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Full text of "Der Feldzug der Division Lecourbe im Schweizerischen Hochgebirge 1799"

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B67-5731 !***<*"**** 




Der 



Feldzug der Division Lecourbe 



im 



Schweizerischen Hochgebirge 



179» 



Von 

Reinhold Günther 

Dr. phil. 

Oberlieutenant im Füsilierbataillon 17 



Mit einem ersten Preise bedacht von der Schweizerischen Offiziers-Gesellschaft 

zu Basel am 1. Juli 1895 und mit Unterstützung derselben 

zum Druck befördert 



Mit einer Uebersichtskarte des Gotthardgebietes und vier Skizzen 



FRAUENFELD 

Verlag von J. Huber 

1896 



Huber & Co. Buchdruckerei in Frauenfeld 



Inhaltsverzeichnis. 



Vorwort ........ 










Seite 

1 


Einleitung 










13 


I. Die ersten Kämpfe in Graubünden . 










28 


II. Die Aufstände ...... 










75 


III. Der Verlust des Gotthard 










85 


IV. Die Ereignisse während der Waffenruhe 










100 


V. Die Wiedereroberung des Gotthard 










109 


VI. Suworoff 










127 


Anmerkungen ....... 










181 



Vorwort. 



Die Kriegsereignisse des Jahres 1799 bergen eine Fülle von 
Thatsachen, welche zu weitgehenden taktischen Studien und histor- 
ischen Forschungen anregen. Der Schweizer Wehrmann vornehmlich 
wird dem Schicksalsjahre, in dem sein Vaterland als der Kampfplatz 
fremder Heere erscheint, stets die größte Aufmerksamkeit schenken. 
Ursachen und Wirkungen schildern sich selten so deutlich wie in 
jener Periode, die wohl die trübste der hehren vaterländischen Ge- 
schichte genannt werden darf. 

In politischer Hinsicht erscheint ein junges Staatsgebilde, das 
bei aller äußeren Vortrefflichkeit seiner Verfassung doch, von dem 
ersten Augenblicke des Entstehens an gerechnet, den Keim früh- 
zeitigen Unterganges in sich trägt. Es fehlt ihm die vorzüglichste 
Grundlage nationalen Lebens, das freie Selbstbestimmungsrecht. 
Ohnmächtig nach außen wie nach innen, mußte der helvetische 
Einheitsstaat einem selbstsüchtigen Bundesgenossen, der vor keinem 
Gewaltmittel zurückscheute, geradezu Sklavendienste leisten. 

Die reichsten und bis dahin durch einen vortrefflichen Land- 
wirtschaftsbetrieb sowohl wie durch Handel und Gewerbe aller 
Art an glücklich geordnete Verhältnisse gewöhnten Gegenden 
bildeten den Tummelplatz der Koalitionsheere und ihrer Gegner. 
Ja selbst in dem unwirtlichen Hochgebirge, in welchem die Ver- 
bindungen nur aus schlechten Saumpfaden und den kaum für 
einzelne Fußgänger tauglichen Steigen bestanden, tobten die er- 
bittertsten Kämpfe. 

Indes die große Taktik auf den Feldern der Hochebene 
halbe und ganze Erfolge errang, feierte in den Alpen eine Art 
Detachementskrieg die höchsten Triumphe. 

Günther, Feldzug 1799. 1 



Die Bedeutung des Besitzes der Hochgebirge — ursprünglich 
von beiden Teilen falsch aufgefaßt und erst im Laufe des Feld- 
zuges, wenigstens von der französischen Heerführung, einigermaßen 
auf den richtigen Wert zurückgeführt — tritt uns Epigonen in 
klarer, von idealen Auffassungen nicht getrübter Form entgegen. 

Der Soldat erkennt in diesen Operationen den Wert einer 
energischen Oberführung, welche alle Schwierigkeiten zu über- 
winden weiß. Dazu verfügt keine der sich bekriegenden Mächte 
über Truppen, die besonders zum Feldzuge im Hochgebirge aus- 
gebildet erscheinen. Dennoch wissen sich Führer wie Untergebene 
in oft geradezu genialer Weise den Verhältnissen anzupassen. 

Das wirkliche Ergebnis aller Operationen aber mag nicht 
befriedigen, sobald sie in ihrer Gesamtheit erfaßt werden. Die 
Erklärung hierfür ist in der Thatsache zu erkennen, daß die 
endgültige Entscheidung über den Besitz der Schweizer Hochebene 
nicht im Alpengebiete unseres Landes zu suchen ist. 

Im Hinblick auf die Zahlen, mit welchen die heutige Zeit zu 
rechnen gewohnt ist, sind es nicht gerade große Massen, die sich 
im Laufe des Jahres 1799. im Hochgebirge gegenüberstehen. Da- 
bei bleibt die Frage zu erläutern, ob nicht das Heer, welches 
dem Befehle des russischen Feldherrn unterstand, schon viel zu 
groß für die Bewegungen im Alpengebiete erscheint. 

Freilich, die Koalition rechnete nicht darauf, daß Suworoff 
einen eigentlichen Gebirgskrieg zu führen haben werde. Er selbst 
glaubte durch die Masse und ihren Impuls jeden Widerstand 
brechen zu können. Nur ein mit den thatsächlichen Verhältnissen 
völlig Unvertrauter mochte den Plan fassen, die bei Zürich fallende 
Entscheidung durch eine die Alpen überschreitende Armee beein- 
flussen zu wollen. Das „ Warum" des verzweifelten Gewaltmarsches 
der Russen durch die Schweiz liefert ein die Geschichte der 
militärischen Reibungen mit politischem Hintergrunde scharf be- 
leuchtendes Beispiel. 

Die Ergründung dieser Frage interessiert wohl mehr den 
Geschichtsforscher im Soldaten als diesen selbst. Aber es ist 
nicht möglich, die strenge historische Ergründung aller Ursachen 
von den Ergebnissen auf dem Gebiete der Taktik und der Strategie 
zu trennen. Dieser Satz ist jedoch keineswegs in dem Sinne aufzu- 
fassen, daß die oberflächliche Betrachtung der geschichtlichen That- 
sachen allein genügen könnte, jeden Fehler, jeden Vorteil zu erfassen. 
Die Erkenntnis der Gründe muß sich vielmehr bis auf die geringsten 



3 

Einzelheiten, auf die Intimitäten des militärischen Lebens erstrecken, 
ohne doch bei einer derartigen Detaillierung in eigentliche Pedan- 
terie auszuarten. 

Eine gewissenhafte Erforschung aller die Handlungen be- 
gleitenden Umstände wird besonders dort am Platze sein, wo es 
sich um ein von vielen Köpfen geleitetes Heer handelt, in einem 
Lager also, das stets nur „ Kriegsräte " kennt, in welchem die 
Schlachten zuerst theoretisch und dann — unpraktisch entschieden 
werden. Tritt zu den Figuren eines politisierenden und dem- 
entsprechend auch intriguierenden Generalstabes noch die Gestalt 
eines anscheinend unbeugsamen Mannes, der schließlich jeder ge- 
schickten Einflüsterung Raum gibt, so sind größere militärische 
Operationen von vorne herein als Mißerfolge aufzufassen. Nur ein 
nationales, einheitlich durchgebildetes Heer, das von einem durch 
keinerlei Rücksichten politischer, oder persönlicher Art gefesselten 
Führer befehligt wird, kann dauernde Erfolge erringen. Ueber den 
ehrenvollen Frieden mag der Staatsmann, der Diplomat unter- 
handeln, der General bleibe allein Oberfeldherr im Kriege! 

Die französischen Heerführer jener Tage waren keineswegs 
vollkommen unabhängig von Einflüssen, die hinter der Front, in 
den Schreibstuben des Kriegsministeriums zu Paris sich abspielten. 
— Der selbständigste unter ihnen ist jedenfalls Claude-Jacques 
Lecourbe gewesen. Er durfte es auch sein, denn seine kriegerische 
Thätigkeit hielt ihn weit genug von den Unterströmungen ent- 
fernt, die nicht einmal Massena ganz unberührt ließen. 

Claude- Jacques Lecourbe wurde am 23. Februar 1759 zu Ruffey 
bei Lons-le-Saunier im heutigen Departement du Jura geboren. 1 

Sein Vater, ein ehemaliger Infanterie-Offizier und Ludwigs- 
ritter, zählte sich zu dem alten Adel der Franche-Comte. Er mag 
seinen Sohn wohl zur Laufbahn eines Richters oder Beamten be- 
stimmt haben; mehrere Glieder der Familie hatten sich in diesen 
Stellen ausgezeichnet. Jedenfalls erhielt Lecourbe die hierzu nötige 
Vorbildung auf dem Colleg von Poligny und dem von Lons-le- 
Saunier. 

Im Jahre 1777 trat er als Füsilier in das 85. Infanterie- 
Regiment, das damals den Namen d'Aquitaine führte. 

Er nahm an der Belagerung von Gibraltar teil (1779 — 82) 
und wohnte auch der Einnahme von Minorca bei. Als nach acht- 
jähriger Dienstzeit im Jahre 1785 der junge Mann den Abschied 
erhielt, verfügte er nur über die Schnüre eines Korporals. 



Am 7. August 1791 ward Lecourbe von seinen Kameraden 
zum Hauptmann der achten Compagnie des siebenten Bataillons, 
am 24. November desselben Jahres aber schon zum Bataillons- 
Chef gewählt. 2 

Damit trat er unter die Befehle des Generals Houchard, 
welchem der Auftrag geworden, den Engländern bei Dünkirchen 
entgegen zu treten. Am 8. September 1798 kam es bei dem 
Dorfe Hondschoten zum Schlagen. Hier stand der Herzog von 
York mit vierzigtausend Mann, zumeist Schotten und Hannoveraner. 
Da Lecourbes Bataillon wohl nicht für allzu zuverlässig gehalten 
ward, blieb es für den ersten Teil der Schlacht in einer Reserve- 
stellung. Immerhin fand Lecourbe Gelegenheit sich auszuzeichnen, 
indem er zwei Schwadronen hannoverscher Reiter sprengte und 
einen guten Teil von ihnen gefangen nahm. Weitere Aus- 
zeichnungen wurden auf dem Rückzuge von Menin (15. Sept.) 
gegen den kaiserlichen General Beaulieu und vornehmlich bei 
Wattignies (16. Okt.) gewonnen. Dort, beim Sturm auf das vom 
Prinzen Koburg besetzte Plateau war es, daß ein Augenzeuge 
der glänzenden That, Moreau, damals schon Divisionär, ausrief: 
,, Lecourbe ira loin!" 

In das Jahr 1794 fällt eine Anklage, die von Kameraden 
gegen Lecourbe gerichtet ward und die ihn antirepublikanischer 
Ansichten beschuldigte. Die Verhandlung vor dem Revolutions- 
Gerichtshof zu Nantes (13. IV. 1794) ergab jedoch seine völlige 
Freisprechung, und am 12. Juni des nämlichen Jahres erhielt er 
den Grad eines General de brigade provisoire. Er befehligte nun 
in der Rhein-Mosel- Armee eine Reiter-Brigade und zeichnete sich 
bei Sprimont und Esneux aus. Nachdem er 1795 an der Belagerung 
von Luxemburg teil genommen, erhielt er durch Moreau im August 
1796 eine Division. Schon damals, besonders aber infolge seiner 
rühmlichen Tbätigkeit in dem belagerten Kehl, wurde sein Name 
in weiteren Kreisen bekannt. 

Am 5. Februar 1799 zum Divisions-General befördert, über- 
nahm er den Befehl jener Truppe, deren Schicksale die vorliegende 
Arbeit schildert. Bekannt ist seine große Thätigkeit im Feldzuge 
von 1800, den er als Lieutenant -general in der Rhein -Donau- 
Armee unter Moreau mitmachte. 

Infolge seiner Parteinahme für diesen, ihm nahestehenden 
Freund, fiel er im Herbste 1804 beim Kaiser in Ungnade; zu- 
nächst in RufFey lebend, mußte er 1818 einen Zwangswohnsitz 



in Bourges aufschlagen. Die Restauration gewährte ihm das große 
Band der Ehrenlegion und ernannte ihn zum General-Inspektor 
der Infanterie der 6. Militär-Division. 

Während der hundert Tage diente er dem Kaiser als Komman- 
dant des bei Beifort gegen die Oestreicher aufgestellten Corps. 
Die Folge war, daß er am 31. August 1815 in den Ruhestand 
versetzt ward. Eine weitere Maßregelung unterblieb jedoch, da 
der Tod den General bereits am 23. Oktober 1815 zu Beifort 
überraschte. 

Dieser kurze Blick auf das Leben von Claude-Jacques Lecourbe 
mag eine Vervollständigung erfahren, welche die Gerechtigkeit des 
Geschichtsschreibers erfordert. Es gilt, das Andenken des Generals 
auch in rein moralischer Hinsicht von der Beschuldigung zu 
reinigen, einer jener Räuber gewesen zu sein, wie sie leider nur 
zu oft das französische Wehrkleid mißbrauchten. 

Zunächst sei darauf verwiesen, daß Lecourbe sehr viel für 
die Armen that. Hierüber liegen Zeugnisse vor. 3 Daß Dr. Lusser 
schlecht von dem General spricht, erklärt sich wohl zum guten 
Teile aus seiner unverhohlenen, öfters hervorklingenden Abneigung 
gegen die Franzosen und den Einheitsstaat. Uebrigens erzählt 
er auch an anderen Stellen seines Werkes, daß die Kaiserlichen 
und die Russen eigentlich noch viel schlimmer hausten als die 
Franzosen. 4 Das üppige Leben, von dem Lusser berichtet, gehörte 
sonst nicht zu den Gewohnheiten des Generals. Ganz abgesehen 
davon, daß es von Menschlichkeit zeugte, wenn Lecourbe die 
„Leckerbissen" für seine Tafel aus Luzern bezog, anstatt sie von 
seinen Quartiergebern in Altdorf zu fordern, war die Auswahl an 
feinen materiellen Genüssen, welche Luzern damals zu bieten ver- 
mochte, jedenfalls nicht groß. Den Tagesbefehl anbetreffend, den 
Lecourbe auf Drängen Zschokkes, des damaligen Regierungs- 
Statthalters für den Kanton Waldstätten, erlassen haben soll, 
mag auf die aus Schwyz im Dezember 1798 und Januar 1799 
datierten Briefe und Anordnungen des Generals verwiesen werden. 5 
Sie beweisen deutlich, daß es Lecourbe wohl ernst war, die 
Mannszucht aufrecht zu erhalten. Daß er dabei selbst hoch- 
gestellte Kameraden angriff, wenn sie ihre Autorität nicht ge- 
nügend zu wahren wußten, zeigt der im April im Engadin sich 
abspielende Vorfall mit dem General Dessolles. 6 In Zürich wird 
noch heute eines Geschehnisses Erwähnung gethan, das Lecourbe 
als energischen Unterdrücker einer beginnenden Meuterei zeigt. 



6 

Es mag auch nicht vergessen werden, daß die Bevölkerung in 
den kleinen Kantonen sich zunächst fast ausnahmslos feindselig 
gegen die Franzosen zeigte. So schreibt Lecourbe selbst zu ver- 
schiedenen Malen von Mißhandlungen, welchen einzelne Soldaten 
ausgesetzt waren. 7 Daß unter solchen Umständen die Reibungen 
beiderseits zu Ausschreitungen führten, darf nicht auf die Rechnung 
des Generals gesetzt werden. Die ebenfalls als „Befreier" auf- 
tretenden Verbündeten führten schließlich ein ganz ähnliches 
Regiment, das von den Bewohnern des Reußthales sogar noch 
härter als jenes der Franzosen empfunden wurde. 8 

Massena selbst sah die Lage für ernst genug an, um zu 
wiederholten Malen drohende Warnungen den Militärbehörden 
auszusprechen. 

Selbst die Bildung, die Kennerschaft des Generals bezüglich 
alter Druckwerke, von Gegenständen der Kunst und des Kunst- 
gewerbes, sind zu Anklagen gegen ihn ausgenützt worden. Die 
offiziellen Akten weisen aber nirgends Klagen auf, als habe 
Lecourbe die Bibliothek des Schlosses zu Ruffey in unrecht- 
mäßiger Weise vergrößert. Dagegen ist ein bezügliches Schreiben 
eines Barons Karl Ehrenbert von Roz aufbewahrt geblieben, das 
geradezu das Gegenteil der wider den General so freigebig er- 
hobenen Anschuldigungen beweist. 9 

Genug, ein Mann, der solche Uneigennützigkeit bewies wie 
Lecourbe gegenüber seinem schwer beschuldigten Freunde Moreau 
— ein Mann, welcher selbstlos niemals seinen eigenen Vorteil, 
sondern einzig den Ruhm und die Größe des Vaterlandes im 
Auge hatte, der unbestochen durch den Glanz der aufsteigenden 
Kaisersonne den republikanischen Grundsätzen treu blieb — ein 
Lecourbe konnte kein gemeiner Dieb sein und niemals auf der 
Stufe der Massena und Vandamme stehen. 

Unter den Gegnern Lecourbes im Jahre 1799 nimmt nur 
eine Persönlichkeit das Interesse des Historikers in höherem Maß- 
stabe in Anspruch: Graf Alexander Wassilje witsch Snworoff 
Rimiiikski. Er hat mehrfach Biographen gefunden und sein Leben 
ist aus diesem Grunde auch weit bekannter geworden, als das von 
Lecourbe. 1 " Nichtsdestoweniger sollen hier der Vollständigkeit 
halber die Haupt-Daten der Laufbahn des russischen Feldmar- 
schalls aufgeführt werden. 

Geboren zu Moskau am 13. November 1729 als der Sohn 
des späteren Ingenieur-Generals Wassilij Iwanowitsch S. (1699 bis 



1786) und aus einer ursprünglich schwedischen Familie, ward er 
vom Vater keineswegs zum Militärdienste bestimmt. Er empfing 
vielmehr eine sorgfältig durchgeführte und für jene Zeit umfang- 
reiche Bildung, die ihn wohl für die höchsten Stellen in der 
Civil- Verwaltung geeignet hätte erscheinen lassen. Immerhin 
trat er mit dem siebenzehnten Lebensjahre in das Semenoffsche 
Infanterie-Regiment ein und 1754 wurde er als Lieutenant breve- 
tiert. Das fernere Aufsteigen ging rasch vorwärts. 1759 am 
1. August kämpfte er schon mit dem Grade eines Oberstlieutenants 
unter Soltikoff in der für Preußen so unglücklichen Schlacht von 
Kunnersdorf. Das folgende Jahr nahm er an der Totlebenschen 
Expedition gegen Berlin teil, um dann für einige Zeit zur leichten 
Kavallerie überzutreten. Seit 1762 Oberst, erhielt er den Befehl 
über das zu Neu-Ladoga stehende Susdalsche Infanterie-Regiment. 
Hier scheinen zuerst die Wunderlichkeiten in seiner Lebens- 
führung hervorgetreten zu sein, welche ihn nachmals nicht selten 
als geistig gestört erscheinen ließen. Im Winter von 1768 auf 
1769 nach Polen gesendet, besetzte er Warschau und unterwarf 
Lithauen. Katharina IL, welche Zeit ihres Lebens seine Gönnerin 
blieb, ernannte ihn dafür am Neujahrstage 1770 zum General- 
major. In dem kleinen Kriege in Polen, den er noch bis 1772 
gegen die Konföderierten zu führen hatte, soll er viel Mensch- 
lichkeit gezeigt haben. Seit 1773 beteiligte sich Suworoff an dem 
Feldzuge gegen die Türken. Wider den ausdrücklichen Befehl 
des Ober-Generals Rumjanzoff eroberte er die kleine Festung 
Turtukai. Im Jahre 1774 wurde er zum Generallieutenant befördert. 

Am 10. August 1787 übernahm er, zu Beginn des neuer- 
dings von Rußland unternommenen Türken-Krieges, in Cherson 
den Befehl eines Corps von dreißigtausend Mann. Doch schon 
nach wenigen Monaten zog er sich die Ungnade des allmächtigen 
Tauriers zu. So erhielt er, der unterdessen schwer verwundet 
worden, im Herbste 1788 seine Entlassung. 

Das folgende Jahr bereits brachte ihm die vollkommene 
Rechtfertigung. Er erhielt wieder den Befehl über ein Corps. 
Bei Rimnik siegte er am 11. September 1789, unterstützt von den 
vom Prinzen Koburg befehligten Oestreichern, in entscheidender 
Weise über den Vezier. Noch wichtiger erschien der Sturm, 
welchen die Russen unter seiner Führung auf die starke Türken- 
Festung Ismail am 3. Dezember 1790 unternahmen. Katharina 
betraute dann 1793 Suworoff mit dem Oberbefehl über die in 



Podolien stehenden Truppen. Dieser erkannte sogleich, daß nur 
die Einnahme von Warschau den Krieg bald beenden werde. 
Am 24. Oktober 1794 erstürmte er mit zweiundzwanzigtausend 
Mann die Weichsel-Vorstadt von Warschau, den Brückenkopf 
Praga. Fünf Tage darauf zog Suworoff in die besiegte Haupt- 
stadt selbst ein. 

Der neue Selbstherrscher aller Reussen, Paul L, war eifrig 
bemüht, sogleich nach seiner Thronbesteigung jede Erinnerung 
an die Regierung seiner Mutter zu beseitigen. Die Wunderlich- 
keiten Suworoifs und ein gewisser starrer Trotz, mit welchem 
sich dieser den Anordnungen des Zaren widersetzte, gaben den 
Grund für seine Verabschiedung, welche einer vollkommenen Un- 
gnade gleich kam. Aus Moskau, wo er bei seinem Schwieger- 
sohne Zuflucht gefunden, vertrieb ihn der strenge Befehl, seinen 
künftigen Wohnsitz unter polizeilicher Aufsicht (!) im weltent- 
legenen Dorfe Kochanskoje (Nowgorodsches Gouvernement) zu 
nehmen. Hier brachte er die Jahre 1797 und 1798 in stiller 
Vergessenheit bei den mannigfachsten Geschäften zu. Der Zar 
schien sich des alten Kriegsmannes nicht mehr erinnern zu wollen. 

Im Februar 1799 wurde Suworoff wieder nach Petersburg 
berufen. 11 Für den beginnenden Feldzug erhielt er völlige Macht- 
vollkommenheit vom Zaren. Alle Welt, die Wiener Burg nicht 
zum wenigsten, betrachtete ihn damals als den einzigen Retter 
vor den heranrollenden Wogen der Revolution. Am 15. März in 
Wien eingetroffen, wurde Suworoff sogleich zum kaiserlichen 
Feldmarschall ernannt; zwei Wochen später trat er an die Spitze 
der nach Italien entsendeten russischen Truppen. Der Marsch 
durch die Lombardei glich einem Triumphzuge. Am 29. April 
schon zog er in Mailand ein. Zugleich begann aber jenes Intriguen- 
spiel des kaiserlichen Hofkriegsrates, dessen Opfer Suworoff 
schließlich in dem von vorne herein aussichtslosen Alpenfeldzuge 
werden sollte. 

Am 17., 18. und 19. Juni besiegte der Feldmarschall den 
General Macdonald in der blutigen Schlacht an der Trebbia. 
Schon am 15. August errang er neue, den Feldzug entscheidende 
Erfolge über Joubert, der an diesem Tage bei Novi fiel. Einen 
Monat später trat Suworoff den verhängnisvollen Marsch in die 
Schweiz an, mit den Worten: „Wehe denen, die es mir gebieten! — 
Diese Bösgesinnten werden es zu spät bereuen ! Denn ich habe 
zwar die Franzosen geschlagen, doch nicht vernichtet." — 



9 

Unter keinen Umständen trägt Suworoff die Schuld an dem 
tollkühnen Wagestücke des Marsches durch die Alpen. Er mußte 
vielmehr dem ganz bestimmten Befehle Pauls nachgeben, der 
völlig für diesen Plan des vom Minister Thugut geleiteten Hof- 
kriegsrates gewonnen worden war. 12 

Die Kränkung über seine Niederlagen, vielleicht auch die 
Nachwirkung der Strapazen, welche der siebenzigjährige Greis 
ausgehalten, verschlimmerten seine nun plötzlich fühlbar werden- 
den Leiden. Bereits völlig gebrochen, betrat er wieder den Boden 
Rußlands. Sterbend erreichte er Petersburg, und hier erlag er 
nach hartem Kampfe dem Tode um die Mittagsstunde des 6. Mai 
1800, dem Tage der Abreise des ersten Konsuls zur Reserve- 
Armee nach Dijon, die auf der Ebene von Marengo alle Errungen- 
schaften Suworoffs in Italien wieder vernichten sollte. 



Die Quellen, welche für die Bearbeitung des Gebirgs-Krieges 
von 1799 benützt werden können, sind ihrem weitaus größten 
Teile nach bereits gedruckt worden. 

Es war dem Verfasser aber möglich, einige ungedruckte Akten 
zur Bearbeitung dieser Aufgabe heranziehen zu können. 

Hierher gehören vornehmlich: 

Schriftstücke (Schreiben, Befehle u. s w.), welche dem Archive 
der Familie Lecourbe entstammen. Ferner das im Archive des 
französischen Kriegs-Ministeriums aufbewahrte Bulletin Historique 
Decadaire. Campagne du general de division Lecourbe. 7eme Annee 
de la Republique une et indivisible. Es erklärt sich von selbst, 
wenn gerade diesem amtlichen Aktenstücke bei der Erzählung 
der Thatsachen eine hervorragende Stellung eingeräumt wurde. 

Folgende gedruckte Werke erscheinen weniger als prag- 
matische Darstellungen des Feldzugs, denn als eigentliche Samm- 
lungen und Bearbeitungen von Aktenstücken und Notizen. 

1. Bousson de Mairet, E., Eloge historique du Lieutenant- 
General Comte Lecourbe, etc. Paris, 1854. Die Pieces Justifica- 
tives enthalten viel Brauchbares, meist die Berichterstattungen 
des Generals an Massena. 

2. Memoires de Massena, rediges d'apres les documents etc. 
par le general Koch. Tome III. Paris, 1848. 



10 



3. Soult, duc de Dalmatie, Memoires, publies par son fils. 
Tome IL Paris, 1854. 

4. Memoires de Roverea. Edit. Tavel. Tome IL Berne, etc. 1848. 

5. Politisch-Militärische Geschichte des merkwürdigen Feld- 
zugs vom Jahr 1799 von Frh. F. E. Seida und Landenberg. Ulm, 
1801. Darum bemerkenswert, weil es die zeitgenössischen Berichte 
der Amtstellen und der Tagesblätter verarbeitet. 

6. Geschichte des Feldzuges von 1799 in Deutschland und 
der Schweiz. Wien, 1819. Verfasser: EHZ. Karl. 

7. Oestreichische Militärische Zeitschrift. Wien 1812. Enthält : 
St(utterheim, FML.), Geschichte des Feldzugs der k. k. Armee 
in Italien im Jahre 1799. Gibt manche Einzelheiten für den Zug 
von Suworoff. 

8. Miliutin, Geschichte des Krieges u. s. w. im Jahre 1799. 
Uebersetzt von Chr. Schmitt. München, 1857. Ganz unentbehrlich 
wegen der darin enthaltenen amtlichen Aktenstücke aller Art. 

9. D'Izarny-Gargas, Deux campagnes ä Tarmee d'Helvetie, 
1798 — 1799. Paris, 1890. Eine chauvinistische Ueberarbeitung 
des Feldtagebuches der 38. Halbbrigade. 

Als Hülfswerke wurden selbstverständlich benützt: Jomini 
(Histoire critique etc.), Clausewitz (Geschichte u. s. w.), wie anderes 
mehr. Das benötigte Material und die Kartenblätter der Dufour- 
Karte und des Siegfried-Atlas sind im Texte und den Anmerkungen 
jeweilen erwähnt. 

Um die nötige Uebersicht zu gewähren, ohne große Blätter 
entfalten zu müssen, wurden die Kärtlein und Skizzen beigelegt.* 
Die Ermittelung der Einzelheiten in den Geschehnissen an der 
Hand der verschiedenen Schilderungen und Berichte ward nicht 
selten, und besonders im VI. Abschnitte (Suworoff), kritisch be- 
leuchtet. 

Hierzu wurden besonders die ungedruckten Materialien heran- 
gezogen. 



* In der russischen Ursprungsausgabe des Werkes von Miliutin soll eine 
von einem Augenzeugen verfertigte Ansicht des Gefechtes an der Teufelsbrücke 
(25. September) beigelegt sein. Der Verfasser hätte auch hiervon gerne eine 
Kopie der Arbeit beigelegt, doch vermochte er nirgends das Blatt zu erhalten. 
Selbst die russische Gesandtschaft in Bern besitzt nicht einmal das Werk von 
Miliutin. 



11 



Das vorliegende Werk verdankt sein Entstehen einer von der 
Schweizerischen Offiziers-Gesellschaft für 1895 ausgeschriebenen 
Preisaufgabe : „Die Operationen Lecourbes im schweizerischen 
Hochgebirge 1799 mit besonderer Berücksichtigung der Rolle, 
die der Gotthard dabei gespielt hat." 

Das Preisgericht, bestehend aus den Herren Oberst-Divisionär 
Ed. Müller (Kommandant der III. Division), Oberst Th. Sprecher 
von Bernegg (Stabschef des IV. Armeecorps), Oberst-Divisionär 
U. Meister (Kommandant der VI. Division), Oberst Conrad Bleuler 
(Oberst der Artillerie des IV. Armeecorps), Oberst U. Wille 
(Waffenchef der Kavallerie), Oberst Albert Sarasin (Kommandant 
der IL Infanterie-Brigade) und Oberstlieutenant Fr. von Tscharner 
(Generalstabs-Offizier des IV. Armeecorps) gelangte (Ölten, am 
23. Juni 1895) zu folgendem Beschlüsse: 

„Auf diese Arbeit hat der Verfasser augenscheinlich sehr 
viel Fleiß, Zeit und Mühe verwendet. Ein reichhaltiges Quellen- 
material ist in derselben mit großer Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt 
verwertet. Ein großes Verdienst des Autors besteht unstreitig in 
der Erschließung einer reichen ungedruckten Litteratur, wovon 
wir nur erwähnen wollen das Bulletin historique decadaire de la 
campagne du general Lecourbe, an VII, aus den Archiven des 
französischen Kriegsministeriunis und Briefe aus dem Archive der 
Familie Lecourbe. Die Arbeit enthält wohl die eingehendste 
Behandlung, welche dem Lecourbeschen Feldzuge bisher zu teil 
geworden ist. Sie bietet auch durch Beilage vieler Karten und 
Skizzen eine sehr anschauliche Darstellung der einzelnen Momente. 
Immerhin würde die Arbeit bedeutend gewonnen haben, wenn die 
großen Züge, die strategischen Momente schärfer hervorgehoben 
und mehr für sich behandelt worden wären und wenn der Ver- 
fasser auch etwas mehr Gewicht gelegt hätte auf die Schluß- 
folgerungen, welche sich aus diesen Ereignissen speziell für den 
Krieg im Gebirge ergeben. Auch die Bedeutung des Gotthard, 
auf deren Beleuchtung in der Aufgabe besonderes Gewicht gelegt 
wird, hätte schärfer hervorgehoben werden dürfen. Diese Aus- 
setzungen hindern aber nicht, daß dieser Arbeit ein großer, 
bleibender Wert zukommt. 

„Das Preisgericht ist der Ansicht, daß dieselbe nach einiger 
Umarbeitung, worüber es dem Verfasser gerne direkt noch weitere 
Mitteilungen machen wird, sich zum Drucke eignen würde und 
daß es angezeigt wäre, wenn die Schweizerische Offiziers-Gesell- 



12 



schaft die Druckkosten übernehmen könnte. Es beantragt für 
diese Arbeit die Zuerkennung eines ersten Preises von 1000 Fr." 

Herr Oberst-Divisionär Ulrich Meister war in der That so 
freundlich, mir die nötige Anleitung zur Verbesserung der be- 
anstandeten Stellen im Werke zu geben. Ich gestatte mir dafür 
meinen Dank hier auszudrücken. 

Ebenso verpflichtet bin ich Herrn Georges Le Courbe, Capitaine 
im 12. Alpenjägerbataillon zu Grenoble (Frankreich), der mir in 
freigebigster Weise Akten, Tagebücher, Briefe und Notizen zur 
Verfügung stellte. Ohne seine Unterstützung wäre es mir niemals 
möglich gewesen, die Arbeit in diesem Umfange zu vollenden. 

Die Schweizerische Offiziers-Gesellschaft hat den Verfasser nun 
zum dritten Male mit einem Preise ausgezeichnet.* — Ihre Aus- 
schreibungen regten mich überhaupt erst an zu kriegsgeschicht- 
lichen Studien. Ich darf deshalb das Vorwort nicht schließen, 
ohne auch diese Vereinigung dafür meines herzlichen Dankes 
zu versichern. 



Der Verfasser. 



* Luzern, 6. Juli 1886, ein Aufmunterungspreis (Fr. 150) für: „Die 
Schweiz als Kampfplatz fremder Armeen, 1799"; — Genf, 1. August 1892, 
ein zweiter Preis (Fr. 300) für : „Der Feldzug von 1800, speziell soweit er die 
Schweiz und die ihr zunächst gelegenen Länder betrifft." Letztere Arbeit 
wurde ebenfalls mit Unterstützung der Schweizerischen Offiziers-Gesellschaft 
im Druck herausgegeben und ist auch im Verlage von J. Huber in Frauenfeld 
erschienen. 



Einleitung. 



Das Gebiet, welches die Schweiz einnimmt, bildet den eigent- 
lichen Mittelpunkt Europas. Es beherrscht die verschiedenen 
Hauptkriegsschauplätze in dem Sinne, daß jeder Gegner flankiert 
werden kann. 

Die älteren Strategen, selbst noch jene der Uebergangsperiode 
des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, haben dem Besitze 
der Alpen eine fast zu hohe Bedeutung beigelegt. Der Grundsatz 
von der Ueberhöhung gilt aber nur im taktischen Sinne auf dem 
einzelnen Schlachtfelde und im Angesichte der gegnerischen Waffen- 
wirkung. In Rücksicht auf die ungehinderte rasche Bewegung der 
Truppen, ihre regelmäßige Verpflegung, erweist sich das Hoch- 
gebirge stets als ein nicht zu unterschätzendes Hindernis. Nur von 
wenigen Fahrstraßen überquert, sehr arm an den notwendigsten 
Mitteln für die Ernährung und die Unterkunft selbst kleinerer 
Heereskörper, setzen die Alpen allen militärischen Handlungen die 
größten Schwierigkeiten entgegen. 

Die Führung findet sich im Hochgebirge eingeengt; ihre Ent- 
schlüsse in die That umzusetzen ist oft recht schwer. Den Truppen 
fehlt die Freiheit der Entwickelung ; die Uebermacht auszuspielen 
gelingt selten ; denn alles hängt von dem wirklichen Eintreffen 
vorher berechneter Umstände ab. So wird das Hochgebirge einzig 
eine Art kleinen Krieges gestatten; im übrigen kann es lediglich 
als Durchgangsgebiet angesehen werden. 

Mit der Schweiz gewannen die Franzosen scheinbar ein Boll- 
werk, das mit weit ausspringenden Facen die strategischen Linien 
des Donau-Thales wie der Po-Ebene bis zum Fuße der Savoyer- 
Alpen beherrschte. Dieses Ausfallsthor verwies die Heere Frankreichs 
auf den strategischen Angriff. Nicht nur, daß die Donau- wie die 
italienische Armee in steter Verbindung mit einander blieben ; die 
Koalition wurde auch genötigt, den gesamten Oberlauf des Rheines 
für die Verteidigung der österreichischen Erbstaaten wie der schwäbisch- 
bairischen Hochebene in Betracht zu ziehen. 



14 



Gegen Süden gestattet das Gebirge weniger einen Ausfall in 
die Lombardei, als die Abwehr gegen jene Kräfte, welche von hier 
aus einen Vorstoß versuchen. Die Alpen fallen steil zu der weiten, 
von einem nur schwer zu überschreitenden Strome durchflosseneu 
Ebene ab. Wenige Pässe stehen als Ausfallsthore zur Verfügung. 
Gelingt es nicht, von vorne herein durch eine rasche Bewegung die 
Linie des Ticino, oder besser noch die des Mincio mit genügenden 
Kräften zu sichern, so wird der Besitz der Schweiz den Gang der 
Ereignisse in Oberitalien wenig beeinflussen. 

In Rücksicht auf den Angriff aus der Lombardei erscheint der 
südliche Abfall der Alpen von mehr als untergeordneter Bedeutung. 
Die Verteidigung wird vorzüglich suchen müssen, die Pässe über 
den Splügen, den Bernardino, Lukmanier, den Gotthard und in 
gewisser Beziehung auch den Simplon zu beherrschen. Mit dem 
Gotthardstocke aber, dem Angelpunkte aller Handlungen, steht und 
fällt die Verteidigung. In diesem Falle könnte also wirklich der 
Besitz des Hochgebirges einigermaßen den Verlauf eines Feldzuges 
in der Hochebene beeinflussen. 

Wird die Schweiz zur Grundlinie eines strategischen Angriffes 
benützt, so gilt es gleich, nach welcher ihrer Fronten hin er an- 
gesetzt wird: überall muß der Feldherr über bedeutende Kräfte 
verfügen. — Ein einziger Fehlschlag jenseits der Grenzen, welcher 
den Rückzug bedingt, birgt auch die größte Gefahr für den allzu 
Kühnen in sich. 

Das Schweizerland erscheint nichts weniger als geeignet für 
eine absolute, strikt durchzuführende strategische Verteidigung. 
In eine solche drängen aber die Umstände unerbittlich jeden, der 
aus fester Stellung vorbrechend, eine entscheidende Nieder- 
lage erleidet. 

Das Gebirge, sagt Clausewitz — anlehnend an die von Erzherzog 
Karl aufgestellten Sätze (Feldzug von 1796) — ist dem Verteidiger 
nachteilig, in sofern eine große Entscheidung gesucht wird oder 
zu befürchten steht. 

Die Defensive in einem Hocbgebirge, dessen Thäler bis zur 
Schneegrenze aufsteigen und die von hohen, schroffen, meist un- 
zugänglichen Wänden eingeschlossen werden, bietet eigentlich gar 
keine Vorteile dar. Alle Operationen fallen dort in die Thalsohlen, 
und hier — wie bei dem Kampfe um die Pässe, welche nicht künstlich 
gesichert und genügend besetzt worden sind — findet der Angreifer 
ebensogut seine Rechnung für den Bezug günstiger Stellungen wie 
der Verteidiger. Lecourbe hatte diese Thatsachen auch richtig 
erkannt. Wo es nur immer anging, verteidigte er sich durch die 
Offensive ; sehr selten nahm er seine Zuflucht zur reinen Defensive. 

Geht das in der Hochebene operierende Heer zurück, so werden 
alle in den Alpen kämpfenden Abteilungen diesem Beispiele folgen 



15 

müssen. Sie laufen sonst augenscheinlich Gefahr, vollkommen ab- 
geschnitten zu werden. Ein solches Ereignis ist gerade im Hoch- 
gebirge weit eher als in einem Mittelgebirge vom Feldherrn zu 
fürchten und dies hauptsächlich aus Gründen der Verpflegung. 
Die in den Alpen kämpfenden Abteilungen sind vom Nachschübe 
aus den Magazinen der Ebene abhängig, sofern hierfür nicht längst 
geeignete Vorkehrungen getroffen wurden. Wer im Hochgebirge 
eingeschlossen wird, den zwingt der Hunger bald zur Uebergabe. 

Im weitern ist die Sicherung der Alpen nur unter ganz be- 
sondern und wirklich günstigen Umständen zu erreichen. Es bedarf 
einer tüchtigen, leicht beweglichen Gebirgsartillerie, um die be- 
herrschenden Stellungen mit Geschützen bedenken zu können. Daß 
dagegen die Tragweite des Schusses aus großen und kleinen Feuer- 
waffen allzu überhöhende Stellungen verbietet, fällt wohl für 1799, 
aber nicht mehr für unsere Zeit in Betracht. 

Die Aufstellung hinter einem Wasserlaufe wird im allgemeinen 
nicht allzu stark sein. Die meisten Gebirgsbäche können in Zeiten 
gewöhnlicher Wasserstände durchwatet werden. Ihre steilen Ufer 
bieten dem Angreifer sogar nicht selten die willkommenste Deckung 
in Form von toten Winkeln dar. In ihren Fronten sind dagegen die 
meisten Thalsperren sehr stark. Sie bilden für gewöhnlich Eng- 
pässe, durch welche Fluß und Straße sich kaum hindurch zu zwängen 
vermögen. Ihre Umgehung kostet Zeit; der Gewinn an Zeit be- 
deutet aber viel, wenn nicht alles im Gebirgskriege. Versäumt es 
der Verteidiger, rechtzeitig Raum zu geben, übersieht er gar die 
gegnerische Umgehung, so muß er in den meisten Fällen die Waffen 
strecken. Der Verlust steht alsdann in gar keinem Verhältnisse 
zum möglichen Gewinne. 

Ein von Osten her gegen die Schweiz gerichteter Angriff muß 
zunächst den Besitz des Rheinthaies oder das Engadin ins Auge 
fassen. Die Linie Innsbruck-Bozen erscheint hierbei als Grundlinie, 
Landeck als Ausgangspunkt der nötigen Bewegungen. Entweder 
dringen die Kolonnen über den Arlberg nach Feldkirch und weiter 
vor oder sie steigen das Innthal bis Süß hinauf, um über den 
Flüela-Paß Davos und das Prättigau zu erreichen. Beide Linien 
werden aber durch die feste Stellung an der Luziensteig bedroht, 
welche jede Verbindung zwischen ihnen aufhebt. 

Die zuerst genannte Straße über den Arlberg muß als die 
wichtigste gelten. Sie stellte die kürzeste Verbindung zwischen 
dem Hinterlande und dem Rheinthale dar. Länger, ausgreifender 
ist bereits die zweite Straße über den rauhen Flüela. Die dritte 
Verbindung gehört noch mehr dem Hochgebirge an. Sie kann über- 
haupt nur noch bedingungsweise für die Bewegung von größeren, 
aus allen Waffen gemischten Truppenkörpern in Betracht fallen. 

Das ist die von Glurns im oberen Vintschgau und von Bozen 



16 

her durch das Miinsterthal über den Ofen-Paß nach Zernetz im 
Engadin führende Straße. Sie mag vom zuletzt bezeichneten Punkte 
ab entweder wiederum über den Flüela, oder sonst über den nicht 
viel niedrigeren Albula die Fortsetzung nach Chur finden. 

Es erklärt sich daher von selbst, wenn der Hauptstoß gegen 
das Rheinthal aus den Ill-Deboucheen erfolgen wird, indes Nebeu- 
angriffe auf den beiden erwähnten, nach Graubünden führenden 
Linien geschehen müssen. 

Wer aber die Thalschaften Alt-Fry-Rhätiens unbestritten vor 
einem von Westen heranrückenden Gegner sichern will, muß den 
Gotthard beherrschen ! 

Der Gotthardstock, der Mittelpunkt der Centralalpen, weist 
vornehmlich drei Einsenkungen auf, den Gotthard selbst, den San- 
Bernardino und den Splügen, deren Pässe den Kamm der Alpen 
nur einmal überschreiten. In zweiter Linie bleibt der das Vorder- 
rhein- mit dem Tessinthal direkt verbindende Lukmanier wohl zu 
beachten. Auf dem Gotthard, besser gesagt im Ursernthaie kreuzen 
sich die große westöstliche Thalspalte des Rhone- und Rheinstromes 
— Furka und Oberalp-Paß — mit jener, welche Tessin und Reuß 
bilden. Die Grundlinie für die Verteidigung der schweizerischen 
Südfront ist im Wallis und im Bündner Oberland zu suchen. Als 
ihr Mittelpunkt muß der Gotthard selbst angesehen werden. 

So öffnen sich vom Gotthardstocke aus, welcher auch in hydro- 
graphischer wie in ethnologischer Hinsicht als eine der wichtigsten 
Centralen Europas erscheint, vier nach den Weltgegenden gerichtete 
Ausfallsthore, welche direkt zum Lac Leman, in die Riviera von 
Bellinzona an den Lago maggiore, ins Rheinthal und in die Hoch- 
ebene weisen. 

An und für sich bietet der Gotthard eine starke Verteidigungs- 
stellung, aber keinen Zufluchtsort dar für die von Fehlschlägen 
in der Hochebene betroffene Armee. Der Gotthard muß selbst- 
ständig verteidigt werden und die von ihm ausgehenden Operationen 
dürfen nicht über ein gewisses Maß, die starke Beunruhigung der 
gegnerischen Flanken, hinausgehen. 

Auf solche Betrachtungen werden Angreifer wie Verteidiger 
stets alle ihre Handlungen stützen müssen. Nur wenn sie klar 
erkennen, w r elche Aufgaben sie wirklich zu lösen vermögen, winkt 
ihnen ein Erfolg. Uebertriebene Hoffnungsfreudigkeit im Kriege 
aber trägt leicht den Keim zu schweren Niederlagen in sich. 

Der Plan der Koalitionsmächte zur Durchführung des Feld- 
zuges von 1799 entsprach keineswegs dem einzig zu erstrebenden 
Ziele: durch gemeinsames Handeln und energisches Vorstoßen 
gegen den Oberrhein und gegen Bern hin die weitaus schwächeren 
französischen Kräfte in die Eis- und Schnee wüsten der Alpen ab- 
zudrängen, sie dort unschädlich zu machen. 



17 

In Deutschland ward lediglich ein angriffsweiser Verteidigungs- 
krieg beabsichtigt, der, wie Clause witz sagt, „ gelegentlich auch zur 
Eroberung der Schweiz fuhren konnte." Vorarlberg und Tirol 
nebst Bünden und dem Val Teilina wurden einzig als die Ver- 
bindungsglieder zwischen dem nördlichen und dem südlichen Kriegs- 
schauplatze angesehen. Zu ihrer passiven Verteidigung bestimmte 
man aber doch 73000 Mann unter den FML. Hotze und Belle- 
garde. — In Italien dagegen sollten Suworoff und Melas die reine 
Offensive ergreifen, um die cisalpinische Republik wiederum als 
lombardisch-venetianisches Königreich unter das Scepter Habs- 
burgs zu beugen. 

Dieser von einer selbstsüchtigen und wenig weit blickenden 
Diplomatie diktierte Feldzugsplan mußte versagen, obwohl dem 
Gegner nur unzureichende Kräfte zur Verfügung standen. Als 
eine gewisse Entschuldigung führt Erzherzog Karl an, daß man 
den Ausbruch des Krieges in den letzten Februartagen seitens 
Oesterreichs nicht erwartet habe. Jedenfalls „hatte man keinen 
Operationsplan endgiltig festgesetzt." 13 

Die Wiener Burg wurde demnach überrascht und mußte bei 
Beginn wie inmitten des Krieges Verfügungen treffen, welche 
längst hätten erledigt werden sollen. Das erscheint um so merk- 
würdiger und weniger entschuldbar, als die Verhandlungen mit 
Paul I. bereits Monate hindurch gepflogen worden waren. 

Auch in Paris fand man sich keineswegs im Besitze eines 
den Umständen angemessenen Feldzugsplanes. Aber das Direk- 
torium wußte wenigstens ganz genau, daß ein Krieg mit der 
Koalition unvermeidlich sei. Es beschloß daher, von sich aus zum 
strategischen Angriffe überzugehen, und dies um so mehr, als man 
in den Bureaux des Kriegsministers Scherer den Besitz der Schweiz 
als das vorzüglichste Werkzeug zum Erringen eines endlichen 
Sieges erachtete. 

Den Plan Scherers nennt Clausewitz (S. 57) mit Recht „unver- 
ständlich" und einen namenlosen Unsinn. — Für das vorliegende 
Thema fällt nur die Instruktion in Betracht, welche die „Armee 
d'Helve'tie" betrifft. 14 Sie lautet: 

„Die Schweizer Armee ist aus Feldtruppen aller Waffen in 
ungefährer Stärke von 30000 Mann zusammengesetzt. Hierzu 
stoßen in feldtüchtigem Zustande sich befindende helvetische Halb- 
brigaden. Die Armee hat die Bestimmung, sich Graubündens und 
Tirols zu bemächtigen. 

Der linke Flügel und die Mitte der Armee werden den 
Rhein zwischen Bregenz und Mayenfeld überschreiten, um zum 
Teil gegen Chur, zum Teil auf Bregenz vorzugehen, das zu be- 
setzen ist. 

Der rechte Flügel der Schweizer Armee besteht aus den in 

Günther, Feldzug 1799. 2 



18 



Bellinzona liegenden Halbbrigaden. Unterstützt von einer ent- 
sprechenden durch die italienische Armee entsendeten Truppenzahl 
marschiert sie durch das Val Tellina auf Glurns und von da 
nach Bozen und Brixen. 

Der linke Flügel und die Mitte dieser Armee besetzen Bregenz 
und Chur mit genügenden Kräften. Darauf gewinnen sie vereinigt 
die Quellen des Inns und dringen auf allen Wegen gegen Inns- 
bruck vor, dessen sie sich bemächtigen werden. 

Sobald der rechte Flügel der Armee in Brixen eingetroffen 
ist, darf die italienische Armee ihre Truppen je nach Umständen 
zurückziehen ; nämlich, wenn sie von einem zu zahlreichen Feinde 
bedrängt würde oder soferne es für ihre weiteren Handlungen als 
zweckdienlich erschiene. 

Nachdem die Schweizer Armee Bregenz genommen hat, er- 
hält sie den Namen: „armee du Tirol." Sie steht unter dem Be- 
fehle des Generals Massena, ist aber für die großen Bewegungen, 
taktischen Handlungen u. s. w. dem Oberbefehlshaber der Armee 
von Mainz untergeordnet (d. h. : Jourdan). 

Aus dieser Verfügung folgt, daß der Oberbefehlshaber dieser 
letzteren Armee, je nach den Umständen, einen Teil der Schweizer 
Armee gegen seinen rechten Flügel heranziehen und dort ver- 
wenden kann. Dabei darf er aber niemals außer Acht lassen, daß 
der Erfolg des Feldzuges einzig davon abhängt, daß diese Armee 
sich des Innthales bemächtige." 

Kein Wort verlautet von der Aufstellung der gegnerischen 
Kräfte, den möglichen Absichten des Feindes. Das Direktorium 
setzte sich über den doch jedenfalls zu erwartenden Widerstand 
mit leichtfertigen Reden hinweg, in welchen kriegsvertraute Leute, 
wie es Massena und Jourdan waren, gewiß nichts anderes als 
hohle Phrasen erkannten. 15 Auf die stark befestigte Stellung von 
Feldkirch, wo thatsächlich der Vorstoß der Schweizer Armee zum 
Stehen kam, nahm Scherer in diesem Entwürfe gar keine Rück- 
sicht. Das Hochgebirge der Alpen und in diesen besonders die 
Thalfurche des Engadins erschien den damaligen Strategen 
Frankreichs als die ganz West- und Mittel-Europa ohne allen 
Zweifel beherrschende Stellung. Auf die Eroberung von Grau- 
bünden und Tirol allein richtete sich lediglich ihr Augenmerk. 
Die Operationen in Italien und Deutschland sollten diesen Zweck 
nur unterstützen. Zugleich mutete man Jourdan zu, mit unge- 
nügenden Kräften einen siegreichen Schlag gegen Erzherzog Karl 
zu führen. 

Es muß einer besonderen Untersuchung vorbehalten bleiben, 
zu ergründen, wie man im Kriegsministerium zu Paris auf diese 
Ideen von der strategischen Wichtigkeit Graubündens gekommen 
ist. Der Hinweis mag hier genügen, daß es nicht unwahrschein- 



19 

lieh bleibt, eine falsche Auffassung der einst vom Herzoge Rohan 
erzielten Erfolge trage hieran die Schuld. 

Unklar, verworren, verkehrt gedacht, wenn die Logik hier 
überhaupt in Frage kommen darf, so stellt sich der französische 
Kriegsplan von 1799 dar. Es ist zugleich ein merkwürdiges 
Gegenstück zu den Bestimmungen des ersten Konsuls vom Früh- 
linge des folgenden Jahres. Welches Vertrauen aber das gegen 
ehrliche Republikaner stets mißtrauische Direktorium in Lecourbe 
setzte, ergibt sich daraus, daß ihm, dem neuernannten Divisionär, 
die in Paris als die wichtigste geltende Aufgabe — die Eroberung 
des Engadins und Tirols — übertragen wurde. Freilich unter- 
stand er den Befehlen Massenas, aber seine thatsächliche Selb- 
ständigkeit ergibt sich schon aus der räumlichen Trennung der 
Hauptkräfte des rechten Flügels von der übrigen Armee. 

Frankreich hatte freilich einige Erfahrung über die Talente 
seiner oberen Führer gewonnen. Aus ihren Stellen waren alle 
diejenigen beseitigt worden, welche ihre Unfähigkeit in den letzten 
Feldzügen gar zu deutlich dargethan hatten. Dagegen unterstand 
die sachliche Vorbereitung der Heeresaufstellung noch immer 
einer räuberischen und betrügerischen Verwaltung. So zeigt sich 
auch hier ein scharfer Gegensatz zwischen dem Direktorium und 
den ersten Tagen unter dem Konsulate. 

Die völlig aus militärischen Laien zusammengesetzte aus- 
führende Behörde, deren Mitglieder als ihre vorzüglichste Auf- 
gabe es betrachteten, die Staatsmittel zu selbstsüchtigen Zwecken 
auszunützen, vernachlässigte das Kriegswesen in unverantwort- 
licher Weise seit dem Frieden von Campo-Formio (17. X. 1797). 
Der Ehrgeiz des jungen Generals Bonaparte und der Wunsch des 
Direktoriums, ihn ferne von Frankreich zu wissen, entführte dem 
republikanischen Heere 36000 erprobter Kämpfer der .einstigen 
italienischen Armee. Diese Einbuße zu ergänzen, entwarf der 
General Jourdan ein passendes Aushebungs-System (Konskription). 
Der Entwurf fand die Genehmigung der gesetzgebenden Räte am 
5. September 1798. Die männliche Jugend, welche das zwanzigste 
Lebensjahr überschritten, zerfiel in fünf Altersklassen, deren höchste 
fünfundzwanzig zählte. Die Aushebung begann jährlich mit der 
jüngsten Klasse. Die Dienstzeit war im Kriege von unbestimmter 
Dauer, im Frieden sollte sie dagegen fünf Jahre nicht übersteigen. 

Zum ersten Male erfolgte die Rekrutierung in dieser drücken- 
den Form nach dem Gesetze vom 2. Vendemiaire VII. (23. IX. 
1798). Eine gleichzeitig vorgenommene außerordentliche Be- 
steuerung in der Höhe von 125 Millionen Franken erregte mit 
der Aushebung zusammen allgemeine Unzufriedenheit. Es war 
ein Ersatz von wenigstens 200000 Mann nötig geworden. Bis 
zum Februar 1799 waren aber kaum 40000 Rekruten zu den 



20 

Fahnen eingerückt. Die Ergänzung des Heeres, welche das Direk- 
torium auch dadurch anstrebte, daß es diesbezügliche Verträge 
mit den „Töchter "-Republiken abschloß, wollte bei dem allgemeinen 
Widerstände der Bevölkerungen nicht zu Ende kommen. 

So wurde am 19. August 1798 ein Bündnis- und Verteidi- 
gungsvertrag „ä perpetuite" mit dem helvetischen Einheitsstaate 
von Talleyrand, P. A. Zeltner und A. Jenner unterzeichnet. Am 
30. November des nämlichen Jahres fertigten der Bevollmächtigte 
Frankreichs Perrochel und der helvetische Minister des Auswärtigen 
Begos ein Abkommen hinsichtlich der sogenannten helvetischen 
Hülisbrigaden, den „Auxiliaren." 16 

Am 21. November waren die ehemals dem Könige von 
Sardinien dienenden Schweizerregimenter in die französische 
Armee eingestellt worden. Den 1. Dezember erließen die Be- 
hörden einen in warmem Tone gehaltenen Werbeaufruf für die 
Hülfsbrigaden. Aber schon drei Tage später beschlossen sie ein 
mit Blut geschriebenes Gesetz gegen die Fahnenflüchtigen. Zu- 
gleich erfolgte die Rückberufung aller Milizen aus dem Auslande. 
Nachdem die Räte am 13. und 17. Dezember eine neue Wehr- 
ordnung mit ausdrücklicher Anerkennung des Grundsatzes der 
allgemeinen Dienstpflicht geschaffen, gaben sie am 20. dem Volke 
die Erklärung, daß man Frankreich unter allen Umständen die 
drückende Blutsteuer entrichten müsse. Die Jungmannschaft aber 
fand den französischen Dienst, für welchen die Bevölkerung nur 
Hohn und Spott hatte, durchaus nicht nach ihrem Geschmacke. 
Der Dienst gewährte keineswegs die Vorteile, wie man sie früher 
gefunden hatte. 

Aehnliche Erfahrungen wie in der Schweiz machte das 
Direktorium in Cis-Alpinien, in Ligurien und Etrurien ; gar keine 
Unterstützung vermochte die römische und parthenopäische Re- 
publik zu leihen. Im Gegenteile forderten gerade diese Erober- 
ungen einen unverhältnismäßigen Aufwand an Kräften. 

So kam es, daß die französische Armee zu Beginn des zweiten 
Koalitions-Krieges über höchstens 190 000 Kämpfer verfügte. Seit 
vielen Monaten hatten diese noch dazu keinen Sold empfangen, wie 
sie denn selbst einer geregelten Verpflegung, einer genügenden 
Bekleidung sogar ermangelten. Unbotmäßigkeit wenn nicht geradezu 
Meuterei herrschten in ihren Reihen. (Rom 1798.) An der Spitze 
der Truppen erschienen Generale wie Scherer, die bei Offizieren wie 
Mannschaften wenig Achtung genossen, von politischen Rücksichten 
aber in ihren Stellungen gehalten wurden. 

Die französische Tnfanterie-Halbbrigade bestand aus drei Ba- 
taillonen zu neun Compagnien, von denen eine als Grenadier-, eine 
andere als Schützen-Compagnie bezeichnet wurde. Letzteres galt 
freilich zumeist nur für die leichten Halbbrigaden. Gesetzlich 



21 

zählten die Compagnien 120 Mann (die Grenadier-Compagnien = 
92 Mann). Das Bataillon hätte demnach 1067, die Halbbrigade 
3220 Mann unter ihren Fahnen stehen haben sollen. Während 
des ganzen Krieges aber wie überhaupt im Zeitalter der Revolution 
ist der gesetzliche Stand der Einheiten niemals erreicht worden. 
Gewöhnlich zählten die stärksten Halbbrigaden damals zwischen 
1800 bis 2200 Kämpfer. Die Grenadiere wurden auch in der fran- 
zösischen Armee divisionsweise zusammengezogen, um eine stete 
Gefechtsreserve zu bilden. Als Regimentsartillerie blieb den Halb- 
brigaden gewöhnlich je ein Geschütz zu vier und sechs Pfund. Die 
Achtpfünder sind neben der sechszölligen Haubitze die Geschütze 
der Feldartillerie der ersten Republik gewesen. 

Eine eigentliche Gebirgsartillerie wie bei den Oesterreichern 
scheint nicht bestanden zu haben. Wie in so vielen Dingen, mußte 
auch für diesen Dienst seitens der Franzosen zu Stegreifschöpfungen 
Zuflucht genommen werden. 

Von den Koalitions-Mächten verfügte Oesterreich allein bereits 
über 255000 Kämpfer. Hierzu stießen im Laufe des Feldzuges noch 
(55000 Russen, darunter die 7000 Mann des Corps Conde. Hatten 
die Franzosen in ihren Reihen einen Jourdan, einen Massena und 
Lecourbe, einen Macdonald und Moreau — dieser diente zwar in 
der untergeordneten Stellung eines General-Inspektors der Infanterie 
auf italienischem Boden — so verfügte die Koalition über Führer 
wie Erzherzog Karl, Suworoff, Hotze, Kray und Melas. 

Freilich trug gerade die Koalition an sich schon vom ersten 
Augenblicke ihres Bestehens an die Möglichkeit einer baldigen 
Veruneinigung der Verbündeten in sich. Es war nicht möglich, 
daß ein Suworoff auf die Länge der Zeit mit dem schleppenden 
Verfahren des Hof-Kriegsrates, den Krieg zu führen, einverstanden 
sein konnte. 

Oesterreich hatte seine Wehrordnung nur in einzelnen Kleinig- 
keiten seit dem Friedensschlüsse von Campo-Formio abgeändert. 17 
Die Infanterie zählte in ihren Regimentern drei Bataillone zu sechs 
Compagnien auf dem Kriegsfuße, sowie ein Depot-Bataillon im 
Werbebezirke. Die Grenadierbataillone waren 1798 aufgelöst worden, 
aber schon im Beginne des neuen Feldzuges bildeten sich wieder 
diese altberühmten Heerhaufen, deren Compagnien eine Erhöhung 
ihrer Stärke auf 120 Mann erfuhren. Jedes Infanterie-Regiment 
erhielt nun wieder von der Artillerie 6 Geschütze, welche in der 
Folge vielfach den Dienst eigentlicher Gebirgskanonen übernehmen 
mußten. Die Bekleidung des Mannes wurde etwas vereinfacht, von 
, stehenden Kragen" aber sah man, trotz des Vorschlages der 
Militärverbesserungskommission, wieder ab — weil sie nach „fran- 
zösischem, auf die ohnehin irregeleitete Menge stark wirkendem 
Geschmack" waren. Das neue, 1798 aufgestellte Muster eines 



22 

Infanteriegewehres näherte sich in seinen Einzelheiten dem Kaliber 
und Gewichte der seit 1777 so bewährten französischen Handfeuer- 
waffe. Nur die Unteroffiziere und die Grenadiere behielten den 
Säbel, alle übrigen Mannschaften vertauschten diese wenig kriegs- 
brauchbare Zierde mit dem dreikantigen Stichbajonette. 

Die leichte Infanterie erhielt keine besondere Bewaffnung und 
den Jägern verblieb das eigentümliche Doppelzeug von 1787, dessen 
unterer glatter Lauf für den Schuß auf kurze Distanz bestimmt 
war, während das obere gezogene Rohr den zur Pflasterladung- 
eingerichteten Stutzer darstellte. 18 Auch die Franzosen verfügten 
über derartige Waffen. Ihre verschiedenen Jägercorps führten bis 
zum Jahre 1803 die ebenfalls Drangladungsgeschosse verwendende 
„carabine de Versailles", M/1794, welche zwar bis auf 200 m gute 
Trefferergebnisse lieferte, aber nur sehr geringe Schußgeschwindig- 
keit besaß. Vornehmlich aus diesem Grunde beseitigte sie der erste 
Konsul. Den eigentlichen Dienst der Scharfschützen leisteten den 
Franzosen in der Schweiz verschiedene Compagnien aus dem Aargau 
und aus Zürich. (Döttingen! 17. VIII. 99.) Zwar haben diese Braven 
wenig Anerkennung bei ihren französischen Kameraden gefunden. 
Wichtiger fast noch für den beginnenden Krieg im Hochge- 
birge als die Bewaffnung der Truppen erschienen die Kenntnisse, 
welche die Führer von dem Gebiete ihrer demnach stigen Thätigkeit 
besaßen. Auf Seiten der Oesterreicher und der mit ihnen verbün- 
deten Russen wurden gar keine Vorbereitungen für die Erkundung 
der Schweizer Alpen getroffen. Im Stabe von Suworoff befand 
sich keine Person, die das Gelände längs des Vierwaldstättersees 
auch nur annähernd richtig hätte beschreiben können. Alles deutet 
darauf hin, daß man im österreichischen Generalstabe die bereits 
vorhandenen Karten und Reisebeschreibungen keineswegs gekannt 
habe. Damit stimmt das harte, vom Erzherzog Karl über die 
Thätigkeit des kaiserlichen Generalstabes gefällte Urteil völlig 
überein. Bei den Franzosen hat man wenigstens die Landesteile 
der Schweiz, welche zunächst in Betracht fielen, jedenfalls gut und 
ausreichend gekannt. Lecourbe gab für den Felclzug des folgenden 
Jahres eine geradezu klassisch zu nennende Beschreibung unseres 
Vaterlandes. Ob sein Divisionsstab aber zu Beginn des Krieges 
mit genügendem Vorrate an Karten ausgerüstet war, erscheint 
dagegen sehr fraglich. 19 

Der geworbene Soldat des Kaisers diente lebenslänglich ohne 
eine andere Aussicht als die, im besten Falle Unteroffizier werden 
oder schließlich eine magere Versorgung im Invalidenhause finden 
zu können. Dann regierten der Stock und andere grausame Straf- 
mittel die von der bürgerlichen Bevölkerung verachteten Massen 
der Krieger. 20 

Wie anders der Franzose, welcher in dieser Zeit doch nicht 



23 



geradezu für den Dienst gepreßt erschien, wie nachmals unter dem 
Kaiserreiche, vielmehr noch freiwillig diente oder für einen wohl- 
habenden Konskribierten einstand. Der französische Soldat sah in 
seiner Laufbahn den Weg, der zum Ruhme führte. Von seinem 
Handwerke hatte er selbst die höchste Meinung und sein Erscheinen 
in bürgerlichen Kreisen erregte stets den Ausdruck freudigen Stolzes. 
Die Mannszucht ward im französischen Heere oft in etwas zu gelinder 
Weise gehandhabt, die Vorgesetzten kümmerten sich wenig im 
Ganzen darum, ob die bürgerliche Bevölkerung der besetzten Gebiete 
Mißhandlungen zu erdulden habe. Die historischen „Fünfundzwanzig" 
im östreichischen Heere vermochten aber die grausamste Bedrückung 
der Einwohner ebenfalls nicht zu hindern. 

Beide Gegner verfügten über eine vorzüglich zum Soldaten 
geeignete Masse. Die Oesterreicher bildeten ihre Rekruten durch 
ein jahrelanges stumpfes Drillen zu eigentlichen menschlichen 
Maschinen. Die Franzosen mußten sich darauf beschränken, ihre 
frisch eingestellten Leute notdürftig in den Griffen und den ein- 
fachsten Bewegungen (Pelotonsschule !) zu unterweisen. Die Führung 
war bei den Franzosen unstreitig auf einen höheren Standpunkt 
gelangt, als dies bei den Oesterreichern der Fall war und das gilt 
nicht nur für die Generalität, sondern auch ganz besonders für 
die untere Führung. Der kaiserliche Soldat betrachtete den Offizier 
als seinen unumschränkten Herrn. Der Franzose dagegen sah in 
dem Vorgesetzten aller Grade lediglich den Kameraden, welchen 
eigener Wert, Tapferkeit, höhere Kenntnisse und das Glück auf 
dem Schlachtfelde über die anderen erhoben hatten. 21 

Die russische Armee endlich war seit ihrer Schulung durch 
Weißmann und Suworoff zu einer beachteten Größe und Tüchtig- 
keit angewachsen. Bereits unter Katharina II. wurde dem Kriegs- 
kollegium die Leitung des Heerwesens aus der Hand genommen. 
Pauli., dessen Ideal der Preußenkönig Friedrich IL bildete, befahl 
auch in diesen Dingen durchaus unumschränkt, doch nicht eben 
glücklich. Die Armee mußte vor allem die bis dahin gebrauchte 
bequeme Kleidung aufgeben. An ihrer Stelle führte der Zar die 
knappe preußische Uniform ein, welche keine Mäntel kannte (!). 
Dagegen errichtete er andererseits für die Offiziere seiner nächsten 
Umgebung im Winterpalais zu St. Petersburg einen taktischen 
Lehrgang, aus welchem später die wichtige Kriegsakademie entstand. 

Die Regimenter der russischen Linien infanterie zählten in ihren 
Reihen Grenadiere, Musketiere und Jäger. Das Bataillon setzte 
sich gewöhnlich aus fünf Compagnien zusammen ; zwei Bataillone 
bildeten ein Regiment. Auch Rußland kannte die Grenadierbataillone 
als „die Kraft und nie wankende Stütze des Heeres." Jedes Gre- 
nadier- und Musketierregiment führte vier, die Jägerregimenter 
und die zusammengesetzten Grenadierbataillone dagegen zwei Ge- 



24 



schütze mit sich. 22 Der russische Soldat wurde zwangsweise aus- 
gehoben und diente fünfundzwanzig Jahre. Ueber sein Leben und 
Treiben in dieser Zeit haben wir wohl Berichte, aber sie berühren 
nicht den eigentlichen Kern der Dinge. Der Mann scheint im 
allgemeinen eine geringe geistige Regsamkeit besessen zu haben ; 
Mißhandlungen durch die rohen Vorgesetzten mußte auch er er- 
tragen. Besonders gerühmt wurde schon damals die große Genüg- 
samkeit der Leute ; sonderbarerweise auch die Sauberkeit derselben. 
So schreibt ein kaiserlicher Offizier 1790 von ihnen: „Wenn die 
russische Armee gegen den Feind ausrückt, ist sie eleganter ge- 
kleidet als die kaiserlichen Truppen auf dem Paradeplatze ; jeder 
Gemeine hat sein Kräusel, seine Manchette weiß gewaschen, und 
ist so in allen Stücken wie ein Petit-maitre hergestellt." Die Be- 
waffnung dagegen stand weit hinter der französischen zurück. Auch 
sie entsprach der fridericianischen Zeit. 

Die Taktik der Oesterreicher blieb, und zwar nicht nur in for- 
meller Hinsicht, bei den 1769, also in der Höhezeit der Linear- 
bewegungen aufgestellten Vorschriften. In Rußland war 1798 ein 
neues Dienstreglement erschienen, aber es enthielt nicht viel mehr 
als eine Abschrift der vierzig Jahre zuvor von Friedrich IL er- 
lassenen Bestimmungen. Uebrigens kannte auch das französische 
Reglement vom Jahre 1791 nichts anderes. Nur kam es niemals 
zur Anwendung; denn die Kolonnentaktik entwickelte sich aus der 
Praxis. Von den Verbündeten verstand einzig Suworoff die Vorteile 
der französischen Fechtweise, aber er wendete sie auch nur selten 
an. Die Tirailleur- und Kolonnentaktik der Franzosen begünstigte 
das selbständige Handeln des Einzelnen und gab der unbeholfenen 
Masse die möglichste Kraft zum Angriffe mit der blanken Waffe. 
Ihre Gegner blieben der starren Regelmäßigkeit, welche die Feldzüge 
des achtzehnten Jahrhunderts auszeichnet, getreu. Trotzdem findet 
sich in der österreichischen Armee das Streben, die Grundsätze der 
Linear- und Kolonnentaktik miteinander zu vereinigen; aber nur 
wenige Führer außer Erzherzog Karl verstanden es, von solchen 
Neuerungen Gebrauch zu machen. 

„Die vorzüglichste Veränderung in der Art Krieg zu führen", 
sagt dieser Theoretiker in seiner Schrift: „Grundzüge der höheren 
Kriegskunst", — „welche die letztverflossenen Kriege Frankreichs 
zur Folge hatten, gründet sich auf eine größere Mobilität der 
Truppen und folglich der Armeen, welche ihresteils durch das 
Bedürfnis, anderenteils durch den Nationalcharakter des französ- 
ischen Volkes hervorgebracht wurde. Der Revolutionskrieg entstand 
plötzlich, ohne daß die gehörigen Vorbereitungen zur Aufstellung 
und Verpflegung der Armeen vorausgehen konnten, daher das 
Requisitionssystem im eigenen sowohl als in fremden Ländern und 
aus diesem die Möglichkeit von schnelleren, rascheren und uner- 



25 

warteten Bewegungen, weil nicht mehr so beträchtliche Magazine 
erforderlich waren und daher das einer Armee bei jeder Bewegung 
so hinderliche Proviantwesen vermindert werden konnte. . . . Die 
Folgen davon waren die so schnell aufeinander folgenden Märsche ; 
daher der Einfluß von entfernten feindlichen Bewegungen auf die 
Aufstellung der Armeen und die Kombinierung von Manövern auf 
größere Distanzen, welches alles bisher noch unbekannt war. Die 
größere Mobilität der Truppen, vereinigt mit der Art zerstreut zu 
fechten, veränderte die Stellungskunst auch und erschwerte den 
Verteidigungskrieg, da Gegenden, welche nach der bisherigen For- 
mierung der Armeen und ihre Art zu fechten unzugänglich und 
unzudringlich waren, folglich als Appui der Flügel benützt oder 
gar nicht besetzt wurden, nun keine Hindernisse mehr darbieten 
und nicht durch einzelne Truppen, sondern durch ganze Corps 
durchzogen wurden. Diese Veränderung erregte bei Vielen den 
Wahn, sich nie sicher zu glauben, als wenn sie Alles besetzt, 
indessen Andere, als erklärte Feinde von jeder Neuerung, auch die 
geringste Verteilung ihrer Truppen während eines Gefechts als 
schädlich und unzweckmäßig tadeln. Nachdenken sowohl als Er- 
fahrung wird jeden Soldaten immer mehr in dem Grundsatz be- 
stärken, seine Streitkräfte nicht zu verteilen, wo entschieden werden 
muß; ihm die Notwendigkeit beweisen, seine Truppen beisammen 
zu halten, um manövrieren zu können. ..." 

Auch während des zweiten Koalitionskrieges erhielten sich auf 
Seiten der Oesterreicher die bedächtigen Bewegungen, das streng 
innegehaltene Kordon-System. Nur Suworoff vermochte es eine 
Zeit lang, den Anordnungen des Hofkriegsrates entgegen wirkend, 
die kaiserlichen Waffenbrüder zu einem etwas schnelleren Handeln 
mit fortzureißen. Die Stellung des russischen Generalissimus 
war für beide Teile, von Beginn der gemeinsamen Unternehmungen 
angefangen, eine peinliche zu nennen. Die Uebertragung des Ober- 
befehls an den Sieger von Rimnik zeigte deutlich, daß man in 
Wien die beschämende Ansicht hegte, unter der kaiserlichen 
Generalität keine dafür geeignete Kraft zu besitzen. Das wurde 
in den betroffenen Kreisen bitter genug empfunden. Die Sonderbar- 
keiten Suworoffs, seine nicht selten hervorgekehrte Schroffheit 
mußten ihm natürlich ebenfalls viele Feinde erwerben. Seine 
gewaltige, vor nichts zurückschreckende Thatkraft paßte nicht für 
die damalige österreichische Armee. 

Auf den Wunsch des Zaren hatte Suworoff bereits im Jahre 
1798 seine Ansichten über die gegen Frankreich nötige Krieg- 
führung in folgenden kurzen Sätzen niedergelegt: „Bloß angriffs- 
weise verfahren. Schnelle Märsche, ungestümer Angriff, blanke 
Waffen. Kein Methodismus, nur ein richtiger militärischer Blick. 
Dem Feldherrn unumschränkte Macht. Den Feind im offenen 



26 

Felde angreifen und schlagen. Mit Belagerungen keine Zeit ver- 
lieren. Nie durch Besetzung einzelner Punkte seine Kräfte zer- 
splittern ; versucht der Feind eine Umgehung, desto besser, dann 
geht er um so sicherer seiner Niederlage selbst entgegen." 23 

Daß Suworoff mit solchen Ansichten keine Freunde in einer 
Armee gewann, die „abergläubisch dem Defensiv-Sy stein ergeben 
war" wird nicht Wunder nehmen. Der greise Marschall mußte 
die verbündete Armee aber geradezu beleidigen, als er in seinem 
Eifer für die gute Sache so weit ging, den kaiserlichen Regimentern 
Instruktoren zuzuteilen, welche sie im Angriffe mit dem Bajonette 
unterweisen sollten. Schon in Valeggio, also gleich bei seiner 
Ankunft auf italienischem Boden, machten sich die großen Gegensätze 
zwischen ihm und den Ansichten des kaiserlichen General-Quartier- 
meisterstabes geltend. 24 

Suworoff lobte zwar in dem Lindauer Gespräche mit Wikham 
(Oktober 1799) die „militärische Geschicklichkeit und die mili- 
tärischen Kenntnisse" der östreichischen Stabsoffiziere — das geschah 
aber doch wohl nur im Hinblick auf die Unfähigkeit seiner Russen 
und auf die beiden gelehrtesten Männer in der kaiserlichen Armee, 
den Marquis Chasteler und den Baron Weyrother. 25 

Von den Streitkräften, welche sich zu Beginn des Feldzugs 
gegenüberstanden, befanden sich 

in Italien 90 918 Franzosen, 117 064 Verbündete, 

in Deutschland 36994 „ 78 500 „ (d. h. Oestr.). 26 

Die Armee in der Schweiz zählte nach dem Standesausweise 
des Kriegsministers Scherer gegen Ende Februar 1799 unter den 
Befehlen von Massena: 

13 Halbbrigaden Infanterie 29 416 Mann 

4 Regimenter Kavallerie 2 383 „ 
10 Compagnien Fußartillerie J ZUBammen i 380 Mann. 

5 „ reitender Artillerie J 

Demnach in Summe 33179 Mann mit 105 Geschützen. 

Hierzu kamen nun noch die helvetischen Truppen, zusammen 
nicht 10 000 Kampffähige. Die Verteilung der Kräfte zeigt die in 
den Erinnerungen von Massena gegebene Tafel. (III, 75/6.) 

Nach Angabe des Erzherzog Karl standen ihm gegenüber unter 
FML. Hotze etwa 26000 Mann. 26 

Den rechten Flügel der Donau- bezw. der Schweizer Armee 
d. h. die III. Division befehligte mit zusammen 5500 Kampffähigen 
der seit Ende Februar in Bellinzona sich befindende Divisions- 
general Lecourbe. 

Das Feldtagebuch der Division gibt folgenden Etat de Situation 
de la 3eme Division au 16 Ventose an 7 (6. März 1799). 



27 



36' 

38' 

44 
76 
12 



Brigade Loison, 
Demi-brisade 23 officiers, 1371 sous-off. et soldats = 1394 
. 82 . . 1214 „ , = 1246 

Brigade Maynoni, 
Demi-brigade 48 officiers, 1477 sous-off. et soldats = 1525 
23 . 1003 , . = 1026 

regt, de chasseurs, 3eme escadron = 4 Officiers 112 hommes 
2 e regt, d'art. ä pied, 4 e u. 16 e comp. =3 „ 133 „ 

X J2 compagnie de sapeurs =1 „ 50 „ 

Zusammen die Division demnach : 134 Offiziere, 5360 Unter- 
offiziere und Soldaten. Verpflegungsstand: 5490 Mann. 
ARMEE DU DANUBE — 3* me Division. 

Etat-major : 
Le citoyen Lecourbe, General de divisicm, Commandant. 

Adjudants : 
Le citoyen Gauthler, chef de bataillon ä la 94eme, 
Le citoyen Montfort. capitaine ä la 44eme. 



G-4n6raux de Brigade: 
Loison 



Maynoni, 

prisonnier de guerre 

le 27 vent. an 7. 

Demont, arrive le 

2 Germinal en rem- 

placement du general 

Maynoni. 



Aides de camp : 

Cougeon, chef de 

bat. a la 76. 



Eobin, capitaine 
ii. d.-b. 

Leroux, capitaine 
21. d.-b. 



Adjudants-giniraux : 

Porson, chef d'esc. 

au 14. regiment de 
dragons faisant fonc- 

tions d'adjudant- 
general, chef de Vetat 

major de la division. 



Adjoints. 

Laforet, 

capitaine au 8. 

de dragons. 



Forgues, capt. 
au 12. de chass. 
faisant fonctions 
d'adjoint ä l'etat- 
major de la 
division. 



Genie : 

Pierrard, 

capitaine. 



Commissaires des guerres: Souvestre pere, Vidal. 

Der unmittelbare Gegner von Lecourbe, der Feldmarschall- 
Lieutenant Graf C. Bellegarde verfügte, wie Erzherzog Karl angibt, 
über 50 Bataillone, 13 Schwadronen, d. h. etwa 46000 Mann. 27 

Hierzu kam noch eine verhältnismäßig sehr bedeutende Auf- 
stellung von Miliztruppen. Sie wurden von damals erscheinenden 
Zeitungen auf nicht weniger als 18 000 Mann, darunter 24 Com- 
pagnien Scharfschützen, berechnet. Immerhin dürfen diese Kräfte 
doch lediglich für die Landesverteidigung des Tirol und von Vorarl- 
berg in Betracht gezogen werden. 28 



I. 

Die ersten Kämpfe in Graubünden. 



Am 17. Oktober 1798, dem Jahrestage des Friedensschlusses 
von Campo-Formio, kam zwischen den Häuptern und Kriegsräten 
der drei Bünde einerseits wie den den Kaiser andererseits ver- 
tretenden FML. Grafen Bellegarde und Generalmajor Freiherrn 
von Auffenberg eine Uebereinkunft zu Stande. Darnach entsendete 
der Kaiser ein von ihm zu verpflegendes und zu besoldendes Hülfs- 
corps als Kern für die Verteidigungsanstalten des Landsturmes 
nach Graubünden. Der eigentliche Zweck dieses Verkommnisses 
aber ging dahin, den gefürchteten Anschluß von Alt-Fry-Rhätien 
an die Helvetik und damit an Frankreich zu verhindern. 29 

Zur Ausführung des Vertrages rückte der Generalmajor Auffen- 
berg bereits am 18. Oktober mit drei Bataillonen und einer Schwadron, 
zusammen mit 6000 Mann, in Graubünden ein. Da der Kaiser mit 
dem Freistaate im Bündnisse stand, so verletzte dieses Vorgehen 
keineswegs die Neutralität, welche bis dahin von allen Beteiligten 
beobachtet worden. Der in der Schweiz befehligende Divisions- 
general Schauenburg bestätigte dies ebenfalls mit der ausdrück- 
lichen Erklärung, der Einmarsch der Oesterreicher in Graubünden 
störe keineswegs den Frieden der Mächte. 

Der Kriegsrat erließ nun die nötigen Verordnungen für die 
Aufstellung und Ausbildung des Landsturmes. 30 Beeinflußt aber 
durch die den Franzosen günstig gesinnte Partei der Patrioten, 
welche offen von Verrat und Verkauf des Landes an Oesterreich 
sprach, befolgte der größere Teil der Kreise nur sehr lau die 
Befehle der Obrigkeit. Einzig das surselvische Oberland machte 
hierin eine ehrenvolle Ausnahme. 31 Die herrschende Geldnot, die 
Unbotmäßigkeit und der Mangel an Bewaffnung bei den Milizen 
aber ließ es für angemessen erscheinen, den Oesterreichern schon 
jetzt die Sicherung der bedrohten Punkte zu übertragen. Ebenso 
erhielt Auffenberg den Oberbefehl, da kein angesehener Bündner, 
selbst der Generallieutenant Anton von Salis-Marschlins nicht, 
diese Verantwortung tragen wollte. 



29 



Wahrscheinlich infolge der Erkundung des Oberalp-Passes, 
welche der im Urserenthale befehligende Brigadegeneral Loison 
unternehmen ließ, entstand am 17. Oktober 1798 bereits im Hoch- 
gerichte Dissentis ein falscher Lärm. 32 Obwohl Loison einer an 
ihn gesandten Abordnung das Ehrenwort gab, die Bürger des 
Kreises rechtzeitig von seinem Einmärsche in den Freistaat in 
Kenntnis setzen zu wollen, beruhigte man sich damit keineswegs. 

Am 21. Oktober rückte die Compagnie des Hauptmanns Soll- 
heim vom Regimente Braichenville in Dissentis ein. Eine andere 
wurde nach Ilanz verlegt. Dazu entließ der Kriegsrat den seines 
Dienstes bereits überdrüssig gewordenen Landsturm. Nur das 
Jägercorps verblieb im Dienste. 33 Um für den Ernstfall hier einige 
Artillerie zur Verfügung zu haben, entsendete Auffenberg eine 
dreipfündige Regimentskanone in das Hochgericht. Ein beigegebener 
Kanonier diente den Landsturmartilleristen als Instruktor. 

Der Frieden von Campo-Formio wurde von den Franzosen 
ohne weitere Förmlichkeiten bereits am 24. Januar 1799 dadurch 
gebrochen, daß sie die Feste Ehrenbreitenstein gegenüber Koblenz 
im Rheinlande besetzten. Immerhin vergingen noch fünf Wochen, 
ehe Jourdan und Bernadotte am 1. März den Rhein überschritten. 

In der Schweiz sollten die ersten Flintenschüsse gewechselt 
werden. 

Für den allgemeinen Angriff hatte Massena den 6. März be- 
zeichnet. In der That begann auch an diesem Tage der Vormarsch 
gegen Graubünden. FML. Bellegarde verfügte in diesem Augen- 
blicke auf den zunächst bedrohten Punkten über die Brigade 
Auffenberg (in Chur), die mit 2 Bataillonen und 2 Schwadronen 
(2350 Mann) im Rheinthale, mit einem weiteren Bataillone die 
Feste Luzisteig verteidigen sollte. 34 Die Brigade Laudon konnte 
vorläufig gar nicht in Betracht fallen. 

Wie groß die Verzettelung erschien, zeigt die Angabe des 
Erzherzogs Karl über die damalige Verteilung der Truppen des 
Corps Bellegarde: 

Es waren dies zusammen wenigstens 50 Bataillone und 13 
Schwadronen, nämlich: 

15 Bataill., 5 Schwadr. auf dem Marsche ins Vorarlberg, 



14 


» 






im Innthal, 


1 


!) 






in Innsbruck, 


1 


Tt 






in Landeck, 


3 


» 


3^2 


71 


im Vintschgau, 


3 


S 


Vi 


n 


im Val di Sole und Val di Xon, 


10 


n 


2 


n 


im Pusterthale, 


2 


71 


1 


n 


in der Bregaglia und dem Poschiavo, 


1 


n 


1 


n 


in Chur. 



Das Hauptquartier befand sich in Bozen. 



30 

Unmittelbar vor Beginn des Feldzuges scheint die Brigade 
Auffenberg den direkten Verfügungen des FML. Bellegarde ent- 
zogen und dem Corps des FML. Hotze (Vorarlberg) zugeteilt 
worden zu sein. 

Von verschiedenen Seiten ist die Frage aufgeworfen worden, 
warum Bellegarde die so sehr bedrohten Gebiete mit gar nicht 
ausreichenden Kräften besetzte. Man war aber im Tirol keines- 
wegs auf einen so schnellen Angriff gefaßt. Dies sagt wenigstens 
der Erzherzog Karl zu wiederholten Malen (I, 78). Er gibt auch 
an anderer Stelle in einer gelegentlichen Aeußerung den wahren 
Grund für diese augenscheinliche Vernachlässigung an. Er schreibt 
nämlich (I, 117): 

„ Bellegarde, dem die Verteidigung Tirols anvertraut war, und 
der den Wert kannte, welchen man in Wien auf die Erhaltung 
dieser Provinz setzte, glaubte sich dadurch gegen Verantwortung 
sichern zu müssen, daß er unmittelbar von der bedrohten Grenze, 
und in der Richtung, auf welcher sie es wurde, ausging." 

Der Feldmarschall-Lieuteuant hatte also keinen Grund. Grau- 
bünden zu besetzen. Dem Corps Hotze, d. h. der Brigade Auffen- 
berg Unterstützung zu leisten, lag ganz außerhalb seines Gesichts- 
kreises, da dies ihm ja nicht ausdrücklich vom Hofkriegsrate 
anbefohlen worden war. Daß die Truppen so weit zerstreute 
Aufstellungen erhielten, entsprach sowohl der ganzen Art, wie 
Oesterreich die Verteidigung- wissen wollte, als dem an sich an- 
erkennensw erten Willen, die Bewohner des Tirols durch die Kriegs- 
lasten nicht allzu sehr zu bedrücken. Tirol sollte nur örtlich 
gesichert werden. Es bedurfte demnach überall eines Kernes von 
kaiserlichen Truppen, um den Aufgeboten von Landesschützen und 
Landsturm den notwendigen Rückhalt zu gewähren. Unter diesen 
Umständen und abgesehen auch davon, daß Bellegarde den Beginn 
der gegnerischen Bewegungen nicht vor dem 8. März erfuhr, war 
an ein schnelles Zusammenfassen aller verfügbaren Kräfte nicht 
zu denken. Die Unabhängigkeit der drei Bünde stützte sich allein 
auf die Tapferkeit seiner Bürger. 

Bereits am 4. März hatte Loison nach Dissentis gemeldet, 
er habe den Befehl zum Einmärsche erhalten. In der That setzte 
er seine Kolonnen in der Nacht zum 6. in Bewegung. 30 Eine 
Abteilung in der Stärke von etwa 300 Mann marschierte durch 
das Val Piora und über den Piano dei Porci, um bei Sta. Maria 
das Lukmaniersträßchen zu erreichen. 36 Loison selbst ging mit 
den ihm verbleibenden 1290 Mann über die Oberalp. 37 Bei 
Dissentis sollten beide Kolonnen, von denen die kleinere ersicht- 
lich den Charakter eines Streifcorps trug, wieder vereint werden. 

Um Mitternacht am 6. März wurde die aus 12 Landstürmern 
bestehende Feldwache, die jedenfalls keine aufmerksame Schild- 



31 

wache besaß, bei Sta. Maria nördlich der Paßhöhe des Lukmanier 
von den Franzosen überfallen. 38 Die schnell zersprengten Mann- 
schaften warnten die Bewohner der Gemeinden des Thaies bis 
Platta herunter. Alles floh in die Berge. 39 Natürlich machten sich 
auch hier die gewöhnlichen Folgen einer solch kopflosen Flucht 
der Bevölkerung geltend. Der Feind plünderte und zerstörte überdies 
aus Mutwillen die Gegenstände, welche er nicht gebrauchen konnte. 

Auch Loison war auf der Paßhöhe der Oberalp mit den 
Gegnern zusammen getroffen. Hier standen 300 Mann, teils zur 
Compagnie Sollheim, teils zum Jägercorps und dem Landsturme 
gehörend. Diese Abteilung wich langsam in der Richtung auf 
Dissentis bis zum Fuße des Berges bei Sursassi zwischen Tschamut 
und Rueras zurück. 40 Längerer Widerstand wurde nicht geleistet 
und die Franzosen plünderten die menschenleeren Weiler im 
Tavetsch, sowie im Vorbeigehen auch die Gemeinde Sedrun. Hier- 
bei erlaubten sich Einzelne, welche gar keine Veranlassung hatten, 
feige Grausamkeiten. 41 Bei der Brücke inmitten des Dorfes Sedrun, 
sowie am Eingange des Seitenthaies Bugnei sind jedenfalls noch 
einige Schüsse mit dem in guter Ordnung abziehenden Gegner 
gewechselt worden. Zu einem eigentlichen Kampfe war es bis- 
her also keineswegs gekommen. Um so weniger lassen sich die 
unnötigen Tötungen schwacher Greise, die schrecklichen Miß- 
handlungen der zufällig Gefangenen erklären. 

An diesem Tage kam Loison nur bis Mompe-Tavetsch, 
Segnas und Buretsch, Gemeinden, welche an der jetzigen alten 
Straße etwa drei Kilometer von Dissentis entfernt liegen. Während 
die Franzosen ruhten, bereiteten sich die Bewohner des Hoch- 
gerichtes zur ernsthaften Verteidigung vor. 42 

Es sammelte sich der Landsturm der Tavetscher und Medelser 
Dörfer, sowie der Gemeinden Somvix, Trons, Brigels, Walten- 
burg und Valendas. Die Mannschaften führten meistens schnell 
geschaffene Schlagwaffen, nur wenige von ihnen waren im Be- 
sitze eines Feuergewehres. 

Die örtliche Beschreibung von Dissentis gibt Genelin auf 
Seite 21 seiner Abhandlung wie folgt: „Dissentis liegt ganz auf 
der linken Thalseite des Rheins ganz an den Bergabhang gelehnt 
(1150 Meter Seehöhe). Ob dem Dorfe erheben sich majestätisch 
die länglichen Gebäude der Benediktiner-Abtei. Etwa 200 Schritte 
thalaufwärts vom Flecken entfernt liegt die Pfarrkirche mit dem 
Gottesacker in der Ebene „Cons". Zwischen dem Flecken und dem 
Rhein, der hart am rechten Bergabhang vorüber fließt, erstreckt 
sich gegen Südwest die etwa eine Viertelstunde breite Thalebene 
aus. Dieselbe ist jedoch von der etwa 10 Meter tiefen Thalrunse 
des Wildbaches Magriel unterbrochen, der 200 Schritt vom Flecken 
entfernt durch das Dorf Raveras fließt." 



32 



Der 7. März brach als ein düsterer, kalter, stark nebliger 
Wintertag an ; der Schnee soll etwa 70 cm hoch gelegen sein. 
Die Bedeckung der Gegend durch die dichten Dünste erschwerte 
natürlich sehr die Uebersicht und kam derart dem Landsturme 
ganz vortrefflich zu statten. 

Schon vor 6 Uhr morgens erklang die Sturmglocke des 
Fleckens. Die Streiter begaben sich zu einem Gottesdienste in 
die Klosterkirche. Beim Heraustreten aus derselben wurde jedem 
Einzelnen durch Handschlag der Treueid abgenommen. 

Nach den Verfügungen für das zu erwartende Gefecht, welche 
die Obersten Jakob Ant. v. Castelberg und Ludwig Caprez — 
beide hatten in fremden Diensten gestanden — entworfen, stellte 
sich eine Abteilung der nun durch die von Banz herangezogene 
Compagnie verstärkten Oesterreicher samt den mit Feuerwaffen 
bewehrten Bündnern am südwestlichen Ende des Fleckens, in der 
Ebene von Cons auf. Dieser Mannschaft waren auch die beiden 
zur Verfügung stehenden Dreipfünderkanonen anvertraut worden. 
Der Rest der Oesterreicher besetzte die jenseits des Magriel- 
Bächleins liegende Ebene Silvaplana, um derart die Franzosen an 
der etwa beabsichtigten Umzingelung des Ortes zu hindern. Die 
nur mit Schlagwaffen ausgerüsteten Landstürmer, deren Anzahl auf 
3 bis 4000 Mann geschätzt wurde, standen auf der Höhe ob dem 
Dorfe und der Ebene Cons („Turtengia und Marietta"). Sie sollten 
dem Gegner im entscheidenden Augenblicke in die Flanke fallen. 
Das Jägercorps dagegen besetzte die etwa zehn Minuten vom 
Flecken entfernt liegenden Crest-Montatsch-Hügel, um die Fran- 
zosen im Rücken zu bedrohen. 

Die Linie der Vorposten zog sich längs dem Segnasbache hin ; 
ihre eigentliche Gefechtsstellung bildete die Friedhofsmauer von 
Cuoz-Buretsch. Als Rückzugsrichlung für das Ganze sollte natur- 
gemäß die Straße in das Rheinthal hinunter angesehen werden. 
Die Mannschaften waren kampflustig; immerhin scheint einiges 
Mißtrauen in den guten Willen der Führer unter ihnen vertreten 
gewesen zu sein. 

Gegen 8 Uhr morgens erschien bei der Feldwache in Cuoz- 
Buretsch ein französischer Parlamentär, der nach Dissentis zu den 
Befehlshabenden geleitet zu werden wünschte. Er fragte denversam- 
melten Kriegsrat, als er vor diesem erschien, ob man sich schlagen 
w T olle, oder nicht. Ihm wurde die feste, mannhafte Antwort: „Wir 
werden uns verteidigen bis zum letzten Blutstropfen." 

Etwa ein und eine halbe Stunde später setzten sich die Fran- 
zosen in Bewegung. Beim Dorfe Raveras schlug die Kolonne den 
ob der Pfarrkirche und dem Friedhofe sich hinziehenden Pfad ein. 
Die gegnerischen Vorposten wurden nach kurzem Widerstände 
geworfen. 43 Die Zeitgenossen berichten, dieser Rückzug sei plan- 



38 

mäßig geschehen. Man habe die Franzosen schnell in die 
engen Gassen von Dissentis locken wollen, um dort den mit 
Schlagwaffen versehenen Landsturm gegen sie mit Nutzen ver- 
wenden zu können. 

Die Franzosen scheinen übrigens einen Hinterhalt gefürchtet 
zu haben. Anstatt „mit ihrer gewöhnlichen neufränkischen Wild- 
heit" überstürzt und ohne viele Sicherung vorzugehen, drangen sie 
nur langsam und zögernd in Dissentis ein. In der Mitte der Ort- 
schaft trafen sie in der That mit einer übermächtigen Zahl Land- 
stürmer zusammen, welche wild an die Gegner herandrängten. Die 
Franzosen dachten sogleich an einen Rückzug mit nachfolgendem 
Sammeln in der Ebene, doch gelang es ihnen nicht, die Züge zu 
bilden. Von allen Seiten, so besonders von der Höhe herab, mit 
Wucht angegriffen, wurden sie schnell wieder bis Raveras gedrängt. 44 
Schon in Dissentis hatte unter ihnen ein furchtbares, erbarmungs- 
loses Morden begonnen. Dies setzte sich fort, als die Franzosen 
nach einem kurzen Versuche, die Brücke bei Raveras zu halten, 
gegen Silvaplana weichen mußten und hier in zwei Abteilungen 
gespalten wurden. Jene, welche die Thalschlucht des Rheines 
hinunterflohen, um Medels und den Lukmanier zu erreichen, fielen 
fast ausnahmslos unter den Streichen der wütenden Bauern. Ein 
Peloton, das ob Silvaplana bei Rieven in einer Aufnahmestellung 
sich befand, ging ebenso, wie die bei Crest de Sax stehenden, mit 
den übrigen in voller Unordnung gegen die Oberalp zurück. 
Immerhin versuchte Loison noch einmal bei Mompe-Tavetsch einen 
letzten Widerstand zu leisten. Da er aber durch einen Urner, 
welcher ihm als Führer diente, darauf aufmerksam gemacht ward, 
daß die hier bezogene Stellung leicht in der Höhe umgangen werden 
könne, ließ der General bald wieder aufbrechen. 

Die vom Lukmanier vorgedrungene Kolonne erfuhr noch im 
Medelser Thal die Niederlage ihrer Waffengefährten. Daraufhin 
trat sie sogleich den Rückmarsch nach Olivone an. 

Erst auf der Höhe des Oberalppasses, gegen 5 Uhr abends, 
hörte die unablässig nachdrängende Verfolgung auf. Die Franzosen 
hatten wenigstens 400 Mann an Toten neben nur 100 Gefangenen 
und 30 Verwundeten eingebüßt. 45 Der Verlust der Oesterreicher 
beziffert sich auf 20 Mann, der der Bauern auf 13 Tote. 46 

Die beschämende Niederlage, welche zwar vorzüglich auf ein 
glückliches Zusammentreffen aller für die Franzosen ungünstigen 
Umstände zurückzuführen ist, war doch von diesen zum anderen 
Teile selbst verschuldet. Die Oberführung hatte den Gegner, die 
mit dem Mute der Verzweiflung kämpfenden Landleute unterschätzt, 
die mangelnde Mannszucht den Widerstand durch das Schauspiel 
furchtbarer Ausschreitungen gestählt. Jene, über den Lukmanier 
gehende Kolonne endlich hätte dem Kampfe in und um Dissentis 

Günther, Feldzug 1799. 3 



34 



einen wesentlich anderen Ausgang verleihen können, wäre sie recht- 
zeitig dort eingetroffen. Daran hinderte sie aber das fortgesetzte 
Plündern, und so trafen sie in Mompe-Medels, etwa 2,5 km von 
Dissentis, erst in dem Augenblicke ein, da alles zu Ungunsten der 
Ihrigen bereits entschieden war. 4 ' 

Der Landsturm sollte sich nicht lange seines leicht errungenen 
Sieges freuen. Bereits in der Nacht vom 8. auf den 9. März kam 
die Nachricht, daß die Brigade Demont von Reichenau, welches sie 
am 7. März erreicht habe, gegen das Oberland marschiere, und daß 
Chur von Massena besetzt worden sei. Diese Kunde verbreitete 
allgemeine Mutlosigkeit. Die Thatsache, daß derartige, zusammen- 
geraffte, durch keinerlei Band eigentlicher soldatischer Ehre und 
Kameradschaft an einander gefesselte Massen ebenso schnell an 
ihrer Kraft verzweifeln, wie sie an den Verrat der Führer glauben, 
machte sich auch hier geltend. Es blieb dem Kriegsrate nichts 
anderes übrig, als mit Demont zu unterhandeln, der nach einigem 
Widerstreben dann auch annehmbare Bedingungen gewährte. 48 Die 
genannte Brigade rückte am 10. März in Dissentis ein und die dort 
befindlichen Oesterreicher mußten sich kriegsgefangen ergeben. 
Bereits am 13. aber wurde Demont von Loison abgelöst, der 
seinerseits am 17. ebenfalls nach Chur abging. Ein aus beiden 
Brigaden gemischtes Besatzungscorps, unter den Befehlen von 
Capitaine Salomon, blieb in der Stärke von 4 Compagnien (103. 
Halbbrigade) in Dissentis und den übrigen Gemeinden des Ober- 
landes zurück. 

Während Loison den Auftrag gehabt hatte, den Angriff von 
Demont zu unterstützen, sollte Lecourbe selbst mit der ihm direkt 
zur Verfügung stehenden Brigade Maynoni das Engadin erobern 
und die Eingänge zum Vintschgau besetzen. 49 

Am 27. Februar hatte der General von Altdorf das Hauptquartier 
der Division über den Gotthard verlegt. Den 2. März erreichte es 
Bellinzona. Wohl mag es beabsichtigt gewesen sein, die Division 
schon am folgenden Tage in Bewegung zu setzen. Der empfindliche 
Mangel an Lebensmitteln zwang jedoch vorläufig noch die Waffen- 
ruhe zu beobachten. 50 So wurden die Tage vom 2. bis 6. März 
dazu benützt, die in ziemlich weitläufiger Unterkunft zerstreuten 
Truppen aus der Leventina und dem Blegno in Bellinzona und 
am Eingange der Mesolcina, in den Gemeinden Arbedo, Castione, 
und Lumino zu vereinigen. 

Die zur italienischen Armee gehörende Division Dessoles trat 
mit Ende Februar ebenfalls unter die Befehle von Lecourbe. Diese 
Truppen, deren Stärke zu 5091 Mann angegeben wird, und die bis 
dahin in den Gemeinden am Nordostufer des Comersees und dem 
Ausgange der Val Tellina gestanden hatten, empfingen nun die 
nötigen Anweisungen. 51 



35 

Uebersicht der Division nach Jomini (III, 399). 

Kommandant: Dessoles, general de brigade. 

Generaladjutant : Fressinet. 

Stabschef: Petrigoni, capitaine cisalpin. 

Brigade Dessoles. 

12. 1. Halbbrigade, 39. Linienhalbbrigade, zusammen ca. 40ÜU M. 

Brigade Lecchi (cisalpin). 
2 Bat. Detachement d'expedition 500 M., 1 Bat. cisalpin 200 M. 
Kavallerie 48 M. Artill. u. Sap. 343 M. 

Diese Zahlen erscheinen etwas gar zu genau abgezirkelt, um 
völlig glaubwürdig zu sein. Am 1. März hatte Dessoles ganz 
sicher kaum 3500 Kampffähige bei einander. 51 

Dessoles wurde von Lecourbe am 12. und 14. Ventöse(2./4.März) 
aus Bellinzona benachrichtigt, daß am 6. März die Armee auf 
Schweizerboden den Vormarsch antreten werde, und daß die Divi- 
sion Lecourbe in der Folge sich in Silvaplan a im Ober-Engadin 
wieder vereinigen solle. Dessoles erhielt Befehl, durch das Val 
Tellina nach Sta. Maria zu marschieren und am 6. März aufzu- 
brechen. 52 

Die Befehle und Mitteilungen an Maynoni erfolgten unter dem 
3. März. Die Kolonne Loison ward als diejenige des linken, Maynoni 
als die des rechten Flügels bezeichnet. Lecourbe selbst wollte die 
Mittelkolonne, bestehend aus der 36. Halbbrigade, 1 Bataillon der 
38. Halbbrigade, inbegriffen die 12 Grenadiercompagnien, führen. 
Als seinen Weg bezeichnet er den Pfad über den San Bernardino auf 
Splügen, Thusis, Tiefenkasten, Bergün nach Silvaplana und Martins- 
bruck. Maynoni dagegen erhielt den Befehl, mit der 44. und 
11/38. Halbbrigade am 6. mit Tagesanbruch sich in Bewegung zu 
setzen. „Meine Kolonne" - — heißt es in dem Schreiben — »folgt der 
Ihrigen bis Mesocco. Dort gehen Sie über die Forcola nach Chia- 
venna und Splügen, woselbst sich beide Kolonnen wieder vereinigen 
und zusammen weiter marschieren. Sollten Sie auf der Forcola zu 
vielen Schwierigkeiten begegnen, so folgen Sie meiner Kolonne." 53 

Dieser ziemlich unbestimmt gehaltene Befehl an Maynoni er- 
klärt sich aus der Thatsache, daß Lecourbe daran Zweifel hegte, 
ob die Forcola schon zu überschreiten möglich sei. 54 Es entsprach 
sonst nicht den Gewohnheiten des Generals, den Unterführern so 
viele Freiheit in der Ausführung erhaltener Aufträge zu gewähren. 
Die Entsendung der Kolonne Maynoni über Chiavenna nach Splügen 
fiel überdies nicht stark ins Gewicht. Lecourbe konnte ganz gut 
annehmen, daß Dessoles genügende Kräfte besäße, um gegen den 
Splügen hin die etwa aufgebotenen Landsturmabteilungen in Schach 
zu halten. Daß die wenigen Oesterreicher , welche südlich und 
nördlich von Campodolcino standen, nicht Aveiter in Betracht kamen, 
erschien als selbstverständlich. 



36 

Da Lecourbe erst am 6. und Dessoles sogar weitere zehn Tage 
später den Vormarsch antrat, so war an ein Zusammenhandeln 
mit der Mitte und dem linken Flügel der helvetischen Armee nicht 
zu denken. Weil nun aber Graubünden so gut wie gar nicht 
vom Gegner besetzt erschien, fand Lecourbe bis zum 11. — Ankunft 
in Bergün — fast keinen Widerstand, es sei denn von den Natur- 
gewalten. 

Da man nicht hoffen durfte, in den Gemeinden jenseits des 
San Bernardino genügende Lebensmittel aufzutreiben, so nahm 
jeder Mann einen viertägigen (bis zum 9. März inbegriffen) Mund- 
vorrat in den Tornister. Die Taschenmunition betrug 60 Patronen 
wie gewohnt. Alle sonstigen Vorräte sollten auf Saumtieren nach- 
geführt werden. 

Jede Halbbrigade bildete im Laufe des 5. März aus taug- 
lichen Leuten und den sich meldenden Freiwilligen eine Compagnie 
Ausspäher („Eclaireurs"). Jede Kolonne erhielt im weiteren die 
nötige Artillerie und eine Anzahl Sapeure, sowie einige als Ordon- 
nanzen dienende Chasseurs ä cheval. 

Früh 4 Uhr ^m 6. März standen die Truppen marschbereit 
auf der Landstraße swischen Bellinzona und Arbedo. Ein Divisions- 
befehl hatte ihnen Tags zuvor die Wiederaufnahme der Feind- 
seligkeiten angezeigt und jeden einzelnen ganz besonders darauf 
hingewiesen, daß Unordnungen, Räubereien und Plünderung aller 
Art aufs strengste geahndet werden würden. 55 — In den grauenden 
naßkalten Morgen hinein schritten die beiden Kolonnen in der 
festgesetzten Ordnung. Die Vorhut einer jeden wurde von den 
Eclaireurs gebildet. 

Bei Soazza traf man auf den Feind. Die Stellung der Ver- 
teidiger lag wohl vor dem Orte, dort wo die Steigung der Straße 
beginnt. Ein kurzes Feuergefecht entspann sich, dann wichen die 
wenigen österreichischen Füsiliere vom Regimente Braichainville, 
nachdem sie wahrscheinlich auf ihrem rechten Flügel umgangen 
worden. Die Franzosen machten dabei 15 Gefangene. 

Maynoni war unterdessen nach der Forcola abgebogen. Auf 
den Alpi di Castera (1401 m, Thaleingang bei Ascona 533 m) 
mußte er sich jedoch überzeugen, daß ein weiteres Vordringen, 
der Schneeverhältnisse halber, unmöglich sei. So erreichte denn 
die von ihm befehligte Abteilung bei Dunkelwerden den Hauptort 
des Thaies Mesocco, woselbst auch das Divisionsquartier für die 
Nacht aufgeschlagen wurde. Die Vorhut der Kolonne Lecourbe 
gelangte jedoch bis San Bernardino. Hier vertrieb sie den Feind 
und nahm ihm 35 Mann als Gefangene ab. 

Die Witterung gestaltete sich am 7. März noch schlimmer. 
Ein heftiger Schneesturm brauste von den Höhen herab, die den 
Paß von San Bernardino einschließen. Dennoch gingen die Truppen 



37 

rüstig ans Werk, den 2063 m hohen Uebergang zu erzwingen. 
Den Eclaireurs und jeder einzelnen Compagnie waren Führer zu- 
geteilt worden, ohne die wahrscheinlich der endliche Erfolg nicht 
möglich gewesen wäre. Die Mannschaften sanken bis zum Gürtel 
im Schnee ein und ein Korporal, sowie ein Grenadier der 38. und 
zwei Soldaten der 36. Halbbrigade kamen in der schneidenden 
Kälte um, die nach dem Aufhören des Sturmes einfiel. Mehreren 
Offizieren und Mannschaften erfroren Nasen, Ohren und Hände. 56 
Der von San Bernardino bis zum Moesola-See sich erstreckende 
Engpaß ward in der Marschkolonne zu einem überschritten. 57 
Leicht hätte der Gegner hier die Division aufhalten können, doch 
trat er ihr erst in der Stärke von etwa 100 Oesterreichern und 
5 — 600 Landstürmern jenseits der Paßhöhe entgegen. Schnell ge- 
worfen, wich er nach Hinterrhein zurück. Auch dieser Ort wie 
ferner Nufenen, Medels und Splügen mußten von den Oesterreichern 
nach kurzem Widerstände aufgegeben werden, wobei sie einige 
Mann an Toten und Verwundeten einbüßten. Der Verlust der 
Franzosen bezifferte sich auf 2 Tote und 3 Verwundete; sie er- 
beuteten von den Landstürmern 3 Genieindefahnen und machten 
an 60 Gefangene. 58 

Die Division kantonnierte an diesem Abend in der Weise, daß 
Lecourbe mit dem Gros Nufenen, mit den Vorposten Medels besetzt 
hielt, indes Maynoni in Hinterrhein blieb. 

Der Bericht, welchen Lecourbe über den Marsch an Massena 
sandte, datiert aus Nufenen vom 19. Ventose (9. März). 59 Er stellte 
fest, daß ein empfindlicher Mangel an Lebensmitteln herrsche und 
daß der 8. März als Ruhetag gehalten werden müsse, weil die 
Transporte mit Mundvorrat nicht so schnell zu folgen vermöchten. 
„Ich kann Ihnen nicht verhehlen" — heißt es weiter — „daß mein 
Eclaireurs die größte Unordnung in den Orten anrichteten, durch 
welche sie vorgingen ; sie zeigen vielen Mut, aber es sind Plünderer. 
Ich werde mich vielleicht veranlaßt sehen, sie wieder aufzulösen." 
Im Anschluß daran vernimmt man auch, daß es nötig sei, ein 
Kriegsgericht einzusetzen, um ein abschreckendes Beispiel zu geben. 

Dessoles, welcher in steter Verbindung mit Lecourbe sich 
hielt, wurde nun beauftragt, die Ausgänge der Bregaglia, des Val 
Malenco, des Poschiavo, des Val Camonica bis zum Oglio-Engpaß 
und das Wormser Joch zu bewachen. Als es sich herausstellte, 
dass die Forcola für Truppenbewegungen unzugänglich sei, sendete 
Lecourbe an Dessoles den Befehl für den 7. März, 1 Bataillon 
der 121. Halbbrigade durch das Val San Giacomo gegen Splügen 
zu entsenden. Nachrichten, die von Landesbewohnern eingingen, 
besagten nämlich, daß dieses Dorf durch flüchtige Befestigungen 
und einige Artillerie gesichert sei. Die Meldung ward zwar als 
eine falsche erkannt; immerhin hätte ein rechtzeitiges Eintreffen 



38 



des Bataillons die Oesterreicher vollkommen von ihrer einzigen 
Rückzugslinie abgeschnitten. 

Dessoles empfing den Befehl jedenfalls zu spät; denn die 
Entsendung erreichte erst am Morgen des 8. März das Dorf Splügen. 
Lecourbe, der ihrer nicht mehr bedurfte, ließ sie sogleich nach 
Chiavenna zurück marschieren. 

Dessoles hatte in den ersten Tagen des März wohl einige 
Verstärkungen für seine Division empfangen, aber jedenfalls nicht 
2000 Mann, wie Lecourbe an Massena meldete. Für seinen Vor- 
marsch gegen Glurns mochte er, um in der rechten Flanke ge- 
sichert zu sein, nur 2 — 3000 Mann verwenden. Sehr schmerzlich 
empfand es der General, daß ihm nur 3 Dreipfünder als Berg- 
geschütze und noch dazu ohne Bespannung zur Verfügung standen. 
Ueberdies hatte auch er wie Lecourbe stetsfort mit dem Hunger 
zu kämpfen. 

Am 9. März gelangte das Gros der Division Lecourbe bis 
xindeer und Tiefenkasten. Ihre Vortruppen standen in Brienz an 
der Straße über den Albulapaß und am Eingange zum Oberhalb- 
steinthal. In Thusis erfuhr Lecourbe die Erfolge, welche Massena 
errungen, die Besetzung von Chur durch die Franzosen, aber auch 
die Niederlage von Dissentis. Wahrscheinlich aus Gründen der 
Verpflegungsordnung mußte die Division am 10. abermals einen 
Ruhetag in die Folge ihrer Bewegungen einschalten. 

Erst mit dem 11. März beginnt der eigentliche Feldzug der 
Division Lecourbe. Bis dahin hatte man lediglich einige Züge 
Oesterreicher und schwache, gar nicht geordnete Landsturin- 
abteilungen als Gegner begrüßen können. Nun aber erschienen 
größere Truppenkörper, geführt vom Generalmajor Freiherrn von 
Laudon, einem Brigadier des Corps Bellegarde, auf dem Kampfplatze. 
Als die Nachricht von den ersten Erfolgen der Franzosen 
im Rheinthale nach Bozen gelangte, wurde Generalmajor Laudon 
beordert, die in der Bregaglia und dem Poschiavo stehenden 
2 Bataillone und 1 Schwadron in das Unterengadin zurückzuziehen. 
Dies durchzuführen gelang aber nicht mehr. Weitere 8 Bataillone 
und 1 Schwadron, welche bis dahin im westlichen Tirol gestanden 
hatten, sollten die Uebergänge des Flüela-, Albula-, Scaletta- und 
des Ofen-Passes, sowie das Wormser Joch sichern. Hierzu kamen 
noch 8 Compagnien, welche, ursprünglich zur Brigade Auffenberg 
gehörend, der Gefangennahme bei Chur durch einen rechtzeitigen 
Rückzug ins Schanfigg und über den Strela-Paß entgangen waren. 
Die weiter zurück befindlichen Truppen erreichten, in drei Marsch- 
säulen abgeteilt, folgende Punkte: (5 Bataillone das Montafun, 
9 Bataillone Bozen, die noch im Innthale sich befindenden Imst. 
Dieser letztere Ort durfte jedoch lediglich als vorläufiges Marsch- 
ziel gelten. 



39 

Am 10. März verfügte Laudon über eine Macht von 3 Bataillonen, 
1 Schwadron bei Nauders, 5 Bataillonen, 1 Schwadron zwischen 
Tauffers und Sta. Maria im Münsterthal. Mit weiteren 4 Bataillonen, 
welche Oberst Baron St. Julien soeben von Ried nach Xauders 
entsendet hatte, trat der General den Vormarsch gegen Zernetz 
an, welchen Ort er in der Nacht vom lü. zum 11. erreichte. 
Zugleich ging 1 Bataillon als Sicherung der linken Flanke dieser 
Kolonne vou Sta. Maria nach Bormio über das Wormser Joch. 
Nachdem es einen sorglosen Posten der Cisalpiner gefangen ge- 
nommen, besetzte es die Bäder von Premaglio und Trepal. Ein 
anderes Bataillon sicherte die kürzeste Verbindung zwischen Zernetz 
und dem Münsterthal, den Ofen-Paß. 

Jene geringen Reste der Brigade Auffenberg, die wie schon 
erwähnt in Süs eingetroffen waren, besetzten ebenfalls die Paßhöhen 
des Flüela und des Scaletta. Augenscheinlich fürchtete man seitens 
der Oesterreicher, daß die Franzosen auf die rechte Flanke und 
den Rücken der in Zernetz stehenden Abteilung wirken könnten. 
Dennoch ließ man, während der Albula-Paß eine scharfe Beobachtung 
erfuhr, den von Bergün durch das Val Tuora über den Sertig-Paß 
(2385 m) und das Val Sulsanna auf die Hauptstraße des Unter- 
engadins abzweigenden Saumpfad völlig außer Augen. Dieses 
Uebersehen einer zwar wenig begangenen, aber nicht unwichtigen 
Verbindung zwischen den Flußgebieten des Rheines und des Inns 
sollte sich bald empfindlich genug rächen. 

In der That, nichts ist schwieriger, als das Hochgebirge in 
der Weise zu verteidigen, daß jeder Pfad benützt und besetzt, 
daß jede Höhe gedeckt wird. 60 

Wie leicht tritt nicht in solchen Fällen eine Verzettelung der 
Kräfte auf, welche dann gerade in dem Augenblicke mangeln, wo 
man ihrer hauptsächlich bedarf. Das Schicksal Laudons zeigt 
deutlich, wie durchaus notwendig es ist, im Gebirge von dem Grund- 
satze der „passiven Defensive* abzugehen. Wird eine derartige 
Verteidigung in den meisten Fällen selbst schon in der Ebene 
versagen, um wieviel mehr im Gebirge, das einer offenen Festung 
gleicht. Hier wie dort kann nur die größte Thätigkeit, welche 
rücksichtslos und blitzschnell kräftige Stöße nach bestimmtem Plane 
und nach allen Seiten hin richtet, den Erfolg herbeiführen. 

Diese Art, den Krieg im Gebirge zu führen, durften aber die 
kaiserlichen Generale nicht anwenden, da der Hofkriegsrat strenge 
die rein örtliche Verteidigung vorgeschrieben hatte. Ein ein- 
sichtiger Feldherr wäre nun freilich dennoch zu der entgegen- 
gesetzten Handlungsweise gekommen, ohne sich viel um die hundert 
Stunden von ihm entfernte Behörde zu kümmern. Der Geist jedoch, 
welcher damals im österreichischen Beere herrschte: der völlige 
Mangel an Selbständigkeit bei allen Führern, die Gewißheit, stets- 



40 



fort von Spionen Thuguts umgeben zu sein, und daraus hervor- 
gehend eine oft geradezu stumpf fatalistische Gleichgültigkeit gegen 
alle Fehlschläge: dieser Geist hinderte jede kräftige That. 

Auch Laudon blieb bei den einmal erhaltenen Befehlen und 
befolgte sie, ohne nach der Veränderung der Lage zu fragen, in 
ihrer ursprünglichen Form. 

Lecourbe mochte wohl von den Landesbewohnern die Maß- 
nahmen der Gegner erfahren haben. Darauf deuten seine An- 
ordnungen für den Marsch am 11. März. Es wurden nämlich 
wiederum zwei Kolonnen, zu 3 Bataillonen jede gebildet. Die eine 
derselben, unter dem Befehle des Divisionärs, nahm die Straße über 
den Albula-Paß. Die andere, befehligt von dem General Maynoni, 
ging über den Julier nach Silvaplana und den Septimer nach 
Casaccia. 

Um 3 Uhr nachmittags erreichte die Kolonne Lecourbe 
Bergün. Einige hundert Meter vom Ostausgange des Dorfes 
trafen die vom Capitaine Vrigny der 38. Halbbrigade geführten 
Eclaireurs auf den Gegner. Ein lebhaftes, aber nur kurz an- 
dauerndes Feuergefecht genügte, die österreichischen Schützen zum 
Weichen zu bringen. Lecourbe trat selbst an die Spitze seiner 
Vorhut und frischen Mutes klomm man zur Paßhöhe heran 
(2315 m). Da kein weiterer Widerstand geleistet wurde, so be- 
fanden sich wenigstens die drei Eclaireur-Compagnien nachts 
11 Uhr vor dem Westeingange von Ponte. Eine ganz unerwartete 
Begegnung mit weit überlegenen Kräften zwang zu raschem Ab- 
bruche des schon begonnenen Nachtgefechtes. Die Vorhut ging 
bis zu der Alpe d ? Albula zurück. Das Gros der Division blieb 
bei der Häusergruppe Weißenstein (2080 m) im Biwak. Der Tag 
hatte beiden Teilen einige Tote und Verwundete gekostet, darunter 
den oben genannten Capitaine Vrigny. 

Maynoni mit 2 Bataillonen der 44. und II 38. Halbbrigade 
erreichte durch das Oberhalbstein Bivio a Stalla. Den weiteren 
Vormarsch nahm er wie das Gros seiner Kolonne über den Julier 
(2287 m). Drei Compagnien Freiwilliger erreichten über den 
Septimer (2311 m) Casaccia. Bereits um 3 Uhr nachmittags wurde 
dieser Ort besetzt. Das Feldtagebuch meldet dabei, daß der Gegner 
nach siebenstündigem Gefechte gegen den Malojapaß hin geworfen 
wurde und Maynoni ebenfalls noch an diesem 11. März Silvaplana 
erreicht habe. Sind diese Angaben richtig, so hatten alle Teile 
der Division thatsächlich einen Gewaltmarsch durchgeführt, der 
einen bedeutenden Aufwand an Willenskraft verrät. 61 

Am 12. März erneuerte Lecourbe seinen Angriff auf Ponte 
mit den 2 Bataillonen der 36. Halbbrigade. 62 Das III. Bataillon 
der 38. Halbbrigade ward von Bergün über den Sertigpaß nach 
Sulsanna, beziehungsweise nach Zutz und Madulein entsendet. 63 



41 



Generalmajor Laudon schien entschlossen, die Stellung bei Ponte 
um jeden Preis halten zu wollen. Er verfügte hier über die Regi- 
menter Devins, Braichainville und ein Kroatenbataillon (Benoiski). 
Gegen 9 Uhr morgens begann das Gefecht. Die Ungeduld Lecourbes 
mochte die Ankunft des in den Rücken des Gegners entsendeten 
Bataillons nicht erwarten. Er versuchte mehrere Male das Bajonett 
über den Besitz von Ponte entscheiden zu lassen, aber vergebens. 
Erst, als um 2 Uhr nachmittags die Ausspäher vom 111/ 38. am 
Thalrande oberhalb Madulein erschienen, entschloß sich Laudon 
zu schnellem Rückzuge nach Zernetz. Es war die höchste Zeit! 
Laudon selbst konnte nur mit genauer Not noch entkommen und 
verlor jetzt eine große Anzahl seiner Mannschaften als Gefangene. 
Lecourbe bemerkte nicht so bald diese Bewegung des Gegners, 
als er Ponte durch einen Angriff der Grenadierreserve in seine 
Gewalt brachte. 64 Fortgesetzt nachdrängend machten die Franzosen, 
welche die Verfolgung bis Brail durchführten, 2 Majore, 12 Haupt- 
leute, 36 Lieutenants und 1200 Unverwundete zu Gefangenen. 
Die Oesterreicher verloren überdies 200 Tote und Verwundete. 
Um 5 Uhr nachmittags fielen vor Brail die letzten Schüsse und 
hier wurde auch eine Vorpostenstellnng bezogen. Die Division, 
Avelche etwa 60 Mann an Toten und Verwundeten zählte — 
darunter 2 Capitains tot — kantonnierte in dieser Nacht mit 
dem Gros in Zutz und Scanfs. Eigentlich waren französischer- 
seits am 12. März bei Ponte nur 2 Bataillone ernstlich im Feuer 
gewesen. Die Umgehung über den Sertig-Paß entschied demnach 
den Tag ! 

Die Eclaireurs der Kolonne Maynoni, welche vom 11. zum 
12. März in Casaccia kantonnierten, wurden um 9 Uhr morgens 
in dem Augenblicke, da sie aus dem Südausgange des Dorfes 
herausmarschierten, von dem etwa 500 Mann starken Gegner 
angegriffen. Wahrscheinlich gelang es auch hier wieder den Fran- 
zosen, eine Umgehung durchzuführen Sie machten an 100 Ge- 
fangene und nahmen 2 Kanonen nebst ihren Caissons. Der Rest 
dieses österreichischen Bataillons, in die Bregaglia zurückgeworfen, 
fiel bei seinem weiteren Rückzuge durch das Val Tellina der 
nunmehr in Tirano stehenden cisalpinischen Brigade Lecchi in 
die Hände. 

Die Eclaireurs überstiegen nach dem glücklichen Ausgange 
ihres Gefechtes den Maloja-Paß (1811 m) und wechselten noch 
bei St. Moritz einige Schüsse mit den wenigen hier umherirren- 
den österreichischen Versprengten. Vorwärts Silvaplana erreichten 
sie dann die Hauptkolonne. 

Vereint weiter marschierend, traf die Kolonne Maynoni abends 
in Samaden mit 2 Compagnien der 36. Halbbrigade zusammen, 
welche Lecourbe von Ponte aus zur Verfolgung des das Thal auf- 



42 



wärts geflohenen Gegners entsendet hatte. Es gelang auch hier, 
mehrere hundert Gefangene zu machen. Wohl nur wenige Flüchtige 
entkamen über den Bernina-Paß zu dem in Poschiavo stehenden 
österreichischen Bataillon. Dieses, das sich über das Wormser Joch 
der Gefangennahme rechtzeitig zu entziehen hoffte, fiel dennoch 
der Division Dessoles in die Hände und mußte vor ihr die Waffen 
strecken. 

Generalmajor Laudon hatte noch in der Nacht vom 12. auf 
den 13. März Zernetz geräumt. Das dortige Magazin vermochte 
nicht vollständig geleert zu Averden. Die Franzosen machten an 
den zurückgelassenen Vorräten — 30 Säcke Mehl, 500 Säcke 
Hafer und 30 Kisten Infanteriemunition — eine willkommene Beute. 

Während Laudon über den Ofenpaß nach Sta. Maria marschierte, 
ging ein anderer Teil der ihm unterstehenden Truppen unter Major 
Munkatsy den Fluß abwärts nach Martinsbruck zurück, welcher 
Ort in der Naoht vor dem 14. erreicht wurde. Auch diese Be- 
wegung muß mit ziemlicher Ueberstürzung vor sich gegangen sein. 
In Guarda blieben ebenfalls 100 Säcke Hafer, im Schlosse Tarasp 
ein Vorrat an Munition zurück. Bei Schuls dagegen hielt sich 
das leichte Bataillon Munkatsy von 3 bis 8 Uhr nachmittags. 
Dann mußte es sich, von allen Seiten bedrängt, mit einem Verluste 
von 24 Mann an Gefangenen und Öti Toten und Verwundeten nach 
Remüs und in der folgenden Nacht auf Martinsbruck zurückziehen. 

Die Stellung von Martinsbruck wurde von den österreichischen 
Vorposten vorwärts von Schieins, jene in Sta. Maria auf der Höhe 
der „Fuorn" („Ofen" 2155 m) und des Cierfser Joches (2251 m) 
gesichert. Der zuletzt genannte Uebergang verbindet die Thäler 
des Rombaches und von Scarl. (Val da Scarl.) Er bildet die kürzeste 
Verbindung zwischen Schuls und Münster. 

Die Hauptmasse der Division Lecourbe erreichte noch am 
13. abends die Ortschaft Schuls. Ein Bataillon der 44. Halbbrigade 
blieb in Zernetz zurück, um die Ausgänge des zum Ofen-Paß hinauf- 
führenden Thaies des Spölflusses zu beobachten. Die Vorposten 
bezogen eine Stellung vorwärts Sent. 65 In diesen beiden letzten 
Tagen machte die Division etwa 3400 Gefangene. Sie setzte dem 
Gegner überdies 400 Mann außer Gefecht. Der eigene Verlust 
bezifferte sich dabei nach amtlicher Angabe auf 80 Tote und 
Verwundete. 05 

In der Nacht zündeten die Oesterreicher die über den Ruinains- 
bach (zwischen Remüs und Strada) führende Straßenbrücke an. 
Der Vormarsch, den Lecourbe persönlich leitete, verzögerte sich 
dadurch um einige Zeit. Ein Kilometer vorwärts der Ortschaft 
Strada tritt der Fluß in scharf geschwungenem Bogen an den 
ziemlich steilen Bergabhang heran. Hier leistete eine aus 1 Offizier 
und 20 Mann bestehende Feldwache, welche sich in ein steinernes 



43 



Haus geworfen, für kurze Zeit Widerstand. Nachdem diese kleine 
Truppe gefangen genommen worden, setzte die aus 3 Bataillonen be- 
stehende Kolonne ihren Marsch auf Martinsbruck fort. Das 111/38. 
war bereits von Remüs aus über fast ungangbare Pfade gegen 
Schieins entsendet worden. Die genannte Ortschaft wurde denn 
auch rechtzeitig besetzt. 67 Die Vorposten der Oesterreicher scheinen 
schnell und ohne viel mehr zu thun, als einige Schüsse abzugeben, 
in die Hauptstellung zurückgewichen zu sein. 



p^auölej'i 




oi-herls-Hohz 



'<«..: W: «*• fg B5cla.mj.50>, 



Ueber diese Stellung und ihre Einrichtung zur Verteidigung 
macht Erzherzog Karl (I, 85) folgende Beschreibung: 

„Die Heerstraße längs dem Inn zieht durch das Dorf Martins- 
bruck über eine Brücke von dem linken auf das rechte Ufer: 
schlängelnd führt dieser Weg über den Berg von Nauders, und 
geht dann meist auf dem Abfall schroffer Felsen nach Finstermünz, 
wo man wieder über eine Brücke das linke Ufer gewinnt. Bei 
Nauders vereinigt sich die Straße über Burgeis nach Glurns, das 
Innthal mit jenem der Etsch. Vor dem Orte Martinsbruck ist 



44 



die Straße durch Abfälle hoher Berge, welche sich fast bis au den 
Fluß herabsenken, sehr beschränkt. Ein Bach stürzt in einer tiefen 
Schlucht von dem Gebirge in den Inn ; und der Fuß des Berges, 
von dem er herabläuft, bildet gegen den oberen Inn einen hervor- 
springenden Riegel, von welchem es möglich wird, sowohl die 
Schlucht als das Thal des Flusses und die Heerstraße zu bestreichen. 
Auf einer zweiten Abdachung des Gebirges, welche sich über die 
erste erhebt, vereinigen sich zwei Fußsteige, deren einer oberhalb 
über die Schlucht führt und unter dem Fuße des am Ausgange 
befindlichen Riegels liegt ; der andere umgeht sie zwar, ist aber 
leichter zu verteidigen. Aber auf dem Kamm des Gebirges läuft 
von Schieins aus ein Fußweg in paralleler Richtung mit der Heer- 
straße , umgeht Martinsbruck, seukt sich über den Spißberg gegen 
die Brücke von Finstermünz herab und führt dann als Fußweg 
unter dem Namen Novellasteig am linken Ufer des Inn nach 
Martinsbruck und in den Rücken der Position. Auf dem rechten 
Ufer sind die Steige gegen Nauders wegen des steilen Gebirges 
äußerst beschwerlich. Die Oesterreicher hatten Verstärkungen 
erhalten und mit 3 Bataillons und 3 Kanonen ihre Stellung bei 
Martinsbruck auf den Höhen genommen, vor deren Front die erst 
beschriebene Schlucht liegt. Die Landschützen aus der ganzen 
Gegend waren aufgeboten. Die bei den früheren Gefechten ver- 
sprengten Posten hatten sich großenteils dort gesammelt, und 
Truppen aus dem Innern von Tirol zogen gegen Finstermünz und 
Nauders." 

Bis hierher hatte die Division nur Erfolge davongetragen. 
Es darf nicht Wunder nehmen, daß Lecourbe selbst die Größe 
der Gefahr nicht ermaß, in der er schwebte. 

Schon Clausewitz (I, 76) hat darauf hingewiesen, daß nirgends 
die Frage berührt wird, warum die Division Lecourbe, um in das 
Engadin zu gelangen, den weiten Umweg durch die Mesolcina und 
das Thal des Hinterrheines nahm. Auch die Memoiren von Massena 
geben über den Zweck dieser Anordnung keinen Aufschluß. Clause- 
witz meint: „Dagegen kann man sich kaum des Gedankens er- 
wehren, daß Lecourbe die Bestimmung gehabt habe, zuerst der 
Stellung Auffenbergs im Rheinthale in den Rücken zu kommen." 
Immerhin bleibt hier eine Unklarheit. Die Bedrohung Auffenbergs 
wäre doch weit leichter über die Oberalp durchzuführen gewesen. 
Die Annahme liegt dagegen nahe, daß die Franzosen keine genaue 
Kenntnis von den Stellungen des Gegners in Tirol zu Beginne 
des Feldzuges gehabt hätten. Einzelne Andeutungen in den Be- 
richten von Lecourbe zeigen, daß man sich eines ernstlichen Wider- 
standes versah und größeren Truppenkörpern zu begegnen glaubte. 68 
Man vermutete aber diese Ereignisse in der Richtung des that- 
sächlichen Vormarsches der Division. Dies geht deutlich aus dem 



45 

Briefwechsel des Generals hervor und ferner aus der Thatsache, 
daß die Division Dessoles, obwohl zur italienischen Armee gehörend, 
dem Befehle von Lecourbe unterstellt wurde. Loison besaß dagegen 
den Auftrag, der Stellung Auffenbergs vom Bündner Oberlande 
her in den Rücken zu stoßen, um den Marsch der Brigade Demont 
über den Kunkels-Paß zu verdecken. 

Die Division Lecourbe stand jetzt völlig vereinsamt im Inn- 
thale. Massena wirkte mit allen verfügbaren Kräften gegen die 
feste Stellung von Feldkirch. Dessoles, welcher sogar einen Gegen- 
befehl erhalten, befand sich am 15. März erst in Tirano. 69 Die 
Division Lecourbe wurde demnach von überlegenen gegnerischen 
Kräften und zwar auf beiden Seiten flankiert. Dennoch erschien 
ihre Lage nicht so gefahrvoll, wie sie Erzherzog Karl wissen will 
(I, 82 ff.). Die Schnelligkeit und Kraft, mit welcher Lecourbe zu 
handeln wußte, ersetzten manches von dem, das ihm hier zu einer 
geordneten Kriegführung fehlte. In der Lage, in der Lecourbe 
sich befand, mußte ihm alles daran liegen, schnell in den Besitz 
von Martinsbruck und Nauders zu gelangen. Die bisher geübte 
laue Verteidigung des Gegners ermunterte recht eigentlich zu 
rücksichtslosem Vorstoßen. 70 

So griff Lecourbe noch an diesem 14. März Mittags 12 Uhr 
die Stellung von Martinsbruck mit 3 Bataillonen in der Front an r 
ohne eine Umgehung zu versuchen. Wider Erwarten wurde jeder 
Versuch, stürmend in die Ortschaft einzudringen, durch das wohl- 
gezielte Feuer der 2600 Oesterreicher unter Oberst Freiherr von 
Knesewicz vom Warasdiner St. Georger Infanterieregiment vereitelt. 71 
Als um 6 Uhr abends die Dämmerung einfiel, mußte der General 
endlich Rücksicht auf die ermüdeten und von Hunger gequälten 
Truppen nehmen. Die Linie der Feldwachen wurde vorwärts- 
Schleins und Strada eingerichtet; das Hauptquartier der Division 
kam nach Remüs. 

Den 15. März hatte Lecourbe, mit Rücksicht darauf, daß die 
Lebensmitteltransporte noch nicht heran waren, zu einem Ruhetage 
bestimmt. Die Brigade Maynoni sollte in Remüs eintreffen, um 
folgenden Tages an einem neuerlichen Sturmangriffe gegen Martins- 
bruck teilnehmen zu können. 

Generalmajor Laudon war zu der Ueberzeugung gelangt, daß. 
ein rascher Vorstoß gegen die Flanke der schwachen Division von 
Erfolg gekrönt sein werde. Im Münsterthal hatte er an 7000 Mann 
der Tiroler Landesschützen besammelt. Nachdem in Sta. Maria 
noch 3 Compagnien Grenadiere eingetroffen, glaubte er sich stark 
genug für das auf den 15. März angesetzte Unternehmen. 

Bei dem zusammengesetzten Angriffe fiel einer Kolonne von 
3 Compagnien — wahrscheinlich unter Zuzug einer schwachen 
Abteilung Landesschützen — die Aufgabe zu, von Sta. Maria 



46 



durch das Scarlthal gegen Schills vorzugehen. Eine zweite Ko- 
lonne, ebenfalls aus 3 Compagnien bestehend, dagegen mit der 
Masse des zur Verfügung stehenden Landsturms verstärkt, wendete 
sich über den Ofen-Paß gegen Zernetz. Der Generalmajor selbst 
scheint sich — man sieht nicht recht ein, warum — bei der zu- 
erst erwähnten Abteilung befunden zu haben. Sonderbarerweise 
ließ er den Rest der im Münsterthale befindlichen Truppen, die 
zusammen 4 Bataillone betrugen, zur Sicherung des von der Division 
Dessoles durchaus nicht bedrohten Sta. Maria zurück. 

Anderseits sollte die Besatzung von Martinsbruck am 15. des 
Morgens einen Ausfall machen, um die Aufmerksamkeit des Gregners 
von seinen Flügeln und seinem Rücken abzulenken. 

Die vom Ofenpaß heruntersteigende Kolonne fand am Aus- 
gange des Spölthales lebhaften Widerstand. Der Kampf begann 
hier um 2 Uhr morgens 

Das in Zernetz stehende I. Bataillon 44. Halbbrigade ver- 
mochte nicht nur die Ortschaft zu halten, sondern auch die geg- 
nerische Kolonne zurückzuwerfen. Der Landsturm, obwohl un- 
zweifelhaft von gutem Geiste und besten Willen erfüllt, suchte 
bald sein Heil in der Flucht.' 2 Er bewies durch diese Handlungs- 
weise wieder einmal, daß unorganisierte Abteilungen, soferne nicht 
außergewöhnliche Umstände mit ins Spiel kommen, nicht daran 
denken können, wirkliche Erfolge zu erringen. Jene, gegen Schuls 
vorgehende Kolonne, gewann immerhin einige Lorbeeren. 

Der General Maynoni hatte aller Wahrscheinlichkeit nach, 
auf seinem Marsche nach Remüs und Martinsbruck, den Sicherungs- 
dienst vernachlässigt. Nicht nur, daß er gar keine Patrouillen ins 
Scarlthal entsendete, deckte er auch keineswegs die Innbrücke bei 
Schuls, über welche der Weg von Sta. Maria her in die Ortschaft 
führt, durch eine Feldwache. 73 Ein Ueberfall seitens der Oester- 
reicher konnte deshalb ohne andere Schwierigkeiten als diejenigen, 
welche das Gebirge bot, durchgeführt werden. Der General Maynoni 
selbst, sein bei dieser Gelegenheit schwer verwundeter Adjutant, 
Capitaine Robin, ferner der Capitaine Sevin, Bataillonschef der 
44. Halbbrigade, 12 Lieutenants, 60 Grenadiere der eben durch 
Schuls marschierenden Reserve und die 11 Mann Chasseurs (12. 
Regiment) der Stabswache wurden von den plötzlich in die Gassen 
des Ortes eindringenden Oesterreichern gefangen.' 4 

Lecourbe mag durch das Gefecht, da wohl auch der Ausfall 
der Besatzung von Martinsbruck vor Tagesanbruch um 5 Uhr 
morgens begann, in seinem Hauptquartier Remüs aus dem Schlafe 
gestört worden sein. Zunächst richtete er sein Augenmerk auf die 
vor ihm liegende, bei der österreichischen Lauheit freilich nicht 
zu bedrohlicher Höhe anschwellende Gefahr. Hier war er dem 
Gegner überlegen, welcher nur 6 Compagnien unter Major Munkatsy 



47 



auf der Landstraße ins Feuer führte. Eine andere, aber nur 240 
Mann starke Abteilung sollte den Gegner in Schieins beschäftigen. 
Zur Lösung dieser Aufgabe war sie jedoch zu schwach. Als Lecourbe 
daher, bereits in der Nähe des Ortes sich befindend, die Schüsse 
des Gefechtes in Schuls vernahm und die Sachlage überblickte, 
wendete er sich sogleich gegen den bedrohten Punkt. Sein Bericht 
meldet, daß ein Bataillon der 38. Halbbrigade — es war das IL — , 
welches in diesem Augenblicke von Remüs zur Verstärkung der 
bei Schieins und Strada fechtenden Vorposten abmarschierte, im 
Laufschritte (?) nach Schuls (8 km von Remüs bei sanft steigender 
Straße) geeilt sei. 75 

Jedenfalls waren 3 österreichische Grenadiercompagnien, welche 
den sonderbaren Auftrag hatten, gegen Zernetz zu marschieren, 
von dem Rückwege ins Scarlthal abgeschnitten und etwa 300 Mann 
stark zum Strecken der Waffen gezwungen. Diese Umzingelung 
erklärt sich dadurch, daß die vorher der Gefangennahme entgangenen 
Franzosen von Fettan her zurückkehrten. Die Kameraden aber, 
welche den Kaiserlichen in die Hände gefallen waren, konnten 
nicht mehr befreit werden, da sich Generalmajor Laudon mit ihnen 
rechtzeitig in die Berge zurückgezogen hatte. 76 Die Gesamtzahl 
der den Oesterreichern gemachten Gefangenen berechnete Lecourbe 
auf 10 Offiziere und 600 Mann. Trotz des errungenen Vorteils 
aber fühlte er sich keineswegs sicher. Es war ihm wohl bekannt, 
daß die in Glurns und Tauffers befindlichen Truppen stetig ver- 
mehrt würden. 77 

„Der Grundsatz: der mich umgeht, ist auch umgangen, hat 
sich nie auffallender bewährt," so urteilt Erzherzog Karl über 
das Ergebnis des Gefechtes vom 15. März (I, 89, 91). „Wenn 
eine Truppe," fährt er fort, „von dieser Wahrheit durchdrungen ist, 
so wird sie in mancher kritischen Lage mit ihrer Besonnenheit 
auch ihre Brauchbarkeit beibehalten und die übertriebene Meinung 
von der Gefahr der Umgehung verlieren, die nur zu oft Zaghaftig- 
keit und die größten Unfälle hervorbringt. Es sollte daher eine 
wesentliche Bemühung der Vorgesetzten sein, das Vorurteil von 
dieser Gefahr in dem Herzen des Mannes mit aller Kraft auszu- 
rotten und zwar um so mehr, als öfter der Fall gerade in einem 
geringeren Wirkungskreise eintritt, daß kleine Abteilungen, einzelne 
Posten, detachierte Seitenkolonnen auf einige Augenblicke ihre 
Kommunikationen verlieren, oder wohl gar absichtlich Preis geben 
müssen, um größere Resultate zu begünstigen. ... In dem Ge- 
birgskriege imponiert eine Umgehung weit mehr als in jedem andern; 
weil der Gesichtskreis und folglich die natürliche Beurteilung be- 
schränkter ist; und weil es einem ungeübten Auge schwerer wird, 
sich in der Gestalt des Terrains und in der Verbindung der Thäler 
und Schluchten zu orientieren. Dennoch sind die Umgehungen im 



48 



Gebirge am leichtesten unschädlich zu machen, weil sie nur von 
kleinen Kolonnen oder einzelnen Detachements auf beschwerlichen 
Seitenwegen ausgeführt werden können, wo jeder einzelne mit den 
Hindernissen des Terrains zu kämpfen hat, und wo wenige Kräfte 
vermögend sind, den Feind auf einem Punkte aufzuhalten, indessen 
mau sich mit Ueberlegenheit gegen einen anderen wendet. . . . 
Wer umgeht, bildet einen Kreis : der Umgangene hingegen steht 
mit vereinter Kraft in der Mitte und kann also auf jedem Punkt 
überlegen sein, auf den er sich wirft." 

Eine strenge Beurteilung wird auch Lecourbe tadeln müssen. 
Nur die zwingende Notlage, in welcher er sich befand, entschuldigt 
ihn. Es ist doch wohl als sicher anzunehmen, daß er sonst die 
ihm unterstehenden Truppen nicht derart verzettelt hätte. Er sollte 
jedoch ein lang gestrecktes Thal sichern und zugleich mit un- 
genügenden Kräften den stärksten taktischen und wichtigsten 
strategischen Punkt desselben gewinnen. Yon einem überlegenen 
Gegner angegriffen, hätten die wenigen Bataillone aber überall 
unterliegen müssen. Die tollkühn eingesetzte Division wäre unter 
allen Umständen verloren gewesen. Der Mangel an Einsicht und 
Entschlossenheit im kaiserlichen Hauptquartiere zu Sta. Maria 
allein rettete Lecourbe vor dem Untergange. 

In Nauders befehligte der Generalmajor Alcaini, der nach 
seiner Ablösung -von diesem Posten unter Suworoff in Italien 
Gelegenheit fand, sich auszuzeichnen. Seine Brigade empfing in 
diesen Tagen aus dem Innern von Tirol einige Verstärkungen. 
So verfügte er über etwa 6000 Mann. Hierbei sind aber die Landes- 
schützen der nächsten Bezirke einzurechnen. 78 

Obgleich Lecourbe über den Vormarsch der Division Dessoles 
noch immer im Unklaren war und nur ganz allgemein annehmen 
konnte, daß sie Bormio wahrscheinlich schon erreicht habe, ent- 
schloß er sich dennoch, den Sturm auf Martinsbruck am 17. März 
zu erneuern. Hierfür bestimmte er, daß 1/44. in Zernetz, 11/38. 
in Schuls zu bleiben habe, um die dort mündenden Ausgänge der 
Thäler zu sichern. Capitaine Dumas, Chef der 44. Halbbrigade, 
sollte mit seinem IL und 2 Bataillonen von 36. unterstützt 
werden. Ein Bataillon der 38. Halbbrigade (es ist nicht ganz 
klar, ob I oder II) ließ seine Grenadier - Compagnie und 150 
Füsiliere als Reserve bei dem zweiten verfügbaren Geschütze 
zurück. 79 Im übrigen hatte das Bataillon den Auftrag, eine 
Umgehung der gegnerischen Stellung über den Spißberg nach 
Finstermünz durchzuführen. Von hier aus hätte diese Truppe es 
versuchen sollen, über den Novellasteig den bei Martinsbruck 
beschäftigten Oesterreichern in den Rücken zu kommen. Als Be- 
rater wurde dem Bataillon ein mit den Absichten des Generals 
völlig vertrauter Offizier des Stabes beigegeben. Trotzdem trug 



49 



das Bataillon einen entschiedenen Mißerfolg davon. Gleich zu 
Beginn des Marsches ward der in dem unübersichtlichen Gelände 
hinter Schieins doppelt scharf zu handhabende Sicherungsdienst 
völlig vernachlässigt. Damit begingen die Compagnien einen jener 
Fehler, wie er bis in die jüngste Zeit zu den „Erbsünden" des 
französischen Heeres gerechnet werden muß. Im weiteren regelte 
das Bataillon, wie es scheint, weder die Zeit für ein gemeinsames 
Handeln mit der auf der Straße vorgehenden Kolonne, noch wurde 
in Ordnung und mit der nötigen Beschleunigung marschiert. 
Oberhalb des Noveller-Hofes entsendete der Capitaine Braun die 
von Capitaine S. Tavernier befehligte 5. Compagnie, um vom 
oberen Novellasteig gegen die Verschanzungen von Finstermünz 
vorzugehen. Die übrigen Compagnien, es waren ihrer 7, hatten 
den Angriff in der Front dieser Werke durchzuführen. Die Com- 
pagnie Tavernier soll sich verirrt haben. 80 Thatsächlich fanden 
die noch im Gottesdienst sich befindenden Verteidiger (es war 
nämlich Palmsonntag) Zeit, ihre Stellungen zu beziehen. Tavernier 
verlor den Kopf. Anstatt sogleich den Rückzug anzutreten, ver- 
wickelte sich die Compagnie in ein Feuergefecht. Unterdessen war 
Oberst Knesewicz von den Vorfällen im Rücken seiner Stellung 
benachrichtigt worden. Er entsendete eine Compagnie unter Haupt- 
mann Kneyel, welcher im Vereine mit der Compagnie Sterndahl 
von Großherzog von Toscana und den Landesschützen-Compagnien 
Pfunds, Laudeck und Landeck die derart eingeschlossenen Gegner 
gefangen nahm. 81 

Den unterdessen stattgefundenen vergeblichen Sturm auf 
Martinsbruck beschreibt Lecourbe in seinem Berichte an Massena 
aus Schuls vom 27. Vent. (17. März) wie folgt: „Die drei Bataillone 
waren bereits Herren des Dorfes und 300 — 400 Oesterreicher, 
welche im Kirchhofe Stellung genommen, schienen nicht übel Lust 
zu haben, die Waffen vor ihnen zu strecken. Plötzlich bemächtigte 
sich der Truppen ein Schrecken. Wie ich glaube, wurde dieser 
von vier Reitern hervorgebracht, welche sich kühn in das Gehölz 
geworfen hatten. Unsere Leute vergaßen ganz den bereits er- 
rungenen Erfolg und ergriffen die Flucht. Mit vieler Mühe nur 
konnte ich sie wieder sammeln." 82 Den an diesem Tage erlittenen 
Verlust beziffert Lecourbe auf etwa 12 Tote, 130 Verwundete und 
286 Gefangene, unter welchen auch 10 Offiziere. 

Von den Verteidigern waren Hauptmann Graf Khevenhüller 
und Lieutenant Wallowicz tödlich verwundet worden. Das Gefecht 
dauerte von 6 — 11 Uhr morgens. 

Zugleich gestaltete sich die Lage der Division immer pein- 
licher. Erschöpft durch die unausgesetzten Anstrengungen und 
den Hunger, litten die Truppen auch an Kleidung und Schuhwerk 
Mangel. Seit einer Woche hatte man eigentlich nur die im Thale 

Günther Feldzng 1799. * 



50 

vorgefundenen Brotvorräte der Einwohner zur Verfügung. Lecourbe 
sah endlich ein, daß nur ein Zusammenwirken mit der sehnlichst 
erwarteten Division Dessoles zum Ziele führen werde. Während 
er sich darauf beschränken mußte, vor Martinsbruck ruhig aus- 
zuharren, besetzte er neben Schuls und Zernetz auch das am öst- 
lichen Ausgange des Flüela-Passes gelegene Süs, um gegen etwaige 
Ueberraschungen aus dem Montafun gesichert zu sein. 

Massena gewährte die Bitte um Verstärkungen. Am 21. März 
trafen die Brigadegenerale Loison und Demont im Hauptquartiere 
der Division ein. Die dem ersteren unterstehenden Truppen er- 
reichten die Division in den Tagen vom 22. bis 24. März. Demont 
trat an die Stelle von Maynoni. 

Die nun neu eingeteilte Division bezog folgende Stellungen: 
Hauptquartier in Schuls. 

Vorpostenbrigade Demont in Schieins (auch Schleunis genannt 
in den zeitgenössichen Berichten), 44. Halbbrigade in Schieins, 
I/III von 38. in Strada. 

Brigade der Mitte Loison in Remüs, 36. Halbbrigade in 
Remüs, 76. in Süs, 1/38. in Zernetz. 

Reserve in Schuls : 5 Compagnien Grenadiere von 76. und 
103. Halbbrigade. Dazu an Hülfstruppen : etwas Kavallerie 
(Chasseurs), Artillerie und Genie in Schuls. 

Dem gegenüber gruppierten sich die österreichischen Kräfte 
im Tirol wie folgt: 

Hauptquartier : Bis zum 22. März in Bozen, dann in Schlanders ; 
4 Bat., IV2 Schwadr. am Monte Tonale, Vortruppen in 

Mad. di Campiglio, am Montoz und 
bei Pejo, 
9 1 /a „ IV2 „ (zusammen 7000 Mann) Reserve, im 

Vintschgau zwischen Eyers und 
Latsch, 
8 „ lVa „ (Brigade Laudon, zus. 6179 Mann) 

in den Werken vor Tauffers ; dazu 
13 Landesschützen-Compagnien, 
7 „ 1 „ (Brigade-General-Major De Briey) ; 

davon 2600M. unt. OberstKnesewicz 
in Martinsbruck (9 Geschütze), 
4 „ in Nauders (Reserve der Brigade 

De Briey), 
2 „ in Finstermünz, 

6 „ im Klosterthal und Montafun. Vor- 

truppen in Galthür und Ischgl. 
Weitere 10000 Mann unter FML. Nobili in Landeck. 
Ebenso 14000 Mann (Brgd.-FML. Hadik) zwischen Tauffers 
und Bozen. Diese Abteilung erschien als ein buntes Gemisch der 



51 

Regimenter Anton Esterhazy, Michael Wallis, Anton Starray, Ligne, 
Clerfait, Murrai, Devins, Württemberg u. s. w. Dazu die 2 Frei- 
bataillone Traubenberg und Otto. Ferner das über 1000 Mann 
starke Bataillon Leloup- Jäger. An Kavallerie 2 1 !* Schwadronen 
Erdödy- Husaren und x /a Schwadron Erzherzog- Johann-Dragoner, 
zusammen etwa 550 Mann. 

In der Nauderer „Maiß", der Stellung, welche die Umgehung 
von Martinsbruck in seiner linken Flanke hindert, standen die 
Landesschützen -Cornpagnien des Gerichtes Hörtenberg und die 
4 Landsturm-Compagnien Nauders, Graun und Imst. 

Endlich hatte auch Lecourbe am 19. März die Nachricht er- 
halten, daß die Division Dessoles an diesem Tage Sta. Maria er- 
reicht und eine Vorpostenstellung gegen Tauffers bezogen habe. 83 
Ueber den Marsch dieser Truppen läßt sich noch nachtragen, daß 
sie am 17. März Bormio besetzt und bereits Tags zuvor die bis 
dahin im Poschiavo stehenden Oesterreicher in der Stärke von 
etwa 700 Mann gefangen nahmen. Auch die befestigten Bagni 
di Bormio wurden am 18. März erstürmt. Dabei fiel die ganze, 
300 Mann starke feindliche Besatzung mit einziger Ausnahme von 
3 Grenadieren, welche entkommen konnten, in die Hände der 
Franzosen. 84 Gleichen Tages, sowie am folgenden Morgen über- 
schritt die Division das Wormser Joch (2755 m). Der Paß war 
damals noch nicht fahrbar, vielmehr lediglich ein schlechter 
Saumweg. Es gelang auch keineswegs, die Geschütze über den 
Paß zu führen. Am 19. März um 2 Uhr nachmittags besetzten 
die Vortruppen Sta. Maria. Die Division zählte 6 Bataillone 
nebst einigen cisalpinischen Cornpagnien, zusammen etwa 4500 
Mann. Von Lecourbe traf der Befehl ein, ungesäumt gegen Glurns 
vorzugehen. Von dort sollte dann der gemeinsame Vorstoß gegen 
Martinsbruck und Nauders fortgesetzt werden. 80 

Die Division befand sich in der allertraurigsten Lage. Es 
fehlte an Lebensmitteln, selbst Saumtiere waren nicht über den 
Paß gelangt. Lecourbe gab Dessoles den Rat, den Uebergang 
durch die Landes be wohner öffnen zu lassen. 86 Auf dringendes An- 
suchen erhielt Dessoles von Lecourbe, welcher selbst den größten 
Schwierigkeiten gegenüberstand, 2 Kanonen, 40000 Patronen und 
7 Säcke Reis. 87 Lecourbe, der stets Unverzagte, scheint nicht alle 
Klagen von Dessoles ernst genommen zu haben. Es ist auch 
wohl möglich, daß Dessoles es an der nötigen Entschiedenheit 
fehlen ließ. 88 Die späteren Ereignisse in Glurns und nach dem 
zweiten Gefechte von Tauffers sprechen für diese Annahme. 

Für den 25. März entschloß sich Lecourbe zu einem neuer- 
lichen Angriffe auf Martinsbruck. Ueber die Vorbereitungen dazu 

O ^ CT 

berichtete er aus seinem Hauptquartiere Fettan am 2. Germinal 
(22. März) dem Ober-Generale nach Chur. 89 „General Dessoles 



empfing eine Anleitung zu rascher Vorwärtsbewegung gegen Glurns 
und zur Verfolgung des Generals Laudon, der, um die Straße 
nach Feldkirch zu decken, über Nauders und Innsbruck zurück- 
gehen dürfte. In diesem Falle besetzt General Dessoles Glurns, 
um eng auf mich aufgeschlossen meinen rechten Flügel zu decken. 
Gienge General Laudon dagegen nach Bozen zurück, so wäre dies 
ein Grund mehr, die Stellung von Glurns zu halten. Da ich den 
Stier nicht bei den Hörnern packen kann und weil ich annehme, 
daß die Innbrücke von Martinsbruck abgebrochen werde, lasse ich 
eine Brigade über Sclamisott nach Nauders gehen. Der Weg ist 
etwa 2 Lieues lang. Eine andere kleinere Kolonne wird über das 
Gruberjoch (2387 m) die Stellung von Martinsbruck umgehen und 
sich, wenn möglich, mit den Truppen von Dessoles oder der Brigade 
des Generals Loison vereinigen, welcher mit der Durchführung des 
Angriffes auf meinem rechten Flügel betraut ist. Der General Demont, 
mit der Brigade links, steht auf dem Plateau von Schieins. Er hat 
sogleich und in aller Eile gegen Finstermünz vorzugehen, sobald 
Martinsbruck genommen worden. Zu dieser Einnahme soll er durch 
Umgehungen über die Höhen beitragen. Ich selbst werde mit starken 
Reserven den Angriff von der Mitte aus leiten." 

Fast wäre es hier gar nicht zum Schlagen gekommen. Da 
Massena die Bestürmung von Feldkirch hatte aufgeben müssen 
und nun darnach trachtete, seine Kräfte möglichst zusammen zu 
fassen, so entschloß er sich, die Divisionen Lecourbe und Dessoles 
aus ihren gefahrvollen Stellungen zu ziehen. Am 24. März ritt 
der Adjutant des Ober-Generals aus Chur fort. Er sollte die vor 
Martinsbruck bereits eingetroffenen Verstärkungen anweisen, ihre 
bisherigen Divisionen wieder zu erreichen. Der entsendete Offizier 
erreichte Lecourbe jedoch erst in dem Augenblicke, da dieser eben 
alles glücklich entschieden hatte. 90 

Am Ostermontage, dem 25. März, vor Tagesgrauen, setzte 
sich Loison mit der 36. Halbbrigade und 1/76. in Marsch. Die 
Hauptkolonne ging bei der Säge von Remüs über den Inn. Nach 
vierstündigem Klettern erreichte sie durch das sogenannte „krumme 
Thal" über steile und mit Schnee bedeckte Felsen die vom Gegner 
völlig unbeachtete Höhe „Motters". 91 Von dort setzten die Bataillone 
den Marsch neben dem „grünen See" vorbei und gegen die „Maiß" 
fort. Die hier stehenden Schützencompagnien leisteten zwar von 8 Uhr 
vormittags bis 3 Uhr nachmittags kräftigen Widerstand, mußten dann 
aber, da keine Verstärkung eintraf, die Stellung aufgeben. Unter- 
dessen waren die Grenadiere der 36. und 37. Halbbrigade auf dem 
von Sclamisott über die Norbertshöhe verlaufenden Steige gegen 
Nauders aufgebrochen. Sie erreichten, ohne viel mehr als einige 
Patronen verfeuern zu müssen, den Südwesteingang von Nauders. 92 ^ 

Um 3 Uhr nachmittags griff Lecourbe selbst mit den Grena- 



53 



dieren der 38. Halbbrigade die Stellung von Martinsbruck in der 
Front an. Die Sturmkolonne führte der Capitaine Gauthier (nach- 
mals General und Schwager von Lecourbe). In ihr zeichneten 
sich aus : Lieutenant Bertry, Feldwebel Colin und Fourier Colinet 
von der 3. Grenadier-Compagnie der 38. Halbbrigade. Während 
die Infanterie nach einem halbstündigen Gefechte zum größeren 
Teile die Waifen streckte, ließen sich die Kanoniere auf ihren 
Stücken niederhauen. Bis zuletzt hatten sie fortgesetzt Kartätsch- 
feuer abgegeben. Der Rest der Besatzung machte noch den Ver- 
such, die Brücke über den Inn zu verteidigen. Bereits waren 2 
Geschütze in Stellung gebracht worden, als der General Demont 
über den Inn her mit der 44. eingriff. Unter Zurücklassung von 
7 Geschützen eilten die Oesterreicher nach Kauders. 

Demont war von Schieins mehrere Stunden später in Be- 
wegung gesetzt worden als Loison von Remüs, nämlich zwischen 
7 und 8 Uhr vormittags. Das Feldtagebuch sagt, dies sei geschehen, 
um den Gegner hier nicht zu früh zu beunruhigen. Da die Wege 
überdies in sehr schlechtem Zustande waren, trat Demont that- 
sächlich erst am folgendem Tage in Finstermünz ein. 93 

Dies ermöglichte es auch, daß der General de Briey mit den 
während des Kampfes völlig unthätig in Reserve gehaltenen vier 
Bataillonen aus Nauders, woselbst Loison gegen 6 Uhr abends ein- 
drang, zu entkommen vermochte. Die Franzosen plünderten übrigens 
das Dorf Nauders und zerstörten zugleich alles, was ihnen des 
Mitnehmens für unwürdig erschien. 

Die Oesterreicher verloren hier an Toten 200, an Ver- 
wundeten 800, an Gefangenen 2500 Mann. Unter den letzteren 
befanden sich der Oberst Knesewicz, der Major Munkatsy und 6 
weitere Offiziere. Dazu erbeuteten die Franzosen 12 Geschütze 
mit ihren Caissons, die Ambulanz der Toscana-Dragoner und 
einige wohlgefüllte Magazine. Die Franzosen hatten einen Verlust 
von 40 Toten und 250 Verwundeten. Unter den Gefallenen be- 
fanden sich der Grenadier-Hauptmann Lagrue von der 44. und 
der Unterlieutenant Romain von der 38. Halbbrigade. 94 

Auch Dessoles hatte unterdessen große Erfolge davongetragen. 

„Von Meran führt die Heerstraße in allmähliger Steigung in 
nordwestlicher Richtung nach dem oberen Etschthale. Sieben 
Stunden oberhalb Meran lehnt sich am Fuße einer mächtigen 
Moräne, der sogenannten Laaser Höhe, in fruchtreicher Ebene das 
stattliche Dorf Schlanders an. Am Fuße der nördlichen Senkung 
liegt Laas, wo sich die Etsch Bahn gebrochen hat, und wo 
das Terrain derart beschaffen ist, daß die Passage nach dem 
untern Etschthale nicht unschwer gesperrt werden kann. Daher 
hat man diesem Punkte im Jahre 1700, wie 1850 in übertriebener 
Vorsicht so große Bedeutung beigelegt, daß man in beiden 



54 



Kriegsjahren hier die Hauptmasse der Truppen postierte und sie 
in beiden Kriegsjahren den zu fernen Kampfplätzen in den Stunden 
der Entscheidung entzog. Von Laas an breitet sich eine weite, 
früher moosige Thalfläche in "westlicher Richtung aus. Von Laas 
bis Schluderns umsäumt die Straße zwei Stunden lang den sanft 
ansteigenden und ins Thal hineinragenden Tanaser Berg. Die 
Mittelstation bildet das unansehnliche Dorf Eyrs, und etwas höher, 
wo das Thal eine mehr nördliche Richtung nimmt und wo die 
bekannte Kunststraße in das Trafoierthal und über das Wormser 
Joch führt, lehnt sich die kleine Häusergruppe von Spondinig an 
den Bergrand. In Schluderns teilt sich die Straße ; ein fahrbarer 
Feldweg (jetzt Straße) führt quer durch das Thal in halbstündiger 
Entfernung nach Glurns, und von da am steilen Saume des Glurnser- 
berges in das Münsterthal; die Hauptstraße aber zieht sich in 
ziemlich steiler Erhebung zum Tartscher Bichl hinauf, ein frei- 
stehender, die weite Thalfläche überschauender Hügel, gegenüber 
dem das anmutige, abgeschlossene Münsterthal sich öffnet. Von 

diesem Hügel 

Wofu/ui Ruine 



aus wird die 
Landstraße, 
Schluderns, 
Glurns und 
Mals be- 
herrscht. Im 
Rücken der 
Hügel liegen 
die sanft auf- 
steigenden 
Aecker von 
Tartsch und 
die zwei höher 

stehenden, 
vereinsamten 
Höfe Lechtel 
und Monte- 
tschinig, über 
welche ein 
Weg in das 
Thal Matsch 

führt. Von Tartsch leitet die Straße in einer Viertelstunde nach 
dem ansehnlichen und ausgedehnten Markte Mals und von da über 
Burgeis, Haid, Graun, Reschen in 6 Stunden nach Nauders. Von 
Mals führt ein Feldweg in einer halben Stunde nach Glurns und 
in kürzerer Zeit nach Laatsch, welche Ortschaften am Eingange 
des Münsterthaies liegen und gleichsam die zwei Thürangeln des 




55 

Münsterthaies sind. Unmittelbar hinter Laatsch beginnt das Münster- 
thal, ein Querthal des Vintschgaus. Zu beiden Seiten des Thaies er- 
heben sich steile, massige, ungegliederte Gebirgsstöcke. Der Eingang 
des Thaies beginnt mit einer anmutigen, ebenen Wiesenfläche. 
Eine Viertelstunde hinter Laatsch vereinigt sich bei der Mareng- 
brücke der Glurnser mit dem Laatscher Feldwege ; die Berge rücken 
zusammen und das Thal verengt sich bis zur Calvabrücke, bis 
wohin die Entfernung eine halbe Stunde beträgt. Hinter dieser 
Brücke und dem Calvawalde erweitert sich das Thal und frucht- 
bare Felder wechseln mit grasreichen Wiesen. Die stark aufsteigende 
Thalwölbung ist von einer mächtigen Moräne gebildet, an deren 
Fuße sich der Rambach in tiefem Bette Bahn gebrochen hat. Der 
fahrbare Feldweg läuft zuerst am schwindelnden Ufer des Ram- 
baches ; in einiger Entfernung teilt sich der Weg , ein Seitenpfad 
zieht in der früheren Richtung nach Rifair, das in schattiger 
Niederung unterhalb Tauffers liegt; der andere Weg führt quer 
über die Bodenwölbung von der unteren Thalseite gegen die obere 
nach Tauffers, das langgestreckt auf dem Höhepunkt einer zweiten 
Moräne sich hinzieht. Hoch über Tauffers blicken ernst die Ruinen 
der einst festen Burgen Rotund und Reichenberg in das Thal herab. 
Eine halbe Viertelstunde hinter Tauffers stürzt in selbstgegrabenem 
Bette der Valtarolabach vom Scharljoch durch das Avignathal in 
den Rambach hinab, der bis Rifair hinaus in einer tiefen Schlucht, 
links mit hohem, steilem Uferrande, fließt. Einige Minuten hinter 
dem Valtarolabache sind die Grenzmarken zwischen dem Tiroler 
und dem Schweizer Gebiet. Unter dem Wege und hart an der 
Schweizer Grenze und am Eingange in das tiefe Bett der Ram- 
schlucht liegt der Weiler Pundweil (eigentlich Pontweil, Pontwill) 
versteckt und jenseits des Rambaches in erhöhtem Thaleinschnitte 
die sogenannte Einsiedelei. Hinter der Grenze verliert sich allmählig 
die Thalhöhe und man steigt in wenig Minuten in die erste schwei- 
zerische Ortschaft, nach Münster hinab. . . . 

Bei Tauffers stand der General Laudon mit 8 Bataillonen und 
16 Kanonen; in seiner Fronte lief der Valtarola, ein unbedeutender 
Bach mit ziemlich steilen Ufern, dem es aber, sowie dem etwas 
größeren Rambache, in der damaligen Jahreszeit an Wasser fehlte. 
Etwa 150 Schritte hinter dem Valtarola, südwestlich von Tauffers 
ä cheval der Straße von Münster war eine Linie aufgeworfen und 
mit Redouten begrenzt, deren links stehende sich an die steilen 
Ufer des Rambaches lehnte. Eine dritte Redoute unterbrach diese 
Verschanzung links der erwähnten Straße, diese sichernd. Drei- 
hundert Schritte hinter dem rechten Flügel der ersten, parallel 
mit ihr, lief hinter einem unbedeutenden Graben eine zweite, eben- 
falls an Redouten geschützte Verschanzungslinie, welche der ersten 
als Flankendeckung: diente. Auf der Straße war über den Valtarola 



56 

zur Verbindung mit den Vortruppen eine hölzerne Brücke ge- 
schlagen, hinter ihr rechts eine Fleche aufgeworfen. Die Ver- 
schanzungen waren mit 16 Stück Kanonen und der nötigen Be- 
satzung versehen; hinter der ersten Linie stand ein Bataillon in 
Reserve, 4 andere standen rückwärts der zweiten, rechts von Tauffers, 
Auf den Bergen am rechten Flügel standen 4 Compagnien, 3 Com- 
pagnien hatten jene am linken Flügel jenseits des Rambaches 
besetzt. Die Vorposten standen ungefähr 1500 Schritte vor dem 
Valtarola zwischen Pundweil und Münster. Endlich waren noch 
4 Compagnien im Trafoierthale zur Versicherung des Bergpfades 
aufgestellt, der durch jenes in das Etschthal führt. Die beiden 
Flügel waren noch durch 13 Landesschützencompagnien, beiläufig 
1500 Mann stark, geschützt." (Stampfer, 57 — 60). 

FML. Bellegarde hatte am Ostersonntage, dem 24. März, die 
Stellung bei Tauffers besucht. Sonderbarerweise änderte er die 
von Laudon getroffenen Verfügungen in der Weise, daß er zu 
Gunsten des rechten Flügels den linken der Stellung, welcher an 
den Rambach lehnte, schwächte. Vielleicht geschah das aus 
Besorgnis vor einer Umgehung, wie sie thatsächlich 1499 dort 
durch den Taufferer und Laatscher Wald stattgefunden hatte. 
Immerhin hätten zu dieser Sicherung die am Platze befindlichen 
Landesschützen ausgereicht. Ein weiterer und höchst bedenklicher 
Fehler war es, daß man im Angesichte des scharf beobachtenden 
Gegners die Stellungen durch die Truppen beziehen ließ. Man 
wiegte sich überhaupt in dem sicheren Gefühle, daß die Franzosen 
es nicht wagen würden, die für so fest erachtete Stellung anzu- 
greifen oder daß sie dieselbe sogar nehmen könnten. 

Früh 5 Uhr, den 25. März, griff Dessoles auf der ganzen Linie 
längs dem Valtarolabache an. Zugleich gingen 6 Bataillone in 
zwei Treffen gegen den linken Flügel der österreichischen Stellung 
vor. Die vordere Staffel dieser Kolonne bildete die 12. leichte 
Halbbrigade; bei Puntweil warf sie sich in das trockene Bett des 
Rambaches. Dem gedeckten Wege folgend, erreichte sie ohne 
Verlust an Zeit und Leuten das Dorf Tauffers. In dem nämlichen 
Augenblicke setzte Dessoles zum Sturme in der Front an. Die 
39. Halbbrigade im Vortreffen, die cisalpinischen Bataillone im Rück- 
halte, nahm der General beim ersten Anlaufe die Brücke über den 
Valtarolabach. Ebenso wurden die Schanzen ohne Zögern erstiegen. 
Nach kurzem Handgemenge floh ihre Besatzung in regelloser Flucht. 
Als die Oesterreicher bemerkten, daß bereits der Engpaß von 
Rifair und die Calvabrücke von Teilen der 12. leichten Halbbrigade 
besetzt seien, ergaben sie sich fast augenblicklich. Nur 409 Mann 
vom äußersten rechten Flügel, geführt vom Generalmajor Laudon 
selbst und beschützt durch das wohlgezielte Feuer der Landes- 
schützen, welche bei dem bisherigen Durcheinander keine Gelegen- 



57 



heit gefunden hatten, ihre Stutzen zu gebrauchen, entkamen über 
den Tauffersberg. Weiter ging die eilige Flucht über Schlinig 
und Mareinberg nach Burgeis. Hier befanden sich bereits Fran- 
zosen, und Laudon entkam nur in der schnell angenommenen Ver- 
kleidung eines Landbewohners. Bei Reschen erfuhr er von einer 
abgeschnittenen Abteilung Kavallerie die Ereignisse bei Nauders. 
So nahm er seinen Weg durch das Langtaufferser Thal nach Hinter- 
kirchen und über den Gebatsch-Ferner ; nach vielen Fährlichkeiten 
wie Mühsalen ward aber glücklich Pruz und Landeck erreicht. 
Die Großzahl der Landesschützen entkam ebenfalls über den 
Tauffersberg und die Lichtenbergeralp gegen Laatsch. 

Der Kampf hatte kaum eine halbe Stunde gedauert. Nach 
dem Berichte hätten die Oesterreicher hier nach kaum einstündigem 
Verfolgen an Gefangenen 4 Obersten, 150 andere Offiziere und 4500 
Mann verloren. Weitere 600 blieben tot und verwundet auf dem 
Schlachtfelde. Ferner erbeuteten die Franzosen 17 Kanonen und 
1 Haubitze. Ihr eigener Verlust betrug 60 Tote und 200 Ver- 
wundete. 95 

Die größere Masse der in Tauffers eingedrungener] Truppen 
überließ sich dem Geschäfte des Plünderns. Immerhin gelang es 
Dessoles, den Brigadegeneral Lecchi mit einigen noch zusammen- 
gehaltenen Truppen an den Vereinigungspunkt der Wege von 
Laatsch und Glurns zu entsenden. In der Enge der Marengbrücke, 
auf der Walstatt von Calva (1499), versuchten versprengte Reiter 
und einiger Landsturm von Glurns vergebens Widerstand zu leisten. 
Eine durch Dessoles selbst herangeführte Verstärkung öffnete den 
Weg. Unaufhaltsam ging es weiter über Laatsch nach Mals. 
Lecchi dagegen eilte geradezu auf Glurns. Unter stetigem Feuer 
der Landstürmer verlor diese Abteilung während der folgenden 
vier Stunden eine Anzahl Leute. Daraus und weil die französischen 
Truppen die Landstürmer nicht als uniformierte Gegner erkannten 
— sie wußten nichts von der eigentümlichen Wehrordnung im 
Tirol — erklärt sich auch die Wut der Leute zur Genüge. Um 
Mittag ward das Städtchen Glurns erreicht. „Die wütenden Feinde 
raubten und plünderten soviel sie konnten, schändeten die Frauen 
und entheiligten die beiden Gotteshäuser." Mals wurde bereits 
um 10 Uhr vormittags erreicht. „In dessen Besitz gelangt, begann 
der Feind aucb hier zu morden und zu rauben und verschonte 
weder Alter noch Geschlecht." Bei Tartsch trafen Dessoles und 
Lecchi wieder zusammen. Auf dem Hügel bei diesem Orte wurde 
ein verschanztes Lager bezogen und am gleichen Tage noch Schlu- 
derns, Schleiß und Burgeis von den Cisalpinern besetzt. Diese 
letzteren scheinen ganz besonders raubsüchtig, unbotsam und voller 
schlimmer Begierden gewesen zu sein. 96 

Im Verlaufe von zwölf Stunden hatten demnach die Franzosen 



gegen weit überlegene Kräfte die denkbar festesten Stellungen 
genommen. Die Haupteingänge, welche aus dem Veltlin und 
dem Engadin ins Tirol führen, waren nunmehr in den Händen von 
Lecourbe. .Daß dieses glänzende Resultat hier noch weniger als 
im Rheinthale den strategischen Kombinationen gehört, springt in 
die Augen ; es ist wieder die Energie der französischen Feldherren, 
die Bravour der Soldaten und ihre Unermüdlichkeit, die über die 
Verkehrtheit der österreichischen Generale und den schlechten Geist 
ihrer Truppen den Sieg davon trägt. In der That, wie viel Mühe 
man sich auch gibt, dieses beständige Abschneiden und Gefangen- 
nehmen ganzer Bataillone und dieses Vernichten ganzer Corps 
erklärlich zu machen, welches Bedürfnis man auch hat, die Ehre 
der österreichischen Fahne aufrecht zu erhalten und auf allen 
Punkten zu retten, es ist nicht möglich, ohne die Voraussetzung 
ungewöhnlicher Fehler und Schlaffheit fertig zu werden." 97 

Die Art und Weise, wie Oesterreich die Verteidigung von 
Graubünden und Tirol bisher geführt, war ganz falsch gewesen. 
Tirol besaß eine starke landsturmartige Volksbewehrung, es blieb 
dennoch vom Heere besetzt. Die Unternehmungen gegen die Division 
Lecourbe wurden stets viel zu zaghaft und mit zu geringer Umsicht 
durchgeführt. Das Uebersehen der Rambach -Schlucht bei der 
Einrichtung der Stellung von Tauffers war ein schwerer Fehler, 
und selbst mehr als das, eine bedenkliche Vernachlässigung der 
Pflicht. Nach heutigen Begriffen trägt Generalmajor Laudon die 
Verantwortung dafür. Zu seiner Entschuldigung wird freilich 
angeführt, daß FML. Bellegarde in seinen Befehlsbereich eingriff. 
Die Tiroler glaubten geradezu, der letztere sei ein Verräter ge- 
wesen. Bellegarde deckte alles mit Reserven, drei Wochen nach 
Beginn des Feldzuges hatte er seine Truppen noch immer nicht 
vereinigt. Seine Thatkraft in diesen Tagen schien wie gelähmt. 
Er vermochte sich keineswegs zu der einfachen Ansicht, die doch 
gewiß nahe genug lag, aufzuschwingen, daß ein Hauptschlag Tirol 
und selbst Bünden vollkommen säubern werde. Bei dieser Gelegen- 
heit mag auch das Urteil Napoleons I. erwähnt werden, das er über 
den ersten Teil des Feldzuges der Division Lecourbe fällte: 98 

„Der Uebergang Lecourbes über den Bernhardin, wie alle 
Operationen im Engadin und Veltlin sind zwecklos. Der rechte 
Flügel der Armee konnte keine bessere Stellung finden, als die 
des Gotthard und des Splügen. Hatte man die Absicht, Tirol 
zu erobern ? Das war mit 5000 Mann unausführbar, während die 
übrigen Divisionen 30 Lieues zurück blieben, getrennt durch hohe 
Gebirge. Wenn Lecourbe das L'nglück gehabt hätte, bis Innsbruck 
vorzudringen, so wäre er rings eingeschlossen gewesen. Dieser 
Krieg im Engadin war von unerfahrenen Leuten in Paris ausgeheckt 
worden, die nur sehr dunkle Begriffe und irrige Vorstellungen 



59 



von der Kriegskunst hatten. Die Gebirgsländer sind von den 
Ebenen abhängig, die ihnen Nahrung geben, und sie haben auf 
diese nur insoferne Einfluß, als dieselben in ihrem Schußbereiche 
liegen. Die Grenzen der Reiche bestehen aus Ebenen, Hügel- 
landschaften oder Gebirgen. Wenn eine Armee sie überschreiten 
will und ist an Kavallerie überlegen, so wird sie gut thun, ihre 
Operationslinie durch die Ebene zu nehmen ; hat sie weniger 
Kavallerie, so wird sie hügelige Gegenden vorziehen. Die Gebirgs- 
landschaften muß sie in jedem Falle beobachten und umgehen. 
Eine Operationslinie darf nicht durch ein Gebirge gehen: 1. weil 
es daselbst nichts zu leben gibt; 2. weil man bei jedem Schritte 
dort Defileen trifft, welche man mit Befestigungen bedecken müßte; 
3. weil der Marsch daselbst beschwerlich und langsam ist; 4. weil 
die tapfersten Kolonnen dort durch gerade vom Pflug fortgenommene 
armselige Bauern aufgehalten, besiegt und vertrieben werden 
können; 5. weil der wahre Geist des Gebirgskrieges darin besteht,- 
niemals anzugreifen oder zurück zu gehen ; 6. endlich, weil eine 
Operationslinie auch für den Rückzug dienen soll. Wie soll man 
aber daran durch die Engpässe und Schluchten denken ? Es ist 
vorgekommen, daß große Armeen, wenn sie nicht anders konnten r 
Gebirgsländer passiert haben, um in fruchtbare Ebenen und schöne 
Länder zu gelangen. So muß man z. B. die Alpen übersteigen, 
um nach Italien zu kommen. Aber übernatürliche Anstrengungen 
zu machen, um unersteigliche Berge zu überschreiten und sich 
inmitten von Abgründen, Felsen, Defileen zu befinden, ohne andere 
Perspektive, als längere Zeit hindurch bei jedem Schritte durch 
den Gedanken beunruhigt zu werden, daß rückwärts eben so viele 
Schwierigkeiten und Punkte liegen, mit jedem Tage mehr in Gefahr 
zu geraten, Hungers zu sterben, und das alles, wenn man es anders 
haben kann, — das heißt an Strapazen Vergnügen finden, gegen 
Riesen kämpfen, das heißt der gesunden Vernunft und folglich 
dem Geiste der Kriegsführung ins Gesicht schlagen. Der Feind 
hat große Städte, schöne Provinzen, Hauptstädte zu schützen, dahin 
marschiere man durch Ebenen. Die Kriegskunst ist einfach, sie 
liegt in der Ausführung, in ihr gibt es nichts Unbestimmtes, alles 
ist vielmehr gesunde Vernunft, keine bloße Ideologie." 

Selbstverständlich machte Lecourbe keine weitere Anstreng- 
ung, in das Tirol vorzudringen, nachdem er die Entschlüsse von 
Massena erfahren. Immerhin suchte er seine nunmehrige Stellung 
zu sichern. Am 26. März drang Loison bis Graun vor und stellte 
derart die Verbindung mit Dessoles her. Graun hatte in vier 
Tagen 9358 Gulden Verlust, und Pfunds, welches Demont am 
26./7. für vierundzwanzig Stunden besetzte, mußte 1500 Gulden 
Brandschatzung zahlen. Demont benahm sich übrigens wirklich 
menschlich. Er verhinderte die von den Cisalpinern beabsichtigte 



60 

Brandlegung von Burgeis. Auf die Fürsprache des hier lebenden 
Schloßhauptmanns Peter Anton von Mont zu Fürstenberg stellte 
er sogar Schutzbriefe für die Einwohner aus. 

„Während aber der österreichische Feldherr unthätig in Laas 
saß, setzten die Franzosen ihre schreckliche Wirtschaft in den 
occupierten Gebieten fort. Große Drangsale hatten die Bewohner 
von Glurns zu ertragen. Die Hälfte der Stadt, die Gasse vom 
Gerichtshause bis zum Thore, das nach Schluderns führt, wurde 
am 26. in Asche gelegt. Die Bevölkerung hatte nichts mehr zu 
essen als Erdäpfel, geräuchertes Fleisch und Kommisbrot, welche 
Lebensmittel erst aus den Kellern der verbrannten Häuser hervor- 
geholt werden mußten. Unter Mißhandlungen und Todesgefahren 
verbrachte sie die Tage bis zum 31. März. Ein ähnliches trauriges 
Los traf den schönen Marktflecken Mals; von diesem wurden in 
der Nacht vom 27. auf den 28. März 108 der schönsten Häuser 
samt ihren Scheunen in Trümmer und Asche gelegt. Das Dorf 
Schluderns setzten die Feinde am 30. nachts in Brand. Ungeheuer 
war der Schaden, den sie bis zu ihrem Abzüge anrichteten. Bei 
der Erhebung der vom Feinde durch Plünderung und Feuer ver- 
heerten Beschädigungen ergab es sich, daß der Schaden der Stadt 
Glurns auf 177 639 Gulden, jener des Marktes Mals auf 251001 
Gulden, des Dorfes Schluderns auf 24 000 Gulden, des Dorfes Laatsch 
auf 14 710 Gulden, des Dorfes Tartsch auf 33 239 Gulden, der 
Gemeinde Tauffers auf 22 962 Gulden, des Dorfes Burgeis auf 
3863 Gulden, der Schaden des Stiftes Marienberg auf 9775 Gulden 
sich belaufe. Weit milder und menschlicher verfuhren die Scharen 
Lecourbes." (Egger III, 241/2.) 

Auf Befehl von Massena mußte Lecourbe am 27. das 1/76. 
Halbbataillon und 5 Grenadiercompagnien wieder nach Chur zurück 
schicken. Die Entschließungen des Generals erfahren wir durch 
sein aus Nauders am 7. Germ. (27. März) datiertes und an Dessoles 
gerichtetes Schreiben." 

„ Unsere Lage", heißt es dort, „ verlangt es, daß Sie sich in 
das Veltlin zurückziehen und Sta. Maria wie Tauffers unein- 
nehmbar gestalten. Senden Sie deshalb Ihre Artillerie, Ihre Muni- 
tion u. s. w. zurück. Ich rechne, mich in Zernetz einzurichten und 
das nach Sta. Maria führende Thal besetzen zu können. Sichern 
Sie dagegen über Cierfs unsere Verbindungen. Suchen Sie über 
alle Bewegungen des Gegners in Italien Nachrichten einzuziehen 
und lassen Sie mir dieselben zukommen, damit wir den Feind an 
etwaigen Versuchen im Rücken der italienischen Armee zu hindern 
vermögen. Diese Bewegungen sind durch die Lage geboten, in 
welcher sich die Armee in der Schweiz befindet. Ihr linker Flügel 
ist nämlich bei Konstanz eutblößt und der Gegner scheint dort 
einen Einbruch versuchen zu wollen. Bis jetzt ist übrigens nichts 



61 



verloren ! Vereinigen wir unsere Truppen und ziehen wir uns still 
und vorsichtig so lange zurück, bis wir den Angriff wieder auf- 
zunehmen vermögen. Im Notfalle soll sich der größere Teil der 
Truppen über den Splügen zurückziehen." 

Die Division Lecourbe zählte weniger als 4000 Mann, als sie 
den Rückzug auf das linke Innufer antrat. Der Uebergang bei 
Martinsbruck wurde am 30. März zerstört, der Ort selbst blieb 
nur durch die französischen Vorposten gedeckt. Die Division kehrte 
in ihre alten Kantonnemente zurück. Tags zuvor hatte man in 
Nauders wegen Mangels an Transportmitteln 3000 Säcke Frucht 
und 2000 Gewehre verbrennen müssen. Hunger und Entbehrungen 
plagten die Division, deren Unmut über den angeordneten Rückzug 
nicht zu stillen war. 100 Noch weit fragwürdiger gestaltete sich 
die Lage der Division Dessoles. Am 1. April meldete dieser 
General, daß er sich ohne Lebensmittel unmöglich länger in Sta. 
Maria halten könne, vielmehr den Rückzug nach Bormio anzutreten 
gedenke. 

Trotzdem bedurfte der FML. Bellegarde voller zehn Tage, ehe 
er einen entscheidenden Schlag auf seinen linken Flügel unternahm. 

Schon am 27. März hatte Generalmajor Nobili bei Ried am 
St. Christinabache 13537 Mann bisheriger Reserven und 28 Landes- 
schützencompagnien mit 3508 Mann beieinander. Bellegarde glaubte 
sich aber jedenfalls nicht stark genug. Nach und nach zog er 
bei Laatsch noch 12 Bataillone und 3 Schwadronen zusammen, 
indes sich sein Hauptquartier seit dem 31. in Schluderns, jenes 
von Nobili in Pfunds befand. Am 1. April waren Glurns und 
Nauders wieder von den österreichischen Vorposten besetzt. 

„Die Kaiserlichen fanden in den neu besetzten Gebieten viel 
Not und Elend, weil die abziehenden Feinde den unglücklichen 
Bewohnern wenig mehr als das Leben gelassen. Aber anstatt es 
lindern zu können, sahen sie sich, da für ihre Verpflegung sehr 
schlecht gesorgt wurde, sogar genötigt, dem Beispiel der Feinde 
nachzuahmen und den Leuten noch den letzten Rest von Lebens- 
mitteln abzunehmen." (Egger III, 243/4.) 

In diesen schweren Tagen bewährte sich der Opfermut der 
Tiroler in glänzender Weise. Nicht nur, daß überall Unter- 
stützungen für ihre verarmten Landsleute gesammelt wurden, auch 
die Landesschützen eilten freiwillig von allen Seiten herbei zur 
Verstärkung der Armee ihres Kaisers. In Laatsch erschienen noch 
vor Ende des Monats die Compagnien Meran, Schönna, Mais, 
Allgund, Lana und Laatsch, sowie die Landstürmer der Gerichte 
Schlauders, Montani, Castellbell und Passeir. Unter den Letzt- 
genannten diente auch als Hauptmann der nachmals so berühmt 
gewordene Sandwirt Andreas Hofer. 

FML. Bellegarde war jedoch durchaus nicht der Mann, diese 



62 



Volksbewaffnung richtig zu schätzen und zu verwenden. Bald 
brach zwischen ihm und den Landesschützen ein offener Zwie- 
spalt aus. „Voll Mißtrauen gegen ihn, wollten diese ihm nicht 
gehorchen, bis auf Vermittlung des herbeigereisten Grafen von 
Welsberg, der die Seele der südlichen Landesschutz-Deputation war, 
die Oberleitung der Landesverteidigung dem General Laudon über- 
tragen wurde." (Egger j II, 242.) 

Endlich entschloß sich FML. Bellegarde, die Franzosen in 
ihrer Stellung bei Tauffers anzugreifen. Diese Bewegung wurde 
auf den 4. April angesetzt und die dazu bestimmten Truppen 
sammelten sich um 2 Uhr früh vorwärts Laatsch. Schon Tags 
zuvor waren 2 Compagnien Leloup-Jäger über Stilfs ins Trafoier- 
thal abgegangen, um über das Wormserjoch dem Gegner bei 
Sta. Maria in den Rücken zu gelangen. 

Dessoles hatte seine Stellung im Thale so gut besetzt, als 
es bei seinen schwachen Kräften (etwa 3400 Mann) anging. Eine 
Pfeilschanze bei Rifair und vor dem Nordausgange von Tauffers, 
sowie der ummauerte Friedhof des Ortes dienten als Befestigungen. 
Rechts des Rambaches stand sonst nur eine schwache Feld- 
wache mit ihrer Unterstützung. Auf dem linken Thalrande wurde 
die Sicherung in die Schlösser Rodund und Reichenberg gelegt. 
An Artillerie verfügte Dessoles über 2 Kanonen und und 1 Hau- 
bitze, für welche er allein die vollständigen Bespannungen besaß. 

Nach der Anordnung des FML. Bellegarde führte dieser 
selbst die auf der Thalstraße vorgehende Hauptkolonne in der 
Stärke von 4 Bataillonen und 4 Schwadronen (1 Division Clairfayt, 
1 Bataillon Anton Esterhazy, 1 Bataillon Michael Wallis, 1 Grena- 
diere Wouvermann, 2 Divisionen Ligne, 1 Schwadron Erdödy- 
Husaren). Rechts und links derselben in der Höhe bewegten sich 
zwei Kolonnen, aus leichter Infanterie bestehend (Leloup-Jäger, 
3 Compagnien Trautenberg, 1 Division Clairfayt, 1 Division Ligne 
und 1 Compagnie Michael Wallis). Unter Führung von FML. Hadik 
blieben 3 l J2 Bataillone in Reserve (3 Grenadierbataillone, 1 Division 
Württemberg, 1 Division Erdödy-Husaren). 

Am 4. April früh 3 Uhr wurde der Vormarsch angetreten, 
bald nach 5 Uhr fielen die ersten Schüsse. 101 Die Kolonne links 
warf die Franzosen zwar aus Rifair zurück, vermochte aber sonst 
nicht viel auszurichten. Der Angriff der Mitte kam sogar am 
Friedhof und an der Pfeilschanze ins Stocken. Erst, als die rechts 
vorgehende Kolonne die Gegner aus den oben genannten Schlössern 
vertrieben, vermochten die Oesterreicher eine bessere Wirkung zu 
erzielen. Zwischen dem Valtarola- und Valatschabache versuchten 
die Franzosen neuerdings eine Verteidigungsstellung zu beziehen. 
Das fortgesetzte Feuer von den Flügeln her, sowie der Versuch 
der Husaren, Münster vor ihnen zu erreichen, zwang die Franzosen 



63 

schleunigst bis zu dem Friedhofe dieses Ortes zurück zu gehen. 
Hier stand eine cisalpinische Halbbrigade in der seit zwei Tagen 
bereits eingerichteten Aufnahmestellung. Anfänglich gelang es 
den Franzosen, die Sturmkolonnen in einiger Entfernung zu halten. 
Als dann aber die über das Wormserjoch entsendete Abteilung 
im Rücken der französischen Aufstellung bei Sta. Maria erschien, 
gingen die Franzosen bis zu dem Uebergange des Rambaches an 
der »Säge" und endlich zum Hofe „Sielva" zurück. An diesen 
Orten tobte das Gefecht mit derartiger Hartnäckigkeit, daß der 
Bach sich mit dem Blute der Gefallenen färbte. Der Chef des 
Generalstabes der Division Dessoles, General-Adjutant Petrigoni, 
vermochte es jedoch noch einmal, die Oesterreicher durch einen 
sie überraschenden Gegenstoß zurück zu drängen. Da nun aber 
der FML. Hadik mit frischen Truppen heran kam und zugleich 
die Rückzugslinie überaus gefährdet erschien, löste sich alles in 
eiligst flüchtende Haufen auf. 

Noch war jedoch der Weg auf den Ofen-Paß frei geblieben. 
Dessoles erreichte über diesen Paß, bis Fuldera von den Leloup- 
Jägern verfolgt, noch gleichen Tages Zernetz. Von dort kam er 
über den Bernina-Paß nach Tirano und Bormio. 

Der Verlust der Division Dessoles am 4. April betrug nach 
eigenen Angaben allein 400 Mann an Gefangenen. Dazu erbeuteten 
die Oesterreicher 3 Kanonen, 14 gefüllte Caissons und mehrere 
tausend Gewehre. Generaladjutant Petrigoni und ein Bataillonschef 
fielen tödlich verwundet ebenfalls in die Hände des Gegners. Dieser 
befreite endlich noch ein Lazaret mit 150 österreichischen Ver- 
wundeten aus der Gefangenschaft. Ueber die Größe der eigenen 
Einbuße verlautet keine Angabe; es heißt lediglich, „daß er wegen 
des hartnäckigen Widerstandes der Franzosen nicht unbeträchtlich 
gewesen sei." Jedenfalls betrug er nicht weniger als 200 Mann. 

Ganz unbegreiflich erscheint es, daß FML. Bellegarde nach 
diesem Erfolge nicht sogleich daran ging, die Franzosen völlig 
aus dem Engadin zu verdrängen. Diese schreiben die Unthätigkeit 
des etwa 20000 Mann starken Gegners dem vermutlich auch in 
Tauffers herrschenden Mangel an Lebensmitteln zu. In Wahrheit 
ist dies jedoch keineswegs der Fall gewesen. (Egger III, 244.) 
Die Schuld daran tragen vielmehr die endlosen Schreibereien der 
Generale untereinander und die peinliche Rücksicht, welche Belle- 
garde darauf nahm, nichts ohne Anweisung seines Gönners Thugut 
auszuführen. 

Auch Lecourbe hatte mit mannigfachen Aergernissen in 
diesen Tagen zu kämpfen. 

Anfang April erhielt die 38. Halbbrigade eine sehr nötig 
gewordene Verstärkung durch 600 junge Konskribierte. Zugleich 
wurde die Errichtung von Werken bei Remüs, Schuls-Vulpera und 



64 



Zernetz-Sta. Maria begonnen und bis zum 19. April durchgeführt. 
Das Hauptquartier von Lecourbe befand sich während dieser Zeit 
teils in Fettan, teils in Zernetz. 

Der Mangel an Lebensmitteln stieg dabei aufs Aeußerste. Das 
mit der Verpflegung betraute Haus Bodin hatte bisher nur 25 000 
Brotportionen geliefert. Jetzt kamen die Unternehmer überhaupt 
nicht mehr ihren Verpflichtungen nach. Als Lecourbe den Com- 
missaire-Ordonnateur ins Mailändische entsendete, um Vorräte 
anzukaufen, vermochte dieser dort nur einige hundert Zentner 
Biscuit und Mehl aufzutreiben. 

Zu solchen Widerwärtigkeiten gesellte sich der Streit mit 
Dessoles. Lecourbe hatte mit Unwillen die Nachricht von der 
erzwungenen Räumung der Stellung bei Tauffers erfahren. Die 
von Zernetz her das Engadin Hinaufziehenden begingen in allen 
Orten, welche sie durchschritten, die ärgsten Gewaltthaten. Darüber 
empört, schrieb Lecourbe an Dessoles unter dem 18. Germ. (7. April) 
aus Zernetz einen scharfen Brief. Ebenso sendete er eine Anzeige 
an Massena. Dessoles antwortete in gereiztem Tone und obwohl 
ihm Lecourbe maßvoll erwiederte, übermittelte jener dennoch sein 
Entlassungsgesuch an Scherer. 102 

Der ganze Handel gewann schließlich eine solche Ausdehnung, 
daß Massena gezwungen war, seinen Vertrauten, den bekannten 
Mares, damals Brigadechef im Geniecorps, zur Untersuchung der 
beidseitigen Klagen abzuordnen. Ehe dieser jedoch eine Versöhnung 
zu erzielen vermochte, legte Dessoles den Befehl nieder, um an die 
Spitze des Generalstabes der Armee in Italien zu treten. 103 

Er wurde durch Loison ersetzt, welcher am 21. April mit der 
76. Halbbrigade in Tirano eintraf, woselbst die Lage bereits gefahr- 
voll für die Franzosen erschien. In diesem Augenblicke (20. April) 
zählte die Division Lecourbe 6284 Mann unter den Waffen. Die 
Gesamtzahl der Abwesenden (Kranke, Kriegsgefangene) betrug 
2083 Mann. 

„Wir kommen nun zur eigentlichen Periode des österreichischen 
Handelns, aber dieses Handeln ist nicht, wie man es bei Bonaparte 
gewohnt ist, wenn er auf eine Entscheidung ausgeht, eine gleich- 
zeitige Anstrengung aller Kräfte zu einem gemeinschaftlichen Ziele, 
sondern es sind Unternehmungen auf einzelnen Punkten, und auch 
dann nur mit einem Teile der Kräfte, als käme es nur darauf an, 
sich in einer Lage, mit der man im Ganzen wohl zufrieden ist, 
in diesem oder in jenem Stücke etwas besser einzurichten oder 
zurechtzurücken, kurz ein Handeln, wie es in der Natur der Dinge 
liegt, wenn keine Entscheidung vorliegt. Aber kam es den Oester- 
reichern auch wirklich auf eine solche an? — " (Clausewitz I, 255). 

FML. Bellegarde war wirklich ungebührlich lange thatenlos 
geblieben. Jetzt erhielt er von dem ungeduldigen Suworoff den 



6o 

gemessenen Befehl, auch seinerseits gegen die Franzosen vorzu- 
gehen. An Erklärungen für die sonderbare Thatenlosigkeit der 
Oesterreicher fehlt es nicht. FML. Bellegarde wollte nichts auf 
eigene Verantwortung hin unternehmen, sondern zunächst über 
jede Maßnahme das Gutachten des Hofkriegsrates einholen. Die 
schwerfällige Art der Verpflegungseinrichtungen verhinderte über- 
dies jede angreifende, nicht von langer Hand vorbereitete Be- 
wegung. Die Verwaltung war völlig selbständig und getrennt von 
der Oberleitung der österreichischen Heere. Häufig mußte der 
Feldherr auf durchaus nötige Handlungen verzichten, weil die 
Verpflegung, die noch immer aus Magazinen stattfand, nicht 
gehörig geregelt worden. So begegnete es dem Erzherzog Karl 
unmittelbar nach der Schlacht von Stockach, daß er den Ein- 
marsch in die Schweiz verschieben mußte, weil der oberste Ver- 
pflegsbeamte seiner Armee dagegen Einsprache erhob. 

Endlich entschloß sich FML. Bellegarde, für den 22. April 
die Vorwärtsbewegung aufzunehmen. In der Nacht zu diesem 
festgesetzten Tage fiel jedoch tiefer Schnee. So wurden denn die 
nötigen Gegenbefehle erlassen. Nur die von Major Schmiedt be- 
fehligte Seitenkolonne empfing nicht rechtzeitig die Nachricht von 
der Aenderung der Verfügungen. Die (1 Bataillon des Landwehr- 
regiments Neugebaur und 6 Landesschützen-Compagnien, zusammen 
etwa 1800 Mann starke) Abteilung brach am 21. abends von 
Ischgl im Paznaun auf. Ueber den Fimber-Paß (2605 m) stieg 
sie gegen Manas und Remüs hinab. Um 4 Uhr früh überfielen 
die Oesterreicher das schlecht bewachte Manas und nötigten die 
hier befindlichen 3 Compagnien von 11/44. zu schleunigem Rück- 
zug. In raschem Anlaufe wurde sogar Remüs genommen und die 
Verancabrücke gleichfalls. Hier erhoben sich aber jene von 
Lecourbe seit Beginn des Monats errichteten Werke. Das Kartätsch- 
feuer warf die tapferen Leute zurück, in deren Rücken nun auch 
der Rest der 44. Halbbrigade erschien. Von allen Seiten einge- 
schlossen, mußte sich fast die ganze Abteilung ergeben. Die 
Franzosen nahmen den Major Schmiedt, 6 Hauptleute und elf 
Lieutenants, also alle Offiziere der Kolonne neben 460 Mann, 
gefangen. Ueberdies verloren die Oesterreicher 100 Mann an 
Toten neben 120 an Verwundeten; 7 Landesschützen und eine 
Anzahl Soldaten waren durch Lawinen bereits auf dem Marsche 
umgekommen. Der Verlust der Franzosen betrug nach ihrer An- 
gabe 2 Tote, 23 Verwundete und 1 kriegsgefangenen Offizier. 
Dieser müßte demnach gleich zu Beginn des Gefechtes von den 
Landesschützen über den Paß zurückgebracht worden sein. Ver- 
mutlich war es der Führer der Feldwache in Manas. 

Suworoff ermunterte FML. Bellegarde von neuem, die an 
Stärke so weit zurückstehende Division Lecourbe aus dem Engadin 

Günther, Feldzug 1799. 5 



66 

zu vertreiben. In der That verfügte FML. Bellegarde in diesem 
Augenblicke über 26 Bataillone und 8 Schwadronen. In diese 
Zeit fiel auch die Verständigung des Oberbefehlshabers im Tirol 
mit FML. Hotze zum Zwecke eines Angriffs auf die Luzisteig. 
FML. Hotze erhielt von den in Tirol stehenden Truppen die fünf 
Bataillone starke Brigade St. Julien zugewiesen. Weitere zehn 
Bataillone sammelte FML. Bellegarde bei Nauders, um mit diesen 
Kräften ins Engadin einzudringen. Eine dritte ebenfalls zehn 
Bataillone starke Kolonne unter FML. Hadik stand im Münster- 
thale, um die Rückzugslinien der Division Lecourbe zu bedrohen. 
Ueber die Stellungen von Lecourbe berichtet Erzherzog Karl wie 
folgt (I, 271/2): 

„In dem finsteren Innthal eingeengt, an einer einzigen Opera- 
tions- und Communicationslinie aufgestellt, in beiden Flanken und 
im Rücken bedroht, hatte Lecourbe das Mögliche zur Behauptung 
und Verstärkung seiner Position gethan und hierzu einen Fuß 
des Fimpengebirges gewählt, welcher hinter dem Varana (in der 
Landessprache Ramoschbach genannt) gegen den Inn herabfällt. 
Die Dörfer Manas und Remüs lagen vor der Front so wie der 
Bach, dessen Bett von steilen Ufern eingefaßt ist. Auf dem 
rechten Flügel befand sich eine pallisadierte Redoute, die von 
einer dominierenden Höhe die jenseitige Gegend am Inn bestrich. 
Die rechte Flanke, sowie die Front waren durch einige andere 
minder bedeutende Werke verstärkt. Bei Manas konnte der ge- 
wöhnliche Fehler aller Gebirgsstellungen nicht vermieden werden ; 
hier lehnte sich nämlich der linke Flügel an höhere, aber nicht 
ganz unzugängliche Berge ; und die Tiefe des Varanabettes, über 
welches oberhalb Manas ein Fußsteig führt, vermindert sich 
nach Maß, als man seinem Ursprung näher kommt. Die Truppen 
standen staffelweise im Thal und hielten die höchsten Punkte 
auf beiden Ufern des Inns in den Flanken der Stellung besetzt." 

Clausewitz (I, 256/7) bemerkt über die nämliche Stellung: 
„Gegen die in solchen Fällen nie fehlenden Umgehungen waren 
die auf den beiden Rändern des Innthales liegenden nächsten 
Pässe verhauen oder sonst unzugänglich gemacht und mit etwas 
Infanterie besetzt; außerdem waren im Innthale selbst rückwärts 
einige Reserven aufgestellt, d. h. Lecourbe hatte sich, wie die 
Franzosen dies nennen, echeloniert. 

Es scheint dies so ziemlich die Normalstellung gewesen zu 
sein, welche die Franzosen in solchen Fällen nahmen, und in der 
That ist eine bessere nicht anzugeben. Die sehr kurze Fronte der 
Stellung konnte auf diese Weise ziemlich stark sein, das Um- 
gehen über die Pässe wurde zeitig genug entdeckt und lange genug 
aufgehalten, um im Thale seine Maßregeln danach zu nehmen, 
und die zurückgestellten Reserven (Echelons) gaben das beste 



67 



Mittel, dem Umgehenden früh etwas entgegenzustellen oder ihn 
selbst in ein doppeltes Feuer zu bringen." 

FML. Bellegarde glaubte seinen Zweck dadurch sicher zu 
erreichen, daß er fast über jeden Paß, der das Unter-Engadin 
mit dem Etschgebiete verbindet, eine Abteilung entsendete. Die 
von ihm befehligte Hauptkolonne, 6 Bataillone stark, marschierte 
auf der Straße gegen Martinsbruck. Ihre Sicherung auf dem 
linken Innufer übernahmen l 2 js Bataillone (1200 Mann). Diese 
benützten den oberen und unteren Novellasteig. Die Führung 
ihrer Vortrupps hatten die Oberlieutenants Dietrich und Werweck 
von Großherzog von Toscana- und Kinsky-Infanterie mit je einer 
Compagnie übernommen. Auf dem rechten Innufer bewegte sich 
eine von Major Marcaud befehligte ebenso starke Abteilung über 
die „Maiß" gegen Sclamisott und die Brücke von Strada. Eine 
dritte Kolonne, aus 1 Bataillon und den Landesschützen der Ge- 
richte Sonnenburg, Innsbruck und Hörtenberg bestehend, stieg 
durch das Rajenthal hinauf. Sie sollte über den Rosenkopf durch 
das Val d'Urna die Brücke von Sur-En erreichen. 

FML. Hadik bildete im Avignathal eine zweite, 4^2 Bataillone 
starke Hauptkolonne. Mit derselben erreichte er um 11 Uhr 
nachts am 29. April das Scharljoch (La Cruschetta, 2316 m). 
Bis 3 Uhr morgens des folgenden Tages wurde hier geruht. Dann 
stieg die Kolonne mit ihrer Vorhut Leloup-Jäger und Landes- 
schützen unter Oberst Rousseau in das Val de Scarl hinab, um 
sich des Ortes Schuls zu bemächtigen. Links von dieser Kolonne 
marschierte eine l 1 / 3 Bataillon und einige Landesschützen starke 
Abteilung über den Ofen-Paß (2155 m), um gegen Zernetz selbst 
vorzugehen. Weitere 3 Bataillone blieben vorläufig in Sta. Maria 
zurück. Ihr Auftrag ging dahin, zunächst das Wormserjoch zu 
beobachten und dann ebenfalls nach Zernetz zu marschieren. 

Die Vorhut der Kolonne Bellegarde, geführt von den Haupt- 
leuten Rebrowicz und Raglowicz der Warasdiner Grenzer, traf 
um 3 Uhr vormittags auf starken Widerstand seitens der in 
Martinsbruck stehenden Gegner. Nach einem längeren Feuer- 
gefechte versuchten es 4 Compagnien von 11/38., die Oesterreicher 
mit dem Bajonette zu werfen. Nachdem sie sich in der That Luft 
gemacht, gelangten die Compagnien nach St. Nicolas und Strada, 
welche Orte von den beiden anderen Bataillonen der Halbbrigade 
besetzt waren. Selbst die Kanone wurde von ihnen gerettet. Nach 
französischem ■ Berichte (Feldtagebuch) blieben vor der Kapelle 
von Martinsbruck 400 Oesterreicher. Der eigene Verlust habe 
dagegen nur 15 Tote, 60 Verwundete, 20 Gefangene betragen. 

Unter fortgesetzter Ueberwältigung des gegnerischen Wider- 
standes erreichten' die Oesterreicher die Verschanzungen von Strada. 
Hier gelang es erst dann , die Franzosen zurückzuwerfen , als 



68 

einige von den Hauptleuten, Botta von Starray- und Bernkopf 
von Kinsky-Infanterie (dieser im Jahre 1800 der thatkräftige 
Verteidiger von Fort Bardo), vom rechten auf das linke Innufer 
übersetzten und in das Gefecht eingriffen. Durch solche Umgehung 
wurde eine Anzahl Verteidiger am rechtzeitigen Rückzuge ver- 
hindert. So fielen auch der Capitaine Parnajeon, welcher das 
Bataillon befehligte, der Major-Adjutant Beaupied und der Unter- 
lieutenant Grenier in die Kriegsgefangenschaft. Dem Lieutenant 
Plazanet gelang es, obwohl verwundet, den Rest des Bataillons 
geordnet hinter die Veranca zurück zu führen. Gegen Mittag, 
nach einem Marsche, der für einzelne der beteiligten Truppen 15 
bis 20 Stunden gedauert, erreichte die Kolonne Bellegarde das 
Dorf Remüs. Ehe jedoch die hier angelegte Hauptstellung der 
Franzosen berannt werden konnte, mußte das Eingreifen einer 
gegen Manas hinabsteigenden Kolonne abgewartet werden. Diese 
vom Oberlieutenant im General-Quartiermeisterstabe Odelga ge- 
führte Abteilung, bestehend aus 1 Bataillon und 6 Landesschützen- 
Compagnien, zusammen 1500 Mann, überschritt wiederum den 
Fimber-Paß. 

Bei Griosch ließ sie eine übermäßig starke Reserve zurück 
und nur 3 Compagnien erreichten ob den Mineralquellen den rechten 
Thalrand des Val Sinestra. Während die 3 bereits stark ermüdeten 
Compagnien den Gegner bis in die Hauptschanze zurückdrängten, 
machte FML. Bellegarde auf der Thalstraße vier vergebliche Ver- 
suche, über die Verancabrücke (Varana-Ramoschbach, Palanca- 
brücke) vorzudringen. Den Franzosen ging jetzt der Schießbedarf 
aus. Zuletzt sollen sie sich nur noch mit Steinwürfen verteidigt 
haben. 104 Als abends 8 Uhr die Dunkelheit dem Kampfe ein Ende 
bereitete, standen die Oesterreicher am Fuße der Höhen, aufweichen 
die Verschanzungen lagen. Die Kolonne des FML. Hadik traf 
hinter dem Dorfe Scarl bei einer Wegenge auf Franzosen. Das 
Gefecht blieb für länger als eine Stunde ohne Entscheidung. Nach- 
dem jedoch Oberlieutenant Giurtschack vom Generalquartiermeister- 
Stabe mit einer Compagnie die gegnerische Stellung umgangen 
hatte, gelang es, die Franzosen zu vertreiben. Einige hundert 
Schritte weiter fand sich ein ähnliches Hindernis. Diesmal erklet- 
terten Hauptmann Enyeter und l*/2 Compagnien Anton Esterhazy- 
Infanterie, sowie der Oberjäger Mathieu von den Leloup-Jägern 
eine beherrschende Höhe. „Diese Mannschaft, die mit Steigeisen 
ausgerüstet war, erkletterte unbemerkt vom Feinde die höchsten 
Felsenspitzen, und während er in der Front durch das Feuer der 
Gebirgskanonen beschäftigt wurde, ließ sich die ganze Abteilung 
auf der harten Kruste einer Schneelawine in den Rücken der feind- 
lichen Verschanzungen herab, welches Wagestück den Feind aus 
der Fassung brachte und der Avantgarde Zeit und Gelegenheit 



69 

verschaffte, auf dem* schmalen Fußsteige vorzudringen." (Stampfer 
124. Seida 142.) 

Das französische Bataillon (IL/44.) setzte jedoch seinen hart- 
näckigen Widerstand in jeder dazu geeigneten Stellung fort. Erst 
um 2 Uhr nachmittags, nach etwa zehnstündigem Gefechte und nach- 
dem eine hölzerne Brücke über den Cleingiabach von ihnen abge- 
brochen worden, verließen die Franzosen das Thal. Die Wiederher- 
stellung des Ueberganges kostete etwa ein und eine halbe Stunde 
Zeit. Als die Kolonne sich endlich abends 6 Uhr gegenüber von 
Schuls befand, war auch die dortige Innbrücke abgebrochen. Die 
einzig brauchbare Furt lag unter dem wirksamsten Geschützfeuer 
des Gegners. So wurde FML. Hadik dazu gezwungen, seine Truppen 
auf dem rechten Ufer des Flußes ein Biwak beziehen zu lassen. 
Lecourbe selbst hatte vergebens versucht, die Stellung im Val di 
Scarl wieder zu gewinnen. Die Uebermacht des Gegners war zu 
groß. Die Kolonne, welche über den Ofen-Paß vorgegangen war, 
führte der Oberstlieutenant im Regiment Michael Wallis, Graf 
Weißenwolf. In dem Engwege, 2 km aufwärts von Chassuras, 
standen hinter einem Verhau 3 Compagnien der 36. Halbbrigade, 
welche bald durch 8 weitere Compagnien der nämlichen Halbbrigade 
verstärkt wurden. Der wiederholte Angriff erfolgte durch 4 Com- 
pagnien Leloup-Jäger, 1 Bataillon Giulay, das Regiment Prinz Ligne 
und 2 Grenadierbataillone, führte aber keineswegs zum Ziele. Als 
die Franzosen ihrerseits einen Gegenstoß führten, gelang es ihnen 
sogar, das Gehöft „Ofenhof" zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit 
fielen 11 Offiziere und 400 Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Unter 
den ersteren befand sich der junge Major Prinz Ligne, der Sohn 
des Regimentsinhabers. 

Das Feldtagebuch berechnet den französischen Gesamtverlust 
des Tages wie folgt: 2 Offiziere, 50 Mann tot, 13 Offiziere und 
358 Mann verwundet, darunter General Demont, den 7 Kugeln 
leicht getroffen hatten, und Brigadechef d'Aumas ; 4 Offiziere und 
83 Mann gefangen. Der Gegner habe wenigstens 600 Mann an 
Toten, 1500 an Verwundeten und 600 an Gefangenen eingebüßt. 

Die Division Lecourbe hatte an diesem Tage alle über sie 
errungenen Vorteile durch die zäheste Gegenwehr teuer genug 
verkauft. Ohne die allgemein hervortretende Ueberlegenheit in 
der Zahl wäre es den Oesterreichern sicher nicht gelungen, die 
Stellungen zu erreichen, welche sie am 30. April abends einnahmen. 
Sonderbarerweise wurde aber diese Stärke gerade dort nicht ein- 
gesetzt, wo sie zu einem vollkommenen Erfolge hätte führen können, 
nämlich im Val Sinestra. Die ängstliche Befolgung wenig passender 
Regeln ließ, wie sich zeigte, eine für die kleine Kolonne viel zu 
große Reserve an einem Punkte zurück (Griosch), wo sie durchaus 
nichts zu nützen vermochte. FML. Hadik endlich war. obwohl 



70 



er bereits die vorhergehende Nacht zum Marsche benützt hatte, 
doch nicht mehr rechtzeitig eingetroffen, um an dem Angriffe 
gegen die Stellung im Val Sinestra noch teilnehmen zu können. 
Wie so häufig im Gebirgskriege, verlief auch hier wieder einmal, 
infolge eines stets unberechenbaren Zeitverlustes, den der hart- 
näckige Widerstand des Gregners hervorgebracht, der zusammen- 
gesetzte Angriff recht eigentlich ergebnislos. 

Dennoch ließ das Erscheinen der Oesterreicher im Rücken 
der Verancastellung Lecourbe, wollte er die Division dem fran- 
zösischen Heere erhalten, keine andere Wahl, als so schnell wie 
möglich zurückzugehen. Das einzige noch brauchbare Geschütz 
wurde vernagelt und nachts 12 Uhr am 30. April bis 1. Mai 
verließen die Truppen jene Werke. Die 44. Halbbrigade stand 
nun rittlings des Inn vorwärts Lavin, die 38. in Süs, die 36. in 
Zernetz. 100 

Die Kolonnen der FML. Bellegarde und Hadik vereinigten 
.sich am 1. Mai zwischen Schuls und Fettan miteinander. Der 
letztere Ort wurde besetzt, indes die Vorposten auf dem linken 
Ufer des Tasnabaches (2 km von Ardetz) stehen blieben. Dieser 
Ruhetag war für beide Teile sehr erwünscht, für Lecourbe 
umsomehr, als er auch aus dem Vertun schlechte Nachrichten 
empfing. Loison meldete nämlich, daß ihm die Rückzugslinie über 
Morbegno und den Splügen verlegt sei, da die Gegner bereits am 
Nordufer des Comersees ständen. Diese Nachricht war jedoch 
fälsch. Die Abteilungen des Obersten Strauch befanden sich vor- 
läufig noch im Val Camonica, beziehungsweise in Varese. Am 
2. Mai hatten sie dagegen das obere Brembathal, beziehungsweise 
Como erreicht. Eine dringende Gefahr bestand demnach keines- 
wegs für die französischen Truppen im Veltlin. Immerhin meldete 
Loison, daß er über Tirano, Poschiavo, den Bernina-Paß, Casaccia 
und den Septimer nach Tiefenkasten und Splügen zurückzugehen 
gedenke. 

Den 2. Mai gegen Mittag nahm FML. Bellegarde seine Vor- 
wärtsbewegung wieder auf. Die Hauptmasse benützte die Straße 
längs dem Flusse. Rechts von ihr über Boselnua und Guarda mar- 
schierte eine Seitendeckung unter dem Befehle von Oberst Zeegradt 
des Regiments Beaulieu. Die Brücke von Unterguarda war vom 
Gegner abgebrochen worden. Die Errichtung eines Laufsteges zog 
sich bis um 4 Uhr nachmittags hin. Unterdessen marschierten 
die österreichischen Truppen hinter Guarda in einer Bereitschafts- 
stellung auf. Die rechte Seitendeckung wurde durch 2 Bataillone 
verstärkt und ihre Führung unternahm Generalmajor Nobili. FML. 
Hadik rückte gleichzeitig mit dieser Kolonne auf der Straße gegen 
Lavin vor. Die französischen Vorposten wurden schnell zurück- 
gedrängt und das Dorf genommen. Hinter demselben, etwa 2 km 



71 

vor Süs, breitet sich eine kleine Ebene aus. Vorwärts derselben 
hielten sich die Franzosen noch einige Zeit, gingen dann aber, in 
Gefahr von der Kolonne Nobili überflügelt zu werden , schnell 
zurück. FML. Bellegarde ließ die Verfolgung des Gegners durch 
die Erdödy-Husaren unternehmen. Bei dieser Gelegenheit fielen 
der General Demont, sein Stab und dessen Wache in österreichische 
Kriegsgefangenschaft. FML. Hadik drang nun auch mit stürmender 
Hand in Süs ein, welches die Franzosen in ziemlicher Unordnuno- 
verließen, während sie zugleich das Flüelathal preisgaben. 

In diesem Augenblicke traf Lecourbe auf dem Gefechtsfelde 
ein. Mit 35 Chasseurs vom 12. Regiment, welche Capitaine Aubertin 
befehligte, griff er den aus Süs in Kolonne herausmarschierenden 
Gegner an. An der Spitze der 44. Halbbrigade, welcher die 38. 
folgte, drang der Lieutenant Bogues als Erster in das Dorf ein. 
Die Beförderung zum Hauptmann wurde ihm dafür auf dem Schlacht- 
felde zu teil. Der Gegner, an dessen Spitze das Grenadierbataillon 
Görschen und das III. Bataillon von Anton Esterhazy traten, trieb 
jedoch die Franzosen aus dem Orte. Ohne diese Verzögerung wären 
aber die vom Ofen-Paß heruntersteigenden Truppen (4 Compagnien) 
sicher abgeschnitten und gefangen worden. Bei dem folgenden 
Rückzuge in die Ebene von Zernetz wurde Lecourbe selbst leicht 
am linken Arme durch eine Gewehrkugel verwundet. Der Escadron- 
chef Porson, Chef des Generalstabes der Division, übernahm den 
Befehl der den Rückzug deckenden 3 Eclaireurscompagnien. In 
der Klüse zwischen Süs und Zernetz, etwa 3 km von dem zuletzt 
genannten Orte entfernt, bezogen sie eine Vorpostenstellung. Die 
Franzosen hatten an Toten 3 Offiziere und 17 Mann, 172 Verwun- 
dete, 56 Gefangene. Der Verlust der Oesterreicher wird vom Feldtage- 
buch als gering bezeichnet. Jedenfalls hatte die Division Lecourbe 
trotz der empfindlichsten Verluste der Auflösung zu widerstehen 
verstanden. In der 44. Halbbrigade war überhaupt nur noch ein 
unverwundeter Offizier zur Verfügung. Die anderen Halbbrigaden 
wurden von Hauptleuten geführt. 106 

Vor Tagesanbruch am 3. brach die Division wieder auf. Die 
Nachhut, gebildet von der 36. Halbbrigade und befehligt vom 
Capitaine Perrier, legte Feuer an die Brücken von Zernetz. Es 
konnte aber lediglich die untere von ihnen derart unbrauchbar 
gemacht werden. Unbelästigt erreichte die Division Ponte. Nachdem 
von hier aus IL/38, über den Maloja-Paß und durch die Bregaglia 
nach Chiavenna entsendet worden, um den Rückzug der Brigade 
Loison (2 Bataillone Corps d'expedition, 2 Bataillone 12. leichte 
Halbbrigade, 2 Bataillone 76. und 2 Bataillone 6. leichte Halb- 
brigade) zu decken, welche nun doch über Morbegno marschierte, 
ließ Lecourbe die Innbrücken gründlich zerstören. 

Diese wieder herzustellen brauchten die Kaiserlichen volle 



72 



12 Stunden. Die 36. besetzte vorläufig noch Madulein, die 44. 
den Ausgang des Albula-Passes bei Ponte, der Rest der 38. Halb- 
brigade die Häusergruppe Weißenstein. In diesen Stellungen 
ward die Nacht vom 3. auf den 4. Mai zugebracht. Die Oester- 
reicher bezogen unterdessen Kantonnemente in den Ortschaften des 
Innthales von Cinuschel bis Süs. FML. Bellegarde verlegte sein 
Quartier erst am 6. von dem zuletzt genannten Orte nach Zernetz. 

Am 4. Mai setzte die Division Lecourbe ihren Rückzug über 
den Albula-Paß weiter fort. Die 3 Grenadiercompagnien der 
44. Halbbrigade gingen mit dem Reservepark und der Ambulance, 
welche nicht über den Albula zu gelangen vermochten, nach 
Silvaplana. Die Verwundeten wurden von hier aus über den Julier 
nach Lenz und von dort nach Chur verbracht. In Oberhalbstein 
von Aufständischen angefallen, hatte die aus 20 Grenadieren unter 
Lieutenant Leroux stehende Begleitmannschaft ein ziemlich heftiges 
Gefecht zu bestehen. Die dabei gefangenen Aufständischen, drei 
an der Zahl, wurden wenige Tage später in Chur standrechtlich 
erschossen. 

Von der 38. Halbbrigade ward das I. Bataillon nach Thusis 
und Andeer entsendet, um die dort drohenden Unruhen zu verhindern. 

Am 4. Mai abends erreichte die Division den Ort Lenz und 
Thusis. Ihre Vorposten hielten Weißenstein und die Paßhöhe des 
Flüela besetzt. Auf dem Marsche über den Albula hatte man 
die Geschütze in der Weise zu retten versucht, daß die Lafetten 
in Ponte verbrannt, die Rohre auf Schlitten über den Berg gezogen 
wurden. Immerhin blieben einige Feuerschlünde auf dem östlichen 
Abfalle des Passes zurück. 

Die Verteilung der Division Lecourbe nach der Einstellung 
ihrer Rückwärtsbewegung ergibt sich aus einem, Massena über- 
reichten ungedruckten Berichte vom 17. Floreal (7. Mai): 

Hauptquartier in Thusis. Dazu die aus den Grenadieren ge- 
bildete Reserve. 

36. Halbbrigade in Bergün, 44. in Tiefenkasten und Bivio, 
38. in Alvaschein, Obervatz, Andeer und Lenz, 109. in den Orten 
zwischen Andeer und Splügen. 

Park der Brigade, ehemals Demont, in Surava. 

Park der Division in Fürstenau. 

Die Pässe über den Splügen, den Septimer, den Julier, den 
Albula und den Flüela deckten demnach die Vorposten der Division. 
Loison, in steter Besorgnis um eine gesicherte Rückzugslinie, eilte, 
das Veltlin zu verlassen. Vom Gegner standen einzelne zum 
Corps Bellegarde gehörende Abteilungen bereits in Poschiavo und 
der Bregaglia. Der Oberst Strauch, dessen Kolonne aus 5 Bat. 
und 1 /2 Schwadron bestand, war am 28. April vom Monte Tonale 
über Ponte di legno (Val Camonica) nach Lovere marschiert. Nach 



73 

dem Uebergange über die Adda entsendete Suworoff diese Ab- 
teilung von Lovere über Ponte di nossein in das Val Bretnbana. 
Zugleich ließ FML. Bellegarde am 5. Mai die am Monte Tonale 
zurückgebliebene Unterstützung der Kolonne Strauch, 4 vom Oberst 
Carneville geführte Bataillone von Vezza über Mortarollo nach 
Tirano ins Veltlin vorrücken. 

Loison, dem am 5. Mai das I. Bataillon der 38. Halbbrigade 
bis Splügen entgegen gekommen war, räumte am 6. das San Giacomo- 
thal. Am 8. abends traf in Chiavenna Oberstlieutenant Leloup 
mit seinem Jägercorps, das die Vorhut von der Abteilung des 
Obersten Strauch bildete, ein. Die Oesterreicher befreiten in Chia- 
venna 176 Kranke und 47 gefangene Kameraden. Ebenso fielen 
hier 36 Geschützrohre, welche fortzuschaffen Loison nicht mehr 
Zeit und Gelegenheit gefunden hatte, in ihre Hände. FML. Belle- 
garde sah demnach durch die Bregaglia und über den Comersee 
hin die kürzeste Verbindungslinie mit der Armee der Verbündeten 
in Italien vor sich liegen. 

Am 7. Mai war bei der Division Lecourbe die etwa 900 Mann 
starke 109. Halbbrigade eingetroffen. Sie erhielt die Bestimmung, 
das Dorf Splügen zu besetzen, indes 2 ihrer Compagnien das Wirts- 
haus (Osteria) 3 km südlich der Paßhöhe ständig durch eine Feld- 
wache deckten. Dagegen mußte die 44. Halbbrigade zur Division 
Soult stoßen. 

Am 9. Mai traf die Brigade Loison in Roveredo, Tags darauf 
in Bellinzona ein. Lecourbe hatte diesen Marsch angeordnet, weil 
das Corps des Prinzen Rohan bereits bei Lugano stand, wohin er 
über den See von Porlezza gekommen, demnach das eigentliche 
Tessinthal bedrohte. Die Stadt Bellinzona hatte sich in ziemlicher 
Bedrängnis durch die Aufständischen der verschiedenen Thalschaften 
befunden. Ohne entsprechende Verhandlungen anzuknüpfen, schloß 
die Stadt ihre Thore und bewahrte derart der Division die s. Z. 
hier zurück gelassenen Fuhrwerke der 36., 38. und 44. Halbbrigade. 

Am 11. Mai entsendete Loison zur Erkundung der Absichten 
des Gegners 2 Bataillone (I./12. L, I. des corps d'exp.) auf den Monte 
Ceneri unter Bataillonschef Forgues. Oberhalb Cadenazzo fand 
der Zusammenstoß mit dem Gegner, welcher von Bironico heran 
kam und aus Jägern bestand, statt. Nach einiger Zeit, während 
der Forgues selbst in Gefahr kam abgeschnitten zu werden, konnte 
der Rückzug in guter Ordnung erfolgen. Er ward durch einen 
gelungenen Angriff gedeckt, den der Bataillonschef Coste von der 
12. leichten Halbbrigade mit 30 cisalpinischen Husaren gegen die an- 
dringenden Kaiserlichen richtete. Da der Chef der 12. leichten Halb- 
brigade schon vorher gefangen worden war, übernahm nunmehr 
Coste den Befehl dieser Truppen. Uebrigens verloren die Franzosen 
38 Mann an Toten, 49 an Verwundeten, 47 an Gefangenen. Vom 



74 

Gegner blieben 30 Mann tot, 100 verwundet und 285, darunter 
4 Offiziere, wurden gefangen. 107 

Lecourbe ward unterdessen die Aufgabe, die Gotthardstellung, 
solange es nur irgend angienge, zu halten. Von Bünden drohte den 
Franzosen im Augenblick wenig Gefahr. Die Unternehmung von 
FML. Hotze gegen die Luzisteig war mißlungen, FML. Bellegarde 
zögerte, entscheidende Schritte zu thun. Daß von Süden her, gegen 
Bellinzona und die Leventina, unter gleichzeitiger Ausnützung des 
Aufstandes der dortigen Unzufriedenen, eine Unternehmung be- 
absichtigt sei, darauf deutete die Entsendung der Abteilungen 
Strauch und Rohan. 108 

Lecourbe ließ also nur IL/109, zur Beobachtung des Splügens 
in diesem Dorfe und in Hinterrhein stehen. Zugleich trat er mit 
allen übrigen verfügbaren Truppen den Marsch nach Bellinzona 
an. Am 11. Mai erreichte der General wieder Nufenen (Novenna), 
am 12. über San Bernardino das Dorf Mesocco. Hier traf der 
Brigadegeneral Ney mit ihm zusammen, welcher an die Stelle von 
Demont treten sollte, der erst später ausgewechselt wurde. Ney 
übernahm sogleich den Befehl über die Vortruppen der Division. 
Unterdessen war es bei Soazza zu einem unwichtigen Gefechte 
gekommen. Da sich nämlich der Weg über den Gotthard in Händen 
der urnerischen Aufständischen befand, wollte General Loison die 
Tags zuvor gemachten Gefangenen über den San Bernardino nach 
Thusis und Chur senden. Eine stärkere von der Forcola herunter- 
steigende kaiserliche, zur Brigade des Obersten Strauch gehörende, 
mehrere hundert Mann starke Abteilung befreite nicht nur die 
Gefangenen (332 Mann), sondern nahm auch ihrerseits die von 
2 Offizieren befehligte 50 Soldaten starke Begleitmannschaft der- 
selben gefangen. 

Mit dem 13. Mai, dem Tage der Ankunft des Generals 
Lecourbe in Bellinzona, hatten die Kämpfe seiner Division in Grau- 
bünden ihr Ende erreicht. Da der gesamte Freistaat auch gerade 
zu dieser Zeit durch die kaiserlichen Truppen in allen seinen 
Teilen besetzt ward, so nahm der Feldzug überhaupt eine andere, 
vorläufig unglückliche Wendung für die französischen Waffen an. 



-:~g~=- 



IL 

Die Aufstände. 



Die Aufstände, welche im Bündner Oberlande und den kleinen 
Kantonen während der ersten Maitage ausbrachen, berühren im 
ganzen nur wenig die Thätigkeit der Division Lecourbe. Trotzdem 
dürfen sie mit Rücksicht auf das Verständnis der allgemeinen 
Lage und die Rolle, welche der Gotthard in ihnen spielt, nicht 
mit Stillschweigen übergangen werden. Die Geschehnisse enthalten 
zudem mancherlei, das auf die Verwendung eines nicht geregelten 
Landsturmes das hellste Licht zu werfen imstande ist. 

Die Reibereien zwischen dem französisch-helvetischen Militär 
und der bürgerlichen Bevölkerung der Urkantone hatten niemals 
aufgehört. Sie nahmen bereits, durch äußere Umstände vermehrt, 
gegen Ende März einen solch' bedrohlichen Ausdruck an, daß 
Massena sich genötigt sah, eine scharfe Kundgebung zu erlassen. 109 

Der kaiserliche FML. Johann Konrad Freiherr von Hotze 
(I739 — 1799) stand den Vorbereitungen zum Aufstande nicht 
ferne. 110 Die Empörer in den kleinen Kantonen hatten dabei einen 
etwas sonderbaren Plan entworfen. Als die Hauptsache scheint 
ihnen die völlige Abschließung der Innerschweiz nach erfolgter 
Vertreibung der Franzosen vorgeschwebt zu haben. So sollten die 
Teufelsbrücke zwischen Göschenen und Andermatt, die Straßen 
über den untern und den obern Hauenstein, durch die Reuchenette 
im Val St. Irnier und von les Roches im Moutier-Grandval zerstört 
werden. Ebenso dachten sie das Schloß Lenzburg mittelst eines 
Handstreiches zu gewinnen, da sich dort Schießbedarf und Geschütze 
ohne Bewachung befinden sollten. Eine weitere Unternehmung galt 
der Besetzung des nur von 44 französischen Soldaten gedeckten 
helvetischen Staatsgefängnisses , der Festung Aarburg. Luzern 
endlich, den Sitz der Behörden, wollte man von allen Seiten her 
überfallen, um derart dem verhaßten Einheitsstaate ein für alle Mal 
ein unrühmliches Ende zu bereiten. 

Wenn auch FML. Hotze um die Pläne der Unzufriedenen 
wußte und ihre Abmachungen mit dem Haupte der Ausgewanderten, 



76 

dem in Augsburg lebenden alt-Schultheißen F. von Steiger aus 
Bern, wohl bekannt waren, die österreichische Regierung blieb den 
Unternehmungen doch im allgemeinen fremd. Immerhin deuten 
die Bewegungen der Oesterreicher in Bünden und der gleichzeitige 
Ausbruch der verschiedenen Aufstände darauf hin, daß eine gewisse 
Uebereinstimmung bestanden hat. Auch der Chef eines der Schweizer- 
regimenter in englischem Solde, der Oberst Ferdinand von Roverea, 
weiß Verschiedenes über die geistigen Vorbereitungen zu berichten. 111 
Darnach wollte man Massena dazu zwingen, die Schweiz Hals über 
Kopf zu verlassen. Eine Rücksicht irgend welcher Art auf den 
doch sicher zu erwartenden Widerstand nahm man keineswegs. 
Um so merkwürdiger muß es erscheinen, daß ein Führer wie Hotze 
diese Pläne für ernst erachtete und sie sogar ausdrücklich billigte. 
Ist es wahr — der Zweifel sei gestattet — daß Hotze an Roverea alle 
Machtvollkommenheit in diesen Dingen übertrug, so zeigt das 
deutlich genug, wie blind sich der Haß des Feldmarschall-Lieutenants 
gegen die Franzosen und die Helvetik äußerte. Er raubte ihm voll- 
kommen die klare Einsicht und ließ ihn geheime Versprechungen 
geben, welche von vorne herein viel zu ausgreifend waren, um in 
die Wirklichkeit umgesetzt werden zu können. 

Bereits am 8. März traf die Nachricht von der Schlappe, 
welche die Brigade Loison in Dissentis erlitten, im Urnerlande 
ein. 112 Ueberall äußerte sich der lebhafteste Beifall darüber. Bereits 
gegen Ende desselben Monats liefen dunkle Gerüchte um, welche 
von einer Brandlegung des Hauptfleckens Altdorf redeten. Die Be- 
völkerung dieses Ortes galt nämlich für franzosenfreundlich. In 
der That brach aus bis heute unbekannten Ursachen am Nach- 
mittage des 5. April jene schreckliche Feuersbrunst aus, welche 
in sechs Stunden dreihundertundneunzig Firsten verzehrte. Die aus 
dem Thale herbeigeströmten Landleute sahen dabei dem schreck- 
lichen Schauspiele halb gleichgültig, halb frohlockend zu. Sie 
zeigten sich wenig hülfsbereit bei den Löscharbeiten, an denen 
vorzüglich die 4 im Orte liegenden französischen Compagnien teil- 
nahmen. 

Am 26. April fand in der Klus bei Erstfeld eine Landsgemeinde 
statt, auf der es recht stürmisch zuging. Nachdem der halb wahn- 
sinnige ehemalige Landschreiber und Landmajor Vinzenz Schmied 
eine überschwängliche Ansprache gehalten, beschloß die Versamm- 
lung, „da die Franzosen verlumpt und entnervt seien, ein Urner 
aber es mit zehn von ihnen aufnehme", den Aufstand zu beginnen. 
Auch hierin zeigt sich deutlich", wie häufig ein Landsturm, dem 
jede militärische Einsicht abgeht, durch hochtönende Worte gereizt, 
seine Kräfte überschätzt. 

Sogleich zogen die Scharen von Erstfeld zum „Rhinacht 
Seeli" (?) und hier wurden 7 französische Fouriere, welche ihnen 



77 



zufällig begegneten, ermordet. Auf der Bären Matte (?) und im 
„Schächenwäldchen" kam es zum Kampf. Die an der Zahl be- 
deutend schwächeren Franzosen mußten getrennt den Rückzug 
antreten. Einzelne, die gegen Bürglen hinauf flohen, wurden bei 
der Loretto-Kapelle erschossen. Abends fielen verschiedene andere 
beim Uebergange der Reußbrücke unweit Seedorf. • Auch einige 
Gefangene wurden von den Aufständischen gemacht, darunter der 
Grenadierhauptmann Dupin. Vinzenz Schmied, der ganz in der Art 
eines Freischarengenerals auftrat, zog folgenden Tages triumph- 
ierend mit den Seinen in Altdorf ein. Auch besetzte er Flüelen 
und entsendete Boten nach Schwyz, Unterwaiden, Faido, wie ins 
Wallis mit der Meldung: „Uraniens Harste sind sieghaft vorge- 
drungen." Bereits loderte überall das Feuer des Aufstandes. So 
in Schwyz, im Zugerland, in der Leventina, dem Ceresio und 
Mendrisiotto. Im Bündner Oberland und dem Oberhalbstein dagegen 
zögerten die Empörten bis zum Abend des 1. Mai. Diese That- 
sache beweist, daß die Aufstände wohl verabredet, aber ohne Ueber- 
einstimmung und bei einem plötzlichen Anstoße ausbrachen. Sie 
waren also von vorne herein fruchtlose Bemühungen, das Joch 
der Franzosen abzuschütteln. 

Dennoch nahm man die Vorfälle in Luzern und Zürich, dem 
Sitze des helvetischen Direktoriums und des Hauptquartiers von 
Massena, sehr ernst. Der Obergeneral ordnete zugleich den Divi- 
sionär Soult mit den nötigen Truppen ab, um den Kanton Wald- 
stätten zu beruhigen. Von Einsiedeln aus erließ Soult eine Kund- 
gebung an die Bewohner, welche bei sofortiger Unterwerfung 
völliges Vergessen des Geschehenen zusicherte. 113 

Soult erzählt in seinen Erinnerungen : 1U 

„Ich wurde mit der heikein Aufgabe betraut, die Aufständ- 
ischen zu entwaffnen und den Frieden in ihren Bergen wieder 
herzustellen. Die Erregung der Geister war zum Gipfel gestiegen 
und die Empörung breitete sich mit äußerster Schnelligkeit aus. 
Eine Menge österreichischer Sendlinge streute Versprechungen 
unter diese einfache Bevölkerung aus und stellte ihnen die nahende 
Unterstützung in Aussicht. Bei dieser Lage der Dinge konnte 
die Nachsicht so gut wie die Strenge meine Unternehmung zum 
Scheitern bringen. Erstere wäre vielleicht als ein Zeichen der 
Schwäche aufgefaßt worden und die Straflosigkeit hätte weitere 
Erhebungen hervorgerufen. . . . Die Strenge dagegen besaß eben- 
falls ihre Unzukömmlichkeiten ... sie vermochte die Aufständischen 
zu weiterm Widerstände zu reizen . . . uns dergestalt in einen 
neuen Krieg zu verwickeln, der nicht nur einen Teil unserer Kräfte 
in Anspruch nahm, sondern sie auch zu einer dem Feinde sehr 
günstigen Ablenkung zwang. Diese letzte Betrachtung erschien 
mir als die entscheidende. . . . Ich nahm das allgemeine Vergessen 



78 



und Vergeben, womit ich meine Maßnahmen gegen die Empörer 
beginnen wollte, auf meine eigene Verantwortung. Den 2. Mai 
(12. Floreal) erschien ich vor ihrem ersten Lager zu Rothenthurm. 
Sie zeigten sich erschüttert und schickten mir Abgeordnete, um 
über ihre Unterwerfung zu unterhandeln. Einige Stunden verweilte 
ich in Rothenthurm . . . dann marschierte ich mit meiner Division 
nach Schwyz. Auf dem Wege nahm ich mit Befriedigung wahr, 
daß die Landleute scharenweise herbeieilten, um ihre Waffen an 
der Straße niederzulegen, meiner Truppe Erfrischungen anzubieten 
und uns ihre Erkenntlichkeit zu beweisen. . . . (In Schwyz waren 
4 Compagnien der 76. Halbbrigade beim Beginne des Aufstandes 
durch Landammann Reding vor dem sonst sicheren Tode bewahrt 
geblieben). Ich kam als Befreier und brachte Frieden, Sicherheit, 
das Vergessen des Geschehenen, und das in einem Orte, wo noch 
einige Stunden zuvor Aufregung, Angst und bittere Sorge vor der 
Zukunft geherrscht hatten. . . . Der Kanton Schwyz fand sich derart 
völlig beruhigt. . . . Aber es blieben noch die Kantone Uri und 
Unterwaiden zu unterwerfen und diese Aufgabe erwies sich als 
die bei weitem schwierigere. . . . 

Um das Land in der Unterwerfung zu erhalten und um die 
helvetische Verwaltung zu schützen, ließ der Obergeneral in dem 
Maße, wie ich vorrückte,' meine Truppen durch schweizerische 
Halbbrigaden ablösen, deren meist aus dem Zürich stammende 
Soldaten nicht übel Lust zeigten, alte Feindseligkeiten zu erneuern 
und Rache am Kanton Schwyz zu üben. In der Folge kamen die 
von der Regierung gesendeten Agenten. Diese versuchten wohl, 
um ihren Einfluß zu vergrößern und vielleicht auch, um ihren 
persönlichen Geschäften zu dienen, jene als Widersetzliche zu 
behandeln und zu verfolgen, die auf meine Versprechungen hin 
sich unterworfen hatten. Alles wäre verloren gewesen, hätte ich 
solche gehässige Art der Gegenwirkung walten lassen, und wäre 
ich nicht zugleich dazu gelangt, die Schweizer Soldaten entfernen 
zu können. . . . Die Vorstellungen, welche ich an den Obergeneral 
richtete, wurden glücklicherweise gehört. Er rief augenblicklich 
die helvetischen Halbbrigaden zurück." 

Aus dem „Hirten-Hemdli-Krieg", welche Bezeichnung der 
Aufstand in Schwyz erhielt, bekamen die empörten Urner einige 
Verstärkung. Als die Kundgebung von Soult im Lande Uri be- 
kannt wurde, widersetzten sich die Kantonsfremden gerade am 
meisten der Unterwerfung. 

„Die tobenden Rotten der nach Uri geflüchteten Schwyzer 
und Zuger — erzählt Lusser (S. 125) — schrieen am lautesten 
dagegen und vermehrten die Wildheit der kampflustigen Urner, 
welche sich, von den Wellen eines unsichern Sees und himmel- 
hohen, schroffen Gebirgen umgeben, für unüberwindlich hielten, 



79 

und Vincenz Schmied, benebelt von der Hoffnung hohen Ruhms, 
wollte nicht abtreten von der nun einmal betretenen Bahn, ob- 
wohl schon früh die Zwietracht im Innern seiner Armee, deren 
Glieder weder Gehorsam noch Ordnung kannten, ihn an dem Ge- 
lingen des Wagstückes mit Grund zweifeln ließen. Schon in den 
ersten Tagen hatte die kriegerische Hitze unter einem großen 
Teil des Landvolkes bedeutend nachgelassen, so daß nur die 
Drohungen der jetzt herrschenden Partei einerseits und das täg- 
liche Erscheinen des Direktorialschiffes und einer kleinen Flotille 
andererseits die kriegerische Teilnahme erhalten konnte." 

Soult, der die Gefahr wohl beachtete, welche darin verborgen 
lag, daß der Weg über den Gotthard durch das Reuß- und das 
Tessinthal in den Händen der Aufständischen sich befand, ging 
geschickt zu Werke. 

„Im Sommer hätte ich eine Kolonne aus dem Muotta- oder 
Bisithal über die Berge nach Spiringen und von dort nach Bürglen 
und Altdorf in den Rücken der gegnerischen Aufstellung ent- 
senden können. Ich gab bereits diese Richtung der 53. Halb- 
brigade, da man mich versicherte, daß die steilen Pfade für 
Landesbewohner schon gangbar seien. Aber während der Nacht 
fiel eine solche Menge Schnee, daß die Halbbrigade umkehren 
mußte und an dem Folgenden überhaupt nicht teil nahm." 
(Memoires II, 73). 

Am 9. Mai morgens 3 Uhr schifften sich die französischen 
Truppen in Brunnen mit 3 Geschützen ein. Es waren dies die 
erste leichte Halbbrigade, 30 Chasseurs vom 1. Regiment und 
1 Sapeurcompagnie. Um 7 Uhr erschienen die Schiffe an der 
Reußmündung. Das I./l. schiffte sich in Seedorf aus und folgte 
den beiden Ufern des Flusses nach Attinghausen und Amsteg; 
das IL/1, landete bei Rüti, stieg durch das Grünthal über den 
Eggberg und den Grünwald nach Altdorf hinunter. Von dort zog 
sich das Bataillon nach Bürglen und ins Schächenthal hinein. 
Das III. Bataillon und die übrigen Truppen erzwangen die Aus- 
schiffung etwas oberhalb Flüelen. Von Bauen her rückte endlich 
noch eine Reserve an, die von M/103. Halbbrigade gebildet wurde. 

Die Aufständischen, 2000 Mann stark und durch Verschanz- 
ungen geschützt, in welchen 4 Kanonen standen, wehrten sich 
mit verzweifelten Mute. Bei Bolzbach gaben 40 Scharfschützen 
aus Erstfeld und Seedorf so gut gezielte Schüsse ab, „daß die 
Franzosen das Blut mit Schuhen aus den Schiffen schöpften und 
aus zwei Nauen nur noch wenige ans Land zu steigen vermochten. " 
Auch Vinzenz Schmied sühnte hier seinen Leichtsinn und die ihn 
beseelende vermessene Ruhmsucht durch einen wirklichen Helden- 
tod. Die Landleute gingen Schritt für Schritt fechtend bis Wasen 
zurück. Hier erhielten sie eine Verstärkung durch 100 Leute aus 



80 



der Leveritina, welche Camossi, Gastwirt aus Airolo, ihnen zu- 
führte, sowie durch einige Walliser. 

Am 11. Mai vor Tagesanbruch griff Soult die verschanzte 
Stellung bei Wasen mit Erfolg an. Auf dem Marsche zwischen 
Göschenen und Andermatt verloren die Truppen eine ganze Anzahl 
Mannschaften durch die von den Aufständischen herabgerollten 
Steine. Nur unter den größten Anstrengungen gelang es, die 
Ordnung in der Kolonne notdürftig aufrecht zu erhalten. Als dann 
eine Abteilung Eclaireurs die Landstürmer aus der Höhe vertrieb, 
war es wenigstens möglich, die bereits zur Zerstörung bestimmte 
Teufelsbrücke zu retten und den Durchgang des Urnerloches wieder 
zu öffnen. Nach diesem Erfolge zogen sich auch die Walliser in 
ihre Thalschaften zurück. Die Urner und Airoleser dagegen ver- 
schanzten die Paßhöhe ,, hinter Baumwollen- und Seidenballen, die 
sie in der Niederlage des Hospizes gefunden oder von Airolo 
hatten kommen lassen." 115 

Bei dem Mättelischutzhause erwarteten die Aufständischen die 
vom General Bontems geführte 1. Halbbrigade. Sie gingen erst 
dann zur Paßhöhe zurück, als sie sich von 5 Compagnien an den 
Abhängen von Furkaegg fast umgangen sahen. Immerhin gestaltete 
sich die Lage der Franzosen ziemlich peinlich durch die zunehmende 
Lawinengefahr und das den Truppen völlig ungewohnte Gelände. 
Auch die Stellung hinter den Baumwollenschanzen wurde durch 
3 Compagnien über die Abhänge des Blauberges hin in den Rücken 
gefaßt und nun flohen die Aufständischen durch das Val Tremola 
hinunter. In diesem Augenblicke fiel reichlich Schnee und die 
Vereinigung der einzelnen Teile der 1. Halbbrigade verzögerte sich 
dadurch einige Zeit hindurch. Als es möglich Avurde. den Weg 
ohne allzu große Gefährdung fortzusetzen, erhielt Bontems Befehl, 
den fliehenden Gegner bis Airolo zu verfolgen. Dieser Ort wurde 
abends 5 Uhr besetzt. Bontems eilte jedoch weiter. Bei Ambri 
fiel noch in später Nacht ein lebhaftes Gefecht vor. Am 16. Mai 
vereinigten sich die Truppen der Division Soult mit jenen der 
Division Lecourbe vorwärts Faido, nachdem diese die noch bei 
Giornico stehenden letzten Aufständischen zerstreut hatten. 

In Uri allein hatten 120 Bürger den tollkühnen Versuch mit 
dem Leben bezahlen müssen. Rechnet man die Verluste der 
Leventina zu dieser Zahl, so dürfte die Gesamtsumme wohl auf 
200 Tote anschwellen. 

In Bünden hatten sich die Franzosen die schwersten Be- 
drückungen zu Schulden kommen lassen. 116 Ein Unterschreiber des 
berüchtigten Rapinat forderte zum Beispiel vom Kloster Dissentis 
im Namen des Obergenerals Massena einen Beitrag an die Kriegs- 
kosten in der Höhe von 100 000 Franken. Jener Schutzbrief, den 
General Loison für die gute Behandlung der am 6. März Gefangenen 



81 

und Verwundeten ausgestellt, wurde nicht geachtet. 117 Alle Kost- 
barkeiten mußten herausgegeben werden. Sogar die auf 40000 
Tranken gewertete Steinsammlung des gelehrten Paters Placidus 
a Spescha verfiel diesem Schicksale. Im ganzen genommen und nach 
niedrigster Schätzung, nämlich französischer, leistete das Kloster 
eine Brandschatzung von wenigstens 80000 Franken. In Dissentis 
hauste der Armeelieferant Hardeville, „ein Mann ohne Barmherzigkeit 
und Ehrenhaftigkeit und dem Raube ergeben." Er wie sein Schreiber 
Trommage trieben durch Erpressungen aller Art das Volk zur Ver- 
zweiflung. Es waren also auch hier wieder die Zivilbeamten und 
nicht die Soldaten der französischen Armee, welche diese mit Schande 
bedeckten. Jedenfalls trug die damalige Verwaltung des Oberlandes 
die Hauptschuld an den nachfolgenden Ereignissen. 118 

Am 1. Mai brach der Aufstand in der Gemeinde Rueras aus. 
Dort wurde der Lieutenant Jakob Seytel im Hause des Kaplans 
gefangen genommen. In Dissentis geschah abends 7 Uhr das 
nämliche mit der Person des Hauptmanns Salomon. Dieser, ein 
tapferer Offizier, weigerte sich, unähnlich dem Lieutenant Seytel, 
seinen Leuten den Befehl zur Uebergabe zu erteilen. So traf ihn 
alsbald das Schicksal, erschossen zu werden. Hardeville, welcher 
sich im Kamine des Hauses Kastelberg verborgen, erhielt folgenden 
Tages ebenfalls die tödliche Kugel. 

Die Mannschaften zogen sich in das Kloster zurück. Hier 
verteidigten sie sich tapfer, bis der Pförtner den Bauern die Hinter- 
thüre öffnete. Nur 13 Soldaten wurden zu Gefangenen gemacht, 
11 dagegen vermochten zu entkommen. Besonders unmenschlich 
waren die trunkenen Medelser. Als am 2. Mai von den nach Truns 
geführten Gefangenen einige zu entkommen suchten, wurden ihrer 
81 erbarmungslos getötet. Selbst Frauen und Kinder suchten der- 
artige Grausamkeiten auszuführen. 119 Aus allen unterhalb Ilanz 
gelegenen Gemeinden wie auch in Truns konnten die rechtzeitig 
gewarnten Garnisonen nach Chur abziehen, das bereits in der Nacht 
vom 1. zum 2. die Nachricht erfuhr. Der Landsturm „stürzte in 
schrecklicher Unordnung thalabwärts. ■ 

In Reichenau angekommen, begingen die gar nicht geordneten 
Scharen wüste Auftritte der Trunkenheit. Aber schon näherten 
sich nun von Chur her die ersten, zur Brigade Menard gehörenden 
Franzosen. Früh um 3 Uhr am 3. Mai begann der Kampf. Gegen 
6000 Aufständische, die geradezu in Raserei versetzt waren, konnten 
die 800 — 900 Franzosen natürlich nichts ausrichten. 120 Bis Ems 
und selbst bis Plankis auf 3 km vor Chur zurückgeworfen, erhielten 
sie in der höchsten Not einige Verstärkungen. 

Hier erschien Menard persönlich mit der letzten verfügbaren, 
von der Steig herangekommenen Reserve. Es waren dies 3 Com- 
pagnien des IL/ 103. Bataillons, etwa 500 Mann und 1 Schwadron. 

Günther, Feldzug 1799. 6 



82 



Die Halbbrigade hatte ihre im Oberlande ermordeten Kameraden 
zu rächen. Es ist aber wohl nicht berechnete Grausamkeit, sondern 
vielmehr die höchste Not gewesen, daß Menard gerade diese Truppen 
zur Unterdrückung des Aufstandes verwendete. 

Der Landsturm wehrte sich heldenmütig, aber ohne Ordnung 
und Mannszucht. Ein Angriff der Reiterei warf ihn endlich in 
die Flucht. Verfolgt wurde er kräftig durch 2 Compagnien unter 
Kommandant Ragettli (gefallen als Oberst 1812 an der Beresina), 
der selbst ein Bündner war. In Reichenau betranken sich die 
flüchtigen Bauern wiederum in viehischer Art; halb oder ganz 
trunken wurden die meisten von ihnen zusammengehauen. Sie 
verloren 638 Mann außer jenen, die, beim Zusammenflüsse des 
Rheines in den Fluß gedrängt, dort ertranken. 

Am 4. Mai marschierte Menard ins Oberland. Tamins ging 
in Flammen auf, die Kreise Grub, Lugnetz und Obersachsen, sowie 
Somvix das Dorf mußten Brandschatzungen leisten, Brigels z. B. 
10 Schlachtkühe und 2500 Franken. Truns ward geplündert. 
Dissentis erhielt zuerst das Versprechen der Schonung gegen 10 000 
Franken Brandschatzung. Als aber die Franzosen dort am 5. Mai 
erschienen, hielt Menard das Wort nicht, weil die Soldaten es 
nicht achteten, und er wohl zu schwach war, der Plünderung zu 
wehren. Die Leute fanden im Kloster die Uniformen ihrer ge- 
mordeten Waffenbrüder. Jetzt kannte ihre Wut keine Grenzen 
mehr. Am 6. ermordeten sie 22 Personen und zündeten das 
Kloster, 3 Kirchen, 115 Häuser, 102 Ställe mit 112 Stück Rind- 
und 204 Stück Kleinvieh an. Sieben Personen kamen in den 
Flammen um, 15 der angesehensten wurden gefangen nach Chur 
verbracht. Sie sollten hier prozessiert werden, wurden aber durch 
Hotze noch rechtzeitig befreit. Der Schaden kann nach heutiger 
Währung auf etwa P/2 Millionen Franken geschätzt werden. Mit 
dem Kloster verbrannten das reichhaltige Archiv, die alte Bibliothek 
und alle Kunstschätze in der Kirche. Die Medelser und das 
Tavetsch dagegen kamen mit Zahlung einer Brandschatzung von 
zusammen 10000 Franken davon. 

Im Wallis ereigneten sich ähnliche Vorfälle. Zur Nieder- 
werfung des Aufstandes, der seinen Mittelpunkt in Brieg und Leuk 
fand, wurde die Division Xaintrailles bestimmt. Die Truppen, 
6 Halbbrigaden, 3 Kavallerieregimenter waren auf Befehl des 
Direktoriums von Massena zur Armee in Italien entsendet worden. 
Sie marschierten in 3 Kolonnen, welche einander mit zwei Tagen 
Zwischenraum folgten. Am 12. Mai erreichte die erste Abteilung 
Lausanne und hier erhielt General Xaintrailles den Befehl, zuerst 
die Ruhe im Wallis wieder herzustellen und dann über den Simplon 
nach Novara und Turin weiter zu marschieren, um dort zur Ver- 
fügung von Moreau zu stehen. 



83 

Die Empörer im oberen Wallis standen mit dem Berner Ober- 
land über die Griinsel, mit der bereits im Piemont eingerückten 
russisch-österreichischen Armee über den Simplon in Verbindung. 
Diese Aufständischen, etwa 6000 an der Zahl und im Besitze von 
7 Geschützen, waren jedenfalls am besten geordnet. Sie wurden 
auch durch kriegskundige Führer befehligt, welche ehemals in 
französischen und piemontesischen Diensten gestanden waren. 121 
Für die Niederwerfung bestimmte Xaintrailles den dem Wallis 
selbst entstammenden Generaladjutanten Schinner. Er stellte ihm 
zur Lösung seiner Aufgabe die 110. Halbbrigade (Kommandant 
Lollier), das IL Freiburger Bataillon, das freilich nicht sehr starke 
7. Husarenregiment und 6 Geschütze zur Verfügung. Schinner, 
dem es angeblich an Schießbedarf mangelte, kam nur bis Martigny. 
Die Freiburger wurden dabei auf das große Hospiz des Großen 
St. Bernhard und nach Martigny verlegt. Ein von der 110. Halb- 
brigade gegen die Stellung der Aufständischen im Walde von Pfyn 
(Finge) bei Leuk gerichteter Vorstoß erlitt von diesen eine kräftige, 
mit ziemlichem Verluste verbundene Abweisung. Unterdessen traf 
Xaintrailles am 15. Mai im Lager von Sierre ein. Aber noch ver- 
flossen volle zehn Tage, bis er eine Unternehmung wagte. Die Auf- 
ständischen hatten in der Nacht zum 24. Mai Sierre fast über- 
rumpelt. Am 25. morgens schritt Xaintrailles selbst zum Angriffe. 
Die Kolonne auf dem linken Rhoneufer, geführt von Komman- 
dant Barbier, 2 Bataillone und 1 Schwadron stark, säuberte den 
Pfynwald bis nach Leuk hin. Auf dem Wege über Salgetsch 
marschierte Xaintrailles geradezu gegen die Hauptstellung der Auf- 
ständischen hinter dem tief eingeschnittenen Thale des Dalafiusses. 
Er verfügte über 2 Bataillone der 89., über die 110. Halbbrigade 
und die Grenadierreserve sowie über 7 Geschütze. Eine von Varen 
aus nach Albinen und Gottet in den Rücken des Gegners entsendete 
Abteilung Flanqueurs brachte diesen bald zum Weichen. Die Auf- 
ständischen flohen dann mit Verlust ihrer Artillerie nach Raron. 
Bei der Besetzung der von den Empörern verlassenen Orte begingen 
die Franzosen die größten Grausamkeiten an den wehrlosen Ein- 
wohnern. Auch Brieg mußte von den Empörern folgenden Tages 
verlassen werden, als 2 Bataillone vom rechten Ufer des Saltineflusses 
her in den Ort eindrangen. 122 Während ein Theil der Franzosen 
nun gegen den Simplon-Paß hinauf stieg, erreichte der andere 
Naters und von hier aus auch das am Wege gegen die Furka hin 
gelegene Dorf Morel. Noch hielten die von einem entschlossenen 
Manne aus dem Bezirke Coms, namens Prigg, befehligten Gegner 
die Stellung bei der Rhonebrücke gegenüber Grengiols besetzt. 
Xaintrailles wagte hier keinen Angriff, sondern erwartete erst die 
Ankunft der von Lausanne und Vevey heranmarschierenden 28. 
nnd 104. Halbbrigfade. Unterdessen erhielten die bereits stark 



84 



gelichteten Reihen der Aufständischen eine wenigstens moralische 
Unterstützung durch 2 Bataillone der Brigade Strauch, von dem 
Regiment Banat und Michael Wallis, welche aber lediglich bei 
Oberwald eine durchaus unnütze Aufnahmestellung bezogen. So 
kam es, daß Xaintrailles am 1. Juni, als er mit seiner ganzen 
Macht die oben erwähnte Stellung vorwärts Lax angriff, nach 
8 stündigem Kampfe, welcher von den Aufständischen mit der 
größten Erbitterung geführt wurde, Sieger blieb. Die zögernd 
herankommenden Oesterreicher mußten abends 8 Uhr ebenfalls, 
nach Zurücklassung von 200 Gefangenen, worunter sich mehrere 
Offiziere befanden, das Feld räumen. Die Franzosen wollen an 
diesem Tage einen Abgang von nur 30 Mann an Toten und Ver- 
wundeten gehabt haben. 

Xaintrailles verlegte alsbald die Grenadiere der 110. auf die 
Paßhöhe des Simplon, eine andere Compagnie der nämlichen Halb- 
brigade in das Hospiz des Großen St. Bernhard, um derart die 
Zugänge von Piemont her ins Rhonethal zu sichern. Er selbst 
schlug sein Hauptquartier in Brieg auf und beobachtete von Lax 
aus die Grimsel, die Furka und die ins Bedretto und das Val 
Formazza führenden Uebergänge. Die helvetischen Truppen da- 
gegen, welche zumeist dem Kanton Freiburg entstammten und 
deren Befehl bald der Generaladjutant Franz Peter Felix von der 
Weid übernahm (1766 — 1810), bezogen Rückhaltstellungen. Im 
Monate Juli wurde dann der General Xaintrailles durch den General 
Turreau abgelöst. 

Ueberall hatten demnach die Franzosen die Aufstandsversuche 
niedergeworfen, nirgends bewährten sich die seitens der Verbündeten 
gemachten Versprechen. Einem Strohfeuer gleichend, das zwar im 
Augenblick große Hitze entwickelt, dem es jedoch auf die Dauer 
an Kraft wegen des Mangels an Nahrung fehlt, so kennzeichnen 
sich diese kriegerischen Unternehmungen als nur für kurze Zeit 
bedenkliche Gefahren bergende Ereignisse. 

Völlig umsonst floß das Blut vieler tapferen Männer, welche 
fielen, ohne ihrem Vaterlande durch den Opfertod zu nützen. 



-~5>-e- 



III. 

Der Verlust des GottliarcL 



Kaum in Bellinzona eingetroffen, ordnete Lecourbe die ihm 
unterstellte Division von neuem. Die Brigade Loison (12. leichte, 
Ueberrest der 6. und 76. Halbbrigade), die cisalpinischen Husaren 
und Guiden besetzten unter der Bezeichnung „rechter Flügel" die 
Stadt Bellinzona. Die Linie ihrer Vorposten zog sich aus dem 
Val Marobbia über die Paßhöhe des Monte Cenere durch den nörd- 
lichen Teil des sumpfigen Ticino-Delta (Piano di Magadino) hinüber 
zum Monte Carasso und der Sementina-Schlucht. Diese Stellung 
entspricht demnach genau derjenigen, welche heute die 1853 unter 
der Leitung des Generals Dufour angelegten Verschanzungen ein- 
nehmen. — General Ney deckte mit der Brigade des linken Flügels 
(109., I./38. Halbbrigade, 2 Bataillone des Corps d'expedition, 
1 Schwadron des 12. Chasseurregiments) die Mesolcina und beob- 
achtete die Forcola. Im weitern sollten diese Truppen es versuchen, 
die durch die aufständischen Bewohner der Leventina unterbrochene 
Verbindung mit dem Gotthard wiederherzustellen. 

Am 13. Mai entsendete Lecourbe in der nämlichen Absicht 
Bataillon II der 38. Halbbrigade unter dem Befehle von Capitaine 
Montfort nach Giornico. Hier fand sich ein Bataillon der 103. Halb- 
brigade eingeschlossen von den Aufständischen. Diese Truppe, zur 
Division Soult gehörig, hätte eigentlich die Verbindung zwischen 
Altdorf und Bellinzona sichern sollen. Sie erschien aber als viel zu 
schwach für einen solchen Dienst unter der empörten Bevölkerung. 

Unterdessen hatte Generalmajor Prinz Rohan am 16. Mai den 
General Loison zur Ergebung binnen 24 Stunden aufgefordert. 
Es versteht sich von selbst, daß Lecourbe auf dieses sonderbare 
Schreiben eine gebührende Antwort erteilte. 123 Zugleich setzte sich 
die Brigade gegen Taverne in Marsch. Generalmajor Prinz Rohan 
wartete jedoch die weiteren Ereignisse nicht ab, sondern ging 
eiligst durch den Mal Cantone und über Ponte-Tresa hinter diese 
Flußlinie zurück. Das Corps des Prinzen Victor Rohan bestand 
aus 2 Bataillonen und 3 Compagnien (1 Bataillon Erzherzog Anton, 



86 



1 Bataillon Louis Rohan, 3 Compagnien Jäger Leloup), zusammen 
1794 Mann. Es war also in der That zu schwach, einen Angriff 
des Gegners auszuhalten, geschweige denn selbst dazu überzugehen. 
So kam es auch gar nicht zu einem Gefechte bei Taverne, wie 
Clausewitz (I, 268) für den 13. Mai angibt. Es entstand auch kein 
„strategischer Schrecken" bei der Armee Suworoffs. Der alte 
Marschall ließ vielmehr den Grafen Hohenzollern mit der Hälfte 
der vor dem Schlosse von Mailand stehenden Belagerungstruppen 
(5 Bataillone Isch) nach Ponte-Tresa und Chiavenna abgehen, weil 
er dort gesichert sein wollte. Zunächst handelte es sich für Su- 
woroff darum, in der rechten Flanke gedeckt zu sein, um unbesorgt 
vor etwaigen Angriffen der Division Lecourbe in Piemont ein- 
dringen zu können. Erst in zweiter Linie sollten Generalmajor 
Prinz Rohan und Oberst Strauch es versuchen, gemeinsam mit 
FML. Bellegarde handelnd, die Gotthardstellung in ihre Gewalt 
zu bringen. 

Lecourbe verlegte nun 2 Compagnien der 76. Halbbrigade 
nach Taverne, II./12. lcht. und I./76. blieben in Bellinzona, IL/76, 
in Cadenazzo und Magadino am Nordufer des Lago maggiore. 
Gegen Lugano wurde ein kleiner Kundschaftsritt unternommen, und 
Lecourbe entschloß sich, diese Stadt folgenden Tages anzugreifen. 
In diesem Augenblick traf jedoch die Nachricht von der Einnahme 
der Luzisteig und der Zersprengung der Division Menard durch 
die Corps der FML. Hotze und Bellegarde ein. So mußte Lecourbe 
zunächst daran denken, die eigene Rückzugslinie zu decken. Capi- 
taine Montfort kam mit IL/38, als Ablösung der Brigade Bontems 
von der Division Soult ins Ursernthai. In Airolo wurde er wiederum 
durch I./109. ersetzt. Das IL Bataillon der nämlichen Halbbrigade 
marschierte dagegen nach Olivone im Val di Blegno, um den 
Lukmanier-Uebergang zu beobachten. 

Die Not der Division stieg in diesen Tagen aufs höchste. 
In den bereits in gewöhnlichen Tagen nicht allzu wohlhabenden 
Thalschaften hatte der Aufstand die letzten Vorräte beseitigt. 
Von der Kornkammer des Tessins aber, dem Mendrisiotto, stand 
man durch die österreichischen Bajonette getrennt. Lecourbe half 
sich so gut es ging. Während sechs Tagen konnte nur der vierte 
Teil der gewöhnlichen Brotmenge, in zwei Tagen überhaupt nur 
60 g Reis auf den Mann verteilt werden. Zum Glück fand die 
Division in Magadino geringe, Händlern gehörende Vorräte; aber 
es fehlte an Mitteln, sie fortzuschaffen. Obgleich die Geschütz- 
bespannungen bei Tage wegen der Nähe des Gegners angeschirrt 
blieben, mußten sie doch nachts, so oft es ihnen nur möglich war r 
den Weg von Magadino nach Bellinzona (15 km) zurücklegen. 

Am 17. Mai bestanden die Vorposten der Brigade Ney ein 
kleines Gefecht mit stärkeren, vom Obersten Strauch entsendeten 



87 



Abteilungen. Ebenso griffen die Oesterreicher den Posten von 
Taverne an, welchen I./12. leichte Halbbrigade decken sollte, aber 
durch ihren vollkommen ungenügend gehandhabten Wachtdienst 
verlor. Die soeben abgelösten beiden Compagnien der 76. Halb- 
brigade hielten nur mit größter Mühe den Stoß aus. Jedenfalls 
drangen die Gegner in die Ortschaft ein, bei welcher Gelegenheit 
168 Franzosen in Kriegsgefangenschaft fielen. 124 Das Corps Rohan 
war nämlich unterdessen durch die von Mailand heranmarschierenden 
Truppen des Generalmajors Grafen Hohenzollern auf 6000 Mann 
angewachsen. Solche Uebermacht mußte natürlich einen Erfolg 
erzielen, ward aber wie gewöhnlich keineswegs ausgenützt. 

Bei der nun folgenden Verlegung der französischen Truppen 
nach rückwärts übernahm 1.76. den Dienst der Vorposten bei 
Giubiasco, der Rest der 6. Halbbrigade stand dagegen im Val 
Marobbia. 

Am 19. Mai ließ Lecourbe drei Häupter des Aufstandes in der 
Leventina zu Bellinzona vor der Porta Tedesca auf Grund eines 
standrechtlichen Urteils erschießen. 

Während einzig zwei Compagnien die Stellung hinter der 
Sementina-Schlucht noch hielten, trat die Division den Marsch das 
Thal aufwärts nach Biasca an. 

Am 20./ 21. Mai befand sich das Divisions-Hauptcpiartier in 
Giornico, die Kachhut stand auf dem rechten Ufer der Moesa. 
Am 22. hatten die vordersten Truppenteile, welche unter den Be- 
fehlen des Generals Xev sich befanden, Amsteg erreicht, indes 
General Loison mit der 76. Halbbrigade und einer aus 24 Mann 
bestehenden Reiterabteilung Giornico deckte. Diese große räum- 
liche Trennung der einzelnen Glieder der Marschsäule erklärt sich 
aus den auf die Verpflegungsverhältnisse zu nehmenden Rücksichten 
und im weiteren durch den großen Troß. (Dieser erhielt seine 
vorzüglichste Verstärkung durch die Wagen und das Gepäck der 
aus den Provinzen Como und Varese geflüchteten cisalpinischen 
Zivilbeamten.) Sie konnte aber nur deshalb ungestraft durch- 
geführt werden, weil der Gegner durchaus keine Verfolgung ansetzte. 

Prinz Rohan und Oberst Strauch, welche zusammen über 
8600 Mann (10 Bataillone, 4 Compagnien, 3 ,i Schwadronen) ver- 
fügten, blieben nämlich bis zum 26. Mai unbeweglich in Bellinzona 
stehen. Graf Hohenzollern, der noch dem Prinzen Rohan 1 russ- 
isches (Förster) und 1 österreichisches (Thurn) Bataillon überlassen 
hatte (zusammen 1500 Mann), kehrte am 20. Mai wieder nach 
Mailand zurück, um die dortigen Belagerungsarbeiten weiter zu 
führen. Oberst Strauch befehligte 5025 Mann oder 6 Bataillone 
(2 Wallis, 1 Grenadier W'eißenwolff, 1 Banat, 1 Carneville, 1 Siegen- 
feld), 1 Compagnie Leloup-Jäger und 3 U Schwadronen Erdödy- 
Husaren. 



88 



Am 23. überschritt der Divisionsstab die Paßhöhe des Gott- 
hard, der, wie das Feldtagebuch ausdrücklich erwähnt, noch voll 
Schnee lag. Loison hatte an diesem Tage Airolo und Quinto besetzt. 

Am 24./25. Mai nahm die Division folgende Stellungen ein: 
General Loison mit IL; 38., I. und IL/76, in Airolo. Ferner in Urseren 
I./109., IL/ 109. in Wasen, 2 Bataillone Corps d'expedition in Am- 
steg, I., III. 38. Halbbrigade in Altdorf und Bürglen. In Atting- 
hausen und Seedorf stand ferner das IL Lemaner-Bataillon, welches 
der Division zugeteilt worden war. Das Hauptquartier von Lecourbe 
lag in Altdorf. Nach Schwyz, woselbst General Ruby stand mit 
dem Auftrage, das Muottathal und den Sattel zu decken, entsendete 
Lecourbe die 12. leichte und den Rest der 6. Halbbrigade, sowie 
überdies die bisherige Besatzung von Altdorf, das Bataillon de 
garnison der 44. Halbbrigade. Diese Truppen trafen in Schwyz 
zusammen mit dem Bataillon de garnison der 37. Halbbrigade, 
5 Compagnien des I. Lemaner-Bataillons und 2 Compagnien aus 
dem Thurgau. 

Der Rückzug aus der Leventina erscheint als eine Folge der 
stetigen Fortschritte, welche die verschiedenen Corps der Oester- 
reicher seit der Mitte des Maimonats in Graubünden und der Nord- 
schweiz gemacht hatten. 

Der Sieg, den Erzherzog Karl über Jourdan bei Stockach am 
25. März errang, ist der Ausgang aller jener Erfolge der Kaiser- 
lichen in Deutschland und der Schweiz gewesen, welche in der 
ersten Schlacht von Zürich (3./4. Juni) ihren Höhepunkt erreichten. 
Der strategische Angriff der Franzosen mußte jetzt erlahmen, das 
Mißlingen der gegen die Stellung von Feldkirch gerichteten Hand- 
lungen beschleunigte ihren Rückzug in die Schweiz. Zugleich aber 
ward Jourdan durch Massena ersetzt, welcher dergestalt mit geringen 
Ausnahmen alle Streitkräfte des nördlichen Kriegsschauplatzes in 
seiner Hand vereinigte. 

Die Oesterreicher ließen, ihrem gewöhnlichen bedächtigen 
Wesen entsprechend, dem Gegner volle Zeit, das notwendige Zu- 
sammenschließen seiner Kämpfer zu vollenden. Erst gegen den 
Beginn des Maimonats begann die neuerliche Vorwärtsschiebung 
der einzelnen österreichischen Corps. Lecourbe mußte das Engadin 
räumen ; dagegen scheiterte der Angriff des Corps Hotze gegen 
die Stellung auf der Luzisteig. Wiederum trat bei dem Haupt- 
heere ein Waffenstillstand von zweiwöchiger Dauer ein. Nur die 
Division Lecourbe hatte auch während dieser Zeit ihren vornehmsten 
Auftrag, die Sicherung des Gotthardstockes, zu erfüllen. 

Der Rückzug der Division Lecourbe aus dem Thale des Ticino 
ward jedoch unvermeidlich, als das Corps Bellegarde nach der mit 
FML. Hotze gemeinsam durchgeführten Besetzung von Graubünden 
zu weiteren Unternehmungen herangezogen wurde. Zwar gelangte 



89 

in diesen Tagen (19. Mai) der Befehl von Suworoff an den FML. 
Bellegarde zu Lenz, wo er seit fünf Tagen unbeweglich stand, 
augenblicklich nach Italien abzumarschieren ; aber der Generalissimus 
der Verbündeten faßte auch zugleich den Plan, sich der Pässe 
über den Gotthard, den Simplon und den Großen St. Bernhard zu 
bemächtigen. 

Immerhin rettete nur die Unthätigkeit des FML. Bellegarde 
die Division Lecourbe vor der vollkommenen Einschließung. Sie 
allein ließ die nötige Zeit, den Gotthard und damit die sichere 
Rückzugslinie zu gewinnen. Es ist selbstverständlich, daß das 
Benehmen des FML. Bellegarde in diesem Falle scharf und von 
den verschiedensten Gesichtspunkten aus beurteilt worden ist. Aber 
auch er war nicht so schuldig an der Gestaltung der Sachlage, 
wie es wohl scheinen mag. Unter den Befehlen Suworoffs nur 
dem Namen nach stehend, gehorchte er in der That den geheimen 
Anordnungen des Hofkriegsrats. Das führte nicht nur zu Miß- 
verständnissen, sondern geradezu zur Lähmung der Kräfte. Dem 
Einflüsse Thuguts jedoch durfte sich keiner der damaligen kaiser- 
lichen Generale entziehen, sofern ihm eine geebnete Laufbahn 
winken sollte. FML. Bellegarde endlich ist niemals der Mann 
gewesen, welcher seinen persönlichen Vorteil der allgemeinen Wohl- 
fahrt unterordnete. 

Aehnlich behutsam handelte der FML. Hadik, unter dessen 
Befehl die Truppen des Generalmajors Prinz Rohan und des Oberst 
Strauch getreten waren. 

Erst am 25. Mai kam es zwischen den Feldwachen der zwei 
Compagnien des in Piotta stehenden IL/ 76. und der die Spitze des 
heranrückenden österreichischen Corps bildenden Erdödy-Husaren 
zu einem unwichtigen Gefecht. Früh 3 Uhr am 26. erfolgte der 
eigentliche Angriff der Oesterreicher mit 4 Bataillonen (je 1 von 
Siegenfeld, Wallis, Rohan und Banat). Nach einigem Widerstände 
gingen die Franzosen nach Airolo zurück. Hier befehligte der 
Bataillonschef Lovisi vom IL/76., nachdem Loison am 25. früh 
mit I./76. gegen den Oberalp-Pass abgegangen war und IL/38, in 
Hospenthal gelassen hatte. Mit 20 Chasseurs und unterstützt durch 
die Grenadiercompagnie stieß Lovisi so stark auf den anrückenden 
Gegner, daß dieser mit einem Verluste von 60 Mann an Gefangenen 
nach Piotta zurückwich. Einzelne österreichische Schützen gewannen 
aber das bei Madrano sich öffnende Val Canaria. Dies hatte die 
Folge, daß die Kaiserlichen die Flußenge des Stalvedro nunmehr 
beherrschten und überdies in der Lage waren, die Stellung bei 
Airolo über den Passo della Sella (2744 m) zu umgehen. 

Lovisi deckte den Aufstieg zum St. Gotthard-Paß in der Weise, 
daß er bis zum nördlichen Ausgange des Val Tremola zurückging. 
Der rechte Flügel seiner schwachen Kräfte lehnte dabei an den 



90 



Abfluß der Hospiz-Seen, der linke an die steil herabstürzenden 
Felsen westlich der Alpe di Sonescia (Punkt 2042, 6, Blatt 491 
des Topogr. Atlas der Schweiz). Die Brücke vorwärts dieser 
Stellung wurde natürlich zerstört. Die Grenadiercompagnie stand 
als Reserve im Hospiz, zugleich mit dem Auftrage betraut, die 
Ausmündung des Passes della Sella zu beobachten. 

Die Oesterreicher verhielten sich jedoch an diesem wie in der 
Frühe des folgenden Tages (27. Mai) vollkommen ruhig. Erst als 
gegen Mittag Generalmajor Prinz Rohan mit der Hauptmacht der 
Division herangekommen war, schritten sie zögernd zum Angriff. 
Lovisi hatte unterdessen aus Hospenthal Verstärkung durch fünf 
Compagnien vom IL/38, erhalten. Eine derselben ließ er beim Hospiz 
stehen, 2 andere bezogen ebenfalls die erwähnte Gefechtsstellung, 
die zwei letzten endlich suchten Airolo in der Weise zu decken, 
daß sie oberhalb des heutigen Tunneleinganges die Straße in auf- 
gelöster Ordnung besetzten. Der Gegner bandelte sehr behutsam. 
Ein Bataillon Banater suchte vom linken Flußufer aus Airolo zu 
umgehen, während 4 Kanonen gegen 6 Uhr nachmittags ihr Feuer 
eröffneten. Als die Umgehung fast durchgeführt worden, bei 
einbrechender Nacht (7 Uhr 30 nachmittags schreibt das Feldtage- 
buch), traten die Franzosen den Rückzug an. Da jedoch die sichere 
Meldung einlief, daß die Oesterreicher (Leloup- Jäger) bereits die 
Höhe des Sella-Passes gewonnen hätten, derart überlegenen Kräften 
aber auf die Dauer keinerlei Widerstand geleistet werden konnte, 
so setzte Lovisi noch in der Nacht zum 28. den Marsch bis 
nach Hospenthal fort, woselbst er sich dem General Loison zur 
Verfügung stellte. In Airolo blieben jedoch 400 Säcke Reis y 
100 Eimer Wein, einige Eimer Branntwein und andere Lebens- 
mittel nebst einer vierpfündigen Kanone und ziemlichen Mengen 
für die Infanterie verfertigten Schießbedarfes zurück. An Mann- 
schaften büßten die Franzosen hier und im Muottathale am 27. /28. 
Mai zusammen 27 Tote, 218 Verwundete und 142 Gefangene ein. 
Dagegen machte die Division 130 Gefangene. 

Unterdessen waren jedoch weitere ernste Ereignisse im Muotta- 
thale vorgefallen. 

Der Oberst Cavasini des Corps von FML. Hotze hatte den 
Auftrag erhalten, mit 5 Bataillonen und 1 Schwadron von Glarus 
und Näfels aus die Linthufer und den oberen Zürichsee zu besetzen. 
Seine Unternehmung richtete sich demnach eigentlich gegen die 
Division Menard, welche diese Punkte vorläufig deckte. Da eine 
gewaltsame Erkundung am 25. Mai bei Reichenburg unglücklich 
für die Oesterreicher verlief, so beschloß Oberst Cavasini, die 
Stellung von Menard durch das Klön- und Muottathal über Ein- 
siedeln zu umgehen. 

Zu den Truppen des Obersten Cavasini gehörte auch die Legion 



91 

Roverea in der Stärke von etwa 800 Schweizern. 125 Da Roverea 
wohl selbst darauf drang, daß ihm der Befehl der Abteilung zu 
übertragen sei, ward er wirklich an die Spitze derselben gestellt. 
Am 27°Mai in der Frühe setzten sich 600 Legionäre, 600 Kroaten 
vom Broder Regiment, 30 Ulanen, 300 Glarner und 20 Schwyzer- 
Landsturm-Schützen, sowie 14 Artilleristen mit 2 von Maultieren 
getragenen Gebirgsgeschützen nebst 100 Pionieren und 20 Saum- 
pferden, welche die Munition schleppten, unter Führung von 20 
des Weges kundigen Männern gegen den Pragel-Paß (1547 m) in 
Bewegung. Von Glarus bis zur Paßhöhe rechnet man 6*/a Stunden, 
bis Muotta weitere 2 Stunden Marschzeit. Die Kolonne Roverea 
erreichte den erstgenannten Punkt bei bereits eingefallener Nacht. 
Auf der Paßhöhe stand eine Feldwache von 40 Franzosen, welche, 
wie gewöhnlich, keinerlei Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte. Als 
jedoch Lieutenant Ledergerwer zu ihrer Gefangennahme schritt, 
tötete ein Kroat den Bauern, welchem das Haus gehörte, in dem 
die Gegner ruhten. Durch den entstehenden Lärm noch recht- 
zeitig gewarnt, vermochten die Mannschaften sich ins Muottathal 
zu retten. Ohne Aufenthalt und trotz des tiefen Schneas, welcher 
dazu zwang, die Einerkolonne für den Marsch anzuwenden, erfolgte 
sogleich der Abstieg. Gegen 3 Uhr früh traf man auf den Gegner, 
der, von General Rubv befehligt (im Feldtagebuch schreibt Lecourbe 
von ihm, er habe „soi disant" an diesem Tage weder zu Pferde 
steigen noch auch gehen können) und bei 3000 Mann stark, in 
größter Unordnung das Gefecht aufnahm. Die 12. leichte Halb- 
brigade trat in völliger Ueberstürzung den Rückzug an. Roverea 
dagegen ließ sich durch den leicht errungenen Erfolg verleiten, 
die gute Stellung von Muottathal zu verlassen, ehe die nötigen 
Verstärkungen eintrafen. So erreichte ihn das Schicksal. 

Als nämlich Lecourbe von diesen Ereignissen Nachricht er- 
hielt, setzte er sogleich mit 3 Compagnien Grenadieren und zwei 
Geschützen von Flüelen nach Brunnen über den See. Trotz des 
heftigen Föhns, der ihn bis zum späteren Nachmittage am Landen 
verhinderte, erreichte er noch am 27. Schwyz, wohin I./38. als 
Unterstützung folgte. 

Am 29. bei Tagesanbruch griff Lecourbe den Gegner bei 
der Brücke über das Klingen -Tobel an. Hierzu wurden die 
12. leichte Halbbrigade, der Rest der 6. und die 3 Grenadier- 
compagnien der 38., 76. und 109. Halbbrigade verwendet. Trotz 
des Kartätschfeuers der beiden Gebirgsgeschütze erstürmte doch 
die vom tapferen Bataillonschef Coste befehligte 12. leichte Halb- 
brigade den Uebergang in der Front. Lecourbe erwähnt bei dieser 
Gelegenheit, daß die junge, im Jahre 1798 ausgehobene Mann- 
schaft (Konskribierte) hier in glänzender Weise ihre Aufgabe er- 
füllte. Unter ihr zeichnete sich besonders aus der im März wegen 



92 



der von ihm bewiesenen Entschlossenheit zum Korporal beförderte 
Masset von der 6. Halbbrigade. 

Der Gegner, zum Teil abgeschnitten, verlor etwa einen 
Drittel seiner Mannschaft, nämlich 50 Tote, 200 Verwundete und 
200 Gefangene. Unter den letzteren befanden sich auch 2 Offiziere 
der Legion, die Lieutenants Haller und Imthurn. 126 Natürlich 
vermochten die Oesterreicher nicht die beiden Gebirgsgeschütze 
zu retten. 

Nach Altdorf zurückgekehrt, traf Lecourbe dort mit dem 
General Loison zusammen, welcher unterdessen unglücklich ge- 
kämpft hatte. 

Am 29. erreichte nämlich FML. Hadik das Hospiz auf dem 
St. Gotthard-Paß (2095 m) und zugleich erschien Oberst St. Julien 
im Ursernthai. Seine Brigade zählte 4292 Mann, die sich in drei 
Bataillone Kinsky (2222 Mann), IV2 Bataillone Neugebauer (887 
Mann), 1 Bataillon de Yins (849 Mann) und \ 2 Bataillon Munkacy 
(384 Mann) verteilten. Von Selva im Tavetsch den 29. Mai um 
1 Uhr 30 Min. vormittags aufgebrochen, überschritt die Kolonne 
den schwach besetzten und kaum verteidigten Oberalp-Paß (2048 m), 
um am gleichen Tage Andermatt zu erreichen. Ein Bataillon blieb 
als Reserve auf der Paßhöhe zurück. In Hospenthal befand sich 
noch das vom Bataillonschef Lenud befehligte I. Bataillon der 
76. Halbbrigade. Hinter Andermatt, bei der Teufelsbrücke, traf 
diese Truppe auf den Gegner und ohne Zögern wurde der Versuch 
gemacht, sich mit dem Bajonette durchzuschlagen. Die kühne 
That gelang, nur 2 Compagnien der Nachhut mußten, von allen 
Seiten umringt, das Gewehr strecken. Unaufhaltsam drängten die 
Oesterreicher vorwärts gegen den See hinunter. Erst in Amsteg 
gelang es den Bataillonen vom Corps d'expedition, etwelchen 
Widerstand zu leisten. Immerhin mußten auch sie bald hinter 
den Kärstelenbach zurückgehen. Bei dieser Bewegung fielen 
weitere 80 Mann dem Gegner als Gefangene in die Hände. 

In dem Augenblicke der höchsten Gefahr erschien Lecourbe, 
begleitet von Loison und den Stäben, an der Spitze von 50 Chas- 
seurs und 6 Grenadiercompagnien, Avie den verfügbaren Teilen der 
109. Halbbrigade auf dem Kampfplatze. Da die Bachbrücke abge- 
brochen worden, entspann sich nur ein Schützengetecht von einem 
Vier zum andern, das aber bis zur Nacht andauerte. Der Tag 
kostete den Franzosen 29 Tote. 168 Verwundete und 467 Ge- 
fangene. Unter den letzteren befand sich auch der Bataillonschef 
Ducasson von der 109. Halbbrigade und mehrere andere Offiziere. 

Der 30. Mai brachte im Ganzen wenig Bewegung für beide 
Teile. Bei Aesch im Schächenthal erschien eine vom Klausenpaß 
herabsteigende gegnerische Patrouille, welche sich aber bald wieder 
in das Lager auf dem ITrnerboden zurückzog. 127 



93 

Oberst St. Julien, der ebenfalls zu den übertrieben vor- 
sichtigen Führern gehörte, ging noch in der Nacht vom 29. zum 
30. wieder nach Wasen zurück. Hinter der Meien-Reuß bezog 
er eine gesicherte Stellung. An Nachzüglern (!) verlor dabei die 
Kolonne 15 Mann. General Loison ließ das Maderanerthal er- 
kunden und hierbei wurden ebenfalls einige erschöpfte Leute, 
darunter 12 Verwundete nebst einem Oberfeldscher, gefangen. 

Lecourbe hatte sich freilich für den 30. Mai (13. Prairial) 
zum Angriffe entschlossen gehabt. Wirklich entsendete er den 
General Loison zu diesem Zwecke mit dem Corps d'expedition 
und I./109. Halbbrigade. Das eingefallene schlechte Wetter hinderte 
jedoch selbst ein lebhafteres Feuergefecht und so mußte die 
Unternehmung auf den folgenden Tag verschoben werden. 

Am 31. Mai in der Frühe begann der Kampf von neuem. 
Während 1 Bataillon Corps d'expedition oberhalb der Straße auf 
dem rechten Ufer der Reuß am Thalrande sich vorschob, er- 
reichte das andere Bataillon längs des Osthanges des Schynberges 
ob dem Pfaffensprung das Meienthal. Die 109. Halbbrigade blieb 
auf dem großen Wege. Ihr folgten als Reserve 3 Grenadier- 
compagnien (38., 76., 109. Halbbrigade). Die Kolonne links um- 
ging den Gegner, der, in der Front ebenfalls überraschend ange- 
griffen, Wasen mit einem Verluste von 300 Mann an Gefangenen 
aufgab. Immerhin gelang es den Oesterreichern, sich wieder zu 
sammeln. Ein heftiger Vorstoß erfolgte gegen 11 Uhr morgens, 
und nun war es an den Franzosen, in fluchtartiger Eile die kaum 
besetzte Ortschaft zu räumen. Um 4 Uhr nachmittags erschien 
Lecourbe mit den Grenadieren. Das Gewehr eines Gefallenen er- 
greifend, stürzte er sich an der Spitze der Mutigen auf den Feind. 
Dieser vermochte es nicht, Stand zu halten, sondern wich eben 
so schnell, wie er gekommen. Während des Gefechtes und der 
bis zur Teufelsbrücke ausgedehnten Verfolgung verloren die 
Oesterreicher 1 Major vom Regiment Neugebauer, 8 Hauptleute, 
9 Lieutenants, 1340 Mann an Gefangenen, 120 Tote und 650 
Verwundete. Der Kampf dauerte bis in die sinkende Nacht. 128 

Einzig der Umstand, daß die Kaiserlichen den Straßenbogen 
der Brückenauffahrt teilweise zu zerstören vermochten, hinderte 
die völlige Auflösung auch des letzten Truppenrestes. FML. Hadik 
entsendete zwar am späteren Nachmittage eiligst ein Bataillon 
zur Verstärkung nach Göschenen ; doch ist dasselbe wohl zu spät 
gekommen, um noch entscheidend eingreifen zu können. 129 

Die Zersprengung der Streitkräfte des Obersten St. Julien 
war eine vollständige. Noch folgenden Tages machten die Fran- 
zosen in den Bergen ob Göschenen an 250 Versprengte zu Ge- 
fangenen, darunter 1 Hauptmann und 24 Jäger vom Corps Le- 
loup. Die Franzosen wollen (F. T. B.) am 30./31. nur 10 Tote, 



94 

darunter den Chef der 109. Halbbrigade, und 167 Verwundete 
verloren haben. Auch General Loison wurde leicht am Arme 
verwundet. 

Lecourbe gedachte am 3. Juni den Kampf zu erneuern, eben 
hatte er die nötigen Verfügungen dazu getroffen, als der Adjutant 
des Obergenerals Massena eintraf. Dieser überbrachte den Befehl, 
sogleich den Kanton Waldstätten zu räumen, da Erzherzog Karl 
bereits Zürich bedrohe. Unter diesen Umständen mußte Lecourbe 
von der Wiedereroberung des Gotthard absehen. 

Am 4. Juni zogen sich die in und um Schwyz stehenden 
Truppen, die Brigade Rheinwald (ehemals Ney, dann Ruby) nach 
Gersau und Rothenthurm zurück. Die Brigade Loison bewerk- 
stelligte die nötig gewordenen Bewegungen in der Weise, daß die 
38. Halbbrigade noch am 3. Juni von Bürglen nach Flüelen 
marschierte und von dort über den See nach Beckenried und 
Stans gesetzt ward. Am 4. ging dann das Corps d'expedition von 
Amsteg nach Arth, die 109. Halbbrigade von Göschenen und das 
II. Lemanerbataillon von Bauen nach Seelisberg. Den Rückzug 
deckte Lecourbe durch fortgesetzte Vorstöße in Form von Er- 
kundungen. Während 11/76. Halbbrigade von Spiringen nach 
Seedorf marschierte, bewegte sich 1/76. von Amsteg nach Atting- 
hausen und Seedorf. Die Grenadierreserve blieb noch die Nacht 
zum 5. Juni in Altdorf. Ueber Brunnen und Arth wurden unter- 
dessen die Artillerie, der Schießbedarf und die Kavalleristen 
(1 Schwadron, 12. Chasseursregiment) nach Luzern entsendet. 
Endlich, am 5. Juni morgens 3 Uhr, schiffte sich Lecourbe als 
letzter mit den noch im Reußthal verbliebenen Truppen bei See- 
dorf ein. Ueber Beckenried und Stans erreichte er sein neues 
Hauptquartier in Luzern. 

Dagegen nahmen die Oesterreicher die verlassenen Stellungen 
in den Kantonen Uri und Schwyz ein, so daß die Bevölkerung 
keineswegs zum Aufatmen unter ihrer schweren Last kam. 

Wie sehr besonders Suworoff die Besetzung des Gotthard- 
stockes durch FML. Hadik zu schätzen wußte, geht daraus her- 
vor, daß er diesem „für die von ihm angewendete Angriffsweise 
mit der blanken Waffe" (?) seinen Dank aussprach und zugleich 
einen Tagesbefehl an die Truppen erließ, in welchem folgende 
Stelle vorkam: 

„Es ist bei dieser Gelegenheit allen Truppen bekanntzugeben, 
daß sie bei dem Angriffe immer so zu Werke gehen sollen wie 
General Hadik : die Infanterie soll sich nie mit zu vielem Feuern 
abgeben, sondern sich mit dem Bajonette auf den Feind stürzen, — 
die Kavallerie mit dem Säbel die'' Reihen der Infanterie und Ka- 
vallerie durchbrechen." 

FML. Hadik war jedoch außer Stande, nach der Besetzung 



95 

des Gotthard noch weitere Fortschritte zu machen. Seine Division 
löste sich gleichsam stückweise auf. Generalmajor Prinz Rohan 
marschierte auf den früher gegebenen Befehl von Suworoff hin 
wieder nach Bellinzona und von da über Locarno und durch das 
Centovalli-Thal nach Domo d' Ossola. 

Zur Verfügung von FML. Hadik verblieben — die Brigade 
St. Julien muß natürlich abgerechnet werden — nur 6 Bataillone 
und 1 Jägercompagnie Leloup. Und selbst von dieser geringen 
Truppen menge mußte er 12 Compagnien ins Oberwallis gegen die 
anrückende Division Xaintrailles, 3 Compagnien auf die Grimsel 
und die Furka, 5 Compagnien zur Verstärkung der geworfenen 
Brigade St. Julien entsenden. 

Schon war FML. Hadik fest entschlossen, am 3. Juni die Gott- 
hardstellung wieder zu räumen, als jene unerwartete Wendung der 
Dinge beim Gegner eintrat. Zugleich erfuhr er, daß Generalmajor 
Herbert aus dem Bündner-Oberlande mit Verstärkungen heran- 
rücke. Nur durch dieses Zusammentreffen glücklicher Umstände 
blieb der Gotthard den Verbündeten erhalten. Suworoff dagegen 
befahl dem FML. Bellegarde, 3000 Mann zur Verstärkung des 
Corps Hadik sogleich abgehen zu lassen, damit dieser zum Angriff 
gegen Xaintrailles schreiten könne. Prinz Rohan erhielt Befehl, 
dem Walliser Landsturm den nötigen Schießbedarf und 4 Gebirgs- 
geschütze über den Simplon zugehen zu lassen. 

An FML. Hadik selbst schrieb der alte Marschall ermutigend: 
,Der tapfere FML. Hadik schlug mit Ruhm die beiden Divisionen 
Lecourbe und Loison und trieb dieselben in die Schweiz zurück; 
jetzt wäre es für denselben noch von größerer Wichtigkeit, mit 
seinem Corps auch den feindlichen General Xaintrailles zu schlagen." 
Und ferner: „Der St. Gotthard ist der wichtigste Punkt auf dem 
ganzen Kriegsschauplatze und dies sowohl für Italien als für die 
Schweiz. Um ihn zu halten, müssen alle Mittel angewendet werden, 
oder besser gesagt — es muß der Feind angegriffen und in die 
Flucht geschlagen werden." An Erzherzog Karl meldete Suworoff: 
„Um nach Maßgabe meiner Kräfte zu den glänzenden Erfolgen 
Ew. Hoheit mitzuwirken, habe ich befohlen, das Corps Hadiks bis 
zu 12 000 Mann zu verstärken, damit derselbe über den Simplon 
und den St. Bernhard ins Wallis und dann gegen Martigny, 
St. Maurice, Aigle, Villeneuve und Vevey vordringen könne." 

In einem von FML. Hadik selbst gefertigten Standesausweise 
vom 9. Juni (Miliutin II, 454, Nr. 198) verfügte er über 15 Ba- 
taillone, 27 1 /2 Compagnien und 1 Schwadron mit zusammen 12 597 
Mann. Diese Truppen verteilten sich wie folgt : 



9(5 

Brigade Strauch. Brigade St. Julien. 

1 Bataill. Banat 976 M. 2 Bataill. Xeugebauer 518 U. 

2 „ Wallis 1701 „ 1 „ de Vins 423 „ 
1 „ Grenad.AYeißenwolf 1714 „ 1 ., Kinsky 687 „ 
6 Comp. Siegenfeld 683 „ 3 Comp. Munkacy 170 „ 
6 „ Carneville 392 „ 

1 Scnwadr. Erdödy-Husaren 174 „ 

Brigade de Briev. Brigade de Xobili. 

3 Bataill. Großh. Toscana 2119 M. 2 Bataill. Oranien 1706 M. 
1 „ St. Georgen 932 ., 3 Comp. Trautenberg 281 „ 

6 ., Greth 634 „ 

3 „ Jäger Leloup 325 „ 

1 2 „ Pioniere 71 „ 

Suworoff entsendete sogar den Obersten Weyrother zu FML. 
Hadik, um diesen zum Handeln zu bewegen. Alles ohne Erfolg ; 
der österreichische General blieb unbeweglich in Airolo und dem 
Urserenthale stehen, ohne Xaintrailles weiter zu beunruhigen oder 
Lecourbe im Reußgebiete zu verfolgen. 

So erklärt sich auch der scharfe Verweis, den diese Unthätig- 
keit ihm von Seiten Suworoffs zuzog: 

„Trotzdem Sie Sieger gewesen, machten Sie dennoch Halt und 
blieben wieder bei Ihrem „Unterkunft und Unbestimmt gesagt" 
stehen. Sie hätten, nachdem Sie den Feind geschlagen, denselben 
verfolgen sollen ; im Falle eines Sieges kann man den Feind auch 
durch eine kleine Abteilung abschneiden. Statt dessen fiel Oberst 
St. Julien zum Opfer; derselbe wurde angegriffen und erlitt das 
Schicksal, das eigentlich den Feind hätte treffen sollen. ... Sie 
haben ein hübsches Corps, dessen Stärke sich fast auf lOOüO Mann 
belief; wegen Ihrer planlosen Anordnungen mußte ich in aller 
Eile mehr als den dritten Teil des Beilegardeschen Corps Ihnen 
zusenden, obgleich dasselbe doch gegen den Feind, der aus Toscana 
heranrückt, hätte verwendet werden sollen; die Ihnen gesendete 
Verstärkung brachte auch nicht den geringsten Nutzen. " (Miliutin 
II, 126.) 

In der That befand sich aber Lecourbe seit dem Erscheinen 
größerer gegnerischer Streitkräfte im Muottathal und auf dem 
Klausenpasse ohne eigentliche Rückzugslinie. Als vollends die 
Entscheidung bei Zürich bevorstand, welche, wie Massena wohl 
im voraus wissen konnte, mit einem Rückzuge für ihn enden 
mußte, da war es nur ein Gebot der Klugheit, daß er die Division 
Lecourbe aus dem Reuß- und Muottathale so nahe als möglich 
an sich zog. 

Clausewitz (I, 330 — 333) faßt die Ergebnisse der von der 
Division Lecourbe im Laufe des Monats Mai gelieferten Kämpfe 
und die Bedeutung des Besitzes der Gotthardstellung in folgenden 
Sätzen zusammen: 

„Wir sehen also den General Lecourbe in den vier Wochen 



97 

des Mai eine fünffache Bewegung machen, von Ponte über Lenz, 
den Bernhardin, Bellinzona, den St. Gotthard nach Altdorf, ohne 
daß diese Bewegung ein eigentliches strategisches Objekt erreicht 
hätte, denn der kleine Sieg über den Prinzen Rohan war zu un- 
bedeutend und zu ungewiß, als daß er dafür gelten konnte. Kaum 
ist er bei Loison eingetroffen, so muß er nach dem St. Gotthard ; 
kaum auf dem St. Gotthard angekommen, ruft ihn der Befehl 
Massenas nach Altdorf. Freilich haben wir für Lecourbes Be- 
wegung nach Bellinzona einen Grund angegeben , nämlich die 
Zugänge zum St. Gotthard zu decken. Hier fragen wir aber nicht 
nach den Motiven, die der General Massena hatte, sondern nach 
dem Nutzen, den die Bewegung wirklich gestiftet, und kommen 
erst durch diesen auf die Zulässigkeit des Motivs. Die Bewegung 
Lecourbes zeigt, daß Massena den St. Gotthard nicht halten, noch 
viel weniger die Gegend von Bellinzona behaupten konnte, und 
doch war Beliegarde abmarschiert und hatte von seiner Armee 
nur etwa 15000 Mann gegen die Schweizer Armee gelassen; wie 
viel weniger konnte also die Absicht Massenas zulässig sein, da 
er gar nichts von diesem Abmärsche Bellegardes wußte ! 

Wenn wir gleichwohl den General Lecourbe in diesen vier 
Wochen drei kleine, aber sehr verschiedene Siege, den 13. Mai auf 
dem Monte Cenere, südlich von Bellinzona, gegen Rohan, den 28. 
im Muottathal am Yierwaldstättersee gegen Cavasini, den 31. aber 
im Thale der Reuß gegen St. Julien erfechten sehen, so ist das 
wieder nur der unnachahmlichen Thätigkeit und großen Ent- 
schlossenheit dieses Generals zuzuschreiben. Der Weg, welchen 
er vom 4. bis 31. Mai zurücklegt, beträgt etwa 40 Meilen, dreimal 
übersteigt er die Kette der hohen Alpen und zweimal überschifft 
er den südlichen Teil des Vierwaldstättersees. Die französischen 
Fahnen allerdings müssen es dem General Massena Dank wissen, 
dem General Lecourbe Gelegenheit zu diesem bewunderungswürdigen, 
höchst glänzenden Abschnitte des Feldzugs gegeben zu haben. 

Hier ist die Frage an ihrem Orte, welchen Wert der Besitz 
des St. Gotthard für beide Teile haben konnte. Wir sind so dreist 
zu behaupten: einen sehr unbedeutenden, so anstößig dies auch 
dem Generalstabe aller Armeen sein mag. 

Daß er in seiner geologischen Bedeutung als der höchste 
Punkt der Schweiz, als der Teilungspunkt des großen europäischen 
Wasserzuges einen Wert haben könne, leugnen wir ganz, ohne 
uns darüber auszuweisen, weil wir der Meinung sind, daß es gerade 
jenen Männern, die dem Begriffe des Dominierens diese illusorische, 
größtenteils figürliche Bedeutung gegeben haben, obliegt, den 
Beweis für die Realität derselben zu führen, den sie immer noch 
schuldig sind. 

Es hat sich nämlich diese ganze Ansicht bis jetzt immer nur 

Günther, Feldzug 1799. 7 



98 



noch in Phraseologie geäußert. Daß es unthunlich oder auch nur 
merklich schwieriger wäre, sich bei Dissentis oder Amsteg in einem 
Posten zu halten, als auf dem St. Gotthard, und bloß deswegen, 
weil dieser 3000 — 4000 Fuß höher liegt als jene Punkte, ist auch 
durch nichts erwiesen, sondern wird vielmehr selbst durch Beispiele 
aus dieser Kriegsgeschichte widerlegt. Aber freilich ist der St. Gott- 
hard auch ein Teilungspunkt für die Straßen, da er für Pferde 
und Lasttiere brauchbar ist. Auf der einen Seite sendet er Wege 
nach Chur und Altdorf, auf der anderen nach Brieg im Wallis, 
Domo d ? Ossola und Bellinzona. Nun kann ein Straßenknoten in 
der Strategie allerdings von großer Bedeutung sein, aber nur wenn 
diese Straßen selbst eine Bedeutung haben, also wenn sie zu einem 
Gegenstande führen, der eine starke Beziehung zu dem kriegerischen 
Akte hat, und wenn eine Armee da ist, welche sie in dem einen 
oder anderen Fall benützen will. Die Straßen nach Domo d' Ossola 
und Bellinzona hatten für die Franzosen als Verbindung zwischen 
ihren beiden Armeen keinen Wert mehr, da die italienische sich 
nach den Apenninen zurückgezogen hatte; sie hätten also nur 
Wert haben können, wenn die Franzosen darauf bedacht gewesen 
wären, den Rücken der verbündeten Armee in Italien zu bedrohen ; 
das konnte aber vernünftigerweise in dem Augenblicke nicht ihr 
Zweck sein, wo die Armee Massenas in der Schweiz selbst so 
unmittelbar bedroht war. Der Weg durch das Walliser Thal war 
in den Händen der Insurgenten, und wenn er auch frei gewesen 
wäre, so gab es ja zum Paß über den großen Bernhard, welcher 
in dem Augenblicke der einzige Verbindungsweg von Wert war, 
noch andere Wege, als über den St. Gotthard. Der Weg über 
den Crispalt nach Chur fährte ins Rheinthal zu den Oesterreichern, 
der Weg nach Altdorf zur Armee Massenas. Aber erstlich setzt 
der Besitz des St. Gotthard keineswegs den des Crispalt voraus, 
wenn er ihn auch erleichtert; zweitens ist es ebenso übertrieben 
zu sagen, daß der Crispalt eine Herrschaft über das Rheinthal 
übt, denn wir müssen darauf zurückkommen zu behaupten, daß 
man sich, abgesehen von der Zufälligkeit der Lokalität, in einem 
Posten bei Dissentis oder irgendwo sonst ebenso gut halten könne, 
als auf dem St. Gotthard, und ebenso konnten die Franzosen den 
Weg zu Massena gegen die Oesterreicher decken, ohne auf dem 
St. Gotthard zu stehen. Wir meinen daher, daß der St. Gotthard, 
sobald Moreau die Lombardei nicht hatte, als Verbindungspunkt 
beider Armeen keinen Wert haben konnte ; wollte man aber sagen, 
er hätte ihn mittelbar gehabt, um die Verbindung der beiden 
österreichischen Armeen zu erschweren, so antworten wir, daß 
über den Julierberg, den Splügen und Bernhardin Pässe genug 
mit geringem Umwege nach Italien führten, so daß eine ganze 
Armee, wie die von Bellegarde, ohne Hindernis dahin zog. 



99 

Wir glauben also, daß in der Lage der Dinge, welche im 
Mai und Juni stattfand, der Besitz des St. Gotthard von keiner 
sonderlichen Bedeutung sein konnte , und daß , wenn er auch in 
der Behauptung des Gebirges einige Vorteile gewährt hätte, diese 
es nicht wert waren, sich darum mehr auszudehnen, als ratsam 
war. Wirklich sehen wir auch Massena am Ende des Abschnitts, 
in welchem wir uns hier befinden, den St. Grotthard samt dem 
hohen Gebirge aufgeben und den General Lecourbe mit seiner 
Hauptmacht nördlich vom Vierwaldstättersee sich stellen, ohne 
daß er sich dabei übler befunden hätte." 

Wohl verstanden, gelten diese Ausführungen lediglich für die 
Feldzugslage während des Monats Mai 1799 und als Erläuterung 
der falschen Ansicht, welche noch in den Tagen, da Clausewitz 
schrieb (1819/20), den Meinungen vieler rücksichtlich der „beherr- 
schenden Gebirgsstellungen" gebot. In jenem Augenblicke, da die 
Franzosen vorzüglich daran denken mußten, ihre Kräfte in der 
Schweiz von neuem zu sammeln und zu ordnen, durften sie des 
Gotthard wohl entbehren. Sobald es sich aber darum handelte, 
die Verbindung mit ihren auf Italiens Boden kämpfenden Kameraden 
wieder herzustellen, mußten sie auch an die Wiedereroberung des 
gewaltigen Gebirgsstockes denken. 

Für die Verbündeten kommen freilich die entgegengesetzten 
Beweggründe zur Geltung. Ihnen mußte vor allem daran liegen, 
Frankreichs Heere getrennt von einander zu besiegen und sich 
durch die Schweiz einen Weg nach Mittel-Frankreich zu sichern. 
Dieses Ziel zu erreichen, glaubten sie des Besitzes der Gotthard- 
stellung keineswegs entraten zu können. 130 



->-<3~- 



IV. 

Die Ereignisse während der Waffenruhe. 



Nach der ersten Schlacht von Zürich trat ein längerer, zwar 
keineswegs erzwungener, noch auch durch die Kriegführenden be- 
stimmter Waffenstillstand ein. Erzherzog Karl hatte den FML. 
Sztarray nach Schwaben entsendet, behielt aber doch in der Schweiz 
nicht weniger als 65 000 Mann zur Verfügung. Die Aufstellung 
derselben ward in folgender Weise geordnet : 
45 000 Mann (44 Bataill., 68 Schwadr.) an der Limmatlinie unter 
Erzherzog Karl, 
7 000 Mann (6 Bataill., S Schwadr.) bei Stühlingen und Walds- 
hut unter FML. Nauendorf, 
8000 Mann (12 Bataill., 5 Schwadr.) zwischen dem Zürcher und 

Luzerner See unter Generalmajor Jellacic, 
4800 Mann (7 Bataill., 1 Schwadr.) im Reufithai unter General- 
major Bay. 
Die Verbindung mit der in Italien kämpfenden Armee der 
Verbündeten sicherte das Corps des FML. Hadik, das vorläufig 
noch in Hospenthal, Airolo und den Orten der Leventina stand. 
Im ganzen verfügten demnach die Verbündeten, d. h. in diesem 
Falle die Oesterreicher, über 82 000 Mann, welche sich zerstreut 
auf der weiten Bogenlinie vom Simplon, dem Gotthard, Schwyz 
und Zürich bis in den Schwarzwald befanden. Zusammengefaßt 
hätte diese Macht gewiß völlig hingereicht, um Massena, welcher 
lediglich 65 000 Kämpfer befehligte, aus der Schweiz zu vertreiben. 

Die Franzosen deckten das von ihnen beherrschte Gebiet des 
Einheitsstaates in einer ebenfalls sehr zersplitterten Form: 
25 600 Mann standen Zürich gegenüber und längs der Limmat 

unter Massena. 
16000 Mann deckten unter Souham und Ney das Frickthal von 
der Aaremündung bis nach Basel. 
6 500 Mann standen vom Zugersee an bis jenseits der Sihlbrücke 
unter Chabran (IL Division). 



101 

9 000 — 10 000 Mann befanden sich zwischen und längs dem Zuger- 
und Vierwaldstättersee, sowie im Haslethal (Di- 
vision Lecourbe). 
6 700 Mann hielten unter Xaintrailles, später Turreau das Wallis. 

Trotz seiner hervorragenden Ueberlegenheit an Streitkräften 
beschränkte sich Erzherzog Karl bei Zürich darauf, einzelne nicht 
einmal vervollständigte Maßregeln zur Verteidigung zu treffen. 
Massena dagegen war viel zu schwach, in dieser Zeit zum 
Angriff schreiten zu können. Vielmehr mußte er sich glücklich 
schätzen, nicht in Kämpfe um seine feste Albis-Stellung verwickelt 
zu werden. 

Dagegen ruhten auch während der Waffenruhe die Unter- 
nehmungen im Gebirge keineswegs. Vielmehr bewies Lecourbe 
dort von neuem seine Thatkraft, von dem weisen Grundsätze aus- 
gehend, daß unbeschäftigte Truppen bald wenig leistungsfähig 
erscheinen. 

In Italien begann sich die Abneigung der kaiserlichen Gene- 
ralität gegen die Art, wie Suworoff Krieg führte, deutlich fühlbar 
zu machen. Es kam so weit, daß der Marschall seinen Zaren um 
sofortige Abberufung anging und Paul dem Grafen Rasumowsky 
den Auftrag erteilte, von Kaiser Franz selbst die nötige Auskunft 
zu verlangen. Die Angelegenheit des von Suworoff befohlenen 
Marsches des Corps Hadik, das zu diesem Zwecke, nämlich um 
ins Wallis einzudringen, ansehnlich verstärkt wurde, liefert hiefür 
die hervorragende Erläuterung. 

Prinz Charles Rohan, der nicht mit Prinz Viktor zu ver- 
wechseln ist, stand im Val d' Aosta. Von hier aus wollte er es 
versuchen, sich der Pässe über den Simplon und den Großen 
St. Bernhard, welche durch Teile der Division Xaintrailles besetzt 
waren, zu bemächtigen. 

Am 17. Juni, morgens 6 Uhr, griff er die Stellung auf dem 
zuletzt genannten Bergsattel mit drei Kolonnen an. Beim Hospiz 
hatte die französische Mannschaft eine Schanze errichtet, welche 
von 2 Geschützen gedeckt ward. Trotz eines mehrstündigen Ge- 
fechtes blieben alle Anstrengungen, das Ziel zu erreichen, völlig 
umsonst. „Der Felsen, auf welchem die Franzosen ihre Redoute 
errichtet hatten, war mit Eis und Schnee bedeckt ; die angreifenden 
Truppen mußten gegen denselben auf einem engen Gebirgssteige 
paarweise und unter dem Feuer des Feindes heranklimmen. " 
(Miliutin II, 556/7, Nr. 182.) 

Unter dem 12./13. Juni erhielt FML. Hadik den Befehl, die 
Brigaden Nobili und Rohan sogleich nach Turin abgehen zu 
lassen und für dieselben sich den nötigen Ersatz zu verschaffen. 
Tags darauf ward er jedoch wiederum und zwar ebenfalls von 
Suworoff angewiesen, im Vereine mit den Generalmajors Bay und 



102 

Jellacic zu handeln, um sich des Wallis zu bemächtigen. Der 
Erzherzog, von diesem Auftrage benachrichtigt, empfing am 
16. Juni den neuerlichen Ausdruck des Wunsches von Suworoff, 
die Ablösung der Truppen des FML. Hadik zu beschleunigen. 
Diesem sollte derart die Möglichkeit geboten werden, schnell 
nach Turin abzumarschieren. Suworoff ist hier nicht zu ent- 
schuldigen, jedenfalls wußte FML. Hadik durchaus nicht, woran 
er sich eigentlich zu halten habe. Erzherzog Karl dagegen glaubte 
an die größte Gefahr, soferne er die ausgedehnte Stellung auf 
dem einen oder anderen Punkte schwächen müsse. Er entsendete 
aus diesem Grunde keine Ablösung für FML. Hadik und Suworoff 
ward demnach gezwungen, die bereits in der Po-Ebene eingetroffenen 
Teile des Corps wieder in ihre alten Stellungen zurückzuschicken. 

FML. Hadik befehligte gegen Ende Juni 10 990 Mann (18 1 /* 
Bataillone) ; von diesen standen 8 Bataillone unter Oberst Strauch 
im Oberwallis, 2 1 k Bataillone unter Prinz Victor Rohan hielten 
denSimplon, 8 weitere Bataillone hatte der Feldmarschall-Lieutenant 
selbst bei sich in den Orten des Val d'Aosta. Noch am 30. Juni 
erhielt er von Suworoff Befehl, das Corps auf die Stärke von 
13 000 Mann zu bringen und nun endlich von der Furka, dem 
Simplon und dem Großen St. Bernhard her ins Wallis einzudringen. 

In dem aus Alessandria den 29. Juni gefertigten Berichte 
des Verlaufes der Schlacht an der Trebbia meldet der Marschall 
(Miliutin II, 273): „. . . Außerdem stehet Feldmarschall-Lieutenant 
Hadik, welcher bereits bis 7000 Mann im oberen Walliserland 
zwischen dem Gotthards-Furcule- und Simple-Berge stehen hat. 
Er wird mit andere 6000 Mann über den großen Bernardberg ins 
Unterland einbrechen, um den Feind in Leuk und Brig zwischen 
zwei Feuer zu bringen und das ganze Thal zu reinigen und zu 
behaupten, bis nicht S. K. H. (Erzherzog Karl) die von Ew. Majestät 
anbefohlene Ablösung dieses Corps in Erfüllung zu bringen vermag/ 

Darauf antwortete Kaiser Franz als getreuestes Echo seines 
Ministers Thugut (Miliutin II, 275): „ . . . Daß das Hadiksche 
Corps mit sämtlichen dazugehörigen Truppen dermalen einen Teil 
Meiner unter Ihren Befehlen stehenden italienischen Armee aus- 
machet, folglich von Ihnen, sowie Sie es an Zeit und Umständen 
nützlich und dienlich finden werden, zu den Operationen in Italien 
verwendet werden kann, und es bloß darauf ankommen wird, 
daß an dem Gotthardberge jene Anzahl von Truppen aufgestellt 
gelassen w 7 erde, die Sie für nötig erachten dürften, um gegen 
einen allenfälligen feindlichen Einbruch von dorther zu sorgen, 
welches ohnehin nicht sehr zu befürchten sein dürfte, weil Massena 
nicht wohl seine Armee in der Schweiz durch Detachements nach 
Italien schwächen kann, ohne sich gegen Meinen Bruder, den 
Erzherzog Karl, bloßzugeben. " 



103 

Daraufhin mußte Suworoff natürlich von einem Angriffe 
gegen das Wallis abstehen, wollte er sich rieht einen erneuerten 
Verweis vom Kaiser „wegen Nichterfüllung der Befehle" zuziehen. 
Dem österreichischen Hofe lag einzig und allein daran, die Festung 
Mantua wieder in kaiserlichem Besitze zu wissen. Alle übrigen 
Unternehmungen mußten vor der Belagerung dieses Platzes zurück 
stehen. 

Am 7. Juni erreichte die Division Lecourbe ihre neuen Stand- 
orte. Der Ausweis über die Stärkenverhältnisse vom 19. Juli 
gestaltet sich wie folgt: 

Hauptquartier der Division in Luzern. 

106 Chasseurs vom 12. Regiment, 219 Artilleristen, 130 Pontoniere, 

108 Genie-Sappeure. 

Brigade Loison: Brigade Boivin: 

38. u. 67. Halbbrigade = 3340 M. 76., 84. und 87. Halbbrigade = 

109. Halbbrigade, IL Lemaner- 3849 M. 

bataillon = 2708 M. 

Demnach zählte die Division zusammen: 13 Bataillone (9403 M.), 
1 Schwadron (106 M.) und verfügte über: 4 Achtpfünder, 2 Vier-, 
1 Zwölf- und 1 Sechzehnpfünder. Die Zahlen entsprechen etwa 
zwei Dritteln des gesetzlichen Bestandes. Zur Vergegenwärtigung 
des Abganges an Mannschaft mag das Beispiel der 38. Halbbrigade 
angeführt werden. Diese zählte an jenem Zeitpunkte : 47 anwesende, 
31 abwesende Offiziere ; 1454 Mann unter dem Gewehr, 313 in 
den Spitälern, 331 in Kriegsgefangenschaft. 

Die Truppen des Generals Loison deckten Bauen, Beckenried 
und den übrigen Teil des Kantons Unterwaiden. Der General 
Rheinwald, welcher die Geschäfte eines zweiten Chefs des Stabes 
von Massen a übernahm, ward durch General Boivin ersetzt. Die 
diesem unterstehende Brigade des rechten Flügels deckte den 
Kanton Zug und den nordwestlichen Teil von Inner-Schwyz. 

Am 12. Juni erhielt Lecourbe für wenige Tage und wohl in 
Vertretung des Generals Chabran den Befehl über die IL Division, 
deren Stellungen er enger aneinander schloß. Die IL Division 
zog nämlich ihre Vorpostenlinie von der Sihl zurück und räumte 
Schindellegi. Rückwärts des kleinen Dörfchens Finstersee stützte 
sie nun ihren rechten Flügel auf die Höhe des Gubel. Der linke 
Flügel besetzte dagegen die Sihlbrücke, um dergestalt die Haupt- 
straße von Wädensweil nach Zug zu decken. Zugleich erhielt 
die Division Lecourbe am 13. Juni eine Verstärkung durch III./37., 
die 44. Halbbrigade und 6. Compagnie des I. Lemaner-Bataillons, 
welche Truppen aber sogleich der IL Division einverleibt wurden. 

Am 14. Juni bezog auch die Brigade Boivin ihre neuen 
Stellungen. Sie räumte Rothenthurm, Sattel und Altmatt am 



104 

Biberbache. Der rechte Flügel lehnte an der Rigi, der linke am 
Roßberg. Die Vorpostenlinie im Thale des Lowerzer Sees er- 
streckte sich von Steinerberg nach Lowerz, durch das heutige 
Trümmerfeld des Bergsturzes vom 2. September 1806. Der Rest 
der 6. Halbbrigade und das Corps d'expedition kamen nach Goldau, 
die 12. leichte Halbbrigade verlegte eines ihrer Bataillone in ein 
Bivouac, „das an ein kleines Wäldchen längs dem Wege nach 
Steinen und unterhalb des Ortes Steinerberg " sich erstreckte. 
Die Oertlichkeit läßt sich jetzt natürlich nicht mehr genauer be- 
stimmen. Das andere Bataillon bezog dagegen ein Hüttenlager 
hinter dem Vereinigungspunkte der Straße von Lowerz und des 
Querweges, welcher von Steinen gegen diesen Ort hin führt. Die 
Stellung lag vermutlich auf der kleinen Ebene unterhalb der 
Häusergruppe Busingen, am nordöstlichen Fuße der Rigi-Scheideck. 

Auch die 87. Halbbrigade trat jetzt unter die Befehle von 
Lecourbe. Sie stand im oberen Aarethale und trieb am 16. Juni 
eine Erkundung bis zum Spitale auf die Grimsel hinauf. Der 
dortige österreichische Posten, 1 Unteroffizier mit 8 Mann, ließ 
sich überraschen und ward kriegsgefangen. Immerhin besetzte 
Oberst Strauch den genannten Uebergang sogleich wieder und zwar 
sonderbarerweise mit einer gleich starken Abteilung. 

Am 23. Juni (4. Thermidor) trieben die Oesterreicher ihre 
Patrouillen bis ins Dorf Steinen vor, um den Marsch einer Abteilung 
über den Sattel nach Rappers wyl zu decken. Unter dem 24. Juni 
erwähnt das Feldtagebuch, daß ein der Division zugeteiltes Halb- 
bataillon aus dem Aargau fast völlig durch Fahnenflucht aufgelöst 
worden sei. Da es nur noch 75 Mann unter dem Gewehre hatte, 
so wurden auch diese entlassen. Die Grenadier-Reserve (3 Com- 
pagnien der 38., 76. und 109. Halbbrigade) kam von Luzern 
nach Arth, die zur Division gehörende Schwadron des 12. Chasseur- 
Regiments neben 4 Compagnien der 76. Halbbrigade von Seelis- 
berg nach Gersau. Am 3. Juli (14. Thermidor) ward auf Befehl 
von Massena eine Erkundung gegen Schwyz unternommen, das 
nur von l 1 /g Bataillonen, 900 bewaffneten Landleuten, einer Ab- 
teilung Kavallerie (und 4 Geschützen) gedeckt ward. Man glaubte 
nämlich, daß die Division Jellacic durch Entsendung von Ver- 
stärkungen für die verbündete Armee in Italien sehr geschwächt 
wäre. So mußte auch gleichzeitig die Division Chabran an dem 
Unternehmen sich beteiligen. 

Für Lecourbe lag es überdies im Plane, den Artilleriepark 
der Oesterreicher in Schwyz fortzunehmen und die für den Bau 
und die Ausrüstung von Schiffen bei Brunnen errichtete Werft 
zu zerstören. 

Zu diesem Zwecke ging der General Boivin mit 2 Bataillonen 
Corps d'expedition, 30 Chasseurs vom 12. Regiment und den 



105 

3 Grenadier-Compagnien als Reserve um 6 Uhr vormittags von 
Goldau über Steinerberg und Steinen gegen Schwyz vor. Der 
Gegner aber ließ sich nicht überraschen, sondern erwartete die 
Franzosen festen Fußes, welche nach dem Feldtagebuch „hier 
durchaus nicht alles das leisteten, was man füglich von ihnen 
erwarten konnte." Immerhin machte die Kolonne 1 Offizier und 
etwa 30 Mann zu Gefangenen. Eine zweite Abteilung unter den 
Befehlen des Bataillonschefs Gauthier mit 2 Bataillonen der 
12. leichten Halbbrigade und 12 Chasseurs brach zu gleicher Zeit 
wie General Boivin ebenfalls von Goldau auf, um über Lowerz 
und längs dem See Schwyz zu erreichen. Aber ehe sie noch 
in Seewen einzudringen vermochte, trat der Kolonne die ganze 
kleine Macht des in Schwyz befehligenden Majors Eötvös entgegen. 
In der Unordnung, in der sich die Franzosen befanden, konnten 
sie den Stoß nicht aushalten, sondern wurden zur Umkehr ge- 
zwungen. Dabei verloren sie 7 Offiziere und 43 Mann an Gefangenen. 

Eine dritte Abteilung, geführt von dem Escadronchef Porson 
und bestehend aus 4 Compagnien der 76. und 1 Compagnie der 
109. Halbbrigade, überschritt von Lowerz aus die Einsattelung 
zwischen der Scheideck und der Hochfluh (1195 m, Steigung etwa 
732 m), um von Gersau aus Brunnen längs dem Vierwaldstättersee 
zu erreichen. An der Muottabrücke im „Schroten" traf die Kolonne 
auf die österreichischen Vorposten. Es entspann sich ein lebhaftes 
Feuergefecht, an welchem auch die als „Länder-Bauwi" (das 
Direktorialschiff) bekannte Kanonierschaluppe teilnahm. 131 Auf 
dem Fahrzeuge und der dasselbe begleitenden Flotille sollen sich 
an diesem Tage Lecourbe und 500 Grenadiere befunden haben. 
(Dedon 23; dlzarny 77. Das Feldtagebuch weiß nichts davon.) 
Diese hätten sich ausgeschifft und in glänzender Weise am Gefechte 
beteiligt. Nach und nach brachte der Gegner 2 Compagnien vom 
Regiment Stain und 1 Bataillon „Suisses revoltes", nämlich Glarner 
und Schwyzer Milizen, in die Feuerlinie. Die Milizen hielten sich 
sehr brav. Lieutenant Knobel und 5 Füsiliere wurden getötet, 
Hauptmann Schindler und 11 Mann verwundet. Es gelang jedoch 
den Franzosen, die Brücke mit Sturm zu nehmen. Eine Compagnie 
verfolgte den weichenden Gegner bis Ingenbohl. Zwei andere Com- 
pagnien eilten im Laufschritte nach Brunnen hinein und säuberten 
den Ort von den wenigen dort noch anwesenden Feinden, die sich 
nach Morschach zurückzogen. Hierbei wurden 6 (nach öster- 
reichischer Angabe nur 2) Kanonen, einiger Schießbedarf, mehrere 
Boote, einiges Handwerkszeug und Stricke erbeutet. Ebenso fielen 
2 Offiziere, 100 Mann vom Regiment Stain neben 12 Kanonieren und 
einem Oberfeldscher in die Kriegsgefangenschaft. An Toten und 
Verwundeten büßten die Oesterreicher etwa 200 Mann ein. 

Eine vierte Compagnie der französischen Kolonne trieb auf 



106 

dem rechten Muottaufer den Gegner über Wylen vor sich her, 
die letzte Coinpagnie sicherte die Rückzugslinie an der „Schroten." 

Dann ward langsam der Rückweg angetreten. Nach Gersau 
eilte eine Compagnie voraus, um eine etwaige Umgehung von 
Lowerz her zu verhindern. Der Feind drängte unter der that- 
kräftigen Führung des Majors Eötvös heftig nach, gab dann aber 
jede Verfolgung auf. 

Am 11. Juli (21. Thermidor) trat I./87. Halbbrigade einen 
Marsch zur Erkundung der Grimsel-Paßhöhe an. Vier Leute des 
Bataillons waren, durch zwei Bürger verführt, dorthin entflohen. 
Der Spital wurde besetzt und die Fahnenflüchtigen samt den 
Verführern gefangen. Letztere traf einige Tage später das Schicksal, 
in Luzern erschossen zu werden. 

Mitte Juli stellte sich General Gudin bei der Division ein. 132 
Er übernahm den Befehl auf dem rechten Flügel der Division. 
Der Rest der 6. leichten Halbbrigade, die beiden Bataillone der 
12. leichten Halbbrigade, das Corps d'expedition und die aus ihm 
gebildeten cisalpinischen Grenadiere verließen die Division. Sie 
wurden in ihren Stellungen durch IL/84., 1. 1II./76. Halbbrigade 
ersetzt. Die ebenfalls neu hinzugekommene 67. Halbbrigade ward 
dagegen nach Meiringen unter die Befehle des Generals Gudin 
gelegt. 133 Die 3. Schwadron des 12. Chasseurregimentes endlich 
erhielt den Befehl, den Wachtdienst in Bern zu übernehmen. Sie 
wurde bei der Division durch die 4. Schwadron des 1. Chasseur- 
regimentes ersetzt. 

Im Reußthale stand der österreichische General Bay (oder Bey) 
mit sieben schwachen Bataillonen (4500 Mann) und 1 Schwadron 
(175 Säbel) der Regimenter Gradisca, Kerpen und Modena. Zu 
Altdorf war das im Schächengrund liegende Vorratshaus als Kaserne 
eingerichtet worden. Um die schwache Abteilung des Generalmajors 
Bay wenigstens etwas zu verstärken, versuchten englische Sendlinge 
ein „Frei-Corps" durch Werbung zusammenzubringen. Obwohl 
aber 6 Kronenthaler Handgeld gegeben und ein täglicher Sold 
von 12 Kreuzern versprochen wurde, meldeten sich nur wenige. 
Von angesehenen Leuten nahm niemand derlei Dienste. 

Seit dem 10. Juli beunruhigten die gegnerischen Kanonenboote 
von Bauen aus unaufhörlich die Oesterreicher, deren Verbindung 
über den Urnersee von Flüelen nach Brunnen derart völlig unter- 
brochen erschien. 

Bay faßte dementsprechend den Plan, die Franzosen vom West- 
ufer des Sees zu vertreiben. Er bestimmte zu diesem Vorhaben 
2 1 U Bataillone, etwa zusammen 2000 Mann. 

In der Nacht zum 29. Juli um 2 Uhr vormittags begann 
der Angriff. Eine kleine Umgehungskolonne von 2 Compagnien 
sollte über den Urirotstock den Franzosen in den Rücken gelangen. 



107 

Die Abteilung verirrte sich jedoch und fiel dann im Isenthal voll- 
kommen erschöpft den Gegnern in die Hände. Eine zweite Kolonne 
ging aufwärts über die „Geige" hin vor; die Hauptmacht blieb 
auf der Straße oder vielmehr dem notdürftig gebahnten Wege 
längs des Seeufers. Die kleinen Posten, welche in Isenthal und 
Isleten standen, mußten bald weichen. Bauen ward um 10 Uhr 
vormittags besetzt und Generalmajor Graf Bay gestattete nun seinen 
Truppen die notwendig gewordene Erholung, ehe er den Vor- 
marsch gegen Treib fortsetzte. Unterdessen vernahm General 
Loison von den Ereignissen. Sogleich warf er 4 Compagnien von 
11/76. Halbbrigade, welche in Beckenried und Emmeten standen, 
nach Seelisberg, das von 1 Compagnie des nämlichen Bataillons 
besetzt war. Weitere 5 Compagnien des IL Lemaner-Bataillons 
blieben zu Beckenried in Reserve. Die in Emmeten vereinigten 
Truppen setzten sich sogleich gegen Seelisberg in Marsch. Dieser 
Ort, den die Einwohner selbst gegen die Oesterreicher verteidigten, 
war bereits in den Händen von 2 Compagnien Oesterreichern, 
indes größere Abteilungen gegen Treib hin aufklärten. Solche Zer- 
splitterung der Kräfte sollte sich empfindlich rächen. 

Unterstützt von den Kanonierschaluppen, die nach dem Berichte 
des Generals Loison viel zum glücklichen Ausgange des Gefechtes 
beitrugen, griffen die Franzosen den Gegner so überraschend an, 
daß dieser schnell und ohne Ordnung zurückwich. Zugleich fiel 
ein heftiger Gewitterregen, während dem die Batterieschlösser der 
Gewehre natürlich ihren Dienst versagten und nur das Bajonett 
als Waffe diente. Die Oesterreicher verloren 452 Mann an Ge- 
fangenen, darunter Generalmajor Bay selbst, welcher sich den Fuß 
verstaucht hatte, nebst 2 Hauptleuten, 5 Lieutenants, ebenso 100 
Tote und 150 Verwundete. 134 An dem unglücklichen Ausgange 
des Gefechtes scheint die Unthätigkeit und Unlust der Leute, über 
welche sich ihr Führer offen gegen die Franzosen beklagte (!), die 
vornehmste Schuld getragen zu haben. 

Weitere Ereignisse sind während dieser Zeit bis zur Mitte 
August hier nicht vorgefallen. 

Es mag dabei auf die Thatsache hingewiesen werden, daß damals 
das Zerreißen der taktischen Verbände keineswegs gefürchtet wurde. 
Im Gegenteil, es scheint fast, eine möglichst bunte Mischung der 
Einheiten, ein stetes Verschieben derselben sei gerade für durchaus 
notwendig erachtet worden. So berichtet das Feldtagebuch noch 
unter dem 11. August (22.Messidor), daß dieChasseurschwadron4/l. 
zur VI. Division Ney abgehen mußte, indes die 1. und 4. Schwadron 
des 1. Dragonerregiments an ihre Stelle traten. Auch erreichte 
III./38. Halbbrigade die Division und erhielt seinen Marschbefehl 
nach Samen. 

Der Vollständigkeit halber müssen endlich die völlig un- 



108 



wichtigen Gefechte erwähnt werden, welche um die Mitte Juli im 
Wallis vorfielen. 

Am 16. abends 8 Uhr erschienen die von einigem Landsturme 
begleiteten Oesterreicher bei einer von ihnen auf beiden Ufern 
der Rhone veranstalteten Erkundung vorwärts Brieg und Naters. 
Am 17. morgens nahm Oberst Strauch persönlich das Gefecht 
wieder auf und es gelang ihm sogar zeitweilig 2 Gebirgsgeschütze 
in seine Hand zu bringen. Als aber die Franzosen einige Ver- 
stärkungen erhielten, drangen sie auch wieder vor. Die Oester- 
reicher mußten mit einigem Verluste, darunter 80 Gefangene, auf 
die Furka zurückweichen. 



^-<£«- 



V. 

Die Wiedereroberung des Gotthard. 



Unstreitig zählen die Ereignisse, welche sich um die Mitte 
August im Gotthardgebiete abspielten und mit der Eroberung des- 
selben durch die Franzosen ihren Abschluß fanden, zu den wich- 
tigsten des ganzen Feldzuges. 130 Sie bereiteten die große Ent- 
scheidungsschlacht von Zürich in glücklichster Weise vor und 
stellten das Gleichgewicht der entgegenstehenden Kräfte wieder her. 

Zu Ende Juli hielten die Schweiz 75 941 Franzosen und 77 912 
Oesterreicher besetzt. Deckten jene das Gebiet auf einer Linie, 
welche von Hüningen im Elsaß über den Albis zum Vierwald- 
stättersee, ins Haslethal und bis zum Fuße des Simplon und des 
Großen St. Bernhard verlief, so sicherten diese mit ihren Kräften 
die Landesteile von der Wiese und der Wutach angefangen längs 
der Limmatlinie bis in die ehemaligen kleinen Kantone, den Gott- 
hard, die Grimsel und das Oberwallis, sowie endlich einige Thal- 
schaften von Graubünden. 

Diese Aufstellung der Gegner glich demnach völlig derjenigen 
zu Beginn der Waffenruhe. Ueber die Gründe, welche die Oester- 
reicher zur Beobachtung der letztern zwangen, verbreitet sich Erz- 
herzog Karl weitläufig im ersten Kapitel des zweiten Teils seines 
Werkes. Seite 6/7 sagt er u. a. : 

„Ihre Mehrzahl war nicht so übermäßig und nach der Schlacht 
von Zürich um so weniger bedeutend, als die französische Armee 
zwar zurückgedrückt, aber nicht geschlagen wurde. Die natürliche 
Beschaffenheit des Landes machte selbst bei geringem Widerstände 
jede rasche Vorrückung unmöglich; Massenas Stellung auf dem 
Uetli war stärker als jene vor Zürich ; die Schweiz — denn weiter 
konnten die Oesterreicher wohl damals nicht vordringen wollen — 
lieferte dem Feinde keine so großen Hülfsquellen, daß deren Verlust 
ein empfindliches Uebergewicht in der Wagschale der gegenseitigen 
Hülfsmittel hervorgebracht hätte. In Frankreich herrschte noch 
immer die nämliche Stimmung, die sich schon im vorigen Kriege 
erprobte: Mißvergnügen über die Regierung, aber noch größerer 



110 



Abscheu und Furcht vor jedem fremden Joch, folglich keine Hoff- 
nung, daß die innere Gärung je zum Vorteil fremder Völker aus- 
brechen werde. Da nun der Erzherzog nach Massenas Rückzug 
von Zürich weder eine dauerhafte, noch zu momentanen Resultaten 
führende Operation unternehmen konnte, so blieb ihm keine Wahl 
mehr übrig : er mußte sich in eine möglichst vorteilhafte defensive 
Verfassung setzen." 

Bei Massena lagen ähnliche Betrachtungen vor. Er war dem 
Gegner an Kräften nicht überlegen. Auf größere Verstärkungen 
seiner Streitmacht mit aus Frankreich gesendeten Rekruten konnte 
er aber nicht rechnen. Die verzweifelte Lage, in der die franzö- 
sische Armee sich nach der verlorenen Schlacht an der Trebbia 
(19. Juni) befand, zwang dazu, alle namhafteren Entsendungen 
dorthin abzuordnen. Für Massena gab es nur ein Warten bis zu 
jenem Augenblicke, da Erzherzog Karl sich durch die Aufstellung 
einer eigenen Rheinarmee schwächen werde. Was hätte auch eine 
vereinzelte Handlung in der Schweiz, wäre sie selbst von Erfolg 
gekrönt gewesen, der Allgemeinheit zu nützen vermocht? Wenig 
genug, denn obwohl die Schweiz Oberitalien in der Flanke zu 
bedrohen vermag, so ist eine schwache Armee doch nicht im stände, 
von den Alpen her entscheidend gegen die Po-Ebene vorzustoßen, 
sobald dort ein übermächtiger Gegner Wache hält. 

Freilich wurde Massena von Paris aus durch das Direktorium 
und den Kriegsminister Bernadotte, welche ihrerseits keine klare 
Ansicht von der Lage hatten, stetsfort auf das dringendste zum 
Handeln angespornt. 

Bereits am 18. Juni (30. Prairial) hatte in Paris eine Art 
parlamentarischer Revolution stattgefunden, durch welche die Direk- 
toren La Reveillere-Lepoux und Merlin beseitigt, an ihrer Stelle 
aber Roger Ducos und General Moulin in die oberste Behörde 
gewählt wurden. Die neuen Herrscher, unterstützt von einem 
Landesverteidigungsausschusse, suchten die Thatkraft der Feldherrn 
durch alle zweckdienlichen Mittel aufs höchste zu spannen. Ver- 
sprechungen wurden ihnen gemacht, Aufforderungen, zum Angriffe 
vorzugehen, kamen ihnen täglich zu. So entschloß sich Massena 
endlich, für die Mitte August eine Veränderung seiner Lage, 
wenigstens so weit es den rechten Flügel der Schweizer Armee 
betraf, zu versuchen. 

Zwei neuerliche Ereignisse, ein politisches wie ein militärisches, 
trugen wohl wesentlich zu diesem Entschlüsse bei. Die Not in 
der Schweiz war bei dem Aufenthalte zweier so großer Heere auf 
das Höchste gestiegen. Der Sturz jener beiden als Erpresser 
wohlbekannten Direktoren ließ die unglückliche Helvetik hoffen, 
daß man in Paris ihren Leiden wenigstens Auge und Ohr öffnen 
werde. So ging der alt-Direktor Glayre als außerordentlicher 



111 

Gesandter nach der französischen Hauptstadt ab, um über die Lage 
Bericht zu erstatten. Zugleich erließ Laharpe am 25. Juli ein 
Schreiben, das unverhüllt die Wahrheit bekannte und in dem der 
drohende Satz vorkam: „Wir erklären, daß wir bereit sind, uns 
eher für die verzweifeltsten Mittel zu entscheiden, als länger die 
Werkzeuge zu bilden zur Vernichtung und zur Verzweiflung unserer 
Mitbürger. " 

Das französische Direktorium griff auf dieses hin zwar keines- 
wegs ein, aber es forderte noch einmal und des bestimmtesten 
von Massena, daß er den Angriff wieder aufnehme. Die Ereignisse 
am Gotthard kamen freilich dem sonderbaren Feldzugsplane von 
Bernadotte zuvor, welcher ein vereinzeltes Corps in der Stärke 
von 20000 Mann durch Graubünden bis Glurns vordringen lassen 
wollte. 136 (!) 

Es hätte übrigens dieses neuerlichen Drängens nicht bedurft, 
um Massena zu dem notwendigen Entschlüsse zu zwingen. Es 
näherte sich nämlich den Grenzen der Schweiz und also auch der 
Stellung an der Limniat das Corps des Generallieutenants Rimski- 
Korsakoff. Die Ankunft der 27355 Russen, welche thatsächlich 
am 14./ 15. August nach Schaffhausen gelangten, mußte Massena 
natürlich in die größte Sorge versetzen. Er konnte ja keineswegs 
wissen, daß Erzherzog Karl den gemessenen Befehl aus Wien in 
der Tasche habe, sogleich nach Ankunft der Verbündeten mit 
seiner gesamten Macht abzumarschieren, und daß sich der Erzherzog 
nur nach langer Unterhandlung bestimmen ließ, wenigstens das 
Corps des FML. Hotze (22000 Oesterreicher, 3000 Schweizer, zu- 
sammen 20 Bataillone, 34 Schwadronen) zur Deckung des Linth- 
gebietes von dem Abzüge auszunehmen. 

Die Absicht Massenas war es, durch den von ihm angeord- 
neten Angriff die Oesterreicher aus den Urkantonen, vom Gotthard 
und aus dem Oberwallis zu vertreiben, sowie durch eine Besetzung 
des Gotthardstockes die damals schon zu erwartende Vereinigung 
der Armeen Suworoffs und des Erzherzogs Karl zu hindern. 

Um diesen Zweck zu erreichen, erhielten die an der Limmat 
und am Albis stehenden Divisionen Soult und Lorges Befehl, die 
Hauptmacht der Oesterreicher längs ihrer ganzen Aufstellung zu 
beschäftigen, indes die Divisionen Chabran, Lecourbe und Turreau 
gleichzeitig den eigentlichen Angriff durchführen sollten. 

Die vom Obergenerale erlassenen Verfügungen sind nur ganz 
allgemein gefaßt, in den Einzelheiten der Ausführung der Aufgabe 
blieb den verschiedenen Führern vollkommen freie Hand. Dies 
gilt besonders für den General Lecourbe, dem noch am 13. August 
I. ÜI./84. Halbbrigade (der Brigade Boivin zugeteilt) und das zeit- 
weilig entfernt gewesene IL/76. (Brigade Loison) abgegeben wurden, 
so daß seine Streitmacht rund etwa 12000 Mann betragen mochte. 



112 



Die Division Chabran stand am Aegerisee und an der Sihl. In 
zwei Kolonnen geteilt sollte sie gegen die Truppen des General- 
majors Jellacic vorgehen, welche mit dem Gros die Etzelstellung 
und die Verbindung nach Schwyz sicherten, woselbst sich eben- 
falls Teile dieses Corps und das Quartier seines Befehlshabers 
befanden. Die Division Lecourbe hatte auf ihrem linken Flügel 
im Ganzen genommen lediglich die Bewegungen, welche am 3. Juli 
vorgefallen, zu wiederholen. Lecourbe selbst wollte dabei mit den 
Grenadieren von Brunnen und später von Flüelen aus in das Gefecht 
eingreifen. Hierbei ward auch der Flotille eine Rolle zugedacht. 
Die Brigade Loison erhielt andererseits den Auftrag, in mehreren 
Kolonnen längs dem See, über den Surenen- und den Susten-Paß 
ins Reußthal hinunter zu steigen, woselbst seit Anfang August 
Generalmajor Simbschen als Nachfolger des gefangenen Bay be- 
fehligte. Gudin fiel der schwierige Auftrag zu, den Posten, den 
Oberst Strauch auf die Grimselhöhe gestellt, zu beseitigen, um 
darauf ins Oberwallis einzudringen. Hier endlich sollte die Division 
Turreau nicht nur den Generalmajor Prinzen Victor Rohan vom 
Simplon vertreiben, sondern auch zugleich mit Gudin gegen Oberst 
Strauch vorgehen. Damit General Turreau diesem doppelten 
Auftrage genügen könne, mußten seine Bewegungen bereits am 
13. August beginnen, indessen die übrigen Kolonnen sich erst mit 
dem 14. morgens in Marsch zu setzen hatten. 

Am 12. August begannen die Vorbereitungen zum Angriffe 
bei der Division Lecourbe. General Gudin, der bis dahin die 
Truppen seiner Brigade in Unterseen und Brienz untergebracht 
hatte, verlegte dieselben nach Innertkirchen-Bottigen und Guttannen 
im oberen Haslethal. Hierher kam auch das IL Lemaner-Bataillon, 
von welchem einzig die Jägercompagnie in Samen bei der Brigade 
Loison zurückblieb, die ihre Teile bis zum 13. in Engelberg und 
Bauen vereinigte. 

Mittwoch den 14. August begann in der That die allgemeine 
Vorwärtsbewegung, scheinbar zwischen der Mündung der Limmat 
und dem Zürichersee, in Wirklichkeit im Gebiete der oberen Reuß 
und Aare. Vom Zuger Gebiet her drang die Division Chabran 
(12 Bataillone, 6 Schwadronen) im ganzen siegreich gegen Hütten 
und die Schindellegi vor, obgleich der Gegner für diesen Tag noch 
Stand hielt. Eine zweite, zu der nämlichen Division gehörende 
Abteilung erreichte vom Aegerisee aus Sattel und Rothenthurm. 
Ueber St. Jost und am Morgarten vorbeimarschierend, warf sie die 
hier stehenden schwachen österreichischen Kräfte nach Einsiedeln 
zurück. 

In der Frühe desselben Tages griff auch die Brigade Boivin 
den Gegner in Schwyz mit Erfolg von Steinen und Seewen her 
an. 136 Die 3 Compagnien der 76. Halbbrigade, welche längs dem 



113 

See von Gersau nach Brunnen vorgingen, erhielten von der Muotta- 
brücke im „Schroten" aus 2 Geschützen heftiges Kartätschfeuer. 
Zweimal ward der Angriff abgeschlagen. Unterdessen gelangte 
jedoch die aus 6 Schaluppen bestehende Flotille mit den 8 Coni- 
pagnien Grenadierreserve bei Brunnen ans Ufer. General Lecourbe 
ließ 5 Compagnien unter dem Befehle seines Adjutanten, des 
Bataillonschefs Montfort, ausschiffen. Zugleich feuerten die Ge- 
schütze von den Booten her dem Gegner in die Flanke. Dieser 
scheint aber die Sache vorerst noch nicht verloren gegeben zu 
haben. Mehrere Schiffe wurden nämlich durch Schüsse beschädigt 
und auch einige von den Kanonieren und Pontonieren verwundet. 

Montfort vermochte es, den Verteidigern des Ueberganges in 
den Rücken zu gelangen, wodurch zwei Feld- und drei bei Brunnen 
stehende Positionsgeschütze genommen und 200 — 300 Gefangene 
gemacht wurden. 

Bei der Ibacher Brücke machte der Feind einen Versuch sich 
festzusetzen. Unterdessen war aber die Hauptmacht der Brigade 
Boivin herangekommen. Ein Bataillon der 86. Halbbrigade, ge- 
führt vom Bataillonschef Margotti, stieg längs des Engeberges 
nach Ried hinab und drohte derart den Oesterreichern in den 
Rücken zu gelangen. Das Regiment Stain, welches, vom Major 
Eötvös befehligt, von 700 — 800 Aufständischen unterstützt wurde, 
mußte jetzt schleunigst nach Iberg weichen. Ein Major, 12 Offi- 
ziere und 600 Mann fielen hier in Kriegsgefangenschaft; zugleich 
verloren die Oesterreicher 45 Tote und 310 Verwundete. 

Die Franzosen büßten dagegen nur 8 Mann an Toten, 60 an 
Verwundeten ein und erbeuteten 3 Regimentsgeschütze, sowie 
1 Schweizer Fahne. Nachmittags 1 Uhr drangen sie in den Flecken 
Schwyz ein, der vollkommen ausgeplündert und zerstört wurde. 
Als am 15. der Brigadechef Sancey mit der 84. Halbbrigade ins 
Muottathal gelangte, fielen noch 300 Mann Oesterreicher und die 
Ambulancen in die Gefangenschaft. 

Der Escadronchef Porson erreichte um 11 Uhr vormittags des 
14. August, ohne viel Widerstand zu finden, über Isenthal das linke 
Ufer der Reuß bei der Seedorferbrücke. Diesen Erfolg verdankte 
Porson wohl hauptsächlich der Klugheit, daß er 6 Compagnien 
vom IL/38, unter Bataillonschef Juillet und Stabshauptmann Forgues 
von Isenthal durch das Kleinthal über die Hänge des Urirotstock, 
Gitschen und die Alpen von Honegg dem Gegner bei Seedorf in 
den Rücken sandte. Dort mußte aber vorläufig Halt gemacht 
werden, da der Gegner die Laufbahn der Brücken von Seedorf 
und Attinghausen abgeworfen hatte. Gegen 2 Uhr nachmittags 
erschien auch in letzterem Orte die Kolonne d'Aumas. Sie war 
um 3 Uhr früh von Engelberg aufgebrochen und hatte den Surenen- 
Paß (2301 m) überschritten. Sogleich entspann sich mit den gegen- 

Günther, Feldzug 1799. 8 



114 



überstehenden Teilen des Regiments Kerpen ein lebhaftes Feuer- 
gefecht, das zwar bis 8 Uhr abends anhielt, aber ebensowenig zum 
Ziele führte, wie die Anstrengungen der Kolonne Porson bei Seedorf. 
Trotz der Kartätschen, welche dort eine Kanone spie, versuchte 
der Genielieutenant Doncieux mit einigen Freiwilligen auf einer 
Leiter über die Brückenpfeiler zu gelangen. Es war vergebens, 
der Steg konnte nicht gangbar gemacht werden, weil es an Brettern 
und Balken mangelte. 

Endlich, bei einfallender Nacht, zog sich der Gegner zurück. 
Lecourbe war nämlich um 5 Uhr abends in Sisikon gelandet. Die 
Compagnien .überstiegen auf engen, stellenweise schauerlichen 
Pfaden den untern Axen" (Lusser 161). Sogleich schritt er zum 
Angriff gegen das. Flüelen mit 2 Geschützen verteidigende Bataillon 
des 62. Regiments. Wiederum beteiligten sich die Kanonen der 
Flotille an dem Gefechte ; die Grenadiere griffen lebhaft an und 
der Feind verlor 150 Mann Tote, 300 Verwundete und 400 Ge- 
fangene nebst seinen 2 Geschützen. Die Franzosen zählten 20 Tote 
und 80 Verwundete (Feldtagebuch; Bousson S. 217 spricht von 
4 Toten und einigen Verwundeten). Zunächst gingen die Oester- 
reicher in guter Ordnung bis zur St. Jakobs-Kapelle zurück. Sie 
wichen aber, sobald die von Lecourbe durch den Wald entsendete 
L mgehung in ihrer Flanke erschien. „Nun begann gegen 6 Uhr 
abends wilde Flucht, wobei viele die Gewehre zerschlugen und 
wegwarfen. Die einen wendeten sich nach dem Schächenthale und 
die anderen nach dem Reußthale. Die ersteren, wobei auch die 
Freiwilligen waren, hielten die Verfolgung etwas zurück, indem 
sie die Schächenbrücke bei Bürglen verbrannten. Lecourbe ging 
noch bis Amsteg vor und machte 400 zum größten Teil verwundete 
Gefangene. Der größte Teil der männlichen Bevölkerung und auch 
viele Weiber waren mit den Oesterreichern geflohen oder hatten 
sich in W'älder und auf Alpen zurückgezogen, um der Rache der 
Franzosen zu entgehen, welche diesmal ärger plünderten und die 
Leute mißhandelten, als selbst nach dem Bauernkrieg; denn sie 
wußten, daß die provisorische Regierung als letzten Akt ihrer 
Thätigkeit zu Gunsten der Oesterreicher und für Behauptung der 
wieder errungenen Freiheit einen wohldurchdachten Organisations- 
plan für den Landsturm entworfen hatte, der jedoch am Tage der 
Gefahr, als die Franzosen von allen Seiten her eindrangen, nicht 
befolgt worden." 

Noch um 10 Uhr nachmittags landete IL/76, in Flüelen, um. 
gefolgt von 11/38., den Feind zunächst nach Bürglen und dann 
bis Amsteo- zu verfolgen. Es scheint hier an der Kärstelenbach- 
Brücke noch in der Nacht zu einem für die Oesterreicher un- 
glücklichen Gefechte gekommen zu sein. Das Feldtagebuch be- 
richtet, sie hätten ihr letztes Geschütz in das Tobel gestürzt und 



115 



230 Mann an Gefangenen, darunter 12 Dragoner vom Regiment 
Modena, die Franzosen dagegen lediglich einige Verwundete ein- 
gebüßt. 

General Loison stieg in einem Marsche von 22 Stunden Dauer (!) 
über den Joch-Paß (2215 m) und durch das Gadmenthal hinauf 
über den Susten (2262 m) noch bis ins Meienthal hinunter. Ueber- 
fallen von einem heftigen Unwetter, das sogar Schnee mit sich 
brachte, erreichte er am späten Nachmittag die kleine, am hintern 
Ende des Thaies gelegene Gemeinde Färnigen. Die übergroße 
Erschöpfung der Truppen ließ es nicht zu, den Vormarsch weiter 
durchzuführen, um so mehr, als der Ausgang des bei Wasen 
mündenden Thaies durch die aus der Zeit der ersten Religions- 
kriege stammende sogenannte „Meienschanze" gesperrt wurde. 

Es war dies ein mit Mauerwerk ausgestattetes Achteck, dessen 
Ueberreste noch heute etwa 25 Minuten von Wasen (Blatt 394 
des Topogr. Atlasses und XIII der Topogr. Karte bei Punkt 1097) 
deutlich zu erkennen sind. Der Weg führt hier an den bezeichnend 
genug „Wilde Lauenen" genannten schroffen Felsen auf dem linken 
steilrandigen Ufer der Meien-Reuß dahin. Die Schanze war von 
300 Mann besetzt, denen 3 Geschütze zur Verfügung standen. 

Am 15. bei Tagesanbruch schritt Loison zum Angriff. Er 
selbst stellte sich mit Capitaine Langlais an die Spitze des ersten, 
aus den 4 Grenadiercompagnien (38., 7b\, 109. Halbbrigade) gebildeten 
Treffens, dem die 109. Halbbrigade unter den Befehlen des Brigade- 
chefs Hotpert als Reserve folgte. Die Jägercompagnie des IL Le- 
maner-Bataillons erkletterte zugleich die die Schanze beherrschenden 
Felsen. Sie feuerte dabei so gut, daß der bereits mehrfach ab- 
gewiesene Sturm endlich gelang. 138 Die Grenadiere kletterten auf 
Leitern zu den hoch gelegenen Schießscharten heran und stürzten 
sich mit dem Bajonett auf die den hartnäckigsten Widerstand 
leistenden Oesterreicher. Fast alle Kanoniere wurden auf ihren 
Stücken getötet, überhaupt mögen nur einzelne Mann entkommen 
sein ; denn 200 der Verteidiger fielen als Gefangene in die Hände 
der Sieger. Nach Lusser (S. 163) kamen 3 Compagnien der Be- 
satzung zu Hülfe ; diese litt aber Mangel an Schießbedarf. 

In dem Augenblicke, da die Vortruppen der Brigade Loison, 
ein Bataillon der 109. Halbbrigade, bei Gurtnellen eintrafen, be- 
gegnete ihnen Lecourbe, welcher an der Spitze von 2 Bataillonen 
und 8 Grenadiercompagnien herankam. Er ließ das Bataillon 
sogleich wieder umkehren. Bei Amsteg hatte der General das 
Bataillon 11/76. unter Bataillonschef Lovisi zur Verfolgung des 
flüchtenden Gegners ins Maderanerthal entsendet. Um 4 Uhr nach- 
mittags wurde Göschenen erreicht, das die Oesterreicher eiligst 
verließen, um sich hinter die mit spanischen Reitern verschanzte 
Teufelsbrücke zurückzuziehen. Da die Straßenauffahrt des Bau- 



116 



werkes auf die Länge von 9 — 10 m zerstört worden war, konnte 
ein Angriff in der Front nicht mehr vorgenommen werden. 

Schon hatte Lecourbe am 16. August die nötigen Verfügungen 
getroffen, den Gegner zu umgehen, als die Brigade Grudin, von 
der seit dem 14. jede Nachricht fehlte, um 7 Uhr vormittags am 
Ausgange des Urnerloches erschien und derart ihre Vereinigung 
mit der Division vollzog. Die Brigade Gudin hatte bei der Lösung 
ihrer Aufgabe eine glückliche List zu Hülfe genommen und zu- 
gleich die vorher kaum erwartete Unterstützung in der That eines 
Bürgers von Guttannen gefunden. 139 

Die Stärke der Brigade Gudin kann auf etwa 4000 Mann 
veranschlagt werden. Darunter befanden sich einige Chasseurs als 
Ordonnanzreiter und mit Pflasterbüchsen ausgerüstete „ Carabiniers. " 
Während die Franzosen unter einer ihnen meist freundlich gesinnten, 
weil von den Soldaten nicht bedrückten Bevölkerung ziemlich 
bequem lebten, ward der auf der Paßhöhe der Grimsel stehende, 
je 1 Bataillon Banat und Neugebauer (1430 Mann) und 40 Walliser 
Scharfschützen starke österreichische Posten schlecht verpflegt, da 
alle Lebensmittel für diese Mannschaft aus Italien herbeigeschafft 
werden mußten. Die Leute fanden ihr Unterkommen in Baracken, 
„die sie notdürftig unter die großen Gneisblöcke und an die Fluh- 
wände bauten." Die Truppe scheint sogar geradezu Hunger gelitten 
zu haben, da ihr an Lebware nur einige elende Ziegen zur Ver- 
fügung standen. Das Holz lieferte längere Zeit hindurch das 
Spitalgebäude, welches schließlich nur noch aus den leeren Mauern 
bestand. 

Die Aufstellung der Oesterreicher war einfach genug. Sie 
sperrte lediglich den schmalen Saumpfad, den zudem die Walliser 
Scharfschützen unter dem Feuer ihrer Stutzer behielten. Ein Ba- 
taillon entwickelte die Feuerlinie vom „Kehrentürmli", dem etwas 
hervortretenden, links über dem Spital gelegenen Steingipfel, bis 
hinüber auf die andere Seite des Weges und des Baches. Der 
rechte Flügel stand etwa über der Mitte des Spitalsees. Die Linie 
hatte bei 1500 Schritt Länge. Die Reserve, das andere Bataillon, 
lagerte auf dem Grimsel-Sattel. An eine Umgehung dachten die 
Oesterreicher keinenfalls, denn ihre des Gebirges wohl ungeübten 
Augen nahmen nirgends eine solche Möglichkeit wahr. 

Gudin, dem es, wie seine ganze Laufbahn zeigt, kaum an 
Entschlossenheit fehlte, konnte doch nach einer genauen Erkundung 
des Geländes zu keinem festen Angriffsplane kommen. „Am 12. 
oder 13. war eine stärkere Patrouille, die er über den Räterichs- 
Boden hinaus gegen die Brücke geschickt, mit blutigen Köpfen 
wieder heimgekommen. tf Ein Vorstoß in der Front versprach dem- 
nach keinen Erfolg ; aber es mußte dem Befehl des Divisionärs 
entsprechend gehandelt werden. 



117 

Am 13. wurden alle Truppen der Brigade in Guttannen zu- 
sammengezogen. Am Abend saßen die Offiziere in der kleinen 
Stube des Guttanner Bürgers und Wirts Fahner zusammen. „Das 
Gespräch neben der Haupt -Wirtsstube wurde lebhaft, und man 
konnte in der letztern wohl hören, um was es sich handelte. Da 
äußerte Fahner gegen einige Bekannte, die bei ihm saßen: „Er 
wollte wohl die Franzosen aus ihrer Verlegenheit reißen und ihnen 
einen Weg zeigen, daß sie ohne Verlust hinter die Oesterreicher 
kommen und ihnen den Rücken brechen könnten", und halb lächelnd 
nickten ihm die anderen zu. Fahner war ein guter, unüberlegter 
und dabei eher schüchterner als dreister Mann. Er scheute sich 
wie jeder Ruhigere damals vor nichts so sehr als vor dem Prädikat 
„Verräter", worunter überhaupt einer verstanden wurde, der es mit 
der einen oder andern Partei hielt. W T as er aus Eitelkeit und 
Mangel an Ueberlegung nicht leise genug gesprochen, kam dem 
französischen General zu Ohren. Auf der Stelle ließ dieser den 
Mann vor sich kommen. Fahner, erschrocken, wollte anfangs nicht 
zu seinen Worten stehen, aber ernstliche Drohungen zwangen ihn 
bald, sich zu der widerlichen Rolle eines Verräters zu bequemen. 140 
Da er nun aber drin war, so wollte er jetzt auch aus den Um- 
ständen soviel als möglich Nutzen ziehen, und als er Gudin seine 
Führerdienste zusagte, bedung er sich als Belohnung den Räterichs- 
Boden aus." (Lohbauer S. 26/27.) 

Früh um 3 Uhr trat die Brigade auf dem Räterichsboden an. 
Der Frontalangriff gegen den Spital erfolgte jedoch nicht vor 
10 Uhr, da der kleinen Umgehungskolonne Zeit gelassen werden 
mußte, ihre Aufgabe bis zum letzten entscheidenden Stücke zu 
erfüllen. Lohbauer (40 ff.) erzählt hierüber: 

„Etwa ein halbes Bataillon, 300 — 400 Mann Chasseurs (d. h. 
Carabiniers), mit kurzen Stutzern bewaffnet, wurde zu diesem Manöver 
bestimmt, das, so kühn es war, doch allerdings, wie wir gezeigt 
haben, gar nicht an der Peripherie des Kreises menschlicher Kräfte 
und menschlichen Vermögens lag, was die Schwierigkeit des Terrains 
anbelangt. An der oberen Bögelein sbrücke angelangt, ließ Gudin 
halten und links abmarschierten nun die Jäger, Fahner an ihrer 
Spitze. Der Morgen dämmerte. Die übrige Kolonne setzte ihren 
Weg auf dem Saumpfade fort. Anfangs ging es nahe der unten 
brausenden Aare über moosiges Felsgestein noch durch einzelnes 
niederes Gestrüppe weg hinter einem Felskopf vorbei, dann wieder 
abwärts in eine Schlucht, durch welche ein Bach niederfällt. Hier 
stieg man das erste Viertel des Weges unter hartem Klettern zum 
Teil über Schneeschlipfe hinweg oder mühvoll an ihrem Rand hin 
weiter, immer den drohend oben hereinhängenden Gletschermassen 
zu, und endlich bis unmittelbar an dieselben hin, wo dann Fahner 
rechts wendete. Nun ging's in vielen Krümmungen, da man oft 



118 

den Gletscherspitzen und senkrechten Felsenmauern ausweichen 
mußte, hin und her, langsam und beschwerlich, aber im Ganzen 
nun doch immer in ebener Richtung, und schon jetzt hoch über 
der höchsten Stellung des Feindes auf dem Sattel der Grimsel, jetzt 
schon, wenn gleich noch über 4000 Schritt von ihm entfernt, in 
seinem Rücken, jetzt schon an der äußersten Grenze einer möglichen 
Umgehung. Aber der wilde, fremdartig grauenhafte Anblick der 
Gegend, mehr noch als die Angst beim Stolpern und Klimmen 
überwältigte doch dreimal den Mut der französischen Soldaten. 
Dreimal standen sie und wollten nicht weiter und waren in Zorn 
ausgebrochen, wollten den alten Fahner, der sie ins Verderben führe, 
niederschießen. Auf den Knieen bat er um sein Leben (deutsch), 
bat, daß sie ihm folgen sollten, versicherte in seiner Redlichkeit, 
daß keiner verunglücken sollte. Doch bedurfte es aller Anstrengung 
der Offiziere, die Soldaten weiter zu bringen. Doch mutiger und 
froher, je freier die Bergluft sie auf besseren Wegen stärkte, bis 
nach fünfstündiger Arbeit die Kolonne am kleinen See vorbei fast 
über den Köpfen der Oesterreicher ankam, und nun sich vorsichtig in 
zwei, später in drei Richtungen verteilte. Die mittlere Spitze mag 
200, die andere etwa 100 Schützen gezählt haben." (Lohb. S. 40/41.) 

Indes die Oesterreicher und ihre Walliser Bundesgenossen ein 
langsames Schützenfeuer gegen die ganz allmählig und zu zweien 
auf dem steinigen Saumpfade heran rückenden Franzosen eröffneten, 
erhielten sie plötzlich wohlgezielte Salven in den Rücken ihrer 
Stellung und aus unmittelbarer Nähe. Zugleich erschallte nun vor 
ihnen das anfeuernde: „En avant, camarades! Avancez, avancez!" 
der ohne Schuß unter dem Wirbeln der Trommeln aufwärts 
stürmenden Hauptkolonne. Immerhin hielten sich noch der linke 
Flügel und die Mitte der österreichischen Aufstellung, während der 
rechte Flügel bald zu weichen begann. „Herz und Sinne waren 
geteilt; Unentschlossenheit bannte sie an die Stelle." Als Rückzugs- 
linie war der Saumpfad über die Meienwang nach Gletsch bezeichnet 
worden. Dieser Weg konnte jetzt, nachdem die französische 
Umgehungskolonne bereits beim Totensee stand, nicht mehr benützt 
werden. Die Fliehenden wandten sich, nachdem sie die Unmöglichkeit 
erkannten, dort durchzubrechen, gegen das kleine Siedelhorn und 
auf den nach Obergestelen führenden Pfad. „Die letzten wurden, 
weil nun die Abteilungen, welche von der Höhe des Nägelisgrätli 
herabgekommen waren, auch rasch vordrangen, selbst über diesen 
Weg hinaus und am Fuß des Silberhorns hinaufgedrängt, wo sich 
Einzelne, vielleicht Blessierte verstiegen, deren Gerippe noch in 
neuester Zeit unter Steinblöcken, unter welchen sie sich verkrochen 
hatten, gefunden sind." (Lohbauer S. 37.) 

Damit war der Tag zu Gunsten der Franzosen entschieden; 
denn auch Strauch, welcher überhaupt keine Hülfe von dem 4 Stunden 



119 



weit entfernten Münster hätte bringen können, mußte an den eigenen 
schleimigen Rückzug denken. Trotzdem entsendete er (Erzherzog 
Karl II, jjj) einen Teil seiner Reserven nach Obergestelen zur 
Aufnahme der wenigen von der Grimsel herab Flüchtenden. 

Das Gefecht endete gegen Mittag. Die Kaiserlichen büßten 
400 Mann an Toten und 500 an Gefangenen ein. Unter diesen 
befand sich auch der Sohn des Feldzeugmeisters und Regiments- 
inhabers Neugebauer. Die Franzosen verloren 60 Tote und Ver- 
wundete, welche Zahl beweist, daß der Widerstand des Gegners 
selbst nach gelungener Umgehung durchaus nicht schwach war. 
Welche Ereignisse unterdessen sich im Rhonenthale abgespielt hatten, 
erzählt anschaulich FML. Stutterheim in der Oesterreichischen 
Militärzeitschrift 11/1812: 

„Zu beiden Seiten der Rhone zwischen Roswald und Ried 
standen auf Vorposten 1 CompagnieLeloup-Jäger, 1 Bataillon Siegen- 
feld, 1 Bataillon Warasdiner. Zur Unterstützung des rechten Flügels 
dieser auf dem Theisberg: 1 Bataillon Carneville, 2 \% Bataillon 
Michel Wallis, 1 Detachement Husaren. Zu Ernen und im Binnen- 
thal zur Unterstützung des linken Flügels 1 Bataillon Wallis. 
Zur Verteidigung des Grimselberges standen auf demselben 1 Bataillon 
Bannalisten, 1 Bataillon Neugebauer. Bei Münster in der Reserve 
standen 1 Bataillon Wallis und 1 Detachement Husaren, um sowohl 
den Grimselberg, als auch die Truppen gegen Morel unterstützen 
zu können. 

Zwei'Compagnien Wallis waren zur Transportierung der Lebens- 
mittel bis Airolo und Lugano verteilt. Man sieht, wie viel der 
Oberst Strauch gewagt hatte, sich mit seinen 10 Bataillonen auf 
eine Strecke von mehr als 6 deutschen Meilen auszudehnen, und 
zwar in dem höchsten Gebirge, wo er sowohl den General Xaintraille 
im unteren Walliserland, als den General Lecourbe aus der Schweiz 
gegen sich hatte : allein nur der Mangel an Lebensmitteln konnte 
ihn dazu bewegen. 

Xaintraille machte schon am 8. August starke Vorstöße und 
verstärkte sich sehr bei Brieg. Zugleich erhielt Strauch aus der 
Schweiz bestimmte Nachrichten, die ihm über einen nahen Angriff 
keinen Zweifel ließen; allein mit dem Vorsatz, dem Feind keine 
Hand breit Boden zu lassen, beschloß er, sich auf seinem Posten 
zu behaupten. Den 13. August früh griffen die Franzosen mit 
4000 Mann auf vier Wegen das bei Roswald aufgestellte Warasdiner 
Bataillon an, versprengten den größten Teil davon und drängten 
gegen das Binnenthal vor. Das Bataillon Wallis rückte ihnen bis 
dahin entgegen; sie machten Halt, nahmen auf den Safnitzer Alpen 
eine Stellung und zogen sich am Abend gegen Roswald zurück. 
Um dieselbe Zeit rückten die Franzosen auf dem Simplon vor und 
vertrieben die von Rohan auf demselben aufgestellten Posten. 



120 



Der Oberst Strauch schickte den Major Richter vom Generalstab 
mit 4 Compagnien vom Regiment Wallis und dem Befehl nach 
Binna ab, den Feind anzugreifen und von Roswald zu vertreiben, 
weil er seine vorgerückten Posten gegen Morel behaupten wolle; 
diese Maßregel war sehr unheilbringend. Die Franzosen, deren 
Attacke auf Roswald nur ein Scheinangriff gewesen zu sein scheint, 
kamen am 14. aus dem Aarthal herauf und griffen mit 6000 Mann 
die auf der Grimsel postierten 2 Bataillone an. Der Oberst Strauch, 
von der Festigkeit des Postens auf der Grimsel überzeugt, konnte 
darauf Rechnung machen, daß die dort postierten 2 Bataillone sich 
gegen jede Macht behaupten würden. Wirklich mußten auch die 
Franzosen einzeln, Mann für Mann, die höchsten Felsenspitzen 
erklettern und sich erst sammeln, ehe sie einen Angriff wagen 
konnten. Indessen war der Zeitpunkt, sie selbst anzugreifen, ver- 
säumt. Der Oberst Strauch eilte auf die erste Nachricht selbst 
mit zwei Compagnien Wallis zur Unterstützung auf die Grimsel, 
allein er kam zu spät, der Feind war ihm schon überlegen. Drei 
Angriffe machten die Franzosen vergebens, er schlug sie mutvoll 
zurück, der vierte gelang ihnen aber, sie eroberten den Grimselberg, 
und Oberst Strauch, dem der bequemere Weg über die Furka 
nach dem Gotthard jetzt abgeschnitten war, sammelte seine Truppen 
bei Obergestelen, besetzte mit ihnen die Gorge von Zumloch, um 
sich seinen Rückzug über den Nufenen zu sichern, und schickte 
zugleich einen Befehl an den Major Richter, mit allen bei Morel 
stehenden Truppen zu ihm zu stoßen. Durch diesen glücklich 
ausgeführten Angriff der Franzosen wurde Strauch von seinen 
meisten Truppen, die er über Münster hinaus gegen Morel detachiert 
hatte, abgeschnitten. Diese waren an demselben Tage von den 
Franzosen, welche mit 3000 Mann und 5 Kanonen von Brieg heran- 
kamen, auf ihrem rechten Flügel angegriffen, die Vorposten zogen 
sich anfangs nach dem Theisberg zurück : dort leisteten aber die 
beiden Bataillone Carneville und Siegenfeld Widerstand, sodaß die 
Franzosen gezwungen wurden, sich wieder bis Morel zurückzuziehen. 
Major Richter hatte indessen bis 3 Uhr nachmittags das Binnen- 
tbal passiert, die Safeizer Alpen besetzt und ging mit 10 Compagnien 
Wallis auf Roswald zu, wo die Franzosen jedoch den Angriff nicht 
abwarteten. Während der Vorrückung der genannten 10 Compagnien 
kam der Bote mit dem Befehl vom Obersten Strauch an ihn, nach 
Zumloch zu ziehen ; allein das war unter gegenwärtigen Umständen 
nicht mehr möglich, denn einenteils hatten jetzt schon jene Franzosen, 
die den Grimselberg herunter kamen, sich bei Münster festgesetzt 
und unterbrachen die Verbindung zwischen Morel und Zumloch, 
andernteils wurden jene Truppen, die auf dem Theisberg am rechten 
Rhoneufer so lange Widerstand geleistet hatten, von frischen 
Truppen neuerdings angegriffen und zum Rückzug genötigt. Hätten 



121 

sie diesen durch das Rhonethal genommen, so wären sie zwischen 
zwei Feuer geraten und schwerlich im stände gewesen, sich zu 
retten. Sie schlugen also den Weg durch das Binnenthal ein, wo 
sich Oberst Carneville mit dem Major Richter vereinigte, und 
nahmen einen höchst beschwerlichen Rückzug auf Steigen, die 
nur von Hirten und Jägern betreten werden, über den Alberaberg 
in das Dererthal. 

Der Oberst Strauch, welcher vom General Simbschen den 15. 
die Nachricht erhalten hatte, daß er Hospenthal am Gotthard 
habe verlassen müssen und sich auf die Höhen hinter Urseren 
gezogen habe, mußte nun auch seine Stellung beim Zumloch räumen 
und zog sich mit etwa 500 Mann, die er noch bei sich hatte, über 
den Nufenen nach Airolo und von da nach Faido zurück. Von 
dort ging er am 16., weil er durch das Val Blennio im Rücken 
gepackt zu werden befürchtete, über Biasca nach Beilin zona. 
Oberst Carneville konnte nun nicht mehr den Weg durch das 
Versascathal (?) einschlagen, um sich mit Strauch bei Airolo zu 
vereinigen, welches die Franzosen schon besetzt hatten. Er wandte 
sich am 16. durch das äußerst beschwerliche Gebirg Furca del 
Bosco in das Val Maggia und traf am 29. nach vielen ausgestandenen 
Mühseligkeiten nahe bei Locarno ein, wo er mit 2584 Mann sich 
wieder mit dem Obersten Strauch vereinigte, welcher indessen 
durch 1 Bataillon Kheul und 1 Bataillon Belgioso aus dem 
Mailändischen verstärkt worden war. Den 23. poussierte Oberst 
Strauch wieder einen Teil seines Corps nach Biasca, um den bei 
Airolo stehenden Feind leichter beobachten zu können. Oberst 
Rohan stand bei Domo d' Ossola und der äußerste linke Flügel 
der österreichischen Armee in der Schweiz bei Dissentis. Die 
Franzosen waren im Besitz aller Zugänge zum Gotthardsberg ; 
und so blieb es bis zur Ankunft der Russen unter Suworow. 

Als Kray erfahren hatte, daß Lecourbe sich wieder nach 
dem Gotthard zurückgezogen, so ließ er nur die Brigade Loudon 
bei Novara stehen, er selbst aber ging am 27. August mit dem 
Rest seines Corps nach Mortara zurück." 

Zu diesem Berichte muß noch bemerkt werden, daß General 
Turreau bereits seit drei bis vier Wochen den General Xaintrailles 
im Befehle abgelöst hatte und daß die Erzählung über das Gefecht 
auf der Grimsel nicht nur der Wahrheit, sondern auch der 
Wahrscheinlichkeit entbehrt. Im übrigen können die Angaben 
wohl als richtig angesehen werden. 

Das Nachtlager fand die Brigade Gudin am Abend des 15. 
in Realp, worauf sie am 16. früh, wie schon beschrieben, die Ver- 
einigung mit der Division vollzog. 

Generalmajor Simbschen hatte jedenfalls während der Nacht 
vom 15./16. August das Eintreffen gegnerischer Streitkräfte her- 



122 

wärts der Furka erfahren und die schützende Dunkelheit (wie das 
so oft in diesem Gebirgsfeldzuge geschah) dazu benützt, unverfolgt 
abzuziehen. 

Lecourbe hingegen suchte sich auch der Stellung bei den 
Seen auf der Oberalp, d. h. der Paßhöhe zu bemächtigen. Zu 
diesem Zwecke entsendete er einen Teil der Grenadierreserve und 
diesen folgend das eben mit General Gudin ankommende I./67. 
durch das Fellithal über die beschwerliche Fellilücke (2490 m ). 
die zwischen dem Schneehühnerstock und dem Pizzo Tiarms ge- 
legene Einsattlung. General Gudin hatte von sich aus am Morgen 
beim Aufbruche von Realp bereits ein anderes Bataillon der 
67. Halbbrigade über den Gotthard-Paß nach Airolo entsendet. 
Dies geschah zu dem Zwecke, um den Kaiserlichen sowohl den 
Weg in die Leventina zu verlegen, wie ferner, soweit die Abteilung 
des Obersten Strauch in Betracht fiel, jedes Eingreifen vom Bedretto 
her zu hindern. 

Der Rest der Division ging unter der Leitung ihres Befehls- 
habers gegen die Oberalp vor. Das Feldtagebucb berichtet hier- 
über: „Der Feind krönte mit zwei Bataillonen des Regiments von 
Kerpen und in enger Aufstellung die Uebergänge nach Tschamut 
und San Giacomo in Graubünden. (Gemeint sind damit die durch 
„Calmot" getrennten Wege, der Paß da Tiarms (2154 m) und 
jener durch das Val Surpalix (2048 m), den die heutige Poststraße 
einnimmt.) 

Mehrfach versuchte es der Gegner uns zu umgehen, aber die 
staffellörmig aufgestellten Reserven hinderten ihn daran/' Die 
Kaiserlichen leisteten den verzweifeltsten Widerstand. Die fran- 
zösische Umgehung war noch nicht durchgeführt und die wieder- 
holten Frontalangriffe mit der blanken Waffe mißlangen vollständig. 
Erst als die drei anwesenden Generale die Säbel zogen und sich 
persönlich an die Spitze der 7 noch übrigen Grenadiercompagnien 
stellten, gelang es, den Gegner ins Val Tavetsch hineinzudrängen. 
Er verlor dabei eine Fahne, 20 Offiziere und 1000 Mann an Ge- 
fangenen, dazu 200 Tote, 300 Verwundete und zehn Kanonen. 

Diese Niederlage brachte den Generalmajor Simbschen zu dem 
Entschlüsse, seinen Rückzug unaufhaltsam bis Chur fortzusetzen, 
welchen Ort er mit dem ihm noch bleibenden Truppenreste am 
20. August unverfolgt erreichte. 

Die Division Lecourbe hatte ihre Aufgabe in den drei Tagen 
vom 14. zum 16. August erfüllt. Sie stand jetzt mit dem rechten 
Flügel in Altdorf und Flüelen. Das Hauptquartier befand sich 
vorerst in Altdorf. 141 Es blieb noch die Durchführung der Be- 
setzung des Klausen-Passes (1952 m). Die auf dem ürnerboden 
lagernde gegnerische Abteilung, bestehend aus 800 Oesterreichern, 
300 — 400 Glarner-Landstürmern und 200 Timern unter Arnold 



123 



und Martin, leisteten den am 18. August (1. Fructidor) auf sie 
stoßenden L, IL/38. Halbbrigade einigen Widerstand, wurden dann 
aber ins Linththal geworfen und bis zu dem Orte gleichen Namens 
verfolgt. Die Urner hatten am 14. am Grundbühl gestanden, waren 
aber nach der Landung der Franzosen durch den Grunwald und 
über die Alpen nach Bürglen und Spiringen zurückgegangen. 
Lusser (S. 164) erzählt, die Franzosen seien von einem Schächen- 
thaler längs der steilen Balmwand geführt worden. Eine Flatter- 
mine sprang dicht vor der Kolonne, aber von dem eingefallenen 
Nebel begünstigt, umging sie die Stellung in glücklicher Weise. 
Dabei verlor der Gegner 40 Tote, 180 Verwundete und 152 Ge- 
fangene, unter welchen sich ein Hauptmann befand. Die Franzosen 
büßten 2 Mann an Toten, 15 an Verwundeten, 3 an Gefangenen 
ein. Sie bezogen Stellung auf der Fritternalp, an der Grenze von 
Uri und Glarus gelegen. 

Die Stärkenverhältnisse der in den drei erwähnten August- 
tagen miteinander Ringenden sind fast die gleichen. Die Oester- 
reicher waren durch die lange Waffenruhe und die Schwierigkeit 
der Verpflegung ihrer Truppen dazu gezwungen, eine lang ausge- 
dehnte Stellung (Cordon) einzunehmen, welche an mehreren Stellen 
zu durchbrechen nicht schwierig war. Die Aufstellung in lang- 
gestreckten Thälern bedingt aber noch keine Niederlage, die mit 
größeren Verlusten verknüpft ist. (Lecourbe im Engadin 30. April 
bis 3. Mai.) Diese müssen im vorliegenden Falle vielmehr einzig 
und allein der Unfähigkeit des Feldherrn oder der geringen 
Leistungsfähigkeit der Truppen zugeschrieben werden. Beides ist 
leicht zu erkennen in dem Verhalten der Kaiserlichen bei diesen 
Ereignissen. Die österreichischen Führer trifft zudem die Schuld 
der ganz unerklärlichen Versäumnisse, die besetzten Stellungen nicht 
befestigt und in der Flanke sowie im Rücken gesichert zu haben. 
Außer der Meienschanze, und diese wurde nicht durch kaiserliche 
Sappeure errichtet, findet sich nirgend eine Spur auch nur der 
flüchtigsten Befestigung. Es fehlte der österreichischen Aufstellung 
eine richtige Anordnung der Reserven. Diese standen durchgängig 
zu weit von dem kämpfenden Treffen entfernt und wurden über- 
dies zu schwach gebildet. Der Weg, den die Angreifer nehmen 
mußten, führte, soweit die Kolonnen d'Aumas (Susten), Loison 
(Surenen) und Gudin (Grimsel) in Betracht fallen, über unwegsame, 
leicht zu verteidigende und zu sichernde Pässe. Nur die Grimsel 
wurde mit genügenden Kräften bedacht, die aber ihrer Aufgabe, 
bei der ihnen mangelnden Gabe des Erkundens, nicht gewachsen 
blieben. Generalmajor Simbschen vergaß es ganz, die Surenen und 
den Susten zu besetzen, obgleich das von Lecourbe im März und 
April gegebene Beispiel (Cierfser-Joch, Ofen-Paß) als Vorbild nahe 
genug lag. Die große Zahl der Gefangenen endlich, welche die 



124 



Franzosen machten, läßt darauf schließen, daß die untere Führung 
bei den Oesterreichern ebenfalls der Thatkraft ermangelte und die 
Truppen selbst sich in übler seelischer Verfassung befanden. 

Der französische Angriff gelang aus diesem Grunde, obwohl 
er sich als ein nicht wenig künstlich zusammengesetzter zeigte. 
Er wäre gewiß an einer oder der anderen Stelle mißlungen, wenn 
nicht die Verteidigung die oben berührten Fehler aufgewiesen hätte. 
Wie wenig Verlaß auf Berechnungen von Marschzeiten für Gebirgs- 
strecken ist, ergibt sich aus der Bewegung der Kolonne Loison. 
Sie sollte bereits am 14. abends Wasen erreichen, um die Oester- 
reicher völlig einzuschließen. Das unvorhergesehene Ereignis, ein 
Gewittersturm mit Schnee winden, verhinderte ihr Eintreffen zur 
bestimmten Frist. 

Lecourbe fühlte wohl selbst die Mängel des von ihm in seinen 
Einzelheiten festgesetzten Angriffsplanes. Um entscheidend auf- 
treten zu können, behielt er die Grenadierreserve in der Hand, 
mit welcher er selbst den eigentlichen Frontalangriff durchführte. 

Der General muß jedoch damit entschuldigt werden, daß er 
die ihm gestellte Aufgabe nur so lösen konnte, wie er es that. 
Der gut verteidigte Gotthard konnte gar nicht fallen und höchstens 
ernstlich von der Furka und der Leventina her bedroht werden. 
Er mußte in die Hände der Franzosen übergehen, weil sie den festen 
Willen dazu hatten, diese Stellung einem untüchtigen, stets ratenden 
aber niemals thatkräftig sich beweisenden Gegner zu entreißen. 

Am 28. August wurde das IL Lemaner-Bataillon und IL/25. 
Halbbrigade von der Division abberufen. Zugleich erhielt General 
Molitor, 142 der an die Stelle von General Boivin getreten war, den 
Befehl des Obergenerals Massena, am 29. gegen den Pragel-Paß 
(1547 m) und Glarus vorzugehen, um die Oesterreicher aus dem 
Muotta- und Klönthal zu vertreiben. 

Den 29. August aufgebrochen, erreichte Molitor mit dem bisher 
in Ober-Iberg stehenden L/84. in raschem Marsche den östlichen 
Ausgang des Klönthaies. Der Gegner, von dem sich nur ein 
-schwacher Posten Glarner Milizen auf der Paßhöhe des Prageis 
befand, wich unaufhaltsam bis zu diesem Punkte. Da aber 
unterdessen IL/84. Halbbrigade herankam und über die Hänge des 
Sackberges eine Umgehung durchführte, trat der Feind nicht nur 
endgültig den Rückzug an, sondern räumte auch Glarus und bezog 
dann eine Stellung vorwärts Netstall. Molitor teilte nun seine 
Kolonne, eine Hälfte eilte nach Netstall, die andere nach Glarus. 
Zugleich erschien aber Major Eötvös mit 2 Bataillonen kaiserlicher 
Infanterie auf der Straße von Schwanden her und 1500 Schweizer-, 
meist Glarner- Milizen machten den Versuch , über den Ostabhang 
des Vorder-Glärnisch hin die Franzosen völlig einzuschließen. 
Das Feldtagebuch bemerkt dazu: „Den Schweizern gelang es, ein 



125 

schwer gangbares Tobel zu durchschreiten, in der Absicht, den 
rechten Flügel des Generals Molitor zu umgehen. (Gemeint ist 
der Bach bei der Häusergruppe Wyden, 2 km westlich von Glarus. 
Dieser ließ sie aber mit dem Bajonette angreifen, wobei sie zurück - 
und in das Tobel geworfen wurden. Hier ertranken viele (?) und 
mehrere wurden zu Gefangenen gemacht." Der Tag endete damit, 
daß Molitor die Ausgänge des Klönthaies gegen Netstall und 
Glarus besetzte. Nach der Lebensbeschreibung von Hotze (S. 365) 
verloren die Glarner an diesem Tage 30 Mann. Ihre Schar ging 
auseinander, welchem Beispiele ein Appenzeller Bataillon in der 
Stärke von 400 Mann folgte, das beim ersten Kartätschschusse 
4 Tote und 6 Verwundete eingebüßt hatte. 

Am 30. August erhielt der General aus Schwyz Lebensmittel, 
Schießbedarf und Verstärkung durch III. / 84. Halbbrigade. Immerhin 
ereigneten sich an diesem Tage keine Feindseligkeiten, dagegen 
entschloß sich Molitor, am 31. zum Angriffe überzugehen. 

Lecourbe entsendete dagegen am 30. den Capitaine Montfort 
mit IL/38. Halbbrigade. Sie trafen auf einigen Landsturm, der 
aber ohne weiteres aus seinen Stellungen wich. Trotzdem scheint 
sich Loison mit der Besetzung von Linththal begnügt zu haben. 

Molitor entsendete zur gleichen Zeit einige Compagnien nach 
Glarus hinein, freilich nur für wenige Viertelstunden und wohl 
einzig zum Zwecke der Erkundung der gegnerischen Absichten. 
Um 5 Uhr früh begann das Gefecht bei Riedern, in welches FML. 
Hotze mit 2 frisch von Niederurnen herankommenden Bataillonen 
eingriff. Da den französischen Vortruppen ob Riedern der Schieß- 
bedarf ausging, rollten sie Steine auf die eindringenden Gegner 
hinab. Endlich trafen 4 Compagnien von 1/76. als Verstärkung 
ein und nun schritt Molitor seinerseits zum Angriff. Der Gegner 
wurde bei dem schnellen Vorstoße aus Glarus und selbst aus 
Netstall geworfen und verlor 400 Mann Gefangene neben 800 an 
Verwundeten und Toten. Unter den letzteren befand sich General- 
major E weich. Die Franzosen verloren 19 Tote, 139 Verwundete 
und 85 Gefangene. 

Besonders ausgezeichnet hatten sich in dem Gefechte, nach 
welchem die Kaiserlichen unter dem Schutze der Dunkelheit in 
ihre Stellungen hinter der Linth zurückgingen, die vom Bataillons- 
chef Saucey geführten Teile der 84. Halbbrigade. 

Die Franzosen behielten ihre Stellung im Klönthale. Am 
1. September besetzte Molitor Mollis und das Sernftthal. Der 
Kerenzerberg blieb im Besitze der Kaiserlichen. 

Der Angriff der zuletzt etwa 3000 Mann starken Brigade 
Molitor hing mit der Bewegung der Division Soult (ehemals 
Chabran) gegen Uznach und dem Versuche von Massena zusammen, 
während dieser Ereignisse im Vogelsang bei Turgi- Windisch über 



126 



die Limmat zu gehen. ' Der Brückenschlag mißlang jedoch dort, 
und gewonnen für die Franzosen wurde eigentlich nichts durch 
die Vorfälle an der Linthlinie. Die Oesterreicher (FML. Hotze) 
nahmen ihren linken Flügel hinter die Seez bei Wallenstadt und 
Sargans zurück; das Rheinthal wurde bis Ilanz durch streifende 
Abteilungen beobachtet. 

Es mag noch erwähnt werden, daß in dem am 31. August 
gegen die Division Soult vorgefallenen Gefechte der tapfere Major 
Eötvös blieb. FML. Hotze selbst geriet in Lebensgefahr und fiel 
fast in Gefangenschaft. Sein Adjutant Nestorowicz ward verwundet 
und auch der aus Zürich stammende Lieutenant im 60. Infanterier- 
egiment, Felix von Orelli, starb den Heldentod. 

Für die verbündete Armee in der Schweiz aber bildeten die 
Ereignisse vom 29. bis 31. August ein Vorspiel mit wenig glück- 
lichem Ausgange zu der vier Wochen später stattfindenden zweiten 
Schlacht von Zürich. 



VI. 

Suworoff. 



Uni die Mitte des Septembers 1709 verteilten sich die Streit- 
kräfte der Gegner in der Schweiz wie folgt: 

Russen. 
Generallieutenant Korsakoff mit 24000 Mann (29 Bataillone, 
25 Schwadronen, 4 Kosakenregimenter u. s. w.) bei Zürich, 
an der Limmat und der untern Aare. 

Oester reicher (und Schweizer in englischem Solde). 

Generalmajor Prinz von Württemberg mit 2500 Mann (1 öster- 
reichisches Dragonerregiment und 2 Bataillone Legion 
Bachmann und Roverea), unterstützt von der Flottille des 
englischen Obersten Williams auf dem rechten Zürichsee- 
Ufer. 

Feldmarschall-Lieutenant Hotze mit 8000 Mann (11 Bataillone und 
10 Schwadronen) an der Linth und dem obern Zürichsee. 

Generalmajor Jellacic mit 5000 Mann (8 Bataillone, 3 Sclrwadronen) 
bei Sargans. 

Feldmarschall-Lieutenant Linken mit den Brigaden Auffenberg und 
Simbschen, zusammen 6500 Mann (10 Bataillone, 8 Schwa- 
dronen), im Bündner Oberlande. 

Oberst Strauch mit 4500 Mann (8 Bataillone, */a Schwadron) in 
Bellinzona und Locarno ; die Vortruppen in Biasca und 
zeitweilig bis zum Dazio grande vorgeschoben. 

Franzosen (Angaben nach Koch, Massena III, 486): 

1. Division, Turreau 9462 Mann in den Thalschaften des Wallis. 

2. „ Lecourbe 11752 „ im oberen Reufi- und Linth- 

gebiete. 

3. „ Soult 12670 n auf dem linken Zürichsee- Ufer 

und längs der untern Linth. 

4. „ Mortier 11167 „ 

5. B Lorges 8565 , gegenüber den Russen. 



9017 Mann 




3696 j, 


im Frickthale. 


9310 , 


am rechten Rheinufer hei 




Basel. 


; 3430 , 


im Freiamte. 


2524 , 


im Bernbiet,Freiburguncl 




im Kanton Leman. 



128 



6. Division, Menard 

7. „ Klein 

8. „ Chabran 

Grenadier-Reserve Humbert 
Montchoisy 

Hülfsdienste 1166 „ 

Demnach zählten die Verbündeten (27 000 Russen und etwa 
25000 Oesterreicher) zusammen 52 000 Streiter, die Franzosen 
dagegen 82 759 Mann. — Dieses für die letzteren so günstige 
Verhältnis tritt noch mehr hervor, wenn die weitläufige Aufstellung 
ihrer Gegner in Betracht fällt. 

Das alles mußte den zum Angriff entschlossenen Oberbefehls- 
haber Massena dazu drängen, seinen Plan mit größter Beschleunigung 
durchzuführen. Der Grund, warum die Franzosen nicht sogleich 
nach dem Abzüge des Erzherzogs aus der Schweiz losschlugen, 
ist unschwer zu erkennen. Die Vorbereitungen zum Uebergange 
bei Dietikon und Schanis bedurften einer gewissen Zeit zur geheim- 
zuhaltenden Ausführung. An ersterem Orte wurde man damit nicht 
vor dem 20., an letzterem gar erst gegen den 25. September fertig. 

Massena hatte ursprünglich den allgemeinen Angriff auf den 
26. September festgesetzt. Am 23. des nämlichen Monats aber 
erhielt er durch den General Suchet, den damaligen Stabschef der 
französischen Armee in Italien, die Nachricht, Suworoff sei in die 
Schweiz abmarschiert. So entschloß sich der Obergeneral, die Fluß- 
übergänge am 25. und 26. September zu erzwingen. 

Nach einer vorgängigen Festsetzung sollte die französische 
Hauptmacht die Kräfte des Generallieutenants Korsakoff angreifen, 
die Division Soult dagegen in Gemeinschaft mit der Brigade Molitor 
von der Division Lecourbe den FML. Hotze derart beschäftigen, 
daß dieser den Russen keine Hülfe leisten dürfte. 

Die Division Lecourbe endlich hätte dann den FML. Linken 
in Bünden bedroht. 

Dieser Plan ward aber durch ganz unvorhergesehene Maß- 
nahmen der Gegner und zwar, wie bereits angedeutet, in Italien 
durchkreuzt. 

Einen Monat vor der zweiten Schlacht von Zürich, am 27. August, 
wurde Suworoff nämlich durch Kaiser Franz der neue Feldzugs- 
plan der Verbündeten mitgeteilt. 143 

Die Vorgeschichte dieses Entwurfes muß hier kurz wieder- 
gegeben werden. 

Am 22. Juni schlössen England und Rußland den Vertrag zur 
Ausführung einer gemeinsamen Landung an den Küsten der bata- 
vischen Republik. Lord Grenville drückte bei dieser Gelegenheit 



129 

den Wunsch seiner Regierung aus, daß Suworoff gemeinsam mit 
Korsakoff die Franzosen aus der Schweiz vertreiben, Erzherzog- 
Karl ins Oberelsaß eindringen, Melas von Savoyen aus den Angriff 
der Russen unterstützen solle. In der That entsprach dieser Ge- 
danke einem wirklichen Bedürfnisse. Die Verbündeten durften nicht" 
länger gemeinsam auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen han- 
deln, sollten nicht ewige Eifersüchteleien die errungenen Erfolge 
wieder vernichten. Paul sowohl wie Thugut waren hiemit ein- 
verstanden, der Minister Franz' IL freilich wie immer nur unter 
Bedingungen. Er wünschte, daß der eigentliche Angriff gegen 
Frankreich auf das Jahr 1800 verschoben werde und daß das Heer 
des Erzherzogs die ehemals österreichischen Niederlande besetzen 
solle. Zugleich bewirkte der Allmächtige, entgegen seinen öffent- 
lichen Versprechungen, den Abmarsch von Erzherzog Karl aus 
der Schweiz. 

Suworoff nahm die ihm aus Wien gewordene Mitteilung mit 
sichtlichem Mißfallen auf. Sein scharfer Verstand, seine Einsicht 
ließen ihn nur zu gut erkennen, daß der achtzigjährige bequeme 
Melas, sich selbst überlassen, Italien ganz sicher verlieren werde. 
Die Ereignisse von 1800 haben ja Suworoff auch wirklich Recht 
gegeben. Der greise Marschall wünschte Ligurien und Piemont 
den Franzosen vollends zu entreißen, um in guten Winterquartieren 
die Vorbereitungen für den Feldzug auf Frankreichs eigenem Boden 
zu betreiben. 

. „Ich bin der Ueberzeugung", schrieb Suworoff an Kaiser Franz, 
„daß man, um die Schweiz zu erobern, Italien deshalb nicht ver- 
lieren dürfe." So bestand er darauf, erst Tortona, Coni, Nizza u. s.w. 
zu erobern, was etwa zwei Monate in Anspruch genommen und 
demnach den Alpenmarsch überhaupt verunmöglicht haben würde. 

In demselben Berichte machte Suworoff den Kaiser Franz 
aufmerksam, „daß man die für die Schweiz bestimmten Truppen 
mit den unentbehrlichsten Ausrüstungsgegenständen, mit Munition, 
Gebirgsgeschützen und Pontons versehen und denselben außerdem 
noch eine gewisse Anzahl mit den Eigentümlichkeiten des Landes 
vertrauter Generalstabsoffiziere zuteilen möge." „Es sollte mir 
unendlich leid thun", fügte Suworoff am Schlüsse seiner Meldung 
bei, „wenn der Mangel an den vorbezeichneten Mitteln trotz all' 
meines Eifers mich dennoch an der Erreichung des mir vorge- 
steckten großen Zieles verhindern würde." 

Nun erhielt Suworoff aber den Befehl seines Zaren, in die 
Schweiz abzumarschieren; zugleich jedoch die Nachricht von den 
Vorgängen zwischen Erzherzog Karl und Korsakoff. 

So mußte er ohne weiteres gehorchen. 

Am 8. September traten die Corps Derfelden von Asti und 
Rosenberg von Rivaita aus den Marsch nach Varese an. Suworoff 

Günther, Feldzug 1799. 9 



130 



ward auf seinen Wunsch von den Obersten Weyrother und dem 
Major Eckart nebst einigen anderen Offizieren des österreichischen 
Generalstabes begleitet, da diese die Schweiz angeblich genau 
kannten. Wie ungern Suworoff aus Italien schied, bezeugt die 
Aeußerung: „Nachdem man mir das für Italien nötige Blut aus- 
gepreßt, wirft man mich hinter die Alpen zurück." 

Nach einigem Aufenthalte, der dadurch nötig geworden, daß 
die Franzosen von der Riviera her es versuchten, die Zitadelle 
von Tortona zu entsetzen, langten die Russen am Abend des 
15. September in Taverne, dem Straßenknoten südlich des Monte 
Cenere an. 

Nach der Verfügung vom 6. desselben Monats (Miliutin III, 393, 
Nr. 281) mußten sämtliche Regiments- und Feldgeschütze über 
Mailand und Como zu Wasser nach Colico, über den Maloja, das 
Engadin und den Arlberg nach Maienfeld entsendet werden. Dafür 
erhielt das Corps Derfelden 15, das Corps Rosenberg 10 Gebirgs- 
kanonen. In Bellinzona und Airolo sollten Mundvorräte für 12 Tage 
aufgestapelt, sowie 1429 Maultiere für die Fortbewegung desselben 
wie des Reserve-Schießbedarfes, besammelt werden. 

„Die in Airolo und Umgebung (!) stehende Abteilung des 
Obersten Strauch wird im Verein mit den russischen Truppen den 
St. Gotthard angreifen, während Prinz Victor Rohan und FML. 
Hadik Demonstrationen über den Simplon und großen St. Bernhard 
gegen Wallis ausführen. Nachdem sich die Kolonne am 17. September 
dem Fuße des St. Gotthards nähert, so können am 18. die nötigen 
Vorbereitungen hiezu getroffen und am 19. sowohl der Angriff 
auf den St. Gotthard, als der allgemeine Angriff auf die ganze 
Linie der feindlichen Aufstellung von den in der Schweiz befind- 
lichen Truppen der beiden kaiserlichen Armeen ausgeführt werden. 

Sobald die den Eingang in die Schweiz verteidigenden feind- 
lichen Posten zurückgeworfen sind, haben die Truppen des Obersten 
Strauch die Grenze zu besetzen und ohne jedoch in das Innere 
der Schweiz einzudringen, das weitere Vordringen der russischen 
Kolonne zu decken. Sobald der St. Gotthard genommen, sucht 
die kaiserliche russische Kolonne in derselben Richtung in den 
Rücken des Feindes vorzurücken, in welcher letzterer selbst den 
linken Flügel der österreichischen Armee in der Schweiz ange- 
griffen und denselben zurückgedrängt hat — d. i. durch das Reuß- 
und Linththal und womöglich zugleich auch durch das Rheinthal. 

Wie bereits oben erwähnt, haben die beiden kaiserlichen 
Armeen den Angriff auf die Front des Feindes zu gleicher Zeit 
auszuführen; es hat deshalb der den linken Flügel der öster- 
reichischen Truppen in der Schweiz kommandierende FML. Linken 
alles anzuwenden, um sich mit den aus Italien heranziehenden 
russischen Truppen zu vereinigen, was ihm zweifelsohne leicht 



131 

gelingen wird, worauf der ausgedehnte rechte Flügel des Feindes, 
in Front und Rücken angegriffen, völlig geschlagen werden wird. 
Alsdann muß man sich möglichst schnell mit dem Corps des 
FML. Hotze im Kanton Glarus vereinigen und die von der öster- 
reichischen Armee in der Schweiz früher innegehabte Position 
wieder zu gewinnen suchen. Doch darf man sich nicht hierauf 
allein beschränken. Nachdem die russischen Truppen von Italien 
her in die Schweiz eingedrungen sind, werden dieselben mit aller 
Entschiedenheit längs des linken und rechten Ufers des Luzerner- 
sees bis Luzern selbst vordringen und dann in Verbindung mit 
den Generalen Linken und Hotze die rechte Flanke des zwischen 
dem Züricher und Zugersee stehenden Feindes angreifen und 
zurückwerfen, sowie in Verbindung mit dem Corps des General- 
lieutenants Rimski-Korsakoff, ohne hiebei irgend ein Opfer zu 
scheuen, alles anwenden, um eine Position auf dem rechten Ufer 
der unteren Reuß und der Aar zu gewinnen. Nachdem der linke 
Flügel der aus Italien anrückenden russischen Armee sich des 
St. Gotthards sowie der Grimsel und Furka bemächtigt haben wird, 
wird derselbe die linke Flanke der in der Schweiz stehenden ver- 
bündeten Armee völlig decken. " (Aus der Disposition für die Offensiv- 
bewegung der kaiserlichen russischen Truppen von Piemont nach 
der Schweiz, entworfen zu Asti den 6. September 1799. Abgedruckt 
bei Miliutin III, Nr. 281, S. 393.) 

Die Vorschrift, daß die „russischen Truppen mit aller Ent- 
schiedenheit längs des linken und rechten Ufers des Luzernersees 
bis Luzern selbst vordringen" sollen, zeigt deutlicher als alles 
übrige, daß weder Suworoff, noch irgend sonst jemand in seinem 
Stabe etwas von den thatsächlichen Verhältnissen der berührten 
Gegend kannte. 

Für den Marsch in die Schweiz verfügten die Russen über 
vier Wege. Der erste, Asti zunächst gelegene, führte über den 
Großen St. Bernhard, der zweite hätte den Simplon benützt, der 
dritte verlief eben über den Gotthard, der vierte und am weitesten 
ausgreifende dagegen leitete über den Splügen. 

Einige Stimmen haben sich für den Marsch über den Großen 
St. Bernhard erhoben. Sie meinten, daß es möglich sei, auf diese 
Art dem Gegner in den Rücken zu fallen. Clausewitz (II, 191 ff.) 
hat den Vorschlag, der, wie sicher angenommen werden kann, zu 
Asti behandelt wurde, in einem besondern Abschnitte besprochen 
(Nr. 82). Seine Ausführungen gipfeln in den Sätzen: 

„Der Weg über den St. Bernhard war eine strategische Um- 
gehung, d. h. eine solche, die entweder gar nicht zu einer Gefechts- 
entscheidung führen, sondern durch das Unterbrechen der Ver- 
bindungslinien wirken soll, oder die die Entscheidung nicht mit 
den vor der feindlichen Fronte befindlichen Streitkräften gemein- 



132 



schaftlich giebt. Denn was das Letztere betrifft, wie hätte General 
Suworow daran denken können, mit Korsakoff und Hotze gemein- 
schaftlich zu schlagen, da er von dem Augenblicke an, wo seine 
Richtung auf den Bernhard sich aussprach, wenigstens 4 bis 5 Tage 
brauchte, um nach Vevey zu kommen, Vevey aber 25 Meilen von 
Zürich ist, es also nur von dem französischen Feldherrn abhing, 
auf welchem Punkte der letzten 10 oder 15 Meilen dieses Weges 
er mit Suworow schlagen wollte." 

Der Simplon vollends konnte gar nicht in Frage kommen; 
denn in diesem Falle wäre das russische Heer zwischen zwei Feuern 
(Division Turreau und Lecourbe) gestanden und gezwungen gewesen 
entweder den 150 km langen Engpaß des Wallis oder aber einen 
Marsch über gänzlich unwegsame Gebirgspfade zurückzulegen. 
Ueberdies war der Simplon-Paß selbst ein weit schlechterer Weg 
als jener über den Gotthard. Nicht einmal Karren vermochten 
ihn damals zu befahren. 

Suworoff war wohl von vorneherein für den Gotthard einge- 
nommen. Er hat auch die getroffene Wahl in einer Auseinander- 
setzung verteidigt. (Miliutin VI, 210 — 211.) 

„Disposition für den Angriff auf den St. Gotthard. Bellinzona, 
den (?) September 1799. Ton der ganzen feindlichen Position von 
der Mündung der Aar durch die Kantone Zürich, Glarus, Schwyz, 
TTri und Unterwaiden ist der stärkste Teil der linke Flügel, und 
zwar nicht allein wegen der Zahl der Truppen, sondern auch wegen 
der natürlichen Schwierigkeiten, welche den Vordringenden von 
dem Terrain entgegengesetzt werden. Es halten dort 30 000 Mann 
einen Gebirgsrücken besetzt, welcher sich in einer Länge von 
3 — 4 Meilen erstreckt ; dieser Rücken ist an manchen Stellen un- 
angreifbar, während die wenigen Zugänge von dem Feuer der 
feindlichen Batterien bestrichen werden. Zudem lehnt sich der 
linke Flügel an die Aar an; der L T ebergang über die Limmat 
stellt dem Angreifenden, welcher nicht von verschiedenen Punkten, 
sondern nur allein von Zürich her vordringen kann, gleichfalls 
Hindernisse entgegeu. Auch dort hat derselbe die Höhen unter 
dem Feuer des Feindes zu ersteigen, oder muß gleich anfangs von 
einem Punkte mehrere Kolonnen abrücken lassen. Dies alles zeigt, 
daß man nur den rechten Flügel der feindlichen Position mit Erfolg 
angreifen könne. Obgleich hier das Terrain sehr bergig ist, so 
sind doch auch die Vorteile auf beiden Seiten gleich, und man 
kann bei einem Angriffe zwischen dem Luzerner- und dem Zuger- 
see dem Feinde sogar eine ausgedehntere Front entgegen stellen. 
Dieser Vorteil bietet sich auch in dem Falle dar, wenn die Streit- 
kräfte, welche jetzt in den Kantonen Schwyz und Glarus zerstreut 
sind, sich mit jenen 30 000 Mann, welche auf dem Albis stehen, 
vereinigen, wodurch dann eine Stärke von 40 000 Mann erreicht 



133 

wird. Hiebei darf nicht vergessen werden, daß sich uns in diesem 
Falle ein doppelter Vorteil bieten wird; wir werden nämlich ur- 
sprünglich es nur mit einem 20000 Mann starken Feind zu thun 
haben, welchem wir mehr als 35 000 Mann entgegenstellen können ; 
dieser Teil der feindlichen Streitkräfte wird selbstverständlich ge- 
schlagen und in die Flucht gejagt werden, wobei uns einige 
tausend Gefangene in die Hände fallen können ; wir werden alsdann 
siegreich über die übrigen Abteilungen des feindlichen rechten Flügels 
herfallen ^ und dieselben in Verwirrung und Unordnung bringen; ein 
hartnäckiger Widerstand wird, unmöglich, die Folge aber — ein 
entscheidender Sieg sein. Es entsteht jetzt nur noch die Frage: 
Auf welche Weise kann man am schnellsten und leichtesten die 
erwähnten 20 000 Mann des feindlichen rechten Flügels über den 
Haufen werfen? Wenn wir zu diesem Zwecke uns vorerst mit 
dem linken österreichischen Flügel, welcher bei Dissentis steht, 
zu vereinigen suchen würden, so müßten wir wenigstens vier ver- 
schiedene, äußerst unzugängliche Bergrücken ersteigen und hierauf 
so viele und vielleicht noch mehrere Tage verwenden als gerade 
zur Erreichung Luzerns nötig wären. Wir würden die ganze 
Division Lecourbe in unserer linken Flanke haben und müßten, 
um dieselbe zurückzuwerfen, wieder das Reußthal aufwärts vor- 
dringen ; ferner müßte, um nicht an der Teufelsbrücke aufgehalten 
zu werden, immerhin ein Teil unserer Truppen von Bellinzona her 
operieren, sich des Gotthards bemächtigen und von dort in den 
Rücken des die Teufelsbrücke verteidigenden Feindes vordringen. 
Der einzige Weg ist daher, den St. Gotthard von Bellinzona °her 
anzugreifen. Durch diesen Angriff allein werden wir das erreichen, 
was wir nach dem im erörterten ersten Vorschlage erst nach 
Verlauf von 6 Tagen und dazu nicht anders als durch Mitwirkung 
eines besonderen Corps, welches immer wieder von Bellinzona her 
zu operieren hätte, erreichön würden." 

Dabei mag nun gleich bemerkt werden, daß der Marsch über 
den Gotthard selbst keineswegs mit außerordentlichen Schwierig- 
keiten hinsichtlich des Weges zu kämpfen hatte. Ebel sagt m 
seiner „Anleitung die Schweiz zu bereisen" (2. Auflage II, 391, 
Zürich 1804): „Diese Straße beginnt bey Hospital im Urserenthal 
und endigt auf der Südseite bey Airolo nach 5 Stunden ; sie hat 
10 — 12 Fuß Breite und ist mit großen Granitstücken belegt." 
Wöchentlich gingen 300 Packpferde, jährlich 14 000-15 000 Reisende 
über den Berg. Der Weg gestattete es sogar, unter Umständen 
und bei Opfern an Zeit und Geld, Kutschwagen zur Reise zu be- 
nützen. Die einzige Unbequemlichkeit äußerte sich in der Steilheit 
des Abfalles durch das Val Tremola. 

Den Marsch über den Gotthard nennt Clausewitz (II, 205) 
einen „riesenhaften Mißgriff." Suworoff hatte sich vorgenommen 



134 



oder es war ihm durch die in seinem Stabe befindlichen Oester- 
reicher die Meinung aufgedrängt worden, er müsse unter allen 
Umständen die geplante Vereinigung mit dem Corps des FML. Hotze 
zwischen Schwyz und Einsiedeln vollziehen. Dabei übersah man 
gänzlich, daß ein ungewöhnlich entschiedener Gegner, Lecourbe 
nämlich, sich auf dem Gotthard befinde und daß die Verbindung 
zwischen dem Reuß- und Muotathale lediglich aus fast ungangbaren 
Pfaden bestehe. Suworoff forderte übrigens in jenen Tagen ein 
Gutachten ein von den österreichischen Führern über die Möglichkeit 
eines Angriffes auf den Gotthard. -In der That liegen derartige 
Schriftstücke von dem Obersten Strauch und dem FML. Hotze vor. 
(Miliutin IV, 203 — 206.) Ersterer spricht von der Bemeisteruug 
der Stellung auf der Hauptwasserscheide selbst. Hotze erklärte 
unter dem 10. September: „Meine Offensivbewegungen werden 
durch die Kantone Glarus und Schwyz gerichtet sein, um so schnell 
als möglich gegen Meilingen, in den Rücken der feindlichen Position 
auf dem Albis vordringen und über Egeri an den Zugersee gelangen 
zu können. Oberst Strauch nahm in seinem Vorschlage auch die 
Division des FML. Linken auf, während außerdem noch 8000 Russen 
zum Angriffe des L T rserenthales bestimmt sind; eine solche Truppen- 
masse kann in einem ähnlichen Gebirgsdefilee nicht wohl verwendet 
werden, und würde ich selbst ohne die Division Linken für die 
Bewegung über die Linth in den Kanton Glarus zu schwach sein: 
würde diese Division erst nach dem Uebergang über den St. Gotthard 
nach großem Umwege zu mir stoßen, so könnte meine Mitwirkung 
nicht gleichzeitig geschehen. 

Mein Vorschlag besteht demnach darin, daß an demselben 
Tage, an welchem 8000 Mann russischer Truppen in Dissentis 
anlangen, FML. Linken über Sargans sich mit mir vereinigen 
möge, während General Auffenberg mit 4 Bataillonen in .einer 
Stärke von 2000 Mann in Dissentis zurückbleiben würde, um am 

18. den Gebirgspaß gegen das Maderanerthal zu ersteigen und am 

19. (d. i. an demselben Tage, an welchem der Angriff von Airolo 
und Urseren aus gegen den St. Gotthard ausgeführt wird) in das- 
selbe Thal bei Amsteg, im Rücken der Position auf dem St. Gott- 
hard zu debouchieren. Hierdurch würde der Vorteil erreicht werden, 
daß der Feind, sobald er die Bewegung Auffenbergs erfahren, sich 
gezwungen sieht, von einer hartnäckigen Verteidigung des St. Gott- 
hard abzustehen und sich zurückzuziehen, um nicht der Rückzugs- 
linie über Amsteg nach Altdorf beraubt zu werden. Sollte der 
Feind trotzdem sich entschließen, den Angriff am 19. zu erwarten 
und seine Verbindung mit Altdorf zu opfern, so bleibt ihm nur 
die einzige Rückzugslinie über Engelberg in den Kanton Unter- 
waiden übrig. Von Amsteg gelangt General Auffenberg über 
Altdorf auf einem Fußsteig in den Kanton Schwyz, um 



135 



sich mit mir zu vereinigen, während Ew. Durchlaucht 
Ihr Vordringen gegen den Luzernersee fortsetzen." 

Der gesperrt gedruckte Satz erweist deutlich, daß FML. Hotze 
annahm, Suworoff werde von Altdorf mit seiner Hauptmacht längs 
des Sees, also über Sisikon und Morschach nach Brunnen marschieren 
und den Weg über den Kinzig-Paß von dem als Seitendeckung 
dienenden Corps Auffenberg allein machen lassen. Eine andere 
Meinung über den Vorschlag von Hotze besagt: „Man könnte 
daraus, daß nachher nochmals das Vordringen gegen den Luzerner- 
see erwähnt wird, fast schließen, Hotze habe geglaubt, Suworoff 
werde erst in Altdorf ankommen oder dort so lange stehen bleiben, 
bis er selbst den Kanton Schwyz vom Feinde gesäubert habe." 
(Hartmann 77.) 

FML. Stutterheim hat in der Oesterreichischen Militärischen 
Zeitschrift (XI, 1812) ausdrücklich die Erklärung abgegeben, daß 
die Suworoff begleitenden kaiserlichen Offiziere das Hochgebirge 
der Schweiz so wenig gekannt hätten, wie der Marschall selbst. 
Ein solch beschämendes Geständnis lügt man nicht zusammen ! — 
Von dem Kinzig-Paß wußten gewiß nur die nächsten Landesbe- 
wohner. Ebel (IV, 70) schreibt ausdrücklich, daß der Pfad erst 
seit dem Zuge der Russen bekannt geworden sei. Es ist demnach 
wohl anzunehmen, daß FML. Hotze lediglich den Fußsteig meinte, 
der damals an der Stelle der heutigen Axenstraße dahinführte. 

Dagegen will Roverea (II, 239) den in Zürich anwesenden 
Fürsten Gortschakoff, einen Neffen des Marschalls, auf die Schwierig- 
keiten eines Ueberganges vom Schächen- ins Muottathal aufmerksam 
gemacht haben. 

Ein sogleich nach Tortona entsendeter Eilbote überbrachte 
angeblich diese Warnung an Suworoff. Es ist höchst verdächtig, 
daß Roverea „ Tortona" für „Asti" setzt und kein Datum für die 
Depesche u. s. w. angibt. Bei der Sucht des Schreibers, sich überall 
als Hauptperson hinzustellen und der vollendete Truppenführer zu 
sein, liegt die Annahme nahe, daß Roverea diese Warnung nach- 
träglich erfunden hat. Wie wenig er selbst sonst die in Frage 
fallenden Teile des Hochgebirges kannte, geht aus seiner eigenen 
Unternehmung gegen General Ruby (über den Pragel) deutlich hervor. 

Miliutin ist völlig im Recht, wenn er sagt (IV, 14): „Niemand 
lenkte jedoch die Aufmerksamkeit des Feldmarschalls dahin, daß 
die Straße ihn nicht weiter, als bis zum Luzernersee führen könne." 

Dagegen wird man nach den Ausführungen des Dr. 0. Hart- 
mann (85 ff.) gerne annehmen, daß nicht Weyrother allein, sondern 
Suworoff in eigener Person den Plan entwarf, die Vereinigung mit 
dem verbündeten Heere in der Schweiz über den Gotthard anzu- 
strengen. Es entsprach ganz dem Wesen des Marschalls, das Ziel 
auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Diese Vermutung findet 



136 

ihre Bestätigung in dem Schreiben Suworoffs an Hotze vom 18. Sept. 
(Miliutiu IV, 13), worin es heißt: „Der wahre Grundsatz der Kriegs- 
kunst ist, geraden Weges auf den Feind loszugehen und zwar 
von der für ihn empfindlichsten Seite, nicht aber furchtsam auf 
Umwegen sich durchzuwinden, wodurch der Angriff selbst aller 
Einheit beraubt wird, während die Sache nur durch ein gerades und 
kräftiges Vorgehen entschieden werden kann." 

In der bereits auf Seite 133 wiedergegebenen Stelle der Ver- 
fügung zum Angriff auf den Gotthard wird der Marsch durch 
Bünden verworfen und es heißt ausdrücklich: „Der einzige Weg 
ist daher, den St. Gotthard von Bellinzona her anzugreifen." (Hart- 
man» S. 93.) „Gerade aufsein Ziel loszugehen, ohne irgend welche 
Rücksicht auf Schwierigkeiten, das war seine Art und sie ver- 
leugnete sich auch hier nicht. Es kam hinzu, daß sich Suworoff 
trotz seiner fortwährenden Klagen damals auf dem Gipfel seines 
Ruhmes befand. Von der Standeserhöhung durch den König von 
Sardinien war schon die Rede. Kurz darauf sandte ihm Kaiser 
Paul mit einem kurzen, aber sehr schmeichelhaften Schreiben sein 
Bildnis, wofür Suworoff unterm 28. August dankt (Fuchs II, Nr. 323 
und 325, S. 96 und 97) und ernannte ihn endlich zum Fürsten 
Italiisky (19. August), eine Ernennung, die Suworoff wohl auf dem 
Marsche nach der Schweiz zugekommen ist, da das Dankschreiben 
vom 13. September aus Novara datiert. Er mochte sieb also, so 
geehrt und in seinem Selbstgefühl gehoben, auch das scheinbar 
Unmögliche zutrauen." 

Es bleibt noch zu erörtern, ob der Marsch über den Gotthard 
dem gewünschten Zwecke in der That entsprach, oder ob Suworoff 
nicht besser gethan hätte, über den San Bernardino bezw. den 
Splügen vorzugehen. Clausewitz sagt darüber (II, 200/201): 

„Suwarows Marsch über den St. Gotthard hat zwei verschiedene 
Bedeutungen uud ist fast als eine doppelte Maßregel zu betrachten, 
was die Schwierigkeit der Aufgabe vermehren mußte. 

Einmal ist es ein Verteidigungsmarsch zweier durch den Feind 
getrennter Massen. Ein solcher strategischer Akt hat immer seine 
eigenen Schwierigkeiten und seine Krisis tritt gewöhnlich in dem 
letzten Augenblicke ein. Früher hat der zwischen beiden stehende 
Feind entweder keinen der beiden Teile erreichen können, oder 
der, welcher schon in der Nähe war, ist ausgewichen oder hat 
sich in einer unangreifbaren Stellung befunden u. s. w. Sowie beide 
Corps einander bis auf einen gewissen Punkt nahe gekommen sind 
und damit auch dem Gegner, dürfen sie sich nicht mehr zu weit 
ausweichen, wenn sie die Vereinigung nicht verfehlen wollen, und 
nun ist die Gefahr vorhanden, daß der Gegner sich gegen das eine 
wendet und es durch Ueberlegenheit schlägt, ehe dieses sich mit 
dem andern zum gemeinschaftlichem Schlagen hat einrichten können. 



137 



Wir finden dies in der Kriegsgeschichte überall wieder und die 
Menge der einzelnen Maßregeln, welche dann von beiden Teilen 
genommen werden, der Aufwand von taktischen und strategischen 
Anordnungen, sowie die umständlichen Nachrichten der Schrift- 
steller bei solchen Gelegenheiten zeigen dies deutlich genug. 

Die andere Bedeutung, welche in Suwarows Marsch lag, war 
ein Angriff auf die strategische Flanke der französischen Aufstellung. 

Daß ein solcher Angriff etwas anderes ist, wie der Angriff, 
welcher durch einen Marsch über den St. Bernhard im Rücken der 
französischen Stellung stattfinden konnte, ist einleuchtend. Dort 
war an die Beabsichtigung eines gemeinschaftlichen Schiagens nicht 
zu denken, sie war aber auch nicht notwendig, weil die Massen 
der Verbündeten zu weit von einander entfernt waren, um dem 
Gegner zu erlauben, sich mit ungeteilter Macht jetzt gegen die 
eine und dann gegen die andere zu wenden. Bei dem Flanken- 
angriff war das gemeinschaftliche Schlagen mit dem General Hotze 
unerläßlich, weil es in der Natur eines Flankenangriffs liegt, daß 
die feindliche Stellung wenigstens auf diesem Flügel auch in der 
Fronte angegriffen werde. Es kommt also bei einem strategischen 
Flankenangriff auf eine viel genauere Berechnung der Momente, 
viel größere Präzision der Bewegungen an." 

Nach diesen Ausführungen braucht nicht weiter erwähnt zu 
werden, daß die einzige Straße in die Schweiz für Suworoff über 
den San Bernardino oder besser noch über den Splügen nach Chur 
geführt hätte. Freilich durfte man aber dann nicht so viele Zeit 
verlieren, wie das vor Tortona und besonders in Taverne geschah, 
sonst wären die Russen auch auf diesem Wege zu spät für die 
Entscheidung bei Zürich nach Chur und in das Linthgebiet gelangt. 

Eingehend über diesen Punkt spricht die sehr beachtenswerte 
Relation raisonnee de la marche de Tarmee de Suwarow, d'Italie 
en Suisse. Das Schriftstück, abgedruckt in den Pieces Justificatives 
zum XV. Buche des Werkes von Jomini, rührt nach Miliutin von 
einem Major Venancon her. Die einschlägige Stelle lautet: 

„Die Oesterreicher brachten den Marschall zu dem Entschlüsse, 
über den Gotthard zu gehen. Sein Corps mochte in Wirklichkeit 
16000 Mann Infanterie, 3000 Kosaken betragen, zu denen die un- 
nützen Mäuler hinzugerechnet werden müssen, so daß der ganze 
Verpflegungsstand wohl auf 22000 — 24000 Mann anstieg. 

In der Nacht vom 13. auf den 14. Sept. setzte sich das ganze 
Corps gegen Novara in Bewegung. Hätte man eine mehr nach 
rechts verlaufende Richtung eingeschlagen, so wäre man am 14. 
in Galarate, am 15. in Como eingetroffen. Seit dem Entwürfe des 
Planes hätte man aus dem Mailändischen nach Como und Lecco 
allen notwendigen Schießbedarf senden, an den beiden Punkten 
die für einen Teil der fortzuschaffenden Vorräte nötigen Schiffe 



138 



zusammenbringen, den Rest aber, auf Maultiere verladen, nach 
Chiavenna in Bewegung setzen können. Das Heer wäre in den 
Tagen vom 16. bis zum 18. nach Chiavenna gelangt, auf schlechten 
Wegen zwar, aber in befreundetem Lande und in der Mitte Sep- 
tember unter dem Himmel Italiens, über weit niedrigere Berge 
als diejenigen, welche man später angesichts des Feindes im Oktober 
und im Schweizerklima erklettern mußte. Die Armee hätte am 
19. geruht. Am 20. wäre die Vorhut und ein Teil des Trains in 
Bewegung gesetzt worden, am 22. war Chur auf gutem Bergwege 
und ohne besondere Hindernisse zu erreichen. Die Nachhut und 
der Rest des Trains wären hier am 23. angelangt und es hätte 
nicht eines einzigen Mannes bedurft, um Rücken und Seiten zu 
decken. Die leichte Artillerie wäre auf dem See bis Chiavenna 
fortgeschafft worden und nicht 16 bis 17 Tage auf dem Rücken 
der Maultiere verblieben. Der Splügenw^eg würde es sogar gestattet 
haben, Stücke von 6 Pfund und nicht nur von 2 Pfund, wie über 
den Gotthard, mitzuführen. Endlich in Chur angekommen, fand 
man Lebensmittel und Heerstraßen. 

Das Heer mußte in diesem Falle nur 6 Tage voller Ermüdung 
auf sich nehmen (von Como nach Chur), unter denen einer mit 
Ruhe zwischen zwei andere fiel. Es waren für 7 Tage Lebensmittel 
fortzuschaffen ; vier davon konnten auf dem See zurückgelegt werden. 
Von Chur nach Sargans und Weesen sind es zwei Marschtage, 
die Vorhut hätte sich demnach am 24. mit Hotze vereinigt, die 
ganze Armee am 25. — Nur in Galarate (zwischen Novara und 
Como) konnte die Richtung, welche das Heer nehmen mußte, ent- 
schieden werden. Vom 15. bis 24. zählt man lediglich 9 Tage und 
der Feind, ungewiß über den Weg, den Suwarow genommen, hätte 
keine Zeit gehabt, seinen Angriffsplan gut zu entwerfen. . . . Hotze 
hätte die Corps der Generale Linken und Auffenberg nicht Suworow 
entgegen senden müssen, sondern wäre in der Lage gewesen, mit 
6000 Mann mehr seine Stellung bei Weesen und Uznach zu ver- 
teidigen." 

In Taverne zeigte sich wieder die Unordnung, welche im 
Kommissariatswesen der kaiserlichen Armee herrschte. General- 
major Daller, welchem der Auftrag geworden, die nötige Anzahl 
Saumtiere zu beschaffen, stellte den Russen kein einziges zur Ver- 
fügung. Mit vieler Mühe und nachdem fünf kostbare Tage in 
Taverne verloren gegangen, trafen 400 Maulesel dort ein. Um die 
noch fehlende Zahl aufzubringen, schlug der den Zug begleitende 
Sohn des Zaren, Großfürst Constantin Pawlowitsch vor, Kosaken- 
pferde zu benützen, da diese Art Kavallerie doch schwerlich im 
Gebirge zur Verwendung gelangen Averde. Zugleich wurden 5000 
Säcke für die Lebensmittel aufgetrieben. Die abgesessenen Kosaken 
ließ Suworoff in der Art der leichten Infanterie bewaffnen. Oberst 



139 



Strauch hatte übrigens in seinem oben erwähnten „Vorschlage" 
ausdrücklich darauf hingewiesen, daß man nicht mehr als 500 
Reiter werde nötig haben. 

Die Zusammensetzung des von Suworolf befehligten Heeres 
und die „Verhaltungsregeln bei Operationen im Gebirge sind von 
Miliutin (VI, 221, Nr. 35) wiedergegeben. Die Zahlen wurden nach 
dem Standesausweise vom 1. September der besseren Uebersicht 
halber hier beigefügt. 

„Verhaltungsregeln bei Operationen im Gebirge. Größtenteils 
sind die Straßen im Gebirge so enge, daß sich kaum ein unbepacktes 
Pferd, viel weniger bepackte Maultiere auf denselben zu wenden 
vermögen ; es stellen sich dadurch dem Marsche große Schwierig- 
keiten entgegen, und müssen deshalb die Kolonnen derart gebildet 
werden, daß ihre Bewegung durch nichts gehindert werden kann. 
Obgleich an der Tete der Kolonne einige Kosaken notwendig sind, 
damit man durch sie von den Terrain Verhältnissen, bequemen Ueber- 
gängen und selbst von den Bewegungen des Feindes rechtzeitig 
in Kenntnis gesetzt werde und damit man sich durch ihre Patrouillen 
auf den Seitenwegen sichere, so können dieselben doch im Gebirge 
wegen der oben erwähnten Schwierigkeiten nicht von gleichem 
Nutzen sein ; deswegen hat der die Kolonne führende Offizier nach 
seiner eigenen Kenntnisnahme des Terrains oder nach von glaub- 
würdigen Wegweisern erhaltenen Nachrichten, ehe man noch den 
schwierigen Weg betritt, den die Tete der Kolonne kommandierenden 
General oder Stabsoffizier in Kenntnis zu setzen. In diesem Falle 
bleibt die gesamte Kavallerie zurück, während einige ausgerüstete 
Pioniere unter Bedeckung von Infanterie der Avantgarde den Weg 
bahnen. Die Geschütze mit allem Zubehör dürfen sich weder an 
der Tete noch rückwärts der Kolonne befinden; vorwärts würden 
dieselben den Marsch stören, rückwärts aber im Falle des Bedürf- 
nisses nicht schnell genug durch die Kolonne kommen ; da man 
aber alle Maßregeln ergreifen muß, um dem Feind den größt- 
möglichen Schaden zuzufügen, so muß man alles, was hieran 
hindern könnte, zu entfernen suchen. 

Ehe man zu weiteren Bestimmungen bezüglich der Operationen 
schreitet, muß man vorerst die Geschütze in die Kolonnen auf 
folgende Weise verteilen : 

Avantgarde des Fürsten Bagration. 
Jägerregt. Bagration, 2 Bat., 2 Geschütze, 506 Mann, 

Miller, 2 „ 1 Geschütz, 496 

komb. Grenadierbat. Lomonosoff, 1 „ 380 ,, 



Dendrygin, 1 „ 339 

Sanajeff, 1 „ 326 

Kalemin, 1 „ 397 



140 



für jede der beiden Hälften dieser letzteren Truppen, 2 Bataillone, 
je 1 Geschütz. 

Summa: S Bataillone und 5 Geschütze = 2394 Mann. 

Division des Generallieutenant Schweikowski. 

Grenadierregt. Rosenberg, 2 Bat., 1 Geschütz, 911 Mann, 

Musketierregt. Schweikowski, 2 „ 1 „ 921 „ 

„ Baranowski, 2 „ 1 8 1479 „ 

Kamenski, 2 „ 1 „ li)49 „ 
Reservegeschütze 2. 

Summa: 8 Bataillone und 6 Geschütze = 4360 Mann. 

Division des Generallieuteuant Förster. 

Musketierregt. Förster, 2 Bat., 1 Geschütz. 1134 Mann, 

Tyrtoff, 2 , 1 „ 891 

„ Miloradowitsch, 2 „ 1 „ lu34 „ 

Welezki, 2 „ 1 „ 957 
Reservegeschütze 2. 

Summa: S Bataillone und 6 Geschütze = 4025 Mann. 

Division des Generallieutenant Rosenberg-. 



Jägerregt. Kaschkin. 


2 Bat.. 


1 Geschütz. 


1697 Mann, 


Musketierregt. Rehbinder, 


2 B 


1 


1428 „ 


„ Mansuroff, 


9 


1 


1401 „ 


, Feilsch, 


9 


1 


1467 . 



Reservegeschütze 2. 
Summa: 8 Bataillone und 6 Geschütze = 4993 Mann. 
Reservegeschütze für das ganze Corps 2. 

Zusammen das ganze Corps 32 Bataillone, 25 Geschütze, d. h. 
15 772 Kampffähige. (Für die Verpflegung sind aber die Personen 
im Hauptquartier, die als leichte Infanterie dienenden Kosaken, die 
übrige Troßmannschaft, die Geschützbedienung u.s.w. hinzuzurechnen. 
So erklärt es sich, wenn Oberst Miliutin auf 20 000 Mann kommt, 
die mit SmvorofF in Taverne eintrafen. Am 1. September betrug 
dagegen der Verpflegungsstand der russischen Armee in Italien 
27 286 Mann. Der Unterschied zwischen beiden Angaben mag sich 
dadurch erklären, daß der durch das Engadin marschierenden 
Artillerie eine ansehnliche Bedeckung mitgegeben werden mußte. 
Anm. d. Verf.). 

Außer der oben angeführten Geschützzahl und der hiezu ge- 
hörigen Ausrüstung erhält noch jede Division 10 Maultiere zum 
Transporte der Infanteriemunition. Nachdem nur ein einziges 
Kosakenregiment mit den Truppen marschiert, so werden hievon 
jeder Division 50 Mann zugewiesen, während die übrigen 300 Mann 
in Reserve bleiben. Eine jede Division bildet eine besondere Kolonne. 



141 

Sollten dieselben jedoch alle auf einer und derselben Straße mar- 
schieren müssen, so wird aus diesen vier Kolonnen eine einzige 
gebildet. Eine jede Divisionskolonne bildet sich in folgender Weise : 
An der Tete der Kolonne, wenn es die Terrainverhältnisse gestatten, 
als Avantgarde: 

25 Kosaken, 
20 Pioniere, 
1 Bataillon Jäger oder Grenadiere, 
1 Geschütz mit vollständiger Ausrüstung, 
3 Bataillone, 

1 Geschütz, 

2 Bataillone, 

1 Geschütz, 

2 Bataillone, 

1 Geschütz, 

2 Reservegeschütze. 

Nach diesen 10 Maultiere mit der Infanteriemunition. 

In dieser Ordnung marschieren alle übrigen Kolonnen ; am 
Schlüsse des Ganzen die Maultiere und Kosakenpferde mit dem 
Proviant, dann die Lasttiere der Offiziere, welche von einem Bataillon 
Infanterie und 100 Mann Kosaken, welche sich vor- und rückwärts, 
sowie in der Mitte verteilen, gedeckt werden. 

Sobald der Führer anzeigt, daß die Truppen eine enge Straße 
zu betreten haben, so haben die an der Tete befindlichen Kosaken 
die Kolonne zu schließen. Die Divisionskolonnen haben sich so 
viel wie möglich geschlossen zu halten und jede Ausdehnung zu 
vermeiden. Zwischen den einzelnen Kolonnen sind 200 Schritte 
Abstand zu halten. Um sich eines von dem Feinde besetzten 
Berges zu bemächtigen, muß je nach dessen Breite ein Zug, eine 
Compagnie oder eine noch größere Abteilung sich auflösen und 
die Höhe des Berges ersteigen; die übrigen Bataillone folgen in 
einer Entfernung von 100 Schritten. An den Krümmungen der 
Berge, wo das feindliche Feuer keinen Schaden zufügt, kann ge- 
rastet werden, worauf man wieder vordringt. Die einzige feste und 
unerschütterliche Stütze der Kolonne besteht in der Tapferkeit und 
Kühnheit der nach allen Seiten zerstreuten Schützen ; sobald letztere 
auf kräftigen Widerstand des Feindes stoßen und nicht mehr im 
stände sind weiter vorzudringen, so hat die Kolonne, ohne auch 
nur einen einzigen Schuß zu thun, mit großem Ungestüm den 
Gipfel des Berges zu ersteigen und den Feind mit dem Bajonett 
anzugreifen. Dieser, in Furcht versetzt, wird einen so tapferen 
AngrhT nicht auszuhalten vermögen und gewiß einen sehr schwachen 
Widerstand leisten. Durch Feuern allein kann man sich keiner 
Höhe bemächtigen, und wird dem auf derselben stehenden Feinde 
hiedurch nur wenig Schaden zugefügt werden. Die Schüsse er- 



142 



reichen größtenteils den Gipfel gar nicht oder gehen darüber hinaus, 
während das Feuern von der Höhe herab bedeutend sicherer ist, 
weshalb man den Gipfel sobald als möglich zu erreichen hat, um 
nicht lange dem Feuer ausgesetzt und dadurch um so weniger 
gefährdet zu sein. Es versteht sich von selbst, daß man einen Berg 
nicht in der Fronte angreift, wenn man denselben auf beiden 
Seiten umgehen kann. Wenn der Feind der Höhen eines Berges 
sich zu bemächtigen zögert, so muß man dieselben so schnell als 
möglich ersteigen und den Feind durch Bajonett und Kleingewehr- 
feuer von oben herab bekämpfen." 

Die Division Lecourbe benützte die seit Beginn des Septembers 
eingetretene Muße zur Wiederherstellung ihrer Kräfte. Um die 
Schwierigkeiten der Verbindung zwischen Seedorf und Bauen zu 
heben, legte der General dort längs dem See eine Art Kolonnen- 
weges an. Erst zwei bis drei Tage vor dem Anmärsche der Russen 
ward der Bau vollendet, der sehr viel Sprengpulver verbraucht 
haben soll. Die Straße diente im Notfalle zur Bewegung von 
Fuhrwerken und die Soldaten sahen sie mit großem Vertrauen 
entstehen; denn auf ihr beruhte die Sicherheit eines geordneten 
Rückzuges, welchen man schwerlich mit den wenigen zur Ver- 
fügung stehenden Schiffen über diesen so leicht von Föhnwinden 
bedrohten See bewerkstelligen mochte. 

Aus Altdorf vom 29. Fructidor (15. September) berichtet 
Lecourbe dem Obergeneral Massena: „Eine Erkundung, verein- 
tester Herr General, ward bis nach Faido vorgetrieben. Von 
Dazio an ist der Feind heftig verfolgt worden; es standen dort 
300 Mann und einige Husaren. Trotzdem konnte man lediglich 
5 Mann von der Banater- und Warasdiner-Infanterie zu Gefangenen 
machen. Oberstbrigadier Strauch befehligt in diesem Thale zwei 
Bataillone Lascy, 2 Bataillone Michael Wallis, 1 Bataillon Banat 
und 1 Schwadron Erdödy-Husaren. Ein Teil davon lagert in 
Polleggio (bei Biasca), der andere bei der Moesabrücke. Vom 
General Turreau sind mir keine Nachrichten zugekommen. Im 
Bündner Oberland hat es keine Aenderung gegeben seit dem Ihnen 
neulich erstatteten Berichte. Niemals werde ich Ihre Bewegungen 
hindern. Ich bin stets bereit, obgleich ich mancherlei Entbehr- 
ungen erdulde; doch das allgemeine Wohl steht mir immer über 
dem eigenen. Wenn, anstatt große Vorbereitungen zum Linth- 
übergange zu machen, der General Soult nächtlicher Weile mit 
seiner Hauptmacht über Glarus und Mollis auf Weesen marschieren 
würde, hätte er, meine ich, mehr Aussicht auf Erfolg. Auf alle 
Fälle muß er die Weesener Brücke in seine Gewalt bringen. Teilen 
Sie mir gütigst mit, welche Absichten Sie für Ihren linken Flügel 
haben. Beauftragen Sie mich ferner damit, dem General Molitor 
die nötigen Befehle zu erteilen, daß die von ihm ins Rheinthal 



143 



zu entsendende kleine Kolonne mit mir zusammen gegen Ilanz 
wirke. Ich glaube, je früher das geschieht, desto besser ist es." 
(Bousson 221/222, Nr. 50.) 

Im Feldtagebuch beschreibt ferner der General den Angriffs- 
plan der französischen Heeresleitung in folgenden Worten : 

„Für den 3. Vendemiaire VIII (25. September 1799) wurde 
ein allgemeiner Angriff in Aussicht genommen. Der General 
Lecourbe sollte durch das Bündner Oberland nach Ilanz, Reichenau 
und Chur vorrücken und selbst den Versuch machen, Splügen durch 
das Medelser Thal (Hinterrheinthal) zu besetzen. Sein (Lecourbes) 
Vorschlag ging dahin, soweit als möglich ausgedehnte Erkundungen 
bis auf die Südseite des Gebirges vorzutreiben, um die Oesterreicher 
in Italien zu bedrohen und die ihm durchaus nötigen Verstärkungen 
an sich zu ziehen. Es lag dem General auch daran, sich in Grau- 
bünden nicht eher in etwas einzulassen, als bis eine genügende 
Zahl französischer Truppen im Rheinthale stände. Im Ursernthaie 
und auf dem Gotthard sollte General Gudin zurückbleiben, während 
General Loison über die Oberalp nach Dissentis zu marschieren 
hätte." 

Am 22./ 23. besammelte sich in der That die Brigade Loison 
in Wasen und Göschenen, um am 25. /26. über die Ober-Alp gegen 
das Bündner Oberland vorzugehen. Gudin erhielt zugleich den 
Befehl, mit einem Teile seiner Truppen eine starke Erkundung in 
der Leventina gegen Oberst Strauch durchzuführen. Die Brigade 
Molitor sollte der Division Soult bei dem Linthübergange behülflich 
sein und 12 Compagnien der 7ö. Halbbrigade über Engi und den 
Panixer-Paß (2407 m) nach Ilanz marschieren lassen, wo diese mit 
der Brigade Loison zusammengetroffen wären. Molitor scheint 
jedoch, mit einem Hinweis auf die geringe Zahl der ihm zur Ver- 
fügung stehenden Streitkräfte, Einwendungen gemacht zu haben. 
Lecourbe schrieb ihm unter anderem aus Altdorf am 30. Fructidor 
(16. September): „Sie haben, sagen Sie, 9000 Mann vor Ihnen 
und 12000, wenn Sie jene mitrechnen, welche sich gegenüber von 
General Soult befinden. Man berechnet nicht die Zahl der Kämpfer, 
wenn man wie Sie und der General Soult im stände ist, mit Einsicht 
eine taktische Handlung durchzuführen. Schaffen Sie sich die 
nötigen Mittel. Man gelangt stets über einen Fluß ; sind auch alle 
Brücken zerstört, so bleiben doch immer einige Furten. . . . Ob- 
gleich ich halb so stark bin wie der Gegner, hoffe ich dennoch 
ans Ziel zu gelangen." (Bousson 222/223, Nr. 51.) 

Das Schächen- und Maderanerthal, sowie den Weg von Ander- 
matt nach Flüelen bewachte III./38. Halbbrigade. 

Kaum hatten die angedeuteten Bewegungen begonnen, als die 
Brigade Gudin von Suworoff angegriffen wurde. Man war einiger- 
maßen ahnungslos der großen Gefahr gegenüber gestanden und 



144 



Lecourbe empfing die Nachricht von dem Erscheinen der Russen 
in der Leventina überhaupt erst am 24. September gegen 3 Uhr 
abends. Noch am 1. Vendeniiaire VIII (23. September 1799) schreibt 
Lecourbe an Massena aus Altdorf: 

,Auf die Nachricht hin, sei sie nun wahr oder falsch, die 
ich von der Ankunft der Russen in der Leventina erhielt, trieb 
ich sogleich eine Erkundung bis Dazio vor. Man erfuhr dadurch, 
daß der Gegner noch immer auf den nämlichen Punkten steht und 
eher etwas schwächer ist als früher. Obgleich man aber seit 
längerer Zeit schon die Russen ankündigt, sind sie noch nicht da; 
der Feind hält, wie ich Ihnen bereits schrieb, an dem Plane fest, 
uns aus Italien zu vertreiben. Er weiß sehr wohl, daß wir den 
Gotthard nicht überschreiten und auf der anderen Seite desselben 
Stellungen beziehen können, wollen wir uns nicht der Gefahr des 
Verhungerns aussetzen, der wir in diesem Falle nur dann entgehen, 
wenn wir mit einer staunenswerten Macht Herren von Mailand 
würden. Der Feind hatte seine Kräfte auch bei Dissentis ver- 
mindert. Sicherlich macht er eine Bewegung auf seinem rechten 
Flügel. Ich erwarte die Rückkehr von Spionen, um genaue Nach- 
richten zu haben. Aber geben Sie acht auf Ihrem linken Flügel. 
Ich lade Sie ferner ein, Herr General, den General Loison nicht 
vergessen zu wollen, wenn Sie für irgend jemanden die Beförderung 
nachsuchen. Er ist ein alter und zugleich fähiger Brigadegeneral. 
Im Verlaufe dieses Feldzuges zeigte er sich stets als äußerst thätig 
und genau. Weit eher als viele andere, verdiente er den Grad 
eines Divisionsgenerals. " 

Und am 24. September, also wohl sogleich nach dem Eintreffen 
der neuesten Nachrichten: 

„In der That, verehrter Herr General, es ist wahr, daß be- 
trächtliche, aus Russen und Oesterreichern zusammengesetzte Ver- 
stärkungen vorgestern im Tessinthale angelangt sind. 3000 oder 
4000 Mann gelangten gestern bis Dazio. Das Gerücht erhält sich 
beharrlich, General Suworoff sei in Bellinzona, ein anderer sehr 
bejahrter General befehligt in Giornico — man konnte mir aber 
nicht sagen, ob es ein Russe oder ein Oesterreicher wäre. Ein 
zahlreiches Corps ging nach Graubünden ab. Ich erfahre soeben, 
daß der Feind uns bei Airolo angreift, doch glaube ich nur an 
ein einfaches Erkundungsgefecht. Ich gehe sofort ins Urserenthal 
ab und gedenke mich von dort aus nach Dissentis zu begeben. 
Diese Verstärkungen des Gegners fordern gebieterisch, daß ich ein 
hinreichendes Corps auf dem Gotthard lasse. Dort verbleibt nach 
meinen Befehlen der General Gudin mit zwei oder drei Bataillonen. 
Ich kann demnach lediglich mit vier oder fünf anderen im Rhein- 
thale handelnd auftreten. Uebrigens wäre ich nicht ruhig, wüßte 
ich meinen Rücken, meinen rechten Flügel vom Gegner angegriffen 



145 



und bewältigt. General Turreau, der bis jetzt ein Beobachtungs- 
corps im Bedretto stehen hatte, zieht soeben dasselbe zurück. 
Morgen werde ich dem Gegner von zwei Seiten zu Leibe gehen; 
aber denken Sie an meine Lage!" 

Die Aufstellung der Division Lecourbe ist demnach für den 
24. September mittags die folgende (zusammengestellt nach dem 
Peldtagebuch und den Angaben von Jomini, Koch und Massena) : 

Divisions-Hauptquartier in Altdorf. 
67 Dragoner vom 1. Regiment. 506 Artilleristen und Geniesoldaten. 
Brigade Gudin: 109. Halbbrigade = 1959 Mann, in Andermatt und 
auf der Oberalp; 67. Halbbrigade — 1871 Mann, in Airolo, 
im Gotthard-Hospiz und in Hospenthal. 
Brigade Molitor: 84. Halbbrigade = 2599 Mann; I./25. leichte 
Halbbrigade = etwa 500 Mann, in Glarus, Ennenda, Netstall 
und Mitlödi. 
Brigade Loison: 76. Halbbrigade — 2407 Mann, in Wasen und 
Göschenen, 12 Compagnien dagegen in das Sernfthal ent- 
sendet, um nach Banz vorzugehen ; 38. Halbbrigade = 2423 
Mann, I./II. Bat. in Göschenen, das III. Bat. im Reuß-, im 
Maderanerthal und auf dem Urnerboden. 
Es standen demnach am Gotthard gegen Suworoff zur Ver- 
fügung rund 9000 Gewehre. 

Die russische Armee, welche aus Italien heran zog, zählte 
dagegen rund 15000 Kämpfer, die bei Dissentis stehende öster- 
reichische Brigade überdies etwa 2000 Mann. 

Nachdem Tags zuvor alle Vorbereitungen vollendet worden, 
brachen am 21. Sept. die russischen Truppen von Taverne auf. 
Generallieutenant Korsakoff und FML. Hotze erhielten Meldungen 
von dem Abmärsche und die unten (S. 147 — 149) wiedergegebene 
Verfügung über den Angriff auf den Gotthard. 

Das Corps Rosenberg war bereits nach Bellinzona voraus- 
gesandt worden. 144 Von hier aus nahm es über Biasca, woselbst 
die Hauptmacht der Brigade Strauch stand, seinen Weg ins Val 
di Blegno, um über den Lukmanier und Dissentis, sowie über 
den Oberalp-Paß gegen das Urserenthal vorzudringen. 

Das Corps Derfelden erreichte am 21. September das 25 km 
von Taverne gelegene Bellinzona. Am 22. gelangte das Corps nach 
Giornico. Voraus befand sich die Brigade Bagration, dann folgten 
die Divisionen Förster und Schweikowski. Die Brigade Strauch 
gelangte nach Faido. 

„Während dieser beiden Tage fiel der Regen in Strömen 
herab ; ein schneidender Wind wehte von dem Gebirge her, wobei 
die Truppen in den kalten und feuchten Nächten in ihren Bivouacs 
durch die Kälte ungemein litten. Nach Suworoffs Gewohnheit 

Günther, Feldzug 1799. 10 



146 



brach die Kolonne jedesmal vor Tagesanbruch, gegen 4 Uhr morgens 
auf. Großfürst Konstantin befand sich beständig bei der Avant- 
garde Bagrations und ertrug geduldig alle Unannehmlichkeiten 
und Entbehrungen des Marsches , welcher bei dem stürmischen 
Herbstwetter doppelt erschöpfend war. Munter ritt der Feldmar- 
schall in seiner gewöhnlichen leichten Kleidung auf einem Kosaken- 
pferde dahin ; sein Anzug bestand aus einem weißen Kamisol und 
weißen Beinkleidern, leinene Socken und Halbstiefel schützten die 
Füße, über die Schultern war ein dünner, alter, ungefütterter Mantel, 
das sogenannte Vatermäntelchen geworfen, auf dem Kopfe saß ein 
runder Hut mit breitem Rande. Handschuhe trug der Feldmarschall 
nie. An der Seite Suworoffs ritt auf einem Kosakenpferde ein 
alter Mann, den er von Taverne mitgenommen ; es war dies Antonio 
Gamba, der Wirt des Hauses, in welchem Suworoff während seines 
dortigen Aufenthaltes gewohnt hatte. Dem Feldmarschall gefiel 
der Alte, welcher für Suworoff so sehr begeistert war, daß er seine 
Jahre und seine Familie vergaß und unserem Feldherrn versprach, 
ihm an seiner Seite über die Alpen zu folgen. Ungeachtet der 
Thränen und Bitten seiner Familie hielt Antonio das gegebene 
Wort; während des ganzen Zuges durch die Schweiz ritt er an 
Suworoffs Seite, diente den Truppen als zuverlässiger Führer und 
war der russischen Armee von unschätzbarem Nutzen." (Miliutin 
VI, 24/25.) 

Ist die Erzählung wahr, in Taverne besteht keine Ueber- 
lieferung mehr, so war Gamba einer jener sogenannten „Mailänder", 
welche regelmäßig als Viehhändler heute noch in die Urkantone 
kommen. Unter dem alten General aber, von dessen gemeldeter 
Anwesenheit in Giornico Lecourbe berichtet, ist wohl Suworoff 
selbst zu verstehen. Am 23. erreichte Derfelden den Dazio grande 
(11 km von Airolo und den französischen Vorposten) und bezog 
hier mit Strauchs Truppen zusammen die hervorragend feste Stellung. 
Diese langsamen Märsche, welche gegen die sonstige GeAvohnheit 
des greisen Marschalls waren, erklären sich dadurch, daß Rosen- 
berg einen ungleich längeren Weg zurücklegen mußte, ehe er auf 
dem Gotthard in das Gefecht einzugreifen vermochte. 

An der Spitze des Corps Rosenberg marschierte die von 
Miloradowitsch befehligte Vorhut, das Regiment Aptscheron, das 
Jägerbataillon Kaschkin und die Kosakensotnie Posjädeff. (Sotnia 
heißt soviel wie 100 Mann.) Das Gros unterstand dem General 
Rehbinder. Am 21. wurde Dongio, am 22. bereits Casaccia (die 
Häusergruppe am Südabfalle des Lukmanier-Passes) erreicht. Trotz 
der Höhe von 1819 m, dem Mangel an Holz und der sehr schlechten 
Witterung mußte hier bivouakiert werden. Am 23. erreichten die 
Russen Dissentis, woselbst die kaiserliche Brigade Auffenberg ihre 
Ankunft erwartete, um dann über den Kreuzli-Paß ins Maderaner- 



147 

thal, bezw. ins Reußthal einzudringen. Auf der Ebene zwischen 
Segnes, Buretsch und Mompe Tuietsch, am linken Rheinufer, wurde 
die Nacht vom 23. zum 24. wieder bivouakiert. 

Für den Angriff auf den Gotthard hatte Suworoff, welcher 
die Nacht in Faido zubrachte, folgende Verfügungen getroffen 
(Miliutin IV, S. 225 bis 228, Nr. 40): 

„Disposition für den Angriff auf den Gotthard. — Bellmzona 
den 21. Sept. 1799 (n. St.). Das Corps des Generals der Kavallerie 
Derfelden bricht am 22. früh 5 Uhr von Bellinzona auf, rastet 
eine Stunde auf der Hälfte des Weges bei Osogna, legt dann drei 
deutsche Meilen bis nach Giornico zurück, wo Lieutenant Giurczak 
den Lagerplatz bestimmt. An demselben Tage marschiert die 
Brigade des Obersten Strauch von Biasca nach Faido. 

° Am 23. wird der Marsch von Giornico nach Piotta (lVs deutsche 
Meilen) fortgesetzt, im Falle bis dorthin nicht irgend eine Aenderung 
in der Aufstellung des Feindes eingetreten ist. Von Piotta aus 
wird am 24. der Angriff auf Airolo und den St. Gotthard in 
folgender Weise ausgeführt: 

Die Avantgarde des Fürsten Bagration, sowie die Division 
Schweikowski gehen morgens 3 Uhr vorwärts Piotta über den 
Ticino und wenden sich, nachdem sie die Hälfte des Berges rechts 
von Madrano und Valle in einer Entfernung von IV2 deutschen 
Meilen erstiegen, von hier aus noch eine deutsche Meile weiter 
rechts, um Airolo und alle Positionen, welche der Feind zwischen 
Airolo und Piotta besetzen kann, zu umgehen. Die Kolonne wird 
von Lieutenant Giurczak des österreichischen Generalstabs geführt. 

Um 4 Uhr morgens bricht die zweite Kolonne, welche aus 
zwei leichten oder Grenzbataillonen des Obersten Strauch und 
einem russischen Bataillon der Division Förster besteht, von Piotta 
auf und nimmt, nachdem sie links die Höhe des Gebirges bis zur 
Hälfte erstiegen, die Richtung nach der Brücke über den Ticino. 
über welche die Straße von Airolo in das Bedrettothal führt. Die 
Kolonne führt Lieutenant Bellicky. 

Die weiteren zur Brigade Strauch gehörenden Truppen mit 
den übrigen sieben Bataillonen der Division Förster bleiben auf 
der Straße nach Airolo und gehen auf derselben in dem Maße vor, 
als die beiden Flankenkolonnen ihnen das Vorrücken erleichtern. 
Diese Kolonne wird von Lieutenant Gatterburg des österreichischen 
Generalstabs geführt. 

Sobald die Tete der mittleren Kolonne Airolo erreicht hat. 
wendet sich Oberst Strauch links auf der Straße nach dem Bedretto- 
thale gegen die über den Ticino führende Brücke, wo sich bereits 
zwei seiner Bataillone, welche von der linken Kolonne dorthin 
detachiert werden, befinden werden ; das russische Bataillon kehrt 
auf derselben Straße zu der mittleren Kolonne nach Airolo zurück. 



148 



Sollte die Brücke über den Ticino zerstört sein, so kann man dort 
den Fluß bei einer Furt überschreiten. 

Die mittlere Kolonne durcheilt Airolo, um sich mit der rechten 
Kolonne, welche bereits auf dem Wege nach dem Hospiz voraus- 
gesendet worden, in Verbindung zu setzen, vereint mit derselben 
auf den Gipfel des Berges, d. h. bis zum Hospiz vorzudringen, 
und dann auf der anderen Seite eine halbe Meile gegen Urseren 
hinabzusteigen. 

Sollte der Feind die Absicht zeigen, das Hospiz zu verteidigen, 
so hat sich die rechte Kolonne noch mehr rechts zu wenden und 
die linke Flanke der feindlichen Position zu umgehen. 

Um den Gipfel des St. Gotthard oder das Hospiz zu erreichen, 
muß man je nach der Stärke der feindlichen Truppen, welche sich 
gegen die Furka und nach Wallis zurückziehen, ein oder zwei 
Bataillone der Division Schweikowski links gegen Realp detachieren ; 
diese Bataillone entsenden Patrouillen bis nach Realp selbst, warten 
den Uebergang des ganzen Corps ab und folgen dann an der Queue 
der Kolonne nach Urseren. 

Sämtliche Kosaken marschieren an der Queue der mittleren 
Kolonne; an der Tete derselben marschieren nur 100 Kosaken und 
zwar bis zu jenem Defilee, welches sich vorwärts Airolo und links 
von Madrano befindet. Vor dem Eingange in dieses Defilee 
nehmen die Kosaken rechts Stellung und warten dort, bis die 
Infanterie dasselbe passiert hat. 

Sämtliche Geschütze folgen mit der mittleren Kolonne und 
zwar hinter dem ersten Bataillone nur zwei Geschütze, die übrigen 
an der Queue der ganzen Ko]onne. 

Sollte der Feind vom heutigen Tage bis zum 24. noch weiter 
im Ticinothale vordringen, so beginnt der oben beschriebene Angriff 
mit den drei Kolonnen an demselben Punkte, wo man auf den 
Feind stößt, in welchem Falle der Kampf vielleicht schon am 23. 
beginnen würde. 

Die rechte Kolonne nimmt 30, die linke 20 Pioniere mit sich, 
die übrigen Pioniere folgen der mittleren Kolonne." 

Ergänzungsdisposition für den Angriff auf den St. Gotthard, 
Faido, den 23. September neuen Stils: 

„Die am 21. September in Bellinzona gegebene Disposition 
erleidet nur in soferne eine Aenderung, als am 24. die erste oder 
rechte Kolonne, welche aus der Avantgarde Bagrations und aus 
der Division Schweikowski besteht, um 3 Uhr morgens aufbricht, 
auf der Hauptstraße bis Stalvedro vordringt, von dort aber schon 
rechts gegen Madrano wendet und über Valle die feindliche Position 
bei Bosco in der Flanke angreift. Da sich vielleicht in dieser 
Position nicht mehr als 3 feindliche Bataillone befinden, so hat 
erwähnte Kolonne auf der Hälfte des Weges nach Bosco vier 



149 



Bataillone noch weiter rechts, gerade gegen das Hospiz, auf den 
Gipfel des St. Gotthard zu dirigieren, um die Rückzugslinie des 
Feindes aus seiner Stellung bei Bosco völlig abzuschneiden. 

Lieutenant Giurczak vom österreichischen Generalstabe hat 
vorher noch in Faido die nötige Anzahl Wegweiser aufzutreiben, 
um die Kolonne zu führen ; ebenso ist ein Führer jenen 4 Bataillonen, 
welche nach rechts detachiert wurden, beizugeben. 

Die linke Kolonne, aus sämtlichen Bataillonen des Obersten 
Strauch und einem russischen der Division Förster bestehend, hat 
zugleich mit der ersten Kolonne vom Lager aufzubrechen und 
schlägt, sobald sie in Piotta angekommen, auf dem oben angedeuteten 
Wege die Richtung nach links ein. Diese Kolonne wird von 
Lieutenant Bellicky des österreichischen Generalstabs geführt, 
welcher an demselben Tage die hiezu erforderlichen Wegweiser 
gleichfalls herbeizuschaffen hat. 

Die mittlere oder dritte Kolonne, aus 2 Bataillonen des Regi- 
ments Wallis, (der Abteilung Strauchs) und 7 russischen Bataillonen 
der Division Förster bestehend, geht auf der Straße zwischen den 
beiden Flankenkolonnen vor und sucht hiebei sich etwas hinter den 
Spitzen dieser Kolonnen zu halten, damit durch einen zu früh- 
zeitigen Angriff auf die Front der feindlichen Position bei Bosco 
oder bei dem Ausgange von Airolo nicht unnützer Verlust ver- 
ursacht werde. Diese Kolonne führt Lieutenant Gatterburg vom 
österreichischen Generalstabe. 

Oberst Strauch schiebt heute Abend noch seine Vorposten 
über Piotta gegen die Brücke Sordo vor und stellt rückwärts die 
nötigen Unterstützungen auf, um diese Brücke bis zu unserer 
Ankunft zu halten. Falls der Feind während der Nacht sich 
der Brücke bemächtigen wollte, so ist alle Kraft anzuwenden, um 
sich in deren Besitz zu behaupten. 

Sämtliche Kolonnen haben sich bis 2 Uhr nach Mitternacht 
zu sammeln; während der Dauer des Marsches ist möglichst ge- 
schlossen zu marschieren, damit sich die Kolonne nicht zu sehr 
ziehe und dadurch der Marsch selbst nicht verzögert werde. 

Sämtliche Kolonnen haben ihre Vorräte an Brot und Zwieback 
hinter Faido zurückzulassen ; diese gehen erst morgen weiter. 

Es wird noch einmal in Erinnerung gebracht, daß mit Aus- 
nahme des oben Angedeuteten alles übrige, das in der früheren 
unter dem 21. September erlassenen Disposition enthalten ist, ohne 
alle Aenderung in Kraft bleibt." 

Morgens 3 Uhr den 24. September begannen die Russen vom 
Dazio aus den Vormarsch gegen Airolo. Nachdem Piotta durch- 
schritten worden, teilten sich, der Verfügung entsprechend, die 
Kolonnen. „Nach einer stürmischen und regnerischen Nacht hörte der 
Regen auf; doch war das Wetter feucht und neblig; dichte dunkle 



150 



Wolken bedeckten das Thal und stiegen allmälig gegen den Gipfel 
des Berges auf." (Miliutin.) 

Der Marsch muß über Erwarten langsam vor sich gegangen 
sein. Erst um 2 Uhr nachmittags wechselte die Vorhut des Fürsten 
Bagration die das Gefecht einleitenden Schüsse mit dem Gegner, 
einer Compagnie der 67. Halbbrigade. Diese wurde durch die 
Jägerabteilung des Lieutenants Lutowinoif verfolgt und ging bis 
in die Hauptgefechtsstellung oberhalb des heutigen Tunneleinganges 
zurück. Bei der Verfolgung fiel der genannte kühne Offizier, von 
einer Kugel tödlich getroffen. Indessen trafen Verstärkungen unter 
Oberst Schuwaloff und Oberstlieutenant Zukato ein. Der Feuer- 
kampf entbrannte lebhaft! Generalmajor Bagration versuchte eine 
Umgehung der von 600—1200 Franzosen besetzten Stellung längs 
des Berghanges und auch die Kolonne, welche bis dahin auf dem 
rechten Ufer des Ticino vorgegangen, griff jetzt ein. Generalmajor 
Baranowski erstieg mit dem Nisow-Musketierregiment, dem Jäger- 
regiment Miller, sowie einigen Kosakenabteilungen zu Fuß von 
Valle aus die Alpe Pontino in der Richtung zum Sellasee. Die 
Franzosen dagegen, in Gefahr, vollkommen abgeschnitten zu werden, 
gingen bis zum südlichen Ausgange des Val Tremola zurück und 
bezogen dort eine neue Stellung bei der „Casa di ricovero" (Pkt. 1702). 

Suworoff zog jetzt die das Gros der Divisionen Schweikowski 
und Förster bildenden Truppen durch Airolo zum Frontalangriffe 
heran. Die Franzosen verteidigten sich hartnäckig mit wohlgezieltem 
Feuer und erst die neuerlich drohende Gefahr der Umgehung ihrer 
Stellung von den Truppen Bagrations zwang sie Schritt für Schritt 
fechtend bis zu der Stelle zurückzugehen, welche der Bataillonschef 
Lovisi bereits im Mai eingerichtet hatte. (Zu vergleichen S. 89 
dieser Arbeit.) Die Franzosen setzten dort den zähen Widerstand 
fort, die Russen unternahmen, den Tod nicht scheuend, zwei Angriffe, 
wobei sie wenigstens 1200 Mann einbüßten. An einen weiteren 
Fortschritt war aber nicht zu denken, bevor Bagration auf die 
Alpe di Sonescia zu gelangen vermochte. 

In diesen Augenblicken gespanntester Erwartung soll sich 
jener oft erzählte Auftritt ereignet haben, daß Suworoff, unwillig 
über das Murren der Truppen, eine Grube ausheben ließ (wo?) 
und die Worte aussprach: „Ihr seid nicht mehr meine Kinder, 
ich will auch nicht mehr euer Vater sein; es bleibt mir jetzt 
nichts mehr übrig, als zu sterben, begrabt mich hier!" Miliutin 
(IV, 31, Anmerkung und Beilage Nr. 44) gibt sich viele Mühe, 
diese Geschichte zu widerlegen. 

Um 4 Uhr, in dem nämlichen Augenblicke, da das von General 
Loison gesendete I./38. Halbbrigade bei seinen kämpfenden Kame- 
raden eintraf, erschienen die ersten Abteilungen der Kolonne 
Bagration bei Grasso di Mezzo (2158 m) und zugleich griff die 



151 

Hauptmacht in der Front noch einmal an. Nun mußten die 
Franzosen gegen Hospenthal zu endgültig weichen. 

Am nämlichen Tage wurde auch die andere Hälfte der Brigade 
Gudin auf der Oberalp angegriffen. 

Das Corps Rosenberg brach mit dem grauenden Morgen aus 
seinem Bivouac auf. Vorwärts der Häusergruppe „Scharmas" am 
Nordabfalle des Calmot trafen die Kosaken der Vorhut Miloradowitschs 
mit einer Patrouille der 109. Halbbrigade zusammen. Das Regiment 
Mansuroff wurde nun gegen Hinterfelli ob dem Oberalpsee entsendet 
und Miloradowitsch griff längs des Weges die auf dem Passe 
befindlichen Erdwerke mit dem Jägerbataillon Sabanjäjeff an. 

In der Schanze stand I./1Ö9. Halbbrigade; das Bataillon wich 
nach einigem Widerstände in eine neue Stellung am Oberalpsee zurück. 

Jetzt griffen Mansuroff von der Hinterfelli, Rosenberg auf 
dem Wege', Miloradowitsch links davon an. „Trotz der bedeutend 
größeren^ Ueberlegenheit setzte man den Russen einen äußerst 
hartnäckigen Widerstand entgegen ; eine dichte Kette französischer 
Schützen, welche sich hinter Felsstücken zu decken suchte, empfing 
die anstürmenden Russen mit einem wohlgezielten Feuer. Nebenbei 
wurde das Vorgehen der beiden Kolonnen Rehbmders und 
Mansuroffs durch das sumpfige Terrain zu beiden Seiten des Sees 
bedeutend erschwert. Dennoch gelang es Miloradowitsch, den 
rechten Flügel der feindlichen Abteilung bald von den Höhen zu 
vertreiben, worauf sich dann die übrigen französischen Truppen 
nicht länger mehr auf der linken Seite des Sees zu halten wagten 
und in Eile den Rückzug antraten." (Miliutin IV, 34.) _ 

Mehrere Male versuchten es die Franzosen, sich wieder fest- 
zusetzen ; es gelang ihnen nicht, denn die Russen drängten kräftig 
nach bis auf die Höhe ob Andermatt. Hier trafen die Franzosen 
das in aller Eile aus dem untern Reußthale her kommende 
I./38. Halbbrigade, welches vom Kommandanten Juillet befehligt 
wurde. General Loison muß sich ebenfalls bei demselben befunden 
haben ; das Bataillon hielt sich aber kaum lange auf, da es schon 
um 4 Uhr nachmittags beim Hospize eintraf. (Vergleiche S. 150 
dieses Werkes.) Die Stellung, welche Rosenberg hier einnahm, 
lag wohl bei der Häusergruppe Näfschen ob der Altkirche (171<> in), 
üfe Truppen waren durch die Verfolgung, welche den Franzosen 
angeblich 100 Mann an Toten kostete, sehr durcheinander gekommen. 
Rosenberg verlor jedoch über dem Sammeln zu viele Zeit. Vielleicht 
zögerte er auch mit der Fortführung des Angriffes aus dem Grunde, 
weil er noch keine Nachrichten von der Hauptkolonne erhielt, 
indessen Suworoff anderseits erwartungsvoll nach Rosenberg aus- 
schaute. Jedenfalls hätte dieser die auf dem Gotthard stehenden 
Truppen durch ein schnelleres Eingreifen in die größte Bedrängnis 
zu bringen vermocht. 140 



152 



Das Sammeln der Russen suchten die Franzosen dadurch zu 
verhindern, daß sie vom Thale herauf aus Haubitzen Granaten 
gegen die Höhe (der Unterschied beträgt etwa 270 m) zu werfen 
suchten. Das mißlang natürlich, die Dunkelheit brach jedoch 
herein, ehe die Russen endlich an den Abstieg dachten. „Das 
ganze russische Corps erhielt den Befehl, in größter Stille und 
ohne allen Lärm den Berg hinabzusteigen und sich dann in 
möglichster Schnelligkeit am Fuße desselben in Schlachtordnung 
aufzustellen. Der Abhang war so steil, daß die Truppen sozusagen 
hinabrutschten und in einem Augenblicke sich in der Ebene formiert 
hatten." 

Nach einer Salve warf sich die schnell geordnete Linie mit 
dem Bajonette auf den zwar überraschten, aber unerschrockenen 
Gegner. „Beaucoup de solclats des deux partis se prirent aux 
cheveux", sagt das Feldtagebuch der Division Lecourbe. 

Nach derselben Quelle zu urteilen, entsendete Rosenberg bereits 
früher über den Gütsch (Petersstock?) eine Abteilung gegen die 
von den Franzosen unbesetzte Häusergruppe „ Altkirche. " General 
Loison hatte dabei große Mühe, von Hospenthal, wo er mit Gudin 
gesprochen, nach Göschenen zu gelangen. Hier angekommen, 
schickte er sogleich die dort noch befindlichen 2 Compagnien der 
76. Halbbrigade gegen die Teufelsbrücke, um diese wenigstens zu 
decken. 

Rosenberg mußte sich, angesichts der großen Ermüdung seiner 
Truppen, damit begnügen, Andermatt zu besetzen. „In dem Dorfe 
fand man 370 000 Patronen sowie Proviantvorräte, welche für das 
ganze Corps ausreichten." u6 

Bei Hospenthal kam es noch bei Einbruch der Dunkelheit, 
also gegen 6 Uhr, zu einem neuerlichen Feuergefechte. Das Feid- 
tagebuch behauptet, es sei überhaupt an diesem Tage von 6 Uhr 
früh bis 10 Uhr nachts gekämpft worden; doch ist diese Angabe 
gewiß übertrieben. Jedenfalls ging die größere Anzahl der noch 
zwischen Hospenthal und Andermatt befindlichen französischen 
Truppen unter Führung von General Gudin nach Realp, also gegen 
die Furka zurück. 

Das Feldtagebuch gibt die Verluste dieses Tages wohl zu 
niedrig auf 20 Tote, 102 Verwundete, 30 Gefangene an. Die 
Russen hatten freilich unter allen Umständen eine weit größere 
Einbuße. Sie berechneten bei beiden Corps zusammen gegen 
2000 Kampfunfähige. (Miliutin IV, 38.) 

Suworoff bivouakierte mit den Seinen bei Hospenthal. Eine 
Verbindung zwischen ihm und Rosenberg bestand nur insoferne, 
als man gegenseitig die Wachtfeuer sah. Suworoff glaubte noch für 
den folgenden Tag an Kämpfe um das Dorf Andermatt. In dieser 
Annahme schrieb er aus Hospenthal an Hotze und an Korsakoff : 



153 

„Die Schwierigkeiten, mit welchen wir bei Umgehung der 
feindlichen Position auf dem St. Gotthard zu kämpfen hatten, 
verzögerten unser Vorrücken derart, daß wir erst in diesem Augen- 
blicke hier ankamen; morgen, den 14. (25.), werden wir früh 6 Uhr 
nach Ursern aufbrechen und den Feind, wenn er uns erwarten 
sollte, von dort vertreiben; dennoch werden wir gegen Abend 
Altdorf zu erreichen trachten, wie dies in der Disposition ursprüng- 
lich festgesetzt worden." Auf den Umschlag der Weisung an 
Hotze hatte Suworoff eigenhändig folgende Verse geschrieben: 

„Am 20. sind Tragtiere bereit, 

Den 21. zieht Rosenberg zum Streit, 

Den 22. folgt Thierfeld (Derfelden!) zur Schlacht, 

Den 24. ist Gotthardsberg erobert durch Macht, 

Dann haben wir durch Säbl und Bajonett 

Die Schweiz von ihrem Untergang gerett't." 

(Nach der Oesterr. Militär-Zeitschrift 1818, I, 183.) 

Diese Knittelverse sind bezeichnend für die geistige Stimmung 
des russischen Oberfeldherrn, der nun schon die Hauptarbeit gethan 
zu haben glaubte. 

Es bleibt noch die Aufgabe, die vielfach widersprechenden 
Lesearten über die Ereignisse dieses Tages zu besprechen, sowie 
die oben gegebene Darstellung der Geschehnisse zu verteidigen. 

Es ist keineswegs schwierig zu erklären, warum die Kolonne 
Bagration nicht durch das Val Canaria über den Unteralp-Paß 
und den Passo della Sella gegen das Hospiz hin die Stellung der 
Franzosen in der Tremolaschlucht umging. Sie hätte jedenfalls 
weniger Mühsale gefunden als an den Hängen der Sonescia. Wenn 
Miliutin (IV, 234, Nr. 45) meint, der Unteralp-Paß sei nicht gang- 
bar gewesen, so irrt er jedenfalls. Andererseits ist nicht recht 
einzusehen, warum Dr. Hartmann (S. 102) annimmt, die Umgehung 
hätte sich im Falle eines Marsches über die Unteralp nur gegen 
Andermatt richten können. Die Gotthardtruppen überschreiten 
doch öfters den Passo della Sella, welcher zum Hospiz hinunterführt. 

Nein, Bagration kletterte längs der Sonescia-Hänge, weil er 
von dort aus schneller zum Ziele gelangte als über die freilich 
weniger mühsamen Pässe der Unteralp und der Sella. Rasch die 
Umgehung durchzuführen, war aber des Oberfeldherrn dringendster 
Befehl. 

Von den meisten Schriftstellern wird behauptet, und das ist 
nur ein neuer Beweis dafür, wie oft ein Verfasser ohne viel Nach- 
denken den Angaben anderer folgt, daß Lecourbe bei den Gefechten 
am 24. auf dem Gotthard anwesend gewesen sei. Der damalige 
Stabsmajor im eidg. Generalstabe Dr. R. von Beding hat zuerst in 
einem vor der Offiziersgesellschaft Zürich gehaltenen Vortrage 



154 



(November 1891) darauf hingewiesen, daß Lecourbe vermutlich 
erst am 25. von Altdorf aus bei der Teufelsbrücke eingetroffen, 
am 24. aber im Hauptflecken von Uri gewesen sei. 

Dem ist in der That so. Zunächst spricht keiner der Berichte 
des Generals davon, daß er am Gefechte an der einen oder der 
andern Stelle teilgenommen habe. Das Feldtagebuch hebt endlich 
jeden Zweifel. Es erzählt, daß General Lecourbe am 3. Vendemiaire 
(25. September) bei Tagesanbruch von Altdorf aus an der Teufels- 
brücke eingetroffen sei, und zwar in der Absicht, gegen dasUrseren- 
thal vorzudringen. Wäre er selbst am Tage zuvor dort gewesen, 
er hätte diese Hoffnung, trotz aller Kühnheit seines Charakters, 
gewiß nicht gehegt. Endlich, wie konnte Lecourbe am Nach- 
mittage des 24. aus Altdorf an Massena berichten und zwei Stunden 
später etwa in Andermatt sein? Auch das von d'Izarny benutzte 
Feldtagebuch der 38. Halbbrigade sagt ausdrücklich, daß Lecourbe 
einen Teil der Nacht vom 24.; 25. September dazu benützte, 
mit IL/38. Halbbrigade und dem noch übrigen Reste der 76. von 
Altdorf zur Teufelsbrücke zu marschieren. 

Damit fällt aber auch die immer wiederholte, noch von Dr. Hart- 
mann (S. 198) angenommene Erzählung der nächtlicheu Ueber- 
kletterung des Bäzberges durch Lecourbe. Es wäre dies freilich 
für den General keine unmögliche Leistung gewesen : denn die Be- 
steigung jener Höhen ist nicht so schwierig, wie sie Miliutin wissen 
will. (IV, 38.) Lusser kennt dieses Ereignis auch nicht, das er 
sicher in seinem Werklein erwähnt haben würde, wäre es eben 
geschehen. Mit welchen Truppen hätte auch Lecourbe den nächt- 
lichen Marsch durchführen sollen? Das Tagebuch gibt an, daß 
am 24. nur 6 schwache Bataillone den Gotthard besetzt hielten ; 
der Bericht aus Altdorf vom 3. Vend. (25. September) nachmittags 
9 L x hr 30 Minuten an Massena sagt ausdrücklich: .Die letzte Nacht 
begann General Gudin seinen Rückzug auf die Furka. Er nahm 
mir die 67., ein Grenadierbataillon, die ganze 109. und ein Bataillon 
der 38. mit, welche der General Loison in die Ebene von ITrseren 
vorgehen ließ, um ihn zu unterstützen und denen der Rückzug 
durch das L'rnerloch verlegt ward." Diese Truppen bildeten zu- 
sammen gerade 6 Bataillone (die 109. Halbbrigade zählte 2 Ba- 
taillone) und keines von ihnen wäre doch bei Gudin geblieben, 
wenn Lecourbe nächtlicherweile das Urnerloch über den Bäzberg 
hin umgangen hätte. 

Für das Bivouac der Kolonne Rosenberg wird kurzweg 
„Tavetsch" als Ortsname angegeben. (Bernhardi I, 84 spricht von 
Monrpe-Tavetsch.) Tavetsch ist jedoch die Bezeichnung für das 
ganze Thal. Dr. Hartmann (S. 103) nimmt Sedrun als Lagerplatz 
an. Dort ist jedoch kaum so viel Raum, 6000—8000 Mann 
(mit der Brigade Auffenberg?) und einem großen Trosse unter- 



1. 



bringen zu können. In dieser Hinsicht entspricht die Ebene am 
Ausgange des Yal Segnes weit eher den Anforderungen, zumal 
sich dort auch in unmittelbarer Nähe des Bivouacs auf dem linken 
Rheinufer ein kleiner Wald befindet, der das nötige Brennholz zu 
liefern vermag. Es wäre ein Fehler gewesen, das Bivouac derart 
anzuordnen, daß es sich wie bei Sedrun (wo der Kreuzli-Paß ab- 
zweigt) ungeschützt zeigte vor einem etwaigen gegnerischen An- 
falle in die rechte Flanke. 









3< 



At»$ 




Die Gefechtserzählung vom Oberalpsee bei Miliutin (IV, 33 ff.) 
stimmt freilich nicht ganz mit der dem großen Werke beigelegten 
Karte des Gotthard (Nr. 40), wohl aber mit der Gegend selbst 
vollkommen überein. Dr. Hartmann (S. 104/105), der die Dar- 
stellung kritisiert, übersieht, daß das Gefecht in zwei Teile zer- 
fällt (vergl. S. 15 1) und daß erst hinter der Paßhöhe die Vorhut 
unter Miloradowitsch von der Kolonne Rosenberg, dem Gros ab- 
schwenkte, um gegen den rechten Flügel der Franzosen vorzugehen. 

Dies die kurze Beurteilung der noch streitigen Punkte. 



15(5 

In der Nacht vom 24. zum 25. September begab sich General 
Lecourbe von Altdorf nach Göschenen und zur Teufelsbrücke, 
woselbst er gegen Tagesanbruch eintraf. Trotz der ungünstigen 
Lage, in welcher er sich befand, scheint er, wie gesagt, für einen 
Augenblick an die Wiedervereinigung mit Gudin gedacht zu haben 
und darum unterblieb auch wohl die völlige Zerstörung der 
Teufelsbrücke. 

Nach Lusser (S. 184) war bereits am 24. abends der über den 
gesprengten kleinen Bogen des Bauwerkes gelegte hölzerne Ver- 
bindungssteg beseitigt worden. Er schreibt: „Die Brücke war 
nicht abgebrochen, wie vielfältig irrig berichtet, sondern bloß eines 
jener Gewölbe, über welche die Straße der Felswand entlang 
kletterte." Vom Nordausgange von Andermatt bis zum Urnerloche 
sind es wenig mehr denn 1500m Weges; der Tunnel selbst war 
nach Ebel 80 Schritte lang, 3 bis 4 m breit und etwa ebenso hoch. 
Sogleich hinter der nördlichen Mündung des damals so bewunderten 
„Loches" fiel die alte Straße steil gegen die Vorbögen der Brücke 
ab. Diese wieder bildete im rechten Winkel zu dem Wegstücke 
eine gemauerte Spannung von nahe an 20 m Länge bei 2*/a bis 
3 m Breite über der wild schäumenden Reuß. 

Die Stellung der Franzosen ist wohl in der Weise zu denken, 
daß eine Schützenlinie den Teufelsstein besetzte, d. h. den oberen 
Rand der Felsen am linken Reußufer. Von dort sind es bis zu 
dem nächsten Straßenstück oberhalb des Urnerloches genau 280 m, 
bis zum unteren der Brücke zugewandten Ausgange des Tunnels 
dagegen 230 m, in der Luftlinie gemessen. Beide Entfernungen 
gewähren noch die Möglichkeit, mit dem französischen Infanterie- 
Gewehre Mod. 1777 einige Treffer zu erzielen. 1 * 7 Diese für die 
damalige Waffe große Schußweite stimmt auch mit den Erinne- 
rungen von Toll überein, der mit unter den Vordersten der An- 
greifer (Bernhardi I, 88) war, die nur „einen schwachen Hagel von 
Flintenkugeln " erhielten. Das Urnerloch dagegen wurde gewiß 
nicht besetzt, bot es doch gar keinen Raum zur Entwickelung 
einer Schützenlinie, ja nicht einmal zur Bedienung eines Geschützes. 
Das schließt nicht aus, daß ein solches zur Stelle gewesen, obgleich 
dies nicht wahrscheinlich ist, trotz gegenteiliger Erzählungen. Das 
Feldtagebuch und Lusser z. B. wissen nichts von Kanonenfeuer. 
Letzterer meldet einzig (S. 185): „Die Stelle dieses schauerlichen 
Felsenschlundes verteidigte nur eine geringe Anzahl Franzosen, 
die aber vorteilhaft auf und über der Straße aufgestellt waren." 
Sonderbarerweise machten die Franzosen keine Anstalten, das Urner- 
loch zu verrammeln. Es gelang ihnen, wie gesagt, nur, vor den 
heftig andringenden Russen den kleinen Bogen abzuwerfen. 148 

Die Erzählung, welche Miliutin (IV, 42) von dem Uebergange 
der Teufelsbrücke gibt, ist ungenau und sichtlich in dem Bestreben 



157 



geschrieben, die Tapferkeit der Russen in das hellste Licht zu 
stellen. Der österreichische Darsteller wiederum (Stutterheim) ist 
ängstlich bemüht, die Einsicht seiner Kameraden vom kaiserlichen 
Generalstabe im Gegensatze zu der kopflosen Tollkühnheit der 
Russen zu zeigen. 

Lusser (S. 185), dem doch noch Erinnerungen von Augenzeugen 
zur Verfügung standen, schreibt über den Beginn des Gefechtes: 
„Mit wildem Mute drangen die Russen durch das finstere 200 
Schuh lange Ursenerloch vor und wurden bei dessen Ausgang 
mit mörderischem Kugelregen empfangen, und da die Kugeln auch 
über die Reuß durch die Felsenlücke durchpfiffen auf die Nach- 
rückenden, so drängten diese nur um so stärker dem natürlichen 
Gewölbe zu." 

Die Spitze der russischen Angriffssäule bildete eines der Ba- 
taillone Mansuroffs vom Corps Rosenberg, welches die Nacht bei 
der Altkirche von Andermatt bivouakiert hatte. Die russischen 
Berichte erwähnen wohl großer Verluste, welche die Stürmenden 
erlitten, erzählen aber doch nichts davon, daß die Vordersten unter 
den Angreifern von den heftig Nachdrängenden in die Reuß gestürzt 
worden seien, und daß dabei das ganze Bataillon erlag. Dies ist 
eine österreichische Erzählung (Stutterheim S. 30/31 ; Erzherzog 
Karl II, 244 ff.), sichtlich gemacht, um den Rat Weyrothers, welcher 
Suworoff drängte, eine Umgehung zu versuchen, hervorzuheben. 
Dem folgend schreibt auch Lusser: „Hätte Suwarow sich zuvor 
über die Gegend genau unterrichtet und wären die Ursener ihm 
dabei hülfreich entgegengekommen, wie manches Menschenleben 
hätte da erhalten bleiben können." Er sagt aber ferner, daß eine 
über den Bäzberg, eine andere über den Kilcherberg und das 
Kloserli — er meint ersichtlich damit den Weg von der Altkirche 
aufwärts über den Gütsch nach der Klauserlialp (2014 m) durch 
das Rienthal hinab — nach Göschenen gesandte Abteilung jeden 
ferneren Widerstand der Franzosen an der Teufelsbrücke aufgehoben 
haben würde. 

Diesen Behauptungen ist wohl zu trauen und sie entsprechen 
ja auch ganz der Starrköpfigkeit von Suworoff, der als Nichtkenner 
des Gebirges gewiß nicht glaubte, daß solche Umgehungen über- 
haupt möglich seien. Damit fallen aber auch die Erzählungen 
der Russen dahin, welche davon sprechen, daß „General Kamenski 
(Nicolai Michailowitsch) mit seinem Regimente vom Corps Derfelden 
detachiert worden war, um in der Nähe von Urseren ebenfalls 
über die Reuß zu gehen und den hohen Rücken des Bäzberges 
zu ersteigen." (Miliutin IV, 42/43.) 

Dagegen läßt sich sehr wohl annehmen, daß die Russen nach 
ziemlicher Einbuße an Mannschaften in der Nähe der Brücke selbst 
Umgehungen versuchten. Etwa 300 Freiwillige vom Regiment 



158 



Mansuroff unter Oberst Trubnikoff suchten in der Bachrunse un- 
mittelbar vor dem Urnerloche in die Höhe zu gelangen, um durch 
das hintere Teufelsthal den Franzosen in die linke Flanke zu 
stoßen. Viel hätte diese Bewegung keinenfalls genützt und sie 
mag vielleicht auch angesichts des schwierigen Geländes später 
wieder aufgegeben worden sein. 

„Dagegen warf sich Major Trewogin mit 200 Jägern vom 
Regimente Kaschkin in das Defilee der Reuß selbst, überschritt 
unter unglaublichen Schwierigkeiten, bis an den Gürtel im Wasser, 
den wilden Fluß und begann dann die Gebirgs wände des linken 
Ufers zu ersteigen." (Miliutin VI, 41.) Ihnen folgte ein ganzes 
Bataillon vom Regimente Rehbinder, das der Oberst Swischtschoff 
befehligte. 

Die österreichischen Berichte verlegen die Stelle des Abstieges 
in die Reuß auf die Strecke zwischen dem Urnerloche und der 
Teufelsbrücke. Dort durch den Fluß zu gelangen, ist aber selbst 
Russen, und seien sie auch von einem Suworoff geführt und be- 
geistert, schlechterdings unmöglich. Solches kann nur 200 — 300 m 
ob dem Südausgange des Urnerloches versucht werden und unter 
glücklichen Umständen gelingen. 

Nun, bei fast gelungener Umgehung, sollen die Franzosen den 
kleinen Bogen der Brücke zerstört haben. Dadurch seien eine 
Anzahl ihrer Kameraden abgeschnitten und von den erbitterten 
Russen der Hauptkolonne in die Reuß gestürzt worden. Da jeden- 
ialls keine Franzosen im Urnerloche oder gar auf der von dem- 
selben überhöhten Straße selbst standen — einen solchen Fehler 
begeht gewiß kein Kriegserfahrener — so ist diese Erzählung eben- 
falls in das Reich der Fabeln zu verweisen. 

Die auf dem Teufelssteine und an der Brücke stehenden 
Franzosen — es war nach dem Feldtagebuch der Rest der 
88. Halbbrigade, befehligt von Loison, dem Brigadechef d'Aumas 
und dem Kommandanten Simon — hielten sich, so lange es ihnen 
nur irgend möglich war. 

Die Russen wollen noch unter dem Feuer der Verteidiger 
den Brückenbogen in der Weise flüchtig gangbar gemacht haben, daß 
Bretter und Balken „aus einem in der Xähe stehenden Schupfen" 
herbeigebracht und auf Vorschlag von Major Meschtscherski mit 
Offiziersschärpen zusammen gebunden w r orden seien. Meschtscherski 
wäre dann als Erster hinüber, aber tödlich getroffen worden, wobei 
er den Kameraden zurief: „Vergesset mich in eurer Relation nicht!" 
Diese Angaben klingen sehr romantisch und sehr unglaubwürdig; 
sie sind jedenfalls nur mit größter Vorsicht aufzunehmen. Ebenso 
übertrieben erscheint die Verlustziffer der Franzosen, welche nach 
russischen Angaben 280 Mann betrug. 

Oesterreichische und russische Pioniere besserten die Brücke 



159 

wieder so weit aus, daß die folgenden Bataillone sie gegen 5 Uhr 
nachmittags zu überschreiten vermochten. „Einige kleinere Brücken, 
welche vom Feinde zerstört worden waren, hielten den Marsch der 
Russen ungemein lange auf, so daß das Groß des Corps erst spät 
in der Nacht bei Wasen eintraf. Die Avantgarde Miloradowitschs 
nahm etwas weiter vorwärts, bei dem Dorfe Weiler (Wyler-Gurt- 
nellen), ungefähr eine Stunde von Anisteg, Stellung." 

Suworoff hatte von Andermatt aus 2 zur Brigade Strauch 
gehörende Bataillone gegen Realp zur Beobachtung der Brigade 
Gudin entsendet. Oberst Strauch war in Albinasco am Eingange 
des Bedretto stehen geblieben, um einen etwaigen Vorstoß der 
Division Turreau über den Nufenen zu verhindern. 

Es ist zweifellos, daß Lecourbe die Teufelsbrücke weit kräftiger 
verteidigt haben würde, wäre er nicht zugleich auch im Rücken, 
bei Amsteg, durch die österreichische Brigade Auffenberg bedroht 
worden. Hier lag die höchste Gefahr vor, daß er von Altdorf 
und der Flotille abgeschnitten werde, und so entschloß er sich, 
selbst dort einzugreifen. 

Die Brigade Auffenberg, bestehend aus 4 Bataillonen (2 Kerpen, 
2 Gradiscanern) und in der Stärke von ungefähr 2000 Mann, war 
am 24. September von Dissentis aus über den Kreuzli-Paß (den 
manche Berichte fortgesetzt fälschlich als „Crispalt" bezeichnen) 
an den Eingang des Maderanerthales gelangt. Bei Bristen über- 
schritten die Vortruppen der Brigade am Morgen des 25. den 
Kärstelenbach und trafen nun (Feldtagebuch) auf die dort am 
rechten Ufer („Dächli") stehende 2. Compagnie von 111/38. Halb- 
brigade und 1 Sappeurcompagnie , welche von dem Lieutenant 
Perruchot und dem Unterlieutenant Gautrot befehligt wurden. 
(d'Izarny S. 102.) Als Lecourbe von dem beginnenden Gefechte 
Nachricht erhielt, entsendete er sogleich IL/76. Halbbrigade von 
der Teufelsbrücke nach Amsteg. Eine zweite Meldung besagte, 
die ganze Brigade Auffenberg bedrohe diesen Ort. Nun schickte 
Lecourbe den Escadronchef im Generalstabe, Noizet, an das mar- 
schierende Bataillon ab, um die Bewegungen zu beschleunigen. 
Zugleich folgte er eiligst mit dem noch übrigen Rest seiner Gre- 
nadierreserve, 4 schwachen Compagnien, Loison den Befehl hinter- 
lassend, Schritt für Schritt auf Wasen zurückzugehen und hier bis 
aufs äußerste Stand zu halten. 

Die zwei am „Dächli" stehenden Compagnien hatten unterdessen 
während voller vier Stunden heldenmütig alle Angriffe der Brigade 
Auffenberg abgeschlagen. Endlich nahezu umgangen, mußten sie 
an den Rückzug (nach ,Zwing-Uri") denken. Von den Kaiser- 
lichen besetzten die 2 Bataillone Gradiscaner-Infanterie die steilen 
Höhen ob Amsteg, 1 Bataillon Kerpen machte sich daran, die 
Kärstelenbachbrücke zu zerstören, das andere Bataillon drang in 



160 



den Ort selbst ein. Jetzt erschien aber IL/ 7 6. am Südausgange 
von Amsteg. Es ließ zwei Compagnien in der Reservestellung 
zurück und ging mit dem Bajonette gegen die Oesterreicher vor, 
die mit Verlust zurückgeworfen wurden. Doch die Kaiserlichen 
sammelten sich wieder und versuchten neuerdings einen Erfolg zu 
erringen. Unterdessen waren Lecourbe und seine Grenadiere heran- 
gekommen. Der General ließ diese angreifen und als an der 
Brücke, die bereits halb zerstört worden, Verwirrung entstand, 
zog er selbst den Säbel. Mit einem ernsten Worte: „Grenadiers, 
qu'alliez vous faire? En avant, suivez-moi!" wußte Lecourbe die 
Ordnung wieder herzustellen. Der Uebergang blieb in den Händen 
der Franzosen, welche zugleich 200 Mann, darunter 4 bis 5 Offiziere, 
gefangen nahmen. (Feldtagebuch.) 

Der Bericht von Lecourbe aus Altdorf vom 25. September 
abends 9\'2 Uhr erzählt weiter (Bousson 225) : „Nachdem meine 
Verbindung mit Altdorf wieder gesichert erschien, ließ ich von 
dort meine gesamte Artillerie fortschaffen. Ich komme jetzt von 
Amsteg her, wohin sich das I. Bataillon der 38. von Stellung zu 
Stellung zurückzog und wo die Truppen vereinigt wurden. Für 
morgen erwarte ich heftige Angriffe und es ist ganz außer allem 
Zweifel, daß ich überwältigt werde, da ich nur drei schwache 
Bataillone und einige Grenadiercompagnien zur Verfügung habe. 
(Also gewiß nicht 6000 Mann, wie die gegnerischen Berichte 
schreiben. Das Feldtagebuch gibt unter dem 26. September die 
Zahl der Kampffähigen auf 2400 Mann an.) Ich will es versuchen, 
durch Vorposten die Stellungen bei Amsteg und Bürglen zu halten. 
Letztere ist aber nichts wert. Indem ich alle Reußbrücken ab- 
breche, halte ich meine Verfolgung durch den Feind etwas auf. 
Durch das Gadmenthal entsendete ich Patrouillen zum General 
Gudin. Ich empfahl ihm, mir wenigstens 2 Bataillone zu schicken 
und das Oberwallis, wie die Grimsel zu decken. . . . Werde ich 
überwältigt, so werfe ich zwei Bataillone nach Engelberg und zwei 
ins Isenthal und nach Bauen, bis ich Verstärkungen erhalten habe. 
Für mich persönlich war es ein glücklicher Tag; mit 3 oder 
4 Bataillonen mehr (er meint gegnerische Bataillone und wohl die 
Ereignisse bei Amsteg) wäre ich gefangen. Ich nehme an, daß 
Suworoff die Absicht hat, sich mit dem Corps Hotze zu vereinigen, 
und dann auf Luzern oder Glarus zu marschieren. Werfen Sie 
demnach alles nach Glarus, mindestens 8000 Mann, und Suworoff 
ist verloren." 

Am 26. September, morgens 5 Uhr, drang Milorado witsch in 
Amsteg ein. Die Vorhut, befehligt vom Obersten Tiefenhausen, 
eilte, mit dem Bajonett vorwärts stürmend, über die brennende 
Brücke. 149 Die Franzosen gingen gegen Altdorf zurück. „Lecourbe 
deckte in eigener Person mit ca. 1600 Tapferen (es war aber nur 



161 

IL/76. Halbbrigade laut Feldtagebuch) diesen kühneu Rückzug und 
hielt an jeder passenden Stelle, z. B. am Rhinacht und bei der 
Schächenbrücke zu Schattdorf, die Russen wieder eine Zeit lang 
auf, um seinen Truppen Zeit zu lassen, sich über die Brücken zu 
Attinghausen und Seedorf hinter die Reufi zu ziehen und alle 
Schiffe von Flüelen wegzuführen. Als dies geschehen, wurde die 
Brücke in Attinghausen zerstört, und gegen Mittag zog der kühne 
General, von wenigen hundert Grenadieren umgeben und mit zwei 
leichten Kanonen und ein paar Maultieren, welche Munition trugen, 
bei Altdorf vorüber ; russische Plänkler folgten ihm auf dem Fuße. 
Aber so oft dieselben zu nahe kamen, ließ er einen Kartätschen- 
hagel gegen sie abfeuern und ging dann langsam, als einer der 
letzten, hinein in den neu aufgeworfenen Brückenkopf zu Seedorf. " 

Auch die Schächenbrücke wurde abgebrochen. Auf die Straße 
stellte Lecourbe zwei Geschütze. Loison stand noch mit dem Reste 
der 38. Halbbrigade an den Brücken von Erstfeld und Attinghausen, 
„mit dem Auftrage, deren Uebergänge zu verteidigen und dann 
mit einem Bataillon über den Surenen-Paß nach Engelberg zu gehen, 
einige Compagnien jedoch auf der Altdorf zugewandten Bergseite 
zu lassen, um nötigenfalls jene zu unterstützen, welche mit der 
Verteidigung der Reußbrücken beauftragt waren." (Feldtagebuch.) 

Um 9 Ühr morgens erschienen die Vortruppen der Russen am 
Xordausgange von Schattdorf. Lecourbe und 4 Grenadiercompagnien 
verteidigten den Uebergang des Schächenbaches, während IL / 7 6. Halb- 
brigade durch Altdorf nach Seedorf ging. Milorado witsch wendete 
sich mit seinem Reginiente und dem Jägerbataillon Kaschkin gegen 
Attinghausen, Rehbinder mit seinen Regimentern gegen das Schächen- 
wäldchen. Sechsmal gaben die französischen Kanonen ihr Kartätschen- 
feuer ab, dann konnten die Jäger bei Bürglen über den Bach 
gelangen. Es mochte kurz nach Mittag sein, als Lecourbe, nicht 
gar stark verfolgt, die Brücke von Seedorf überschritt und diese 
hinter sich abwarf. Die Stellung war bereits seit einiger Zeit mit 
Verschanzungen bedacht worden, in welche dann um 1 Uhr mittags 
drei russische Geschütze einige Kugeln warfen. 

Lecourbe fürchtete hauptsächlich für Gudin, dessen Rücken 
er nicht mehr zu decken vermochte. „Schicken Sie", schrieb er 
ferner am 26. September aus dem Bivouac bei der Seedorfer Brücke 
an Massena, „so schnell wie möglich Truppen nach Schwyz. Der 
Feind steht im Schächenthal und geht vielleicht ins Muotathal 
hinüber. Der General Loison marschiert nach Engelberg . . . ich 
werde wohl nach Stanz gehen. . . . Der Feind hat 6 Geschütze 
vor mir aufgefahren, der See ist stürmisch, keine Barken." 150 Das 
Feldtagebuch berichtet dazu, die Truppen hätten starke Entbeh- 
rungen ertragen müssen. 

Den Russen scheint es nicht besser gegangen zu sein. „Sie 

Günther, Feldzug 1799. 11 



162 



litten Ungeheuern Mangel bei entsetzlichen Strapazen: seihst Offiziere 
des Generalstabes riefen im Vorbeireiten in die Häuser (von Altdorf) 
hinauf nach Brod." (Lusser S. 188.) 

Nachdem der Flecken besetzt worden, lagerte Rosenberg 
zwischen Flüelen, dem See und der Reuß. Derfelden bivouakierte 
hinter Rosenberg, Bagration blieb in Bürglen, Auffenberg in 
Schattdorf. 

„Um sechs Uhr abends desselben Tages hielt Suwarow. von 
mehreren hundert Kosaken und vielem Fußvolk begleitet, in phan- 
tastischer Kleidung seinen Einzug in Altdorf. Er war im Hemde, 
mit offenem schwarzem Kamisol und an den Seiten offenen Hosen, 
in der einen Hand hielt er eine Karbatsche, mit der anderen gab 
er im Vorüberreiten gleich einem Bischof den Segen und verlangte 
von dem ihm vor das Haus entgegengehenden Landammann Schmid 
den Friedenskuß, und von dem denselben begleitenden ehrwürdigen 
Pfarrer und Kommissär Ringold den Segen, den er in andächtiger 
Verbeugung empfing. — Sodann hielt er eine Anrede in ziemlich 
gebrochenem Deutsch, worin er sich als Heiland und Erlöser der 
Schweiz verkündete, indem er gekommen, dieselbe von den Un- 
gläubigen und der Tyrannei zu befreien. Er stieg im Hause des 
Altlandammann Stephan Jauch ab. Seine Bewachung lagerte 
sich indessen, von Hunger mächtig gequält, sodaß die Soldaten 
die ekelhaftesten Dinge nicht verschmähten, sogar Felle aus Loh- 
gruben zogen, zerschnitten und aßen, auf den Brandstätten Alf- 
dorfs. " (Lusser S. 189.) 

Mit großer Bestürzung erfuhr Suworoff seine Lage. Aber 
schnell entschlossen dachte er nur an das „ Vorwärts", an die 
Vereinigung mit Hotze: denn schon liefen dunkle Gerüchte in 
Altdorf um von hartnäckigen Gefechten längs der Linth. Clausewitz 
(II, 163) meint sehr richtig, Suworoff hätte angesichts der geringen 
Streitkräfte, welche ihm gegenüberstanden, den erschöpften Truppen 
einige Erholung gönnen dürfen. In diesem Falle erfuhr er sicher 
die unglücklichen Ereignisse an der Limmat und von der Linth. 
woselbst an diesem 26. September FML. Hotze durch eine schweize- 
rische Kugel gefallen war. Dann wäre es ihm auch ein Leichtes 
gewesen, über den Kreuzli-Paß das sichere Bündner-Oberland, oder 
wenigstens doch über den Klausen in gerader Richtung in den 
Kanton Glarus zu marschieren. Der thatkräftige russische Feld- 
herr wollte aber nichts von alledem hören, selbst Lecourbe beun- 
ruhigte er wenig, wohl um keinen Augenblick der kostbaren Zeit 
zu verlieren, 

Das Feldtagebuch berichtet vom 2Z^ September, daß in der 
Frühe einige russische Generalstabsoffiziere die Stellung bei Seedorf 
und die Gangbarkeit der Reuß-Furten erkundeten. Lecourbe ließ 
1 Compagnie Grenadiere im Bivouac zurück und griff die Russen 



163 

mit 3 Grenadiercompagnien und IL/ 7(5. Halbbrigade in der Weise 
an, daß zwei der ersteren Altdorf umgingen und sogar Verwirrung 
ins russische Lager trugen. Die Franzosen verloren in dem Kampfe, 
welcher bis um 7 Uhr abends anhielt, angeblich nur 2 Tote und 
6 Verwundete, die Russen 100 Tote. 151 „Suworoff, der unterdessen 
gegen Erstfeld vorgegangen war, eilte von dorther, nachdem er 
den Angriff aufgegeben, den Seinen zu Hülfe." Lecourbe erfuhr 
— seine Berichte zeigen es deutlich — bis zum 28. September 
keineswegs, daß Suworoff den Marsch über den Kinzig-Paß ange- 
treten habe. Lusser (S. 192) erzählt sogar, der General sei bei 
seinem Wiedereintreffen in Altdorf sehr zornig darüber gewesen, 
daß die Einwohner des Fleckens ihn mit Nachrichten über die 
Maßnahmen des Gegners gänzlich im Stiche gelassen hätten. Er 
ließ in jenem Augenblicke sogar die Drohung fallen, den halb 
zerstörten Ort seinen Soldaten preiszugeben. 

Ueber die Ereignisse, welche sich im Reußthale am 27. September 
abspielten, berichtete Lecourbe auch an Massena den 5. Vendemiaire 
(27. September) abends 10 Uhr aus dem Bivouac bei der Seedorfer- 
brücke: 152 

„Ich bin noch immer am linken Reußufer. . . . Der General 
Loison steht auf dem Surenen-Paß, da ich für das Engelbergerthal 
fürchtete und um jeden Preis Nachrichten vom General Grudin 
haben wollte. . . . Davon unterrichtet, daß der Feind mit Artillerie 
und 3 Bataillonen bei Erstfeld sei, um dort mit Benützung einer 
Furt über den Fluß zu gehen oder eine Brücke zu schlagen, 
unternahm ich einen heftigen Angriff gegen Altdorf, das ich für 
kurze Zeit besetzte. (Das im Feldtagebuch und oben ebenfalls 
erwähnte Gefecht.) . . . Mein Zweck war erfüllt. Ich zwang sie, 
(von Erstfeld) nach Altdorf zurückzugehen und hinderte sie, über 
Erstfeld die Surenen zu gewinnen und damit in meine rechte Flanke 
zu kommen. (Lecourbe glaubte also an eine ernstliche Absicht 
der Russen, durch das Engelbergerthal gegen Luzern hin den 
Weitermarsch zu unternehmen.) Ich habe keine Vorräte mehr, 
weder hier noch in Luzern, das Meiste, was ich besaß, ward mir 

in Andermatt genommen Suworoff will sich mit den Oester- 

reichern in Glarus vereinigen. Senden Sie beträchtliche Ver- 
stärkungen an diesen Ort und treffen Sie Ihre Maßregeln, damit 
Molitor und ich entlastet werden. Es muß aber ohne Verzug 
gehandelt werden." 

Besser als eine langatmige Betrachtung zeigt dieses Schreiben, 
in welch vollkommener Ungewißheit Lecourbe sich am 27. September 
befand. Der Scheinangriff an der zerstörten Erstfelder Brücke 
erweckte ihm die große Besorgnis, der Gegner wolle zuerst die 
Stellung bei Seedorf gewinnen und dann wohl mit einem Teile 
seiner Kräfte nach Engelberg und Luzern gelangen. Dann wird 



1(34 



Lecourbe die Kunde, Suworoff gedenke mit seiner Hauptmacht 
nach Glarus abzumarschieren. Genaueres über die Pläne des 
Gegners ist zwar vorerst nicht zu erfahren, doch schien es den 
Franzosen, als ob die Russen nach Vereitelung ihres Versuches 
bei Erstfeld wirklich durch das Schächenthal weiter giengen. Es 
ist sicher, daß Lecourbe an den Klausen-Uebergang dachte, sonst 
hätte er mehr Truppen ins Muotathal geworfen, als er thatsächlich 
dorthin abordnete. 

Am 28. September vormittags 8 Uhr schreibt Lecourbe an 
Massena: „Diese Xacht ist der Gegner ins Muotathal gedrungen. 
So ist es Zeit, Truppen nach Schwyz zu senden, obwohl Suworoff 
bei ihren Erfolgen dort nicht mehr durchzubrechen vermag. Ich 
entsendete nach Schwyz einen meiner Adjutanten mit vier bis fünf 
Conlpagnien, um die Verteidigung dieses Punktes zu übernehmen. 
(Darunter befanden sich nach dTzarny S. 104 3 Compagnien vom 
III.. 88. Halbbrigade, welche der Adjutantmajor Vautrin führte. 
Die anderen werden vermutlich vom IL, 76. Halbbrigade gestellt 
worden sein.) In der Erwartung von Verstärkungen soll er, sobald 
die 84. eintrifft, den Gegner ins Muotathal zurückwerfen und 
durch das Bisithal ins Schächenthal hinübergehen." 

Dieses Schreiben enthält auch den Hauptgrund, warum Lecourbe 
nicht stetig auf die Nachhut der Russen drückte. r Ich darf Ihnen 
nicht verhehlen, daß es durchaus nötig erscheint, die Truppen 
meiner Division durch andere abzulösen, immerhin nachdem wir 
unsere Stellungen wieder eingenommen haben. Obgleich sehr 
tapfer und sieggewohnt, bemerkte ich doch schon einige Male, 
daß sie es überdrüssig sind, solch' traurige Stellungen, entblößt 
von allen Hülfsquellen, zu halten, wo sie nichts anderes als Tod 
und Elend finden. Der Gegner läßt mich in Frieden. Trotzdem 
wage ich es nicht, die Seedorfer Brücke zu verlassen; denn meine 
Truppen würden vielleicht doch nicht die nämliche Zuversicht 
haben. " 

An Gudin meldet der General (Nr. 59, S. 233), er sei am 27. 
mit 900 Mann in Altdorf eingedrungen. Mit einer so geringen 
Macht jedoch, deren Gemütsstimmung noch dazu nicht die beste 
war, konnte der General so gut wie nichts unternehmen. 

Von Altdorf ins Thal der Muota führten bereits im Jahre 1799 
drei Wege. Der eine, oft begangen und teilweise auch von Soult 
und Lecourbe schon benützt, geht von Flüelen über Sisikon nach 
Morschach und Brunnen, also längs des Sees, der zweite von 
Witterschwanden im Schächenthal über den Kinzig-Paß und durch 
das Wängithal, der dritte endlich über Heitmannsegg (ob Unter- 
schächen) und den Kulm-Paß (2172 m) durch den Hohlweg des 
Löchli-Passes (1515 m) ins Bisithal. Es ist unerfindlich, warum 
Suworoff nicht den zuerst genannten Pfad benützte. Selbst wenn 



165 

Lecourbe dann den Abmarsch und seine Richtung schneller erfahren 
hätte, wäre dieser Nachteil doch durch die größere Beschleunigung 
und Bequemlichkeit der Bewegung aufgehoben worden. Es ist 
aber wahrscheinlich, daß landeskundige Leute in Altdorf gar nicht 
oder dann in einer Weise befragt wurden, daß die endgültige 
Wahl nur auf den schon von Hotze erwähnten Fußsteig aus dem 
Schächenthal ins Muotathal fallen mußte. Bei der Wertabschätzung 
zwischen dem Kinzig- und dem Kulm-Passe ist es nicht schwer, 
den ersteren höher zu stellen. Der Kinzig-Paß zeigt sich ebenso 
beschwerlich und dabei nur um 100 m niedriger als der östlicher 
gelegene Kulm, aber er führt weit eher zum Ziele als dieser, 
üeberdies wurde der Kinzig stets mehr begangen als der eigentliche 
Kulm-Löchli-Paß. Auf der Kinzeralp und im oberen Wängithal 
liegt eine ganze Reihe von Sommerwohnstätten, während man von 
Heitmannsegg bis zur Einmündung des Bätschthales in das Bisithal 
lediglich Alphütten antrifft, welche Ende September nicht mehr 
bezogen sind. Ueber den Kinzig-Paß schreibt Ebel unter dem 
Artikel „Muttathai" (III, 234/235): 

„Merkwürdiger Marsch der Russen. Südwärts vom Dorfe 
sieht man die Oeffhung eines engen Thaies, welches sich nach 
dem Schächenthale hinaufzieht, durch hohe Felsen aber davon 
getrennt ist und mit dem engen Bisisthai parallel fortläuft. Dieses 
unbewohnte Thal, durch welches sonst kein Reisender wanderte, 
ist dadurch so merkwürdig geworden, daß die russische Armee 
unter dem General Suworow am 27. und 28. September 1799 von 
Altdorf und aus dem Schächenthal die Felsen nach demselben 
überstieg, und bei Muotta herauskam, wo sie sehr heftige Gefechte 
gegen die Franzosen liefern mußte." Und ferner (VI, S. 70): 
„Von Altdorf führt eine Straße durchs Schächenthal über die 
Balmwand etc., dann ein bloßer Hirtenweg aus dem Schächenthal 
ins Bisisthai des Kantons Schwyz ; und ein noch steilerer Weg 
von der Schächenbrücke über den Kinzig-Kulm gerade auf Mutter 
herab; welcher letztere seitdem, daß die ganze russische Armee 
unter General Suworow im Herbst d. J. 1799 hier übermarschierte, 
erst bekannt und merkwürdig geworden ist." „Anmerkung. In dem 
Artikel Altdorf ist dieser Marsch noch unrichtig, in dem Artikel 
Muttathai hingegen zwar berichtigt, aber ohne Benennung des 
Kinzig-Kulms angegeben, über welches dieser Marsch ohne seines- 
gleichen gethan wurde. Dieses zur genauem Belehrung für 
Reisende, da uns nicht unbekannt ist, wie im verstrichenen Sommer 
mehrere derselben von unwissenden (teuer bezahlten) Führern irre 
geleitet wurden." 

In der Gegend war der Kinzig-Paß nicht unbekannt. Er wurde 
viel zum Viehtreiben benützt und muß demnach um 1799 in besserem 
Zustande hinsichtlich der Wegverhältnisse gewesen sein als heute. 



166 



Der Kinzig-Paß (2070 m) ist eine Einsattelung im steilen 
nördlichen Schächenthalrande, dessen höchster Punkt die zerklüftete 
„Windgälle" bildet. Von dem sich ob Bürglen erhebenden Roß- 
stocke zieht nach Osten hin der steil abfallende Kinzerberg, über 
dessen Alpe der Pfad führt. Vom Schächenthal aus verlaufen 
mehrere Fußwege bis zur Paßhöhe hinauf. Von Spiringen (926 m) 
zweigt der gangbarste Pfad ab. Er steigt über die Ratzimatt (1484), 
die Obfluh (1683 m), die Oberalp (1828 in) und über Geröll-Halden 
zur Paßhöhe (2070 m). Der Weg zieht sich längs dem Hüribach 
hin, der auf der Sohle des Wängithales strömt. Die Steigung ist 
auf dieser, der nördlichen Seite des Passes, eine allmähligere. Das 
Gefäll beträgt etwa 200 m im Durchschnitte auf je 1500 m Weg- 
länge. Das Wängithal selbst bildet Absätze. Auf dem obersten 
liegt die Kinzeralp (1832 m), auf dem mittleren der Weiler Wängi 
(1443 m), auf dem unteren die Häusergruppe von Lipplisbühl (1 196 m). 
Bei Hürithal (623 m) mündet der Bach in den Muotafluß und 
damit auch in die bis 1 km breite Thalebeue bei dem Orte 
Muotathal. 

Einzelne gute Fußgänger mögen, günstige Witterung voraus- 
gesetzt, von Altdorf in 8 bis 9 Stunden nach Muotathal über den 
Paß gelangen. Unter gleichen Umständen wird eine Truppe zur 
Zurücklegung des Weges 10 bis 12 Stunden nötig haben. 153 

Am 27. September, morgens 5 Uhr, brach die vom Fürsten 
Bagration geführte Vorhut aus Bürglen gegen den Kinzigpaß auf. 
Die Witterung war regnerisch und trübe. Es fehlte den Leuten 
au Lebens- wie an den bei ihnen beliebten Stärkungsmitteln. Die 
meisten Teilnehmer am Zuge hatten eine schon zerrissene Fuß- 
bekleidung. Trotz all 1 dieser ungünstigen Umstände ward die 
Paßhöhe gegen Mittag, Muotathal selbst etwa um 5 Uhr abends 
erreicht. Diese schnelle Bewegung läßt vermuten, daß die Ab- 
stürze von Leuten, Tieren und Material sich weniger bei den ersten 
Kolonnen ereignet hätten als bei den am 28./ 29. nachfolgenden 
und dem Troß, welcher nach einzelnen nicht ganz abzuweisenden 
Angaben der Zeit bis zum 1. Oktober bedurfte, um wenigstens 
diesen ersten Leberg-ang zu erzwingen. Wie bereits bemerkt, 

CT CT o 7 

war der Kinzig-Paß doch wohl verhältnismäßig öfters von Landes- 
einwohnern gebraucht worden, um eine rasche Verbindung zwischen 
den beiden Thälern zu haben. Darum will es fast scheinen, als 
wäre der Uebergang des Panixer-Passes mit weit größeren Opfern 
verknüpft gewesen. 

In Muotathal standen die zwei Compagnien der 38. Halbbrigade, 
welche Lecourbe am nämlichen Tage über den See und durch 

CT 

Brunnen dorthin entsendet hatte, um den Rücken der Brigade 
Molitor wenigstens durch Beobachtung zu sichern. Natürlich 
dachte niemand an ein plötzliches Erscheinen der Russen im 



167 

abgelegenen Muotathale. Die französischen Compagnien lagerten 
sorglos, wie dies die allgemeine Gewohnheit war, und wurden 
deshalb recht eigentlich von den Kosaken zu Fuß überfallen. 
Rove'rea (II, 278/279) berichtet sogar, die Franzosen hätten die 
Steppensöhne anfangs für Kapuziner gehalten und die langen Barte 
hätten diese Täuschung neben den langen erdbraunen Kaftanen 
hervorgebracht. Diese Anekdote klingt aber doch etwas gar zu 
unglaublich. Genug, nach einem vergeblichen Fluchtversuche ward 
die 7. Compagnie vom IL/38. Halbbrigade umzingelt, 57 Mann 
getötet, 87 mit ihren Offizieren gefangen. (d'Izarny S. 112.) 

Clausewitz (II, 166/167) und nach ihm auch Hartmann (S. 130) 
tadeln Massena, daß er an diesem Abende nicht in Schwyz ge- 
wesen sei. Aber der französische Obergeneral erhielt die Berichte 
von Lecourbe erst während der Schlacht vom 26. September. Er 
konnte demnach nicht vor dem 27. mit der Division Mortier nach 
Schwyz aufbrechen und dort, 10 Stunden von Zürich (nach Angabe 
von Ebel), sicherlich keinenfalls vor dem 28. anlangen. Eine 
zweitägige Schlacht ermüdet in hohem Maße ! Der entschlossenste, 
thatkräftigste Feldherr, die abgehärtetste Truppe bedürfen nach 
solchen Anstrengungen zunächst der wohlverdienten Ruhe ; das ist 
ja der Grund, warum die Verfolgung des Gegners in der ersten 
Nacht, welche dem Siege folgt, gewöhnlich unterbleibt. Massena 
kann für diese Verspätung nicht getadelt werden: im Gegenteile, 
er that den Umständen entsprechend das Möglichste. Es bleibt 
auch zu beachten, daß er vor dem 28. oder gar dem 29. sichere 
Nachrichten nicht besaß über die Richtung, in welcher Suworoff 
weitermarsc&ert sei. Nicht Mangel an Thatkraft war es bei 
Massena, wie Hartmann das beurteilt wissen will, sondern wirkliche 
Unmöglichkeit für ihn, am 27. September bei Schwyz in die Ge- 
schicke des russischen Heeres einzugreifen. 

Nachdem das Muotathal besetzt worden, ließ Bagration die 
erschöpften Leute zwar ruhen, dabei aber in völliger Kriegsbereit- 
schaft bleiben. Diese Maßnahme unterstützt keineswegs den Tadel 
gegen Massena, wie Hartmann meint, sondern entspricht doch nur 
dem Gebote, sich genügend gegen Ueberfalle zu sichern, wenn 
man in einer derartigen Stellung steht, wo allein auf die gerade 
zur Hand befindlichen Truppen zu rechnen ist. 

Suworoff lagerte an diesem Tage wohl mit der Hauptmasse 
seines Heeres, dessen letzte Truppen sich noch in Altdorf befanden, 
im Wängithal. „Brennende Gaden und Alphütten bezeichneten 
den Weg des durch Hunger und Anstrengungen nicht ohne Ursache 
mißmutigen Heeres." (Lusser S. 191.) 

Clausewitz (II, S. 165/166) gibt die Beschreibung des denk- 
würdigen Zuges mit den Worten: 

„Der Zug des ganzen Heeres aber dauerte in ununterbrochener 



168 



Folge vom 27. morgens bis 29. abends, also 60 Stunden. Während 
dieser ganzen Zeit müssen wir uns also die nach der Vereinigung 
mit Auffenberg doch auf 25 000 Individuen zu zählende russische 
Armee denken, wie sie in einer raupenartigen Bewegung langsam 
über den Ungeheuern Bergrücken hinkriecht. Im Thale von Muota 
erwarten die ersten sehnlichst die Ankunft der folgenden, um in 
die freiere Gregend hinauseilen zu können ; im Schächenthal stehen 
am Fuße des Berges die ineinandergeschobenen Bataillone, unge- 
duldig, den Zug anzutreten und die Bergwand hinter sich zu be- 
kommen, denn schon schallt von Altdorf her das Rasseln eines 
wohlgenährten Flintenfeuers, mit welchem die Arrieregarde gegen 
Lecourbes Angriff den Abzug deckt: auf den Abhängen selbst 
keucht der arme, schwer belastete Soldat abgehungert und mit 
entblößten Füßen die steilen, vom Regen und von Wasserfällen 
schlüpfrigen Felsenflächen hinauf und dringt mit einer bis zum 
letzten Lebenshauch o-esteio-erten Anstrengung nur weiter, weil er 
das Gefühl hat, nur so den Armen des Todes zu entgehen, die 
sich hinter ihm aufthun. In allen Klüften zerstreut liegen Ab- 
teilungen, um Atem zu schöpfen, erkrankte und erschöpfte Menschen, 
ermüdete und erlahmte Lasttiere. Wie viele hier dem Tode ein 
Opfer geworden sind, weil der letzte Funke der Willenskraft aus- 
ging, ehe sie das Ziel erreichten, oder weil ein falscher Tritt sie 
zerschmetternd in Abgründe stürzte, sagt uns kein Bericht. Aber 
noch zu dieser Stunde gedenkt das Landvolk jener Thäler dieses 
beispiellosen Zuges mit Teilnahme und Bewunderung." 

Als Suworoff am 28. September im Muotathal eintraf, erfuhr 
er zu seinem Staunen, daß von FML. Linken, den er eigentlich 
hier erwartete, keine Nachricht vorliege. Sogleich entsendete er 
den Oberst Sytschoff mit einer Sotnie Kosaken gegen den Pragel- 
Paß, um die Verbindung mit den in Glarus vermuteten Oester- 
reichern zu suchen. Sytschoff kam mit der Meldung zurück, daß 
der Feind im Klönthale stehe und von FML. Linken nichts zu 
hören sei. Fast gleichzeitig erfuhr Suworoff von Bürgern die 
Ereignisse bei Zürich und an der Linth. 

Ehe die weiteren Vorfälle im Muotathale beschrieben werden 
können, ist es nötig, die Thätigkeit der Brigaden Linken und 
Jellacic während der Tage vom 25. bis 28. September zu schildern. 

Der FML. Linken hatte den Auftrag, den Marsch des russischen 
Heeres unter Suworoff in der Weise zu erleichtern, daß er am 
23. September aus Graubünden in die Thäler des Linthgebietes 
vordrang und von dort die Franzosen vertrieb. In der That setzte 
sich FML. Linken an dem genannten Tage von Chur und Ems 
nach Flims in Bewegung. Von hier entsendete er 1 Bataillon 
über den Segnes-Paß (2626 m) in das Sernfthal. Dagegen nahm 
er selbst am 25. mit 2 1 /s Bataillonen und 1 Schwadron den W r eg 



169 

über den Panixer-Paß (2194 m). Er erreichte gleichen Tages 
das am Fuße des Hausstockes im oberen Sernfthale gelegene 
Wichler Bad. Eine dritte Kolonne erreichte von Brigels über den 
Kisten-Paß (2590 m) die Pantenbrücke im oberen Linththale. Um 
die nämliche Zeit brach Generalmajor Jellacic von Sargans und 
Wallenstadt gegen Näfels und Mollis vor. Er schickte 8 Bataillone 
über die Mürtschen- und Frohnalp (1848 m) und nahm für seine 
Person mit 3 Bataillonen und 3 Schwadronen den Weg über Murg, 
Mühlehorn und den Kerenzerberg nach Mollis. Weitere 2 Com- 
pagnien unterhielten durch das Weißtannenthal und den Foo-Paß 
(2235 m) die Verbindung mit den Truppen des FML. Linken im 
Sernfthal. 

Am Wichler Bad traf FML. Linken mit einer französischen 
Abteilung zusammen. Es waren jene 12 Compagnien der 76. Halb- 
brigade, welche Lecourbe in das Sernfthal entsendet hatte, um 
über den Panixer gegen llanz und das Bündner Oberland vorzu- 
gehen. Auf beiden Seiten plötzlich und von überlegenen Kräften 
eingeschlossen, streckte das Bataillon die Waffen. 104 

Zur Verfügung des Generals Molitor standen, um sich dieser 
Angriffsversuche des Gegners zu erwehren, lediglich die 84. und 
I./25. leichten Halbbrigade, zusammen etwa 3000 Mann. Er hatte 
die Linthbrücke bei Netstall abgeworfen und erwartete den Gegner. 
Der Erzherzog erzählt über das Gefecht, welches Molitor mit den 
Truppen des Generalmajors Jellacic bestand (II, 221/222): 

„Die Franzosen hatten die Brücke bei Netstall abgebrochen: 
zwei ihrer Bataillons standen auf den Höhen von Beglingen, ein 
drittes machte Front gegen Wesen. Diese wurden über den Haufen 
geworfen und Mollis genommen, aber drei andere Bataillone mit 
4 Kanonen behaupteten die Brücke bei Näfels. Während man sich 
am 26. um den Besitz derselben schlug, kam ein Teil der ver- 
sprengten Oesterreicher aus Wesen an und hinter ihnen der ver- 
folgende Feind, der das eroberte Geschütz benutzte und die Flanke 
von Jellachich kräftig beschoß. Besorgt für seine Rückzuglinie 
an dem Wallenstädter See und von den Unfällen bei Bilten und 
Kaltbrunn unterrichtet, entschloß sich Jellachich zum Rückzug. 
Eine Kolonne ging gerade von der abgeworfenen Brücke bei Netstall 
auf Murg, er selbst durch den Engweg von Kerenzen, wo er die 
Nachrückenden bis zur einbrechenden Nacht zurückhielt, dann 
ungestört auf Wallenstadt, am 28. nach Ragatz marschierte und 
endlich gar über den Rhein setzte." 

Das Feldtagebuch enthält die Angabe, daß zwischen Näfels 
und Mollis 500 Gefangene gemacht worden seien. 

Am 29. ging Molitor, der von der Division Soult 2 Bataillone 
der 44. Halbbrigade als Verstärkung erhalten hatte, sogleich gegen 
FML. Linken vor. Dieser vereinigte zwar am 26. September bei 



170 



Schwanden die verschiedenen Kolonnen seines Corps, beschränkte 
sich aber drei Tage hindurch auf unbedeutende Vorpostengefechte 
in der Nähe von Mitlödi. Es kam dabei wohl zu einigen Um- 
gehungen, doch zu keinerlei größerem Ereignisse. Da General 
Molitor nämlich benachrichtigt wurde, daß die Spitze des russischen 
Heeres gegen den Pragel-Paß heransteige, vermochte er den über 
FML. Linken schon errungenen Erfolg nicht weiter auszunützen. 
FML. Linken, der in den Tagen vom 27. bis zum 29. September 
ersichtlich mit Suworoff in Verbindung gestanden war, zog sich 
unverfolgt und ganz gemächlich zurück. 155 Am gleichen Tage 
erreichte er das Wichler Bad, am 30. überschritt er mit zwei 
Kolonnen den Segnes- und den Panixer-Paß. Jellacic bewies eine 
ebenso strafwürdige Gleichgültigkeit gegen das Schicksal der Ver- 
bündeten seines Kaisers. Schon am 26., sogleich nachdem er durch 
FML. Petrasch den Tod Hotzes und die für die Franzosen so 
günstigen Ereignisse bei Schanis erfahren, kehrte er nach Wallen- 
stadt zurück. Am 29. September hatte er sogar bereits den Rhein 
zwischen sich und die Franzosen gebracht. 

General Molitor dagegen ließ nur die beiden Bataillone der 
44. Halbbrigade zur Beobachtung des abziehenden Gegners in 
Schwanden stehen. Er selbst eilte, die Stellungen im Klönthale 
zu besetzen, um den Marsch der Russen über den Pragel soviel 
wie möglich zu hindern. 

Die gewaltig niederschmetternde Nachricht von den umfassenden 
Siegen der Franzosen erschütterten für einen Augenblick selbst 
die Entschlossenheit Suworoffs. Die Meldung der zum Pragel ent- 
sendeten Kosaken überzeugte ihn endlich, daß er völlig vom Gegner 
im Muotathale eingeschlossen sei. 

„Die Lage der russischen Truppen im Muotathale war in 
der That fürchterlich; durch den fast unglaublich scheinenden 
Marsch entkräftet, halb barfuß, ohne alle warme Bekleidung, litten 
dieselben seit einigen Tagen auch an Lebensmitteln Mangel. Suworoff 
hatte von Bellinzona nur Proviant auf sieben Tage mitgenommen, 
in der Meinung, dieser Vorrat werde bis Schwyz reichen, wo er 
neue Verbindungen sich zu eröffnen und Lebensmittel von Hotze 
und Korsakoff in Ueberfluß zu erhalten hoffte. Jetzt hatten alle 
Berechnungen fehlgeschlagen; sogar von den Vorräten, welche 
dem Corps nachgeführt wurden, war vieles auf dem Marsche zu 
Grunde gegangen ; die Maultiere, welche noch übrig waren, hatten 
den schneebedeckten Gebirgsrücken noch nicht überschritten. Die 
Soldaten hatten auch nicht ein Stückchen Zwieback mehr in der 
Tasche. Glücklich waren diejenigen, welchen es gelang, irgendwo 
noch einige Kartoffeln aufzufinden. Die Offiziere und Generale 
gaben freudig ihre Goldstücke für ein Stücklein Brot oder Käse 
hin. Trotz dieser armseligen Lage rührten die russischen Truppen 



171 



dennoch nicht das Geringste von dem Eigentume der Bewohner 
des Dörfchens Muten an. Großfürst Konstantin ließ alles, was 
sich bei denselben an Lebensmitteln vorfand, zusammenkaufen und 
unter die Soldaten verteilen ; diese Freigebigkeit des Großfürsten 
vermochte leider nur für einen Tag die schwierige Lage der Truppen 
zu erleichtern. Die Einwohner, an die gewaltsamen Requisitionen 
der Republikaner gewohnt, waren über die Großmut der Russen 
höchlich erstaunt/ (Miliutin IV, S. 97/98.) 

Suworoff war auf das höchste empört über die unverantwort- 
liche Handlungsweise der Kaiserlichen. 156 In seiner Erbitterung 
berief er einen Kriegsrat ein, zu dem alle russischen Führer, keines- 
Avegs aber Generalmajor Auffenberg befohlen wurde. Die Lage 
im Muotathale mit jener vergleichend, in welcher sich einst (1711) 
Peter I. gegenüber den Türken und Schweden am Pruth befunden, 
erklärte er den Generalen: 

„Zurückgehen — ist schimpflich; ich bin noch nie zurück- 
gewichen. Vorwärts nach Schwyz gehen — ist unmöglich : Massena 
hat über 60 000 Mann Truppen, wir haben deren kaum 20 000 
mehr. Zudem sind wir ohne Proviant, ohne Munition, ohne 
Artillerie. . . . Von niemand können wir Hülfe erwarten. . . . Wir 
stehen am Rande des Verderbens!" (Miliutin IV, 101.) 

Es soll der Großfürst Konstantin gewesen sein, welcher zuerst 
den Vorschlag machte es zu versuchen, nach Glarus durchzubrechen. 
Seine Ansicht beliebte, alle anwesenden Generale unterzeichneten 
den im Kriegsrate gefaßten Entschluß, der sich für den Abmarsch 
nach Glarus und Sargans aussprach. 

Generalmajor Auffetiberg erhielt Befehl, noch am 29. so weit 
als möglich auf den Pragel vorzudringen ; ihm sollten am 30. Sep- 
tember und 1. Oktober die Abteilungen, bezw. Divisionen der 
Generale Bagration, Schweikowski und Förster, sowie der gesamte 
Troß folgen. „Rosenberg erhielt den Befehl, sich mit der größten 
Hartnäckigkeit zu halten, keinen Sclmtt zurückzuweichen, den 
Feind ohne Schonung niederzumachen und ihn bis Schwyz — jedoch 
keineswegs weiter zu verfolgen." 

In der That erreichte die Brigade Auffenberg und ein kleiner 
Teil des Trosses das Klönthal noch am 29. September, obwohl 
sie einen Zusammenstoß mit dem Gegner bestehen mußten. Ihm 
folgten am 30. September die Vorhut (Fürst Bagration) und die 
Division Schweikowski, zusammen 6000 Mann (16 Bataillone und 
2 unberittene Kosakenregimenter). Gegen 3 Uhr nachmittags er- 
reichten sie das Klönthal, eben rechtzeitig, um Auffenberg zu unter- 
stützen. Die österreichische Brigade war von Molitor aufgefordert 
worden, sich zu ergeben. Wirklich begann Generalmajor Auffen- 
berg diesbezügliche Unterhandlungen, wohl weniger in der Absicht, 
Molitor zu willfahren, als um Zeit zu gewinnen. Bagration ordnete 



172 



seine Kräfte in der Weise, daß zwei Grenadierbataillone (Dendrygin 
und Sanajeff) auf dem Wege, die beiden übrigen (Lomonosoff und 
Kalemin) links desselben vorgingen. Oberstlieutenant Zukato 
erstieg mit dem Jägerregiment Miller den nördlichen, Fürst Bagration 
selbst mit seinem Jägerregiment den südlichen Thalrand. 

„Auffenberg, durch die Annäherung der Russen ermutigt, 
brach die Unterhandlungen mit dem Feinde ab und begann seine 
Brigade zurückzuführen. Molitor warf sich nun von neuem auf 
die Oesterreicher wie auf eine sichere Beute. Unterdessen war 
Bagration mit seinem Regiment unbemerkt längs des sumpfigen 
Gehölzes vorgedrungen und fiel, nachdem er die Franzosen weit 
genug hatte vorgehen lassen, denselben plötzlich mit einem donnern- 
den Hurrah in die Flanke. In dem nämlichen Momente wirbelten 
die Trommeln und die russischen Grenadiere warfen sich, ohne 
auch nur einen einzigen Schuß zu thun, mit dem Bajonett gerade 
auf die Front der Franzosen. Unerwartet auf zwei Seiten an- 
gegriffen, machten dieselben Halt und traten, fortwährend feuernd, 
den Rückzug an. Ohne den Feind zur Besinnung kommen zu 
lassen, griff Fürst Bagration wiederholt an und Verfolgte ihn bis 
hart an den See. Hier fanden sich nun die französischen Truppen 
auf dem engen Wege zwischen dem Ufer und den steil abfallen- 
den Bergen zusammengedrängt. Um ihnen nicht Zeit zu lassen, 
sich in das Defilee zurückzuziehen, griff Bagration zum dritten- 
male an. Bei diesem furchtbaren Gedränge fanden gegen 200 
Franzosen ihren Tod in den Fluten des Sees; mehr als 70 fielen 
durch das Bajonett, 162 Mann mit 3 Offizieren wurden gefangen 
genommen." (Miliutin VI, S. 105/106.) 

Der Schauplatz dieses Gefechtes ist ersichtlich zwischen Yor- 
auen und dem Westufer des Klönthalsees zu suchen. Der Rückzug 
der Franzosen ging dagegen bis nach Seerüti. Miliutin (VI, 106) 
schreibt: „Der enge Durchgang zwischen dem Ufer und dem Fuße 
des Gebirges war durch die niedrige, steinerne Umfassungsmauer 
eines Kirchleins gesperrt." Diese Angabe ist jedoch nicht recht 
wahrscheinlich, weil in der dortigen Gegend nie einer Kapelle 
Erwähnung gethan wird und selbst Ruinen einer solchen nicht zu 
entdecken sind. Es wurde noch am 30. September abends mehrfach 
durch die Oesterreicher sowohl wie auch die Russen der Versuch 
gemacht, die Truppen Molitors hier zu werfen. Diese wegen der 
vorgerückten Stunde bald abgebrochenen Anstrengungen zeitigten 
jedoch einige Verluste, selbst an Offizieren. Unterdessen langte 
auch die Division Schweikowski im Klönthale an. Ihre letzten 
Truppen erreichten das Bivouac, in welchem nicht einmal überall 
Feuer angezündet werden durften, erst während der Nacht. Suworoff 
und Großfürst Konstantin schliefen in einer Schäferhütte. 

Der 1. Oktober brach unter fortwährenden Regengüssen an. 



173 



Bagration nutzte die vor Sicht deckenden Nebel und ließ sein 
Jägerregiment, sowie 4 Grenadierbataillone in aller Frühe den 
steilen Bergrücken gegen „Rinderband'' zu erklimmen. Oberst- 
lieutenant Zukato mit dem Jägerregiment Miller, 4 österreichischen 
Compagnien und 2 Sotnien unberittener Kosaken drang in der 
nämlichen Richtung sogar weiter, bis fast in den Rücken der 
französischen Stellung vor. Aus einigen Zusammenstößen von 
Patrouillen entwickelte sich noch während der Nacht ein heftiges 
Gewehrfeuer, dem bald der russische Angriff folgte. Das Jäger- 
regiment Miller bedrohte die Rückzugslinie der Franzosen, das 
Regiment Bagration ihre rechte Flanke, während das Regiment 
Baranowski des Corps Derfelden in der Front stürmte. Molitor 
mußte also und zwar mit ziemlichem Verlust bis Netstall weichen, 
nachdem er die Löntschbrücke im Dorfe Riedern verbrannt hatte. 157 
Dann hielt er so lange die Stellung vorwärts von Netstall, wohl 
in der sogenannten „Durschen", bis die beiden Bataillone der 
44. Halbbrigade aus Schwanden wieder zur Brigade zu stoßen 
vermochten. Auch diese beiden Bataillone, unterstützt von zwei 
Bataillonen der 84. Halbbrigade und geführt von General Molitor, 
bestanden in der Frühe des 30. Septembers (die Angabe des Feld- 
tagebuchs „9. Vendemiaire", 1. Oktober, ist sicherlich ein Irrtum) ein 
Gefecht mit der von Generalmajor geführten Nachhut der Division 
Linken, wobei diese 360 Gefangene, darunter 7 Offiziere verlor. 
Molitor war dann mit den beiden Bataillonen der 84. Halbbrigade 
schnell ins Klönthal geeilt und noch rechtzeitig dort angelangt. 
Schwanden konnte jetzt um so eher verlassen werden, als General 
Loison mit IL/76. Halbbrigade am 30. September aus dem Schächen- 
thal bis auf den Urnerboden und am 1. Oktober nach Luchsingen 
gelangte. Der Bericht von Molitor über die Ereignisse bei Net- 
stall lautet dahin, daß er 1 Bataillon mit 3 Kanonen über die 
Netstallerbrücke auf das rechte Linthufer schickte und den 
hölzernen Uebergang verbrannte. Darauf habe er sich mit dem 
Reste seiner Truppen am linken Linthufer hinter Netstall in Staffeln 
aufgestellt. Es ist nun anzunehmen, da Miliutin und auch der 
Augenzeuge Pfarrer Freuler von Glarus von Gefechten vor und 
hinter Netstall berichten, daß Molitor in diesen beiden Stellungen 
gekämpft habe. 158 Es bleibt aber wenig wahrscheinlich, daß eine 
von russischen Grenadieren gebildete Sturmkolonne ihm an der 
„Durschen" 1 Fahne, 1 Geschütz und 300 Gefangene abgenommen 
habe. Immerhin mußte Molitor dann endlich vor der Ueber- 
macht auf Näfels zurückweichen. In Näfels erhielten die Franzosen 
eine Verstärkung durch die von General Gazan (der an die Stelle 
von Soult getreten war) herangeführte IL helvetische Halbbrigade. 
So konnte Molitor seinerseits zum Angriffe übergehen. Viermal 
drängten die Franzosen den Gegner wieder bei Netstall zurück, 



174 



mußten aber schließlich die Stellung bei der Näfelser Brücke zu 
behaupten suchen, da eine feindliche Abteilung auf einem Lauf- 
stege über die Linth setzte und von Mollis her drohende Be- 
wegungen unternahm. Das Feldtagebuch schreibt über den Kampf 
an der Näfelserbrücke : 

„Jeder war Herr eines gleichen Teiles der Brücke, als ein 
russischer Major dem Kommandanten eines Bataillons der 84. Halb- 
brigade an deu Hals sprang und ihm zuschrie : < Ergeben Sie sich ! 
Dieser brave Chef befreite sich durch eine heftige Bewegung und 
stieß dem Gegner seinen Degen durch den Leib, so daß er tot 
zu Boden sank. Der Verlust dieses russischen Offiziers machte 
auf die Seinen solchen Eindruck, daß die Kolonne plötzlich un- 
beweglich blieb. Zugleich kam die IL helvetische Hülfshalbbrigade 
heran, um die 84. zu unterstützen. Sie stürzte auf die feindliche 
Masse mit der Schnelligkeit des Blitzes, ohne einen Schuß zu thun. 
Das Bajonett vollbrachte eine schreckliche Blutarbeit, die Zahl 
der in die Linth geworfenen Leichname war so beträchtlich, daß 
sie sich an den Brückenpfeilern anhäuften und den Fluß zurück- 
stauten. Die braven Helveter schienen sich in ihrer Unerschrocken- 
heit daran zu erinnern, daß ihre Vorfahren (auf dem nämlichen 
Flecke) in der 138(3 (soll heißen 1388) vorgefallenen Schlacht von 
Näfels den höchsten Ruhm errungen hatten. Dieser Halbbrigade 
wurden mehr als 20 Offiziere und 100 Soldaten durch die aus 
nächster Nähe abgegebenen Salven außer Gefecht gesetzt." 

Nach der gleichen Quelle verloren die Russen in den Kämpfen 
vom 30. September und 1. Oktober im ganzen 1 Oberst, 3 Majore, 
18 Hauptleute und 20 Lieutenants neben 2500 gefangenen und 
2500 toten und verwundeten Mann. Dazu wollen die Franzosen 
4 Fahnen, 10 Kanonen und 300 Pferde erobert, bezw. weggenommen, 
hingegen nur 140 Mann an Toten, neben 180 Verwundeten und 200 
Gefangenen eingebüßt haben. (Nach der Aufstellung des Feld- 
tagebuchs und der von Koch, Massena III, 389.) Die Unwahr- 
scheinlichkeit der Angaben, soweit sie sich auf den französischen 
Verlust beziehen, liegt auf der Hand. Freuler (30/31) gibt keine 
genauen Zahlen, schätzt aber, daß beide Teile zusammen etwa 
2000 Mann verloren hätten. Unter den Verwundeten wären an 
500 Franzosen und 1500 Russen gewesen. Miliutin (IV, 128) be- 
rechnet, daß Suworoff mehr als 1600 Mann Tote durch die Waffen, 
das Abstürzen in den Bergen und die Kälte verlor, indes die Zahl 
der Verwundeten über 3500 Mann betrug. Die Russen führten 
aus der Schweiz an 1400 gefangene Franzosen mit, welche sie in 
Chur an die Oesterreicher auslieferten. 

Die schöne Waffenthat der IL helvetischen Halbbrigade, welche 
das Feldtagebuch in sonderbarem Irrtume unter dem 13. Vendemiaire 
(5. Oktober) aufführt, ist aber nicht zu bezweifeln, denn auch 



175 

Molitor erwähnt derselben ausdrücklich in seinem Berichte. 159 Daß 
dieses tapfere Auftreten unserer Landsleute den Franzosen sehr 
zu statten kam, geht aus der ehrenvollen Erwähnung deutlich 
hervor. Es ist sonst selten genug vorgekommen, daß das 
letztere geschah. Diese Halbbrigade trug ein gut Stück dazu bei, 
daß Molitor seiner schwierigen Aufgabe, gerecht zu werden ver- 
mochte und das Durchbrechen der Russen über den Kerenzerberg 
verhinderte. 

An diesem Abend des 1. Oktobers lagerten die Russen unter 
Suworoff bei Riedern, Netstall und Glarus, die Franzosen unter 
Molitor bei Näfels und Mollis. Ueber den Pragel aber ging an 
General Rosenberg der Befehl, so eilig wie möglich ins Linththal 
zu gelangen. Um die Ereignisse vom 30. September und 1. Oktober 
im Muotathale zu schildern, müssen jedoch auch die Vorgänge 
vom 29. September im Reußthale erwähnt werden. 

Am 29. September in der Morgenfrühe war der General 
Lecourbe wieder in Altdorf erschienen. Dort erfuhr er die Richtung 
des Rückzuges der Russen und schon um 8 Uhr morgens berichtete 
er u. a. an Massena: 

„Treffen Sie ihre Maßregeln, um des Gegners Vorhaben gegen 
den bei Glarus stehenden rechten Flügel der Division Soult zu 
hindern. . . . Ich verfolge den Feind mit Vorsicht, weil ich nicht 
mehr als 700 — 800 Mann habe, mit denen ich den Gegner auf 
dem rechten Reußufer festhielt. Seien Sie aufmerksam in der 
Gegend von Schwyz. Wenn der General Soult von Glarus her, 
der General Mortier im Muotathal und ich im Schächenthal 
zusammen handeln, so lassen wir Suworoff in den Bergen um- 
kommen. Ich fürchte zu weit vorzugehen, bevor Sie mir Ihre 
Pläne mitteilen können." 

Und an den General Mortier: „ . . . Sie könnten den Gegner 
im Muotathale mit vier oder fünf Bataillonen angreifen und den 
Rest auf den Höhen von Illgau und Steinerberg lassen. Im Falle 
eines Rückzuges lassen Sie die Rigi, den Lowerzersee und die 
Höhen von Iberg nicht außer Acht. Sollte der Feind dazu gelangen, 
zwischen Ihnen und dem General Soult, welcher sich in der Richtung 
nach Glarus befindet, durchzubrechen, was mir nicht für wahr- 
scheinlich gilt, so wäre es nötig, daß ein Teil Ihrer Truppen 
Rothenthurm festhielte und daß Sie Ihren rechten Flügel auf 
Gersau unter Anlehnung an die Rigi, Sattel, Steinerberg und 
Roßberg stützen würden. Sie müßten Ihre Reserven in Arth 
aufstellen, um den Zuger- und Luzernersee zu decken. Im Falle 
eines Fehlschlages gegen Schwyz dürfte es nicht unnütz sein, mit 
einigen Truppen den rechten Flügel des Generals Soult zu unter- 
stützen. Die Stellung zwischen der Rigi und dem Roßberg ist 
leicht zu halten. . . .." 160 



176 

Es mag gleich erwähnt werden, daß Lecourbes Truppen unter 
den russischen Nachzüglern 150 Gefangene machten, den Gegner 
aber sonst nicht weiter verfolgten, vielmehr ihre Vorposten bei 
Bürglen ausstellten. 

Nicht selten findet sich die Angabe, z. B. auch bei Miliutin 
(IV, 97), Massena sei an diesem 29. September mit Lecourbe zu- 
sammen gewesen und beide Generale hätten eine gemeinsame Er- 
kundung ins Schächenthal unternommen, dort die schrecklichen 
Spuren des Marsches der Russen entdeckt u. s. w. ; Clausewitz 
spottet darüber als über einen Spazierritt. Es ist wohl sicher, 
daß Lecourbe jenes oben angeführte Schreiben nicht verfaßt haben 
würde, wäre der Obergeneral an diesem Tage in Altdorf gewesen 
oder dort erwartet worden. 

Massena befand sich am 29. September vermutlich in Schwyz 
oder aut dem Wege dorthin. Hier stand schon seit dem 28. der 
General Mortier mit 8 Bataillonen, 2 Compagnien reitender (leichter) 
Artillerie sow T ie dem 8. Chasseursregiment. Die ihm zunächst 
befindliche Unterstützung bildete die Grenadierreserve des Generals 
Humbert, welche jedenfalls bis Richterswyl und wahrscheinlich 
sogar bereits an die Schindellegi gelangt war. 161 

Als Suworoff mit den Truppen von Auffenberg, Bagration 
und Derfelden den Pragel erstieg, blieb Rosenberg im Muotathale 
zurück. 162 

Dieser General verlegte das Regiment Miloradowitsch und 
2 Regimenter der Division Förster in und neben das Dorf Muotathal. 
Jenseits dieses Ortes standen das Regiment Rehbinder, 1 Bataillon 
der Kaschkin-Jäger und 2 unberittene Kosakenregimenter. Vor 
ihnen, also ebenfalls auf dem linken Ufer des Flusses und zwar 
wahrscheinlich hinter dem Laufe des Bettbaches hielten sich als 
Vorposten das IL Bataillon der Kaschkin-Jäger und berittene 
Kosaken. Die Angabe Miliutins, daß ein Teil des Trosses wie 
der Nachhut, die Regimenter Fertsch, Mansuroff u. s. w., noch 
nicht durch das Wängithal hinunter gelangt waren, widerspricht 
keineswegs der Möglichkeit. So schreibt Waldburga Mohr in 
ihrem Tagebuche unter dem 1. Oktober: „Das Gefecht war heftig, 
während dessen noch immer Russen vom Berg herab strömten." 
(Vergleiche Anmerkung 163.) 

Unter dem „Berge" ist gewiß der Kinzig-Paß zu verstehen. 

Am 30. September, nachmittags gegen 2 Uhr, wurden die 
russischen Vorposten durch die von Schwyz herankommenden 
Franzosen angegriffen und nach kurzem Feuergefechte geworfen. 
Die von General Rehbinder befehligten Truppen nahmen die 
langsam Zurückgehenden auf. Beide Teile scheinen nun für weitere 
zwei Stunden ausschließlich die Handfeuerwaffe gebraucht zu haben. 
Dann gewannen jedoch die Franzosen, durch nachrückende Truppen 



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177 

verstärkt, etwas Boden. Erst jetzt griff auch General Rosenberg 
selbst in das Gefecht ein. Die auffällige Verspätung ist ganz 
wohl durch die bei Miliutin (IV, 271/272, Nr. 121, 122) erwähnte 
Reibung zwischen den beiden Führern zu erklären. 

Kosaken setzten über den Fluß und fielen dem Gegner in 
die Flanke, worauf dieser bald zurückging und wahrscheinlich 
auch verfolgt wurde. Der Verlust der Franzosen, welchen der 
russische Bericht auf 1600 — 1700 Mann beniißt, ist sicher ganz 
ansehnlich, aber keinenfalls so groß gewesen. Das Tagebuch von 
WaldburgaMohr erzählt: „daß ein französicher Grenadierlieutenant 
und etwa 80 Gemeine als Gefangene eingebracht, fünf russische 
Offiziere und viele Gemeine" verwundet worden seien. Das Gefecht 
entstand sicherlich aus einer von den Franzosen unternommenen 
Erkundung. Der Schauplatz desselben lag nach den Angaben 
des Tagebuchs Mohr zwischen „Ried", 4 km westlich vom Dorfe 
Muotathal, und der „steinernen Brücke" am Ausgange des „Klingen- 
tobeis." 

Das Gefecht stärkte die seelische Haltung der russischen 
Truppen, hatte aber anderseits den Nachteil, daß sie glaubten, 
vorerst keine weitern Angriffe der Franzosen besorgen zu müssen. 
Dies geht deutlich aus der Schilderung von Toll (v. Bernhardi I, 99) 
hervor, welcher beschreibt, wie man am 1. Oktober bei Tische 
gesessen wäre, als plötzlich General Rosenberg ins Zimmer trat 
und den einem Ueberfalle gleichenden Angriff der Franzosen 
meldete. Diese wurden (das Feldtagebuch bezeugt das ebenfalls) 
vom Obergeneral Massena selbst geführt und um 1 Uhr mittags 
bei stürmischer, regnerischer Witterung fielen die ersten Schüsse. 

Massena hatte seitwärts der auf der Straße vorgehenden 
Hauptkolonne längs der Thalränder Abteilungen entsendet. Das 
auf Vorposten befindliche Regiment Welezki zog sich eilig zurück. 
Nach den Angaben des Klostertagebuchs, dem von allen Bericht- 
erstattern wohl am ersten zu trauen ist, standen die russischen 
Vorposten „hinter der steinernen Brücke in des Geisers Mattli." 163 
Hierunter ist natürlich das Bauerngut „Mattli" an der Brücke, 
auf dem rechten Ufer des Flusses zwischen diesem und der Land- 
straße zu verstehen. (Punkt 530, Topogr. Altlas Bl. 399.) Immerhin 
fand Rosenberg Zeit, seine Truppen in der Thalebene in zwei 
Treffen zu ordnen. Die „Großmatt", auf welcher nach dem Kloster- 
tagebuch der Aufmarsch stattfand, liegt nach Dr. Hartmanns 
Vermutung (S. 148) am rechten Ufer der Muota bei der Häuser- 
gruppe Ried und entspricht der heutigen Kapellmatt. Toll 
(Bernhardi I./100) sagt darüber: „Rosenberg führte seine acht 
Bataillone einige hundert Schritte vorwärts, auf einen Punkt, wo 
sie in zwei Treffen die ganze Breite des Thaies einnahmen." 
Diese Beschreibung paßt in der That auf die ..Kapellmatt." 

Günther, Feldzug ]799. 12 



178 



Die Franzosen begannen ein heftiges Feuergefecht, woran 
sich auch ihre Artillerie beteiligte. Die Vorposten der Russen 
wichen zunächst bis zur Häusergruppe „Hesigen" zurück, um 
dann die Front der von General Rosenberg befehligten Truppen 
abzudecken. Getreu den Vorschriften Suworoffs und den Er- 
mahnungen ihres Befehlshabers gehorchend, hielten sich diese 
nicht lange mit Feuern auf, sondern stürzten mit dem Bajonette 
auf den Gegner, der vermutlich in ziemlicher Unordnung herankam. 
Toll schilderte nachmals den Sieg der Russen (Bernhardi I, 100) 
in folgender Weise: 

„Als der Feind sich bis auf einige hundert Schritte genähert 
hatte, ließ Rosenberg drei Bataillone des ersten Treffens, denen 
die fünf anderen als Reserve folgten, antreten, und ohne einen 
Schuß zu thun, raschen Schrittes mit gefälltem Bajonett auf die 
französischen Scharen losstürmen, die in drei Kolonnen vorrückten. 
Der Erfolg war glänzend, wie man ihn kaum erwarten durfte ; 
die mittlere feindliche Kolonne wendete sich vor dem entschlossenen 
Angriffe bald zu wilder Flucht ; auch die schwächeren, aus Tirailleur- 
schwärmen bestehenden Seitenkolonnen wurden mit fortgerissen, 
ein umgestürzter Munitionskarren versperrte den Fahrweg im Thal, 
auf dem die Artillerie fliehen wollte, und fünf Geschütze fielen 
den Russen in die Hände. Toll äußerte, es sei schwer sich einen 
Begriff davon zu machen, bis zu welchem Grade die Franzosen 
von wildem Schrecken ergriffen waren, bis zu welchem Grade sie 
alle Haltung verloren hatten; er selbst war erstaunt zu sehen, 
daß ein so einfaches Manöver einen solchen Erfolg haben konnte. 
Die Russen machten 1020 Gefangene, unter denen der General 
Legouvie und ein Generaladjutant waren, und verfolgten bisSchwyz." 

Nach dem Klostertagebuche wurden die fliehenden Franzosen 
von den Kosaken bis über Ibach hinaus verfolgt. Hier mußten 
sich jedoch die Steppenreiter wieder zurückziehen, da ihnen ein vom 
General Lecourbe entsendetes Bataillon der 67. Halbbrigade in 
fester Stellung entgegentrat. 164 Unter den gefangenen Franzosen 
sollen sich auch ein General und ein Generaladjutant befunden 
haben. In Wahrheit handelt es sich hierbei allein um den General- 
adjutanten Lacour der 4. Division (Mortier). 165 

Wollte man Koch-Massena (III, 387) glauben, so hätten die 
Franzosen weder Kanonen noch auch Gefangene verloren. Aber 
die Angaben der Memoiren sind stets nur mit Vorsicht aufzufassen. 
Gerade in diesem Falle zeigen sie, wie wenig Verlaß sie der 
wahrheitsgetreuen Darstellung bieten. 

Die weiteren Ereignisse auf dem Rückzuge der Armee Suworoffs 
aus der Schweiz berühren das Thema dieser Arbeit nicht mehr. 

Am 3. Oktober erschien auch die Brigade Gudin von der 
Furka her wieder in Andermatt. Dort war der russische General 



179 



Kaulamon (?) (Feldtagebuch) mit einem Teile des Trosses zurück- 
geblieben. Er wurde nebst vier Hauptleuten und 300 Soldaten 
gefangen. Ueberdies fielen den Franzosen ein großer Vorrat an 
Zwieback. 400 Mäntel und 500 Gewehre in die Hände. 166 

General Gudin besetzte jetzt wieder die Stellung auf der 
Oberalp sowie beim Hospiz und verlegte dann sein Hauptquartier 
nach Faido. 

Genera] Lecourbe dagegen nahm am gleichen Tage (3. Oktober) 
Abschied von seinen Truppen, die so heldenmütig sieben Monate 
hindurch mit ihm gegen Menschen sowohl wie gegen Naturgewalten 
gekämpft hatten. Der General begab sich nach Strasburg, um 
dort den Oberbefehl der Rheinarmee zu übernehmen. 

An den Schluß des Feldtagebuches seiner Division schrieb er: 
„Le resultat de la campagne du general Lecourbe, reduction faite 
de notre perte en tues, blesses, et prisonniers de guerre, celle des 
Austro-Russes a excede 2727 tues, 7231 blesses, 22411 prisonniers 
de guerre, 69 canons, 8 drapeaux, 721 chevaux ou mulets." 

Aus dieser Zusammenstellung leuchtet das stolze Gefühl hervor, 
mit gar geringen Mitteln wirklich Großes vollbracht zu haben. 167 
Die Division Lecourbe und ihre Führer zeigten in ihrem Feldzuge 
des Jahres 1799 in deutlichster Form, daß für sie vornehmlich 
der Grundsatz gegolten hatte : 

-Im Kriege gebieten nur die Umstände! 1 * 



->H£-<- 



Anmerkungen. 



Zum Vorwort. 

1 (S. 3). Nicht selten findet sich unrichtigerweise die Zahl 1760 als Ge- 
burtsjahr und Lons-le-Saunier als Geburtsort angegeben. Die Gemeinde Ruffey 
liegt 10 km nördlich von Lons-le-Saunier, im Canton de Bletterans. an der Seille, 
einem Nebenflüßchen der Saöne. Der Ort zählt etwa 1400 Einwohner. Heute 
befinden sich Mairie und Schule in dem ehemaligen Schlosse der Familie Le- 
courbe. Der General und sein Schwager (General) Gauthier haben in der Kirche 
des Fleckens ihre einfachen Grabdenkmäler. Seit 1857 schmückt den Hauptplatz 
von Lons-le-Saunier eine Bildsäule Lecourbes aus Bronze, gefertigt von Etex. 

2 (S. 4). Die Bataillone zählten 10 Compagnien zu 71 Offizieren und 715 
bis 730 Gewehrtragenden. Diese Verhältniszahlen änderten sich aber bald. 
Bereits die ersten Märsche brachten den Bestand auf eine erheblich geringere 
Zahl Kampffähiger herab. Später wurde das VII. Jurassier-Bataillon das III. 
der 124. Halbbrigade, die ihre Nunmier auch nach dem Jahre 1803 als Regi- 
ment beibehielt. Im Jahre 1814 wurde daraus das 79. Linienregiment. Dieses 
garnisonierte 1894 in Nancy (Depot in Neufchäteau) ; es wird vom Obersten 
Veau de la Nouvelle befehligt und gehört zum VI. Armeecorps. 

3 (S. 5). Ein Teilnehmer an diesem kurzen Feldzuge hat ihn unter dem 
Titel „Challe, M., La campagne des frontieres du Jura en 1815, par le general 
Lecourbe. Souvenirs d'un jeune volontaire" beschrieben. Enthalten im V. Bande, 
II. Serie (1879) der Memoires de la societe d'emulation du Jura. Lons-le-Saunier, 
imprimerie J. Declume, 1880. 

* (S. 5). Lusser, Dr. F., Leiden und Schicksale der Urner, Altdorf 1845. 
„In diesem hochgelegenen Thale (Urseren), das von Holz fast entblößt war, lagerten 
oft ganze Armeen, die, um sich wärmen zu können, oft in einer Nacht für 1000 
Gulden Holz von Häusern und Stallungen abrissen und verbrannten. Der Soldat 
litt dabei doch noch Kälte und Mangel. Das machte ihn roh und unmenschlich ; 
er plünderte, was er habhaft werden konnte, und mißhandelte dabei die Eigen- 
tümer. Während die fränkischen Krieger so ohne alle Einschränkung lebten, 
die Leute plagten, mißhandelten und alle Winkel aussuchten, lebte General 
Lecourbe in einem vom Brande verschont gebliebenen Hause in der Herren- 
gasse zu Altdorf, mitten unter den Ruinen und umgeben von Bildern des all- 
gemeinen Elendes, in üppiger Pracht. Luzern mußte seiner reich besetzten 
Tafel die fremden Weine und Leckerbissen nachsenden, welche das erschöpfte 
Uri nicht mehr geben konnte. Zschokke gelang es endlich, diesen tapfern aber 
rohen General zu einem Tagesbefehle zu bewegen, der den Unfugen ein Ende 
machte und wieder bessere Mannszucht herstellte." 

5 (S. 5). Bousson 111. 115. 120; 30. 31. 32. (16. Dezember 1798.) An den 
Chef der 24. Halbbrigade : „D'apres la conduite que tiennent vos deux com- 
pagnies de grenadiers ä Amsteg, vous leur donnerez l'ordre de se rendre ä 



182 



Altdorf, oü, jusqu'ä nouvel ordre, elles seront consignees et feront le Service en 
entier. Les officiers sont corapris dans la consigne." (19. Dezember.) An den 
Kommandanten von Zug: „II a ete porte, citoyen, par le Directoire helvetique, 
des plaintes graves sur plusieurs exces et violences commis par les troupes 
eantonnees ä Zoug et aux environs. II est question menie de vols, de viols et 
d"autres violences commis ä main armee ... je vous prie ä me fah'e connaitre 
les demarches que vous avez faites pour les faire arreter." (6. Januar 1799.) 
An den Compagniekommandanten der 84. Halbbrigade in Küßnacht: „Des 
plaintes, citoyen, me sont portees par l'administration de K. contre les chasseurs . . . 
Vous voudrez bien veiller sur la conduite des dits chasseurs, et les rappeler 
ä l'ordre et ä leur devoir. Vous ferez arreter celui d'entre eux qui ne se con- 
duira pas comme il doit le faire, et vous me l'enverrez avec les plaintes, afin 
que je le fasse punir exemplairement." (14. Januar.) An Brigadechef Quetard : 
„Recommandez plus que jamais la tenue et la discipline parmi la troupe . . . 
faites-les punir lorsqu'ils auront tort ..." (22. Januar.) An Lieutenant Thuble- 
mont in Gersau : „Je vous engage ä vivre en concorde avec les habitants ; 
agissez toujours de concert lorsqu'il s'elevera des rixes entre les bourgeois et 
des militaires, et surtout maintenez l'ordre et la discipline, le respect des per- 
sonnes, des proprietes, et principalement des opinions religieuses." 

Diesen Zeugnissen mag ein bisher ungedrucktes, dem Familienarchive ent- 
stammendes Aktenstück beigefügt werden. Es lautet : „Muthathal d. 12t. T.bris 
1799. An den Bürger General Lecourbe, Command. General 2ter Division 
Militaire zu Altdorf. Die wohlEhrwürdige Frau Mutter des Klosters Mutathal 
Maria Josepha Waldburga Mohr. (Es ist dies die Verfasserin des bekannten 
Tagebuches.) Bürger general ! Ich nemme mir die Freiheit an Bürger general 
mich zu atressieren aus billich und tringendem gründe. Es ward mir eine 
Requisition von 60 Louis d'or geld sammt 2 schönen pferdten gemacht von 
einem Commandanten der 12t. Halbbrigade Infanterie Leger Koste (i. e. Coste !), 
welcher Commandant sich hier den 30t. May einfand und dieses geld im Nahmen 
des generalen auf wenige stunden mit herben Trohungen abforderte. Bürger 
general ! Wir unternemmeu ein freyheitvolle Einfrag : ob dises geld im Nahmen 
des generalen wirklich abgefordert und es so für die Fränkische Republic ver- 
wendet worden, war es nicht gantz mit Unwillen von uns abgegeben und erlassen. 
Der gleiche Comendant wäre mit ermelter Summa von unserem kloster Wirth 
zufrieden, auch 100 Louis d'or von der armen gemeind Mutathal musten ihm 
innert 12 stunden unter angekündter todesstraf der Municipalität eingelifert 
werden. Unser kloster verlangte von ihm eine quittung für dieses geld: Er 
erwiderte aber, Er habe dises geld an schuh für das regiment zu verwenden, 
da anwesende Truppen vihle 100 paar schuh und eben so viel Leder in der 
gemeind raubten. Er sagte zugleich, wir brauchen keine quittung, dises geld 
sey eine straf; da wir doch stehs ruhig waren. Nach diser Requisition blib er 
8 Tag noch hier und lies sich wohl bedienen ; wie bis auf dise stund unser gar 
nicht vermögliches kloster sehr beträngt, auf gleichsam unmögliches bestehn 
könne, mitgenommen worden. Bürger general ! Wir empfehlen uns dero gnad 
und berüchtigten (will heißen : bekannten) menschenlieb, und erbitten die gütige 
auskunft, wie diesfählige Rechnung bei der Verwaltungskammer vorzuweisen. 
Republikanischer grüß und Hochachtung Maria Josepha Waldburga Mohr Mutter." 

Lecourbe bemerkte dazu am Rande des Schreibens: „Le citoyen Coste 
ayant abuse de mon nom, pour demander de l'argent, je demande qu"il soit 
traduit au Conseil de guerre. Le general de division Lecourbe." 

8 (S. 5). Siehe Seite 64 dieser Arbeit. 

7 (S. 6). Vergleiche : Meyer von Knonau, Die kritischen Tage des Gebirgs- 
kampfes im Coalitionskriege 1799, Neujahrsblatt der Zürcher Feuerwerksgesell- 
schaft 1887. Briefe an den Regierungsstatthalter des Kantons Waldstätten vom 
14. Januar 1799, an Massena vom gleichen Datum und vom 22. Januar, an den 



183 



Statthalter vom 20. Januar, an das Helvetische Direktorium vom 1. Februar, 
an Massena vom 2. Februar ; abgedruckt bei Bousson a. a. 0. (Pieces justiticatives) 
S. 110. 113. 115. 116. 117. 119. Ueberall die nämliche Klage : „Plusieurs soldats 
ont ete maltraites ; les habitants de ce canton fanatique nous detestent" u. s. w. 

8 (S. 6). Lusser a. a. 0. S. 178 : „Das Volk betrachtete den Krieg nicht 
mehr als einen Kampf für Freiheit und Vaterland, es war ihm fast gleichgültig, 
wer siege, denn von allen Parteien hatte es doch nur Druck zu gewärtigen, 
und das „Ihr Hunde" der Kaiserlichen war dem Ohr des urnerischen Land- 
mannes so unangenehm als das „Bougre" und „Malin" der Franzosen, weil der 
Sinn besser verstanden wurde." 

9 (S. 6). Bousson a. a. 0. S. 157. 

10 (S. 6). Smitt, Friedr., Suworows Leben und Feldzüge, AVilna 1833. 
Croix, de la, I. Geschichte des Fürsten Italiiski Grafen S.-Rimnikski (nach dem 
Russischen von N. A. Polewoi), Mitau 1851. 

11 (S. 8). Die Thatsache, daß der greise Feldherr die zur Reise notwen- 
dige Summe von zweihundertfünfzig Rubeln beim Ortsvorsteher von Kochans- 
koje entlehnen mußte, zeugt von der spartanischen Einfachheit des Siegers 
am Rimnik. 

12 (S. 9). Miliutin a. a. 0. S. 124, Th. III, und III, 342 und Nr. 211. 



Zur Einleitung. 

13 (S. 17). Feldzug von 1799, 1,41/42: „Die Operationen, welche isoliert 
keinen Erfolg mehr versprachen, mußten im engsten Zusammenhang nach ge- 
meinschaftlichem Ziel geleitet werden." Clausewitz a.a.O. I, 27 ff. bespricht 
ausführlich die Feldzugspläne beider Gegner. S. 38 sagt er: „Die Einleitungen 
mußten so getroffen werden, daß die Armee Ende Februar die hier bestimmte 
vorläufige Aufstellung erhielt." 

14 (S. 17). Abgedruckt mit dem gesamten Feldzugsplane der Republik für 
1799 im „Precis des Operations de l'arniee du Danube sous les ordres du general 
Jourdan. Extrait des memoires manuscrits de ce general. Paris, an VIII." 
Ferner bei Clausewitz I, 45 ff. 

15 (S. 18). Scherer an Jourdan, 22. Ventose (10. Februar): „La vengeance 
nationale ä exercer contre les gouvernements perfides ; Tinteret toujours crois- 
sant de la paix qui ne pourra plus s'obtenir, si nous rentrons en campagne, 
que par des triomphes decisifs; tous ces motifs enflammant l'ardeur de nos 
troupes et secondes par la sagesse et le talent de vos dispositions militaires, 
doivent vous inspirer une securite fondee. Les Autrichiens sont nombreux, mais 
sans parier de la superiorite d'audace et d'activite que nous avons sur eux, il 
faut observer qu'ils ont un terrain immense k couvrir, qu'en s'avan^ant vers 
vous, ils sont obliges de laisser beaucoup de troupes derriere eux, soit pour 
occuper la Baviere, soit pour defendre la Boheme, soit pour garder les points 
intermediaires ; et qu'etant ainsi disseminee, l'armee principale qui agira contre 
vous, ne parait pas devoir vous eti*e beaucoup superieure en force numerique." 
Jourdan 97 ff. Clausewitz I. 54. 



184 



16 (S. 20). Art. I : „II y aura, ä perpetuite, entre la republique fran^aise 
et la republique helvetique, paix, amitie et bonne intelligence." Art. II: „II y 
a, des ce moment, entre les deux republiques alliance offensive et defensive." 
Art. III bestimmt, daß die aus den Schweizer Zeughäusern geplünderten Waffen 
und Kanonen, um die helvetische Armee auf einen „etat militaire sur le pied 
le plus imposant" zu bringen, auf Kosten der Schweiz wieder aus Frankreich 
zurückgeführt werden sollten. 

Vertrag bezüglich der Hülfsbrigaden: „Art. I. Immediatement apres la 
ratification de la presente Convention, il y aura un corps de troupes helvetiques 
qui agira de concert et comme auxiliaires des troupes francaises contre Pennend 
qui sera designe par le gouvernement helvetique aux termes de l'art. II du traite 
d'alliances. Art. IL Ce corps sera forme de recrues volontaires, librement en- 
rolees en Suisse, et ne pourra exceder le nombre de 18 000 hommes ; l'engage- 
ment sera de deux ou de quatre ans, au choix de la recrue ; les depöts seront 
en Helvetie." 

Die männliche Bevölkerung der damaligen XVIII Kantone zählte 348 688 
Seelen. Die Kantone sollten folgende Stärken stellen : Bellinzona 360 Mann, 
Zürich 2370, AValdstätten 820, Basel 500, Oberland 510, Baden 580, Leman 
1750, Solothurn 460, Freiburg 940, Bern 1970, Aargau 670, Luzern 950, Schaff- 
hausen 310, Linth 1050, Lugano 780, Wallis 460, Thurgau 820, Sentis 1330, 
Graubünden 1370 Manu. 

Das helvetische Direktorium ernannte die Offiziere, einschließlich der sechs 
Brigadechefs. Frankreich zahlte den angeworbenen Unteroffizieren und Soldaten 
das Handgeld von 24 Livres und überdies den Sold, welcher nach französischen 
Vorschriften berechnet wurde. Vom französischen Staate empfingen die Mann- 
schaften die Bekleidung, von dem helvetischen die Bewaffnung. Für die Aus- 
bildung dienten ebenfalls die französischen Vorschriften von 1791 mit den ent- 
sprechenden praktischen Abänderungen (20. Dez. 1798), dagegen ward deutsch 
kommandiert. Die Truppen erhielten überdies Uniformen nach helvetischer 
Ordonnanz. Zum Generalinspektor der helvetischen Infanterie wurde der satt- 
sam bekannte Divisionsgeneral Schauenburg ernannt. 

Jedes Bataillon, deren die Auxiliar-Halbbrigaden je drei hatten, zerfiel in 
den Stab und 1 Grenadier-, sowie 8 Füsiliercompagnien ; letztere gesetzmäßig 
zu : 1 Hauptmann, 1 Lieutenant, 2 Unterlieutenants u. s. w. Thatsächlich zählten 
die Auxiliaren am 19. Mai 1799: 

I. Halbbrigade . . 98 Offiziere, 
IL „ . . 92 „ 

III. „ . . 64 „ 

IV. „ • • 87 „ 
V. „ . . 89 „ 

VI. „ . . 79 „ 

demnach zusammen nur 509 Offiziere und 3587 Mann, an Stelle von 775 Offi- 
zieren und 17 225 Mann des von Frankreich geforderten Standes. 

17 (S. 21). Meynert, Dr. Hermann, Geschichte des Kriegswesens und der 
Heeresverfassungen in Europa, Wien 1868, Bd. III, 298 : „Nach dem Frieden 
von Campo Formio blieb keine Zeit zu durchgreifenden Verbesserungen ; doch 
verbesserte man im einzelnen. Der Soldat wurde zu mehr Selbständigkeit an- 
gewiesen und im Scheibenschießen geübt. Man dachte nicht mehr daran, der 
Fechtart in offener Ordnung eine unbegrenzte Ausdehnung zu geben ; aber man 
erkannte, daß man eine verhältnismäßige Anzahl in dieser Fechtart geübter 
Truppen haben müsse und daß in gehöriger Verbindung der offenen und ge- 
schlossenen Ordnung die eigentliche Stärke des Fußvolkes liege. Auf die Aus- 
bildung der leichten Truppen wurde die größte Sorgfalt verwendet. Die Armee 
erhielt bessere Gewehre ; sie wurde leichter und beweglicher gemacht und ihr 
Geist durch zweckmäßige Anordnungen gehoben." 



935 


Mann, 


643 


» 


500 


)j 


367 


» 


617 


j) 


567 


» 



185 

18 (S. 22). Der helvetische Generaladjutant Weber wurde hei Frauenfeld 
am 25. Mai 1799 durch eine derartige "Waffe getötet. 

19 (S. 22). Lecourbe schreibt aus Nauders am 7. Germinal (27. März) an 
Massena : „Je ne demande pour moi qu'une bonne carte du Tyrol ; le gouverne- 
nient devrait bien m'envoyer une." Der Direktor Merlin antwortete ihm darauf 
am 26. Germinal (15. April): „J'ecris au ministre de la guerre pour Tinviter 
ä vous faire parvenir les cartes geographiques dont vous avez besoin." Bousson 
198 und 212, Nr. 30 und 45. 

Nach dem Memorial topographique et militaire, redige au depöt general 
de la guerre, imprime par ordre du ministre, Nr. 3 Topographie, 1. Frimaire 
de l'an XI (1803), bestanden folgende für den Feldzug der Division Lecourbe 
in Betracht fallende Kartenwerke : 

Robert de Vaugondi, Carte de la Suisse, oü sont les treize cantons, leurs 
allies et leurs sujets, dressee sur les meilleurs auteurs et d'apres les obser- 
vations faites par Grasset; une feuille. 

Carte nouvelle de la Suisse, avec les routes des voyages faits en 1776, 1779, 
1785, 1786: une feuille. Es ist dies die im vorigen Jahrhundert viel 
benützte Reisekarte des bekannten Engländers William Coxe. 

Mallet, 1779, Carte de la Suisse: deux feuilles. „La carte ne manque ni 
de clarte ni de precision." 

Nouvelle carte hydrographique et routiere de la Suisse. Ein Uebersichtsblatt 
und die später erscheinenden 16 Einzelblätter. Es ist dies das von dem 
Geniecapitaine Weiß aus dem Elsasse im Auftrage des Aarauer Kauf- 
mannes J. R. Meyer im Maßstabe von „ 3 /* Linien auf 100 Toisen' - er- 
stellte Werk. Die Karte erschien gut gezeichnet, aber in geometrischer 
Hinsicht mit unvollständigen, wiewohl sicheren Grundlagen ausgestattet. 
Jedenfalls bezeichnet diese Karte einen Markstein in der Entwicklung 
der schweizerischen Kartographie. Die weniger wichtigen Wegverbind- 
ungen sind auf der Karte nicht eingezeichnet. 

Für das Tirol kommt in Frage der von Anich und Huber bis 1774 unter 
der Leitung von Weinhard gefertigte „Atlas tyroliensis", auch wegen 
seiner beiden dem Bauernstande entsprossenen Schöpfer kurzweg „Bauern- 
Karte" (!) genannt. „Cette carte est un des plus beaux ouvrages topo- 
graphiques de ce siecle." „La guerre de la revolution ayant appris ä la 
maison d'Autriche les dangers auxquels eile s'exposait, eile retira les 
cuivres.' 1 Die Karte enthielt nämlich auch die Einzelheiten der ver- 
schiedenen landwirtschaftlichen Betriebe, der Landesverwaltung u. s. w. 
„La carte devenue tres rare, se vendait jusqu*ä 800 francs. Le depöt 
de la guerre l'a fait graver sous un format en six feuilles, et l*a niise 
en commerce." 
Außer der genauen und viel benützten Reisebeschreibung des W. Coxe 
stand auch bereits die erste Auflage des Werkes von Ebel zur Verfügung. Da 
es vorerst in deutscher Sprache vorlag, so bleibt es fraglich, ob es benützt ward. 

20 (S. 22). Johann, Erzherzog, Geschichte des k. k. Linien-Infanterie-Regi- 
ments Erzherzog Wilhelm Nr. 12, Wien 1877, S. 393 ff. — „Als ich zum Regimente 
Stain (Nr. 50) eintrat, hatte sich zwar vieles von dem alten Wesen längst ver- 
loren, seit Kasernen, Monturkommissionen und Yerpflegsmagazine eine neue 
Ordnung der Dinge hervorgerufen hatten; aber nach dem Friedensschluß von 
Teschen (13. Mai 1779) war bei der Armee das mechanische Puppenspiel und 
die so verschriene und verschrobene Kamaschenparade mehr als jemals in 
Schwung gekommen, daher denn niemand auf den Namen eines braven Soldaten 
Anspruch machen konnte, der nicht wenigstens 20 Stunden des Tags mit Rechts 
und Links, mit Stock und Zopf, mit Kleie und Trippel und Ziegelmehl wacker 
umging. Bei dem Regimente, dem ich nun angehörte, blieb man von dem 



186 



allgemeinen Vorurteile, daß das Heil der Truppe einzig und allein vom ewigen 
Schulmeistern abhänge, um kein Haar zurück. Putzen, Visitieren und Exerzieren 
vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein, Füllung von Exerzier- 
patronen mit Kleie oder Sand, Bürsten, Zopfmachen, Klopfen, Anstreichen und 
Wichsen war das immerwährende Schlagwort der geheiligten Tagesordnung für 
alles, was nicht auf Wache war. Alle Sonn- und Feiertage große Kirchen- 
parade mit Sack und Pack, der — vom ersten Hahnenkrähen an — zehnfache 
Visitierung mit geschlossenen und geöffneten Gliedern, Hebung der Handgriffe, 
Zopfmessen und Mustern vom Gefreiten, vom Korporal, vom Feldwebel und vom 
Offizier voranging. Nachdem alles dies glücklich überstanden war, rückten die 
Compagnien zusammen, und nach Beendigung der allgemeinen Visitierung wurde 
zur Messe abmarschiert. Nach dem Gottesdienste war Vorführung, und wenige 
Minuten nach dem Einrücken, als kaum das Mahl verschlungen war, schlug 
der Tambour schon wieder „Wach heraus!" Um den Mann aber auch in die 
nötige Geduld zu diesen Schulfuchsereien einzuexerzieren, durfte er niemals 
ohne Ordonnanz aus der Kaserne gehen, wenn er nicht wenigstens vier oder 
fünf Jahre diesen Jammer straffrei durchgemacht hatte, was jedoch schlechter- 
dings unmöglich war, weil der geringste Fehler beim Exerzieren, am Zopfe oder 
in der Adjustierung mit dem Haselstocke oder, wenn es gnädig abging, mit 
24 Stunden Kurzschließen bestraft wurde. Auf Märschen ging es bald nach 
Mitternacht mit der Kirche ums Kreuz herum, das heißt: man zog links und 
rechts, nach Höfen und Weilern in die Station des Zugskorporalen, des Haupt- 
manns, des Majors, wo überall verlesen wurde, visitiert, Handgriff exerziert und 
dann erst in die Regimentsstation abgerückt ward, um den Marsch anzutreten. 
Nach dem Einrücken in die neue Stabsstation ging's wieder in der nämlichen 
Bunde in die Zugsstation, wo die Quartierzettel ausgegeben, die neuen Leute 
aber, d. h. jene, die noch keine vier oder fünf Jahre dienten, zu 30 bis 50 
Köpfen in Scheunen und Stallungen eingesperrt und von ihren älteren Kameraden 
mit geladenen Gewehren umstellt und bewacht wurden." Aus: Das Schicksal 
oder dreißig Jahre im Garnisonsdienst u. s. w., Graz 1843, S. 21 ff. 

21 (S. 23). Hierüber zu vergleichen die — weil gleich nach dem deutschen 
Kriege von 1866 verfaßten — freilich nicht ganz unparteiisch gehaltenen Bei- 
träge zur Beurteilung des innern Zustandes der französischen und österreich- 
ischen Armee um das Jahr 1800. Beiheft VI, 1867 zum Militärwochenblatt, 
Berlin 1867, S. 231 ff. 

22 (S. 24). Die Kegimentsartillerie bestand aus Zwölf- und Achtpfündern, 
sog. Einhörnern, und Sechs- und Dreipfünder-Kanonen. Miliutin I, 61. 

23 (S. 26). Ausführliches über die von Suworoff empfohlene Taktik bei 
Miliutin I, 220 ff. und 556. 558 ff. Das berühmte Wort „Die Kugel ist eine 
Thörin, das Bajonett ein ganzer Mann" fiel während einer Vorstellung der 
Generale in Verona am 14. April 1799. 

24 (S. 26). Der Generalquartiermeister Chasteler wollte diese Zeit benützen 
und machte dem Feldmarschall den Vorschlag, eine Rekognoszierung vornehmen 
zu lassen. Solche Vorschläge waren aber durchaus nicht nach dem Geschmacke 
des russischen Heerführers. „Was? Rekognoszierungen?" antwortete er Chasteler 
unwillig. „Ich mag sie nicht; nur die Furchtsamen rekognoszieren, um den 
Gegner zu warnen; wer Lust hat, weiß auch ohne sie den Feind immer auf- 
zufinden; Kolonnen, Bajonett, blanke Waffe, Angriff, Einhauen — das sind 
meine Rekognoszierungen." 

Ueber die Gegensätze im Heere der Verbündeten berichtet auch Soult S. 336. 
Schreiben an Massena aus St. Gallen, 26. Vendemiaire (18. Oktober) : „La plus 
complete desunion existe entre les Russes et les Autrichiens : un officier que 
j'avais envoye en parlamentaire a ete ä meme de s'en assurer. Des officiers 



187 



autrichiens lui ont dit qu'ils avaient souri de bon coeur ä la defaite des Russes. 
«Ceux-ci se flattaient», ajoutaient ces officiers, «desubjuger la France en une 
annee. Nous sommes charmes que vous les ayez forces ä devenir plus modestes. » 
Des officiers allemands ont dit aux Russes avec aigreur : « Vous pretendiez, 
messieurs, que nous nous etions amuses ä jouer la comedie avec les Frangais ; 
mais vous autres qui n'aimez pas ä plaisanter, vous avez represente une tragedie 
en trois actes. »" 

25 (S. 26). Der Marquis Chasteler wurde am 22. Januar 1763 zu Melbai 
bei Mons im Hainault geboren. Seit 1776 stand er im Dienste des Kaisers und 
bis 1780 besuchte er die Wiener Ingenieurschule. Als Lieutenant im Geniecorps 
und Bauleiter der Werke von Josephstadt und Theresienstadt in Böhmen nahm 
er später auch im Stabe des Prinzen Koburg am Kriege gegen die Türken 
(1788 — 1790) teil. Bei Chotin wurde er verwundet; bei Fokschan bewies er große 
Kaltblütigkeit und erhielt in der Folge den Maria-Theresien-Orden. Zum Major 
befördert, diente er im Stabe des Feldmarschalls Laudon und ward bereits 1793 
Oberstlieutenant, 1795 Oberst. Das folgende Jahr leitete er die Aufnahme von 
Galizien. Von 1706 an Generalmajor, diente er als Diplomat in Warschau und 
St. Petersburg. Dann wieder erkundete er als Topograph in Venetien 1798 
Oberitalien und Tirol. Zum General-Quartiermeister der Armee in Italien er- 
nannt, trat Chasteler in enge Beziehungen zu Suworoff, der ihn wiederholt aus- 
zeichnete. Natürlich brachte ihn das in Ungnade bei Thugut. Bei Feldzeug- 
meister Kray mußte sich Chasteler 1800 mit der Stelle eines zweiten Chefs des 
Generalstabes begnügen. Immerhin erfolgte doch bereits im Jahre 1801 seine 
Beförderung zum Feldmarschall-Lieutenant. Chasteler übernahm nun den Befehl 
im Tirol, woselbst er auch 1805 und 1809 mit Hormayr thätig war. Nach 
dem Rücktritte des Feldzeugmeisters Klenau, im Jahre 1813, befehligte Chasteler 
dessen Corps. Von 1815 an Gouverneur von Venedig, erweiterte er die dortigen 
Befestigungen und starb daselbst am 10. Mai 1825. 

26 (S. 26). Davon das Corps des Felclmarschall-Lieutenants Hotze in Bregenz : 

24 Bataillone (23 793 Mann) und 8 Schwadronen (1448 Mann), also zusammen 

25 241 Mann. Oesterr. Milit. Zeitschrift 1836, I. 

27 (S. 27). Nach der Oesterr. Milit. Zeitschrift 1836, 1 waren es 48 Bataillone 
(52436 Mann) und 14 Schwadronen (2664 Mann), also zusammen 54900 Mann. 

28 (S. 27). „Die tirolische Landesverteidigung der Jahre 1796 und 1797 
hatte bereits die Keime der Verteidigung für den Feldzug 1799 in sich getragen, 
denn von den in den beiden erstgenannten Jahren an die tirolische Aufgebots- 
mannschaft verteilten Feuergewehren waren, wie in der Vorahnung bald sich 
erneuernder Kämpfe, nur 864 Stück an das Innsbrucker Zeughaus zurückgestellt, 
die übrigen aber den Landleuten in den Händen gelassen worden. Seit dem 
Herbste 1798 erfolgten weitere Vorkehrungen. Die Mannschaft der vier Zuzüge 
sollte in organisierte Compagnien, in der Regel zu 130, jedenfalls nie aber unter 
100, noch über 160 Mann stark sein. Jede Compagnie mußte sechs Wochen 
lang auf ihrem Feld- und Verteidigungsposten ausharren. (Patent vom 22. März 
1799.) Einige Schützencompagnien in Tirol erboten sich, über die Grenze mit- 
ziehen zu wollen, und ihnen schlössen sich jetzt noch viele andere an." 
Dr. H. Meynert III, 299. 

Zu diesem Abschnitte benützte Karten : Uebersichtskarte der Schweiz mit 
ihren Grenzgebieten, 1 : 1 000 000. 



188 



I. Die ersten Kämpfe in Graubünden. 

29 (S. 28). Dr. PI. Genelin gibt in seiner Abhandlung : Die Kämpfe gegen 
die Franzosen in Graubünden im Jahre 1799, im Vorwort S. 1 — 3 eine Beurteilung 
der betreffenden Quellen für die Darstellung der Ereignisse im Oberlande. 

30 (S. 28). „An Sonn- und Feiertagen sollen regelmäßige Waffenübungen 
abgehalten werden. Bei Ehre und Eid haben alle Männer vom 16. bis zum 
60. Jahre auf den Sammelplätzen zu erscheinen, sobald die große Glocke der 
Gemeinde, die von nun an nur zu diesem Zwecke geläutet werden soll, sie zum 
Kampfe ruft. Die Mannschaft einer jeden Gemeinde wird in drei Abteilungen 
geteilt werden, deren zwei erste, aus Männern bestehend, welche bereits gedient 
haben oder einigermaßen eingeübt sind, an die gefährdeten Punkte rücken, 
während die dritte Abteilung für die Aufrechterhaltung der Ordnung und 
Sicherheit in der Gemeinde sorgt." Selbst die Aeltesten und die Frauen sollten 
im Notfalle zum Dienste herangezogen werden. 

31 (S. 28). Im Hochgerichte Dissentis hatte sich bereits im Sommer 1798 
ein freiwilliges Jägercorps gebildet, das von Bannerherr Balotta und Hauptmann 
Conrad Castelberg eingeübt, vom Kriegsrat aber besoldet ward. 

32 (S. 29). Francois Loison entstammte dem französischen Beamtenadel und 
wurde 1771 zu Damvilliers (Meuse) geboren. Als Sohn eines Parlamentsrates 
von Metz erhielt er eine gute Erziehung, ließ sich aber aus Neigung anwerben ; 
1787 trat er in ein Kolonialregiment. Durch die Revolution nach Frankreich 
zurückgeführt, wurde er zum Unterlieutenant des Freiwilligenbataillons gewählt, 
aus dem nachmals das 29. Linienregiment entstand. Das Jahr darauf erscheint 
er als Capitaine der Husaren der Legion du Nord, 1793 als Generaladjutant. 
Durch seine Maßnahmen an der Luxemburger Grenze ward er den Machthabern 
verdächtig und darum abgesetzt. Erst 1795 bei den Vendemiaire-Ereignissen 
trat er unter Bonaparte wieder in den Dienst und erhielt für seinen Eifer den 
Grad eines Brigadegenerals ; 1796 erschien er dagegen zu spät bei der italieni- 
schen Armee und wurde deswegen auf Halbsold gesetzt. Erst 1799 erscheint 
er wieder mit einem Befehl betraut, Ende des Jahres ward er zum Divisionär 
befördert und nahm als solcher am Winterfeldzuge unter Brune 1800/1801 teil. 
Auch bei Austerlitz (2. Dezember 1805) kämpfte er mit Auszeichnung, und in 
Portugal stand er 1807 an der Spitze der 2. Division. Durch seine Härten zog 
er sich den tödlichen Haß der Bevölkerung zu. „Le general «Maneta» (il avait 
perdu un bras dans un accident de chasse) jouissait de la plus belle impopu- 
larite. II aurait ete mis en petits morceaux, voluptueusement, s'il etait tombe 
au pouvoir des Portugals. Longtemps apres notre depart, il resta dans le 
peuple comme une sorte de croquemitaine dont on effrayait les petits Portugals. 
« Si tu n'est pas sage», disaient les meres, «gare au general Maneta!»" — 
(Vergl. Guillon, Dr. es letties, Les complots militaires sous le consulat et 
Tempire, Paris 1894, p. 83.) 

In Portugal scheint er übrigens der Auftraggeber des Capitaine Argenton 
gewesen zu sein, der mit Wellington über die Kapitulation der französischen 
Armee und den Sturz von Napoleon einigemale unterhandelt hatte. Trotzdem 
ward er dem Kaiser so wenig verdächtig, daß dieser Loison 1807 in den Grafen- 
stand erhob und 1812 mit nach Rußland nahm. Freilich mußte er dort bald 
den Befehl niederlegen. 

Während der hundert Tage diente er noch einmal dem Kaiser, um schon 
1820 in völliger Vergessenheit zu sterben. 

33 (S. 29). Diese kosteten den Kreis unverhältnismäßig bedeutende Summen, 
nämlich in drei Monaten über 6000 Gulden. „Der Landsturm von Lugnez, der 



189 

in Trons stationiert war, hatte so viel -Wein konsumiert, daß die später zur 
Berechnung der Unkosten eingesetzte Kommission den getrunkenen Wein nicht 
ohne die Häupter des Bundes zu befragen in die Rechnung aufnehmen zu 
dürfen glaubte." Genelin S. 14. 

34 (S. 29). Graf Heinrich Bellegarde, geboren den 28. August 1756 zu 
Dresden, entstammte einer alten Familie von Savoyen. P'rüh Offizier geworden, 
zeichnete er sich von 1793 bis 1795 in den Niederlanden aus, bei Valenciennes, 
Maubeuge und Landrecy. Bereits im Jahre 1796 außer der Reihe zum Feld- 
marschall-Lieutenant befördert, trat er auch als beratendes Mitglied in den 
Hof-Kriegsrat. Mit Bonaparte vereinbarte er 1797 zu Leoben die Friedens- 
bedingungen, zwei Jahre später führte er die Unterhandlungen mit Suworoff 
und Lord Minto wegen der Verpflegung der russischen Truppen in Italien. 
Moreau schlug ihn 1799 bei Marengo, nachdem Bellegarde den Oberbefehl im 
Tirol niedergelegt hatte. In der Grafschaft war Bellegarde ob seines herrischen 
und doch wenig thatkräftigen Wesens bitter gehaßt ; man bezeichnete ihn sogar 
öffentlich als einen Verräter. Später kurze Zeit bei den diplomatischen Ver- 
handlungen in Berlin thätig, erschien er 1800 in Italien als Oberfeldherr. Hier 
bewies er, der treueste Sklave Thuguts, die vollkommenste Unfähigkeit. Suworoff 
drückte sich öfters in scharfer Form über Bellegarde aus. So nannte er ihn 
bezeichnend „den klugen Bellegarde, der unter anderem auch daran gewöhnt 
ist, Leute zu verlieren." (Schreiben an Rasumowski vom 27. Juni 1799.) Mit 
dem Friedensschluß trat Bellegarde wieder in den Hof-Kriegsrat zurück, dessen 
Präsident er 1805 wurde. Im nämlichen Jahre befehligte er bei Caldiero den 
rechten Flügel der kaiserlichen Armee. Seit 1806 Feldzeugmeister und Gou- 
verneur von Galizien, kämpfte er 1809 an der Spitze des I. Corps bei Wagram. 
Den Feldzug von 1813/14/15 gegen Eugen und Murat machte er ebenfalls mit. 
1820 an Stelle Schwarzenbergs wiederum zum Präsidenten des Hof-Kriegsrates 
ernannt und zum Konferenzminister erhoben, blieb er in dieser Stellung bis 
1825, wo er in den Ruhestand trat. Er starb am 22. Juli 1845 zu Wien. 

_ 35 (S. 30). Der letzte Befehl, den Loison vor dem Aufbruche von Lecourbe 
erhielt, datiert vom 15. Ventose (5. März) aus Bellinzona. Als Rückzugslinie 
wurde ihm darin das Blegnothal bezeichnet. Bousson 173, Nr. 12. 

36 (S. 30). Seit 1795 führte eine kleine Fahrstraße über diesen Paß von 
Dissentis bis Olivone. Auch die Oberalp war schon damals für leichte Wagen 
zu benützen. Ebel II, 245. 

37 (S. 30). Das Feldtagebuch meldet unter dem 14. Ventose (4. März) : „La 
colonne aux ordres du general Loison, composee du I er bataillon de la 76 e , 
des grenadiers et deux compagnies d'eclaireurs de la 36 e cantonnees le meme 
jour (14.) ä Airolo et Urseren oü ils avaient ordre de rester." Die Stärke der 
Kolonne Loison schwankt in den verschiedenen Berichten ; v. Seida und Landen- 
berg (S. 44), der das Bataillon ausdrücklich bezeichnet, sprechen von 600 Mann. 
Massena III, 107 gibt 800 an. Genelin 19, Anm., berechnet nach einiger Kritik 
1500 Kampffähige. 

Lecourbe selbst schreibt am 13. Ventose (3. März) aus Bellinzona: „Comme 
il parait par son contenu, que vous gardez les compagnies d'eclaireurs et les 
trois compagnies de grenadiers de la 36 e , je vous prie de relire vos Instructions. 
Vous verrez que vous ne devez garder que deux compagnies de grenadiers de 
cette demi-brigade. La route que vous avez ä tenir ne necessite pas un grand 
deploiement de forces. Le bataillon et les deux compagnies de grenadiers vous 
fönt ä peu pres 1200 hommes. Les points que je dois attaquer demandent 
beaucoup plus de forces, etant occupes et retranches avec art. Je vous engage 
donc ä me renvoyer les eclaireurs et une compagnie de grenadiers, sans perdre de 
temps, et de maniere ä les faire arriver ä Bellinzona le 15 au soir." Bousson 170, 7. 



190 



Nach der oben angeführten Stelle, des Feldtagebuches folgte Loison aber 
keineswegs diesem Befehle. Vielmehr entsendete er die zwei Eclaireur- und 
eine Grenadiercompagnie durch das Val Piora und das Medelserthal, so daß 
ihm etwa 1200 Mann zu eigener Verfügung blieben. 

In einem Schreiben aus Nufenen (Novena) vom 18. Ventöse (8. März) von 
Lecourbe an Massena heißt es sonderbarerweise : „Je suis arrive hier, mon 
general, dans le Val-de-Eheno par un temps affreux, avec les dix mille hommes 
que vous m'avez confies. Je n'ai pas encore de nouvelles du general Loison 
qui avec trois mille hommes a passe par Dissentis." Bousson 175, 14. Es liegt 
auf der Hand, daß hier Uebertreibungen vorliegen. Vielleicht sollte diese Meldung 
dem Gegner in die Hände gespielt und er dadurch getäuscht werden. 

Es ist ein Irrtum Genelins, wenn er angibt, die Seitenkolonne habe den 
Lukmanier überschritten. Hiergegen sprechen alle Angaben. Es wäre doch 
wohl auch ein gar zu großer Umweg von Airolo über Biasca und Olivone nach 
Sta. Maria gewesen. Daß aber Lecourbe keine der im Blegno stehenden Truppen 
abgeben konnte und wollte, geht aus dem oben mitgeteilten Schreiben deut- 
lich hervor. 

38 (S. 31). In der Nacht, welche Regen und Schnee brachte, haben wohl 
die meisten geschlafen. 

39 (S. 31). „Nur ein Weib, das bei der Leiche eines Angehörigen wachte, 
war nicht zur Flucht zu bewegen. Die Franzosen ehrten ihre Pietät und ihren 
Mut, thaten ihr kein Leides und ließen ihre Wohnung unangetastet." Genelin S. 18. 

40 (S. 31). Karten: Topogr. Atlas der Schweiz Bl. 497. 411. 412. Topogr. 
Karte Bl. XV. 

41 (S. 31). „Nachdem sie die Wohnung des Pfarrers geplündert, schleppten 
sie den Kaplan Jakob Anton Condrau und den Bruder des Ortspfarrers Venzin 
bis zum nahegelegenen Gute Miras. Dort stachen sie ihnen die Augen aus, 
schnitten ihnen Nasen und Ohren ab und schössen dann beide nieder." Genelin 
nach zeitgenössischen Berichten S. 20. 

42 (S. 31). „Selbst Frauen bewaffneten sich mit Morgensternen und traten 
in die Reihe der Kämpfer. Darunter thaten sich am folgenden Tage namentlich 
zwei Tavetscherinnen, Scolastica Riedi und Katharina Beer, durch ihren Helden- 
mut hervor." Genelin S. 21. 

43 (S. 32). Nach Conradin von Moor, Geschichte von Currätien S. 1298, 
liefen die Kaiserlichen rheinabwärts bis S. Placidus und nahmen erst hier wahr, 
daß ihnen niemand auf den Fersen sei. Der Vorwurf dieser kopflosen Flucht 
trifft doch wohl nur einzelne Leute. 

44 (S. 33). Massena III, 107 erklärt diesen plötzlichen Schrecken wie folgt: 
„Malheureusement une panique, occasionnee par le bruit de sa mort et de l'echec 
de sa colonne, s'empara de son arriere-garde et de ses flanqueurs de droite; 
l'ennemi debouchant alors sur tous les points, l'attaqua avec impetuosite et le 
chassa du bourg avec grandes pertes. Cependant une petite piece de canon, 
place dans la gorge oü s'avancait le gros de l'ennemi, protegea efficacement 
sa retraite." Die Kanone stand demnach südöstlich des Weilers Funsi. 

45 (S. 33). Nach der Berechnung von Moor und Genelin. Einzelne Zeit- 
genossen sprechen von 800 Toten. Das ist eine sicher übertriebene Schätzung. 
Nach Massena III, 108 blieben Loison noch 500 Kampffähige. 

46 (S. 33). „Als die Franzosen Loisons durch Tavetsch zogen, lag die Leiche 
des ermordeten Priesters noch auf der Straße. « Das sind die Heldenthaten der 



191 

großen Nation», rief der General aus, «gestern wurden arme wehrlose Männer 
erschlagen und heute müssen wir, geschlagen und besiegt, mit Schmach und 
Schande uns zurückziehen.*" Genelin S. 25. 

47 (S. 34). Moor S. 1298. Das Feldtagebuch der Division berichtet unter 
dem 16. Ventöse (B.März): „La brigade de gauche, commandee par le general 
Loison, marcha en deux colonnes, la premiere d'Airolo ä St-Marie (demnach 
nicht über den Lukmanier, sondern durch das Val Piora über den Piano 
dei Porci) et la seconde d*Urseren ä Dissentis; apres plusieurs combats les 
plus opiniätres et des succes marquants, la premiere colonne fut obligee de se 
retirer, ne pouvant faire tete ä la masse d'ennemis quelle avait k combattre. 
Le general Loison prit le sage parti de la reunir k la seconde colonne sur 
Dissentis, oü le corps de troupe ä l'aide du mouvement du general Demont 
venant de Reichenau repoussa l'ennemi et tint position k Dissentis sous le 
nom de corps detache." 

Lecourbe selbst hat hier hinzugesetzt : „Le general Loison fut force de se 
retirer ä Urseren jusqira l'arrivee des renforts envoyes par Reichenau. L'in- 
surrection des paysans en fut le motif et nous tit perdre une cinquantaine 
d'hommes." 

Ein Zeitungsblatt jener Tage gab über die Niederlage, welche Loison er- 
litten, folgendes zum besten: „Am 7. früh morgens rückten die Franken gegen 
Dissentis vor. Hier waren zwei Compagnien des österreichischen Regimentes 
Brechainville, welche zusammen ungefähr 400 Mann betrugen, postiert, welche 
zu ihrer Verteidigung zwei Kanonen aufgepflanzt hatten. Ungeachtet die frän- 
kische Kolonne, welche aus dem Polenzerthal über den St. Mariaberg herkommen 
und den Angriff unterstützen sollte, ausgeblieben war, wurde der Angriff doch 
unternommen, und sogar war man im Begriff, mit gefälltem Bajonett einzu- 
dringen und die Kanonen mit Sturm zu nehmen, als einige tausend Bündner 
Bauern den Franken in den Rücken und in die Flanken fielen und sie beinahe 
umringten, ein Umstand, der um so bedenklicher wurde, da den Franken durch 
die ungestüme Witterung die meisten Patronen naß und unbrauchbar geworden 
waren. Es blieb ihnen kein anderes Mittel als schleunige Flucht auf die Grenzen 
von Urseren zurück, allein ein Schwärm Bauern hatte ihnen den Weg abgelaufen 
und war vor ihnen an den Oberalpsee gekommen; mehrere Franken wurden 
daher daselbst abgeschnitten, nach Bünden zurückgetrieben oder erschlagen, 
so daß sie auf diese Art beinahe die Hälfte ihrer Leute verloren." 

Massena a.a.O. 111,107: „On croyait les Autrichiens faibles dans cette 
partie des Grisons, mais la levee en masse des habitants de la vallee les avait 
renforces de plusieurs milliers d'hommes determines." Vergl. auch das Schreiben 
von Lecourbe an Loison vom 3. März. Die Schlappe wurde jedenfalls für sehr 
bedenklich angesehen: denn das helvetische Direktorium bot Loison die zur 
Bedeckung der gesetzgebenden Gewalten gehörende Legion als Verstärkung an. 

48 (S. 34). Eine Abordnung, zu der J. A. v. Castelberg, Ludwig Caprez und 
Pater P. a Spescha gehörten, traf Demont in Banz. Der General wollte zunächst 
keinerlei Bedingungen gewähren. „Da sprach Spescha, der dem General an- 
empfohlen war, und es gelang ihm, Demont. dessen Großmutter ja eine Dissen- 
tiserin, dessen Bildungsstätte Dissentis gewesen war, zur Annahme der Kapitu- 
lation zu bewegen." Demont stammte in der That aus dem Lugnez; er bewies 
auch sonst viel Menschlichkeit. 

i3 (S. 34). Clausewitz I, 74 75 bemerkt hiezu : „Man sah dies als eine Art 
von strategischem Alignement an, eine Vorstellungsart, die bei den Franzosen 
damals sehr Mode war. Drang nämlich Massena bis an den Rhein oberhalb 
des Bodensees vor, so lief die französische Aufstellungslinie entweder durch das 
Thal Montafun (falls man Feldkirch bekam) oder durch das Prättigau nach 
dem untern Engadra auf Nauders und von da ins Etschthal und den Vintschgau. 



192 

In dieser Aufstellung glaubten die Franzosen sich halten zu können oder sie 
als eine Station zu weitern Fortschritten betrachten zu dürfen. Durch diese 
Verschiebung des rechten Flügels von der Schweizerarraee bedrohten sie, wie 
sie meinten, die rechte Flanke der italienisch-österreichischen Armee durch 
das Etschthal und hoben die nächste Verbindung derselben mit der deutschen 
Armee, nämlich durch das Vintschgau, auf, indem sie solche auf die über den 
Brenner gehende beschränkten. Gelang es ihnen aber gar bis Botzen vorzu- 
dringen, so ging auch die Verbindung über den Brenner für die Oesterreicher 
verloren. Dabei war es den französischen Strategen der damaligen Zeit eine 
besonders angenehme Vorstellung, daß sie in den Besitz der höchsten Punkte 
kamen und nun vom Wormser Joch aus unaufhörlich von oben nach unten zu 
wirken hatten." 

50 (S. 34). Lecourbe an Massena, 9. Ventöse (27. Februar) aus Altdorf, bei 
Bousson 167, 6 : „Quoique vous m'ayez assure, ainsi que l'ordonnateur, que les 
approvisionnements en tout genre etaient assures dans cette partie, je vous 
dirai qu'ä peine il y existe 200 k 300 quintaux de farine, etc. . . . Tant que vous 
n'aurez pas le pouvoir de faire pendre quelques-uns de ces vampires, qui, pour 
s'enrichir, speculent sur la subsistance des armees, nous serons toujours dans 
la misere." Leider war Massena selbst der ärgste dieser den Galgen verdienenden 
Blutsauger. 

51 (S. 34). Dessoles, Jean-Josephe-Paul- Augustin, Marquis, geboren am 
3. Oktober 1767 zu Auch. Von 1792 an Hauptmann einer Freiwilligencompagnie 
in den AVestpyrenäen, 1795 Generaladjutant in Italien und dort sehr beliebt 
bei Bonaparte. Nach dem Zerwürfnisse mit Lecourbe diente er als Chef des 
Generalstabes in Italien. Moreau verwendete ihn 1800 in gleicher Eigenschaft 
in Deutschland. Als Vertrauter des Siegers von Hohenlinden mußte Dessoles 
zeitweilig aus dem Heere ausscheiden. Aber bereits 1804 erhielt er das Kreuz 
eines Großoffiziers der Ehrenlegion und 1805 die wichtige Stellung eines Kom- 
mandanten von Versailles. Von 1808 an Divisionär in Spanien, trat er 1812 
an die Spitze von Eugens Stabe, um schon in der Mitte des Augusts nach 
Frankreich zurückzukehren. Zur Kestauration übergetreten, ward er von dieser 
in jeder Weise geehrt. Kriegsminister im Kabinet Decazes, Pair, General- 
lieutenant und Kommandant der Nationalgarden, diente er nun ebenso treu den 
Bourbonen wie früher der Republik und dem Kaiser. Er starb zu Paris am 
3. November 1828. 

Koch, Massena 111,118/119 schreibt über ihn: „Dessoles, esprit fin et 
cultive, offrait des traits caracteristiques d'une originalite rare et charmante. 
D'une Instruction soignee, il s'etait nourri de la fleur des auteurs anciens. 
Familier avec leurs chef-d'ceuvres, il connaissait Columelle aussi bien que Cesar. 
Doue d'une Observation penetrante, il etudiait avec un soin particulier les 
Instructions de ses chefs, s'identifiait en quelque sorte avec elles et s*efforcait 
completement pour n'etre que leur interprete consciencieux et intelligent. Ses 
ordres etaient clairs et precis, detailles et donnes avec une elegance de forme 
qui en doublait le prix. Ses rapports sont cites comme modeles du genre. D'un 
calme qui ne se dementait jamais, il suivait les Operations et les diverses phases 
d'une bataille en artiste, ne concourant ä l'action directement de sa personne, 
que dans les moments decisifs. Ahne du soldat, il imposait aux chefs par sa 
superiorite intellectuelle et la haute portee de son esprit." 

52 (S. 35). Bousson 168,7 und 172,10. Karten: Generalkarte der Schweiz 
Bl. II und IV. Topogr. Karte der Schweiz Bl. XIX. XX. XV. Topogr. Atlas 
der Schweiz Bl. 421. 424. 425. 429 und 429 bis . 

53 (S. 35). Bousson 169, 8. Die Forcola, ein Paß von 2217 m Höhe zwischen 
Pizzo Forcola und Pizzo di Padion. verbindet Soazza und Chiavenna. 



193 



54 (S. 85). An Massena, 15.Vent. (5. März) aus Bellinzona. Bousson 172, 11. 

55 (S. 36). Bousson 174, 13. 

56 (S. 37). Das Feldtagebuch schreibt : „au milieu de la colonne sans pou- 
voir les secourir." 

57 (S. 37). Die Straße über den Paß wurde erst 1818 erbaut. 

58 (S. 37). Im März 1890 ging die Guidenkompagnie Nr. 8 über den San 
Bernardino. Der Bericht dieses Marsches in Nr. 16 der „Allgemeinen Schweizer 
Militärzeitung" Jahrgang 1890. 

59 (S. 37). Bousson 175, 15. 

60 (S. 39). Memoires et lettres de Henri, Duc de Rohan, sur la guerre de 
la Valtelline. Edition Zurlauben, Paris 1763, I, 159. „ . . . C'est bien alors que 
l'on reconnut veritable que les montagnes sont comme plaines et qu'elles n'ont 
pas seulement les chemins accoutumes et frequentes, mais plusieurs autres, 
lesquels, bien qu'ils ne soient pas connus aux etrangers, le sont aux gens du 
pays, par le moyen desquels on sera toujours mene au lieu qu'on desire, en 
depit de ceux qui voudront s'y opposer, de sorte qu'un sage capitaine ne se 
hätera jamais h garder des passages, mais bien se resoudra-t-il plutöt ä attendre 
l'ennemi en campagne pour combattre, ce qui peut sembler etrange ä qui n'en 
a pas vu le succes par experience. Ainsi en la presente occasion — drohender 
Angriff gegen das Veltlin und Graubünden durch die Kaiserlichen — on croyait 
etre assure des montagnes, comme autant de forteresses ; il se trouva qu'on etait 
ouvert de tous cötes, et qu'ä mesure qu'on bouchait un trou, on en decouvrait 
dix, de sorte qu'il n'eüt fallu une bonne armee, mais plusieurs pour garder 
le pays." 

61 (S. 40). Von Tiefenkasten nach Ponte (40 km) hatten sie 10 Stunden, 
von Tiefenkasten nach Bivio a Stalla (25 km) 6 Stunden, von Stalla nach Silva- 
plana (18 km) 8 Stunden, von Stalla nach Casaccia (14 km) 7 Stunden gebraucht. 
Die Truppen hatten demnach 10 — 15 stündige Märsche geleistet und zwar bei 
ungünstigen Witterungsverhältnissen (Schnee) wie auf schlechten Wegen. Immer- 
hin wurde damals der Septimer-Paß weit häufiger begangen als heute. 

62 (S. 40). Lecourbe an Massena am 23. Ventöse (13. März) aus Zutz. 
Bousson 178, 17. 

63 (S. 40). Sonderbarerweise schreibt der Erzherzog Karl (I, 71) : „Lecourbe 
. . . ließ ein Detachement durch das Davoserthal abgehen, um den österreich- 
ischen Posten von Scaletta in Rücken und Flanke anzugreifen." Dieser Irrtum 
ist von allen übrigen Schriftstellern ohne weiteres aufgenommen worden. Man 
blicke jedoch einmal auf die Karte und vergegenwärtige sich, daß Lecourbe 
in der Nacht vom 11. zum 12. bei Weißenstein lagerte. Clausewitz (I, 77) läßt 
sogar die Franzosen über den Flüela ins Engadin hinuntersteigen. Das brave 
Bataillon hat demnach zwei starke Tagmärsche in einem Vormittage zurück- 
gelegt ! 

6i (S. 41). Lecourbe schreibt im Feldtagebuch : „L'ennemi avait dejä cou- 
ronne les hauteurs, on se battait sur les montagnes couvertes de neige qui 
entourent le seul defile qui arrive au pont, mais le general Lecourbe, voyant 
que pour avoir les hauteurs il fallait battre le gros des ennemis qui etaient 
au pont et dans la plaine, ordonna des charges sans trop s'inquieter de ses 

flancs La deroute de l'ennemi fut complete et alors tout ce qui se trouvait 

dans les montagnes, ralenti d'ailleurs par une quantite de neige qu'on ne pouvait 
traverser qu'avec precaution, fut pris." 

Gflnther, Feldzug 1799. 13 



194 



65 (S. 42). Lecourbe datiert am 23. Ventöse (13. März) zwei Schreiben an 
Massena, das eine morgens aus Zutz, das andere abends aus Schuls. Bousson 
178 ff., 17/18. 

Erzherzog Karl (I, 82) läßt die Franzosen am 13. nur bis zur Brücke von 
Zernetz kommen. Da, wie deutlich aus den Akten hervorgeht, an diesem Tage 
keinerlei Gefechte von irgend welcher Bedeutung vorfielen, so hat es keinen 
Grund, die Ortsangabe von Lecourbe zu bezweifeln, die auch mit dem Feld- 
tagebuch übereinstimmt. Ein Marsch von annähernd 50 km ward durch diese 
Division sicher bezwungen. 

66 (S. 42). Massena an das Direktorium aus Chur am 25. Vent. (15. März). 
Mares 20 ff. und Bousson 181, 19. 

67 (S. 43). „Le bataillon partit de Remy (Remüs) par un sentier escarpe, 
difficile et impraticable pour la saison et arriva ä Schieins, position importante 
pour s'emparer du Pont-Martin" (Martinsbruck). Lecourbe im Feldtagebuch. 

68 (S. 44). Schreiben an Loison vom S.März: „Les points quejedois atta- 
quer..." u.s.w. Vergl. Nr. 41 an Massena vom 5. März: „D'apres les ren- 
seignements que j'ai pris, il parait que les Autrichiens se portent en force sur 
la Valtelline et la Haute-Engadine." An denselben vom 9. März: „Les Au- 
trichiens n'ont pu tenir sur aucun point; celui du Sf lugen que les rapports 
nous disaient retranche et defendu avec l'artillerie, ne l'a jamais ete." Bousson 
170, 3—6. 

69 (S. 45). Schreiben aus Thusis vom 19. Ventöse (9. März) an Massena : 
„D'apres votre deuxieme lettre d'hier, que je regois ä l'instant, j'ai retire l'ordre 
au general Dessoles, de se porter sur Glurentz." Warum dieser Gegenbefehl 
erfolgte, ist nicht klar. 

70 (S. 45). Erzherzog Karl (I, 82) weist darauf hin, daß das Montafun, in 
der linken Flanke der Division gelegen, von den Oesterreichern besetzt war, 
„welche bei Gallthür einen Posten hielten, von wo ein Steig nach Ardetz ins 
Engadin führt." Der Futschöl-Paß, der hier in Frage kommt, hat eine Höhe 
von 2767 m und kann im März keineswegs von Truppen benützt werden. 

71 (S. 45). Dazu die Schützencompagnien der Gerichte Glurns, Nauders 
und Mals. 

72 (S. 46). Geschichte der Kriege in Europa seit dem Jahre 1792, V.Teil, 
Berlin u.s.w. 1833, S. 105. 

73 (S. 46). Massena 111,115. Dlzarny-Gargas, Deux campagnes k l'armee 
d'Helvetie S. 43, Anm. 1, versucht das unentschuldbare Benehmen des Generals 
Maynoni zu erklären. „Les troupes du general Menoni marchaient par echelons, 
ce qui explique qu'il se soit trouve isole au moment d'attaque. Le 2 e bataillon 
de la 38 e avait dejä traverse Schuls, dans la journee du 14 et etait arrive ä 
Remüs." Lecourbe widersetzte sich später geradezu dem Vorschlage von Massena, 
Schritte zur Auswechslung des Generals thun zu wollen. „Mainoni avait le tort 
ä ses veux de s'etre laisse enlever faute d'une garde de 4 hommes et un caporal." 
Massena III, 120. 

74 (S. 46). Stampfer, Pater Cölestin, Professor, Geschichte der Kriegsereig- 
nisse im Vinstgau ; 2. Auflage, Innsbruck 1893, erzählt auf S. 50/51, daß zwei 
Schützencompagnien der Gerichte Glurns über das Schliniger-Joch hin gegen 
das sogenannte „weiße Haus" zwischen Remüs und Schuls die Franzosen be- 
unruhigt hätten. „Während nun der feindliche General Mainoni seine ganze 
Aufmerksamkeit den Schützen zuwandte, überraschte ihn unvermutet Laudon 
vom Scharl-Joch her." 



195 

75 (S. 47). Bousson 182—184, 20. Aus Schills vom 25. Ventöse (15. März). 

76 (S 47) Joseph Anton Maynoni ward 1756 zu Valesio, einem Dorfe der 
Tremezzina, geboren: sein Vater Bernardo, Herr von Intigone, pflegte dort den 
Sommer zuzubringen. Die erste Erziehung erhielt Maynom bei den Jesuiten 
in Como und kam dann als junger Mann nach Straßburg i. E , um die dort 
in der Nähe liegenden Familiengüter zu bewirtschaften. Um 1780 vermahlte 
er sich mit Franziska Klara Schweitzer de Cauville aus Frankfurt a. M. Zwölf 
Jahre später trat Maynoni zunächst in den Zivildienst der Republik und dann, 
nachdem er mit Mühe der Guillotine entgangen, in die Armee Bald ward er 
zum General befördert. Nach der fünfmonatlichen Gefangenschaft 1799 erschien 
Maynoni wieder bei der helvetischen Armee, um kurz darauf an der zweiten 
Schlacht von Zürich teilzunehmen. Hierauf wurde er nach Bern gesendet, um 
mit dem Direktorium über die von Massena der Schweiz auferlegten Kriegs- 
lasten zu verhandeln. Im Winter 1799/1800 beteiligte er sich mit Marescot an 
der Erforschung der Alpenübergänge. Bei Marengo schwer verwundet, erholte 
er sich niemals vollkommen und starb als Kommandant von Mantua. 

Zu vergleichen Cav. Major Majnoni, in Rivista militare italiana, Serie 111, 
Anno XXVII, Tomo II, Dispensa 5/6, Maggio/Giugno, Roma 1882. 

77 (S. 47). Bousson 184, 21. Schuls, 26. Ventöse (16. März). 

78 (S. 48). Massena III, 117. 

79 (S. 48). Im Feldtagebuch wird das I., im Werke von d'Izarny-Gargas (44) 
das IL bezeichnet. Letztere Angabe ist wahrscheinlich richtig. Sie stützt sich 
auf das Feldtagebuch der 38. Halbbrigade. 

80 (S 49) Nach Stampfer (52) diente der Schafhirte vom Dorfe Schieins 
als gezwungener Führer. Der Unglückliche wurde von den Oesterreichern ge- 
fangen. „Sein unfreiwilliges Verbrechen wurde auf eine grausame Weise geahndet. 
Zuerst erhielt er 100 Stockstreiche (!), hierauf wurde er mit einer Kugel, die 
ihm durch den Kopf gejagt wurde, begnadigt." (sie !) 

81 (S 49) Nach österreichischer Angabe wurden 3 Hauptleute, 5 Lieute- 
nants, 237 Unteroffiziere und Soldaten gefangen. Dieser Verlust deutet jedoch 
auf 2 Compagnien. 

82 (S. 49). Bousson 184, 22. 

83 (S. 51). Berichte von Massena an das helvetische Direktorium in : Amt- 
liche Sammlung der Akten aus der Zeit der helvetischen Republik (1798—1803), 
III, Bern 1889, herausgegeben von Joh. Strickler, Nr. 423 vom 15. März. 

84 (S 51). Rohan nahm dieses kleine Festungswerk ebenfalls mit Sturm 
am 19. Juli 1635. Zwei Drittel der damaligen kaiserlichen Besatzung, etwa 
200 Mann, wurden dabei getötet. 

85 (S. 51). Bousson 188, 24. 

86 (S. 51). Bousson 191, 26. 

87 (S 51) Lecourbe an Massena aus Fetan am 2./3. Germinal (22./23. März) : 
„Quant ä moi, mes troupes n'ont pas eu, ni hier, ni aujourd'hui, une once de 
pain." . . . „Mon plus cruel ennemi, c'est la faim; je n'ai encore re?u que 4000 
rations de pain ä donner ä mes troupes depuis hier : je viens de faire enlever 
dans quelques communes quelques centaines de livres de pain, le seul qui leur 
restait; je vis aussi de requisitions pour la viande qui ne manque pas, mais 
cela diminue nos moyens de transport." Bousson 192/194, 27/28. 



196 

88 (S. 51). Lecourbe an Massena aus Fetan am 2. Germmal (22. März) : 
„Le general Dessoles . . . me peignait la force de l'ennemi superieure ä la sienne, 
et ne se souciait pas meme de l'attaquer en m'offrant, si je le voulais m'en 
charger, de m'envoyer 2000 hommes. Cette proposition tendait, vous le sentez, 
en cas de succes, ä recueillir les avantages sans courir les chances du combat ; 
il pretend n'avoir pu passer ni ses subsistances, ni ses munitions, cependant 
je sais que la montagne de Bormio ä Sainte-Marie est praticable, surtout en 
faisant im petit detour par Friel." An denselben am 3. Germinal (23. März): 
„Malgre les ordres imperatifs que j'ai donnes au general Dessoles pour le 
concert de nos Operations, je crains qu'il ne laisse porter toutes les forces de 
l'ennemi sur moi." Bousson 192 — 195, 27/28. 

Alle diese Ausführungen zeigen deutlich, daß der einen Monat später aus- 
brechende offene Zusammenstoß zwischen Dessoles und Lecourbe eine lange 
Vorgeschichte hatte. Nur die verzweifeltsten Umstände rechtfertigen es, strate- 
gische und taktische Verbände derart zu zerreißen, wie dies seitens der franzö- 
sischen Heeresleitung damals geschah. Eine Einbuße an der Gesamtwirkung 
mußte jedoch die unausbleibliche Folge sein. 

Bei Massena (III, 118) heißt es über die Angelegenheit: „II (Lecourbe) 
rendit compte de sa Situation & Massena en lui demandant des subsistances et 
des renforts, et porta plainte contre Dessoles, auquel il reprochait de n'avoir 
pas fait tout ce qu'il aurait pu pour arriver ä St-Marie en temps opportun. 
Sans doute ce retard arreta les succes de Lecourbe et causa l'echec de Martins- 
bruck, mais comme nous venons de le dire, Dessoles recut trop tard l'ordre 
de marcher en avant, et d'ailleurs le manque de vivres avait ete im second 
empechement. Lecourbe l'ayant accuse aupres du general en chef d'avoir eu 
l'intention de le faire battre, celui-ci se justifia pleinement, mais meme temps 
il se montra vivement offense de l'injure et de la hauteur de Lecourbe et offrit 
sa demission." 

89 (S. 51). Bousson 193. 

90 (S. 52). Massena III, 137. 

91 (S. 52). Ein Bauer namens Joseph Federspiel aus der „Motters" erblickte 
den Gegner. Er eilte nach Nauders, um Generalmajor de Briey zu benach- 
richtigen. Dieser wollte nichts hören und drohte dem unbequemen Warner mit 
Prügeln. Stampfer 70/71. 

92 (S. 52). Lecourbe im Feldtagebuch: „Lobjet de la marche du general 
Loison dans cette montagne etait d'arriver sur les derrieres de l'ennemi par 
Nauders pour tourner la ligne de retranchement qui avait l'ennemi au dessus 
du Pont Martin, ligne qui etait appuye ä deux roches ä pic et dans laquelle 
le chemin passait. Cet obstacle paraissait insurmontable. Le general Derby 
(de Briey) commandait ä Nauders, le major Punkalti (Munkatsy), officier dis- 
tingue, commandait l'avant-garde ä Pont Martin." 

93 (S. 53). „Si Demont eut mis dans l'execution de ses Instructions la meme 
energie que Loison, c'en etait fait des 4 bataillons de la garnison de Nauders, 
pas im homme n'eut echappe." Massena III, 140. 

94 (S. 53). Diese Angaben nach dem Feldtagebuch. Die Berichte von Le- 
courbe an Massena aus Martinsbruck vom 6. Germinal (26. März) und aus 
Nauders vom 7. Germinal (27. März) sprechen von 2000 Gefangenen, 12 Ge- 
schützen und 1 Haubitze. Bousson 195 — 199, Nr. 29 und 30. Erzherzog Karl 
(I, 143) gibt neun eroberte Kanonen an, dagegen keine Zahl der Gefangenen. 

95 (S. 57). Der ausführliche Bericht, welchen Dessoles aus Mals am 6. Germinal 
(26. März) an Scherer richtete, findet sich bei Mares S. 30 ff. 



197 

96 (S. 57). Ueber diese Kämpfe noch : Moriggl, Alois, Einfall der Franzosen 
in Tirol bei Martinsbruck und Nauders im Jahre 1799, Innsbruck 1855. Ferner: 
Egger, Dr. Joseph, Geschichte Tirols von den ältesten Zeiten bis in die Neu- 
zeit, Innsbruck 1871—1880, Bd. III. 

Den Verlust von Tauffers erklärte die Bevölkerung damit, daß FML. Belle- 
garde von den Franzosen erkauft worden sei. (!) Stampfer (S. 64) berichtet 
ausführlich über diesen Gegenstand und gibt dabei interessante Erläuterungen. 
So schrieb FML. Bellegarde an de Briey : „Der Herr General Laudon ist bei 
Tauffers vom Feinde ganz tourniert und fällt vermutlich demselben in die Hände ; 
ich muß mich gegen Meran halten und avisiere Eure Hochgeboren, daß Sie in 
Nauders auf Ihren Rücken bedacht sind, indem ich von hier keine Truppen 
detachieren kann. Bei Laas bleibe ich mit der Haupttruppe. Avisieren Sie den 
General Nobili. Glurns, 25. März, 10 Uhr vormittags." Solche Schreiben streifen 
freilich hart an Verräterei. Sie sind ein Zeugnis für die ganz unglaubliche 
Gleichgültigkeit, mit welcher auf Seiten der Kaiserlichen Krieg geführt wurde. 

97 (S. 58). Clausewitz I, 87. 

98 (S. 58). Bertrand, Memoires de St-Helene T. II. 

99 (S. 60). Bousson 199, 31. 

100 (S. 61). Bousson 204/205, 37. An Massena aus Fettan, den 13. Germinal 
(2. April) : „ . . . Mes troupes sont sans souliers, les marches continuelles qu'elles 
ont faites et qu'elles fönt tous les jours dans les neiges, en sont cause. Voyez 
ä leur en fournir preferablement ä toutes autres. . . . Mais j'ai un ennemi plus 
cruel ä combattre, la faim ; je n'ai encore vu aucun employe de la compagnie 
Bodin; j'ai fait des marches ä son compte ; j'ai vecu et je vis encore de requisi- 
tions, ce qui ne peut durer longtemps, car je ne trouve plus de ressources. . . . 
Vous ne sauriez croire combien ce mouvement retrograde a coüte ä tout le 
monde ; les soldats pleuraient de rage. « Qu'on nous envoit dans cette armee ! » 
disaient-ils dans leur langage ordinaire." 

101 (S. 62). Als Zeitgenosse und auch sehr ausführlich berichtet hierüber 
v. Seida und Landenberg 124. 

102 (S. 64). Bousson 207—212, Nr. 40—44. 

103 (S. 64). Massena (III, 119/120) charakterisiert Lecourbe wie folgt : „Les 
qualites de Lecourbe, qu'on peut appeler un general d'intuition, offraient peut- 
etre l'opposition la plus tranchee avec celle de Dessoles. Grand, fort, robuste, 
son corps se pretait ä toute l'impetuosite de son esprit. Son coup d'oeil etait 
excellent sur le champ de bataille. Cette promptitude de conception le portait 
quelquefois ä modifier les Instructions de ses chefs sans que ceux-ci aient 
jamais eu ä lui reprocher des fautes dans ses rectifications. Les qualites princi- 
pales de Lecourbe etaient la spontanite, la vivacite et l'energie, les ressources 
qui lui offraient ä toute heure ses talents, en faisaient un excellent general 
pour la guerre des montagnes. Si la fortune lui fut moins favorable en plaine, 
peut-etre faut-il l'attribuer ä quelques-unes de ces causes fatales qui arretent 
souvent l'essor des intelligences les plus eminentes." 

104 (S. 68). Massena III, 171. 

105 (S. 70). Der Bericht von Massena über diese Ereignisse bei Bousson 
212—214, Nr. 46/47. 

106 (S. 71). In den ungedruckten Akten der Armee de Danube, aile droite, 
finden sich folgende Schreiben: „Au Quartier general de Zernetz le 13 floreal 
an 7. Le general de division Lecourbe au general de division Menard. Je 



198 



tiens encore ma position sur Zernetz et l'ennemi ne parait (pas) vouloir m'in- 
quieter sur mon front de retraite. Hier soir je n'avais encore aucun Autrichien 
devant moi, ce qui me prouve qu'il fait quelques mouvements sur mes derrieres 
et mes ailes. Les troupes de la vallee du Lanquart ont ete attaquees hier. 
Un capitaine qui s'est retire ä Davos m'a donne des informations vagues ä ce 
sujet ; je lui ai ecrit de se retirer sur Bergun, s'il est force ä Davos et de vous 
en prevenir ou de se retirer sur moi s'il ne peut faire autrement. Je serai 
oblige de me retirer demain sur Pont, mais comme il n'y a point de position 
militaire, j'ai prefere rester ici pour attendre le general Loison. J'ai provi- 
soirement un bataillon ä Chiavenne pour eclairer le lac de Come. Je n'ai point 
eu hier de nouvelles de l'armee d'Italie. La securite oü Ton me laisse m'est 
de mauvais augure, je ne doute pas que dans peu vous soyez attaque, si dejä 
vous ne l'etes. Lecourbe." 

Genanntes Schreiben ist von 10 Uhr vormittags datiert. Ihm folgte ein 
zweites mit dem Wortlaute : „Je viens d'etre malheureux ; force de tenir position 
hier et aujourd'hui pour attendre le mouvement du general Loison, l'ennemi 
vient de m'attaquer avec des forces triples. J'ai eu beaucoup de peine de me 
retirer sur Zernetz, cependant je suis parvenu ä couvrir ma retraite sur Zernetz. 
Je l'effectue cette nuit, partie par l'Albula, partie par Casaccia; le general 
Loison se retire sur Morbegno ; rien n'est egal aux desordres qui se commettent 
sur le lac de Como, l'insurrection est complete. Le general Demont est pri- 
sonnier, tous les chefs de Corps et une partie des officiers sont blesses ou tues. 
Je ne peux pas savoir combien j'ai des blesses, j'en ai ä peu pres autant 
qu'avant-hier. Voilä la Situation ou je me trouve; malgre mes reclamations, 
on m'a fait echiner (sie !) apres avoir eu constamment des succes ; je n'ai pas 
lieu d'etre fort content. Prenez vos mesures pour couvrir l'Albula et le Davos. 
Je vous previens que le general Demont a ete pris avec la serie des mots 
d'ordre; il importe de les changer. Signe Lecourbe. Pour copie conforme: 
signe Menard." 

107 (S. 74). Die Oesterr. Militär. Zeitschrift II, 1812 gibt den Verlust der 
Franzosen an Gefangenen auf 7 Offiziere, 800 Mann an. 

108 (S. 74). „Au quartier general de Filisur, le 16 floreal an 7. Le general 
de division Lecourbe au general en chef Massena. Vous avez vu par ma lettre 
du 14, mon eher general, ä quels partis j'ai eu affaire. Ces Messieurs m'ont 
fait l'honneur de me combattre avec 12000 ä 15 000 hommes et quatre generaux. 
Vous voyez que si je n'ai pas pu me maintenir en Engadine, il n'y a pas de 
ma faute ; il fallait m'envoyer les secours que je demandais depuis longtemps. 
Les insurrections eclatent de toutes parts. Mes blesses ayant ete arretes, il 
est necessaire, d'apres Vavis du general Menard, que je couvre l'Albula et le 
Jidiensberg. Comme vous me dites, qu'il tnarche des troupes sur BeJlinzona, 
je ne passerai point le Bernardin, je tiendrai ma gauche ä Bergun et je serai 
etahli ä Tusis. Vous voyez combien ma ligne est etendue, mais ayant mes 
grenadiers en reserve avec moi, je pourrai les porter aussi promptement que 
possible sur les points attaques. II est necessaire que j'aie un general de brigade, 
sur mon point de gauche surtout ; car je suis oblige de faire tous les details 
de corps, et encore je n'ai qu'un seul chef de bataillon dans la division. Faites 
donc envoyer un chef de brigade ä la 36 e . Le capitaine Perrier qui la com- 
mande est un officier recommandable et qui remplit exaetement son devoir. 
Je vous rappeile, mon general, de m'envoyer la confirmation des quatre nomina- 
tions que j'ai faites. Le general Loison se trouve ä Chiavenne avec la 76 e , 
deux bataillons d'expedition et deux de la 12 e legere qui n'a pu passer pour 
rejoindre la division Grenier ainsi qu"elle en avait l'ordre. Je tiendrai ä Splugen 
la 109 e pour la lui envoyer au besoin. Je le Charge de garder Carach (Casaccia) 
et Melozza (Maloja) par oü l'ennemi peut venir sur lui de l'Engadine ainsi que 



199 

de la basse Valteline. Si le general Soult etait arrive ä Bellinzone et Lugano, 
ils pourraient l'icn et l'autre faire des efforts pour retablir la communication 
du lac de Come, seid point par lequel le general Loison peut tirer des vivres, 
car dans sept ou huit jours probablement il n'en aura plus. Je continue ä lui 
donner des ordres en attendant que vous fassiez une Organisation nouvelle de 
larmee; veuillez me faire part de vos disjjositions ä cet egard et si vous ap- 
prouvez les miennes. Le general Demont merite que vous vous employiez pour 
lui procurer son echange. Quoique ma blessure me gene un peu, je n'en con- 
tinuerai pas moins mes devoirs avec la plus grande activite. Mais quand nous 
retournerons, vous ne me laisserez plus en l'air avec 4000 contre 12 000 ä 
15 000, dont je ne pouvais empecher le rassemblement. Je ne serai pas fache 
que d'autres parcourussent un peu les montagnes ä ma place ; j'ai perdu un 
cheval, mes equipages sont je ne sais oü, enfin n'importe je recommencerai 
quand on voudra. Mais l'armee d'Italie est bien loin. Je voudrais que les Grisons 
soient au diable. Ne m'oubliez pas pour les vivres ; il me sera bien difficile 
d'avoir des nouoelles sur les mouvements de l'ennemi, cependant je crois qu'il 
manceuvre encore sur nos flancs, ou peut-etre tentera-t-il une entreprise sur 
Chiavenna pour faire sa jonction sur le lac de Come, mais auparavant il faudrait 
qu'il nous chassät de Davos et Bergun. J'espere d'ailleurs que dans peu vous 
lui taillerez des croupieres. Salut respectueux et amical. Signe : Lecourbe." 

„Au quartier general de Zizers, 4 mai 1799, 15 floreal an 7. Menard, 
general de division, commandant des deux premieres divisions de l'aile droite 
de l'armee du Danube, au general en chef Massena. Vous m'avez ordonne, 
general, de faire partir la 309 e pour Splwjen; eile est partie. Vouz m'avez 
annonce la 37 e et la 17 e , je n'ai encore regu que 9 compagnies de la 37 e , je 
n'ai aucune nouvelle des autres, ni de la 17 e , et voici ma position : La l4 e ä 
Luzisteig et Flesch, le I er bataillon de la 103 e ä la poursuite de l'ennemi ä 
Dissentis, le II e bataillon de cette demi-brigade dans la Landquart, et voilä 
tout. Bien au Schollberg. Bien ä Davos, et Coire se trouve entierement ä 
decouvert par la retraite du general Lecourbe, et ce dernier me marque que 
l'ennemi se porte en force sur Davos pour tomber sur Coire. Voilä ma position 
critique; je n'ai donc pu faire autrement que d'arreter la mar che de la 37 e , ä 
qui j'avais donne ordre de se porter ä Splugen pour la porter sur la route 
de Davos, mais ces 9 compagnies de la 37" ne sufflsent pas pour garantir Coire 
par cette route, et puis rien en reserve pour porter au besoin ; vous avouerez 
que c'est desesperant. Si le reste de la 37 e et la 57 e ne m'arrivent pas cette 
nuit, je ne puis repondre de rien si j'etais attaque demain. Je recois une lettre 
du general Lecourbe datee de Bergun ä 11 heures du matin aujourd'hui ; il 
occupe dans ce moment Alvaschein, Alveneu, Tiefenkasten, Surava, Fillisur et 
Bergun. II doit tenir la tout demain, 16, en attendant de mes nouvelles, et il 
doit continuer sa route sur Splugen, s'ü n'en regoit pas. Je pense que l'envoi 
de la 109 e le tranquillisera, car il se desespere de l'etat oü on le laisse. On 
assassine tous les blesses sur toutes les routes, et bientöt toutes les ordonnances 
le seront aussi, on se souleve de tous les cötes ä ce qu'il me marque. II a 
renforce d'un bataillon le general Loison qui se trouve avoir ä present de 500 
ä 600 hommes, il occupe toujours Chiavenna. Le general Lecourbe couvre 
l'Albula avec 2 bataillons. Voilä l'extrait de sa lettre qu'il termine en faisant 
des vceux pour l'evacuation des Grisons. General, jettez les yeux sur ce pays 
ci et ne m'abandonnez pas ä l'ennemi sans secours. J'aurais bien voulu que 
vous fussiez venu comme vous l'aviez dit ä mon aide de camp. Je ne serai 
tranquille que quand j'aurai recu le reste de la 37 L et la 57 e . Je vous pre- 
viens que je ne puis plus envoyer la 37 e au general Lecourbe. I\ faut qu'elle 
me couvre par Davos, et la 57 e me servira ä garder le Schollberg et Sargans 
et ä avoir une reserve. Je vous salue, votre ami, signe: Menard." 

„Au quartier general de Zizers, (6 mai) 17 floreal an 7, 9 heures du soir. 
Gautier, aide de camp, au general Massena. J'ai l'honneur de vous informer 



200 

qu'hier ä midi, nos depeches furent remises aux generaux Menard et Chabran. 
Je n'ai rien autre chose ä vous inander relativeinent au general Lecourbe que 
ce que le general Menard vous a fait connaitre, en vous envoyant ce matin 
copie d'une de ses lettres, oü vous avez vu qu : il va s'etablir de sa personne 
ä Thusis, en appuvant sa gauche ä Bergun qui sera d*ailleurs fortement sou- 
tenue par les troupes de la 37 e que le general Menard a envoyees ä Davos. 
Vous avez vu aussi que le general Loison occupe Cbiavenna et couvre le Maloja 
et la basse Valtelline avec la 12 e legere, la 76 e , deux bataillons d'expedition 
et un bataillon de la 88 e que le general Lecourbe y a envoyes. Splugen, point 
intermediaire, est occupe par la 109 e et la comniunication se trouve etablie 
entre les generaux Lecourbe et Loison. Rien de nouveau jusqu*ä present. Puisque 
je ne suis point utile ici, j'irai demain chez le general Lecourbe. Je comptais 
prendre avec moi les dispositions pour reattaquer Ponte comme vous Vavez 
wände au general Chabran par la. lettre que vous m'avez Charge de lui re- 
mettre, mais les generaux Suchet et Marcs qui viennent d'arriver annoncaut 
que votre Intention n'est point de faire cette expedition pour le moment, je me 
bornerai ä voir autant que possible la position des troupes et ä donner au 
general Lecourbe celle de la division Menard. Je serai de retour ici apres- 
demain et j'attendrai vos ordres. Maintenant vous pouvez etre tranquille sur 
la partie que nous oecupons dans les Grisons. Les troupes que vous y avez 
envoyees doivent suffire pour que nous nous y maintenions, en attendant que 
nous reprenions l'offensive. Le general Menard a donne Vordre de faire filer 
300 000 rations de biseuits sur la division Lecourbe. Je joins ä cette lettre 
une note que j'ai faite pour placer des postes de correspondance d'ici ä Zürich 
par Wallenstadt ; je crois que ces etablissements seraient avantageux pendant 
que votre quartier-general resterait ä Zürich; et si vous le jugez k propos, 
vous pourrez donner vos ordres en rectifiant ce qui sera necessaire. Salut et 
respect. Signe: Gauthier." 

Alle diese Schreiben enthalten die noch ungedruckten Akten des Feld- 
zuges. Sie werfen ein gewisses Licht auf die Frage, warum Lecourbe so schnell 
den Marsch nach Bellinzona antrat. Erzherzog Karl (I, 292) vermutet : „Zum 
Glück durfte sich Massena an dem Rheine nicht schwächen, um seinen rechten 
Flügel in dem Maße zu verstärken, daß er dem von Chiavenna aus den Gott- 
hard und die Straße durch das Rhonethal bedrohenden Feind die Spitze bieten 
oder wohl gar ihn angreifen konnte. Der französische Obergeneral war vielmehr 
gezwungen, auf den Vorteil selbst Verzicht zu leisten, den ihm der Marsch des 
Lecourbe nach Lenz und die dadurch bezweckte Möglichkeit einer hartnäckigen 
Verteidigung Bündens darboten. Auf seinen Befehl brach Lecourbe von Lenz 
auf, gewann bei Thusis die Viamala, vereinigte sich mit Loison (dies ist Irrtum !) 
und zog durch das Thal des Hinterrheins aufwärts über Splügen." 

Jomini III, 332, Anm. 1 schreibt: „L"archiduc Charles attribue, au contraire, 
ä Lecourbe le projet de se retirer de TEngadine sur Lenz, pour se rallier ä 
Massena, et pense que ce fut le general en cbef qui prescrivit le mouvement 
sur Bellinzona. Une troisieme version afhrme que Lecourbe, instruit de la 
revolution des paysans et des efforts sur le Luziensteig, prefera se retirer par 
le Tessin, plutöt que de s'exposer ä etre prevenu ä Dissentis." Diese letztere 
Angabe ist natürlich ganz falsch. Als Lecourbe in Lenz ankam, war der Auf- 
stand im Oberlande bereits niedergeschlagen, der Angriff von Hotze auf die 
Steig gescheitert. Im Texte berichtet Jomini dagegen: ..Quoiqu'il n"eut pas 
d*ordre du general en chef, l'actif Lecourbe se determina ä marcher sur le 
champ vers Bellinzona." 

Die für die Entscheidung der Frage in Betracht fallenden Stellen in den 
oben mitgeteilten ungedruckten Schreiben sind in Kursiv gedruckt. Sie sind 
zwar nicht geeignet, ganz klare Auskunft zu geben, wohl aber mit einigen 
Vermutungen zusammen. 

Es war natürlich Lecourbe, der den Gedanken hegte, wieder nach Ponte 



201 



und damit ins Engadin vorzugehen. Massena mag eine Zeit lang diesen Gedanken 
wohl auch gehegt haben, dann aber mußte es ihm klar werden, daß er sich 
höchstens auf die Verteidigung von Bünden, bei einer Wiederholung der An- 
griffe von Hotze und Bellegarde, beschränken könne. Die Ruhestörungen in 
den kleinen Kantonen erforderten die Entsendung der Division Soult gegen den 
Gotthard. Dieser mußte überdies mit wenigstens einigermaßen ausreichenden 
Kräften besetzt werden, angesichts der Erfolge der Verbündeten in Italien. 
Diese Aufgabe wäre zunächst der Division Soult zugefallen, indes Menard das 
Prättigau, Lecourbe die Albula und das Oberhalbstein gesichert hätte. Als 
jedoch Erzherzog Karl endlich Miene machte, gegen die eigentliche Schweiz 
vorzudringen, kam es für Lecourbe darauf an, die Stellung von Zürich möglichst 
mit Truppen zu versehen. So wurde die Division Lecourbe vom Gotthard heran- 
gezogen, ihre Aufgabe an die Division Menard übergetragen. Die Division Menard 
vermochte natürlich nicht, Graubünden gegen einen an Kräften dreifach über- 
legenen Feind zu halten. Der Besitz des Freistaates fiel jedoch für Massena 
eigentlich nicht mehr in Betracht, als Erzherzog Karl thatsächlich den Rhein- 
übergang sich erzwungen hatte. 



II. Die Aufstände. 

109 (S. 75). Proklamation von General Massena behufs Warnung vor Un- 
ruhen und Angriffen auf das französische Militär vom 3. April. Abgedruckt in 
der Amtlichen Sammlung der Akten der helvetischen Republik IV, Nr. 14. 
Massena erklärt darin: „Je vous declare en consequence que des ce moment 
je rends responsables les communes des evenements de quelque nature qu'ils 
soient, qui se passeront sur leur territoire contre les Francis. Je vous declare 
en outre que des colonnes frangaises marcheront avec rapidite sur les cantons 
oü des mouvements d'insurrection se manifestent, et qu'ils seront detruits par 
le feu et le fer." 

110 (S. 75). Joh. Konrad Hotze, von Wm. Meyer, a. Stadtrat von Zürich. 
Zürich 1853, S. 255 ff. 

111 (S. 76). Roverea, F. de, Colonel, Memoires, edition C. de Tavel. Berne, 
Zürich, Paris 1848, tome II, 131. 

112 (S. 76). Ueber den Aufstand in Uri berichtet ausführlich der bereits 
im Vorworte angeführte Dr. F. Lusser. 

113 (S. 77). Soult an die Schwyzer, aus Einsiedeln den 2. Mai. In der Amt- 
lichen Aktensammlung der Helvetik IV, Nr. 165. 

114 (S. 77). Memoires du Marechal-General Soult, Duc de Dalmatie. Publies 
par son fils. Tome II, 65 ff. Paris 1854. 

115 (S. 80). Bericht von Soult an Massena aus „Ursern" vom 24. Floreal, 
abgedruckt in den Memoires II, 80. Die Ehre, solche Verschanzungen zuerst 
errichtet zu haben, gebührt demnach nicht den Nordamerikanern des Bürger- 
krieges von 1861/65, sondern diesen von Camossi befehligten Aufständischen! 

116 (S. 80). Genelin 30 ff. Wie man seitens der Franzosen den Aufstand 
erfaßte, darüber gibt ein Schreiben von Menard an Massena vom 3. Mai aus 
Zizers Auskunft. Dasselbe ist bisher ungedruckt und lautet : „Mon general. Je 



202 

vous fais passer copie des deux lettres que je viens de recevoir du general 
Lecourbe. Vous y verrez sa position. (Diese Schreiben stehen oben Anm. 106.) 
Je ne suis pas moins embarasse que lui dans le moment. J'ai toute ma troupe 
apres les insurges, qui comme je Tai marque ce matin au general Ferino, sont 
venus jusqu*aux portes de Coire, — ils ont massaere une compagnie de la 
103 e demi-brigade qui etait ä Dissentis et se sont servis de leurs armes, — ils 
ont aussi pris une piece de canon que j'avais envoyee au pont de Reichenau. 
Ils sont au moins au nombre de 6000 hommes, armes de fusils, carabines, 
fourches et faux. A l'arrivee du renfort que j'ai envoye, ils ont ete repousses 
jusqu'au pont de Reichenau et j'ai donne l'ordre qu'ils soient suivis jusqu'ä 
ce qu'ils fussent tous detruits. Ils sont commandes par des anciens militaires 
et des pretres, tous ä cheval et ä leur tete, — j'espere ce soir recevoir la 
nouvelle qu'il n'en existe plus. Le chef de la 109 e demi-brigade commande 
les troupes que j*ai envoyes ä leurs trousses (?). Ils ont aussi porte 300 ä 
400 hommes ä Vättis, ahn de descendre sur Ragatz pour me prendre par 
derriere, mais j'ai fait passer une compagnie en avant et sur la hauteur de 
Pfeffers pour leur barrer le passage. Je ne puis en ce moment executer les 
mouvements que vous m'ordonnez, attendu que toute la troupe que j'ai de 
disponible est employee h reduire les insurges. J'ignore meine oü peut s'etre 
retire le general Lecourbe, j*attends des nouvelles de ce general et aussitöt 
qu'elles me seront parvenus, je remplirai vos vceux ä l'arrivee des troupes que 
vous m'annoncez. II ne me reste qua peine les troupes indispensables pour 
garder le point indispensable de Fläsch, le fort de Luzisteig et la gorge inter- 
essante de la Landquart, qui est attaquee tous les jours de grand matin et 
avec des forces superieures." 

117 (S. 81). Das Schreiben lautet : „Armee Francaise en Helvetie, 3 e division. 
Liberte — Egalite. Au quartier -general de Dissentis, le 23 ventöse l'an YII 
de la republique francaise une et indivisible. Le general de brigade Loison 
ordonne ä tous militaires sous ses ordres de respecter les personnes et les 
proprietes de l'abbaye de Dissentis, dont les peres ont traite avec egard nos 
blesses et nos prisonniers ; il invite ses camarades les officiers generaux ä donner 
les memes ordres." 

118 (S. 81). „Hardeville bemächtigte sich der Kornkammer des Klosters. 
Ja er wollte sogar das zur Aussaat bestimmte Korn mit Beschlag belegen, und 
nur durch die Intervention des Kommandanten von Dissentis, Salomon, konnte 
das Kloster die Aecker besäen." Genelin S. 33. 

119 (S. 81). „Eine eigentümliche Episode . . . ereignete sich in Somvix. Nach- 
dem der Landsturm vorübergezogen war, sammelten sich dort einige flüchtige 
Franzosen. Da bewaffneten sich die Mädchen und die Knaben unter 14 Jahren 
mit Prügeln und Heugabeln, trieben die Franzosen, 11 an der Zahl, in das 
Thal Rabiusa, umringten sie und hätten sie totgeschlagen, wenn nicht ein alter 
Mann dazu gekommen wäre und sie davon abgehalten hätte. Sie machten die 
Franzosen zu Gefangenen und führten sie ins Dorf Somvix ein, wo sie erst noch 
von den ergrimmten Weibern getötet worden wären, wenn sich nicht der Pfarrer 
ins Mittel gelegt hätte." Genelin S. 40. 

120 (S. 81). „Die Bauern hielten trotz des heftigen Kanonenfeuers stand. 
Da, mitten im Kampfe, stürzte ein Mädchen, Marie Bühler. mit einem Prügel 
bewaffnet, aus ihrem Hause, schlug mit dem ersten Streich einen Artilleristen 
vom Pferde und hieb wuchtig auf die verblüfften nächststehenden Soldaten ein. 
Die Pferde wurden scheu, es entstand Unordnung unter den Franzosen, die 
Bauern drangen mit erneuerter Wut auf sie ein, warfen sie aus Ems und ver- 
folgten die Fliehenden aus Plankis, eine halbe Stunde von Chur entfernt." 
Genelin S. 44. 



203 

121 (S. 83). Die Berichte hierüber bei Koch, Massena III, S. 241 ff. und 
bei Mares. 

122 (S. 83). „Ein Einwohner von Inda (Inden), Heinrich Camenzind, von 
Gersau gebürtig, wurde auf einer Schlachtbank gemordet, weil er den Weg 
nicht anzeigen wollte, durch den die Walliser jenen nächtlichen Ueberfall (ob 
Inda) unternommen hatten. Die helvetische Regierung mußte durch einige 
hundert Berner die Ernte im Wallis besorgen lassen, weil die Einwohner sich 
vor ihren grausamen Besiegern geflüchtet hatten." Ebel III, 88. 

Karten: Topogr. Karte Bl. XIV. XV. XVII. XVIII. XIX. Topogr. Atlas 
Bl. 398. 411.491. 503. 



III. Der Verlust des Gotthard. 

123 (S. 85). Die beiden miteinander gewechselten Schreiben lauten nach 
dem Feldtagebuch : „Le Prince Rohan, general-major, commandant de l'ayant- 
garde de l'armee de sa majeste l'empereur et roy, ä monsieur le general Loison, 
commandant des troupes frangaises, ä Bellinzona. Vous n'ignorez pas, monsieur 
le general, que vous etes entoure de toutes parts, que non seulement les troupes 
de sa majeste l'empereur ont force la pluspart des places d'Italie ä se rendre,. 
mais qu'elles sont aux portes de Turin; que partout les peuples se levent en 
armes contre l'armee fran^aise. Voulant epargner l'effusion du sang qui ne 
pourrait changer la position oü vous vous trouvez, je vous somme de vous- 
rendre prisonnier de guerre avec les troupes que vous commandez. Je vous- 
accorde im delai de 48 heures, vous pouvez m'envoyer un officier de confiance 
avec lequel je puisse traiter. Je vous observe cependant que cette capitulation 
n'aura lieu qu'autant que le general de division Lecourbe partagera votre sort 
avec les troupes ä ses ordres. Recevez, monsieur le general, l'assurance de ma 
consideration distinguee. Signe: Le Prince Rohan." 

„Du quartier -general ä Bellinzona, le 24 floreal an 7 de la republique 
francaise (13 mai 1799). Le general de division Lecourbe au prince de Rohan, 
general-major, commandant de l'avantgarde de l'armee autrichienne. Le general 
Loison m'a communique votre lettre, monsieur le general, par laquelle vous 
lui donnez un delai de 48 heures pour se rendre votre prisonnier avec les 
troupes qu'il commande, pourvu toutefois que je partage son sort. Tour vous 
eviter la peine de venir me chercher, je vous previens, monsieur le general,. 
que je vais me rapprocher de vous. Veuillez vous dispenser ä l'avenir de m'en- 
voyer des sommations aussi ridicules. Signe: Lecourbe." 

124 (S. 87). Miliutin II, 78, Nr. 413. Die österreichischen Quellen geben 
460—500, das Feldtagebuch nur 168 Gefangene an. 

125 (S. 91). Wichtig für die Beurteilung der Charaktere von Hotze wie von 
Roverea sind die Erinnerungen eines bernischen Offiziers aus dem Feldzuge 
von 1799. Nach dem Tagebuche des Georg Friedrich von Werdt zu Toffen 
(1780—1826) abgedruckt im Berner Taschenbuch von 1863. Bern 1863. Edition 
L. Lauterburg. Der Verfasser trat Anfang 1799 (März) in die Compagnie Courten 
des Regiments Roverea ein, welche damals in Feldkirch lag. Trotz seiner nur 
achtzehn Jahre wurde er doch sogleich Oberlieutenant. Er schreibt u. a. : „Ich 
fand sie in einem sehr traurigen Zustande ; es waren 80—90 zusammengeraffte 
Bauern, deren jeder 30 Kreuzer Bezahlung hatte, ohne Disziplin und Kenntnis 



204 



des Kriegsdienstes. Der Hauptmann war ein junger Mensch, der sich gar nicht 
getraute, die Kerls zu formieren. Ich formierte sie zuerst, teilte die Compagnie 
in Plotons, ernannte Unteroffiziere und führte aufs wenigste soviel Suhordination 
ein, daß dieselben als Milizsoldaten betrachtet werden konnten. . . . Den 25. (Mai) 
marschierte die Kolonne ins Klönthal. (Die Datierung ist hier irrig !) Sie 
bestand aus 800 Mann Schweizern, 400 Kaiserlichen und einiger Landmiliz 
von Glarus und der umliegenden Gegend. (Roverea zählt je 600 Schweizer und 
Kroaten auf.) Oberst von Roverea kommandierte die Operation. Dieser Mann 
hatte durch die Bravour seiner Truppen das Glück gehabt, sich die Reputation 
eines braven Kriegers zu erwerben, wobei ihm seine Intriguen mithalfen. Er 
vereinigte mit vielem Witz einen unbeschränkten Ehrgeiz. Da er in Frankreich 
im Regiment Ernst als Subalternoffizier nur zwei Jahre gedient und sich sonst 
mit dem Militärdienst nicht abgegeben hatte, so war es nicht möglich, in einem 
so kurzen Zeiträume die Pflichten eines Befehlshabers in Kriegszeiten zu er- 
lernen. Zur Zeit der helvetischen Revolution spielte er, obschon nach seinem 
eigenen Geständnisse seine Grundsätze sehr in einem Doppellichte erschienen, 
die Rolle eines Chefs ausgewanderter Waadtländer und stieß dadurch die neue 
helvetische Regierung vor den Kopf, der er, als sie noch ein Komite in Lausanne 
gewesen, seine Dienste angeboten hatte ; er ward dann genötigt auszuwandern. 
Beim Anfange des Krieges erhielt er, indem er sich beim Schultheißen von 
Steiger einzuschmeicheln wußte, die Stelle des Chefs des Emigrantencorps. Als 
solcher ward ihm die Führung der nach dem Pragel vordringenden Kolonne zu 
teil. Man kann sich leicht denken, daß er, der dazu noch sehr von sich ein- 
genommen war, nichts anderes als Fehler beging und seine Leute aufopferte. 
Daß diese Operation unglücklich endete, erklärt sich daher von selbst. Er 
entwarf einen Plan, die Franzosen im Muotathal anzugreifen, ohne sich im 
geringsten mit den anderen Generalen zu verständigen, ohne Kenntnis des 
Landes, ohne Vorsichtsmaßregeln, falls wir uns retirieren müßten, und ohne 
Anstalt zur Versorgung der Truppe mit Lebensmitteln im Falle einer starken 
Vorrückung. Wir marschierten den 25. über Klönthal nach dem Pragel und 
kamen in der Nacht nach einem zehnstündigen Marsche oben auf dem Berge 
an, von wo wir, ohne zu rasten, im tiefen Schnee, auf einem Fußpfade, den 
nur einer nach dem andern passieren konnte, nach dem Muotathale hinunter 
marschierten, um mit Tagesanbruch die Feinde daselbst anzugreifen. Wir langten 
daselbst 3 Uhr morgens den 26. an, attaquierten, ohne vorherige Rast und 
ohne uns zu formieren, den Feind in der größten Unordnung, warfen ihn, 
machten 150 Gefangene und jagten ihn, obwohl er bei 3000 Mann stark war, 
bis zwei Stunden vor Schwyz. Mit diesem Vorteile hätte sich Roverea begnügen 
und in Muota, welches eine gute Lage hat, und auf den Anhöhen hinter dem 
Dorfe aufstellen sollen, da 5 Bataillone Franzosen in Schwyz lagen, die Feinde 
sich somit verstärken und uns jede Stunde mit größter Uebermacbt angreifen 
konnten ; allein ungeachtet der Räte seiner Offiziere befiehlt er anzugreifen und 
trifft seine Dispositionen auf eine so ungeschickte Art, daß unsere Vorposten 
nebst einer Abteilung, welche die Avantgarde bildete, so im Thale zu stehen 
kamen, daß die Feinde die Anhöhen hinter uns besetzen und uns von Muota 
abschneiden konnten. Der Feind, seinen Vorteil benützend, kommt uns zuvor, 
attaquiert uns den 27. in der Frühe mit aller Macht, nimmt uns das detachierte, 
400 Mann starke Corps gefangen und schlägt uns so zurück, daß unsere 
Retirade eine Flucht und keine militärische Bewegung war. Der Oberst, welcher 
seinen begangenen Fehler zu spät einsah und über welchen die Offiziere aufs 
äußerste erbittert waren, verlor ganz den Kopf und war der erste, welcher die 
Flucht ergriff. Im Klönthal erst sammelten wir uns wieder und nahmen eine 
Stellung, um Glarus zu decken." 

Aehnliches berichtet Oberstlieut. v. Kirchberger, Beiträge zum Feldzuge von 
1 799, in der Eidg.Ztg. 1862, Nr. 96. 103. 108, und C. F. v. Tscharner, Die Schweizer- 
Legion Roverea und deren erste Gefechte, im Berner Tagbl. 1894, Nr. 248. 250. 253 



205 

126 (S. 92). Nämlich Karl Ludwig von Haller -Königsfelden, der spätere 
Geschichtsforscher (vergl. die Biographie Hallers im Schweiz. Geschichtsforscher 
Bd. X, S. 466), und Imthurn von Schaff hausen. Roverea (II, 140) gibt die Zahl 
von 140 gefangenen Kroaten und 14 Schweizern an. 

127 (S. 92). Roverea (II, 147) erzählt, er habe am 2. Juni eine Erkundung 
auf dem Urnerboden vorgenommen. Von den angeblich hier befindlichen 2000 
Glarner Milizen (besser gesagt Landstürmern) sei die Hälfte überhaupt abwesend 
gewesen, die anderen „chacun oü bon hü semblait." (II, 148.) „J'exhortai leurs 
superieurs qui la plupart avaient ete officiers dans les Services etrangers, ä 
user de severite pour le maintien de l'ordre; ils me repondirent ingenüment 
qu'ils n'oseraient, dans la crainte d'etre assommes en rentrant chez eux." 

128 (S. 93). Lecourbe schreibt im Feldtagebuche: „Les trois compagnies 
marcherent au pas de course, sans tirer un seul coup de fusil et sans considerer 
qu'ils attaquaient une masse de 3000 ä 4000 hommes et qui, entasses dans un 
chemin creux et deconcertes d'une teile audace, tournerent le dos." 

Bei dieser Gelegenheit zeigte der Grenadier Mesnard von der 4. Compagnie 
I./109. Halbbrigade die höchste Aufopferung. Er tötete einen Offizier und nahm 
einen andern gefangen. „Le general Lecourbe, pour lui temoigner sa satis- 
faction, ne pouvant l'elever en grade, parce qu'il etait analphabete, lui donna 
une gratification." (Aus dem Feldtagebuch.) 

Die amtlichen Berichte über dieses Gefecht findet man bei Mares und in 
der Oesterr. Milit. Zeitschrift 1812, II. 

129 (S. 93). „Als Hadik von der Niederlage St. Juliens hörte, verlor er in 
dem Grade den Kopf, daß er das erste ihm zu Gesicht kommende Kommando 
von 30 Husaren seiner Avantgarde zu Hülfe schickte, um den Gebirgspaß zu 
verteidigen." Miliutin II, 123. 

130 (S. 99). Hier mögen noch einige Zeitungsnachrichten jener Tage folgen, 
die deutlich die Sachlage schildern: 

Beilenz, 19. Mai. Gegen den 16. sammelten sich 16 000 Franken bei 
Giubiasco und zur nämlichen Zeit vermehrten sich auch die Oesterreicher in 
Lauis. Den 17. griffen die Franken bei Taverne mit einer Halbbrigade an, 
machten bei 400 Gefangene, töteten oder verwundeten viele, verloren aber 
ebenso viele Gefangene. Den 18. war auf dem Monte Cenere ein zweites 
Gefecht mit großem Verlust von beiden Seiten. Auch im Misoxerthal soll ein 
Treffen vorgefallen sein, bei welchem die Kaiserlichen 900 Gefangene gemacht 
haben. Folgendes ist das Gemälde vom gegenwärtigen Zustande der Schweiz : 
„Der Zustand unseres Landes ist erbärmlich. Erpressungen, Plünderungen, 
Räubereien, Grausamkeiten, Gewalttaten, Verwüstung der Weinberge und 
Felder, Wegtreibung des Viehes, Beraubung des Geflügels, Erbrechung der 
Keller und Vorratsräume, die Entweichung der meisten Einwohner in die Ge- 
birge, Familien in Verzweiflung herumirrend, ohne Brot, ohne Lebensmittel, 
die Häuser voll Soldaten, für die kaum Unterhalt aufzutreiben ist." 

Augsburg, 10. Juni. Ein Amtsbericht von General Bellegarde liefert 
folgende Umstände über die Einnahme vom Gotthard und der Teufelsbrücke. 
Der Feind verstärkte sich nach dem am 27. Mai erlittenen Verlust den folgenden 
Tag mit frischen Truppen und schien den wichtigen Posten von Airolo und 
vom Gotthard behalten zu wollen. Ihn aus seinen Stellungen zu sprengen fand 
der Generallieutenant von Hadik es für gut, noch denselben Tag ihn anzugreifen. 
Er führte den Angriff gegen Abend mit drei Kolonnen aus und verdrängte den 
Mittelpunkt des Feindes mit dem Bajonette und etwelcher Reuterei, daß die 
Feinde mit einem beträchtlichen Verluste von Toten, Verwundeten und Ge- 
fangenen fliehen mußten. Ungeachtet der anbrechenden Nacht verfolgte man 
sie bis zum Spital, und der Rückzug würde ihnen bei Airolo abgeschnitten 



206 



worden sein, wenn die linke Kolonne unter dem Befehl des Prinzen von Rohan 
nicht durch die vom Feinde abgeworfenen Brücken gehindert worden wäre, 
zur rechten Zeit einzutreffen. Zu Airolo fanden die Oesterreicher ein beträcht- 
liches Magazin von Reis und anderen Lebensmitteln und eine Menge von Kauf- 
mannswaren, welche der Feind teils in Beschlag genommen, teils an anderen 
Orten geraubt hatte. Indessen rückte bei Anbruch des folgenden Tages der 
Graf von St. Julien mit seiner Brigade gegen die Teufelsbrücke, nahm sie weg 
und machte viele Gefangene. Der Feind mag innert den drei Tagen bei 600 
Tote und Verwundete und bei 4000 Gefangene verloren haben. 

Luzern, 13. August. Lecourbe soll die Oesterreicher, die im Kanton Uri 
liegen, über einen Teil der Gletscher umgehen, bei Ursern vordringen und sie 
samt und sonders in dem Rücken packen; dazu werden 200 Schlitten zurecht 
gemacht und schlittförmige Lafetten verarbeitet. Bis man bei Ursern vorge- 
drungen ist, werden zur See falsche Angriffe gemacht werden; vor einigen 
Tagen haben die Franken den Flecken Flüelen vom See her in einen Aschen- 
haufen verwandelt. 

Haslithal, 15. August. Anfangs dieser Woche vermehrten sich die Franken 
bei uns bis auf ungefähr 6000. Vorgestern Abend verreiseten sie nach Gadmen 
und Guttannen, um die Kaiserlichen gestern im Wallis und gegen Uri anzu- 
greifen und soeben erhalten wir den bestimmten Bericht, daß sie in Schwyz 
und Uri eingerückt seien. Am letzteren Orte seien viele bewaffnete Bauern 
gefangen und niedergemacht worden. Auf der Grimsel währte gestern das 
Gefecht neun Stunden lang. Endlich erstiegen die Franken den Berg im Sturm- 
marsch. Tote und Blessierte auf beiden Seiten etwa 100 Mann. Nach heutigen 
Berichten soll das Wallis nun von den Kaiserlichen geräumt sein und die 
Franken sollen sich von unten und oben vereinigt haben. 

Die Franken haben am 13. die Verschanzungen am Simplonberge erobert. 
Seither schlug man sich ohne Aufhören, bis es den 15. nach einem harten 
Widerstand den Franken gelang, den Berg zu umringen, sich desselben zu 
bemächtigen und die kaiserlichen Truppen, welche ihn besetzt hielten, gefangen 
zu nehmen. 180 der letztern sind bereits eingetroffen. 

Luzern, 16. August. Am 13. abends schiffte Lecourbe noch zehn Grenadier- 
Compagnien mit vielem Kriegsgeräte ein; er selbst verreiste um Mitternacht. 
Die zehn Compagnien fuhren auf die Höhe von Gersau, ein Teil wurde dort 
ans Land gesetzt, der andere schiffte nach Brunnen, und Lecourbe an die 
Treib. Mittwochs, schon bei anbrechendem Tage, hörte man fürchterlich die 
Kanonen donnern rings um den Waldstättersee, von Kindlismord bis auf Flüelen. 
Den ganzen Morgen dauerte dieses infernale Gebrüll, als ob Himmel und Erde 
darüber hätten einstürzen können. Gegen nachmittags 3 Uhr brachte man über 
Wasser einige verwundete Franzosen, eine Stunde nachher mehrere und späterhin 
ein ganzes Schiff voll. Xun endlich vernahmen wir mit Gewißheit, daß auf 
allen Punkten angegriffen worden und das Gefecht bei Brunnen weit am hart- 
näckigsten gewesen. Die Oesterreicher hatten dort zwei Batterien angebracht, 
die erbärmlich auf die französischen Schaluppen, Flötze feuerten. Eine Kolonne, 
die sie über Land in der Flanke angriff, brachte sie endlich zum Schweigen. 
Die Truppen landeten und halfen noch ihren Kameraden das vor etwa fünf 
Wochen geplünderte Brunnen plündern. Oesterreicher waren sehr wenig im 
Gefecht, aber desto mehr Bauern, und die haben aufs hartnäckigste drei Stunden 
lang gestritten ; es sollen viele von ihnen geblieben sein. Sie erhielten keinen 
Pardon. So viel gefangen wurden, so viel wurden erschossen. Auch die Franken 
haben stark gelitten. Unser Spital ist von blessierten Soldaten angepfropft und 
im Jesuitenkollegium liegen die Offiziere. Tote zählen sie eine Menge, General 
Oudinot und ein anderer sind hart verwundet. Die Einwohner von Schwyz 
haben sich mit ihrer Habe in die Berge geflüchtet, selbst im Flecken Schwyz 
blieb der Rößliwirt einzig zurück. Bei Rapperswyl und in derselben Gegend 
ward bis abends 1 Uhr gefachten. Lecourbes Plan war dieser : General Gudin 



207 

drang über Brienz und Guttannen gegen Wasen vor, Loison marschierte von 
Stanz und Seelisberg nach Altdorf, Boisvin von Arth aus auf Brunnen und 
Schwyz, unterstützt von dem See her von Lecourhe. Chabran zog von Zug 
nach Einsiedeln und von da über den Etzel nach dem Zürichsee. Auf allen 
Punkten siegten die Franken. Lecourbe hat sein Hauptquartier von Luzern 
nach Altdorf verlegt. 

Luzern, 23. August. Heute soll der Freiheitsbaum im Flecken Schwyz 
wieder aufgerichtet werden. Von ungefähr 3500 Aktivbürgern, die zu diesem 
Distrikt gehören, sind 10—15 Individuen anwesend; die übrigen, Greise, Männer 
samt Weibem und Kindern, haben sich beim Anrücken der Franken über den 
Pragel nach Glarus und von da nach Wallenstadt geflüchtet. 

2. Oktober. Vorige Woche sind die Franken auf dem Gotthard von den 
Russen angefallen und nach einem fürchterlichen Gefecht, das bis in die Nacht 
dauerte, verjagt worden. Viele Franken haben bis 80 Patronen verschossen. 
Noch stunden sie zum Steg und bei Wasen, so daß das Passage durch Uri den 
Russen noch nicht offen war. Aber gleich darauf sollen die von allen Seiten 
andringenden Russen die Franken von allen ihren Posten verjagt haben und 
Meister von Uri, vielleicht auch von Glarus geworden sein. Die Franken zogen 
sich über die Furka ins Wallis zurück, wo nach neueren Berichten die Kaiser- 
lichen bis Siders vorrückten. 

Schwyz, 23. November. Welch ein Elend herrscht noch am Gotthard überall ! 
Im Dorf Hospenthal liegen noch 20 Personen krank, einige sind seit kurzem 
wieder gestorben. In Realp greift die Krankheit ebenfalls wieder um sich. In 
Göschenen liegen 25 Personen darnieder. In Realp, das 15 kleine Häuser hat, 
die ungefähr von 180 Menschen bewohnt sind, stehen zwei Compagnien Soldaten. 
Tote, Kranke, Gesunde, Soldaten wohnen in einer sehr kleinen Stube beisammen, 
und oft liegen die Kranken in eiskalten Kammern, damit die Soldaten warme 
Wohnstuben haben. Hospenthal hat 35 Häuser und sechs Compagnien zur 
Einquartierung. Urseren mit 70 Häusern muß fünf Compagnien halten und 
außerdem noch Bäckerei, Metzge, Ambulance und einen Troß von Eseltreibern. 

Altdorf, 1. Dezember. Im Thale von Urseren liegen noch immer 13 Com- 
pagnien, die nun, was das Aergste ist, schon seit drei Tagen ohne Fleisch 
und Brot sind. Die armen Einwohner müssen die Soldaten ernähren. Diese 
Unglücklichen, welche zwei Drittel ihres Viehes verloren haben, besitzen nur 
noch wenige gute Milchkühe. Sollten sie diese noch liefern müssen oder durch 
den Raub verlieren, so bleibt den Elenden wahrhaftig nichts als Verzweif- 
lung übrig. 

Peri, Pietro, Storia della Svizzera Italiana, II. ediz., Lugano 1866, S. 144 ff. 
erzählt, daß Bürger der Gemeinde Quinto (Leventina) am Sonntag den 28. April 
die Fuhrwerke der Division Lecourbe auf der Straße zwischen Fiesso und 
Ambri infer. angegriffen hätten. Ein Stabsschreiber, die Wagenwachen und eine 
kleine Abteilung Kanoniere wurden gefangen und mißhandelt. Die Gemeinde 
Quinto zeigte derjenigen von Faido sogar das Geschehnis mit triumphierenden 
Ausdrücken an. Hierauf zogen 400 Aufständische aus der ganzen Leventina 
unter Euhrung des noch nicht zwanzig Jahre alten Giuseppe Antonio Camossi 
den Urnern zu Hülfe. Bei dem Gefechte auf der Höhe des Gotthard-Passes 
verloren die Leventiner 34 Mann an Toten, von denen 28 aus Airolo selbst 
waren. Quinto, Faido und Giornico erlitten dann am 18. Mai durch die Division 
Lecourbe eine Brandschatzung von je 5000 Franken. 

Die Brigade Rohan, welche am 10. Mai abends in Lugano einzog, wurde 
dort allgemein mit den Rufen: „Viva Francesco IL! Vivano i nostri liberatori!" 
empfangen. Zuerst fiel der Freiheitsbaum, welcher 3000 Lire gekostet hatte. 
Dann forderten und erhielten die neuen „Befreier" in 4 Tagen 15 800 Rationen 
ohne das Pferdefutter; die Kosten betrugen überhaupt bis zum 21. Mai über 
40 000 Lire. Zudem mußten sämtliche Seebarken bis auf fünf nach Capolago 



208 



geliefert werden. Der seit der Gegenrevolution vom 28. /29. April im Stadt- 
gefängnis sitzende helvetische Militärinspektor Major Mayer von Trimmis (Grau- 
bünden) kam am 15. Mai nach Ungarn auf die Festung. 

An dem Gefechte vom 17. Mai auf dem Monte Cenere nahm auch, als 
Reserve der Brigade Strauch, das von dem bekannten altgesinnten Posthalter 
Rossi befehligte „Corpo scelto" teil. 

Karten : Topogr. Karte Bl. XIII. XIV. XVIII. XIX. XXIV. Topogr. Atlas 
Bl. 263. 394. 398. 399. 407. 



IV. Die Ereignisse während der Waffenruhe. 

131 (S. 105). Xach Dedon (S. 22) ließ Luzern eine Art von Kanonierflößen, 
erstellen und durch schiffartsgeübte Bürger bemannen. Dazu trat das große 
Schiff, die „Länder-Baue" genannt, dessen Ausrüstung nebst sechs weiteren 
Schaluppen das helvetische Direktorium durchführte. Lecourbe wird auch noch 
andere Xauen und Schiffe der Ufergemeinden genommen und für seine Zwecke 
dienstbar gemacht haben. Befehlshaber der Flottille auf dem Vierwaldstättersee 
im Sommer 1799 waren der französische Geniehauptmann Henri Chapel und 
der Infanteriehauptmann Schumacher aus Luzern. 

Das Feldtagebuch schreibt über diese Angelegenheit unterm 21. Thermidor 
(11. Juli) : „ . . . Du moment de son arrivee ä Lucerne (Lecourbe), sentant la 
necessite d'etre maitre du lac, il mit tout en usage pour faire construire des 
chaloupes canonieres qui du moment qu'elles furent jetees ä l*eau, allaient 
croiser pres de Fluelen. Cette invention rendit les plus grands Services au 
general Lecourbe, en ce que par les croisieres continuelles sur le haut lac 
toute communication entre Fluelen et Bauen etait interceptee." 

132 (S. 106). Gudin entstammte dem kleinen Provinzadel. Geboren 1768 zu 
Montargis, war er Mitschüler von Xapoleon, 1784 Unterlieutenant im Infanterie- 
regiment Artois, 1791 Lieutenant. Xach dem Feldzuge auf St. Domingo Adjutant, 
forderte er 1793 enttäuscht seinen Abschied. Der bekannte Gerard hielt den 
jungen Mann von diesem Schritte zurück und wirklich erfolgte schon 1794 die 
Ernennung zum Generaladjutanten, 1795 die zum Brigadechef und Chef des 
Generalstabes im Corps des Generals Gouvion St. Cyr. Im Februar 1799 Brigade- 
general, 1800 Divisionär, wird er auch rühmlich in den FelcLzügen von 
1806/1807 und 1809 (Wagram) genannt. Bei Volutina-Gora tödlich verwundet, 
starb Gudin tief betrauert vom Kaiser am 22. August 1812 zu Smolensk. 

133 (S. 106). Zu diesen Aenderungen bemerkt Lecourbe im Feldtagebuch : 
„Par la position qu'avait pris le general Lecourbe sur les hauteurs de Bauen 
et de Seelisberg et en occupant tous les sommets des montagnes sur la rive 
gauche de la Reuss et du lac de Waldstetten, il s'etait conserve la facilite de 
deboucher quand il le voudrait dans la vallee de la Reuss. . . ." 

134 (S. 107). Lecourbe bemerkt im Feldtagebuche: „Le succes de cette 
journee est du ä l'intrepidite et au courage du capitaine Duchet qui, avec 40 
hommes, arreta l'ennemi pendant 4 heures sur les hauteurs de Bauen et donna 
le temps aux 4 compagnies d'arriver ; le brave officier prit alors le commande- 
ment et enfonga l'ennemi de toute part. Le general Lecourbe l'a nomme chef 
de bataillon sur le champ de bataille." 

Karten : Topogr. Karte Bl. XIII. 



209 



V. Die Wiedereroberung des Gotthard. 

135 (S. 109). Die in diesem Abschnitte behandelten Ereignisse beleuchtet 
ausführlich Prof. Dr. Meyer v. Knonau, Die kritischen Tage des Gebirgskampfes 
im Koalitionskriege 1799, abgedruckt im VII. Bande der Neuen Alpenpost, 
Zürich 1878, S. 78. 89. 99. 109. 118 ; sowie im Neujahrsblatt der Zürcher Feuer- 
werkergesellschaft von 1887. Diese Arbeit stützt sich auf die vornehmsten 
gedruckten Quellen. 

136 (S. 111). Dieser Feldzugsplan, datiert vom 27. Thermidor (14. August), 
findet sich bei Jomini (Pieces justificatives Nr. 2, im IV. Bande der belgischen 
Ausgabe) und bei Clausewitz (II, 56). 

137 (S. 113). Einzelne Ausgaben behaupten, die Brigade Boivin sei in 
diesen Tagen von General Molitor befehligt worden. Das Feldtagebuch weiß 
jedoch nichts von der Aenderung in der Person des Führers, es erwähnt Molitor 
erst unter dem 28. August. So darf also wohl angenommen werden, daß Boivin 
an jenem Tage die Brigade des linken Flügels wirklich führte. 

138 (S. 115). Nach einer im Thale erhaltenen Ueberlieferung wäre der 
Sturm erst beim dritten Anlaufe gelungen und nicht ohne erhebliche Verluste 
geglückt. 

139 (S. 116). Hierüber besonders: Lohbauer, R., Prof., Der Kampf auf der 
Grimsel am 14. August 1799, Bern 1838. Die kleine Arbeit ist darum von 
Wichtigkeit für die Darstellung der Ereignisse, weil Lohbauer noch die Er- 
zählungen von Augenzeugen zu verwerten vermochte und es auch wirklich that, 
freilich in der denkbar schwülstigsten Sprache, welche jene romantische Zeit 
„bilderreich" nannte. 

140 (S. 117). Warum nennt Lohbauer den Fahner einen Verräter ? Er ge- 
hörte keinem der kriegführenden Staaten an, war dagegen ein Günstling der 
Franzosen und mußte diesen unfreiwillig Führerdienste thun. Fahner scheint 
ein mindestens recht kindlich denkender Mensch gewesen zu sein, sonst hätte 
er doch wohl die Bitte in Bezug auf den Räterichsboden nicht gestellt. 

U1 (S. 122). Der Bericht von Lecourbe über die Ereignisse der drei Tage 
bei Bousson 214 ff., Nr. 48. Er ist an Massena gerichtet und vom 30. Thermidor 
(17. August) aus Altdorf datiert. 

142 (S. 124). Gabriel-Jean-Joseph, Graf Molitor wurde am 7. März 1770 zu 
Hayange im Mosel-Departement geboren. Er war also ein Welschlothringer. 
Für die Revolution begeistert, begann er seine militärische Laufbahn als Capi- 
taine eines Freiwilligenbataillons (1792). Anfang 1799 erstieg er den Grad des 
Brigadegenerals. Im Jahre 1800 befehligte Molitor eine Division im Corps 
Lecourbe, die, als „Flanqueurs de droite" bezeichnet, gegen Vorarlberg handelte 
und die Besetzung von Bünden durchführte. Molitor trat 1805 in Dalmatien, 1807 
in schwedischen Gebietsteilen mit vieler Auszeichnung auf. Der Kaiser belohnte 
ihn auch mit dem Grafentitel. Am 19. Mai 1809 säuberte er die Lobau von 
den Kaiserlichen und leistete erfolgreichen Widerstand bei Aspern. In den 
folgenden Jahren, als Gouverneur in Hamburg wie in Holland, sorgte er sehr 
für seinen eigenen Nutzen. An den hundert Tagen nahm er nicht teil, dagegen 
beendete er 1823 den spanischen Krieg und empfing vom Könige die Pairs- 
würde und den Marschallstab. Ein eigentliches Amt übernahm er damit nicht, 
sondern lebte ziemlich zurückgezogen schriftstellerischen Arbeiten, welche im 
Spectateur militaire nach und nach erschienen. Erst 1847, zum Gouverneur 
des Invalidenhauses und 1848 zum Großkanzler der Ehrenlegion ernannt, trat 

Günther, Feldzug 1799. 14 



210 



er wieder mehr in die Oeffentlichkeit, starb jedoch bereits am 28. Juli 1849 zu 
Paris. — Im Jahre 1815 war es Molitor, welcher seinen alten Vorgesetzten, 
den Generallieutenant Lecourbe, dem Kaiser vorstellte. 

Karten: Topogr. Karte Bl. XIII. XIV. XVIII. Topogr. Atlas Bl. 393. 394. 
397. 398. 403. 407. 411. 490. 494. 



VI. Suworoff. 



143 (S. 128). Einen Beitrag zur Geschichte dieses Feldzuges und zur Kritik 
seiner Geschichtsschreiber gibt Dr. Otto Hartmann in : Der Anteil der Russen 
am Feldzuge von 1799 in der Schweiz, Zürich 1892. 

144 (S. 145). Hier einige Lebensbilder der Gehülfen. von Suworoff: 
Andrej Grigorewitsch Rosenberg wurde 1740 geboren und entstammte dem 

Adel Kurlands. Seit 1753 Soldat, stieg er 1757 infolge seines Verhaltens in 
der Schlacht von Groß- Jägerndorf zum Fähnrich auf, bei Kunersdorf 1759 
erhielt er den Grad eines Unterlieutenants. Bei Tscheme im ersten Türken- 
kriege Capitainelieutenant in der Garde, 1775 Oberst, 1782 Generalmajor, 1790 
Generallieutenant, 1797 General der Infanterie, 1800 Gouverneur von Kamenz- 
Podolski, 1803 von Cherson, 1805 verabschiedet, gestorben 1813. 

Otto Wilhelm Christorowitsch Derfelden (eigentlich von der Felden) ent- 
stammte dem esthländischen deutschen Adel und ward 1735 geboren. Von Kor- 
poral (1754) im Leibgarde-Kavallerieregiment stieg er 1775 zum Oberst, 1777 
zum Generalmajor, 1784 zum Generallieutenant auf. Suworoff zeichnete ihn 
nach der Schlacht am Rimnik ganz besonders aus und nahm ihn 1794 nach 
Polen mit, worauf Derfelden 1795 General der Kavallerie ward. Er galt als 
der eigentliche Nachfolger und Stellvertreter des Oberfeldherrn im Kriege 
von 1799. Schon 1800 verabschiedet, starb er im Oktober 1819. 

Maxim "Wassiljewitsch Rehbinder, geboren 1730, war noch 1750 gemeiner 
Soldat, er fand aber in den Türkenkriegen Gelegenheit sich auszuzeichnen. 
Plötzlich erlangte er auch die Gunst des allmächtigen Potemkin, wurde 1787 
Oberst, das Jahr darauf Generalmajor, 1799 Generallieutenant. Rehbinder fand 
bei seinen Truppen eine schwärmerische Verehrung und hieß bei ihnen „Vater." 

Fürst Peter Iwanowitsch Bagration aus Grusien, geboren 1765. Von 1782 
an in russischen Diensten und zwar als Sergeant im kaukasischen Musketier- 
regiment. Bereits 1793 Major, nach dem Sturme auf Praga Oberstlieutenant, 
1798 Oberst, 1799 Generalmajor, gestorben 1812. Der Liebling von Suworoff. 

Michael Andrejewitsch Miloradöwitsch stammte aus Serbien und wurde 1770 
geboren. Mit 18 Jahren im Garderegiment Ismailow Sergeant, erhielt er doch 
gelehrte Bildung auf den Universitäten Königsberg, Göttingen und Straßburg. 
Darauf besuchte er die Artillerieschule in Metz und nahm 1788 als Lieutenant 
am Feldzuge gegen Schweden teil. Erst 1796 wurde er Hauptmann, dann auch 
als ganz besonderer Günstling Pauls, dessen Launen er vorzüglich zu ertragen 
wußte, Major, 1797 Oberst, 1798 Generalmajor, 1799 in der Schweiz „Dujour- 
General der Armee" (Generaladjutant). Ein steter Begleiter Suworoffs, wußte 
er diesen völlig zu gewinnen. Miloradöwitsch war sonst ein ganz gewöhnlicher 
Streber und Intriguant ohne höhere Einsicht. Er fiel im Feldzuge 1812. 

U5 (S. 151). Zu vergleichen: v. Bernhardi, Denkwürdigkeiten aus dem Leben 
des Grafen Toll, 2. Aufl., Leipzig 1865, Bd. I. Toll war damals Stabscapitaine 
im Corps Miloradöwitsch. 



211 



146 (S. 152). Damit stimmt die Anekdote, welche Ebel (II, 51) gibt, schlecht 
überein : „Als die Russen unter General Suwarow den 25. September liier an- 
kamen, waren sie dergestalt ausgehungert, daß sie aus Mangel anderer Lebens- 
mittel ein ungeheures Stück Seife, welches sich in der Vorratskammer des 
einen Wirtshauses fand, verzehrten und die auf den Böden hängenden ge- 
trockneten Tierfelle zerschnitten, kochten und aßen." (Damals hatte Andermatt 
als Gasthäuser die „Drei Könige" und die „Sonne.") 

147 (S. 156). Das französische Infanteriegewehr Mod. 1777 besaß ein Kaliber 
von 18 mm. Von 200 Schüssen trafen bei Friedensübungen auf 75 m 145, auf 
150 m 97, 225 m 56, 300 m 32, 375 m 10 Schüsse eine große Kolonnenscheibe. 

148 (S. 156). Das Feldtagebuch enthält folgenden Eintrag von der Hand 
Lecourbes: „Nos troupes furent obligees d'abandonner le trou d'Ury et d'abattre 
le chemin adosse ä la montagne d'Joch pres le Pont du Diable pour contenir 
la masse de Tennemi, ses tirailleurs se porterent apres avoir passe la Reuss, 
sur le sommet de cette montagne oü le combat s'engagea vivement." Diese 
allgemein gehaltene Beschreibung besagt nicht viel. Daß um das Urnerloch 
in der von Miliutin angenommenen Weise gekämpft worden sei, läßt sich aus 
dieser Angabe sicher nicht entnehmen. Was Lecourbe unter „Joch-Berg" ver- 
steht, ist wohl der stufenartige Abfall des Gütsch bei der Brücke, also das 
rechte Reußufer. Von dort kann man nämlich auf 120— 200 m Entfernung die 
Stellung auf dem Teufelssteine unter eine Art von Flankenfeuer nehmen. Ein 
Teil der Russen hat ganz sicher diesen Vorteil benutzt, nachdem die Kameraden 
den Fluß überschritten. Ein Gefecht entspann sich hier, aber es war lediglich 
ein Feuergefecht und zwar immer auf größere Entfernung für die damalige 
Infanteriebewaffnung. Entscheidend wirkte demnach auch diese Bewegung 
keinenfalls. 

Der „zähe Widerstand" der Franzosen an der Teufelsbrücke, auf ' den 
mehrfach bei der Besprechung jener Vorfälle verwiesen wird, wurde weit weniger 
durch die „taktische Umgehung" der Russen als durch die „strategische Um- 
gehung" der Oesterreicher unter Auffenberg, welche zu Entsendungen nötigte, 
gebrochen. 

149 (S. 160). Oberst Tiesenhausen beschrieb in seinem späteren Alter die 
Erlebnisse aus diesem Feldzuge. Vergl. Archiv des historischen Vereins des 
Kantons Bern S. 536. 

150 (S. 161). Bousson 228, Nr. 56. 

151 (S. 163). Das Feldtagebuch erklärt den großen Verlust der Russen mit 
den Worten: „Aucun Russe n'ayant voulu se rendre, plusieurs furent tues ä 
coup de bajonette." 

15! (S. 163). Bousson 228 ff., Nr. 57—60. 

153 (S. 166). Am 6. September 1894 wiederholte die kombinierte XV. Brigade 
bei sehr schlechter Witterung den Marsch der Russen über den Kinzig-Paß. 
Die Spitze dieser Truppen gelangte, einschließlich der für die Gefechtsübung 
dienenden Zeit, in 11 Stunden von Spiringen nach Muotathal. 

154 (S. 169). Bousson S. 222, Nr. 50/51 ; S. 229/230, Nr. 57. Lecourbe an 
Massena aus dem Bivouac an der Seedorfer Brücke vom 5. Vend. (27. Sept.) : 
„Je reeois ä l'instant une depeche du general Molitor qui m'annonce la triste 
nouvelle qu'un bataillon et demi de la 76 e a ete pris en entier, avant-hier, 
dans le Klönthal (Sernfthal). D'apres mes ordres, le general Molitor l'avait 
envoye sur Flims; il devait arriver le trois sur Wichlen, et me joindre le lende- 
main sur Ilanz." Boillot 195, Anm. 1 gibt das Schreiben von Lecourbe aus 



212 



Altdorf an Molitor, vom 1. Vendemiaire, welches die näheren Anordnungen fin- 
den Marsch gibt. 

Erzherzog Karl behauptet, daß die Oesterreicher am Wichler Bad 2 Ba- 
taillone gefangen genommen hätten. Es waren aber nur l'/a, wenn die Angabe 
von Lecourbe richtig ist. Im Texte dieser Arbeit ward kurz von „1 Bataillon" 
gesprochen, da die Truppe gewiß nicht stärker war. 

155 (S. 170). Am 29. September sendete Suworoff aus Muotathal einen 
Bericht über die Ereignisse an Kaiser Franz. Darin heißt es ausdrücklich : 
„Am 29. erhielt ich vom General Linken die unangenehme Nachricht u. s. w." 
Beide Führer unterhielten demnach für ein paar Tage wenigstens Nachrichten- 
verbindung. Der erwähnte Bericht ist abgedruckt bei Fuchs III, 348. 

156 (S. 171). Auf die Stimmung des Marschalls in dieser Stunde wirft die 
Erzählung von Bagration (Miliutin IV, 99/100) ein grelles Licht. 

157 (S. 173). Aus: Wieland, Kriegsbegebenheiten in Helvetien und Bhätien 
II, 163. 

158 (S. 173). Freuler, Kurze Geschichte des veränderten Schicksals und 
kriegerischen Auftritten, welche den alten Kanton Glarus vom Jahr 1798 bis 
1801 betroffen haben. Glarus 1801. 

159 (S. 175). In Molitors Bericht heißt es: „...La troisieme demi-brigade 
helvetique qui a combattu dans nos rangs, electrisee par les Souvenirs de Näfels, 
a rivalise de valeur avec nos braves." Koch, Massena III, 389 spricht ebenfalls 
von der III. Halbbrigade : dTzarny (116), ganz im Sinne der neuern französischen 
Geschichtschreibung, weiß von der tapfern That der Schweizer überhaupt nichts. 
Dies möchte ja sonst dem Buhme der Franzosen Abbruch thun! 

160 (S. 175). Bousson 234—236, Nr. 61/62. 

161 (S. 176). Sehr willkommen für die Darstellung dieser Ereignisse ist das 
Tagebuch der Waldburga Mohr aus den Jahren 1798/1799, abgedruckt im 
Geschichtsfreund, Mitteilungen des historischen Vereins der fünf Orte, VI, 
Einsiedeln 1849. 

162 (S. 176). Dr. Hartmann S. 135, Anm. 1 findet in den zwei Schreiben 
von Lecourbe, d. d. 29. morgens 8 Uhr, einen merkwürdigen Widerspruch. In 
dem einen fordert er Mortier auf, schleunigst Schwyz zu decken, in dem andern, 
an Soult, sagt er, die 4. Division, eben diejenige Mortiers, sei schon in Schwyz 
angekommen. Die Briefstelle an Mortier (Bousson 235) lautet nun : „Vous 
n'avez pas de temps ä perdre pour prendre des dispositions et couvrir Schwitz." 
Das heißt doch ganz einfach: Beeilen Sie sich mit Ihren Anordnungen und 
halten Sie Schwyz (wo Sie sich bereits befinden). 

163 (S. 177). „Am 1. griffen die Franzosen; bei 10 000 Mann, wie man 
gesagt, zum Mittag hinter der steinernen Brücke in des Geisers Mattli wieder 
an; sie schössen erstaunlich viel und das Gefecht war heftig, während dessen 
noch immer Bussen vom Berg herabströmten. Die, welche um die Brücke 
schlugen, zogen sich besser in das Thal hinein in die riesigen und stürmten 
hier auf die Franken ; dann zogen sie sich weiter zurück auf unsere Großmatt, 
verfolgt von dem beständigen Feuer des fränkischen groben und kleinen Ge- 
schützes. Endlich liefen die Bussen Sturm auf die Franzosen, etwa 800 Keiter 
auf den beiden Bergseiten, in der Mitte des Thals das Fußvolk. Die Franzosen 
wurden geschlagen, sie retirierten über Hals und Kopf, durch die engen Wege, 
über die steinerne Brücke, wo viele hinabstürzten, teils im Gedränge sich 
gegenseitig hinabrissen. Das Fußvolk der Bussen verfolgte sie nicht weiter als 
bis Schönenbuch, die Beiterei aber bis Ibach und darüber hinaus. Da wurden 



213 



11 französische Offiziere, darunter ein General, sein Adjutant, ein Bataillons- 
kommandant, und 1500 — 1600 gemeine Gefangene eingebracht u. s. w." Dies 
die Erzählung von Waldburga Mohr. 

„Am 1. Oktober wagte der General Massena mit der Division Mortier und 
der 67. Halbbrigade von der Division Lecourbe einen zweiten, aber heftigen 
Angriff auf den General Rosenberg, um Suworows Marsch aufzuhalten und den 
Kolonnen, die er von allen Seiten gegen ihn heranziehen ließ, Zeit zu ver- 
schaffen, bei ihren verschiedenen Posten anzukommen. Er besetzte die Höhen 
links und rechts von diesem engen Thale mit Corps, die seine Bewegung, die 
er mit einer starken Kolonne machte, die über die Landstraße in den Mittel- 
punkt des Thaies vorrückte, unterstützen und vornehmlich den Russen in den 
Rücken zu kommen trachten sollten. Da General Rosenberg diese Absicht 
wahrnahm, ließ er 5 Bataillone als Reserve, und mit dreien (indem die Breite 
des Thaies keine größere Fronte zuließ) griff er, von 2 Regimentern Kosaken 
unterstützt, den Mittelpunkt der Franzosen an. Diesen gab ihr schweres Ge- 
schütz, welches eine allzu schreckliche Verwüstung anrichtete, anfänglich den 
Vorteil, nichts konnte aber der Nachdrücklichkeit des russischen Angriffes 
widerstehen. Drei Kanonen wurden sogleich von den Russen genommen und 
das Centrum der Franzosen durchbrochen, worauf auch die Seitenkolonneu 
flohen ; die 67. Halbbrigade war durch ein Mißverständnis aufgehalten worden 
und hätte um 4 Stunden früher auf dem Schlachtfelde eintreffen sollen. Der 
General Rosenberg benützte die Verwirrung der Franzosen und verfolgte sie 
über Schwyz hinaus. Von ihnen wurden an 300 getötet, von den in den Fluß 
Mutten Gejagten ertranken mehr als 100 Mann, gefangen genommen wurden 70 
und verwundet über 1000. Die Nacht unterbrach den Kampf, und die Truppen 
nahmen ihre vorige Stellung wieder ein." Seida und Landenberg 365. 

„Le 1 er octobre, Massena fit recommencer l'attaque. Les Russes opposerent 
encore une grande resistance ; deux fois le general Rosenberg se mit ä la tete 
de ses grenadiers, mais deux fois il fut culbute avec de grandes pertes. Ce- 
pendant, comme le general Mortier recevait des renforts et que le general 
Lecourbe arrivait par le Schächenthal, les Russes reculerent jusqu'au village 
Muota, oü ils furent soutenus par quelques bataillons amenes par Souvarow 
lui-meme." Diese Schilderung voll Phantasie entstammt dem Büchlein von 
d'Izarny (S. 117). Es zeigt das deutlich, wie flüchtig der Verfasser arbeitete. 

164 (S. 178). Das Feldtagebuch berichtet unterm 30. September: „Souwarow 
se decida enfin ä deboucher le 9 de la vallee de Mutheii pour se porter sur 
Schwitz. (Darnach hätte also Rosenberg und keineswegs Massena am 30. Sep- 
tember angegriffen. Schon diese unrichtige Angabe beweist deutlich, daß Lecourbe 
dem Gefechte nicht beigewohnt hat, sondern nur nach Beschreibungen desselben 
diesen Eintrag machte.) Soit que son attaque eüt ete des plus vives, ou que 
l'apparition premiere des grenadiers russes en ait impose ä nos troupes, elles 
se replierent en desordre sans se defendre, quoi qu'ait pu employer le general 
en chef Massena. TJn bataillon de la 67 e demi-brigade envoye par le general 
Lecourbe (diese Stelle zeigt doch ganz deutlich, daß Lecourbe nicht zugegen 
war) sur Brunnen arriva si ä propos que la colonne russe, qui croyait dejä 
obtenir un succes, fut prise de flanc et obligee de se retirer principalement 
dans la vallee d'oü eile venait ; la division du general Mortier revint alors sur 
ses pas et reprit une piece de canon qu'elle avait perdue " 

Diese Stelle des Tagebuches macht auch dem Schwanken ein Ende, das 
Dr. Hartmann zeigt (S. 148/149), welcher ebenfalls anzunehmen scheint, Lecourbe 
habe dem Gefechte vom 9. Vendemiaire (I.Oktober) beigewohnt. Daß die zur 
Brigade Gudin gehörende 67. Halbbrigade hier einzugreifen vermochte, ist doch 
nicht zu bestreiten. Lecourbe hatte Gudin dringende Aufforderungen gesendet, 
ihm Verstärkungen zukommen zu lassen. Der Untergebene gehorchte natürlich 
und schickte die 67. Halbbrigade. 



214 



165 (S. 178). Dr. Hartmann (S. 149) bespricht ausführlich die Gefangennahme 
des oder der Generale, aus denen die verschiedenen Schriftsteller einen Legovic, 
Lacour, Lagourier, Lacourg und sogar Lecourbe machen. Letzterem soll nach 
Fuchs (Miliutin IV, 414) Suworoff für die „trostlose" Gemahlin in Frankreich 
eine Rose verehrt haben, welche der General noch 1814 dankbar vorzuzeigen 
vermochte. Schade nur, daß es gar nicht einen gefangenen Lecourbe, eine 
Gattin und Rosen (Oktober und Muotathal!) gab. 

Dr. Hartmann meint, der betreffende Gefangene sei ein General „ohne 
spezielles Kommando in der Schweiz" gewesen. Das Rätsel löst sich, wenn 
man das Feldtagebuch der Division Mortier durchgeht. Dort heißt es nämlich: 
„Le 9 vendemiaire (1 er octobre) toute la division s'est battue depuis midi jusqu'ä 
7 heures du soir. Elle eprouva un petit echec (sie"!) et ä 5 heures de l'apres- 
midi eile commencait ä se retirer sur Schwitz, lorsqu'un bataillon de la 67 e 
venant de Zug (soll natürlich heißen: Flüelen!) par le lac de Lucerne battit 
la Charge, eulbuta l'ennemi et le forca ä reprendre ses positions de la veille. 
Notre perte fut d'environ 80 morts, 800 blesses et 400 prisonniers de guerre. 
Parmi ces derniers s'est trouve l'adjudant-general Lacour qui s'etait illustre 
dans la journee par des prodiges de valeur." (Lacour befehligte im Winter 
von 180(1/1801 eine Reiterbrigade der Division d'IIautpoul in der Armee von 
Moreau.) Ebenfalls wird hier wiederum ausdrücklich die 67. Halbbrigade er- 
wähnt, aber keineswegs der Name Lecourbe. 

Um die Anwesenheit jener Truppe noch mehr zu bekräftigen, möge noch 
Soult (Memoires II, 319) erwähnt werden. Ihm schrieb der Stabschef von 
Massena, der General Rheinwald, unter dem 11. Vendemiaire (3. Oktober) aus 
Zürich u.a.: „Votre division, citoyen general, sera compose comme suit: 
i>7 e demi-brigade, etc." Damit sind wohl auch diese streitigen Punkte erledigt; 
denn Rheinwald konnte nicht am 3. Oktober über eine Truppe verfügen, von 
der er nicht wußte, daß sie am 1. schon bei der Hand gewesen. 

166 (S. 179). Obwohl Miliutin des Geschehnisses nicht gedenkt, kann daran 
nicht gezweifelt werden. Auch Soult (II, S. 333) schreibt am 24. Vendemiaire 
(16. Oktober) aus St. Gallen an Massena : „Le general Loison m'a rendu compte, 
par une depeche du 14 vendemiaire, que le general Gudin, en s'emparant de 
la vallee dTJrseren, y a fait deux cent prisonniers russes, parmi lesquels se 
trouvent un general-major et plusieurs capitaines." 

167 (S. 179). Das folgende Urteil von Soult (Mem. II, Anmerkung zu S. 267) 
mag des Interesses für den Leser kaum entbehren: „Quelques ecrivains ont 
fait honneur au general Lecoux-be de la defaite du marechal Souwarow et des 
pertes considerables que les Russes subirent, dans leur retraite. Leur legerete 
ä adopter des recits inexaets, et quelquefois interesses, sans prendre la peine 
de les verifier, peut-etre meine d'autres motifs que je ne veux pas appretier, 
sont cause de cette erreur, que j'ai pu contribuer ä aecrediter, par mon silence. 
Mais je n'ai jamais ahne ä entretenir le public de mes Services, et j'ai meme 
plusieurs fois refuse les demandes de renseignements personnels, qui m'ont 
ete faites par des compilateurs de biographies. . . . J'ajoute, pour la memoire 
du general Lecourbe, que sa carriere si brillante et si prematurement terminee 
n'a pas hesoin qu'on lui attribue ce qui ne lui appartient pas. Le general 
Lecourbe, si bien seconde par les generaux sous ses ordres et notamment par 
les generaux Gudin et Loison, rendit h l'armee francaise l'eminent Service de 
retarder la marche de Tarmee russe dans la vallee de la Reuss, depuis le 
Saint-Gotthard jusqu'au lac des Quatre-Cantons, en lui disputant le terrain pas 
ä pas, et en ne cedant qu*ä des forces qui devaient l'ecraser. II deploya au- 
tant d"habilete que de courage et de tenacite. ... La part exclusive qu'on a 
essaye de faire au general Molitor, d'avoir fait echouer le second projet d u 
general SouwaroAV, n'est pas plus exaete. Ce general s'est brillamment conduit 



2U 



il a pris une belle part ä nos succes, et je lui rends toute justice ; mais il 
etait sous mes ordres (sie !), et il n'etait guide que par mes instruetions. . . . 
Dans les Operations contre le marechal Souwarow, coniine au passage de la 
Linth, . . . j'agissais avec une entiere independance." 



Erst nachdem der Druck des Werkes begonnen hatte, gelang es mir, die 
folgenden Tessiner Erinnerungen an den Zug Suworoffs zu sammeln. Ich ver- 
danke sie der freundlichen Vermittlung des hochwürdigen Weltpriesters Pro- 
fessor B. Mercolli, Direktor des Erziehungsinstitutes Elvetia in Locarno. 

Wenn der Wirt in Taverne, welcher voll Begeisterung den russischen 
Marschall hegleitete, Gamba genannt wird, so ist dies ein Irrtum. Er hieß 
Gamma und war einer der Anstifter der Luganeser Gegenrevolution von Ende 
April 1799. (Vergl. Peri, Pietro, Storia della Svizzera Italiana, Il.ediz., Lugano 
1866, pag. 128/129.) 

Von dem Zuge Suworoffs erhielt die provisorische Regierung des Kantons 
Lugano am 8. September Nachricht in einem Schreiben des kaiserlichen Proviant- 
meisters Paul von Lang. Dieser forderte für 30 000 Russen die Anlage eines 
Magazins (in Agno) mit 16 000 Broten zu 30 Unzen mailänd. Gewichts, 18 000 
bis 20 000 Rationen Heu zu 10 Mailänder Pfunden, Branntwein, Holz, Stroh 
und 1200 Säcke Hafer. Thatsächlich bescheinigte ein kaiserlicher Quartier- 
meister Gunzenberg am 12. September der Behörde, daß er 9221 Brote, 10071 
Rationen Reis, 146 Hafer, 860 Mehl, 5193 Hafer und 7135 Heu empfangen habe. 

Sonntag den 15. September kamen die Russen nach Agno und Bironico. 
Großfürst Konstantin und Fürst Bagration suchten und fanden viel Vergnügen 
in Lugano, wobei sie sich sehr freigebig zeigten. Dagegen verwüsteten die 
Truppen das bebaute Land in sclilimmster Weise. Die noch unreifen Trauben 
wurden von ihnen gekocht (!), der in den Kellern lagernde Wein ausgetrunken, 
das Vieh geraubt und geschlachtet. Frauen und Männern riß man die von 
der Bevölkerung beliebten Ohrringe ab und nahm ihnen auch sonst jede Wert- 
sache. Jedenfalls war man im Ceresio sehr froh, als diese „Befreier" endlich 
abzogen. 

Von dem furchtbaren Unwetter, das alle diese Septembertage andauerte, 
wissen die Zeitgenossen viel zu berichten. Im Val Pontirone — einem Seiten- 
thale des Blegno — ward die Pfarrkirche durch Steinschläge zerstört, auch 
verheerte die Calancasca das Dorf Grono in der Mesolcina. 

In Bellinzona ließ Suworoff zwei Pistolen zurück, die an der Landes- 
ausstellung in Genf (1896) zu sehen waren. (Auch die Soldaten haben manches 
Seitengewehr auf den Feldern um Lugano liegen lassen, mit dem sie Früchte 
ausgegraben hatten.) 

Die Beitreibungen für das Heer erstreckten sich natürlich ebenfalls auf die 
Gebiete von Locarno und Val Maggia. In Locarno erschienen die ersten Russen 
am 16. September und ein Teil von ihnen blieb dort bis zum 27., worauf sie 
nach Bellinzona u. s. w. abzogen. AValnscheinlich war dies die nämliche Ab- 
teilung, welche später in Andermatt gefangen wurde. Seit dem August schon 
mußten die Barken der Ortschaften am Nordende des Lago maggiore Fahr- 
dienst für die Russen thun. Die Leute erhielten zwar 40 Soldi Taglohn, aber 
auch nicht selten Stockprügel von den sie überwachenden kaiserlichen Proviant- 
meistern. Der Schaden, den die Durchziehenden im Locarneser Gebiet und im 
Val Maggia anrichteten, betrug für das ganze Jahr 1799 berechnet über 
20U 000 Lire. (Vergl. Compendio delle Rivoluzioni in Italia e nella Svizzera 
fatto dal Cittadino Leopoldo Cerri d' Ascona, Rettore di Minusio. Abgedruckt 
im Bolletino Storico della Svizzera Italiana 1892, Nr. 7/8, S. 154 ff.) 




216 



Ueber den Schaden, welchen die Leventina erlitt, berichtet die „Nemesis" 
VII, 1816, S. 516 ff. („Was das Liviner Thal in den Jahren 1798—1801 zu 
erdulden hatte.") 

Der Kampf um die Teufelsbrücke ward auch schon szenisch dargestellt. 
Am 23. Dezember 1885 führte das Cbätelet-Theater in Paris das bekannte 
Ausstattungsstück „Guerre" von Erckmann-Chatrian auf, in welchem u. a. auch 
dieses Bild vorkommt. 

Das Russendenkmal an der Teufelsbrücke ist im Mai 1896 endgültig noch 
nicht fertig erstellt worden.