Ijesteht darin , die höchsten Wahr- 
heiten der Vernunft zum Gemeingute Aller gemacht zu haben, indem es sie 
in populärer Form vortrug; aber einige dieser Wahrheiten sind verborgen 
unter der Decke der Geschichte, des wörthchen Sinnes, des Buchstabens. 
Die Aufgabe der christhchen Theologie ist nun, diese Wahrheiten aus der 
Schrift herauszufinden , — wozu die allegorische Auslegung dient — , sie mit- 
telst der Philosophie zu erläutern; so nmss die Glaubensregel, in der vieles 
unbestimmt gelassen, einiges ganz fehlt, durch Schrift und philosophische 
Speculation ergänzt werden. Im Verfolgen dieser Richtung nimmt Örigenes 
eigentlich platonische Sätze auf, die Lehren von der ewigen Welt, von der 
Präexistenz der Seelen, von dem Fall derselben, von ihrer Einkleidimg in 
menschliche Leiber. Es sind das Lehrsätze, die er anwendet, im christ- 
hche Sätze zu bestätigen; so dient der letzte zur Stütze der moralischen 
Freiheit wie bei Julius Müller. Diess leitet uns zu dem Gesichtspunkte, aus 
welchem das System des Örigenes aufzufassen ist; es ist das System der 
Freiheit, der freien Willensbestimmung auf Seiten Gottes und der Menschen, 
durchgeführt in der Auffassung des göttlichen sowohl als des menschlichen 
Wirkens: Gott ein absolut freies Wesen, die Schöpfung der Welt Werk der 
Freiheit, die Zeugung des Sohnes Werk der Freiheit, nicht göttlicher Natur- 
process; der Mensch mit Freiheit begabt, frei gefallen, frei zurückgebracht; 
damit stehen in Verbindung die Sätze von der Heiligkeit Gottes, von der 



1) T« TJyf 7ttGT((og rntg xaipatg fyvotectg GvvayoQevovTtt' 



122 Erste Periode des alten Katholicismus. 

wahrhaft menschUchen Natur Christi, die auch eine Bürgschaft seiner mora- 
lischen Freiheit ist. 

Origenes nimmt in der dogmatischen Entwicklung seiner Zeit eine ähn- 
liche Stellung ein wie Schleiermacher in der unsrigen, nicht als ob dieser dieselben 
Lehren vorgetragen hätte wie Origenes, aber beide , obwohl sie wenig Schüler 
hinterliessen , die sich im Einzelnen ganz genau an sie anschlössen, haben 
eine mächtige Anregung gegeben zur geistigen Auffassung des Christen- 
thums. Origenes selbst urtheilt ziemlich strenge über seine Anhänger sowohl 
als über seine Gegner; während jene, wie er sagt, ihn über Gebühr loben 
und ihm Meinungen zuschreiben, die sein Gewissen verwirft, beschuldigen 
ihn die anderen, Dinge vorzutragen, an die er nie gedacht habe (hom. 25 
in Lucam). 

Von den folgenden Lehrern der alexandrinischen Schule, Heraklas, 
Dionysius, Theonas, Pierius, Theognostus, die alle mehr oder weniger 
des Origenes Richtung verfolgten und deren Schriften alle bis auf Fragmente 
verloren gegangen, ist der bedeutendste Dionysius, zubenannt der Grosse, 
sechszehn Jahre lang Lehrer an der Katechetenschule, seit 247 Bischof von 
Alexandrien, bekannt als Bekämpfer des Chihasmus durch Schriften und in 
eigenen Conferenzen mit den Anhängern dieser Lehre, an deren Spitze Ne- 
pos, Bischof von Arsinoe in Aegypten, stand. Dionysius verdrängte den Clii- 
liasmus aus der aegyptischen Kirche und versetzte ihm überhaupt einon 
schweren Schlag. Diese Polemik verleitete ihn zu einer Bekämpfung der 
Authentie der Offenbarung Johannes Euseb. 7, 25. Li vier Büchern be- 
kämpfte er den Sabelhus, gerieth aber dadurch selbst in den Verdacht d«3r 
Heterodoxie, als ob er Christum zum Geschöpfe mit zeithchem Anfang ge- 
macht habe. Theognostus ist insofern beachtenswerth , als Athanasius n 
ihm sein ofjbovaiog fand i). 

Auch ausserhalb Aegyteus fand Origenes nach seinem Tode begeisterte 
Anhänger, wenn freihch auch Gegner; vor allem ist hier zu nennen Pani- 
philus, der gelehrte Priester von Cäsarea, gestorben als Märtyrer 309; (r 
fand es nöthig, eine Apologie für Origenes zu schreiben, wovon leider nur di s 
erste Buch in der lateinischen Uebersetzung des Rufinus erhalten '^) ist, und 
griechische Fragmente bei Photius cod. 118. Zu den Verehrern des Origems 
gehört auch Gregorius, dem spätere Sagen den Beinamen Wunderthäte:*, 
Thaumaturgus verschafft haben, seit 244 Bischof von Neucäsarea in Poi - 
tus, t c. 270, Verfasser einer Apologie für Origenes und angeblich von zwei 
Glaubensbekenntnissen, die aber höchst wahrscheinHch untergeschoben sind. — 
Als Gegner des grossen Alexandriners trat auf Methodius, Bischof vo:i 
Olympus und Patura in Lycien, dann von Tyrus, Märtyrer 311 in der Ver- 
folgung durch Maximin. Sein Realismus konnte sich in die spiritualistisch(5 
Richtung des Origenes nicht finden; er griff' dessen Ansicht von der Aufer- 



1) Ovx €^(t)9-£y Ttg iürtv eipfvgff^ftßa ij rov viov ovGia, ovdi €x /utj ovtcji 
€7TftsrjX^V» «^^' ** ^V^ TOü TittTQog ovGtag i(pv dtg rov (pioTog to annvyaüfja Äthan. d( 
de'cretis Synodi Nicaenae c. 25, ans dem zweiten Buch der Hypotyposen des Theognostus 

2) Bei de la ßue opp. Orig. IV, daraus abgedruckt bei Lommatzsch opp. Orig 
XXV. — S. überhaupt auch bei Euseb. 6, 32. 33. 7, 32, de Martyribus Palästinae c. 11. 
Socrates 3, 7. 



Lucian und seine Schnle. 123 

stehung und von der Schöpfung in den Schriften über die Auferstehung und 
über die geschaffenen Dinge an i). — Er wirft dem Origenes vor , dass er 
das Wesen des Menschen blos in der Seele sehe, er bekämpft die Präexi- 
stenz der Seelen und die Auffassung der sichtbaren Welt als eines Straf- 
ortes. — Von seinen Werken ist nur das Convivium von zehn Jungfrauen 
erhalten, ein Gespräch über das jungfräuliche Leben. — Als Gegner des 
Origenes ist noch hervorzuheben der schon genannte Bischof Nepos, ge- 
storben um die Mitte des dritten Jahrhunderts, Verfasser einer verlorenen 
Schrift, Widerlegung der Allegoristen {sXeyxo? aXli^yogicTTcov) , welche von 
den Anhängern des Chihasmus als unwiderleghche Beweisführung für diese 
Lehre angesehen wurde. Dionysius, Patriarch von Alexandrien, fand es nöthig, 
Unterredungen mit diesen Chiliasten, die besonders in der Gegend von Ar- 
sinoe zu finden waren, anzustellen, es gelang ihm sie ihres L-rthums zu 
überführen. Er fand es auch angezeigt, das Buch des Nepos eigens zu wi- 
derlegen. S. Euseb. 7, 24. 

Endlich sind die Anfänge einer theologischen Schule ^) zu nennen, deren 
Keime von dem Einflüsse des Origenes abzuleiten sind, wenn gleich sie bald 
einen eigenthümlichen Charakter entwickelte und in wesentUcher Beziehung 
gegen die alexandrinische Schule einen Gegensatz bildete. Die Leistungen 
des Origenes auf exegetischem Gebiete wirkten noch früher anregend als er 
Widerspruch fand. Seine exegetischen und kritischen Werke wurden nicht 
blos in der von ihm gegründeten Schule in Cäsarea studirt, sondern im christ- 
lichen Asien überhaupt. In Antioc hie n hatte schon geraume Zeit vor 
Origenes Theophilus, der bereits genannte Bischof, die Exegese angebaut. 
Aber Lucian und Dorotheus sind die eigentlichen Stammväter der 
antiochenischen Schule, und zwar war es nicht eine Schule blos im wei- 
teren Sinne, als eine theologische Richtung bezeichnend, sondern eine Schule 
im engeren Sinne mit Lehrern, die Schüler unterrichteten. Lucian, wie sein 
Homonymus, aus Samosata gebürtig, von angesehenen Eltern abstanmiend, 
erhielt seine Bildung in der Nachbarstadt Edessa, wo Makarius, ein gründ- 
licher Schriftkenner, Schule hielt. Neben eifrigen Studien ergab er sich 
harten, asketischen Uebungen; auch nachdem er in Antiochien Presbyter ge- 
worden, bheb er durch seine Enthaltsamkeit berühmt. Aber eine bessere 
Berühmtheit erlangte er durch seine wissenschaftliche Thätigkeit. Vertraut 
mit der hebräischen Sprache, verbesserte er die Uebersetzung der LXX, und 
diese emendirte Ausgabe der LXX wurde herrschende Autorität in Griechen- 
land, Kleinasien und Syrien. Derselbe machte auch eine Revision des Textes 
des Neuen Testaments; daher, wie Hieronymus berichtet, noch zn seinerzeit 
gewisse Exemplare des Neuen Testaments Lucianea genannt wurden: doch 
fand diese Recension weniger Verbreitung, weil, nach dem Zeugnisse des 
Hieronymus, viele ihrer Verbesserungen und Zusätze durch ältere Ueber- 
setzungen widerlegt wurden. Er sammelte in Antiochien um sich eine grosse 
Zahl von Schülern, angezogen theils durch seine wissenschaftliche Tüchtigkeit, 
theils durch das Beispiel seines frommen, rechtschaffenen Wandels (Euseb 8, 13). 



1) Von welchen beiden Schriften nur Fragmente zu finden bei Epiphanius haer. 64. 

2) Kihn, die Bedeutung der antiochenischen Schule auf exegetiscliem Gebiete. 1866. 



124 Erste Periode des alten Katholicismus. 

9, 6. Zu diesen Schülern gehörten spätere Antiuicäner, Arius, der sich selbst 
für solchen erklärte, Euseb von Nikomedien, Maris von Chalcedon, Theognis 
von Nicäa u. s. w. Neben ihm arbeitete in gleichem Sinne der Presbyter 
Dorotheas. Als Grundton seiner Eichtung erscheint die verständige und kri- 
tische Behandlung des Schrifttextes. Er muss aber eine Zeitlang zu den 
Ansichten des Paul von Samosata hingeneigt und nach .dessen Absetzung 
lange Zeit hindurch mit den drei ersten ihm nachfolgenden Bischöfen keine 
Kircliengemeinschaft gehalten haben, bis er endlich zwischen 290 und :iOO 
das kirchliche Band wieder anknüpfte. Er erlitt 311 unter Maximin den 
Märtyrertod unter mancherlei Qualen. Hieronynnis führt von ihm an de fide 
libelli und einige Episteln, deren Inhalt unbekannt ist, da sie verschwunden 
sind; die zweite antiochenische Formel vom Jahre 341 soll von ihm her- 
rühren. Die Blüthezeit der antiochenischen Schule fällt in die zweite Hallte 
des vierten Jahrhunderts. 

^.2. Die Kirchenlehrer und Kirchenschriftsteller der latei- 
nisch-abendländischen Kirche. 

Im lateinischen Abendlaude zeigt sich weniger theologisches Leben als 
im griechischen Morgenland; jenes verhält sich zu diesem wesentlich recep- 
tiv: es nahm einiges Gute aber auch einen Theil des Schlechten aus dem 
Morgenlande auf. Doit fanden die Häresieen, wenngleich sie bis dahin 
reichten, doch einen w^eit weniger empfänglichen Boden. Die lateinisclie 
Theologie, — soweit von einer solchen schon die Rede sein kann, — hit 
hauptsächlich die Dogmen von der Kirche, von der Tradition, von den Si- 
cramenten ausgebildet, und zwar haben wir die theologische Entwicklung 
mehr in Afrika als in Rom und Itahen zu suchen. 

Wenn gleich die Schrift des Minucius Felix noch in das Zeitalter d<T 
Antonine fällt, so muss doch der obgleich später gekommene Q. Septimius 
Florens Tertullianus als der Vater der lateinisch -abendländischen Theo- 
logie angesehen werden. Sohn eines centurlo im Dienste des proconsular's 
von Africai), geboren c. 160 zu Carthago im Heidenthum, darin auch ei- 
zogen und eine Zeitlang dem heidnischen zügellosen Leben ergeben, wie er 
selbst es bekennt (de resiirrectione carnis c. 59), übrigens mit sorgfältiger 
wissenschafthcher Bildung ausgerüstet, mit der griechischen Sprache so sehr 
vertraut, dass er mehrere Schriften in dieser Sprache verfasste, widmete er 
sich dem Studium des römischen Rechts, was man seinen Schriften anmerkt. 
Er war verheirathet. Nach seiner Bekehrung zum Chris tenthum w^urde e: 
Presbyter und war als solcher in mannigfaltiger Weise für die Kirche thätig; 
ein feuriger Geist, voll tiefer Gedanken, zu Schroffheiten, Extremen geneigt, 
von empfänglicher Phantasie und streng asketischer Richtung, dabei überall 
das Instinktartige, Unvermittelte über das Erlernte, Vermittelte setzend, 
w urde er zum Montanismus hingezogen (203) 2). Die montanistische Ekstase 



1) Nach Hieronymns de viris ill. c. 53. 

2) Nach Hieronymus 1. c. sei er durch den Neid und die Beleidigung der rümischen 
Geistlichkeit zum Montanismus hingezogen worden. 



Tertullian. 125 

und Pi'ophetie und Herabsetzung der Hierarchie, sowie der sittliche Rigo- 
rismus des Montanisnuis entsprachen seinem eigensten Wesen; so wurde er 
der eifrigste Verfechter der montanistischen Grundsätze i). 

TertuUian's Werke sind theils vor, theils nach seinem Uebertritt zum 
Montanismus verfasst worden, und es ist nicht immer leicht, die beiden 
Classen von Schriften von einander zu unterscheiden. Sie bieten für das 
Verständniss erhebhche Schwierigkeiten. Tertullian ringt noch mit der 
Sprache und wird sehr oft dunkel. So viele Worte, so viele Gedanken, 
sagt von ihm Vincentius von Lerinum. 

Die apologetischen Schriften haben wir bereits kennen gelernt. Weit 
zahlreicher sind die polemischen Schriften, gerichtet gegen die Häretiker 
und ihre Lehren, gegen Marcion, Hermogenes, gegen die Valentinianer, 
gegen diese auch das Scorpiacum (Mittel gegen den Scorpionenstich) contra 
Gnosticos. In den Schriften de anima, de baptismo, de carne Christi, de 
resurredione carnis bekämpft er auch gnostische Lehren und stellt die katho- 
hsche Wahrheit ins Licht; sodaim schrieb er auch gegen den Unitarier 
Praxeas. Die wichtigsten der polemischen Schriften sind 1) die vier Bücher 
gegen Marcion in der montanistischen Periode geschrieben, wie aus der Er- 
wähnung der Psychici hervorgeht, wichtig als Quelle der Angabe über Mar- 
cion, sodann als Quelle für die Theologie des Verfassers ; 2) de praescriptione 
haereticorum oder adversus haereticos, wahrscheinlich vor der Schrift gegen 
Marcion geschrieben, aber nicht sicher, ob vor der montanistischen Periode. 
Denn nach wie vor hat sich TertuUian zu den Häretikern in dasselbe Ver- 
hältniss gestellt wie in diesem Buche. Das argumentum praescriptionis ist 
dem römischen Rechte entlehnt, es ist ein rein formales Argument, wodurch 
die Incompetenz eines anderen abgewiesen wird, z. B. Abweisung einer 
Klage wegen Verjährung, so dass nach Verfluss einer gewissen Zeit der 
Besitzstand einer Sache als der rechtmässige gilt und nicht weiter ange- 
fochten werden darf; praescriptio ist aber nicht die Verjährung selbst. Diess 
wendet Tertullian auf die katholische Kirche in ihrem Verhältniss zu den 
Häretikern an. Mit ihnen brauche sich die Kirche in keinen Streit einzu- 
lassen; zu ihren Gunsten spreche der verjährte Besitzstand. Die Häretiker 
als die später gekonnnenen seien im Rechtsnachtheile ; es ist eine schärfere 
Fassung des Beweises, den Irenäus und Clemens Alexander (Stromata 7, 17) 
gebraucht hatten. Es ist dabei ein Uebelstand, indem unentschieden bleibt, 
ob die katholische Kirche ursprünglich auf rechtmässige Weise in den Besitz 
der betreffenden Lehren gekommen; doch das sieht Tertullian als keines 
weiteren Beweises bedürftig an. Es ist ein ziemUch roher Beweis, der uns 
schon eine gewisse Veräusserlichung im Begriti der Katholicität deutlich zeigt. 
Tertullian selbst ist diesem Standpunkt im Interesse des Montanismus nicht 
treu gebheben. Da man demselben seine Neuheit zum Vorwurfe machte, 
erwiderte er: ,,was zur Widerlegung der Häresie gereicht, ist nicht sowohl 
die Neuheit als die Wahrheit. Was immer der Walu'heit widerspricht, das 
ist Häresis, selbst eine alte Gewohnheit'^ ^). 



1) S. im folgenden die Montanisten. 

2) De virginibus vclandis c. 1 haeregin non tarn novitas c[uam veritas revincit. 



126 Erste Periode des alten Katliolicismus. 

Eiiiigermassen Schüler von Tertullian ist Cyprian, Therseires, 
Caecilius, Bischof von Carthago, gestorben als Märtyrer 258. Er hat sich 
hauptsächlich beschäftigt mit Erörterung dessen, was die Kirche, die Kirchen- 
verfassung, die Kirchenzucht, die Sacraniente betrifft. Geboren zu Carthago 
im Schoosse einer heidnischen Familie, von der Verderbniss des heidnischen 
Lebens nicht frei gebheben, eine Zeitlang Lehrer der Rhetorik, was man 
seinen Schriften anmerkt, wurde er durch den Presbyter Caecihus, mit dem 
er dasselbe Haus bewohnte, mit dem Evangelium bekannt und zum Lesen 
der Schrift angetrieben. Bald wurde er Katechumene, gab seine meisten 
Güter den Armen, gelobte Keuschheit und empfing die Taufe, deren über- 
natürliche Wirkung er rühmt (245 oder 246). Von dieser Zeit an vertiefte 
er sich in das Studium der Scliriften TertuUian's, doch ohne dessen singulare 
Meinungen anzunehmen. Er wurde nach einiger Zeit Presbyter, darauf Bi- 
schof durch Wahl der Gemeinde, die sein anfängliches Sträuben überwand 
durch ihr dringendes Verlangen. Er ist eben so sehr Kirchenregent als Schrift- 
steller; alle seine Schriften haben einen bestimmt ausgesprochenen kirch- 
lichen, praktischen Zweck. Sie beziehen sich hauptsächlich auf die kirchlichen 
Bewegungen und Schismen, mit denen er zu thun hatte. ^ Eine Hauptschrift 
ist die Abhandlung de unitate ecclesiae, wozu viele Briefe als Commenlar 
dienen 1). Noch ist hier zu nennen Novatian, das Haupt des novatia- 
nischen Schisma, Verfasser einer Schrift de trinitate, die zum Theil ein 
Auszug ist aus der Schrift des Tertulhan gegen Praxeas. — Auch drei lö- 
mische Bischöfe dieser Zeit, Cornelius, Stephanus, Dionysius, die vm 
dem Jahr 251 bis 269 den römischen Bischofstuhl inne hatten, haben si-^h 
schriftlich wenn auch nur sehr kurz über Kirchenzucht, Dionysius auch übor 
die Trinitätslehre ausgesprochen. In dogmatischer Beziehung ist er d^r 
bedeutendste. — Arnobius und Lactanz sind uns schon bekannt. 

Zwei Kirchenlehrer des Abendlandes ausser Irenäus haben griechisch 
geschrieben, der Presbyter Cajus, f 217, der gegen die Montanisten schrieb, 
sodann Hippolytus, an dessen Namen sich eine der interessantesten Ent- 
deckungen im Fache der patristischen Literatur knüpft. Die darauf be- 
züglichen Forschungen haben bereits eine kleine Literatur erzeugt 2). — G 3- 
boren in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, wahrscheiuhch in 
Abendlande, war er wohl in Lyon selbst Zuhörer des Irenäus und persön- 
lich mit ihm bekannt. Zu Anfang des dritten Jahrhunderts kam er nach 
Rom, wurde daselbst Presbyter und gelangte bald zu Ansehen durch seire 
Gelehrsamkeit und kirchhche Thätigkeit. Mit den römischen Bischöfen Zv- 



Quodeunque adversus veritatem sapit, hoc erit haeresis, etiam vetus consuetudo. S. übiar 
Tertullian die Monographien von Neander und von Hesseiberg. 

1) S. über ihn die Monographie von Rettberg 1831. — Huther, Cyprian's Lehren 
von der Kirche 1839. 

2) S. Bunsen, Hippolytus und seine Zeit 1852. 1. Ausgabe. 1855. 2. Auil. 
Dr. Baur, theol. Jahrbb. 1853. — D ö Hinge r, Hippolytus und Callistus 1853. -- 
Dunker in den Göttinger gelehrten Anzeigen 1851. — Ritschi in den theol. Jahrbl. 
1854. — Gieseler in der St. und Kritik 1853. — Jakobi in Müllers Zeitschrüfc 
1851. 1853, in Neanders Dogmengeschichte, und in der Realencyklopädie. — Volkmai, 
Hippolytus. — Lipsius, Quellenkritik des Epiphanius. 



Hippolytus. 127 

phyriniis und Callistus (Calixt), welcher letztere ein sittlich anrüchiger 
Mann war, entzweite er sich über wichtige Punkte der Disciplin und Lehre. 
Er vertheidigte nämlich die Grundsätze, die später die Fahne der Novatianer 
wurden. Er bestritt die patripassianische Lehre jener Bischöfe und verthei- 
digte, was die göttliche Trinität betrifft, die Subordinationstheorie. Es be- 
reitete sich damals nämlich in Rom das novatianische Schisma vor. Er ist 
wahrscheinhch vor dem Ausbruch des Schisma gestorben, vielleicht 235, als 
Vorsteher einer kleinen, von der Kirche mehr oder weniger getrennten 
Partei in oder bei Rom *). Er vindicirt nämlich im sXsyxoQ für sich Nach- 
folge der Apostel, Ugatsta. Euseb. (6, 20) versetzt ihn aus Mangel an 
Kenntniss ins Morgenland als Bischof. 

Hippolytus ist in seiner Zeit ein ausserordentlich fruchtbarer Schrift- 
steller gewesen ; er hat viele exegetische , dogmatische und polemische Schrif- 
ten verfasst, die fast alle bis auf Fragmente verloren gegangen. Sein Haupt- 
werk, neben dem des L:*enäus eine Hauptquelle für die Geschichte der 
Gnosis, ist ein xata ncecMp algscremv eXeyxog, von Euseb. 6, 22, unter dem 
Titel nqo^ änacxag tag aigeaetg angeführt, auch von Hieronymus de viris 
illustribus c. 61, nebst vielen anderen Schriften des Hippolytus. Diese 
Hauptschrift wurde neuerdings wieder aufgefunden von einem gelehrten 
Griechen, Minoides Minas, den der französische Cultusminister Villemain 
1842 nach Griechenland geschickt hatte; die Schrift fand sich vor in einer 
Handschrift des vierzehnten Jahrhunderts. Es zeigte sich nun, dass der 
erste Theil der Schrift schon längst vorhanden war und als Werk des Ori- 
genes galt unter dem Titel (pdoffocpov^eva ; daher glaubte man das neu auf- 
gefundene Werk sei ebenftills eine Arbeit des Origenes; und so erschien das 
Ganze zum ersten Male von Miller in Oxford 1851 als Werk des Origines 
herausgegeben, — zum zweiten Male als Werk des Hippolytus von Duncker 
und Schneidewin 1855 2). Aus dieser Schrift ersehen wir das Verhältniss 
zum novatianischen Dogma, das man eigentUch kann kommen sehen. Der 
Verfasser zeigt sich als nüchterner, besonnener Geist, wohl bewandert in den 
Schriften der alten Philosophen, die er zur Beleuchtung der gnostischen 
Häresieen verwendet: in Vergleichung der gnostischen Lehren zeigt er Scharf- 
sinn. Was aber seinem Werke den grössten Werth verleiht, das sind die 
vielfachen Auszüge aus den Werken der Gnostiker. 



1) Man hat vennuthet, dass er Bischof von Portus Romanus gewesen, wo er nacli 
Prudentius tj^qi GTfq-avoiv als Märtyrer starb; man fand nämlich 1551 in einer Märty- 
rerkapelle bei Portus eine Statue, den Hippolytus darstellend, der auf einem »Qovog sitzt." 
Am Stuhl ist das Verzeichniss seiner Schriften angebracht ; bei Bunsen ist eine Abbildung 
der genannten Statue. Manche meinen, es sei die Statue eines alten Rhetors. 

2) S. ausserdem D. A. Harnack, über eine in Moskau entdeckte und edirte alt- 
bulgarische Version der Schrift Hippolyts de antichristo, — in der Zeitschrift für histo- 
lische Theologie 1875. 1. Heft. 



128 Erste Periode des alten Katholicismus. 



Zweites Capitel. Uebersicht der sich bildenden katholischen 
> Theolojjie. 

Nachdem wir die Kirchenlehrer und Kirchenschriftsteller nach ihrem 
Leben, ihren Arbeiten und der eigenthündichen Richtung, die sie dabei ein- 
schlugen, kennen gelernt haben, wird es nöthig sein, uns eine Uebersicht des 
von ihnen durchgearbeiteten dogmatischen Stoffes zu verschaffen, wobei wii* 
Anlass haben werden, auf gewisse neue häretische Abirrungen., zwischen 
welchen die katholische Kirchenlehre sich hindurch arbeiten musste, ein- 
zugehen. 

§. 1. Die Lehre von den Erkenntnissquellen des Christenthums. 

Was den Kanon des Alten und Neuen Testamentes betrifft, so 
ist zuvörderst zu bemerken, dass wir hier das Wort Kanon, regula, nur 
vermöge einer Anticipation gebrauchen, denn in dieser Peiiode wurde es 
direct nur auf die Glaubensregel bezogen. Der Kanon des Alten Testamen- 
tes war schon längst abgeschlossen. Die unter uns als apokryphisch bezeich- 
neten Schriften, Werke palästinensischer und aegyptischer Juden, nach der 
Schliessung des jüdischen Kanons, theils in hebräischer Sprache abgefasst, 
aber bald in die griechische übersetzt, theils in dieser Sprache ursprünglich 
geschrieben, wurden von den Juden den kanonischen Schriften niemals 
gleichgestellt. Da abei die Christen auch diese kanonischen Schriften nur 
in griechischer üebersetzuug kannten, so verschwand für sie gi'ossentheils 
der Unterschied zwischen beiden Classen von Schriften, so dass sie beiden 
fast denselben Werth beilegten; ja, sie nahmen noch mehrere apokryidiische 
Schriften als kanonische hinzu, so Barnabas das vierte Buch Esra, Hermas 
das Buch Eidam und Modal, Tertullian (de cultu feminarum 1, 3), das 
Buch Henoch, das er sogar auf diesen zurückführen will. Indessen regten 
sich Zweifel an solcher Ueberfülle heiliger Schriften; dadurch fand sich Bi- 
schof Meli to von Sardes bewogen, nach genauen Erkundigungen in Palä- 
stina, den Kanon des Alten Testamentes aufzustellen. Dieser Kanon des 
Melito enthält blos die auch von uns als kanonisch geltenden Schriften (Eu- 
seb. 4, 26). Im Ganzen denselben Kanon gibt Or igen es nach der Aussage 
der Juden (Euseb. 6, 25). Doch nimmt er anderwärts die Bücher Judith 
und Tobias in Schutz. So wurde eine Scheidung wenigstens angebahnt, die 
später in der griechischen Kirche vollzogen wurde, während die lateinische 
Kirche die alte Vermischung ausdrücklich sanctionirte. — Was den sich 
bildenden neutestamentlichen Kanon betrifft, so ist bereits früher das hieher 
Gehörige erörtert worden. Der Ausdruck Neues Testament bei Tertullian, 
adv. Marcionem 4, 1, ist eine Uebersetzung von xaivri öia&rjxfi; so nannte 
der Herr selbst die von ihm zu stiftende Keligionsverfassung (xMatth. 26, 28), , 
der Ausdruck wurde per metonijmimn auf die Schriften, die davon zeugen, 
übertragen, wie schon Paulus die alttestamentlichen Schriften nalaia dia- 
^fjxri nennt (2 Kor. 3, 14); daher Origenes auch die neutestamentlichen ^ 
xaii^Tj dia^TiXTi nannte. Jiadrjxrj kann lum beides heisseu: Bund, Vertrag, 






Lehre von der Autorität der Bibel. Inspiration. 129 

und Vermach tniss , Testamentiim ; diese zweite Bedeutung wurde also in der 
lateinischen Benennung des Kanons die ausschliessliche, der Begriff des Bun- 
des trat dagegen zurück. 

Um die Autorität der Bibel festzustellen, musste gegen die juden- 
christhche Häresis der Unterschied beider Testamente, gegen die heiden- 
christliche die Uebereinstimmung derselben hervorgehoben werden; in der 
That bewegte sich die kathohsche Auffassung zwischen den beiden häretischen 
Meinungen. Doch wurde weit mehr die relative Identität als die Verschie- 
denheit hervorgehoben, weil die heidenchristliche Häresis die Kirche mit 
grösseren Gefahren bedrohte als die judenchristliche. Diess gilt namentlich 
von Irenäus, dem sonst mit Recht nachgerühmt wird, dass er das richtige 
Verhältniss beider Testamente dargelegt habe (besonders im vierten Buche, 
vom neunten Capitel an); was er da vorbringt, ist ein Commentar zu den 
Worten: „das Alte und das Neue Testament lehren einen und denselben 
Herrn (Jesum). Denn der Herr ist der Famihenvater, der über das ganze 
väterliche Haus herrscht, und den Unfreien und noch Unerzogenen das Ge- 
setz, den Kindern aber und den durch den Glauben Gerechtfertigten ent- 
sprechende Gebote und das Erbe gibt (4, 9. 1)." Daher vergleicht Irenäus 
beide Testamente mit den beiden Säulen des Hauses, unter dessen Trüm- 
mern Simson sich selbst und die Philister begrub. Der Irrthum setzt da 
an, wo er das alttestamentliche Opferwesen nur in etwas veränderter Form 
(species immutata tantum) in die katholische Kirche überträgt und das 
Wort des Deuteronomiums 16, 16, du sollst vor deinem Gotte nicht mit lee- 
ren Händen erscheinen, buchstäblich auf die neutestamentliche Oekonomie 
anwendet (4, 18. 1. 2). Die Autorität der göttlichen Schriften {^eiai yga- 
(pai Iren. 2, 27. 1), des Wortes Gottes (ta Xoyta xov &eov (Iren. 1, 8. 1) 
oder dominicae scripturae (ib. 5, 20. 2) beruht auf der Inspiration ihrer Ver- 
fasser, die man sich als ein Bewegtwerden vom heihgen Geiste dachte 
(Athen agoras, nge^ßsia c. 7), doch ohne Ekstase, was gegen die Mon- 
tanisten besonders betont wurde ^ daher Miltiades eine eigene Schrift ver- 
fasste, dass der Prophet nicht solle in der Ekstase reden (negi xov iirj deiv 
TtQOtpritrjv kaXeip ev excrtacrst). Die Aimahme einer eigentlichen götthchen 
Inspiration der heihgen Schriftsteller hinderte die Väter keineswegs, die 
menschhche Seite der Schrift zu erkennen. Irenäus hat sich irgendwo über 
die Eigenthümlichkeit des paulinischen Stiles ausgesprochen (3, 7). Orige- 
nes (bei Euseb. 6, 25) macht über denselben Gegenstand feine Bemerk- 
ungen. Er gibt zu , dass in Betreff der letzten Passahreise Jesu ein Wider- 
spmch zwischen Matthäus und Johannes statt finde. Tertullian nimmt bei 
Paulus eine fortschreitende Entwicklung des christhchen Geistes an (adv. 
Marcionem 1, 20). 

Der Kampf nnt den Häretikern, besonders der mit den Gnostikern, die 
vermittelst künstUcher Exegese ihre absonderlichen Lehren in die Schrift 
hineintmgen, legte den Vätern das Bedürfuiss nahe, das damals so wenig 
angebaute Gebiet der bibhschen Hermeneutik zu betreten. Sie hatten 
dabei einen schlimmen Stand; denn während sie, so z. B. Irenäus, gegen die 
Spielereien der allegorischen Auslegung, wie sie die Gnostiker übten, sich 
scharf erklärten, })efolgten sie selbst dieselbe Methode der Auslegung, die 

Herzog, Kirchengcßchichte I. 9 



130 Erste Periode des alten Katholicismns. 

ja durch die grössten Autoritäten empfohlen war. Die alexandrinischen 
Theologen zumal konnten diese Methode nicht entbehren, da sie ihnen die 
Mittel an die Hand gab, ihr Lehrsystem mit der Schrift zu vereinbaren. 
Origenes suchte nun jene Art der Auslegung auf bestinnnte Grundsätze zu- 
rückzuführen und zugleich den buchstäblichen Siim innerhalb bestimmter 
Grenzen als gültig zu erweisen (de principiis lih, 4 und in den exegetischen 
Werken). Er geht dabei von zwei allgemeinen Grundsätzen aus: 1) das3 
die Schrift buchstäbhch verstanden, öfter Anstösstiges und Unwahres vor- 
bringe und dadurch dem Glauben P^intrag thue (z. B. 1 Sam. 15, 11. 18, 10. 
Jesaia 45, 7 und andere Stellen; 2) dass die Schrift von unermesslich 
reichem Inhalte sei, dass kein Jota darin zu linden, worin nicht eine FülU^ 
von Mysterien enthalten sei. In der näheren Darlegung seiner Theorie 
geht er auf die trichotomische Eintheilung der menschlichen Natur als aus 
Cö)/*«, ipvxv» Tvveviia bestehend zurück. So ist auch in der Schrift 1) ein 
gemeintasshcher und historischer Verstand, der Leib der Schrift, wodurch 
die Einfältigen erbaut werden; 2) welche etwas mehr vorwärts geschritten 
sind, die werden von der Seele der Schrift erbaut, das ist der psychische, 
moralische Sinn. Es sind diess diejenigen Anwendungen des Textes, die 
zur Reinigung und Veredlung der Gesinnung beitragen können, 3) welche 
aber vollkommen sind (1 Kor. 2, 6. 7), die müssen vom geistlichen Gesetz, 
welches einen Schatten der zukünftigen Güter besitzt, als vom Geiste (der 
Schrift) erbaut werden; das ist der mystische, pneumatische, eigentlich alle- 
gorische Sinn (Redepenning 1, 308). Einen zwiefachen mystischen Sinn hat 
Origenes nicht angenommen. In Hinsicht des Buchstabens der Schrift sind 
ihm drei Fälle möglich: 1) oft bietet der Buchstabe einen ganz guten Sinn; 
da ist Allegorie nicht nöthig; diese Kategorie von Stellen ist gross, und 
viele sind gläubig geworden, indem sie sich blos an diesen Sinn hielten; 
2) Anderes ist durchaus nicht nach diesem Sinne zu fassen, da bezieht sich 
Origenes auf die Polygamie der Väter, auf Xoahs Trunkenheit u. s. w., — dazu 
bemerkt er, es entstehen viele Uebelstände, wenn jemand am Fleische der 
Schrift (in scriptiirae carne) hängen bleibt', — dabei offenbar auf sich selbst 
zurückblickend; wer wird glauben, fährt er fort, der erste und zweite Tag, 
Abend und Morgen sei ohne Sonne, Mond und Sterne gewesen? wer ist so 
thöricht, dass er glaubt, Gott habe einen Garten gepflanzt? 3) Es gibt aber 
auch Fälle, wo beides, der buchstäbliche und der mystische Sinn stattfinden. 
So z. B. als Gott schon den Hinnnel geschaffen hatte, schuf er erst das 
Firmament. Nun aber ist der Hinnnel unser Geist, d. h. unser innerer, 
geistUcher Mensch; der körperliche Himmel, d. h. das Firmament, ist unser 
äusserhcher Mensch; wobei Origenes das herausbringt, dass unsere Seelen 
lange vor unseren Leibern in vorweltlichem Zustande geschaffen worden. 
Dass durch eine solche Behandlung der Schrift nicht allen üebelständen vor- 
gebeugt war, liegt am Tage. 

Die Frage nach der richtigen Auslegung der Schrift verschhngt sich 
übrigens in die betreffend das Verhältniss der Schrift zur Tradition, zur 
Glaubensregel insbesondere. Diese galt als nöthig, um den Sinn der Sclu'ift 
zu fassen; nur in der Kirche, die den wahren Glauben hat, ist ein richtiges 
V^rständniss der Schrift möglich. So äussern sich Clemens von Alexandrien 



Lehre vom Dasein und der Einheit Gottes. 131 

und Tertulliau. Da aber die Glaubensregel sehr allgemein gehalten war, so 
fingen die Kirchenlehrer auf die Schrift zurück. Es stand fest, dass nichts 
Glaubensatz sei, was nicht aus der Schrift bewiesen werden könne. Es 
wurde gar nicht als denkbar gedacht, dass es solche Glaubenssätze geben 
könne. Cyprian (ep. 74 ad Pompejum) sprach es kühn aus: nur, wenn die 
Tradition mit der Schrift übereinstimme, solle man sie befolgen; die Ge- 
wohnheit, entblösst von Wahrheit sei nur ein alter Irrthum (consuefudo sine 
Verität e vetustas erroris est). 

§. 2. Die Lehren von Gott, von der Dreieinigkeit und von der 

Schöpfung. 

Was das Dasein Gottes betrifft, so entstand für die Apologeten die 
Aufgabe, den Heiden gegenüber zu beweisen, dass ihr Aufgeben der heid- 
nischen Götter nicht Atheismus sei. Sie appeUiren dabei an das allgemeine 
Gottesbewusstsein , und sehen übrigens wohl ein, dass die Beweise nicht aus- 
reichen; der Uranfang der Dinge, lehrt Clemens von Alexaudrien , ist gänzlich 
unerweisbar. Sie gehen zurück auf die innere Anlage und Disposition des 
Menschen. „Alle haben Augen, lehrt Theophilus von Antiochien, aber einige 
haben verfinsterte Augen, die das Sonnenlicht nicht sehen können. So ist 
es mit dir, o Mensch! die Augen deiner Seele sind durch die Sünde ver- 
finstert. Gleich einem glänzenden Spiegel muss der Mensch eine reine Seele 
haben. Wenn Rost auf dem Spiegel sitzt, so kann man das Angesicht des 
Menschen nicht im Spiegel sehen. So kann auch, wo Sünde im Menschen 
ist, ein solcher Gott nicht sehen.'' Clemens von Alex and rijen empfiehlt 
die SelbsterktMintniss als Bedingung der Gotteserkenutniss ^). 

Was die Einheit Gottes betritt"t, so gehen die Kirchenlehrer auch 
zurück auf das eingepflanzte Gottesbewusstsein, das auch den Heiden die 
Einheit Gottes bezeuge, und berufen sich auf Aussprüche wie : Gott ist gross, 
— wenn Gott es gil)t u. s. w., ebenso auf Aussprüche der griechischen Philo- 
sophen, so dass mau sagen könne, entweder, dass jetzt die Christen Philoso- 
phen seien oder dass die Philosophen vor Zeiten Christen gewesen: soMinucius 
Felix. Athenagoras führt aus, dass der wahre Begriff der Gottheit eine 
Vielheit göttlicher Wesen schlechterdings ausschliesse. In Hinsicht der Be- 
stimmung über Gottes Wesen bemerken wir den Gegensatz des Authropo- 
morphismus und des Ideahsnuis oder Spiritualisnuis. Dass schon Melito von 
Sardes Gott einen Leib zugeschrieben habe, ist höchst unwahrscheinlich 
(s. das über Melito Gesagte). Hingegen Tertulliau {de carne Christi c. 11) 
schreibt, darin übereinstimmend mit Cicero de natura deorum 1, 18, Gott 
entschieden einen Leib zu, worunter er jedoch blos die nothwendige Form 
alles Daseins sich dachte, indem er lehrte, dass nichts uukörperlich sei, als 
was nicht existire. Auf der anderen Seite stehen die alexandrinischen Theo- 
logen mit ihrem Bestreben, von der Vorstellung von Gott Alles ferne zu 
halten, was ihn irgendwie in den Kreis des Menschlichen und des Körper- 



1) PaedagOgUS 3, 1, trevrou yno Ttg fni' yy(ofj, .^fo»' fiGfrcct- 

9* 



132 Erste Periode des alten Katholicismus. 

liehen ziehen könnte. Origenes erklärt sich aufs entschiedenste gegen die- 
jenigen, die sich Gott als körperliches Wesen vorstellen. 

Von besonderer Bedeutung an sich und in Beziehung auf die nachfol- 
genden Entwicklungen ist 

die Lehre von der Dreieinigkeit i). 

Diese Lehre hängt mit der Heilsökonomie oder Heilsveranstaltung aufs 
inüigste zusammen. Es handelt sich darum, für die Hauptmomente dersel- 
ben eine Begründung im Gottesl)egriffe zu finden. Der Glaube an den sich 
offenbarenden Gott, in seiner Einfachheit ausgesprochen, in der Taufformel 
(Matth. 28, 19), sodann in anderen Stellen (1 Kor. 12, 4—6), ringt nach 
einer Begründung im Gottesbegriffe selbst. Die Kirche sucht für das, was 
sie weiss und erfahren, einen objectiven Halt in der Gottesidee zu gewinnen 
Gott der Vater aufgefasst als Urgnmd des Heiles, Gott der Sohn als der 
die Erlösung der Menschen objectiv vollziehende, Gott der heilige Gott ah 
Princip der subjectiven Aneignung der Erlösung und Versöhnung, das sind 
die drei Momente, die in der immanenten, d. h. Wesenstrinität ihre objec- 
tive Grundlage suchen. Es lag in der Natur der Sache, dass in dieser 
schwierigen Operation manche Schwankungen und Unklarheiten hervortraten. 
Ln Neuen Testament sind die Voraussetzungen der späteren kirchlichen 
Lehre gegeben, jedoch das Dogma selbst ist noch nicht zu seiner Entwicklung 
gelangt. Die apostohschen Väter sind hauptsächlich mit der Heilsökonomie, mit 
der ökonomischen Trinität beschäftigt. Der Ausdruck tgtag kommt zuerst voi 
bei Theophilus von Antiochien 2 , 15, darauf bei Origenes zu Joh. 6 , 47, Matth, 
15, 31, der Ausdruck trinitas zuerst bei TertuUian de pudicitia c. 21. 

So wie aber Basilius der Grosse zur Rechtfertigung der kürzeren Tauf- 
formel (auf den Namen Jesu) im Unterschiede von der längeren (auf die 
Dreieinigkeit) lehrt, dass das Bekenntniss des einen Jesus das der ganzen 
Dreieinigkeit in sich enthalte, so handelte es sich bei Ausbildung dieser 
Lehre zunächst hauptsächhch um Christum, — und zwar um die Bestimm- 
ungen, das Göttliche in Christo betreffend. Gott in Christo, Christus der 
Abglanz der Herrhchkeit des Vaters, das ewige Wort in ihm Fleisch ge 
worden, das war ja das wesentlich Neue in der apostohschen Verkündigung 
vom erschienenen Messias. ,,Wie die Kirche durch Christum gegründet wor- 
den ist, so hat sie auch von Anfang an den Glauben an ihn als an eine gott- 
menschliche Persönlichkeit im Herzen getragen'' 2j. 

Das bezeugen sämmtliche apostolische Väter. Clemens von Rom (c. 16) 
nennt Christum das Zepter der Herrschermacht Gottes , den Abglanz der gött- 
lichen Herrlichkeit. Barnabas preist ihn als den Herrn der ganzen Welt, 
zu welchem Gott schon bei der Schöpfung gesprochen: lasst uns Menschen 
machen, — und der im Fleisch ersclieinen musste, weil wir Menschen seinen 
AnbHck sonst nicht hätten ertragen können, so wenig als die Strahlen der 
irdischen Sonne, das Werk seiner Hände c. 5. Er ist das unerschaffene 



1) S. die angeführten Werke von Baur und von Dorner und von Thomasius 
und Mayer, Lehre von der Trinität in ihrer historischen Entwicklung. 2 Bde. 1844. 

2) Thomasius a. a. 0. S. 156. 



Lehre von der Dreieinigkeit. Justin, 133 

Licht, nicht der Sohn eines Menschen, sondern der Sohn Gottes im Fleische 
ueoffenbart, Urheber der ersten und zweiten Schöpfung. Dem Ignatius ist 
diristus die vollkommene Offenbarung Gottes zur Ueberwindung der Todes- 
herrschaft und Einsenkung eines neuen Lebens in die Menschheit, beides 
wahrer Mensch und Gott, Menschensohn und Gottessohn aus Maria und aus 
(rott — €P av^QCono) d^eog, ev (xagxi yepo^spog ^eog, 6 ^eog ruidov iriaovg 
XQKTTog (ad Smyrnaeos c. 10, ad Rom. Inschrift und c. 2, ad Ephes. c. 15, 18. 
20 u. a. Stellen). Dazu kommt das Zeugniss Euseb's 5, 28, dass die Gläu- 
bigen in alten Liedern Christum als Gott besungen, das andere Zeugniss im 
Briefe des Phnius au Trajan, dass die Christen Carmen Christo quasi Deo 
canunt. 

Hieb ei entstand nothwendig die Frage nach dem Verhältniss Christi 
zu Gott Vater. Zur Verständigung darüber bot sich den folgenden Kirchen- 
lehrern Justin, Theophilus, Athenagoras, Tatiau das Theologumenon vom 
Logos dar, welches von der alexandrinischen Rehgionsphilosophie in den 
Doppelgedanken der göttlichen Vernunft und des göttlichen Schöpfungswortes 
umgebildet worden war. Li solcher Gestalt wurde es von Justin und an- 
deren Apologeten auf Christum angewendet. Logos ist ihnen das Göttliche 
in Christo, im Unterschiede von dessen menschlichen Wesen und im Unter- 
schiede von Gott dem Vater, — er ist der Vermittler zwischen Gott und der 
Welt, der Träger der ganzen Weltgeschichte, Inbegriff der göttlichen Ver- 
nunft, dabei Gott von Art und Namen, wobei Justin sich auf die Theopha- 
nien beruft (Gen. 1 , 18 , 1 ff" Exod. 3 , 1 tl.). Er existirte bei dem Vater 
erst potentiell und ideell, und wurde vor der Schöpfung der Welt und zum 
Behuf derselben vom Vater gezeugt, durcli dessen Kraft und Willen aus Gott 
herausgesetzt ; es ist ein Akt der Selbstmittheilung, ähnlich wie die menschliche 
Vernunft ein vernünftiges Wort erzeugt. Dabei ist das Verhältniss zwischen 
Gott Vater und dem Logos durchaus als Subordination gedacht. Irenäus 
dagegen weist alle Fragen, in welcher Weise der Sohn aus dem Vater 
hervorgebracht (prolattis) worden, als vorwitzig ab, hält aber fest am 
trinitarischen (Hauben der Kirche als dem unmittelbaren Ausdruck des 
chiistlichen Selbstbewusstseins. Was den heiligen Geist betrifft, so ergaben 
sich aus dem Bestreben , dessen Wesen und Verhältniss zum Vater und zum 
Sohne l)egrifflich darzulegen, Schwierigkeiten, die vorerst ungelöst blieben, 
sei es, dass man (wie Theophilus 1, 1) die alttestamentliche Weisheit, aus 
der die Logoslehre sich entwickelte, als nveviia ctyiov neben den Logos 
stellte, oder dass beide, Logos und Geist nur undeutlich unterschieden 
wurden (Justin Apol. 1, 33). Weniger hat es zu sagen, dass bisweilen der 
Geist als Gabe Gottes gedacht wurde (in der cohortatio ad Graecos c. 32), 
insofern auch von Christo in der Schrift gesagt wird, dass ihn Gott gegeben 
habe (Joh. 3, 16). Justin nimmt den Geist in die Trias auf, in der er ihm 
den dritten Rang anweist (Apol. 1, 6). 

Die katholische Lehre über diese Punkte ^entwickelt sich fortan im 
Gegensatze gegen zwei von einander abweichende Lehrformen, als die Mitte 
haltend zwischen zwei extremen Ansichten, denen es aber gelungen war, eine 
ziemliche Anzahl von Anhängern zu gewinnen, Monarchianer, Uni tarier, 
An titr initarier genannt. Es regte sich in einigen Theileu der Kirclie 



Ö' 



J34 Erste Periode des alten Katholicismiis. 

eine judäisirende Richtimg, vermöge welcher mau die abstracte pjuheit der 
Gottesidee, die Monarchie Gottes festhaltend i) , die Vermitthmg der Ein- 
heit durch die Dreiheit einer heidnischen Vervielfältigung des göttlichen 
Wesens beschuldigte, in welcher Richtung aber zwei verschiedene Wege ein- 
geschlagen wurden. 

1) Von Christo, als blossem Menschen gedacht — nach Art der Ebio- 
niten, Kerinths und der platonisirenden Gnostiker — stieg man zum gött- 
lichen Wesen auf, um eine Verbindung des Menschen Jesus mit jenem gött- 
lichen Wesen nachzuweisen. Es sollte auf Christum blos eingewirkt haben. 
Die Vertreter dieser Ansicht sind ziemlich zahlreich. Theodotus, ein Le- 
derarbeiter {(TxvT€vg) aus Byzanz, am Ende des zweiten Jahrhunderts nacfc 
Rom gekommen, der erste, der abgesehen von den genannten Häretikern 
Christum einen blossen Menschen nannte nach einem alten Zeugniss bei p]u- 
seb. 5, 28, und der deswegen c. 200 vom römischen Bischof Victor excom- 
nuinicirt wurde. Ihm stimmte bei ein anderer Theodotus, ein Geldwechsler 
(tQaTTslitrjg), ebenso Artemon, der überdiess behauptete, die Apostel hät- 
ten dasselbe gelehrt und die alte Kirche. Zu dieser Classe werden auch die 
von Epiphanius haeres. 54, 1 genannten Aloger gerechnet (Irenäus 3, 11), 
aber als eigene Sekte haben sie nicht existirt. Der hervorragendste Mann 
dieser Richtung ist Paul von Samosata, Risihof von Antiochien in Syrien 
seit 250, zugleich weltlicher Beamter, ein weltlicher, prachthebender Mann, 
269 von der Synode zu Antiochien seines Amtes entsetzt (und zwar nicht, 
blos wegen seiner Heterodoxien) Euseb. 7, 29 — 30. Epiphanius liaeresis 65, 1. 
Er nahm den johanneischen Begriff vom Xoyog auf, den Xo/og avco^ey); 
davon unterschied er den Menschen Jesus, von der Jungfrau geboren, em-^ 
pfangen vom heiligen Geiste, der durch seine Weisheit und Tugend sich 
würdig machte , dass der Logos sich mit ihm vereinigte. Er war aber schon ^ 
von Natur besser als alle anderen Menschen, weil aus dem heiligen Geist 
gezeugt. Durch die Verbindung mit dem Logos (^rw^jy, (Tvpfj(f^f]) wurde 
Christus noch mehr über die Linie der Menschheit erhaben, dadurch wurde 
er Wunderthäter und Erlöser der Menschen. 

2) Der zweite Weg, der eingeschlagen wurde, war der, dass die we- 
sentliche Einheit Christi mit dem Vater als Aufgeben des persönlichen Un- 
terschiedes zwischen beiden gedacht wurde, wobei zuletzt die Menschheit 
Christi als gefährdet erschien, doch ohne Abirrung in den eigenthchen Do- 
ketismus. 

Der erste Mann, der diese Richtung vertrat, ist Praxeas, der aus 
Kleinasien nach Rom gekommen, daselbst den Montanismus mit Erfolg be- 
kämpfte und zugleich seine Lehre von Christo vortrug, mit welcher er in 
Rom vielen Anklang land — entweder unter Victor 185—197, oder unter 
Eleutherus 170—185. Tertullian wirft ihm vor, dass er den Paraklet ver- 
trieb und den Vater gekreuzigt habe. Sich auf Jesaia 45, 5. Joh. 10, 30. 
14, 9. 10 gründend, verwarf er allen Unterschied und Selbstvermittlung im 
göttlichen Wesen, vielleicht in der Weise, dass Jesus keine menschliche 



1) Monarchiam tenemus, sagten sie. Tertullian ad Praxeam c. 3 ib. dnos et trefl 
deos jactitant a nobis praedicari. Tertullian nennt sie daher Monarchiaiier. 



Lehre von der Dreieinigkeit. Sabellius. ^35 

Seele gehabt habe. Jedenfalls hat er Vater und Sohn nicht gehörig von ein- 
ander unterschieden^), daher Tertulhan ihm vorwirft, dass nach seiner Lehre 
der Vater geboren worden und gelitten habe, daher der Name Patri- 
passianer bei Origenes. Tertullian erschütterte in Rom das Ansehen, das 
Praxeas genoss, durch seine Schrift gegen diesen. Aehnliche Vorstellungen 
finden wir bei E p i g o n u s und Kleomenes, Vorgänger des Noet, w^elcher, 
aus Smyrna gebürtig, daselbst c. 200 excommunicirt worden. In dieselbe 
Kategorie gehört B e r y 1 1 u s von B o s t r a in Arabien, dessen Hauptsatz w^ar, 
dass Jesus vor der Menschwerdung nicht als eigene Hypostase der Gottheit 
existirt habe (xat' idiav ovaiag neqiYQf^fpriv). Beryllus wurde 244 auf einer 
Synode zu Bostra durch Origenes seines Irrthums überführt. Euseb. 6, 33. 

Der vorzüglichste Vertreter dieser Richtung, derjenige, der sie am mei- 
sten begrifflich gestaltet hat, ist Sabellius, von dem es ungewiss ist, ob 
er aus Libyen oder aus Italien gebürtig ist. Er wurde in Rom unter dem 
Episkopate von Zephyrin (200—217) durch den nachmahgen Bischof CalHstus 
(Calixtj für die Lehre von Kleomenes gewonnen , welche er jedoch selbstän- 
dig ausbildete. Cahxt, als er Bischof wurde, sagte sich von Sabellius los, 
und vielleicht verhess dieser um deswillen Rom, um sich nach dem 
Oriente zu begeben 2) , wo er in Ptolemais Presbyter wurde. In der Pen- 
tapohs fand er viele Anhänger, so dass Dionysius von Alexandrien gegen 
ihn schrieb. Seine Lehre erinnert au die der clementinischen Homilieen 16, 12 
von der zur Dyas sich ausdehnenden und aus der Dyas sich wieder in Eins 
zusammenziehenden Ilonas. Er geht also aus von der Monas, als der abso- 
luten Substanz, es ist der schweigende Gott, der in sich verschlossen bleibt, 
als solcher ist er unwirksam und unthätig. In Thätigkeit kommt die Monas 
in ihrer Offenbarung, die als ein sich Ausdehnen [nkatvved^ai) als eine 
Verwandlung ({j^ezaiioQ^ovcrO^ai) als ein Reden (XaXeiv) geschildert wird. 
Daraus ergibt sich, dass die Monas in erster Reihe sich zum Logos ent- 
wickelt. Der Logos ist Gott, sofern er offenbar wird, er ist der offenbare 
Gott überhaupt. P^inmal aber ist es der Vater, der sich ausdehnt zum Sohne 
und zum Geist 3j, ein anderes Mal wird dasselbe von der .Monas ausge- 
sagt ^). Sie entfaltet sich zur Trias. Es gibt also drei Offenbarungsw^eisen 
Gottes, TiqoqoiTia^ drei verschiedene Antlitze der Gottheit, sofern sie sich 
offenl)art. Der sich offenbarende Gott jetzt sich zur Welt in ein dreifaches 
\'erhi\ltniss , entsprechend drei auf einander folgenden Off'enbarungsstufen. 
Im alten Bunde hat Gott als Vater das Gesetz gegeben, im neuen ist der 
Sohn Mensch geworden; als heiUger Geist ist er zu den Aposteln gekom- 
men ^j. Dem \'ater konnnt die vorchristliche Oekonomie zu, dem Sohne die 
objective Erlösung, dem Geiste die Aneignung der Erlösung, die Heiligung. 
Diese verschiedeneu Off'enbarungsmodi suchte SabeUius auf verschiedene Weise 



1) Adv. Praxean c. 5 duos ununi volunt esse, ut idem pater et filius habeatur. 

2) Hippol}t. 1, 9. IL 12. 

3) 6 TittTTiQ — TiXttivvntti eis viov aat -nvtvf.ia Athanas. or. IV. c. Arianos 
8. 25. 

4) ^ fdopttg nkarvy^fiGa y^yove rgtag ibid. §. 12. 

5) ibid. S. IL 



136 iGrste t^eriode des alten KiathoUcismuä. 

begreiflich zu machen. Er verglich sie mit den verschiedenen Charismen, die 
von demselben Geiste ausgehen ^) — auch, nach Epiphanius (haeresis 62, 1), 
mit der Sonne, welche eine ist der vnoataGiq nach, aber dreierlei Wirk- 
ungen hat. Zuerst unterschied er den Körper, den Discus der Sonne, den 
Vater; doch der Körper der Sonne ist ja eigenthch keine Wirkung dersel- 
ben, worin sich eben zeigt, dass Sabellius den schweigenden und den reden- 
den Gott nicht ganz zu scheiden vermag; das göttliche Wesen selbst und 
das erste nqoaooTTov der Gottlieit fallen ihm unversehens zusammen. Sodann 
unterschied SabeUius das Erleuchtende {ro (pMtiaTixop) , den Sohn, drittens 
das Erwärmende (to ^alnov), den heiligen Geist. Zugleich aber wird spe- 
ciell vom Sohne Gottes gelelirt, dass er der Mensch gewordene Logos sei, 
während er eben so gut hätte sagen können, oder eigentlich hätte sagen 
müssen, dass der Logos in allen drei Formen sich oftenbart. Gregor von 
Nyssa und neuere Theologen (Dr. Baur) haben nun behauptet, der Sohn sei 
nach Sabellius nur eine vorübergehende Manifestation Gottes. In der That 
wird vom Sohne bestinnnt gesagt, dass er nach Vollendung aller Dinge in 
Gott zurückkehren werde. Dasselbe gilt aber von der ganzen Trias, eben 
weil sie nur das Verhältniss der Gottheit nach aussen bezeichnen soll, so 
dkss diese nach Vollendung der Offenbarung sich in sich selbst in die unbe- 
wegte Stille der Monas zurückzielit {(tvctto^. avaveXle(7&c(i). Wenn Arius 
den Sabellius beschuldigt, dass er die Monas vionazcog genannt, so muss 
sich diess auf die erste, noch unentwickelte Gestalt seines Lehrbegriffes be- 
ziehen 2). Beachtenswerth ist, dass derselbe den Sohn gleichen Wesens mit 
dem Vater, öfjLovciog tco natqi, genannt hatte, welclien Ausdruck die Sy- 
node von Antiochien 269 verwarf. 

In der ferneren Ausbildung der Trinitätslehre ist von wesentlicher 
Bedeutung die Lehrform der alexandrinischen Theologen, die im Gegen- 
satze gegen die der Monarchianer sich ausbildete ; was jedoch weniger von Cle- 
mens als von Origenes gilt. Die Lehre des letzteren ist weit bestimmter als 
die des Clemens. Was bei diesem nicht recht verbunden erscheint, Logos 
und Sohn Gottes , das sucht Origenes mehr zusammenzufassen 3). 

Gott, das Princip seiner selbst, avzo^eog, allein eigentlich ^eog, o 
«r, offenbart sich zunächst in sich und diese innere Offen])arung ist das 
Princip aller weiteren ()ffenl)arung und Vermittlung. Gott nniss sich aber 
auch ausser sich offenbaren, denn es ist gottlos und ungereimt, sich Gottes 
Wesen als müssig und unbeweglich zu denken. Daher vor dieser Welt schon 
eine unendliche Keihe von Welten gewesen, und eine unendliche Reihe wird 
ihr folgen. — Gott vermittelt sich in sich selbst zunächst im Sohne, im 
Ebenbilde seiner selbst, dem Abglanz der Gottheit; Weisheit, co^m, ist 
der ältere Name (Sprüchwörter c. 8), und bezeichnet die Gesammtheit der 
urbikUichen und weltbildenden Gedanken, die im Sohne zur Einheit verbun- 



1) ibid. §. 25. 

2) Arii ep. ad Alex. — bei Epiphanius haeres. 62, L 

3) S. ausser Baur und Dorner und Thomasius die Abhandlung von Schultz über 
die ChHstologie des Origenes in den Jahrbüchern für protestantische Theologie. 1875. 
2, und 3. Heft. 



Lehre von der Dreieinigkeit. Origenes. 137 

den siud. Der Ausdruck Logos bezieht sich auf die Offenbarung und Mit- 
theilung der in der Weisheit enthaltenen göttUchen Gedanken, als solche ist 
der Logos der Sohn, Organ der Weltschöpfung. Man kann aber nicht sagen, 
dass er durch den Willen Gottes gesetzt ist; denn der götthche Wille selbst 
gehört zur Fülle der So^a, die sich im Sohne hypostasirt hat; er ist der 
ausgeprägte Wille des Vaters, und insofern ist die Welt durch den Sohn 
gesetzt. Dieser ist vom Vater gezeugt, von welchem Begriffe alle sinnhchen 
Vorstellungen ferne gehalten werden. Man kann auch nicht sagen, dass ein 
Theil der Substanz Gottes sich in den Sohn verwandelt habe, oder dass er aus 
Nichts (ex nullis substantibus) vom Vater geschaffen worden, de princ. 4, 28 
u. ff'. Es gibt keinen Augenblick, wo Gott noch nicht Vater des Sohnes war, 
ovx riv Ute ovx yv.; auch diese Bezeichnung ist der Sache nicht adäquat, 
^denn es findet eine ewige Zeugung statt nach Psalm 2, 7; für Gott ist es 
immer heute, ewige Gegenwart. Der Sohn wird aus dem Vater geboren, 
wie der Glanz aus dem Lichte; daher Origenes ihn wesensgleichen Ausfluss 
{anoQQoia öfjioovcTiog) aus der Herrlichkeit des Allmächtigen nennt. Doch 
ist die Weseusgleichheit , Homousie, eine bedingte, insofern der Vater allein 
das Absohlte, Gott durch und von ihm selber ist, der Sohn aber darin ihm 
nicht gleich ist, sondern ihm untergeordnet, geringer als der Vater, der 
zweite Gott. .,Es mögen einige annehmen, der Erlöser sei der über alle 
erhabene höchste Gott, wir aber thun es nicht, folgend ihm, der da spricht: 
„der Vater ist grösser denn ich'', daher Anbetung im eigentlichen Sinne nur 
dem Vater gebührt, und diejenigen, welche den Sohn mit oder ohne den 
Vater als eigentlichen Anbetungsgegenstand betrachten, in Sünde fallen. 
Daher Origenes im Anschluss an Sprüchw. 8, 22 den Sohn bisweilen Ge- 
schöpf, xTitJua, dri^tovQyriiia nennt. Die Unterordnung des Sohnes unter den 
Vater zeigt sich auch in seiner Wirksamkeit. Der Sohn thut dasselbe was 
der Vater, aber der Impuls geht vom Vater aus; er ist das Werkzeug, ver- 
mittelst welches der Vater wirkt. — Was den belügen Geist betrifft, so 
ist er durch den Sohn geschaffen; denn Alles ist durch denselben geschaffen 
Joh. 1, 3. Er ist das erste und vorzüghchste der vom Vater durch den 
Sohn geschaffenen Wesen, und dem Sohne untergeordnet. Er verhält sich 
zum Sohne wie dieser zum Vater. Seine Wii'ksamkeit beschränkt sich aber 
auf die Heiligen. In der origenistischeu Trinitätslehre ist demnach Subor- 
dinatianisnuis nicht zu verkennen, der aber, was das Verhältniss des Logos 
2um Vater betrifft, nicht durchgefühlt ist. Mit Recht bemerkt Schultz 
a. a. 0., dass die Logoslehre des Origenes so wenig wie die seiner Vorgän- 
ger aus der Verlegenheit herauskommt, entweder die Fülle des in Gott lie- 
genden Lebens unpersönlich auszudrücken, dannt aber den bibhschen For- 
derungen in Betreff eines persönUchen Gottessohnes nicht zu entsprechen, 
oder eine Persönhchkeit festzuhalten neben der Persönlichkeit Gottes, dann 
aber ihr jenen Lebensinhalt in vermittelter Weise beizulegen, also sie zu 
subordiniren, und damit die Einheit des Gottesbegriffs zu gefährden. — In- 
sofern Origenes die Wesensgleichheit des Sohnes betont, ist er Vorgänger 
des Athanasius, insofern er die Subordination lehrt, konnte der Aiianismus 
aus ihm schöpfen. 

In der übrigens sehr wenig entwickelten Lehrform der lateinischen 



138 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Kirchenlehrer ist bestimmend die Opposition gegen die Monarchianer , vor- 
nehmlich gegen die Patripassianer , die Tertullian in seiner Schrift gegen 
Praxeas bektämpfte. Er nimmt durchaus die Subordination an, und zwar so, 
dass der Vater die ganze Substanz der Gottheit ist, der Sohn aber eine 
Ableitung (derivatto) und Theil (portio) davon ist, wobei er sich auf das 
Wort beruft: „der Vater ist grösser als ich.'' Der Geist ist bei TertuUian 
in derselben Rangstellung wie bei Origenes. Zu bemerken ist noch als 
Beweis, wie sehr die patripassianische Vorstellung sich ausbreitete, dass der 
christliche Dichter Commodianus, der in der zweiten Hälfte des dritten 
Jahrhunderts lebte, dieser Richtung entschieden angehörte, wobei er jedoch 
meinte , mit der Kirchenlehre in Uebereinstimmung zu sein i). 

Was die Schöpfung der Welt betrifft, so hielten die Lehrer gegen 
die heidnische Philosophie durchaus den Satz fest, dass Gott die Welt nicht 
blos aus einer vorhandenen, ungeschaffenen Materie ge])ildet habe, sondern 
dass er auch Urheber der Materie . sei. Darin stimmen alle überein und auch 
Justinus Martyr macht keine Ausnahme. Denn derselbe, der Apolog. 
1, 10 lehrt, dass Gott aus gestaltloser Masse die Welt gebildet, lehrt ande- 
rerseits im Dialog mit Tryphon c. 5, dass die Welt geschaffen sei, d. h. 
Gott hat zuerst die formlose Materie geschaffen und aus dieser die Welt 
gebildet. Man gründete sich hiebei auf 2 Makkab. 7. 28, dass Gott die 
Welt «? ovx ovxfov geschaffen habe. Am eingehendsten hat TertuUian die 
paganische Ansicht widerlegt in seiner Schrift gegen llermogenes. Gegen 
die Gnostiker heben die Kirchenlehrer mit Macht hervor, dass derselbe Gott 
die Welt erschaffen habe, der sie auch erlöste: durch dasselbe göttliche 
Wort ist die Welt erschaffen und erlöst worden — mit Beziehung auf Joh. 
1, 3 u. a. Stellen. Gegen die Gnostiker wurde auch das geltend gemacht, 
dass Gott nicht in Folge einer Naturnothwendigkeit , sondeni durch einen 
freien Akt seines Willens oder seiner Liebe die Welt hervorgebracht habe. 
Es wird im Zusammenhang damit gelehrt, dass Gott der Welt nicht bedurfte, 
dass er die Welt nicht für sich, sondern für die Menschen geschaffen habe, 
wobei im schroffen Gegensätze gegen die paganischen Anschauungen die 
göttliche Vorsehung, nqoroia, betont und die antike Lehre vom Schicksal 
verworfen wurde, so dass Gott in keiner Weise als Urheber des Bösen zu 
denken ist. Gott ist auch der Schöpfer der unsichtbaren Welt, der Engel, 
deren sich Gott bedient bei der Weltregienmg , die aber nicht anzurufen sind, 
wie Irenäus 2, 32. 5 bestimmt lehrt. Bei Justin, Apologie 1,6 ist freihch 
von einem Anbeten der Engel die Rede, doch ist diess etw^as vereinzeltes. 
Was den Teufel betrifft, so war die Zeit nicht geneigt, dessen Dasein und 
Wirken zu leugnen, sondern vielmehr die Vorstellirag davon zu weit auszu- 
dehnen, so dass theils Gottes Wirksamkeit, theils des Menschen Freiheit 
geschmälert wurde. Dagegen kämpft schon Heimas an (lib. II mandatum 7). 
^So du Gott fürchtest, wirst du über den Teufel Meister werden.'' Origenes 
bestreitet die Ansicht, dass es, ohne den Teufel keine Sünde geben würde. 
Zu Grunde liegt ein vertiefter Begriff von der Sünde. 

'1) S. Neander's Dogmengeschichte 1, 180. — Jacobi in der deutschen Zeitschrift 
1853. Das neu aufgefundene Gedicht, worauf sich die Angabe gründet, ist aufgenommen 
in die erste Lieferung des Spicilegium Solesmense, 



Die Anthropologie. l39 



§. 3. Die Anthropologie. 

Das Heidenthum, das in manchen Stücken den Menschen so hoch stellt 
und seinen Stolz nährt, hat doch durchaus nicht den wahren Begriff von der 
Hoheit der menschlichen Natur. Die biblische Offenbarung dagegen gibt die 
erhabenste Vorstellung von der mensclüichen Natur, ihrer ursprünglichen 
Anlage und Bestimmung, und eben darum sieht sie den gegenwärtigen Zu- 
stand der Menschheit als Folge eines Falles an. Je höher sie den Menschen 
stellt seinem Ursprünge nach, desto tiefer setzt sie ihn herab in seinem 
empirischen Zustande. Beides gehört zusammen und ist unzertrennlich von 
einander; daher TeiluUian sagt: keine Seele ist ohne Sünde, weil keine ohne 
Samen des Guten i). Kaum hatte das Christenthum begonnen , diese gesun- 
den Anschauungen in der Welt einzubürgern, so fuhren die Guostiker da- 
zwischen und verwirrten die Anthropologie. Gegen sie hauptsächlich ist 
die katholische Dogmenbildung auf diesem Gebiete gerichtet. Was den Ur- 
sprung der Seele betrifft, so gingen die Kirchenlehrer, soweit sie sich 
darauf einliessen , sehr auseinander, und in dieser Periode wurde die richtige 
Vorstellung davon noch nicht gefunden. Nach Origenes, de principiis 3, 5, 4 
ist die Seele lange vor dem Körper geschaffen; ihr kommt Präexistenz 
zu; sie ist zur Strafe für die in der intelligibleu Welt begangenen Sünden 
in den Leib eingeschlossen worden, ein platonischer Satz, auch von der spä- 
teren jüdischen Theologie aufgenommen, unter den Schülern des Origenes 
von Pierius und Pamphilus. Tertullian, der jenen Satz bestritt (de anima 
23, 28) lehrte, sich gründend auf die AehnUchkeit der Geistes- und Gemüths- 
art zwischen Eltern und Kindern eine Fortpflanzung der Seele durch die 
Zeugung, doch mit der besonderen Bestinnnung, dass die Seele jedes Menschen 
als ein Zweig aus der fortgepflanzten Mutterseele Adams erscheint. Es ist die 
später sogenannte tradu dänische Lehre, die aber Tertullian unter die- 
sem Namen nicht kennt. Origenes kennt sie als seminis tradux und behan- 
delt sie als disputablen Punkt, Lactanz 3, 8 dagegen verwirft sie. Bei Ter- 
tuUian hängt diese Lehre zusannnen mit der Lehre von der KörperKchkeit 
der Seele, wofür auch Methodius sich aussprach, welche aber Origenes ent- 
schieden verwarf. 

Was die Bestimmungen über das Bild Gottes betrifft, so führte die 
tautologische Bezeichnung Genesis 1 , 26 '.311^^13 ^:^/.^:i ^^ie Kirchen- 
lehrer auf die willkürliche Unterscheidung von tibi?, ei^Mv , imago und 
m^ÜM, onomffig, similitudo. Demnach wird jenes , d. h. der Inbegriff der 
vernünftigen und sittlichen Anlagen dem Menschen mitgetheilt; die Aehn- 
Uchkeit mit Gott erhält er nachgehends in dem Maasse, als er sich der Voll- 
kommenheit nähert {xara teleionGiv). Die Unterscheidung an sich ist voll- 
kommen zulässig, nur ergibt sie sich nicht aus der angeführten Stelle der 
Genesis. — Der Mensch nun, sofern er mit dem Bilde Gottes versehen 
worden, glich einem, wie Theophilus von Autiochien sagt, mit herrlichen 



1) De anima c. 41 nuUa anima sine crimine, quia nulla sine boni semine. 



240 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Anlagen ausgerüsteten Kinde; die Aehnlichkeit mit Gott sollte er durch die 
Entwicklung dieser Anlagen erhalten; das lehrt auch Irenäus 4, 38. 

Ein besonderes Gewicht wurde im Gegensatze gegen die antike Idee 
vom Schicksale und gegen gnostische Verirrungen, wonach ein Theil der 
Menschen vermöge ihrer ursprünghchen Anlage vom Heile ausgeschlossen 
waren, auf die freie Willensbestimmung (ro avte^ovcrtop ^ eXevi^eqa 
TiQoaiQScng, liberum arbitrium) gesetzt. Justinus Martyr Apol. 1, 43 be- 
kämpft die €lfi(XQ^€Pij: Gott hat den Menschen nicht geschaffen, gleich den 
Bäumen und Thieren, die aus freier Wahl nichts thun können. Denn, wenn 
er nicht aus freier Wahl das Gute wählte, würde er weder Lob noch Tadel 
verdienen. Wenn er böse wäre, könnte er gerechterweise nicht gestraft 
werden, da er kein anderer sein kann als der er von Natur geworden. In 
demselben Sinne sprechen sich Clemens von Alexandrien, Origeues und 
Tertullian aus. 

Die Unsterldichkeit der Seele, sofern sie als natürliche Unsterblichkeit 
gefasst wird, wurde von mehreren Kirchenlehrern verworfen. Der Jude Tryphon 
im Dialog mit ihm c. 4 spricht gewiss die Meinung Justins aus, wenn er sagt, 
dass die Seelen nicht unsterblich seien; die Seelen der Guten, die Gott 
suchen, die werden erhalten, unsterbhch. Die Seelen der Bösen werden 
geplagt und am Leben erhalten, so lange es Gott gefällt. — Gott allein ist, 
wie ohne Anfang , so auch unvergänglich. Die Seele hat ihr Leben von Gott 
empfongen, der es ihr wieder nehmen kann. In demselben Sinne sprechen 
sich Tatian, Theoi)hilus von Autiochien. Irenäus aus (2, 64), nur Tertulhan 
de anima c. 14 , Grigenes de principiis 4, 36 lehren die natürliche Unsterb- 
lichkeit der Seele. Derselbe überführte auf einer Synode einige Lehrer in 
Arabien ihres Irrthums, der darin bestand, dass sie lehrten, die Seele sterbe 
mit dem Leibe und werde mit demselben wieder auferweckt Euseb, 6, 37. 
Arabici werden sie bei Augustin benannt de haeresibus c. 83, dvfitonnaxircit 
von Johannes von Damascus. 

Was die Lehre von der Sünde und vom geistlichen Elende des Menschen 
betrifft, so hatten die Kirchenlehrer die Aufgabe, das entsetzHch abgestumpfte 
sittliche Bewusstsein zu wecken, zu schärfen. Obwohl sie nun über das We- 
sen der Sünde zum Theil schwankende Bestimnuingen geben, so sind doch 
alle weit entfernt vom Irrthum der Gnostiker, welche das Böse von der 
Materie oder vom Demiurgos ableiteten. Nur Justinus Martyr. (Apol. 1 , 10) 
setzt sie in die Sinnhchkeit, wogegen Clemens von Alexandrien scharf pro- 
testiit (Strom. 4, 36). Origenes betrachtet die Sünde als das Nichtige % 
insofern Grundlose, von unerklärbarem Ursprünge, wie denn schon sein Leh- 
rer Clemens gesagt hatte: wir kommen zur Sünde, wir wissen selbst nicht 
wie. Auch Ii'enäus sieht die Sünde als unerklärhche Störung der normalen 
Entwicklung des Menschen an. 

Der Sündenfall wurde alles Ernstes gelehrt, und im Ganzen nach 
dem dritten Capitel der Genesis behandelt, diese Erzählung als wirkliche Ge- 
schichte betrachtet. Origenes dagegen deutete sie allegorisch, um sie mit seinem 
Systeme zu vereinbaren. Die mosaische Erzählung ist ihm die allegorische 



1) naca ?/ x«)cm ov^iv de princip. 2, 9. 2. 



Anthropologie. Christologie. 141 

Darstellung des Heraustretens der Menschheit aus der Gemeinschaft mit 
Gott in der vorzeitlichen Existenz der Seelen. Die Vertreibung aus dem 
Paradies ist der Verlust der ursprünglichen Seligkeit, die Bekleidung der 
Protoplasten mit Thierfellen ist die Einkleidung der Seelen in menschliche 
Leiber. 

Die eigentliche Lehre von der Erbsünde, wie sie später ausgebil- 
det wurde, fehlte noch in dieser Periode. Sünder und dem Tode unter- 
worfen sind nach Justinus Martyr alle Nachkommen Adams desshalb, weil 
sie mit Freiheit sich dem Adam gleichmachen (dialog. c. 124) und jeder 
von ihnen durch eigene Schuld sich dem Bösen hingegeben hat (dialog. 
c. 88). Was Irenäus betrifft, so stimmte er mit Justin und den übrigen 
Vätern darin überein, dass die Sünde ein im ganzen menschlichen Ge- 
schlecht verbreitetes Uebel sei, dass sie mit dem Sündenfall Adams den 
Anfang genommen habe. Doch sieht er den physischen Tod an als vermittelt 
durch die Sünde des Einzelnen; daraus folgt, dass er die eigentliche Erb- 
sünde nicht gekannt; er sieht die Sünde, abgesehen von der Versündigung 
Adams, als fi'eie That des Menschen an. Es hing diess bei ihm zusam- 
men mit der Hervorhebung der moralischen Freiheit des Menschen, im 
Gegensatze gegen die gnostische Läugnung derselben. Bei Tertullian de 
anima c. 41 finden wir am meisten Annäherung an die spätere abendlän- 
dische Dogmenbildung. Er leitet das Böse, malum a)dmae, aus dem ori- 
ginis vitium ab und nennt es daher quodammodo naturale, insofern die Ver- 
derbniss der Natur zur anderen Natur geworden. Doch kann derselbe 
Tertullian gegen die Taufe der neugeborenen Kinder geltend machen: 
quid festinat innocens aetas ad remissionem peccatorum (de haptismo c. 18)? 
Aehnlich Cyprian (ep. 64 ad Fidum). 

§. 4. Die Christologie. 

Inmitten der häretischen Gegensätze der Ebioniten und der duali- 
stischen, doketischen Gnostiker, später im Gegensatze gegen die beiden 
Richtungen der Monarchianer entwickelte sich die kathoHsche Lehre von 
Christi Person, gleichweit entfernt von beiden Abwegen. Gegen die Do- 
keten hat schon Ignatius angekämpft. Gegen die Ebioniten hob Justin, der 
Märtyrer die wunderbare Geburt Jesu hervor. Irenäus spricht mit grosser 
Klarheit das Wesentliche des Glaubens an Christum aus: um Gott und 
Mensch zu vermitteln, musste Jesus in sich selbst die Harmonie des Irdi- 
schen und des Himmlischen darstellen. — Christus ist geworden, was wir 
sind, damit wir würden, was er ist (3, 10—20). Denselben Ausspruch, 
der übrigens cum gram salis zu verstehen ist, findet man auch bei Cy- 
prian 1). Dabei wird mit Sorgfalt die volle Menschheit Christi gelehrt von 
Irenäus und Anderen, besonders von Origenes weitläufig behandelt. Er 
erklärt sich sowohl gegen diejenigen, welche die Menschheit des Herrn 
aulheben und allein dessen Gottheit bestehen lassen, als gegen die ande- 



1) Quod homo est, Christus esse voluit, ut et homo possit esse, quod Christus 
est. De idolorum vanitate c. 11. 



142 Erste Periode dos alten Katholicismus. 

ren, welche seine Gottheit zu scharf abgrenzend (nsQiyQaipaPTsg) Chri- 
stum nur als den gerechtesten aller Menschen bekennen. Er bestrebt 
sich, die Unveränderlichkkeit des Sohnes Gottes festzuhalten, so dass die 
göttliche Natur desselben nicht aus der Einheit mit dem Vater heraus- 
gerissen und in die engen Schranken der menschlichen Natur eingeschlos- 
sen erscheine, wogegen das Wort streitet; ;,wo zwei oder drei in meinem 
Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. ^ Ebenso hielt 
Origenes dieses fest, dass durch die Einigung mit der menschlichen Natur 
der Gottesbegriff nicht verunreinigt werden dürfe. 

Das führt ihn zu seiner eigenthümlichen Lehre von der menschlichen 
Seele Christi. Mit dem Leibe konnte die göttliche Natur (der Lo- 
gos, der Gottessohn, Christus) sich nicht unmittelbar vereinigen, ohne sich 
in eine Gottes unwürdige Leidentlichkeit zu setzen. Daher nahm der Lo- 
gos unmittelbar die Jesusseele an und mittelbar den Leib. Die Jesusseele 
ist fähig, alle Leiden und Schmerzen der Menschheit zu theilen und zu- 
gleich sich mit dem Sohne Gottes vollkommen zu einigen. Der Logos oder 
Sohn Gottes ist also zwar nicht eigentlich Mensch geworden, aber die an- 
genommene vollständige Menschennatur und Seele wurde für ihn Organ 
der Offenbarung. Die Jesusseele war von Anfang an in der intelligiblen 
Welt mit dem Logos völlig Eins geblieben, sie ist durch bewahrte Sünd- 
losigkeit unfähig geworden, zu sündigen; sie ist in den Logos ganz ver- 
gottet worden, so dass nun beide eins geworden sind durch Mischung des 
Wesens. Wie das Eisen, vom Feuer ganz durchglüht, gänzlich Gluth ist, 
so ist die Seele, die dem Logos sich ganz hingab, in allen ihrem Denken, 
Fühlen, Thun von seiner Gottheit durchglüht, mit ihm unwandelbar eins 
geworden. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes bestand nun darin, dass 
er mit der Jesusseele in das Leben der Menschen herabstieg; man kann 
sie auch nennen die fortdauernde moralische Verbindung des nun in die 
irdische Leiblichkeit eingegangenen Jesus mit Christo, dem Gottessohne. 
So versteht Origenes den Begriff der Gottmenschheit Christi. Er ist der 
erste Lehrer, der den Ausdruck ^sap^QO)Tiog gebraucht. Dieser Gott- 
mensch war seit dem Falle der Geister Notliwendigkeit, wenn sie gerettet 
werden sollten. Zuletzt aber löst sich das Menschliche in Christo in seine 
ewige Gottheit auf; in der Erhöhung verschwindet des Herrn menschliche 
Natur, so dass von ihm nichts als das Göttliche, der Logos übrig bleibt. 
Daher Origenes mit dürren Worten sagt: „wenn auch Christus ein Mensch 
gewesen, so ist er es jetzt nicht mehr." — „Einst war er Mensch, jetzt 
hat er aufgehört, Mensch zu sein." In den Bestimmungen über Christi 
Leiblichkeit hält sich Origenes im Ganzen frei vom Doketisnms. 

Was das Werk Christi betrifft, so wird mit Recht darauf hinge- 
wiesen, dass die ganze Erscheinung des Gottmenschen erlösend wirkte. 
Irenäus hebt hervor, dass die Erlösung durch alle Lebensstufen sich hindurch- 
zieht. Jesus wurde ein Kind, um die Kinder zu heiligen, ein Vorbild 
kindlicher Pietät und kindlichen Gehorsams. Er wurde als Jüngling ein 
Vorbild für die Jünglinge, sie Gott heiligend, so auch wurde er ein Er- 
wachsener unter den Erwachsenen, um ein vollkommener Lehrer aller Le- 
bensstufen zu sein. Darauf kam er auch bis zum Tode , um der Ergtge- 



Christologie. Werk Christi. 143 

borene aus den Todten zu werden, den Primat festhaltend in allen Din- 
gen, der Fürst des Lebens. Es ist in Christo „apaxecpaXaioicrig'^ Wieder- 
herstellung und endgiltige Zusammenfassung Alles dessen gegeben, was zu 
einem vollkommenen Leben des Menschen in der Einheit mit Gott gehört 
(2, 22. 4. 3, 18). Der Schrift gemäss wird die Erlösung auf den Tod Christi 
bezogen, aber oft in wenig bestimmten Ausdrücken. Clemens Rom. c. 7 
hebt das ethische Moment hervor, dass das um unserer Erlösung willen 
vergossene Blut Christi der ganzen Welt die Gnadengabe der Sinnes- 
änderung verschafft habe. Der Tod Christi wird insbesondere als Sieg über 
den Teufel betrachtet. So lehrt Irenäus 5, 1. 1 : ,, durch die Sünde sind 
wir in die Gefangenschaft des Teufels gerathen, ungerechterweise, da wir 
von Natur Gott angehören. Gerechterweise wendete sich der Logos gegen 
den Teufel, von ihm das Seinige (des Logos) loskaufend, nicht mit Gewalt, 
sondern secundum suadelam, dadurch, dass den Menschen eine bessere 
üeberzeugung beigebracht wurde, mittelst welcher sie die Befreiung er- 
hielten aus des Teufels Gefangenschaft. Dazu gehörte, dass zuerst Ein 
Mensch aus freier Üeberzeugung und aus eigenem Antriebe sich der Herr- 
schaft des Teufels entzog, dass also in der Menschennatur ein selbständiger 
Anfangspunkt des vollkommenen Gehorsams gegeben wurde. Damit steht in 
Verbindung die Xothwendigkeit der Gottmenschlichkeit des Erlösers 3, 18. 
Hätte Jesus nicht als Mensch den Teufel besiegt, so wäre dieser nicht 
gerechterweise besiegt \vorden, und auf der anderen Seite wäre ein blosser 
Mensch nicht im Stande gewesen ^ jenen vollkommenen Gehorsam zu lei- 
sten ; darum musste mit der menschlichen Seele der göttliche Logos verbun- 
den sein. Doch ist mit diesem Gehorsam die Erlösung nicht vollzogen, 
sondern nur die Bedingung erfüllt, unter welcher sie stattfinden konnte. 
Aber wie der Tod die Erlösung bewirkt, darüber spricht sich L'enäus 
nicht deutlich aus. Insofern der Teufel kein Recht auf Jesum hatte und 
ihn doch dem Tode überlieferte, bekam dieser das Recht, durch seine Hin- 
gabe in den Tod diejenigen aus des Teufels Gewalt zu befreien, welche 
dieser durch eine Ungerechtigkeit in seine Gewalt bekommen hatte. So 
ist der Tod Jesu das Lösegeld geworden für die bis dahin unter der Ge- 
walt des Teufels Gefangenen. In diesen Sätzen ist die Idee von einer 
Ueberlistung des Teufels nicht ausgesprochen. 

Bei Origenes M finden wir zum ersten Male die Vorstellung von 
einem dem Teufel gespielten Betrug, wodurch die Erlösung der Menschen 
zu Stande gekommen. Die Menschen hatten sich durch die Sünde faktisch 
dem Teufel verkauft. Die Erlösung konnte daher nicht geschehen ohne 
ein dem Teufel gegebenes Aequivalent. Da aber der Mensch dieses nicht 
zu geben vermochte , so gab Gott aus Menschenfreundlichkeit die heilige 
Seele Jesu, welche der Teufel als Lösegeld von Gott gefordert hatte. Weil 
nun der Teufel befürchtete, Jesus möchte durch seine Wunder und Lehre 
das Menschengeschlecht seiner Herrschaft entreissen, überlieferte er ihn 
sofort in die Hände der Juden, damit er von diesen getödtet in seine 
Gewalt käme. Damit täuschte er sich selbst; denn er war nicht im Stande, 



1) S. Thomasius. Origenes S. 222. 



144 Erste Periode des alten Katholicisraus. 

diesen Stärkeren festzuhalten. Die Qualen, die ihm das Festhalten dieser 
reinen Seele verursachte, konnte er nicht ertragen. So musste er das 
Lösegeld wieder frei geben, damit wurde zugleich seine und der Dämonen 
Kraft gebrochen, sein Reich zerstört und die Gewalt, die er bisher über 
die Menschen ausgeübt, so sehr geschwächt, dass diese nun dem Erlöser 
aus der Gefangenschaft zur Freiheit, aus dem Tode zum Leben folgen 
können. Diese in sich selbst unhaltbare Theorie hindert aber Origenes 
nicht an der Anerkennung des versöhnenden Moments in Jesu Tode, wo- 
durch er die Strafe litt, die uns gebührte. Indem er die menschliche 
Natur mit ihren Leiden und Schwachheiten auf sich nahm, machte er un- 
sere Sünde und Ungerechtigkeit zu der seinigen, so dass er noch im 
höheren Grade als die Apostel als Auswurf der Welt erschien (1 Kor. 4, 13). 
Dadurch vernichtet^e er die Sünde, was ihn selbst betrifft; aber vermöge 
des Zusammenhanges, worin er als Haupt der Menschheit mit uns steht, 
hat, was er gethan, auch Kraft und Geltung für uns alle. Wenn hier das 
versöhnende Moment des Todes nicht in voller Reinheit hervortritt, so 
nimmt Origenes auf der anderen Seite eine versöhnende Wirkung Christi 
im Himmel an, wo er die lebendige Kraft seines Leibes als ein geistliches 
Opfer dargebracht (Hehr. 7, 25. 9, 24), und diess kommt nicht blos uns 
zu Gute, sondern auch den übrigen vernünftigen Geschöpfen. Dabei 
muss festgehalten werden, dass Origenes keine göttliche Strafgerechtigkeit, 
welche um ihrer selbst willen Genugthuung fordern müsste, noch göttlichen 
Zorn kennt. 

Die Höllenfahrt Christi, worüber die Apostelgesch. 2, 27. 31, Paulus 
im Briefe an die Epheser 4,9, Petrus im ersten Briefe 2, 19 . 20 An- 
deutungen geben, wurde von den Kirchenlehrern zunächst gedacht als 
Hinabsteigen der Seele Christi an den Ort der abgeschiedenen Seelen, wo- 
mit ein Zeugniss gegeben sein sollte, theils von der zweifellosen Gewiss- 
heit des Todes Christi, theils (doch diess erst später) von der vollkomme- 
nen Menschheit Christi. Daran knüpfte sich die Vorstellung einer Wirk- 
samkeit, die verschieden gedacht wurde. Petrus scheint anzunehmen, dass 
Jesus denjenigen Seelen das Heil verkündigte, die zur Zeit Noah unge- 
horsam gewesen waren. Die Väter lassen Jesum den Frommen des alten 
Bundes das Heil verkündigen (Justinus Martvr dialog. c. 72. Irenäus 4, 27, 2), 
womit die Ausschliesslichkeit des Christenthums auch für die vorchristliche 
Welt festgestellt wurde, — das spätere Evangelium des Nikodemus gibt 
c. 17 ff. eine glänzende Beschreibung von der Wirksamkeit Chi'isti in der 
Unterwelt. 

§.5. Die Heilsordnung ^). 

Besonders auf diesem Gebiete zeigt sich das Eigenthümliche derjeni- 
gen religiösen Richtung, die wir im Begriff der katholischen Kirche ge- 
funden haben. Allerdings wird der Glaube als Bedingung des Heiles auf- 



1) S. Landerer, das Verhältniss von Gnade und Freiheit in der Aneignung des 
Heiles. Jahrbücher für deutsche Theologie. 1857. S. 500 ff. 



Art und Umfang der göttlichen Gnadenwirkung. 145 

-i'tasst, es fehlt aber der volle Begriff vom Glauben, wie ihn Paulus 
aufgestellt und geltend gemacht hatte. Irenäus fasst den Glauben auf als 
Erfüllung des göttlichen Willens ^), das Christenthum als neues Gesetz, 
nur quantitativ vom alten unterschieden 2). In beiden , im Gesetze und 
im Evangelio ist das erste und höchste Gebot, Gott zu lieben, und das 
nächste, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Man kann sagen, es 
ist eine Neigung vorhanden, das sittliche Verhalten des Menschen zu Gott 
über das religiöse Verhältniss zu setzen, so dass das richtige Gleich- 
gewicht zwischen beiden Seiten der religiösen Vorstellung nicht fest- 
gehalten wird. Es wird die Pflicht der Gesetzeserfüllung nicht durch 
die Idee der Wiedergeburt beherrscht, und diese durchaus nicht auf die 
Idee der Rechtfertigung gegründet 3). So sehr wurden Busse und gute 
Werke als Mittel der Piechtfertigung angesehen, dass schon auf auöallende 
Bussübung grosses Gewicht gelegt wurde, gemäss dem von Tertullian aus- 
gesprochenen Grundsatze: „in wie weit du deiner (in deinen Bussübungen) 
nicht geschont hast, in so weit wird, glaube es mir, Gott deiner schonen'^^ 
dass schon Hermas, wie. wir gesehen, einen Ansatz zu der Lehre vom 
überschüssigen Verdienst gewisser Werke hat (lib. 3, Similitudo 5, 3). 

Damit hängen zusammen die Sätze über Art und Umfang der gött- 
lichen Gnadenwirkungen. Zunächst ist der Gegensatz gegen die Gnostiker 
das Bestimmende ; sie lehrten, dass ein Theil der Menschen schon vermöge 
ihrer Naturanlage gerettet werden (es ist diess die BasiHdianische Lehre 
vom (fivcei aml^ea&at), dass sie demnach zum Heil organisirt und prädesti- 
nirt seien, — andere zum Verderben. Dagegen lehrten die Kirchenlehrer 
(z. B. Clemens Alexandrinus, Irenäus), dass Gott Niemanden zum Glauben 
zwingt. Gott steht den Seelen bei, soweit sie es wollen, sagt Clemens 
Alexandr. Tertullian adv. Marc. 2, 8 hebt hervor, dass im Menschen noch 
immer dieselbe Freiheit des Willens sei, wie sie in Adam vor dem Falle 
gewesen. Es wird zwar die Wirkung der Gnade keineswegs geleugnet, 
aber der erste Entschluss zum Guten muss vom Menschen ausgehen; er 
ist zwar durch christliche Anfassung bedingt und wird durch die göttliche 
Gnade bekräftigt, immerhin aber ruht in der Heilsordnung der Schwer- 
punkt auf dem Thun des Menschen. Auf eigenthümliche Weise sucht Ori- 
genes das menschliche und göttliche Wirken, was den Glauben betrifft, zu 
vereinbaren, insofern er einen Glauben, der in uns ist, und einen Glau- 
ben, der durch die Gnade gegeben wird, unterscheidet. Dabei läuft jener 
Lehrtropus darauf hinaus, dass vor der Gnade und ihrer Mittheilung des 
Glaubens schon Glaube im Menschen sein muss als dessen Leistung und 
Tugend (S. Landerer a. a. 0. S. 545). Die Prädestination ist durchaus 
bedingt durch das Vorherwissen Gottes. Gott verordnet diejenigen zum 
Heil, von welchen er vorhersah, dass sie ihm von Herzen dienen werden. 
So lehrt auch Irenäus: Gott lässt in ihren Sünden diejenigen, von welchen 



1) 4, 6. 5 credere Deo est facere ejus voluutatem. 

2) Irenäus 4, 9. 1. 2. Auch bei Tertullian de praescript. c. 13 in der daselbst be- 
findlichen Formel der Glaubensregel. 

3) Kitschi, altkatholische Kirche ö. 331. 

U erzog, KircücJigCbcliiclite I. Iv 



146 Erste Periode des alten Katbolicismus, 

er vorherweiss, dass sie nicht glauben werden. Das Verstecken des Pha- 
rao will nur so viel sagen, dass Gott ihn seinem Unglauben überlassen. 
In demselben Sinne spricht sich im Ganzen Origenes aus, nur dass er die 
VerStockung Pharao's etwas anders erklärt, in der Weise, wie etwa gü- 
tige Herren zu den Knechten, die durch ihre Güte nachlässig geworden, 
sagen mögen: ich habe dich verdorben. Wenn Paulus Phil. 2, 13 sagt, 
Gott ist es, der da wirket das Wollen und das Vollbringen, so will er 
damit dieses sagen, dass wir das Vermögen, zu wollen und zu wirken, 
von Gott empfangen haben (womit jedoch die Meinung des Apostels niclit 
richtig ausgedi'ückt ist). Die Anwendung jenes Vermögens auf das Gute 
und das Gegentheil davon kommt uns zu. Zur Vollbringung des Guten, 
wofür wir uns entschieden haben, bedarf es des göttlichen Beistandes, 
d. h. der Wirksamkeit des heiligen Geistes. Das Fehlerhafte dieser Lehi- 
weise der Väter ist darin zu suchen, dass im Werke der Heilsaneignung 
der erste Anfang des Glaubens nicht als Wirkung der zuvorkommenden 
Gnade, sondern lediglich als vom Menschen kommend angesehen und be- 
handelt wird. Es wird über dem Bestreben, die Freiheit des Menschen 
aufrecht zu halten, die gnostischen Irrthümer abzuweisen und die absolute 
Prädestination zu vermeiden, die geheimnissvolle Wirkung des heiligen 
Geistes nicht gehörig beachtet, welcher in denjenigen, die das Evangelium 
hören , den Glauben wirkt , wo und wann es Gott gefällt ^j. Die Folge- 
davon war, dass die Heilsanstalten der Kirche eine um so grössere Be- 
deutung erhielten, und dass die paulinische Gnaden- und Heilslehre ver- 
äusserlicht wurde. 

§. 6. Die Eschatologie. 

Da die Lehren von der Kirche und von den Sacramenten in Ver- 
bindung theils mit der Geschichte der Kirchenverfassung , theils mit der 
Geschichte des Cultus zu behandeln sind, so erübrigt nur noch eine Ueber- 
sicht über die Lehre von den letzten Dingen. 

Die ersten Christen erwarteten nach dem Vorgange der Apostel die 
nahe bevorstehende Wiederkunft Christi und damit verbunden den Sieg 
Christi über alle seine Feinde. Diese Erwartung nahm bei Vielen die 
Gestalt des Chiliasmus an (Apokal. 20, 4), d. h. der Erwartung 
eines tausendjährigen Reiches Christi auf Erden , in welchem er mit den 
auferweckten und verklärten Frommen und Gerechten herrschen werde, — 
das Ganze als Vorbereitungsstufe für die Welt des Jenseits. Auch die 
Polemik gegen die Gnostiker, die alle eschatologischen Begriffe verflüchtig- 
ten, trieb Manche zum Chiliasmus hin oder bestärkte sie darin. Das älteste 
Denkmal des Chiliasmus nach dem Ablauf des apostolischen Zeitalters ist 
der Brief des Barnabas c. 15, wo gesagt wird, dass die Welt in sechs- 
tausend Jahren verläuft, nach Analogie der sechs Schöpfungstage und nach 
dem Maasstabe des Wortes, dass vor Gott Ein Tag soviel ist wie tausend 
Jahre; der siebente Tag, das siebente Jahrtausend ist der Tag der Ruhe, 



1) Wie die Augsburgische Confession im fünften Artikel lehrt. 



Eschatologie. Chiliasmug. Anferstelmng der Todten. 147 

wo der Sohn alle Feinde überwunden haben wird, und wo die GLäubigen, 
vollkommen erneuert diesen Tag mit reinen Herzen und Händen heiligen 
werden. Weniger geistig und sittlich sind die Ansichten des Justinus 
Martyr (dialog. c. 80, 81). Des Papias angebliche Aussprüche Jesu, 
die er in den mündlichen Ueberlieferungen gesammelt hat, sind der deut- 
lichste Beweis, wie sehr der Chiliasmus in sinnlichen Vorstellungen und 
Erwartungen sich gefiel (bei Irenäus 5 , 33. 3 aus dem vierten Buche der 
Xoycüp xvQtaxMP €^r}yriaig). Irenäus berief sich auf das Wort des Herrn 
Matth. 26, 29 auf Jesaias 11, 6, auf das Wort Pauli 1 Cor. 7, 31, um die 
Neuschöpfung der Welt zu beweisen. Tertullian's Chiliasmus fand eine 
Stütze in seinem Montanismus. Am Ende des zweiten Jahrhunderts be- 
kämpfte der Presbyter Cajus in Rom den Chiliasmus in der Person des 
Kerinth, doch ohne dass er ihm geradezu die Abfassung der Apokalypse 
zuschriebe (Euseb. 3, 28). Bedeutender wurde der Widerspruch der ale- 
xandrinischen Theologen. Origenes bezeichnet die Vorstellungen als thö- 
richte Fabeln und leere Einbildungen. Dionysius verdrängte, wie bevör- 
wortet, den Chiliasmus aus der egyptischen Kirche. Uebrigens waren auch 
Clemens von Rom, Ignatius, Polykarp, Athenagoras und Theophilus frei 
von chiliastischen Vorstellungen. Mit dem Siege des Christenthums über 
das Heidenthum, als der Staat begann, das Christenthum zu schützen und 
zu begünstigen, verschwand der Chiliasmus gänzlich. 

Was die Auferstehung der Todten betrifft, so hatten die 
Kirchenlehrer gegenüber den Heiden und Gnostikern gegründeten Anlass, 
das Dogma zu erläutern, ,\<^obei sie aber sich nicht immer von sinnlichen 
Vorstellungen frei hielten. So lehrt Justinus Martyr, dass sogar 
Krüppel als solche auferweckt, aber .in demselben Momente von Christo 
geheilt werden. Er stellt den im Allgemeinen richtigen Grundsatz auf, 
dass Seele und Leib FAn Gespann bilden und unzertrennlich sind. Athe- 
nagoras m seiner Schrift über die Auferstehung bringt zum Theil die- 
selben Beweise vor, welche die spätere natürliche Theologie für die Un- 
sterblichkeit der Seele vorbrachte. Irenäus, um die Identität des auf- 
erstandenen und des fi'üheren Leibes zu beweisen, beruft sich auf die 
Analogie der Wiederbelebung einzelner Organe bei Jesu wunderbaren 
Heilungen. Die Stelle 1 Kor. 15, 50, dass Fleich und Blut das Reich Got- 
tes nicht ererben werden, welche Stelle von den Gegnern der Aufersteh- 
ungslehre als Waffe gebraucht wurde, verstand er, was übrigens nicht 
richtig war, vom fleischlichen Verstände. Tertullian in der Schrift de 
resurredione verleugnet, wie zu erwarten, seinen derben Realismus nicht. 
Origenes gibt die Identität des jetzigen und des Auferstehungsleibes auf, 
fussend auf 1 Kor. 15, 37: „das du säest, ist nicht der Leib, der werden 
soll, sondern ein blosses Korn.^ Der verweste Leib komme so wenig in 
seine frühere Natur zurück als das in die Erde gesäete Samenkorn, aus 
dem eine Aehre wird. Er geht von dem Grundsatze aus, dass jeder Kör- 
per der ihn umgebenden Welt angemessen sein müsse. Sollten wir im 
Wasser leben, so niüssten wir wie die Fische organisirt sein. So erfordert 
der himmliche Zustand hinnnliche Leiber. Diess ist gegen Celsus gerich- 
tet, der das Dogma bespöttelt hatte; daher Origenes um so mehr sich 

10* 



148 Erste Periode des alten Katholicismus, 

bestrebt, es geistig zu fassen. Uebrigens lehrte er, man könne seine Hoff- 
nung auf Christum setzen, ohne an die leibliche Auferstehung zu glauben, 
sobald man nur die Unsterblichkeit der Seele festhalte; diess sollte viel- 
leicht zur Kechtfertigung seines Lehrers Clemens dienen. 

Was den Zustand nach dem Tode betrifft, so war die Annahme 
sehr verbreitet, dass die Seelen nach dem Abscheiden aus diesem Leben niclit 
unmittelbar zu Gott kommen, weil erst mit der Auferstehung das Endgericht 
eintritt. So lässt Justinus Martyr die Seelen der Guten an einen 
besseren Ort kommen, als die Seelen der Bösen; ebenso Tertullian; jener 
Ort ist der Schooss Abrahams , in Gemässheit der Parabel von Lazarus und 
dem reichen Manne. Auch Origenes hält die Annahme eines Mittelzustan- 
des fest, wo die Seelen gleichwie in einer Schule für die höheren WoIid- 
ungen vorbereitet werden. Die Vorstellung von einem reinigenden Feuer 
findet sich bei den alexandrinischen Theologen. So spricht Clemens von 
einem intellektuellen Feuer (tivq (pQovifior), welches die sündigen Seelen 
heiligt, wohl mit Anspielung auf das Wort des Täufers, dass der Messias 
mit Feuer taufen werde Matth. 3, 11. Origenes dagegen geht von dem 
Feuer aus, das am Ende der Tage die Welt verzehren wird 2 Petr. 3, 12, 
welches Feuer er — irrigerweise — in der Stelle 1 Kor. 3, 12 findet und 
welches er Reinigungsfeuer, nvg xctd^agtriov, nennt. Keiner, auch Petrm 
und Paulus nicht , kann sich diesem Feuer entziehen ; es ist aber für dit 
dadurch gereinigt werden, schmerzlos, nach Jesaia 43, 2 , ein zweites sacra- 
mentum regenerationis , für diejenigen nothwendig, welche der Geistes- 
taufe wieder verlustig gegangen sind, für die Uebrigen ist es ein Prüf- 
ungsfeuer. 

Im Allgemeinen herrschte der Glaube, dass im anderen Leben keine 
Besserung mehr statt finde; daher wird die Ewigkeit der Höllenstrafen 
von Clemens Romanus, von C} prian und Anderen gelehrt. Andere Kirchen- 
lehrer nahmen eine endliche Vernichtung der Seelen der Bösen an, so 
Justinus Martyr und Irenäus. Die Hölle und das höllische Feuer werden 
auch sinnlich ausgemalt. Origenes de princip. L 6, sich gründend auf 
1 Kor. 15, 25 — 28 nimmt eine Wiederherstellung {cmoitataataaiq Apg. 
4, 21) aller Dinge an, die sogar die endliche Bekehrung nicht blos der 
gottlosen Menschenseelen, sondern auch des Teufels und seiner Engel in 
sich schliesst; doch wird diess Alles problematisch hingestellt, und zuge- 
geben, dass diese Lehre für die noch Unbekehrten schädlich werden könne, 
während Origenes die Lehre von den ewigen Strafen einen heilsamen Be- 
trug nennt. — Das Feuer der Hölle denkt sich Origenes als geistige 
Qual. Der Brennstoff' des ewigen Feuers sind die in das Bewusstsein tre- 
tenden Sünden; die Unseligkeit besteht in der Entfernung von Gott; voll- 
kommene Erkenntniss und Anschauung Gottes, vollkommene Gotteben- 
bildlichkeit und Seligkeit — sind identisch. 



149 



Anhang zur Geschichte der Lehre. 

Die Manichäer. 

S. Isaac de Beausobrc histoire critique de Manichee et du Manicheisme. Amster- 
dam 1734. — Baur, Das manichäische Religionssystem u. s. w. Tübingen 1831, 
— von Seh necke nburger recensirt in den Studien und Kritiken 1833. S. 
875. — Coldik, das manichäische Eeligionssystem 1837. Artikel von Trechsel 
in der Realencyklopädie. 

Schon längst war der Gnosticismus überwunden, als er im Manichäis- 
mus seinen Gipfel, seine Vollendung erreichte. Nicht nur zeigt sich in 
ihm die ausgebildetste Gestalt der gnostischen Speculation in ihrer mytho- 
logisirenden Form, sondern, während die Gnostiker sich nur als Schulen 
der Erkennenden darstellten, ohne aus der Kirche austreten zu wollen, 
traten die Manichäer mit dem olfenen Bestreben auf, gegenüber der be- 
stehenden Kirche eine Gegenkirche zu gründen. Der Stifter des Mani- 
chäismus ist M a n i , auch M a n e s , M a n i c h ä u s , C u b r i c u s genannt , über 
den morgenländische und abendländische Quellen vorliegen, die selbst in 
den Namen, die sie dem Stifter geben, nicht übereinstimmen. Sein Auf- 
treten hängt zusammen mit den inneren Bewegungen des Parsismus im 
neupersischen Reiche. Unter den Sassaniden seit 227 wurde der rohe 
Dualismus, der eine Zeitlang die Oberhand erhalten, verworfen nebst 
dessen Anhängern , M a g u s ä e r genannt. Mani trat auf als entschiedener 
Bekenner der verworfenen Lehre und versuchte das Cliristenthum mit der- 
selben zu verbinden i). Von den Magiern gehasst, von den persischen 
Königen verfolgt, wurde er c. 277 enthauptet (nicht lebendig geschunden). 

Grundlage des Lehrsystems ist der absolute Dualismus, die Lehre 
von zwei entgegengesetzten Principien und Welten: 1) Gott, das Urgute, 
von dem nur Gutes kommen kann, das Urlicht, der K()nig des Lichtreiches, 
Urquell einer ihm verwandten Emanationswelt, mit ihm zunächst verbun- 
nen eine Anzahl von Aeonen oder himmlischer Geister, die Canäle der 
Lichtoffenbarung aus dem Urlichte; 2) das Urböse, das nur zerstörend 
wirken kann, der böse Fürst der Finsterniss, die Materie, die vlrj, kein 
blos negativer Begriff, sondern eine positive Macht, der Herrscher eines 
unheilschwangeren Reiches (terra pestifera) voll ihm ähnlicher Wesen. 
Zwischen beiden Principien und Welten gibt es absolut keine Gemein- 
schaft 2). Die Mächte der Finsterniss , in wildem Toben gegen einander 
begriffen, kamen dem Lichtreich so nahe, dass ein Schimmer aus dem- 
selben auf sie herableuciitete. Von diesem Glänze unwillkürlich angezo- 
gen, — eigentlich eine Inconsequenz des Systems — , vergassen sie ihre 



1) Ein Buddaistisches Element ist im Manichäismus wohl vorhanden, aber es tritt 
durchaus zurück hinter dem christlichen und namentlich hinter dem parsischen. 

2) Anfang der f^vGTTjotit von Mani bei Epiphanias "hacresis 64, 14, Tjy f^sog xat 
vkrj , (flog xnt axorog, ayaO^ov xcct xaxoy , rotg naCiv aXQißcjg ivavritti (Lgrs xara 
fitjJet^ €7iixoifovy &(tT€Qoy (harfQco. 



250 Erste Periode dos alten Katholicismus. 

Streitigkeiten und verbanden sich unter einander, um in das Liclitreich 
einzudringen. Zur Bewachung des Liclitreiches liess der König desselben 
den Aeon, die Mutter des Lebens, die Weltseele aus sich emaniren. Sie 
liess den Urmenschen {nqonog avagojnog) aus sich hervorgehen, um ihn 
den Mächten der Finsterniss entgegenzustellen, angethan mit den fünf rei- 
nen Elementen , Feuer, Licht, Luft, Wasser, Erde. Der Urmensch kämpft 
in wechselnden Gestalten mit der vki^, wobei ein Theil seiner Waffen- 
rüstung , seines Lichtwesens von der vkri verschlungen wird. Da sendet 
ihm seine Mutter den lebendigen Geist zu Hülfe, aber den verlorenen 
Theil seines Lichtwesens kann er nicht wieder erhalten. Als von der tXri 
verschlungen, ist er der leidende Messias {viog ay^Qtanov enna^riq^ Jesus 
patibilis), der nun zwar in den Mächten der Finsterniss wirkt, aber ihr Ge- 
fangener ist und sich nach Erlösung sehnt. Diese Erlösung sucht der 
lebendige Geist herbeizuführen, indem er aus der mit Licht vermischten 
Materie, die Welt bildete, damit nach und nach die gefangene Lichtmateri(^ 
wieder befreit würde. Der unverschlungen gebliebene Theil der Licht- 
materie, in Sonne und Mond wohnend als 1^05 av^Qoanov ana&riq und der 
heilige Geist im Aether wohnend , sollen dem Jesus patibilis zur Befreiung 
helfen, die Rückkehr der Lichtmaterie befördern. Kaum merken diess die 
Mächte der Finsterniss, so suchen sie um so eifriger sich der gefangenen 
Lichtmaterie zu versichern. Es wird von den flächten der Finsterniss 
durch eine Beihe von Zeugungen Adam erschaffen, nach dem Bilde des 
Fürsten der Finsterniss so wie nach dem Bilde des Urmenschen, so dass 
G()ttliches und Hylisches, Licht und Finsterniss in ihm vereinigt waren, 
das Göttliche als im Körper festgebannt. Damit die Lichtmaterie ja nicht 
daraus befreit werden könne, gesellten ihm die Dämonen die Eva bei, 
durch welche Adam zum Sündigen verleitet wurde. Durch den Sündenfall 
gerieth er gänzlich unter die Herrschaft der vXri. Die Lichtmaterie 'ist 
in ihm als Seele; sie ist der göttliche Funke im Menschen. Die Aufgabe 
des Menschen ist, der Lichtseele in ihm den Sieg über die vXri zu ver- 
schaffen, von den in der Natur zerstreuten Lichtelementen so viele wie 
möglich mit der eigenen Lichtseele zu vereinigen, sie dadurch von den 
Fesseln des Bösen zu befreien und so die Bückkehr der Seele in das Licht- 
reich vorzubereiten. Die Menschen wurden lange durch falsche Religio- 
nen , Judenthum und Heidenthum irre geleitet. Endlich stieg Christus von 
der Sonne in einem Scheinkörper auf die Erde, um durch seine Lehre die 
Lichtseele zu befreien, den Menschen ihr wahres Wesen zu offenbaren. 
Seine Kreuzigung ist Symbol des Jesus patibilis; in der Verklärung zeigt 
er sich als das, was er eigentlich ist, als Lichtnatur. Doch schon in den 
Jüngern reagirte die vlri; sie verstanden Christum nicht, noch weniger die 
übrigen Christen, daher verächtlich Galiläer genannt. Jesus, der diess 
vorausgesehen, verhiess den Paraklet, der in alle Wahrheit leiten sollte; 
er erschien in Mani, d. h. Mani ist sein Organ; er selbst nannte sich 
Apostel. Er verwarf das Alte Testament völlig, als stelle es Gottes un- 
würdige Begriffe auf (Baur S. 358). Aber auch das Neue Testament ist 
nicht reine Quelle des Christenthums , sofern die Apostel den Herrn nicht 
recht verstanden haben. Der Paraklet lehrt uns, was wir aus dem Neuen 



Anhang zur Geschichte der Lehre. Manichäer. 151 

restament annehmen, was wir verwerfen sollen (Baur S. 376) i). Die Evan- 
uelien sind lange nach dem Tode der Apostel geschrieben. Die Apostelge- 
>cliichte war den Manichäern besonders zuwider. Kanonisch war für sie 
eigentlich nur die Schrift des Mani, hauptsächlich das Buch von den Myste- 
rien und mehrere Briefe. 

In der von Mani gestifteten Gemeinschaft sind zwei Hauptclassen zu 
unterscheiden : 1) die perfecfi, Tslstoi, electi, in strenger Enthaltung lebend, 
der Sphäre der niedrigen Welt vollkommen entrückt, dem Lichtreiche 
völlig zugewendet, die eigentliche, heilige Kirche bildend, von den Andern 
ernährt und versorgt; die älteren durften im Abendmahl den Kelch ge- 
messen. Mani sandte 12 Apostel aus, fortan gab es 12 Magistri als Ge- 
genbilder der Apostel, mit einem 13. unsichtbaren, offenbar Mani selbst, 
an der Spitze. Auf diese Magistri folgten 70 oder 72 Bischöfe, entspre- 
chend den 72 Jüngern. 2) Die 2. Classe war die der Gläubigen, der Zu- 
hörer, der Katechumenen, die nur das Brod im Abendmahl empfingen, nicht 
in strenger Enthaltung lebten , sich von den gewöhnlichen Geschäften nicht 
zurückzogen- und für den Unterhalt der ersten Classe zu sorgen hatten. Nach 
ihrem Tode gelangen sie nicht sogleich in das Lichtreich, sondern sie durch- 
laufen mehrere Pflanzen- und Thierkörper. — Die nicht zur Gemeinschaft 
der Manichäer gehören, werden am Ende der Tage zu einem Klumpen ver- 
brannt. Zuletzt wird das Reich der Finsterniss in seine alten Grenzen zu- 
rückgedrängt. — 

In Persien verfolgt, — wie ihr Meister, suchten die Manichäer sich 
im römischen Reiche auszubreiten, was ihnen noch vor Abfluss dieser 
Periode in Africa proconsularis soweit gelang, dass Diocletian c. 287 ein 
scharfes Edict gegen sie erliess, in welchem der Proconsul von Africa Ju- 
lianus angewiesen wurde, die Führer der Manichäer nebst ihren Büchern 
zu verbrennen, die andern zu enthaupten und ihre Güter zu confisciren. 
Dass diese Massregeln der Secte doch kein Ende zu machen im Stande 
waren, dass sie vielmehr bis in das Mittelalter sich erhalten konnte, da- 
von wird später die Rede sein. 



1) Mani läugnete nicht die Willensfreiheit. S. Baur 484. 



2-52 Erste Periode des alten KatholicismUä. 



Fünfter Abschnitt. 



Die Geschichte der Kirchenverfassung, der Kirchenzucht 
und der Reactionen gegen die erstrebte Art der Kirchenver- 
fassung und der Kirchenzucht 1). 

Neben den Werken der Kirchenlehrer sind hier wichtig als Zeugnisse 
für die Kirchenvertassung und Kirchenzucht gegen das Ende dieser Periode 
die sogenannten apostolischen Constitutionen öiatal^eiq, diataya/, 
öidaxcci T(üv anofftolcop^ abgerechnet einige Interpolationen (5, 13. 17). Die 
sechs ersten Bücher sind gegen Ende des dritten Jahrhunderts geschrieben, 
das siebente zu Anfang des vierten Jahrhunderts, das achte Buch, welches 
sich blos mit dem Cultus befasst, ist in der Mitte des vierten Jahrhunderts 
geschrieben. Die apostolischen Kanones, bei den Griechen 85, bei den 
Lateinern 50, sind erst nach der Mitte des fünften Jahrhunderts zusam- 
mengestellt worden. Neueste Ausgabe beider Documente von Uelzen, 
Schwerin und Rostock 1853. Die beste Bearbeitung von Drey, neue Un- 
tersuchungen über die Constitutionen und Kanones der Apostel. Tübingen 1832 

Erstes Capitel. Gescliichte der Kirclienverfassung. 

Ntächst der Lehre ist die Verfassung das vorzüglichste Gebiet, woraul 
sich die Idee der katholischen Kirche entwickelte. Sie trat hier hervor 
als Idee der Einheit der Kirche. Sie enthielt diess beides, 1) Concentrirung 
der Kirchengewalt und der kirchlichen Dienstleistungen auf eine bestimmte 
Classe von Personen in der einzelnen Gemeinde, 2) Verbindung der ein- 
zelnen Gemeinden untereinander, wobei einige Ansätze gemacht werden 
zur Zusammenlassung der einzelnen Gemeinden unter einem (irtlichen 
Centrum der katholischen Einheit. 

I. Die einzelne Gemeinde, womit wir uns zunächst beschäftigen, hiess 
nccQotxia. (Euseb 3, 28 u. a. St.), woher das deutsche Wort Pfarrei, das 
französische paroisse , das englische parisJi stammt. Die Christen betrach- 
teten sich nämlich nach Ps. 39, 13 als Fremdlinge, Beisassen, tkxqoixoi, hienie- 
den (1 Petri 2, 11) und drückten diess Bewusstsein aus in der Benennung, die 
sie ihrer Vereinigung gaben 2). In der einzelnen Gemeinde bemerken wir 
zuerst eine fortschreitende Entwicklung des geistlichen Stan- 
des. Die im apostolischen Zeitalter herrschende Lehrlreiheit, die der Zeit 
der ersten Begeisterung entsprach, wurde schon vor dem Tode des Apostels 

1) G. J. Planck, Geschichte der christHch-kirchhchen Gesellschaftsverfassung. 
6 Bände. 1803 u. ft. Kitschi, a. a. 0., Rothe, Anfänge der christlichen Kirche 1837. 

2) Daher im Briefe an Diognet c. 5 gesagt wirH von den Christen: ^ftTQi(fag oi- 
xovdiu iiStag «AA' wg nciQoixoi) daher auch die Aufschrift des Briefes des Clemens von 
Eom an die Gemeinde zu Korinth ^ .^y^Xrjam rov (^eov ^ nago.xovßa Ptojuw rv ntt- 
QotxovGiJ KoQiv.^op, — Im Neuen Testament heisst naQotxin irdisclier Aufenthalt oder 
Wallfahrt. Apg. 13, 17. 1 Petr. 1, 17. 



Kirchenverfassung. Öer geistliche Stand. l53 

Paulus bedeutend eingeschränkt, das Amt des Lehrens wo möglich den 
Bischöfen oder Presbytern angewiesen. Es geschah bald nur noch aus- 
nahmsweise, dass Laien in der Versammlung lehrend auftraten, so Orige- 
nes in Cäsarea in Palästina mit besonderer Erlaubniss des dortigen Bischofs. 
Die Idee vom allgemeinen Priesterthum wurde aber deswegen nicht aufge- 
<>eben. Justin (Dialog, c. 116) stellt den Juden die Christen entgegen als 
die allein wahren Priester (legeig)^ die überall Gott wohlgefällige und wahre 
Opfer darbringen. Auch bei Irenäus erscheint immer die ganze Gemeinde, 
nie ein besonderer Stand derselben als Subjekt der Darbringung. ;,Denn 
alle Christen, sagt er, haben priesterliche Würde^^ (4, 8. 3). Darum hielt 
er auch die allgemeine Belehrung aller Glieder der christlichen Kirche 
durch den heiligen Geist fest (4, 20. 8), darum meldet er, dass es auch zu 
seiner Zeit wie zur Zeit Pauli Gläubige gebe, die vorzugsweise die Gabe 
der Prophetie und der Sprache besitzen (5, 6. 1). So gelangt er zur Idee 
der wesentlichen Einheit und Gleichberechtigung aller Glieder der Ge- 
meinde, welche gleichmässigen Zugang zu Gott haben. Darauf gründet 
sich bei Irenäus die Idee des allgemeinen Priesterthums und damit das 
Streben nach Autonomie der Gemeinde als einer Gemeinde von Priestern, 
die das Recht des unmittelbaren Verkehrs mit Gott, mit Ausschluss jeder 
menschlichen Vermittlung erlangt haben. Origcnes hält "das allgemeine 
Priesterthum fest als Correlat der christlichen Opfer (in Levit. hom. 9, 1). 
Tertullian dehnt den Gedanken noch weiter aus. „Sind nicht auch wir 
Laien Priester? Wo kein Geistlicher vorhanden ist, da bringst du allein 
das Opfer und bist dir selbst Priester. Wo drei sind, da ist die Kirche, 
wenn gleich es nur Laien sind'^. So lehrt Tertullian in einer Schrift aus 
seiner montanistischen Periode, de exhortatione castitatis c. 7, aber dem 
Wesen nach lehrt er dasselbe in einer seiner frühesten Schriften, de oratione 
c, 28. Als das Opfer, welches diesem allgemeinen Priesterthum entspricht, 
betrachtet das christliche Alterthum hauptsächlich das Lob- und Dankgebet 
zu Gott, al)er auch die Darbringung von Brod und Wein zum Abendmahl i). 
Auch in anderer Beziehung wurde das Recht der Gemeinde aufrecht ge- 
halten 2) , was alles nicht hinderte , den Laien die Pflicht der Unterordnung 
unter die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe und Diakonen einzuschär- 
fen; (dem. R. ad Cor. c. 40 ff.). Um diesen grössere Autorität zu ver- 
schaflien, vergleicht sie Clemens (1. c.) mit den jüdischen Priestern und 
Leviten, eben so Tertullian und die apostolischen Constitutionen 2, 27. 34. 
Doch erst Cyprian macht vollen Ernst mit dieser Vergleichung. Die Vor- 
stellung von einem mittlerischen Charakter der Geistlichen, die der früheren 
katholischen Kirche unbekannt geblieben, beginnt besonders, seitdem der 
Montauismus seinen Einfiuss geltend machte, und im Gegensatze dagegen. 
Der Ausdruck Klerus für den geistlichen Stand war anfangs unverfäng- 
lich. Umfasste er doch anfänglich auch die Laien in der Bedeutung von 
Reihe, Rang, Stand. So bilden 1 Petri 5, 3 die xlriQoi die Stände, worein 
die Heerde zerfällt; daher bei Euseb. 5, 1. 4. 20 der alriqoq twp [laQTv- 



1) Worüber das Nähere in der Geschichte des Cultus. 

2) Worüber das Nähere in der Geschichte der Kirchenzucht. 



154 Erste Periode des alten Katliolicismuä. 

Qojp als Bezeichnung der Gesammtheit der Märtyrer erwähnt wird. Da- 
her bei Ignatius ad Ephes. c. 11 der xXriqoi; der ephesinischen Christen 
als Gott zugehörige Schaaren^ umfassend beide, die Geistlichen und die 
Laien, aufgeführt wird. Daher in den apostolischen Constitutionen 8, 40, 
die Ermahnung, dass jeder in dem Range (xXriQoq) bleiben soll, in welchen 
er ist gesetzt worden, und die Ordnung beobachten ij. Doch gewöhnlich 
wurde der Begriff Aai;f05 sc. av^gconog im Unterschiede von den Bischöfen wie 
von geistlichen Personen angewendet ^j. Dem Ausdruck xlrjQog als der aus- 
zeichnenden Benennung der Mitglieder des geistlichen Standes entspricht in 
der lateinischen Kirche der Name ordo, entlehnt von den Stadträthen in 
den Municipalstädten, welche nach der Analogie des römischen Senats ordo 
decurionum oder blos ordo im Gegensatz zur plebs, zu den plebeji hiessen. 

IL Die wichtigste neue Einrichtung, obschon nicht ganz neu, sondern 
an Gegebenes sich anschliessend, war der Episkopat, der im Kreise der 
Einzelgemeinde entstanden, zunächst als Gemeindeamt geltend, bald zu 
einem wahren Kirchenamte heranwuchs und das wichtigste Verbindungs- 
glied der einzelnen Gemeinden untereinander, die bedeutendste Stütze der 
katholischen Kirche wurde. Der Ursprung des Episkopates ist verschie- 
dentlich erklärt worden 3) ; es ist allerdings nicht möglich , ihn in allen ein- 
zelnen Punkten befriedigend zu erklären. Es haben auch verschiedenartige 
Factoren darauf eingewirkt. Soviel steht aber fest, dass die Entwicklung 
der Kirche zur Ausbildung des Episkopates hindrängte. 

Er scheint, wenn nicht dem Namen so doch der Sache nach, zuerst 
in der Muttergemeinde von Jerusalem eingeführt worden zu sein in der 
Person des Jakobus, des Bruders des Herrn, der nicht blos wegen seiner 
grossen Frömmigkeit, sondern auch als leiblicher Bruder Christi der Vor- 
steher der Gemeinde wurde, ohne den Bischofstitel zu erhalten, noch ihn 
zu beanspruchen ^j. Seine Stellung entsprach wohl der des Synagogen- 
hauptes bei den Juden. Nach Jacobi Tode im Jahre 69 wurde Symeon, 
ein leiblicher Verwandter des Herrn an seine Stelle gewählt &) , so wie 



1) Wenn die Geistlichkeit später auf Num. 18, 20 Deut. 10, 9 sich berief, wo es 
heisst, dass der Herr selber den Leviten ihr xktjQog, ihr Erbe und Antheil sein werde, 
so gehört das nicht hieher. — Der Ausdruck y.h]Qog nahm aber schon im apostolischen 
Zeitalter die Bedeutung Amt an, xXrjQog Ttjg (Tmxormf. Apostelg. 1, 17. — Euseb. 7, 2 
u. a. St. 

2) So Clem. ad Cor. 40— nach Analogie der Verhältnisse des alten Bundes, 2 Chron. 36, 14. 

3) S. Baur, über den Ursprung des Episkopates. 1838 und Artikel Bischof in der 
Kealencyklopädie. Gieseler K. G. 1, 1. 140 fif. 

4) Wenn ihn die Olementinen als Bischof der judenchristlichen Kirchen überhaupt 
darstellen (S, vor den dement. Homilieen den Brief Petri an Jacobus und des Clemens 
Brief an Petrus), so ist insofern etwas wahres daran, als der Einfluss des Jacobus sich 
allerdings über Jerusalem hinaus erstreckte (S. Gal. c. 2 und den Brief des Jacobus im 
neutestamentlichen Kanon). 

5) Euseb. 3, 11 berichtet, es werde erzählt {Xoyoc xanx^t), dass damals die 
noch lebenden Apostel und Jünger Christi nebst dessen leiblichen Anverwandten von allen 
Orten nach Jerusalem zusammengekommen seien und darüber berathschlagt hätten, wer 
würdig sei, Nachfolger des Jacobus zu werden; ihre Wahl sei auf Symeon gefallen. Die 
Sache ist au sich selbst nicht sehr wahrscheinUch, wie sie denn auch Euseb. nur als Sago 



förchen Verfassung. Der Episcopat. 155 

denn auch jene zwei leiblichen Verwandten des Herrn , die Kaiser Domitian 
ausforschte, Vorsteher verschiedener Gemeinden wurden, weil sie nicht 
allein Glaubenszeugen, sondern auch Verwandte Christi waren (Euseb 3, 20). 
Nicht die apostolische Succession , sondern die leibliche Verwandtschaft mit 
Jesu war das Bestimmende. 

Das Beispiel der Muttergemeinde fand, wie Gieseler bemerkt, zunächst 
in Antiochien in Syrien Nachahmung, bewusste oder unbewusste, und zwar 
in solcher Forili, dass der Bischof als Nachfolger oder Stellvertreter Jesu, 
das Collegium der Presbyter als Nachfolger und Stellvertreter der Apostel 
erscheint; so schreibt Ignatius an die Gemeinde zu Tralles c. 2: ,,unter- 
werfet euch dem Bischof als wie Christo, dem Presbyterium als wie den 
Aposteln/^ Dass der Episkopat damals noch eine neue Einrichtung war, 
erhellt deutlich aus den gehäuften Ermahnungen des Ignatius, sich dem Bi- 
schöfe zu unterwerfen , nichts zu thun ohne sein Geheiss u. s. w. Im Briefe 
an Polykarp. c. 6 redet er diesen als Bischof an, im Unterschiede von den 
Presbytern, obwohl Polykarp in seinem Briefe an die Philipper sich nur 
als Vorsitzenden unter denen , die mit ihm Presbyter sind , nennt. Igna- 
tius scheint überhaui)t die hervorragenden Presbyter als Bischöfe zu be- 
handeln; er fordert die Gemeinden auf, sie als Bischöfe anzuerkennen und 
ihnen Gehorsam zu beweisen. So schreibt er den Ephesiern c. 1 von 
Onesimus, „eurem Bischof nach dem Fleisch" : „ich bitte euch, dass ihr ihn 
in Christo liebet, und dass ihr alle ihm ähnlich werdet ; denn gesegnet sei, 
der euch gewürdigt hat , einen solchen Mann zu besitzen" ^). In Alexan- 
drien scheint der Episkopat die ursprüngliche Form der Gemeindever- 
fassung gewesen zu sein. Dort soll vom Evangelisten Marcus an, der schon 
einen Vorrang vor den übrigen Presbytern hatte, einer als primus hifer 
imres erwählt worden sein, der den Andern vorstünde. Das sei geschehen, 
berichtet Hieronymus (ep. 101), um schismatischen Bewegungen vorzubeu- 
gen. Clemens von Bom, später immer als einer der ersten römischen Bi- 
schöfe erwähnt, kennt durchaus keinen Unterschied zwischen Bischöfen und 
Presbytern, weder in Korinth noch in Rom, sondern blos Bischöfe (i. e. 
Presbyter) und Diakonen c. 42. P^rst später rückten die vornehmsten Pres- 
byter in die Stelle von ersten Bischöfen der Gemeinden ein ; daher die ver- 
schiedenen Angaben über die llcihenfolge der ersten römischen Bischöfe. 
Zu Justins Zeit war schon in allen Gemeinden ein Vorsteher, ngoscicog^ 
(Apol. 1 c. 65). Die Kirche, von aussen gedrängt, durch die ausbrechen- 
den Verfolgungen, von innen durch die seit 130 ihr Haupt mächtig erhe- 
benden Häresieen, suchte ihre Stütze im Episkopat, eine Thatsache, wovon 
uns schon die ignatianischen Briefe eine anschauliche Vorstellung geben. 
Die sich entwickelnde Autorität der Tradition wurde damit in Verbindung 



anfahrt. Auf keinen Fall kann aber daraus gefolgert werden, dass die Apostel damals 
den Episkopat eingerichtet hätten, — wie Rothe, Anfänge der cliristlichen Kirche, be- 
hauptet hat. 

1) Anderen Gemeinden empficlilt er andere Männer als Bischöfe, ad Trall. c. 1, ad 
Magnesios c. 2, ad Philad. c. 1. 



J56 Erste Periode des alten Katliolicismtis. 

gebracht. Es wurde der Grundsatz aufgestellt, dass die Successioii der 
Bischöfe von den Aposteln her eine Gewähr sei für die Erhaltung der 
reinen Lehre (Irenäus 4, 26). Die Autorität, welche die Bischöfe als 
Nachfolger der Apostel genossen, wurde durch das allgemeine Priester- 
thum der Gläubigen, wenn auch in gewisser Hinsicht beschränkt, so doch 
keineswegs neutralisirt , und in Folge des Grundsatzes der apostolischem 
Nachfolge der Bischöfe erhielt der Episkopat Bedeutung und Macht niclit 
blos für die einzelnen Gemeinden, sondern auch für die ganze katholische 
Kirche; er wurde zum Kirchenamt, zum höchsten Kirchenamte. Wenn an- 
fänglich kein hierarchisches Band die einzelnen Gemeinden untereinander 
verknüpfte, so ist fortan das Bestreben sichtbar, den Episkopat als solches 
anzusehen und zu verwenden, ohne jedoch principiell die Unabhängigkeit 
der einzelnen Gemeinden und Bischöfe von einander aufzuheben. Der 
Montanismus bewirkte die Feststellung des gottesdienstlichen Charakters 
des Klerus und das Zurücktreten der Idee des allgemeinen Priesterthums, 
von welchem z. B. Cyprian gar nichts mehr weiss, während Irenäus es 
noch vollständig anerkannt hatte. 

Jeder Bischof erhielt den Ehrennamen Tlana, Tlana UgcoTatog. Dh) 
Wahl wurde in einer allgemeinen Gemeindeversammlung durch einige be- 
nachbarte Bischöfe , auf deren Zuziehung Cyprian grossen Wcrth legte, um 
durch die Geistlichen der betreffenden Parochie in der Weise vorgenom- 
men, dass die Gemeinde das Recht behielt, den ihr vorgeschlagenen abzu- 
weisen. Es geschah aber , dass die Gemeinde selbst wählend auftrat , wie 
denn Cyprian gegen den Willen einiger seiner Presbyter von der Gemeinde 
gewählt wurde. Die Gewalt des Bischofs war keineswegs unbeschränkt. 
Er ernannte zwar die unteren Kleriker; aber die Presbyter mussten in 
einer Gemeindeversammlung für würdig erkannt worden sein. Der Bischof 
musste in allen kirchlichen Angelegenheiten seinen Klerus befragen; in 
wichtigen Fällen, z. B. bei der Frage über die Wiederaufnahme der Ge- 
fallenen, befragte er die ganze Gemeinde. So sehr Cyprian bemüht war, 
die bischöfliche Gewalt zu vertheidigen und zu steigern, so vermochte ihn 
doch das aristokratische Element, das im Klerus gegeben war, und das 
hohe Ansehen, das die Märtyrer und Confessores genossen und wovon sie 
Misbrauch machten, die Autonomie der Gemeinde zu vertreten. Der Bi- 
schof hatte dadurch grossen Einfluss , dass alle Hülflosen und Nothleiden- 
den an ihn gewiesen waren , dass er das Kirchenvermögen verwaltete und 
Schiedsrichter war in allen Bechtshändeln seiner Gemeindeglieder. Diess 
gründete man zunächst auf die Ermahnung des Apostels (1 Kor. 6, 1), wie 
denn das römische Recht das Arbitralverfahren begünstigte. (S. apostoli- 
sche Constitutionen 2, 45 ff). Zur Steigerung der bischöflichen Gewalt 
trugen mehrere Verbindungsformen des grösseren Kirchenkörpers bei. 

III. Im Zusammenhange mit der Ausbildung des geistlichen Standes 
und zum Theil des Episkopats erfolgte auch eine Vermehrung der 
Kirchenämter, im Verlaufe oder gegen das Ende der Periode. Zu den 
Diakonen kamen Unter diakonen, vnodiaxopoi, suhdiacom, welche bei 
der Verrichtung des Gottesdienstes den Diakonen beistanden, daher auch 



Kirchenverfassung. Conföderation der Gemeinden. 157 

vTcriQEtai tcav Siaxov(op benannt i). Die Akoluthen, ungeachtet ihres 
m'iechischen Namens in der römischen Kirche entstanden, hatten bei Ver- 
richtung des Gottesdienstes die Abendmahlsgefässe mit Wein und Wasser 



zu füllen, das Abendmahl zu den Kranken zu tragen. Die Anagnosten, 
ledores, die Vorleser der biblischen Abschnitte bei dem Gottesdienste, er- 
scheinen erst am Ende des zweiten oder Anfang des dritten Jahrhunderts 
als besonderes Kirchenamt, da bis dahin diese Vorlesungen vom Presbyter 
oder Diakon waren gehalten worden; sie werden 'zuerst von TertuUian er- 
wähnt de praescriptione haeret. c. 41; er tadelt die Häretiker, dass sie 
keine kirchliche Ordnung beobachten: ,,heute ist Diakon derjenige, der mor- 
gen Vorleser ist." So übte denn die Polemik gegen die Häretiker auch 
in diesem Kreise ihren Einfiuss aus.' Die Exor eisten bildeten erst seit 
dem Ende des dritten Jahrhunderts eine eigene Classe von Beamten und* 
zwar nur in der lateinischen Kirche; in der griechischen Kirche galt der 
Exorcisnms als Gabe der freien Gnade Gottes. Je mehr der Gesang in die 
gottesdienstlichen Versammlungen eingeführt wurde, je mehr er Ausbildung 
erhielt, desto mehr w^ar es nöthig, Vorsänger zu haben. U^aXtaL, xpaXtco- 
doi. Endlich siml noch zu nennen die nvlcogot, ostiarü^ mansionarii, 
janitores, Thürhüter, die ausserdem jedem seinen Platz anwiesen und für 
Stille und Anstand in den Versammlungen sorgten. Alle die genannten 
Aeniter bildeten die ordines minores, im Unterschiede von den ordlnes ma- 
jores^ worunter man seit dem zweiten Jahrhundert die Bischöfe, Presbyter 
und Diakonen verstand. 

IV. Es entstand aber auch eine Conföderation der einzelnen Ge- 
meinden und zwar theils in Form der Subordination, theils der Co Or- 
dination. 

Was das erste betrifft, so kommt hier zunächst in Betracht die P^r- 
weiterung der bischöflichen Parochie. Das Evangelium, zuerst in den 
Städten verkündigt, wurde es bald auch auf dem Lande und zwar von den 
Städten aus. Die Christen auf dem Lande, anfangs nicht zahlreich, be- 
suchten den Gottesdienst in der Stadt; bald mehrte sich ihre Zahl, das 
Evangelium drang auch in Orte, die von Städten entfernter waren. Da 
entstanden eigene Gemeinden; es ist an sich natürlich, dass die dafür nöthi- 
gen Geistlichen ihnen aus der Stadt, woher sie das Evangelium empfangen 
hatten, zugeschickt wurden. Es waren Presbyter und Diakonen der dem 
Bischof untergebenen Stadtgemeinde. Sie hielten sich so viel wie möglich zu 
derselben und traten zu ihr in ein Verhältniss der Subordination. Sie 
hiessen aber ebenfalls Bischöfe , nämlich x«9«7r«(Txo7i:o«, episcopi rurales. 
Es scheint, dass sie sich gerne den Stadtbischöfen gleich stellten, daher 
das Concil von Ancyra 315 ihnen verbot, Presbyter oder Diakonen zu be- 
stellen. In der nordafrikanischen Kirche scheinen sie am meisten Gleich- 
stellung mit den Stadtbischöfen erlangt zu haben. — In diese Periode fal- 
len auch die Anfange der Metropolit an Verfassung, wobei zu be- 
merken, dass die Benennung vor dem nicänischen Concilc 325 nicht vor- 



1) Man kann sagen, dass die vnodittxofoti die am Ende der Periode aufkamen 
dieselben Geschäfte verrichteten, die bis dahin den nvliogoi und vmjQdKi oblagen. 



158 Erste Periode des alten Katholicismus. 

kommt. So wie nämlich das Christenthum sich später auf dem Lande ver- 
breitete als in den Städten, so auch später in den kleineren als in den 
grösseren Städten. Die Gemeinden in diesen wurden die Mütter derjeni- 
gen in den kleineren, firjtgoTioXtg, im Alterthum bekanntlich Name der Mut- 
terstadt im Verhältniss zu den Kolonieen, damals noch Ehrenname mehrerer 
Städte in Kleinasien. Dieses Verhältniss wurde also auf das kirchliche Ge- 
biet übertragen. Da die Mutterkirchen öfter zu den sedes apostolicae ge- 
hörten, da sie überhaupt die bedeutendsten Städte der Provinz waren, zwi- 
schen welchen und den kleinen Städten ein reger Verkehr stattfand, so 
geschah es, dass man sich an den Bischof der Hauptstadt wendete in vie- 
len Fällen, wo er geeignet schien zu helfen, und in allen Fällen, welche 
die Sachen der ganzen Provinz betrafen. Bei Beratlumg gemeinschaftlicher 
* Angelegenheiten kam man in der Metropole zusammen; der Bischof der- 
selben leitete die Berathungen, aut seinen Rath und seine Zustimnmng 
wurde ein besonderes Gewicht gelegt. Die dem Metropoliten sich unter- 
ordnenden Particularkirchen hiessen enctqx^^t provincia\ das Verhältniss 
wurde nicht überall ausgebildet, in Italien blos, was Rom betrifft, inAfricf. 
mit eigenthümlicher Ausbildung »). Aber schon in unserer Periode entstan- 
den grössere Metropolitensprengel und wurden gewisse Metropoliten voi 
den anderen ausgezeichnet, Rom, Alexandrien, Antiochien (in Sy- 
rien) hatten die grössten Eparchieen und auf die Zustimnumg der dortigen 
Metropoliten wurde das grösste Gewicht gelegt. Daneben wurde aber von 
Cyprian die Gleichheit aller [Bischöfe hervorgehoben und behauptet, es 
dürfe kein Bischof sich zum Richter über den andern aufwerfen, da nur 
dem Herrn diess zukomme, welchem allein jeder Bischof für seine Hand- 
lungen verantwortlich sei. 

Die bedeutendste Conföderation in Form der Coordination ist die 
Synodalverbindung 2). Das erste Beispiel einer Synode ist gegeben 
im sogenannten Apostelconvent, Apostelg. 15, woran auch Laien Theif nah- 
men und zwar mit consultativer und deliberirender Stimme. Doch ging es 
lange, bis dieses Beispiel Nachahmung fand. Zuerst wird von Zusammen- 
künften der Gläubigen {t(ov nKTTo^v) berichtet , welche, in Folge der durch 
die Montanisten veranlassten Bewegung der Gemüther, c. 160 in Kleinasien: 
öfter und an vielen Orten stattfanden, wobei die Sätze der Montanisten! 
geprüft wurden, und wovon das Resultat war, dass die Montanisten ausj 
der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen wurden. (Euseb 5, 16). Ein an-| 
derer Anlass zu solchen Zusammenkünften fand sich im Passahstreite ge- 
gen Ende des zweiten Jahrhunderts. Euseb, der darüber berichtet (5, 23) 
hebt hervor, dass damals Synoden und Zusanunenkünfte der Bischöfe ge- 
halten wurden, nach Eusdb's Urtheil die ersten eigentlichen Synoden. 
Es gab aber genug Anlässe, wo es passend und sogar nöthig erscheinen 
mochte, gemeinsame Berathungen zu halten. Wie weit das Vorbild der 
noch bestehenden Amphictyonen auf das Zustandekommen der Synodal- 



1) Worüber vgl. den Art. nordafricanische Kirche in der Kealencyklopädie. 

2) Das Hauptwerk über die Geschichte der Concilien ist das von Hefele. 7 Bände. 



Kirchen Verfassung. Synodal Verbindung. 159 

einrichtung eingewirkt hat, lässt sich nicht mit Gewissheit bestimmen. 
Näher lag als Vorbild in den meisten Provinzen Kleinasiens das xoivov, 
commune^ der Städte, eine Art Tagsatzung, welche sich von Zeit zu Zeit 
in der Metropolis der Provinz versammelte und die gemeinsamen Angele- 
genheiten berieth, auch concilium provinciale, oder kurzweg concilium ge- 
nannt. Zu den Zeiten TertuUian's müssen die kirchlichen Synoden in Grie- 
chenland und Kleinasien schon als ziemlich feste Einrichtung bestanden 
haben. Sie galten als ehrwürdige und feierliche Selbstdarstellung der gan- 
zen Christenheit i). Dasselbe fand statt in anderen Theilen der Kirche. 
In der Zusammensetzung derselben zeigt sich noch deutlich der freiere 
Geist der Kirche, wie er sich im Apostelconvente ein Denkmal gestiftet. 
Von den gegen die Montanisten gehaltenen Versannnlungen heisst es 
(Euseb I. c.) nicht einmal , dass Bischöfe oder Kleriker daran Theil genom- 
men. Wenn wir aber bedenken, dass in diesen Versammlungen die Lehren 
der Montanisten geprüft, dass darauf diese excommunizirt wurden, so ist 
doch damit gesagt, dass Geistliche daran Theil nahmen, die im allgemei- 
nen Ausdruck Gläubige inbegriffen sind. Immerhin geht daraus hervor, 
dass diese durch die Montanisten veranlassten Versanmilungen ziendich 
formlos waren; es ging dabei, wie es scheint, etwas tumultuarisch her. 
Seitdem gestaltete sich die Sache so, dass die Bischöfe der Provinz den 
Hauptbestandtheil bildeten; andere Bischöfe wurden ehrenhalber eingela- 
den. Es gab Synoden, worauf blos Bischöfe erschienen, meistens waren 
aber auch Presbyter anwesend; sie hatten Sitz und Stimme. An vielen 
Synoden nahmen auch Diakonen und Laien Theil; die confessores und 
stantes laici nahmen zu Cyprian's Zeit Theil an Synoden, betreffend die Auf- 
nahme der lapsi. Bei der Synode zu Carthago über die Ketzertaufe waren aus- 
ser 87 Bischöfen viele Priester und Diakonen und ein grosser Theil des Volkes 
gegenwärtig. Die Bischöfe nahmen den Rath der Laien und Kleriker ent- 
gegen, aber diese hatten dabei kein votum derisivuni. Auch auf der Sy- 
node zu Antiochien gegen Paul von Samosata 264 oder 2()0 waren Presbyter 
und Diakonen gegenwärtig. Das Circularschreiben der Synode ist im Namen 
nicht nur der Bischöfe, sondern auch der übrigen Mitglieder des Klerus 
erlassen. Diese Synoden wurden in mehreren Provinzen jährlich einmal 
oder zweimal gehalten. Die Formel für die Beschlüsse derselben: spiritu 
sancto suggerente, (nach Apostelg. 15, 28 edo^e tw äyiM nveviiati xat fifAiv) 
wurde 252 von Cyprian zum ersten Male im Namen einer carthagischen Sy- 
node gebraucht. Aus der Synodalverfassung ergab sich eine doppelte Art 
von Rückwirkung auf die Stellung und Wirksamkeit des einzelnen Bischofs. 
Wenn der Bischof gewohnt war, die kirchlichen Angelegenheiten mit seinem 
Klerus zu berathen, so mussten nun diese Berathungen eine gewisse Be- 
schränkung erleiden, obgleich sie, was das Beispiel Cyprian's deutlich bezeugt, 
keineswegs aufhörten. Die Synodalverbindung hob ebenfalls die isolirte, un- 



2) De jejuniis c. 13. Aguntur praeterea per Graeciam illa certis in locis concilia 
ex universis ecclesiis, per quae et altiora quaeque in commune tractantur et ipsa reprae- 
sentatio totius nominis christiani magna veneratione celebratur. 



IßO Erste Periode des alten Katholicisinus. 

abhängige Stellung des einzelnen Bischofs gegenüber von seinen Collegen 
auf. Sollte die Gemeinde sich den Synodalbeschlüssen fügen, so musste 
der Bischof mit dem guten Beispiel vorangehen. Die einzelnen Bischöfe 
wurden dadurch der Gesammtheit der Bischöfe der Provinz, dem corpus 
e/)iscoporum, sacerdot um suhoYdinirt. Doch geschah es noch immer, dass ge- 
wisse Bischöfe die Synodalbeschlüsse ungestraft nicht annahmen. Auch da- 
für galt der Grundsatz, dass jeder Bischof auf eigene Verantwortung die 
Kirche leite (Cyprian epist. 72). Phidlich, indem die Synode sich in der 
Metropole versammelte, vom Metropoliten ])erufen und präsidirt wurde, 
der zugleich auf den Gang der Verhandlungen Eintluss ausübte, wurde durch 
das Synodalinstitut das Ansehen des Metropoliten befestigt. 

Die bisherigen Conföderationsformen betrafen denn doch nur die Theile 
der Kirche als einzelne betrachtet; denn auch die grösste Eparchie des 
angesehensten Metropoliten war doch nur ein Theil der Kirche. Betrachten 
wir die Kirche aus dem Gesichtsi)unkte dieser Verbindungsformen, so er- 
scheint sie uns als Aggregat von einzelnen Staaten, die von einander un- 
abhängig sind und zunächst durch kein anderes organisches Band als das- 
jenige des gemeinsamen Glaubens verbunden. Wie denn aber die Kircht 
das Erzeugniss eines und desselben Geistes war, und derselbe Geist über- 
all hin wehte , so erzeugte er auch Versuche zur Verbindung aller auf der 
Erde zerstreuten christlichen Kirchen. — So entstand früh der Gebrauch, 
dass die Kirchen von benachbarten Provinzen ihre Synodalbeschlüsse ein- 
ander mittheilten. Auch entfernteren Kirchen wurden wichtigere Artikel, 
besonders die Kirchenlehre betreffend, durch die sogenannten Synodalbriefe 
mitgetheilt. Es wurde gebräuchlich, dass die Bischöfe und zwar besonders 
die Metropoliten einander ihre Wahlen und Amtsantritte ankündigten, durch 
die yga^fiara xotvcavtxa, die €7Tt(TtoXai xoivMVixai (später €v^QOvi(TTixai) 
eplstolae commmticatoriae. Eerner kam es auf, dass jeder Christ, der den 
Wohnort wechselte oder wohin reiste, Kleriker oder Laie, von seinem Bi- 
schof ein Empfehlungsschreiben mitbrachte, wodurch er als Glaubensbruder 
legitimirt wurde {literae formatae , yoapfiara xavovixa^ tetvnoy^spa, weil 
sie mit einem Kirchensiegel versehen waren, um Verfälschungen vorzubeu-- 
gen). Der Gründe für solche Schreiben gab es in den damaligen Verhält- 
nissen der Kirche genug. Herumreisende Betrüger benützten die christ- 
liche Wohlthätigkeit, um sich Gewinn zu verschaffen (S. die Schrift des 
Lucian de morle Peregrlni). Je mehr die Häresieen aufkamen , desto niehi* 
wollte man Sorge tragen, dass nicht unerkannte Häretiker sich in die Ge- 
meinden einschlichen. Es mochten unter dem Schutze des Christennamens 
auch Spione sich einschleichen und hernach als Ankhiger der Christen auf- 
treten. Eerner entstand der Gebrauch, dass jede Gemeinde von denjeni- 
gen , welche sie ausstiess , den anderen Gemeinden Nachricht gab , zunächst 
den benachbarten, in wichtigeren Eällen auch den entfernteren, indem 
man von dem Grundsatze ausgieng, dass, wer V(m einer Gemeinde ausge- 
schlossen, es auch von der ganzen Kirche sei. Doch gab es liievon wich- 
tige Ausnahmen. Die Montanisten in Kleinasien excomnmnizirt, wurden es 
erst weit später in Africa. Origenes, von seinem Bischof excommunizirt, 
wurde von den Kirchen in Palästina, Arabien und Achaja in Schutz ge- 



Kirchenverfassung. Einheit der Kirche. 161 

iiommen. Endlich wurden auch Anstalten getroffen , dass diejenigen, welche 
^ich selbst von einer Gemeinde lostrennten, angesehen wurden als aus der 
Kirche überhaupt austretend. Doch auch hievon gab es Ausnahmen. So 
wurde ein Novatianischer Bischof zur Synode von Nicaea 325 berufen — 
durch die Bemühungen des Athanasius, der im Punkte der Trinitätslehre 
zu ihm Vertrauen gefasst hatte. 

V. Die Einheit der Kirche. Unter den genannten Verhältnissen 
und in Folge der erwähnten Einrichtungen trat die Idee der Einheit der Kirche 
mit Macht hervor. Es kamen aber noch andere Dinge als Factoren hinzu. 
In der Mitte des dritten Jahrhunderts brachen in der nordafricanischen 
Kirche Spaltungen aus , welche, allerdings für das geistliche Gedeihen der 
Kirche gefahrdrohend waren. Sie wurden am eifrigsten und entschiedensten 
mit Wort und That von Cyprian bekämpft. Gegen die Schismatiker hob er die 
bischöiiiche Würde und Gewalt, die Einheit des Bischofsamtes hervor und 
brachte damit die Einheit der Kirche in die engste Verbindung. Er hat 
sich darüber ausgesprochen theils in jenem Tractate de unitate ecclesiae, 
theils in vielen Briefen, die als Commentar zu jenem Tractate gelten 
können. Gegen jene Schismatiker konnte man nicht mehr blos auf die 
Glaubensregel sich berufen; sie erkannten sie eben so sehr an wie alle 
übrigen katholischen Christen. Um irgend eines untergeordneten Punktes 
willen trennten sie sich von der Kirche. Ihnen wurde die Einheit des Bi- 
schofsamtes, die Einheit der Kirche entgegengehalten. 

Es gibt nur Eine Kirche, die heilige, allgemeine, d. h. katholische 
Kirche. Sie ist die Erzeugerin und Trägerin der gesammten Fülle des 
christlichen Lebens, zusammengehalten durch das Band der Liebe, Ein- 
tracht, Uebereinstimmung. So wie es viele Strahlen derselben Sonne gibt 
und viele Zweige desselben Baumes, so wie viele Bäche aus derselben 
Quelle fliessen, so verhalten sich die einzelnen Gläubigen und die Parti- 
cularkirchen zu der ganzen Kirche. Wie der Strahl verschwindet , der sich 
von der Sonne lostrennt, wie der Bach versiegt, der von der Quelle abge- 
schnitten wird, wie der vom Baume abgerissene Zweig verdorrt , so ein Je- 
der, der sich von der Kirche trennt; er geht der Verheissungen verlustig, 
welche der Herr seiner Kirche gegeben. So wenig derjenige dem Ver- 
derben entrann , der nicht in der Arche Noah war, so wenig kann ihm der 
entrinnen, der ausserhalb der Kirche ist. Er verliert die Substanz seiner 
Seligkeit. Daher kann Niemand Gott zum Vater haben, der nicht die 
Kirche zur Mutter hat. Wer nicht in der Kirche ist , kann nicht Märtyrer 
werden, weil er nicht stirbt als Zeuge Christi, der nur in der Kirche zu 
linden ist. 

Der Einzelne steht dadurch auf dem Boden der einen allgemeinen 
Kirche, er ist dadurch ein Mitglied derselben, dass er sich an seinen Bi- 
schof hält. So verhält es sich auch mit der Gemeinde , deren Mitglied 
er ist. Die Gemeinde ist plehs episcopo adiinata; die Gemeinde ist virtuell 
im Bischöfe (ecclesia est in episcopo). Der rechtmässige Bischof, der Nach- 
folger der Apostel, der Erbe und Träger ihrer Schlüsselgewalt ist das con- 
stituirende Princip der Gemeinde; er allein sichert ihr ihre Stelle im Ge- 
sammtorganismus der Kirche. Er ist es, der das allgemeine Leben der 

Herzog, Kircheugeecliiclite I. 11 



jß2 Erste Periode des alten Katholicisraus. 

Kirche in die einzelnen Canäle leitet. Wer ihn verachtet, der verachtet 
Gott. Wer neben dem einen rechtmässigen Bischof einen anderen aufstellt, 
ist ausserhalb der Kirche. Es gibt nur einen Bischof in einer Gemeinde, 
so wie der Herr auch nur Einem der Apostel die Schlüsselgewalt überge- 
l)eii, — nicht als ob die anderen sie nicht auch empfangen hätten, aber es 
sollte so die Einheit des Bischofsamtes symbolisch dargestellt werden. — 
Die Schismatiker beriefen sich auf den Spruch: ;,wo Zwei oder Drei in mei- 
nem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen '^, ein Spruch, 
den zu allen Zeiten und an allen Orten die mit Recht oder Unrecht von 
ihrer Kirche sich trennenden Partheien auf sich beziehen. Nun wendet aber 
Cyprian die Sache so, dass man im Namen des Herrn gar nicht versannnelt 
sein könne, wenn man sich von seinem rechtmässigen Bischof losgesagt 
habe, durch den allein man mit Christo in Verbindung stehe. 

Doch derselbe Bischof, der in seiner Gemeinde Gott, Christum und 
die Apostel vertritt, er ist selbst nur dadurch in der Kirche, dass er an 
dem Körper der in der ganzen Welt zerstreuten Bischöfe (corpus sacerdo- 
tum) festhält und in Gemeinschaft mit ihnen handelt. Diese Einheit alle]' 
Bischöfe ist wiederum in Petrus dargestellt, auf welchen der Herr di(' 
Kirche gegründet hat, um auf symbolische Weise die Einheit der Bischofs- 
würde aller und alle Bischöfe als Einen Mann darzustellen. Mithin ist 
Petrus , was die einzelne Gemeinde betrifft , Symbol und Gewähr der Ein- 
heit des Episkopates, der Oberhoheit des rechtmässigen Bischofs in dersel- 
ben, so dass keiner ausser dem einen auf bischöfliche Rechte Anspruch 
machen darf. Was die ganze Kirche betriff't, ist Petrus Symbol der Ge- 
meinschaft der Bischöfe untereinander, Symbol der Einheit des gesammten 
Episkopates, als einheitliche Corporation betrachtet. 

Die Bischöfe also sind es, die den Körper der Sonne halten, deren 
Strahlen alle Welt erleuchten und beleben ; sie halten die Wurzeln des die 
Welt überschattenden Baumes, die Quellen der weithinströmenden und 
Eruchtbarkeit verbreitenden Bäche, aber an sich selbst sind sie nur ein- 
zelne Strahlen, einzelne Zweige, einzelne Bäche, und verderben, wenn sie 
sich vom Ganzen losreissen, dem sie angehören. — Ja der Himmel selbst 
steht unter dem Gesetze der Einheit, wie denn geschrieben steht: Vater, 
Sohn und Geist sind Eins, und Christus sagt : ich und der Vater sind Eins. 
So besteht denn Eine Kirche, Ein Bischofsamt, Eine Taufe, Ein Gott, Ein 
Herr, Ein Glaube, Ein Geist in der ganzen Kirche. 

Diess die Grundzüge der grossartigen, begeisternden Idee der katho- 
lischen Einheit der Kirche ^ des Episkopalsystems insbesondere, das fortan 
sich mehr und mehr entwickelte und zu einer Zeit, da das die Kirche 
beherrschende Papalsystem in Gemeinheit und Laster versunken war, die 
katholische Kirche rettete. Was die Stellung des Bischofs zu seiner Pa- 
rochie betrifft, so war dieses System schon in den ignatianischen Ikiefen 
vorgebildet. Bei Cyprian ist es in siegreichem Fortschreiten begriffen, 
doch keineswegs zum Abschlüsse gelangt, sofern in der einzelnen Gemeinde 
nicht alle Gewalt auf den Bischof übertragen war, sofern die Verbindung 
der Gemeinden und der Bischöfe untereinander im Ganzen noch sehr locker 
war und Raum genug darbot für allerlei Differenzen. Cyprian fügt sich 



Kirchenverfassung. Der Bischof von Rom. 163 

aus wohl überlegter Kirchenpolitik in einige Beschränkungen seiner leiten- 
den Grundsätze; genug, dass sie ausgesprochen wurden und, wenn auch 
nur theilweise, als Normen gelten durften. Was aber bei Cyprian in leben- 
digem Bildungsprocess begi'ifFen ist, das ist in den letzten Büchern der 
apostolischen Constitutionen als fertiges Resultat zum Abschluss gebracht. 
Offenbar aber ist in dieser Form der Kirchenverfassung zu viel Werth auf 
den äusseren Organismus gelegt. 

Ergänzend setzen wir hinzu: die anderen Kirchenlehrer kennen auch 
diese Einheit der katholischen Kirche und heben hervor, dass ausserhalb der- 
selben kein Heil sei, so wenig wie ausserhalb der Arche Noah Bettung 
vor der Sindfluth war. Irenäus (3, 24. 1), nachdem er gelehrt hat, dass die 
Schätze der Wahrheit in der Kirche niedergelegt seien, setzt hinzu: ;,aus- 
ser ihr sind Räuber und Diebe, Pfützen stinkenden Wassers. Denn, wo 
die Kirche, da ist auch der Geist Gottes, und wo der Geist Gottes, da ist 
auch die Kirche und die Fülle der Gnade^^ (jenes ist das katholische, die- 
ses das evangelisch-protestantische Princip). In die Kirche hat Gott die 
gesammte Wirksamkeit des heiligen Geistes niedergelegt, deren alle die- 
jenigen nicht theilhaftig sind, welche nicht zur Kirche sich halten. Bei 
den Alexandrinern, bei Clemens zumal, vergeistigt sich der Begritf der 
Kirche; dieser leitet Namen und Begriff der Kirche von den Auserwählten 
ab, die zur Gemeinschaft sich sammeln ^) , die wahren Gnostiker bilden die 
Kirche, den Leib des Herrn, die Mutter und Jungfrau zugleich ist. 

VI. Der Bischof von Rom. Im Zusammenhange mit dem über 
die Einheit der Kirche Gesagten muss die Stellung des römischen Bischofs in 
dieser Periode aufgefasst werden. So lange solche Grundsätze, wenn auch 
nur in unvollständiger Durchführung massgebend blieben , konnte von einer 
eigentlichen Herrschaft desselben über die gesammte Kirche durchaus keine 
Rede sein. Es widersprach auch dem Begi'iff der Katholicität, wie er noch 
heut zu Tage im Bewusstsein der morgenländisch - griechischen Kirche 
fortlebt, dass irgend eine Particularkirche über die katholische die Ober- 
herrschaft führe, und dass Ein Apostel über alle anderen gesetzt werde. 
In der Seele der römischen Bischöfe selbst war das eigentliche Pabstideal 
noch gar nicht entwickelt, wenn gleich Ansätze dazu vorhanden waren, 
die aber auf kräftigen Widerstand stiessen. 

Uebrigens war in Rom bis an das Ende des ersten Jahrhunderts nicht 
einmal ein eigentlicher Bischof im Unterschiede von den Presbyteren ; der 
Brief, der in der Tradition den Namen des Clemens von Rom trägt, zeugt 
dafür. Er kennt nur Bischöfe, d. h. Presbyter und Diakonen (c. 42). Der 
Episkopat hat sich in Rom im Laufe des zweiten Jahrhunderts entwickelt; 
und nun kam es auf, dass man ihn zurückdatirte , indem man den jedes- 
maligen Presbyter , der am meisten Ansehen genoss , als Bischof xat e^o- 
xn^ bezeichnete. Als Hegesipp gegen die Mitte des zweiten Jahrhunderts 
nach Rom kam, fand er den Episkopat schon ganz entwickelt 2). 



1) To a^QoiG^a 7WV fxlf-XTMv exxXrjfftccv xnlo). 

2) Man gab ihm aucli die Rcihcfolge der Bischöfe, die bis dahin die Gemeinde 
sollten regiert hatten, an (Euseb. 4, 11). Diese Liste ist verloren gegangen, hingegen ist 

11* 



jß4 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Verschiedenes wirkte nun zusaiiimen , um die Autorität des römischen 
Bischofs zu heben, vor allem der .üiite Rufi), den die römische Gemeinde von 
Alters her genoss (Römer 1, 8) und der durch Wohlthätigkeit gegen entfernte 
Gemeinden und gegen manche um des Glaubens willen leidende Christen 
(Euseb. 4, 23) noch gehoben wurde, sodann 'der ZusammenHuss von Gläubi- 
gen aus allen Theilen der Welt in der Welthauptstadt, die auch als solche 
einen Strahl des Ruhmes auf die christhche Gemeinde |in ihrer Mitte fallen 
Hess. Die römischen Bischöfe waren nicht gerade als Schriftsteller, als, 
Theologen ausgezeichnet; unter ihnen fanden sich kein Irenäus, kein Diom^- 
sius von Alexandrien, kein Cyprian , kein Hippolyt , aber auch kein Paul von 
Samosata, kein Sabellius. Es waren praktische, kluge Männer, gute Kirchen- 
fürsten, einige mit der Märtyrerkrone geschmückt, und einige Male wurden 
sie glückhch vor der öffentlichen Anerkennung des ]\lontanisinus und des 
Monarchianismus bewahrt. Obschon sie im Streite über die Osterfeier und 
über die Ketzertaufe sich wegen ihres herrischen Auftretens herben Tadel 
von anderen Bischöfen zuzogen, so schadete das ihrem Ansehen nicht viel, da 
sie doch zuletzt Recht behielten und wirklich die bessere Ansicht vertraten. 
Wenn gleich zu Anfang des dritten Jcflirhunderts der schwache, charakter- 
lose und geldgierige Zephyrinus, der durch und durch nichtswürdige Calixtl 
den bischöÜichen Stuhl inne hatten und in wichtigen Punkten der Disciplii 
und der Lehre gerechten Anstoss gaben (Ilippolyt. 9, 114), wenn überhaupt 
damals inmitten der römischen Gemeinde eine arge sittliche Erschlaffung 
eingetreten war, so war doch das Ansehen, sei es der Bischöfe, sei es 
der römischen Gemeinde bereits so gesichert und feststehend, dass es durch 
jene Uebelstände auf die Länge nicht erschüttert werden konnte. 

Dazu trug wesentlich auch dieses bei, nicht nur, dass Rom nebst Alex- 
andrien und Antiochien in Syrien die grösste Eparchie hatte, sondern, dass es 
schon von früher her die einzige sedes apostolica des Abendlandes war. In der 
verschönernden, vergrössernden, auch geradezu dichtenden Sage galt nänüich 
die römische Gemeinde als durch die beiden grossen Apostel Paulus und 
Petrus gegründet , als zuerst von Petrus geleitet , und die römischen Bischöfe 
erhoben den Anspruch, Nachfolger des Apostelfürsten zu sein. 

Mit dem zweiten Jahrhundert ergoss sich nändich über die Kirche eine 
Flut von Sagen und apokryphischen Schriften , welche für Viele die geschicht- 
liche Wahrheit, wie es scheint, auf ewige Zeiten verdeckt und verborgen 
haben. Diess gilt insbesondere von der Sage von Petri Aufenthalt, Wirk- 
samkeit und Märtyrertod in Rom. Es kam dem Triebe nach Sagenbildung 



diejenige, die Irenäus während seines Aufentlialtes in Korn sich verschafft hat, noch erhal- 
ten (3, 3, 3). Mit ihr stimmen überein die Angaben des Euseb 3, 2. 13. 15, 31, und die 
des Hicronymus. Es sind folgende Namen: Linus, Anencletus, Clemens, Evarestus, Alex- 
andras, Xystus, Telesphorus, Hyginus, Pius, Anicetus, Soter, Eleuthcrus. Zum Theil ver- 
schieden davon sind die Angaben der Clementinen und der lateinisclien Kataloge. S. Lip- 
sius, Chronologie der römischen Bischöfe bis zur Mitte des vierten Jahrhunderts. 

1) Ein Beweis des guten Kufes ist die Art, wie Ignatius die römische Gameinde 
anredet, in dem an sie gerichteten Briefe. Er nennt sie Vorsteherin des Liebesbundes, 



Kirchenverfassung. Der Bischof von Rom.. 165 

der Umstand zu statten, dass im Briefe des Clemens von Rom die Sache 
nicht geradezu verneint war. Es ist übrigens, wie wir früher bemerkten (S. 35) , 
möghch, dass Petrus auf kurze Zeit in Rom gewesen und daselbst hinge- 
richtet worden. An diesem Punkte scheint die Sagenbildung angesetzt zu 
haben. Da man durchaus nichts Näheres über Petri Aufenthalt und Tod in 
Rom wusste, so war hinlänglicher Raum für Sagenbildung vorhanden, in 
welcher sich sowohl judaisirende als kathohsche Christen hervorthaten. Sie 
nahm eine doppelte Gestalt und Wendung; einmal betrilft sie den Kampf 
des Petrus mit dem Magier Simon, aus der Apostelg. c. 8 bekannt, das 
andere Mal die Verbindung des Petrus mit Paulus. Die erste Gestalt der 
Sage spaltet sich wieder in zwei, die Von Simons Aufenthalt in Rom, und 
die von Petri Aufenthalt ebendaselbst; diese beiden Sagen stehen zunächst 
in keiner Verbindung mit einander. Zuerst kommt der Magier nach Rom 
unter Claudius und treibt daselbst sein Wesen. Durch seine magischen 
Künste machte er auf den Senat und das römische Volk einen solchen Ein- 
druck, dass er für einen Gott erklärt und ihm eine Statue errichtet wurde, 
mit der Inschrift : Simoni deo sancto. So berichtet Justinus Martyr Apol. I. 26. 
56 1) , der von einem Aufenthalte des Petrus in Rom gar nichts weiss. Nun 
bihlet sich auch die Sage, dass Petrus nach Rom gekommen und daselbst 
gelelirt habe, ohne dass von einem Streite mit dem Magier die Rede ist, 
diess ist wahrscheinlich die Meinung des Papias bei f]useb 2, 15 und 3, 39: 
des Clemens von Alexandrien nacli seinen Hypotyposen (bei Euseb 6, 14 — 
dazu 2, 15). Dasselbe ist bestimmt der Fall mit Irenäus, der beide Sagen 
kennt, des Petrus Aufenthalt in Rom (3, 3. 2) und den des Simon 1, 23. 1; 
von einem Zusammentreffen beider Männer weiss er nichts. Unterdessen 
bildete sich die syrische Sage, niedergelegt in den Clementinen, von einem 
Kampf zwischen Petrus und Simon in Antiochien und von einer Besiegung des 
letzteren durch Petrus. Da nun Simon, obwohl besiegt, doch nicht vernichtet 
worden war, da man ausserdem von einem Aufenthalte des Petrus in Rom 
wusste, so lag es nahe, beide Sagen zu coml)iniren, beide Männer auch in 
Rom untereinander streiten zu lassen , und nach der Gemeinde der Weltstadt 
die gänzHche Besiegung und den Tod des Magiers zu verlegen. Wie die 
syrische Sage eine Nachbihhnig der Erzählung in der Apostelgeschichte (c. 8), so 
ist die römische eine Na('hl)il(hing der syrischen 2). Die riimische Sage wird 
zuerst in den apostolischen Constitutionen 6, 9 ausführlich erwähnt. Simon, 
nachdem er in Rom durch magische Künste das Volk bethört hat, erhebt 
sich mit Hülfe der bösen Mächte gen Himmel, als wolle er von da gute Gaben 
herabbringen; worauf, bewogen durch das Gebet des Petrus, die bösen 
Mächte aulliören, Simon zu halten, und er herunterßlllt , am Leibe zwar 
schwer verietzt, doch nicht getödtet, so dass er sogar noch einige Anhänger 
behielt. Viel weiter ausgemalt und ausgesponnen ist dieselbe Sage in den 



1) Dasselhe berichtet Euseb. 2, 13. Die Statue ist 1574 auf der Tiberinsel an 
der von Justin bezeichneten Stelle aufgefunden worden, woraus sich ergab, dass Justin die 
Inschrift ganz falsch wiedergegeben; sie lautet so: Semoni Sanco Deo Fidio Sacrum; es 
ist eine sabinischc Gottheit gemeint. 

2) S. Ulilhorn, die Homiliccn und Recognitionen des Clem. Rom. S. 377. 



■[Qß Erste Periode des alten Katholicismtiä. 

TtQa^sig toov äyicop anofftolcav Jlerqov xai Ilavlov^), hier in Verbinduug 
mit der Sage vom Zusammentreffen der beiden Apostel Petrus und Paulus 
in Rom. Beide sind vollkommen eins in Allem, was sie lehren. Petrus sagt 
zu Nero: Alles, was Paulus geredet hat, ist wahr. Paulus sagt zu Nero: 
Was du von Petrus gehört hast, ist so gut, als wäre es auch von mir gesagt. 
Denn wir sind eines Sinnes, weil wir einen Herrn Jesum, den Christ, haben. 
Also nicht blos Zusammentreffen beider Apostel , sondern auch völlige geistige 
Vereinbarung. Paulus wird Bruder des Petrus genannt. 

Dieses ging nun in das allgemeine Bewusstsein der Kirche über, und 
zwar völlig abgetrennt vom Zusammentreffen Petri mit Simon in Piom ; so in - 
der Praedicatio Pauli, die den letzten Theil der Praedicatio Petri gebildet zu 
haben scheint, und die wohl in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts 
fällt '^). Die Sage ist noch weiter ausgeführt in dem Briefe des Bischofs 
Dionysius von Korinth c. 170 an die Gemeinde in Rom. (Bei Euseb. 2, 25). 
Da sind beide Apostel bereits in Korinth zusammengetroffen , haben beide die 
dortige Gemeinde gestiftet, sind beide miteinander nach Itahen gewandert, haben 
daselbst gemeinsam gelehrt und sind zu derselben Zeit (in Rom) als Märtyrer 
gestorben. Cajus, ein kirchlicher Schriftsteller aus dem Anfang des dritten 
Jahrhunderts, rühmt sich, die Gräber der beiden Apostel auf dem vaticani- 
schen Berge und auf dem Wege nach Ostia zeigen zu können ^). Eine ähn- 
liche Steigerung findet statt in der Sage über den Märtyreitod des Petrus. 
Dionysius berichtet nur im Allgemeinen den Mäityrertod; nach Tertullian 
{de praescriptione haereticorum c. SO) ist Petrus gekreuzigt worden , während 
Paulus enthauptet wurde. Nach den oben genannten apokryphischen nqal^eiq, 
denen Origenes bei Euseb. beistimmt, ist er auf sein ausdrückliches 
Verlangen, um nicht im Tode dem Herrn sich gleich zu stellen, köpflings 
gekreuzigt worden. In denselben Tiga^ftg wird erzählt, dass er dem Mär- 
tyrertode in Rom entfliehen wollte. .Auf der Flucht, doch noch in der Stadt 
begegnet er dem Herrn, den er fragt: wohin gehest duV Auf die Antwort 
des Herrn , er gehe, sich kreuzigen zu lassen , kehrt Petrus beschämt zurück 
und überliefert sich dem Tode*). So ergibt sich, dass seit dem Anfang des 



1) Bei Tiscliendorf, acta apostolorum apocrypha. 1851. Simon, der sich für den 
Sohn Gottes ausgegeben, erbietet sich, gen Himmel zu fliegen. Nero , dem Simon günstig, 
— die Scene ist wegen Paulus unter diesen Kaiser verlegt, — Nero lässt einen Thurm 
erbauen, von wo aus Simon sich in die Lüfte erhebt. Petrus beschwört die Satansengel, 
die Simon tragen, ihn fallen zu lassen, worauf er in vier Stücke auseinander fällt. 

2) Diese Schrift wird tadelnd erwähnt in der Schrift de non iterando baptisrao hin- 
ter Cypriani opera ed. Rigaltius; obgleich die wahre Geschichte beide Apostel schon 
längst in Berührung kommen lasse, lasse sie der Verfasser dieser Schrift erst in Rom zu- 
sammen kommen. Vorher wird gesagt, dass noch anderes Mytliisclie über Jesum selbst 
in der Schrift enthalten war. 

3) Euseb. 2, 25. Nach anderen Quellen wurde Petrus auf dem vaticanischen Berge, 
Paulus auf dem Wege nach Ostia begraben. 

4) Vergl. über das Ganze ausser den bereits angeführten Schriften: Baur, über 
den Ursprung des Episkopates, Lipsius, die Quellen der römischen Petrussage, Hil- 
genfeld, Petrus in Rom, in der Zeitschrift für wissenschaftliclie Theologie. 1872. 3. 
Heft. S. 350 (gegen Lipsius). Gegen Gieseler, der K. G. L 103 die Annahme, dass die Sage 



Kirchen Verfassung. Der Bischof von Eom. lg"? 

zweiten Jahrhimdeits keine einzige Nachricht über den Aufenthalt des Petrus 
in Rom sich findet, die nicht durch mythische Zusätze entstellt wäre. Man 
hat dagegen bemerkt, dass als fester Kern in allen Nachrichten die Kunde 
von Petri Aufenthalt in Rom übrig bleibe. Aber, dass dieser feste Kern nir- 
gends als bei Clemens Rom. auf die dargestellte Weise heraus tritt, darin 
liegt eben die Schwierigkeit. 

Bei alledem war das wichtigste der Gewinn, den Rom aus der Sache 
zog. Roms Autorität hob sich zunächst in doctrinärer Beziehung. Im 
Kampfe mit der Häresie, besonders mit dem Gnosticismus suchte man Roms 
Autorität geltend 7^ machen. Tertullian (de praescriptione haereticorum c. 21) 
weist die Christen des Abendlandes, wenn sie die wahre apostolische Lehre 
kennen lernen wollen, an Rom, „das auch uns (den Africanern) als Autorität 
dienen kann'' i) , und nun beruft er sich darauf, dass die Apostel Petrus und 
Paulus daselbst Märtyrer geworden, — so wie Johannes, der, in siedendes 
Oel geworfen , daraus unversehrt hervcjrgegangen. Man mochte nämlich gerne 
mehrere Apostel als Zeugen der kathohschen Lehre aufführen. Als Waffe ge- 
gen die gefahrdrohende Häresie, besonders gegen den Gnosticismus ge- 
brauchte auch Irenäus die Auctorität Roms. Er beruft sich aber nicht nur 
darauf, dass die beiden Apostel Petrus und Paulus die dortige Gemeinde 
gestiftet und daselbst den Märtyrertod erlitten haben, sondern auch darauf, 
dass in der Welthauptstadt innnerfort ein grosser Zusammenlauf von Christen 
aus verschiedenen Gegenden der Welt statt finde, woraus man schliessen 
könne, dass sich der allgemeine Glaube der Christen daselbst immerfort mit 
vorzüglicher Reinheit erhalten habe. Diess ist der Sinn der Stelle bei Ire- 
näus (3, 3j: „denn mit dieser Kirche nuiss wegen ihres bedeutenderen Vor- 
rangs der Natur der Sache nach die ganze Kirche übereinstimmen, in wel- 
cher innner in (Jemeinschaft mit den Gläul)igen aus allen Orten die aposto- 
lische Tradition erhalten worden ist" ^). Irenäus will l)eweisen, dass die 
Lehre der katholischen Kirche apostolisch sei, durch die Nachfolger der von 
den Aposteln eingesetzten P>ischöfe erhalten. Da es aber zu weitläufig ist, 
diesen Zusammenhang mit den Ai)osteln von allen Kirchen nachzuweisen, 
beschränkt er sich auf die römische Kirche und will zuletzt daithun, dass 
die Lehre der ganzen Kirche nothwendig mit derjenigen der römischen Kirche 



von den judaisironden Christen erdichtet worden, bestreitend dieses anführt, dass die Er- 
diclitung von den römischen Paulinern als solche aufgedeckt worden wäre, ist zu bemerken, 
dass nicht blos die judaisirenden, sondern auch die katholischen Christen ein nahe liegen- 
des Interesse hatten, Petrus dem Paulus gleichzustellen. Die Idee der Katholicität ver- 
trug sich nicht mit der einseitigen Hervorhebung des Pauliniamus, — sowie der Autorität 
des Petrus. 

1) Unde nobis quoqiie auctoritas praesto est. 

2) Ad hanc enim ecclesiam propter potentiorem principalitatem necesse est convenire 
omnem ecclesiam h. e. eos, «lui sunt undique fideles, in qua semper ab his, qui sunt un- 
dique , couservata est ea , quae est ab apostolis traditio. Dass principalitas Vorrang be- 
deutet, erhellt aus 4, 38. 3, wo die Stelle: principalitatem quidem habebit in omnibus 
Deus, in dem erhaltenen griechischen Texte also lautet: nQooTfvd /uev ey nccciy 6 ^'hfog. 
— Ein Vorrang kam allen ai)ostolischen Kirchen zu, der römischen Gemeinde ein bedeu- 
tenderer wegen ihrer Grösse und ihrer Stiftung durch die zwei vornehmsten Apostel. 



Ißg Erste Periode des alten Katholicismtis. 

Übereinstimme. Daher beruft er sich auf den Brief des Clemens von Rom, 
auf Polykarps Aufenthalt in Rom zi"» Beweise jener ununterbrochenen 
Gemeinschaft. Mag nun aber jene Nothwendigkeit noch so selir eine blos 
natürliche, nicht dogmatisch abgeleitete sein, mag Irenäus nur beispielsweise 
sich auf die römische Gemeinde berufen 2), so wird nichts desto weniger 
diese Gemeinde als Einheitspunkt für die ganze Kirche aufgefasst »). Docli 
würde man sich sehr irren, wenn man annehmen wollte, dass Irenäus der 
römischen Gemeinde eine Autorität über die anderen Kirchen zutheilen 
wollte, wie diess sein Auftreten gegen den r()mischen Bischof Victor c. 19(; 
beweist, der die kleinasiatischen Bischöfe excomnninizirt hatte, weil sie die 
abendländische Osterfeier nicht hatten annehmen wollen. Aehnlich verhält 
es sich mit Cyprian. Wie er in wesentlicher Beziehung Petrum auffasst. 
ist schon zur Sprache gekommen. Daher konnnt es, dass er der erste ist, wel- 
cher den römischen Stuhl als locum Petri und als Petri cathedram bezeich- 
net (ep. 52. 55). Er sprach es aus, dass der Herr auf Petrum die Kirche 
gegründet, aber er war weit entfernt, eigentliche Rechte daraus herzuleiten 
und dem Petrus den Primat zuzutlieilen (ep. 71)*). Gerade um deswillen, 
weil der römische Bischof Petri cathedra inne hat, soll er sich nicht in die 
Angelegenheiten anderer Kirchen einmischen, weil Petrus das Symbol der 
Einheit des Bischofsamtes in jeder einzelnen Gemeinde ist ^). Im Streite 
über die Ketzertaufe erhielt er von Cyprian und anderen Bischöfen die 
schärfsten Verweise. Man liess ihm auch das nicht gelten, worauf er gerne 
sich vieles zu gute that, dass Petrus der erste römische Bischof gewesen, — 
eine von den Clementinen ersonnene Dichtung, — und dass der römische 
Bischof eigenthcher Nachfolger des Petrus sei^j. Ueberhaupt wurde die 
Stelle Mat. 16, 18 nicht auf die Person des Petrus, sondern auf jeden Gläu- 
bigen bezogen, der Petri Glauben besitzt. So Origenes zu der genannten 
Stelle und er setzt hinzu: ,,Wenn auf Petrus allein die Kirche erbaut ist, 
was sollen wir halten von Johannes und den anderen Aposteln V Sollen die 
Pforten der Hölle nur gegen Petrum nichts vermögen?'* — Immerhin aber 
sehen wir in Rom ehie Macht heranwachsen, welche je nach den Umständen 
und Verhältnissen, so\\1e auch je nach den leitenden Persönlichkeiten in der 
Zukunft noch eine bedeutende Erweiterung erhalten konnte. Leicht mochten 



1) Neben Polykarp wären noch manche Andere zu nennen, z. B. Origenes. Frei- 
lich kamen auch Gnostiker nach Rom. 

2) So Graul, die christliche Kirche an der Schwelle des irenäsclien Zeitalters S. 188. 

3) So Ziegler, Irenäus S. 150. 

4) Die Stelle der Schrift de unitate ecclesiae, wo es hcisst: priraatus Petro datur 
findet sich nicht in den ältesten Manuscripten und ist späterer römisclicr Zusatz. S. 
Gieseler I. 363. 364. 

5) Darnach sind die Worte des Briefes 5,5 an Cornelius, betreifend Felicissimus, 
welchen Cornelius als Gesandten des Gegenbiscliofs Fortunatus in Carthago angenommen 
hatte, zu verstehen: „navigare audent et ad cathedram Petri, atque ad ecclesiam i»rinci- 
palem, unde unitas sacerdotum exorta est. 

6) Firmilian', Bischof von Cäsarea in Kappadocien, ep. an Cyprian, in den Werken 
des letzteren ep. 75: Stephanus, qui sie de episcopatus sui loco gloriatur et se succes- 
sionera Petri habere contendit. 



förchenzuchi 1^9 

schon damals manche dem römischen Bischof seine herrische Sprache und die 
erwähnten Ansprüche verzeihen, mit Rücksicht darauf, dass er eine voll- 
ivommen richtige Ansicht vertrat, so im Streite über die Osterfeier, so auch 
in dem über die Taufe der Ketzer. 

Zweites Capitel. Geschichte der Kirchenzucht. 

Das lateinische Wort für Zucht, disciplina, hatte wie viele andere Wör- 
ter im kirchlichen Sprachgebrauche der patristischen Zeit einen sehr ausge- 
dehnten Sinn. Bei Tertullian ist disciplina jede Anstalt und Vorschrift, 
welche das rehgiös - sittliche Leben, die gesellschafthch - kirclüichen Verhcält- 
nisse und den Gottesdienst der Christen betrifft. (Apolog. c. 39). So nennt 
Tertullian sc^gar den Dekalog disciplina (Apol. c. 2). Wir nehmen hier das 
Wort im engeren Sinne als Kirchenzucht. Die häretischen Bewegungen üb- 
ten auch auf dieses Gebiet des kirchlichen Lebens ihren Einfluss aus. Die 
katholische Kirchenzucht bildete sich zum Theil im Gegensatze gegen die 
Zuchtlosigk^it, welche man den Häretikern vorwarf. Tertullian, (de praescript. 
haeret. 41) sagt: ^man wisse nicht, wer Katechumene, wer Gläubiger sei, sie 
werfen die Perlen vor die Säue , verachten alle Zucht" u. s. w. Den Gegen- 
satz dagegen l)ildeten die Montanisten mit ihren übertrieben rigorosen Grund- 
sätzen. Es entstand inmitten der katholischen Kirche selbst der Gegensatz 
einer milderen, wohl auch laxeren und einer strengereu Richtung, und aus 
den Contlikten 'zwischen beiden entstanden Spaltungen, während die ka- 
tholische Kirclienzucht die richtige Mitte zwischen beiden Richtungen zu hal- 
ten suchte. Li diesen Bewegungen wurde auch die Llee der Einheit der 
Kirche befestigt. 

Die Kirchenzucht betraf hauptsächlich die Ausstossung aus der Kirche 
und die Wiederaufnahme in dieselbe. Ln weiteren Sinne gehörte dazu die 
Aufnahme der von aussen Hinzutretenden und die Vorbereitungen dazu, die 
in der Geschichte der Taufe in Betracht konunen werden. 

Nach apostolischem Vorgange wurden Ketzer, Abtrünnige und sonstige 
grobe Sünder, Mörder, P^hebrecher u. s. w, von der Kirchengemeinschaft 
ausgeschlossen. Dass denen, welche die Wiederaufnahme in die Kirche be- 
gehrten und hinlängliche Reue zeigten, jene gewährt werden solle, stand 
allen besonnenen Kirchenlehrern fest, wie denn auch Paulus sich für die 
Wiederaufnahme des Blutschänders in Korinth ausgesprochen (1 Kor. 5, 1 
cf. mit 2 Kor. 2, 5 ff.). Strenger Gesinnte beharrten bei einer von Hermas 
imandatum 4, 1) und Clemens Alex. (Stromata, 2, 13) gegebenen Regel, 
dass nach erhaltener Taufe nur noch ein einziges Mal Bussfrist gestattet 
werden solle. Auch glaubten sie, dass jene Sünden, wenn sie nach der Taufe 
geschehen waren, als Todsünden (1 Joh. o, 16) auf immer die Excommuni- 
cation nach sich ziehen müssten. Das Concil von Elvira in Spanien im Jahre 
305 macht eine Menge solcher Fälle nandiaft, die gar nicht immer Todsün- 
den betreffen, z. B. wenn ein Vater seine Tochter einem heidnischen Priester 
zur Frau gibt c. 0. Die mildere Bussdisciplin herrschte in Rom, Aegypten 
und im Oriente vor, und wird auch in den apostohschen Constitutionen 
2, 16 vertreten. Diese milde Bussdisciplin gipfelte in dem vom römischen 



270 fiwte Periode des alten Katholicismus. 

Bischof Kallistus aufgestellten Grundsatze , dass ein Bischof auch wegen einer 
Todsünde nicht abgesetzt werden solle. (Ilippol^tus 9, 12). Strenger war 
man in Nordafrika und in Spanien. In Nordafrika schloss man die durcli 
Unzucht , Mord und Götzendienst Befleckten für immer aus , in Folge monta- 
nistischen Einflusses; diess noch zur Zeit Cyprians. Damals machte man 
zuerst eine Ausnahme mit den Unzüchtigen , hernach mit den in Götzendienst 
Gefallenen (lapsi), deren Zahl zu gross geworden. In Spanien hielt man noch 
zur Zeit des Concils von Elvira die absolute Exconnnunication fest. 

Die Busse, e^ofjioloyrjaig, Bekenntniss , d. h. mit Wort und Tliat, wurde 
bald ziemlich hart und geeignet, eine gewisse Werkheiligkeit zu befördern. 
Tertullian de poenitentia c. 9 beschreibt sie mit grellen Farben. Die poeni- 
tentes, welche mit der Kirche ausgesöhnt zu werden wünschten, nuissten durch 
nachlcässige Kleidung, in Sack und Asche ihre Trauer au den Tag legen, 
fasten, über die begangenen Sünden ernst nachdenken, Tag und Nacht wei- 
nen, seufzen, zu den Füssen der Presbyter sich niederwerfen, vor der Ge- 
meinde und vor Gott das Bekenntniss ihrer Sünden ablegen ; denn , sagt Ter- 
tullian, glaube mir, in soweit du deiner nicht schonest, in soweit wird Gott 
deiner schonen ^). Ueber die Busszeit stand zur Zeit Cyi)rians noch nichts 
fest. Er fordert eine angemessene Zeitdauer (justiun tempm) nach ander- 
weitigen Aeusserungen Ein Jahr. Seit den novatianischen Streitigkeiten über- 
gaben die Orientalen die Pflege der Büssenden einem eigenen Geistlichen 
(TcqeaßvtSQog sni ti^g ^STccvocag). Im Occidente war das nicht der Fall. Zur 
endgültigen Wiederaufnahme hatte die ganze Gemeinde ihre Zustimmung zu 
geben, worin sich noch die Idee des allgemeinen Priesterthums geltend macht. 
Die Absolution konnte nur der Bischof oder im Nothfalle, mit Genehmigung 
des Bischofs, ein Presbyter oder Diakon ertheilen; es geschah durch Iland- 
auflegung. 

Verschiedene Umstände führten bis zum Ende der Periode eine Schärf- 
ung der Bussdisciplin herbei. Da man sich entschloss, die vielen reuigen 
lapsi wiederaufzunehmen, so schien es nöthig, sich ihrer Sinnesänderung 
gehörig zn versichern. Sodann konunt in Betracht, dass die Märtyrer und 
Confessores das ihnen zugestandene Recht, die lapsi zur Wiederaufnahme 
zu empfehlen, misbrauchten und libelli pacis ausstellten {communicet ille 
cum suis) die einer eigenthchen Absolution gleich kamen. Bei dieser Ge- 
legenheit prägte Cyprian den Gefallenen, die sich auf die Autorität der Mär- 
tyrer und Confessores beriefen, ein, dass bloss derjenige die Sünden vergeben 
könne, der sie getragen. Daher sie an den Herrn sich wenden sollen. ^Deu 
Herrn müssen wir durch unsere Genugthuung uns geneigt machen 2)- und zwar 
wird das Gebet ofi*enbar als satisf actio angesehen. 

Die Bussstadien oder Bussgrade werden erst im vierten Jahrhun- 
dert erwähnt, aber als schon bestehende Einrichtung, vom Concil von An- 
cyra im Jahre 313, c. 4 und vom Concil von Nicäa hn Jahre 325, c. 11. Man 
unterschied damals vier Bussgrade. Die auf der ersten Stufe, nQogxlaiovtsg, 
flentes, awdi xeiiia^opteg, kaltem, stürmischen Wetter Ausgesetzte , hiemantes 

1) In quantum non peperceris tibi, tantum tibi Dens, crede, parcet. 

2) Dens nostra satisfactione placandus. 



Reaction. Der Montanismtis. I71 

genannt, mussten im Bussgewande vor den Kirchthüren unter freiem Him- 
mel stehen und die eintretenden Gläubigen mit Thränen um die Wiederauf- 
nahme bitten. Nach einem oder zwei Jahren traten sie auf die zweite 
Stufe, der axQooofjbsvoi^ audientes, wo sie im Hintergrund der Kirche mit den 
Katechumeneu der Predigt und dem Vorlesen der Schrift beiwohnen durften. 
Nach Verfluss von drei Jahren traten sie in die Reihe der vnonintopteg, 
yopvxXiyofjiSPOi, (jenvflectentes , welche, weiter im Schiffe der Kirche vorge- 
rückt, nach Entlassung der Katechumeneu kniend über sich vom Bischof be- 
ten hessen und selber mit der Gemeinde beteten. Nun wurden ihnen für 
kürzere oder längere Zeit verschiedene Bussübungen vorgeschrieben, bis 
ihnen gestattet wurde, aufrecht stehend, daher (Twictafisroi , consis- 
fentes, mit der Gemeinde zusammen zu beten und dem Gottesdienste bis 
zum Ende der inissa fidelium beizuwohnen. Am Abendmahl nahmen sie 
Theil nach der feierlichen Wiederaufnahme in die Kirche, der reconciliatio^ 
die durch HandauHegung geschah. Das Concil von Ancyra Canon 4 und 6 
gebraucht dafür den Ausdruck eX&eiv sig zo teXeiov. Die Stufe zwischen 
der vollendeten I^usse und der reconciliatio ist mit Unrecht von Einigen als 
fünfte Stufe bezeichnet worden. Aus dem ^lorgenlande gieng diese Buss- 
ordnung in das Abendland über. Mit dem Wegfallen der öffentlichen Busse 
hörte sie auf. 

Drittes Cap|tel. Oeschiclite der Reactioiien gegen die erstrebte Art 
der Kirclienzucht und Kirchenverfassung. 

1) Der Montanismusi). 

Der bei Anlass der Clementinen, Tertullians, der ersten Synoden, der 
strengeren Richtung in Handhabung der Kirchenzucht bereits erwähnte Mon- 
tanismus ist zwar keineswegs ausschliesslich das Erzeugniss des Mannes, von 
welchem zuletzt die ganze Erscheinung den Namen erhalten hat. Wohl ver- 
körperte sie sich zunächst in Montanus, wohl gab dieser einen mächtigen 
Impuls; dass er aber Erfolg hatte, einen empfänglichen Boden fand, An- 
hänger gewann, die in seine Anschauung und Bestrebungen eingingen, dass 
er eine bedeutsame Krisis in der katholischen Kirche hervorbrachte, das 
rührt daher, dass er in eine bereits angefangene Bewegung eintrat, sich an 
bereits vorhandene Anschauungen und Bestrebungen anschloss, sie überbie- 
tend und übei-treiben(]. Ebensowenig kann der Montanismus lediglich aus 
dem Einflüsse des zu sinnlich - enthusiastischer Gottesverehrung geneigten 
phrygischen Volkscharakters abgeleitet werden. Dabei darf man aber nicht 
verkennen, dass sich ein solches heidnisch-phrygisches Element durch den 
Montanisnuis hindurchzieht, so dass wir ihn auch als Reaction des Heiden- 
thunis auf die christliche Religionssphäre anzusehen berechtigt sind. Dage- 



1) Euseb. 5, 16 u. ff. Capitel. Epiphanius haeresis 48 und 49. Tertullian's 
Werke. Nea n der, Antignosticus, Geist des Tertullianus. 2. Auflage. 1849. Schwegler, 
der Montanismus und die christUclie Kirche. 1841. Ritschi, a. a. 0. Neander, 
Gl es clor und Baur in ihren Werken über allgemeine Kirchengeschichte. 



2Y2 tlrste Periode des alten :ß;atholicismus. 

gen kann nicht der Einwand erhoben werden, dass die Montanisten — es 
genügt den einen Tertullian zu nennen — hinliliiglich gegen (his Heideuthuin 
polemisirt haben, so wenig wie wir den heidnischen Zug im späteren römi- 
schen Katholicismus abläugnen werden aus dem Grunde, weil derselbe theo- 
retisch sich scharf genug gegen das Heidenthum ausspricht. Jenes heid- 
nisch-phrygische Element ist der faule Eleck, an dem der Mon-^ 
tanismus schliesslich zu Grunde gehen musste. Uebrigens ist der 
Name Montanisten erst späteren Ursprungs, sowohl Tertullian als Euseb kennen 
ihn nicht. Bezeichnend ist es in doppelter Hinsicht, dass Euseb und die 
von ihm benutzten und ausgezogenen älteren Schriftsteller nur von einer 
Sekte der Phrygier (tfQvyf^p algetrig), von phrygisch Gesinnten {oi 
xata (pQvyag) sprechen. 

Um die Mitte des zweiten Jahrhunderts — näher kann der Zeitpunkt 
nicht bestimmt werden — machte sich unter denjenigen, die sich damals in 
und in der Nähe von Phrygien als Inspirirte ausgaben 0, ein gewisser Mon- 
tanus, wahrschehüich ein ehemaliger Priester der Kybele 2) , der seit kurzer 
Zeit zur christlichen Parthei übergetreten war, besonders bemerkhch^) zu- 
nächst in Ardaban, einem Flecken (xo)fiT}) in Mysien, an der Grenze gegen 
Phrygien hin, später in Pepuza in Phrygien (daher der Name Pepuzianei 
bei Epiphanius). Wahrscheinlich in den Gemeindeversamnüungen selbst ge- 
rieth er in Entzücken, in 'Ekstase, rühmte sich besondere übernatürliche 
Oti'enbarungen vom Paraklet empfangen zu haben, vom Paraklat, als dessen 
Organ er sich betrachtete. In räthselhaften , mystisclien Ausdrücken, von 
den Zeitgenossen ^€vo(p(opiai genannt, kündigte er den durch die bis- 
herigen Verfolgungen erschreckten Seelen neue Verfolgungen an und er- 
mahnte zum unerschrockenen Bekenntnisse des Glaul)ens. Er verkündigte 
die Strafgerichte Gottes über die Verfolger der Kirche, die nahe Wieder- 
kunft Christi und die baldige Verwirklichung des tausendjährigen Reiches, 
dessen Herrhchkeit er in anziehenden Bildern schilderte. Er stellte sich 
auch dar als sittlich-religiöser Reformator. Durcli ihn sollte die Kirche zu 
einer höheren Stufe der Vollkommenheit geführt, zu einer strengeren Sitt- 
lichkeit in Grundsätzen und im Wandel geführt werden. Er berief sich auf 
die Verheissung Christi, dass der Geist Dinge ottenbaren werde, die der Er- 
löser seinen Jüngern noch nicht offenbaren konnte. Er glaubte auch berufen 
zu sein, Aufschlüsse, betreuend die dogmatischen Zeitfragen, zu geben. Die 
kathohsche Lehre, soweit sie zu seiner Zeit fest stand, grift' er aber nicht 
an. Zwei Frauen, Maximilla und Priscilla (Prisca) schlössen sich ihm 
an; sie wollten als Prophetinnen anerkannt sein. Der Priscilla erschien 
der Herr, wie sie angab, in Gestalt eines Weibes, bekleidet mit glänzendem 



1) Die Zusätze zu Tertullians de praescript. haeret. 1. 52 nennen Proclus und 
Aescliines Eusebius 1. c. Alcibiades, Theodot, Alexander, Themiso, der spanische Bischof 
Pacian nennt Blastus und Leucius Carinus als Stifter der Sekte. 

2) Didymus de trinitate lib. DI. sagt, er sei früher ffQfv^ mfoyXov gewesen. 
Hieron. 27 ad Marcellam nennt ihn abscissum et semivirnm. 

3) Was wir mit Sicherheit daraus schliesscn , dass über ihn die ausführlichsten An- 
gaben vorliegen. 



Der Montanismus. 173 

Gewände. ^^So angethan kam er, wie sie sagte, zu mir und goss Weisheit 
in mich aus und lehrte mich, dieser Ort (nänüich Pepuza) sei heilig und hier 
werde das himndische Jerusalem niedersteigen. ^^ Was nun durch Montanus 
und seine schwärmerischen Begleiterinnen nur fragmentarisch in der Sprache 
des Gefühls vorgetragen worden, wurde durch den Geist eines TertuUian 
mit klarerem Bewusstsein aufgefasst und zu einem systematischen Ganzen 
verarbeitet, wobei man sich aber hüten muss, alle Gedanken des durch 
seine Geistesentwicklung viel bedeutenderen TertuUian dem ungebildeteren 
Montanus beizulegen. 

Das montanistische Offenbarungsprincip nahm von Anfang an die Form 
der heidnischen Mantik an. Montanus erklärt sich darüber mit unzweideu- 
tiger Otlenheit: „Siehe, der Mensch ist wie eine Leier, und ich (der Geist) 
spiele darauf wie ein Plektron. Der Mensch schläft und ich wache. Siehe, 
der Herr ist es, der die Herzen der Menschen in Entzücken versetzt (e^KTtct' 
vüüu) und den Menschen ein Herz gibt;" „ich bin der Herr, der alhnächtige 
Gott, der in dem Menschen Wohnung macht'' ^j. Der Mensch verhält sich 
also zur Einwirkung des Geistes vollkommen leidend, so sehr, dass er das 
Selbstbewusstsein verhert. Der Montanismus , der in anderer Beziehung dar- 
auf ausging, das subjektive Element in sein Recht einzusetzen, fängt also 
damit an, dass er die Subjektivität unterdrückt, freilich nur um eine desto 
grössere Verherrlichung derselben vorzubereiten. In ähnUcher Weise spra- 
chen sich die Begleiterinnen des Montanus aus. Sie beriefen sich auf Stellen 
des alten und neuen Testaments, — dass der Herr eine extjxaaig (falsche 
Uebersetzung der LXX Genesis 2, 21), auf Adam fallen liess. TertuUian be- 
rief sich darauf, dass Petrus bei der Verklärung Christi nicht wusste, was 
er sagte, nach Lukas 9^ 33, dass die grössere Menge der Menschen Gott 
aus Träumen kennen lernt (de anima c. 47), und Anderes dergleichen. Da- 
her konnnt TertuUian dazu, das montanistische Offenbarungsprincip so zu 
fornuiliren: ^der Mensch, der unter dem Einflüsse des Geistes Gottes steht, 
muss nothwendig das Bewusstsein verheren, sofern er von der göttlichen 
Kraft überschattet wird" 2). Das war ein der bibUschen Offenbarung alten 
und neuen Testaments durchaus widersprechendes, wahrhaft paganisches 
Princii), welches, wenn man es hätte gewähren lassen, die bedauerlichsten 
Verwüstungen hätte anrichten können. Die Montanisten selbst suchten die 
Tragweite dieses Princips zu verringern, damit es weniger gefährlich er- 
scheine, sei es, dass sie lehrten, wenigstens in einigen Punkten bringe der 
Paraklet nichts Neues vor 3) , «ei er mehr restitutor als institutor , sei es, 
dass sie erklärten , nach Montanus und seinen Begleiterinnen werde kein Pro- 
phet noch Prophetin mehr auf Erden aufstehen, sondern das Ende kommen *). 



1) Gewissermassen ähnUcli haben sich Justin M. und Athenagoias über die pro- 
phetische Begeisterung ausgesprochen. 

2y Homo in spiritu Bei constitutus necesse est excidat sensu, obumbratus virtute di- 
vina. adv. Marcioncra 4, 22. Ebendaselbst sagt er: in causa novae prophctiae gratiae ecs- 
tasin i. e. amentiam con venire. 

o) Nihil novi paraclotus inducit. TertuUian de monogaraia c. o hat im Sinne die 
Enthaltung von der Ehe. 

4) Maximilla sagte: ^n' f/^iov nQotprjTig /ufjxfrt ecrai akka cv^reketa. 



174 • Erste Periode des alten Katliolicismus. 

Sie priesen den sich ihnen oHenbarenden Paralclet als den Führer in alle 
Wahrheit. 

Die christliche Sitte war das nächste Feld der Bethtltiji;ung des Mon- 
tanismus. Grundsatz war, dass jeniehr die Welt ihrem Ende entgegen geht 
Ccollectiore tempore, sub cxtremitatibus temporum), um so weniger die Schwach- 
heit des Fleisches geschont werden solle, und so wie die Sünden der Men- 
schen vor allem libido und gula betreffen, so wurden die strengsten Aus- 
sprüche dagegen gerichtet, daher das strenge Fasten, (Xeropliagiae), wie 
es die Asketen übten, zum Gesetz gemacht, daher das Fasten auch an deii 
dies stationum (wovon später) vorgeschrieben, daher unbedingtes Verbot der 
zweiten Ehe, übertriebene Werthschätzung des ehelosen Lebens und ent- 
schiedene Geringschätzung der Ehe , von der gesagt wird , dass sie von der 
Hurerei nicht wesentlich verschieden sei ^). Namentlich für die Geistlichen 
und die Gültigkeit ihrer Verwaltung der Sacramente ist der Coelibat von we- 
sentlicher Bedeutung 2j. 

Derselbe übertriebene Rigorismus zeigt sich in dem unbedingten Ver- 
bote, sich durch die Flucht der Verfolgung zu entziehen; ^wünscht nicht in 
euren Betten zu sterben, sondern als Märtyrer, auf dass derjenige verherr- 
licht werde, der für euch gelitten hat,'^ das ist auch eine der Offenbarungen 
des Paraklet, deren Montanus sich rühmte. 

Aus denselben Offenbarungen ergab sich für diejenigen, die sich daran 
hielten, ein eigenthündiches Verhältniss zum Christenthum , zur Kirche, zur 
Kirchenverfassung, zur Kirchenzucht. Obwohl die Montanisten anerkennen, 
dass sie mit der Gesammtkirche denselben Glauben, dieselben Sacramente ha- 
ben , so sehen sie sich doch als solche an , welche den realisirten Begriff' der 
Kirche innerhalb des katholischen Ganzen darstellen, als die Gemeinde des 
Geistes, die aus erleuchteten Christen, aus geheiligten ^litgliedern zusammen- 
gesetzt ist. Sie sind die wahrhaft geistlichen Menschen, die Pneuma- 
tik er, im Unterschiede von den Psychikern, die nach 1 Kor. 2, 14 den 
Geist nicht empfangen 3), Anhänger der Bischöfe, Gegner des Geistes, Men- 
schen der blosen Seele {im Gegensatz vom nvev^a) und des Fleisches, so 
dass bei solchen Ansichten das Bewusstsein der Zusannnengehörigkeit mit 
den übrigen kathohschen Christen , die Anerkennung der katholischen Kirche 
als der Kirche Christi dem TertuUian bisweilen fast abhanden kam. 

Aus denselben Offenbarungen des Geistes, wie sie regellos bald in die- 
sem, bald in jenem hervorquellen, aus der an alle Gläubigen in gleicher 
Weise ergehenden Forderung vollkommener Heihgkeit ergab sich ferner, dass 
von einem eigenen, mit den götthchen Dingen betrauten Stande nicht mehr 



1) TertuUian de exhortatione castitatis c. 1 ijtsae (nuptiae) ex eo constant, quod 
est stuprum. 

2) Diess liegt schon in der Stelle de exbortat. castitatis c. 7, — deutlicher noch in 
den der Priscilla zugeschriebenen Worten: quod sanctus (eheloser) minister sanctinioniam 
noverit ministrare. Purificantia enim concordat, d. h. denn die Reinigung (die Virgini- 
tät) verbindet den Menschen mit dem Heiligen. 

3) Non recipientes spiritum. (Tert. de monogamia c. 1). So nennt er auch den Glau- 
ben der Psychiker eine fides animalis. 



Der Montanismus. 175 

die Rede sein konnte. Die Idee des allgemeinen Priesterthums wird ge- 
braucht als Angriffswalle gegen den geistlichen Stand, gegen die Bischöfe 
zumal. „Wenn es gilt, sagt TertuUian, uns gegen den Klerus zu erheben, 
sind wir alle eins, dann sind wir alle Priester, weil der Herr uns Gott und 
dem Vater zu' Priestern gemacht hat,*^ (Apokalypse 1, 6. 5, 10). Jeder Christ 
steht daher in gleichem Verhältniss zu der Disciplin, so dass z. B. das Ge- 
bot tler Monogamie für die Bischöfe nicht mehr gilt als für die Laien. Auch 
der Laie, sofern er sich vom Geiste leiten lässt, hat die Befugniss , die Sacra- 
mente auszutheilen , und wenn er die Ausübung dieses Rechts den Bischöfen 
überlässt, so thut er dies nur nach menschlichem, nicht nach göttlichem 
Recht (propter ecclesiae honorem). Den Unterschied zwischen Klerus und 
Volk hat lediglich die Autorität der Kirche festgesetzt (de exhortat. cast. c. 7), 
der Kirche , die eigentlich nicht die wahre , dem Begriff entsprechende Kirche 
ist, „Denn die Kirche ist eigentlich und hauptsächlich der 
Geist; dieser ist es, der diejenige Kirche sammelt, welche der Herr auch 
aus dreien bestehend erklärt hat." Die kirchlichen Befugnisse hat und übt 
daher nur die Kirche des Geistes durch geistliche Menschen, nicht die 
Kirche , die aus einer Anzahl von Bischöfen besteht (de piidicitia c. 21) i). 
Jene Kirche allein, sie, deren I^ischcife und Gesetzgeber die Schüler des Pa- 
raklet sind, kann Sünden vergeben, aber sie thut es nicht, um die Leute nicht 
zur Sünde zu verleiten 2). 

Wie das montanistische Offenbarungsprincip eine völlige Umgestaltung der 
Kirchenverfassung, eine Art von Auflösung derselben in sich schloss, so musste, 
wo jenes Princip Geltung fand , auch eine gewisse Umgestaltung der Kirchen- 
zuclit erfolgen. Dass es Sünden gebe, wofür der Mensch durch Busse Ver- 
gebung erlangen könne, (hirin stimmten die Montanisten mit den Katholiken 
überein. Davon unterschied man solche Sünden, welche den ganzen Grund 
des Christentliums umstossen, und welche zu vergeben die Kirche keine Be- 
fugniss hat; auch darin waren die Montanisten mit den Katholiken einig. Un- 
ter diesen Sünden, den eigentlichen Todsünden verstand man in der ka- 
tholisclien Kirche Gcitzendienst und Mord; ndt dieser Beschränkung der Tod- 
sünden waren aber die Montanisten nicht einverstanden ; sie wollten die ttoq- 
reia und fiotxeta aucli unter die Todsünden gerechnet wissen. Ihr Wider- 
spruch wurde [)esonders hiut, als Bischof Zephyrinus von Rom erklärte, solche 
Sünder, nachdem sie Busse geleistet, in die christliche Gemeinschaft wieder 
aufnelimcMi zu wollen. In dem darob entbrannten Streite handelte es sich 
niclit darum, ob solche Sünder nicht noch lUisse thun und Vergebung erlan- 
gen könnten, sondern ob die Kirche die Befugniss habe, sie wieder aufzu- 
nehmen; das erste läugneten die Montanisten durchaus nicht unbedingt, aber 
sie meinten, das müsse man Gott anheimstellen; das zweite wollten sie in 
keiner Weise zugeben. Denn das widersprach ihrem Begriffe von der Heilig- 
keit der Kirche. 



1) Non ecclcsia numerus episcoporum. 

2) Ausspruch eines montanistischen Propheten bei Tert. de pudic. c. 21: potest ec- 
clesia donare delictum, sed non faciam, ne et alia delinquant. 



176 Erste Periode des alten Katliolicismus. 

So sollten denn die kirchlichen Einrichtungen nach dem Bedürfnisse 
der Zeit durch die fortlaufenden Belehrungen des Paraklet verändert und 
vervollkommnet werden. Er kann abändern, was Paulus noch zugelassen i). 
Er ist auch au keine in der Kirche herrschende Gewohnlioit gebunden. 
„Denn unser Herr Christus nannte sich die Wahrheit, nicht die Gewohnheit. 
Die Häresien widerlegt nicht sowohl ihre Neuheit als die Wahrlieit. Was 
wider die Wahrheit streitet, das ist für uns Häresis, auch die alte Gewohn- 
heit^^ (de virg. vel. c. 1). TertuUian macht liier das Gesetz der allmälichea 
Entwicklung in der Natur geltend und wendet es auf die Entwicklung der 
bibhschen OÜ'enbarung an. 

^^Sieli doch, wie ein Naturgewächs sich nach und nach zur Frucht 
entwickelt, zuerst das Samenkorn, aus dem Samenkorn wird ein Straucli 
u. s. w. So auch die Gerechtigkeit. In ihren ersten Anfängen war si(; 
die sich selbst überlassene, Gott fürchtende Natur, dann schritt sie durch 
Gesetz und Propheten zur Kindlieit fort, durch das Evangelium erhielt si(5 
ihre feurige Jugendkraft, durch den Paraklet bildet sie sich nun zur Reife 
aus.'^ Hier gerieth der Montanisnuis freilich an einen gefährlichen Punkt 
Ist nänüich jetzt die Periode des Paraklet, so folgt, dass die Apostel den 
Paraklet nicht hatten. Dazu stinnnt, was wir oben anführten , dass der Para- 
klet abschafft, was Paulus angeordnet, dass die Herrscliaft des Paraklet in 
der nachapostohschen Zeit beginnt, dass die Zeit der Apostel sich als Ju- 
gendperiode von der Zeit der männhchen Reife, im Montanisnuis erreicht, un- 
terscheidet. Die Montanisten behalfen sieh in dieser Verlegenheit, um nicht 
in zu evidenten Widerspruch mit sich selbst zu gerathen, mit der Unter- 
scheidung zwischen dem in den Aposteln wirksamen lieiligen Geist und dem 
Paraklet in Montan und den Seinen. Mit Recht haben aber die späteren 
Häreseologen , selbst Augustin (Häresis 26) diesen Unterschied nicht gelten 
lassen. So entspricht der Ausgang des Montanisnuis seinem Anfange. Ist er 
in seinem Ursprünge von der Linie der Schrift abgewichen, so kann man 
sich nicht wundern, dass er auch in seinem Ausgange davon abweicht. 

Es war von vornherein zu erwarten, dass eine Erscheinung wie der 
Montanismus grosse Aufregung verursachen, theils begeisterte Anhänger, 
theils entschiedene und heftige Gegner linden würde. Was dem Montanis- 
mus Anhänger zuführte und erhielt , war der schwärmerische Charakter des- 
selben, ein gewisser geistUcher Stolz, ein gewisses Unbeliagen mit dem sich 
consolidirenden Episkopat, so wie auch ein ^gewisser sittlicher Rigorismus, 
der davon ausging dass das christliche Leben hinter seinem Ideale gar zu 
weit zurückbleibe. Dazu kam bei vielen vielleicht auch die Furcht v(U* den 
das Christenthum verllüchtigenden Speculationen der Gnostiker. Die Anzahl 
derjenigen, die sich bei dem ersten Auttreten des Montanus hatten verführen 
lassen, niuss nicht so gering gewesen sein, wie der anonyme Verfasser einer 
Gegenschrift bei Euseb. 5, 16 es angibt. Hatte doch derselbe anonyme Ver- 
fasser die. Gemeinde von Ancyra in Galatien von der neuen Prophetie über- 
täubt gefunden. Unter den Gegnern in Kleinasien sind besonders zu nennen 



1) Si Christus abstulit, quod Moyses praecepit, cur uon paracletus abstaiorit, quod 
Paulus indulsit? de monogamia c. 14. 



Der Montanismus. 177 

Claudius Apollinaris, Bischof von Hierapolis in Phrygien, Miltiades, 
der eigens gegen das Offenbarungsprincip der Montanisten schrieb, sodann der 
schon genannte Anonymus, welcher höchst ungünstige Dinge über den Ausgang 
des Montanus und seiner Begleiterinen, sowie des Theodotus, berichtet, Dinge, 
von denen er selbst nicht zu behaupten wagt, dass sie der Wahrheit ent- 
sprechen, derselbe, der auch die Inspiration, deren sie sich rühmten, für 
etwas Dämonisches ansah. — Ihre heftigsten Gegner sind die sogenannten 
Aloger. Dass die Montanisten, wie der genannte Anonymus berichtet, schon 
um die Mitte des zweiten Jahrhunderts in Kleinasien aus der Kirche aus- 
gestossen wurden, ist kaum glauWich. Es scheint, dass die Initiative, aus 
der Kirche auszuscheiden, nach einiger Zeit, als sie durch den Widerspruch, 
den sie erfuhren, in ihrer Ansicht sich versteift hatten, von ihnen selber aus- 
ging. In Rom fand der Montanismus bei Vielen Anklang, wie die novatia- 
nische Bewegung es beweist. Selbst ein römischer Bischof, wahrscheinlich 
Eleutherus 170 — 185, war im Begriffe, wie Tertullian berichtet, die monta- 
nistischen Propheten anzuerkennen, — doch gewiss in höchst bedingter 
Weise — , als er durch Praxeas davon abgehalten wurde. Eleutherus war zu 
einem milderen Urtheil über die Montanisten bewogen worden durch einen 
Brief der Gemeinde in Lyon, in welcher viele Montanistisch -gesinnte aus 
Phrygien sich befanden. Der Brief, vom Presbyter Irenäus überbracht, so 
wie auch wahrscheinlich von ihm verfasst, scheint das Gewicht der Streit- 
punkte zwischen den Kathohken und den Montanisten herabgesetzt, manche 
übertriebene Beschuldigung derselben widerlegt und die christliche Eintracht 
mit denselben empfohlen zu haben. Praxeas brachte Eleutherus auf andere 
Gedanken, theils durch die Berufung auf das Verfahren der Vorgänger 
Anicet und Soter, theils durch ungünstige Schilderung der montanistischen 
Gemeinden. Irenäus selbst scheint bald von seinem milderen Urtheile über 
den Moutanisnuis zurückgekommen zq sein, obgleich er nicht dahin kam, 
mit den extremen Antimontanisten alle aussergewölmUchen Erscheinungen 
der neuen Prophetie zu verwerfen (adv. haer. 3, 11. 9). Er bekämpfte den 
Montanismus in der Schrift gegen Blastus nsQi (TxKTficctog^ welcher (nach 
Euseb. 5, 14. 15), wahrscheinlich zu den Montanisten gehörte. In Africa 
waren schon vor dem entschiedenen Auftreten Tertullian's Grundsätze und 
Bestrebungen vorhanden, offenbar gleichlautend mit denen der Montani- 
sten , wie die Mäityreracten von Perpetua und Fehcitas es deutlich beweisen. 
Die beiden edlen Märtyrerinen dachten nicht an eine Trennung von der Kirche, 
wurden auch wegen ihrer montanistischen Richtung nicht beunruhigt, und wer- 
den bis auf den heutigen Tag in der katholischen Kirche als Heilige verehrt. 
TertuUian vertrat den seiner Eigenthümlichkeit zusagenden Montanismus mit 
aller Kraft seines originellen, ideenreichen Geistes und vertiefte sich immer 
mehr in dieser Richtung. Wenn er früher noch Eine Busse nach der Taufe 
gestattet hatte (de poenit. c. 7 fg.) , verwarf er sie nun (de pudic. c. 16), 
wenn er früher die Flucht bei der Verfolgung erlaubt hatte (ad uxorem 
c. 3) , verwarf er sie nun und schrieb eine eigene Schrift dagegen (de fuga 
in persecutione'). Es nuiss sich eine montanistische Gemeinde in Carthago 
gebildet haben, die den Namen der Tertullianisten erhielt und zur Zeit 
Augustins (de haeresibus c. 86) zur katholischen Kirche zurückkehrte. Der 

Herzog, Kirchenyeschichte I. 12 



178 ISrste Periode des alten Katholicismua. 

Montanismus wurde dem Namen nach im Occideute verworfen, aber es 
erhielten sich montanistische Grundsätze und TertuUian's Schriften blieben in 
Ansehen. Cyprian nährte sich aus ihnen. Aber selbst der gewaltig^e Geist 
eines Tertulhan vermochte nicht, dem Montanismus als solchem eine sieg- 
reiche Bahn zu eröffnen. 

Von wesentlicher Bedeutung ist die indirecte Einwirkung des Monta- 
nismus auf die katholische 'Kirche. So darf man wohl behaupten, dass das 
Zurücktreten des allgemeinen Priesterthums und die Feststellung des gottes- 
diensthchen Charakters des Klerus als Gegenwirkung gegen den Montanis- 
mus erfolgten. Insofern der Montanismus alle Einrichtungen verwarf, welche 
zur äusseren Einheit und Ordnung der Kirche nothwendig waren, sie als 
Concessionen an das Princip der Welt verwarf, beki'äftigte er indirect des Ii'enäi.s 
Bestreben, den Abschluss der katholischen Kirche durch feste bischöfliche 
Verfassung zu verstärken. Was der Montanismus an seinen Führern und 
Propheten hatte, das sollte durch eine geordnete, von Amtswegen im Besitze 
des heihgen Geistes befindhche Hierarchie ersetzt und dadurch das monta- 
nistische Princip als überflüssig und falsch erwiesen werden (Ziegler S. 284^. 
Der Episcopat gestaltete sich so zu einer Reaction gegen den Montanismus 
wie gegen die Gnosis, so wie der Montanismus eine Reaction gegen den Epis- 
copat war. Der Montanismus musste nothwendig auch auf den katholischen 
Kirchenbegriff eine Rückwirkung üben. Der montanistische Grundsatz, dass 
die Heiligkeit der Kirche in der gesetzhchen Strenge ihrer Mitglieder wurzle, 
trieb zum anderen Grundsatze hin, dass die Heihgkeit der Kirche lediglich vom 
Besitze der Sacramente abhänge. So kam der Satz zur Geltung, dass die- 
empirische kathoüsche Kirche mit ihrem Begriffe identisch sei, während dei' 
Montanismus mit seinen gesteigerten Anforderungen an die Mitglieder dei 
Kuxhe zuletzt die Bildung des Begriffs der sichtbaren und unsichtbaren 
Kirche vorbereitete. 

2) Kirchenspaltung des Felicissimus in Carthago.i). 

Dass in der heftigen Decischen Verfolgung, welche nach langer Ruhe 
die Christen in einem Zustande der Erschlaffung übeiTaschte, Viele in ver- 
schiedenen Formen den Glauben verläugneten , davon ist in der Geschichte 
der Verfolgungen die Rede gewesen. In dem Sprengel des Bischofs Cy- 
prian us von Caithago, der während der Verfolgung die Flucht ergritten, 
entstanden bei diesem Anlasse bedenkliche Um'uhen. Die Märtyrer miss-_ 
brauchten ihr altes Vorrecht, die Gefallenen zur Wiederaufnahme in diej 
Kirche zu empfehlen, wobei immer vorausgesetzt wurde, dass diese zuvor' 
Busse gethan, und dass Bischof, Klerus und Volk die eigenthche Entscheid- 
ung gaben. Nun aber erhessen die Märtyrer viele sogenannte lihelli pacis 
in gebieterischem Tone abgefasst : communicet ille cum suis. Darauf fussend 
zwangen einige lapsi mehrere Geistliche , sie ohne weiteres in die Kirche 
wieder aufzunehmen. Mit den Märtyrern und diesen lapsi machte gemein-- 
schaftliche Sache ein Theil des Klerus in Carthago, der sich schon der Wahl 
des Cyprian zum Bischof widersetzt hatte. Dieser, sich gründend auf die 
vorher entwickelten Gru ndsätze, widersetzte sich aufs eifrigste solchem Ver- 

1) S. Cypr. epist. 38—40. 42. 55. 



Dag novatianische Schisma. I79 

fahren. Dadurch wurde die Partei der Missvergnügten, an deren Spitze der 
Diakonus Felicissimus stand, nur noch gereizter. Nach der Eückkehr. 
des Cyprian im Jahre 251 wurden sie excommunizirt und wählten den For- 
tunatus zum Bischof, einen jener alten Gegner Cyprian's; sie bestanden 
aber nicht lange. Sie hatten zwar die bischöfliche Gewalt an sich nicht ab- 
zuschauen gesucht, aber die Einheit derselben durchbrochen durch die eigen- 
mächtige Aufstellung eines Gegenbischofs. 

3) Das novatianische Schisma in Romi). 

In diesem Theile der Kirche traten die Gegensätze der milderen und 
strengeren Handhabung der Kirchenzucht mit besonderer Intensität hervor, 
einander gegenseitig verstärkend, wobei jedoch zu beachten ist, dass die 
Anhänger der strengeren Richtung nicht soweit giengen, denjenigen, welchen 
sie die Wiederaufnahme in die Kirche verweigerten, die Hoffnung der Selig- 
keit abzusprechen. Ihr Grundsatz war, man müsse sie zur Busse ermahnen 
und sie der göttlichen Bannherzigkeit empfehlen. Die Vergebung ihrer 
Sünden müsse man dem Gott anheimstellen, der allein die Macht habe, die 
Sünden zu vergeben. Dieselbe Partei stellte den Grundsatz auf, dass eine 
Kirche, welche die in Götzendienst und andere Todsünden Gefallenen wieder 
aufnehme, den Charakter und die Rechte der wahren Karche verliere, inso- 
fern Reinheit und Heiligkeit ein wesentliches Merkmal der wahren Kirche seien 
(Sokrates K. G. 4, 28). In Festhaltung dieses Grundsatzes tauften sie sogar 
die zu ihnen übertretenden Katholiken aufs neue. Sie nannten sich in den 
Schreiben, die sie an griechische Gemeinden richteten, die Reinen, oi xa- 
^agoi 2), und ihre Geistlichen trugen wenigstens später weisse Kleider als 
Symbol der inneren Reinheit (Sokrates K. G. 6, 22). 

An der Spitze dieser Partei stand der vorhin schon als Schriftsteller 
erwähnte römische Presbyter Novatianus, von Euseb. 6, 43 irrigerweise 
Novatus genannt, von seinem Gegner Cornelius zwar in den schwärzesten 
Farben geschildert, doch ein redlicher Mensch von strenger Denkart, ein 
christhcher Ascete, deswegen in Ansehen stehend, aber nicht von gehöriger 
Festigkeit des Charakters. Es gesellte sich zu ihm der carthagische Pres- 
byter Novatus, einer der Gegner des Cyprian in Carthago, Theilnehmer am 
Schisma des Felicissimus und in Folge dessen nach Rom gekommen, ein 
unruhiger Mann, von dem man glauben könnte, dass er sich widersprechende 
Handlungsweise erlaubte, wenn es galt, Unruhen zu erregen und sich selbst 
geltend zu macheu 3). Indess er in Carthago der Partei derjenigen ergeben 
gewesen, welche die laxeren Gnmdsätze vertheidigten, trat er in Rom als Ver- 



1) S. Cypr. epist. 41—52. Der Brief des Cornelius an B. Fabius v. Ant. bei Eus. 

6, 43. Brief des Dionys. v. Alex, an Novatian, Eus. 6, 45, und an Dionys. von Eom, 

7, 8. — Ein Vorläufer dieser Bewegung war die Gemeinde, die sich um Hippolytus ge- 
sammelt hatte. S. oben S. 127. 

2) Daher spricht auch das Concil von Nicea im achten Kanon 71€qi zcou opofxa- 
Covrtav httvrovg Ka&agovg. 

3) Doch vielleicht hatte er aus Unzufriedenheit mit seiner Partei Carthago ver- 
lassen. 

12* 



jgQ Erste Periode des alten Katliolicismus. 

theidiger der strengen, montanistischen Grundsätze auf. Die Partei, die 
solche aufgestellt, zerfiel 251 mit dem neuerwählten Bischof Cornelius, gegen 
den sie die zwei Anklagen erhob, dass er die Gefallenen in die Kirche wie- 
der aufnehme und überdiess ein libellaticus sei. Obgleich Novatus die thätige 
Seele der Partei war, so wurde doch Novatianus, der einen sehr guten Ruf 
hatte, der als römischer Presbyter grosse Autorität ausüben konnte, der 
übrigens jene strengen Grundsätze mit ganzer Seele sich angeeignet hatte, 
vorgeschoben und, wie er selbst bezeugte, wider seinen Willen zum Biscliof 
gemacht ^). Die Novatianer suchten und fanden bei anderen Bischöfen An- 
erkennung. Als sie sich nach Carthago gewendet, trat ihnen Cyprian, der 
früher ähnUche Grundsätze gehegt hatte, schroff entgegen und zeigte sich 
als der eifrigste Vertheidiger des Cornelius. Er erklärte sich gegen die 
absolute Ausschhessung der Gefallenen aus der Kirche, gegen die darauf 
gegründete Forderung der Reinheit der Kirche, in welcher das Unkraut mit 
dem Weizen vermischt sei, und stellte bei diesem Anlasse so wie bei Anlass 
des Schismas des Fehcissimus seine Theorie von der Einheit der Kirche auf. 
Obwohl er Alles anwendete, um recht viele Bischöfe gegen die Novatianer zu 
stimmen, erhielten sie sich noch lange. Constantin der Grosse und das 
nicänische Consil liessen sie gewähren. Einer ihrer Bischöfe, der die Ai- 
sicht des Athanasius theilte, war ein Mitglied des Concils von Nicäa unl 
durfte ungestraft den eigenthümhchen Grundsatz seiner Partei über die ab- 
solute Excommunication aussprechen (Sokr. K. G. 1, 10). In Phrygien ver- 
einigten sich die Novatianer mit den Ueberresten der Montanisten. 

4) Schisma zwischen der afrikanischen und der römischen 
Kirche über die Taufe der Häretiker. 

Diese Spaltung läuft zuletzt auf eine dogmatische Streitfrage hinaus, 
sie verschlingt sich aber auch in eine Frage, die Kirchenverfassung betref- 
fend. Denn es handelte sich dabei um Zurückweisung der Ansprüche des 
römischen Bischofs auf den Primat. Diese Ansprüche sind anzusehen als 
Reaction gegen die durch die grosse Mehrheit der Bischöfe erstrebte Art 
der Einheit der Kirche, welche die Oberherrschaft einer einzelnen Kirche 
schlechterdings ausschloss. 

In Afrika, Aegypten, Syi'ien und Kleinasien bestand die Sitte, die 
Häretiker, die von Häretikern getauft worden, bei ihi'em Eintritt in die 
kathohsche Kirche wieder zu taufen, d. h. die durch Häretiker ertheilte 
Taufe als nichtig zu betrachten und ihnen nun erst die wahre Taufe zu 
ertheilen, keine Wiedertaufe. In Afrika wenigstens war aber diese Sitte 
nicht alt,^ sondern ziemhch neuen Ursprunges. Cyprian (ep. 73) datirt sie 
von den Zeiten des Bischof Agrippinus her, um das Jahr 220. Damals war 
auf einem Concile von Carthago die Sitte angenommen worden. Noch später 



1) Cornelius in dem angeführten Schreiben an Fabius stellt die Sache so dar, als 
ob Novatian lediglich aus Ehrgeiz gehandelt und sich eigenmächtig vorgedrängt habe. 
Novatian selbst sagte, er sei axMv vorwärts getrieben worden j das hält ihm Dionysius 
im angeführten Schreiben vor. 



Schisma über die Taufe der Häretiker. 1$1 

geschah diess in Kleinasien auf den Concilien von Iconium und Synnada im 
Jahre 235 (Cypr. ep. 75, Brief des Firmilian). Cyprian und Firmilian, Bi- 
schof von Cäsarea in Kappadocien erkennen sehr wohl, dass die Sitte die 
consuetudo gegen sich habe. 

Sie gab Anstoss, seit dem die Novatianer ebenfalls die zu ihrer Sekte 
üebertretenden zu taufen anfingen. Es wurden darüber in Afrika zwei Kir- 
chenversammlungen gehalten, welche durch den überwiegenden Einfluss Cy- 
prian's geleitet, sich für die Taufe der Häretiker erklärten (255. 256). Der 
Bischof ging nämlich von dem Gesichtspunkte aus, dass die von Häretikern 
ertheilte Taufe völlig ungültig sei, dass die Häretiker den heiligen Geist, 
um den es sich ja in der Taufe handle, nicht geben könnten, weil sie selbst 
ihn nicht besässen. Es gebe nur Eine Taufe, wie es nur Einen Glauben^ 
nur Eine Hoffnung gebe, und diess sei allein in der Kirche zu finden; das 
habe nichts zu sagen, dass die Novatianer die zu ihnen Üebertretenden 
taufen, da es ihn nichts angehe, was die Feinde der Kirche thun. So wie 
die Affen die Menschen nachahmen, so wolle Novatian die Auctorität der 
Kirche und die Wahrheit nachäffen (ep. 70 — 73). Gemäss der kirchhchen 
Sitte der gegenseitigen Mittheilung der Synodalbeschlüsse, überdiess geleitet 
durch das Bestreben, eine Uebereinstimmung mit Rom zu Stande zu bringen, 
theilte die zweite jener carthagischen Synoden vom Jahre 256 dem römischen 
Bischof Stephanus ihre Beschlüsse mit. Cyprian bemerkte im Begleitschrei- 
ben , dass Einige andere Ansichten hätten , dass sie übrigens Niemandem ein 
Gesetz vorschreiben wollten, da jeder Bischof für seine Person verantwort- 
lich sei, worauf Stephanus in stolzen Ausdrücken den Afrikanern seine 
Verwunderung zu erkennen gab. ;,Es solle keine Neuerung vorgenommen 
werden, sie sei denn in der Tradition begründet ^), so dass dem, der von 
der Häresis zur katholischen Kirche kommt, die Hände aufgelegt werden 
als einem Büssenden (ad poenitentiam)" . Es wurden bei diesem Anlasse 
heftige Briefe zwischen den beiden Männern gewechselt. Cyprian beschuldigte 
den römischen Bischof, dass er nicht zur Sache Gehöriges , sich selbst Wider- 
sprechendes ohne Verstand vorgebracht habe, dazu bemerkte er,'dass es eine eitle 
Hartnäckigkeit sei, die menschliche Tradition der göttlichen Anordnung vorzu- 
ziehen, dass die Gewohnheit • ohne die Wahrheit nur ein alter Irrthum sei 2), 
woraus aufs neue hervorgeht, dass die Taufe der Häretiker nicht von Anfang 
bestanden. Stephanus wurde auch beleidigend; er nannte Cyprian einen 
PseudoChrist, falschen Apostel, betriigerischen Arbeiter (ep. 75). Darauf 
hob derselbe die lürchengemeinschaft mit der afrikanischen Kirche auf. 
Eine dritte Synode in Carthago (1. Sept. 256), in derselben Angelegenheit 
versammelt, bestätigte den Gebrauch der Ketzertaufe, unbekümmert um die 
Excomnmnication des römischen Bischofs. Bischof Firmilianus bezeugte dem 
Bischof von Carthago in einem bereits angeführten langen Briefe (ep. 75 in 
der Briefsammlung des Cyprian) die volle Einstimmung der Kirchen seiner 
Provinz. Das Schreiben enthält die stärksten Beschuldigungen gegen Ste- 
phanus. Es wird ihm Thorheit (stultitia) vorgeworfen, dass er sich rühme, 



1) Nihil innovetur, nisi quod traditum est. 

2) Consuetudo sine veritate vetustas erroris est ep. 74. 



Jgg jferste Periode des alten Katholicismus. 

Petri Nachfolger zu sein, dass er die grosse Sünde begangen, sich von so 
vielen Gemeinden zu trennen. ;,Du hast dich selbst losgerissen, täusche 
dich nicht darüber ,'' so redet er den römischen Bischof an, „denn der ist 
der wahre Schismatiker, der die Gemeinschaft der kirchhchen Einheit auf- 
gibt. Ja, du bist ärger als alle Häeretiker, da du den Häretikern, die 
zur Kirche zurückkehren, die Vergebung der Sünden entziehst, indem du 
ihnen die Taufe verweigerst^^ ^). Auch Dionysius von Alexandrien sprach sich 
in einem Schreiben an Sixt. IL, Nachfolger des Stephanus (bei Euseb. 7, 5) 
missbilligend aus über Stephanus und beistimmend der Ansicht der Afrika- 
2ier. — Was war das Ende des heftigen Streites? Dass die Ansicht des 
römischen Bischofs obsiegte, und zwar mit Recht. Der Kirchenfriede wurde 
wieder hergestellt auf Grund des Votums eines afrikanischen Bischofs auf der 
Synode von Carthago vom Jahre 256, dass, wenn der übeltretende Häreti- 
ker auf die Dreieinigkeit getauft worden, er nicht wieder getauft werden 
solle, sondern blos die HandauÜegung empfangen, — zum Zeichen der 
Aussöhnung mit der Kirche. Das war aber eigentlich des Stephanus Mein- 
ung, der immer vorausgesetzt hatte, dass die Häretiker die Taufe auf den 
Namen des dreieiuigen Gottes vollzögen ; daher er nur unter dieser Bedingung 
die von ihnen eitheilte Taufe als gültig erklärte. 

5) Meletianische Spaltung in Aegypten. 

Meletius, Bischof von Lykopolis in Oberägypten, von strengen Buss- 
gruudsätzen ausgehend, wollte die in der diocletianischen Verfolgung Abge- 
fallenen nicht vor Herstellung der Ruhe aufgenommen wissen. Ihm stand 
entgegen sein Metropoht, Bischof Petrus von Alexandrien, daher Meletius 
sich von ihm trennte und in den ihm anhängenden Gemeinden die Metro- 
politan - Geschäfte übernahm. Die Spaltung dauerte ül)er ein Jahrhun- 
dert fort und gewann viele Anhänger 2). Endlich üillen in diese Periode 
die allerersten Anfänge der donatistischen Spaltung, die wir im Ziisam- 
sammenhang mit der späteren Entwicklung in der zweiten Periode des Ka- 
tholicismus behandeln werden. 



1) Dieser dem römischen Stuhle höchst unangenehme Brief wurde in der Ausgabe 
von Cyprian's Werken vom Jahr 1563 mitAbsiclit ausgelassen und zuerst in der Ausgabe 
von Morellius vom Jahr 1564 mitgetheilt, worüber der Herausgeber von den eigenen 
Keligionsgenossen scharf getadelt wurde. 

2) S. Epiphan. haeresis 68. 



183 



Sechster Abschnitt. 



Geschichte des Cultus und der Sitte in der katholischen 

Kirche. 

Bis dahin haben wir in den Vorhallen der christlichen Religion ver- 
weilt. Jetzt aber betreten wir das Heiligthum derselben. Auch auf diesem 
Gebiete können wir die Herausbildung des KathoHschen verfolgen, des Alt- 
katholischen, wie wir es nennen können, das zwar in wichtigen Beziehungen 
sich vom späteren Kathohschen unterscheidet, aber dasselbe in eben so 
wichtigen Beziehungen heranwachsen lässt. 



Erstes CapiteK Geschichte des Cultus ^). 

Zwei Hauptgrundsätze beherrschen die Ausbildung des kathohschen 
Cultus, entsprechend den beiden Gegensätzen, innerhalb welcher sich die 
kirchliche Entwicklung bewegte, nämhch erstens die Polemik gegen das 
Heidenthum, sodann diejenige gegen die Häresis. Die Polemik gegen das 
Heidenthum verband sich mit der Anschliessung an den Synagogencultus und 
trat hervor im Vorherrschen des didaktischen Elementes, in der starken 
Abneigung gegen Alles, was an die sinnlichen, äusserlichen Formen des 
Heidenthums, an Bilder, an Bildercultus und Opfercultus erinnerte. Den 
Heiden, die auch um deswillen die Christen mit Vorwürfen überhäuften, 
bUeben die Apologeten die Antwort nicht schuldig. So Octavius bei Mi- 
uucius Felix: „Glaubt ihi*, dass wir die Gegenstände unserer Verehrung 
verbergen, weil wir keine Heiligthümer (delubra) und Altäre haben? Was 
für ein Bild von Gott sollen wii* erdichten, da eigenthch der Mensch selbst 
Gottes Bild ist? Soll ich ihm einen Tempel erbauen, da doch die ganze 
Welt, von ihm geschaffen, ihn nicht zu fassen vermag? Soll ich ihm als 
Opfer darbringen, was er mii' zu meinem Gebrauche gegeben, so dass ich 
seine Geschenke ihm wieder vor die Füsse werfe? Das wäre ein Beweis 
von Undankbarkeit. Keine Gesinnung, reines Gewissen, das ist ein Gott 
angenehmes Opfer. — Wer sich der Schuldlosigkeit befleisst, der liehet zu 
Gott. Wer Gerechtigkeit übt, der bringt Gott ein Trankopfer dar. Wer 
sich des Betruges enthält, der macht sich Gott geneigt. Das sind unsere 
Opfer, das sind Gottes Heihgthümer. Den Gott aber, den wir verehren, 
zeigen wir nicht noch sehen wir ihn.'^ Auf ähnhche Weise eifert Lactanz 
gegen das heidnische Gepränge und spricht den grossartigen Gedanken aus. 



1) S. Augusti, Denkwürdigkeiten aus der christlichen Archäologie 12 Bde. 1816 
— 31. — Derselbe, Handbuch der christlichen Archäologie in 3 Bänden. — Ehein- 
wald, kirchliclie Archäologie. — H. Alt, der christliche Cultus historisch dargestellt 
1851 u. ff. — Guericke, Lehrbuch der christlich - kirchlichen Archäologie 1859. — 
Piper, Einleitung in die monumentale Theologie 1867. 



184 Erste Periode des alten Katholicismus. 

dass, nachdem Gott im Fleische erschienen, wir keines Bildes von ihm be- 
dürfen 1). Einige gebildete Römer mochten sich durch den bilderlosen Cul- 
tus der altkatholischen Kirche angezogen fühlen. Denn er war eine that- 
sächliche Rückkehr zur altrömischen Einfachheit 2). Aehnlich wie Lactanz 
antwortet Ai^nobius (adv. gentes lib. 6) auf die Vorwürfe der Heiden, be- 
treffend den katholischen Gottesdienst. Er widerlegt auch die Rehauptung 
der Heiden, dass die Bilder zum Unterrichte des Volkes dienen und die 
Bücher ersetzen. Wenn man diese und andere Apologeten dieser Zeit liest, 
wird man an die Polemik der reformatorischen Schriftsteller des sechzehn- 
ten Jahrhunderts gegen den Bilder- und Opfercultus erinnert, der im Laufe 
der Zeit die katholische Kirche überwuchert hatte. Was den Opfercultus 
betrifft, so wird sich uns freihch zeigen, dass sehr bald unter christlicher 
Aussenseite und Namen eine verhängnissvolle Reaction des Heidenthums und 
des Judenthums auf die christhche Rehgionssphäre statt fand. 

Der Gottesdienst wurde aber auch ausgebildet im Gegensatze gegen die 
Häretiker. Wenn diese zum Theil jenes heidnische Gepränge annahmen, 
Bilder, Lichter, Weihrauch, so mochten die katholischen Christen sich dadurch in 
ihrer puritanischen Strenge bestärkt fühlen. Auch die Lehre vom Abend- 
mahl und vom Opfer im Abendmahl ist wesentlich bedingt durch die Pole- 
mik gegen die Gnostiker. Sodann galt als Gnmdsatz , dass nur der Gottes- 
dienst in der katholischen Kirche die götthchen Gnadengaben vermittle, nur 
dieser Gottesdienst Gott wohlgefäUig sei. ^Dem Häretiker wird selbst sein 
Gebet zur Sünde angerechnet,^ sagt derselbe Origenes, der doch auch zum 
Theil wegen seiner Heterodoxieen von seinem Bischof war excommunicirt 
worden. So stark war schon damals das katholische Bewusstsein. 

1) Versammlungsorte der katholischen Christen 3). 

Zuerst gab es gar keine dem Gottesdienst ausschliesslich gewidmete 
Gebäude. Die Gläubigen versammelten sich im Tempel von Jerusalem, in 
einer Synagoge, im Hause eines Bruders, bei Verfolgungen in einsamen 
Stätten , in Katakomben , in Gefängnissen , in einem Wirthshaus , auf einem 
Schiffe (Dion. von Korinth bei Euseb. 7, 22). Am Ende des zweiten Jahr- 
hunderts finden wir einige dem Gottesdienste ausschliesslich gewidmete Ge- 
bäude. Mehrere wurden errichtet in den ruhigen Zeiten zwischen der vale- 
rianischen und der diocletianischen Verfolgung (Euseb. 8, 1), benannt xvgia- 
xoy (woraus das Wort Kirche sich gebildet), dominicum, Haus des Herrn, 
nqoq svxttiqiop, Gebethaus, oixog sxx^criag, oder metonymisch €xxXf}(na, 
woraus das französische 4glise entstanden, erst seit Constantin vaog oder 
templum, niemals aber delubrum oder fanum. Die Einrichtung ent- 



1) Div. instit. 2, 2: postqnam Dens ille praesto esse coepit, jam simulacro ejus 

opus non est. 

2) Nach Varro bei Augustin de civitate Dei 4, 31 haben die Römer mehr als 
170 Jahre hindurch Gott ohne Bild verehrt. 

3) S. Lübke, Grundriss der Kunstgescliichte 3. Auflage. 1866. — Desselben Ab- 
riss der Geschichte der Baukunst. 1866. 



Cnltns. Versammlnngsorte der Christen. 1Ö5 

Sprach dem einfachen Wesen des katholischen Gottesdienstes; ein erhöhter 
Standpunkt für das Vorlesen der heiligen Schrift und für den sich daran 
anschliessenden Vortrag, so wie ein hölzerner Abendmahlstisch waren die 
Hauptzierden der Kirche. Je melu' die Bildung des geistlichen Standes fort- 
schritt, wurde auch die Einrichtung zusammengesetzter. Nach dem Vorbilde 
des Tempels in Jerusalem war ein Theil der Kirche nur den Geistlichen 
zugänglich, äyiacxfiaj ßrnia, chorus; er enthielt den hölzernen Abendmahls- 
tisch, tqans'Qa ayia, mensa Sacra (die Ausdrücke ßcofiog, aqa wurden 
strenge gemieden i), die Sitze der GeistUchen, diese im Hintergrunde des 
Chors, an der Mauer, wobei der Sitz des Bischofs, xad-eÖQa, etwas höher 
als die übrigen ^govot der GeistUchen, in der Mitte derselben stand 2). 

Gemälde und Bilder duldete man nicht in den Kiixhen nach Exod. 20, 4, 
während die Karpokratianer Bilder Christi hatten und sie in heidnischer 
Weise verehrten (Irenäus 1, 25). Es galt als Grundsatz, was Clemens von 
Alexandrien sagt: „die Gewohnheit des täghchen AnbHckes entweihe die 
Würde des göttlichen Wesens; dasselbe mittelst irdischen Stoffes verehren, 
sei soviel, als es durch Sinnlichkeit entwürdigen.^ Gegen die Versuche, Bil- 
der in die Kirchen einzuführen , erklärte sich auf das bestimmteste das Con- 
cil von Elvira bei Granada 305, im c. 36 ^). So antikünstlerisch war die alte 
katholische Kirche, dass sie sich Jesum als unschön dachte nach Jes. 53, 2. 3. 
So Tertullian (adv. Judaeos c. 14). Er meint, Christus hätte nicht verachtet 
werden und leiden können, wenn etwas von seiner himmhschen Herrlichkeit 
in seinem Fleische sich gezeigt hätte (de carne Christ, c. 9). Clemens Ale- 
xandrinus sich berufend auf dieselbe Stelle aus Jesaia meint auch, der Herr 
sei von Angesicht hässlich aicrxQog gewesen (Paedagogus 3, 1). Ebenso 
Origenes, der ganze Leib Christi sei hässlich dvgsideg gewesen (c. Celsum 
lib. 6). Hiebei ist noch anzuführen, dass auch das Anzünden von Lichtern 
w^ährend des Gottesdienstes nicht gestattet wurde. Das Concil von Elvira, 
woraus wir diese Angabe schöpfen, spricht zwar c. 20 nur von Lichtern auf 
den Gottesäckern ^), es scheint aber der Gebrauch der Lichter überhaupt 
lücht statt gefunden zu haben. Denn Lactanz div. instit. 6 , 2 spottet über 
die Heiden, dass sie am hellen Tage Lichter anzünden bei dem Gottes- 
dienste. 

Ln häuslichen Leben begann der Gebrauch der Bilder vermöge einer 
unschuldigen, ja berechtigten Nachahnumg heidnischer Sitte. Denn überall 
sah man Bilder in den lieidnischen Häusern, auch auf den Trinkgeschirren 



1) Doch Ara Del erwähnt v. Tert. de oratione c. 19. 

2) Die apostohsclien Constit. 2, 57 geben eine kurze Vorschrift für die Anlage der 
Kirchen; eine weitläufige Beschreibung der neuen Kirche in Tyrus gibt Euseb. 10, 4; 
diese Kirche, nach dem Aufliören der Verfolgung erbaut, gibt einen Maassstab ab für die 
vorher erbauten Kirchen. In der Ausgabe von Heinichen ist der Grundriss jener Kirche 
beigegeben. 

3) Placuit picturas in ecclesia esse non debere, ne qnod coütur et adoratur, in 
parictibus depingatur. 

4) In coemeteriis ; — der Grund, worauf das Concil sich stützt, mahnt noch eini- 
gennassen an die heidnisclie Vorstellung vom Schweben der Seelen um den Ort herum, 
wo ihre Körper begraben liegen: inquietandi enim Spiritus sanctorum non sunt. 



jgß Erste Periode des alten Katholioismus. 

und Siegelringen. Ihnen setzten die Christen Bilder entgegen, die ihren 
christhchen Anschauungen entsprachen, auf den Büchern das Bild eines 
Hirten, der ein Lamm auf seinen Schultern davon trägt (Tertullian de pu- 
dicitia c. 10). Clemens Alexandrinus (Paedag. 3, 11) eifert für christhche Simi- 
bilder auf den Siegelringen. Er nennt eine Taube (als Sinnbild des heihgen 
Geistes) oder einen Fisch (Anspielung auf Luc. 5, 10 oder auf das Ana- 
gramm Christi *x^ve, bestehend aus den Anfangsbuchstaben der Worte: 
Iri(Tovg XQKTTog Seov Yioq lonfjQ), oder ein Schiff, welches in schnellem 
Laufe vom Winde getrieben wird (Sinnbild der christlichen Kirche), oder eine 
Leyer (als Sinnbild der christhchen Freude), oder einen Anker (Sinnbild der 
christhchen Hoffnung i). Dass schon Kreuze in den Häusern oder gar in 
den Kirchen aufgestellt wurden, davon findet sich in unserer Periode noch 
keine Spur. Die Christen scheinen eine gewisse Scheu empfunden zu haben 
vor dem Marterinstrument des Herra. Vom Crucifix ist eben so wenig die 
Kede. Dagegen war zu Tertulhan's Zeit das sich Bekreuzen schon Verbreiter, 
und bei allen möglichen Anlässen des tägUchen Lebens gebräuchlich, nicht 
ohne Beimischung abergläubiger Vorstellungen. Wie das Zeichen des Kreu- 
zes gemacht wurde, wird nicht näher angegeben, auf jeden Fall nui' auf der 
Stirne 2). 

Eine besondere Betrachtung erheischen die Katakomben, theils weil 
sie Anlass gaben zur Entwicklung der christlichen Kunst in den Sculptureu 
und Gemälden, womit sie ausgeschmückt wurden, theils weil sie als Be- 
gräbnissstätten nicht nur, sondern auch als interimistische Stätten für den 
Gottesdienst, auch als Zufluchtsstätten in den Verfolgungen verwendet 
wurden ^). 



1) Siehe den Artikel Sinnbilder von Merz in der Realencyklopädie, so wie die 
bei Anlass der Katakomben anzuführenden Werke. 

2) Tertullian de Corona miütis c. 3: Ad omnem progressum atque promotum, ad 
omnem aditum et exitum, ad vestitum et calciatum, ad lavacra, ad mensas, ad himina, ad 
cubilia, ad sedilia, quaecunque nos conversatio exercet, frontem signaculo terimus. Es ist 
aber zu vermuthen, dass diese Uebertreibung im Gebrauche des Zeichens, welches an das 
Leiden des Herrn erinnert, hauptsächlich in montanistischen Kreisen vorkam. 

3) Dieser Gegenstand, der so viellach in die ältere Geschichte der Kirche, beson- 
ders was Kom betrifft, eingreift, hat eine eigene Literatur erzeugt. Unter den Forschern 
auf diesem Gebiete ist hauptsächlich der Cavaliere G. B. de Rossi in unseren Tagen zu 
nennen. Seine Hauptwerke sind inscriptiones christianae. Rom 1861 und Roma sötte r- 
ranea. 2 Bände. Rom 1864. 1867. — Dieses Werk liegt zu Grunde den Arbeiten des 
deutschen Gelehrten Kraus: Roma sotterranea. Die römischen Katakomben. Eine Dar- 
stellung der neuesten Forschungen, mit Zugrundlegung des Werkes von J. Spencer 
Northcote und W. R. Brownlow, M. A., bearbeitet von D. Fr. X. Kraus, Professor an der 
Universität Strassburg. Freiburg im Br. 1873. — Zusammengefasst in desselben Gelelir- 
ten Schrift: die christliche Kunst in ihren frühesten Anfängen. 

Das Wort Katacumbae ist von ungewissem Ursprünge; es wird zuerst von Gr. L 
gebraucht für» die Grabgewölbe unter der Basilica von San Sebastiane in Rom (ep. 3, 30) 
und wurde weiterhin die Benennung aller unterirdischen grösseren Begräbnissstellen, der- 
gleichen es nicht nur in Rom, sondern auch in Neapel, Malta, Paris und anderen Orten 
gab. Es kommt auch in der Form catatumba vor: so nennt Joa. diaconus die neapo- 
litanischen Grüfte. Wir befassen uns hier ausschliessUch mit den römischen Katakomben. 



18t 



Zweites Capitel. Gottesdienstliche Tersammlungszeiten. 

Wenn schon, wie Clemens (Strom. 7, 7) lehrt, das ganze Leben der 
Christen ein fortwährender Gottesdienst sein sollte, wobei er jedes cerimo- 



Sie sind ja nicht zu verwechseln mit den arenariae, Sandsteingruben von Puzzolan- 
erde, worin Verbrecher und Sklaven verscharrt wurden, obwohl eine Anzahl, doch eine 
sehr geringe, von Christen in diesen arenariae begraben, diese oder jene arenaria in einen 
christlichen Friedhof umgewandelt wurde. — Die eigentlichen Katakomben in festerem 
Boden angebracht, oestelien aus einem weitschichtigen Labyrinthe von Galerieen, die im 
Schoosse der Erde und unter den die Stadt umgebenden Hügeln, nicht unter der Stadt 
selbst angebracht sind. Die Ausdehnung ist zwar sehr begrenzt, aber oft liegen fünf 
Galerieen übereinander, sie haben eine Breite von zwei bis vier Fuss; die Höhe wecliselt 
nach der Beschaffenheit des Felsens, in dem sie ausgegraben sind. Die Wände sind zu 
beiden Seiten von horizontalen Grabhöhlen oder Nischen durchbrochen; in jeder dieser 
Höhlen lagen eine oder mehrere Leichen. Manchmal ist eine ganze Kammer einer Fa- 
milie überwiesen; das nannte man cubiculum, Schlafgemach; im Hintergründe in einer 
Art von Nische oder Absitz befand sich bisweilen das Grab eines Märtyrers; denn es 
gereichte den alten Cliristen zum Tröste, die Gebeine der Ihrigen in der Nähe der 
heiligen Märtyrer zu wissen. Hier wurden auch die Todestage der Märtyrer gefeiert mit 
Opfer und Abendmahl; demgemäss wurde in den Verfolgungen der Gottesdienst regel- 
mässig darin gehalten; dafür wurden grössere Räume in Anspruch genommen. Der Um- 
stand, dass die Katakomben Friedhöfe waren, machte die Anlegung neuer nöthig. Seit 
Constantin wurden aber keine neuen erbaut, sondern die alten erweitert, was besonders 
dadurch nöthig wurde, dass seit Constantin der gottesdienstliche Gebrauch sich steigerte 
durch die immer mehr steigernde Verehrung der Märtyrer. Leider wurden viele Gräber 
der Märtyrer im vierten Jahrhundert zerstört, da die Christen sich gerne in der Nähe 
derselben ihre Ruhestätte bereiteten, der Bischof Damasus that vieles für Erweiterung 
und Bewahrung der Katakomben. Aber von 410 an nach der Einnahme Roms durch 
Alarich hörte die Beisetzung in die Katakomben auf Sie hatten fortan nur als Ruhe- 
stätte für die Märtyrer Bedeutung. Nach den Verwüstungen derselben durch die Gothen 
und die Longobarden, welche eine Anzahl von Märtyrerleichen wegnahmen, Hess Paul I. 
757 die Reliquien der Märtyrer soviel wie möglich erheben und in die Basiliken, Diako- 
nieen und Klöster der Stadt schaffen; folgende Päbste setzten diese Uebertragungen fort. 

Von den in den Katakomben gefundenen Kunstgegenständen, sei es aus festem 
Stoffe (terra cotta, Metall, Glas) oder als Sarkophage oder in Gestalt von Malereien, ge- 
hören einige noch in die Zeit vor Constantin und erscheinen daher als die ersten Anfänge 
christlicher Sculptur und christlicher Malerei. Gegenstand derselben sind theils christ- 
liche Sinnbilder, theils Scenen aus der heiligen Geschichte, theils Abbildungen der in 
den betreffenden Gräbern ruhenden Gläubigen. Dabei zeigt sich eine eigenthümliche Ver- 
mischung heidnisclier und christlicher Kunst. Orpheus wird dreimal als Christus ver- 
wendet, selbst Odysseus, Hercules und Theseus wurden im christlichen Sinne benützt. 

Die römische Kirche hat seit alten Zeiten in diesen Katakomben nach Beweisen 
für ihre besonderen Dogmen gesucht; es ist ihr aber nicht gelungen, de Rossi und Kraus 
haben ihr sonstiges richtiges Urtheil durch das katholische Parteiinteresse beeinflussen 
lassen; das stärkste Beispiel ist die unblutige Opferung Isaaks als Darstellung des un- 
blutigen Messopfers aufgefasst. 

Es musste die Palme, ein allgemein christliches Symbol (Apokal. 7, 9), selbst auf 
heidnischen Gräbern vorkommend, als untrügliches Kennzeichen eines Märtyrergrabes gel- 
ten, ebenso die röthlich gefärbte Phiole, wovon ein Fünftel bei Christenkindern und noch 
dazu erst aus der Zeit nach Constantin gefunden wurde. 



it 



|gg Erste Periode des alten Katholicismus. 

nialgesetzliche Gebundenseiu der Handlungen des christlichen Gottesdienstes 
an bestimmte Zeiten, Oeiter und Personen geradezu leugnet, wenn gleich 
die Christen alle Tage zum Gebet zusammenkamen, so konnte es doch nicht 
fehlen, dass einzelne Tage zu diesem Zwecke herausgehoben wurden. Zu- 
nächst wurde der Sonntag gefeiert, woran sich bald andere Wochentage an- 
schlössen. 

a) Wöchentliche Feiertage. 

Nach den Spuren einer Feier des ersten Wochentages im Neuen Te- 
stamente (Apostelgesch. 20, 7. 1 Kor. 16, 2. Apokal. 1, 10) begegnen wi]' 
bei Barnabas c. 15 einer Anführung jenes Tages , die an Deutlichkeit nichts 
zu wünschen übrig lässt. Barnabas erachtet, dass der Sabbath im neuen 
Bunde gänzUch abgeschafft sei und dass an dessen Stelle der achte Tag trete, 
an welchem Gott durch die Auferstehung Christi den Anfang einer neuen Weh 
machte. ^^Darum bringen wir den achten Tag in Freude (ev evtfQoavvrD 
zu, an welchem Christus von den Todten auferstand.'' Derselbe Tag wird 
von anderen Schriftstellern früh erwähnt, von Ignatius (ad Magnesios c. 9), 
von Justinus Martyr (erste Apologie c. 67). Da die vorherrschende Stimm- 
ung die der Freude war, der Freude über die Auferstehung Christi, wie sie 
auch von TertuUian bezeugt wird (Apologet, c. 16), so pflCf2,te man an die- 
sem Tage nicht knieend, sondern stehend zu beten und das Fasten gänzlich 
zu unterlassen (Tert. de Corona mil. c. 3, de idolatria c. 14). Bereits wurde 
in dieser Zeit auf das Unterlassen der Arbeit am Sonntage gedrungen. Tert. 
de oratione c. 23 stellt es zusammen mit dem Unterlassen der Kniebeugung. 
Es sollte damit, meint er, aller anxietatis habitus abgethan sein, d. h. alles, 
was an ängstliche Furcht vor Gott erinnert, zugleich sollte durch das Unter- 
lassen der Arbeit verhütet werden, dass der Teufel Gelegenheit zur Ver- 
suchung erhalte. Bereits heisst der achte Wochentag Sonntag (^ riXiov 
riiisqa bei Justin Martyr 1 apol. c. 67, bei Tertulhan Apolog. c. 16). 
♦ Wurde aber allwöchenthch die Auferstehung gefeiert, so lag es nahe, 
gewisse andere Wochentage dem Andenken des Leidens Christi zu widmen; 
es waren der Mittwoch und der Freitag, die feria quarta und sexta^ 
gefeiert mit Gebetsversammlungen und Fasten bis drei Uhr Nachmittags, 
dies statiomim genannt, Wachen der Streiter Christi auf ihrem Posten, 
wie denn die kathohschen Christen ihr Leben gerne als Kriegsdienst unter 
Christi Fahne und Befehl auffassten ^). Statio wurde der technische Aus- 
druck für dieses Halbfasten. Die erste Spur davon findet sich im Pastor 
Hermae, similit. 5, 1, sodann bei TertuUian de oratione c. 19, wobei man 
durch Abbitte für die Sünden Genugthuung leistete. Es waren also Buss- 
tage, wo man Gott versöhnte durch reumüthiges Gebet, Fasten, Knieen bei 
dem Gebete. Der Mittwoch galt besonders dem Andenken an den Rath- 



üeber die Katakomben von Neapel s. Bellermann über die ältesten christlichen 
Begräbnissstätten und besonders die Katakomben zu Neapel mit ihren Wandgemälden. 
Hamburg 1839. 

1) Statio de militari exemplo nomen accepit, nam et militia Bei sumus. Tert. de 
oratione c, 19. 



Wöchentlich« Feiertage. Jahresfeste. 189 

schlag der Juden zur Gefangennehmung des Herrn; der Freitag dem An- 
denken an den Tod Christi. So vergegenwärtigte jede Woche die Haupt- 
momente des Heiles in Christo. Das Fasten war übrigens nicht geboten ; 
die Montanisten geboten es und setzten es nicht selten bis zum Abend fort 
(Tert. de jejuniis c. 10), daher bei den Montanisten jene Stationsfasten blos 
bis drei Ulu' Nachmittags reichend Halbfasteu (semijejmiia) hiessen, im 
Unterschiede von der superpositio, vneQ^ecTig, Jejunii, d. h. von der Fort- 
setzung des Fastens bis zum Abend. 

Judenchristliche Gemeinden feierten noch den Sabbath, den siebenten 
Wochentag, wogegen der Brief des Barnabas offenbar ankämpft. Es mag 
vorgekonmien sein, dass solche Gemeinden den Sonntag nicht feierten, aber 
gewiss höchst selten. In der morgenländischen Kirche entstand der Ge- 
brauch, den Sabbath dui'ch Nichtfasten und Gebet in aufrechter Stellung 
auszuzeichnen, hingegen in der römischen Kirche wurde er als Fasttag be- 
obachtet. Das nannte man auch superpositio jejunii, d. h. Verlän- 
gerung der Fasten vom Freitag auf Samstag. Dieses Fasten galt dann als 
Vorbereitung auf die Communion am Sonntage. 

b) Jahresfeste. 

Es ist die Frage aufgeworfen worden, ob schon im apostolischen Zeit- 
alter Jahresfeste in der Kirche gefeiert wurden. Dass die Judenchristen 
anfangs die jüdischen Feste beibehielten , ist ausser Zweifel. Was die Hei- 
denchristen betrifft, so ist es .nicht erweislich, dass sie schon im apostolischen 
Zeitalter Jahresfeste gefeiert haben, aber gegen Ende desselben mag es 
vorgekommen, sein, auf jeden Fall sind sie im heidenchiistlichen Kreise 
sehr alt. 

Es kommt hier haujjtsächlich das Passahfest^) in Betracht. Passah 
bedeutet in dieser Zeit durchaus nur die Feier des Andenkens an den Tod 
Christi, nicht aber seine Auferstehung; erst weit später kam diese Beziehung 
hinzu, und zwar zunächst ohne die ältere zu verdrängen, so dass man im 
vierten Jahrhundert ein nacxa atavQcoG-tfiov und ein naG^a avaataaiinov 
unterschied. Nach und nach behielt das letztere die Oberhand und verdrängte 
das erste. Jene ursprüngliche Bedeutung des christlichen Passah rührt her 
von der Bedeutung des jüdischen Passah. nö5^ ^) ist zunächst das Lamm, 
als Schlachtopfer gedacht, das Versöhnungsopfer zum Andenken der Ver- 
schonung der Erstgeburt in Aegypten, Exod. 12, 27, daher der Ausdruck 
nOSn ^DN , das Passahlannn essen. Es wurde am vierzehnten Nisan und 
zwischen den Abenden geschlachtet nach .Exod. 12, 6, zur Zeit Jesu um 
drei Uhr Nachmittags. Damit hing das Passahmahl zusammen, am Abend des 
vierzehnten Nisan oder nach jüdischer Tagesabgrenzung in der Nacht gehal- 
ten, wo der fünfzehnte Nisan begann; die folgenden Tage hiessen das Fest 
der ungesäuerten Brode, Levit. 23, 5, der at,v^a. Passah heisst auch 



1) Siehe Weitzel, Geschichte der Paschafeier in den drei ersten Jahrhunderten 
1848. Steitz in der Kealencyklopädie. 

2) Uttüya geht von der aramäischen Form XHDS aus. 



190 Brste Periode des alten Katholicismus. 

überhaupt Passahfest, mit weiterem oder engerem Umfange, also einmal dasr 
gesammte Fest des Passah und der süssen Brode vom Abend des vierzehnten 
bis zum Abend des einundzwauzigsten Nisan reichend, das andere mal der 
Passahfesttag im Unterschiede von den Tagen der süssen Brode, der fünf- 
zehnte Nisan, welcher sowie der sechzehnte und einundzwanzigste besondc^rs 
feierlich begangen wurde; der vierzehnte Nisan hiess die nagacrxevij des 
Passah. Joh. 19, 14. Bei Josephus und Philo ist Passah bereits der vier- 
zehnte Nisan, an dessen Nachmittage das Passahlamm geschlachtet wurde, 
daher auch Ttgoot^ tcov at,v[ji(ov genannt (Luc. 22, 7. Marc. 14, 2), deim 
die Juden schafften schon in der Nacht vor dem vierzehnten das gesäuerte 
Brod aus den Häusern. 

Die Kirchenväter des zweiten und dritten Jahrhunderts gehen von dt^r 
Voraussetzung aus, dass Christus, wie ihn schon Paulus 1 Kor. 5, 7 genannt 
hatte, das wahrhaftige Passahlamm sei, mithin Christus im Tode; sie sehen 
die Andeutung davon im Gleichklaug der Worte na^xcc und Tiaax^ip. Werl 
das Passahlamm mit zwei Spiessen kreuzfönnig durchbohrt und so gebraten 
wurde, sah man darin ein Symbol des Kreuzes. Auch auf die chi'onologische 
Bestimmung wirkte die Beziehung von Passah auf das Leiden Christi ein. 
Die einen nämlich nahmen an, Christus habe am fünfzehnten Nisan geüttei, 
also an dem Tage der vorzugsweise Passah hiess; so Justin im Dialoji: 
mitTryphon, gemäss der synoptischen Relation im Unterschiede von der johan- 
neischen, wonach also Jesus am vierzehnten Nisan ein eigentliches Passah- 
mahl gehalten hat und am fünfzehnten gekreuzigt wurde. Ob Iren aus, 
T er t Ulli an, Origenes dieselbe Ansicht hatten, ist aus ihren Eröitenm- 
gen nicht deuthch zu ersehen. 

Von derselben Voraussetzung ausgehend, dass Christus das wahre 
Passahlamm sei, gelangten viele Väter zu einer anderen, zu der johanneischen 
chronologischen Bestimmung, so A p o 1 1 i n a r i s, Bischof von Hierapolis, Clemens 
A 1 e X a n d r i n u s, H i p p 1 y t u s, die so argumentiren : war Jesus das Passahlanun, 
so kann sein Tod nur an dem Tage statt gefunden haben, wo die Juden das 
Passahlamm schlachteten. Diess geschah am vierzehnten Nisan, an der na- 
Qaaxevij des Passah, um drei Uhr Nachmittags. Daher glaubten viele Vä- 
ter auch nicht, dass Jesus ein wahres Passahmahl mit seinen Jüngern ge- 
halten habe. Als Grund führt Hippolytus an, weil diess keinen Sinn gehabt 
hätte und weil Johannes ihn schon gestorben sein lässt, ehe die Juden das 
Passahmahl hielten (Joh. 18, 28). Hippolytus meint sogar, auch Lucas deute 
diess an 22, 16, wenn Christus sagt, er werde das Passahmahl nicht mehr 
mit den Jüngern essen, bis es erfüllt werde im Reiche Gottes. 

Dieses christHche Passah wurde, wie natürlicli, mit Fasten begangen. 
Es war das einzige gebotene Fasten im ganzen Jahre; die Kirche sollte 
trauern an den Tagen, wo der Bräutigam von ihr genommen wurde, wie 
TertuUian bemerkt. Allein, nach Irenäus (bei Euseb. 5, 24) herrschte so- 
wohl über den Tag, wo das Fasten beendigt wurde, als auch über die Form 
des Fastens Verschiedenheit. Einige berechneten ihre Fastenzeit auf vierzig 
Stunden bei Tag und Nacht, die anderen fasteten einen, zwei oder mehrere 
Tage. Einen Tag fastete die kleinasiatische Kirche, die römische und die 
afrüianische Kirche zwei Tage, zur Erinnerung an den Tag, an dem Jesus 



Jahresfeste. Passah. 191 

gelitten und an den, wo er im Grabe gelegen, daher später dieser Tag 
der grosse Sabbath genannt wurde. Diejenigen, die drei Tage lang faste- 
ten, nahmen wohl den Mittwoch dazu. Demnach war die Passahfeier der 
drei ersten Jahrhunderte Fastenzeit, Passionszeit, Trauerzeit. Der darauf 
folgende Sonntag gehörte nicht mehr dazu; er hiess im speziellen Sinne 
xvQiaxtj tvi^ ccvafftaffecog oder ngcotf} xvgiaxri sc. trig TtepnjxoffTrjg. 

Hiebei ist die Verschiedenheit zwischen der kleinasiatischen und der 
abendländischen Kirche zu erwähnen. Es war nämlich in jener Kirche 
nicht Gesetz, dass das Passah auf einen Freitag fallen musste, wohl aber 
in dieser. 

Die Kleinasiaten hielten den vierzehnten Nisan als Passahtag fest, 
er mochte auf einen Freitag oder auf irgend einen anderen Tag fallen; 
sie folgten also der jüdischen Sitte. Sie beschlossen den Tag mit Agape 
(so lange überhaupt die Agape bestand) und mit Abendmahl, zum An- 
denken an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern; so feierten sie ihr 
Abendmahl zu derselben Zeit, wo die Juden ihr Passahmahl hielten. Po- 
lykrates, Bischof vonEphesus (beiEuseb. 5, 24) berief sich für diese Sitte 
sogar auf den Apostel Johannes , der ebenfalls am vierzehnten Nisan das 
Passahfest gefeiert habe mit der kleinasiatischen Kirche. Johannes that 
diess in dem Sinne, dass Jesus am vierzehnten getödtet worden sei und 
so das Passahlamm vorstelle und brachte diess zum Ausdruck in seinem 
Evangelium; es war seine Darstellung eine Berichtigung der kleinasiati- 
schen Ansicht, nach welcher Jesus am Tage vor seinem Tode das Passah 
mit den Juden gegessen habe. 

Die Occidentalen hielten sich nicht so genau an die jüdische Sitte. 
Wenn der vierzehnte Nisan auf einen Freitag fiel, so feierten sie an die- 
sem Tage die Passion. Fiel er auf einen vorausgehenden Tag der Woche, 
so wurde der Freitag derselben Woche als Passah gefeiert. Fiel der vier- 
zehnte Nisan auf den Samstag, so wurde die Passahfeier auf den Freitag 
der folgenden Woche verlegt und fiel dann auf den zwanzigsten Nisan. — 
Mithin feierten die verschiedenen Theile der Kirche Passah an sehr ver- 
schiedenen Tagen, allerdings ein Uebelstand. Im Jahr 222 fiel der vier- 
zehnte Nisan auf einen Samstag, den 13. April; demgemäss fiel die Pas- 
sahfeier der Occidentalen auf den 19. April oder achtzehnten Nisan, den 
Freitag der folgenden Woche, das Auferstehungsfest auf den zwanzigsten 
Nisan. Damit hing eine andere Verschiedenheit zusammen. Die Klein- 
asiaten fasteten nicht über den vierzehnten Nisan hinaus, wenn gleich 
dieser auf einen der ersten Wochentage fiel. So wurde das Fasten öfter 
lange vor dem Auferstehungssonntage geschlossen. Die Kleinasiaten schei- 
nen dann die Auferstehung noch vor dem Sonntage gefeiert zu haben. 
Die Occidentalen aber und viele andere Kirchen hatten den Grundsatz^ 
dass man an keinem anderen Tage als am Sonntage die Auferstehung 
feiern dürfe und dass mit diesem Tage (exclusive) das* Fasten ein Ende 
haben solle. Also die einen fasteten schon nicht mehr am Montag, die 
anderen setzten das Fasten fort bis Sonntag Morgen. Die Asiaten fasteten 
am vierzehnten Nisan bis drei Uhr Nachmittags, worauf sie das Abend- 
mahl in Verbindung mit einer Agape genossen. Der Unterschied der chro- 



192 Erste Periode des alten Katholicisirius. 

nologischen Bestimmungen über den Todestag Jesu war hiebei von unter- 
geordneter Bedeutung (Euseb. 5, 23—25). 

Als c. 160 Bischof P o 1 y k a r p den römischen Bischof A n i c e t besuchte, 
kam zwischen diesen beiden Männern diese Verschiedenheit zur Sprache. 
Anicet konnte Polykarp nicht bestimmen, die Beobachtung des vierzehnten 
Nisan als Passahtages aufzugeben. Eben so wenig konnte Polykarp Anicet 
bewegen, die kleinasiatische Sitte anzunehmen. Allein beide Bischöfe blie- 
ben in gutem Vernehmen. Polykarp durfte mit Genehmigung Anicet's das 
Abendmahl administriren. So berichtet Irenäus bei Euseb. 5, 24. Erst 
c. 190, als der römische Bischof Victor mit dem Ansprüche auf eine ge- 
wisse Oberhoheit den Kleinasiaten die occidentalische Sitte aufdringe a 
wollte, entstand eigentlicher Streit. Victor trat mit anderen Landeskir- 
chen in Verbindung, in Palästina, Pontus, in Gallien, in Osroene, Alexan- 
drien, Korinth, es wurden in diesen Ländern bei diesem Anlasse Synoden 
gehalten und die römische Sitte für die richtige erklärt. Bereits bedi'ohte 
Victor die kleinasiatischen Bischöfe, die ihre von Alters her überlieferte 
feste Sitte festhielten, mit Excommunication. Da erliess im Namen der- 
selben der alte Bischof Polykrates von Ephesus ein encyklische^ 
Sclireiben, worin er sich auf die Autorität der Apostel Johannes und Phi- 
lippus, vieler Bischöfe, Polykarps und Anderer berief, die alle Passah am 
vierzehnten Nisan gefeiert hätten. Er lasse sich diuxh keine Drohungen 
erschrecken; denn grössere Männer als er hätten gesagt, man müsse Gott 
mehr gehorchen als den Menschen. Darauf suchte Victor in einem en- 
cyklischen Schreiben die kleinasiatischen Gemeinden als heterodoxe von 
der allgemeinen Einigung auszuschliessen und erklärte in einem Schi'eiben 
die dortigen Brüder alle für excommunizirt. Die mit ihm verbundenen 
Kirchen blieben zwar bei ihrem Gebrauche, missbilligten aber das Ver- 
fahren des römischen Bischofs auf das strengste und ermahnten ihn, mehi* 
auf Einigkeit bedacht zu sein. Ii'enäus Hess in einem im Namen der 
Brüder in Gallien erlassenen Schreiben Victor besonders scharf an, ob- 
schon auch er bekannte, dass man nur am Sonntage das Geheimniss der 
Auferstehung Christi feiern solle. Nachdem er erwähnt, dass auch Victor's 
Vorgänger den vierzehnten Nisan nicht als Passah ,gefeiert und doch mit 
den Anhängern dieser Sitte die Gemeinschaft nicht aufgehoben hätten, 
fährt er also fort : ^die Apostel haben befohlen, Niemanden um der Speise, 
oder um der Feste, Neumonde und Sabbathe willen zu richten. Woher 
nun alle diese Streitigkeiten und Spaltungen? Wir halten Feste, aber im 
Sauerteige der Bosheit, wir zerreissen die Kirche Christi, wir halten uns 
an Aeusserliches und werfen von uns das Bessere, Glauben und Liebe. 
Dass solche Feier und Fasten dem Herrn missfallen, das wissen wir aus ^ 
den Propheten. ^^ Damit erwies sich, wie Euseb mit Recht bemerkt, Ii'e- \ 
näus so recht als Irenäus, als Mann des Friedens, zugleich ein Beweis, ; 
wie weitherzig damals noch der Begriff der Katholicität gefasst wurde. \ 
Seine Bemühungen waren auch nicht vergeblich. Nur zwischen Rom und ^ 
Ephesus kam es zum vorübergehenden Bruche. Zuletzt behielt der römi- 
sehe Bischof doch Recht; denn er vertrat allerdings die bessere Sitte. 
Das Concil von Nicaea 325 erklärte die römische Sitte für die richtige und 



Jahresfeste. Pfingsten. Märtyrertage. 193 

verwarf die kleinasiatische, deren Anhänger seitdem als Häretiker galten, 
Quartodecimani , teaffagegSexatttat seit dem Concil von Laodicea 364 
genannt. — Ein anderer Streit über das Passah, dessen Gegenstand nicht 
deutlich ist, brach aus c. 170. Er betraf eine innere Differenz unter den 
Kleinasiaten selbst. Es war davon die Rede in einer verlorenen Schrift 
des Melito von Sardes über das Passah (Euseb. 4, 26). 

Das zweite christliche Hauptfest, Pfingsten, führt uns wieder zum 
jüdischen Cultus zurück. Pfingsten war eines der drei grossen Feste der 
Juden, gefeiert sieben Wochen nach dem Anfang der Ernte (Deut. 16, 9), 
nämlich von dem auf den Ostersabbath folgenden Tage an gerechnet, am 
fünfzigsten Tage. Levit. 23, 15. Es war Erntedankfest, zugleich Fest der 
Promulgation des Gesetzes auf dem Berge Sinai. Daran Hessen sich leicht 
und ungezwungen christliche Ideen anreihen. So wurde Pfingsten das Fest 
der mächtigen ersten Wirkungen des zur Rechten der Kraft erhöhten 
Erlösers, das Fest der Ausgiessung des Geistes. Es scheint nun, dass 
man von Anfang an die Zeit von Ostern inclusive bis zum fünfzigsten Tage 
nach Ostern als freudige Festzeit feierte, wo man nicht fastete und stehend 
betete und an einigen Orten sich alle Tage zum Gottesdienste versammelte. 
So ergeben sich zwei Bedeutungen der Pentekoste, 1) die fünfzig Tage nach 
Ostern ^), so dass Ostern selbst dazu gerechnet wurde als ngcottj xvQiaxij 
sc. trjg Ttevtfixofftfjg , 2) der fünfzigste Tag selbst, die eigentliche Pfingsten. 
Ausser diesem Tage und Ostern wurde in diesen fünfzig Tagen noch be- 
sonders hervorgehoben das Fest der Himmelfahrt Christi {apceXrjifjsMg, 
ascensionis) ^ der 40. Tag, womit einige Gemeinden in Spanien die Pente- 
koste schlössen, wogegen das Concil von Elvira c. 43 sich aussprach. — 
Zu diesen Festen kam in der orientalischen Kirche das Fest der Taufe 
Christi als das Fest zum Andenken dessen, dass der Herr den Menschen 
als Messias offenbar geworden sei , das Fest der ent(paveia t. Xq. , t« 
eni(paria hinzu, wovon wir im Abendlande erst 360 die erste Spur finden, 
während es im Morgenlande schon in dieser Periode eingeführt wurde. Das 
Weihnachtsfest kannte in dieser Periode weder die morgenländische noch 
die abendländische Kirche. 

Eine folgenreiche Erweiterung des Festcyklus stellt sich uns dar in 
den Festen zum Andenken der Märtyrer, deren Todestage als ihre Ge- 
burtstage für ein verklärtes Dasein angesehen wurden {dies natales , nafa- 
litia martyrum, fj^ega yeve&Xiog^ yeve&Xice toov fiagtVQdov). Der Tod des 
Märtyrers als des Zeugen Christi, (Apostelgesch. 22, 30. Hebr. 12, 1. 
Apokal. 17, 6), mit dem Nebenbegriffe, dass er um dieses Zeugnisses willen 
das Leben verloren habe, dieser Tod galt als Sünden tilgend, wie auch 
Clemens Alexandrinus lehrt, — er galt als Blut taufe, als Taufe durch 
das Feuer (mit Beziehung auf Luc. 12, 50. Marc. 10, 39) und ersetzte 
die Taufe. Nach dem Pastor Hermae und nach Tertullian de resurrect. 
carnis 43 gelangten blos die Märtyrer unmittelbar nach dem Tode in das 
Paradies, wie auch nach den älteren Griechen nur die Heroen in das 



1) u4i tjjg neyrtjxoffrtig j/LifQai, bei Origenes c. Celsum 8, 22. 
Herzog, Klrchcngcschichte I. 13 



jg4 Erste Periode des alten Katbolicismas. 

Elysium oder auf die Inseln der Glückseligen, deren Lage gerade so wie 
die des Paradieses gedacht wurde, gelangten. Doch hatte die Kirche 
keineswegs festgesetzt, dass nur die Märtyrer unmittelbar nach dem Tode 
ins Paradies gelangten. Immerhin wurde ihnen grosse Verehrung zu Theil, 
die aber innerhalb bestimmter Grenzen festgehalten wurde. Mit Sorgfalt 
wurden ihre sterblichen Ueberreste bestattet. An ihrem Todestage vcir- 
sammelte sich die Gemeinde auf ihren Gräbern; es wurden Erzählungen 
von ihrem Märtyrerthum vorgelesen. Man feierte das Abendmahl im Be- 
wusstsein der fortwährenden Gemeinschaft mit ihnen ; das nannte man nach 
dem Sprachgebrauche jener Zeit oblationes, sacrificia pro martyribm, wo- 
bei, was wohl zu beachten, noch Fürbitte für sie eingelegt wurde, ein 
Gebrauch, der bis auf Augustin's Zeit fortdauerte. In Beziehung auf die 
Vorwürfe der Heiden und der Juden, dass die Christen die Märtyrer mehr 
als Christum selbst verehrten, drückte sich die Gemeinde von Smyrna in 
ihrem encyklischen Schreiben über den Tod ihres Bischofs Polykarp (bei 
Euseb. 4, 15) so aus: ;, Christum beten wir an als Sohn Gottes, die Mär- 
tyrer aber lieben wir wegen ihrer unübertrefflichen Liebe zu ihrem Herrn, 
wie denn auch wir ihre Mitgenossen und Mitjünger zu werden wünschen.^ — 
^Wir nahmen, so fährt das Schreiben fort, — seine (Polykarps) Gebeint, 
die köstlicher sind als Silber und Gold, und legten sie an dem geziemen- 
den Orte nieder. Gott wird uns verleihen , dass wir uns da in Freude und 
Jubel versammeln und das Geburtsfest seines Märtyrerthums feiern zum 
Andenken an die abgeschiedenen Kämpfer und zur Uebung und Rüstung; 
derjenigen, welchen der Kampf noch bevorsteht.^ Diess der unschuldige 
menschlich -schöne Anfang der nachher so abgöttisch gewordenen Heili- 
genverehrung. Uebrigens waren das keine allgemeinen Feste; jede Kirche 
feierte nur das Andenken ilirer besonderen Märtyrer. — Diese Märtyrer- 
feste knüpften sich an die fromme Sitte, dass die Verwandten der Ver- 
storbenen überhaupt den Todestag derselben religiös begingen. Es wurde 
das Abendmahl genossen im Bewusstsein der fortdauernden Gemeinschaft 
mit den Verstorbenen. Man brachte in ihrem Namen, als ob sie noch am 
Leben wären, eine Gabe in die Kirche. In dem der Communion voran- 
gehenden Gebete wurde dann auch für die Verstorbenen gebetet ^). 



Drittes Capitel. Der Gottesdienst im Ganzen und die einzelnen 
Handlungen desselben 2). 

Vom sonntäglichen Gottesdienste gibt uns das erste Bild der 
früher (S. 47) angeführte Bericht des Plinius an Trajan (ep. X, 96) nach den 
Aussagen der Inquirirten: vor Tagesanbruch versammelte sich die Ge- 
meinde an einem bestimmten Tage, der kein anderer als der Sonntag sein 
kann. Die Gläubigen intonirten mit Antiphonieen ein Lied Christo zu Ehren, 



1) TertuUian de Corona etc. oblationes pro defunctis annua die facinms. 

2) S. insbesondere Har na ck, der christliche Gemeindegottesdienst im apostolischen 
und altkatholischen Zeitalter 1854. Ein Gegenstück zu unserer Darstellung. 



Der Gottesdienst und dessen einzelne Handlungen. 195 

(carmen de Christo) hörten darauf eine Ermahnung zum tugendhaften 
Leben an, und verpflichteten sich eidlich, keinen Diebstahl noch Ehebruch 
zu begehen , das gegebene Wort nicht zu brechen , das ihnen Anvertraute 
nicht abzuläugnen. Darauf ging die Versammlung auseinander und kam 
später wieder zusammen, um Speise zu sich zu nehmen, jedoch gewöhn- 
liche und unschuldige (nicht ein thyesteisches Mahl, dessen man die Chri- 
sten beschuldigte). Mithin wurde damals die Comnmnion noch nicht am 
Morgen administrirt, sondern des Abends, und zwar in Verbindung mit 
einer Agape. 

Schon verändert und etwas mehr ausgebildet ist dieser sonntägliche 
Gottesdienst nach der Beschreibung von Justinus Martyr (I. apol. c. 67): 
^An demjenigen Tage, den man den Sonntag nennt, versammeln sich die 
Christen, welche in den Städten und in der umliegenden Landschaft woh- 
nen, an einem gemeinschaftlichen Orte. Der Gottesdienst beginnt mit dem 
Lesen der Denkwürdigkeiten der Apostel i) , oder der Schriften der Pro- 
pheten, soweit die Zeit es gestattet. Wenn die Vorlesung zu Ende ist, 
so ermahnt der Vorsteher (Bischof) die Versammlung, den Tugenden nach- 
zustreben, wovon der vorgelesene Abschnitt der Schrift Zeugniss gibt. 
Hernach stehen wir alle auf und verrichten Gebete. Nach dem Gebete 
begrüssen wir uns mit dem heiligen Kusse {(fi'lruia ayiov) nach einer im 
apostolischen Zeitalter eingeführten Sitte. Darauf wird dem Vorsteher der 
Brüder Brod und Wein, nach antiker Sitte mit Wasser vermischt, dar- 
gebracht. Der Vorsteher spricht darüber Lob - und Dankgebete , so gut 
er es vermag 2) , und alles Volk spricht dazu Amen. Hernach erfolgt die 
Vertheilung von Brod und Wein, worüber das Dankgebet gesprochen wor- 
den, unter jeden Einzelnen, und den Abwesenden wird es durch die 
Diakonen zugeschickt. Die Wohlhabenden, überhaupt Alle, die den Willen 
dazu haben, geben nach ihrem freien Belieben Almosen. Man sammelt 
sie und legt sie bei dem Vorsteher nieder; dieser vertheilt sie unter die 
Waisen, die Wittwen, unter die, welche wegen Krankheit oder aus einer 
anderen Ursache in der Noth sind, unter die um des Glaubens willen in 
den Gefängnissen Befindlichen sowie unter die Fremden, überhaupt unter 
Alle, welche einer Unterstützung bedürfen. Wir versammeln uns am Sonn- 
tage; weil es der erste Tag ist, an welchem Gott die Finsterniss ver- 
scheuchend die Welt schuf, und weil an demselben Tage unser Herr Jesus 
Christus von den Todten auferstanden ist.'' 

Noch mehr ausgebildet erscheint der sonntägliche Gottesdienst in den 
apostolischen Constitutionen 2, 57, welche die gottesdienstliche Ordnung 
von 193 bis 324 darstellen sollen, soweit sich darüber etwas feststellen 
lässt. Die Vermuthung ist gegründet, dass der Gottesdienst in den ruhi- 
gen Zeiten zwischen der valerianischen und der diocletianischen Verfolg- 
ung diese Gestalt hatte. 



1) nno^yrjjuopfv/iinia tw»/ anoojoXMy, nach den neuesten und besten Forschungen 
unsere kanonischen Evangelien. 

2) Justin kennt also noch keine stehenden Gebetsfonnulare. So fasst die Sache 
auch Harnack a. a. 0. S. 279. 

13* 



igg Erste Periode des alten Katholicismus. 

Nach einer Verordnung über die Einrichtung der Kirchen, die gegen 
Osten gewendet sein sollen, folgen solche, betreffend die Ordnung in der 
Versammlung, so dass die Geistlichen und die Laien gesondert sind, unter 
diesen Mcänner und Weiber gesondert, und beide wieder in verschiedene 
Classen (ta^eig) vertheilt. Junge, Alte, Verheirathete , Wittwen. Die 
Diakonen sollen Jedem beim Eintritt in die Kirche seinen Platz anweistm 
und für Ruhe und Anstand in der Versammlung sorgen. In der Mitte d«3r 
Kirche soll der Lector von einem erhöhten Orte herab abwechselnd vor- 
lesen aus dem Pentateuch, Josua, Richter und anderen heiligen Schriften, 
aus Hiob, den Schriften Salomo's und den Propheten. Nach Vorlesung 
von je zwei Abschnitten soll ein anderer Diakon die Psalmen Davids an- 
stimmen, und das Volk leise die Versanfänge ertönen lassen. Darauf folgt 
eine Vorlesung aus der Apostelgeschichte, aus den Briefen Pauli und den 
Evangelien. Nach Vorlesung des evangelischen Abschnittes sollen alle 
Presbyter, Diakonen und Laien aufrecht stehen (offenbar um die Vorträge 
anzuhören); denn es heisst Deuteron. 27, 19: Schweige und höre, Israel. 
Der Reihe nach sollen nun die Presbyter das Volk ermahnen, doch nicht 
alle jedesmal, zuletzt von allen der Bischof. Darauf, nach Entfernung de;' 
Katechumenen und Pönitenten beten alle aufrecht stehend und gegen Mor- 
gen gewendet. Die Diakonen nehmen die Opfergaben 'in Empfang und 
weisen das Volk zur Ruhe. Der neben dem Bischof stehende Diakon ruft : 
^,es habe keiner etwas gegen den anderen, es sei keiner hier in heuch- 
lerischer Gesinnung" i). Dann begrüssen alle einander mit dem heiliger- 
Kusse, doch Männer und Weiber gesondert. Darauf spricht der Diakor 
ein Gebet für die gesammte Kirche und für die ganze Welt und alle ihre 
Theile, für die Priester (isgeig) und die weltlichen Obrigkeiten, für den 
Oberpriester (aQxieQsvg, Bischof) und den König (wobei die Voranstellung 
der geistlichen Obern zu beachten ist). Darauf ertheilt der Oberpriester 
den Segen nach Anleitung von Numeri 6, 24— 26. Dann geschieht das 
Opfer iSvaia) 2), während das aufrechtstehende Volk still betet. Wenn 
das Opfer dargebracht ist, soll jede Classe der Anwesenden, abgesondert 
von den übrigen, Leib und Blut des Herrn empfcingen , mit Scheu und 
Furcht, als hinzutretend zum Leibe eines Königs. Die Weiber sollen 
hinzutreten mit verhülltem Haupte, wie es sich für die Weiber geziemt. — 
Die Thüren sollen bewacht werden, damit kein Ungläubiger oder nicht 
Eingeweihter eintrete. 

Was die einzelnen Handlungen des Gottesdienstes betrifft, so erscheint 
an erster Stelle, wie wir so eben gesehen haben, das Vorlesen der 
heiligen Schrift durch eigens dazu bestellte Vorleser, Nachahmung der 
jüdischen Sitte, selbstverständlich in der dem Volke verständlichen Sprache; 
das waren in den meisten Gegenden des römischen Reiches die griechische 
und die lateinische Sprache. Selbst in Rom war bis in die Mitte des di'itten 



1) Diese Formeln hat Oekolampad in"" die Basler Liturgie des heiligen Abendmahls 
aufgenommen , und sie sind bis auf den heutigen Tag darin verblieben. 

2) Mf^TK Tavrct yiu€<rfho) rj (^vßtn\ ~ was bei Justin noch unter die Ausdrücke 
Lob- und Dankgebete sich versteckt, ist hier mit den Gaben deutlich als Opfer bezeichnet. 



Der Gottesdienst. Die Schriftlesung und Predigt. 197 

Jahrhunderts die griechische Sprache neben der lateinischen die herrschende. 
Doch, ob der Gottesdienst in Rom anfänglich griechisch abgehalten wurde, dar- 
über fehlen die genaueren Angaben; wenn es der Fall war, so wurde er dadurch 
zugänglicher für die vielen Gläubigen aus dem Morgenland, die sich immerfort 
in Rom einfanden. Eine Zeitlang wurden auch nicht kanonische Schriften 
vorgelesen, z. B. der Pastor Hermae, des Clemens Brief an die Korinther und 
zwar nicht blos in dieser Stadt (Euseb 3, 16; 4, 23). Später wurde diess 
unterlassen. Es scheint überhaupt niemals in allen Gemeinden gebräuch- 
lich gewesen zu sein. Dass die Briefe, die gewisse, angesehene Bischöfe, 
z. B. Dionysius von Korinth an andere Gemeinden richteten, — wie denn 
dieser Dionysius eine ziemliche Anzahl derselben verfasst hat — , bei dem 
Empfang derselben in den Gemeindeversammlungen vorgelesen wurden, 
ergab sich von selbst, aber nur wenigen widerfuhr die Ehre eines wieder- 
holten Vorlesens. Die Vorträge, die sich an das Vorgelesene anschlössen, 
waren sehr einfacher und vertraulicher Art, daher ofiiXtat genannt, wohl 
nicht von der jüdischen Synagoge entlehnt, wo die Gemeindeglieder reli- 
giöse Fragen aufwarfen, die der jedesmal Vortragende beantwortete; denn 
diese Gesprächsform lässt sich bei der christlichen Predigt nicht nach- 
weisen. Möglich ist es, dass anfangs, als Redefi'eiheit gestattet war, sich 
die Gesprächsform bisweilen ergab. Auf jeden Fall bedeutet der Ausdruck 
Homilie eine vertrauliche Ansprache. Im griechischen Morgenlande waren 
diese Ansprachen länger, als im lateinischen Abendlande, und wurden nach 
und nach mit rhetorischem Schmucke behaftet, wie z. B. bei Paul von 
Samosata, dem bereits Beifall zugeklascht wurde. Doch diess fand Miss- 
billigung. Grosses Verdienst erwarb sich ürigenes durch seine Homilieen 
über mehrere Bücher der heiligen Schrift, durch die Schriftauslegung, 
wozu er mächtige Anregung gab, durch die trefflichen homiletischen An- 
weisungen, die er ertheilte ^j. Als Zweck alles Redens in der Gemeinde sieht 
er die Erbauung an, die ihm sowohl Belehrung als Ervveckung ist ^). Auch 
der Kirchengesang ging von dem jüdischen Cultus in den christlichen 
über. Aus dem Anfang des zweiten Jahrhunderts haben wir, nach dem 
angeführten Berichte des Plinius, das erste deutliche Zeugniss, dass die 
Christen in ihren Zusammenkünften ein carmen de Christo sangen. Einen 
Hymnus auf Christum theilt Clemens Alexandrinus am Schlüsse des Paeda- 
gogus mit. — Es wurden, wie wir gesehen, auch die Psalmen in den Ge- 
meindeversammlungen gesungen; der Gesang muss allerdings mehr ein 
recitativer Vortrag, als eigentlicher Gesang gewesen sein. 

Das Abendmahl, im apostolischen Zeitalter täglich gefeiert, des 
Abends und in Verl)indung mit einer Agape (1 Kor. 11, 24. Apostelgesch. 
2, 42. 46. Brief Judä v. 12), wurde von Anfang des zweiten Jahrhunderts 
tn nur noch am Sonntage in gemeinschaftlicher Feier genossen, zunächst 
zwar noch des Abends und in Verbindung mit einer Agape, wie der Be- 



1) Der Ausdruck of^Ufty kommt vor von den Ansprachen in den Gemeindever- 
sammlungen Apostelgesch. 20, 11. Siehe überhaupt über diesen Gegenstand, Paniel, 
Gescliichte der christlichen Beredtsamkeit und Homiletik. 

2) Kedepeuuing 2, 248. 



198 Erste Periode des alten Katholicismns. 

rieht des Plinius es beweist. In manchen Gegenden ist das Abendmahl 
vielleicht niemals täglich administrirt worden. Im Laufe des zweiten Jahr- 
hunderts wurde die Agape vom Abendmahl getrennt und dieses mit dem 
sonntäglichen Morgengottesdienste verbunden. Die Agapen erhielten sich 
in einigen Gegenden, verbunden mit Gebet und gewürzt mit erbaulichen 
Gesprächen (Tert. apol. c. 39). Doch waren noch immer Uebelstände da- 
mit verbunden (Tert. de jej. c. 17. Clemens Alexandrinus im Paedagogus); 
die Reichen nämlich veranstalteten solche Mahlzeiten und meinten damit 
ein Gott besonders wohlgefälliges Werk zu verrichten. Daher an manchen 
Orten die alte Sitte in Verfall gerieth und verachtet wurde, wogegen 
noch das Concil von Gangra (c. 360) sich aussprach. 

So lange die Agape und das Abendmahl mit einander verbunden 
waren, machte die Feier des letzteern keinen Theil des Gottesdienstes aus. 
Am Abendmahl nun konnte natürlich kein Ungläubiger oder Unge taufte r 
Theil nehmen, wohl aber an dem Gottesdienste des Morgens, der ohne 
Abendmahl gefeiert wurde. Aus 1. Kor. 14, 23—25 erhellt, dass Ungläu- 
bige, d. h. Heiden zugelassen wurden, weil sie dabei heilsame Eindrücke 
erhalten konnten. Die Oelfentlichkeit des Gottesdienstes war auch das 
beste Mittel, die Unschuld der Christen ins Licht zu stellen, die ja schon 
seit geraumer Zeit durch abscheuliche Verläumdungen angegriffen wurde. 
Seitdem nun das Abendmahl nicht mehr am Abend gehalten, sondern mit dem 
sonntäglichen Morgengottesdienste verbunden wurde, kam der Gebrauch 
auf, dass man- die Katechumenen und Büssenden vor der Feier des Abend- 
mahls entliess. Bei dem Abendmahle wurde gewöhnliches Brod (xoipöc 
aQtog, wie Justin sagt), gebraucht. Denn diejenigen Gemeinden, welche 
der Johanneischen Relation folgten, hatten keine Veranlassung, ungesäuer- 
tes Brod zu nehmen, und die der synoptischen Relation folgenden setzten 
sich über diesen Unterschied von der jüdischen Passahfeier hinweg. Doch 
scheinen die kleinasiatischen Gemeinden, dieselben, welche so eifrig am 
vierzehnten Nisan hingen, ungesäuertes Brod gebraucht zu haben. Der 
Wein wurde , nach antiker Sitte , mit Wasser vermischt , obwohl die Juden 
am Passahfeste den Wein unvermischt tranken. Das Abendmahl wurde 
bekanntlich in beiden Gestalten und zwar nicht knieend, sondern stehend 
empfangen. 

In manchen Kirchen, namentlich in den nordafrikanischen, hielt man 
die tägliche Communion für nothwendig, in Gemässheit der Bitte: unser 
tägliches Brod gib uns heute, die neben dem buchstäblichen Sinn auch 
einen geistlichen Sinn habe, betreffend das Brod des Abendmahles. (Cy- 
prianus de oratione c. 18). Da aber in den Gemeindeversammlungen das 
Abendmahl nur am Sonntage ausgetheilt wurde, so blieb nichts übrig, als 
einen Theil des gesegneten Brodes mit nach Hause zu nehmen, welch^ 
nun, privatim genossen, die Stelle der ganzen Communion vertrat, — die 
erste Spur einer Communion unter Einer Gestalt. So genoss denn Jeder;, 
zu Hause nach dem Morgengebet mit den Seinigen das Abendmahlbrod. Aus-! 
serdem fand das Abendmahl statt bei der Taufe Neubekehrter. Seit dem j 
Anfang des dritten Jahrhunderts gab man auch den neugeborenen Kindern j 
unmittelbar nach der Taufe die Communion. Da man nämlich Joh. 6 die Rede Jesu . 






Der Gottesdienst. Das Abendmahl. 199 

vom Essen seines Fleisches und Trinken seines Blutes direct auf das Abendmahl 
bezog, so wären die Kinder, welche starben, ohne das Abendmahl empfangen 
zu haben, der Seligkeit verlustig gewesen (Cyprian de lapsis c. 2b). Doch 
diess war melir oder minder vereinzelte Vorstellung und Praxis. Immer- 
hin zeigt sich darin eine Veräusserlichung des geistigen Actes der Com- 
munion, wie denn die frommen Geschichten, die Cyprian bei diesem An- 
lasse erzählt, an das Magische grenzen. Wenn die Kinder noch nicht im 
Stande waren, Brod zu essen, wurde ihnen etwas vom Abendmahls- Wein 
eingegossen, doch diess nicht allgemein, aus dem Grunde, weil die Kin- 
dertaufe nicht allgemein eingeführt war. 

In der vorstehenden Darstellung ist von einem mit dem Abend- 
mahl verbundenen sichtbaren, materiellen Opfer, welches der 
Communion vorausging, sowie von dieser als von dem Empfang des 
Leibes und Blutes des Herrn die Rede gewesen. Diese zwei Punkte 
erheischen eine genaue Erörterung i). 

Nichts sieht weniger einer Opferhandlung ähnlich , als das letzte Mahl 
des Herrn mit seinen Jüngern, gleichviel ob wir es mit den synoptischen 
Evangelien als Passahmahlzeit oder mit Johannes als dem Passah voraus- 
gehende gewöhnliche Mahlzeit auffassen. Das Abendmahl ist sogar der 
directe Gegensatz vom Opfer und schliesst es geradezu aus. Die Opfer- 
handlung setzt ein zu opferndes Object voraus, welches der Opfernde Gott 
darbringt, um ihm seinen Dank zu bezeugen oder dessen Gnade sich 
zuzuwenden. Im Abendmahl aber sind es nicht die Theilnehmenden , die 
da geben, sondern der Herr gibt und die Jünger sind die Empfangenden, 
üeberdiess wissen wir ja, dass im neuen Bunde, wovon das Abendmahl die 
rituelle Einweihung ist, alle sichtbaren, materiellen Opfer durch das einige 
Opfer Christi abgethan sind, jene Opfer, die schon durch die Propheten 
virtuell waren abgethan worden. Das Neue Testament spricht wohl noch 
von Opfern im geistigen Sinne, wozu alle Gläubigen berufen sind 1. Petri 2, 
5. 9; der Brief an die Hebr. 13, 16 nennt die Almosen Opfer, an de- 
nen Gott Wohlgefallen habe, Paulus ermahnt die Gläubigen, ihre Leiber 
Gott als Opfer darzubringen Rom. 12, 1. Aber das Alles hat nichts zu 
schaffen mit dem sichtbaren Opfer im Abendmahl. Man kann sich, um die 
Opferidee zu beweisen, auch nicht darauf berufen, dass der Herr, ehe er 
die Elemente austheilte , nach dem Vorbilde des jüdischen Familienvaters 
den Segen , den Dank sprach. Dieser Segen , dieser Dank war kein Opfer 
und auch nicht die Einleitung dazu. Der Herr segnet und dankt noch bei 
anderen Mahlzeiten (Job. 6, 11. Matth. 15, 36. Luc. 24, 30), sowie auch 
Paulus (Apostelgesch. 27, 35). 

Wie so kam denn die Idee eines sichtbaren, materiellen Opfers in 
den geschlossenen Kreis der altchristlichen Anschauung? Da in der Ein- 



1) Siehe Ebrard, das Dogma vom heiligen Abendmahl und seine Geschichte 
1845. — Kahnis, dieLehre vom Abendmahl 1851. — Eückert, das Abendmahl, sein 
Wesen und seine Geschichte 1856. — Steitz, die Abendmahlslehre der griechischen 
Kirche u. s. w. in den Jahrbüchern für deutsche Theologie 1864 — 1867. — Höfling, 
die Lehre der ältesten Kirche vom Opfer im Loben und Cultua der Christenheit 1851. 



200 Etste Periode des alten KatliolicismüS. 

Setzung des Abendmahls durch den Herrn weder direct noch indirect die 
leiseste Andeutung davon gegeben war, so muss sie von aussen her hin- 
eingetragen worden sein. Ein der ursprünglichen Einsetzung völlig frem- 
der Gebrauch, an sich von zufälliger Natui*, schon seit undenklichen Zeiten 
aufgegeben, ist, wenn nicht die eigentliche Ursache, so doch die Veran- 
lassung geworden für die Entstehung eines sichtbaren mit dem Abendmahl 
verbundenen Opfers. Denn dieser Gebrauch hätte die genannte Veran- 
lassung nicht darbieten können, wenn die Geister dazu nicht vorbereitet 
gewesen wären durch ihre ererbten religiösen Vorstellungen und wenn man 
den Opferbegritf, obgleich auf noch so künstliche und willkürliche Weise, 
mit den Angaben der Schrift nicht zu vereinbaren gewusst hätte. Wir 
stehen hier bei dem punctum sallens einer unbiblischen Lehre und Praxis, 
die seitdem in riesigen Dimensionen sich entwickelt hat. 

Der aus dem apostolischen Zeitalter herrührende Gebrauch, das;^ 
die Gläubigen für die Agapen Speise und Trank herzubrachten, die nun 
gemeinsam genossen wurden, dieser Gebrauch bestand fort und fort, auch 
nachdem das Abendmahl von der Agape abgesondert und am Morgen ge- 
feiert wurde. Diese Gaben der Gläubigen, aus Brod und Wein bestehend 
dienten auch zum Unterhalte des Klerus und zur Unterstützung der Armen 
In der Sprache des Volkes , die übrigens mit Hebr. 13, 16 übereinstimmte, 
nannte man diese Gaben Darbringungen, (jiQogcpoQai, ohlationes), 
auch Opfer, {^vtriat, sacrificia). Es galt als Grundsatz, dass Niemand 
ohne solche Gabe sich dem Tische des Herrn nahen durfte. Daher Cy- 
prian (de opere et eleemosynis c. 15) eine reiche Dame, die nicht geopfert 
hatte, scharf rügt: „du bist reich, und du bildest dir ein, das Mahl 
des Herrn zu feiern, du, die du einen Theil des von den Armen dargebrach- 
ten Opfers verzehrst"? Der Bischof spricht hier, sich dem Volksausdrucke 
anbequemend. Denn, da man im Alterthum keinen Gottesdienst ohne 
sichtbares, materielles Opfer sich denken konnte, so war das Volk froh, 
in jenen Darbringungen ein Aequivalent der abgethanen heidnischen Opfer 
unter anderer Form zu finden. So wurde die Feier des Abendmahls 
nach diesem von aussen herbeigezogenen Gebrauche benannt. Das Abend- 
mahl gemessen, das hiess opfern, — es geniessen im Andenken an die 
Märtyrer oder an andere Verstorbene, das hiess für dieselben Opfer dar- 
bringen. Denn die Communicanten bestritten durch ihre Darbringungen 
die Kosten der Communion (Tert. de Corona c. 2; de exhortat. castit. 
c. 11; de monogamia c.J 10. Cyprian ep. 34. 37). Die Vorwürfe, welche 
die Heiden gegen die Christen erhoben wegei> ihres opferlosen Cultus, ^ 
haben gewiss dazu beigetragen , die Christen in dieser Anschauungsweise 1 
zu bestärken. Von Anfang an war aber noch ein anderer Ausdruck für * 
dieselbe Sache aufgekommen, der Ausdruck evxccQKTtia für Brod und 
Wein, worüber das Danksagungsgebet gesprochen worden. Die Art wie 
Justin (1 apol. 66) i) und Origenes (c. Celsuni 8, 33) 2) davon reden , zu- 
sammengestellt mit den übrigen Auslassungen der Väter über denselben 

1) Kat ttVTt] j TQ0(p?j xalfiTttt nng' ij^ip fvxttQterta, 

2) uiQxog evxagiCTitt xaXov^evog, 



Der Gottesdienst. Der Öpfercnltus. 201 

Gegenstand, ist ein Beweis dafür, dass sie den populären Ausdruck im 
Auge haben. Das Missliche in dieser Sache war, dass die Einsetzung des 
Herrn nach dem benannt wurde, was der Mensch dazu gab, dabei that, — 
was den Ausdruck Eucharistie betrifft, zwar mit Anschliessung an das, 
was der Herr gethan, jedoch in veränderter Bedeutung. 

Die Väter eigneten sich diese Anschauungsweise und Ausdrucksweise 
an, aber nicht ohne sie nach der Norm der Schrift zu begrenzen und zu 
berichtigen, und eben daraus schliessen wir, dass die Verbindung des 
Abendmahls mit der Opferidee den erwähnten volksmässigen Ursprung hat. 
Doch so löblich die Bemühungen der Väter in dieser Hinsicht sein mögen, so 
sehr sie im Einzelnen Richtiges vorbringen, so gelingt es ihnen doch nicht, 
den keimenden Irrthum auszureissen ; sie lassen den Keim, die Wurzel 
stehen und legen so unbewusst und unwillkürlich den Grund zu verstärk- 
tem Irrthum. 

Nach den ersten Spuren des Opfercultus bei Clemens 1 Kor. c. 40. 
41. 44 ^j finden wir bei Justinus Martyr diesen Opfercultus schon viel 
mehr ausgeprägt, in Verbindung leider! mit einem Glauben an Christum, 
der ihn mehr als Lehrer (öiSaaxaXog 1 Apol. 13) denn als Versöhner 
auffasst. Vor allem ist zu beachten, was Justinus a. a. 0. zur Rechtfer- 
tigung des opferloseu Cultu.s der Christen sagt: Sie bringen Gott keine 
blutigen Opfer, noch Libationen, noch Weihrauch, dar, — deren er nicht 
bedarf. Sie erachten, die einzig wahre Verehrung, die sie ihm darbringen 
können, bestehe nicht darin, durch Feuer zu verzehren, was er ihnen zur 
Nahrung gegeben, sondern es füi' sich selbst zu gebrauchen und es den 
Dürftigen mitzutheilen. Doch sieht er Brod und Wein des Abendmahles 
als Opfer (^vaiai) an; sie sind das reine Opfer, wovon Maleachi 1, 11 
spricht, das Gott überall unter den Völkern dargebracht wird (Dialog c. 41. 
116). Diese sichtbaren Opfer verschmelzen sich aber mit den Gebeten und 
Danksagungen, die nun doch, sofern sie nämlich von den Christen, nicht von 
den Juden verrichtet werden, „die einzig wahren, vollkommenen, Gott wohl- 
gefälligen Opfer" sind (Dialog, c. 117), so dass die Elemente des Abendmahles 
als die sinnlichen Substrate dieser einzig wahren Opfer aufgefasst zu sein schei- 
nen. Doch dieser Gedanke ist nicht ausgedi"ückt, sondern Thesis und Antithesis, 
die volksmässige Anschauung und die berichtigende theologische Anschauung 
werden unvermittelt neben einander gestellt. Der Inhalt aber dieser 
Danksagung oder dieses Opfers ist ziemlich weit hergeholt, damit sie um 
so bedeutsamer erscheine. Man dankte 1) für die Erschaffung der Welt, 
insbesondere für alle trockene und flüssige Nahrung, repräsentirt durch 
die Gaben von Brod und Wein, 2) für die Menschwerdung des Wortes, 
3) für das Leiden Christi und dessen Wirkungen (Dialog, c. 41. 70). Diese 



1) Er kennzeichnet die Bischöfe oder Presbyter als diejenigen, welche die Gaben 
der Gemeinde bei dem Abendmahl darbringen {rovg 7i()ogeyfyxovras rrt (fojQa). Höfling 
weist unwidersprcchlich nach, dass Clemens hierin keineswegs die katholische Messopfer- 
lehrc vertritt; das Neue und Auffallende der Sache ist, im Vergleiche mit der Art, wie 
Paulus das Amt und die Functionen der Bischöfe beschreibt, dieses, dass Clemens über- 
haupt von einem Opferdienst derselben redet, wovon Paulus nichts weiss. 



202 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Danksagung, gesprochen über die Elemente, bildete die eigentliche Opfer- 
handlung und war zugleich die Consecration, wodurch Brod und Wein, Leib 
und Blut Christi wurden (1. Apol. c. 66). Brod und Wein, nachdem sie 
diese Consecration empfangen, hiessen nun selbst Eucharistie, so dass 
dasselbe Wort die Danksagung, die Consecration, die Opferhandlung und 
die consecrirten Elemente bedeutete. Demnach ruht für Justin der Schwer- 
punkt der ganzen Eeier des Abendmahles nicht in der Comnmnion, son- 
dern in der eucharistischen Consecration, und zwar in solchem Grade, dass 
Justin im Interesse dieser Idee sich erlaubt, die Reihenfolge in den Wor- 
ten der Einsetzung und den Sinn dieser Worte zu ändern. ;,Der Herr 
nahm das Brod, dankte und sprach: dieses thut zu meinem Gedächtniss. 
Das ist mein Leib. Gleicherweise nahm er den Kelch, dankte und sprach: 
das ist mein Blut, und befahl, solches allein ihnen, (d. h. den getauften 
Gläubigen) zu geben. ^ (I Apol. c. 66). So beziehen sich die Worte: thu*. 
solches zu meinem Gedächtniss, nicht auf die Worte : nelimet, esset, welche; 
gar nicht angeführt sind, sondern auf die Consecration mittelst der Dank- 
sagung, wodurch die Elemente Leib und Blut Christi werden; nicht darauf 
legt er Gewicht, dass die Elemente zum Genüsse ausgetheilt, sondern, 
dass sie nur unter die getauften Gläubigen ausgetheilt werden. Denn das 
steht im Zusammenhang damit, dass Brod und Wein durch die Conse- 
cration Leib und Blut Christi werden. Dahin also ist ein Kirchenlehrer 
so nahe am apostolischen Zeitalter, — die genannte Apologie datirt aus 
den Jahren 138 oder 139, — geführt worden in Eolge eines Gebrauches, 
welcher der ursprünglichen Einsetzung des Abendmahles völlig 'fremd ist. 
Immerhin ist anzuerkennen, dass Justin nirgends eine Opferung des Leibes 
und Blutes Christi im Abendmahl andeutet. Der deutlichste Beweis, dass 
ihm ein solcher Gedanke fremde ist , liegt in der Anführung , dass Gott 
die Opfer der Christen denjenigen der Juden vorzieht, nicht weil jene 
Christi Leib und Blut opfern, sondern weil sein Name durch sie verherr- 
licht wird. Er bezieht sich also nicht auf den Unterschied der Objecte, 
um den Opfern der Christen den Vorzug vor denen der Juden zu geben, 
sondern auf den Unterschied der subjectiven Gesinnung beider. Ebenso 
ist anzuerkennen, dass Justin das allgemeine Priesterthum der Gläubigen 
vollkommen gelten lässt. Sie bringen die Gaben dar als Priester; denn, 
sagt er, von Niemand nimmt Gott Opfer an als durch Vermittlung der 
Priester (dialog. c. 116). 

Irena US kennt und behandelt das eucharistische Opfer und beweist 
es auf dieselbe Weise wie Justin, jedoch neue Gesichtspunkte aufstellend. 
Er hat im Auge die Polemik gegen Gnostiker und Ebioniten, und gegen 
die einen wie gegen die anderen sucht er die Einheit und Harmonie 
zwischen beiden Testamenten so wie ihre Verschiedenheit ins Licht zu 
setzen. Daher stellt er den Satz auf, dass die levitischen Verordnungen 
über die Opfer keineswegs voraussetzen, dass Gott der Opfer bedürfe, 
noch dass er dadurch gegen uns gnädig gestimmt werde. Sie entsprechen 
lediglich einem Bedürfnisse der Menschen. Ihr Zweck ist, die Menschen 
mittelst äusserlicher Dinge zu geistigen Dingen, durch Bilder und Typen 
zum Wesen hinzuleiten. Zur Bestätigung dieser Behauptung führt er 



Der Gottesdienst. Der Opfercultus. 203 

mehrere Stellen aus den Psalmen und Propheten an, nach welchen Gott 
keine Opfer von Thieren verlangt, weil die Erde una Alles, was sie ent- 
hält, ihm gehört, Stellen, in denen das einzige wahrhafte Opfer, das des 
zerknirschten Herzens, erwähnt wird, und woraus hervorgeht, dass Gott 
von den Juden keine ßrandopfer forderte, sondern Glaube, Gehorsam und 
Gerechtigkeit zu ihrem Heile. 

Man würde darin schwerlich die Prämissen zu einem sichtbaren , ma- 
teriellen Opfer, welches mit dem Abendmahle verbunden wäre, erkennen. 
Doch stellt Irenäus ein solches auf, zwar nicht, ohne es einigermassen zu 
vergeistigen, aber auch nicht, ohne den Worten der Einsetzung einen Sinn 
unterzulegen, der gewiss nicht der Sinn war, den der Herr damit ver- 
band 4, 17. 5. ;,Seinen Jüngern den Rath gebend, Gott die Erstlinge 
seiner Creaturen zu opfern, nicht als ob er deren bedürfte, sondern auf 
dass sie nicht unfruchtbar und undankbar wären, nahm der Herr das Brod, 
welches von der (sichtbaren) Schöpfung herkommt und sprach die Dank- 
sagung , indem er sagte : das ist mein Leib ^). Ebenso bekannte er , dass 
der Becher , welcher von der Schöpfung herkommt, wozu wir gehören, sein 
Blut ist (enthält), und so setzte er das Opfer (oblatio) des neuen Testa- 
mentes ein, welches die Kirche von den Aposteln empfangen hat und 
welches sie in der ganzen Welt Gott darbringt, der uns die Nahrung gibt, 
die Erstlinge seiner Gaben im Neuen Testament, von welchem Opfer Ma- 
lachias (1, 11) gesprochen hat." Wie bei Justin sind die Worte: das ist 
mein Leib, von den anderen Worten der Einsetzung: nehmet, esset, ge- 
trennt, diese sind wie bei Justin nicht einmal erwähnt, denn sie passten 
wie für Justin so auch für Irenäus nicht, der ebenfalls den Schwerpunkt 
der Feier nicht in die Communion, sondern in die Consecration setzt. 
Irenäus verfährt noch willkürlicher, als Justin, indem er die Danksagung 
deren ursprünglicher Begriff ihm schon ganz entschwunden ist, so dass sie 
lediglich Consecration ist , auf die Worte : das ist mein Leib , beschränkt. 
Nun folgen zwar als Cautelen mehrere Stellen aus dem Alten Testament, 
ähnlich oder gleichlautend den aus Anlass der levitischen Opfer beige- 
brachten , damit n icht der Wahn genährt werde , als ob die sichtbaren 
Opfer genügten, um Gottes Gnade dem Opfernden zuzuwenden, als ob nicht 
die subjective Gesinnung desselben es sei, wodurch sein Opfer Gott ange- 
nehm gemacht werde. Irenäus schreitet sogar bis zu der Behauptung fort, 
dass der Altar und der Tempel, wo man die wahren Opfer bringt, nicht 
auf der Erde, sondern im Himmel sind; ;,denn gen Himmel sind unsere 
Gebete und Opfer gerichtet" (4, 18, 6). Daher die Sache wie bei Justin 
den Anschein gewinnt, als ob die sichtbaren Opfer von Brod und Wein 
nur der symbolische Ausdruck seien des inwendigen Opfers der Seele, die 
sich Gott mit allem, was sie besitzt, hingibt. Doch besteht Irenäus darauf, 
dass auch im neuen Bunde das Gebot des Deuteronom. (16, 16) gelte : „du 
sollst vor Gott nicht mit leeren Händen erscheinen." Er hält fest, dass 
es im neuen Bunde wie im alten sichtbare Opfer gebe. Auch im Alten 



1) Gratias egit dicens: hoc est corpus meum. 



204 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Testamente wurden Gott die Erstlinge seiner Creaturen dargebracht. 
Wenn aber demnach das Genus der Oblationen keine Veränderung erfah- 
ren hat, so ist doch die Species eine andere geworden. Die Veränderung 
besteht darin, dass die Oblationen jetzt nicht mehr mit knechtischem Sinne 
als von Knechten, sondern mit freiem, kindlichem Sinne als von Freien 
und Kindern geschehen *). Während jene gesetzlich gezwungen den Zehn- 
ten von ihrer Habe gaben, widmen diese, weil sie die Hoffnung höherer 
Güter haben, all das Ihrige Gott, wie jene Wittwe, die all das Ihrige in 
den Kasten Gottes warf. 

Hiezu ist zu bemerken: 1) sofern Ii'enäus die Verordnung des Deu- 
teron. 16, 16 in ihrem buchstäblichen Sinn auf den neuen Bund bezieht, 
begeht er eine Verquickung des neuen Bundes durch den alten, welche, 
ungeachtet der darauf folgenden Bemerkungen, der christlichen Religion 
ein gesetzliches Gepräge aufdi'ücken und die Vorstellung begünstigen musste, 
dass man von Gott nichts empfangen könne, es sei denn, dass ihm zuvor 
etwas gegeben worden, gleichviel ob es materieller oder geistiger Natu]' 
sei. 2) In der ganzen Ausfühi'ung ist nicht die leiseste Andeutung, dass 
Gott Leib und Blut Christi dargebracht werden; im Gegentheil, diese Vor- 
stellung ist durch die ganze Ausführung geradezu ausgeschlossen 2). Wi€ 
hätte Irenäus sonst den Unterschied zwischen den Opfern des alten und denen 
des neuen Bundes blos auf dem Gebiete des Subjectiven gesucht und nur in 
einer Verschiedenheit des Sinnes der Darbringenden gefunden V 3) Die an- 
geführten Worte vom Brode, welches von der Schöpfung herkommt Oiui est 
ex creatura), vom Becher, welcher von der Schöpfung herkommt, wozu wir 
gehören (qui est ex ea creatura, quae est secundum nos) , betreffen die 
Polemik gegen die Gnostiker. Dass diese Polemik selbst auf dieses der- 
selben fern liegende Gebiet übertragen wurde, ist ein neuer Beweis dafür, 
wie sehr sie die Geister beschäftigte. Nur ist es zu bedauern, dass sie 
Anlass gab, die ursprüngliche Lehre vom Abendmahl in Verwirrung zu 
bringen. Der Gedanke des Irenäus wird aus einer anderen Stelle (4, 18) 
klar. Die Lehre der Gnostiker, meint er, wird durch das Abendmahl 
widerlegt. Denn sie können, ihren Grundsätzen gemäss, nicht glauben, 
dass Brod und Wein Fleisch und Blut Christi sind, wenn sie ihn nicht für 
den Sohn Gottes des Schöpfers halten, d. h. Christus kann nicht aus Din- 
gen der sichtbaren Schöpfung, wozu auch wir gehören, seinen Leib und 
sein Blut bereiten, es sei denn, dass er der Sohn des Schöpfers sei, 
das Wort, durch welches alle Dinge gemacht worden. 4) Wenn Irenäus 



1) Daher wohl der obige Ausdruck, dass der Herr den Jüngern den Rath (nicht 
das Gebot) gab, Gott die Erstlinge seiner Creaturen zu opfern. 

2) Die katholischen Theologen haben zwar diese Vorstellung zu finden gewähnt 
in der Lesart einiger codd.: Judaei autera non oflferunt. Manus enim eorum sanguine 
plenae sunt. Non enim receperunt verbum, quod offertur Deo, — statt per quod 
offer tur Deo (4. 18, 4), wie andere codd. lesen. Aber die Vorstellung, dass der 
göttliche Logos Gott geopfert werde, ist der katholisclien Theologie dieser Zeit völlig 
fremd. Es lässt sich viel eher erklären, dass per gestrichen worden, als dass es hinzu- 
gesetzt wurde. Stieren lässt auch per aus, bezieht aber verbum auf die Gebete bei der 
Teier des Abendmahles. 



Der Gottesdienst. Der Opfercultus. 205 

lehrt, dass die Kirche die Oblation des neuen Bundes von den Aposteln 
empfangen hat, so meint er nicht, es sei durch Vermittlung der münd- 
lichen Tradition geschehen, sondern er bezieht sich auf die Deutung, die 
er, Justin nachfolgend, den Worten der Einsetzung gegeben hat. 5) Wie 
willkürlich und falsch diese Deutung sei, springt sogleich in die Augen, 
ist aber sonderbarer Weise bis jetzt wenig beachtet worden. In jener feier- 
lichen Stunde, da der Herr, erfüllt vom Gedanken seines Todes, das Mahl 
des neuen Bundes der Gnade stiftete, lag ihm gewiss nichts ferner, als, 
indem er das gewohnte Tischgebet sprach, den Aposteln den Bath zu ge- 
ben, sie sollten die Erstlinge der Schöpfung Gott als Opfer darbringen. 
Damit verschliesst sich Irenäus die Einsicht in das Wesen des heiligen 
Mahles und in die heilsökonomische Bedeutung desselben. Daher von der 
Versicherung der Sündenvergebung auch bei ihm durchaus keine Rede ist. 

Die alexandrinischen Kirchenlehrer so wie Tertullian kennen das 
eucharistische Opfer, wir finden aber bei ihnen keine Weiterentwicklung 
des Begriffes. Clemens Alexandrinus führt es nur an zwei Stellen, Stromata 
1, 19. 4, 25, ganz kurz an, während er sich über die geistigen Opfer aus- 
führlich verbreitet 1). Origenes spricht deutlich den Gedanken aus, dass 
das Abendmahlsbrod , welches der Gläubige gestiftet hat, ein Symbol ist 
unserer Dankbarkeit gegen Gott ^). Was derselbe Lehrer von den Opfern 
im Allgemeinen sagt, zeigt uns schon sehr deutlich die gefährliche Wend- 
ung, welche diese Sache nahm. Er lehrt zu wiederholten Malen, dass der 
Mensch Gott geben nuiss, wenn er will', dass Gott ihm gebe. Er lehrt zwar 
auch, dass der Mensch nur dann Gott geben kann, wann er zuvor von ihm 
empfangen hat. Aber er kommt immer wieder zum ersten Satze zurück: 
,,Gott will vor allem von uns empfangen und darnach uns geben^^ — die 
Frucht der Lehrweise des Justin wie des Irenäus. — Seit Tertullian und 
von ihm empfohlen kam die bedenkliche Sitte auf, das eucharistische Opfer 
auch für die Verstorbenen (Märtyrer und Verwandte) zu bringen. Wenn 
es auch dabei auf die Erweisung einer fortdauernden Gemeinschaft mit 
den Abgeschiedenen abgesehen war, so ist doch nicht zu läugnen, dass 
die kirchliche Fürbitte sich dadurch in ein Gebiet, für welches sie keine 
Verheissung empfangen, wagte und so den Grund legte zu grossen Ver- 
irrungen. 

Bei Cyprian in der Mitte des dritten Jahrhunderts nimmt der 
eucharistische Opferbegriff eine überraschend neue Wendung, obschon, 
wenn wir die Sache genau ansehen , der Keim dazu in dem Lehrtropus des 
Justin und des Irenäus gegeben war. In der That, wenn die consecrirten 
Elemente Eucharistie genannt werden, wenn sie durch die Consecration 
Leib und Blut Christi werden, wenn die Eucharistie das einzig wahre 
Opfer ist, das die Christen darbringen, kann man sich wundern, wenn die 
Vorstellung sich bildet, dass im eucharistischen Opfer Leib und Blut Christi 



1) Zu beachten ist, dass er das Wort sv/rt^KiTsty als Opfern gebraucht und wie 
ein verbum activum construirt: ftGt yuQ, sagt er Strom. 1, 19, oi xai v^(o() \lnXov fv 
XnQtGTovfTiy. 

2) 2:v/iißoi.oy TJjq ttqq^ roy ^€ov fvxftQKtrtag C. Celsum 5, 7. 



2Qß Erste Periode des alten Katholicisinus. 

geopfert werden? Dazu schreitet der Bischof von Carthago fort bei einem 
an sich sehr äusserlichen Anlass, d. h. bei Gelegenheit des Gebrauches 
statt gemischten Weines im Abemlmahl blos Wasser zu verwenden, welchen 
Gebrauch Cyprian mit Recht durchaus verwirft ep. 63. Es muss davon 
ausgegangen werden, dass wie schon bei TertuUian, so auch bei Cyprian 
(ep. 5. c. 2) offerre ohne beigefügten Accusativ bisweilen die ganze prie- 
sterliche Verrichtung bei dem Abendmahle, insbesondere auch die Distri- 
bution ausdrückt, so dass die Sacramentsverwaltung selbst in ihrem ganzen 
Verlauf zum sacrificium wird. War einmal der Begriff offerre so unklar 
über seine Grenzen erweitert, so konnte er auch auf alle Objecte bezogen 
werden, welche überhaupt bei der Abendmahlsfeier in Betracht kamen. 
Daher führt Cyprian in völlig neuem Sprachgebrauche Leib und Blut Christi, 
ja das Leiden Christi (passio est Bomini sacrificium) und sogar die Namen 
der Darbringenden als Gegenstände des Opfers an. Diese Auffassung der 
Sache erhält die stärkste Bestätigung durch die Behauptung, dass Christus 
bei der Stiftung des Abendmahls sich selbst geopfert und dass gleicher- 
massen bei jeder Abendmahlsfeier der Priester ein wahres Opfer dai- 
bringe ^). Nun modificirt und limitirt sich die Sache zwar dadurch, dass 
es sich um eine Gedächtnissfeier handelt, wo man doch folgerechter Weiso 
eine Wiederholung des Opfers Christi nicht erwartet, und dass zuletzt da> 
Abendmahl als Vermählung Christi und der Kirche aufgefasst wird (63, 12; , 
deren symbolischer Ausdruck das die Gemeinde nach Apokal. 17, 15 vor- 
stellende Wasser ist, was mit dem Weine des Abendmahls vermischt wird, 
während auch das aus vielen zusammengemahlenen Körnern bestehende 
Brod die Gemeinde vorstellt, die in Christo, dem himmlischen Brode ge- 
einigt, Einen Körper bildet. Diese mit Christo sacramentlich geeinigtt 
Gemeinde ist es, welche der Priester Gott zum Opfer darbringt, dieses 
Opfer der Gemeinde kommt hinzu zum Opfer des Herrn. Auf der Ver- 
bindung beider Opfer ruht die veritas und plenitudo des eucharistischen 
Opfers. Darum kann Cyprian die Gemeindecommunion nicht vom Opfer 
trennen; darum leitet er die Vergebung der Sünden und den Frieden der 
Versöhnung nicht aus der priesterlichen Oblation, sondern aus dem Genüsse 
des Sacramentes ab (63, 11). Der wichtige Fortschritt, den Cyprian über die 
frühere Auffassung hinaus gemacht hat, liegt somit auch darin, dass die freie 
Selbstaufopferung der Gemeinde vor dem Abendmahl ihm zu einer Aufopfer- 
ung derselben durch die priesterliche Function wurde und dass ihr sacra- 
mentales Geeintsein mit Christo schon als constitutives Moment an den 
Opferbegriff herantritt, was das völlige Zerfliessen von sacramentum und 
sacrificium zur Folge hat. Auf der einen Seite also präfigiu'irt Cyprian das 
spätere katholische Dogma von der Opferung des Leibes und Blutes Christi, 
auf der anderen Seite hebt er es wieder zum Theil auf. 



1) Ep. 63 , 14. Si Jesus Christus . . . ipse est summus sacerdos Dei patris et 
sacrificium patri se ipsum primum obtulit et hoc fieri in sui commemoratioDem praecepit, 
utique ille sacerdos vice Christi vere fungitur, qui id, quod Christus fecit, imitatur et 
sacrificium verum et plenuin tunc offert in ecclesia Deo patri, si sie incipiat offerre. se- 
cundum quod ipsum Christum videat obtulisse. 



Der Gottesdienst. Das Abendmahl. 207 

Durch die eucharistische Consecration werden Brod und Wein des 
Abendmahls Leib und Blut Christi. Es lässt sich von vorn herein erwar- 
ten, dass wenn dem evxaQiatsiv des Herrn, dem Tischgebete die Kraft 
einer eigentlichen Consecration zugeschrieben wurde, die Vorstellung von 
der Wirkung davon sich entsprechend jener Kraft gestalten musste. 
Doch finden wir sehr divergirende Ansichten über das Verhältniss der 
Elemente zu Leib und Blut Christi, über die Art der Gegenwart Christi 
im Abendmahl. Es lässt sich in den Lehrerörterungen der Väter dieser 
Periode der römisch-katholische, der lutherische und der reformirte Lehr- 
begriff nachweisen, doch keiner vollständig, keiner zur Reife entwickelt, 
was man von vornherein erwarten muss in dieser Anfangsperiode. Zum 
Verwundern ist es aber, dass die divergirenden Anschauungen in keinen 
Conflict miteinander geriethen, dass sich kein Streit über das Abendmahl 
erhob. Es lässt sich diess nur erklären theils aus der elementaren Gestalt 
der Spendeformel (der Leib Christi, das Blut Christi), theils aus dem 
Umstände , dass die junge, von äusseren und inneren Feinden angefochtene 
Kirche ungleich Wichtigeres zu thun hatte. 

Obwohl die symbolische Bedeutung der Einsetzungsworte des Abend- 
mahls deutlich genug in die Augen springt , so war doch bei der im heid- 
nischen Kreise herrschenden Vermengung von Gott und Welt Gefahr vor- 
handen, dass dieselbe auch auf das christliche Gebiet zurückwirken möchte. 
Man hat Spuren davon bei Ignatius (ad Smyrn. c. 7 ad Ephes. c. 20) finden 
wollen, aber näher besehen, verschwinden diese Spuren in Nichts. Ignatius 
bewegt sich im Kreise der symbolischen Auffassung i). 

Bei Justinus Martyr beginnt die Verdichtung der auf das Abendmahl 
bezüglichen Anschauungen, dieselbe Verdichtung, die sich auch darin zeigt, 
dass derselbe Philosoph die Wiedergeburt durch das Wasser der Taufe mit 
der physischen Entstehung des Menschen e? vYQa(; (rnogag zusammenstellt 
(1 Apol c. 61). Die oft angeführte Hauptstelle vom Abendmahl ist die 
1 Apol. c. 66. Nachdem Justinus erwähnt hat, dass die Eucharistie nur den 
getauften Gläubigen gereicht werde, führt er als Grund an: ^.Denn nicht 
als gemeines Brod noch als gemeinen Trank empfangen wir dies, sondern, 
wie durch das Wort Gottes Fleisch geworden Jesus Christus unser Erlöser 
sowohl Fleisch als Blut um unseres Heiles willen hatte, so sind wir auch 
gelehrt worden, dass die durch das von ihm stammende Wort des Gebetes 
gesegnete Nahrung, wodurch unser Fleisch und Blut gemäss der Umwand- 
lung (xata fxetaßoXrjv) genährt werden. Fleisch und Blut jenes Fleisch gewor- 
denen Jesus seien.'' Der Satz stellt zwei analoge Vorgänge auf: 1) das 
Fleischwerden Christi (ungeschickter Ausdruck), 2) das Fleischwerden des 
Brodes. Der Nachdruck liegt auf den Worten: durch das Wort Gottes 
(dia Xoyov ^eov), durch das von ihm stammende Wort des Gebetes 
{di: €vxf}g Xoyov tov naq' avtov). Durch sie sind beide Vorgänge als 
duixh höhere Kraft bewirkt bezeichnet, dort durch ein allmächtiges Gottes- 
Wort (Luc. 1, 31), hier durch ein Wort Christi im Munde seiner betenden 



1) Diess hat Steitz a. a. 0. bewiesen. 



208 Erste Periode des alten Katholicismus. 

Kirche (wohin Justin wohl auch die Worte: das ist mein Leib, hinzu- 
nimmt); es erfolgt ein Fleischsein des Brodes durch dieselbe Kraft des 
Wortes, wodurch Christus Fleisch geworden. Die Verwandlung aber, wo- 
von Justin spricht, ist nicht vom Werden des Brodes zum Leib Christi, 
sondern zu unserem Leibe zu verstehen. Sowie nun Brod und Wein im 
natürlichen Nahrungsprocesse unser Fleisch und Blut werden, so werden 
sie durch übernatürliche Kraft Fleisch und Blut Christi, durch dieselbe 
Kraft, die Christi Fleischwerdung bewirkte. Justin scheint anzunehmen, 
dass Brod und Wein nicht durch Umwandlung der Substanz Leib und Blut 
Christi geworden sind, sondern vermöge der Veränderung, durch welche 
ein und derselbe Stoff in dem allgemeinen Stoffwechsel der Natur in andere 
Formen des organischen Lebens übergeht, also eine Transformation 
scheint Justin anzunehmen. 

Irenäus gibt der Lehre von der leiblichen Gegenwart des Herrn eine 
andere Wendung und bringt sie in neue Beziehungen (4, 18. 4. 5). Ei* 
geht aus von der Bestreitung der Auferstehungslehre durch die Gnostikei* 
und gebraucht die Eucharistie als Beweis für diese Lehre; darauf scheint 
er die heilsökonomische Bedeutung des Abendmahls zu beschränken. Wie- 
derum also greift die Polemik gegen die Gnostiker störend in die Entwicklung 
des Dogma's ein. ;,Wie das von der Erde stammende Brod, wenn es die 
Anrufung (exxXfjcrig^ eigentlich Herausforderung, soviel als das später in 
den Liturgieen oft vorkommende enixXrjtng) Gottes empfängt, nicht mehr 
gemeines Brod ist^ sondern Eucharistie, welche aus zwei Stücken (Ttgccy- 
liaxa) besteht, einem irdischen (nämlich Brod und Wein) und einem himm- 
lischen (nämlich dem Weihesegen und der dadurch hervorgebrachten Wirk- 
ung), so sind auch unsere Leiber, wenn sie die Eucharistie empfangen, 
nicht mehr vergänglich, da sie die Hoffnung der Auferstehung haben.* 
Irenäus nimmt nicht eine Veränderung oder Verwandlung der Substanz 
des Brodes und Weines an, sondern eine Veränderung der Wirksamkeit 
dieser irdischen Stoffe, mithin eine dynamische Veränderung. 

Die folgenden Lehrer der griechischen Kirche machen überwiegend 
die symbolische Auffassung geltend, die nun bis zum Ende des vier- 
ten Jahrhunderts die griechische Theologie beherrscht. Die Lehrer 
der alexandrinischen Schule sind die ersten ausgesprochenen Vertreter der 
symbolischen Auffassung. Es genügen einige Anfühiimgen aus Origenes, 
der in die Fussstapfen seines Lehres Clemens getreten ist und ;,das soge- 
nannte Brod des Herrn,'' dessen typischen und symbolischen Leib 
nennt. — ,, Jenes Brod, sagt er, welches der göttliche Logos als seinen 
Leib bekennt, ist das Wort, das die Seelen nährt. Jener Trank, den 
der göttliche Logos als sein Blut bekennt, ist das Wort, das die Herzen 
der Trinkenden tränkt und herrlich berauscht. So wenig ist der Ausdruck, 
sein Blut trinken, im eigentlichen Sinne zu nehmen, dass wir mit dem- 
selben Rechte auch sagen können , wir trinken der Ai)ostel Blut , denn wir 
nehmen auch ihr Wort von Christo als Lebens wort in uns auf.-' Origenes 
war vorbereitet, sich solche richtige Vorstellungen zu bilden, durch die 
schmerzlichen Erfahrungen, die er gemacht hatte von der ünzulässigkeit 
des buchstäblichen Sinnes in vielen Stellen der Schrift. Er weiss aber selir 



Der Gottesdienst. Das Abendmahl. 209 

wohl, dass das Volk im Allgemeinen am Buchstaben haftet, und dass man 
ihm den mystischen Sinn davon (mysticus sermo) nur in Bildern und Gleich- 
nissen mittheilen kann. Da er demgemäss keinen Anstand nimmt, die 
Elemente Leib und Blut des Herrn zu nennen, da er sogar anempfiehlt, 
„den Leib Gottes^^ mit Sorgfalt und Ehrfurcht zu behandeln, auf dass nichts 
davon auf den Boden falle, so begreift man, dass das Volk in seiner fleisch- 
lichen Aufi'assungsweise nicht gestört wurde, dass die Wahrheit in dieser 
Sache selbst in Alexandrien das Eigenthum Weniger blieb. 

Unter den Lehrern der lateinischen Kirche kommt vor allem und 
hauptsächlich Tertullian in Betracht, über den die Meinungen und An- 
sichten seit der Reformation sehi' von einander abweichen. Während 
Oecolampad und Zwingli und in der Neuzeit andere reformirte Theologen 
ihn als Vertreter der symbolischen Auffassung ansehen, haben Luther und 
nach ihm manche lutherische Theologen ihn als ihrer Ansicht zugethan zu 
erweisen gesucht. Die katholischen Theologen (Döllinger) sehen ihn als 
Vorkämpfer ihrer Geistesrichtung an. Der Streit ist durch die neuesten 
Forschungen dahin entschieden, dass Tertullian mehr oder weniger auf 
die Seite derer zu stehen kommt, welche die lutherische Auffassung ver- 
treten, ja sogar, dass er wenigstens an einer Stelle der Transsubstantia- 
tion das Wort zu reden scheint i). Diess Letztere hat bei dem derb rea- 
listischen Tertullian nichts Befremdendes; es zeigt aber, wie nahe sich die 
lutherische und die römisch-katholische Auffassung in gewissen Geistern 
berühren. Uebrigens kennen wir Tertullian's Lehre vom Abendmahl zu 
wenig, als dass wir ihn in allen Stücken als Vertreter der lutherischen 
Auffassung aufführen dürften. Wenn selbst T>aschas Radbert geläugnet hat, 
dass die Gottlosen Christi Leib bekommen, wie viel eher mag Tertullian 
ebenso gedacht haben? — Was Cyprian betrifft, so neigt er entschieden 
zur realistischen Auffassung hin, obschon in der ep. 63, die hier wesentlich 
in Betracht kommt, Ausdrücke vorkommen, welche die symbolische Auffassung 
voraussetzen. Unter solchen Halbheiten, dergleichen bei den Vätern so 
viele vorkommen, konnte sich der Irrthum verstecken und unbemerkt sich 
entwickeln. 

Was die Taufe, den Ritus der Aufnahme in die katholische Kirche be- 
trifft, so wurden von den Vätern in dieser Periode dreierlei Wirkungen daran 



1) Wir beziehen uns hier anf die „Beiträge zur Abendmahlslehre Tertullian's von 
Lic. theol. L. Leimbach. Gotha, Perthes 1874- " Leimbach weist, auf Grund der ge- 
nauen Erforschung des S4)rachgebrauches , nach, dass bei Tertullian die Ausdrücke ligura, 
census, repraesentare nicht den Sinn haben, den man gewöhnhch annimmt (adv. Marc. 1, 
14. 3, 19. 4, 40), sondern die Annahme der leiblichen Gegenwart Jesu im Abendmahl 
theils geradezu setzen, theils Wenigstens nicht ausschliessen , welche Stellen nun durch 
andere ihre völlige Klarheit erhalten, wenn z. B. de resurrectione carnis c. 37 gesagt 
wird, dass unser Fleisch mit Leib und Blut Christi genährt wird, auf dass unsere Seele 
mit Gott gesättigt werde, und de pudicitia c. 9, dass der Christ sich mit der Herrlich- 
keit (optimitate) des Leibes Christi nährt. Dazu kommt eine von Leimbach in seiner 
Schrift nicht angeführte, mir aber privatim von demselben mitgetheilte Stelle de idola- 
tria c. 7, wo Tertullian der Lehre von der Wandelung sich nähert, da er von einem ma- 
nus admovere corpori domini redet. 

Herrog, KirchengeBchicMe L 14 



210 Erste Periode des alten Katholicismua. 

geknüpft: 1) Vergebung aller vorher begangenen Sünden (Justin Martyr 
1 Apol. c. 61). 2) Mittheilung des heiligen Geistes und seiner (iahen 
(Dialogus c. Tr. c. 29. 3) Einpflanzung eines himmlischen Lebensprincips, 
welches den Sieg über den Tod und die Unsterblichkeit verleiht. Durch 
die Sündenvergebung; veranschaulicht im Ritus des Untertauchens, wird 
die Einkehr des heiligen Geistes ermöglicht (Tert. de bai)tismo c. 6), für 
diese wird aber noch die Handauflegung herbeigezogen. Auf die dritte 
Wirkung legte nicht nur Tertullian (de bai)tismo c. 5: deletur mors per 
aUutionem peccatorum^ exemto seil, reatu exlnütur et p>oena) Gewicht, 
sondern auch schon Hermas (lib. HI. Simil. 9, 16) und Irenäus (3, 17, 2) 
der, wie bevorwortet, dieselbe Wirkung dem Abendmahl zuschreibt. Es 
lässt sich nicht läugnen, dass dem sinnlichen Elemente des Wassers mit- 
unter eine mehr als blos rituelle Bedeutung beigelegt wird, wie denn 
Tertullian sich in naturalistische Anschauungen verliert. Doch wird immer 
festgehalten, dass nicht das Wasser allein jene Wirkungen hervorbringt, 
sondern es muss der Geist sich mit dem Wasser verbinden, und das W8,r 
der Irrthum, zum Theil wieder gut gemacht durch die der Taufe voraus- 
gehende Vorbereitung und die mit derselben verbundene und übernommene 
Verpflichtung. 

Je mehr nämlich die Kirche sich ausbreitete, desto mehr fand man es 
für nöthig, den zu Taufenden einen Unterricht zu ertheilen, der etwas auf-- 
führlicher war, als die apostolische Praxis es gestattete (Justin Martyr 1 Ai)o . 
c. 62); die Täuflinge hiessen xatrjxov^evoi^ axQoatai, auditores, für welche 
das Concil von Elvira (c. 42) zwei Jahre als Lehr- und Vorbereitungszeit 
festsetzte, die apostolischen Constitutionen 8, 32, drei Jahre. Origenes unter- 
scheidet zwei Classen: 1) solche, welche einen Privatunterricht erhielten, 
2) solche, welche in den Gemeindeversammlungen zugelassen waren um 
unmittelbar auf die Taufe vorbereitet wurden ^). Den Unterricht ertheiltt 
einer der niederen Geistlichen, in Alexandrien Laien von gelehrter Bild- 
ung, woraus die alexandrinische Katechetenschule hervorging. Die Täuf- 
linge legten bei Empfang der Taufe ein Glaubensbekenntniss {ffVfißoXov, 
naqadoaiq aTiofTtoXtxf] , xriQvyfxa ano(Ttohxov) ab, in Fragen und Ant- 
worten , woraus nach und nach unser apostolisches Symbol erwuchs 2). 
Mit dem Ablegen des Taufbekenntnisses war eine sittliche Verpflichtung 
verbunden. Der Täufling gelobte durch einen dem Bischof gegebenen 
Handschlag, dass er dem Teufel und dessen Gepränge und Engeln entsage. 
Das war der christliche Soldatenneid, das sacramentum militiae 
christianae, nicht zu verwechseln mit dem Exorcismus, der Austreibung 
des Teufels aus den neugeborenen Kindern, wovon die erste sichere Spur 



1) Zur Zeit des nicänischen Concils gab es drei Katechuraenatsstnfeu : 1) ttXQoiofiC 
voiy audientes, 2) yovvxXiPOPT8s, genuflectentes, auch xaTTjyov^fvoi im engeren 
Sinne, 3) (pcüTi^ofxfvot, competentes. 

2) 1 Petri 3, 21 wird auf Fragen und Antworten der Täuflinge angespielt, — ebenso 
von Tert. de Corona c. 3-de resurrectione camis c. 48; anima responsione sancitur; ebenso 
von Dion. von Kor. bei Euseb. 7, 9. 



Der Gottesdienst. Die Taufe. 211 

im Concil von Carthago vom Jahr 256 vorkommt c. 8 ^), als Nachwirkung 
des Exorcismus bei den Besessenen. Die Taufe geschah durch dreimaliges 
Untertauchen (iinmersio). Kranke erhielten die Besprengung (aspersio), 
welche Art der Taufe (Baptismus clinicorum) bei einigen nicht als 
vollgültig galt, wogegen jedoch Cyprian sich mit Kraft erklärte. Es kamen 
zur Taufe noch einige Gebräuche hinzu, die, an sich unschuldiger Art, 
doch die ursprüngliche Einsetzung des Herrn etwas verdunkelten. Nach 
dem Untertauchen oder Besprengen erhielten die Täuflinge eine Mischung 
von Milch und Honig, wodurch sie als Kinder dargestellt werden sollten, 
sodann das Chrisam, das Salböl, wodurch sie das geistliche Priester- 
thum erhalten sollten; dann folgte die Handauflegung und das Herabflehen 
des Geistes auf die Täuflinge. So ging es zu seit Tertullian's Zeit, im 
Zeitalter des Justinus Martyr war alles weit einfacher. Die zuletzt ange- 
führten Gebräuche waren die Anfänge des späteren Sacramentes der Fir- 
melung, confirmatio. Im Morgenlande konnten auch Presbyter und 
Diakonen die Taufe mit Salbung vornehmen, im Abendlande war man geneigt 
die Salbung und Handauflegung den Bischöfen vorzubehalten, mit Berufung 
auf Apostelgesch. 8, wonach den getauften Samaritanern erst durch die 
Handauflegung der Apostel der Geist ertheilt worden sei. Die Kindertaufe 
gehört wahrscheinlich nicht dem apostolischen Zeitalter an, obwohl Orige- 
nes sie als apostolische Tradition aufführt. Bei Irenäus zeigt sich die erste 
Spur davon. Sie verbreitete sich mit dem christlichen Familienleben, in- 
dem Kinder christlicher Eltern in anderem Verhältnisse zum Christenthum 
und zur christlichen Gemeinschaft standen, als solche, die mitten aus dem 
Schmutze des heidnischen Lebens kamen. Die angesehensten Kirchenlehrer 
waren für die Kindertaufe, sie war aber nicht gesetzlich geboten. Tertullian 
bekämpfte sie Upiid festinat innocens aetas ad remissionem peccatorum'^ de 
baptismo 18), daher viele die Taufe aufschoben, weil die Ansicht galt, sie 
könnten die nach der Taufe begangenen Sünden nur durch schwere Busse 
abbüssen. Die für die Kindertaufe waren, sprachen sich für die Vollzieh- 
ung derselben am achten Tage nach der Geburt aus, an welchem Tage 
die Beschneidung der jüdischen Kinder erfolgte; Cyprian wollte sie noch 
früher ansetzen. Mit der Kindertaufe hing zusammen die Einführung der 
Taufzeugen, avadoxot, Sponsor es. Die Kindertaufe wurde sehr ver- 
breitet, doch gab es immer noch Ausnahmen, selbst im Laufe des vierten 
Jahrhunderts 2). 

Taufe und Abendmahl wurden zuerst von Tertullian unter den Begriff 
vom Sacrament zusammengefasst : aber dieser Begriff selbst war noch sehr 
unbestimmt. — Von sacrare (so viel als dedicare, consecrare) sich ablei- 
tend bezeichnet das Wort im classischen Sprachgebrauch den Soldateneid, 
den Fahneneid, welche Bedeutung zuerst Tertullian ins Auge fasst (ad 
Martyres c. 3, de Corona c. 11); er nennt die abrenuntiatio diaholi und 



1) Cyprian ep. 76 scheint nicht einen besonderen Act des Exorcismus zu kennen, 
sondern er sieht die Taufe selbst an als Austreibung des Teufels, dessen Macht nur bis 
an das heilbringende Wasser reiche. 

2) Der Streit über die Taufe der Häretiker ist bereits dargestellt worden. 



212 Erste Periode des alten Katliolicismus. 

das Glaubensbekenntniss bei der Taufe sacramentum. Ausserdem übersetzt 
er so das griechisclie Wort fivcrtriQtov. Daher nennt er so 1) ein in Gott 
verborgenes Geheimniss, 2) mystischen Tiefsinn , Typus, 3) Taufe und 
Abendmahl, 4) die geheimnissvollen Kräfte der Taufe und des Abendmahles. 
Demnach ist ihm sacramentum auch eine die natürliche Fassungskraft 
übersteigende Lehre, — er kennt ein sacramentum incarnationis ^ Cyprian 
ein mysterium trinitatis, er nennt auch d. U.V. sacramentum, wie denn schon 
in der altlateinischen Bibel -Uebersetzung fivatfjQiov so übersetzt wird. 
Ephes. 1, 9. 3, 9. 5, 32. Col. 1, 27. 1 Tim. 3, 16. Apokal. 1, 20. 17, 7. 

Wahrscheinlich lag eine Zusammenstellung mit den heidnischen m//- 
Sterten zu Grunde. In denselben vergegenwcärtigte man sich der Gött(;r 
Leiden, Sterben, Neugeburt, — Büssungen, Sühnungen, Reinigungen dienten 
dazu, die letzte Weihe vorzubereiten, und vertheilten sich auf die verschie- 
denen Grade. Analogieen dazu finden sich in der christlichen Sacraments- 
feier; selbst die Aufforderung des Herolds an gewisse Classen oder Per- 
sonen, sich zu entfernen, fand Nachahmung im christlichen Gottesdienste. 
Auch der Ausdruck (pcotKr^og, womit man die Wirkung der Taufe bezeich- 
nete, wurde daher entlehnt. Es bildete sich die Vorstellung aus, das^ 
man in Taufe und Abendmahl die Wahrheit dessen besitze, wovon dio 
Heiden in den Mysterien nur die dämonische Nachahmung hätten (Justin';^ 
1. Apol. 66). 

Im Zusammenhang damit steht, was man seit Dalläus Arcandis- 
ciplin genannt hat. Es kam nämlich seit den letzten Decennien de^ 
zweiten Jahrhunderts der Gebrauch auf, die Feier der Taufe und de^ 
Abendmahls nicht nur vor den Heiden, sondern auch vor den Katechume- 
nen, welche die Taufe noch nicht empfangen hatten, geheim zu halten 
und daher die Katechumenen vor der Feier des Abendmahls zu verab- 
schieden. Die Lehre selbst, betreffend Taufe und Abendmahl, wurde im 
katechetischen Unterricht behandelt, aber nicht gesagt, dass Wasser, Brod 
und Wein, noch welche liturgische Formeln dabei angewendet wurden, 
wie denn die apostolischen Constitutionen 2, 57 in der Ordnung des Gottes- 
dienstes diess sorgfältig beobachteten, nachdem Justin von den Elementen 
des Abendmahls und den darüber gesprochenen Gebeten ganz offen ge- 
redet hatte 1). 



1) Siehe den Artikel Arcandisciplin von Rothe in der Realencyklopädie und dessen 
Schrift darüber: de disciplina arcani, quae dicitur, in ecclesia cbristiana origine 1841. — 
Harnack a.a.O. — Zezschwitz, Katechetik. — Artikel von Boowetsch, über Ent- 
stehung, Wesen und Fortgang der Arcandisciplin bei Kahnis, Zeitschrift für historische 
Theologie 1873. 2. Heft. 



213 



Viertes Capitel. Sittliche Wirkungen des Christenthums. 

Sitten und Leben der katholischen Christen i). 

In der Seele der Christen war das Bewusstsein vorherrschend von 
dem tiefgehenden Gegensatze zwischen dem heidnischen befleckten Leben 
und dem neuen Leben des Christenthums. Damit war unmittelbar die 
Kampfstellung gegen dieses heidnische Leben verbunden, dieselbe Kampf- 
stellung, die wir auch auf den anderen Gebieten des Lebens der Christen 
gefunden haben. Daraus ergab sich für die Christen die Verpflichtung, 
auf diese heidnische Welt einzuwirken. Es spricht sich darüber der Ver- 
fasser des Briefes an Diognet 2j in unnachahmlich schönen Worten aus 
c. 5 : „Die Christen unterscheiden sich von den übrigen Menschen weder 
durch ein besonderes Vaterland , noch durch eine besondere Sprache, noch 
durch eigenthümliche Volkssitten. Sie bewohnen ihr Vaterland, aber nur 
wie Beisassen (nagoixoi). Sie tragen alle Lasten der Staatsbürger und 
werden doch wie Fremde behandelt. Jede Fremde ist ihr Vaterland und 
jedes Vaterland ist ihnen fi'emd. Sie sind im Fleische, aber sie leben 
nicht nach dem Fleische. Sie wandeln auf Erden , aber ihr Bürgerthum 
ist im Himmel. Sie gehorchen den eingeführten Gesetzen, aber ihr Leben 
ist über den Gesetzen. Sie lieben alle, und sie werden von allen verfolgt. 
Man kennt sie nicht, und doch verurtheilt man sie. Man tödtet sie und 
eben dadurch gibt man ihnen das Leben. Sie sind arm, und machen Viele 
reich, sie leiden allen Mangel und haben in Allem Ueberfluss. Sie wer- 
den entehrt und in der Entehrung verherrlicht. Sie werden verläumdet 
und doch gerechtfertigt; sie werden geschmäht, und sie segnen.^^ 

„Um Alles mit Einem Worte zu sagen, was die Seele im Leibe ist, 
das sind die Christen in der Welt. Ueber alle Glieder des Leibes ist die 
Seele ausgebreitet, gleicherweise sind es die Christen über die Städte der 
Erde. Die Seele wohnt im Körper und ist doch nicht körperlich. So 
wohnen die Christen in der Welt und sind doch nicht von der Welt. Das 
Fleisch hasst die Seele und streitet wider die Seele, ohne von ihr belei- 
digt zu sein, blos weil es von ihr im Genüsse der Lüste verhindert wird. 
So hasset die Welt die Christen, ohne von ihnen beleidigt zu sein-, weil 
sie gegen die Lust dieser Welt sind. Die Seele liebt den Leib, der sie 
hasst; auch die Christen lieben diejenigen, welche sie hassen. Die Seele 
ist eingeschlossen in den Leib und doch erhält sie ihn. Auch die Christen 
sind in der Welt als wie in einem Gefängnisse, und sie sind es doch, welche 
die Welt im Bestand erhalten. Ob auch Hunger und Durst die Seele 
quälen, wird sie doch täglich besser. Ob auch die Christen täglich hin- 



1) Siehe hauptsächlich C. Schmidt, essai sur la societe civile dans le monde 
romain et sur sa transformation par le christianisme. Strassburg 1853. 

2) Davon dass Overbeck diesen Brief in die Zeit nach Constantin verlegt, sehen 
wir hier als von einer unhaltbaren Hypothese ab. 



214 Erste Periode des alten Katholicismus. 

gerichtet und gequält werden, mehrt sich doch ihre Zahl. Gott selbst hat 
ihnen ihre Stellung angewiesen, welche sie nicht verlassen dürfen^. 
Diese Beschreibung ist idealisch gehalten^ und die Christen mochten in 
dieser Beziehung Anlass haben, das Wort des Apostels zu beherzigen: 
;,wir tragen aber solchen Schatz in irdischen Gelassen, auf dass die über- 
schwängliche Kraft sei Gottes und nicht von uns'' (2 Kor. 4, 7). Wir 
wissen, dass die Kirche manche unwürdige Mitglieder in ihrem Schoosse 
hegte, dass sie nicht blos die Elite der Bevölkerungen in sich schloss, dass 
mithin auch auf dem Gebiete der Sitte , besonders in grossen Städten eine 
Eeaction des befleckten heidnischen Lebens auf die Kirche statt fand. Dass 
aber inmitten der christlichen Gesellschaft ein solches Ideal sich bilden, 
dass es diesen Ausdruck linden konnte, dass nach Verwirklichung dessel- 
ben gestrebt wurde, das ist ein beredtes Zeugniss des Geistes, der die 
Kirche beseelte, das mochte auch auf Heiden den Eindruck machen, dass 
die Kirche eine grosse Zukunft habe. 

Zuerst kommt in Betracht das Verhalten der Christen zum 
Staate und zum bürgerlich gesellschaftlichen Leben. Wi]' 
kennen die Christen bereits als gute , loyale Unterthanen ^) , die durch alle 
Verfolgungen sich nicht abhalten lassen, für die Kaiser zu beten. Ihre 
Unterwerfung unter die Gesetze fand allerdings ihre Grenze da, wo sie etwas 
gegen ihr Gewissen thun sollten. Die Christen haben die Idee der religiösen 
Freiheit, wenn nicht eigentlich in die Welt eingeführt, so doch auf da? 
Kräftigste und mit Aufopferung des Lebens vertreten. Von ihnen ging der 
Grundsatz aus, dass die Religion sich nicht erzwingen lasse. Ihre zahl- 
reichen Märtyrer sind das lebendige Zeugniss davon. Allerdings fand bis- 
weilen ein fanatisches Hinzudrängen zum Märtyrertode statt. Als der Prä- 
fect Arrius Antoninus in Asia proconsularis zur Zeit Hadrian\s die Chri- 
sten heftig bedrängte , lieferten sich ihm alle Christen derselben Stadt aus, 
worauf er einige hinrichten Hess und zu den übrigen sagte : ^,0 ihr Wichte, 
wenn ihr sterben wollt, so habt ihr Felsen und Stricke'' (Tert. ad Scapu- 
lam c. 5). Andere Heiden sagten zu den Christen: ^tödtet euch selbst und 
gehet zu eurem Gott und lasst uns ungeschoren" (Justin IL Apol. c. 4). 
Je mehr solche Vorfälle der christlichen Sache Eintrag thaten, desto mehr 
erklärte sich die Kirche gegen solchen Fanatismus, so wie gegen die Mon- 
tanisten, die ihn beförderten. Die Gemeinde zu Smyrna sagte daher in 
ihrem encyklischen Schreiben: „wir loben diejenigen nicht, die sich selbst 
angeben, da das Evangelium nicht so lehrt." So wurde denn die von den 
Montanisten so entschieden verbotene Flucht in den Verfolgungen durcliaus 
anempfohlen; mit Berufung auf Matth. 10, 23. Daher Pantaenus und Cle- 
mens Alexandrinus bei Beginn der Verfolgung des Septimius Severus die Stadt 
verliessen. Clemens Alexandrinus tadelt wiederholt und stark den unver- 
ständigen Eifer derer, die freiwillig sich dem Tode darboten. (Rede- 
penning S. 186). 



* 

I 



2) TertuUian ad Scapulam c. 2: sie et circa majestatem imperatoris infamamur, 
tarnen nunquam Albiniani nee Nigriani vel Cassiani inveniri potuenmt cliristiani. 



Sitten und Leben der Christen. 2l5 

Auch in anderer Beziehung gab es unter den Christen eine strengere 
Partei und eine mit milderen Grundsätzen. Die einen hielten die Ausübung 
jedes obrigkeitlichen Amtes, weil sie vielfache Versuchungen darbot, für 
unverträglich mit dem Bekenntnisse des christlichen Glaubens. Die Synode 
von Elvira bestimmte, dass die Duumviren aus den Christen, welche in den 
Gerichten über Leben und Tod zu entscheiden hatten, während der Dauer ihres 
Amtes die lürchen nicht besuchen dürften. Von einem Theile der Christen 
wurde auch der Kriegsdienst verweigert, indem sie Degradation und Tod einer 
Verletzung ihres Gewissens vorzogen. Doch haben die Kirchenlehrer dieses 
Benehmen keineswegs angerathen, wie Gibbon behauptet; selbst Tert. (de 
Corona c. 11) empfiehlt den christlichen Soldaten nur, nichts gegen ihr Ge- 
wissen zu thun. Im Allgemeinen aber wurde der Kriegsdienst als Pflicht 
gegen den Staat angesehen; bald gab es ni den römischen Armeen viele 
Christen, wie schon die Sage von der Donnerlegion und die von der the- 
bäischen Legion es beweisen. Noch mehr war diess der Fall zur Zeit Dio- 
cletian's ^). Gewisse Handwerke , welche sich auf den Götzendienst bezogen, 
durften die Christen auch nicht wohl treiben. Namentlich war das Gewerbe 
des Schauspielers mit dem Christenberufe unverträghch, sogar schon der Besuch 
der Schauspiele, die ja auch die ernst gesinnten Heiden als eine Schule der 
Unsitthchkeit betrachteten. War es doch geschehen, dass unbefestigte Ge- 
müther dadurch das Heidenthum wieder lieb gewannen und vom Glauben 
abfielen. Was Wunder, wenn Tertullian die Schauspiele als einen Haupt- 
platz der Wirksamkeit der Dämonen ansieht und daher auf das entschie- 
denste gegen den Besuch derselben eifert! 

Was die anderweitigen Beziehungen zum socialen Leben betriff't, so ist 
noch anzuführen, dass es verboten war, die Ehe mit Heiden einzugehen, wor- 
auf schon Paulus (1 Kor. 7, 39) hingedeutet hatte. Teitulhan sieht eine 
solche Ehe als Hurerei an (ad uxorem lib. 2, 3), das Concil von Elvira (c. 15) 
verbot nicht nur, den Heiden christliche Jungfrauen zur Ehe zu geben, son- 
dern belahl auch, die Eltern, die solches gethan hätten, zu excommuniziren 
(c. 16), wozu mannigtache Ermahnungen der Kirchenlehrer und Anordnungen 
der ConciHen hinzukamen. Der allerdings triftige Grund dazu war gegeben 
in den vieliachen Versuchungen, die solche Ehen besonders dem weiblichen 
Theile darboten. Doch gab es hin und wieder solche Ehen, und nicht alle 
waren unglücklich. — Wenn aber der eine der heidnischen Ehegatten zum 
Christenthum übertrat, dann galt durchaus die Verordnung des Apostels, 
dass die Ehe nicht solle gelöst werden, es sei denn, dass der heidnische 
(iatte oder Gattin die Ehe selbst auflöste (1 Kor. 7, 12. 13). Es gab Bei- 
spiele von solchen gemischten Ehen , die durchaus glücklich waren 2). Man 
hat es der christlichen Kii'che zum Vorwurfe gemacht, dass sie in ihrem 
Bereiche die Sklaverei nicht abgeschafft hat; doch das hätte sie nicht durch- 
setzen können , ohne eine grosse Störung in das sociale Leben überhaupt zu 
bringen und sich dadurch als revolutionäre Partei zu qualificiren. Eine förni- 



1) Siehe S. 57 und Euseb. 8, 4. _ 

2) Siehe Münster, die Christin im heidnischen Hause vor den Zelten Constantins des 

Grossen« 



216 Erste Periode des alten Katholicismus. 

liehe Aufhebung der Sklaverei musste alle Staatsbürger gleichmilssig umfassen 
und konnte daher niu' vom Staate ausgehen. Das Christenthum hat hingegen 
die Sklaverei virtuell abgeschafft, indem es die religiöse Gleichheit und auch 
die sociale Gleichheit aller Menschen , diese wenigstens im Princii) procla- 
mirte^) und die Christen zu einer menschlichen Behandlung der Sklaven anhielt, 
darin übrigens übereinstimmend mit der Tendenz der römischen Gesetzgebung 
seit Trajan und Hadrian. Schon Claudius hatte die Aussetzung alter und kranker 
Sklaven verboten. Hadrian strafte eine Matrone, welche um geringfügiger 
Dinge willen Sklavinnen gequält hatte. Derselbe entzog den Herren die Be'- 
fugniss, alte und kranke Sklaven auszusetzen. Ulpian, der berühmte Rechts- 
gelehrte, der unter Alexander Severus und Caracalla lebte und ihr Rathgeber 
war, sprach den Grundsatz aus, dass alle Menschen mit gleichen Rechten 
und frei geboren werden, dass die Sklaverei dem Naturrechte widerspricht 2). 
Doch wie sehr zu wünschen war, dass das Christenthum auf dieses Gebiet 
des socialen Lebens noch grösseren Einfluss erlange, erhellt daraus, dass 
die Herren ungestraft die Sklaven zu den Werkzeugen unnatürlicher Lastei* 
machen durften 3). 

Im Verhalten der Christen untereinander trat vor allem her- 
vor der innige Gemeingeist, die brüderliche und werkthätige Liebe. Hierin 
fanden auch die Heiden ein Merkmal des Christenthums ^). Der Kuss der 
Liebe, womit sie sich begrüssten, war kein leeres Zeichen. Wie in jener selbst- 
süchtigen Zeit auch die Heiden durch die Liebe der Christen zu einander 
ergriffen wurden, davon ist schon die Rede gewesen (S. 63). Die Idee des 
Reiches Gottes, worin alle Völker aufgenonmien werden sollten, hob für die 
Christen die Schranken der Nationalität und der Selbstsucht auf. Im Alter- 
thum hebte man das Vaterland. Seitdem dieses in der römischen Weltherr- 
schaft untergegangen, kannte die Selbstsucht keine Schranken mehr. Die Kirche 
dagegen zeichnete sich früh aus durch eine weitverzweigte Wohlthätigkeit, die, 
allerdings zunächst für die eigenen Angehörigen in vielerlei Weise sorgte, 
aber auch die Auswärtigen und Heiden umfasste. So kamen die gesannnel- 
ten Collecten auch entfernten Gemeinden zu gute. ^So ein Glied leidet, so 
leiden alle Glieder mit,'^ schrieb Cyprian, als er eine bedeutende Geldsumme 
zur Loskaufung numidischer Christen aus der Gefangenschaft überschickte. — 
Während der Pest Hessen die Heiden die Leichname der Ihrigen vor den 
Häusern liegen; die Christen, von Cyprian aufgennmtert , trugen sie fort. 
^,So wir nur den Unsrigen Gutes thun, so thun wir nicht mehr als (he Hei- 
den und Zöllner.'^ Im häuslichen Kreise gründete das Christenthum ein en- 
geres Famihenleben, es hob die Würde des Weibes; „jetzt erst konnte es, 
im Vollgefühl der ihm eigenen Natur und der hohen Bedeutung derselben seines 



1) Keiner ist Öclave von Natur, sagt Clemens Alexandrinus (Paedagogus lib. 3, 12) 
und nach ihm andere Kirchenlehrer. 

2) Jure naturali omnes liberi nascuntur, — quod ad jus naturale attinet omnes 
homines aequales sunt. — Jure gentium servitus invasit. 

3) Alexander Severus und PhiKppus Arabs hätten gerne die von scorta virilia 
bewohnten Häuser abgeschafft, aber sie wagten es nicht, weil dieses Heilmittel keinen 
Erfolg versprach, weil die Macht des Lasters nocli zu gross war. 

4) Lucian de morte Peregrini c. 13. 



Sitten und Leben der Christen. 217 

menschlichen Berufes vollkommen sich bewusst werden und ihn zu erfüllen 
den reichsten Wirkungskreis finden. Das weibliche Ideal ist ein Werk des 
Christenthums" i). 

Im Verhalten der Christen, als Einzelne betrachtet, zu 
sich selbst, kommt in Betracht die Askese, acrxriffig, sittliche Uebung, 
als solche für jeden nöthig, in speciellem Sinne auf die im Morgenlande so 
beüebte Beschaulichkeit und Enthaltsamkeit bezogen. In dieser Beziehung 
lässt sich nicht läugnen, dass neben einer gesunden Richtung eine ungesunde 
sich kund gab, die im Verlaufe der Periode sich nicht wenig verstärkte. Vor 
allem aber ist diess zu erwähnen, dass die übertriebene Rigorosität der Mon- 
tanisten nicht beliebt wurde und dass man sie auch um derselben willen aus der 
Kirchengemeinschaft ausschloss. Ebenso verhielt man sich zu der übertrie- 
benen Askese mancher Gnostiker, welche die Ehe überhaupt verboten. Doch 
wurde gefastet und auf das Easten Werth gelegt. Die Kirchenlehrer fanden 
aber auch vielfachen Anlass, zur Ausübung der christlichen Tugenden und 
zum Aufgeben der heidnischen Sünden und Laster zu ermuntern; denn 
die Kirche dieser Zeit war so wenig wie die apostolische ohne Flecken und 
Runzel; auch den Märtyrern und Bekennern musste Cyprian sehr ernste 
Ermahnungen geben: „die Würde derBekenner mache nicht frei von den An- 
griffen des Teufels und den Anfällen der Welt. Sonst würde man an ihnen 
keinen Betrug, Unzucht und Ehebruch später entdecken.^' 

Es gab nun speciell sogenannte Asketen, continentes '^). Im ersten 
Feuer der Begeisterung gaben sie ihr Vermögen ganz oder theilweise den 
Armen, genossen die magerste Kost, gaben, was sie darüber erwarben, wie- 
der den Armen und weihten sich d^m Studium der heiligen Schrift. Es gab 
deren in beiden Geschlechtern. Leuchtende Beispiele davon sind Marcion 
und Cyprian nach seiner Bekehrung. Sie sonderten sich von der Gesellschaft 
nicht ab, und kein Gelübde band sie an das Cülibat. In Beziehung auf viele 
Jungfrauen, die sich sogar mit Klerikern vergangen hatten, sprach Cyprian 
es offen aus, wenn sie nicht ausharren wollten, noch könnten, so sei es 
besser, dass sie heiratheu, als dass sie sich durch ihre Sünden in das Feuer 
stürzten. Derselbe Mann, der in dieser Hinsicht so abschreckende Erfahr- 
ungen machte, kann nicht Worte genug finden, um besonders dem weiblichen 
Geschlechte die f^helosigkeit zu empfehlen und die Ehe von der ungünstig- 
sten Seite darzustellen. ;,Was wir einst sein werden (Engel), das habt ihr 
schon angefangen zu sein; der alte Bund befahl zu wachsen und zu zeugen, 
der neue hat die Enthaltung angerathen. Wenn der Herr von den vielen 
Wohnungen im Hause seines Vaters spricht, so weist er hin auf die besseren 
Wohnungen. Nach diesen besseren Wohnungen verlanget ihr, des Fleisches 
Lüste abschneidend. Jenes Bild des himmlischen Menschen, wovon Paulus 



1) Ebert, allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande 
1. Band S. 16. 

2) Darauf beruft sich Min. Felix c. 31 im Gegensatz gegen die Beschuldigungen un- 
natürlicher Laster: tantum abest incesti cupido, ut nonnullis rubori sit etiam pudica 
conjunctio. Jene Beschuldigung mag dazu beigetragen haben, die continentes zu vermeh- 
ren und im asketisclien Eifer zu bestärken. 



21g Erste Periode des alten Katholicismus. 

spricht, trägt die Jungfräulichkeit'' (de habitu virgiuum c. 22. 23). Zur Em- 
pfehlung dieser Askese diente die Unterscheidung einer niederen und einer 
höheren Tugend, jene bestehend im Gehorsam gegen die Gebote, diese im 
Befolgen der Eathschläge, nach 1 Kor. 7, 25, eine Unterscheidung, die schon 
Hermas gemacht hatte. Die alexandrinischen Theologen, die um deswillen 
diese Schrift sehr hoch schätzten, ergriffen mit besonderem Eifer die genannte 
Unterscheidung. Origenes lehrte: wer das Gebot erfülle, zu dem werde 
gesagt, er sei ein unnützer Knecht (Lukas 17, 10), wer aber über das Gebot 
hinaus etwas thue, zu dem werde gesagt: o du guter und getreuer Knecht 
(Matth. 25, 21). Was aber über die Schuldigkeit hinaus gethan werde, das 
sage der Apostel mit den Worten: was die Jungfrauen betrifft, so habe ich 
kein Gebot (praeceptum, snitayr}) des Herrn, ich gebe aber meinen llath 
(yvcofiTj, consilium). Das bedenklichste war, dass solche Grundsätze nebsj 
der dazu gehörigen Askese unter katholische Firma gebracht wurden. 

Diess musste auf die Anforderungen an den geistlichen Stand zurück- 
wirken, obschon das Beispiel der Apostel, von denen man wusste, dass sie 
fast alle verheirathet gewiesen, gegen diese Askese ein heilsames Gegen- 
gewicht brachte, das durch die willkürhche Behauptung Teitullian's , die 
Apostel seien continentes oder spadones gewesen, nicht aufgehoben werden 
konnte, noch durch die montanistische Lehre, dass nur ein unverheiratheter 
Geistlicher die Sacramente mit Segen verwalten könne. Es gab in der da- 
maligen kathohschen Kirche viele verheirathete Bischöfe und andere Geist- 
hche. Es gab Synoden, welche denjenigen, die als Ehemänner in den geist- 
hchen Stand getreten waren, verboten, ihre Frauen zu verlassen. Es gab 
sogar zum zweiten Male verheirathete Geisthche. Doch diess war im Allge- 
meinen verboten, nach 1 Tim. 3, 2. Bald kam aber der Gebrauch auf, dass 
der Geisthche als solcher nicht heirathen, sondern nur die früher genommene 
Frau behalten durfte. Das Concil von Elvira, dessen Kigorismus wir kennen, 
verordnete, dass den Geistlichen der drei höheren Grade, Bischof, Presbyter 
und Diakon das ehehche Leben gar nicht gestattet sei, und es auch den 
übrigen Geisthchen verboten sei, die ehehche Ptiicht zu üben , solange sie im 
Kirchendienste thätig seien. Doch solche Gebote fanden durchaus nicht all- 
gemeine Befolgung. Von denjenigen, die sich selbst zu Eunuchen machten, 
und von der Verordnung dagegen ist bei Anlass von Origenes bereits die 
Bede gewesen. Je mehr aber die falsche Werthschätzung des ehelosen Stan- 
des grassirte, desto öfter geschah es, dass die Asketen junge uuverheirathete 
Frauenzimmer als geistliche Schwestern mit sich herum führten ( 1 Kor. 9, 5), 
gegen welche gefährliche Gewohnheit Kirchenlehrer und Synoden sich aus- 
sprachen 1). Am Ende der Periode trat eine neue Art von Asketen auf. 
Bisher hatten sie unter den übrigen Christen zerstreut gelebt, ohne äussere 
Auszeichnung. Nun aber geschah es, dass während der diocletianischeu 
Verfolgung und zum Theil schon früher einige in die thebaische Wüste 
flüchteten, und sich einer bis dahin unerhört strengen Askese ergaben. Schon 



1) Sie hiessen cvyftgaxrot bei den Antiochenern nach Enseb. 7, 30, subintro- 
duetae, ccyanTjTat, extraneae, die erste Spur davon bei den Valentiuianern Iren. 1, 1, bei 
den Enkratiten Epiph. haoresis 47, 3, bei den Kathohken Hermas pastor. 3, sim. 9, S- H- 



Scbluss. 219 

währeild der decischen Verfolgung hatte sich Paulus von Theben in die 
thebaische Wüste geflüchtet, wo er, von der Welt gänzlich abgeschieden 
und ihr durchaus unbekannt, siebenundneunzig Jahre verweilte, bis ihn der 
neunzigjährige Antonius aufsuchte, worauf er in einigen Tagen verschied. 
Im Jahre 311 erschien in Alexandrien derselbe Antonius ni auffallendem 
Anzüge. An ihn grossentheils knüpft sich eine neue Gestaltung des aske- 
tischen Lebens. 

Schluss. 

Wir haben die Entwicklung und die Schicksale der katholischen Kirche 
seit dem Ausgange des apostolischen Zeitalters verfolgt. Wir sind Zeugen 
ihrer Leiden, ihrer Verfolgungen, ihres glorreichen Märtyrerthums, so wie 
auch ihrer wachsenden Ausbreitung gewesen. Wir haben gesehen, wie sie, 
mit geistigen AVatfen angegriffen, mit Waffen des Geistes sich vertheidigte 
und zwar in solcher Weise , dass sie den Gebildeten Hochachtung abnöthigte. 
Da aber die gefährlichsten Feinde sich in ihrem eigenen Schoosse bildeten, 
so ergriff sie dagegen die wirksamsten Maassregeln. Hier fanden die Idee 
der Katholicität , die mündliche Tradition, die Sammlung der neutestament- 
lichen Schriften, die Glaubensregel, das apostohsche Symbolum, weiterhin 
die auf dieser Grundlage sich erbauende kathoHsche Theologie ihre Stelle. 
Die begritlliche Fassung der Glaubenswahrheiten ist allerdings nicht zum 
Abschluss gekonunen, aber es gibt doch kaum ein Dogma, wofür nicht we- 
nigstens einige richtige, leitende Gesichtspunkte wären aufgestellt worden. 
Eine Fülle von Ideen, betreffend die höchsten Fragen des meuschhchen Gei- 
stes, die höchsten Interessen der menschlichen Seele ist in die Menschheit 
hineingeworfen worden, Ideen, die in Folge ihrer innewohnenden Macht fort- 
wirken mussten und die geeignet waren, eine neue Welt des Geistes zu 
schaffen, den Grund zur Erneuerung der Menschheit in intellectueller , sitt- 
lich -rehgiöser, politischer und socialer Beziehung zu legen, zumal da mit 
der Ausbildung der Heilslehre die entsprechenden ethischen Grundsätze, 
Anschauungen, Bestrebungen, die entsprechende Gestaltung des individuellen 
sowohl als des Gemeinschaftslebens verbunden wurden, wobei allerdings nicht 
zu läugnen ist, dass auf dem Gebiete des individuellen Lebens die Askese 
und was damit unmittelbar zusannnenhängt , störend eingriff* Doch wurden 
grelle Auswüchse nicht geduldet. 

- Die Mannigfaltigkeit der theologischen Richtungen und Ansichten, die 
unter den weiten Begriff der katholischen Einheit zusammengefasst wurden, 
so dass Differenzen, die in der Neuzeit zir schroff getrennten Kii'chengemein- 
schaften geführt haben, friedlich neben einander bestanden, diese Erscheinung, 
worin sich recht deutüch das Jugendzeitalter der Kirche zeigt, that der 
heihgen Sache, um die es sich handelte, keinen Eintrag. Auf der anderen 
Seite wurden manche sonderbare Gedanken, die zur Aufhellung der Glaubens- 
wahrheiten vorgebracht worden, manche Unklarkeit und Unbeholfenheit, 
welche die Kirchenlehrer kund gaben, damals weniger bemerkt, noch als 
solche erkannt i). Darin zeigte 'sich recht deutlich, wie sehr Lehre und Leben 



1) Ein Beispiel davon ist des Origenos Lehrform von der menschlichen Seele Christi, 



220 Erste Periode des alten Katholicismus. 

auseinander zu halten sind. Dieselben Männer, bei denen wir in Ifnisiclit 
der Lehrentwicklung Manches missen, Manches auszusetzen haben, dieselben 
sind es, die in einem langen Leben der Kirche die wichtigsten Dienste gelei- 
stet haben, und viele sind als Märtyrer gestorben. Sie bezeugen uns in ihrem 
Leben wie in ihrem Tode, dass die Christen in ihrem Inneren Grösseres be- 
sitzen, als was ihnen gegeben wird, begrifflich auszudrücken. 

So nahm denn auch die katholische Idee, unter deren Herrschaft bald 
nach dem Anfange des zweiten Jahrhunderts das Cliristenthum war gestellt 
worden, nachdem sie im Kampfe gegen die inneren Feinde der Kirche eine 
heilsame Wirkung gehabt hatte, eine solche Wendung, wodurch in mehr- 
facher Beziehung die Reinheit des Evangeliums beeinträchtigt wurde. Wii* 
haben nachgewiesen, dass sich eine Richtung geltend machte, das Christen- 
thum als Gesetz aufzuessen. Schon bei Justin dem Märtyrer hatte sich der 
Gedanke angebahnt, dass das Christenthum lediglich das von dem rituellen 
Stoffe gereinigte Gesetz sei ^). Der Einfluss der beginnenden gesetzlichen 
Richtung gab sich kund in der Heilsordnung , in den Vorschriften der Kirche 
über Kirchenzucht, in einigen Punkten, betreffend die Auffassung und Ge- 
staltung des christlichen Lebens überhaupt. In Verbindung mit dem durch 
die montanistischen Excesse herbeigeführten Zurücktreten des allgemeinen 
Priesterthums der Gläubigen, in Verbindung mit dem ()i)fercultus , sofern er 
durchaus nicht blos als allegorischer oder als mnemonischer Act gedacht, sondern 
als Darbringung eines materiellen, sinnlichen Opfers gehandhabt wird, be- 
ginnt die Entwicklung der Idee des Priesterthums, mit mittlerischem Cha- 
rakter, wobei die Worte legevg, sacerdos in ihrem strengen Sinne gebraucht 
werden als Benennungen derjenigen Personen, welche im Unterschiede von 
den übrigen Gläubigen die Berechtigung , Kraft und Vollmaclit erhalten ha- 
ben, die durch das christliche Gesetz geforderten Opfer darzubringen. Je 
mehr der Opfercultus sich befestigt, je mehr darauf der Grundsatz ange- 
wendet wird, dass man, um von Gott zu empfangen, ihm zuvor geben muss, 
desto mehr befestigt sich auch die gesetzliche Richtung, und mit ihr die 
Anschauung, wonach die Kirche mehr als Anstalt, denn als Gemeinschaft 
aufgefasst wird. 

Gesetz, Priesterthum 2) und Opfer, diese drei Punkte, worin sich 
die Reaction der ausserchristlichen , sei es jüdischen, sei es heidnischen Re- 
ligionssphäre auf die christliche vollzieht, suchen also sich im kathohschen 
Christenthum einzubürgern, mit der Tendenz, den ursprünglichen Begriff des 
Katholischen umzuändern. Es ist zwar Alles erst im Werden begriffen, 
Nichts ist abgeschlossen, es ist aber zu befürchten, dass, wenn in Folge 
des neuen Verhältnisses zwischen Khxhe und Staat die Völker haufenweise 
in die kathoHsche Kirche aufgenommen werden, die Kirche mehr und mehr 
die Richtung auf Gesetz, Priesterthum und Opfer verfolgen und ausbeuten 
wird, als das kräftigste Mittel, um die Massen der Völker anzuziehen und 
die angezogenen zu beherrschen. 



1) Ritschi a. a. 0. S. 306. 

2) Als ausschliesslich einer bestimmten Classe der Gläubigen zukommend. 



Zweite Periode des alten Katliolicisiiiiis. 

Vom Jahre 313 bis zum Jahre 451, vom Rehgionsedict der Kaiser 
Constantin und Liciuius bis zur KirchenversammUmg von Chaicedou. 

Einleitung. 

So kurz der Zeitraum ist, der von dieser Periode umschlossen wird, so 
ist sie doch die Zeit der höchsten Kraftentfaltung der altkathoUschen Kirche, 
und diese Entfaltung erfolgt unter der Oberherrschaft des Staates, dessen 
Häupter, für das Christenthum gewonnen, dasselbe unter ihren Schutz neh- 
men. Die enge Verbindung von Staat und Kirche macht, im Vergleiche mit 
der vorhergehenden Zeit den unterscheidenden Charakter dieser Periode aus. 
In allen Theilen und Verzweigungen des kirchlichen Lebens begegnen wir 
den Wirkungen dieses neuen Verhältnisses zwischen Staat und Kirche. Mit 
Hülfe des Staates wird die alte Religion bekämpft und grösstentheils ausge- 
rottet und das Christenthum in die Gesetzgebung übergetragen. Die Ver- 
bindung von Kirche und Staat, indem sie die Kirche von alten Feinden be- 
freite , gewährte den innerhalb der Kirche obwaltenden Differenzen grösseren 
Spielraum und machte die so entscheidend wichtigen allgemeinen Concilien 
möglich und sicherte ihre Autorität. Der Pomp, womit der Gottesdienst 
ausgestattet wui'de, kam auch von dem Bestreben her, die Neubekehrten 
anzuziehen, welche in Folge der Verbindung von Kirche und Staat sich 
reissend vermehiten. Da das christliche Leben aus derselben Ursache, weil 
das Bekenntniss des christhchen Glaubens nicht mehr mit Opfern und Le- 
bensgefahr verbunden war, zu sinken begann, entstand und verbreitete sich 
als Reaction dagegen so wie als Ersatz für das Märtyreithum das Mönch- 
thum. Doch ist nicht zu läugnen, dass der Grund zu den meisten der ge- 
nannten Erscheinungen schon in der vorhergehenden Periode gelegt wor- 
den war. 

Es gilt diess namentUch von der Lehrentwicklung. In der ersten Pe- 
riode haben wir den bedeutsamen Kampf hervorgehoben, woraus die Idee 
der katholischen Kirche im Gegensatze gegen die Häresieen hervorging. Die- 
ser Process der Lehrentwicklung erreichte nun in dieser zweiten Periode 
seine höchste Entwicklung. Der kathohsche Lehrbegriff wurde inmitten der 
gewaltigsten Kämpfe fixirt. Von der grössten Bedeutung war es auch, dass 
die geimanischen Völker, an welche bald die Bewegung der Weltgeschichte 
übergehen sollte, für das Christenthum gewonnen wurden. Dazu wurden sie 
auch zum Theil durch die im römischen Reiche herrschende Verbindung von 
Kirche und Staat willig gemacht. 



222 ' Zweite Periode des alten Katholicismus. 

Was die Quellen und Bearbeitungen betrifft, so sind wir zunächst an die letzten 
Abschnitte der Kirchengeschichte E u s e b' s, sowie an dessen Leben Constantin's ge- 
wiesen, ausserdem an dessen Fortsetzer: Sokrates, Scholasticus in Constaii- 
tinopel, der in sieben Büchern die Kirchengeschichte vom Jahre 306 bis 439 fort- 
führte, Hermias Sozomenus, Sachwalter in Constantinopel, dessen neun Bä- 
cher der Kirchengeschichte die Zeit von 323 bis 423 umfassen, Theodore t, Bischof 
in Cyrus, der in fünf Büchern die Kirchengeschichte der Zeit vom Jahre 322 bis 
429 darstellt. Der Arianer Philostorgius hatte in zwölf Büchern die Kirchen- 
geschichte vom Jahre 318 bis 425 behandelt; sein Werk ist aber nur in den Auf- 
zügen beiPhotius, Codex 50 vorhanden. Von weiteren Fortsetzern kommen in Be- 
tracht: Theodorus Lector in Constantinopel, der einen Auszug aus Sokrate«, 
Sozomenus und Theodoret in zwei Büchern machte und dieselben in zwei Büchern 
bis 518 fortführte, wovon Fragmente bei Nicephorus Callistus. — Evagrius 
Scholasticus m Antiochien schrieb die Kirchengeschichte in sechs Büchern vo'i 
431 bis 594. — Nicephorus Callistus c. 1330 schrieb auf Grund älterer 
Historiker eine Kirchengeschichte, von der die achtzehn ersten Bücher bis 610 
reichend erhalten sind. Dazu kommt das Chronicon Paschale von Erschaffung 
der Welt bis 628 p. Chr. Soweit die griechischen Kirchenhistoriker. Von lateinischen 
sind zu nennen: 

Severus Sulpicius, Presbyter, historia sacra. Zwei Bücher von Erschaffung de]- 
Welt bis 400 p. Chr. Eufinus, Presbyter in Aquileja, üebersetzung der K. G. des 
Euseb in neun Büchern, fortgesetzt in zwei Büchern bis 395. Cassiodor und 
Epiphanius, Scholasticus, c. 550, historia tripartita aus Sokrates, Sozomenus 
und Theodoret zusammengesetzt. 

Dazu kommen Hieronymus de viris illustribus, schon für die frühere Periode Quelle, 
von Gennadius bis 495 fortgesetzt, die Chronik des Euseb von Cäsarea von Hie- 
ronymus übersetzt und von demselben bis 379 fortgesetzt. — Von Bedeutung sind 
die heidnischen Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus in einunddreissig 
Büchern, wovon 14 bis 31 vorhanden, 'die von 353 bis 378 reichen. S. über ihn 
den Artikel von Rettberg in der Eealencyklopädie. Zosimus, tffroQict vin in sechs 
Büchern bis 410. 

Von neuen Bearbeitungen S. ausser den allgemeinen Geschichtswerken von Gieseler 
und Neander, Baur, die christliche Kirche vom Anfang des vierten bis zum Ende 
des sechsten Jahrhunderts 1859. 



Erster Absclinitt. 



Aeussere Schicksale des Christeiithums im römischen Reiche, 
Kampf mit dem Heidenthum und Sieg über dasselbe. 

Vor allem ist uns die Aufgabe gestellt, denjenigen Kreis von Begeben- 
heiten kennen zu lernen , die auf alle Gebiete des kirchlichen Lebens solch 
einen weitschichtigen Einfluss ausgeübt haben. Bei dem Beginn der Periode 
war das Heidenthum noch mächtig und die Zahl seiner Anhänger überstieg 
weit die der Christen. Am Ende der Periode fristete es nur noch in einigen 
abendländischen Provinzen ein siechendes Dasein. Wie ist das geschehen? 



Aeussere Schicksale des Christenthnms. ConstantiH. 223 

Ist das Heidenthum durch die innere Kraft des Christenthums besiegt oder 
durch äussere Gewalt überwunden worden? Oder hat beides zusammenge- 
wirkt, um die alte Religion zu stürzen? Auf diese Fragen soll die folgende 
Ausführung die Antwort geben. 

1) Regierung Constantin's und seiner Söhne ^). 

Eine Zeit lang regierte Constantin noch gemeinschaftlich mit Licinius. 
In dieser Zeit konnte er noch nicht so frei handeln und sich des Christen- 
thums nicht so sehr annehmen, als ei wohl gewünscht hätte. Doch liess er 
schon in dieser Zeit der Kirche seinen Schutz angedeihen. Er beÜiss sich 
nämlich, durch mehrere Gesetze dem Christenthum dieselben Rechte zu 
geben, welche die heidnische und die jüdische Religion besassen. So ent- 
band er die christlichen Geistlichen von der Verpflichtung, in den Municipal- 
städten obrigkeitliche Aemter zu bekleiden. Er erlaubte, den Kirchen Ver- 
mächtnisse zu machen. Die von Christen freigelassenen Sklaven sollten es 
auch in Wirklichkeit sein. Grosse Summen wurden den afrikanischen Chri- 
sten gespendet zur Herstellung ihrer zerstörten Kirchen. Das Gebot der Sonn- 
tagsfeier, als des Sonnentages, durch Unterlassung der Arbeit begangen, — wo- 
bei jedoch für Feldarbeiten Ausnahmen gestattet wurden , — hatte zwar noch 
einen syncretistischen Charakter. Es sollte der Sonnengott als neutrale 
Gottheit für Heidenthum und Christenthum gelten und dadurch die beiden Re- 
ligionsparteien einander genähert werden. Denn Constantin hatte in der ersten 
Zeit alles Ernstes den Gedanken einer Verschmelzung der Religionen aller Völker 
des Reiches erfasst, da er sich sagte, dass Uebereinstimmung in der Religion 
auch eine politisch heilsame Wirkung haben könnte ^). Demnach ist es nicht 
auflallend, dass er fortfuhr, die mit seiner Würde als Pontifex maximus 
verbundenen Obliegenheiten zu erfüllen. Als heidnischer Oberpriester nahm 
er Theil an heidnischen Opfern. Heidnische Bilder blieben auf den Münzen 
und anderswo, auf manchen Münzen war neben dem Sonnengotte, als Vertreter 
des bisherigen Cultus, das Kreuz als Anerkennung Christi beigefügt. Es 
scheint, dass Constantin sich noch nicht ganz ofl"en für das Christenthum 
erklären moclite, theils aus Pohtik, d. h. aus Rücksicht auf den Mitkaiser, 
theils weil er innerlich noch nicht befestigt war und das Christenthum noch 
besser kennen lernen wollte ^). 



1) Hier kommen in Betracht die früher (S. 57. 59) genannten Schriften von Euseb, 
Manso, Burkhardt, Keim. 

2) Euseb de vita Const. 2, 65. 

3) Hier sei uns ein Nachtrag zu dem Seite 60 und 61 Bemerkten gestattet, auf 
Grund des Werkes von Zo eckler: das Kreuz Christi 1875, das uns seitdem in die Hände 
gekommen. Das seit dem Siege Constantin's über Maxentius als Emblem des christlich- 
römischen Reichsheeres eingeführte Labarumzeichen trägt keineswegs den Charakter einer 
absolut neuen Erfindung oder des Products einer göttlichen Offenbarung, sondern zeigt 
eine auffallende Aelinlichkeit mit monogrammatischen Schriftzügen auf egyptischen, bak- 
trischen nnd kleinasiatischen Münzen, und mag sich also wegen seiner Doppelsinnigkeit 
dem zu mystischen Syncretismus geneigten Sinne des Kaisers sowie dessen politischen 
Absichten besonders empfohlen haben. 



224 Zweite Periode des alten Kattolicismus. 

Erst seitdem er Alleinherrscher des ganzen Reiches geworden, entfal- 
tete er vollkommen seinen Plan. Die beiden Augusti waren von zu verschie- 
dener Gesinnung, al^ cldss sie lange Zeit hindurch friedhch neben einander 
hätten herrschen können. Der Krieg, der im Jahre 323 zwischen ihnen 
ausbrach, wurde thatsächhch zu einem Religionskriege, indem Licinius, um 
sich die heidnische Partei geneigt zu erhalten, die Christen in den seiner 
Herrschaft unterworfenen Provinzen verfolgte, zwar nicht so, dass er durcli 
Edicte die Bekenner des christhchen Namens mit Tod bedrohte, aber durch 
die Volkswuth und den Eifer der Unterpräfecten hatten die Christen Manches 
zu leiden. Dahin gehört die freilich etwas ausgeschmückte Geschichte der 
vierzig Soldaten zu Sebaste in Armenien. Das steht fest, dass der Sieg 
Constantin's über Licinius, den jener tödten Hess (Sokr. 1, 4), im Jahre 32i) 
zugleich ein Sieg über das Heidenthum war ^). Man kann aber nicht sagen, 
dass seitdem die Embleme des heidnischen Cultus auf Constantin's Münzen 
völlig verschwanden. Jedoch in anderer Beziehung trat allerdings seine 
Neigung zum Christenthum offen hervor. 

Die Begünstigung desselben hing zusammen mit den umfassenden Re- 
formationsplänen des Kaisers. Sie wurden eniffnet durch die Gründung von 
Neu Rom 2). Aus dem alten Byzanz , an den Ufern des Bosporus , wurde 
das prächtige Constantinopel , geschmückt mit den Reichthümern und Kunst- 
schätzcii des vereinigten Morgen- und Abendlandes. Rom passte in keiner 
Weise zu den Plänen des Kaisers. Es hielt mit zäher Anhänghchkeit den 
alten Gottesdienst fest, dem es seine Grösse zu verdanken glaubte. Es war 
der Sitz repubhcanischer Bestrebungen und gewohnt, sich über die Be- 
herrscher des Reiches frei zu äussern. Auch Constantin's Empfindlichkeit 
war während seiner letzten Anwesenheit in Rom, so glänzend die Aufnahme 
gewesen, die ihm widerfahren, sehr gereizt worden. Erbittert über seine 
Vernachlässigung der väterhchen Götter, verwünschten ihn die Römer. Die 
Gründung Neu-Roms hat nun auf die Geschicke des Christenthums grossen 
Einfluss gehabt. Wäre Rom Residenz der Kaiser gebheben, so würde sich 
das Pabstthum nicht so leicht, wenigstens in anderer Weise entwickelt ha- 
ben. Rom fiel im fünften Jahrhundert in die Hände der germanischen 
Völker. Constantinopel blieb bis in das fünfzehnte Jahrhundert ein Bollwerk 
des Christenthums, zuerst gegen die andringenden germanischen Völker, so- 
dann später gegen den Islam und dessen Bekenner. In Constantinopel erhielt 
sich griechische Wissenschaft und Kunst , die im Abendlande wenig bekannt 
war. Der Fall Constantinopels im Jahre 1453 kam im geeigneten Zeitpunkte, 
um die Refonnation des sechzehnten Jahrhunderts vorzubereiten. Constantin 
begnügte sich aber nicht mit diesem riesenhaften Unternehmen. Eine Menge 
anderer Veränderungen wurden vorgenommen , welche darauf hinzielten, dem 
Reiche eine bessere Administration zu geben, die Centrahsation zu befördern, 



1) S. Dr. Frz. Goerres, kritische UntersuGhungen über die Ucinianische Christen- 
verfolgung Jena 1875. S. theol. Literaturzeitnng Nr. 5. 

2) Nfn Pinut]. Später, nach dem Concil v. Nicäa, nannte der Kaiser die neue 
Stadt Constantinopel, und bestimmte durch ein Gesetz, dass sie dfvrfQa P(Of,tj genannt 
würde. Sokrates 1, 16. 



Aeussere Schicksale des Christentlmins. Constantin. 225 

die Macht der Regierung zu erhöhen. Leider erhöhte Constantin sehr die 
Abgaben und trug so zum Verfall des Reiches bei; doch wurde unter seiner 
Regierung das Loos der Bauern etwas verbessert. 

Das Werk der Erneuerung und Reformation des Reiches sollte nun 
vorzüglich durch Begünstigung des Christenthums befestigt und gekrönt werden. 
Der Kaiser suchte demnach auf alle mögliche Weise diese Religion zu heben, 
doch ohne die heidnische Religion zu verfolgen. Es hatte sich das Gerücht 
verbreitet und war auch zu den Ohren Constantin's gekommen, dass er die 
Heiden mit Gewalt von ihrer Religion abwendig zu machen gedenke. Con- 
stantin befliss sich , dieses Gerücht Lügen zu strafen. In zwei Gesetzen vom 
Jahr^ 319 wurde auf das Bestimmteste Religionsfreiheit gewährt. Auch 
später sprach der Kaiser die Grundsätze der Toleranz aus. In seinen an 
gewisse morgenländische Provinzen gerichteten Proclamationen erklärte er, 
Niemand solle den Andern wegen der Religion beunruhigen, Jeder solle das 
thun, was seine Seele will. „Wir besitzen, o Gott,^^ heisst es in derselben 
Proclamation , „das strahlende Haus deiner Wahrheit, das du uns unserer 
Natur gemäss gegeben hast ^). Wir wünschen, dass diese Wahrheit auch 
den Heiden zu Theil werde , auf dass sie mit uns die Früchte der Eintracht 
geniessen. Aber Niemand unterstehe sich, den Frieden des Andern zu stö- 
ren durch seine abweichende Ueberzeugung. Jeder suche dem Andern nütz- 
lich zu werden nach dem Masse der ihm gewordenen Erkenntniss; wenn es 
nicht möglich ist, so lasse er ihn seinen Weg gehen." Dieselben Proclama- 
tionen waren übrigens bestimmt darauf berechnet, die Heiden zum Christen- 
thum hinzuziehen. Eine derselben fing mit den Worten an: „Allmächtiger, 
wir bitten dich, du mögest ihnen das Heil bringen durch mich, deinen Diener. 
Ich liebe aufrichtig deinen Namen und fürchte deine Macht, welche du mir 
durch vielfältige Zeugnisse kund gegeben hast." Dagegen machte er geltend, 
dass die Verfolger der Christen ein schmähliches Ende genommen. Er be- 
gnügte sich nicht mit dem geschriebenen Worte. Er hielt auch Predigten 
in Gegenwart des Hofes und vieler tausend Zuhörer. Sein Thema war in 
der Regel die Widerlegung des Götzendienstes, der Monotheismus, die Vor- 
sehung, die Erlösung und das Gericht; doch machte er auch Ausfälle gegen 
die Gewaltthätigen und Geldsüchtigen. Von der Wirkung dieser Predigten 
weiss Euseb freilich nichts zu sagen. Diesen Kundgebungen suchte der 
Kaiser dadurch Nachdruck. zu geben, dass er diejenigen, die das Christen- 
thum annahmen, reichlich unterstützte. Er war sich zwar wohl bewusst, dass 
allein durch solche Mittel keine wahre Bekehrung zu Stande kommen könne. 
Doch legte er schon grossen Werth darauf, dass die Menschen sich zum 
Christenthum äusserlich bekannten. Zu seiner Rechtfertigung berief er sich, 
freilich ohne allen Grund auf Phihpp. 1, 18. Er hielt dafür, die meisten 
Menschen würden ohne inneren Zug gewonnen; sie müssten durch äussere 
Dinge angezogen werden; man müsse wie ein weiser Arzt allerlei Mittel 
anwenden. 



1) Euseb de vita Const. 2, 56. Die Stelle wird sehr verschieden übersetzt: ovnfQ 

(otxou) xnrn (fvctv ^edcoxng, Neander riclitig, aber paraphrasirend : wie es unsere Na- 
tur verlangt. 

Herzog, Eircbengescbichte I. 15 



226 Zweite Periode des alten Katholicismus, 

So strömten denn die Heiden massenhaft in die lürche. Die neue 
Wendung der Dinge machte einen wunderbaren Eindruck auf die Gemüther. 
Bei dem Schlüsse der nicänischen Synode versammelte Constantin in Niko- 
medien die anwesenden Bischöfe und gab ihnen ein Gastmahl, wobei sie 
glänzend empfangen und bewirthet wurden. Krieger mit gezogenen Schwerdtcirn 
hüteten die kaiserüchen Gemächer und inmitten derselben gingen furchtlos 
die Männer Gottes. Einige Bischöfe durften am Tische des Kaisers speisen; 
die anderen hatten sich an anderen Tischen niedergelassen. Es schien das Bild 
des Reiches Christi hingezaubert zu sein. Das Ganze sah mehr einem Traume, 
als einer wirkhchen Begebenheit ähnlich; so berichtet Euseb de vita Const. 
3, 15. Wohl war es ein schöner Traum! Es lässt sich von vornherein 
erwarten, dass Constantin selbst dergleichen Lobeserhebungen zu hören be- 
kam; doch er wies solche zurück. Zugleich aber forderte er die Bischöfe 
auf, neue Kirchen zu bauen, und baute selbst deren einige, auf dem heihgcm 
Grabe in Jerusalem, sodann auf dem Oelberge, in Bethlehem. Er suchte 
die Praefecturen wo möglich an Christen zu vertheilen; doch musste er in 
hohen Staatsämteni Heiden dulden. Denn gerade die angesehensten r)- 
mischen Familien bheben der alten Religion getreu. Im Jahre 331 wurden 
den Göttern in Rom neue Altäre emchtet. 

Schon um deswillen musste der Kaiser sich vor Verfolgung des Heidenthun s 
hüten. Was er Gewaltsames gegen dasselbe unternahm, beschränkt sich darauf, 
dass er im Morgenlande mehrere weniger gebrauchte heidnische Tempel iu 
christhche Kirchen umwandelte und einige sitthch austössige Culte, den der 
Aphrodite zu Aphaka in Phönicien, des Nil in Aegypten aufhob. Das war 
PoUzeimassregel. Eher liesse sich die Zerstörung des Tempels Aesculaps zi 
Aegae in Cihcien als der sonstigen Toleranz Constantin's widersprechend dar- 
stellen, der Tempel war voll behangen mit den Weihgeschenken derer, dio 
dem Gotte ihre Heilung zu verdanken wähnten. Nicht blos das Volk, auch 
die Gebildeten priesen diese Wunderheilungen. Um den Täuschungen, di(5 
dabei unterhefen, ein Ende zu machen, hess Constantin den Tempel zer- 
stören und fällte damit eine wesentliche Stütze des Heidenthums in jener 
Gegenden. Doch das sind vereinzelte Beispiele. In Constantinopel hess er 
heidnische Tempel bauen. Bei der Einweihung der Stadt wurden heidnische 
Geheimgebräuche gefeiert. Auch Anderen gestattete der Kaiser die Erbau- 
ung von heidnischen Tempeln. Am Ende seines Lebens soll er aber den 
alten Gottesdienst förmlich verboten haben. Sein Sohn Constantius spricht 
davon in einem Gesetze vom Jahr 341. Das wtole zu dem stimmen, was 
Euseb (de vita Const. 2, 45. 4, 23) und auch Theodoret (H. E. 1, 2) berichten. 
Indessen ist es auffallend, dass sich jenes Gesetz nirgends aufgezeichnet 
findet. Daher meinen Einige, es sei zui'ückgenommen worden, Andere, es 
habe sich blos auf unsitthche Culte bezogen. Soviel ist gewiss, dass es nicht 
zur Ausführung kam. Daher der heidnische Rhetor Libanius sich später 
darauf berufen konnte, dass Constantin den alten Gottesdienst unangetastet 
gelassen habe, so wie denn die Schrift des christlichen Firmicus Mater-* 
nus, die aus den nächsten Jahren nach Constantin's Tode stammt, den 
massenhaften Fortbestand der Opfer und Mysterien bezeugt. Pohtik mag mit 
im Spiele gewesen sein. Den christhchen GeistUchen zu Gefallen mag Con- 



Aeussere Schicksale des Christenthums. Constantin. 227 

stantin den alten Gottesdienst zuletzt verboten, und aus Rücksicht auf die 
heidnische Partei das Verbot nicht aufrecht gehalten haben. 

Bis an das Ende seines Lebens blieb er Katechumene und nahm daher 
nicht Theil an allen Handlungen des christlichen Gottesdienstes. Nahe am 
Tode empfing er die Taufe aus den Händen Euseb's, des Bischofs von Niko- 
medien, im Jahre 337. Sein Andenken haben Heiden und Christen, jene 
durch Versetzung unter die Götter , diese, nämlich die griechischen Christen, 
durch Aufnahme unter die Heiligen zu ehren gesucht. Sein Name ist 
durch manche Gewaltthätigkeit befleckt, besonders aber durch die Hinricht- 
ung seines treft'hchen Sohnes Crispus auf Anstiften seiner Gemahlin Fausta 
(326). Als er des Crispus Unschuld erkannte, Uess er auch Fausta hinrich- 
ten. Daran knüpft sich eine gehässige Sage über die Beweggründe seines 
üebertrittes zum Christenthum. Kaiser Juhan, Zosimus (2, 29) und Sozo- 
menus (1, 5) sind die Gewährsmänner dafür. Gefoltert durch Gewissensbisse 
über jene Mordthaten habe sich Constantin an die heidnischen Priester, nach 
Sozomenus an den neuplatonischen Philosophen Sopater um Entsündigung 
gewendet. Diese hätten erwiedert, für solche Missethaten gebe es keine 
Entsündigung. Darauf habe sich ein Aegyptier in seine Nähe zu drängen 
gewusst und ihm die Ueberzeugung beigebracht, dass das Christenthum jede 
Missethat abzuwaschen fähig sei. Nach Sozomenus waren es christHche 
Priester, welche ihm versprachen, ihn durch Busse und Taufe von allen 
Sünden zu befreien. Darauf sei er Christ geworden und von dieser Zeit an 
habe er gesucht, die Unterthanen zur Annahme des Christenthums zu ver- 
mögen. Diese Erzählung wird schon durch die Chronologie widerlegt. Schon 
vor 326 hatte sich Constantin zum Christenthum bekannt, und er wartete 
noch volle eilf Jahre, bis er, am Rande des Grabes stehend, die Taufe be- 
gehrte, da es doch nach jener Erzählung wahrscheinlich wäre, dass er sich 
sobald als möghch die Taufe hätte geben lassen. Uebrigens ist es schwer 
zu glauben, dass heidnische Priester die einzig - artige Gelegenheit nicht be- 
nützt hätten, um den mächtigen Herrscher zu gewinnen. Da aber Con- 
stantin's Zweideutigkeit niemals völlig aufhörte, so begreift man um so eher, 
dass die heidnischen Gegner ihm solche Zurückwendung zu der alten Religion 
andichteten. Die Erzählung ist das Gegenstück zu dem Kreuze in der Luft, 
wodurch seine Bekehrung zum Christenthum bewirkt sein sollte. — Noch 
muss angeführt werden, dass Constantin in seinem Eifer für die neue Reli- 
gion auch durch seine Mutter, die Kaiserin Helena ermuntert wurde. Sie 
hatte eine Frömmigkeit, die sehr an Aeusserlichkeiten hing und dadurch 
schädlichen Einfluss übte. Sie wallfahitete nach Palästina und kniete an- 
dächtig an der Stätte, welche man ihi' als die Kreuzigungsstätte des Hei- 
landes bezeichnete. 

Wie sehr auch in der ganzen Handlungsweise Constantin's der pohtische 
Gesichtspunkt sich geltend macht , so lässt sich doch nicht erweisen , dass 
seine Begünstigung des Christenthums blos aus politischer Berechnung floss 
und keinen Anhaltspunkt in seiner persönlichen Ueberzeugung hatte. Es ist 
zu bedauern, dass der erste christUche Kaiser kein reinerer Charakter ge- 
wesen. Aber dass er seine Zeit verstanden, wird ihm Niemand mit Recht 
bestreiten. Dass er die richtige Einsicht hatte und darnach seine Maass- 

15* 



228 Zweite Periode des Katholicismus. 

regeln traf, das ist seine Grösse. Die durch ihn vollzogene Verbindung von 
Kirche und Staat muss übrigens nicht blos nach ihren Auswüchsen , die sich 
schon unter seiner Regierung, noch mehr aber später zeigten, beurtheilt werden. 

Nach dem Tode Constantin's nahm die Reaction gegen das Heidenthum 
und die Begünstigung des Christenthums von Seiten der Beherrscher des 
Staates wachsend zu, jedoch nicht ohne eine neue Reaction des Heidenthums 
gegen das Christenthum vorzubereiten. Constantin hatte drei Söhne hinter- 
lassen, wovon der erste, Constantin IL in einem Kriege mit seinen Brüdeni 
das Leben verlor. Die beiden überlebenden Söhne, an Regententugend dem 
Vater sehr unähnhch, theilten sich in die Herrschaft. Constans war Kaiser 
des Abendlandes, Constantius des Morgenlandes. Beide beobachteten in ihrem 
Verhältniss zur alten Religion nicht dieselbe Mässigung wie ihr Vater. Sie 
erhessen gemeinsame Gesetze, welche das Heidenthum verboten. Docli 
musste Constans, weil es im Abendlande noch stärkere Wurzeln hatte, ah 
im Morgenlande, milder verfahren als sein Bruder. So verbot er die Zer- 
störung der heidnischen Tempel ausserhalb der Mauern der Städte. Eni 
Reisender, der 347 Rom besuchte, fand daselbst noch sieben Vestaünen, 
den Cultus des Jupiter, der Sonne und der Mutter der Götter vor. Con- 
stantius konnte unumschränkter verfahren. Im Jahre 341 erliess er ein be- 
sonderes Edict für das Morgenland, wodurch aller und jeder Götzendienst 
bei Strafe verboten wurde. Als er im Jahre 350 nach dem Tod des Bniders 
die Herrschaft über das ganze Reich in sich vereinigt hatte, schärfte er seine 
Massregeln. Da ungeachtet der erlassenen Gesetze das Heidenthum immer 
noch fortdauerte, verbot er im Jahre 353 die Ausübung des alten Gottes- 
dienstes unter Androhung der Todesstrafe und der Confiscation der Güter. 
Dieselben Strafen sollten diejenigen Statthalter treffen, die jenes Gesetz nicht 
handhabten. Nur in Rom und in Alexandrien kam es nicht zur Ausführung. 
Der Kaiser selbst sah 357 bei einem Besuche in Rom dem alten Religions- 
wesen ruhig zu und liess alles Bestehende unangetastet. Doch sah er das 
Heidenthum bereits als politisch gefährlich an, — sowie früher das Christen- 
thum als politisch gefährhch gegolten hatte. Es lässt sich nicht läugnen, 
dass die Christen selbst die Repressivmassregeln gegen das Heidenthum 
bilHgten und den Kaiser dazu antrieben. In diesem Sinne hatte sich schon 
Firmicus Maternus ausgesprochen in seiner Schrift de error e profa- 
narum religionum ^ zwischen 343 — 350 beiden Kaisern gewidmet. In 
Folge solcher Massregeln drangen viele Unwürdige in die Kirche ein, die 
freilich wohl auch von der Ohnmacht der alten Götter, mithin von der Nich- 
tigkeit derselben überzeugt worden waren. 

Indessen zog das Heidenthum aus der Bedrückung, die es erleiden 
musste, doch einigen Vortheil. Sie bildete nämlich einen schneidenden Con- 
trast gegen die früher von den Christen ausgesprochenen Grundsätze über 
Religionsfreiheit. Die Heiden fingen an, ihre alten Angriffe auf das Christen- 
thum zu erneuern: was Gutes und Wahres daran sei, das sei den alten 
Philosophen entlehnt, alles Uebrige nichts als Aberglaube. Die theologischen 
Streitigkeiten warfen in den Augen der Heiden auch ein ungünstiges Licht 
auf die Christen und die Sache, die sie vertraten. Auf den heidnischen 
Theatern wurde wie früher die tiirha der heidnischen Götter, so jetzt das 



Aeussere Schicksale des Christentliums. Julian. 220 

Evangelium verspottet. Uebrigens hatten die Heiden wie vor Alters die be- 
deutendsten Bildungsanstalten des Kelches inne. Die berühmte Schule der 
Rhetorik in Athen wurde dui'ch heidnische Lehrer geleitet. In Alexandrien 
waren auch Heiden an den wissenschaftüchen Anstalten thätig. Die berühm- 
testen Redner jener Zeit waren Heiden; es genügt, den einen Libanius her- 
vorzuheben. Der Neuplatonismus suchte das Heidenthum zu verjüngen, wis- 
senschafthch zu rechtfertigen, das Unsittliche in den Mythen durch allego- 
rische Erklärung zu beseitigen. Dadurch konnte er unbefestigte Gemüther 
anziehen und gewinnen. Die Heiden setzten grosse Hoffnung auf einen kai- 
serhchen Prinzen, den sie insgeheim für ihre Religion gewonnen hatten und 
dem die Thronfolge nach dem Recht der Verwandtschaft zugesichert war. 
Dieser Prinz war 

2) Julian, zubenannt der Abtrünnige, Apostata*). 

Wie ist es gekommen, dass ein Mann , der seinem eigenen Geständnisse 
zu Folge sich bis in das zwanzigste Lebensjahr zum Cliristenthum bekannt 
hatte, sich demselben bis zur höchsten Abneigung entfremdete, sich in die 
veralteten Religionsformen und Anschauungen völlig einlebte und alle Kraft 
seines Geistes und Charakters sowie auch seine hohe Stellung als Kaiser 
auf die sisypliische Arbeit verwendete, die Geschichte rückgängig zu machen ? 

Julian war der Sohn des Julius Constantius, eines Stiefbruders von 
Kaiser Constantin, mithin eines Vetters des regierenden Kaisers Constantin. 
Seine Mutter war einige Tage nach seiner Geburt gestorben. Sein Vater, 
ein älterer Bruder und mehrere Verwandte wurden, als Julian sechs Jahre 
alt war, in einem Aufruhr der Soldaten getödtet. Von der ganzen Familie 
blieben nur Julian und der ältere Bruder Gallus am Leben. Man gab diese 
Mordthaten dem Kaiser Constantius schuld; doch erfuhren die beiden jungen 
Prinzen nicht die volle Wahrheit, die überhaupt schwer herauszufinden wäre. 
Julian selbst erhebt in dieser Beziehung gegen seinen kaiserlichen Vetter 
keine Vorwürfe. Er beklagt sich aber über die sechsjährige Einsamkeit auf 
einem kaiserhchen Schlosse in Kappadocien, wo er und sein Bruder Gallus 
nur mit Sklaven Umgang hatten. Nach Constantinopel zurückgerufen wurde 
er argwöhnisch beobachtet und fühlte sich von allen Seiten gehemmt. Um 
die spätere Abwendung vom Chiistenthum zu erklären, hat man sich auf die 
frommen Uebungen berufen, wozu Juhan nebst Gallus in der ersten Jugend 
angehalten worden. Doch Julian spricht nicht davon in seiner Epistel an 
die Athener, worin er Alles aufzählt, was er von Constantin erdulden musste. 
Man hat auch das geltend gemacht, dass die christliche Religion damals 
schon ziemUch ausgeartet war. Doch, wenn gleich emiges Prunk- und Ce- 



1) S. Julian! Imperatoris Opera et Cyrilli contra impium Jnliannm lib. X ed. Eze- 
chiel Spanhemius. Lipsiae 1696. Die Opera sind Reden, Abhandlungen und Briefe. Das 
Werk von Cyrill von Alexandrien ist wichtig wegen der Fragmente von Julian's drei 
Büchern gegen das Christenthum , die es enthält; sie sind französisch herausgegeben wor- 
den vom Marquis d'Argens. 3. Ausgabe. Berlin 1769. Dazu kommen als Quellen der 
loyos €7itTa(ptog des Libanius, Ammianus Marcellinus, Zosimus und die christlichen 
Kirchenhistoriker Sokrates, Sozomenus, Theodoret. 



230 Zweite Periode des alten Katholicisrans. 

rimonienwesen eingedrungen, so war diess Julian gewiss nicht zuwider, son- 
dern vielmehr willkommen. Grösseres Gewicht hat der Umstand, dass die 
theologischen Streitigkeiten schon einen hohen Grad von Animosität erreicht 
hatten und daher wohl geeignet waren, ein unbefestigtes oder schwankendes 
Gemüth vom Christenthum abzustossen. Ebenso bedeutsam ist der Umstand, 
dass Julian keine Vertreter des Christenthums fand, die ihm eine wahrhafte 
Achtung für dasselbe hätten einflössen können; nicht als ob es keine gegebtm 
hätte, aber am Hofe gewiss nicht. 

Doch die Entscheidung konnte durch das Alles nicht gegeben werden. 
Gallus hatte dieselben Erfahrungen zu machen wie sein Bruder, er wuchs 
unter denselben Einflüssen und Eindrücken auf — und wurde nicht Heide. 
Die Bekehrung Juhan's zu der alten Religion geschah in Folge der eigenen 
Naturanlage desselben einerseits und der Verbindung mit der heidnischen 
Partei im Reiche andererseits. 

Es war in Julian's Seele ein angeborener Zug nach dem antiken Hei- 
denthum; er war, wenn der Ausdruck erlaubt ist, heidnisch angelegt. Seino 
Freude an der Natur, wie er sie seit den frühesten Lebensjahren empfand, 
war eine Hingabe an die Natur, er spricht daher von einer angeborenen 
Sehnsucht nach dem grossen Gotte Helios, der ihm in der Sonne verkörper: 
entgegentrat. Vor dem Glänze dieses Gottes musste die Knechtsgestalt des 
Menschensohnes völUg erbleichen. Die Neigung zu den alten Gottheiten 
wurde genährt durch den Lehrer, der mit ihm Homer las und der mittelst 
der allegorischen Erklärung die anstössigsten Dinge der heidnischen Mytho- 
logie in ein täuschendes Gewand zu kleiden wusste. So war er vorbereitet, 
an heidnischen Geisteserzeugnissen ein besonderes Wohlgefallen zu finden. 
Als man ihm gestattete, sich nach Nikomedien zu begeben, hätte er gar zu 
gerne den daselbst lehrenden Libanius gehört. Das Verbot, ihn zu hören, 
steigerte nur seine Begierde, und es lässt sich denken, mit welcher Lust er 
die Collegienhefte des Libanius, die er sich zu verschaffen gewusst hatte, 
las. Damals that er bereits einen entscheidenden Schritt zur Annäherung 
an das Heidenthum durch seine Verbindung mit der heidnischen Partei, die 
ihn auch mit dem Neuplatonismus befreundete. Die heidnischen Philosophen 
schmeichelten seinem hohen Selbstgefühle, indem sie ihm Weissagungen mit- 
theilten von einem bevorstehenden Siege der Götter, den er berufen sei 
herbeizuführen. Durch Göttererscheinungen begeistert und bearbeitet trat 
er in Nikomedien bereits zum Heidenthum über, doch ohne das Christen- 
thum aufzugeben. Gerade damals soll er, um allem Argwohn vorzubeugen, 
mit geschorenem Kopfe und in mönchischem Aufzuge aufgetreten sein. Um 
Constantius noch besser zu täuschen, Hess er sich als Lector aufnehmen. 
Doch immerfort von Constantius argwöliuisch bewacht, entfloh er mit dem 
Neuplatoniker und Theurgen Maximus, der sich seit einiger Zeit an ihn 
gemacht, nach Jonien, wo das Werk der Bekehrung zum Heidenthum voll- 
endet wurde. Da erhielt er die Weisung, sich nach Athen zu begeben. 
Wenn Constantius ihn eigens zum Heidenthum hätte locken wollen, hätte er 
keinen passenderen Ort wählen können. Athen war der reizendste Sitz der 
alten Religion. Berühmte Lehrer empfahlen sie daselbst mit einschmeicheln- 
der Beredtsamkeit. Ringsherum, auf den Höhen und in den Thälern standen 



Aeussere Schicksale des Christenthums. Julian. 231 

die herrlichen Wohnungen der heimischen Götter; wo man hinblickte, traten 
diese in freundhch winkenden und Ehrfurcht gebietenden Gestalten den 
Beschauern entgegen. In Athen wurden manche christliche JüngUnge wieder 
für die alte Rehgion gewonnen, — Juhan in seiner Anhänghchkeit an die- 
selbe befestigt. Er vertiefte sich in die neuplatonische Philosophie und wurde 
in die Wahrsager- und Zauberkünste eingeweiht. Opfer wurden von den 
Heiden den Göttern dargebracht, damit sie ihn einst auf den Thron erheben 
möchten. Er selber vertraute sich besonders dem Oberpriester von Eleusis, 
von dem die Heiden rühmten, dass er allein unter allen Menschen ohne 
Sünde sei. 

Da wurde er plötzlich gegen alle Erwartung in die politische Laufbahn 
hineingeworfen. Constantius ernannte ihn zum Cäsar und schickte ihn nach 
Gallien, wo die römische Herrschaft durch die einbrechenden Germanen er- 
schüttert war. Wahrscheinlich durch seine Gattin, die Kaiserin Eusebia 
bewogen, gab er ihm damals die eigene Schwester Helena zur Frau. Da aber 
Julian ohne alle Kenntuiss der Kriegskunst war , erhielten die Befehlshaber 
der Truppen den eigentlichen Oberbefehl, er selbst zunächst nur die nomi- 
nelle Oberleitung. Er suchte das ihm Mangelnde zu ersetzen und wurde 
bald ein geschickter und tapferer Feldherr. Er führte, sagt Libanius, die 
Waffen, als ob er von Anfang an statt mit Büchern sich mit den Waffen 
abgegeben hätte. Er wurde der Abgott der Legionen, der Schrecken der 
Feinde, — daneben lag er eifrig seinen Studien ob, verehrte im Geheimen 
die Götter und trat öffentlich als Christ auf. Um allen Verdacht von Seiten 
des Kaisers zu beseitigen, veröff'entüchte er damals eine Lobrede auf den- 
selben. Der Conffict, der sich bald darauf zwischen beiden Herrschern er- 
hoben und der in einen Bürgerkrieg auszulaufen drohte, wurde durch den 
Tod des Constantius beseitigt, worauf Julian 361 den Thron bestieg, unter 
dem Jubel der heidnischen Partei, während die Christen in banger Erwartung 
der kommenden Dinge waren. 

Sein Versuch einer Restauration des Heidenthums hing aufs engste 
zusammen mit seinem Streben nach einer durchgehenden Reformation des 
Staates, nach Herstellung der altrömischeu Grösse, wobei ihm als Ideal 
eines Herrschers das Bild Mark Aureis vorschwebte. Wie dieser sah er in 
der Aufrechthaltung der alten Religion die unentbehrlichste Stütze des Thrones, 
die nothwendige Bedingung der Wohlfahrt des Reiches. Es war diesem 
seinem Streben Wahres und Gutes beigemischt. Julian hat sich als Kaiser 
in mehrfacher Beziehung um das Reich Verdienste erworben. Er wollte nicht 
durch Andere regieren, er bestrebte sich, gegen seine Unterthanen mild, 
wohlthätig und gerecht zu sein. Er verringerte die seit Constantin ungeheuer 
drückend gewordenen Abgaben; gleich nach seiner Thronbesteigung that er 
den grossen, gangbar gewordenen Verschwendungen Einhalt. Er schaffte 
eine Menge überflüssiger Hofbedienten ab, er lebte in der äussersten Ein- 
fachheit und Strenge gegen sich selbst, welche Tugend er bis zum Cynismus 
trieb, wodurch er sich in seinem Ansehen selbst bei seinen heidnischen An- 
hängern schadete. 

Der Plan einer Restauration des Heidenthums brachte mit sich eine 
Bekämi)fiing des Christenthums. Da nun aber dieses durch die Zahl seiner 



§32 Zweite t*eriode des alten Katholicismus. 

Bekenner, durch Aneignung höherer Bildung, durch wohlthätige Einwirkung 
auf manche Lebensverhältnisse schon eine bedeutende Macht im Reiche ge- 
worden, so unternahm Julian mit jener Bekämpfung eine politisch - religiöse 
Revolution von höchst zweifelhaftem Erfolge. Doch solche Bedenken lagen 
ihm fern. Er meinte wohl, dass, sowie Viele um irdischer Vortheile willen den 
christhchen Glauben angenommen , eben so Viele ihn um derselben Vortheile 
willen wieder aufgeben würden. Um so mehr mochte sich ihm dieser Ge- 
danke empfehlen, da er das Christenthum so tief stellte, so gründlich ver- 
achtete. Aus den Bruchstücken der drei Bücher gegen die Christen, die er 
am Ende seines Lebens in Antiochien schrieb, ersehen wii* so wie seine 
Kenntniss der heihgen Schrift, so auch seine Unwissenheit in Sachen des 
Christenthums. Es ist ihm eine unglückliche Verunstaltung des Judenthums 
und das Judenthum selbst wenig verschieden vom Heidenthum, mit dem es 
die Opfer gemein hat: ein Beweis seiner oberflächlichen Betrachtungsweise 
Seine Ansichten erinnern auÖ'allend an die der französischen Deisten dee 
achtzehnten Jahrhunderts und sind auch von diesen mit gebührender Aner- 
kennung aufgenommen worden. Unbegreiflich ist ihm die Verehrung, welche 
die Christen dem Herrn darbrachten, der in dreissig Jahren nichts der Rede 
Werthes zu Stande gebracht, ausser dass er einige Lahme und Bünde ge- 
heilt und einige gemeine Leute zum Glauben an ihn überredet habe. Er 
verspottete die Christen, — die Gahläer, wie er sie verächtlich nannte, als 
Thoren, die einen todten Juden verehrten. Er setzte das Christenthum und 
dessen Bekenner auf die unterste Stufe der Geistesbildung. Er meinte, der 
Grund, warum die Christen sich dem Studium der cl assischen Literatur zu- 
wendeten, sei das Bewusstsein der Mangelhaftigkeit ihrer Religion und ihrer 
Religionsurkunden. „Durch diese Studien, sagte er, sind die Besseren unter 
euch zum Abfall vom christlichen Glauben bewogen worden. Eure Schriften 
machen keinen Menschen weise. Durch die unsrigen dagegen wird er tapfer, 
erobernd, thätig, weise, und wenn er gute Aulagen hat, ein Held. — „Wir 
sind von den Göttern verschiedene Künste der Theurgie gelehrt worden.^ 
„Oft bin ich von Aeskulap geheilt worden"^, setzt er ruhmredig hinzu. Durch 
der Götter Gunst glaubte er allen Gefahren, womit der Argwohn des Con- 
stantius ihn bedroht hatte, entronnen und aus der Verbannung auf den Thron 
erhoben zu sein. Auf den Thron erhoben wollte er nun den Göttern seinen 
Dank bezeugen, den alten Weisen und Helden nachstreben. Darin gefiel 
sich seine stolze Seele und wendete sich verächtlich hinweg von dem gött- 
lichen Dulder am Kreuze. 

So wurde ihm die Wiederbelebung der alten Religion zur reügiösen 
Pflicht und er hätte sie versuchen müssen, gesetzt auch, dass er starken 
Zweifel am Gelingen seines Vorhabens geluibt hätte. Die Art, wie er ver- 
fuhr, zeigt übrigens, dass er sich die Schwierigkeiten der Aufgabe nicht 
ganz verhehlte. Die Geschichte, — wie seine eigenen Aussagen es bezeugen 
(Sokrates 5, 4), hatte ihn gelehrt, dass der offene Krieg die verfolgte Partei 
nur bestärke, dass das Blut der Märtyrer eine Aussaat neuer Bekenner sei. 
Er hasste daher das Märtyrerthum und mochte den Christen die Ehre und 
den Vortheil desselben nicht gönnen. Deswegen suchte er die christliche 
Küxhe allmähüch zu untergraben. Ei' übte eine sanfte Gewaltthätigkeit aus, nach 



i 



Aeilssere Schicksale des Christentliums. Julian. 233 

dem treffenden Ausdrucke Gregor's von Nazianz. Er scheute sich vor offen- 
kundiger Gewaltthätigkeit , damit er nicht tyrannisch erschiene. Daher ver- 
kündigte er allgemeine Duldung für die Christen und erklärte sich aufs 
Bestimmteste gegen deren Bestrafung, sich mit der Hoffnung schmeichelnd, 
dass sie sich bald vom christUchen Glauben abwenden würden. Er rechnete 
es sich zum Verdienst an, dass er die verschiedenen theologischen Parteien 
frei gewähren Hess , dass er alsobald nach Besteigung des Thrones die durch 
Constantius verbannten Bischöfe zurückrief. Er verbot den Christen als 
öffentUche Lehrer der classischen Literatur aufzutreten ; denn es komme ihm 
ungereimt vor, dass diejenigen die Schriften der classischen Schriftsteller 
auslegen, welche die von ihnen verehrten Götter verachten. Ein harter 
Schlag für die Christen, da Juhan durch jenes Verbot einer unter den 
Christen ziemUch verbreiteten Richtung entgegenkam. Aus der Art, wie 
Sozomenus das Studium der alten Literatur rechtfertigt, ist zu ersehen, wie 
sehr er den Einfiuss jener Massregel befürchtete i). Julian liess es nicht 
bei dieser Art von Hemmung bewenden. Er entzog den Geisthchen die ihnen 
von Constantin ertheilten Rechte und Privilegien; er suchte wo möglich die 
Ehrenstellen in die Hände von Heiden zu bringen. Manche Kirchen und 
dazu gehörige Grundstücke mussten an Heiden abgetreten werden. So bUeb 
auch manche Frevelthat des heidnischen Pöbels ungestraft, wenn gleich er 
sie im Allgemeinen nicht gerne sah. Unruhige Christen dagegen wurden sehr 
hart bestraft. — Die christUchen Geschichtschreiber führen eine statthche 
Reihe von Märtyrern unter diesem Kaiser auf (S. Sozom. 5, 9). 

Zur positiven Restauration der alten Religion benützte er neben seiner 
kaiserlichen Machtvollkommenheit seine Stellung und Würde als Poutifex 
maximus, die mit der Imperatorenwürde verbunden war. Sein Streben ging 
dahin, in seiner eigenen Person das Ideal eines wahren Priesters, als Muster 
der Götter- und Menschenliebe, der Rechtschaffenheit und Strenge gegen 
sich selbst darzustellen 2). Daher entstanden seine Reden und Briefe ; daher 
er auch unermüdlich war in Darbriugung von Opfern, wodurch er selbst 
seinen Anhängern Anstoss gab und sich lächerlich machte, so dass, wie 
Ammianus berichtet, viele fürchteten, wenn er als Sieger aus dem Kriege 
gegen die Parther heimkehrte, würde bald ein Mangel an Ochsen eintreten. 
Die gebildeten Heiden ärgerten sich auch daran, dass er, beseelt vom ge- 
wöhnlichen Eifer der Convertiten, den alten Kram von Wahrsagereien, Au- 
gurien, Haruspicien und anderen Gaukeleien wieder aufbrachte 3). Geleitet 
von demselben Streben, der alten Religion wieder aufzuhelfen, traf er aller- 
dings noch bessere Maassregelu. Dem von ihm so sehr verachteten Chri- 
stenthum entlehnte er einige Eimichtungen, wodurch sich die Kirche grossen 



1) Sie ist nicht so zu verstehen, wie man aus Sokrates 3, 16. Sozom. 5, 18 
schliessen könnte, dass die Christen überhaupt nicht durften die alte Literatur studiren; 
unter der Leitung heidnischer Lehrer bUeb ihnen dieses unverwehrt. S. auch Ammianus 
Marcellinus 25, 4. 

2) S. darüber Ulimann, Gregor v. Nazianz 527 u. ff. 

3) So dass selbst Ammianus Marcellinus üb. 25, 4 bekennt, er sei mehr super- 
stitiosus quam sacrorum legitimus observator gewesen. 



234 Zweite Periode des alten Kiatholicismus. 

Einfluss auf die Völker verschafft hatte. So befahl er die Einrichtung von 
Armenhäusern, von Herbergen zur Aufnahme der Fremden; er selbst theilte 
mit fürsthcher Freigebigkeit Almosen aus, er wollte, dass man die Christen 
nachahme, die durch Almosen ihren Anhang verstärkten. Sehr bezeichnend 
ist in dieser Beziehung sein Brief an Arsacius , Oberpriester in Galatien (bei 
Sozom. 5, 16). Er ging noch weiter auf diesem Wege. Er bemühte sich, 
das christliche Institut der Volksbelehrung und Predigt nachzuahmen. Prio 
ster in purpurne Prachtgewänder gekleidet, — so hatte es der Kaiser aus- 
drücklich befohlen, — erschienen auf der Bühne der Redner und trugen in 
schwülstigen Worten allegorische Erklärungen der Mythen vor. Julian wollte 
selbst eine der christlichen nachgeahmte hierarchische Abstufung der Reli- 
gionsdiener einführen. — Was noch bezeichnender ist, er führte sogar 
Kirchenzucht ein; in seiner Eigenschaft als Pontifex maximus handhabte er 
den Bann gegen Unwürdige. 

So endete denn diese stolze Erhebung über das Christenthum mit einer 
indirecten Anerkennung desselben und mit einem der alten Religion aus- 
gestellten Armuthszeugnisse. Julian wurde sich mehr und mehr der Schwie- 
rigkeiten seiner Aufgabe bewusst. Er erging sich in Klagen, dass die Ga- 
liläer für ihre Religion viel mehr Eifer hätten als die Heiden. Daher, was 
die christlichen Geschichtschreiber berichten, gar nicht unwahrscheinlich ist, 
dass er kurz vor seinem Tode bekannt habe, er werde nach beendigtem 
Kriege (mit den Parthern) gegen die Christen schärfer auftreten als bis 
dahin. In diesem Kriege starb er, getroffen, nach der Aussage der Heiden 
von einem christlichen Soldaten, im Jahre 363, im zweiunddreissigsten Le- 
bensjahre, im dritten Jahre seiner Regierung. Die christliche Sage, von 
Theodorus (H. E. 3, 25) aufbewahrt, legte dem Sterbenden die Worte in den 
Mund: ^^Gahläer, du hast gesiegt ^^ ^). Das trifft zusammen mit der durch 
Ammianus Marcellinus beglaubigten Aussage des Sterbenden, dass die nütz- 
lichsten Massregeln nicht immer mit Erfolg gekrönt werden 2). 

3) Weitere Entwicklung bis zum Ende der Periode. 

Am Anfange der Regierung Julian's hatte Gregor von Nazianz das 
grosse Wort ausgesprochen, dass die Kirche mehr die inneren als die äusse- 
ren Feinde zu fürchten habe. Nach dem Tode jenes Kaisers ermahnte er 
die Christen, durch ihre Mässigung im Glücke zu zeigen, dass sie die ihnen 
widerfahrene Züchtigung w^ohl benützt hätten, und den Heiden nicht Gleiches 
mit Gleichem zu vergelten gedächten. In der That herrschte von nun an Reli- 
gionsfreiheit bis zum Jahre 381, als wohlthätige Rückwirkung von Julian's Regier- 
ung, zum Theil auch in Folge der mannigfaltigen Gefahren, w^omit das Reich 
durch die germanischen Völker beckoht wurde. Zunächst nach Julian's Tode 
ergriff zwar grosse Angst die Gemüther der Heiden. Sie verschlossen ihre 



1) Nertxj^xagi raXikate. 

2) So war es ihm auch ergangen, als er aus Achtung gegen die jüdische Religion 
als ächte Volksreligion den Wiederaufbau des Tempels von Jerusalem erlaubte. Aus dem 
bituminösen Boden erhoben sich Feuerflammen, welche einige Arbeiter tödteten, so dass 
der Bau aufgegeben wurde. Ammian. Marc. 23, 1. 



i 



Aeussere Schicksale des Christenthums. Jovian — Gratian. 235 

Tempel, ihre Priester verbargen sich aus Furcht vor Repressalien von Seiten 
der Christen. Allerdings mussten die Heiden manchen Schadenersatz geben 
und einzelne Misshandlungen kamen vor. Doch bemühte sich Jovian, der 
neue Kaiser, selbst ein eifriger Christ, seine heidnischen Unterthanen zu 
beruhigen, indem er durch das erste der von ihm erlassenen Gesetze Reli- 
gionsfreiheit gewährte und nur den Gebrauch der heidnischen sacra zur 
Magie verbot. Diess rühmte der heidnische Rhetor Themistius in einer 
damals vor dem Kaiser gehaltenen Rede bei Anlass des von diesem angetre- 
tenen Consulates: „Ihr allein scheint zu wissen, dass der Regent von seinen 
Unterthanen nicht Alles erzwingen kann, dass es Dinge gibt, die über jeden 
Zwang, jede Drohung, jedes Gebot erhaben sind, wie überhaupt alle Tugend 
und insbesondere die Verehrung der Gottheit. Ihr habt sehr weise erkannt, 
dass bei allem diesem, wenn es nicht erheuchelt sein soll, der ungezwungene, 
freie Wille der Seele vorangehen muss.^' Jovian starb noch schneller als 
Juhan im Jahre 364, aber einige seiner Nachfolger traten noch in seine 
Fussstapfen. Valentinian I. , Kaiser des Abendlandes, f 375, obschon er 
früher durch sein standhaftes Bekenntniss des Christenthums sich die Un- 
gnade Julian's zugezogen, obschon er zu despotischem Verfahren geneigt 
war, gewährte doch Religionsfreiheit durch mehrere Gesetze. Ammianus 
Marcellinus gibt ihm in dieser Beziehung das ehrenvollste Zeugniss. Da- 
durch wurde das Ileidenthum nicht sowohl befestigt als vielmehr das Chri- 
stenthum gefördert, wie man denn um diese Zeit anfing, dasselbe die Bauern- 
religion zu nennen ^). Dieselben Grundsätze von Valentinian stellte Va- 
lens f 378 im Morgenlande auf und handelte darnach, nur politischer Arg- 
wohn riss ihn zu Verfolgungen hin gegen diejenigen, welche Wahrsagerei 
und Zauberkünste trieben. Valentinian dem ersten folgten in der Herrschaft 
über die Abendländer seine beiden Söhne Gratian und Valentinian IL, 
jener siebzehn Jahre alt, dieser vier. Gratian betrat zuerst die Fussstapfen 
seines Vaters. Nach denselben Grundsätzen verfuhr bis 381 der kraftvolle 
Feldherr Theodosius, ein Spanier von Geburt, nach dem Tode des in der 
Schlacht von Adrianopel von den Gothen getödteten Valens, 378, von Gra- 
tian zum Beherrscher des Orients eingesetzt. Da die Gothen, welche damals 
bis unter die Mauern von Constantinopel vorgedrungen waren, die Aufmerk- 
samkeit von den inneren Verhältnissen hinweglenkten, wurde die Religions- 
freiheit bis zum Jahre 381 aufrecht gehalten. 

Als der Gothensturm vorüber war, begann man im Morgen- und Abend- 
lande nach und nach ein anderes Verfahren inne zu halten. Die römischen 
Kaiser waren Pontifices maximi und wurden bei ihrer Thronbesteigung mit 
den Insignien dieser Würde geschmückt. Die Sache war zuletzt reine Förm- 
lichkeit geworden, in die auch die christlichen Kaiser sich fügten. Gratian 
war der erste, der sich weigerte, das heidnische oberpriesterüche Gewand 



1) Der Name religio i)aganorum kommt zuerst in einem Gesetze des Kaisers 
Valentinian I. vom Jahre 368 vor. Dass die Uebersetzung Bauemreligion die richtige 
ist, ergibt sich aus der Vorrede des Orosius zu seiner Weltgeschichte: qui ex locorum 
agrestium compitis et pagis pagani vocantur. Auf diesen Sinn spielt auch 
Prudentius an, wenn er die Heiden pago implicitos nennt. 



236 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

anzulegen; aber auch den Titel Hess er sich nach einiger Zeit nicht mehr 
gefallen. — Im Versammlungssaale des römischen Senates stand ein Altar 
der Victoria, hochverehrt in der Stadt der Weltüberwinder, vor dem die 
Senatoren ihre Eidschwüre abzulegen pflegten. Der Altar war schon einmal 
entfernt, darauf durch Juhan wiederhergestellt worden. Gratian liess ihn 
aufs neue fortschaffen. Er ging noch weiter: den Tempeln wurden die 
Grundstücke, den Vestalinen der Unterhalt aus der Staatscasse, ihnen und 
den Priestern die letzten Privilegien entzogen. Die PriestercoUegien durften 
keine Vermächtnisse mehr von liegenden Gütern annehmen. 

In Folge dieser Beschränkungen entstand eine Bewegung, in welcher die 
treibenden Beweggründe der heidnischen sowohl als der christUchen Partei 
deutUch zum Vorschein kamen. Im Senate befanden sich noch viele Heiden \ 
die angesehensten römischen Familien hingen noch an der alten Religio]i 
eifrig fest , so wie denn auch die bereits gesetzlich verbotenen Opfer in Rom 
sowie in Alexandrien noch geduldet wurden. Da wendete sich im Namen 
der heidnischen Senatoren der durch persönliche Eigenschaften ausgezeich- 
nete Senator G. Aurelius Symmachus an den Kaiser, um von ihm die 
Aufhebung jener Verordnungen zu erlangen. Die christhchen Senatoren, sich 
darauf stützend, dass sie die Majorität des Senates bildeten, beklagten siel 
über diesen Schritt ihrer heidnischen CoUegen bei dem Kaiser durch die 
Vermittlung der Bischöfe Damasus von Rom und Ambrosius von Mai- 
land. Gratian wurde darüber so unwilhg, dass er Symmachus und der ihn 
begleitenden ansehnlichen Gesandtschaft nicht einmal Audienz ertheilte (382). 
Eine Hungersnoth , die im /olgenden Jahre ausbrach, wurde von den Heiden 
als Strafe der Götter wegen der Vernachlässigung ihres Cultus gedeutet. 
^,0 ihr vaterländischen Götter, sagte damals Symmachus, verzeiht die Ver- 
nachlässigung der euch schuldigen Verehrung. ^^ 

Als im Jahre 383 Valentinian II. seinem verstorbenen Bruder Gratian 
in der Herrschaft über den Orient nachfolgte, erneuerte die heidnische Partei 
des Senates ihre Versuche. Symmachus, der inzwischen Präfect der Stadt 
Rom geworden, war wiederum das Organ des Senates. Er richtete an den 
Kaiser eine Bittschrift, worin er ihm den Rath gab, die religio urbis 
von seiner Privatreligion zu unterscheiden, und, da die Vernunft des Men- 
schen für göttUche Dinge verschlossen sei, dem nachzufolgen, wobei sich die 
Väter in so vielen Jahrhunderten glücklich befunden hätten. Er versäumte 
nichts, was auf das Gemüth des jungen Kaisers Eindruck machen konnte; 
er führte Roma redend ein: „ich will, da ich frei bin, auf meine Weise 
leben; dieser Cultus hat die ganze Welt meinen Gesetzen unterworfen. "^ 
Zuletzt lenkte er wieder ein, indem er bemerkte, wenn der Kaiser nur das 
bestehen lasse, was Rom nach altem Rechte fordern könne, so bewillige er 
dadurch nichts für eine ihm fremde Religion. Vielleicht hätte der Kaiser 
umgestimmt werden können. Manche Christen mochten zu solchen Zuge- 
ständnissen geneigt sein; im geheimen Rathe des Kaisers waren einige Hei- 
den, welche ihn in diesem Sinne bearbeiteten. Da erfuhr Bischof Ambrosius 
von der Sache. Sofort wendete er sich an den jungen Kaiser : „Es geschieht 
keinem Unrecht, wenn ihm der allmächtige Gott vorgezogen wird. Ihm 
gehört Eure Ueberzeugung an. Ihr zwingt Niemand zu einer Gottesver- 



Aeussere Schicksale des Christenthums. Theodosius. 237 

ehrung gegen seinen Willen. Dasselbe, was Ihr Anderen gewährt, sei auch 
Euch gestattet. Wenn aber einige Namenchristen zu solchem Beschlüsse 
rathen, so lasst Euch durch den blosen Namen nicht täuschen. Wer solches 
anräth und beschliesst, der opfert. Wir Bischöfe werden das nicht ruhig 
dulden können. Ihr könnt zur Kirche kommen, aber Ihr werdet dort keinen 
Priester finden, oder einen solchen, der Euch den Zugang verwehrt. Der 
Herr will Eure Dienste nicht, weil ihr den Götzen gedient habt; denn er 
hat zu Euch gesprochen, ihr könnt nicht zweien Herren dienen. ^^ — Valen- 
tinian, überwunden durch solche Ansprache, ertheilte eine abschlägige 
Antwort. 

Im Morgenlande herrschte, wie bevorwortet, Theodosius, welcher im 
Jahre 392 durch den Tod Valentinians IL Beherrscher des Abendlandes, 
mithin des ganzen Reiches wurde. Ehe diess geschah, wurden zunächst im 
Morgenlande härtere Massregeln ergriffen. Theodosius fing damit an, dass 
er im Jahre 381 denjenigen, welche von der christhchen Religion zur heid- 
nischen übertraten, die Befähigung, Testamente zu machen, entzog. Ge- 
meinschaftlich mit Gratian verbot er damals das Opfern, soweit es mit der 
Magie und mit Wahrsagerkünsten in Verbindung stand, die als poUtisch- 
gefährlich galten. In der Anwendung wurde aber diess Verbot auf den gan- 
zen Opfercultus bezogen. Bischöfe gaben das Zeichen zu den dabei verübten 
Gewaltthätigkeiten, mehrere führten fanatische Haufen gegen die heidnischen 
Tempel und munterten sie auf zu deren Zerstörung; so handelten die Bi- 
schöfe von Edessa, von Apamea, von Alexandrien. Schwärme von wüthenden 
Mönchen fielen in die Tempel ein und zerstörten die Bilder der Götter; die 
Priester mussten schweigen, um nicht in Lebensgefahr zu gerathen. So sehr 
entfremdeten sich die Christen dem Geiste ihrer Religion. Die Heiden ver- 
galten es ihnen durch Repressalien in denjenigen Gegenden , wo sie noch in 
Menge sich befanden. So wurden die Kirchen von Gaza, von Askalon und 
Berytus in Phönizien zerstört. Der Unfug wurde so gross, dass der Kaiser 
seit 382 demselben durch Gesetze Einhalt thun musste. Die Tempel von 
Edessa nahm er in Schutz, weil deren Bildsäulen mehr nach ihrem künst- 
lerischen als nach ihrem rehgiösen Werthe geschätzt werden sollten. Später 
wurde er in gewissen Fällen nur durch die Vorstellungen christlicher Bischöfe 
bewogen, gegen diese Gewaltthätigkeiten nicht einzuschreiten. Noch im 
Jahre 393 erliess er ein Gesetz gegen diejenigen, welche unter dem Verwände 
des Christenthums die Synagogen , — auch diese waren nicht vor der Volks- 
wuth geschützt, — zu zerstören sich unterfingen. Nach jenen ersten Vor- 
gängen (388—390), als gerade ein prächtiger Tempel an der Grenze gegen 
Persien hin zerstört worden war, richtete Libanius seine berühmt gewordene 
Schutzrede für die Tempel (vnsQ ttov legcop) an Kaiser Theodosius, worin 
er sich über die verübten Gewaltthätigkeiten mit Recht beklagt und dem 
Kaiser manche heilsamen Wahrheiten zu Gemüthe führt. ^^Mit Zerstörung 
der Tempel nimmt man dem Heidenthum bei dem Volke keineswegs seine 
Stütze, es nimmt nicht eine andere Art der Gottesverehrung an, es er- 
heuchelt eine andere. Warum wüthet Ihr denn also gegen die Gläu- 
bigen, da diess doch nicht überzeugen, sondern Gewalt gebrauchen heisst?^' 
Die Rede blieb ohne Wirkung, was Christen und Heiden betrifft, zum deut- 



238 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

liehen Beweise, dass die Principien der Parteien nach ihren Interessen 
sich gestalten. Sogar der Besuch der Tempel wurde im Jahre 391 von 
Theodosius verboten, ebenso von Valentinian im Abendlande. 

Von besonderer Bedeutung sind die Vorfälle in Alexandrien. In die- 
ser Stadt, wo das Heidenthum noch viele und zum Theil sehr gebildete 
Anhänger zählte und prächtige Tempel hatte, stand damals ein Mann von 
durchaus ungeistlicher Gesinnung, der Bischof Theophilus an der Spitze 
der Kirche. Er liess sich vom Kaiser einen Tempel des Bacchus schenken 
um ihn in eine christliche Kirche umzuwandeln. Die darin gefundenen 
heidnischen Symbole der zeugenden Naturkraft liess er, um die helle- 
nischen Mysterien, worin nach heidnischem Wahne so viele verborgene 
Weisheit stecken sollte, dem Gelächter und Gespötte preiszugeben, in 
öffentlicher Procession durch die Stadt tragen. Darüber wüthend gewor- 
den, schaarten sich die Heiden zusammen und griffen die Christen an, von 
welchen sie manche verwundeten und tödteten. Auf einer Anhöhe lag der 
prächtige, kolossale Tempel des Serapis, eines der grössten Heiligthümer 
des Heidenthums. Dahin begaben sich die heidnischen Schaaren und er- 
richteten daselbst ein Lager, aus welchem sie auf die Christen Ausfälhi 
machten, manche derselben mit sich fortschleppten und durch Martern 
zum Abfalle zwangen. Ein mit ihnen eingeschlossener Philosoi)h, Olympus, 
ermahnte sie, für ihre väterliche Religion, wenn es nöthig wäre, zu sterben 
Alle Versuche der Behörden und der Truppen, sie zum Gehorsam zu brin- 
gen, scheiterten an dem Widerstände der erbitterten Heiden. Der Kaiser 
ergriff nun das letzte Mittel, um diesem gefährlich werdenden Aufruhr ein 
Ende zu machen. Er verkündigte die Begnadigung der Theilnehmer des 
Aufruhres, damit sie, wie Sozomenus 7, 15 berichtet, um so leichter zum 
Christenthum sich bekehren möchten, aus Rücksicht auf die erwiesene 
Wohlthat. Zugleich aber befahl er, dass alle Tempel der Stadt, weil sie 
den Aufruhr veranlasst hätten, zerstört werden sollten. Der Biscliof über- 
nahm die Ausführung dieses Befehles, wobei ihm Soldaten Hülfe leisteten. 
Der erste Sturm brach los gegen das abergläubisch verehrte Heiligthum 
des Serapis. Grosse Schaaren sammelten sich um dasselbe. Aengstlich 
gespannt waren alle Gemüther; denn eine alte Sage verkündete, dass, 
wenn die Bildsäule des Serapis stürze, Himmel und Erde zusammenbrechen 
würden. Selbst auf die Christen übte diese Sage einen lähmenden Ein- 
fluss aus. Lange wollte keiner an das Werk gehen. Da zerhieb ein Soldat 
den ungeheuren Kinnbacken der Bildsäule, — unter allgemeinem Geschrei 
der Christen und der Heiden. Nun war die Furcht gewichen, das Götter- 
bild wurde niedergerissen, wobei, nach einem Bericht, eine Menge Mäuse 
aus dem hohlen Kopfe desselben sprangen. Die Bildsäule wurde verbrannt, 
der Tempel geschleift, — alle anderen in und um Alexandrien ebenfalls 
niedergerissen, oder in Kirchen und Klöster umgewandelt. Nun entstand 
aber eine neue Besorgniss: Serapis, um die ihm angethane Schmach zu 
rächen , werde die Ueberschwemmung des Nil, wovon die Fruchtbarkeit des 
Landes und somit die Existenz seiner Bewohner abhing, verhindern ; später 
aber, in demselben Jahre 391 trat eine überaus reichliche Ueberschwemm- 
ung des Nil ein. Damit war die Niederlage des Heidenthums im Morgen- 



Aeussere Schicksale des Christenthums. Theodosius — Honorius, 239 

lande entschieden. Im Jahre 392 wurde das Opfern als crimen majestatis 
bei Strafe verboten. 

Im Abendlande ging die Unterdrückung des Heidenthums nicht so 
rasch vorwärts. Von Kaiser Eugenius, der nach der Ermordung Valen- 
tinian's IL durch den heidnischen Feldherrn Arbogast im Jahre 392 auf 
den Thron erhoben worden, erlangte die heidnische Partei, was ihr Gra- 
tian und Yalentinian verweigert hatten, die Wiederaufrichtung des Altars 
der Victoria im Saale des römischen Senats. Doch diess Zugeständniss 
war das letzte Lächeln des Glückes für das dem Untergange geweihte 
Heidenthum. Als Theodosius auch Beherrscher des Abendlandes geworden 
und im Jahre 394 Eugenius besiegt hatte, forderte er den Senat auf, sich 
für das Christenthum zu erklären. Derselbe scheint unter knechtischen 
Unterwürfigkeitsbezeugungen nachgegeben zu haben. Theodosius suchte 
dadurch dem Opfern ein Ende zu machen, dass er die Bestreitung der 
Kosten aus dem öffentlichen Schatze aufhob; das hinderte den heidnischen 
Dichter Claudianus nicht, den Tod des Kaisers als ein Aufsteigen zu den 
Göttern zu schildern. 

Unter den folgenden Kaisern wurde die Unterdrückung des Heiden- 
thums mehr im Morgenlande als im Abendlande vollendet, aber auch in 
jenem Theile nicht gänzlich durchgesetzt. Im Morgenlande herrschten 
nach Theodosius L Arcadius 395 — 408 und Theodosius IL 408 — 450. 
Weniger von aussen beunruhigt konnten sie die gegen das Heidenthum 
erlassenen Gesetze kräftiger handhaben. Mönchshaufen, mit kaiserlichen 
Vollmachten versehen , Hessen sich bereitwillig zur Zerstörung der Tempel 
gebrauchen. So gewaltsam wurde verfahren, dass man selbst den durch 
den christlichen Pöbel verübten Mord der Philosophin Hypatia, einer we- 
sentlichen Stütze des Heidenthums in Alexandrien, ungeahndet hingehen 
Hess (416) ij. In Athen suchten die daselbst lehrenden neuplatonischen 
Philosophen ihre Rettung in der sorgfältigsten Verhehlung ihrer heidnischen 
Gesinnung. Im Jahre 423 wollte Theodosius IL es dahin gestellt sein 
lassen, ob es noch Heiden gebe. Allerdings gab es deren und der Kaiser 
fand es sogar nöthig, sie gegen die Gewaltthätigkeiten derer, die Christen 
waren oder dafür galten , wie er sich ausdrückt , in Schutz zu nehmen, 
wie denn auch Augustin um dieselbe Zeit gegen tiiejenigen, die unter dem 
Vorwande der Religion Heiden beraubten, predigte; „wenn du als Christ 
den Heiden beraubst, hinderst du ihn, Christ zu werden.^' Anders gestaltet 
waren die Verhältnisse im Abendlande. Unter Honorius bHeben zwar 
die Gesetze gegen die Heiden aufrecht stehen und wurden sogar durch 
neue vermehi't. Bis 426 wurden Gesetze erlassen gegen den Uebertritt 
vom Christenthum zum Heidenthum 2). Diese in Betracht der damaHgen 
Sachlage höchst auffallenden Verordnungen erklären sich so, dass manche, 
die sich zum Schein hatten taufen lassen, im Verborgenen den heidnischen 



1) Sokrates 7, 15, gibt an, ein gewisser Lector Petrus sei an der Spitze gestan- 
den und die Sache habe dem Ansehen des Patriarchen Cyrill sehr geschadet, woraus er- 
hellt, dass man ihm die Schuld von diesem Morde mehr oder weniger beimass. 

2) Qui nomen christianitatis induti sacrificia fecerint. 



240 Zweite Periode des alten Katholicismns. 

Cultus ausübten und wenn man sie entdeckte , Apostaten genannt und als 
solche bestraft wurden. Martinus, Bischof von Tours (375 — 400) zer- 
störte eigenmächtig heidnische Tempel. Doch mussten die Kaiser in Rom 
das Heidenthum dulden, das noch immer daselbst Anhänger hatte. In 
mehreren Theilen des Abendlandes erlaubten sich die Heiden Gewaltthä- 
tigkeiten. Christliche Missionare wurden 397 in Rhaetien getödtet und die 
von ihnen gebaute Kirche zerstört. In Africa wurden sechzig von den 
Christen getödtet , welche in Suffecte eine Statue des Hercules zerstört 
hatten. 

Mit neuer Kraft erhoben die Heiden ihre Stimme, als die Einfälle der ger- 
manischen Völker immer häufiger und gefähi'licher wurden, als Italien mehr- 
malsverheert wurde. Sie sahen darin die gerechte Strafe für die Unterdrückung 
der alten Religion und im Anschluss an eine christliche Sage, dass 365 Jahre 
nach dem ersten Auftreten Christi das Ende der Welt kommen werde, vei- 
kündigten sie den nahen Untergang des Christenthums. Doch diese Angriff'3 
der Heiden verloren alle Wirkung, als die Germanen das Christenthum 
annahmen und die Heiden zu verfolgen anfingen, indess sie die christlichen 
Tempel und diejenigen, die darin Zuflucht suchten, in ihren Schutz nah- 
men. Dennoch, obgleich auch Valentinian III. (423 — 455) wieder die 
Verordnung gegen das Heidenthum erneuerte, erhielt es sich sporadiscl. 
in einigen Gegenden des Abendlandes, in Rom, in Oberitalien, Gallien 
in Africa, Sicilien, Corsica, auf welcher Insel das Heidenthum viele fana- 
tische Anhänger behielt, und eine Christin, Julia, weil sie an einem Opfer nicht 
Theil nehmen wollte^ gekreuzigt wurde (zwischen 440 und 445). Auch wenn 
die Heiden sich bekehrten, behielten sie heidnische Gebräuche bei. 

An eine Wiederbelebung des Heidenthums im Ganzen war freilich in 
keiner Weise zu denken. Während es bei dem ungebildeten Haufen nur 
durch Gewohnheit und Aberglauben sich erhielt, suchten die Gebildeten 
durch Eingehen in die durch das Christenthum verbreiteten Ideen es sich 
zurecht zu legen, indem sie den Glauben an den einen Gott voranstellten 
und die verschiedenen Götter der alten Religion als die Diener und Knechte 
desselben geltend machten. So berichtet Orosius (bist. 6, 1), so spricht 
sich der Grammatiker Maximus gegen Augustin aus. Doch, wenn das Hei- 
denthum hoffnungslos darnieder lag, so war es doch in den Herzen der 
äusserlich christlich gewordenen Völker keineswegs erstorben uud bei den 
massenhaften Bekehrungen war die Besorgniss nur zu sehr gegründet, dass 
es unter christilchem Gewände wieder Eingang in das heilige Gebiet des 
Christenthums erhalten würde. 

Die christlichen Bischöfe erscheinen in diesem der alten Religion 
gemachten Processe nicht in günstigem Lichte. Eine gewisse Ausnahme 
macht Chrysostomus. Er weiss den wunden Fleck in dieser Sache zu 
treffen: ,,keiner wäre ein Heide, sagt er (in der zehnten Homilie über 
1 Tim.), wenn wir rechte Christen wären. Denn diejenigen, die wir be- 
lehren, sehen auf die Tugend der Lehrer, und wenn sie sehen, dass wir 
dieselben Dinge wie sie erstreben, dass wir wollen herrschen und geehrt 
sein, wie werden sie das Christenthum bewundern können ?'' Auf diesen 
Zwiespalt zwischen dem Bekenntniss und dem lieben macht auch Augustin 



Geschichte der Theologie. 241 

aufmerksam (enarratio in Psalm 25): „was willst du mich überreden, dass 
ich ein Christ werde ?^^ lässt er einen Heiden sagen: „Ich bin von einem 
Christen betrogen worden und ich selber habe niemals Jemand betrogen. 
Ein Christ hat mir einen falschen Eid geschworen; ich aber nie.^ In der 
Schrift über den Märtyrer ßabylas sagt Chrysost. : „es ist den Christen 
nicht erlaubt, durch Gewalt und Zwang den Irrthum zu zerstören, sondern 
sie dürfen nur durch Ueberzeugung , durch vernünftige Belehrung, durch 
Liebeserweisung das Heil der Menschen bewirken.^ Doch begünstigte der- 
selbe Chrysostomus die Zerstörung der heidnischen Tempel, und in der 
Lobrede des Proclus auf ihn wurde diess namentlich hervorgehoben i). 
Daher darf man sich über das Benehmen der Kaiser nicht wundern. Wun- 
dern muss man sich vielmehr, dass sie nicht noch gewaltthätiger verfuhren. 



Zweiter Abschnitt. 



Geschichte der Theologie 2). 

Was die inneren Verhältnisse der vom römischen Reiche umschlosse- 
nen katholischen Kirche betrifft, so steht in der vordersten Reihe die 
Theologie; das gehört wesentlich zur Signatur dieser Zeit. In der ersten 
Periode war ein theologisches Leben erwacht, das sich nothwendig weiter 
entwickeln musste, das durch inneren Drang sich steigerte. Der theolo- 
gische Forschungsgeist war mächtig angeregt, die Lösung von Fragen war 
versucht worden, deren Beantwortung noch weit vollständiger und richtiger 
gegeben werden konnte. Dazu kam, dass in Folge der politisch -kirch- 
lichen Veränderungen, wovon im ersten Abschnitt die Rede gewesen, die 
apologetische Literatur gegenüber den Heiden nicht vorwiegend die Thä- 
tigkeit der Kirchenlehrer in Anspruch zu nehmen vermochte. Es entstan- 
den zwar ziemlich viele apologetische Schriften, worunter die Schrift Au- 
gustinus de civitate Dei die erste Stelle einnimmt; aber die Hauptthätigkeit 
war anders wohin gerichtet. Sie wurde um so lebhafter angeregt, als die 
Häresieen der ersten Periode, welche in Gestalt des Ebionitismus und Gno- 
sticismus aufgetreten, überwunden waren. Es erfolgte diess nach einem 
bekannten Gesetze der Geschichte, dass diejenigen, die einen gemeinsamen 
Feind bekämpfen, nachdem sie den Sieg über denselben davon getragen, 
unter sich uneins werden. Die durch den gemeinsamen Kampf verdeckten 
oder neutralisirten inneren Differenzen machen sich nach Bewältigung des 



1) Ebenso von Theodoret H. E. 5, 29. 

2) Was die Entwicklung der Lehre betrifft, siehe die S. 75 angeführten dogmen- 
geschichtlichen Werke. An geeigneten Orten werden wir die monographischen Arbeiten 
angeben. 

Herzog, Kirchengeschichte I. Iß 



242 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

gemeinsamen Feindes geltend. Daraus entstand eine Reihe von Streitig- 
keiten, die Kirche und Staat erschütterten. So ist diese Zeit recht eigent- 
lich die Zeit der theologischen Streitigkeiten. 

Während derselben bildete sich das katholische Dogma aus, gewöhn- 
lich die Mitte haltend zwischen zwei extremen Richtungen. Es wurde 
dabei mit grosser Präcision behandelt und die Resultate wurden massgebend 
für die folgende Zeit. Besondere Umstände bewirkten, dass das Dogma 
mit einer Autorität bekleidet wurde, die es vorher nicht gehabt hatte. Da 
nämlich die Kaiser Christen geworden und sich für das Dogma lebhaft 
interessirten , beriefen sie allgemeine, ökumenische Synoden zur Schliclit- 
ung der Controversfragen , eine Einrichtung, die in der Zeit der Ver- 
folgungen kaum möglich gewesen wäre und die völlig geeignet war, dem 
Dogma eine höhere Sanction zu ertheilen, als sie möglich war durch die 
Entscheidung eines Provincialconcils oder eines noch so angesehenen Kir- 
chenlehrers, wie denn Constantin in seinem Schreiben an die Kirche in 
Alexandrien (bei Sokrates 1, 9) sagte: ;,was den dreihundert Bischöfen in 
Nicäa gefallen hat, ist nichts Anderes als Gottes Meinung.^ Sodann be- 
schirmten die Kaiser die eine Partei und verfolgten die entgegenstehende, 
die freilich in gewissen Fällen die katholisch orthodoxe war. Es fand da- 
bei eine Vermengung des Kirchlichen un^ des Politischen statt, verbunden 
mit Heuchelei und Wechsel der Meinungen nach der Gunst des Hofes. 
Ein anderer Uebelstrjid war die Vermengung der Religion und der Theo- 
logie, der christlichen Glaubenssätze und der theologischen Schulformell. 
An dieser Krankheit leidet die Zeit. Wohl traten gewaltige Denker in die 
Schranken, Denker, die mit bewunderungswürdiger Schärfe das Dogma 
formulirten, aber solche Geister sind am meisten geneigt, in den genannten 
Fehler zu verfallen. 

Sehen wir auf den verarbeiteten dogmatischen Stoff, so zeigt sich, 
dass die drei Grundpfeiler des kirchlichen Lehrgebäudes, Theologie 
Christologie, Anthropologie Gegenstand der Controverse und dei 
Synodalverhandlungen werden. In der Theologie bewegt sich der Streit 
um verschiedene Fassungen der Dreieinigkeitslehre, wobei aber die 
Frage um die zweite Person der Dreieinigkeit der Natur der Sache gemäss 
das Hauptinteresse in Anspruch nimmt; hier kommt in Betracht die aria- 
nische Streitigkeit mit ihren Verzweigungen. Was die Christologie 
betrifft, so werden die verschiedenen Bestimmungen über das Verhältniss 
des Göttlichen und Menschlichen in Christo behandelt in den apollina- 
ristischen, nestorianischen, eutychiani sehen Streitigkeiten. 
In der Anthropologie und Heilsordnung kommt in Betracht der 
pelagianische und der semipelagianische Streit, in der Lehre von 
der Kirche und den Sacramenten die Controverse mit den Dona- 
ti st en. Daran reihen sich noch andere Streitigkeiten von minderer 
Bedeutung, worunter die wichtigste die über Origenes ist. Mitten in die- 
sen Bewegungen und als Resultat derselben macht sich das Dogma von 
der Autorität der katholischen Kirche und der Tradition mehr und' mehr 
geltend. In allem diesem tritt ein relativer Gege^satz der griechisch- 
morgenländischen und der lateinisch - abendländischen Kirche mehr und 



Schriftsteller der griechisch -morgenländischen Kirche. 243 

mehr hervor. Indess jene mit Vorliebe die objectiven theologischen Dog- 
men bearbeitet, wirft sich der mehr subjectiv und praktisch gestimmte 
abendländische Geist mehr auf die Anthropologie, Heilsökonomie, auf die 
Lehre von der Kirche und von den Sacramenten. Die beiden Theile der 
Kirche sind aber durchaus noch nicht getrennt; es findet ein wechselseitiger 
Lebensverkehr zwischen beiden statt; die etwelchen Unterbrechungen 
desselben sind nicht grösser, als der Zwiespalt der im Inneren der morgen- 
ländischen Kirche sich kund gibt. 

üebersicht der Kirchenlehrer dieser Periode und ihrer 
Leistungen im Allgemeinen. 

I. Lehrer und Schriftsteller der griechisch-morgen- 
ländischen Kirche. 

Da begegnen wir zwei Hauptclassen derselben. Erstens solche, die 
wir zur alexandrinischen Schule rechnen, d. h. die mehr oder weniger an 
Origenes sich anschliessen, seine Auslegungsart der heiligen Schrift an- 
nehmen, auch zum Theil seine heterodoxen Meinungen, überhaupt seine 
speculativ- mystische und dogmatische Richtung. Die Reihe dieser Theo- 
logen eröffnet der uns schon als Kirchengeschichtschreiber bekannte Eu- 
seb, Bischof von Cäsarea in Palästina, geboren 261 f 340. Ausser den 
historischen Schriften, der Kircheugeschichte, dem Leben Constantin's, dem 
Chronikon sind für uns wichtig die evayyeXixri anoöei^ig in zwanzig Bü- 
chern (demonstratio evangelica) und die TiQOTiaQaffxevt} evayyeXtxrj (prae- 
paratio evangelica)^ in fünfzehn Büghern, beides apologetische Schriften; 
dazu kommen polemische Schriften, gegen Marcellus von Ancyra zwei 
Bücher, über die kirchliche Theologie drei Bücher, eine Schrift gegen Hie- 
rocles, endlich Commentare über das Hohelied, die Psalmen, Jesaias. S. 
den Artikel von Semisch über ihn in der Realencyklopädie. 

Als Theologe über Euseb und die folgenden Lehrer hoch hervorra- 
gend ist Athanasius *), pater orthodoxiae, geboren c. 296 in Alexandrien, 
seit 319 Diakon, seit 328 Bischof daselbst, oftmals vertrieben und abge- 
setzt t 373. Zwei Schriften von ihm sind noch vor Ausbruch des arianischen 
Streites verfasst: Xoyog xata tcov ""EXlrjucov und ttsqi trjg epavdgcaTifjcreoog 
tov Xoyov; — die Hauptschrift gegen die Arianer sind die vier Reden 
gegen sie, die aber oftenbar nicht gehalten worden sind; dazu kommen noch 
einige andere Schritten gegen die Arianer; in darauf folgenden Schriften 
bekämpfte er die Macedonianer und Apollinaristen. Ausserdem hat er auch 
exegetische, homiletische, moralisch- asketische, biographische und litur- 
gische Abhandlungen und Briefe hinterlassen. Er war keineswegs starrer 
Anhänger der dogmatischen Tradition. Er beseitigte zwar die anstössigen 
Sätze, die Origenes der platonischen Philosophie entlehnt hatte, aber er 
gab die geistvolle Speculation des Origenes nicht auf, ja, seine folgereich- 
sten Gedanken , bemerkt mit Recht Nitzsch, sind nichts Anderes, als weiter 
ausgebildete und anders gewendete Momente der Logoslehre des Origenes. 

1) Moehler, Athanasius der Grosse und seine Zeit. 1827. 

16* 



244 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

An Athanasius schliessen sich die drei grossen Kirchenlehrer aus 
Kappadocien an. 

Ba Sil ins, zubenannt der Grosse, Bischof von Cäsarea in Kappa- 
docien, geboren c. 330, f 379. Er schrieb gegen Eunomius fünf Bücher, 
sodann über den heiligen Geist , und Homilieen über das k^arnisqov , aske- 
tische Schriften; als dogmatischer Theologe war er nicht bedeutend, er 
ragte hervor als salbungsvoller Prediger, seine Richtung war mehr prak- 
tisch und asketisch als wissenschaftlich. S. Klose, Basilius der Grosse 1835. 

Sein Bruder, Gregor, Bischof von Nyssa, geboren c. 333, f ^^ch 
394, nach Athanasius der durchgebildetste Theologe der griechischen Kirche, 
am meisten an Origenes sich anschliessend ; sein Tiefsinn bewahrte ihn aber 
nicht vor gewagten Behauptungen. Er schrieb gegen Apollinarius , gegen 
Eunomius, über das s^arj^egov. Im Xoyog xartixtiTixot; fisyag behandelt er 
die Lehre von der Trinität, von der Weltschöpfung, von der Person und 
dem Werke Christi, von den Sacramenten und vom Glauben. Im Vorworte 
zu dieser Schrift vertheidigte er des Origenes allegorische Methode der Aus- 
legung. Dazu kommen noch einige Abhandlungen über specielle dogma- 
tische Punkte ^). 

Gregor von Nazianz, geboren c. 3.30, 361 Presbyter in Nazianz, 
darauf Bischof in Sosima , seit 372 Coadjutor seines Vaters , des Bischofs 
von Nazianz, in Constantinopel Vorsteher der nicänischen Gemeinde; 381 
Bischof von Constantinopel, kehrte er bald darauf nach Nazianz zurück und 
starb daselbst 389 oder 390; er war mit Basilius durch das Band der 
engsten Freundschaft verbunden. Obschon mit dem Ehrennamen ;,der 
Theologe" geschmückt, ragt er doch als Theologe weniger hervor; von 
seinen fünfundvierzig Reden sind die fünf theologischen Reden, gewidmet 
der Vertheidigung des nicänischen Bekenntnisses die bedeutendsten. Von 
ihm sind auch Briefe und Gedichte, wichtig als Quelle für die Kenntniss 
des kirchlichen Zustandes , vorhanden 2). 

Didymus, Vorsteher der alexandrinischen Katechetenschule, f 395, 
hat einige verloren gegangene Schriften verfasst. Erhalten sind die 
Schriften über den heiligen Geist in lateinischer Uebersetzung , die Schrift 
gegen die Manichäer, über die Dreieinigkeit, eine kurze Erklärung der 
kanonischen Briefe. Er lehrte die Präexistenz der Seelen und die Möglich- 
keit der Bekehrung des Teufels. 

Cyrill, Bischof von Alexandrien, f 344, war in der Schriftauslegung 
Origenist, weniger in dogmatischer Beziehung. Von ihm sind vorhanden 
Commentare zur heiligen Schrift ohne Werth, mehrere Schriften gegen 
Nestorius, die Schrift gegen Julian in zehn Büchern, Homilieen und Briefe. 
Ebenfalls durch Origenistische Anregung war, wie bevorwortet, die 
sogenannte antiochenische oder syrische, historisch-exegetische 
Schule entstanden (S. 123), die beides war. Schule als Richtung und Schule 
im strengen Sinne des Wortes, da mehrere Vertreter derselben eigentliche 
Schulen hielten. Sie pflegte den von Origenes gemachten Anbau der 

1) S. Kupp, Gregor's, des Bischofs von Nyssa, Leben und Meinungen 1834. — 
Mo eil er, Gr. N. doctrinam de hominis natura etc. illustravit 1854. 

2) S. über ihn die Schrift von Ulimann. 



Schriftsteller der griechisch - morgenländischen Kirche. 245 

biblischen Exegese und Kritik, indem sie zugleich, um Juden und Heiden 
keine Waffen in die Hand zu geben, die allegorische Er kl ärung in bestimmte 
Gränzen einschloss und überall auf den historischen Wortsinn drang. 
Sowie sie in der Schiift das Menschliche festhielt, so auch in der Christo- 
logie; daher bildet diese Schule die eigentliche Vorstufe zu den christolo- 
gischen Streitigkeiten. 

Nachdem, wie wir gesehen, die Presbyter Lucian und Dorotheus 
den Grund zur Ausbildung der Schule gelegt, sehen wir sie fortan durch 
eine Reihe von Männern, worunter einige sehr ausgezeichnete, vertreten. 

Theodorus, Bischof von Heraklea im Pontus, f 358, hinter- 
liess Commentare zu Matthäus, Johannes, Apostelgeschichte, Psalmen, wo- 
von nur Fragmente vorhanden. 

Euseb, Bischof von Nikodemien, Haupt der Eusebianer, f 341, 
Schüler des Lucian, als Schriftsteller unbedeutend. 

Cyrill, Bischof von Jerusalem, f 386, zuerst Eusebianer, dar- 
auf Semiarianer, endlich Nicäner, ist besonders bekannt und berühmt 
durch seine Katechesen, worunter die fünf letzten die mystagogischen ge- 
nannt werden. 

Euseb, Bischof von Emesa in Phönizien, f 368, hat Schriften 
hinterlassen, die verloren gegangen. Die ihm in der Neuzeit zugeschriebe- 
nen Reden sind nicht von ihm, sondern von einem anderen Euseb aus 
Alexandrien. 

Apollinarius oder ApoUinaris, Bischof von Laodicea^ 
370 — 390, ein scharfer und klarer Denker, von umfassender Bildung, ver- 
theidigte in Schriften das Christenthum gegen Porphyr, das nicänische 
Bekenntniss gegen Marcellus von Ancyra und Eunomins und schrieb Er- 
klärungen zu einigen Büchern der heiligen Schrift. Er ist Urheber der 
christologischen Streitigkeit, die seinen Namen trägt; die zu Grunde lie- 
gende Anschauung von Christi Person passt nicht zur antiochenischen 
Richtung. 

Ephraem der Syrer, Diakon in Edessa, f 378, ist der vorzüg- 
lichste Lehrer der Syrer im vierten Jahrhundert, propheta Syrorum ge- 
nannt. Unter seinen sehr zahlreichen Schriften sind die wichtigsten die 
Commentare zum Alten Testament. S. den Artikel von Roediger in der 
Realencyklopädie. 

Diodorus, Presbyter in Antiochien, seit 378 Bischof von Tarsus, 
f c. 394, hat viele Schriften verfasst, die leider alle bis auf Fragmente 
nicht erhalten sind. Es waren polemische Schriften gegen die Manichäer, 
Photin, Apollinarius; dogmatische über die Dreieinigkeit, neqi oixovonia^^ 
über die Auferstehung der Todten. Am meisten zu bedauern ist der Ver- 
lust der biblischen Commentare. Er war ein eiülger Gegner der allego- 
rischen Erklärung. Er schrieb eine eigene Schrift ti(; diatfioqa ^€a>Qiag 
xai aXXfiroQtag-, — beide sind der historisch- grammatischen Auslegung ent- 
gegengesetzt, beide bezeichnen die Beziehung des Textes auf etwas Höhe- 
res, als der Buchstabe anzeigt; beide sind verschieden von einander, sofern 
^€coQta einen begründeten geistigen Sinn, akkriyogta einen unbegründeten, 
willküxlich in den Text hineingetragenen, bedeutet (S. Kihn a. a. 0, S. 129), 



246 Zweite i*eriode des alten Katholicismu«» 

Im apollinaristischen Streite stellte er eine Meinung auf, welche die Grund- 
lage des Nestorianismus wurde. Seit diesem Streite galt er als häretisch. 
Als eifriger Nicäner hat er von den Arianern zu leiden gehabt. Er leitete 
in Antiochien eine Schule, in welcher Chrysostomus und Theodor von 
Mopsuestia ihre theologische Bildung empfingen. Er führte ein streng 
asketisches Leben, welches seinen Einfluss auf die Schüler verstärkte. 

Johannes, seit 630 zubenannt Chrysostomus i) wegen seiner glän- 
zenden Beredtsamkeit 2), geboren 347 in Antiochien, verdankte seiner 
Mutter Anthusa die ersten lebendigen Eindrücke der Frömmigkeit; den 
wissenschaftlichen Unterricht erhielt er in der Schule des heidnischen 
Khetors Libanius. Bereits hatte er sich der Laufbahn des Forum gewid- 
met, als er in Folge des Einflusses , den der alte Bischof Meletius auf ihn 
ausübte, dieser Laufbahn entsagte und seine reichen Gaben in den Dienst 
der Kirche stellte. Nachdem er drei Jahre lang den Unterricht dieses 
Bischofs in den christlichen Heilswahrheiten genossen, wurde er von ihm 
getauft, und bald darauf Lector, welches Amt als Vorstufe zu höheren 
Würden galt. Schon sehr frühe wollte man ihn zum Bischof machen; er 
wusste aber die Wahl von sich abzulenken und seinem Freunde Basilius 
zuzuwenden, welcher Vorgang später die Veranlassung ward zu seiner 
Schrift 718QI leQoavvrjg. Wahrscheinlich seit dem Tode der Mutter ver- 
brachte er mit gleichgesinnten Freunden sechs Jahre in mönchischer Ein- 
samkeit auf dem antiochenischen Gebirge zu, unter der Leitung des vorhin 
genannten Diodorus, der damals Abt einer Mönchsgesellschaft war. Wegen 
geschwächter Gesundheit nach Antiochien zurückgekehrt, wurde er von 
Bischof Meletius zum Diakon geweiht (381), 386 zum Presbyter durch den 
neuen Bischof Flavian; er unterstützte ihn in der Predigt sowohl als in 
der Seelsorge, und erwarb sich die Achtung der antiochenischen Gemeinde, 
der er doch in seinen gewaltigen Predigten die herrschenden Sünden mit 
unerbittlichem Ernste vorhielt. Im Jahre 397 wurde er durch die Ver- 
wendung des am Hofe viel vermögenden Eunuchen Eutropius nach Con- 
stantinopel versetzt als Bischof^ durchaus ohne sein Zuthun; im Jahre 398 
erhielt er die Weihe als Bischof. Mit dem erweiterten Wirkungskreise 
mehrte sich die Zahl seiner Missgönner und Feinde. Er gerieth auch mit 
seinem Gönner Eutropius in Zerwürfniss, da dieser der Kirche das Asyl- 
recht, zu entziehen suchte. Als der mächtige Günstling des Hofes bald in 
Ungnade fiel und nun selbst zu dem von ihm bestrittenen Asybecht der 
Kirche seine Zuflucht nehmen musste, erhielt er eine treff'liche Gelegen- 
heit, nicht nur seinen Gegner zu demüthigen, sondern auch glühende Koh- 
len auf dessen Haupt zu sammeln, indem er sich als Fürbitter für ihn bei 
dem Kaiser einstellte '^). Die folgende Entwicklung seines Lebens ver- 
schlingt sich in die Geschichte der origenistischen Streitigkeiten. 

1) Durch Joh, Moschus; seit dem Concil von 680 wird die Benennung allgemein 
gebräuchlich. 

2) Er war der grösste Redner seiner Zeit. Libanius antwortete sterbend den Freunden 
auf ihre Anfrage, wer an seine Stelle treten werde: Johannes, wenn die Christen ihn nicht 
geraubt hätten. Sozom. 8, 2. 

3) Bei dieser Gelegenheit hielt er eine seiner glänzendsten Reden. 



Schriftsteller der griechisch -morgenländischen Kirche. 247 

♦ Die Bedeutung des Chrysostomus für die Kirche ist eine mannigfache. 
Vor allem ist es sein geistlicher Charakter, der von der sittlichen Macht 
des Christenthums in seinen Bekennern ein rühmliches Zeugniss ablegt. In 
dieser Beziehung reiht er sich ebenbürtig an die Heroen des christlichen 
Glaubens, Origenes, Cyprian, Athanasius, Ambrosius, Augustin an. In 
dogmatischer Beziehung ist er rechtgläubig und insbesondere entschie- 
dener Bekenner des nicänischen Glaubens; in der Christologie steht er 
aber eben so entschieden auf dem Standpunkte der antiochenischen Dog- 
matik, eben so in seiner Schrifterklärung; er durchschaut alle Mängel und 
Willkürlichkeiten der allegorischen Auslegung und stellt die richtigen 
Grundsätze der historisch-grammatischen Auslegung auf, und befolgt sie in 
seinen Homilieen; diese zeichnen sich aus durch musterhafte Schriftaus- 
legung, wenn gleich sie im Verständniss des paulinischen Lehrbegriffes zu 
wünschen übrig lassen. Die Homilieen sind aber zugleich geistliche Reden 
und Ansprachen, und bilden zusammen mit den übrigen geistlichen Reden 
über specielle Themata einen reichen Schatz von Anweisungen, Lehren, 
Ermahnungen, bezüglich auf alle Schäden und Verirrungen, wie sie sich 
in Antiochien und Constantinopel kund gaben. Selten sind die Wahrheiten 
des Christenthums in ihrer praktischen Anwendung und Verwerthung mit 
solcher Kraft und die Sünden des geselligen und des einzelnen Lebens mit 
solcher Schärfe und Rücksichtslosigkeit gerügt und dargestellt worden. — 
Die Reden des Chrysostomus sind 1) am Schriftfaden fortlaufende Homilieen, 
die sich auf alle Bücher des Neuen Testamentes und viele des Alten Te- 
stamentes erstrecken; 2) Reden über einzelne Abschnitte der heiligen 
Geschichte ; 3) Reden über einzelne Punkte des christlichen Lebens ; 4) Ge- 
legenheitspredigten; 5) Festpredigten und Reden zum Gedächtniss der 
Apostel und Märtyrer. Dazu kommt die Schrift über das Priesterthum. 

S. über ihn Neander, der heilige Joh. Chrysostomus, 1. Ausgabe 1821, 2, Ausgabe 
1848. — Foerster, Chrysostomus in seinem Verhältnisse zur antiochenischen 
Schule 1869. lieber seine exegetischen Grundsätze und Methode siehe auch Kihn 
a. a. 0. 

Theodorus, Presbyter in Antiochien, seit 393 Bischof von Mopsuestia 
in Cilicien, f 429, ist bekannt als vorzüglicher Exeget und als Vertreter der 
antiochenischen Christologie. Seine zahlreichen Commentare zur heiligen 
Schrift sind verloren gegangen bis auf den über die kleinen Propheten 
und den über den Brief an die Römer, die erst neuerdings herausgegeben 
wurden. Er griff die Origenisten wegen ihrer Schrifterklärung an in der 
Schrift de allegor ia et historia, wodurch er sich die Abneigung der- 
selben zuzog. Er muss noch eine andere weitläufigere Schrift gegen sie 
verfasst haben. Wenn die meisten Antiochener in Bekämpfung der alle- 
gorischen Methode das rechte Mass hielten, so ging Theodor darüber 
hinaus, indem er die neutestamentlichen Citate des Alten Testamentes 
nur als Accommodation betrachtete. In Hinsicht einiger Stellen hat er 
Recht; aber offenbar geht er zu weit, wenn er die Stelle Sacharia 9, 9 
auf Zerubabel deutet. Anstoss erregte auch seine Verwerfung der Bücher 
der Chronik und Esra, seine Ansicht über das Hohelied, das er nur als 
salomonisches Liebeslied, nicht als heilige Schrift gelten lassen wollte. 



248 Zweite Periode des alten KathoÜcismus. 

Theodor lehrte in Antiochien, wo er Theodoret und wahrscheinlich auch 
Nestorius zu Schülern hatte. Vor dem Ausbruch der nestorianischen Strei- 
tigkeit stand er in sehr gutem Vernehmen mitCyrill von Alexandrien, dem 
er seinen Commentar zu Hiob überschickte. Im pelagianischen Streite 
nahm er Partei gegen die augustinische Lehre von der Erbsünde, üeber 
die Ueberreste seiner Werke, worunter de incarnatione, S. den Artikel 
in der Realencyklopädie. 

Theodoret, f 457, zuerst Diakon und darauf Presbyter in Antio- 
chien, nachdem er zuvor im Kloster des heiligen Euprepius bei Antiochien 
theologischen Unterricht erhalten und sich mit den Sclunl'ten des Diodor 
von Tarsus und des Theodor von Mopsuestia genährt hatte, wodurch seine 
theologische Eichtung für immer bestimmt wurde, erhielt das ßisthum 
von Cyrus, der Hauptstadt der syrischen Provinz Cyrrhestica, und erwarb 
sich grosse Verdienste um dasselbe in geistlicher wie in weltlicher Be- 
ziehung. Der christologische Streit, in den er hineingezogen wurde, ver- 
bitterte ihm aber seiÄ Leben. Seine Werke sind zahlreich und von mannigfal- 
tigem Inhalte. Die exegetischen sind die zahlreichsten und wichtigsten; 
er hat sich dadurch das grösste Verdienst erworben und nachhaltige An- 
regung gegeben. Er ist frei von der Sucht nach AUegorieen, er hat Sinn 
für ungekünstelte, au den einfachen Wortsinn sich haltende Auslegung. 
Seine exegetischen Arbeiten erstrecken sich auf die meisten Schriften des 
Alten und Neuen Testamentes. Unter den historischen Schriften ist die 
Kirchengeschichte, von 325 bis 429 reichend, die bedeutendste und dient 
wesentlich zur Ergänzung von Sokrates und Sozomenus. In seinen dogma- 
tisch-polemischen Schriften bekundet er seine Orthodoxie im Sinne der 
Concile von Nicäa 325 und von Constantinopel 381, aber auch seine an- 
tiochenische Hichtung in der Christologie. Seine Briefsammlung ist eiue 
für die Geschichte seines Lebens sowie für die Geschichte seiner Zeit über- 
haupt reichlich Üiessende Quelle. 

So viel über die beiden theologischen Schulen und die aus denselben 
hervorgegangenen oder an sie sich anschliessenden Männer. Es gab aber 
noch andere Schulen zu Edessa, zu Nisibis, und andere. Ausserdem ent- 
standen Schulen in den Klöstern und wirkten so wesentlich mit zur Aus- 
breitung des Mönchthums. 

Von Kirchenlehrern, die sich in keine der genannten Schulen oder 
Richtungen einfügen lassen, sind noch folgende zu erwähnen: 

Epiphanius, in früher Jugend durch Mönche in Palästina, seinem 
Vaterlande, später in Aegypten einseitig gebildet und unterrichtet, eine 
geraume Zeit Vorsteher eines Klosters in Palästina , seit 367 Bischof von 
Constantia auf der Insel Cypern, f 404, starrer Orthodoxe, ist der Nach- 
welt hauptsächlich bekannt durch seine Schrift über die Häresieen, Tirava- 
Qioy (seu adv. haereses), worin mit unermüdlichem Eifer alle häretischen 
Erscheinungen von Anläng der Welt bis auf die Messalianer zusammen- 
gestellt sind, eine reiche Quelle von grosser Wichtigkeit, aber bei der gei- 
stigen Beschränktheit, der orthodoxen Verketzerungssucht des Mannes mit 
vieler Vorsicht zu gebrauchen; er machte selbst einen gedrängten Auszug 
daraus. Siehe die Schiift von Lipsius, zur Quellenki'itik des Epiphanius 1865. 



Öciiriftsteller der griechisch- morgenländischen Kirclie. 240 

Nemesius, Bischof von Emesa in Phönicien, in den ersten Jahr- 
zehnten des fünften Jahrhunderts, ist ganz anderer Art, ein christlicher 
Philosoph, als solcher sich kundgebend in der einen Schrift, die wir von 
ihm haben, ncQt (pvcrscog av&qcaiiov , worin er die Präexistenz der Seelen 
lehrt. Eine Uebersicht des Inhaltes der Schrift gibt Ritter in der Ge- 
schichte der christlichen Philosophie im 2. Bande. 

Wenn Nemesius bei seiner philosophischen Richtung den christlichen 
Glaubenssätzen noch entscheidende Autorität beilegt, so ist das weniger 
der Fall bei dem neuplatonischen Philosophen Synesius, geboren c. 375 in 
Cyrene. Noch als Heide studirte er in Alexandrien und wurde begeisterter 
Anhänger der Philosophin Hypatia. In seine Vaterstadt zurückgekehrt, 
erhielt er durch das Vertrauen seiner Mitbürger Anlass, in die öffentlichen 
Angelegenheiten einzugreifen, als Mitglied einer Gesandtschaft der Penta- 
polis an Kaiser Arcadius, um der verarmten Landschaft Nachlass der 
drückenden Steuern und sonstige Hülfe (gegen die verheerenden Einfälle 
feindlicher Stämme) zu verschaffen. Er verbrachte damals im letzten Jahr- 
zehent des vierten Jahrhunderts drei Jahre in Constantinopel unter allerlei 
Mühseligkeiten. Die kühne Rede, die er nach Verfiuss der drei Jahre an 
den Kaiser hielt und worin er ihm das platonische Ideal eines Herrschers 
vor die Augen stellte {neqi ßcccrdeiag, von Grabinger, griechisch und deutsch 
1825), hatte weiter keine Wirkung. Ohne etwas ausgerichtet zu haben, 
kehrte er nach Cyrene zurück. Er lebte fortan als Privatmann in gelehr- 
ter Müsse , theils in Cyrene , theils auf seinem Landgute, verheirathet seit 
404 und mit Kindern gesegnet, der philosophisclien Contemplation neu- 
platonischer Art hingegeben, aber dabei sich vereinsamt fühlend. In diese 
Zeit fallen die meisten seiner zehn Hymnen, welche in der Form an den 
Hymnus des Clemens von Alexandrien auf Christum erinnern. Sie bewegen 
sich in einem an den Neuplatonismus erinnernden Ideenkreise, zeigen aber, 
wenigstens einige , mehr als blosse Annäherung an das Christenthum ; denn 
in ihnen wird Christus als Erlöser gei)riesen, der die Pforten des Tartarus 
aufschloss und die Seelen befreiend durch die Sternenkreise in den höch- 
sten Himmel zurückkehrte. Sehr sichtbar ist der Einfluss der immanenten 
Trinitätslehre ; Christus wird genannt die Welt schaffende Weisheit ao^ta 
xocruotex^^riug ^ wobei fi'eilich unentschieden bleibt, ob er Christum blos 
als solchen auttasst, der aus einer vorhandenen Materie die Welt bildet 
(Hymnus 2, 30). Christus wird sogar Gott aus Gott genannt (Hymnus 3, 111), 
wobei wieder unentschieden bleibt, welche von diesen Hymnen vor der 
Annahme des Episkopats gedichtet worden. Diesen Mann nämlich begehrte 
das Volk in Ptolemais, der kirchlichen und politischen Metropole der Pen- 
tapolis , zum Bischof 410. Diese Wahl erregte in ihm grosse , schwer zu 
tiberwindende, seine Bescheidenheit und Wahrhaftigkeit ehrende Bedenken, 
worüber er sich aussprach in einem an seinen Bruder gerichteten, aber 
eigentlich für den Patriarchen Theophilus von Alexandrien, zu dessen Sprengel 
die Pentapolis gehörte, bestimmten Briefe (ep. 105). Er erklärt unter an- 
deren seine Frau nicht entlassen, eben so wenig seine philosophischen 
Anschauungen aufgeben zu wollen ; es scheint aber, dass er, was das letzte 
betrifft, damals blos Austoss nahm an der Lehre von der Auferstehung j 



250 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

wahrscheinlich ist er darüber von Theophilus, der ihn als kirchlich-brauch- 
baren Mann erkannt haben mag, beruhigt worden. Nun kommen einige An- 
gaben über die Zeit seines Uebertrittes zum Christenthum , die nicht wohl 
mit einander zu vereinbaren sind. Er ist bereits Christ zur Zeit, da er als 
Gesandter der Pentapolis in Constantinopel verweilte (Hymnus 3, 430). Er 
hat aus der Hand des Theophilus seine Frau erhalten (ep. 105), ist also 
zur Zeit seiner Verheirathung jedenfalls Christ gewesen. Auf der anderen 
Seite nennt er sich zur Zeit seiner Wahl zum Bischof anotqocpog exxlrj- 
(Tiag, fern von der Kirche erzogen. Evagrius h. e. 1, 15 meldet, er habe 
von Theophilus die Taufe und zugleich die Bischofsweihe empfangen i). 
Die Schwierigkeit löst sich vielleicht durch die Annahme, dass er längst 
Christ war und sich zur Kirche hielt, ehe er die Taufe erhielt, was ja 
damals immer noch vorkam. Dem sei, wie ihm wolle, er erfüllte mit 
Sorgfalt und Eifer seine bischöflichen Pflichten, bekämpfte die Eunomia- 
ner und widersetzte sich den Gewaltthätigkeiten des Präfecten Andronicus, 
fühlte sich aber in seinem Amte unglücklich, den Pflichten desselben nicht 
gewachsen, überdiess betrübten ihn neben dem Verluste seiner Kinder die 
Leiden seiner Diöcesanen in Folge der Einfälle feindlicher Stämme. Er 
starb etwa 414, ein Jahr vor dem schrecklichen Ende seiner Lehrerin 
Hypatia 2). 

Isidor von Pelusium, aus Alexandrien gebürtig, Presbyter und 
Vorsteher eines Mönchvereines bei Pelusium, f c. 440, bildet eine Art 
Vermittlung zwischen der alexaudrinischen und der antiochenischen Schule. 
Er bekämpft des Origenes Lehre vom Falle der Seelen, er will, dass man 
in der Schrift die historischen Beziehungen stehen lasse, wo man die mystische 
Deutung nicht vollziehen kann, ohne der betreffenden Stelle Gewalt anzu- 
thun. Doch finden sich bei ihm manche willkürliche Allegorieen. Er hat 
grosse Verehrung für Chrysostomus , verwirft die antiochenische Christo- 
logie und stimmt Cyrill von Alexandrien bei in dessen Bekämpfung des 
Nestorius. In theologischer Beziehung ist er am bedeutendsten als Exeget. 
Von seinen Briefen, deren 2000 gezählt werden, beziehen sich sehr viele 
auf exegetische Fragen. Er ist einer der edelsten Vertreter des Mönch- 
thums, zugleich ein freimüthiger , geistlicher Rathgeber und Seelsorger. 
Seine Werke bestehen in seinen zahlreichen Briefen und sind 1685 zu 
Paris vollständig erschienen. 



1) Uftf^ovat (die Christen) rtüro?/ T^c ßiOTrjgtüx^ovg TictXiyyfvhennq n^tco^tjyai x«! 
toi^ Xoyov TTjq hQoüvvrjq vnfkfhfij/. 

2) Die neueste vollständige Ausgabe seiner "Werke bestehend aus Reden, Homilieen, 
Abhandlungen, Hymnen, Briefen ist in Migne's Patrologie. Series graeca, tomus 66, — 
Kra binger hat von Synesius herausgegeben: die Rede an Arcadius, griechisch und 
deutsch 1825, die Schrift über die Vorsehung, griechisch und deutsch 1835, die Abhand- 
lung: das Lob der Glatze, deutsch 1834. Migne hat den von Krabinger revidirten grie- 
chischen Text benützt. Unter den Bearbeitungen vergl. C lausen, de Synesio philosopho 
1831. — Kolbc, der Bischof Synesius als Physiker und Astronom. Thilo commentarius 
in Syn. hymn. 2, l~24; idem comm. in hymn. 2, 22—24. 



§51 



II. Lehrer und Schriftsteller der lateinisch-abendländischen 

Kirche i). 

Es muss davon ausgegangen werden, dass, obschon der abendländische 
Geist in Verarbeitung der Dogmen mehr ein subjectiv praktisches Inter- 
esse verfolgt als ein objectiv theologisches und speculatives, doch dieses 
keineswegs fehlt, wie sich bei Hilarius und Augustus zeigt. Des Origenes 
Autorität und Einfluss erstreckte sich auch in das Abendland. Mehrere 
sehr bedeutende Kirchenlehrer, Hilarius, Ambrosius, Hieronymus benütz- 
ten seine Schriften. Der Presbyter Rufin von Aquileja, f 410, übersetzte 
mehrere derselben in das Lateinische. 

Hilarius von Pictavium, (Foitiers) in Gallien (zu unterscheiden vom 
Diakon der römischen Kirche, gleichen Namens, eben so vom Bischof Hi- 
larius von Arles), im Heidenthum geboren und erzogen, trat erst in seinen 
männlichen Jahren mit Frau und Tochter zum Christenthum über, und 
wurde 350 Bischof seiner Vaterstadt, 356 als eifriger Vertheidiger des 
nicänischen Glaubens nach Phrygien verwiesen, seit 360 wieder in Gallien 
thätig für das nicänische Bekenntniss, f c. 368. Die Hauptschrift ist die 
über die Dreieinigkeit, de trinitate libri XII contra Arianos, auch de fide 
betitelt, in der Verbannung geschrieben, dazu bestimmt, die nicänische 
Lehre ausführlich zu erörtern und speculativ zu begründen, auch in chri- 
stologischer Hinsicht von Bedeutung. Daran reiht sich eine Anzahl von 
Gelegenheitsschriften, bezüglich auf die arianische Streitigkeit, unter an- 
deren drei Schreiben an Kaiser Constantius, wovon das dritte, c. 360 ab- 
gefasste, die heftigsten Invectiven gegen den Kaiser enthält und ihn selbst 
als Antichrist bezeichnet. Dazu kommen die Commentare über die Psalmen 
und Matthäus, beide in den allegorischen und mystischen Deutungen an 
Origenes sich anschliessend. Hilarius hat das Verdienst, im Abendlande 
die exegetischen Studien, wenn gleich in sehr unvollkommener Weise an- 
geregt zu haben. Wie sehr man seine dogmatischen Arbeiten schätzte, 
bezeugt der Ehrentitel: der lateinische Athanasius. Mehrere Schriften von 
ihm sind verloren gegangen, andere ihm untergeschoben worden. Hilarius 
ist auch als Dichter namhaft. Hieronymus (c. 100) kennt von ihm „Über 
hymnorum." Man rühmt ihm nach, dass er in seinen Liedern die Oden- 
und Hymnenform verschmolzen habe. Einige der ihm zugeschriebenen 
dichterischen Producte rühren aber offenbar aus späterer Zeit her. 

Optatus, Bischof von Mileve in Numidien, schrieb nach 380 de 
schismate Donatistarum adv. Parmeniamim 7 Bücher, eine Hauptquelle für 
die Kenntniss der donatistischen Grundsätze und der dadurch veranlassten 
Streitigkeiten. 

Ambrosius, in Gallien, wahrscheinlich in Trier geboren, c. 340, 
nach dem Tode des Vaters, des prae/ectus praetorio Galliarmn^ d. h. Ober- 



1) S. im Allgemeinen: Bahr, die christlich römische Theologie, 1. und 2. Abthei- 
Ittng, als Snpplement zu desselben Geschichte der römischen Literatur 1837. — Ebert, 
Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters. 1. Band. 1874, 



^52 Zweite Periode des alten ICatholicismtiS. 

Statthalter einer der drei grossen Diöcesen des weströmischen Reiches, in 
Rom erzogen und unterrichtet, für den Staatsdienst bestimmt, darauf Prätor 
der Provinzen Ligurien und Aemilien, ermahnte bei einer Bischofswahl in 
Mailand, nach dem Tode des Auxentius 374, da beide Parteien, Katholiken 
und Arianer, nicht einig werden konnten, die Versammlung zur Ruhe und 
Eintracht, worauf die Stimme eines Kindes erscholl : Amhrosius episcopus. — .. 
Diess entschied bei der allgemeinen Achtung, worin Ambrosius stand. 
Ungeachtet seines aufrichtigen Widerstrebens, so dass er sogar die Flucht 
ergriff, musste er, der damals erst Katechumene war, die Würde und die 
Bürde annehmen. Er empfing nun sogleich die Taufe und suchte sofort 
durch eisernen Fleiss sich die ihm mangelnden Kenntnisse zu erwerben. 
Ambrosius wurde das Muster eines Bischofs, freimüthig gegen Hohe wie 
gegen Niedere, selbst gegen den Kaiser Theodosius, unerbittlich gegen 
ihn in Handhabung der Kirchenzucht (wovon später die Rede sein wird). 
An seinen Namen knüpft sich die Wiederherstellung der katholischen Kirche 
und die Vernichtung des Arianismus in Italien, die verbesserte Einrichtung 
des Cultus, die Beförderung des Mönch thums im Abendlande, — die Be- 
kehrung Augustins. — Hieronymus nennt ihn ecclesiarum columna quae^ 
dam et turris inexpugnahilis. Ambrosius hat ungeachtet seiner vielen Amts- 
geschäfte Vieles geschrieben. Wir haben von ihm 1) exegetische Ar- 
beiten, worin er gar sehr des Origenes Methode befolgt; hervorzuheben 
sind die über das Hexaemeron, die Psalmen, das Evangelium Lucae; 
2) dogmatische, de fide fünf Bücher, Erörterung der Lehre von der 
Gottheit Christi gegen Arius, SabeUius und Andere, de spiritu sancto 
gegen Arius und die Macedonianer, beide dogmatische Schriften auf Bitten 
des Kaisers und zu dessen eigener Belehrung verfasst; die zweite ist aus 
Didymus und Basilius gezogen; 3) eine gute praktische Anweisung für die 
Geistlichen gibt er in der bald zu hohem Ansehen gelangten Schrift de 
officiis ministroru7n; 4) Ambrosius ist mit Hilarius einer der Begrün- 
der des abendländischen Kirchenliedes, der Vater der lateinischen Hymnologie. 
Acht bis zehn der uns unter seinem Namen erhaltenen Hymnen können 
ihm mit Sicherheit zugeschrieben werden; ob Te Deum laudamus von ihm 
herrühre, ist nicht über jeden Zweifel erhaben. 

Hieronymus, Sophronius, Eusebius^), der gelehrteste Kirchen- 
lehrer der lateinischen Kirche, besonders ausgezeichnet durch seine auf 
üebersetzung und Erklärung der heiligen Schrift bezüglichen mannigfachen 
Arbeiten, geboren, nach den zuverlässigsten Angaben und Combinationen, 
nicht, wie oft angenommen worden, 331, sondern vielmehr 340 — 342 zu 
Stridon in Dalmatien, wurde als ein Jüngling von zwanzig Jahren nach 
Rom geschickt, um daselbst die im elterlichen Hause begonnenen clas- 
sischen Studien fortzusetzen; er genoss in der Grammatik den Unterricht 
des Donatus, dessen Schriften die Grundlage des sprachlichen Unterrichts 
im Mittelalter wurden. In seiner Schule hörte er die classischen Dicht- 



1) y. Zoeckler, Hieronymus. Sein Leben und Wirken aus seinen Schriften dar« 
gestellt. 1865, 



Schriftsteller der lateinisch - abendländischeö Kirche. 253 

ungen Rom's, besonders Terenz und Virgil; hier legte er den Grund zu 
seiner Begeisterung für diese Koryphäen der classischen Literatur; hier 
muss er auch die griechische Sprache erlernt haben; denn er las schon 
damals Plato und andere griechische Schriftsteller. Auf sein sittliches 
Leben übte der Aufenthalt in Rom einen ungünstigen Einfluss aus. Er 
empfing zwar die Taufe aus den Händen des Bischofs Liberius, besuchte 
die Gesellschaft orthodoxer Christen, blieb frei von jedem Flecken der 
Häresie, aber nicht von sittlichen Vergehungen; er suchte nun eine Art 
Sühne dafür in dem Besuclie der Katakomben, wo, wie er sagt, horror 
uhique animos , simiil ipsa silentia terrent (Aeneis 2, 755). Doch daneben 
regte sich in ihm der Humanist. Er verschaffte sich eine ebenso umfang- 
reiche als ausgewählte Bibliothek, die ihm seitdem auf jeder grösseren 
Reise begleitet zu haben scheint. Sie enthielt besonders lateinische Clas- 
siker, sowie einzelne griechische. Er machte nun mehrere Reisen, zunächst 
nach Gallien, besuchte mehrere Städte am Rhein, namentlich Trier, wo 
Athanasius eine Zeit lang als verbannt gelebt hatte. In Folge einer reli- 
giösen Erweckung regte sich daselbst in ihm eine gewisse Neigung, Christo 
seine Dienste zuzuwenden, und machte er seine erste theologische Arbeit, 
über Obadia, die er selbst später als unreife Jugendarbeit verwarf. Dar- 
auf verweilte er (372) länger als ein Jahr in Aquileja, der blühenden 
Hauptstadt des nordöstlichen Italiens, im Umgang mit dem ehrwürdigen 
Bischof Valerianus und einigen jüngeren Geistlichen, worunter namentlich 
Rufin, die in klösterlich strenger Zurückgezogenheit von der Welt ein der 
Wissenschaft und frommen Uebungen geweihtes Leben führten. Darauf 
unternahm er mit einigen Freunden eine Reise nach dem Morgenlande. 
In Antiochien hatte er während eines heftigen Fieberanfalles jenes be- 
rühmte Traumgesicht, das auf den weiteren Gang sowohl seiner asketischen, 
als seiner literarischen Thätigkeit einen nicht unbeträchtlichen Einfluss 
ausgeübt hat (374). Er sah sich vor den Richterstuhl Gottes gestellt, 
selbst aber zu Boden geworfen und nicht aufzublicken wagend. Auf die 
an ihn gerichtete Frage, wer er sei, antwortete er: ein Christ. Du lügst, 
erwiderte der Richter; ein Ciceronianer bist du, nicht ein Christ; denn, 
„wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz/^ worauf ihm der Richter harte 
Schläge aufzählen Hess; er gelobte, fortan keine Schriften der Heiden mehr 
zu lesen ; auf dieses eidliche Versprechen hin wurde er freigelassen (ep. 22 
ad Eustochium). Obschon er nun keineswegs das Lesen der alten Classiker 
ganz und gar aufgab, sich damit entschuldigend, dass er nur ein Traum- 
gesicht gesehen, was nicht verbindlich machen könne, so ist doch nicht zu 
läugnen, dass er seit dem eine ganz veränderte Stellung zu den Classikern 
einnahm, sie eine Zeit lang vollständig mied; dass er, wenn er sie später 
wieder öfter verglich und anführte, diess stets unter dem nöthigen Voi'- 
behalt und mit Wahrung des durchgreifenden Unterschiedes zwischen ihrem 
Werthe und dem der heiligen Schriftsteller that. Es wurde dadurch die 
Umwandlung des Hieronymus aus einem mehr oder weniger weltlichen Ge- 
lehrten in einen völligen Asketen vollendet, wie er denn gegen Ende dessel- 
ben Jahres 374 Antiochien verliess und sicli in die Wüste von Chalcis an 
der Ostgrenze von Syrien begab, um in dieser syrischen Thebais, mehrere 



254 Zweite Periode des alten Katholicismns. 

Jahre ein streng asketisches Leben zu führen, doch dabei auch thätig als 
Schriftsteller. Erschöpft von Entbehrungen und Büssungen, und doch von 
sinnlichen Regungen angefochten, kehrte er 379 nach Antiochien zurück und 
empfing aus den Händen des Bischofs Paulinus mit Widerstreben die Weihe zum 
Presbyter, mit dem ausdrücklichen Vorbehalte, dass er von allen amtlichen 
Functionen dispensirt bliebe. Darauf machte er einen fast dreijährigen 
Aufenthalt in Constantinopel , angezogen zunächst durch Gregor von Na- 
zianz ; er benützte dessen Unterricht in der Schriftauslegung, arbeitete sich 
unter der Leitung desselben in die griechischen Kirchenlehrer ein und war 
auch schriftstellerisch thätig. Im Jahre 382 finden wir ihn wieder in Rom, 
zunächst in Angelegenheiten der antiochenischen Gemeinde, die noch immer 
durch das meletianische Schisma in sich selbst entzweit war. Dieser Auf- 
enthalt in Rom wurde für sein ferneres Leben sehr wichtig. Er war näm- 
lich daselbst mannigfach schriftstellerisch thätig. Von besonderer Bedeutung 
ist die Revision der alt lateinischen Uebersetzung der heiligen Schrift, die er 
im Auftrage von Bischof Damasus unternahm. Wenn schon diese Arbeit ihm 
allerlei Verdruss zuzog von Seite solcher, die seine Verbesserungen als 
willkürliche Neuerungen ansahen, so erfuhr er noch besondere Anfeindungen 
durch seine Beförderung des asketischen Lebens, durch seine Verbindungen 
mit asketischen Frauen, (worüber das Nähere in der Geschichte des 
Mönchthums). Dazu kam, dass er sich durch seinen freimüthigen Tadel 
der weltlichen Gesinnung mancher römischen Geistlichen die Abneigung 
des Klerus in Rom zuzog. Als nun sein Gönner Bischof Damasus mit Tod 
abgegangen, verliess er 385 Rom für immer und begab sich wieder nach 
dem Morgenlande, das er bis an seinen Tod im Jahre 420 nicht wieder 
verliess. Er lebte daselbst als Askete mit einigen gleichgesinnten Freun- 
den in der Nähe von Bethlehem. Nicht weit davon hatten sich einige 
römische Frauen niedergelassen. Er war dabei immerfort thätig, theils 
kirchlich, — er nahm lebendigen Antheil an der origenistischen Streitig- 
keit, ebenso an der pelagianischen, — theils schriftstellerisch, wie denn 
in dieser Zeit seine fruchtbarste Thätigkeit in dieser Beziehung fällt. 

In Hieronymus geht das asketische Leben den innigsten Bund mit 
der gelehrten Thätigkeit ein. Das ist das Eigenthümliche an ihm, wodurch 
er sich von den das gelehrte Wissen verachtenden Vätern und Begründern 
des Mönchthums unterscheidet, so dass seine gelehrten Studien sich gera- 
dezu in den Dienst der Askese begeben, wie er denn bekennt, dass er 
zur Dämpfung des inneren Brandes seiner bösen Gedanken und Begierden 
die hebräische Sprache erlernt habe (Zoeckler a. a. 0. S. 56). 

Vor allem kommen in Betracht seine zahlreichen Briefe, worin exe- 
getische, dogmatische und moralische Punkte erörtert werden, während 
andere Aufschluss geben über die kirchlichen Verhältnisse seiner Zeit, und 
besonders über Leben und Charakter des Hieronymus selbst. In den dog- 
matischen Schriften zeigt er sich am wenigsten bedeutend. Er zeigte sich 
ängstlich besorgt um den Ruf seiner Orthodoxie — in der meletianischen 
und origenistischen Streitigkeit ; auf diese letzteren beziehen sich die bei- 
den Schriften gegen Johannes, Bischof von Jerusalem, und seinen ehe- 
maligen intimen Freund Rufinus. In dem pelagianischen Streite trat er 



Schriftsteller der lateinisch- abendländischen Kirche, 255 

auf die Seite Augustin's, den er seit 390 kennen gelernt und hoch 
ehrte i) ; bei diesem Anlasse schrieb er seine Dialogen gegen die Pelagia- 
ner, die er aber wegen seiner Werkheiligkeit nicht gründlich zu wider- 
legen vermochte. Die Schrift vom heiligen Geist ist lediglich Uebersetzung 
einer Schrift von Didymus. Die immerwährende Jungfräulichkeit der 
Mutter des Herrn vertheidigte er in einer Schrift gegen He 1 vi diu s, die 
Verdienstlichkeit des Fastens und ehelosen Lebens gegen Jovinian, die 
Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien gegen Vigilantius, durch 
welche Schriften er keinen guten Einfluss auf seine Zeit ausübte. 

Hingegen von der höchsten und besten Bedeutung sind seine auf die 
Uebersetzung der heiligen Schrift, bezüglichen Arbeiten 2). Es gab im Abend- 
lande seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts eine lateinische Uebersetzung 
der heiligen Schrift, walirscheinlich in Afrika entstanden, ebenso wahrschein- 
lich das Werk mehrerer Uebersetzer in dem Sinne, dass die einen Bücher 
von einem, die anderen von einem anderen Uebersetzer herrühren; diese 
Uebersetzung wird angeführt unter dem Namen vetus interpreSj vetus 
Latitius, vielleicht auch unter dem Namen Itala (i. q. italica)^ von 
Augustin de doctrina christiana 2, 15 ^). 

Diese Uebersetzung nun war im Laufe der Zeit in einen Zustand 
grosser Depravation gerathen, theils durch die Nachlässigkeit der Ab- 
schreiber , theils durch die Willkür der Correctoren ; daher es fast eben so 
viele verschiedene Texte oder Recensionen gab, als man Handschriften 
hatte ^). Es ist das Verdienst des römischen Bischofs Damasus , diesen 
grossen Uebelstand erkannt und Abhülfe dagegen getroffen zu haben, in- 
dem er dem am besten dazu geeigneten Manne das Geschäft der Emen- 
dation übertrug (382). Die vier Evangelien als für den gottesdienst- 
lichen Gebrauch von besonderer Wichtigkeit wurden zuerst vollendet; 
in der an Bischof Damasus gerichteten Vorrede sprach sich Hieronymus 
über die leitenden Grundsätze seiner Arbeit aus und hob namentlich her- 
vor, dass er die vorhandenen lateinischen Uebersetzungen unter sich und 
mit dem griechischen Texte verglichen und nur, wenn letzterer einen ganz 
abweichenden Sinn ergab, nach ihm emendirt habe. Auf die vier Evan- 
gelien Hess Hieronymus bis 384 die übrigen Schriften des Neuen Testa- 
mentes folgen; wahrscheinlich ist diese Recension dieselbe, die uns jetzt 



1) Er hatte mit ihm eine Controverse üher Gal. 2, 11, worin Augustin offenbar 
Eecht hatte. 

2) S. das Nähere darüber bei Zo eckler a. a. 0. und im Artikel Vulgata von 
Fritz sehe in der Realencyklopädie. S. ausserdem Nowack, die Bedeutung des Hiero- 
nymus für die alttestamentliche Textkritik. 1875. 

3) Nach Reuss, Geschichte der heiligen Schriften des Neuen Testamentes. S.Auf- 
lage S. 436 versteht Augustin unter der Itala die sogleich anzuführende hexaplarische 
Bearbeitung des vetus Latinus durch Hieronymus, welche Vermuthung Vieles für sich 
hat, da Augustin 1. c. von mehreren lateinischen Uebersetzungen spricht, denen die Itala 
vorzuziehen sei. 

4) Tot sunt exemplaria pene quot Codices, sagt Hieronymus, worunter er nicht 
selbständige Uebersetzungen, sondern verschiedene Recensionen derselben Uebersetzung 
versteht. 



256 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

in der Vulgata Neuen Testaments vorliegt. Vom Alten Testament bear- 
beitete er damals flüchtiger, doch mit Benützung des allgemeinen reci- 
pirten Textes der LXX, die Psalmen ^). Es gab zwar Einige , welche ihm 
seine Neuerungen im lateinischen Texte vorwarfen; im Ganzen aber fanden 
diese Arbeiten die beste Aufnahme, wie denn namentlich Augustin dem 
neutestamentlichen Theile der ganzen Arbeit das wärmste Lob spendete. 
Die Entdeckung eines vollständigen Exemplares der Hexapla des Origenes, 
wahrscheinlich des Originalexemplares oder wenigstens einer sorgfältigen 
von Pamphilus gemachten Abschrift dieses Riesenwerkes in der Bibliothek 
der Kirche zu Cäsarea in Palästina (385) gab ihm die hauptsächlichste 
Anregung zu einer vollständigen kritischen Revision der vorhandenen la- 
teinischen Uebersetzung nach dem geläuterten hexaplarischen Texte der 
LXX. Den Anfang machte er wjjeder mit dem Psalter 2). Nach und nach 
bearbeitete er in derselben Weise die übrigen Bücher des Alten Testamen- 
tes^ Die emendirten Texte derselben sind verloren gegangen; verloren sie 
doch ihren Werth, seitdem Hieronymus sich an eine neue Uebersetzung 
des A. T. aus dem hebräischen Texte machte, dazu von verschiedenen 
Seiten, besonders von Bischof Chromathius von Aquileja aufgefordert und der 
mehr und mehr in ihm sich befestigenden Ueberzeugung folgend, dass 
seine bisherige Arbeit eine halbe sei , dass man um jeden Preis auf die 
veritas hehraea zurückgehen müsse. Er war dazu vorbereitet durch seine 
vorausgehenden exegetischen Arbeiten über manche Bücher der heiligen 
Schrift, sowie durch seine für jene Zeit ausgezeichnete Kenntniss der 
hebräischen Sprache. Während seines Aufenthaltes in der Wüste Chalcis 
(374 — 379) nahm er nämlich bei einem zum Christenthum übergetretenen 
Hebräer Unterricht, später zu Anfang seines Aufenthaltes in Bethlehem bei 
dem Juden Bar Anina, der aus Furcht vor seinen Glaubensgenossen nur 
nächtlich zu seinem Schüler kam und sich seinen Unterricht tüchtig be- 
zahlen Hess. Etwas später zog er noch andere jüdische Gelehrte zu Rath. 
Er liess sich die Kosten weder verdriessen, noch die Mühe, die ihm das 
Erlernen einer ihm so fremdartigen Sprache verursachte, noch die üblen 
Nachreden, dass er die jüdische Weisheit der christlichen vorziehe, ja dass 
er Christum zu verrathen und gegen diesen neuen Barrabas (so verdrehte 
man den Namen Bar Anina) auszuliefern im Sinne habe. Denn es han- 
delte sich auch darum, die Vorwürfe der Juden zu widerlegen, dass die 
Christen einen gefälschten Bibeltext hätten. Die Arbeit dauerte von 390 
bis 404. Die Apokryphen des Alten Testamentes, die er als solche erkannte 
und nicht als kanonisch ansah, sind von Hieronymus nur theilweise übersetzt. 
Diese Bibel- Uebersetzung ist im Verhältniss zu ihrer Zeit betrachtet ein 
staunenerregendes Werk und brach sich durch ihre relative Vortrefflichkeit 
ohne Beihülfe des Beschlusses irgend einer kirchlichen Behörde Bahn; 
doch vergingen Jahrhunderte, bis sie die kirchliche UebersetzuuL^ des 



1) Diese alsbald in der römischen Kirche eingeführten Psalterrecension existirt noch 
jetzt nnter dem Namen psalterium romanum. 

2) Diese Ausgabe fand später in den Kirchen Galliens Aufnahme nnd heisst demge- 
mäss psalterium gallicanum. 



Schriftsteller der lateinisch - abendländischen Kirche. Rufinus. 257 

Abendlandes wurde, seit dem dreizehnten Jahrhundert die Vulgata ge- 
nannt, die freilich mit der Zeit viele Corruptionen erlitt. — Des Hie- 
ronymus exegetische Leistungen über viele Bücher des Alten und des Neuen 
Testamentes leiden, sagt Zoeckler, im Wesentlichen an denselben Mängeln 
wie seine Uebersetzungsarbeiten , theilen aber auch die meisten Vorzüge 
derselben, und nehmen, was wenigstens sprachliche und antiquarische Ge- 
lehrsamkeit sowie Belesenheit in früheren'exegetischen Schriftstellern be- 
trifft, eben so entschieden wie jene die erste Stelle unter allen gleicharti- 
gen Versuchen der abendländischen Kirchenlehrer ein. — Von der Noth- 
wendigkeit, vor allem den historischen Sinn der biblischen Schriftsteller 
zu ermitteln, hatte er eine richtigere Erkenntniss als die meisten Exegeten 
der lateinischen Kirche. Er tadelt sehr an Origenes, dass er in den wei- 
ten Räumen der Allegorie herumschweife, und doch verfällt er häufig in 
die Allegorie und folgt dem Origenes bis zum Extrem der allegorischen 
Willkür 1), so wie er denn zu einer gewissen Zeit seine Verehrung für Origenes 
bezeugte durch die Uebersetzung der Homilieen desselben über Jeremias, 
Ezechiel und das Evangelium Lucä. Hieronymus hat auch geographi- 
sche und antiquarische Schriften verfasst, de nominibtis Hebraeo- 
rum, und de ritu et nominibus lororum hebraicormn , Bearbeitung 
einer Schrift des Euseb von Cäsarea, besonders diese wegen der Local- 
kenntnisse des Verfassers von Bedeutung. Sehr lehrreich ist die Schrift 
de vlris illustribus, wodurch er den Grund zur Patristik legte. Ebenso 
übersetzte er das Chronicon desselben Euseb und schrieb das Leben der 
Heroen des Mönchthums zur Beförderung dieser Lebensweise, freilich 
mit vielen Fabeln angefüllt. 

Rufinus, Tyrannius, c. 340 in der Nähe von Aquileja geboren, 
lebte eine Zeitlang in klösterlicher Zurückgezogenheit in Aquileja und wurde 
daselbst Presbyter 2). Die Begeisterung für das asketische Leben führte ihn 
nach Palästina ; hier erweiterte er die bereits in Aquileja erworbenen theo- 
logischen Kenntnisse , besonders durch die Bekanntschaft mit Didymus und 
gewann lebhaftes Interesse für die griechischen Väter, insonderheit für 
Origenes. Von 377 bis 397 verweilte er in Jerusalem, mehrere Jahre auf 
dem Oelberge. In dieser Zeit gerieth er mit Hieronymus in den Streit, wovon 
später die Rede sein wird. Er kehrte nun nach Italien zurück und starb 
410. Rufin's schriftstellerische Thätigkeit beschränkte sich fast ganz auf 
Uebersetzungen aus dem Griechischen und zwar von rein theologischen 
Werken, namentlich des Origenes, worunter das wichtigste ne^i ccQxeov- — 
Seine lateinische Bearbeitung der Kirchengeschichte des Euseb ist auch 
zum grössten Theile eine Uebersetzung, — er setzte sie aber fort vom 
Jahre 324 bis 305, indem er zwei Bücher hinzufügte 3). Sie wurde im Mit- 
telalter verbreitet und viel gelesen, ebenso desselben vitae patrum, eine 



1) So verwandelt er die Sunamitin , das Kebsweib Davids, in die ewig jugendliche, 
anbefleckte göttliche Weisheit. 

2) Gennadius c. 17 nennt ihn so. 

3) S. Kimrael de Rofino Eusebii interprete 1838. 

Herzog, Klrchengeschlchte I. 17 



258 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

Sammlung von Biographieen egyptisclier Mönche, später auch historia ere- 
mitica genannt. 

Augustinus, Aurelius^), durchUef, ehe er sich durch die Taufe 
in die kathohsche Kii'che aufnehmen liess, eine lange, schmerzliche Ent- 
wicklungsperiode, die auf seine theologische Ilichtung und sein ganzes 
ferneres Leben und Wirken den entschiedensten p]influss ausgeübt hat. In 
seinen Confessiones hat er selbst eine ergreifende Beschreibung davon gege- 
ben, welche im Einzelnen durch bezeichnende Züge, die in anderen Schriften 
zerstreut vorkommen, ergänzt wird. So lernen wir aus seinem eigenea 
Munde seine Verirrungen, seine inneren Kämpfe, Alles, was, sei es hem- 
mend und schädigend, sei es fördernd und heilend auf ihn eingewirkt hat, 
kennen. Durch das Ganze zieht sich das Andenken an die fromme Mutter 
Monnica. So wie sie die ersten Saamenkörner der Frömmigkeit in seine für 
Böses wie für Gutes empftlnghche Seele wirft, Saamenk()rner , über die wohl 
manche Stürme ergehen, doch ohne sie auszutilgen, so begleitet sie ihi' 
überall hin mit ihren Thränen und Gebeten, bis sie zuletzt die Freude er- 
lebt, in Mailand, wohin sie ihm nachgefolgt war, ihren Solin in die katho- 
hsche Kirche zurückkehren zu sehen, das Einzige, warum sie noch zu leben 
gewünscht hatte. 

Geboren im Jahre 353 zu Thagaste in Numidieu, nachdem er einige 
Zeit in Madaura Unterricht empfangen, begab er sich im sechzehnten Le- 
bensjahre nach der Anordnung des Vaters, der decurlo war, behufs der 
Fortsetzung seiner Studien nach Carthago. Dieser Aufenthalt wurde für ihn 
verhängnissvoll, indem er daselbst zu sittlichem Fall gebracht wurde und in 
die Hände der Manichäer gerieth. Er wurde zwar kein Wüstling, so wenig 
wie Hieronymus. Dem Sohne Adeodatus, der ihm im neunzehnten Lebens- 
jahre geschenkt wurde, widmete er viele Sorgfalt. Er lebte in einer wilden 
Ehe, aber Treue bewahrend. Doch das Bewusstsein des Zwiespaltes in sei- 
ner Natur drückte ihn nieder. Ein tiefer Riss ging durch seine Seele. Das 
Lesen des Hortensius von Cicero bewirkte in ihm einen Anfang von Bekehr- 
ung; er nahm sich vor, fortan nur die Wahrheit zum Ziel seines Denkens 
zu machen und sich von den irdischen Begierden frei zu erhalten. Damals 
begann er die heilige Schrift zu lesen; aber ihm fehlte darin die Schönheit 
der ciceronianischen Sprache. Auch glaubte er, in der Kirchenlehre werde 
Gott als die Ursache der Sünde angesehen. In diesem Zustande der Unklar- 
heit, des Kampfes, des Suchens wurde er bekannt mit den Manichäern. Er 
fühlte sich zu ihnen hingezogen, theils weil sie sich rühmten, mit Besei- 
tigung der Schrecken erregenden Autorität der Kirche ihn blos und allein 
durch vernünftige Gründe zu Gott zu führen , theils weil er insbesondere 



1) Unter den Ausgaben der Werke ist die beste die der Mauriner. Paris 1679 ff. in 
XI Tomi — bei Migne. — S. Bin de mann, der heilige Augustinus, 3 Bde. 1844 
— 1869. — Wiggers, Versuch einer pragmatischen Darstellung des Augustinismus und 
Pelagianismus. 1833. 2 Theile. — Dorner, Augustinus, sein theologisches System und 
seine religionsphilosophische Anschauung. 1873. — Von vielen Schriften Augustins sind 
besondere Ausgaben erschienen. Wir heben hervor die jetzt erscheinende zweite Aus- 
gabe der Schrift de civitate Dei von Prof. Dombart in Erlangen. 



Schriftsteller der lateinisch -abendländischen Kirche. Augnstinus. 259 

von ihnen die richtige Lösung der ihn seit einiger Zeit beschäftigenden Frage : 
woher das BöseV erwartete. Zudem machte die Heihgkeit des Lebens der 
Lehrer , der Auserwählten, auf den unter der Last seines Sündenbewusstseins 
seufzenden jungen Mann tiefen Eindruck. So liess er sich denn in dem 
neunzehnten Lebensjahre unter die Auditores aufiiehmeu und suchte in Tha- 
gaste, wohin er zurückkehrte und wo er die Rhetorik lehrte, für die Sekte 
zu wirken. Bald nach Carthago zurückgekehrt, machte er nach und nach 
allerlei Erfahrungen, die ihn vom Manichäismus abzogen. Durch consequente 
Verfolgung der Lehren desselben gerieth er nämlich auf ein Extrem: Gott 
erschien ihm als Köri)er von feinerer Art, durch die ganze Natur vertheilt, 
so dass er am Ende sich selbst wie ein Stück Gottheit vorkam, wähi'end er 
in sich nichts als Unruhe und Zwiespalt wahrnahm. Seine mehr und mehr 
aufsteigenden Zweifel an der manichäischen Lehre konnte auch ihr gröss- 
ter Lehrer, Faustus, auf den man ihn vertröstet hatte, nicht lösen. So 
sagte er sich von der manichäischen Lehre los, ohne jedoch seinen Austritt 
aus der Sekte zu erklären. Neun Jahre blieb er in den Banden derselben. 
Was er erfuhr von den geheimen Sünden der sogenannten Auserwählten 
lockerte auch die Bande, die ihn an die Sekte fesselten. Als er sich aber 
von den mani('häischen Irrthümern losgewunden, war er nahe d^'an, in 
völligen Skepticismus zu verlallen und die Akademiker für die scharfsinnig- 
sten Philosophen zu halten. p]r war damals in Rom als Lehrer der Rhe- 
torik thätig. Von da wurde er 385 in dieser Eigenschaft nach Mailand be- 
rufen. Hier schlug für ihn die Stunde der Entscheidung. Die Predigten 
des Ambrosius lehrten ihn das von den Manichäern so tief heruntergesetzte 
Alte Testament wieder schätzen. Der Spruch, den der verehrte Bischof oft 
anführte: der Buchstabe tödtet, der Geist ist es, der da lebendig macht, 
fiel wie ein Lichtstrahl in seine Seele. Doch wollte er noch durchaus nicht 
in die katholische Kirche eintreten. Je rascher er einst den Lockungen der 
Häresie nachgegeben, desto mehr hielt ihn jetzt die bittere Erfahrung, un- 
terstützt durch die Gründe der Akademiker, vom letzten entscheidenden 
Schritte zurück. Er liess sich also vorerst als Katechumene aufnehmen und 
beschlöss, so lange dal)ei zu bleiben, bis ihm etwas Gewisses aufgienge. In 
dieser Zeit wurden ihm neuplatonische Schriften in die Hände gegeben; sie 
entzündeten in ihm ein unglaubliches Feuer. Die Beschäftigung mit diesen 
Schriften wurde für ihn Uebergangspunkt vom Skepticismus zur Anerkennung 
einer objectiven Wahrheit, sowie zur Vergeistigung seines durch den Mani- 
chäismus an sinnliche Bilder gew()hnten Denkens, Uebergangspunkt vom Dua- 
hsmus zum consequenten Monotheismus, indem er glaubte, dass die Neu- 
platoniker das absolut geistige Wesen erfasst hätten. Von den neuplato- 
nischen Schriften ging er zur heiligen Schrift über, und berichtigte mit Hülfe 
derselben die niedere Ansicht von Christo als blossem Lehrer, die er in den 
neuplatonischen Schriften gefunden. Er las insbesondere den Brief an die 
Römer, wurde mächtig ergritfen durch die Beschreibung des Zwiespaltes in 
der raenschhcheu Natur; in sich selbst fand er das Alles, was Paulus sagte, 
bestätigt. Fortan suchte er die religiöse Ph'kenntniss sich i)raktisch anzu- 
eignen. Ruhm zog ihn nicht mehr an, aber die sinnliche Lust hielt ihn ge- 
fangen, und weil er in diesem Punkte schwach war, so war er es auch in 

17 ♦ 



260 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

allen übrigen (in ceteris languidus). Wohl fühlte er die Verpflichtung, seinen 
neu gewonnenen Glauben zu bekennen; aber er scheute sich, die Taufe 
zu begehren, weil sich für ihn das Verzichtleisten selbst auf die rechtmässige 
Ehe, an die er eine Zeitlang, hauptsächlich von der Mutter angetrieben, 
dachte, nicht blos als zur Virtuosität des christlichen Lebens gehörig, son- 
dern auch als mit dem Bekenntniss des christlichen Glaubens und mit dem 
Eintritt in die kathohsche Kirche noth wendig verbunden, darstellte. An die- 
sen Punkt knüpfte sich zuletzt die Entscheidung. So ergreifend die Schil- 
derung ist, die er davon in seinen Confessionen entworfen, so erhebend dei* 
Muth ist, mit dem er jede Lockung der Sinnlichkeit überwindet, so liegt, 
doch eine furchtbare Verirrung darin, wenn wir bedenken, dass er mit dem 
Spruche Römer 13, 13: nicht in Kammern und Unzucht u. s. w. den Ge- 
danken der rechtmässigen Ehe von sich weist. Um diese Sache richtig zu 
beurtheilen, müssen wir aber hinzunehmen, dass an den Gedanken der 
rechtmässigen Ehe in seinem Geiste sich allerlei sehr weltliche Regungen 
und Hoffnungen anschlössen ^). Auch sah er bald ein, dass das Gemein- 
schaftsleben, das er mit einigen gleichgesinnten Freunden zu führen ge- 
dachte, nicht wohl zu verwirklichen war, wenn die Theilnehmenden ver- 
heirathet waren (Conf. VL 11). 

Im Jahre 388, nach einem Aufenthalte in Rom, wo die Mutter starb, 
nach Afrika zurückgekehrt, lebte er zunächst in Thagaste in einer Art von 
klösterlichen Verein, den er mit einigen Freunden gestiftet, wurde aber 389, 
ohne es irgend zu erstreben, Presbyter in Hippo - Regius, seit 395 des Bischofs 
Valerius coepiscopus, seit 396 dessen Nachfolger. Nun beginnt die Zeit sei- 
ner weitreichenden, tiefgehenden Einwirkung auf die Kirche. Er erlebte 
noch die Verwüstung der afrikanischen Kirche durch die Vandalen und starb 
430 während der Belagerung von Hippo. 

Augustin ist der reichste, umfassendste und zugleich tielste Geist un- 
ter den Lehrern und Vätem der lateinisch abendländischen Kirche, dem 
Ambrosius zwar nachstehend an Beredtsamkeit , noch mehr dem Hieronymus 
an Gelehrsamkeit, aber beide sowie auch Hilarins durch die Tiefe und Viel- 
seitigkeit seines Geistes übertreffend. Nicht nur auf die Kirche seiner Zeit 
hat er einen überwiegenden Einfluss ausgeübt, sondern auch auf die Kirche 
im Mittelalter, zur Zeit der Reformation und zur Zeit nach der Reformation. 
Er hat Ideen vertreten, woraus die Reformatoren vor der Reformation, 
Wycliffe , Huss , Johannes Wessel u. A. und die Reformatoren Belehrung ge- 
schöpft haben, er hat aber auch Grundsätze vertreten, welche specifisch- 
katholisch sind und von der römisch-katholischen Kirche in aller Strenge 
festgehalten werden. Seine Schilften wurden eine Quelle und Fundgrube für 
die Scholastik und Mystik des Mittelalters. Die bedeutendste Erscheinung 
des neueren Katholicismus, der Jansenismus, ist ganz eigentlich eine Er- 
neuerung des Lehrbegriffes Augustins. Er hat auch den philosophischen 



1) De utilitate credendi c. 3. Vitae hujus mundi eram implicatus, tenebrosam 
spem gerens de pulcritudine uxoris, de pompa divitiarum, de inanitione bonorum ceterisque 
noxiis et perniciosis voluptatibus. Er hoffte ein Landvogtamt nebst einer reichen Frau zu 
erhalten (Praesidatus dari potest. Conf. VI, 11). 



Schriftsteller der lateinisch - abendländischen Kirche. Augustinus. 261 

Bestrebungen einen mächtigen Impuls gegeben. Der Satz des Cartesius, des 
Begründers der neueren Philosophie: Cogito, ergo sum^ findet sich wörtlich 
bei Augustin. Es ist, als ob verschiedene Welten in diesem umfassenden 
Geiste zusammenträfen. Aber der Mangel an gründhcher gelehrter Bildung 
ist überall in seinen Schriften sichtbar. Bei aller Grösse des Geistes ist er 
in grosse Irrthümer verfallen. In einigen Punkten hat er sich von dem 
bereits trüb gewordenen Strome der katholischen Tradition hinreissen lassen. 
Seine Schriften sind äusserst zahlreich und sehr mannigfaltigen In- 
haltes, hervorgerufen durch persönliche Verhältnisse, durch allgemeine Ver- 
hältnisse, durch die Streitigkeiten, in welche er verwickelt wurde. 

Das apologetische Werk Augustin's ist die Schrift de civitate 
Dei^ in zweiundzwanzig Büchern, begonnen 413, vollendet 426 oder 427. 
Die Einnahme von Rom durch Alarich 410, die Plünderung von Italien gab 
nämlich den Heiden Anlass zu behaupten, dass der Zorn der Götter über 
die Verwerfung der alten Religion diese schrecklichen Unfälle herbeigerufen 
habe. Schon Orosius, Priester aus Tarragona in Spanien, hatte, aufge- 
fordert von Augustin, jenen Vorwurf zu widerlegen gesucht in den sieben 
Büchern seiner Weltgeschichte. Nachher muss solcher Vorwurf noch stärker 
erhoben worden sein; daher die Schrift Augustin's, die in den zehn ersten 
Büchern eine Widerlegung der Vorwürfe der Heiden und eine Widerlegung 
des Hei(tenthums selbst gibt, die folgenden Bücher (11 — 22) sind dogma- 
tischen Inhalts, aber viel Historisches ist beigemischt. Diese Schrift vom 
Gottesstaate, dem der irdische Staat entgegengestellt wird, ist eine gross- 
artige Conception, die in reicher Fülle ausgeführt wird. 

Die polemischen Schriften umfassen den weitesten Umkreis und sind 
ü})erhaupt die zahlreichsten: Augustin fühlte sich in seinem Gewissen ver- 
I)fiichtet, die Irrthümer und Verkehrtheiten der Manichäer, zu denen er 
einst Manche verführt hatte, zu widerlegen; das that er seit dem Jahre 388 
in einer Reihe von Schriften. Wir heben hervor de titilitate credendi an 
Honoratus gerichtet, der sich von den Manichäern hatte fangen lassen und 
den Kirchenglauben verspottete, so wie die Schrift gegen jenen bei den 
Manichäern so hoch angesehenen Bischof Faustus. Die Pelagianer und 
Semipelagianer bekämpfte er in vielen Schriften, zugleich die eigenen 
Ansichten über die streitigen Punkte darlegend, ebenso die Donatisten. 
Er schrieb noch gegen die Priscillianisten und Origenisten und Aria- 
ner und gab in der Schrift de haeresihus eine gedrängte Uebersicht über 
alle bis zu seiner Zeit aufgetauchten Häresieen. 

Die exegetischen Schriften sind bei weitem weniger zahlreich als 
die polemischen und auch von ungleich geringerer Bedeutung. Denn Augu- 
stin verstand wenig Griechisch und gar kein Hebräisch; daher begeht er 
grosse exegetische Verstösse, doch ist es zum Verwundern, wie er in den 
dogmatischen Gedankengehalt einzugehen versteht. Diese exegetischen Ar- 
beiten erstrecken sich über die Genesis, die Psalmen, Hieb, sodann haupt- 
sächlich über einige Bücher des Neuen Testamentes. 

Als dogmatische Schriften sind zu nennen, de fide et symholo, 
de doctrina christiana, de trinitate, de sjjiritu et litera, de 
fide et operihus, das Enchiridion ad Laurentium, de fide, spe et 



262 Zweite Periode des alten Katholiciamus. 

caritate. Auch eine Anzahl philosophischer Schriften verdanken wir dem 
unermüdlichen Geiste Augustinus contra acadentiros, de oita beata, 
Soliloquia, de immortalitate animae, de quantitate animae, 
de magistro. Zu den erbaulichen und asketischen Schriften rechnen wir 
die bereits angeführten Confessiones, wovon die vier letzten Bücher (10—14) 
dogmatisch -speculativen Gehaltes sind. Die sermones sind durch inhalt- 
reiche Kürze ausgezeichnet. In den 427 geschriebenen retractationes durch- 
geht Augustin alle seine bis dahin geschriebenen Schriften und kritisirt sie, 
die darin enthaltenen Irrthümer aufdeckend, soweit er sich deren be^Niisst 
geworden; denn vieler ist er sich allerdings nicht bewusst geworden. 

Die Schriften des P e 1 a g i u s, C o e 1 e s t i u s, Julian v o n E c 1 a n u m, dei* 
Semipelagianer Johannes Cassianus und Vincentius Lirinensis werden in der 
Geschichte der pelagianischen und semipelagianischen Streitigkeit in Betracht 
kommen. x\usserdem führen wir an die sermones Leo's des Grossen, 
dem wir in der Geschichte der theologischen Streitigkeiten in der Kirchen- 
verfassung noch näher treten werden. S. über ihn: Perthel, Pabst Leo's 
Leben und Schriften 1843. Ausserdem ist zu nennen: Salvian, Semipela- 
gianer, Presbyter in Marseille c. 440, dessen beide Werke de g übe ma- 
tt one Bei und de avaritia für ihre Zeit Bedeutung hatten. S. über ihn: 
Z Schimmer, Salvianus und seine Schriften 1875. 

Streitigkeiten, die von der griechisch - morgenländischen 

Kirche ausgehen. 

L Die arianische Streitigkeit und ihre Verzweigungen 

(318 — 381) 1). 

Aeussere Geschichte der Streitigkeit. 

Arius (Jlqeioq), Presbyter in Alexandrien, Schüler des gelehrten an- 
tiochenischen Presbyters Lucian, ein weder durch Gelehrsamkeit noch durch 
besondere Geistesgaben hervorragender Mann, erneuerte den in der ersten 
Periode schon begonnenen Streit über das Verbal tniss des Logos zum Vater, 
von demselben Streben wie die alten Mimarchianer ausgehend, die Einheit, 
IxovaQxict,' Gottes festzuhalten, aber im Gegensatz gegen die Lehrweise des 
Sabellius. Er gerieth darüber seit 318 in Streit mit seinem Bischöfe Ale- 
xander. Dieser forderte ihn auf, sich von seiner Lehre loszusagen. Als er 
sich dessen geweigert, wurde er durch eine Provincialsynode in Alexandrien, 
woran ungefähr hundert egyptische und libysche Bischöfe Theil nahmen, aus 
der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen 321. (Jircularschreiben an die an- 
gesehensten Bischöfe enthielten die llechtfertigung dieses Schrittes und die 
Verdammung der arianischen Lehre. Durch diesen Schritt wurde Arius ver- 
anlasst, seine Meinungen in weiteren Kreisen zu verbreiten. Diess that er 
in der Thaleia, aus Versen und Prosa bestehend. Auch Lieder für Müller 

1) S. das angeführte Werk von Moehler über Athanasiüs und Koelling, Ge- 
schichte der arianischen Häresie. 1874. 



Die arianiscfie Streitigkeit. 263 

und Schiffsleute damals verfertigt, sollten seine Lehre unter das Volk brin- 
gen. Vergebens bemühten sich zwei angesehene Bischöfe, Euseb, Bischof 
von Nikodemien und Euseb, Bischof von Cäsarea in Palästina, einen Ver- 
gleich zwischen Arius und seinem Bischöfe zu Stande zu bringen. Es half 
nichts, wenn dieser Euseb den Streitenden zurief: ;,wer w^eiss, wie sich die 
Seele mit dem Körper verbindet und ihn verlässt, und wir wagen es, das 
ewige Wesen der Gottheit zu erforschen? Christus spricht, wer an mich 
glaul)t, der hat das ewige Leben, nicht wer da wisse, wie er vom Vater 
erzeugt wT)r(len. Wäre das letztere der Fall, so könnte Niemand zum Leben 
gelangen.'^ Die Kirche weit und breit theilte sich zwischen Alexander und 
Arius. Die Heiden nahmen davon Anlass, auf ihren Theatern das Christen- 
thnm zu verspotten. Keiner empfand über diesen Streit tieferen Verdruss 
als Kaiser Constantin, dem nichts mehr am Herzen lag, als dass Geistliche 
und Laien einträchtig und im Frieden mit einander lebten. Ohne alle Kennt- 
niss der Tragweite der aufgeworfenen Streitfragen, schrieb er an Bischof 
Alexander und an Arius, sie möchten doch über dergleichen geringfügige 
P'ragen nicht mit einander zanken, besonders sie nicht unter das Volk brin- 
gen, sie sollten sich vereinigen im Glauben an Eine Vorsehung {nqovoia) 
und sich als Brüder anerkennen, sie möchten ihm heitere Tage und sorglose 
Nächte zurückgeben (Sokr. i, 7). Dieser Brief war freilich nicht geeignet, 
den Frieden wieder herzustellen; auch unter den Laien mehrte sich der 
Streit. P^ine andere Streitfrage beschäftigte die Gemüther, betreffend die 
Zeit der Osterfeier. Die Streitenden schlössen zwar einander nicht von der 
Kirchengemeinschaft aus ; aber durch den Mangel an Uebereinstimmung wurde 
die Heiterkeit des Festes getrübt. 

Um diese beiden Streitpunkte zu erledigen, berief der Kaiser aus allen 
Theilen des Reiches die Bischöfe zu einer Kirchenversammlung nach Nicäa in 
Bithynien 325; es war die erste der sogenamiten ökumenischen Synoden. 
318 Bischöfe waren anwesend, wovon einige Kirchen ausserhalb des römischen 
Reiches vertraten. Unter ihnen waren solche, welche an ihrem Leibe die 
Zeichen der erlittenen Verfolgungen und Leiden trugen (Theodoret H. E. 1, 7). 
Es fehlte der Bischof von Rom, der wiegen Altersbeschwerden ausgeblieben; 
einige rCnnische Presbyter vertraten seine Stelle, doch ohne den Vorsitz zu 
führen, wie Hefele vormuthet. Der amvesenden Presbyter, Diakonen imd 
niederen Geistlichen war eine unzählbare Menge. Als die Bischöfe sich zur 
Eröfthung der Synode versammelt hatten, trat Constantin unter sie, die noch 
standen , und wollte nicht eher sich niederlassen, als bis sie ihm einen Wink 
gegeben. Nun ergriff der Kaiser zuerst das Wort und ermahnte zur Einig- 
keit. Es gab allerdings grosse Verschiedenheiten in der Versammlung. Arius 
hatte zwar wenige Anhänger, die ihm in allen Sätzen beipflichteten. Ale- 
xander hatte deren mehrere, und ausserdem war er unterstützt durch den 
bedeutendsten Mann in der Versammlung, den Diakonus Athanasius. Die 
meisten mochten aber zwischen den streitenden Parteien am liebsten die 
Mitte halten. Doch diese Mittelpartei, an deren Spitze die beiden Eusebe 
standen, war an Talent und Folgerichtigkeit der Ansicht dem Athanasius 
durchaus nicht gewachsen. Es gelang diesem, der Versammlung klar zu 
machen , dass die Lehre von der Wesenseinheit Christi mit dem Vater nichts 



2ß4 Zweite Periode des alten Katholicismua. 

Anderes als der alte christliche Glaube sei. Dadurch wurde der Kaiser be- 
wogen, der Partei des Alexander und des Athanasius beizutreten, in der 
Hoflnung, die Eintracht unter den Bischöfen herzustellen. Sogar Euseb von 
Cäsarea, nachdem das von ihm vorgeschlagene Symbol, weil darin der Aus- 
druck ofioovaiog fehlte, verworfen worden, unterzeichnete das von der Sy- 
node genehmigte Symbol (iia^rnia), sich stützend auf eine vage Erklärung 
des ofjLoovffiog. Dasselbe thaten viele andere Bischöfe um des Friedens 
willen oder aus Furcht vor dem Kaiser. Selbst eifrige Anhänger des Arius, 
Euseb, Bischof von Nikomedien, und Theognis, Bischof von Nicäa, unterschrie- 
ben das Symbol, aber nicht die Verdammung des Arius und seiner Anhänger. 
So erklärten sich zuletzt nur zwei Bischöfe unbedingt gegen das Symbol, 
Theonas von Marmaryca in Libyen und Secundus, Bischof von Ptolemais; 
sie wurden, wie Arius, exconnnunicirt , abgesetzt und verbannt. Auch die 
Bischöfe Theognis und Euseb von Nikomedien wurden drei Monate nach 
Schluss des Concils nach GaUien verwiesen. 

Doch damit war der Streit keineswegs beendigt, wie Constantin sich 
einbildete, sondern nur das Zeichen gegeben zu einer mehr als fünfzigjähri- 
gen Fortsetzung desselben. 

Das Concil von Nicäa hatte nändich fortwährend viele heimliche Geg- 
ner. Der Kaiser selbst wurde durcli einen eusebianisch gesinnten Presbyter, 
welchen ihm seine Schwester sterbend empfohlen hatte, zu milderen Mass- 
regeln gegen Arius bewogen. Auf Grund eines in allgemeinen Ausdrücken 
sich haltenden Glaubensbekenntnisses wurde er 328 oder 329 zurückberufen; 
er bat den Kaiser, dahin zu wirken, dass die überflüssigen Streitigkeiten 
aufhörten und dass bald alle Gläubigen in Eintracht für den Frieden der 
Kirche und die Wohlfahrt des Kaisers und seiner Familie beten kiinnten. 
Auch die Bischöfe Theognis und Secundus wurden zurückberufen. Mittler- 
weile war Bischof Alexander von Alexandrien gestorben , der sterbend Atha- 
nasius als seinen Nachfolger bezeichnet liatte. Von nun an entfaltete dieser 
seine glänzende aber immerfort angefochtene Thätigkeit zur Widerlegung des 
Arianisnuis und zur Vertheidigung des nicänischen Bekenntnisses. Mit stren- 
ger Folgerichtigkeit und unter beständig sich erneuernden Stürmen haiTte 
er heldenmüthig aus und erwarb sich selbst die Achtung derjenigen Kaiser, 
die ihm entgegenstanden. — Bald erhielt er Befehl, Arius wieder in die 
Kirchengemeinschaft aufzunehmen, welchem Befehl er sich jedoch nicht fügte. 
Constantin, dem man beigebracht, dass kein Friede möghch sei, so lange 
Athanasius nicht beseitigt worden, opferte ihn auf; eine vom Kaiser nach 
Tyrus berufene Synode entsetzte ihn seines Amtes, worauf ihn Constantin 
nach Galhen verwies 335 — diess Alles auf Grund anderer Beschuldigungen, u. a. 
wegen seines harten Verfahrens gegen die schismatischen Meletianer. Da- 
mals wurden noch andere nicänisch gesinnte Bischöfe verbannt. Arius selbst 
war nahe daran, nachdem er bereits in Jerusalem in die Kirchengemeinschaft 
wieder aufgenommen worden, in Constantinopel einen glänzenden Triumph 
zu erleben. Am Tage jedoch, bevor er auch in Constantinopel in die Kirche 
wieder aufgenommen werden sollte , gab er unter heftigen Leibesschmerzen, 



t)ie arianische Streitigkeit. 265 

verbunden mit Ausschütten der Eingeweide den Geist auf i) 336. Im folgen- 
den Jahre starb Constantin. 

Die drei Söhne des verstorbenen Kaisers, Constantin IL, Consta n- 
tius und Constans, wovon die zwei zuerst genannten den Orient be- 
herrschten, Constans den Occident, hatten eine Zusammenkunft in Panno- 
nien, wo sie sich über die Mittel, den Frieden in der Kirche herzustellen, 
beriethen und zu dem Entschlüsse kamen, die vertriebenen Bischöfe zurück- 
zurufen. So konnte Athanasius nach Alexandrien zurückkehren, wo er von 
Geistlichkeit und Volk mit grosser Freude aufgenommen wurde. Indessen 
war er fortwährend dem Hasse der eusebianischen Partei ausgesetzt, welche 
den gewandten und unerschütterlichen Gegner fürchteten. Gerade diese 
Partei gewann die Gunst des Kaisers Constantius, und dieser wurde nach 
dem Tode seines Bruders Constantin IL Beherrscher des ganzen Morgen- 
landes. Mit Constantin IL fiel der eifrigste Beschützer des Athanasius, der 
sich nun neuen Angriffen ausgesetzt sah. Er wurde wieder abgesetzt und 
au seine Stelle Gregor aus Kappadocien gewählt. Vergebens versuchten die 
Eusebianer, den römischen Bischof für sich zu gewinnen und gegen Athana- 
sius zu stinmien; denn mit einigem Rechte hegte er den Argwohn, dass die 
von der eusebianischen Partei vertretene Lehre nicht viel besser sei, als die 
des Arius. Um sich in des römischen Bischofs Augen zu rechtfertigen, be- 
riefen sie eine Kirchenversamndung nach Antiochien 341. Unter dem vor- 
herrschenden Einflüsse des Euseb von Nikomedien wiuxlen vier verschiedene 
Unionsformeln genehmigt, welche die Basis einer Vereinigung mit den Ni- 
cänern bilden sollten 2j. p',s waren darin das nicänische o^oovcriog sowie die 
specifisch arianischen Bestinnnungen ausgelassen. Unterdessen war Gregor, 
Nachfolger des Athanasius, in Alexandrien eingedrungen und dieser hatte die 
Flucht ergreifen müssen. Er schiffte sich ein nach Rom, mit ihm einige 
gleichgesinnte Bischöfe , unter anderen der ebenfalls abgesetzte Bischof Pau- 
lus von Constantinopel. Bischof Julius nahm die Flüchtlinge äusserst freundlich 
auf und machte ihre Sache zu der seinigen. Er beschied die Eusebianer 
nach Rom vor eine daselbst zu haltende Kirchenversammlung, wovon jene 
freihch nichts wissen wollten. Die Versammlung fand doch statt, sie hob 
das Urtheil der Veitreibung und Absetzung des Athanasius auf, und nahm 
von den antiochenischen Formeln keine Notiz. So trennte sich das Abend- 
land vom Morgenlande, und der römische Bischof gewann an Bedeutung 
und Macht. 

Aufs neue unternahmen die beiden Kaiser das schwierige Geschäft, die 



1) Die Umstände des Todes werden bei Sokrates 1, 38 und bei Sozom. 2, 30 ver- 
schieden erzählt. Nacli Sokrates 1, 37 sah Bischof Alexander von Constantinopel darin 
die Erhorung seines Gebetes: wenn Arius die rechte Lehre hätte, so möchte ihm Gott 
vor der angesetzten Disputation mit Arius hinwegnehmen; wenn aber er (Alexander) die 
rechte Lehre hätte, so möchte Gott Arius bestrafen (?). Athanasius sah zwar in dem 
plötzlichen Tode seines Gegners ein Gottesgericht; doch enthielt er sich der Insulten gegen 
ihn, indem er sagte, man dürfe über Niemandes Tod, auch wenn er ein Feind sei, 
triumphiren, da alle Menschen sterben müssten, und es ungewiss sei, ob nicht jeden bis 
zum Abend der Tod ergreifen könne, 

2) Bei Hahn a. a. 0. S. 148 ff. 



266 %vfeito Periode des alten Katholicismus. 

beiden Theile des Reiches zu einigen. Zu diesem ;^wecke beriefen sie auf 
das Jahr 343 ^ eine neue allgemeine Synode nach Sardica in lUyrien. Es 
erschienen hundert abendländische Bischöfe, an deren Spitze Bischof Ilosius 
von Corduba in Spanien, und siebenzig morgenlilndische , begleitet von kai- 
serlichen Commissarien. Von Anfang an stiessen die Verhandlungen auf 
unüberwindliche Schwierigkeiten. Die abendländischen bestanden darauf, dass 
das 6[iodv(Ttog nicht weiter in Verhandlung komme, da alles dahin gehörig«} 
bereits in Nicäa festgesetzt worden. Sie forderten eine neue Untersuchung 
der Sache des Athanasius, davon wollten aber die morgenländischen Bischöft; 
nichts wissen, und da diese sich überhaupt einer abendländischen Ueber- 
macht von Anhängern des Athanasius gegenüber sahen, gaben sie vor, dass 
die Festlichkeiten zu Ehren des Sieges der kaiserlichen Waffen über die 
Perser sie nach Hause riefen; sie verliessen Sardica, fanden sich aber für 
etliche Tage in PhihppopoUs in Thracien zusammen und erliessen von da, als 
ob sie die ganze Synode vorstellten, ein Synodalschreibcn, worin die alten Be- 
schuldigungen gegen Athanasius wiederholt wurden. Auf einer neuen antio- 
chenischen Synode bekannten sie sich 344 in der sogenannten exd^effig fia- 
xQO(Ttixog (langzeihg) von neuem zu der Bestimmung der vierten antioche- 
nischen Formel, eben so auf der ersten Synode von Sirmium in Niederpan- 
nonien 351. An die Stelle der nicänischen Wesensgleichheit setzten sie aber 
die Wesensähnhchkeit , — darin lag eine gewisse Annäherung an das nicä- 
nische Symbol (Hahn, S. 155). Was die abendländischen Bischöfe betrifft, so 
trennten sie sich in Sardica nicht, ehe sie Athanasius aufs neue für unschul- 
dig erflärt und einige arianisch gesinnte Bischöfe des Abendlandes excommu- 
nicirt hatten, welche Beschlüsse durch Synodalschreiben der ganzen Kirche 
mitgetheilt wurden.- In einem eigenen Schreiben wurde die Gemeinde in 
Alexandrien ermahnt, im katholischen Glauben auszuharren — und in der 
Anhänglichkeit an ihren Bischof Athanasius. So war das Ende dieses neuen 
Unionsversuches eine grössere Trennung beider Theile der Kirche. Viele 
nicänisch gesinnte Bischöfe aus dem Morgenlande lebten in der Verbannung, 
ihre Gemeinden waren in Trauer versenkt. 

Constantius fühlte aber die Nothwendigkeit, den Riss nicht zu gross zu 
machen. Sein Bruder Constans lag ihm an, Athanasius und andere Bischöfe 
zurückzurufen; im Falle der Weigerung drohte er, ihn selbst wieder einzu- 
setzen. Ueberdiess flösste die Zahl der Bischöfe, die in Sardica sich für 
Athanasius ausgesprochen, dem Constantius unwillkürlich Achtung ein. Mehr 
und mehr kam es an den Tag, dass die Eusel)ianer gegen Athanasius und 
die nicänische Partei im Morgenlande lügenhafte Beschuldigungen vorge- 
bracht. Das Alles bewog den Kaiser nach dem Tode des Gregorius Atha- 
nasius zurückzurufen und einige andere Bischöfe (349). Indessen war dadurch 
Ruhe und Frieden nicht hergestellt. Der dogmatische Streit währte fort und 
hielt die Gemüther in Bewegung. Die Beschuldigung der Eusebianer, die- 
selbe, worauf auch Arius sich gegründet, dass die Annahme der Wesens- 
einheit zum SabelUanismus führe, schien damals eine Art von Bestätigung 
zu erhalten. Einer der eifrigsten Vertheidiger des nicänischen Glaubens, 



1) Nach Hefele 1, 15 ist dies die richtige Zeitbestimmung, nicht aber die bisherige. 



Die arianische Streitigkeit. Ö6Y 

der in Nicäa nebst Athanasius das meiste für Feststellung der Wesensein- 
heit gethan, machte sich der Läugnung des Unterschiedes zwischen den 
Personen der Trinität verdächtig. Es war Marc e Uns, Bischof von Ancyra 
in Galatien. Schon im Jahre 336 hatten sich die Eusebianer gegen ihn erklärt, 
ihn excommunicirt und abgesetzt. Im Abendlande dagegen fand er liebreiche Auf- 
nahme und wurde vom rinnischen Bischof so wie von der Synode zu Sardica für 
rechtgläubig erklärt. Er hatte für seine Ansichten Photinus, Bischof von 
Sirmium, gewonnen, der weiter gegangen als sein Meister; nachdem mehrere 
abendländische Synoden seine Lehre verworfen, entsetzte ihn die erste Sy- 
node von Sirmium 351 seines Amtes. Dess ungeachtet sahen die Eusebianer 
die Lehre des Photinus nur als folgerichtige Entwicklung der nicänischen 
Lehre an und bearbeiteten in diesem Sinne den Kaiser; sie fanden um 
so günstigeres Gehör, als sie sich ziendich kriechend benahmen, indess 
die Nicäner nothgedrungen eine Kampfstellung annahmen. Diesen traten 
auch politische Verhältnisse hindernd entgegen. Constans starb 350. Nach- 
dem der Usurpator Magnentius, der Constantius das Abendland streitig 
gemacht hatte , 353 besiegt, worden , war dieser fortan Beherrscher des gan- 
zen römischen Reiches. 

Da nahm er den Plan wieder auf, den Eusebianismus im ganzen Reiche 
zur Herrschaft zu bringen, — dazu angetrieben durch eusebianische Geist- 
liche, besonders durch Ursacius, Bischof von Singidunum in Moesien und 
Valens, Bischof von Mursa im Pontus, niederträchtige Menschen, welche 
den Kaiser vorwärts trieben und zugleich seinen Befehlen blindlings gehorch- 
ten ^). Ehe er es unternahm, Athanasius von seinem bischötiichen Sitze zu 
vertreiben, suchte er die abendländische Kirche dahin zu bringen, dass sie 
ihn als der bischötiichen Würde verlustig erklärte, mithin die Beschlüsse 
von Sardica aufhcibe. Zu diesem Zwecke wurden hauptsächhch von Ursacius 
und Valens neue, grundlose Beschuldigungen gegen ihn vorgebracht: er habe 
den seligen Kaiser Constans aufgestiftet, so dass er seinen Bruder mit Krieg 
bedrohte; er habe mit dem Usurpator Magnentius Verbindung gehabt. Auf 
die Bitten des römischen liischofs Liberius, der hoffte, dass eine Versamm- 
lung von Bischöfen mehr Muth zeigen würde, als die Bischöfe einzeln ge- 
nommen, berief der Kaiser nach Arelate (Arles) in GaUien eine neue Kir- 
chenversamndung im Jahre 353. Des Liberius wohlmeinende Berechnung 
bewies sich aber als uniichtig. Der in Person anwesende Kaiser brachte 
durch seine Drohungen die Biscli(">fe dahin, dass sie, selbst die päbstlichen 
Gesandten, die Verurtheilung des Athanasius unterschrieben, mit alleinigei 
Ausnahme des Bischofs Paulinus von Trier, der nach Phrygien verwiesen 
wurde und daselbst starb. Liberius, der sehr ungehalten war über den 
Abfall seiner Gesandten, forderte durch eine eigene Gesandtschaft vom Kai- 
ser Constantius eine neue Kirchenversammlung. Dieser berief sie im Jahre 355 
nach Mailand. Ungefähr dreihundert abendländische Bischöfe trafen daselbst 
ein, sehr wenige aus dem Morgenlande. Bald entspann sich ein lebhafter 



1) Sie waren früher dem nicänischen Bekenntnisse beigetreten und hatten die 
gegen Athanasius vorgebracliten Beschuldigungen zurückgenommen, Sokrates 2, 12. 



268 :2weite Periode des alten Katholicismus. 

Streit zwischen den zwei Parteien. Die einen forderten die Beistimmung zur 
Verurtheilung des Athanasius, die anderen die Unterschrift des nicänischen 
Bekenntnisses. Die meist nicäniscli gesinnten Einwohner von Mailand 
geriethen darüber in Unruhe; man fürchtete einen Tumult in der Kirche, 
wo die Bischöfe sich versammelten. Der Sicherheit wegen wurde die Ver- 
sammlung in den kaiserlichen Palast verlegt. Der Kaiser verlangte von deu 
Bischöfen die Zustimmung zu der Absetzung des Athanasius; wollten sie 
nicht einwilligen, so würden sie in die Verbannung geschickt werden. Sie 
hoben die Hände gegen den Himmel empor und baten den Kaiser, die 
kirchlichen Verhältnisse nicht zu zerrütten, die welthche römische Gewalt 
und die geistliche Verwaltung nicht unter einander zu vermengen. Ihre Bitten 
waren vergeblich, die meisten Bischöfe gaben zuletzt nach und unterschrie- 
ben die Verurtheilung des Athanasius; sie thaten es in dem Sinne, dass 
dadurch die einzige Bedingung, unter welcher die Herstellung des Friedens 
möglich war, erfüllt wurde, und trösteten sich damit, dass die Verurtheilung 
nicht die Lehre, sondern nur die Person des Mannes betraf. Die weni- 
gen, welche ihre Unterschrift verweigerten, mussten ins Exil wandeni; es 
befanden sich darunter die ausgezeichnetsten Geistlichen des Abendlandes. 
Lucifer, Bischof von Cagliari auf der Insel Sardinien, der sich in den vor- 
ausgehenden Verhandlungen zwar durch unerschrockene Freimüthigkeit, aber 
auch durch Unehrerbietigkeit ausgezeichnet hatte, kam nach Germanicia in 
Syrien, Eusebius von Vercelli nach Scythopolis, Dionysius von Mailand nach 
Kappadocien. Seine Stelle erhielt Auxentius, der kein Wort lateinisch ver- 
stand. Liberius von Eom, welcher der Synode niclit beigewohnt hatte, er- 
hielt die Aufforderung, sich den Beschlüssen derselben zu unterwerfen. Auf 
seine Weigerung wurde er gefangen genommen, und zuerst nach Macedonien, 
darauf nach Syrien verbannt. Der an das kaiserliche Hoflager berufene, 
beinahe hundertjährige Bischof Hosius von Corduba verweigerte seine Unter- 
schrift und durfte dennoch in sein Bisthum zurückkehren. Briefe und Ge- 
sandte sollten ihn umstimmen. Bei diesem Anlasse schrieb er an den Kaiser 
einen Brief solchen Inhalts, dass nur zu beklagen ist, dass er demselben gegen 
Ende seines Lebens nicht getreu geblieben. Er wurde damals nach Sirmium 
verbannt. Hilarius von Poitiers, durch Tiefsinn, Gelehrsamkeit so wie 
durch festen Charakter gleicherweise ausgezeichnet, sprach sich gegen Con- 
stantius ebenfalls mit aller Freimüthigkeit aus und erklärte sich insbesondere I 
gegen erzwungenen Gehorsam, gegen abgenöthigte Glaubensbekenntnisse. ! 
Angeklagt, dass er sich seines Ansehens bediene, um Aufruhr anzustiften, | 
wurde er nach Phrygien verwiesen, wo er sein Werk über die Dreieinigkeit \ 
schrieb. Noch andere Bischöfe wurden veitrieben , Bischof Paulus von Con- 
stantinopel sogar erwürgt, der nicänisch gesinnte Theil seiner Gemeinde 
durch Martern zum Abfalle vom Glauben gezwungen; dasselbe gescliah an 
anderen Orten. 

Doch das Alles war ungenügend, so lange Athanasius in Alexandrien 
verweilte. Während dem von allen Seiten die Gewitterwolken sicli um ihn 
sammelten, betrieb er mit rastlosem Eifer die geistliche Sorge für sein Bis- 
thum. Er war beschäftigt mit der Besetzung der Bisthums von Hermopolis; 
dem neuerwählten Bischof Drakontius, der sich in Betracht der gefahrvollen 



Die arianisclie Streitigkeit. 269 

Zeitumstände weigerte, die Wahl anzunehmen, sprach er Muth ein: ;,es 
geziemt dir nicht zu fliehen, jetzt ist die Zeit, deinen Eifer für Christum 
zu zeigen.^ Bald hatte er Anlass, mit seinem Beispiele dem Manne voran- 
zugehen. Kaiserhche Bevollmächtigte stellten sich in Alexandrien ein, sie 
befahlen dem commandirenden General, seine Pflicht zu thun, worauf dieser 
dem Athanasius befahl, die Stadt zu verlassen. Er versprach, dem Befehle 
Folge zu leisten, sobald man ihm den kaiserlichen Befehl eingehändigt ha- 
ben würde; denn er wollte sich darauf berufen können. Es wiu^de sein 
Begehren nicht erfüllt, aber Gemeinde und Klerus legten Fürbitte für ihren 
Bischof ein ; und so wurde damals der Sturm beschwichtigt. Aber schon 
nach zwanzig Tagen brach er los. Während eines Nachtgottesdienstes, da 
die Kirche gedrängt voll war, wurde sie von fünftausend Mann umstellt, die 
eingednmgenen Krieger näherten sich dem Hintergrunde der Kirche, wo 
Athanasius auf seinem bischöflichen Thron sass und den Gottesdienst leitete. 
Endlich musste er die Kirche verlassen, um nicht in die Hände der Solda- 
teska zu fallen. Er floh zuletzt bis nach Aethiopien. In seiner Verbannung 
schrieb er eine Apologie, worin er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen 
widerlegte. An seine Stelle kam Georgius — und so wurden auch an vielen 
anderen Orten die nicänisch gesinnten Bischöfe durch eusebianische ersetzt. 
Ueberall Unordnung, Aergerniss, auch grausame Behandlung der nicänisch 
Gesinnten. 

So hatten die Gegner des nicänischen Bekenntnisses die Oberhand ge- 
wonnen. Aber ihr Sieg gab auch das Zeichen zum Anfange ihrer Nieder- 
lage. So wie sie die gemeinsame Opposition gegen das nicänische Bekennt- 
niss nicht mehr zusammenhielt, traten ihre inneren Diflerenzen mehr hervor. 
Es zeigte sich eine kleine Partei der strengen Arianer, deren Häupter 
Aetius, eine Zeitlang Arzt in Antiochien, darauf Diakonus daselbst und in 
Alexandrien, Acacius, Bischof von Cäsarea in Palästina, ein Mann von 
schwankender Ueberzeugung , und Eunomins, eine Zeitlang Bischof von 
Cyzicum, zum Theil noch über Arius hinaus gingen, Anomoeer genannt, weil 
sie lehrten, der Sohn sei dem Vater dem Wesen nach unähnhch, auch Exuk- 
ontier, weil sie mit Arius lehrten, der Sohn sei e^ dvx ovtcov geschaffen 
worden. Ihnen stand entgegen die andere antinicänische Partei, die grosse 
Mehrzahl der Antinicäner, Homoeusiasten genannt, öfjioiovcnaa^ai, weil 
sie lehrten, der Sohn sei dem Vater ähnlich dem Wesen nach (xat' ovciav), 
Semiarianer, auch Macedonianer genannt. An ihrer Spitze standen Ba- 
silius, Bischof von Ancyra in Galatien, und Georgius, Bischof von Lao- 
dicea in Phrygien; zu ihnen hielt Kaiser Constantius. 

Eine Partei am Hofe wirkte ihnen entgegen, an deren Spitze die 
Bischöfe Ursacius und Valens standen. Sie stellten einen Kunstgriff an, um 
die Differenz zwischen den Anomoeern und den Semiarianern zu verdecken. 
Sie stellten nämlich dem Kaiser vor, alle die leidigen Streitigkeiten seien 
durch das Wort ovffia veranlasst worden. Werde dieses Wort beseitigt, so 
werde der Friede in die Kirche zurückkehren. Das Wort ovcm komme 
übrigens in der Schrift gar nicht vor; ohnedem überstiegen die Bestimmungen 
über das, was zum Wesen Gottes gehöre, die menschhche Erkenntniss. Auf 
der zweiten Synode von Sirmium, 357, wurde ein in diesem Sinne abgefasstes 



270 Zweite Periode des alten Katholicismua. 

Glaubenbekenntniss augenomiiien. Der ehrwürdige Ilosius Hess sich zur Un- 
terschrift desselben bewegen , ebenso Bischof Liberias von Rom , der sogar 
in einem Schreiben an Bischof Valens seine Zustimmung zur Verurtheilung 
des Athanasius bezeugte. 

Dagegen regte sich nun die semiarianische Partei. Basilius versam- 
melte 358 eine Synode in Ancyra, welche den semiarianischen Lehrbegriti 
in einem weitläufigen Synodalschreiben festsetzte (Ei)ii)hanius haereses 73, 
§. 2 — 11), die Formel der zweiten sirmischen Synode verwarf und dagegen 
die Formel der ersten sirmischen Synode aufstellte. Seitdem kam der Name 
Semiarianer für sie auf, die Benennung Homoeusiasten , ö^oiovtriaatai, 
bildet den Gegensatz gegen die Benennung der Nicäner, fhmiousiasten, 
6fjioov(Tia(Ttat. Als Constantius V(m diesen neuen Bewegungen hörte, be- 
schäftigte er sich aufs neue angelegentlichst damit, es wurde ihm klar, dass 
die zweite Synode von Sirmium die Anomoeer begünstige; daher liess er so- 
gleich in Sirmium selbst , seinem derzeitigen Aufenthaltsorte, eine Synode, di(^ 
dritte Synode von Sii'mium 358 halten, welche über die Formel der zweiten 
Synode von Sirmium hinausgieng und die Aehnlichkeit des Sohnes mit dem 
Vater xata navta aufstellte, somit sich der WesensähnUchkeit näherte, da 
man mit dem navxoL auch die ovaia sich denken konnte. Doch schloss 
dieselbe Synode den Ausdruck ovtJia als nicht in der Schrift enthalten 
förndich aus. Um Alles in Ordnung zu })ringen, beschloss der Kaiser die 
Berufung einer neuen ökumenischen Versamndung. Da aber die arianisiren- 
den Bischöfe eine solche zu fürchten hatten, so wirkten Ursacius und Valens 
dagegen. Sie brachten es dahin, dass die Orientalen in Seleucia in Isau- 
rien, die Occidentalen in Ariminum, dem heutigen Rimini, sich versannneln 
sollten. Sodann unterhandelten sie mit den Häuptern der semiarianischen 
Partei, die am Hofe von Sirmium anwesend waren über eine den beiden 
Concihen vorzulegende Formel; man vereinigte sich durch gegenseitige Con- 
cessionen zu dem Bekenntniss, der Sohn sei in allen Dingen dem 
Vater ähnlich, wie die heilige Schrift lehre. Man beredete den 
Kaiser, eine solche Formel werde beide Parteien zufrieden stellen. Mit vie- 
len Anstrengungen gelaug es, die meisten der auf beiden Concilien anwe- 
senden Bischöfe zur Annahme der genannten Fonnel zu bewegen 359, sie 
wurde durch ein Concil von Constantinopel 360 bestätigt. Nun aber gab es 
neuen Unfrieden, indem viele, welche unterschrieben hatten, von ihrer eige- 
nen Partei als Verräther der reinen Lehre verschrieen wurden. In der That 
war nicht nur der Homousianisnuis , sondern auch der Homoeusianismus be- 
seitigt und die vielen ])isherigen Streitigkeiten schienen in das kläglichste 
Resultat hinauszulaufen. 

Da starb Constantius 361. Er liess Alles in grossei' Verwirrung, wozu 
Ammianus Marcelhnus den Vorwurf hinzufügt, dass er das Postwesen (res 
vehicularia) des Reiches durch die vielen Reisen der Bischöfe, die auf 
Staatskosten geschahen, fast zu Grunde gerichtet habe. Julian liess alle 
Parteien frei gewähren und die vertriebenen Bischöfe zurückkehren (nur 
Athanasius nicht). Auch Jovian übte Duldung , ebenso -seine Nachfolger im 
Abendlande, Valentinian L, Gratian und Valentinian H., Valens dagegen, 
Kaiser des Orients, war eifriger Arianer und verfolgte Nicäner und Semiaria- 



Die arianische Streitigkeit und ihre Verzweigungen. 271 

ner. Unter diesen Umständen erwarb der nicänische Glaube im Orient mehr 
und mehr Anhänger. Der strenge Arianismus unter Valens führte sie , na- 
menthch aus den Reihen der semiarianischen, jenem zu. Die Mönche, von 
Athanasius begünstigt, wirkten auch in diesem Sinne. Mehrere kleinasia- 
tische Synoden erklärten sich für das nicänische Bekenntniss. Eine Gesandt- 
schaft derselben reiste im Jahre 368 nach Rom, um ihren Beitritt zu erklären. 
Die Nicäner, namentlich Athanasius sahen sie schon längst als Geistesge- 
nossen an, von denen sie nur durch einen Wortstreit getrennt seien. Es 
gab im Grunde jetzt nur noch zwei Parteien, die Homousiasten , nicänisch 
und athanasianisch , und die strengen Arianer, zu denen die arianisirenden 
Eusebianer, d. h. dieHomoeer übergingen. Jene Partei war zwar heftig ver- 
folgt von Kaiser Valens; aber ihre theologische Ueberlegenheit that sich mehr 
und mehr kund, seitdem die grossen kappadocischen Kirchenlehrer Basilius 
der Grosse, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa für das ni- 
cänische Bekenntniss eintraten, während im Abeudlande die Kaiser \lasselbe 
schützten. Unter diesen Umständen durfte sogar Athanasius nach Alexan- 
drien zurückkehren. So gross war die Achtung der dortigen Gemeinde gegen 
ihn, dass Valens bei längerer Verbanimng desselben einen Aufruhr befürch- 
tete. Der viel geprüfte Mann durfte von jetzt an Ruhe geniessen (f 373). 

Zu den bisherigen Streitfragen kam eine neue hinzu, betreffend das 
Verhältiiiss des heiligen Geistes zum Sohne und zum Vater. Viele Nicäner, 
Arianer und Semiarianer stinnnten anfangs darin überein, dass der heilige 
(ieist ein Geschöpf und Diener Gottes sei. Man berief sich auf Job. 1, 3. 
1 Kor. 8, 6. Athanasius war es, der diese Lehre zu bekämpfen anfing in 
der vierten Epistel an Serapion (358 — 360), darauf Gregor von Nazianz und 
Basilius Magnus. Die jener Ansicht anhingen , wurden nveviiatoiiaxoi ge- 
nannt, auch Macedonianer, v(m Macedonius, dem sendarianisch gesinnten 
Bischof von Constantin()i)el f c. 360. Später wurden die Ausdrücke Macedo- 
nianer und Semiarianer synonym. Zuletzt nändich war es nur noch die 
Lehre vom Geiste, welche die Semiarianer von den Nicänern trennte. Die 
Benennung Semiarianer hatte in anderer Beziehung ihre Bedeutung verloren. 
Seit 362 fing Apollinarius, Bischof von Laodicea, der jüngere, Sohn 
des Presbyters Apollinarius aus Laodicea, ein eifriger Vertheidiger des nicä- 
nischen Bekenntnisses und fruchtbarer Schriftsteller, die trinitarischen Resul- 
tate christologisch zu verarbeiten an, indem er die Ansicht aufstellte und zu 
begründen suchte, dass in Christo der vovq, das nvtv^a die Stelle der ver- 
nünftigen Seele vertreten habe. Er trat 375 aus der Gemeinschaft mit der 
katholischen Kirche und fing an, eine eigene Sekte zu bilden. Mit ihm, 
der 31)0 starb, begann der christologische Streit, wovon später die Rede 
sein wird. 

So standen die Dinge, als Theodosius zur Regierung gelangte 379. 
Selbst nicänisch gesinnt erfuhr er von dem nicänisch gesinnten Bischöfe Acho- 
tius von Thessalonich, der ihm damals die Taufe ertheilte, dass im Abend- 
lande das nicänische Bekenntniss, im Morgeidande das arianische oder aria- 
nisirende bei der Mehrzahl der Gläubigen die Oberhand habe. Noch in 
Thessalonich erliess er 380 ein Edict, wodurch der nicänische Glaube zum 



272 Zweite Periode des alten Katholicismns. 

Gesetz erhoben und die davon Abweichenden niit Strafen bedroht wurden. 
Indessen wurden diese Strafen nicht sogleich vollzogen, worüber ihm Gregor 
von Nazianz Lob ertheilte; und das sei das Rechte, nicht zu zwingen, son- 
dern zu überzeugen. Am Tage vor Weihnachten 380 kam Theodosius ui 
Constantinopel an und Hess sogleich dem Bischof Demophilus, dem Haupte 
der Arianer, die Frage vorlegen, entweder das nicänische Bekenntniss anzu- 
nehmen oder die Kirchen der Hauptstadt zu räumen. Demoi)hilus benahm 
sich in dieser Angelegenheit besser als manche Orthodoxe in ähnlichen Fällen. 
Er versammelte die Gemeinde und kündigte ihr an, mit Beziehung auf das 
Wort des Herrn: wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine 
andere, dass die Gemeinde sich fortan ausserhalb der Stadt versammeln 
werde. Ihre Sache gaben jedoch die Arianer noch nicht auf. Sie suchten 
durch Männer aus der Umgebung des Kaisers auf ihn einzuwirken. Schon 
war dieser geneigt, sich mit Eunomins, der sich in Chalcedon aufliielt, in eine 
Unterhaltung einzulassen, allein die orthodoxen Bischöfe in des Kaisers 
Umgebung verhinderten es. — An der Spitze der kleinen nicänisch- ge- 
sinnten Gemeinde stand Gregor von Nazianz (seit 379). Er sollte nun auf 
kaiserlichen Befehl aus der kleinen Kirche Anastasia r)ffentlich und feierlich in 
die Kirche der Apostel, damals die Ilaui)tkirche der Stadt, eingeführt wer- 
den. Es geschah unter grossem Zulauf der arianisch gesinnten Bevölkerung ; 
der Sicherheit wegen war die Apostelkirche militärisch besetzt. Der Kaiser 
selbst führte den Zug, ihm zur Seite Greg(u-, von Krankheit heimgesucht, 
mühsam sich fortschleppend, beide von Bewaffneten umgeben. Fortan war 
das nicänische Bekenntniss das herrschende. In der Freude über den erhal- 
tenen Sieg hatten die Versammelten nur noch einen Wunsch, den sie bald 
mit lautem Getümmel zu erkennen gaben, dass der Kaiser ihnen Gregor 
zum wirklichen Bischof gebe. Dieser aber konnte sich nicht entschliessen, 
das Bisthum anzunehmen. 

Theodosius, um die allgemeinen Angelegenheiten der Kirche vollends 
in das rechte Geleise zu bringen und auch über das Bisthum seiner Haupt- 
stadt feste Anordnungen zu treffen, berief auf das Frühjahr 381 eine Kirchen- 
versammlung nach Constantinopel, die als die zweite ökumenische Synode 
angesehen wurde, obschon die Zahl der berufenen Bischöfe eine verhältuiss* 
massig geringe war. Der Kaiser Hess nänüich die Einladung nur an 
solche ergehen, von denen er im Voraus wusste, dass sie sich zum nicä- 
nischen Glauben (ofioovciog ntcrtig) bekennen würden. Es stellten sich hun- 
dertundfünfzig ein, daher diese Synode auch die Synode der hundertund- 
fünfzig genannt wurde; es befanden sich darunter die ausgezeichnetsten 
Männer der morgenländischen Kirche, ^Meletius von Antiochien, Gregor von 
Nyssa, Amphilochius von Ikonium, Diodor von Tarsus, Cyrill von Jerusalem. 
Es wurden auch die Macedonianer eingeladen, sechsunddreissig derselben 
erschienen. Man bot vergeblich Alles auf, um sie zur Annahme des nicä- 
nischen Bekenntnisses zu bewegen, worauf sie sich wieder entfernten. Von 
abendländischen Bischöfen erschien keiner, wie denn die Synode ohne 
alle Intervention des römischen Bischofs berufen worden; es waren auch 
keine Abgesandte desselben anwesend, die an den Verhandlungen Theil 



Pie arianische Lehre. 273 

G^enommen hätten i). Meletius war eine Zeit lang Vorsteher der Synode, 
Meletius, der im Abendlande kaum als Bischof anerkannt war. Nach dem Tode 
desselben führte Gregor von Nazianz auf kurze Zeit das Präsidium der Synode. 
Eine der ersten Handhmgen der Versammlung war die Wahl Gregors zum 
i^ischof von Constantinopel. Er hatte aber kaum einigen seiner bischöflichen 
Pflichten obgelegen, als er um seine Entlassung bat. Er starb 389 oder 390. 
Darauf begannen die dogmatischen Verhandlungen. Im Symbol, das 
die Synode aufstellte (stjmbolum Nicaeno-Constantinopolitanum) , wurden die 
älteren Bestinnnungen von Nicäa beibehalten, nur nicht in derselben Aus- 
führlichkeit. Dagegen wurde ein neuer Passus, betreff'end den heihgen Geist, 
aufgenommen. Er wird genannt lo xvqiov nach 2 Kor. 3, 17, der lebendig- 
machende nach Joh. 6, 63, der vom Vater ausgehende nach Job. 15, 26. 
Der Ausdruck ofioovtriog wurde vom heihgen Geiste nicht gebraucht, weil 
diese Lehre noch viele Gegner hatte. Es kam hinzu eine Verdammung der 
entgegenstehenden Häresieen der Eunomianer, Arianer, Semiarianer oder 
Pneumatomachen. Sabellianer, Marcellianer, Photinianer und ApoUinaristen. 
Der Kaiser bestätigte diese Beschlüsse und gab nun mehrere Gesetze gegen 
die kirchlich verdanunten Häretiker. So war denn die Triuitätslehre in ihren 
Grundzügen kirchlich abgeschlossen, durch kirchliche und weltliche Autorität 
zum Siege gebracht, zunächst was das Morgenland betrifft. Im Abendlande liess 
Valentinian IIL auf Zureden seiner arianisch gesinnten Mutter Justina die 
Arianer noch eine Zeitlang gewähren. Doch durch Theodosius umgestimmt, 
verfolgte auch er die Arianer. Die letzten Spuren dieser Lehre unter den 
Völkern, die zum römischen Reiche gehörten, zeigte sich in Constantinopel 
unter dem Kaiser Anasta^ius (491 — 51 8 j. Unter den germanischen Völkern 
setzte der Arianisnms noch eine geraume Zeit sein Leben fort. 



Nähere Betrachtung der dogmatischen Momente der 
arianischen Streitigkeit. 

1) Die arianische Lehre 2). 

Arius ging aus vom Gegensatz gegen Sabellius und behauptete bis an 
sein Ende, dass die gegnerische Lehre uothweudig in Sabellianismus auslaufe.. 
Er lehnte sich in einigen Stücken an Origenes au, doch so, dass er, nur eine 
Seite der Lehre desselben hervorhebend, sie entstellte. Er trug seine Lehre 
nicht sogleich ganz entwickelt vor, indem er sich anfangs scheute, sie in alle 
ihre Consequenzen zu verfolgen. So nannte er im Anfange den Logos sogar 



1) Katholische Schriftsteller haben behauptet, dass der römische Bischof Damasus 
die Synode berufen habe und dass er durch seine Stellvertreter anwesend gewesen sei. 
Hefele 2, 3. 4 zeigt die Unrichtigkeit dieser Annahme. 

2) Quellen: 1) die Epistel des Arius an Euseb von Nikomedien bei Epiphanius; 
haeresis 69, Theodoret. bist, eccles. 1, 4. — 2) die Epistel des Arius an Bischof Alexan- 
der von Alexandrien, bei Epiphanius 69, bei Athanasius über die Synoden von Ariminum 
und Seleucia. — 3) die SaXfia, wovon Fragmente be^ Athanasius in den Reden gegen 
die Arianer. 

Herzog, Klrchengescbichte I. 18 



274 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

unveränderlich und unwandelbar i). — An die Spitze seiner Lehre setzt er, 
gleich wie Sabellius, den er sonst bekämpft, Gott als die absolute Causalität, 
so dass das ayappfjtop allein verdient, im vollen Sinne Gott genannt zu 
werden. Von da gelangt er zum Begriff der Weltschöpfung, die er durchaus 
als Akt der göttlichen Freiheit auffasst, als in keinerlei Weise aus Gott ausge- 
flossen. Die Schöpfung aber kann die unmittelbare Thätigkeit Gottes nicht 
ertragen, denn Gott an sich kann in keine unmittelbare Berührung mit dem 
Endlichen kommen; es geziemt sich auch für seine Würde nicht. Da er die 
Welt schaffen wollte, schuf er einen gewissen (iva ttva. Oratio 1, 5), um 
uns durch ihn zu erschaffen. Der Sohn ist der Künstler, der vom Vater das 
Schaffen gelernt hat. Insofern ist des Arius Lehre über den modernen Ra- 
tionalismus weit erhaben. Da die Welt durch den Sohn erschaffen wurde 
und seine Thätigkeit musste ertragen können, um von ihm erschaffen zu 
werden, so ist er nicht aus dem Wesen des Vaters, nicht wahrer Gott ; sonst 
hätte er sich nicht in unmittelbare Verbindung mit der Welt setzen könnet. 
Er ist daher mit allen Geschöpfen seiner Natur nach identisch, selbst ein 
Geschöpf, (xtiffig, noiri^a}. Sein Vorzug vor den übrigen Geschöpfen be- 
stand darin, dass diese durch ihn geschaffen wurden. Da er nun nicht aus 
dem Wesen Gottes noch aus einer vorhandenen Materie ist, weil diese ersl, 
durch ihn geschaffen worden, so ist er aus nichts (c? ovx ovxtov vnectri. 
Gr. 1, 9); er ist nicht von Ewigkeit; es gab eine Zeit, wo er nicht war {riv 
Tiote ote ovx riv. Gr. 1, 5); denn nur dem wahren Gotte kommt Ewigkeit 
zu. Nicht wahrer Gott, ist er seiner Natur nach beschränkt (Gr. 1, 6); er 
kennt Gott nicht genau (axQißcog); er kennt sein eigenes Wesen nicht. Er 
wird blos dem Namen nach (ovo^au) Logos und Weisheit genannt, aus 
Gnaden ixaqiti) Gott; er ist Gottes Adoptivsohn. Weil er nicht aus dem 
Wesen des Vaters ist, ist er seiner Natur nach veränderlich {tqenxog xai 
aXXoicoTog tfjv (pvaiv), als solcher seinem Wesen nach Gott fremde, {akXo- 
tQiog, ^evog). Durch seinen freien Willen (avte^ovffiov) bleibt er gut, so 
lauge er will. Da aber Gott vorher wusste, dass er gut sein und bleiben 
würde, gab er ihm auticipireud die Herrlichkeit, die er als Mensch wegen 
seiner Tugend nachher hatte. Seine Herrlichkeit ist also der Lohn seiner Ver- 
dienste, sein Wandel unter den Menschen seine Prüfungszeit. Er ist durch Theil- 
nahme an der Gottheit selbst Gott geworden ({letoxfi ^ccci^ avtog ed^eo- 
noiri&ri). 

Arius und die Seinen suchten diese Lehre aus der Schrift zu begi'ünden, 
und darin zeigt sich das christologische Moment und Interesse derselben. 
Aus Spruch Wörter 8, 22 nach der LXX: Er schuf mich (die Weisheit) am 
Anfang seiner Wege zu seinen Werken, folgerten sie, dass der Sohn einen 
Anfang gehabt, dass er geschaffen worden; aus Kol. 1, 15 {nQtorotoxog 
7icjc(Tfjg xTi(T€(og) , dass er, sofern er der erste der Schöpfung ist, zur Schöpfung 
gehört; aus Hbr. 1, 4, xgenrcop Ytro^ievog tcov ayysXcop, dass, weil er mit 
den Engeln verglichen werde, zwischen ihm und den Engeln nur ein grad- 
weiser Unterschied der Vollkommenheit statt finde, dass der Ausdruck y^po- 
fispog auf ein Geschöpf hindeute; aus Psalm 44, 7, dass Christus seine Würde 



1) so in der Epistel au Bischof Alexander. 



Das nicänische Symbol. 275 

in Folge seiner Tugend erhalten habe; dieses folgerten sie hauptsächlich aus 
Phil. 2, 6—11. Sie beriefen sich darauf, dass Christus das Prädicat ,,gut^^ 
von sich ablehne, da er sage: Gott allein ist gut, dass er auf die AUwissen- 
lieit verzichte Marc. 13, 32, auf die anerschaffene Heiligkeit Joh. 10, 36, 
auf die Allmacht, denn er vertreibe die Teufel nicht durch eigene Kraft, 
sondern durch Gottes Geist, Matth. 12, 28; seine Auferstehung sei nicht 
sein, sondern des Vaters Werk, 1 Kor. 15, 28. Er nenne ausdrücklich den 
Vater den allein wahren Gott, Joh. 17, 3. Er habe zugenommen an Alter 
und Weisheit, Luc. 2, 52 ; dieses Zunehmen bezog sich nicht auf seine mensch- 
liche Natur, sondern auf den Logos, der in ihm die Stelle des menschlichen 
Geistes vertrat. Ferner fragten sie: wie kann derjenige, der sich von Gott 
verlassen fühlt (Matth. 27, 46) mit Gott eins sein? Paulus nennt ihn 1 Kor. 
1, 24 aotpia und dwaniq ^eov ohne Artikel, mithin nicht absolute Weisheit 
und Kraft Gottes. Er ist eine von den Weisheiten und Kräften, die Gott 
geschaften hat, — wie auch die Heuschrecken (Joel 2, 25) eine grosse Kraft 
Gottes genannt werden. Die Stellen, worin von der Einheit des Vaters und des 
Sohnes die Rede ist, bezogen die Arianer auf die Willenseinheit, Joh. 14, 10: 
ich und der Vater sind eins. Der Sohn ist im Vater, gemäss dem Worte: 
in ihm leben, weben und sind wir, Apostelgesch. 17, 28. Jesus sagt: er sei 
im Vater und der Vater in ihm, weil er seine Lehre nicht als die seinige 
betrachtete — nach dem Arianer Asterius. — Durch gewisse Fragen suchten 
die Arianer die Leute in Verlegenheit zu bringen: Er, der da war, hat er 
den, der da war, oder der nicht war, geschaften ? Gibt es ein oder zwei 
ungeborne, ungeschaffeue Wesen? Und die Weiber fragten sie: hattest du 
einen Sohn, bevor du ihn geboren hattest? Es ist offenbar, dass Arius und 
seine Anhänger, indem sie den Sabellius bekämpfen, auf ein entgegengesetztes 
Extrem gerathen und der Schrift zum Theil Gewalt anthun. Der Logos 
Weltschöpfer nach arianischer Lehre erinnert zum Theil an den gnostischen 
Demiurg. Es fehlt der wirklich sich offenbarende und sich mittheilende Gott, 
und im Christeuthum ist die absolute Religion nicht gegeben, die Versöhnung 
der Menschheit mit Gott nicht vollzogen. Auf der anderen Seite ergaben 
sich aus den von Arius 'angeführten Bibelstellen, betreffend die menschliche 
Natur und Knechtsgestalt des Erlösers, Schwierigkeiten, die irgendwie gelöst 
werden raussten, wenn nicht die arianische Lehre oder wenigstens eine sich 
ihr sehr annähernde am Ende doch die Oberhand erhalten sollte. 

2) Die Synode von Nicäa 325 und das nicänische Symbol. 

Es kam zunächst darauf an, die Gottheit des Sohnes festzustellen. Das 
geschah in Nicäa, und zwar nur in der allgemeinsten Fassung, denn so viele da- 
mit in Verbindung stehende Punkte konnten nicht erläutert werden. Nach eini- 
gen Verhandlungen wurde ein Symbol (rj niatig, to fia^r}[ia xmv ev Nixatcc) 
angenommen, dem das morgenländische Taufbekenntniss zu Grunde lag, wel- 
chem nun die Ausdrücke betreffend die Gottheit des Sohnes und am Schlüsse 
einige Antithesen beigefügt wurden ^). Der Arianer Georgius hatte zuge- 



1) Bei Athanasius de decretis'^synodi Nicaenae (Thilo I. p. 84), bei Theodoret. H- 
E. 1, 12, bei Hahn, Bibliothek der Symbole, S. 105. Münscher-Coeln I. 207. 

18* 



276 Zweite Periode des alten Katholicismiis. 

geben, der Sohn könne ex tov &eov seiend genannt werden, wie alles aus 
Gott ist ; daher die Bestimmung ex trjg ovffiag tov ^eov ; diese Bestimmung 
sollte auch den Irrthum ausschliessen, dass der Sohn ein Theil des Vatei*s 
sei. Der Ausdruck ofioovfTiog war schon längst von den Gnostikern gebraucht, 
vielleicht erfunden worden, in dem Sinne, dass mehrere Einzelwesen an einer 
ovffta gemeinsam Theil nehmen; so bei den Valentinianern nach Irenäus 1, 
5. 1. — Angewendet auf trinitarische Verhältnisse wurde der Ausdruck zum 
ersten Male im Schriften Wechsel zwischen den beiden Dionyse, dem Bischof 
von Alexandrien und dem Bischof von Rom <). In Nicäa wurde der Ausdruck 
von Bischof Alexander empfohlen, von Athanasius vertheidigt, um das festzu- 
stellen, dass der Sohn seinem göttlichen Wesen nach keine Aehnlichkeit mit 
den Geschöpfen habe, dass er allein dem Vater in allen Dingen öfiotog sei, 
dass er aus keiner andern ovcria oder vnoaxaaig sei, insofern auch ungleich- 
artige Dinge einander ähnlich sein können, wie Silber und Zinn. Es sollte 
gezeigt werden, dass der Sohn eine andre Aehnlichkeit habe als wir, die wir 
sie dui'ch Tugend erlangen. Die Arianer gaben auch die Ewigkeit, das aei 
des Sohnes zu nach 2 Kor. 4, 11 — ,,denn wir werden immerdar (aei) in den 
Tod gegeben.^ Sie gaben dem Sohne das Prädicat unveränderlich, da Paulus 
sagt Rom. 8, 35: nichts trennt uns von der Liebe Gottes, wir also auch un- 
veränderlich werden. So sollte denn die wahre Aehnlichkeit des Sohnes mit 
dem Vater, seine Ewigkeit und Unveränderlichkeit, sein Sein in Gott durch 
den Ausdruck ofAoovcriog festgestellt werden. Der betreffende Passus im 
nicänischen Symbol lautet so: wir glauben ... an Einen Herrn Jesum Chri- 
stum, den Sohn Gottes, gezeugt aus dem Vater als Eingebornen, Gott aus 
Gott, Licht aus Licht, wahren Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht ge- 
schaffen, gleichen Wesens mit dem Vater, ofioovaiop tto natgi, durch den 
Alles geworden u. s. w. Diejenigen aber, die da sagen: es gab einen Mo- 
ment, wo er nicht war, und ehe er gezeugt w^orden, war er nicht, oder die 
behaupten, dass er aus dem Nichtseienden (e? ovx ovttov) geworden, oder 
er sei geschaffen, veränderlich {xQeTctov) oder wandelbar [aUomtov), 
belegt die Katholische Kirche mit dem Banne. 

3) Der Lehrbegriff des Athanasius. 

Der Ausbruch des arianischen Streites fand den Diakon Athanasius 
schon gehörig vorbereitet, wie die zwei von ihm fi'üher herausgegebenen 
Schriften es beweisen, der Xoyog xata "EXkfjpojv und negi €vav»QMnr](T€(og tov 
loyov. Er scheint aber sich mehr dem Sabellius als der Theorie von der 
Subordination zu nähern. Es ist ihm mehr um die volle Gottheit des Sohnes, 
als um dessen Unterscheidung vom Vater zu thun. Währeiwl des Streites 
erhielten seine Ideen eine wesentliche Fortbildung. Die Hauptcpielle sind die 
vier Reden gegen die Arianer, die nicht gehalten worden sind; daran reihen 
sich einige andere Schriften, eine kurze Darlegung des Glaubens, ex^Eüig 
m(Tt€(og, eine bald nach Schluss der nicänischen Synode geschriebene Epistel 

1) Marcellus von Ancyra, von Zahn S, 12. 



Der Lehrbegriif des Athanasius. 277 

Über die nicänischen Decrete, eine andere über die Lehre des Dionysius von 
Alexandrien, sodann noch vier Episteln gegen Serapion. 

Athanasius gibt eine Kritik der Grundanschauungen des aria- 
nischen Lehrbegriffes. Er bezeichnet ihn im Ganzen als eine Neue- 
rung, worin er insofern Recht hat, als keiner der vornicänischeu Väter ge- 
lehrt hatte, dass der Sohn aus nichts hervorgegangen, dass er anderen We- 
sens sei als der Vater. Sodann tadelt Athanasius den Ausgangspunkt des 
arianischen Lehrbegriffes, wonach nicht gefragt wird, wie ist Christus, ob- 
gleich Gott, Mensch geworden? sondern wie ist er Gott, obgleich Mensch? 
Er meint, weil die Arianer von der Menschheit ausgehen, gelangen 
sie nicht bis zur Gottheit, diese könne wohl begriffen werden als 
Princip ihrer selbst und der Menschheit, diese letzte aber weder als Prin- 
cip ihrer selbst noch als Princip der Gottheit, und doch ist diess gerade 
die Ursache, w^arum es den Nicänern so schwer wurde, zum vollen Be- 
griff der Menschheit Christi zu gelangen. Ferner bekämpft Athanasius den 
Satz, dass die Welt Gottes unmittelbares Wirken nicht vertragen kann. Mit 
Recht erwidert Athanasius, wenn es sich so verhält, was nützt es, einen Sohn 
zu setzen, der die Welt schaffen und doch selbst ein Geschöpf sein soll? 
Kann der Sohn, der ein Geschöpf ist, Gottes Wirken ertragen, so kann es 
gewiss auch die Welt. Wenn es Gottes nicht unwürdig ist, selbst um die 
Haare auf unserm Haupte, um die Sperlinge auf dem Dache zu wissen, so 
war es seiner auch nicht unwürdig, uns zu erschaffen. Kann aber die Welt 
Gottes unmittelbares Wirken nicht vertragen, so kann es auch der Sohn 
nicht, sondern es ist für ihn ein Mittler nöthig, für diesen wieder einer und 
so fort ; so wird kein Geschöpf existiren können, weil es immer eines Mittlers 
bedarf und jeder Mittler wieder einen Mittler für sich selbst erheischt. — 
Soll der Sohn uns mit Gott in Verbindung bringen, so muss er selbst Gegen- 
stand des Glaubens sein. Nun aber kann ein Geschöpf nicht Gegenstand des 
Glaubens sein, dessen wesenthcher Inhalt das Göttliche ist. Hat aber unser 
Glaube neben Gott noch ein Geschöpf zum Inhalte, so erhalten wir zwei 
Götter, einen unerschaffenen und einen geschaffenen, zwei Glauben, den einen 
an den wahren Gott, den audeni an den geschaffenen Gott. Sofern nun die 
Arianer zugaben, dass Christus Gott genannt werde, so erscheint der Aria- 
nismus allerdings als eine Art Erneuerung des alten Polytheismus. So sieht 
auch Ritter die Sache an. Wiederum, wenn der Sohn ein Geschöpf ist, 
so bleibt der Mensch im Tode, weil mit Gott nicht vereinigt. Denn ein Ge- 
schöpf kann die Geschöpfe nicht mit Gott verbinden, da es selbst des Ver- 
einigenden bedarf ^). 

So zeigt Athanasius, dass die ganze Erlösung am Glauben an die Gott- 
heit des Sohnes hängt. Wir sollen Gottes Kinder werden. Dazu kann uns 
nur der machen, der wii'klich Sohn Gottes ist; unsere adoptive Sohnschaft 
setzt in Christo die wirkliche als ihre Ursache voraus. — Vom Fluche, der 
auf uns lastet, und der unsere Verbindung mit Gott hindert, können wir nur 
durch Gott selbst befreit werden ; Gott muss uns durch sich mit sich versöhnen. 



1) Or. 2, 69, ov yttQ xTiff/un Cvyjjnre rn xriü^ara t(o &i(o ^rjiovv xat avTO 

10V GVVttTTTOVJa. 



278 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

Wenn der Mensch soll vergöttlicht werden (^€07ioiei(T&at), so kann es nur durch 
Gott geschehen. Der Mensch soll in die göttliche Ebenbildlichkeit eingeführt 
werden; das ist nur durch das Urbild möglich, nach dessen Aehnlichkeit wir 
von Anfang geschaffen sind. Derjenige, der Gott nur Unvollkommen erkennt, 
kann uns Gott nicht vollkommen offenbaren. Bei dem Arianismus kommt es 
zuletzt darauf hinaus, dass Christus blos Lehrer und noch dazu ein unge- 
nügender Lehrer ist; er soll uns die Sündenvergebung blos ankündigen, dm 
durch ein Machtgebot Gottes geschehen; wir bedürfen aber der wirklichen 
Erlösung durch unsere Verbindung mit Gott. 

Die arianische Formel: '^v no%e oze ovx riv unterzieht Athanasius 
einer scharfen Kritik (Or. 1, 11); sie sei absichtlich unbestimmt, um die 
Einfältigen zu hintergehen. Es können grammatisch der Vater oder der 
Sohn oder die Zeit als Subjekt des Hauptsatzes riv noxe ergänzt werden. Der 
Vater könne es nicht sein, da man von ihm nicht sagen könne riv no%e\ der 
Sohn könne ebensowenig Subjekt sein. Es wäre ein Widerspruch zu sagen, 
der Sohn sei einst gewesen, als er nicht w^ar. Somit bleibe nur die dritte 
Ergänzung: es war eine Zeit, wo der Sohn nicht war; das sei falsch. Wenn 
der Sohn die Zeiten selbst erschaffen (Hebr. 1, 3), so fällt er nicht selbst in 
die Zeit; jene Formel besage also: es war eine Zeit, wo der Ewige nicht 
war. Dass aber der Sohn ewig ist, wie der Vater, ergibt sich daraus, dass 
er Bild, Abglanz des Vaters ist. Denn, wann hat Gott angefangen, sich selbst 
in dem Sohne als in seinem Bilde anzuschauen ? und wie sollte der Vater 
sich in einem endlichen Wesen anschauen können V Ist der Sohn ein Geschöpf, 
so ist er gewiss nicht das Bild des Vaters. Die arianische Milderung dieser 
Formel: der Sohn sei ein Geschöpf, aber nicht wie die übrigen, findet Atha- 
nasius betrügerisch, als wenn überhaupt ein Geschöpf wie das andere wäre. 
Ist nun auch der Sohn herrlicher als andere Geschöpfe, so ist und bleibt er 
doch Geschöpf. Auch ein Stern ist herrlicher als ein anderer; aber des- 
wegen kann mau nicht sagen, dass der eine Stern Herr sei, der andere Diener. 

Es war aber auch eine Widerlegung der biblischen Einwürfe 
der A rianer nöthig. Doch darin gibt sich Athanasius manche Blossen; 
wir sehen ab von der Stelle Sprüchw. 8, 23—25, welche, wie bevorwortet, 
die Arianer auf den Sohn bezogen, um dessen Ewigkeit zu bekämpfen, wäh- 
rend Athanasius sie so wendet, dass er darin die Ewigkeit des Sohnes ange- 
zeigt findet, ~ beides ist ohne Grund. Treffend aber weist er die arianische 
Erklärung derselben Stellen ab, worin von der Einigung des Vaters und des 
Sohnes die Rede ist. Vater und Sohn sind eins durch Gemeinschaft der 
Natur und diess begründet Gemeinschaft der Gesinnung, des Willens. Zu 
der Stelle Matth. 11, 27 bemerkt er ganz richtig, dass, wenn Christus nur 
ein Theil des All wäre, das ihm hier übergeben wird, er nicht der Erbe 
des All sein könnte. Ebenso richtig bemerkt er zu der Stelle Hebr. 1, 4, 
dass aus dem yeronepog (niedriger als die Engel) kein Gewordensein abzu- 
leiten sei. Es wäre derselbe Irrthum, als ob man aus den Worten Psalm 9, 10: 
du bist meine Zuflucht geworden, schliessen wollte, dass Gott geworden sei. 
Hingegen in die Stelle Philipper 2, 6 kann er sich gar nicht finden, weil sie 
zu stark die Subordination des Sohnes unter den Vater aussagt, zu deutlich 
der wesentlichen Gleichstellung vom Vater und Sohn widerspricht: Die er-' 



Der Lelirbegriff des Ättanasius. 070 

höhte Menschheit Christi, wovon die Rede ist, ist ihm auch die gesammte Mensch- 
heit. Der Name über alle Namen, den er erhalten, ist der Name Sohn 
Gottes, den alle erhalten, die an ihn glauben. Christus in seiner vergöttlich- 
ten Menschheit ist als derjenige dargestellt, in welchem alle Erlösten ent- 
halten sind, nach Analogie von Apostelgesch. 9, 4, wo der Herr den Verfolger 
der Christen mit den Worten anredet: Saul, warum verfolgst du mich? 
Or. 1, 40 ff. Aehnlich steht es mit der Erklärung der Worte: warum hast 
du mich verlassen? diese Worte spricht Jesus aus unserer Rolle heraus 
(ex nQoaooTvov ^fietSQov). Denn er selber ist eins mit dem Vater. Er rief 
aber jene Worte aus , weil er die Strafen, die uns gebührten, auf sich ge- 
nommen. So machen dem Athanasius auch die Worte: Zeit und Stunde des 
Gerichts weiss nur der Vater, keine Schwierigkeit. Der die Zeiten geschaffen 
hat, wie sollte der das Ende der Zeiten nicht wissen? Er wusste es als Sohn 
Gottes, aber nicht als Mensch. Er sagte es nicht, um uns in der Wachsam- 
keit zu erhalten. Besser steht es mit der Auslegung der Worte: ;, warum 
nennest du mich gut? Niemand ist gut, als der einige Gott^. Jesus spricht 
so nach der Vorstellung jenes Jünglings. Er will sagen, dass das Gutsein 
nur Gott, nicht dem Menschen zukomme. Aus dem Zusammenhange ergibt 
sich aber, dass Jesus das Gutsein faktisch von sich ausgesagt, indem er un- 
bedingte Nachfolge seiner verlangt, was nur unter der Voraussetzung zulässig 
ist, dass er gut sei. Am besten spricht sich Athanasius aus über die Worte : 
^er nahm zu an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen^^ Wie 
sich das Menschliche in Christo immer mehr durch das einwohnende Gött- 
liche entwickelt und das Göttliche habe durchscheinen lassen, so habe sich 
hiemit die Gottheit immer mehr geoffenbait. Nach und nach sei der Mensch 
in Christo ganz vergöttlicht und das Organ geworden, durch welches die Gott- 
heit sich ganz habe offenbaren können. 

Athanasius suchte auch die arianischen Einwürfe gegen die 
nicänische Lehre zu widerlegen. Von diesen Einwürfen war der gewich- 
tigste dieser, dass Gott als die absolute Causahtät wesenthch ein ayevprjtov 
sei, dass also alles, was an der ayevpijffia nicht Theil habe, nicht Gott sei. 
Im Gegensatz dagegen erläutert Athanasius den Begriff der Zeugung, wovon 
er alle sinnlichen Vorstellungen streng ausscheidet und ihn definirt als Je- 
manden seiner Natur und seines Wesens theilhaftig machen. Daran schliesst 
sich der Satz, dass das Gezeugtsein des Sohnes seine Ewigkeit nicht aus- 
schliesst. Sowie es zum Wesen des Lichtes gehört, zu leuchten, so wie nie- 
mals ein Licht ist ohne Abstrahhiug (anav/afffjka), so ist auch der Vater nie 
ohne den Sohn. Es gehört zum Wesen Gottes, Vater zu sein. Damit ist der 
Sohn selbst in das Wesen des Vaters versetzt. Die Wirkung hat aufgehört, 
der Ursache selbständig gegenüber zu stehen. Damit fällt nun auch dieses 
weg, dass es zur Erzeugung des Sohnes eines besonderen göttlichen Willens- 
aktes bedui'fte ; daher in dieser Beziehung der Satz aufgestellt wird, dass der 
Sohn nicht durch den Willen des Vaters sei ^), was bei Athanasius den Sinn 
hat, dass die Zeugung des Sohnes ewig ist, dass das Wesen Gottes ohne den 



1) Or. 2, 29, To ytrvjjfAtt ov ßovXi]Get vnoxftrat aXka Tt]S ovümg (ffny 



280 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

Sohn nicht vollständig gedacht werden kann, so dass dieser nicht mehr etwas 
zu Gottes Wesen äusserhch Hinzukommendes ist, — wie im Arianisnms. Die 
Arianer machten dagegen geltend, dass, wenn die Zeugung des Sohnes nicht 
ein Akt des götthchen Willens sei, Gott unter dem Zwange gestanden, — 
was einer deductio ad absurdum gleich kam. — Sei aber die Erzeugung des 
Sohnes von Seiten Gottes freiwillig erfolgt, so sei der Sohn ein Geschöpf und 
nicht zu des Vaters Wesen gehörig. Athanasius erwidert: ^^Reden die 
Arianer von Zwang, weil der Sohn nicht auch nach einem Willensentschluss 
gezeugt sein kann, so mögen sie dasselbe auch von Anderem, was zu Gottes 
Wesen gehört, sagen, z. B. von seinen Eigenschaften. Besinnt sich Gott etwa 
auch, ob er gut sein will ?" fragt Athanasius. Hierin gibt er sich übrigens eim^ 
Blosse. Denn der Sohn als eine besondere Hypostase der Gottheit gedacht is': 
eben nicht einer Eigenschaft Gottes gleich zu stellen. Will man diess thun, 
so verfällt man in einen dem sabeUianischen verwandten Irrthum. Was aber 
die Freiheit betrifft, so fragt Athanasius mit Recht: ;, besteht sie nur in dei 
Möghchkeit der Wahl, im Anderskönnen? Nein, höher als die Wahl steht 
die gute Natur^^. Die Arianer, fügt er hinzu, sehen nur das, was der Frei- 
heit entgegen steht; das Grössere aber und darüber hinausliegende, das 
durch die Natur Gegebene (to aaxa (pvcriv) sehen sie nicht. Der Sohn ist 
also Sohn vermöge einer Naturnothweudigkeit, die aber nicht über Gott, son- 
dern in Gott hegt und sich mit Gottes Freiheit deckt. So ist also der Vater 
nie ohne den Sohn gewesen, weil der Sohn sein Eigenes ist. Sagt man nun, 
er sei einst nicht gewesen, so wird der Vollkommenheit des Vaters etwas 
entzogen. War der Sohn einmal nicht, so war in Gott nicht ewig die Wahr- 
heit; denn der Sohn sagt: ich bin die Wahrheit. Das Ebenbild Gottes ist 
nicht ein Gemaltes von aussen, sondern Gott selbst ist dessen Erzeuger, und 
sich selbst darin beschauend freut er sich daran ^'. Immerhin gibt es nur 
H^a aQXTj, und diese ist der Vater; in ihm, nicht in sich selbst hat der dem 
Vater wesensgleiche Sohn den Grund seines Wesens; daher der Vater xat* 
i^oxrjp 6 d^sog heisst, avtog 6 ^€0g, der sich selbst genug ist (avtaQxrig). 
Aber vom Sohn gilt Alles, w^as vom Vater gilt, mit alleiniger Ausnahme des 
Vaternamens (Or. 3, 4). Sonst könnte es nicht heissen: wer den Sohn 
sieht, der sieht den Vater. Eben deswegen, weil der Sohn gleichen Wesens i 
ist mit dem Vater, hat der Sohn die von Origenes behauptete hypostatische | 
Selbständigkeit, daher ovfficodrjg loyog^ ovamdrjg aotpia genannt (Or. c. A. 4, 1). \ 
So sucht Athanasius die Gottheit des Logos, die hypostatische Selbständig- 
keit desselben und auch den Monotheismus mit einander zu vereinigen. Er 
weist die Alternative ab, welche die Arianer aufstellten, dass der Logos ent- 
weder Gott von Art, aber ohne eigene Hypostase, oder eine besondere Hypo- 
stase, aber ohne wirkUche Gottheit sein müsse. 

4) Vermittelnde Richtungen. Eusebianer und Semiarianer. 

Es war vorauszusehen, dass sich eine Ansicht bilden würde, welche 
zwischen den beiden sich schroff entgegenstehenden Lehrformen die Mitte 
halten würde. Der nicänische Glaube schien an sich und in der All, wie 
Athanasius ihn handhabte, zum Sabellianismus zu führen und einigen Aus- 



Dusefeianer und Semiarianei". 2Ö1 

sagen der Schrift nicht gerecht zu werden, ja sogar zu widersprechen. Auf 
der anderen Seite verletzte der Arianismus das christliche Bewusstsein zu 
sehr, als dass er allgemeine Geltung hätte finden können. So entstand eine 
vermittelnde Partei, die sich aber im Verlaufe der Streitigkeit in zwei ab- 
zweigte, je nach der grösseren Annäherung an Arius oder an Athanasius. 

Zunächst begegnet uns hier Euseb von Cäsarea, mit Unrecht von eini- 
gen, so z. B. von Hieronymus, zu den Arianern gerechnet, auch nicht, wie 
Einige wollten, zur nicänischen Orthodoxie gehörig; sondern sein Lehrbegriff" 
hat eine schillernde Gestalt, ein Spiegel der unaufgelösten Aufgaben der 
Kirche jener Zeit, wie Dorner sagt. 

Euseb schliesst sich vor allem an die Logoslehre des Origenes an; aus 
Furcht vor dem Sabellianismus nähert er sich dem Arianismus. Er liebte 
nicht dogmatische Bestimmtheit, er drang auf den Gebrauch bibüscher Aus- 
drücke, er hatte eine Scheu vor der Metaphysik der sich bildenden trinita- 
rischen Schulsprache. Er unterschrieb in Nicäa zuletzt doch das nicänische 
Symbol, indem er den Ausdruck o^oovciog in dem Sinne auflasste, dass er 
den Sohn als d[ioiov xata navxa natqt darstelle. 

Davon ausgehend, dass es nur Ein absolutes Princip, ^iia aqxri^ ev 
aidiov. Einen ayeppriTog gebe, setzt er den Sohn als Bild [etxüov) der unge- 
wordenen ovaia des Vaters, wodurch dem SabelHus gegenüber die hyposta- 
tische Unterschiedenheit, dem Athanasius gegenüber die blosse Abbildhchkeit 
anstatt der Wesensgleichheit, dem Arius gegenüber die beiderseitige Gott- 
heit ausgedrückt werden sollte. Was nun die Zeugung des Sohnes betrifft, 
so lag die Nothwendigkeit derselben nicht im Begriffe der Gottheit, da der 
Vater diesen Begriff" schon an und für sich verwirkhcht, sondern der Ur- 
sprung des Sohnes steht im Causalnexus mit dem Dasein der Welt; diese 
bedurfte eines Hauptes; der Vater konnte es nicht sein, weil seine Gottheit 
für die Natur des Erschaffenen zerstörend wäre. Daher Gott, als er die 
Welt schaffen wollte, aus sich, vermöge seines Willens den Sohn erzeugte, 
der eine Art Mittelwesen zwischen Gott und den Geschöpfen war, zugleich 
das persönUche, schöpferische Princip der Welt. Da aber erst mit der Welt 
die Zeit gesetzt ist, so folgt, dass er nicht erst in der Zeit gezeugt ist, son- 
dern er ist vor allen Aeonen gezeugt, insofern ohne zeitlichen Anlang 
{avagxog). Euseb spricht zwar nicht von einer ewigen Zeugung des Sohnes 
wie Origenes, aber er kommt nahe an diesen Gedanken. Er ist aus des 
Vaters ovaia hervorgegangen. Euseb ertheilt nun dem Sohne die erhaben- 
sten Prädicate ; aber inmier hält er fest, dass der Sohn im Vater den Grund 
seines Daseins habe, daher ist der Sohn nicht gleicher Würde mit dem Vater. 
Er ist ihm untergeordnet und unterworfen. Deutlich ist das Bestreben, die 
Subordination mit der Annahme der Gottheit des Sohnes zu vereinbaren. 

Euseb ianer {ol neqt Evceßiov häufig bei Athanasius), von Euseb, 
Bischof von Nikomedien so genannt, hiessen zunächst alle diejenigen, welche 
das nicänische oiioovaiov und die specifisch arianischen Bestimmungen ver- 
warfen. Doch schlössen sich sogleich manche arianisch Gesinnte dieser Rich- 
tung an; denn sie koimten zugeben, dass der Logos €x &eov sei, wie es 
1 Kor. 11, 12 heisse. Alles sei aus Gott. Zunächst kommen hier in Betracht 
vier auf der Synode von Autiochia 341 aulgestellte Formeln. Es wird darin 



282 Zweite Periode des alten ;fcatiiolicisraüä. 

gesagt, dass man weder dem Arius folge, noch sonst irgend eine Neuerung 
im Glauben vornehme. Vom Sohne Gottes wird ausgesagt, dass er tiqo 
navtMv tcdv amvoav mit dem Vater war, der ihn gezeugt; er wird genannt 
liovoyEvriq &€og^ durch welchen Alles geworden, gezeugt aus dem Vater 
(nicht €x trjg ovcnag tov rcaxQog) , &eog €x ^eov ^ Xoyog Iwp , aocpia Ewffcc, . 
atqemog ytai avaXlomxog , vollkommenes Ebenbild der Gottheit, des We- 
sens und des Käthes, der Kraft und Herrlichkeit des Vaters. Folgt Ana- 
thema über diejenigen, die da sagen, es habe eine Zeit gegeben, wo der 
Sohn gezeugt wurde, die ihn xtt(T[jia aSg kv tatv xTi(7{jbaroov, yevvrina big kv 
X. t. L noiriiia «g x. t. L nennen, Anathema über diejenigen, welche sagen, 
er sei e^ kteqag vnoatacemg und nicht ex ^eov. Dieselben Bestimmungen 
wurden wiederholt von der zweiten Synode von Antiochien 345 in der for- 
mula fiaxQO(TTixog , wobei aber zugleich der Gegensatz gegen Athanasius 
deutlicher hervorgehoben wird; so wird der Satz verworfen, dass der Vater 
den Sohn nicht mit Willen, sondern gezwungen zeugte, sodann wird gesagt, 
er sei geschaffen nach Sprüchw. 8, 22, und er sei dem Vater unterworfen. 
Wiederholt ist diese Formel in derjenigen der Synode von Philippopolis , und 
in derjenigen der ersten Synode von Sirmium. 

Die Semiarianer, die ihren zu Ancyra 358 ausgesprochenen Grund- 
sätzen treu blieben, die Wesensähnlichkeit festhielten, das ö^oov(7iop nur 
im Sinne von tavxovaog, sowie die Wesensunähnlichkeit verwarfen; diese 
Semiarianer, welche also sich mehr dem nicänischen Glauben zuneigten, als 
die anderen Eusebianer, sie wurden, wie das so zu geschehen pflegt, von 
beiden Richtungen, die sie vermitteln wollten, bekämpft. Athanasius hielt 
ihnen entgegen, dass von Aehnlichkeit nur in Beziehung auf Eigenschaften die 
Rede sein könne, nicht aber so weit sie das Wesen betrifll; dieses sei ent- 
weder dasselbe oder nicht. Die Arianer machten gegen sie geltend, dass, 
wenn das Wesen des Vaters das Ungezeugtsein sei, das Wesen des Sohnes, 
als des gezeugten, dem Wesen des Vaters noth wendig unähnlich sein müsse. 
Die genannten Semiarianer näherten sich seit 359 mehr und mehr den Nicänern, 
und nahmen das ofioövcriog auf im Sinne von ofioiog xat' e^ovffiap. Athanasius, 
so wie er die Lehre Eusebs von Cäsarea nicht als eigentlich häretisch be- 
zeichnet hatte, erkannte nun auch die Semiarianer als Brüder an und warf 
ihnen nur Uüklarheit vor; es finde zwischen ihnen und den Nicänern ein 
Streit statt über den Sinn des Wortes 6fioov(Tiog. Zu diesen Semiarianern 
gehörte anfänglich Basihus Magnus, eben so Cyrill von Jerusalem, der, an- 
fangs Eusebianer, darauf Semiarianer, endlich sich zum nicänischen Glau- 
ben bekannte. 

5) Den zwischen Arius und Athanasius mehr oder weniger 
vermittelnden Richtungen stehen die extremen Richtungen 
beider Parteien gegenüber. 

Das Extrem des Arianismus, wie es geschichtlich sich kund gegeben 
und Gestalt gewonnen in den Anomoeern und Exukontiem, wurde durch den 
Gegensatz nicht blos gegen die Nicäner, sondern auch gegen die vennittelnde 
Richtung der Semiarianer hervorgerufen, wirkte nun aber auch dazu mit, dass 
die Semiarianer sich mehr und mehr den Nicänern näherten. Unter den drei 
Häuptern dieser extremen Partei ragt Eunomins als der bedeutendste her- 



LehrbegriJBT des Eunomins und des Marcellus. 283 

vor. Sein Lehrbegriff ist zusammengefasst in der sx^ectg nictecog, die er 
dem Kaiser Theodosius einhändigte, und wird ausserdem noch erläutert im 
Apologeticus i). Eine Abhandlung von Aetius findet sich bei Epiphanius 
haeresis 76 §. 10. Diese Arianer nahmen im Gegensatz zu Arius an, 1) dass 
die Gottessohnschaft und die Würde als Gott (to sivai vioq ri ^sog) Jesu 
zu Theil wurde, nicht in Folge seines Gehorsams, sondern in Folge des 
schöpferischen Willens Gottes, 2) dass der Sohn den Vater vollkommen kenne, 
wie denn Aetius und Eunomins behauptet haben sollen, dass sie Gott so gut 
kennen als sich selbst. Dabei behaupten sie immerhin noch die Gottheit 
Christi, nennen ihn Gott, den eingeborenen Gott, d. h. er ist es geworden 
durch den Vater 2). 

Wenn diese Arianer über den Arianismus nicht hinausgingen, sondern 
ihn nur consequent fortbildeten, so lässt sich dasselbe nicht behaupten von 
Marcellus und Photinus in ihrem Verhältniss zum nicänischen Bekennt- 
niss, und der Vorwurf, den die Arianer und Eusebianer diesem Bekenntniss 
machten, dass es consequenter Weise zum SabeUianismus führe, schien durch 
die Abwege, worauf jene beiden Männer geriethen, eine Bestätigung zu 
erhalten. 

Marcellus , Bischof von Ancyra 3) begann mit Bekämpfung der vermit- 
telnden Richtung der Eusebianer und Semiarianer in einer verloren gegan- 
genen Schrift *). Um die Trennung von Vater und Sohn von Grund aus ab- 
zuwehren, scheidet er Alles aus, woran sich diejenigen hielten, die einen 
Unterschied von Vater und Sohn und eine Unterordnung des Sohnes unter 
den Vater lehrten, d. h. die Begriffe der Zeugung, der Sohnschaft und der 
EbenbildUclikeit. Alle diese Begriffe, welche die Nicäner auf das Höhere in 
Christo bezogen, wollte Marcellus nur auf die menschliche Seele, auf den 
Gottmenschen angewendet wissen, um desto gewisser von der höheren Natur 
Christi nichts auszusagen was den Arianern dienen könnte. So gelangt er 
zum Begriff eines ungezeugten, ewig mit dem Vater geeinigten, ihm nicht 
untergeordneten, aber auch vom Vater nicht als eigene Hypostase unter- 
schiedenen Logos. Damit war aber das ganze nicänische Bekenntniss umge- 
ändert. Sowie Marcellus sagt, vor der Menschwerdung war kein Sohn, son- 
dern nur der Logos, so geht er weiter auf diesem Wege: vor der Welt- 
schöpfung war nur Gott allein. Der Logos selbst war nur der Potenz nach 
(dvvafiei) im Vater, und mit ihm schlechthin Eins, wie der Gedanke im 
Menschen eins ist mit dem Menschen. Das bildet den Begriff des ruhenden 
und schweigenden Gottes. Damit nun die Welt entstünde, sprach Gott das 
Schöpferwort aus, und das ist das Hervorgehen des Logos als eveqyeicc dqa- 
aiixri Ttga^ecog Gottes. Jene göttliche eveqyeia, das Sein des Logos als 
wirkende Kraft, dehnt sich aus bis in den Menschen Jesus; diess ist die Mensch- 



1) Beide Schriften in Thilo, bibliotheca dogmatica 11. 

2) S. Klose, Geschichte und Lehre des Eunomins 1833. 

3) S. über ihn die Schrift von Zahn 1867. 

4) Der Titel ist nicht: tkqi lyg tov vtov vnoinyrjs 1 Kor. 15, 28, aber diess 
ist der Hauptgegenstand der Schrift, deren Fragmente bei Euseb in den zwei Büchern 
gegen Marcellus zu finden. 



284 ^ Zweite Periode des alten Katholicismdö. 

werdung. Insofern nun diese göttliche epegyeia das Handelnde in Christo 
ist, ist das Göttliche in ihm nicht eine vom Vater unterschiedene Hypostase, 
es ist nichts Persönhches. Persönlich ist nur der Vater. Die Menschheit 
ist für den Logos zu enge ; das Menschsein gehört an sich zu seiner Knechts- 
gestalt, die auch nicht bleiben kann. Der Logos kann nicht mit dieser ihm 
nicht adäquaten Menschheit ewig behaftet sein; denn da würde er nie in 
sich vollendet. Er muss alo, nachdem er das Erlösungswerk vollendet hat, 
wieder werden, was er zuvor war; er kehrt in Gott zurück, nachdem er das 
Fleisch abgelegt, von dem Christus selbst gesagt, es sei nichts nütze. Mit 
dem Ende der Herrschaft Christi (1 Kor. 15, 28) hat auch die menschliche 
Seinsweise Christi ein Ende, — Jesus geht uns dabei voran in dem Processi, 
den auch wir durchzumachen haben. Unsere Bestimmung zur vollkommenen 
Einigung mit Gott kann nicht anders erfüllt werden, als wenn auch bei uns 
die Menschheit aufhört, damit Gott sei Alles in Allem. — Offenbar näherr. 
sich Marcellus dem Sabellius, wie Euseb meint. 

Die Lehre des Marcellus führt noch auf einen anderen Abweg. Indem 
er in Christo nur eine eveqysia Gottes sein lässt, entgeht er zwar der An- 
nahme einer Veränderung im göttlichen Wesen bei der Menschwerdung, allein 
damit ist das Sein Gottes in Christo auf ein blos dynamisches reducirt. Da- 
gegen bemerkt Euseb mit Recht, eine göttliche Kraft habe auch schon vor 
Christo in vielen Menschen gelebt. Das Neue, was das Christenthum ge- 
bracht, sei die Einwohnung Gottes in Christo. Somit gelangt Marcellus bis nahe 
an den Ebionitisnms. Dieser ebiouitische Ansatz ist in der Lehre des P ho- 
tin entwickelt. Es wird ihm sogar, aber freilich nicht in glaubwürdiger 
Quelle, die Läugnung der übernatürlichen Geburt Christi aus der Jungfrau 
zugeschrieben. Völlig arianisch ist, was er lehrte, dass Christus nicht vor 
aller Zeit als Gott existirt habe , sondern dass er durch das Verdienst seiner 
Tugend Gott geworden sei (non deum ayite seciila fuisse, sed in deum bonae 
actionis merito profecisse) ^). 

Die ausgezeichneten Kirchenlehrer, die im Morgenlande sowie im Abend- 
lande als Vertheidiger des nicänischen Bekenntnisses auftraten, haben den 
Sieg desselben und die Beseitigung des Arianismus wesentlich gefördert; der 
Arianismus war geistig überwunden, ehe denn die römische Staatsgewalt 
denselben verpönte. Doch lässt sich nicht sagen, dass jene Kirchenlehrer 
wesentlich neue Argumente gegen den Arianismus vorgebracht hätten. Es 
kommen hier in Betracht BasiUus des Grossen avaxqemixoq gegen den 
Apologeticus des Eunomins, Gregors von Nazianz loyoi ^eoXorixoi, Gre- 
gors von Nyssa aptiQgyuxog loyog gegen Eunomins, Hilarius von Poitiers 
de trinitate, 12 B. 

6) Die Lehre vom heiligen Geiste erhielt in Folge der arianischen 
Streitigkeit eine wesentliche Fortbildung. Das Concil von Nicäa gab dar- 
über, wohl mit Absicht, keine nähere Bestimmung, und begnügte sich mit 
der Angabe im nicänischen Symbol (nKTtsvo^ev) xai eig %o äyiov nvevfia. 
Es herrschten unter den Anhängern dieses Symbols sehr verschiedenartige 
Ansichten, indem die einen den Geist als sveqyeia^ die andei-en ihn als 



1) Vgl über Photin Klose, Geschichte und Lehre des Marcellus und Photinus 1837. 



Die Pneumatomachen. 285 

Geschöpf, noch andere ihn als Gott auffassten (nach Greg. Naz. or. theol. 5). 
Da nun die Arianer den Geist als Geschöpf auffassten, so trug dieser Um- 
stand dazu bei, dass diese Ansicht bei den Nicänern auf Widerstand 
stiess, die Anhänger derselben wurden als nvev^atofiaxoi bekämpft, Se- 
miarianer auch genannt, so dass die Semiarianer zuletzt nur noch in der 
Lehre vom heiligen Geiste von den Nicänern sich wesentlich unterschieden, 
auch M a c e d n i a n e r genannt, nach M a c e d o n i u s, Bischof von Constantinopel, 
der jedoch nicht Urheber der Lehre war. Gegen sie schrieben Athanasius 
(vier Episteln an Serapion), Gregor von Nazianz a. a. 0. und Basilius 
Magnus in der Schrift gegen Eunomins und de spiräu sancto an Bischof Am- 
philochius. 

Zum Erweis ihrer Lehre beriefen sich die Pneumatomachen auf Job. 1, 3: 
^jAlles ist durch ihn (den Logos) gemacht^^ — folglich, sagten sie; auch 
der Geist. Sie suchten auch die Annahme der Gottheit des Geistes als 
einen unvollziehbaren Begriff darzustellen. Sei der heilige Geist nicht er- 
zeugt, so haben wir zwei anftingslose Wesen (avaQxcc), sei er gezeugt, und 
zwar vom Vater, so kommen zw^i Söhne Gottes heraus; sei er vom Sohne 
gezeugt, so erscheine er als Enkel Gottes. 

Athanasius machte dagegen geltend, dass man dem Arianismus nur 
dann vollständig entsage, wenn man in der Trias nichts derselben Fremd- 
artiges annehme. Wie könnte das, so lehrt er, was für die Geschöpfe Quelle 
der Heihgung ist, mit dem Wesen gleichartig sein, wodurch sie geheihgt 
werden? In dem heiligen Geist empfangen wir die Gemeinschaft mit Gott, 
die Theilnahme am göttlichen Leben. Diess könnte nicht der Fall sein, 
wenn der heilige Geist ein Geschöpf wäre ^). Ein gleichartiges Argument 
hatte Athanasius angewendet, um zu beweisen, dass der Logos nicht ein 
Geschöpf sei, sondern Gott. Wenn aber der Logos göttlichen Wesens war 
und sein musste, lyn uns mit Gott zu verbinden, so sieht man nicht ein, 
warum ein neues göttliches Wesen nöthig war, um uns durch Heiligung mit 
Gott zu verbinden. Basilius will haui)tsächlich das festhalten, dass man den 
Geist den Geschöpfen nicht beizähle. Gegen den Einwand, dass der Geist 
nach der Schrift eine Gabe Gottes sei, beruft er sich darauf, dass nach der 
Schrift auch der Sohn eine Gabe sei, uns von Gott gegeben. Gregor von 
Nazianz, um die Lehre von der Gottheit des Geistes zu rechtfertigen, nahm 
die Idee einer stufenweisen Offenbarung zu Hülfe. Das Alte Testament ver- 
kündigte deutlich den Vater, den Sohn etwas dunkler; das Neue Testament 
offenbarte den Sohn, deutete aber die Gottheit des Geistes blos an. Jetzt 
aber ist der Geist unter uns wohnend und gibt sich uns deutlicher zu erken- 
nen (Or. 5). Er rechnet die Gottheit des Sohnes unter die Job. 16, 2 ange- 
deuteten Lehren, von denen der Herr sagte, dass sie die Jünger in ih- 
rem dennaligen Zustande nicht tragen könnten. Hilarius lehrt, was die 
Tiefen der Gottheit erforsche, — wie vom heibgen Geiste ausgesagt wird 
(1 Kor. 2, 10), müsse an Gottes Wesen Antheil haben. — Auf dieser Grund- 
lage, die allerdings nicht in allen Stücken solid ist, bildeten sich die Be- 
stimmungen der ersten Synode von Constantinopel über den heiligen Geist. 
S. S. 273. 

1) Et de &(07iOt€t3 OVX CCfKplßoXoVy OTt ri TOVTOV (pV<ftS d^€OV «ffT«. 



286 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

Nun aber war auch bereits die Frage entstanden, ob der heilige Geist 
nur vom Vater oder vom Vater und vom Sohne ausgehe. Die orientalischen 
Lehrer Athanasius, Basihus Magnus, Gregor von Nyssa, Theodor von Mop- 
suestia, getreu ihrer speculativen Richtung, lösten die Frage in ersterem 
Sinne, wonach der Geist sich zum gemeinsamen Urgründe gerade so verhält 
wie der Sohn. Doch nahmen einige Lehrer des Morgenlandes, Epiphanius, 
Marcellus von Ancyra, Cyrill von Jerusalem den Ausgang vom Vater und 
Sohn an. Die abendtodischen Kirchenlehrer giengen in Behandlung dieser 
Frage vom heilsökonomischen Standpunkt aus, wonach der Geist vom Sohne? 
gesendet wird Job. 15, 26, 16, 7. Lucas 24, 49. So Augustin und Leo der 
Grosse. Die griechischen Kirchenlehrer verwarfen nur den Satz, dass der 
Geist durch den Sohn das Dasein (vnaQ^ip) habe. Dieses wollten aber die 
lateinischen Lehrer mit ihrer Lehre vom Ausgange des Geistes vom Vater 
und vom Sohne nicht eigentlich sagen. Später kam es darüber zu weitläu- 
figen Verhandlungen, welche einen wesentlichen Grund abgaben zur Trennung 
beider Hälften der katholischen Kirche. 

Unter den folgenden Entwicklungen der Lehre von der Dreieinigkeit ist die 
Lehrform Augustinus hervorzuheben. Er verschärft den Begritl' der göttlichen Ein- 
heit in Beziehung auf die göttliche Thätigkeit, daher er den Logos am Acte seiner 
eigenen Sendung als SohnTheil nehmen lässt. Er macht die Abhängigkeit des Soh- 
nes vom Vater zu einer gegenseitigen, so dass der Vater auch vom Sohne abhängig 
ist, wenn er etwas befiehlt; denn das Princip des Befehlens ist der Logos. 
Endlich sucht er für die Dreieinigkeit Analogieen in den Geschöpfen überhaupt, 
in dem Menschen insbesondere, Analogieen, wodurch die Unterscheidung 
der drei Personen bedeutend geschmälert wird; daher Augustin die Unzu- 
länglichkeit dieser Analogieen ausdrücklich anerkennt. Denn genau genom- 
men und mit Folgerichtigkeit entwickelt führen diese Analogieen zum Moda- 
lismus. So z. B. lehrt er, in jedem Geschöpfe sind drei Dinge zu unter- 
scheiden: 1) sein Sein überhaupt, 2) sein Sein im Unterschiede von jedem 
anderen, 3) beides zusammen in Uebereinstimmung zu einem Ganzen, omne, 
quod est, aliud est quo constat. aliud quo discernitur , aliud quo congruit. 
Das erste ist der Stoff ; das zweite gibt ihm die Form; die Uebereinstimmung 
des Allgemeinen und des Besonderen, des Ganzen und der Theile, ist die 
Liebe, in welcher der heilige Geist Vater und Sohn verbindet. Mit allen 
diesen Bestimmungen bezweckt Augustin die Durchführung der völligen Gleich- 
heit der drei Personen; darin besteht der Fortschritt, den er die trinita- 
rische Construction machen lässt. 

Noch ist anzuführen,, dass für die Bezeichnung der in Rede stehenden 
Gegenstände bestimmte dogmatische Kunstausdrücke mit fest begrenztem 
Sinne aufgestellt wurden. Ovaia bezeichnet die Einheit des göttlichen Wa- 
sens; es bedeutete anfangs dasselbe, was vnofftaffig, so im nicänischen 
Symbol und bei Athanasius. Doch dieser fing bald an, beide zu unterschei-* 
den und die kappadocischen Kirchenlehrer folgten seinem Beispiele. Dem- 
nach bezeichnet vTiodtaaig das Unterscheidende der drei Personen der Gott- 
heit. ^So bemerkt Athanasius zu Jesaia 6,3, das dreimal heilig deute die 
drei vnoatadsiq an: das Wort xvqioq bezeichne fnav ovaiav. Basihus Mag- ' 
nus sagt: ovata ist to xo^yov, vTrotxtacig to xa^' kxctaxov. Der Ausdruck 



Origenistische Streitigkeiten. 287 

nqocrconov wurde weggelassen, um nicht den Schein des Sabellianismus 
auf das nicänische Bekenntniss zu werfen, vnoaxaaiq galt als gleichbedeu- 
tend mit iStotrjg, ovGia mit (fvaig. Später wurde auch der Ausdruck tiqocm- 
Tiov beliebt, weil er, je mehr er mit vnoataGiq dem Sinne nach identisch 
gesetzt wurde, den sabellianischen Beigeschmack verlor. Theodoret ge- 
braucht als gleichbedeutend die Ausdrücke v-noatcKTig , tdiotrig, TTQocTcönov. 
Dem Vater kommt ay€vvf](na zu, dem Sohne das Gezeugtsein, dem Geiste 
die €X7ioQ€V(Tig , exns^ipig; jedesmal das idiop der betreffenden Hypo- 
stase. — Augustin nennt die Hypostasen bald substantiae, bald personae; 
die ovffia bald essenfia, bald suhstantia^ bald natura. Doch will er zuletzt 
lieber die Bezeichnung tres substantiae aufgeben und dafür den Ausdruck 
personae gebrauchen. Das Wesen, die ovata^ will er lieber essentia als 
substantia genannt wissen. 

H. Origenistische Streitigkeiten. 

Die arianischen Streitigkeiten lenkten aufs neue im Morgenlande die 
Aufmerksamkeit auf den grossen alexandrinischen Lehrer, über den schon 
in der ersten Periode war gestritten worden. Jetzt beriefen sich die Ni- 
cäner und Arianer, besonders die Eusebianer auf ihn. Jene fanden bei 
ihm den Begriff der ewigen Zeugung des Logos, diese die Bezeichnung Christi 
als eines Geschöpfes und dessen Subordination unter den Vater. Marcellus 
von Ancyra leitete von Origenes die arianische Lehre ab. Dieser behielt 
aber viele und höchst bedeutende Anhänger, wie die vorstehende Dar- 
stellung es beweist. Sowie die Kirchenlehrer, so waren auch die Mönche, 
besonders in Aegypten in ihren Urtheilen über Origenes in zwei Parteien 
getheilt. Die einen, einem groben Anthropomorphismus ergeben, verab- 
scheuten den spiritualistischen Theologen. Pachomius, der verehrte Gründer 
und Vorsteher des Klosters auf der Nilinsel Tabenna, warnte seine Schüler 
am meisten vor den Schriften des Origenes, weil er gefährlicher sei, als 
andere Häretiker, indem er, unter dem Vorwande, die heilige Schrift zu 
erklären , seine Irrlehren in dieselbe hineintrage. Die andere Partei der 
Mönche hieng dem Origenes mit Verehrung an. 

Die nun alsobald nach der Besiegung des Arianismus ausbrechende 
Streitigkeit verläuft in zwei Phasen, wovon die eine hauptsächlich in Pa- 
lästina spielt, die andere zwischen Alexandrien und Constantinopel; in 
diese letztere zumal mischen sich sehr untheologische Elemente. 

In den letzten Jahren des vierten Jahrhunderts lebten in Palästina 
drei eifrige Beförderer theologischer Wissenschaft und warme Verehrer des 
Origenes, Bischof Johannes von Jerusalem, sein Hausgenosse Rufinus, 
der Presbyter aus Aquileja, und Hieronymus, der durch Gregor von 
Nazianz auf Origenes aufmerksam gemacht, schon Einiges von ihm über- 
setzt und sich in den Vorreden zu diesen Uebersetzungen sehr anerkennend 
über den alexandrinischen Theologen ausgesprochen hatte, wenn gleich er 
keineswegs das dogmatische System desselben sich angeeignet hatte, das 
er wohl nur sehr unvollständig kannte. Es verbreitete sich nun in Folge 
davon, dass diese drei angesehenen Männer Origenes so hoch schätzten, 



288 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

das Gerücht, dass in den Kirchen Palästina's die orij^enistischen Ketzereien 
im Schwange giengen, worauf der um den Ruf seiner Orthodoxie ängstlich 
besorgte Hieronymus alsobald in seinen Urtheilen über Origenes vorsichtig 
wurde, sich berufend auf den paulinischen Grundsatz: prüfet Alles und 
haltet fest am Guten. Die Sache nahm eine schlimme Wendung, seitdem 
der alte Epiphanius sich in dieselbe mischte. Um, den heftigen Gegner des 
Origenes, der denselben in sein navaqiov (haeresis 64) aufgenommen, als 
Vater des Arianismus und als einen fast in allen Glaubensartikeln gröblich 
irrenden Neuerer ausgeschrieen hatte, trieb die Nachricht, dass Origenes 
bei den angesehensten Kirchenlehrern in PaLästina in grosser Verehrung 
stehe, zu Ostern 394 dahin. Seinem Rufe als gewaltiger Eiferer um die 
Reinheit der Lehre und als Beförderer des Mönchthums entsprechend vom 
Volke in Jerusalem mit grosser Verehrung aufgenommen, forderte er 
alsobald vom Bischof Joliannes die Verdammung des Origenes; darauf wollte 
sich der Bischof nicht einlassen ; er gestand nur so viel, dass er bei Origenes 
Wahres und Falsches zu unterscheiden gewohnt sei. Epiphanius trat nun 
auch auf der Kanzel in Jerusalem als Ankläger des Origenes auf, und 
Bischof Johannes predigte gegen den Anthropomorphisnuis. Epiplianius 
stimmte in die Verdammung des Anthropomorphismus ein, bestand aber 
um so mehr auf Verdammung des Origenes. Da Bischof Johannes nicht 
nachgab, gieng Epiphanius nach Bethlehem zu den Mönchen, bei denen er 
überhaupt vieles galt. Er bearbeitete sie dermassen, dass sie die Kirchen- 
gemeinschaft mit Jerusalem aufgaben und sich die Sacramente nicht mehr 
durch Geistliche aus Jerusalem ertheilen Hessen. Da Hieronymus grund- 
sätzlich als Presbyter nicht fungiren mochte, weihte Epiphanius dessen Bru- 
der, Paulinianus, zum Priester für die Mönclie, wodurch er in die Rechte 
des Bischofs von Jerusalem eingriff. Hieronymus stellte sich entschieden 
auf die Seite des Epiphanius gegen Bischof Johannes und Rufinus. Dieser 
söhnte sich zwar mit Hieronymus wieder aus, es wurde auch 397 die 
Kirchengemeinschaft zwischen Bethlehem und Jerusalem wieder hergestellt. 
Bald brach aber der Streit von neuem aus. Rufin, der 397 nach Rom ge- 
reist war, übersetzte, um dem Abendlande einen besseren Begriff von den Be- 
strebungen des Origenes zu geben, dessen Schrift ubqi agxtop, ein höchst un- 
überlegtes Unternehmen, das neues Oel in die Flamme des Streites giessen 
musste. Er erlaubte sich, gewisse Stellen im Sinne des nicänischen Bekennt- 
nisses umzuändern, wobei jedoch noch genug Heterodoxieen zurückblieben; 
und was das stärkste war, in der Vorrede zur Uebersetzung gestand er die 
von ihm vorgenommenen Aenderungen, doch ohne einzugestehen, dass sie 
die wahre Meinung des Origenes alterirten: ausserdem berief er sich, 
um seine Verehrung gegen den Mann zu rechtfertigen, auf die Lobpreis- 
ungen desselben durch Hieronymus. Die Folge davon war ein ärgerlicher 
Schriftwechsel zwischen den beiden einst so befreundeten Männern, wor- 
über Augustin gegen Hieronymus sein Herz ausschüttete. Rufin kam in 
Rom selbst in üble Lage, so dass er sich wegen der Anhänglichkeit an 
Origenes rechtfertigen musste. Er zog sich nach Aquileja zurück und fuhr 
fort, sich durch Uebersetzung von Schriften des Origenes um die Kirche 



Origenistische Streitigkeiten. 289 

verdient zu machen. Bischof Anastasius von Rom sprach das Verdammungs- 
urtheil über des Origenes Schriften aus. 

Ein neu^r Sturm erhob sich gegen denselben in Aegypten. Der Bischof 
Theophil US von Alexandrien, ein Mann von höchst ungeistlichem Charakter, 
dem alle Mittel gleich galten, die zum Ziele führten und der selbst seine 
Ueberzeugung wechselte, je nachdem seine Herrschsucht oder rein persön- 
liche Motive dazu hintrieben, war ursprünglich Gegner der Anthropomorphi- 
ten und Verehrer des Origenes gewesen, dessen geläuterte Anschauungen 
von der Gottheit er ganz und gar zu theilen schien. Er gerieth dadurch in 
Misshelligkeiten mit einem Theile der egyptischen Mönche, die in crasser 
Weise sich Gott in Menschengestalt dachten. Viele von ihnen kamen 
nach Alexandrien, willens ihn zu tödten. Theophilus gebrauchte eine List, 
um der Lebensgefahr zu entgehen. Um sie zu besänftigen, sagte er ihnen : 
ich sehe in euch das Antlitz Gottes. Die Mönche, mit dieser Schmeichelei 
noch nicht zufrieden, forderten von Theophilus die Verdammung der Schriften 
des Origenes, und auch darin fügte er sich unter den Willen jener Fanatiker. 
Bald ' wurde der charakterlose Mann sogar Verfolger der origenistisch 
gesinnten Mönche; sie wohnten hauptsächlich in den Zellen des nitrischen 
Berges nahe bei der sketischen Wüste. Unter ihnen ragten hervor vier 
Brüder, wegen ihrer körperlichen Länge die langen (ol iiaxqoi) genannt, 
Dioskur, Ammonius, Euseb, Euthymius, ehrwürdige Männer, 
welche Theophilus gerne für den Kirchendienst gewonnen hätte. Gezwun- 
gen gaben sie sich dazu her; doch bald konnten sie es nicht mehr aus- 
halten und kehrten in ihre Wüste zurück. Da warf Theophilus auf sie 
und auf die ganze Partei einen tödtlichen Hass. Auf einer Synode in Ale- 
xandrien im Jahre 399 wurde über die Lehren und Schriften des Origenes 
das Verdammungsurtheil ausgesprochen und das Lesen der letzteren ver- 
boten. Da die origenistischen Mönche sich unter diesen Beschluss nicht 
beugten, rief Theophilus die Hilfe des Präfecten von Egypten an. Die 
widerspenstigen Mönche wurden durch die Soldaten gemisshandelt und zur 
Flucht genöthigt, fiinden aber nirgends Aufnahme, da Theophilus sie in 
seinen nach allen Seiten ausgesendeten Briefen als wilde Schwärmer dar- 
gestellt hatte. Zuletzt entschlossen sie sich, am kaiserlichen Hofe in Con- 
stantinopel Hilfe zu suchen, wobei sie sich Hoffnung machten auf die 
Unterstützung durch Bischof Johannes Chrysostomus. (S. S. 246). 

Dieser stand damals auf der Höhe seines Lebens, seiner Wirksam- 
keit, seines Einflusses, hatte aber viele Gegner und Feinde, worunter auch 
Geistliche, die er als unwürdig erfunden und abgesetzt hatte. iVuch die 
Kaiserin Eudoxia, Gemahlin des schwachen Kaisers Arcadius, allwaltend 
unter ihm, fromm und eitel zugleich, anfangs Gönnerin des Chrysostomus, 
fühlte sich durch denselben in seinen Predigten öfter verletzt und wurde 
gegen ihn aufgebracht, versöhnte sich aber auch wenn das bessere Selbst 
in ihr sich regte, wieder mit dem Bischof, der ihr die Wahrheit gesagt 
hatte. Allerdings trug er durch eine gewisse Heftigkeit und Barschheit, 
auch wohl zuweilen durch unkluge, falsche Massregeln dazu bei, die ohnehin 
durch seine Freimüthigkeit verletzten und sich schuldig fühlenden Personen 

Herzog, Kirchengeschichte I. 19 



290 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

noch mehr zu reizen ^). So standen die Sachen, als jene nitrischen Mönche 
in Constantinopel ankamen ; Chrysostomus nahm sie liebreich auf und sorgte 
für ihren Unterhalt. Da sie aber von Theophilus excommunicirt worden, 
wollte er, den Kirchengesetzen gemäss, sie nicht als in der Gemeinschaft 
der Kirche stehend behandeln. Zugleich bat er den Theophilus in einem 
herzlichen Briefe, jenen Mönchen Verzeihung angedeihen zu lassen. Sie 
brachten aber allerlei Beschuldigungen gegen den Bischof von Alexandrien 
vor und waren willens, sie dem Kaiser vorzutragen. Chrysostomus meldete 
diess dem Theophilus mit dem Bemerken, er werde die Mönche von diesem 
Schritte nicht abhalten können. Zu gleicher Zeit wurde dem Theophilus dici 
falsche Nachricht gebracht, dass Chrysostomus die Mönche in die Kirchen- 
gemeinschaft aufgenommen habe. Da suchte Chrysostomus sich aus dei- 
Sache zu ziehen. Doch jene Mönche brachten es durch ihren Einfluss auf 
Eudoxia, die gerade damals mit Chrysostomus wieder auf gutem Fusse 
stand, dahin, dass durch den Kaiser eine Synode nach Constantinopel be- 
rufen wurde, unter Vorsitz des Bischofs der Residenz, welche über das 
Verfahren des Theophilus urtheilen sollte; zugleich erging an diesen die 
Aufforderung, sich vor die Synode zu stellen. Da warf er einen wüthen- 
den Hass auf Chrysostomus, suchte ihn zu verderben, und verband sich zu 
diesem Zwecke mit den Feinden desselben. 

Er bearbeitete den alten Epiphanius, als ob die origenistische Ketzerei 
einen neuen Aufschwung nähme. Dieser, nachdem er eine Synode gehal- 
ten (401), welche über die Schriften des alexandrinischen Theologen das 
Anathema aussprach, reiste nach Constantinopel (402) und forderte von 
Chrysostomus, dass er dasselbe thue und jenen Mönchen seinen Schutz 
entziehe. Doch, so wenig dieser ein blinder Verehrer des Origenes, so 
sehr er namentlich ein Gegner von dessen Allegorieen war, weigerte er sich, 
ein Verdammungsurtheil über dessen Schriften auszusprechen. Am Ende 
verliess Epiphanius die Stadt, als er sich überzeugt hatte, dass von Seite der 
Gegner des Chrysostomus Unreines sich einmische. Da kam Theophilus, 
nachdem er Alles gehörig vorbereitet hatte, selbst nach Constantinopel 
(403) nicht um als Beklagter , sondern als Richter aufzutreten. Daher 
versammelte er eine Synode ihm anhängender Bischöfe , wovon ein Theil 
mit ihm gekommen war, auf einem nahe bei der Stadt gelegenen Land- 
gute des ehemaligen praefectus Orientis, Rufinus, genannt die Eiche (daher 
die Synode den Namen awodog TiQog t^v öqvp, Synodus ad Quercum, er- 
hielt). Denn bei seiner Liebe zu Chrysostomus hätte das Volk nicht ruhig 
zugesehen, wie man in der Stadt eine Synode gegen ihn hielt. In den 
Verhandlungen war von der origenistischen Ketzerei nicht die Rede, wohl 
aber von anderen zum Theil sehr geringfügigen Dingen, dass er zu ein- 
fach lebe, keine Gastfreundschaft übe, dass er das Kirchengut vergeude ; — 
er brauchte allerdings vieles für wohlthätige Zwecke. Unter den Anklagen 
gegen ihn war auch ein Majestäts verbrechen genannt, was sich wohl auf 



1) Darin sind Sokrates 6, 3 und Sozomenus 8, 3 einig; ihr Zeugniss ist um so 
gewichtiger, da sie sonst dem Chrysostomus durchaus Recht geben. 



Origenistische Streitigkeiten. 291 

Mangel an Schonung der Kaiserin Eudoxia bezog. Chrysostomus , um- 
geben von vierzig gleichgesinnten Bischöfen, die auf die Nachricht von 
seinen Anfechtungen nach der Residenz geeilt waren, erkLärte, als die 
Synode ihn vor sich beschied , vor derselben erscheinen zu wollen , wenn 
vier erklärte Feinde, worunter Theophilus, ausgeschieden würden. Darauf 
wurde er durch jene Synode abgesetzt und insbesondere des Majestätsver- 
brechens angeklagt, wozu die Bemerkung hinzukam, da es den Bischöfen 
nicht zukomme, solche Dinge zu untersuchen, so möge der Kaiser selbst 
ihn wegen jenes Verbrechens bestrafen. Chrysostomus, nachdem er an 
seine Gemeinde eine ergreifende Abschiedsrede gehalten, wurde in das 
Exil abgeführt. Doch, kaum war er fort, so erschreckte ein Erdbeben die 
Gemüther; es wurde als Gottesgericht gedeutet, und es erschienen also- 
bald Boten der Kaiserin bei dem Verbannten, die ihn nach Constantinopel 
zurückbrachten. Doch nach zwei Monaten erhob sich ein neuer Sturm. 
Vor dem Palast, in welchem der Senat sich versammelte, in der Nähe der 
Kirche, wo Chrysostomus Gottesdienst hielt, war der K|Liserin Eudoxia 
eine silberne Bildsäule errichtet und mit allerlei lärmenden,- an das Heid- 
nische anstreifenden Lustbarkeiten eingeweiht worden. Der Gottesdienst 
hatte dadurch einige Störung erlitten, und der Bischof hatte sich in seiner 
Predigt gegen solche Lustbarkeiten erklärt; darüber erzürnte Eudoxia 
und traf Anstalten zu einer neuen Verurtheilung des Mannes; da hielt er 
am Feste Johannes des Täufers eine Predigt, die, nach den Berichten von 
Sokrates und Sozomenus, mit den Worten anfing : „wiederum rast Herodias, 
wiederum tanzt sie, wiederum begehrt sie das Haupt des Johannes auf 
einer Schüssel zu erhalten.'^ Aufs neue wurde ihm der Process gemacht; 
die zu diesem Behufe versammelte Synode leitete Theophilus von Alexandrien 
aus. So wurde Chrysostomus 404 aufs neue in die Verbannung geführt, zu- 
erst nach Cucusus an der Grenze von Armenien und Cilicien. Von hier aus 
unterhielt er die Verbindung mit seinen Freunden und Anhängern in Con- 
stantinopel und wirkte wohlthätig durch Lehre und Ptath auf die Bischöfe 
in seiner Umgebung; das sahen die Gegner ungern; er wurde in ein ent- 
fernteres Exil abgeführt, nach Pityus im Pontus 407. Auf der Reise dahin, 
nahe bei der Stadt Comana, erlag er den Beschwerden. Seine letzten Worte 
waren: „Gott sei gedankt für Alles. ^^ Niemals in seinem Leben hatte er 
mehr Seelengrösse in Verbindung mit sanfter Duldung bewiesen als in die- 
ser letzten Prüfungszeit. Er hatte in Constantinopel treue und höchst 
achtungswerthe Anhänger hinterlassen, die Johanniter genannt; sie be- 
standen als eigene Partei, bis Theodosius H. im Jahre 438 die Gebeine 
des verehrten Seelenhirten nach Constantinopel bringen und daselbst mit 
grossem Pompe bestatten Hess. Dadurch wurde, was noch von Johannitern 
übrig war, zur Rückkehr in die Kirche, die das Andenken ihres Hauptes 
ehrte, bewogen. 



19 



292 Zweite Periode des alten Katholicismus, 



III. Die nestorianische Streitigkeit. 

1) Christologische Verhandlungen und Stand der christologischen Frage bis 
zum Ausbruche der nestorianischen Streitigkeit. 

Die so bedeutend angeregte dogmatische Thätigkeit musste, durch 
ihre eigene dialektische Consequenz vorwärts getrieben, auch das Gebiet 
der Christologie ergreifen. Denn die verschiedenen Bestimmungen über 
das Verhältniss des Sohnes zum Vater mussten auf die Ansichten über die 
menschliche Natur Christi einwirken oder von da aus Einwirkungen em- 
pfangen. Die Arianer hatten ein dogmatisches Interesse, die Mensch- 
werdung des Logos nur in dessen Verbindung mit einem menschlichen 
Körper nebst der tpvxrj ccXoyoq zu setzen. So konnten sie alle Stellen 
des Neuen Testamentes, in w^elchen sie etwas eine Beschränktheit Anzei- 
gendes, auf ein Subordinationsverhältniss Hinweisendes von Christo aus- 
gesagt fanden, als Beweis gegen die Lehre von der Wesenseinheit geltend 
machen. Wenn die Nicäner auf die Unterschiede der zwei Naturen zu- 
rückgingen, so wurden sie von den Arianern beschuldigt, die wahre per- 
sönliche Einheit des Gottmenschen zu läugnen, aus dem Einen Gottessohne 
und dem Einen Christus zwei Gottessöhne und zwei Christi zu machen. 
Doch finden wir die Nicäner in genannter Beziehung noch eine Zeit lang 
im Schwanken begriffen. Athanasius erklärt sich zwar in seiner Schrift 
über die Menschwerdung bestimmt gegen eine blosse Theophanie, aber es 
geht aus seinen Aussagen nicht mit zwingender Nothwendigkeit hervor, 
dass der Logos eine vollständige menschliche Natur angenommen habe. 
Hilarius, indem er sich Jesu Leiblichkeit von Leiden, ja sogar von Hunger 
und Durst frei denkt, nähert sich unbewusst dem Doketismus. Im Gegen- 
satze gegen die Arianer und im Anschlüsse an Origenes wurde zwar der 
Satz aufgestellt, dass in Christo der Logos nicht die Stelle des mensch- 
lichen vovq oder nvevua angenommen habe; aber diese Lehre war noch 
nicht in die Christologie verarbeitet. 

Da trat, wohl schon seit 362, Bischof Ap ollin arius von Laodicea 
mit seiner eigenthümlichen Auffassung der Person Christi hervor, welche 
nach seiner Absicht zunächst zur Vertheidigung des nicänischen Bekennt- 
nisses gereichen sollte. Er ging nämlich auf den arianischen Satz ein, 
dass in Christo der Logos die Stelle des menschlichen vovq vertreten habe, 
den Satz, den die Arianer anwendeten, um den Logos herunterzusetzen. 
Er erachtete, man müsse den Arianern jene Concession machen; denn 
nur unter dieser Bedingung lasse sich das nicänische Symbol halten. So 
glaubte er, die Arianer mit den eigenen Waffen schlagen zu können. 

Er ging nämlich von der Ansicht aus, es sei eine unhaltbare Lehre, 
dass der Erlöser sowie mit dem Vater gleichen Wesens, so auch mit dem 
Menschen gleichen Wesens sei, d. h. dass in Jesus ein vollkommener Gott 
und ein vollkommener Mensch zu Einer Person vereinigt gewesen seien. Er 
meinte, es sei nicht möglich, diese Vorstellung zu vollziehen: 1) ohne auf 
Ungereimtheiten zu gerathen, 2) ohne die wesentlichen Momente der Erlösung 



t)ie nestorianische Streitigkeit. Apollinarius. 293 

ZU gefährden, 3) ohne auf häretische Abwege zu verfallen. Was den er- 
sten Punkt betrifft^ so könnten zwei erkennende und wollende Wesen (ovo 
voega xat ^eXrjTixa)^ mit einem Worte zwei Selbstbewusstsein keine Ein- 
heit der Person bilden, so wenig als zwei Körper denselben Raum ein- 
nehmen könnten. Es entstehe durch diese Annahme eine monströse Zu- 
sammenfügung , die er avdqoanod^eoq nannte und mit den mythologischen 
Gebilden des Minotaurus und anderer Monstra zusammenstellte. Was den 
zweiten Punkt betrifft, so lehrte er, wo ein vollkommener Mensch, da sei 
auch Sünde {onov releiog avd^Qoonog, €X€i a^iagtia). Da nämlich die 
Sünde im vovg ihren Sitz habe, so sei in Christo, sofern in ihm der povg 
das Bestimmende sei, die Sünde gesetzt. Zugleich werde durch jene An- 
nahme die Erlösung noch auf andere Weise beeinträchtigt. Weil nämlich 
der vollkommene Mensch mit dem vollkommenen Gott sich nicht zur Ein- 
heit der Person verbinde , so geschehe es , dass Christus nur als Mensch 
leide und sterbe; da heisse es aber: „eines Menschen Tod hebt den Tod 
nicht auf.^ Was den dritten Punkt betrifft, so behauptet Apollinarius, dass 
diejenigen, welche jene Annahme durchführen wollen, unwillkürlich dahin 
kommen, blos eine Wirkung des Logos auf den Menschen Christus anzu- 
nehmen und ihn lediglich als göttlichen Menschen (av^qoanog ei^S-eog) aufzu- 
fassen. So läuft die Polemik des Apollinarius zuletzt auf folgendes Dilemma 
hinaus: entweder ist das Sein Gottes in Christo dem Wesen nach dasselbe, 
wie in allen anderen Menschen, oder das Menschliche ist in ihm nicht voll- 
ständig vorhanden gewesen, und durch diese Unvollständigkeit ist das We- 
sen des Glaubens an Christum und die Vernünftigkeit dieses Glaubens 
bedingt. 

Diese Ansicht suchte er psychologisch zu erläutern, indem er mit 
einer Art von geometrischer Präcision die Grenzen genau absteckte, wo 
das Menschliche in Christo aufhört und das Gebiet des Göttlichen beginnt. 
Er legte nämlich die Dreitheiligkeit der menschlichen Natur zu Grunde: 
1) 7iv€Vfia, vovg, rpvxn Xoyixrj^ das Höchste im Menschen, die Sphäre der 
eigentlichen Persönlichkeit, des Selbstbewusstseins , der freien Willensbe- 
stimmung, 2) xpvxn aXoyog, die thierische Seele, 3) trcofia. Jenes erste 
sprach er Christo ab, an dessen Stelle setzte er den Logos. — Apollinarius 
war sich der Tragweite dieser Ansicht vollkommen bewusst. Es fehlte 
Cliristo, was das Wesen des Menschen (to xvQianatop) ausmacht. Er war 
daher nur als ein Mensch wg av&Qomog Phil. 2,7. Es ergibt sich nun 
Eine Person, 'die eine göttliche und eine menschliche Seite hat. Die In- 
einsbildung beider ist so organisch, dass die Prädicate beider verwechselt 
werden können , so dass man sagen kann : der Menschensohn ist vom Him- 
mel, Gott ist gestorben und so weiter. Nun erhält auch das Leiden Jesu 
volle, versöhnende Bedeutung und es kann auch ohne Abgötterei das Fleisch 
Christi angebetet werden. Da lag der Abweg nahe, dass auch das Fleisch 
Christi vom Himmel gekommen sei. Gregor von Nyssa gibt diess dem 
Apollinarius schuld. Auf der anderen Seite kam er dahin, in Christo keinen 
vollkommenen Gott anzuerkennen; die Spitzen (axQotrjteg) des Göttlichen 
wie des Menschlichen in ihm sind abgebrochen ; das gehört zu seiner Eigen- 
thümlichkeit als Mittelwesen zwischen Gott und Mensch. Ohne Scheu 



294 Zweite Periode des alten Katholicismns. 

berief sich Apollinarius hier auf den Maulesel als Mittelwesen zwischen Pferd 
und Esel, auf die graue Farbe als Mischung von Weiss und Schwarz, auf 
den Frühling als Mittleres zwischen Sommer und Winter. So erst ergibt 
sich in Christo Eine Natur. 

Diese Lehre machte grosses Aufsehen; denn sie deckte ungeahnte 
Schwierigkeiten in der Lehre von der Person Christi auf, und es liess 
sich nicht läugnen, dass Viele wie Apollinarius von Christo dachten, ohne 
sich dessen völlig bewusst zu sein. Ueberdiess befiiss er sich, seine Lehre in. 
Schriften zu vertheidigen. Er suchte Anhänger und fand solche. Er selbst 
trat 375 aus der Gemeinschaft der katholischen Kirche aus und ting an, 
eine eigene Sekte zu bilden. Seine Lehre wurde vom ökumenischen Concil 
in Constantinopel 381 mit dem Anathema belegt. Er starb 390, abei* 
seine Anhänger erhielten sich, obgleich vom Staate verfolgt, noch lange, 
bis sie sich entweder mit der katholischen Kirche aussöhnten oder zu deii 
Monophysiten übergingen. War doch ihre Lehre die eigentliche Präformation 
der monophysitischen Lehre. Die Anhänger hiessen Dimoeriten (zuerst 
bei Epiphanius haeresis 77), weil sie in Christo nur zwei Bestandtheile der 
menschlichen Natur annahmen, avvov(Tia(TTai, weil sie eine Ver- 
schmelzung des Fleisches Christi mit seiner Gottheit lehrten, namentlich, 
dass das Fleisch Christi himmlischer und ewiger Natur sei; doch dieser 
Name passt nur zu der Partei der Polemianer, von ihrem Haupte Po- 
lemon so genannt; eine andere Verzweigung der Anhänger hiess Valen- 
tinianer, von Valentin so genannt, die sich am wenigsten von Apollina- 
rius entfernt zu haben scheinen. 

Die Bedeutung, die der Lehre des Apollinarius beigelegt wurde, zeigt 
sich darin, dass sie von den angesehensten Kirchenlehrern jener Zeit in 
Schriften bekämpft wurde, die leider als alleinige Quelle für die Kenntniss 
seiner Lehre dienen; denn alle seine Schriften sind verloren gegangen. 
Gegen Apollinarius trat Äthan asius auf, doch ohne den Mann zu nennen, 
Gregor von Nazianz in den Episteln an Nektarius und Kelidonius, 
Gregor von Nyssa im Antirrheticus, Theodoret im Dialog von den 
häretischen Fabeln, Theodor von Mop suestia in einer Schrift, nur bekannt 
aus Fragmenten, womit die Synode von Constantinopel im J. 550 die Verdam- 
mung des Theodor rechtfertigte ^). Diese Theologen deckten die Irrthümer des 
Apollinarius, seine fehlerhafte Auslegung gewisser Bibelstellen, die für den 
christlichen Glauben gefährlichen Folgen seiner Lehre auf. Allein eine direkte 
Widerlegung seines ontologischen Argumentes, dass zwei vollständige Wesen 
nicht in demselben Subjecte zusammen bestehen können, geben sie nicht; 
sie berufen sich dagegen darauf, dass der wahrhaftige Christus von keinem 
menschlichen Verstände erfasst werden könne, indem das Wesen Christi 
etwas Incommensurables sei. So lehrte besonders Athanasius, und wenn 
Gregor von Nazianz sagt: ^^ Bedenke, dass auch ich, eine und dieselbe Per- 
son, den menschlichen sowohl als den heiligen Geist in mich fassen kann^, 
so bedenkt er nicht, dass der heilige Geist in uns nicht personbildend ist 
in demselben Sinne, wie das Göttliche in Christo; indem er so unwillkür- 



1) Bei Mansi IX p. 203. 



Die nestorianische Streitigkeit. Theodor von Mopstiestia. 295 

lieh Christum als av&Qtortog ev&eog auffasst, bestätigt er die Meinung 
des Apolliuarius, dass man die gewöhnliche Vorstellung von Christo nicht 
vollziehen könne, ohne auf einen häretischen Abweg zu gerathen. 

Ungeachtet der Uebereinstimmung in Verwerfung des Apollinarismus 
gab es doch in Beziehung auf die Christologie sehr verschiedene Auffass- 
ungen, die sich an den Unterschied der beiden früher genannten Schulen 
und Richtungen, der neuen alexandrinischen und der antiochenischen an- 
scMiessen; aus dem Conflicte beider ging die nestorianische Streitigkeit 
hervor. Die eine, in Aegypten einheimisch, gründete sich auf eine dem 
Athanasius zugeschriebene Schrift, worin Eine Natur des Fleisch gewor- 
denen Gottes Logos gelehrt wurde. Die Schrift ist unächt i), wurde aber 
für acht gehalten, und der grosse Name des Athanasius diente nun dazu, 
diese Auffassung zu bestärken und zu verbreiten. Auch Julius, Bischof 
von Rom, der getreue Beschützer des Athanasius, lehrte dasselbe. Die 
dieser Lehrform zugethanen Lehrer trugen gerne die Prädicate der gött- 
lichen Natur auf die menschliche über, sowie umgekehrt die Prädicate der" 
menschlichen Natur auf die göttliche. Sie liebten paradox klingende For- 
meln: Gott hat für uns gelitten, Maria hat Gott geboren. Der Schwer- 
punkt dieser Richtung liegt durchaus auf der Seite der göttlichen Natur 
Christi. 

Einen starken Gegensatz dagegen bildet die antiochenische Schule. 
Der Schwerpunkt ihres dogmatischen Bewusstseins liegt durchaus auf der 
Seite des Unterschiedes zwischen der göttlichen und menschlichen Natur 
Christi. Ihr Ilauptvertreter ist Theodor von M o p s u e s t i a. (S.S. 247). 

Sein Ausgangspunkt war, dass Christus eine selbständige menschliche 
Seele gehabt, welchen Satz er auch gegen Apollinarius geltend gemacht. 
Alle Vorgänge in Gethsemane sind ihm ohne diese Annahme unerklärlich. 
Allerdings war die Gottheit von Anfang an mit seiner menschlichen Natur 
verbunden, aber in so freier Weise, dass die Einheit der göttlichen und 
menschlichen Natur erst durch den heiligen Geist vermittelt wurde. So 
nahm Jesus zu an Weisheit und Gnade. Da keine Entwicklung und Uebung 
ohne Kampf ist, so war er auch nicht frei davon, was die Vorgänge in 
Gethsemane beweisen; der Kampf, den er dort bestand, wäre ohne Gewinn 
für uns, wenn die Gottheit selbst das Subject desselben gewesen wäre. 
Dabei wurde er durch den heiligen Geist in der Liebe zu Gott so befestigt, 
dass er im Guten verharrte und durch die immer mehr sich verwirklichende 
Einheit mit dem Logos das reine Organ der in ihm wirkenden Gottheit 
wurde; seine gottmenschliche Einheit war eine werdende, zwar schon mit 
der Geburt gegeben, aber erst seit der Auferstehung zum Abschlüsse ge- 
bracht. Die Einheit des Göttlichen und Menschlichen in Christo vollzieht 
sich als Einwohnung, svoixfjcng, Gottes; es ist aber eine Einwohnung nicht 
dem Wesen nach, noch blos nach der Kraftwirkung (svegyeta), sondern 
sie geschieht vermöge des Wohlgefallens, evdoxia, Gottes; die Art und 
Weise der Einwohnung bestimmt sich nach dem Grade des göttlichen 



1) Wie Hefele 2, 129 nach Montfaucon und Moehler erachtet. 



^§g Zweite l*eriode des alten Katholicismüd. 

Wohlgefallens; in Christo ist die Einwohnung absolut vorhanden, während 
sie in den Heiligen blos relativ vorhanden ist. 

Das göttliche Wohlgefallen richtete sich von Anfang auf Christum; 
aber erst sein Leben im Stande der Erhöhung zeigt seine Einigung mit 
dem Logos vollständig. So kann Maria nur figürlich ^eotoxoq heissen, 
insofern Gott in Christo war xa% evdoxiav. Nicht die göttliche Natur ist 
aus der Jungfrau geboren, sondern der von dem Saamen Davids ist. Ma- 
ria hat eigentlich einen Menschen geboren, in welchem die Einigung mit 
dem Logos zwar begonnen, aber noch so wenig vollendet war, dass er 
noch nicht Sohn Gottes heissen konnte (Luc. 1, 25). Der Ausspruch: o 
XoYO(; (7ccQ^ €y€v6zo ist daher nicht eigentlich zu verstehen, weil sonst der 
Logos sich müsste in einen Menschen verwandelt haben, sondern der Aus- 
spruch will so viel sagen, dass der Logos vermöge des göttlichen Wohl- 
gefallens einen Menschen angenommen. Demgemäss musste die Verbindung 
der beiden Naturen eigentlich eine ethische sein. Treffend in seinem Sinne 
vergleicht sie Theodor mit der Verbindung von Mann und Frau; die Ver- 
bindung der beiden Naturen bezeichnet er mit den Worten (Tvvamsiv^ 
(Tvva(psia, wobei jede der beiden Naturen ihre Integrität behält, wie Mann 
und Frau in ihrer Verbindung mit einander. Nur in der Actualität sind 
beide Naturen in Christo Eine Person, insofern die menschliche ganz und 
gar von der göttlichen sich bestimmen lässt; in ihrem Wesen sind es so- 
viel als zwei Personen. Somit bleibt Theodor bei einem ungelösten Dua- 
lismus stehen. 

Im lateinischen Abendlande findet sich ein ähnlicher Gegensatz wie 
im Morgenlande. Bischof Julius von Rom und Hilarius von Poitiers stehen 
mehr auf Seite der egyptischen Lehrform als auf Seite der antiochenischen. 
Augustin hält gegen Apollinarius fest, dass der Erlöser eine wahrhaft 
menschliche Seele, resp. einen menschlichen Geist gehabt habe, und er- 
läutert seinen Satz: Zwei Naturen in Einer Person mit der Analogie von 
Seele und Leib, wobei er unbewusst an das Apollinaristische anstreift ; auch 
lehrt er ganz deutlich , der Logos habe nicht die Person, sondern die Natur 
angenommen, daher er die Person Christi als Mischung Onixtura) Gottes 
und des Menschen auffasst ij. Alle weitere Speculation darüber schneidet 
Augustin mit dem Satze ab, dass die Aufnahme der menschlichen Natur 
in die persönliche Einheit mit Gott lediglich als Werk der Gnade anzu- 
sehen sei. Der Mensch in Christo ist von Gott aufgenommen worden, auf 
dass er selbst Gott würde. Hierin zeigt sich offenbar eine Annäherung an 
die Lehrform des Theodor. 

Im Abendlande zeigte sich zur Zeit Augustinus ein Vorspiel dessen, 
was sehr bald darauf unter dem Namen der nestorianischen Ketzerei die 
griechische Kirche bewegte. Der Mönch Leporius stellte (426) Behaup- 
tungen auf, welche die Einheit der Person aufzuheben schienen. Augustin 
bewies ihm, dass bei seiner Theorie eine menschliche Person neben der 
göttlichen, mithin zwei Christus herauskommen. Leporius erklärte sich für 
widerlegt und bekannte, — gemäss dem Augustinischen Satze, Christus 
war deus addendo quod non erat, non perdendo quod erat, dass der Logos, 

1) So hatte ApoUinarius in seinem Sinne gelehrt: »eov xa$ ay^Qtonov fit^ti- 



Die nestorianisciie Streitigkeit. 297 

alles annehmend, was des Menschen ist, Mensch wurde und der so ange- 
nommene Mensch, alles annehmend, was Gottes ist, nichts Anderes als 
Gott war. 

In den zwei Lehrformen, die wir betrachtet haben, begegnen wir 
demselben Gegensatze, den wir von Anfang an in den christologischen 
Verhandlungen wahrgenommen haben, der zuerst in seiner crassesten Ge- 
stalt als Ebionitismus und Doketismus auftrat, darauf in Gestalt der zwei 
Classen der Monarchianer , deren Häupter einerseits Paul von Samosata, 
andererseits Sabellius waren. Es Hess sich allerdings einigermassen vor- 
aussehen, dass ein Kampf zwischen beiden Richtungen entstehen würde, 
wie denn in der lateinischen Kirche bereits ein leiser Anfang davon ge- 
macht wurde. Im Morgenlande entbrannte der Conflict, als der Unter- 
schied der beiden Richtungen aus dem Kreise der Schule, der theolo- 
gischen Verhandlung heraustrat und auf der Kanzel zur Sprache gebracht 
wurde. Dass aber der Conflict so erbittert wurde, solche praktische Re- 
sultate hatte , das rührte zum Theil daher , dass es sich nicht blos um die 
Ehre des Erlösers, sondern vorzüglich auch um die Ehre seiner Mutter 
handelte, welcher zu Ehren seit Anfang des fünften Jahrhunderts Kirchen 
waren erbaut worden. 

2) Die nestorianische Streitigkeit und das dritte ökume- 
nische Concil zu Ephesus, im Jahr 431. 

Es Ik das erste Stadium jenes Kampfes, das mit dem äusseren 
Siege der alexandrinischen Lehrform endigte. 

g. 1. Aeussere Geschichte des Streites. 

Nestorius, eine Zeit lang Mönch, sodann Presbyter in Antiochien, 
wenn nicht in der Schule des Theodor von Mopsuestia gebildet, so doch 
vom Geiste der antiochenischen Dogmatik durchdrungen, wurde 428 auf 
den Patriarchenstuhl von Constantinopel erhoben. Er zeigte alsobald mön- 
chische Starrheit und hierarchischen Verfolgungseifer. „Gebt mir, so sprach 
er zum Kaiser in seiner Antrittspredigt, gebt mir ein von den Häretikern 
gereinigtes Land, und ich will euch den Himmel dafür geben. Helft mir 
die Häretiker besiegen, und ich will euch die Perser besiegen helfen.'' 
Denn in diesen kirchlichen Würdeträgern, sie mögen nun Nestorius oder 
Cyrillus oder selbst Chrysostonuis heissen , ist, vermöge ihres hohen Selbst- 
bewusstseins als der Träger der Hierarchie, besonders wenn noch derEinfluss 
des Mönchlebens hinzukommt, etwas Herbes und Hartes. Mit gleichem Eifer 
verfolgte Nestorius Arianer, Novatianer und Quartodecimaner, ohne Unter- 
scheidung des Wesentlichen und Unwesentlichen i). Indem er nun auch 
die bereits grassirende Mariolatrie angriff", gerieth er in einen Kampf, in 
dem er schliesslich unterliegen musste. 

Es war nämlich die Benennung ^sotdxog, Bei genitrix, Gottesge- 



1) Sokrates 7, 29. 



298 Zweite Periode des alten Katholicisrauä. 

bärerin, Mutter Gottes, im Morgeiilande und im Abeiidlande bereits sehr 
gebräuchlich geworden. Athanasius hatte den Ausdruck gebraucht, ebenso 
Epiphanius, Cyrill von Jerusalem, Didymus, Gregor von Nazianz, welcher 
letztere den sogar für gottlos erklärte, der diesen Namen der Maria zu 
geben sich weigerte i). Die Männer der antiochenischen Richtung miss- 
billigten die Benennung oder wollten sie nur mit starker Einschränkung 
des Sinnes gestatten — mit vollem Rechte. Denn sie enthielt dem Keime 
nach die ganze Mariolatrie in sich. Sollte die Wurzel der abgöttischen 
Verehrung der Mutter des Herrn getilgt werden, so musste man die Be- 
nennung Mutter Gottes beseitigen. 

Nestorius traf bei seiner Ankunft in Constantinopel eine sich kund 
gebende Divergenz der Ansichten über jene Benennung vor 2) und beson- 
ders, wie es scheint, eine starke Neigung, Maria Mutter Gottes zu nennen, 
und aus ihr eine Art Göttin {^sav) zu machen 3). Es war übrigens nicht 
Nestorius selbst, der den Streit auf der Kanzel eröffnete, sondern, wohl 
auf seine Veranlassung, einer der von Antiochien mitgebrachten Presbyter. 
Anastasius, der das besondere Vertrauen des Patriarchen genoss. ^J<;einer, 
sagte er, nenne die Maria Mutter Gottes, denn sie war ein Mensch, Gott 
kann aber von keinem Menschen geboren werden.^ Schon diess machte 
Aufsehen und erregte den Verdacht, dass der Prediger Jesum als blossen 
Menschen sich denke. Allein ein weit grösseres Aufsehen machte es, als 
ein Bischof aus Mösien, der sich gerade in der Residenz aufliielt, in einer 
Predigt ausrief: ^Verdammt sei, wer die Maria Mutter Gottes ^iny^ und 
als Nestorius diesem Bischof nicht widersprach. Seitdem wurde wie* Frage, 
betreffend die Zulässigkeit jener Benennung lebhafte Streitfrage unter 
Geistlichen und Laien. Es geschah, dass ein Advokat einen Prediger, der 
gegen den Ausdruck ^eotoxog protestirte, vor der ganzen Versammlung 
unterbrach. Nun mischte sich auch Nestorius in den Streit. Er verwarf 
in seinen Predigten den Ausdruck als falsche Vorstellungen erweckend. 
Zugleich suchte er den Schein von sich zu entfernen, als ob er Christo die 
göttliche Natur abspreche; er schlug den Ausdruck xQ^^^^otoxog vor, als 
mezzo termino zwischen &€oj6xog und ap&QconoToxog, welchen letzteren Aus- 
druck manche Anhänger des Nestorius beliebten. In einer Predigt, in 
welcher er sich in diesem Sinne aussprach, wurde er selbst von einem 
Laien unterbrochen: ;,der ewige Logos selbst hat sich einer zweiten Geburt 
unterzogen.^^ Darob entstand unter der versammelten Menge eine heftige 
Bewegung, da die Einen Partei für Nestorius, die Anderen für jenen 
Laien nahmen. Nestorius fuhr fort zu reden, lobte den Eifer der Einen, 



1) Hesychius, Presbyter in Jerusalem, ging soweit, David &€0 7ittTcoQ zu nennen; in 
apokryphischen Schriften wird Jakobus a(ffk(fo9fog genannt. 

2) Nach dem Brief des Nestorius an Bischof Johannes von Antiochien bei Hefele 
2, 136. Hingegen nach Sokrates 7, 32 hat Nestorius durch den Presbyter Anastasius die 
Sache zuerst in Anregung gebracht. Auf jeden Fall muss er durch die Stimmung, die er 
vorgefunden, dazn veranlasst worden sein, wenn gleich dahin gestellt bleibt, was Nestorius 
in jenem Briefe versichert, ob bei seiner Ankunft die Divergenz schon die Gestalt an- 
genommen, dass die einen Maria »soroxog, die anderen ar&QCJTioToxog nannten. 

3) Es ist diess ein Ausdruck, den Nestorius gebrauchte. 



Die nestorianische Streitigkeit. 299 

Jenen, der ihn unterbrochen, nannte er einen elenden, frevelhaften Menschen. 
Da trat an einem Marienfeste 429, von Nestorius dazu eingeladen, Bischof 
Proclus von Cyzicus, in die Schranken. In Anwesenheit des Nestorius 
erging er sich in schwülstigen Ausdrücken über Maria als Mutter des 
menschgewordenen Logos und gab zu verstehen, dass die Andersgesinnten 
die Gottheit Christi läugneten i); nachdem er geendet, ergriff Nestorius 
das Wort und warnte die Gemeinde, sich nicht durch den Glanz der Kede 
blenden zu lassen. Er hielt nachher noch einige Predigten über denselben 
Gegenstand, worin er erklärte, in welchem Sinne er den Ausdruck ^eo- 
toxog zugeben könne; er sagte sogar, Maria sei verehrungswürdig, weil 
sie Gott in sich aufgenommen habe 2). Allein das Alles war nicht vermö- 
gend, die wachsende Gährung der Gemüther zu stillen. In der Haupt- 
kirche zu Constantinopel wurde ein Zettel angeschlagen, worauf Nestorius 
mit Paul von Samosata verglichen wurde. Ein Mönch erdreistete sich, dem 
Nestorius, als er das Ambon betreten wollte, sich entgegenzustellen, weil 
der Häretiker nicht öffentlich lehren dürfe; dieser Mönch wurde bestraft 
und aus Constantinopel verwiesen. Zu derselben Zeit wurden einige Geist- 
hche, Gegner des Patriarchen, die gegen ihn gepredigt, von einer Synode 
in Constantinopel, als manichäisch gesinnt, abgesetzt. So bereitete sich 
Alles zu einer Kirchenspaltung vor. Sie kam zum Ausbruch durch den 
Patriarchen Cyrill von Alexandrien, Nachfolger und Neffen des Theo- 
philus, berüchtigten Andenkens. (S. S. 244). 

Er war der entschiedenste Vertreter der alexandrinischen Christolo- 
gie , und hatte schon vor der Erhebung des Nestorius auf den Patriarchen- 
stuhl von Constantinopel in der Schrift über die Menschwerdung des Logos 
als Zugabe zu seinem Werke über die Trinität sich in jenem Sinne aus- 
gesprochen. Wenn er also Nestorius bekämpfte, so that er es mehr oder 
weniger aus Ueberzeugung, womit nicht geläugnet werden soll, dass er 
aus theologischer Consequenzmacherei Nestorius Lehren aufbürdete, an die 
dieser keineswegs dachte, und dass er in der Hitze des Streites zu Mitteln 
griff', die nicht ehrlich waren ^). 

Als er von dem in der Residenz ausgebrochenen Streite Kunde er- 
hielt, trat er anfangs gegen Nestorius, der am Hofe gut angeschrieben 
war, mit Mässigung auf. Ohne dessen Namen zu nennen, bekämpfte er 
die Verwerfung des ^eotoxog in einem der gewöhnlichen Osterschreiben, 
so wie in einem Warnungsschreiben an die egyptischen Mönche, unter 
denen sich Anhänger des Nestorius fanden. Er stellte die Sache so dar, 



1) Bei Mansi IV. 578. 

2) Nach Cyrill adversus Nestorium 1, 2, lehrte dieser: „so wie das Weib den Leib 
des Kindes gebiert, Gott aber die Seele einhaucht, und deswegen das Weib nicht Mutter 
der Seele genannt wird, sondern Mutter des Menschen, so gebar auch Maria den Menschen 
mit dem durch denselben hindurchgehenden Logos Gottes, und ist deswegen nicht Gottes 
Gebärerin." — Es ist ein vollkommen richtiger Gedanke, dass der Satz: Maria hat Gott 
geboren, dem entspricht: das gebärende Weib hat die Seele des Kindes geboren. 

3) Er war von vornherein sein Gegner, da er der Wiederherstellung der Ehre des 
Chrysostoraus , die Nestorius betrieb, sich widersetzte. 



300 Zweite Periode des alten Katholicismus. 

als ob die Verwerfung des ^eotOxog die Verwerfung der Gottheit Christi 
in sich schlösse. Dieser zweite Brief, in vielen Abschriften herumgeboten, 
goss neues Oel in die Flamme und Nestorius fühlte sich dadurch auf das 
tiefste verletzt. Cyrill schrieb darüber sich rechtfertigend an Nestorius, 
dieser an Cyrill. Cyrill that fortan das mögliche, um seine Partei in Con- 
stantinopel zu verstärken, des Nestorius Ansehen bei Hofe zu schwächen. 
Einen sehr empfindlichen Schlag versetzte er ihm, indem es ihm gelang, 
die abendländische Kirche gegen Nestorius zu stimmen, — in einem Schrei- 
ben an den römischen Bischof Coelestinus , worin dem Nestorius schuld 
gegeben wurde, die Gottheit Christi zu läugnen und zu lehren, dass nicht 
der Sohn Gottes, sondern blos ein Mensch für uns gestorben sei. Ver- 
gebens erklärte Nestorius in einem Schreiben an Cölestin, er gebe die 
Benennung ^eotoxog zu, wenn man dieselbe von der mit der Gottheit ver- 
bundenen Menschheit verstehe. Es kam dahin, dass Nestorius auf einer 
Synode zu Rom (430) für einen Häretiker erklärt wurde. Cölestin beauf- 
tragte Cyrill, das Urtheil der römischen Synode in Vollzug zu setzen, und 
wofern Nestorius niclit widerrufen wolle, sogleich für eine neue Besetzung 
des Patriarchenstuhles zu sorgen. 

Der Bischof von Rom masste sich hierin ein Recht an, das ihm nach 
den damals geltenden Grundsätzen keineswegs zukam. Die Sache machte 
sich auch nicht sogleich nach dem Wunsche Roms. Es würde zu weit 
führen, wenn wir uns in alle einzelnen Verhandlungen und Operationen 
des Streites einlassen wollten. Wir beschränken uns auf Angabe der ent- 
scheidenden Momente. Cyrill erliess 430 im Namen einer Synode in Ale- 
xandrien an Nestorius einen Briefe worin er diesen zum Widerrufe auffor- 
derte; er entwickelte zugleich den Lehrbegriff, zu dem er sich bekennen 
sollte, und stellte zwölf Anathematismen auf, worin das enthalten war, was 
er widerrufen sollte. Es war darin eine h(x)(nq (pvdixti ^^^ beiden Naturen 
in Christo gelehrt, und ausdrücklich der Begriff der (Twaipeia abgelehnt. 
Nestorius, ohne sich um die Aufforderung zum Widerrufe zu kümmern, 
wozu er vollkommen berechtigt war, antwortete durch zwölf Gegenanathe- 
matismen. Sie fanden Anklang in den Kirchen Kleinasiens und Syriens, 
während Cyrill's Anathematismen Bedenken erregten, weil dabei eine 
völlige Vermischung beider Naturen herauszukommen schien. Theodoret, 
Bischof von Cyrus, widerlegte dieselben in einer eigenen Schrift , dazu auf- 
gefordert durch Bischof Johannes von Ephesus. Da berief Theodosius H. 
eine neue allgemeine Kirchenversammlung nach Ephesus auf das Jahr 431. 
Cyrill und Nestorius, die auch die Einladung dazu erhalten hatten, kamen 
zu dem bestimmten Zeitpunkte in Ephesus an. Cyrill mit seinem Anhange 
war zuerst gekommen, indess die Ankunft der morgenländischen, antioche- 
nisch gesinnten Bischöfe durch mehrere, von ihrem Willen unabhängige 
Ursachen verzögert wurde. Noch waren sie nur noch wenige Tagreisen 
von der Stadt entfernt, als Cyrill eigenmächtig das Concil eröffnete, den 
Nestorius als Angeklagten behandelnd vor das Concil beschied und deu 
sich dessen beharrlich weigernden alsobald verdammen und das Absetzungs- 
urtheil über ihn aussprechen Hess. Einige Tage darauf langten die mor- 
genländischen Bischöfe an und fanden zu ihrem Erstaunen alles schon 



Die nestorianische Streitigkeit. 301 

entschieden. Doch versammelten sie sich unter dem Vorsitze des Bischofs 
Johannes von Antiochien und erklärten Cyrill sowie dessen vornehmsten 
Gehülfen Bischof Memnon von Ephesus für abgesetzt. Theodosius, der 
unterdessen durch die cyrillische Partei am Hofe gegen Nestorius bear- 
beitet worden und doch von vornherein an dem Benehmen des Cyrill An- 
stoss genommen, bestätigte zuerst alle drei Absetzungen. Indessen Cyrill 
wusste durch ihm ergebene Mönche und durch Bestechungen sich Gunst 
am Hofe zu verschaffen. So verblieben Cyrill und Memnon in ihren Aem- 
tern. Nestorius musste sich in sein ehemaliges Kloster, in der nächsten 
Nähe von Antiochien gelegen, zurückziehen, wo er nun einige Jahre im 
Frieden lebte. Es kam dahin, dass Cyrill und Johannes sich verstän- 
digten. Jener unterschrieb das morgenländische, angeblich von Theodoret, 
eigentlich von Bischof Johannes abgefasste Glaubensbekenntniss (mit Aus- 
lassung des Einganges und des Schlusses, worin Cyrill's Lehre ausdrück- 
lich verworfen war). Es wird in diesem Bekenntnisse Jesus vollkommener 
Gott und vollkommener Mensch genannt, als solcher aus ipvxrj loyixri und 
CMfia bestehend, — diess gegen den Apollinarismus , dessen man Cyrill be- 
schuldigte, — derselbe vor der Zeit aus dem Vater gezeugt, in der letzten Zeit 
zu unserem Heile aus Maria der Jungfrau nach der Menschheit geboren; 
in ihm fand eine Einigung (evoKTig) beider Naturen statt. In Betracht dieser 
Einheit ohne Verschmelzung (aavrx^^og hmaiq) wird die heilige Jungfrau 
^eotoxog genannt, weil Gott Logos in ihr Mensch geworden und von der 
Empfängniss an den aus ihr genommenen Tempel mit sich vereinigt hat. 
Ein Bekenntniss, welches ganz und gar die Denkweise des Nestorius aus- 
drückte ; denn der Begriff der acrvyx^'^og evwcnq entsprach so ziemlich dem 
der avvatpeia beider Naturen, wie sie die antiochenische Schule lehrte. Auch 
Bischof Johannes ging nicht rein aus diesem Streite hervor; unter den 
drei Männern, die dabei am meisten betheiligt waren, bewahrte allein 
Nestorius die Reinheit des Charakters; er blieb seiner Ueberzeugung un- 
erschütterlich getreu, — auch in dem, worin er nachgab, aber desto 
trauriger war sein Schicksal. Bischof Johannes opferte ihn, zu dem er 
bis dahin gehalten hatte, mit dem er befreundet war, auf. Weil er den 
von ihm verrathenen Freund nicht gerne in seiner Nähe sah, bewirkte 
er, dass er nach der grossen Oase in Aegypten verwiesen wurde. Von 
da aus allerlei Gründen oder unter allerlei Vorwänden von einem Orte 
zum anderen geschleppt, starb er c. 440. Inmitten dieser Streitigkeiten 
wurde auch die Lehre des Theodor von Mopsuestia, als Quelle des Nesto- 
rianismus, besonders von Rabulas, Bischof von p]dessa in Mesopotamien, 
der eine Zeit lang zu Nestorius gehalten hatte, angegriffen und der Ketzerei 
beschuldigt. Die Schule in Edessa wurde eine Zeit lang der Zufluchtsort 
der antiochenischen Lehre unter vielen Verfolgungen. Ibas, Bischof von 
Edessa, Nachfolger des Rabulas, war sogar entschiedener Anhänger der- 
selben und übersetzte die Schriften Theodor's in das Syrische. 489 wurde 
die Schule aufgelöst; die Trümmer flüchteten nach Persien; so entstanden 
die Nestorianer, chaldäische Christen, Thomaschristen, von denen 
an einem anderen Orte die Rede sein wird, 



302 Zweite Periode des alten Katholicismus. 



§. 2. Nähere Betrachtung der christologischen Momente der 
nestoriauischen Streitigkeit. 

Des Nestorius Name kam mit dem Vorwurfe einer argen Ketzerei ge- 
brandmarkt auf die Nachwelt, als ob Jesus, nach seiner Ansicht, blosser 
Mensch gewesen und erst lange nach der Geburt auf irgend eine Weise 
mit Gott verbunden worden sei. Es half nichts, dass noch zu Lebzeiten 
des Nestorius sich Sokrates 7, 32 seiner annahm und auf Grund der Er- 
forschung seiner Schriften die Unwahrheit jenes Urtheils behauptete h. 
Luther, in die Fussstapfen des Sokrates tretend, war nach langer Zeit der 
erste, der ihn auffallend milde beurtheilte ; er habe nicht die Gottheit 
Christi geleugnet, noch zwei Personen in Christo gelehrt, sondern aus 
Eitelkeit und Unverstand den Ausdruck Mutter Gottes verworfen 2), Zu 
gleicher Zeit gewöhnten sich die lutherischen Theologen, die reformirte 
Christologie des Nestorianismus zu beschuldigen, wogegen von Calvin an 
die reformirten Theologen protestirten und in die Verwerfung des Nestoria- 
nismus einstimmten, während andere reformirte und auch lutherische Theo- 
logen urtheilten, es liabe ein blosser Wortstreit obgewaltet; diesem Ur- 
theile widersprachen in unseren Tagen Neander, Baur, Dorner. 

Nestorius ging zunächst davon aus, dass die Benennung d^eotoxoq et- 
was Heidnisches an sich habe. „Hat denn Gott eine Mutter V^ so fragt er 
in seiner ersten Predigt über diese Streitfrage. ^^Dann wäre das Heiden- 
thum zu entschuldigen, das den Göttern Mütter zuschrieb.^ Diese Art von 
Polemik ist derb, rücksichtslos, auch wohl unklug zu nennen, aber sie war, 
was den zu Grunde liegenden Gedanken betrifft, vollkommen gerechtfer- 
tigt; es war nöthig, die Kirche daran zu erinnern, dass sie mit ihrer Ver- 
ehrung der Maria auf dem Wege sei, in Götzendienst zu verfallen. Aber 
freilich wehe dem, der es wagte, die Kirche davor zu warnen! Was Chri- 
stum betrifft, so sah Nestorius in jener Benennung eine Herabwürdigung 
der Gottheit. Wenn er lehrte, dass Maria den Menschen, welcher der 
Tempel Gottes w^erden sollte, geboren, so konnte er sich auf einen Aus- 
spruch des Herrn berufen (Joh. 2, 19). Ebenso richtig war es, wenn er 
die menschliche Natur das Organ, instrumentum, der Gottheit nannte, auch 
indumentiim, das man verehrt wegen dessen, der es trägt. Man ehrt, was 
sichtbar ist, wegen des darunter Verborgenen. Gott ist unzertrennbar von 
dem, was den menschlichen Augen offenbar ist. Wie sollte ich also die 
Ehi'e und Würde dessen zertrennen, der selbst nicht zertheilt wird'? Di- 



1) Sokrates ist im Irrthum, wenn er meint, Nestorins habe blos deswegen den Aus- 
druck (^foToxog verworfen, weil er nicht wusste, dass viele Kirchenlehrer, namentlich schon 
Origenes ihn gebraucht und gebilligt hatten. 

2) Siehe die Schrift von den Concilien und Kirchen. Erlanger Ausgabe Bd. 25 
S. 303. Luther stellt übrigens die Ansicht des Nestorius doch falsch dar : wenn man sage, 
die hat den oder den geboren, so meine man nicht, sie sei Mutter seiner Seele, und doch 
besage es der Ausdruck; das ist nicht richtig, sondern der Ausdruck Mutter Gottes kommt 
dem gleich, dass die und die die Seele des und des geboren habe ; darum verwarf Nestorius 
den Ausdruck oder gab ihn nur mit berichtigender Ergänzung zu. 



Die nestorianische Streitigkeit. Christologische Momente. 303 

vido naturas, sed conjungo reverentiam i). So ist also Maxia d^eodoxog^ aber 
nicht ^sozoxog] dieses ist allein Gott, der den Sohn aus sich gezeugt hat. 
Der Sohn vereinigte sich mit dem von Maria geborenen, ward aber nicht 
selbst von der Maria ; denn sonst würde es darauf hinaus kommen, dass 
das Wort (der Logos) Geschöpf des Geistes ist, von dem er empfangen ist. 
Maria ist also nur uneigentlich d^eotoxog wegen der geborenen Menschheit, 
die mit dem Worte Gottes verbunden war 2). Wer anders lehrt , der ver- 
fällt nothwendig in den Irrthum des Arius und ApoUinarius, die Christo einen 
wahrhaft menschlichen vovg absprachen: die oft wiederholte aber gewiss 
nicht unverdiente Beschuldigung, welche Nestorius gegen Cyrill vorbrachte. 
Mit Recht berief er sich darauf, dass er die Schrift für sich habe. So oft 
sie von der Geburt Christi rede, so gebrauche sie nie den Ausdruck Gott, 
sondern Christus, oder Sohn, oder Herr, da diese drei Namen beide Natu- 
ren bezeichnen. Mit Recht hob er hervor, dass der Ausdruck ^eotoxog in 
der Schrift nicht vorkomme, dass auch die Väter in Nicäa ihn nicht ge- 
braucht hätten. Bei der avva(p€ia^ noch dazu der aGvyxvtog (rwatpeta^ 
womit er nach Theodor die Verbindung der beiden Naturen bezeichnete, war 
das Geheimniss der Menschwerdung des Wortes allerdings nicht erklärt, auch 
nicht vollständig ausgedrückt. Aber wer hatte es bis dahin besser ausge- 
drückt? Ist es dem Patriarchen von Alexandrien gelungen, eine innigere 
Verbindung beider Naturen aufzustellen, ohne die Integrität einer jeden 
von beiden zu gefährden? 

So