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Full text of "Jahrbuch der Gesellschaft für Lothringische Geschichte und Altertumskunde"

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Der 



Gesellscliaft für nützliche Forschungen in Trier 



zur Feier ihres 



hundertjährigen Bestehens 



gewidmet. 



Jahr-Buch 



der 



Gesellschaft für lothringische Geschichte und 

Äftertumskunde 







f^^<i' Zw()lfter Jahrgang 



«*- 



1900, 




METZ 

VERLAG VON G. SGRIBA. 



JAHR-BUCH 



der 



Gesellschaft für lotliriiigisclie Geschichte und 

Altertumskunde 



ZWÖLFTER JAHRGANG 
1900. 



ANNUAIRE 



DE LA 



SOCIETE D'HISTOIKE ET D'AUCHEOLOGIE 

LORRÄINE 



DOUZIEME ANNEE 
1900. 




Inhaltsiibersicht. — Table des niatieres. 



Die Anfiinoe des Klosters Franlautern bei Saarloiiis. Aroliivclirektor Dr. E. Ausfeld, 

Magdeburg 1 

Laut- und Flexionslehre der Mundart der Moselgegend von Oberham bis 

zur Rheinprovinz. Professor Dr. Karl Hoffmann, Metz tjl 

Germanische Siedlungen in Lothringen und England. (Mit einer Karte). 

Oberlandcsgcrichtsrat A. Schiber, Colmar 148 

Aus dem alten Diedenhofen. Raurat E. Knitterscheid, Metz 18H 

Die Grabschrift des Erzbischofs Heinrichs II von Finstingen in der Domkirche 

zu Trier. Universitätsprofessor Dr. Franz Xaver Kraus. Freiburg i R. 237 

Die reichsunmittelbaren Herren im Gebiete des heutigen Lothringen und ihre 

Schicksale in den Jahren 1789^1815. Oberlehrer Dr. F. Grimme, Metz 242 

Heber die sogenannten Juppitersäulen. Professor Dr. Alex Riese, Frankfurt a M. 324 

Bericht über die Erwerbungen des Museums der Stadt Metz. Geschäfts- 
jalu- 19(K). Nebst einem Ueberblick über die Entwickelung der Samm- 
lungen. .1. n. Kenne, Direktor des Museums, Metz ;-540 



hiidicr^ichan. 

Es sind besprochen oder angezeigt : 

II. Derichsweiler. Geschichte Lothringens (der tausendjährige Kampf um 

die Weslmarkj 417 

E. Martin. Histoire des dioceses de Toul, de Nancy et de Saint-Die . . . 419 
Annales de TEst 1900: L. Daville. Note sur la politique de Robert-le-Pieux 

en Lorraine 420 

A. Chuquet. Phalsbourg et les places des Vosges en 1814 421 

Revue ecclesiastique de Metz : F. Cuny. Une confrerie ä Fenetrange au 

moyen-äge 421 

Mondejli. La verite sur le siöge de Bitche 1870—1871 422 

A. Dietz. Die Handelsbeziehungen zwischen Lothringen und Frankfurt a/M. 422 

W. Vüge. Die Elfenbeinbildwerke der Kiiniglichen Museen zu Berlin . . . 422 

Deutsche Reichstagsakten, jüngere Reihe 423 

•lahresbericht des Vereins für Erdkunde 1899/1900: Uibeleisen. Ueber den 
Namen Moyeuvre. .1. R. Koune. Die Zustände im Metzer Gebiete unter 

römischer Herrschaft -123 

J. G6ny. Die Reichsstadt Schletlsladt und ilu- Anteil an den socialpolitischen 

und religiösen Rewegungen der Jahre 1490— 1530 423 

Trierisches Aicliiv 1900: A. Tille. Die lienediktinerabtei Sl. Martin bei Trier 42.') 



Ph. Lauer. Le regne de Louis d'Oulre-Mer 426 

H. V. SauerLind. Eine Abtswahl im Jahre 1322 427 

E. Ungerer. Erinnerungsblätter aus Courcelles-Chaussy 427 

Lothringische Kunstdenkmäler in Gemeinschaft mit Sladtbaumst. Wahn und 

Archivdirdktor Dr. Wolfram herausgegeben von Dr. S. Hausmann . . 428 
Das Reichsland Elsass-Lothringen : Beiträge zur Landesgeschichte von 

Ministerialrat du Prel 429 

Memoires de l'Academie de Metz 1897/8 : Couvent des Dames Precheresses. 

A. Benoit ; Notes sur les dehberations de Tassemblee municipale de 

Cattendm en 1788;'9 par A. Benoit 430 

Professor Dr. Heydenreich. Die Bedeutung der Stadtarchive 430 

Theodor Lerond. Lieder eines Lothringers 431 

Professor A. Seder und Professor Dr. F. Leitschuh. Das Kunstgewerbe in 

Lothringen 431 

F.. Teichinann. Zur Heiligtumsfahrt des Philipp v. Vigneulles im .Tahre 1510 432 



Jahresbericht 434 

Verzeichnis der mit der Gesellschaft in Schriftenaustausch stehenden Vereine 472 
Mitgliederverzeichnis 479 



Die Anfänge des Klosters Fraulautern bei Saarlouis. 

Von Dr. E. Ausfeld, Ma?debnrii. 



Bisher war nichts über die Gründung des Nonnenklosters Frau- 
lautern und iiber die ersten Jahrzehnte seines Bestehens bekannt. 
V. Eltester schrieb 1865^): »Dieses adelige Nonnenkloster Augustiner- 
ordens kommt zuerst im Testamente Erzbischofs Johanns v. Trier 
(f 1212) vor.« Nur wenig weiter zurück reichte die älteste von 
Goerz in den Mittelrheinischen Regesten (11 S. 244, No. 884) veröffent- 
lichte, nicht datierte Besitzurkunde des Klosters, in welcher Friedrich 
Herr von Bitsch ihm eine Schenkung in Pachten bestätigte. Der ganze 
ürkundenbestand Fraulauterns im Staatsarchiv zu Coblenz belief sich 
auf nur einige dreissig Stück. Nun sind im Jahre 1893 aus dem Be- 
sitze des Privatiers Dr. jur. Ziegler in Würzburg, der sie in liberaler 
Weise dem Direktorium der Staatsarchive in Berlin zum Kaufe anbot, 
eine grosse Menge Urkunden erworben und dem genannten Staats- 
archive einverleibt worden, die dem Archive Fraulauterns entstammten 
und ohne Zweifel Ende des 18. Jahrhunderts bei der Auflösung des 
Klosters ostwärts geflüchtet worden waren. Auf Grund dieser Doku- 
mente, deren wichtigste unten im Wortlaute abgedruckt werden sollen, 
mag im Folgenden ein Abriss der ältesten Geschichte des Klosters ge- 
geben werden^). 



ij Mittelrh. Urk.-Buch II, S. LXXV. ~ ') Nachdem ich im Jahre 1897 Coblenz 
verliess, ohne diese Arbeit fertig stellen zu können, war icli verschiedentlich auf 
Mit- und Nachliülfe freundlicher Kollegen angewiesen. Ihnen, besonders den 
Herren Archivdirektor ür. Wolfram in Metz, Archivar Dr. Richter, jetzt in 
Wiesbaden, Dr. Meyer in Coblenz statte ich hiermit herzlichen Dank ab. Ich bin 
mir freilich bewusst, dass so manche Frage erneutes Prüfen der Urkunden, auch 
Nachforschungen an Ort und Stelle des behandelten Gebiets erheischt hätte und 
muss daher hie und da um einige Nachsicht bitten. Die Arbeit ganz aufzugeben, 
wie ich zunächst vorhatte, hinderte mich schliesslich die Liebe zur Sache und zu 
den rheinischen Gegenden, die mir lange Jahre eine zweite Heimat gewesen 
sind; sie weiter auszudehnen und bis zur Aufhebung des Klosters zu verfolgen, 
nuisste ich mir aber unter den bestehenden Verhältnissen versagen. 



— 2 - 

Die Ani'iiiige der geislUcheu Stiftung in Fraiilautern werden in 
einer Urkunde des Erzbiscliofs Hillin von Trier im Jahre 1154^) fol- 
gendermassen geschildert : 

Ein vornehmer Ritter namens Adelbert übergab sein Besitztum 
in Lautern ^'i mit allem was dazu gehörte dem Erzbischof Meginher 
von Trier (1127 — 1130) mit der Bestimmung, dieser möge Mönche der 
Abtei Mettlach zum Dienste Gottes daselbst ansiedeln. Diese sollten 
sich verpflichten, in Läutern eine Kirche und alle zum klösterlichen 
Leben nötigen Gebäulichkeiten aufzuführen. Wäre erst die Stiftung in 
sich erstarkt und der Bestand an Klosterbrüdern angewachsen, dann 
sollte sie von der Abtei Mettlach unabhängig, nicht zins- und abgabe- 
pflichtig sein. Die Abtei aber zögerte, dem M^'unsche oder Befehle des 
Erzbischofs Meginher nachzukommen, und dessen Nachfolger Alb er o 
(1131—1152) veranlasste darum den Stifter Adelbert, den Mönchen 
der Abtei 15 Pfund als Rückkaufspreis seines Eigentums anzubieten. 
Der Antrag wurde gern angenommen, Adelbert zahlte die 15 Pfund 
und Albero setzte nun in Lautern reguHerte Kanoniker ein. Die Be- 
stätigungsurkunde aber,' welche die Mettlacher Mönche von Erzbischof 
Meginher über Lautern empfangen hatten, vernichtete Albero in ihrer 
Gegenwart und mit ihrer Zustimmung auf einer General-Synode, damit 
nicht hernach ein Streit daraus entstehen könne. 

In welchen .Jahren sich diese Ereignisse zugetragen hatten, ver- 
mögen wir nicht näher zu bestimmen ; denn eine Urkunde Alberos 
über die Einsetzung der Augustiner-Mönche in Lautern. die wir er- 
warten könnten, liegt nicht vor, ja es scheint, dass sie überhaupt 
nicht ausgestellt wurde, da Hilhn sie in der erwähnten Urkunde sonst 
wohl auch berührt hätte. Einen Anhalt giebt nur die Regierungszeit 
Meginhers, 1127 — 30, und Alberos, 1131 — 52. Als die General-Sy- 
node aber, auf welcher Albero die Bestätigungsurkunde für die Mett- 
laclier Mönche über Lautern vernichtete, darf man wohl die vom 
Herbste des Jahres 1142^) ansehen, da hier die Anwesenheit des Abtes 
Stephan von Mettlach und des Erzbischofs Hiflin. als damaligen Scho- 
lasticus am Dom zu Trier, bezeugt ist. 

Demnach wäre also die Stiftung Adelberts ^), auf welcher das 
spätere Kloster Fraulautern beruht, in die Jahre 1127 — 1130, die 

^) Siebe unten S. 16 ff. Urkunde No. 1. — ■) Lutra, Lutrea wird der Ort 
in ältester Zeit genannt. Auffallend ist, dass eine Urkunde — unten No. 58 — den 
Namen »Vrowenlulere« schon 1280 abweichend von den übrigen giebt. — 
3) Mittelrh. Urk.-B. I, No. 527. Mittelrh. Regesten I, No. 1996. — *) Wer dieser 
Adalbert war, ist nicht festzustellen; vielleicht der M. U.-B. I, S. 518, zum Jahre 
1128 genannte »s. dei ecclesie devotus et üdclis amicus«. 



- 3 — 

Gründung einer Niederlassung regulierter Kanoniker zu Lauleru wahr- 
scheinlich in das Jahr 1142 zu setzen. Wann die den Mettlacher 
Mönchen aufgetragene Erbauung einer Kirche in Lautern ins Werk ge- 
setzt und durch wen sie erfolgt sei, darüber ist nichts überliefert '). 

Im Jahre 1154 nun finden wir der Urkunde Hillins zufolge einen ge- 
wissen Heinrich als Propst der Niederlassung der Augustinermönche in 
Lautern, die inzwischen noch weitere Zuwendungen von Gütern, nämlich 
in Roden, Wallerfangen, Lendesele (Vj, Ratsweiler und Weiler, auch 
an Weinbergen bei Neumagen am Berge Bovaries^) erfahren hatte. 
Das Besitztum zu Lendesele war ein Geschenk des Herrn Wirich und 
.seiner Mutter Jutta. Es ist anzunehmen, dass wir hier Wirich von 
Neumagen "^) zu verstehen haben. Wenigstens spielen Besitzungen bei 
Neumagen auch ferner eine grosse Rolle in der Geschichte des Klosters, 
und Meffrid von Neumagen ist auch als Zeuge in Hillins Urkunde vom 
.lahre 1154 aufgeführt. 

Hatte so Hillin seinerseits den Hergang bei der Gründung des Klosters 
sowie dessen Besitzstand festgestellt, so erfolgte am 23. Januar 1155 die 
Bestätigung durch Papst Hadrian IV*). Er bestimmte, da.ss die Regel 
des h. Augustin von Lautern zu allen Zeiten unverletzlich beobachtet 
werden solle. Ferner bestätigte er alle rechtmässig erworbenen, 
gegenwärtigen wie zukünftigen Besitzungen der Kirche. Der Besitz- 
stand wird wortgetreu wie in der Urkunde Hillins aufueführt. Niemand 
soll von dem Neurodland, das die Mönche mit eigenen Händen oder 
auf eigene Kosten bebaut. Zehnten einfordern : kein Vogteirecht über 
das Kloster soll bestehen, da aus solchen den Kirchen viele Schäden 
und Beschwerden zu erwachsen pflegen. 

Nur wenige Jahre aber blieben die Augustiner-Mönche in Lau- 
tern. Bereits um 1160 — ganz genau lässt sich das Jahr nicht be- 
stimmen — linden wir dort x\ugustiner- Nonnen vor. Wie und 
warum sich die Veränderung zugetragen, darüber fehlen alle Nach- 
richten. Jedenfalls nennt das Domkapitel zu Trier, als es in einer 

*) Die undatierte Urkunde Erzbischof Alberos, IMittclrb. Urk.-B. 1, No. 550, 

M. lieg. I, 2114, in welcher dem Kloster Mettlach der Gebrauch l)estätigt wird, 

dass gewisse Pfarreien am Festtage der Klosterweihe dahin wallfahren sollen, 

cnlliält die verstümmelten Ortsnamen Lut . . . wilre. Man könnte dieses Lut . . . 

auf I^aulern (Lutre), wilre auf eines der verschiedenen Weiler deuten. Einen 

näheren Anhalt für die Erbauungszeit der Kirche in I^autern erhält man aber 

auch hiermit nicht. — *) Xacli freundlicher Mitteilung des Herrn Hauptlehrers 

Seibert in Neumagen heisst noch jetzt die Gesamtheit aller oberhalb des 

kleinen Ortes Ferres bei Piesport gelegenen Weinberge stets »im Ferreser 

Herg«. »Lendesclct wohl der Linslerhof, Kr. Saarhniis. — •'! M. V .-V, I, S. (172. 

— *; S. unten Urk. No. 2. 

1* 



— 4 — 

iindatierlen rikiiadeM der Kirche in Lautern gegen eine halbe Ohni 
Wein jährlich einen Weinberg an dem Herüber g-) oder Bevilberg 
gegenüber der Feste Neumagen überlässt, den Heinrich »praepositum 
sanctarum sororuni in Lutera«^). 

Den hier dem Kloster überlassenen Weinberg hatte früher Herr 
MetTrid der Aeltere von Neumagen dem Trierer Domstift geschenkt ; er 
war aber in Folge von Vernachlässigung ertraglos geblieben. Vermut- 
lich lag er günstig zu den bereits zu P'raulautern gehörigen Weinbergen 
bei Neumagen und deshalb hat ihn Propst Heinrich für seine Kirche 
erbeten. Er und sein Bruder Dietrich hatten nämlich schon damals, 
als sie der Welt entsagten und das Klosterleben wählten, ihre Wein- 
berge beim Dorfe Bovaries^) der Kirche in Lautern geschenkt. 
Dieser Besitz war völlig abgabenfrei gewesen und hatte keinem Vogtei- 
recht unterstanden. Als er aber in geistliche Hände übergegangen 
war, begann Cuno von Malberg vogteiliche Abgaben davon zu for- 
dern und zu erpressen. Endlich aber erfasste ihn Reue über sein 
Thun. hl Gegenwart des Erzbischofs Arnold von Trier und vieler 
Zeugen verzichtete er im Jahre 1174 auf alle beanspruchten Rechte 
und befahl dem Ritter Rudolf von Wilsacker, der die Zinsforde- 
rungen eingetrieben hatte, gänzlich davon abzustehen. Die Wichtigkeit 
und Bedeutung der Sache erkennt man wohl au.s der statthchen Reihe 
der von dem Erzbischofe zugezogenen Zeugen, unter denen ausser 
Trierer Geistlichen erscheinen: der Abt von Springiersbach, Wir ich 
von Neumagen,"" dessen Brüder, Dietrich von Bruch, Reiner 
und W^alter de Palatio. 

Einen auf dem Berge bei Clüsserath gelegenen, den sogen, »langen 
Weinberg« hatten nach dem Zeugnis^) des Dompropstes Rudolf von 
Trier und seines Bruders, des Ritters Meffrid v. Neumagen, deren 
Vorfahren dem Kloster in Lautern unter der Bedingung geschenkt, 
dass ihre Schwester, die Nonne Oda, den Ertrag desselben auf 
Lebenszeit geniessen solle. Der Zeitpunkt dieser Schenkung ist nicht 
festzustellen, jedoch dürfte sie auch in die letzten 'Jahrzehnte des 
12. Jahrhunderts fallen. * 



^) S. unten Urk. No. 3. — ''') Hauptlehrer Seibert in Neumagen: »Ein Teil 
des Ferreser Berges heisst heute Willbergslai«. — ^) Dafür, dass neben dem 
Manns- auch ein Frauenkloster eine Zeit lang in Lautern bestanden habe, könnte 
eine gleich zu erwähnende Urkunde sprechen, die Dompropst Rudolf von Trier 
und Ritter Meffrid von Neumagen über eine von ihren Vorfahren dem Kloster ge- 
machte Schenkung ausstellten. Denn es heisst, hier: »ama vini dominabus et 
fratribus ibidem (Lautern) conversantibus distribuetur«. (S. unten Urk. No. b.) — 
*) S. unten Urk. No. 4. Vgl. auch Urk. 1 und 2. — ') S. unten Urk. No. ö. 



— 5 



Als ein besonderer Wohlthäter des auf))lühenden Klosters er- 
sclieint Friedrich Herr von Bitsch in Lothringen. Er befreit es im 
.h\hre 1183 M von der Zollabgabe, die ihm jedes Schill /u entrichten 
hatte, welches auf der Saar an Rehlingen vorüberfahr. Etwa in 
demselben Jahre ^) bestätigte er P'raulautern in dem Besitze des Dorfes 
Pachten, der dortigen Saar-Fähre, der Zinsen und alles dessen, was 
der verstorbene Wilhelm und dessen Frau Osilia der Kirche in Lautern 
geschenkt hätten. Auch erscheint er, ebenfalls 1183-^j, als Vermittler 
bei Schenkungen eines gewissen Fol mar von Willingen, der sein 
Eigentum zu Kerlingen, und eines Mitgliedes seines eigenen Ge- 
schlechts namens Arnold von Loimersfeld, der seinen Landbesitz 
bei Sermlingen Fraulautern zuwendet. 

Erzbischof Johann von Trier gedachte Fraulauterns in seinem 
Testamente*), indem er ihm 5 Pfund an Geld vermachte. 

Auch Graf Heinrich von Zweibrücken und seine Gemahlin 
Hedwig nahmen sich des Klosters an und schenkten ihm im Jahre 
1212-'') ihr Eigentum in Reisweiler sowie in dem dabei gelegenen 
Lab ach. Unter den Zeugen der Urkunde erscheinen zwei Frauen, 
Gerburg von Warsberg und Osilia von Pachten, letztere wohl 
dieselbe, welche in der vorhin erwähnten Urkunde als Frau des ver- 
storbenen Wilhelm bezeichnet ward. 

Bedeutsam für das Ansehen, zu welchem Fraulautern in der 
Diöcese Trier bereits gelangt war, ist ein Vermächtnis, welches unter 
Vermiltehmg des Trierer Domcapitels am 29. Oktober 1224") zustande 
kam. Der Trierer Subdiacon Friedrich war, wie es in der Urkunde 
heisst, mit der That, aber nicht mit Recht eine Ehe mit einer ge- 
wissen Mechtild eingegangen und dieser entstammte eine Tochter. Als 
das Elternpaar nun von Reue über sein Thun erfasst ward, beschloss 
es, sich und seine Tochter in die Hände des Projistes und des Klosters 
in Fraulautern zu geben. Darüber war nun der Vater Friedrichs, der 
nur diesen Sohn und Erben hatte, so erfreut, da.-s er das Kloster zum 
Universalerben seiner beweglichen und unbeweghchen Güter einsetzte. 
Auf die Lebenszeit des Erblassers wurde für den Notfall dem Kloster 
das Vorkaufsrecht eingeräumt. Wo die Güter gelegen haben, erfahren 
wir nicht; doch deutet die Zeugen.schaft einiger Trierer Geistlichen und 
zweier Schöffen von Trier, Thomas und Richard (von der Brücke?)') 
auf Trier und dessen Umgebung. Hier schenkte auch wenige Monate 

'i S. unlen L'rk. No. G. — ^) S. unten l rk. .\o. 7. — -'j Urk. No. S. — 
*) Mittclrh. V. B. II. S. 880. Miftelrh. Heg. II No. 1172. — "'^ T'rk No. 10. — 
«) Ulk. No. 11, — ') Vgl. Mittelrli. U. B. IIF, Register S. 11(;2. 



— (') — 

später^) der Bürger Ludwig genannt Molgrin alle seine inner- und 
ausserhalb der Stadt gelegenen Güter an Fraulautern. Diese Schen- 
kung war von bedeutendem Werte und bestand in Weinbergen, 
Häusern, Aeckern und anderen (Irundstücken. Freilich musste das 
Kloster die Schulden und Verpflichtungen des Schenkers mitübernehmen 
und unter anderem zahlen: der Schwester des Ludwig Molgrin /u 
Weihnachten 20 Pfund, dem Cistercienser-Kloster Werschweiler 
bei Zweibrücken auf Martini 5 Pfund, dem Johann von Weiler 
21 Pfund und 12 Schillinge zu Pfingsten, dem Stiefsohn des Gebers, 
Arnold, 23 Schillinge u. s. f. Im ganzen waren 90^2 Pfund und 
54 Schillinge zu decken. Dem Ludwig Molgrin selbst aber verpflichtete 
sich das Kloster zur lebenslängUchen jährHchen Zahlung von 8 Pfund. 
Auch sollte Ludwig die Hälfte von dem Ertrage des Gartens in der 
Webergasse so lange er lebte gemessen, wenn dieser Garten nicht 
verkauft würde. Auf einem der der Urkunde angehängten Siegel finden 
wir der Kirche in Lautern die Bezeichnung »Trinitatis« beigelegt, die 
später die gewöhnliche ist. 

Unbestimmt ist, wann Fraulautern in den Besitz von Eigentum 
bei Noviant und Maring (bei Lieser, Kr. Bernkastei) gekommen sei; 
wir erfahren nur, dass es diesen Besitz unter Vermittlimg des Trierer 
Domkapitels an das Kloster Himmerode verkaufte-). 

Wir haben aber aus dieser Zeit, aus dem Anfange des 113. Jahr- 
hunderts, doch nicht nur urkundliche Nachrichten über Gütererwerbungen 
und Besitzveränderungen Fraulauterns zu verzeichnen. Kein Geringerer 
als der Mönch Cäsarius von Heisterbach belehrt uns, dass es 
den Klosterschwestern gelungen w^ar, sich einen weiter verbreiteten 
Ruf der Frömmigkeit und echt klösterlichen Lebens zu erwerben. In 
seinen Gesprächen über Wunderbegebenheiten finden wir zwei Er- 
zählungen über Fraulautern^), die wir hier wenigstens in Kürze wieder- 
geben wollen. In der einen wird berichtet, es sei in unserra Kloster 
Sitte gewesen, kein Mädchen aufzunehmen, das über 7 Jahre alt war, 
damit die kindliche Einfalt ihnen um so leichter erhalten werden könne. 
So war denn da auch eine Jungfrau herangewachsen, die in weltlichen 
Dingen eine solche Unerfahrenheit zeiste, dass sie zwischen einem Stück 
Vieh und einem weltlichen Menschen kaum unterscheiden konnte (!), 
weil sie von der Gestalt solcher vor ihrem Eintritt ins Kloster keine 
Kenntnis gehabt hatte. Eines Tages nun stieg eine Ziege von aussen 
auf die Mauer des Klostergartens. Da fragte erstaunt das Mädchen, 

^) Urk. No. 12. — 2) Urk. No. 9. — ») Dialogus miraculonim lib. VI. c. 87, 
Üb. VIII. c. 51. Vgl. auch Marx, Gesch. d. Erzstifts Trier, IL Abt. Bd. 2, S. 25511. 



wa^ denn das für ein Wesen wäre, und eine Klosterschwester, die ihre 
Einfalt kannte, antwortete ihr scherzend: das ist eine welthche Frau, 
und fücjle hinzu: wenn die weltUchen Frauen alt werden, bekommen 
sie Hörner und einen Bart. Jene aber glaubte ihr und freute sich, 
was Neues gelernt zu haben. Weiter wird von dieser Nonne berichtet, 
dass sie unter den sonderbarsten Visionen starb. Ein anderer Bericht 
des Mönchs steht unserem Empfinden etwas näher. Er handelt von 
zwei Klosterschwestern, von denen die eine ihre besondere Liebe 
Johannes dem Täufer, die andere aber dem Evangelisten Johannes zu- 
gewandt hatte. Sie gerieten über die Vorzüge ihrer Erkorenen häufig 
in bittersten Streit. Da erschien einst in der Nacht Johannes der 
Täufer seiner Verehrerin im Traume und sprach: »Schwester, du 
wirst erkannt haben, dass der heilige Evangelist Johannes mir gleich- 
wertig sei ; niemals hat es einen Menschen gegeben, der keuscher und 
reiner gewesen wäre an Leib und Seele u. .s. w. In der Frühe also rufe 
deine Schwester vor die Meisterin und bitte sie fussfällig um Verzeihung, 
dass du sie so oft meinetwegen heftig angegriffen.« Dieser Schwester 
aber erschien nun ebenfalls ihr bevorzugter Heiliger, der Evangelist 
Johannes, und bedeutete sie mit eindringlichen Worten, wie bei weitem 
grösser an den verschiedensten Eigenschaften Johannes der Täufer 
wäre als er selbst, hinweisend vor allem auf dessen wunderbare Geburt 
und sein Amt als Verkündiger Jesu. Sie solle sich nur gleich in der 
Frühe aufmachen und vor der Meisterin ihre Schwester fussfällig um 
Verzeihung wegen ihrer Angriffe auf den anderen Johannes bitten. Die 
Versöhnung der beiden Gegnerinnen erfolgte dann in rührender Weise 
vor der Meisterin. 

fintsprechend dem Sinne solcher Erzählungen weist Bischof 
Johannes von Metz i. J. 1230 \) darauf hin, dass Fraulautern des 
besten Kufes der Frömmigkeit geniesse. Er betont aber zugleich, dass 
das Klostervermögen sich nicht auf entsprechender Höhe beünde. Um 
ihm aufzuhelfen bestätigt er das Kloster im Besitze des Patronats- 
rechtes der Kirche in Wellingen, welches demselben Robert von 
Rollingen (de Ravilla) geschenkt hatte. Er fügt, um auch selbst dem 
Mangel abzuhelfen, unter Zustimmung des Archidiacons B. (BertoldV) 
und des Domcapitels noch den Besitz der genannten Kirche hinzu. 
Vielleicht war es auch Bischof Johannes, der den Grafen Simon von 
Saarbrücken für Fraulautern einzunehmen wusste. Denn dieser 
verwandte sich i. .(. 1234-) bei seiner Schwester, der Grälin Lucardis 

') LIrk. X(.. 1 1. — '-, lik. No. lö. 



— 8 — 

von Wied, dahin, dass sie der Kirche in Lautern eine Salzpfanne, 
welche zu einem Gute des Grafen bei Bretten gehörte, und einen 
Leibeigenen zu Lautern schenkte. 

Eine der in ihren Folgen wichtigsten Erwerbungen Fraulauterns 
fallt in das Jahr 1285. Hugo Vogt von Hunolstein (de Hana 
Petra) schenkte ihm den Zehnten und das Patronatsrecht der Kirche 
in Schwarzenholz^). Dies war der Ursprung des späteren Besitzes 
der Herrschaft Schwarzenholz. Zunächst mehrte sich das Eigen- 
tum des Klosters in Schwarzenholz dadurch, dass Ritter Nicolaus 
Vogt von Hunolstein ihm mit Genehmigung seiner Frau Beatrix 
i. J. 1262-) für 100 Pfund Metzer Denare seine daselbst beim Hofe 
Hunescheit gelegenen Güter und Einkünfte verkaufte. Als damaliger 
Propst von Fraulautern wird Bruning genannt. Die Wichtigkeit dieses 
Kaufes wird, abgesehen von dem bedeutenden Preise, dargethan durch 
die Besiegelung der betreffenden Urkunde, zu welcher sich bereit finden 
Hessen: Heinrich, Erwählter von Trier, Dompropst Symon von 
Trier, Graf Heinrich von Salm und Dietrich Herr von Hahn. 
Schwiegervater des Ausstellers. 

Ein weiteres wichtiges Kirchen-Patronatsrecht empfing Fraulautern 
i. J. 1237^) von den Rittern Marsilius und Reiner von Liesdorf, 
deren Verwandten dem jüngeren Marsilius v. L., G ottfried von 
Schwalb ach und dessen Mutter Mathilde in Reis weiter unter 
der ausdrücklich eingeholten Zustimmung des Lehnsherren Matthäus 
von Sidelingen. Doch blieb dieser Besitz nicht unangefochten. Abt 
Heinrich von Wadgassen und Graf Heinrich von Zwei- 
brücken bezeugen i. .1. 1250^), dass vor ihnen zu Wadgassen die 
Meisterin Berta aus Fraulautern nebst dem Convent sowie Elisabeth 
Wittwe des Johann von Liesdorf und deren Sohn Gottfried er- 
schienen seien zu gütlicher Vereinbarung über die Streitfrage jenes 
Patronatsrechtes. Es ward ein Vergleich dahin geschlossen, dass 
Elisabeth und Gottfried endgültig auf ihre Anteile an dem Patronats- 
rechte verzichteten, die sie auf das Kloster übertrugen. Graf Heinrich 
von Zweibrücken und der Abt von Wadgassen bezeugten diese Hand- 
lung noch jeder in einer besonderen Urkunde^) und im August 1250 
gab auch der Trierer Archidiacon und Thesaurar Symon ^), ferner am 
25. März 1251^) Erzbischof Arnold von Trier seine Einwilligung zu 
der nun endgültig vollzogenen Schenkung. Die Einkünfte der Kirche, 
die bisher den Geistlichen zustanden, fallen mit Ausnahme des dem 



1) Urk. No. 16 u. 21. -- ^) Uric. No. 45. - '^ Urk. No. li). — *) Urlv. No. 28. 
5) Urk. No. 29 u. 30. — «) Urk. No. 27. — ') Urk. No. 32. 



— 9 — 

• litiistlliuenden Vikar xukuininenden Anteils dein Kloster zu. Von dein 
früheren Mitbesitzer des Patronatsrechtes. Gottfried von Scinvalbach 
oder dessen Nachkommen ist nicht melir die Rede; es scheint über seinen 
Anteil ein Streit also nicht geherrscht zu haben. Seine Familie aber 
erwies sich auch fernerhin gütig gegen Fraulautern; denn i. .T. 1254^) 
gab Johann von Schwalb ach unter Zustimmung seiner Frau 
Elise und seiner Kinder seine Hechte an der Kirche von Schwall) ach 
und einen Acker bei Liesdorf in den Besitz des Klosters. 

Noch von zwei weiteren Kirchen hören wir, deren Patronatsrecht 
Fraulautern im 18. Jahrhundert erwarb. Ritter Robert von Wars- 
berg hatte, wann wissen wir nicht, dem Kloster die Collatur und 
einige Zehnten der Kirche zu Dentingen^) geschenkt und hierzu und 
zu der Bestätigung der Schenkung seitens Johannes von Wars- 
berg, des Sohnes jenes Robert, gab 1259 Graf Heinrich von Saar- 
werden die lehnsherrliche Zustimmung ^). Die Ritter G e r 1 a c h genannt 
Grippin von Schwarzenberg und Wilhelm von Schwarze n- 
berg aber gaben 1279 ilir Patronatsrecht über die Kirche zu Has- 
born mit allem Zubehör an Fraulautern. In den hierüber aufgenom- 
menen Urkunden^) nennen sie das Kloster » monasterium beate Marie«, 
eine Bezeichnung die hier zum ersten Male auftritt. Mit der Ordnung 
der Angelegenheit beauftragte der Trierer Archidiacon Walram den 
Priester von WadiilP). Am 2. Mai 1280'^) aber genehmigte und be- 
bestäligte Erzbischof Heinrich von Trier die Schenkung. Er weist 
ausdrücklich auf die geringen Einkünfte des Klosters hin. die durch 
diejenigen der Hasborner Kirche aufgebessert werden sollten. 

Fraulautern war in seinen Besitzrechten niclit ungestr)rt geblieben. 
Schon i. .1. ]2.')ß''( war es mit Gerbodo, dem Müller von der Wezels- 
mühle bei Gaensbach, über diese in Streit geraten. Endlich ver- 
zichtete Gerbodo gegen Zahlung von 40 Schillingen auf seinen Anteil 
an der Mühle, musste aber zur Sicherung seines Verzichts diesen vor 
den Kirchenthüren in Saarbrücken unter Berührung der Reliquien be- 
schwören in Gegenwart des Propstes Johannes von Fraulautern und 
anderer angesehener Personen. Auf einem Tage zu Finstingen (5. Juni 
1286**) wurde dann in Anwesenheit des Archidiacons Johannes von 
Metz und anderer Herren festgesetzt, dass Gerbodo und seine Söhne, 
wenn sie den mit dem Kloster geschlossenen Vertrag brächen, von 
Merbodo von MalJterg und dessen Söhnen gefangen geiionunen und 
in Fesseln dem Kloster ül)erliefert werden sollten. 



•) Urk. No. 3(i. — 2) Kreis Bolchen. — =») Urk. Nu. 41. - *i Urk. Xo. 04 n :..-. 
'*) Urk. No. 56. — «) Urk. No. Ö7. — ') Urk. No. 17. — ») Urk. No. 18. 



10 



Audi luil liürgersleiilen von Trier namens HeitU'ich waren die 
Kloslerschwestern uneins geworden und zwar wegen eines bei S. Moriz 
in Trier gelegenen Weinberges. Man einigte sich i. .1. 1239^) dahin, 
dass Heinrich den Weinberg lebenslängUch gegen Empfang des halben 
Ertrages bebauen solle ; nach seinem Tode aber müsse er unbeschw^ert 
in dem l^esitze des Klosters bleiben. Auch musste Heinrich ver- 
sprechen, in dem bei dem Weinberge gelegenen Kelterhause nur mit 
Zustimmung des Klosters anderen als den daselbst gewachsenen Wein 
zu keltern. 

Dem Sinne und dem Zwecke der Klosterstiftungen entspricht es, 
wenn die Mittel zu ihrer Erhaltung und Förderung frommen Schenkungen 
entstammen. So ist es nicht zu verwundern, dass wir erst i. ,1. 1241^) 
von einer Erwerbung Fraulauterns hören, die es aus eigenen Mitteln 
machte. Die Meisterin Herta kaufte von Benzelin von Bedes- 
dorf 8 Morgen Land, wovon ein Teil nebst Hofstätte beim Hofe 
Huzelsdorf, ein anderer beim sogen. Bissenpul, ein dritter bei 
Dasweiler, ein vierter an dem Wege gelegen war, welcher hinunter 
nach Osw eiler führte. Der Kaufpreis wird nicht genannt. 

Immerhin überwogen auch in der Zukunft die Schenkungen bei 
weitem die käuflichen Erw^erbungen. Da ist zu demselben Jahre 1241'') 
K u n V n R u 1 a n d zu nennen, der Güter bei Euren, die sein Vater 
von Ludwig Molgrin^) übernommen hatte, Fraulauter n schenkte. Viel 
später, 1290-''}, erw^eiterte sich der Besitz hier durch eine Zuwendung 
der Witwe des Anselm Krebs aus Euren, Margarethe, und ihres 
Sohnes M., die als Laien-Schwester und Bruder des Klosters diesem 
all ihren Besitz übergaben. 

Von der grössten Bedeutung für Fraulautern war es, dass ihm 
i. J. 1248 sein Landesherr Herzog Matthäus von Lothringen seine 
Gunst zuwandte. Auf seinem Besitz in Waller fangen, der als »Hufgut« 
bezeichnet wird, waes er ihm einen Zins von 10 SchilUngen an^). Hierzu 
trat i. J. 1269 M auch Grundbesitz, den ein gewisser Godemann, früher 
Schultheiss in Wallerfangen, der Meisterin Gertrud verkaufte. Als aber 
Herzog Friedrich von Lothringen i. ,\. 1285 seinen Besitz in diesem 
Orte, wo er Hochöfen betreiben liess, erweitern wollte, kaufte er Frau- 
lautern alle diesem zustehenden Einkünfte für eine jährliche Rente von 
30 Trierer Schillingen ab, die aus seinen Erzwerken bezahlt werden 



^) Urk. No. 20. Ein Morizkloster in Trier ist nicht bekannt. Herr Dompropst 
Dr. Scheuffgen in Trier teilt mir gütigst mit, .dass vielleicht ein Trierer Asyl 
der Abtei S. Moriz in Tholey gemeint sein könne. — ^) Urk. No. 23. — ^) Urk. 
No. 22. — *) Siehe oben S. 6. — •') Urk. No. 63. — «) Urk. No. 24. — ') Urk. No. 48. 



— 11 - 

sollten M- K'' i^t wohl /u vemuUeii, dass uueli die Ländereieii des 
Klosters bei diesem Kaufe inbegrilleii waren. Auch besserte der Herzog 
die Rente Fraulauterns zu Wallerfangen, und die hierüber aufgesetzte 
Urkunde^) bestimmte: der Förster des Klosters soll dessen Wälder zu 
üsselsdorf und Karlingen hüten, die lothringischen Förster und 
Amtleute aber sollen in Zukunft nichts darin zu thun haben : kein 
lothringischer Beamter soll des Klosters Leute zur Strafe ziehen, bevor 
der Meisterin oder dem Propst Anzeige geschehen ; überhaupt solle 
dem Kloster und seinen Angehörigen nirgends weder durch Aullagen 
noch durch Raub Gewalt geschehen. Dafür erklärt Fraulautern für 
allen erlittenen Schaden Ersatz erhalten zu haben. Das Interesse, 
welches der Herzog an dem Geschicke des Klosters nahm, erkennen 
wir ferner aus der Vermittlerrolle, die er bei verschiedenen Kauf- und 
Schenkungsverträgen desselben übte^}. Auch bedachte er Fraulautern 
in seinem Testamente^). 

Von der Gunst des Römischen Stuhls erhielt Fraulautern zu An- 
fang des .lahres 1249 ein Zeugnis ■"). Papst Innocenz IV. erteilte 
ihm am 11. Januar von Lyon aus das ü])liche Privileg, nach welchem 
das Kloster zur Aufnahme eines Mitgliedes durch Briefe weder des 
apostolischen Stuhls noch seiner Legaten gezwungen werden könne, es 
sei denn ein Specialmandat des ersteren ergangen, w^elches dieses 
Privilegs Erwähnung thue. Ueber die Urkunde stellten am 20. Mär/ 
desselben Jahres") die Archidiacone Arnold von Schieiden und 
Symon von Franchirmont sowie der Triersche Official Canonicus 
Symon ein Vidimus auf Ritten Fraulauterns aus; Cardinalpresbyler 
Hugo aber erteilte dem Kloster am 9. Juli 1254') in Trier als päpst- 
licher Legat seinerseits das gleiche Privileg. 

Schon wenige Jahre nach Gründung einer klösterhchen Nieder- 
lassung in Lautern waren dieser, wie wir sahen, Weinberge bei Neu- 
magen zugewendet worden. Obgleich dieser unterhalb Trier gelegene 
Besitz verhältnismässig recht weit entfernt war, hielt das Kloster doch 
an ihm fest, ja es vermehrte ihn noch im Laufe der Jahre. So kaufte 
es ums Jahr 1250**) von Peter von Boveries für 4 Trierische Pfund 
eine Rente von einer Ohm Wein aus einem Weinberge, der über der 
Mosel »in Martinesgemeinde« •') in der Parochie Neumagen gelegen war. 
Auch von weiteren Weinrentonkäufen, die Fraulautern abschloss. handeil 



') Urk. No. (JU. — '') Urk. No. (54. — '') Urk. No. 59, 65, (i(5, 69. — *) Vgl. 
Millelrh. Reg. IV, S. 603, No. 2702. — ") Urk. No. 25. — «) Urk. No. 2(5. — \) Urk. 
No. 35. — ") Urk. No. 31. ") Der Namo ist in dor riegend von Neunia?<-ii niilit 
mehr nachweisbar. (Seiberl.) 



— 12 - 

die Uikiinde : sie beziehen sicli auf Weinberge zu Meiul bei Neumagen 
und zu Kassen^). Die fesLgesetzlen Kaufpreise machten 12 Pfund 
Trierisch oder 240 SchiUinge aus, wofür jährlich 3 Ohm Wein zu ent- 
richten waren. Hadewidis, Witwe des Edlen von Warsberg, schenkte 
1259^) dem Kloster Weinrenten aus der Gegend von Zewen, während 
ilim Hanwela von Warsberg, Witwe des Ritters Alard von 
Gunsingen, als Vermächtnis solche aus dem genannten Weinberge 
zu Meiul bestimmte^). Ein gewisser Werner von der Unteren 
Mülile bei Thron verkaufte i. J. 1260 Fraulautern einen Weinzins 
von einem Weinberge, der dem Herrn Gerhard von Urley zins- 
pflichtig war. Unter besonderen Bedingungen aber wird i. .1. 1261 ^) 
eine Weinrente aus einem Moselweinberge gekauft. Hezelo aus Neu- 
magen, genannt von Krichelsberg, hatte die Verpflichtung, von diesem 
Weinberge jährlich zwei Sechster Wein dem Ritter Hermann von 
Veldenz zu liefern, musste diesem ausserdem einen Frohntag leisten 
und einmal im Jahre bei dem Gerichtstag zu Neumagen gegen- 
wärtig sein. Würden nun Hezelo oder seine Nachkommen in der Ent- 
richtung der Weinernte säumig werden, dann sollte der Weinberg frei 
in den Besitz des Klosters gelangen unter der Bedingung jedoch, dass 
es die Leistungen des Hezelo an Hermann von Veldenz übernähme*^). 

Hatte Fraulautern so um die Mitte des 11). Jahrhunderts schon 
ansehnhche Einkünfte in Neumagen zu beziehen, so erklärt es sich, 
dass es dahin auch Renten abführen Hess, die ihm aus anderen Orten 
zukamen. So schloss es i. J. 1273^) eine Abmachung mit einem Herrn 
Symon, nach welcher dieser, dem die ständige Vikarie und alle Güter 
der Kirche in Sensweiler (Kr. Bernkastei) übertragen worden waren, 
die hierfür jährlich zu entrichtenden 16 Malter Getreide und 4 SchiUinge 
an das Moselufer zu Neumagen zu liefern hätte. Unter anderen Be- 
dingungen, die Simon zu erfüllen hatte, interessiert besonders die, dass 
er jährlich auf das Fest Johannis des Täufers Bürgen zu der Meisterin 
wegen der Lieferung des Getreides und des Geldes schicken musste. 

Wann und wie Fraulautern in den Besitz der Kirche in Sensweüer 
gekommen sei, wissen wir nicht. Zum Jahre 1287 aber'^J erfahren 



^) Der Name Meiul erhallen in »Meiel«, Schlucht mit vortreftUchen Wein- 
bergen auf dem 1. Moselufer gegenüber dem Einflüsse der Dhron. Kassen nicht 
nachweisbar (Seibert, Neumagen). — ^) Urk. No. 39; die Urk. ist besonders lehr- 
reich. — 3) Urk. No. 40. — *) Urk. No. i2. — '') Urk. No. 43. -- «) Vgl. auch die 
Urk. aus demselben Jahre, 1261, unten No. 44. Von einem Hofgebäude des Klosters 
stehen traurige Ueberresfe Neumagen schräg gegenüber am Ausfluss des Zwei- 
bachs (Seibert). — ') Urk. No. 50. — '*) Urk. No. 61. 



— i;] — 

wir, dass ilmi auch die Hälfle des grossen Zehnten daselbst zustand. 
Hitter Heribert von Senheiin erklärt namens seiner Familie, wohl 
um einem zuvor geführten Streit ein Ende zu machen, dass nur das 
Kloster auf diesen Zehnten Anspruch habe, ^\•;ihr■end er gänzlich Ver- 
zicht leiste. 

Von weiteren kauf- oder schenkweise für Fraulautern erworbenen 
Gütern und Renten mögen hier iioeli die folgenden Erwähnung finden. 
In Trier hatte, wann ist unbekannt, die Nonne 11. dem Kloster ein 
Haus geschenkt, welches jedoch wegen zu hohen Alters den Verfall 
drohte. f3a erbot sich der Scholaslikus W. vom S. Simeonstift in Trier 
der Meisterin ,1. und dem Provisor des Klosters B., er wolle das Haus 
auf seine Kosten in Stand setzen und niemand dürfe später die auf- 
gewandte Summe vom Kloster zurückfordern. Zum Danke beanspruchte 
er, in dem Hause Zeit seines Lebens wohnen zu dürfen ; ausserdem 
möge sein Gedächtnis im Kloster gefeiert werden. Die Zeugenreihe 
der hierüber aufgesetzten Urkunde^) w^eist auf die 20er Jahre des 
11). .Jahrhunderts hin. Von einem andern Hause in Trier, das dem 
Dominikanernonnenkloster S. Martin vor Trier gehörte, erlangte Frau- 
lautern i. J. 1255^) dadurch eine Jahresrente von 22 Schillingen, dass 
jenes Kloster durch Not gezwungen diese Rente der Frau Hadewidis 
von Warsberg verkaufte, die sie ihrerseits Fraulautern Überhess. 

Eine Mühle bei Rehhngen (Kr. Saarlouis ) schenkte Arnold von 
Siersberg i. J. 1251-') zur Stiftung zweier Jahresgedächtnisse, näm- 
lich seiner Gattin Elisabeth und seiner Mutter Margaretha. Zu 
den Gedächtnisfeiern aber sollten seine Fischer in Pachten den Stifts- 
frauen zwei Fischgerichte liefern. Auch versprach er, falls die Mühle 
seinen Brüdern zugesprochen werden sollte, das Kloster aus seinem 
Eigentum anderweitig zu entschädigen. 

hl demselben Jahre^ ) sicherte Gräfin LauretavonSaarbrücken 
Fraulautern die pünktliche Entrichtung einer Fruchtrente von einer 
bisher dem Kloster, jetzt ihr erblich geh()renden bei Saarbrücken ge- 
legenen Mühle zu. 

Ein Be-sitzstreit Fraulauterns mit dem S. Martinskloster in 
Lungfelden wurde i. .1. 1258*) unter Beistand des Erzpriesters 
Ludwig von B oll ei und anderer angesehener Leute dahin geschlichtet, 
dass jedes der beiden Klöster die Hälfte der streitigen, in D ü r e n 
(Kr. Saarlouis) gelegenen und »zum Heister« genannten Güter er- 
lialten solle. 



1) Urk. No. l:',. — -i Url;. X... ;'.7. — ^) Urk \.. :!;?, - ■'i I'ik. N... :U. 
V Urk. No. 38. 



— 14 — 

lautier Gerlach oen. Crippin von Scliwarzenberg verkaufle 
i. J. 1270M Fraulaulern Ländereien in Sleinberg und Lebach für 
02 J'fimd Trierscher Denare. Steinberg war ein Hof des Klosters, 
über dessen Besitz es mit den Brüdern Peter nnd Friedrich genannt 
von B eis weil er und deren Geschwistern in Streit geraten war. 
Dieser wurde 1296^) dahin beigelegt, dass Fraulautern in seinen 
Rechten dort nicht mehr angefochten werden solle. 

Von einer Mühle und einem Mühlenteich, die Fraulaulern bei 
Ginsbach iGaensbach?) besessen, spricht i. .1. 1289 3) der Knappe 
Gottfried von Bo leben. Fr pachtet den Teich für 6 Schillinge 
jährlich und will ihn auf seine Kosten in Stand setzen; stelle er aber 
die zu dem Teiche gehörige Mühle wieder her, so solle er sie frei 
betreiben dürfen. Alles aber fällt nach seinem Tode an das Kloster 
zurück. 

Der wichtigste Besitz, in welchen das Kloster Fraulautern in der 
Folgezeit gelangte, war die Reichsherrschaft Schwarzenholz, welche 
aus dem Dorfe Schwarzenholz, der K u n z e n m ü hie, der H a u s e r s - 
mühle, dem Dorfe Lab ach und dem Labacher Hof mit Mühle bestand. 
Ueber die Herkunft dieses Besitzes und namentlich über die mancherlei 
seinetwegen entstandenen Streitigkeiten mit den Grafen von Nassau-Saar- 
brücken zu handeln, ist eine besondere Aufgabe, der ich mich leider 
nicht unterziehen kann, wie denn überhaupt zur weiteren und ein- 
gehenderen Verfolgung der Geschichte Fraulauterns (wie auch eigentlich 
schon der älteren) die genaue Kenntnis der Oertlichkeiten unent- 
behrUch ist. 

Zum Beschlüsse unserer Darstellung, die auf Grund der über- 
lieferten Urkunden fast nur Wirtschaftsgeschichtliches enthalten konnte, 
mag noch berichtet werden, wie Fraulautern am Ende des 13. Jahr- 
hunderts grossen Schaden durch Kriegsereignisse, Raub und Plünderung 
erlitten hat. Genauere Nachrichten zwar liegen uns nicht vor. Herzog 
Friedrich von Lothringen aber giebt in einer schon oben erv^-ähnten 
Urkunde i. J. 1294"^) bekannt, dass er das Kloster entschädigen wolle 
für das, was ihm seine deutschen Reichsvölker anaethan hätten. Und 
der (3fficial der bischöflichen Curie in Metz weist in einer feierlichen 
Urkunde v. J. 1 297 ^) auf das Privileg des Papstes Hadrian IV. v. J. 1155 ^) 
hin und bedroht alle Uebelthäter, die das Kloster Fraulautern berauben, 
seine Leute gefangen nehmen, seine Höfe plündern, seine Mühlen zer- 
stören und zerbrechen, wie dies nach den thränenreichen Berichten des 



1) Urk. No. 49. — ^j Urk. No. 67. — 3) Urk. No. (;2. — *) Urk. No. 64. 
5) Urk. No. 68. — «) Urk. No. 2. 



— 15 — 

Propstes, fler Meisteiiii und des Convents wirklich scliun jicschehcn 
sei, mit der Excoinmuiiication, wenn sie iiicht Ijinnen 8 Tagen nach 
erfolgter Ermahnung Schadenersatz leisten würden. Die Geistlichkeit 
der Metzer Diöcese wird auf das Strengste /ur Aiisfiilnung des bischöf- 
iichen Befehls (»rmahnt. Wii- werden bei diesen Nachrichten an die 
Rüstungen und Unmhen zu denken haben, welche der Streit des 
Königs Philip [) von Frankreich mit dem Grafen Theobaldvon 
Bar über die Grenzen ihrer Gebiete und über die Abtei Beaulieu 
hervorrief, hi diesem Streite stellte sich Herzog Friedrich von I.othringen 
auf die Seite des Grafen von Bar. 



Nachdem die vorstehenden Blätter schon gedruckt waren, ging 
mir durch die Güte des Herrn Redakteurs Nissen in Rheidt dessen 
Geschichte des Kreises Saarlouis, Bd. I, Saarlouis 1893, zu. Hier ist 
die ältere Geschichte des Klosters Fraulaulern auf Gnmd von teils 
chronikalischen teils sagenhaften Ueberlieferungen dargestellt. Man w^ird 
nun nicht ohne Interesse lesen, dass ein Teil dieser Nachrichten durch 
die oben gegebene, urkundlich beglaubigte Geschichte bestätigt wird. 



-- Iß — 
Urkunden. 



Vo rhemerJcuii g. Die nachstehenden Urlcundcn sind bis auf cinifje wenige 
meines Wissens bisher iingedruckt. Die Orts- und Gemarl'ungsnamen sicher zu be- 
stimmen ist mir an vielen Stellen nicht gelungen und ich mnss dies der ireiteren 
Lolalforschung überlassen. Zur leichteren Auffindung ist ein Begi^fer beigefügt. FAnige 
Urlunden wurden mir erst im letzten Augenblicle .tugdiiglich gemacht wid ich bin 
meinen Kollegen, den Herren Archivar Dr. Kaufmann und Archivassistent 
Dr. Bosenfeld in Magdeburg, für ihre so freundliche Beihülfe bei der Bearbeitung 
derselben sehr dankbar. Herr Landrat Helfferich in Saarlouis und Herr Bürger- 
meister Vacano in Fraulautern haben mir ebenso wie Herr Hauptlehrer a. D. 
Seibert in Neumagen auf meine Anfragen in liebenswürdigster Weise Auskunft er- 
teilt, die ich namentlich für das Begister noch verwenden konnte. Auch ihnen statte 
ich besten Dank ab. Die auf der vorstellenden Seite erwähnte Arbeit des Herrn Nissen 
beioeist, dass auch noch andere als die mir bekannten Quellen zur Geschichte Frau- 
lauterns vorhanden sind. Hoffentlich wird sich Jemand finden, der sie im Anschluss 
an die von mir mitgeteilten verwertet und dabei die Geschichte der späteren Jahr- 
hunderte ins Auge fasst. Diese gerade könnte wohl allgemeineres Interesse bean- 
spruchen, da namentlich der Streit Fraulauterns mit den Grafen von Nassau-Saar- 
brücken über die Beichsherrschaft Schivarzerdioh und das Verhältnis zu der Abtei 
Wadgassen in den Vordergrund treten würde. 

Für die Urkunden vom 1. Januar bis 25. März ist Trierscher bzw. Metzer Styl 
auch ohne besondere Angabe desselben angenommen. Diese Urkunden waren demnach 
um ein Jahr höher anzusetzen, als ihr Datum besagt. 



1. — Erzbischof Hillin von Trier bestätigt dem Propst Heinrich des Augustiner- 
klosters Lautern dessen Besitzungen und erzählt die Geschichte der Entstehung des 
Klosters. 1154. Trier. 

In nomine sancte et individue trinitatis. Ego Hillinus dei gracia Treviro- 
rum archiepiscopus dilecto filio suo Henrico Lutrensis ecclesie preposito ejus- 
que successoribus in jl perpetuum. Offitii (I) nostri ratio postulat, omnibus in diocesi 
nostra degentibus, sive monachicam sive canonicara vitam ducant, pro modulo nostro 
consulere et providere. Ea propter quia deo, ut credi mus, annuente ad regendam 
Lutrensem ecclesiam et providentiamtam in spiritualibus quam in temporalibus 
vocatus es, tibi, dilecte tili, successoribusque tuis in habitu superpellicioriim sub 
regula beati Angustini degentibus locum Lutre cum omnibus appenditiis suis 
scilicet allodium ad Rodanam et Walderingam et allodium, ((uod ad Lendesele 
domnus Wiricus cum matre sua Juttha ecclesie Lutrensi conlulit, nee non et 
allodium Radisville et allodium apud Yilare et vineas in monte Bovarie 
sitas, preterea omnia data quam danda auctoritate nostra confirmamus. Verum 
quoniam monacbi de Mediolacu per aliquos annos ibidem morati sunt, qua 
causa quave ratione illi inde recesserint ipsisque recedentibus fratres sub regula 
beati Augustini degentes in codem loco ab archiepiscopo Adelberone pre- 
decessore nostro constituti sint, qui et quieti eorum et successorum suorum in 
posterum providens sigillato scripto dignum tradere memorie furo judicavit. 



— 17 — 

Noluiii ii^iüir Omnibus lani fuliuis (luani presentibus fievi caravit, Aclel- 
bertuin quendam rnilitem nobilem allodium siiiim, quod Lutre dicitur, cum 
appendiciis suis in manu domini Mc giner i prcdecessoris sui reposuisse eo vi- 
delicet tenore, quatinus idem Meginerus monachos abbatio Mcdiolacus ibidem ad 
serviendum deo omnipotenti imponeret, ita ut idem monacbi eundem locum 
ecclesia, officinis aliisque instrumentis, quae necessaria sint edifficarent (sie!) 
atque procedente tempore, ipsis paulaüm dco adjuvante crescentibus, tunc demum 
a supradicta abbatia liberi ab omni censu ab omni exactione in posterum per- 
manerent. Quod quidem illis facere differeniibus hac omnino negligentibus consilio 
accepto supradictum Albertum prefatus Albero adhoc induxit, quo videlicet supra- 
dictum allodium a monachis sepe dictis abbatie Mediolacus XV libris redimeret 
liberumque itcrum restitueret. Quo facto ipsis laudantibus et agentibus precium- 
que redemptionis XV librarum recipientibus in eodem loco Lutre canonicos re- 
guläres deo annuente atque inspirante libere constituit. (lartam etiam confirma- 
tionis, quam super hoc predicti monachi ab archiepiscopo Meginero acceperant 
in generali synodo ipsis presentibus et coUaudantibus, ne forte aliqua deinceps 
exinde controversia posset emergi, confregit. 

Quia igitur ipsum in suis piis actionibus prout possumus insequi debemus, 
hanc sue constitucionis devotionem et formam servare cupientes sigilli nostri 
quoque inpressione in presenti pagina ex auctoritate dei et nostra communimus. 
Hec vero servantibus atque laudantibus sit pax et glorie merces cum Christo per- 
petua. Qui autem contra hec impie agere quoquo modo temptaverint, sciant se 
dei omnipotentis iram incurrere et usque ad debitam satisfactionem anathemati 
subjacere. 

Acta sunt autem hec Treveri anno dominice incarnationis M^ioCoLolIIIo 
indictione 11'"^ concurrente IUI* epacta IUI* anno ordinationis nostre III. Testes 
etiam qui interfuerunt subter annotari fecimus : Godefridus prepositus, Rü- 
dolfus decanus, Alexander et Johannes archidiaconi, Balderic us magister 
scolarum, Ilenricus cantor, Cunradus prepositus sancti Paulini, Walterus 
decanus sancti Symeonis, Sigerus abbas sancti Maximini, Bertolfus abbas 
sancti Eucharii, Ludewicus sancte Marie, Godefridus sancti Martini, 
Rikardus Sprenkerspachcensis, abbas do Claustro; laici: Meffridus de 
Nümaga, Arnolfus de Serca; ministeriales sancti Petri: Engelbertus, 
Fridericus, Willelmus, Heremannus, Enbrico, Teodericus et ceteri 
(juam plures, quos enumerare non potuimus. 

Orif/inal Coblem, Staatsarchiv. 

Siegel des Erzhischofs von hraunrotem Wachs an Lcderstreifen, unterei' 
Rand zerstört. — Gleichzeitiger riickseitiger Ycrmcrl-: Hillini; hei einem 
solchen des 18. Jh. ist beigefügt: A, Numerus primus. 

2. — Fajjst Hadrian IV. bestätigt die Stiftung und den Güterbesitz des 
Augustinerklosters in Lautern. 1155 Januar 23. Born. 

Adrianus episcopus servus servorum dei dilectis filiis Henrico preposito 
Lutrensis ecclesie ejusque fratribus tam presentibus rpiam futuris canonicam vitam 
professis inperpetuum. Religiosis desideriis dignum est facilem prebere consensum, 
ut fidelis devotio celerem sorciatur effectum. Kaproplcr, dilecti in domino lilii, 
vestris justis postulationibus dementer annuiinus et prefalani ecclesiam, in qua 

2 



— 18 — 

diviiio iiKincipali eslis obscMjuio, sul) beati Petri et nostra protectionc suscipimus 
et presentis scripti privilegio communimus, in primis siquidem staluentes, ut ordo 
canonicus, qui secundum deum et beati Augustini regulam in Lutrensi ecclesia 
dinoscitur institutus, perpetuis ibidenri temporibus et inviolabiliter observetur. Pre- 
terea quascumque possessiones (juecumque bona eadem ecclesia in presentiarum 
juste et canonice possidet aut in futurum concessione pontificum, largitione regum 
vel principum, oblatione fidelium seu aliis justis modis prestante domino poterit 
adipisci, firrna vobis vestrisque successoribus et illibata permaneant. In quibus 
hecpropriis duximus cxprimenda vocabulis: locum Lutre cum omnibus appendiciis 
suis, scilicet allodium ad Rodanam et Waldervingam et allodium adLinden- 
selle, quod Wiricus cum matre sua Jutha ecclesie Lutrensi contulit, nee non et 
allodium Radis vi 11 e et allodium apud Vilare et vineas in monte Rovario sitas '). 
Sane novalium vestrorum, que propriis manibus aut sumptibus Colitis, nullus a 
vobis decimas presumat exigere. Inhibemus eciam, ut nulli fratrum vestrorum 
post factam in eorum loco professionem absque licencia fas sit aliqua levitate de 
claustro discedere, discedentem vero sine communi litterarum cautione nullus au- 
diat (!) retinere. Et ([uoniam occasione advocatorum multa consuerut (sie !) damna et 
gravamina ecclesiis provenire, auctoritate apostolica prohibemus, ut nullus advo- 
catus in vestra ecclesia statuatur, sed ab omni advocato ita maneat imperpetuum 
libera, quemadmodum hactenus dinoscitur permansisse. Decerminus ergo, ut nulli 
omnino hominum liceat predictam ecclesiam temere perturbare aut ejus possessiones 
auferre vel ablatas retinere, minuere seu quibuslibet vexationibus fatigare, sed 
illibata omnia et integra conserventur eorum pro quorum gubernatione et susten- 
tatione concessa sunt usibus omnimodis profutura, salva in omnibus sedis apostolice 
auctoritate et diocesani episcopi canonica justitia. Si qua igitur infuturum eccle- 
siastica secularisve persona hanc nostre constitutionis paginam sciens contra eam 
temere venire temptaverit, secundo tertiove commonita, nisi presumptionem suam 
digna satisfactione correxerit, potestatis honorisque sui dignitate careat reamque 
se divino judicio existere de perpetrata iniquitate cognoscat et a sacratissimo 
corpore ac sanguine dei et domini redemptoris nostri Jesu f'.hristi aliena fiat atque 
in extremo examine districte ultioni subjaceat. Cunctis autem eidem loco sua 
jura servantibus sit pax domini nostri Jesu Christi, quatinus et bic fructum 
bone actionis percipiant et apud districtum judicem premia eterne pacis inveniant. 
Amen. 

Datum Rome apud sanctum Petrum per manum Rolandi sancte Rome 
ecclesie presbiteri cardinalis et cancellarii, X. Kalendas februarii, indictione III», 
incarnationis dominice anno millesimo C° L 1111° pontiücatus vero domini Adriani 
pape IUI anno I". 

Abschrift auf Pergament S. XIII. Cohlenz St. A. 

Der folgende am Rande beigefügte Zusatz über Güterbesitz des 
Klosters entstammt dem XIV. Jh. : Curtis in Gynspach, decima in Wel- 
dinga cum suis attinenciis Metensis dyocesis ; Sermedingen, Kyrlingen, 
Uzzelsdorf Metensis dyocesis ; Pachten, Schwarzenholz, Hunexeyt, Lupach, 
Reyswilre, Lebach, Steinberg, in Urio, Treveris, Zweynbechen Treve- 
verensis dyocesis ; Synzwilre Maguntie dyocesis. 



^) Siehe Remerkung am Schluss der Urkunde. 



— 19 — 

:$. — Das Bomcapitel zu Trier iiherh'isst dem Propst Heinrich roiii Nonneu- 
kloster Lautern (jegen eine halbe Ohm Wein jährlich einen Weinberg gegenüber der 
Feste Neumagen an dem Brrilberg, ein Geschenl- Mafrids von Xeumagen an die 
"Trierer Domldrche. Um 1160. 

In nomine sancte et indiviclue trinitatis. Ego Godefridus majoris 
domus Treverensis, ecclesie prepositus, Rüdolfus decanus, Folmarus archi- 
diaconus cum ceteris ejusdem ecclesie personis et jj fratribus omnibus Christi 
fidelibus tam futuris quam presentibus salutem in domino. Quoniam quod 
inter honestos et relligiosos viros stabilitum est firnum et stabile inper- 
petuum debet permanore, idcirco conventionem, que inter nos et fratrem 
Henri cum prepositum sanctarum sororum in Lütera facta est, presenti pagine 
studuimus commendare, ne longioris successu temporis a memoria presen- 
tium vel futurorum possit recedere. Eapropter presentibus et futuris notum 
esse cupimus, quod dominus Maffridus antiquior de Nümaga vineam 
quandam contra idem castrum jacentem in monte qui dicitur Berilberch 
ecclesie nostre contulit, que per incuriam cultorum diu infructuosa et sterilis 
parum, immo fere nichil utilitatis fratribus respondit. Petente igitur predicto 
venerabili fratre Henrico prcposito eandem vineam sibi sueque ecclesie censuali 
jure inperpctuum concessimus, ut hanc prout melius posset excoleret et ecclesie 
nostre dimidiam amaiii vini Treverensis mensure in festo beati Martini ipse vel 
quicumque successor ejus existeret Treveri in fratrum curia quotannis persolveret. 
Ut igitur, ((uemadmodum predictum est, hec rata et inconvulsa omni tempore 
permaneant, hoc inde cvrographum conscribi et testibus idoneis, qui intcrfuerunt, 
adnotatis sigillo beati Petri fecimus ccnilrmari. Hü sunt tesles : Johannes archi- 
diaconus, Folmarus archidiaconus, Henricus cantor, Everbero, Rüdolfus, 
item Rüdolfus, Theodericus, Wezelo cellerarius, Ciino, Engelbertus, 
Liebertus, Wezelo, item Weholo. 

Original, Teilurkunde, Coblenz St. A. 

Zwei Stacke von dem Siegel des Domcapitcls an Wollschnüren. — Die 
Zeitbestimmung nach den Mitgliedern des Domslifts, vgl. Mittelrh. V. B. 
I. Frgister. — Der erste Teil des Namens »Berilberch« auf Rasur von 
späterer Hand. Ein rückseitiger Vermerk des XI Vi XV Jh. gibt »Birel- 
bcrg«, ein .^solcher des XVTTT. Jh. >Berlberg«. 5". ohe)t S. 4 Be- 
merkung 2. 

4. — Erzbischof Arnold vo)i Trier bestätigt die Schenkung von Weinbergen 
beim Dorfe Boraries {bei Neumagen) seitetis des Propstes Heinrich und dessen Bruders 
Theoderich an die Jürche in Lautern und verbietet dem Cuno r. Malberg in diesen 
Weinbergen Vogleirechte auszuüben. 1174. 

In nomine sancte et individue trinitatis. Amol du s dei gracia Trevirorum 
archiepiscopus. .Tusticia est, que conservat unicuique quod suum est, scd, quid 
cui conservari deheat, sine veritatis cognitione nulli liquido conslat. Igitur defectui 
humane memorie, qui veritatis ignorantiam inducere et per hoc juslicie solet do- 
rogare, scripti hujus perpetuitatem opponentes notum facimus universis Christi 
fidelibus tam futuris quam presentibus, quod dilecti filii nostri scihcet Henricus 
prepositus de Lulrha et frator ejus Tiieudericus in villa, que Bovaries 
nuncupatur, onmes vineas a predccessoribus suis hereditario jure ad sc devolutas ab 

0* 



— 20 — 

üinni exaclione et pelicione liberas et ab omni onere el debito advocatie immunes 
quiete et sine omni infestatione possederunt, quamdiu in seculari habitu conversa- 
bantur. Postquam vero ambo ad claustralem conversationem se transtulerunt et 
vineas predictas cum omni integritate et in ea libertate, in ((ua eas prius usque 
ad diem conversionis sue possederant, ecclesie, que est in Lutrha, contulerunt, 
Cüno de Malberch jus advocatie ab eisdem vineis et exactionem indebitam 
exigere et extorquere cepit. Tandem divino instinctu penitentia ductus in pre- 
sentia nostri et aliorum multorum, quos testes supponemus, predictas vineas sue 
advocatie in nullo obnoxias esse recognovit et ab injusta exactione sua penitus 
destitit. Verum quia, ut lex dicit, nemo plus juris in alium transferre potest 
quam ipse in re habuerit, Rudolfum militem, scilicet bominem suum de Wildes- 
acker, qui hanc injustam exactionem sub nomine ipsius Cünonis exsequebatur, 
tali exsecutione privavit et desistere eum penitus fecit. Ut ergo prediete vinee 
ecclesie, que est in Lutrha, semper libere et ab omni exactione secure permaneant 
et ne aliquis hoc audeat inposterum rescindere, presentem paginam, ordinem 
veritatis exprimentem, sigilli nostri impressione confirmare et testium subscriptione 
communire decrevimus sub tali determinatione, ut qui hoc rescindere attemptaverit 
anathema sit. Hujus rei testes sunt: Rudolfus Trevirorum ecclesie major pre- 
positus, Johannes major decanus, Folmarus, Rudolfus, Godinus archidiaconi, 
Gerardus prepositus Palacioli, Walterus decanus sancti Symeonis, 
Wezelo cantor, Lodewicus abbas sancti Eucharii, Oliverus abbas sancti 
Martini, Reinboldus abbas sancte Marie, Godefridus abbas de Spren- 
kirsbacli et alii plures clerici et monachi ; Cüno de Malberh, Wiricus de 
Nümagen et fratres ejus, Theodericus de Rruka, Reinerus, Walterus 
de Palatio, preterea de concivibus quam plures. 

Acta sunt hec anno dominice incarnationis MoC°LXXIIIIo indictione VII, 
epacta V ^) concurrente primo. 

Original Cohlens St. A. 

Siegel des Erzhiscliofs bis auf einen Teil der Umschrift loolü erhalten, 
blaue Wollbänder. — Gleichs. Indors. »Arnoldi«. 

5. — Der Trierer Dompropst Rudolf und Ritter Maff'rid von Neumagen be- 
zeugen, dass der >lange Weinberg« bei Clüsserath von ihren Vorfahren der Kirche 
zu Lautern unter der Bedingung gesclienkt ward, dass ihre Schwester, die Nonne 
Oda, den Ertrag desselben lebenslänglich haben solle. 1169 — 1197. 

Rodulfus dei gracia major prepositus Treverensis et Mafridus 
miles de Numaclien omnibus presens scriptum inspecturis cognoscere veri- 
tatem. Cum hominum memoria sit labilis, ideo ea, que fiunt in tempore, ne 
labantur cum tempore, titulo solent vivacis littere cummendari. Notum facimus 
tam presentibus quam futuris, quandam vineam, que apellatur lunga vinea. sitam 
in monte de Cluscetre ab antecessoribus nostris ecclesie de Lutra nomine 
elemosine esse collatam, ita quod Oda monialis soror nostra fructus dicte vinee 
quamdiu vixerit integraliter percipiet, post vero obitum ipsius ecclesia de Lutra 
dicte vinee fructus inperpetuum percipiet, ita quod singulis annis in die, quo in 
ipsa ecclesia anniversarium antecessorum nostrorum celebrabitur, ama vini 
dominabus et fratribus ibidem conversantibus distribuetur. Ut autem ea, que 

1) Statt XV. 



— 21 — 

prelibavimus, rata maneant et lirma, presentem paginam sigilloi-um nostrorum 

munimine roboravimus. 

Original Coblciis St. A. 

Siegel 1. Dompropst Rudolf, beschädigt, spitzoval; stellender Geistlicher 
in der Rechten Palmzweig, in der Linken ein Buch. Von der Umschrift: 
-f RODV.... A TR... ARCH.JD\ — 2. Maffrid v. Neumagen, sehr 
beschädigt, rund mit Mittelschild: geschobener Balken. Von der Umschrift 
-f- M... .TN. Rucks, späterer Vermerk Zweibech. — Zur Datierung: In 
dem Dompropst Rudolf wird man denjenigen zu erblicken haben, der 
urkundlich für d. J. 11G9 — 97 nachweisbar ist {M. U. B. I.), da die späteren 
gleichnamigen Dompröpste aus der Familie de Ponte stammen. 

e. — Friedrich von Bitsch befreit die Kirche zu Lautern von der Abgabe, 
die Jedes an Rehlingoi vorilberfuhrende Schiff ihm zu entrichten hat. 1183. 

In nomine sancte et individue trinitatis. Ego Fridericus deBitse 
notum facio tarn futuris quam presentibus, quod cum quelibet navis transiens per 
Rolingen nobis tributum persolvere teneatur, hanc libertatem ecclesie de Lutbra 
pro remedio anime nostre et suceessorum nostrorum concessimus, quod omnem 
ejus navim ascendendo vel descendendo liberara in perpetuum precepimus fieri. 
Ne autem hoc factum aliqua oblivione possit deleri vel novis successoribus im- 
mutari, auctoritate nostri sigilli dignum duximus confirmare. Hujus rei testes sunt : 
Rüdulfus et frater ejus Albericus, Marsilius de Himersdorf, Wiricus 
de Rolingen. 

Facta sunt hec anno dominice incarnationis M. C. LXXXIII. Epacta XXV. 

Indictione I. 

Original Coblenz St. A. 

Reiter-Siegel des Ausstellers con braunem Wachs, rund an Lederstreifen, 

stark beschädigt. Umschrift: nur Buchstabenreste. 

7. — Friedrich Herr zu Bitsch bestätigt das Kloster Lautern in dem Besitz eines 
Guts zu Pachten (Patta), der Fähre und Zinsgenusses daselbst, wie ihm alles von dem 
verstorbenen Wilhelm und dessen Ehefrau Osilia geschenkt worden war. Um 1183. 

Ego Fridericus divina gracia Bitensium domi nus notum esse volu mus 
cunctis Christi lidelibus tarn videlicet futuris (juam presentibus, quod nos j[ allodium 
de villa, que Patta dicitur, cum navi et censibus et cum his omnibus, que 
Willelmus bone memorie et uxor sua Osilia Lutrensi ecclesie pro salute anime 
sue contulerunt, libere et integraliter eidem ecclesie reddidimus et dimisimus. 
Quod ut verius infuturum credatur et firmius inperpetuum teneatur, corroboravimus 
hoc omnibus modis testibus idoneis adhibitis scilicet: abbatem Villariensem, 
abbatem de Sturcelburnen, abbatem de Rütele, filios nostros Matheum et 
Philippum et alios quam plures, quos presens scedula non sufficiebat capere. 
Super hec omnia cartam istam scribi jussimus et sigillo nostro signavimus, ut si 
aliqua profana persona hoc infringere aliquo ingenio temptaverit maledictus sil a 
domino deo in secundo adventu. 

Original Coblenz St. A. 

Siegel abgefallen. — Regest in Goerz, Mittelrhein. Jirgesten I1S.2A4, 

So. 884 mit Jahreszahl c. 1200; die Urkunde war damals die älteste 

bekannte von Fraulautern. 



— 22 — 

8. — Friedrich ron Bitsch bezeugt, dass Folinar von Williiiyen nein Eigentum 
SU Karlingen, dass ferner Arnold von Loimersfeld, der zum Gefolge des Ausstellers 
gehörte, seinen Landbesitz bei Sermedingen dem Kloster Lautem geschenl-t habe. IIH'S. 

In nomine sancte et individue trinitatis. Ne oblivio longioris temporis rerum- 
(jue mutabilitas plures ecclesiarum deleret contractus, precepit consuetudo bona 
illos scripto conmendari. Inde ego etiam Fridericus de Bitse notum fieri cupio 
tarn futuris quam presentibus, quod dominus Folmarus de Willingen 
allodium suum, ([uod habebat in Keirlingen, cum omnibus appendiciis 
suis ecclesie de Luthra per manus nostras in presentia nobilium et minis- 
terialium nostrorum libera tradidit donatione. Preterea quidara de familia nostra 
Arnold US videlicet de Loimersvelt terram, quam jure hereditario secus Ser- 
medingen possederat, eidem contulit ecclesie, ita consensu filiorum suorum 
Hesonis videlicet et . . . 'j omniumque coheredum suorum, quod siquis eorum 
deinceps ecclesiam prenominatam inquietare presumeret prius ecclesie de injuriosa 
pulsatione satisfaceret et nobis vel suceessoribus nostris centum solidos teneretur 
solvere. Ne autem hec aliquis in posterum rescindere presumat, kartam seriem 
veritatis exprimentem testibus idoneis adnotatis sigilli nostri impressione corro- 
boramus. Hec sunt nomina testiura : Cristianus sacerdos de Liezdorf, Beren- 
gerus de Himmersdorf, Rüdulfus de Siersberch, Albericus frater ipsius, 
Arnoldus de Bekingen, Willelmus de Hechelingen, Johannes de 
Gerlevengen, Arnoldus de Turri, Philippus de Hustat, Marsilius de 
Himerstorf. 

Acta sunt hec anno dominice incarnationis MCLXXXIII Epacta XXV. Indic- 
tione I. 

Original Coblenz St. A. 

Siegel abgefallen. — Ein riicls. Vermerk des IS. Jh. hat Arnoldus de 
Somersfeld. 

9. — Das Domcapitel in Trier bekundet auf E)-suchen der Priester Ebene in 
und Burchard und des Laienhruders Theoderich den Verkauf der der Kirche zu 
Lautern gehörigen Güter zu Noviant und 31aring (Kr. Bernkastei) an das Kloster 
Himmerode. Da die Kirche in Lautern kein Siegel habe, ivurde das Domcapitel 
um Siegelung der Urkunde gebeten. Ah Zeugen genannt : Die Ministerialen Ludtvig 
von der Brücke (de Ponte), dessen Bruder Beiner, Friedrich von Merle, 
Rudolf von der Brücke (de Ponte), Jacob von Daun; die Bürger Herbord 
Schultheiss, Ludwig Vogt und Ludtoig Slizeweche. ca. 1200. 

Original Coblenz St. A. 

Gedruckt Mittelrh. U.-B. II, S. 335 u. III, S. 328. Eegesten ebenda 
S. 782 No. 1031 und Mittelrh. Beg. II, S. 243 No. 879. 

10. — Graf Heinrich von Zweibrücken und seine Gemahlin Hedioig schenken 
dem Kloster Lautern ihr Eigentum in Beisweiler. 1212. 

In nomine sancte et individue trinitatis. Ego Heinricus comes de 
Gemino Ponte et Hedevvigis collateralis mea sancto conventui in Lutrea in 
perpetuum. Quia sollempnitas contractuuni scribi postulat, ne per oblivionis 



^) Name von etwa 10 Buchstaben ausgelassen. 



— 2H — 

iR'lnilain a meiiioriis liominuin recedal, dignum duximus litteris exararc et subsciip- 
liorie testiuin eternare, ([uod allodium nostrum in Reisvvilre, sicut nobis here- 
ditario jure successit in agris, in pratis, in silvis, in pascuis, eidern ecclesie 
Lutrensi cum omni integritate 'J pro remedio animarum nostrarum et omnium 
parentum nostrorum et liberorum et special! memoria Friderici ducis^) et 
uxoris sue perpetuo possidendum contulimus et presentem paginam nostris si- 
gillis munitam scribi fecimus, testibus subscriptis : Theodericus abbas de 
S trurcelburnen et Symon capellanus suus et Peregrinus abbas de 
Wadegozingen, Helwicus prior ibidem, Gerburgis de Warnsberch et 
Osilia de Paten. Lifwinus de Adelartswilre,, Albertus ^lunt de 
Castela, Gervalcus de Volkelinga et alii quam plures. 
Acta sunt hec anno dominice incarnationis M. CG. XII. 

Oriijinul Coblen.-: St. A. 

Siegel 1. Graf Heinrich; schildförmif/, am Bande heschädiyt ; nach 
rechts schreitender Löwe. Von der Umschrift ....V HEINRIGI... — 
2. Gräfin Hedwig; spitzoval, am Rande beschädigt: stehende Franengestalt 
auf der linlcn Hand einen Vogel haltend nach dem sie hlicld. Von der 
Umschrift SIGILLVM HAIDE,... 

11. — Das Domcapitcl in Trier bekundet, dass der Trierer Subdiacon Friedrich 
und seine Ehefrau Mathilde sich und ihre Tochter dem Kloster Lautern übergeben 
und dass der Vater desselben sein Jahrgedächtnis im Kloster gestiftet habe. 

1224 Oktober 29. 

R. dei gracia prepositus, W. decanus totumque capitulum Treverense ^) uni- 
versis Christi lidelibus tam presentibus quam futuris imperpetuum. Ut adversus 
insidias calumpnie et defectum memorie rebus gestis utiliter consulalur, pre- 
sentibus litteris universis innotescat, quud, cum Fredericus subdiaconus Tre- 
verensis cum Mechtilde de facto, non de jure matrimoniiim contraxisset et ex 
ea genuisset filiam, tandem sancto spiritu obumbrante ad cor ambo reversi et 
conversi ad poenitentiam se et sua cum filia quam habebant in manibus preposit 
de Lutrea nomine ejusdem ecclesie reddiderunt. Pater autem predicti F., cum 
non haberet alium heredcm vel filium preter eum. exultans exultatione super 
lilio poenitentiam agente, heredem ipsum elegit, qui nos regni celestis heredes 
effecit. et ut post ejus obitum anniversarium suum in monasterio de Lutrea annis 
singulis celcbretur, omnia bona immobilia et mobilia, que post exitum vite su 
solutis debitis sibi superfore contigerint, diclo monasterio religiosa lilieralitate 
titulo donationis donavit, tali addita conditione, quod si dictum patrem necessitas 
evidens ad venditionem rerum suarum compulerit, necessitalem primitus decla- 
rabit et ante omnem emptorem sepedicto monasterio venalis rci offeret emptionem, 
contentus eo precio, quod alter daret, qui sibi comparare rem venalem vellet. 
Testes hujus rei sunt: Wernorus scolasticus et magisler, Gunradus canonicus 



') Hier späterer Zusatz: >el loupach*. !)ezieht sich wohl auf T.abach hol 
J?eisweiler. 

^) Friedrich I v. Lothringen, -f- 1207. 

^) Propst Rudolf, DechanI Wilhelm .mUt Woviut. 



— 24 — 

sancli Syiaeonis, H. u g o el L o d o w i c u s canonici sancti Paulini, L a m - 
bertus et Syfridus sacerdotes, Thomas et Ricardus milites et scabini 
Treverenses. 

Actum anno gracie M" CG" XXIIII, quarto kalendas Novembris. 
Orig. Coblens St. A. 

Siegel der Trierer Domkirche an farbigen Wollschnuren ivohl erhalten, 
nur Umschrift beschädigt. 



12. — I)er 'Trierer Bürger Ludwig Molgrin schenkt alle seine in- und ausser- 
halb Triers gelegenen Güter dem Nonnenkloster Lautern. 1225 Mai 3. 

Notum facimus universis, quod Lodewicus civis Treverensis cognominatus 
Molgrin bona sua omnia immobilia, que habet in civitate vel extra propter re- 
medium anime sue ecclesie sanctimonialium in Lutra donavit et tradidit, tarn in jure 
possessionis quam jure proprietatis perpetuo possidenda, sive ea consistant in 
vineis, domibus, agris, vel aliis quibuscumque immobilibus. Ecclesia vero solvet 
pro eo debita subscripta : Bilze sorori ejusdem Lodewici XX libras in nativitate 
domini; monasterio de Werniswilre V libras in festo Martini; Johanni de 
Wilre XXI libras et XII solides in octava Pentecoste ; Arnoldo privigno suo 
XXIII solides; Johanni de Nalebach VII libras et dimidiam in festo Jacobi ; 
Gertrudi de Epternako X libras; Friderico XXI libras et X solidos; Tirrico 
Lyren VII solidos; Johanni preposito de Lutre VI libras et II solidos; item 
eidem preposito de annona II libras. Preterea ecclesia memorata dabit eidem L. 
singulis annis quamdiu vixerit VIII libras Treverenses a festo beati Martini 
proximo usque ad fmem anni persolvendas, ex quibus jam recepit III libras. Et 
prepositus predicti loci nomine ecclesie obligavit se pro eodem Lodewico, 
Tirrico fratri suo et Lodewico filio ejusdem T. de Huren pro tribus libris 
Treverensibus, quas dictus prepositus de pensione dicti Lodewici eisdem ad tres 
annos persolvet. Porro indulsit eadem ecclesia prefato Lodewico medietatem 
fructuum cujusdam orti in Wevirgazen ad dies vite sue, ita tamen, si dictum 
ortum vendi non contingat. Ecclesia vero, si pro predictis debitis persolvendis 
domos vel agros vel alia quecumque immobilia sibi ab eodem L. coUata vendi- 
derit, nihilominus tenebitur in VIII libris annuatim Lodewico sepedicto. Ne autem 
super hiis, que sollempniter acta sunt, aliquis mahgnandi scrupulus possit in 
posterum suboriri, presentem paginam exinde conscriptam sigillo civitatis cum 
nominibus testium subnotatis et majoris ecclesie Treverensis necnon et ipsius 
ecclesie de Lutren sigillis placuit communiri. Testes: Scabini: Godefridus 
sellator, Lodewicus Freisammus, Fridericus Mundekin, Bonefacius, 
Walterus, Herbrandus, Henricus, Ordolfus, Lodewicus et Ernestus 
Puella, Johannes de Nalebach, Lodewicus Albus, Henricus, Bal- 
dewinus. 

Actum anno domini M°CCoXXV°, quinto Nonas Mail. 
Orig. Coblens St. A. 

Siegel : 1. Stadt Trier ; serbrochen, rote und gelbe Schnüre. 2. Dom- 
capitel Trier ; am Rande beschädigt, rote und blaue Schnüre. 3. Kl. Lautern, 
beschädigt, von der Umschrift: SIGILLV.... RINI.,.. Schnüre wie bei 2. 



— 25 — 

i:j. — Scholünticits Werner von S. Si/meon in Trier J:omiiit mit dem Kloster 
Lautern iiberein, dass er ein demselben gehöriges, sehr baufälliges Haus in Trier 
auf seine Kosten wiederherstellen, es dafür aber lebenslänglich bewohnen werde. 

c. 122 r,. 

Ne bonarum mencium pia inlencio nube oblivionis in posterum obfuscctur, 
ego W. ^) ecclesie sancti Symeonis scolasticus notum facio tarn futuris quam pre- 
sentibus, quod cum domina J. magistra de Lutre et B. sacerdote, ejusdem loci 
provisore, et sororibus dicti loci consencientibus de domo, (|uam habebant Tre- 
veri ex donacione R. eanindem sorore, hoc modo convenimus, ijuod domum 
dictam, quia jam pvopter nimiam vetustatem ex magna parte passa fuit ruinam, 
oam meis expensis reedificarem et tempore vite mee eam usibus meis applicarem 
et hee expense cederent in salutem el memoriam anime mee apud dictam eccle- 
siam, nee post mortem meam ali(juis amicorum meorum earumdem expensarum 
habebit repeticionem. Ut autem hec temporalis vite mee cencessio nee mihi nee 
diete ecclesie possit aliquod inducere gravamen, presens scriptum sigillo beati Sy- 
meonis et meo et ecclesie prenominate roborari feci. In hujus concessionis re- 
cognicione testes fuerunt : Johannes custos ecclesie sancti Symeonis, Wezelo 
cantor, Erfo sacerdus, Otto sacerdos, Burchardus sacerdus. 

Orig. Cohlenz St. A. Teilurkunde. 

Siegel: 1. Stift S. Symeon. 2. Scholasticus W., stark beschädigt. 3. KL 
Fraulautern abgefallen. 

14. — Bischof Johann von Metz bestätigt die Schenkung des Patronatsrechts 
der Kirche in Willingen seitens des Robert von liollingen (de Ravilla) an das Nonnen- 
kloster Lautern. 1230 November i). 

In nomine sancte et in individue trinitatis. Johannes dei gracia Metensis 
episcopus tam presentibus i|uam futuris, quibus hoc scriptum videre contigerit, 
veritatis testimonio fidem adhibere. Cum juris et rationis ordo deposcat, ut 
justis (luorumlibet precibus pius et facilis prebeatur assensus, specialiter et maxime 
convenire videtur, petitiones religiosorum pro suis necessitatibus facile et clementer 
admitti. Nos itaque conventus sanctimonialium de Lutra defectum in temporalibus, 
profeclum vero et o[)pinionom sanctam in spiritualibus attondentes, sicut humiliter 
et instanter nobis supplicarunl, donationem jurispatronatus ecclesie de Weidingen, 
(juam fecit eisdem nobilis vir Robertus de Ravilla de consensu heredum 
suorum eo (|Uod ad ipsum spectare dinoscebatur approb(ante)s ^), auctoritate nostra 
conOrmamus. Preterea, ut inopie sue aUquam a nobis consolationem accipiant, 
dilecto nostro B. arohidyachono loci ipsius et capitulo Metensi communiter et 
benigne consentientibus prenominatam ecclesiam eisdem habere concessimus pleno 
jure perpetuo possidendam, ita quod in ipsa ecclesia vicarium a nobis instituendum 
presentare teneantur, salvo tamen jure dyocesiano, quod tam nobis (juam archi- 
dyacono secundum conswetudinem ecclesiasticam comp« etere) *) dinoscitur. 
Ne igitur contra hanc indulgentie nostre liberalitatem ecclesia sepedictarum 
monialium quoquo modo valeat inquietari, presentem auctoritatis noslre paginam 



») Vgl. Mittelrh. U. B. II u III Register. 
*) Lücke im Pergament. 



— 2ß — 

sigillo iioslru cum si^iillis archidyaehoni et tocius capiluli nostri focimus com- 
inuniri. 

Actum anno domini Millesimo ducentesimo tricesimo, quinto Idus Novenbris. 

Original Coblenz St. A. 

Von den ■"> Siegeln nur com zweiten (Archidiakonj Brudi$tacke. — 
Eine Naclibildung der Urkunde auf Pergament, etwa dem 14. Jh. ent- 
stammend, liegt hei. 

15. — Gräfin LuJcardüi von Wied schenkt auf ißitten ihres Sohnes, des Grafen 
Simon con Saarbrüclen, der Kirche tu Lautem eine Salzpfanne hei Breide {Bretten 'f) 
und einen Leibeignen zu Lautern. 1234. 

Ego Lucardis comitissa de Weda omnibus presentem paginani inspec- 
turis notum facio , quod ego at (sie!) peticionem dilecti filii mei S. comitis 
Sarepuntensis, qui heres erat allodii de Breide, situm patelle cum suo jure 
aput (!) Breide et hominern unum aput Lutream contuli in reinedium anime ipsius 
et mee in perpetuum possidendum. In hujus rei testimonium presentem paginam 
sigilli mei munimine roboravi. 

Actum anno domini M» CG«» XXX» llllo. 

Original im Fürstl. Fürstenbergischen Archiv zu Donaueschingen, von 
Herrn Sektor Jung in Saarbrücken nachgewiesen. 

Siegel der Gräfin stark beschädigt. — Rückseitiger Vermerk des 15. Jh. 
>eine brieff von dem cyncze gude zu Breide geben von der grefTynnen 
von Wyde«. 18. Jh. »Pachten«. — Vgl. auch Mittelrh. Reg. IV, S. 125, 
No. 560 »Brethen«. 

16. — Hugo Vogt von Hunolstein schenkt dem Nomienkloster Lautern den Zehnten 
und das Patronatsrecht der Kirche in Schioarzenholz. 1235. 

Notum sit universis presentibus et futuris, quod ego Hugo advocatus 
de Hanapetra contuli ecclesie sancte trinitatis et beate virginis 
Marie de Lutra et dominabus ibidem deo servientibus decimam et jus patro- 
natus ecclesie de Svarcenholf in puram et perpetuam elemosinam pro salute 
anime mee et parentum meorum. Et ut hoc firmum et stabile permaneat, presens 
scriptum sigilli nostri munimine fecimus roborari. 

Actum anno domini M" CG» XXX« V". 

Orig. Coblenz St. A. 

Siegel des Ausstellers wenig beschädigt. 

Gedruckt Mittelrh. U. B. III, S. 417 nach Copie. liegest Mittelrh. 
Beg. II, S. 572 Xo. 2184. Daselbst auch weitere Drucke nachgewiesen. 

17. — Gerbodo nebst Frau und Kindern verzichtet zu Gunsten der Kirche 
in Lautern für 40 Schillinge auf seinen A)iteil an der Wetzelsmühle unter Abschwörung 
vor der Kirche zu Saarbrücken. c. 123i>. 

Noverint universi, quod Gerbodo renuntiavit parti sue, quam habuit in 
inolendino Wezzeles acceptis quadraginta solidis Metensium ab ecclesia de Lutteren, 
similiter et uxor ejus et liberi. Quo facto interfüerunt : Johannes prepositus 
Lutrie, Evcrwinus decanus sancti Arnualis et Gonradus de Alstringen ol 



Reynoldus sacenlotes, Anselinus convcrsus Lutrie, Volniarus de Cokeren 
et Otto de Moisbach laici. Ut autem in posterum nee ab ipso nee a suis 
([uestio nulla fiat ecclesie memorate, idem Gerbodo Sareponti ante fores ecclesie 
tactis sacrosanetis reliquiis partem suam et suürum, sicut prelibatum est, de 
Wezzelis miileii abjuravit. Testes itidem prepositus Lutrie, Roricus junior, 
Ludewicus de Berge, Petrus de Bevelsheim, Liebwinus de Malstat. 

Ürijj. Collen.:: St. A. 

Die Wachsreste des einen lorhanden genesenen Siegels lassen einen 
nach rechts schreitenden Löwen erkennen. — Der rücks. Vermerk 18. Jh. 
»Gensbach«, Kr. Forbach, wird vielleicht die Mühle ermitteln lassen. 



18. — Benannte Personen schlichten einen Streit zwischen dem Nonnenkloster 
Jjüutern und Gerbodo von der Wetzelsmithle unter Beihnlfe des Herrn Merbodo von 
Malberg und -seiner Saline . l:J3<J Juni 0. Finstingen. 

Que geruntur in teinpoie, ne labanlur tum cursu temporis, litterarum me- 
morie solent commendari. Noverint igitur tarn presentes quam posteri presentes 
litteras inspecturi, (jucd de gerra, que vertebatur inter dorainas de Lutra et 
Gerbodonem de ]\Iolendino, quod dieitur Wez eis muten, pax et composicio 
facta est, ita tarnen, ([uod si dictus Gerbodo vel filii sui hujus coraposicionis et 
paeis postmodum violatores cxtiterint, quod dominus Merbodo de Malberc vel 
lilii sui dictum Gerbodonem, in quocumque loco capere poterint, eapient et ipsum 
vinculis mancipatum dominabus supradictis et claustro presentabunt. Hujus rei 
testes sunt: dominus Johannes dei i^raeia archidiaconus Metensis, do- 
minus Merbodo de Malberc, dominus Walterus de Brucha, sigillis quorum 
presentes littere sunt sigillate, dominus Johannes de Wildesberc, W. arclü- 
presbiter de Vinstinga et alii quam plures honesti. 

Datum apud Vinstinga anno domini M° CG° XXX" VI", mense junio in die 
sanctorum Bonifacii sociorumque ejus. 

Orig. Cohlcnz St. A. 

Siegel: 1. Archidiacon Johannes. 2. Rest eines Reite rsiegels. 3. fehlt. 
— Rücks. 15. Jh. »Ein brieff von Wetzelemuelen«. 18. Jh. >Compositio 
facta inter domicellas et Gerbodonem ratione molendini in Ginsbach, 
quam Gerbodo sub poena carceris servare tenetur 1256 (!) Genbach«. 

19. — Die Ritter Marsilius und Reiner sowie ihr Verwandter der jüngere 
Marsiliun von Liesdorf, ferner Gottfried von Schivalbach schenken ihre Anteile am 
Patronatsrccht der Kirche in Tieisweiler mit Zustimmung des Lehnsherrn Matthäus 
von Sidelingen dem Nonnenkloster Lautem. 1237 März 8. Pachten. 

Ne illa que fiunt in tepipore cum tempore labantur et transeant, universis 
Christi fidelibus presentibus litteris innotescat, quod ego Marsilius et Reinerus 
frater meus, mililes, et cognatus noster, junior AI arsiliu s de Lizdorf magistre 
et conventui de Lutra contulimus pro remedio animarum noslrarum modietatem 
juris patronatus ecclesie de Reiswilre, quam hucusquc pacilice possedinms et 
(juiete. Partem etiam terciam ejusdem juris patronatus contulit Godefridus 
de Sualpach conventui memorato. Similiter et Methildis de Sualpach, 
iiialer ipsius Godefridi, qui((iuid juris in ecclesia dt> Rciswilro ad ipsam speclal)at. 



— 28 - 

coiivenlui contulit antedicto. Verum ciiiii dicti donatores jus palionatus ecclesie 
antedicte teneant in feodo a Matheo de Sidelingis domino, ut rata et firma habe- 
retur hec donatio, tres milites, videlicet me Marsilium, dominum Rodulfum de 
Sirsperch et Johann em de Hustat misit nuntios ad virum nobilem domi- 
num Johann em de Sirsperch et mandavit cidem, quod nomine suo testa- 
retur magistre et conventui sepedictis, quod donationem juris patronalus, ut pre- 
missum est, in ipsas factam ratam haberet et gratam. Ut autem hec donatio 
perpetuomaneatinconvulsa, presentem cartam sigillis abhatis de Wadegozinga 
et domini Johannis de Sirsperch rogavimus in testimonium sigillari. Testes qui 
interfuerunt, ubi dominus Johannes de Sirsperch ad mandatum Mathei, qui do- 
minus est feodi, donationem istam ratilicavit, sunt hü : dominus abbas de Wade- 
gozinga, ego Marsihus, dominus Rodulfus de Sirsperch, Johannes de Hustat, 
Roricus de Dentingen, Bezelinus mihtes; Heimo de Lizdorf, Mar- 
q u a r d u s de B e c k i n g e n , A r n o 1 d u s de R o d e n e , H u g o de L u t r a sa- 
cerdotes. 

Acta sunt hec aput Pattlien anno domini M°CC°XXXVP, in quadragesima. 
Original Coblenz St. A. 

Siegel: 1. Joh. v. Siersberg, geßochtcne Wollschnüre. 2. An eben solchen 
Schnüren ein Wachsrest und am Ende angebunden ein an Pergamentstreifen 
befestigt geicesenes rundes Siegel: nndentlich erkennbar Brustbild einer 
Person nach links gewendet; die Pergamentstreifen mit Schrift aus dem 
Anfang des 13. Jh. 

SO. — Der erzbisch ößiche Official Canonicus Th. in Trier entscheidet in einer 
Streitsache swischen dem Kloster Lautem und den Eheleuten Heinrich in Trier tvegen 
eines jenem gehörigen, bei St. Moritz (?) in Trier gelegenen Weinbergs. 1239 Mai 4. 

T h. canonicus Treverensis, domini archiepiscopi ofüciahs, omnibus presens 
scriptum inspecturis notum facimus, quod in causa, que vertebatur inter ma- 
gistram et conventum in Lutrea ex una parte et Henri cum et uxorem suam 
Trevirenses ex altera, tahs compositio facta fuit inter eos in judicio coram 
nobis, quod vineam, quam dictus conventus habet apud s a n c t u m M a u r i c i u m 
in Treveri^), pro medietate fructuum supradictus H., quousque vixerit, illam 
colet taU addita condicione, quod, cum ipse decesserit, prefata vinea hbera et 
sine reclamatione G. uxoris ipsius redibit ad claustrum supranominatum, et hoc 
ipse H. cum uxore sua coram nobis et testibus subsequentibus festucaverunt. 
Promisit et se nuUum vinum expressurum in torculari dicti conventus situm apud 
vineam prenominatam, nisi de gracia ejusdem conventus, preter quod provenit 
ex vinea sepe nominata. Hiis interfuerunt dominus Willelmus de Davels, 
Henricus filius Sistap, Wiricus frater predicte ecclesie et Conradus 
de Palacio et quidam alii. Ut autem hec rata et firma permaneant, presentem 
litteram sigillo nostro et W. de Davels concanonici nostri fecimus communiri. 

Acta sunt hec anno domini M° CC° XXX" IX" feria IUP ante ascensionem 
domini. 

Original Coblenz St. A. 

Die Siegel abgefallen. > 



1) S. oben Text S. 10. 



— 29 — 

21. — lliKjo Vo(jt con lLunol>itein (dictm acoiatus de Hunol'Jesten) 
schen/,t PaironaUrecht und Zehnten der Kirche in Schwartenholt \SrarcenlioU) 
dem J\lo$ter Lauter)/. 1230. 

Actum anno domini M«CC«XXXoiX". 
Original Coblen: St. A. 

Siegel an Pergamentstreifen abhangend, Hand abgebrochen. Text wie 
-Xo. 16. 

22. — Kuuo genannt ran Hulant schenkt die seinem Vater von Ludwig 
Molgrin überkommenen Güter zu Uehren der Kirche zu Lautern. 1241 Jan. 14. 

Ego (1 n o dictus de II u 1 a n t notum facio universis, ad quos littere pre- 
sentes pervenerint, quod ego omnes possessiones sive hereditates, que quandoque 
jure hereditario contingebant Ludewicum cognomine Molgrin apud Uren, 
cum omni integritate, qua ipsas patri meo resignavit in vineis, agris sive areis 
pre Omnibus aliis jure hereditario contradidi ecclesie de Lutrea perpetuo, pacifice 
et quiete ipsas possidendas, salvo tarnen mihi et heredibus meis jure, quod ab 
antiquo eadem bona mihi et antecessoribus meis solvere tenebantur. 

Datum anno domini M^CCXL", in crastino octave epyphanie. Quia ego 
C. sigihum proprium non habui, sigillo fratris mei Th. domini de Rulant 
presentes htteras in testimonium veritatis jussi communiri. 

Original Coblenz St. A. 

Siegel des Ih.von Bulant: .schildförmig, geschobener Balken, am Bande 
beschädigt. Umschrift: + SI...LVM T....MINI DE RUL . NT. Für die 
Datierung ist Trierscher Styl vorausgesetzt. 

23. — Meisterin Berta und der Convent zu Lautern kaufen von Benzelin von 
Bedesdorf S Morgen Feld beim Hofe Hucclsdorf u. a. O. 1241 Fraulautern. 

B. dei permissione magistra in Lutra totusque conventus sanetimoniahum 
ejusdem loci universis presens scriptum inspecturis in vero salutari salutem. Cum 
res gesta mandatur litteris tocius materie calumpnie prevenitur. Noverint ergo 
tarn presentes quam posteri, quod nos octo jurnalia camporum erga Benceli- 
num de Bedestorf et suos successores emimus, ut usque in perpetuum ad 
nostram pertineant ecclesiam, quorum quedam pars, scilicet area, sita est apud 
curtim in Huccelstorf et altera pars apud locum, qui dicitur Bissenpul, 
et una pars apud Daswilre, et quadam pars sita est apud semitam, que ducit 
transeuntes usque s w i 1 r e. 

Acta sunt hec apud Lutra coram conventu et domino Sibodone pastore 
de Ucelstorf et domino F r i d e r i c o sacerdote de Bedrestorf et Johanne 
de Bedrestorf et coram aliis quam pluribus viris probis et honestis anno do- 
mini M^CCXL"!. Ut autem hec rata et inconcussa permaneant, presentem sce- 
dulam sigillis a b a t i s s a n c t i Martini G 1 a d a r i e n s i s et domini .T o h a n n i s 
de Sirsperch fecimus roborari. 

Original Coblenz St.A. 

Siegel (weisse Wollschnüre): I.Abt con Lnngfclden, 2. Joh. r. Sier.<- 
berg. — Eine rückseitige ältere Eintragung hat Bederstorff" , eine Jüngere 
» Bebersdorf^ . 



— 30 — 

24. — Ili'rzixj Matthätis von Lothriinjen schenht dem FraxenJdoslcr Laulern 
einen Zins von 10 Schillingen zu Wallerfongen von dem sogen. Hiifgut. 

1248 März 3. 

Que geruntur ab liominibus, cito labuntur a memoria, nisi scripto vel voce 
testium confirmontur. Declaretur igitur tarn presentibus quam futuris, (|uod ego 
Matheus dux Loturingie pro remedio anime mee et successorum meornm 
decem soüdonim census in Wal d e r w i n g a de bonis, que dicuntur H u f g ü t , con- 
ventui sanctimonialinui in Lulra in perpetuum pacifice possidendos contuli. Ne 
talis donacio a posteris detrimentum paciatur vel calumpnia attemptetur, presens 
scriptum sigilli mei munimine duxi roborandum. 

Datum anno domini M'T.CXL" VII", sabbato ante dominicam qua cantatur 

»oculi mei«. 

Orig. Cohlrnz St. A. 

Hundes Meitersiegel des Herzogs, abhängend, .:erhrochen, mit Rück- 

siegel. — Zeile 3 stand : anime sue et succ. suorum ; sue n. suorum sind 

getilgt und mee und meorum übergeschrieben. — Beiliegend Abschrift des 

15. Jh. : erhalten auch in Vidimus von 1481, April 3. 

25. — Papst Innocenz IV. erJdärt, dass das Augustiner-Nonnenkloster zu 
Lautern nur auf Spezialmandat, das dieser Indulgenz Erwähnung thut, zur Aufnahme 
Jemandes ge.twungen ioerden dürfe. 1349 Jauuar 11. Lyon. 

Innocentius episcopus servus servorum dei dilectis in Christo filiabus . . 
magistre ac conventui de Lutrea ordinis sancti Augustini Treverensis diocesis 
salutem et apostolicam benedictionem. Cum ex supertlua multitudine sequantur 
confusionis frequenter dispendia graviora, nos devotionis vestre precibus inclinati 
vobis auctoritate presentium indulgemus, ut ad receptionem alicujus in monasterio 
vestro compelli aliquatenus non possitis per litteras apostolice sedis vel legatorum 
ipsius sine speciali mandato sedis ejusdem, expressam faciente de hac indulgentia 
mentionem. Nulli ergo omnino hominum liceat hanc paginam nostre concessionis 
infringere vel ei ausu temerario contraire. Si quis autem hoc attemptare pre- 
sumpserit, indignationem omnipotentis dei et beatorum Petri et Pauli apostolorum 
ejus se noverit incursurum. 

Datum Lugduni III. Idus Januarii, pontificatus nostri anno sexto. 
Orig. Coblenz St. A. 

Bleibulle an roten und gelben Seiden fäden. Ein riicks. Vermerlc des 
IS. Jh. setzt die Urk. in das Jahr 1189 und giebt ihr die No. (>. — Bei 
Potthast reg. pont. rom. II nicht erwähnt. 

26. — Archidiacon Arnold {v. Schieiden), Propst von S. Paulin, Archidiacon 
Sjimon (f. Franchirmont) und Canonicus S. rom Domstift in Trier vidimieren das 
Privileg des Papstes Innocenz IV. für Fraulautern vom 11. Januar 1349 {No. 25). 

1249 März 25. Trier. 

A. major archidiaconus, sancti Paulini prepositus, S. canonicus 
et officialis Treverensis omnibus presentem paginam visuris et audituris 
notum fieri cupimus, quod nos litteras domini pape buUatas, non cancellatas, non 
abolitas nee in aliqua sui parte vitiatas vidimus et verbo ad verbum legimus in 



— m — 

liec verba : (J'o^iJt hnchstahcnfietrcac Abschrift des piipstUchi'n Prliulcfjs vom 11. Ja- 
nuar 124i), s. 0.) In cujus lei tcstimonium presentem paginam ad peticioneiii 
predictarum magistie et conventus sigillis nosiris fecimus oommuniri. 

Datum Treveri anno domini millesimo ducontcsimo quadragesimo nono, in 
die annunciacionis dominice. 

Or. ColAenz St. A. 

Siegel: 1. Arcliidiacon A.; stehender Kleriker, linclsiegel, Rand stark 
beschädigt. 2. Stehender Kleriker mit Buch und Falmzueig ; von der Umschrift: 
...TREVK. .3. Siegelrest, Haupt eines Klerikers. 

27. — Der Trierer Archidiacon und Thesaurar Si/mon bestätigt die Schenkung 
der Kirche in Heisn-ciler an das Kloster Lautern. 1250 Augu-'^t. 

Symon dei gracia archidiaconus et thesaurarius Treverensis universis 
Christi fidelibus tarn presentihus quam futuris, ad ({uos presentes littere perve- 
nerint, notum esse volumus, (juod, cum fundatores ccclesie de Reiswilre libere 
contulissent ipsam ecclesiam dilectis in Christo . . magistre et conventui de 
Lutrea, prout in eorum litteris, quas dicte magistra et conventus habent eorum 
sigillis roboratas, plenius vidimus contineri, nos dictam collacionem ratam haben- 
tcs ipsas in possessionern predicte ecclesie et fructuum ipsius, quos ibidem pas- 
tores recipere consueverunt, portione vicarii in cadem deservientis dumtaxat 
competenti excepta, misimus et mittimus per presentes et eas decano loci pre- 
sentavimus ad eandem. In hujus rei memoriam presentes litteras super hoc con- 
fectas sepedictis magistre et conventui dedimus sigilli nostri munimine roboratas. 

Actum et datum anno domini M^r.r.f quinquagesimo, mense Augusto. 
Orig. Coblem St. A. 
Siegelrest abhangend, Figur eines Klerikers. 

2S. — Abt Heinrich ron Wadgassen und Graf H(einrich) ron Zweibrücken 
bezeugen einen Ausgleich in dem Streite zwischen dem Nonnenkloster Läutern einer- 
seits und Elisabeth Wittice von Liesdorf und deren Sohne Gottfried andrerseit'i über 
das Patronat der Kirche in Rcisweiler. 1250. 

Hanricus dei pacientia dictus abbas in Wadegozen et H. comes 
Geminipontis tarn presentibus quam futuris notum facimus : Si ccclesiarum 
dei pre ceteris curam gerere et ulilitatibus earum studuerimus consulere, id 
procul dubio ad eterne remunerationis augmentum nobis profuturum non debemus 
ambigere. Sane constitutis coram nobis, extra forum judicii, domina Berta ma- 
gistra de Lutrea et conventu ex una parte, et Elyzabeth et Godefrido filio 
ejus de Lizdorf ex altera ad monicionem non solum nostram sed etiam alio- 
rum virorum religiosorum ac discretorum super dissensione juris patronatus 
ecclesie de Resswilre, que inter ipsos divertere dinoscebatur, sub hac forma 
in unum convenerunt, videlicet quod dicta Elyzabeth et filius ejus antenotatus cum 
aliis coheredibus suis divine remunerationis intuitu contulerunt ecclesie in Lutrea, 
(juicquid juris habere dinoscebantur in jure patronatus ecclesie de Resswilre, non 
solum pro salute sua verum etiam pro salute antecessorum et successorum suorum 
perpetuo possidendum. Ut autem sepedicte E. et heredum suorum tarn pia do- 
natio licet modica firma et inconvulsa permaneat, ad peticionem pariis utriusque 



— 32 — 

presentem scedulani sijiillornm nostroruni muniinine, iil sublus cernilur, fecimus 
communiri. 

Anno domini millesimo ducentesimo rjuinquagesimo. 

Orig. Cohhnz St. A. 

Siegel : 1. Abt i\ Wadgassen. Rest. 2. SiiicJc des runden Reitersiegds 
des Grafen von Zivcibrüchen. Rncksiegel ivohl erhalten : Rose mit Um- 
schrift -{- Secretum meum. — Auf dem umgebogenen unteren Rand der 
Zlrlc. von gleich- . Hand: II* {^= secunda). 

Ä9. — Graf H{einrich) von ZiveibriJcken bezeugt die Schenlung des 
Patronatsrechts der Kirche in Reisweiler an das NonnenJcloster Lautern. 12n0. 

Actum anno domini M° ducentesimo quinquagesimo. 
Or. Cohlenz St. A. 
Siegel des Grafen H. ab. 

Der Text stimmt inhaltlich mit No. 38 überein. Auf dem umgebogenen 
unteren Rande gleichzeitig »VIII»«. 

30. Abt Heinrich von Wadgassen bezeugt die Schenhing des Patronats- 
rechts der Kirche in Reisic eiler an das Nonnenkloster Lautern. 1250. 

Actum anno domini millesimo ducentesimo quinquagesimo. 
Or. Cohlenz St. A. 
Siegel des Abtes ab. 

Text toie No. 29. — Auf dem umgebogenen unteren Rande gleich- 
zeitig ^IIP-«. 

31. — Die Kirche S. Trinitatis in Lautern kauft von Peter von Boveries 
und Anderen näher bezeichnete Weinrenten in Martinsgemeinde a. d. Mosel, Meyul 
und Kassen. c. 1250. 

Notum sit Omnibus tam presentibus quam futuris presentem litteram in- 
specturis, quod ecclesia sancte trinitatis in Lutrea supra Saram comparavit amam 
vini perpetuo pro quatuor libris Treverensibus erga Petrum de Boveries et 
suos heredes ex vinea sua, qua jacet in Mertinesgemeinde supra Mo- 
s eil am in parrochia de Numagen,' quam videlicet vineam dictus Petrus et sui 
heredes habent a communitate de Numagen hereditarie pro sextario vini singulis 
annis. Si vero Petrus vel sui heredes dictam amam vini ecclesie prenominate 
singulis annis persolvere neglexerint, supradicta vinea cedet ecclesie de Lutrea 
libere et absolute, ita videlicet, quod communitati de Numagen de sextario vini 
singulis annis satisfiat. Item prefata ecclesia sub eadem condicione et forma 
suprascripta emit amam vini erga Lambertum de eadem villa et suos heredes 
ex vinea sua in Meijul in dicta parrochia de Numagen, quam vineam habet 
etiam a communitate de Numagen hereditarie, pro sextario vini et dimidio. 
Item Johannes dictus de Foramine de dicta villa vendidit prefate ec- 
clesie dimidiam amam vini pro quadraginta solidis Treverensibus ex vinea 
sua in Mertinesgemeinde, quam habet etiam a communitate de Numagen, 
pro quarta vini et dimidia singulis annis persolvenda. Item Winricus de eadem 
villa et parrochia vendidit ecclesie memorate dimidiam amam pro XL* solidis 



- 3B — 

Treverensibus ex vineis suis in Meijul el apud Kassen, quas habet a coiiimuni- 
tate fleNumagen, ?ingulis annis pro sextario vini secundum formam suprascriptam. 
Hec autem sunt scripta et testificata coram H. centurione et quatuordecim 
scabinis de Numagen, Waltero videlicet et Johanne Leidevas, Alexandro 
et Conrado Hasart, Stephano et Rcinboldo et Goboline Grundela. 
Ut autem hec rata et iirma in posterum permaneant sigilhim nobilis viri 
;\Ieffridi militis dornini de Numagen ad petitionem communitatis et here- 
(liun in testimonium presentibus litteris est appensuin. 

Orig. Cohleni St. A. 

Sief/elrest des Meffried oon Neumurjen. — Mücks. Vermerk 18. Jh. 
>Zweibeck« Hof Zweibach, bei Neiimagoi. Vgl. zu der Urk. Mittelrh. 
Reg. II 534. 

33. — Erzbischof Arnold ro)i Trier bestätigt die Schenkung der Kirche zu 
Keisweiler an das Augustiner nonnenkloster Lautern. 1251 März 25. Trier. 

Arnoldus dei gracia Trevirorum archiepiscopus dilectis in Christo filiabus 
inagistre et conven tui sanctimonialium de Lutrea ordinis sancti Augustini Tre- 
verensis dyocesis salutem in vero salutari. Cum , fundatores et veri patroni ec- 
clesie de Reiswilre, nostre dyocesis, ipsam ecclesiam monasterio vestro contule- 
rint liberaliter et benigne, pro ut ex instrumentis eorundem, que super hoc habere 
dinoscitnini, palere poterit evidenter, nos collationem eandem gratam et ratam 
habentes ipsam, sicul canonice facta est, presentis scripti patrocinio duximus con- 
lirmandarn, metropolitani tarnen et archidiaconi loci per omnia jure salvo. Nulli 
ergo omnino hominum liceat hanc nostre confirmationis paginam infringere vel 
ei ausu temerario contraire. Siquis autem hoc attemptare presumpserit, indigna- 
tionem dei omnipotentis et beatorum Petri et Pauli apostolorum ejus se noverit 
incurrisse. 

Datum Treveri, anno ab incarnacione domini millesimo ducentesimo quin- 
(juagesimo primo, octavo kalendas Aprilis. 

Or. Coblenz St.A. 

Siegelrest von rotem Wachs an grünen Seidenschniiren. Von der Vin- 
schrift : ARNO. — Auf dem unteren umgebogenen Rande gleichzeitig »V»<. 

83. — Arnold Herr von Siersberg schenkt zur Stiftung zweier Jahresgedächtnisse 
— seiner Gattin Elisabeth und seiner Mutter Murgaretha — dem Kloster Lautem 
seine Midile bei Rehlingen und weist demselben jährlich zwei Fischgerichte in Pachten on. 

1251 Juli. 

Noverint universi tarn presentes quam futuri, quod ego Arnoldus do- 
minus de Sirsperch libere contuli monasterio de Lutrea molandinum (sie I) 
meum apud Rolingin cum fructibus ipsius pro remedio animarum El iz ab et 
uxoris mee et Margarete matris mee pie memorie, ut in eodem monasterio 
duo anniversaria a magistra et conventu ejusdem monasterii in memoriam ani- 
marum earundem celebrentur singulis annis. Et ad illa anniversaria dabunt 
piscatores mei de Pathe duo servicia in piscibus dictis magistre et conventui, 
quos requirent et recipient ibidem. Si vero predictum molandinum in partein 
fratrum meorum deducatur, ego alias de allodio meo dicto monasterio illud rcconpen- 
sabo. In liujus rei testimonium presens scriptum super hoc confecluin memoratis 

3 



34 - 

magistre ot conventui IradicU sigillis abbat is de Wa(l(-go/. in, donnini 
.[ohannis de Kirkele. fratris mei, et meo voboratiim. 

Actum et datum anno domini M'^TX'" quinquagesimn priniu, mense Julio. 

Or. Cohlenz St. A. 

Siegel : 1. Abt von Wadgassen, Rest. 2. Johann von Kirkel (?) Best. 
3. scheint nicht angehangen zu haben. 

34. — Gräfin Laureta von Saarbrücken verspricht dem Kloster Lautern 
pünktliche Entrichtung einer Fruchtrente von einer bisher dem Kloster, jetzt ihr erb- 
lich zustehenden Mühle bei Saarbrücken. Die Bentc besteht in 12 Maltern Getreide, 
in zwei Terminen lieferbar. Sollten die Einkünfte der Midile nicht ausreichen oder 
die Mühle zu Grunde gehen, haben die Gräfin und alle Inhaber der Burg S. die 
Beute dem Speicher in Saarbrücken zu entnehmen. Nichtzahlung zieht Excommiinicatioti 
der Schuldner nach sich. Et ut hoc ratum et firmum semper permaneat, presenti 
pagine sigillum domini mei avunculi Metensis episcopi una cum sigillo meo 
et sigillum domini abbatis Wadcgozensis et conventus ecclesie ejusdem nee 
non et sigillum capituli S. Arnualis feci apponi. 1251. 

Actum anno domini millesimo ducentesimo quinquagesimo primo. 

Neue Abschrift Coblenz St. A. 

Gedruckt: Kremer, Ard. Geschlecht, cod. dipl. 332; Mittelrh. V. B. TU, 
S. 835 : s. auch Mittelrh. Beg. III, 8. 314, No. 903. 

Bern. Gräfin Lauretta von Saarbrücken bei Cohn Stammtafeln als 
Schwester de.s Bischofs Jacob von Metz {Herzog von Lothringen) 
bezeichnet. 



S5. — Der päpstliche Legat Hugo, Cardinal-Presbyter v. T. S. Sahinac, erteilt 
dem Augustinerkloster Lautern ein Privileg betreffend Aufnahme wn Mitgliedern 
(Vgl. oben No. 25). 1254 Juli 9. Trier. 

Frater Hugo miseracione divina tituli sancte Sabine presbyter cardinalis, 
apostolice sedis legatus dilectis in Christo . . magistre et conventui monasterii in 
Lutrea ordinis sancti Augustini Treverensis diocesis salutem in domino. Religionis 
vestre sincera devocio promereri dicitur, ut votis vestris, quantum cum deo possi- 
mus, favorabiliter annuamus. Vestris igitur supplicacionibus inclinati, quod ad 
recepcionem cujusquam in canonicam et sororem per litteras nostras impetratas, 
per quas nulli jus fuerit atquisitum (!), seu etiam impetrandas, que de presenti in- 
dulgencia plenam et expressam non fecerint mentionem, compelli nequeatis in- 
vite vobis, auctoritate presencium indulgemus. Nulli ergo etc. etc. 

Datum Treveri, IUI idus julii, pontificatus domini Innocencii pape III 
anno undecimo. 

Or. Coblenz St. A. 

Siegel des Legaten an roten und gelben Seidenschnüren. Verblasster 
rücks. Vermerk des 15. Jh. : »eine brieff von einem Cardinal, daz man 
uch nit drengen mach, inne zu nemen über uwern willen einge cloister- 
junfrauwe, obe sy och brieff von uns hetten' . — Begest des 18. Jh. mit 
Jahreszahl 1158 und »Numerus otus«. 



— 35 — 

:16. — Äht Heinrich roii Wadgassen heieiujt, class Joha)in ron Sehn- all lurti 
und seine Frau Elise ihr Eigentum an der Kirche in Schwalliach nebst einem Felde 
bei Liesdorf dem Kloster Lautern geschenkt haben. 1254. 

Hanricus dei patiencia dictiis abbas in Wadegozen universis Christi 
lidelibus i)resentes lilteras inspeoturis pacein diligere et veritatem. Nc temporales 
actus interire possint cum lapsa memoria, stabiliri debent cum pagina litterarum 
sigillo persone autentice sigillata. Noverit igitur universitas vestra, quod .T o - 
hannes de Sualpauch dedit deo et ecclesie sororum in Lutra laude et 
assensn uxoris sue Elyse et omnium liberorum suornm et aliorum, quorum 
assensus requiri debebat, pro remedio anime sue et omnium antecessorum suo- 
rum, quicquid habebat et habere debebat in ecclesia de Sualpauch et unum 
campum situm juxta Oirswit apud Lizdorf dicte ecclesie imperpetuum possi- 
denda. In cujus rei testimonium et munimen ad peticionem liberorum dicti 
.Tohannis prescntibus lilteris sigillum nostrum est appensum. 

Actum anno domini MTf," quinquagesimo ((uarto. 

Or. Coblens StA. 
Siegel abgefallen. 

87. — Das Martinskloster hei Trier bekennt, aus Not der Frau Hadeuidis 
von Warsberg eine Rente von 22 Schillingen verkauft zu haben, ivelche die Käuferin 
dem Kloster Lautern zum Besten verwendete. 1355 Becemher 20. 

A. priorissa et conventus sancti Martini prope Treverim omnibus 
presentes litteras inspecturis fidem subsequentibus adhibere. Paupertate et debi- 
torum multitudine depresse universitati vestre volumus esse notum, quod pre- 
missorum necessitate conpulse domine Hadewidi de Warnesberch census 
viginti duorum solidorum, nobis de domo et area domine Metildis de 
sancto Paulino debitos et usque nunc a nobis perceptos de domo et area 
antedictis, vendidimus pro viginti libris et una Treverensibus, quam pecuniam 
numeratam recepimus et in usus ecclesie nostre necessarios redegimus. Cui 
venditioni eo favorabiliorem ac promptiorem inpertite sumus assensum, (juod 
dictum censum ad usus conventus monialium de Lutrea prefata Hadevidis con- 
paravit. Nos etiam priorissa et conventus de evictione dicti census cavenda se- 
cundum consuetudinem civitatis Treverensis nos obligamus. In cujus rei testimo- 
nium sigillum nostrum presentibus est appensum. 

Actum anno domini M°CC°LV°, tercio decimo kalendas januarii. 

Or. Coblens St. A. 

Siegel des Martinsklosters, spitzoval, stehende Bischofsfigur ; von der 
rmschrift .... SCI MARTINI TREVER . . . Eiicks. Vermerk des 15. Jh. 
»littera dominarum de Lutrea de XXII solidis«. 

88. — Abt Johannes und der Convent des Klosters S. Martin in Lungfelden 
< Longeville-lez-St. Avold, Longeville de Glandieres) einigen sich mit dem Kloster 
Lautern über bisher Hreitige Gitter in Büren (Burnen) bei SaarlouLo, genannt 
Zcumeheistre. 12öS August. 

Huic compositioni, paci pariter et tractatui interfuerunt : dominus Ludewicus, 
archipresbyter de Bolle ia, dominus Anseimus de Weidinga, dominus Sy- 
mon de Esswilre, dominus W o 1 p e r o de M o r t e n a , dominus Godscalcus 

3* 



- 86 - 

de Iniie et düininus Antonius de U/, c e 1 s d o r f. Kt ul dicta pa\ sive com- 

positio stabilis sit et firma, presentem paginam contulimus sepedictis magistre et 

convenlui de Lntrea sigillorum nostrorum munimine roboratam. 

Actum et datum nnno domini millesimo C.C. quinquagesimo octavo, mense 

augusto. 

Or. Cohlenz St. A. 

Siegel : 1. Abt von Lungfelden, stark bescMdigt, sitzende Figur eines 

Geistlichen; Umschrift .... ABBIS .... ARTIN 3. An zweiter 

Stelle, ivoselbst Einschnitte, hat wohl kein Siegel gehangen. 3. Convent von 
Litngfelden ; nach rechts schreitendes Gotteslamm mit Heiligenschein und 
Kreuzfcüine. Umschr.: .... GLADARI .... 

Gedruckt: M. U. B. III, S. 1057. 

Regest: Mittelrh. Reg. III, S. 340, No. 1512. 

3». — Hadewivis, Witwe des Edlen von Warsberg, schenkt dem Kloster 
Lautern eine Weinrente von näher bezeichneten Weinbergen bei Zewen. 1259 Januar. 

Notum sit universis hoc scriptum visuris, quod Hadevivis vidua no- 
bilis de Warlesberch pro remedio anime sue tradidit et donavit in elemo- 
sinam cenobio in Lntra amam vini Treverensis mensure, quam dicta Hadewivis 
emptionis titulo comparavit erga P e t r u m et B e r 1 o u v i m uxorem suam de 
Wilre supra montem de vinea ipsorum sita prope ecclesiam C evene in 
m nt e et de vinea eorundem sita prope Pirum Regiam dicta P u w i 1 r e , 
que vinea contigua est vinee Rodulfi dicti Knilinc et vinee Drutwivis vidue 
de Cevene. Predictam quoque amam vini in censu persolvent Petrus antedictus 
et sui successores perpetuo annuatim de predictis vineis in autumpno ante 
pressorium cenobio in Lutra. Si autem propter generalem defectum vini de 
predictis vineis ama vini non poterit haberi, hoc ipsum vinura, quod in eisdem 
vineis creverit, dabunt cenobio predicto Petrus et sui successores, et pro residuo 
solvent pro quolibet sextario duos denarios, nee tamen aliquatenus ad id ad- 
mitlentur, si in cultura vinearum comprobari poterunt fuisse negligentes. Si vero 
dicti Petrus et sui heredes in solucione census predicte ame vini extiterint in- 
obedientes et contumaces, de hoc sentencie et pene scabinorum Treverensium 
subjacebunt. Item predictus Petrus de Wilre agrum suum contiguum vinee site 
in monte prope ecclesiam de Cevene sepedicto cenobio titulo pignoris, quod 
Lanegrith vulgo dicitur, obligavit pro dicta ama vini censualis. De predicto 
quoque agro sito in monte prope ecclesiam in Cevene et de vinea contigua sita 
supra Vor st solvuntur in censu a predicto Petro et a suis heredibus domino 
de Rulant in censu XVIIP denarii. Alia vero vinea sita in Puwilre est allodium. 
Ut autem hujusmodi contractus et elemosine donatio robur firmitatis in perpetuum 
obtineat, placuit ad peticionem partium presentem paginam inde conscriptam no- 
minibus scabinorum et sigillo civitatis in testimonium communiri. Testes: Giletus, 
Henricus, Warnerus, Nicolaus, Henricus, Colinus, Ordolfus, Karolus, Henricus, 
Ordulfus, Petrus, Henricus, Philippus et Jacobus scabini Treverenses. In quorum 
presentia et testimonio her sunt acta anno domini M" CC quinquagesimo octavo 
mense .Januario. 

Orig, Coblenz St. A. Teilurkunde. , 

Siegel der Stadt Trier zerbrochen. Rückseitig 15. Jh. : »De ama vini 
de vin«a prope ecclesiam in Zeven« ; 18. Jh.: »Zweibechen«. 



— 37 — 

"10. — Hanwela von Warsbery, Witwe des Räters Alard con Gunsingen, kauft 
fall Lambert in Boreries bei Netimagen eine Weinrente aus einein Weinberg bei 
Meiul, die nach ihrem Tode dem Kloster Lautem zufallen soll. 1259 April 25. 

Notum sit Omnibus tarn presentibus quam futuris presentem litteram inspec- 
Uiris, quod domina Hanwela de Wa r nesp ercli, relicta domini Alardi 
inilitis de Gunsingen, comparavit erga Lambertum, lilium Everonis 
de Boveries apud Numagen, dimidiam amani vini pro XL'** solidis Tre- 
verensibus ex quadam vinea ipsi L. sita apud Meiiul. singulis annis jure here- 
ditario persolvendam H. domine quoad vixerit supradicte. Quam videlicet dimidiam 
amam dictus Lambertus et sui heredes perpetuo presentabunt ecclesie de Lutrea 
post mortem domine Hanvvele prenominate. In cujus lei testimonium M. do- 
minus de Numagen huic scriplo sigillum suum jussit apponi. Huic vero con- 
ventioni interfuerunt : III scabini de curia sancti Petri, Henri cus videlicet, 
R e i b 1 d u s filius ejus et G o b e 1 o G r u n d e 1 a de Boveries. 

Actum anno domini M** CC L" VIIIF, in fesfo beati Marche (sie !; evangeliste. 

Orig. Coblenz St. A. 

Siegel des M. v. Neiimagen, schildförmig; Mittelschild mit 8 Querbalken. 

41. — Gi'af Heinrich von Saarwerden giebt die lehnsherrliche Erlaubnis zur 
Schenkung der Kirche in Dentingen seitens des verstorbenen Ritters Robert v. Warsberg 
und seines Sohnes Johannes an das Kloster Lautern. 1359 December. 

Nos Henricus com es deSarwerde universis presentes litteras visuris 
uotum facimus, quod nos donum seu coUationem ecclesie de D e n d i n g h e n , 
quod donum seu collatio ad nostrum feodum spectabat, quondam Robertus 
miles de Warnesperch et postmodum Johannes, loci ejusdem miles ejus 
filius, et decimam, quam idem R. ibidem habebat, necnon et duodecim quartas, 
quas dictus Johannes in ipsius ecclesie decima obtinebat, religiosis dominabus de 
Lutrea Treverensis diocesis in animarum suarum subsidium pia deliberatione et 
provida contulerunt, concedimus, ratificamus ac etiam approbamus et sigilli nostri 
munimine confirmamus. In cujus rei testimonium presentibus est nostrum 
appensum sigillum. 

Actum anno domini M" GC° L** nono, mense decembris. 

Or. Coblenz St. A. 

Rest des Siegels und Rücksiegels des Grafen. Rückseitiges Regelt 
, J8. Jh. mit Jahreszahl 1250. 

48. — Werner von der Unteren Mühle in Thron {b. Neumagen) verkauft dem 
Kloster Lautern einen Weinzins von einem Weinberge bei Thron, der dem Herrn 
Gerhard von Urley zinspflichtig ist. 1260 Januar 19. 

In nomine sancte et individue trinitatis. Ego Wernerus dictus de in- 
ItTiore molendino in Drogena penes Numagen universis tarn presentibus 
quam futuris, ad quorum noticiam presens scriptum pervenerit, notum facio, (|uod 
ego mera et spontanea voluntate mea vendidi inperpetuum dimidiam amam vini 
censualem ex vinea mea sita apud molendinum inferius in villa supcrius nomi- 
nata monasterio sancte trinitatis in Lutrea pro quadraginta solidis denariorum 
Treverensiurn mihi intcgraliler solutis. De qua vinea singulis annis domino Gei- 
hardo milili diclo de l'rlcv porsuh eri' lonenr oi'to iiuminos censualt's 



— 38 -^ 

Treverensium denariorum, de cujus eciam consensu et voluntale, salvo sibi censu 
debito, hanc vendicionem feci. Quam dimidiam amam vini, si singulis annis a 
presenti tempore in antea diclo monasterio Lutree tempore putacionis vindemi- 
arum non persolvitur, arbitratus sum, quatenus dictum monasterium liberum 
habeat recursum ad vineam predictam et ad ipsum yine offensa et contradictione 
mea et omnium . . ^) heredum meorum jure hereditario revolvatur, censum quo- 
que pertaxatum (sicl), scilicet octo denarios, iiiemorato domino Gerhardo, sicud(!) 
et ego conswevi persolvere, persolvet extunc monasterium sepedictiim. Ut autem 
hec premissa nulla mala [fidejs impungnet aut cujusquam doli genus inpedeal. no- 
bilis viri Meffridi domini de Numago et scabinorum de Numagen cum 

ceteris multis honestis *) [rog]avi dominum Meffridum memoratum, ut pre- 

sentibus litteris suum juberet apponi sigillum. Nos vero dominus de Numagen 
Meffridus dicti Wernheri [precibus incllinati presens scriptum in testimonium si- 
gilli nostri inpressione fecimus communiri. 

Anno MoCCöLVIIIP XIIIP kal. Februarii. 

Sehr beschädigte Abschrift des 15. Jli. Coblenz St. A. Für die Datierung 
Vit Trierer Styl angenommen. 

43. — Die S. Trimtatiskirclte in Lautern kauft von Hezelo gen. von Krichels- 
berg aus Neumagen eine Weinrente mit der Bestimmung, dass der fragliche, dem 
Ritter Hermann von Veldenz sinspflichtiye Weinberg ihr zufallen solle, ivenn Hezelo 
die Zahlung der Rente versäumen würde. 1261 Juni 5. 

NoLum sit omnibus tarn presentibus quam futuris presentem litteram in- 
specLuris, quod ecclesia sancte Trinitatis in Lutrea super Saram Treverensis dio- 
cesis conparavit dimidiam amam vini perpetui census erga Hezcelonem de 
Numagen dictum de Crichelsperch supra Mosellam ex quadam vinea sua 
retro domum suam prope ripam sitam, ex qua vinea tenetur singulis annis duo 
sextaria vini domino Hermanno militi de Yeldenzen et unum vronedach et 
semel in anno suo placido apud Numagen interesse, tali videlicet condicione, 
quodsi dictus Hecelo vel sui heredes prefatum vinum solvere neglexerint, jam 
dicte ecclesie supradicta vinea libere cedet et absolute, et hoc de consensu do- 
mini Hermanni prenotati, ita tarnen, quod ipsi domino H., ut superius dictum est, 
extunc per omnia ab ecclesia prenotata satisliat. In cujus rei testimonium pre- 
senti scripto sigillum nobilis viri M. domini de Numagen est appensum. 

Actum et datum anno domini APCC sexagesimo primo, XVIII kalendas julii, 

Or. Coblenz St. A. 

Siegel {abhängend) abgefallen. 

44. — Die Kirche S. Trinitatis zu Lautern kauft von Conrad gen. Hasard in 
Neumagen eine Weinrente mit der Bestimmung, dass der fragliche, dem Hospital 
S. Symeon in Trier zinspßichtige, über der Engelgasse gelegene Weinberg ihr zufallen 
solle, wenn Conrad die Zahlung der Rente versäumen tvürde. 1261 December 5. 

Notum sit omnibus tam presentibus quam futuris presentem litteram in- 
specturis, quod ecclesia sancte Trinitatis in Lutrea super Saram Treverensis dio- 
cesis conparavit dimidiam amam vini perpetui census erga Conradum de 



^) 2 Buchstaben unleserlich. 

^) Der Abschreibei- hal hier eine Zeile des Originals übersehen. 



— 39 — 

Numagen dictum Hasaidum de consensu heredum suoium ex quadani vinea 
sua superius domuni Symonis sculteti sita prope Engelgasse, ex qua vinea 
tenetur singulis annis dimidium sextariixm vini hospitali sancti Symeonis 
Treverensis, tali videlicet condicione, quod si dictus Conradus vel sui heredes 
prefatum vinum solvere singulis annis neglexerint, supradicta vinea jam dicte 
ecclesie cedet libere et absolute, ita tarnen, quod ipsi hospitali extunc ab ecclesia 
prenominata in suo jure satisfiat. In cujus rei testimonium prosenti scripto si- 
gillum nobilis viri Meffridi de Numagen est appensum. 

Actum et datum anno domini M°CC° sexagesimo primo, nonas decembris. 
Or. Cohlem St. A. 
Siegelrest Meffrids von Neumagen. 

45. — Ritter Nicolaus Vogt von Hunohtein und seine Frau Beatrix cerkaufen 
ihr Eigentum im Dorfe Schwarzenhoh, beim Hofe Hunescheit gelegen, für 100 Pfund 
Metzer Denare an das Kloster Lautern. 1263 Decemher 31. 

Ego Nycholaus miles advocatus de Hünoltsleyn ad universorum nu- 
ticiam volo pervenire, quod omne allodium, quod habui in villa Svvarcenholz juxta 
curtem Hunescheit sita cum omnibus suis pertinentiis, jure, dominio et honore, 
hominibus, terris cultis et incultis, pratis, silvis, nemoribus, aquis decursibusque 
aquarum, viis et inviis, libra cere duintaxat excepta, que pertinet ad ecclesiam ejus- 
dem ville, vendidi . . magistre et conventui sanctimonialium de Lutrea tempore 
Bruningi, ejusdem conventus prepositi, laude et assensu Beatricis uxoris mee 
et omnium illorum, quorum consensus requiri debebat, pro centum libris Meten- 
sium denariorum inperpetuum tenendam et possidendam, quam pecunie sumrnam 
protestor michi esse solutam et numeratam per presentes, renuncians exceptioni 
non numerate pecunie et non solute, doli mali et specialiter illi juri, quo possern 
me dicere fore deceptum ultra medietalem justi precii ad recindendam (!) dictam 
vonditionem, vel quod deest de justo precii suppleri, et omni juris auxilio, quod 
michi et heredibus sive successoribus meis conpetere posset ad inpugnandum 
predicta, promittens ipsis de omnibus supradictis me prestare gvarandiam se- 
cundum terre consuetudinem, effestucans pro me et heredibus vel successoribus 
meis omni juri, quod habui in omnibus et singulis predictis. Ego Beatrix, uxor 
dicti N., profiteor dictam venditionem meo assensu atque laude esse factam, re- 
nuncians atque effestucans pro me et omnibus heredibus meis in futurum omni 
jure, si quod michi conpetere posset ad inpugnandum predictam venditionem. In 
cujus rei testimonium et memoriam perpetuam rogatu mei Nycholai, quia pro- 
prium non habeo sigillum, et mei Beatricis, uxoris predicti N., reverendi patris 
ac domini Henrici dei gracia Trevirorum electi, Symonis majoris pre- 
positi Treverensis, nobilis viri Henrici comitis Salmensis et Theo- 
derici domini de Hane, soceri mei Xycholai, sigilla presentibus sunt appensa. 
Datum anno dominice incarnationis millesimo ducentesimo sexagesimo se- 
cundo, in vigilia circumcisionis domini. 
Or. Cohlenz St. A. 

Siegel: 1. Heinrich Erwählter ron Tritr u. Bolanden). — !i. l>om~ 
propst Sgmon, .'^turk beschädigt. - 3. Ahgefallen. — 4. Theoderich c. Hagen, 
rundes lieitersiegcl, nach links sprengender Eittrr mit hochgehobenem Schwert. 
Schild nicht erkennbar. -— Die Urkunde ist besonders schon ge.-<chrieben und 
loeist sehr icenig Abkürzungen auf. — Gedruckt nach einem Chartular im 
Staatsarchir r« Wiexhadm O-nrnialy Idstein). Narhneisc Mittelrh. lieg TfT. 

s. 113 yo. 184 r,. 



— 40 — 

16. — Meiderin Jutta und der Concent des Klosters Lautern bezeugen einen 
GiUertausch ihres Ilofmeiers Leo in SchwarzenhoJz mit Personen in Schwur zenholz, 
Casse und Weiler. 1365 Februar. 

Nos .lutha uiagistra in Lutra i;t loLus ejusdem domus conventus Tre- 
yerensis diocesis notum facimus universis presens scriptum inspecturis, quod 
Leo homo noster villicus in Suarcenoth, in nostra presencia constitutus, me- 
diantibus Waltero domicello de Grecenborne et de Suarcenoth, Villerio 
et Grecenborne scabinis, dedit et concessit laude et assensu uxoris sue et 
puerorum suorum Conzoni de Suarcenoth, Guiseieren de Gasse, Guiselero, 
Gristanno, Alberto, Haymoni filio P'olmari, Thome, Sibodoni, Theoderico fratri suo 
et Symoni de Villerio et pueris ipsorum tantum de hereditate sua sita in Creken- 
berc jure hereditario ab eisdem et eorum successoribus possidenda, quantum de 
terra expedit habere ad seminanduin unam quartam annone, salvo jure nostrd 
censuali, in quo nobis et ecclesie nostre de Lutra singulis annis tenebuntur illi, 
(]ui dictam hereditatem possidebunt. Et dicti homines et pueri ipsorum laude et 
assensu omnium, quorum super hoc assensus erat requirendus, abrenunciaverunt 
coram nobis et Walteio domicello et scabinis omnibus supradictis predicto Leoni 
et suis successoribus, quicquid habebanl juris et habere debebant in fundo mo- 
lendini et vivarii molendino attinenti, que sepedictus Leo edificavit apud Suar- 
cenoth in loco qui Wourthen nominatur. Et ut hoc ratunj et tirmum permaneat, 
ad peticionem et instantiam predictorum Leonis el aliorum, (|ui superius sunt 
expressi, sigillum nostrum est appensum in testimonium veritatis. 

Datum et actum anno domini millesimo ducentesimo sexagesimo quarlo 
mense Februarii. 

Or. Coblens St. Ä. 

Siegel der Meisterin Jutta sehr beschädigt. Person in weiblicher Kleidung 
sitzend, in der Linken ein Buch hochhaltend; rechts und linlcs Halbmond 
und Stern. Umschrift bis auf ein M nach dem Schluss zu zerstört. 



47. — Abt Heinrich von Wadgassen und Meisterin Jutta des Klosters Lautern 
bezeugen einen Güterverkauf des Bitters Matthäus von Warsberg und seines Sohnes 
Heinrich. 1265 Mai 15. 

Nos Hanricus dei patiencia abbas in Wadegozen premonstratensis 
ordinis et Juttha magist ra in Lutra ordinis sancti Augustini Treverensis dio- 
cesis notum facimus universis, ad quorum noticiam presentes littere pervenerint, 
quod Matheus miles de Wanesperc et Hanricus lilius suus vendiderunt 
Gerardo et Hanrico fratribus, filiis Gonradi de Lutra, tria frusta terre, videlicet 
agrum situm in via ecclesie, ([ui dicitur ager Mathenley, et agrum situm in 
Harundine (?) et dimidium jurnale situm inter alios agros sitos in Hoen, laude 
et assensu uxoris dicti Mathei et t)mnium, quorum assensus requirendus erat, 
pro Septem libris Metensium denariorum. Quarum septem librarum Metensium 
recognoverunt dicti Matheus et Hanricus filius suus, se solutionem plenariam re- 
cepisse in pecunia numerata. Promiserunt etiam dicti Gerardus et Hanricus 
iratres et tenentur pretextu et auctoritate vendictionis, (sie!) predicte, solvere an- 
nuatim in festo beati Martini hyemahs dicto Matheo el suis heredibus 
apud Lutram duos capones censuales. In cujus rei lestimonium ad peticionem 



— 41 — 

(iredictoruni Matliei uülitis el lilii >ui Hanrici presentibus litteris sigilla nobtra 
sunt appensa. 

Datum anno domini M^'CCLX" quinto, in crastino ascensionis domini. 

Or. Coblem St. A. 

Siegel: 1. Abt von Wadgassen, gut erhalten. ^. Meisterin Jutta, ab- 
gefallen. 

IS. — Jo/iannes con Warsberg, genannt der Bichter, Herr in der neuen Barg 
ron Warsberg, bezeugt einen (TÜterkauf der Meistenn Gertrud und des Concents m 
Lautern bei Wallerfangen, 1369 Juni 24. 

Universis Christi fidelibus presens scriptum inspecluris Johannes de 
Wanesperc dictus justiciarius, dominus in novo Castro de Wanesperc, 
salutem et veritati testimonium adhibere. Cum scriptum pönal in statu sta- 
bili etc. etc. Eapropter noverit universitas vestra, quod Godemannus quondam 
dcultetus in Wandervinga de communi assensu et laude Engelreth uxoris 
sue et pueroruin suorum, Andree decani et aliorum puerorum suorum ac om- 
nium, quorum assensiis super hoc erat requirendus, concessit et tytulo venditio- 
nis tradidit et resignavit Gertrudi magistre et conventui sanctimonialium in 
Lutrea ordinis sancti Augustini Treverensis diocesis tria jurnalia terre, ex quibus 
duu Sita sunt ultra aquam juxta campuni ipsarum et aliuui juxta campum .In- 
hannis scuteti (sie!) situm in littore juxta vadum, pro sex libris Metensium dena- 
riorum, quas sibi solutas fore professus est coram nobis et ad usus suos et 
uxoris sue conversas, abrenuncians pro se et omnibus suis successoribus in fu- 
turum Uli juri, quo posset dicere se esse deceptum ultra medietatem justi precii, 
vel quod deest de justo precio suppleri, et exceptioni non numerate pecunie et 
non sohlte, doli mali et omni juris auxilio, quod sibi et suis successoribus coni- 
[jetere posset in posterum ad rescindendam dictam vendictionem (sie !). Et pro 
ista vendictione tenenda dictus Godemannus de assensu et voluntate predictorum 
E. uxoris sue et puerorum suorum constituit me fidejussorem erga dominas ante 
dictas, quibus prornisi et promitto in hiis scriptis me prestalurum garandiam de 
umnibus et singulis supradictis. Et ul ista vendicio in perpetuum rata et lirma 
permaneat, presens scriptum sepedictis magistre et conventui ad peticionem Gode- 
manni et suorum sigilli nostri munimine tradidi roboratas. 

Datum et actum anno domini äP CC*' LX° nono. circa festum beali .Id- 
hannis baptisle. 

Or. Coblenz St. A. 

Siegel des Joh. v. Wursberg, am Band beschädigt. 

49. — Bitter Gerlach Crippin voti Schicarzenberg verkauft mit Zu- 
4i)iiinung seiner Frau Agne-'^, seiner Söhne Johann und Wilhelm und der Alegd, 
Frau des Johann, an das Klo-'iter Lautem seine Besitzungen in Steinberg und im 
JJorfe Leb ach. 

Es .siegelten mit dem Aussteller: Erzbischof Heinrich von Trier und 
Gerlach-t Bruder Hugo. 1270 November 17. 

1270. feria secunda post Martini. 

Nach einer neuen Abschrift in ('oblen:, St. A. uus MittrirJu luy. IJI 
S. rm, No. 254'J. 



~ 42 - 

50. "— Erzpriestey Conrad in Wierbach bezeugt, dass .da>< Kloster Lautern dem 
Herrn Si/mon die ständige Vikarie und alle Güter der Kirche zu Sen.-iweiler gegen 
gewisse Gegenleistungen desselben übertragen habe. 1278 Januar 19. 

Conradus archipresbyter in Wierbach, Maguntino dyocesis. oinnibus, 
ad quos presens scriptum pervenerit, iiolum esse volumus, quod . . magistra 
totusque conventus in Lutrea ordinis sancti Augustini, Treverensis dyocesis, do- 
inino Symoni perpetuam vicariam et omnia bona spectancia ad ecclesiam 
Synswilre commiserunt perpetualiter possidendam et perfruendain, ita quod 
dictus dominus Symon annuatim ministiabit et conferet XVI. makha annone tarn 
siliginis quam avene, et illam annonam ad litus Numagen tenetur presentare 
dicte magistre vel ejus securo nuncio, scilicet Treverensis mensure, una cum 
t|uatuor solidis Treverensium denariorum. Et tenetur dominus Symon prefatus 
solvere census dicte ecclesie et omnia jura ejusdem. Excipimus man- 
datum apostolicLim et alias exactiones ejusdem, qui non attinent ecclesie 
supradicte. Ceterum annuatim in festo beati Johannis baptiste magistra supradicta 
potest et debet recipere fidejussores a diclo domino S. pro sua annona prenotata 
et denariis supradictis. In cujus rei tedtimonium presens scriptum inde confectum 
ad peticionem domini Symonis sigilli nostri munimine contulimus roboratum. 

Datum anno domini M" CC" LXX'^tercio, quinta feria ante Fabiani et Sebastiani. 

Or. Coblenz St. A. 

Siegel abgefallen {abhangend). 

Regest: Mittelrh. Eeg.lII, S. 63.3, No. 2780. 

51. — Th. Kantor der Kirche zu S. Arnual und zivei Brüder von Thedingen 
rerpachten dem Leo in SchivarsenhoU ihre Mühle daselbst. 1274 März 10. 

Nos Th. cantor ecclesie sancti Arnualis et Bertholomeus miles et 
Hanricus fratres dicti de Thetinga notum facimus universis presens scriptum 
intuentibus subscripte rei fidem adhibere. Innotoscat ergo presentibus et futuris, 
quod nos concessimus Leoni de Swarceholc molendinum in eodem loco situm 
sibi et suis heredibus ad terminum viginti annorum, ita quod dictus Leo vel sui 
coheredes infra terminum prenotatum quolibet anno nobis solvent et solvere te- 
neatur in festo beati Mychaelis quinque maldra siliginis et quatuor capones, in 
festo vero nativitatis domini nostri solvent sine dilatione porcum decem solidorum 
Metensium. Sed annonam predictam dabunt ad mensuram Sarepontis. Nc autem 
hujusmodi concessio a nobis diclo Leoni et suis heredibus facta j)ossit a posteris 
attemptari, sigillum domine nostre M. Sarepontis comitisse ad petitionem 
nostram presentibus est appensum. Nos autem M. Sarepontis comitissa sigillum 
nostrum ad petitionem predictorum fratrum dignum duximus presentibus appen- 
dendum. 

Datum anno domini M** CC septuagesimo tercio, sabbatho post dominicam 
qua cantatur »oculi«. 

Or. Coblenz St. A. 

Siegel der Gräfin Mathilde von Saarbrücken mit liücksiegel, ab- 
hangend. Frauenfigur Schild mit schreitendem Löwen haltend; Umschrift 

..... MATHILDIS COM NIE. Tüicksiegrl Schild wie oben, Um- 

sahrift: + SECRETVM ClOMITISSE, 



^ 43 ~ 

52. — Meidtrin G{crtrucl) mit dem Coment zu Lautem und Rudolf lUtf.ef 
von Siersberfj freien ihren Leibeigenen Conrad in Schwarzenhoh. 1379 Juni 4. ■ 

Nos G. magistra de Lutrea totusque ejusdem loci conventus, ego Ro- 
dulfus miles de Syberch notiiim facimus universia tarn presentibus quam fu- 
tnris, qiiod nos Gonraduni laycuni de Suarzenholch, boininem nostruru, 
liberum reddidimus et reddimus tali condicione, quod dictus C. laycus nobis rna- 
gistre G. et conventui de Lutrea V. solidos, doniino vero R. militi de Sibercii 
decem solidos denarioruin in nativilate domini annuatim persolvendis (!), predictus 
vero C. laycus tres vecturas miliare infra bannum de Suarzenholcli nobis predictis 
magistre G. el conventui unam et domino R. militi duas concedet annuatim. Nos 
insuper memorati C layci res et corpus pre nobis et nostris assecuramus penitus 
in futurum. In cujus rei testimonium ad preces sepedicti R. militis de Sirsberch 
öigillum domini Job annis de Warnespe rch, justiciarii domini ducis, ac d^creti 
viri sigillum domini A., decani de Waldervinga, una cum sigillo domini B., 
decani de Lutrea, presentibus est appensum. 

Datum anno domini M''('.C''LXX°nono, in dominica (jua canlatur -in tua« 
mense julii'i. 

Or. Coblem St. A. 

Von den angeldindigten 3 Siegeln nur das erxte erhalten : Joh. v. Wars- 
berg, rund, Mittehchild 3 Sparren, am Bande beschädigt. BücksiegeJ: Bing 
mit Umschrift: »Secretum meum». 

53. — Bitter Budolf von Siersberg übergiebt Personen in SckwamenhoU erb- 
lich 4 Morgen Wiesen bei Nalbach gegen Jahreszins von 4 Hähnen. 1279 Juni 4. 

Ego Rodulf US miles de Sirsberch notum facere cupio universis, ad 
quos presens scriptum pervenerit, quod de mea heredumque meorum voluntate 
Friderico ac Petro laycis fratribus de Suarzenhoch heredibusque ipsorum con- 
cessi et concedo jure hereditario quatuor jornalia prati apud Nalbach jacencia, 
cum Conrado layco de Suarzenhoch dividencia, pro quatuor capponibus michi 
ineisque successoribus in festo sancti Martini annuatim persolvendis. In cujus 
rei testimonium presentem paginam ad preces meas predictis laycis F. et P. fra- 
tribus sigillo domini Johannis de Warnesperch, justiciarii domini ducis, cum 
sigillo domini A. decani de Waldervingen una cum sigillo domini B. decani 
de Lutrea tradidi roboratam. 

Datum anno domini M°CC'^LXX''nono, in dominica, qua oantatur »domine 
in tua«. 

Or. (Joblenz St. Ä. 

Nur das erste Siegel, Joh. r. Warsberg, mit Bücksiegel, aber sehr be- 
schädigt erhalten. 

54. - Bitter Gerlach gt-n. Vrippin von Schwarzenberg schenkt dem Kloster 
B. Mariue zu Lautern das Patronatsrecht der Kirche in Hasborn. 1279 December 23. 

Universis tam presentibus quam futuris presentem paginam inspecturis nus 
Gerlacus dictus (l rippin de S war einher ch miles notum esse volumus, quod 
ille benc possedisse dicitur temporalia, cui divina providenria per lempoialiuüi 
minislracionem premiuin attrilniil sempiternum el ii\emoriam preparat in futurum. 

') doch wohl versrh rieben statt .Innü. 



^ 4^ - 

Hinc est, quud ego pro ine el antecessorum meoruni salutts vi reinedio animaruni 
confero, dono et assigno de uxoris mee ac hereduni ineorum consensu salutari 
omne jas patronatus ecclesie de Haysburne Treverensis dyocesis, cujus verus 
sum patronus, ciuii attinenciis et lionore ipsius monasterio beate Marie in 
Lütrea ejusdem dyocesis prope Wälder vingen in elemosinam pure et simpliciter 
propter deum perpetuo tenendum et liabendum pacifice et quiete. Ne autem 
hujusmodi mea pia collacio, donacio et assignacio valeat in posterum ab aiiquo 
infringi seu quomodolibet inpugnari, hanc oartulam inde confectam in perpetuam 
vei geste memoriam et lirraam stabilitatem mei sigilii patrocinio connnmivi, quam 
monasterio tradidi prenotato. 

Actum et datum anno dominice incarnacionis millesimo ducentesimo septua- 
gesinjo nono, sabbato proxirno post festum beati Thome apostoli. 
Or. Coblem St. A. 
Siegel des Ausstellers wohl erhalten an gelb-braun-weissen Wollschnüren, 

rund mit Mittelschild, zweimal quergeteilt. Umschrift: -j- S. GEBLACI 

CRIPPIN MILITIS DE SWARCINBERCH. 

55. — Bitter Wilhelm von Schwarzenberg schenkt das Patronatsrecht 
der Kirche in Hasborn dem Kloster S. Mariae in Lautern. 1279 Dccember 24. 

Actum et datum anno dominice incarnacionis millesimo ducentesimo 
septuagesimo nono, in vigilia nativitatis domini. 

Or. Coblenz St. A. 

Siegel des Ausstellers wie zu No. 53. Umschrift : -f- S. WILLELMI 
13E SWARZENBERG. — Derselbe Schreiber für beide Urkunden, die im 
Texte fast völlig nbereinstimmen. JRücks. Vermerk 18. Jh. : Hasporn. 

56. — Der Trierer Archidiacon Walram beauftragt den Priester von Wadrill, 
sich nach Hasborn zu begeben und dort ivegen des Patronatsrechts der Kirche Ver- 
handlungen .zu führen, die auf dem Tag nach Petri Kettenfeier in Trier entschieden 
iverden sollen. 1280 April 22. 

Walramnus dei gracia archidiaconus in ecclesia Treverensi sacerdoti 
de Wadrelle salutem in domino. Cum viri nobiles Gerlacus dictus Crippin 
de Suarcinberch et Wilhelmus de eodem loco milites omne jus patronatus 
ecclesie de Hainsporne nostri archidiaconatus, cujus veri sunt patroni, cum 
attinenciis et honore ipsius ecclesie contulerint et assignaverint, ut dicitur, de 
uxorum et heredum suorum consensu salutari monasterio beate Marie in Lütrea 
archidiaconatus ejusdem prope Waldervingin in elemosinam pure et sinpliciter 
propter deum perpetuo tenendum et habendum pacifice et quiete. supplicaverunt 
nobis devotissime dilecte in Christo . . magistra el conventus monasterii predicli, 
quatinus donacioni, collacioni et i-esignacioni antedictis auctoritatem et consensum 
nostrum ac omnia alia, que super his ad nostrum spectant oflicium, dignaremur 
inpertiri, et ut dicta ecclesia cum suis attinenciis ipsarum monasterio misericor- 
diter incorporetur, ut devocius et salubrius in futurum deo valeant famulari. Nos 
eorum supplicacioni annuentes vobis precipue mandamus, quatinus personaliter 
ad ecclesiam de Hainsbürne predictam accedentes citetis peremptorie ibidem 
omnes, qui super dicta collacione et incorporacione sua crediderint Interesse et 
se opponere volentes dicte collacioni et incorporacioni, ut coram vobis seu 



— 45 — 

noslro . . ofliciali Trevereiisi conparant (!i pereiiipt(jrie in crastiiio })e;iti l^etri 
apostoli ad vincula hostensuri de jure suo et ad procedendum super 'preinissis_ 
in quanUun diclaverif ordo juris. Alioquin quantum ad noätrum spectat ofilcium. 
dicte collacioni et incorporacioni auctoritateni et consensum adhibebimus et si- 
gillum nostruni dicte collacioni et incorporacioni apponemus in testimonium veri- 
tatis. Reddite littcras cum inpressione sigilli vestri mandato executo. Sigillo 
curie nostre ad presens utimur in hac parte. 

Datum anno domini millesimo ducente.simo octoagesimo. in crastinn pasce. 

Or. Coblenz St. A. 

Wachurcste des Siegelx an Perf/amentstreifen, abltaruieml. 

57. — Ershiscliof Heinrich ron Trier genehmigt die Schenkung des Patronats- 
rechfes der Kirrhe in Hashorn an dnx Kloster B. Mariar in Lautern. 1280 Mai 2. 

Nos Henricus dei gracia Trevirorum archiepiscopus ad universorum no- 
ticiam volumus pervenire, quod cum viri no biles Gerlacus dictus Crippin 
de Swarcinberch et Willelmus de eodem loco milites omne jus patronatus 
ecclesie de Hays burne nostre dyocesis, cujus veri sunt patroni, cum attinenciis 
et honore ipsius ecclesie contulerint, donaverint et assignaverint de uxorum et 
heredum suorum consensu salutari monasterio beate Marie in Lutrea ejusdem 
dyocesis prope Waldervingen etc. etc. wie oben No. 56, ut deo devocius et salubrius 
famulari valeant in futurum propter augmentacionem sustentacionis earumdem in 
redditibus ecclesie supradicte, cum ipsarum redditus et proventus nimium sint 
tenues et exiles. Nos itaque hujusmodi salutaris devocionis affectum paterno 
iavore et gracia plenius attendentes dictasque pias collacionem donacionem et 
assignacionem ratas habentes per omnia atque gratas, et auctoritatem debitam 
adhibentes eisdem, ipsas tenore presencium confirraamus et dictam ecclesiam de 
Haisburne de consensu venerabilium virorum capituli ecclesie nostre Treverensis 
et loci arcbidyaconi incorporamus et adunamus monasterio in Lutrea supradicto 
in augmentacionem perpetuam cultas divini, salvo per omnia imperpetuum nostro 
et . . successorum nostrorum archiepiscoporum Treverensium et loci arcbidyaconi, 
qui pro tempore fuerint, jure debito et consueto ac competenti porcione vicarii 
perpetui ecclesie prenotate. Et nos, capitulum ecclesie Treverensis, et Wale- 
ramub dei gracia archidyaconus ecclesie supradicte nostrum expressum 
assensum et consensum premissis omnibus adhibemus. In quorum memoriam 
perpetuam et debitam firmitatem nos archiepiscopus, capitulum et archidyaconus 
antedicti presentem cartulam mde confectam nostrorum sigillorum patrocinio 
duximus roborandam. 

Datum anno dominice incarnacionis millesimo ducentesimo ortuagc^simo 
in crastino beatorum Philippi et .Tacobi apostolorum. 

ür. Coblenz St. A. 

Siegel: 1. Erzbischof Heinrich mit Bücksiegel, wohl erhalten, rote 
Seidenschnüre. 2. Trierer Domcapitel, kleiner Rest, grünseidene Schnüre. 
3. Archidiacon Waham, spitzoval in zwei Stücken; stehender Kleriker mit 
Palmsweig und Buch. — Eücks. 15 Jh. »incorporatio de ecclesia Hasz- 
boren« ; 18. Jh. > Joannes (s/c.') Trov. archiep. incorporat parochiani de 
Hasporn ecclesiae Lutriensi 1280 . 



- 46 - 

5». l'hcoderirh Rxinaiii voyi ScJi witrzciiherrf i^ er kauft dem Conrad 

t'Oii Fjllenhach Keine» Hof zu Senstoeiler (Synnswilre), aus icclchem das Kloster 
Vrowenlutere einen Jahr^ins bezieht. — Zeugen die Herren Wilhelm und 
Gerlach con Schwarsenbcrf/. 1280 Mai 4. 

1280 crastino inventionis crucis. 

Regest in Mittelrh. Reg. JV., S. 160, Nr. 710 nach dem Original im 
St. A. Coblenz, Familienarchiv, v. Ellenbach. 

59. — Herzog Friedrich von Lothringen bezeugt den Verkauf von Gütern bei 
Lautern durch Heinrich von Gunsingen an deren Lehnsherrn Rudolf von Siersberg 
und durch diesen an das Kloster Lautern. 1283 August 14. 

Nos Fridericus dux Lothoringie et mavchio notum facimus universis 
presentem lilteram inspecturis seu legi audituris, quod cum dominus Henricus 
de Gunsinga miles, homo noster, pro se et suis heredibus successoribusque 
domino Rodulpho de Sirzperh militi bona sua omnia apud Lutream existentia 
cum omni jure et appendiciis suis quibuscumque, que ab eodem domino Rodulpho 
jure feodali dependent, vendiderit et acquitaverit precio persoluto, idem dominus 
Rodulphus eadem bona cum omni jure suo et appendiciis suis religiosis domina- 
bus . . magistre et conventui de Lütrea nomine suo et heredum suorum successo- 
rumque vendidit imperpetuum ac nomine vendicionis coram nobis ac(|uitavit pro 
([uinquaginta duabus libris Treverensium denariorum sibi ab eisdem dominabus 
traditis integraliter et solutis, renuncians cxceptioni dicte pecunio non numerate, 
non tradite nee solute sibi, beneficio restitutionis in integrum, doli mali et spe- 
cialiter illi juri, quo posset dicere se fore deceptum ultra medietatem justi precii 
et quod deest de justo precio suppleri, omnique juris auxilio canonici et civilis, 
quod eidem aut suis heredibus successoribusque competere posset in futurum 
quomodolibet ad recindendam (!) venditionem seu acquitationem supradictam. Tn 
cujus rei testimonium sigillum curie nostre una cum sigillo dilecti nostri domini 
Johannis de Warnisperch justi ciarii nostri ad preces partium predictarum 
presentibus duximus apponendum. 

Datum anno (.lomini M°CC°octuagesinio tercio, in vigilia assumptionis beate 
Marie virginis. 

Or. Coblenz St. A. 

Siegel: 1. Curie des Herzogs von Lothringen. 2. Joh. von Warsberg. 
Beide am Rande beschädigt. 

60. — Herzog Friedrieh von Lothringen verspricht dem Kloster Lautern, das 
ihm sein Eigentum in Wallerfangen abtrat, jährlich 30 Schillinge aus seinen Erz- 
werken daselbst. 1285 Juni 21. 

. . Ego Freder icus dux Lothorengie et marchio notum facio omnibus 
presentes litteras inspecturis, quod pro eo quod . . magistra et . . conventus de 
Lutrea mihi et heredibus meis imperpetuum dederunt et quittaverunt, quicquid 
habebant, habere poterant et debebant in villa de Waldrowanges in redditibus, 
censibus et omnibus aliis quibuscumque, ego dictis . . magistre et . . conventui 
pro me et heredibus meis imperpetuum pro supradictis rebus dedi et contuli tri- 
ginta solidos Treverenses annuatim in festo purificationis beate Marie virginis 
in exitibus et proventibus furnorutn meorum de Waldrowanges pacifice et quiete 



— 47 — 

cl HJnc contradictioiie aliqua percipietidos et habendos. In fuja» rei testiiiKinimn 
sigillnm meum presentibus litteris est appensum. 

Actum et datum anno ab incaniatione domini M"C,(',°octuages)nnn quinto, 
feria (fuinta ante nativitatem beati Johannis baptiste. , 

Or. Cohlem St. A. 

Reitersiegel des Herzogs mit Uüeksiegel beschädigt. Die Urkunde ist 
ferner erhalten in einem Vidimus vom S. April 148 J. 

61. — Kitter Heribert von Senheim bekennt namens seiner Familie, dass die 
Hälfte des grossen Zehntens in Sensweilei' (Mainzer Diöcese) dem Kloster Lautern 
gehöre. 1287 Mai S. 

Universis presentes litteras inspeoturis nos Heirbretus de Seneym miles 
et Metildis ejus uxor, Winandus. Ricardus et Ida liberi eorundem ac omnes 
alii eoruni liberi, ne.c non Vussolo niaritus dicte Ide notum facimus, quod in 
medietate grosse decime apud villam de Sindiswilre et ejus attenciis (sie!) Ma- 
guntine dyocesis, que mediotas special ad monasterium monialium de Lutrea 
Treverensis dyocesis ordinis sancti Augustini, et in jure eandeni medietatem 
percipiendi et fructus colligendi in eadem medietate decimo et in straminibus vel 
aliqua alia utilitate, que provenire posset de fructibus medietatis decime predicte, 
recognoscimus nos nichil juris habere conjunctim vel divisim, et si quid juris 
habebamus in eorum medietate decime predicte sive ex consuetudine aut ex 
quacumque alia de causa nobis foret aquisitum, seu ad nos pervenisset, illi juri 
et consuetudini pure et simpliciter [renunciamus in hiis *)] scriptis omni fraude 
et dolo ammotis, promittentes per fidem a nobis singulis [et universis firmiter 
prestitam')], quod contra hujus renunciacionem per nos vel per alium non ve- 
niemus in futurum et quod ea qfue fient per nunMlcios in perceptione fructuum 
medietatis decime predicte nee in aliquibus rebus et utilitate provenientibus de 
fructibus dicte decime et specialiter in straminibus eorum non molestabimus, im- 
petemus vel aliquid juris nobis vendicabimus in eisdem, volentes et consentientes, 
ut dicte domine exnunc suam quameumque voluerint faeiant et procurenl de 
fructibus medietatis eorum dicte decime et (jualibel alia utilitate de eisdem fruc- 
tibus proveniente voluntatem. In cujus rei testiraonium presentes litteras sigillis 
prepositi in Revengersburc nee non Willelmi et Johannis fratrum do- 
minorum de Heincinberch rogavimus communiri. Et nos prepositus in Re- 
vengersburc, Willelmus et Johannes fratres domini de Heincinberch ad preces 
dictorum conjugum et liberorum suorum predictorum ac mariti Ide predicte si- 
gilla nostra hiis litteris duximus apponenda in testimonium predictorum. 

Datum anno domini M°r,r.° octuagesimo septimo, feria quinta post do- 
minicam cantate. 

Or. Coblenz S(. A. 

Siegel: 1. Propst von Racengiershurg, zwei Stücke. ,?. und 3. Wilhelm 
und Johannes von Heinzberg, beide beschädigt. ■-- Die Pergament^trcifen 
rühren von 2 Urkunden des 13. Jh. her, in deren einer die Frau des Ritter.'^ 
de Dale, in der andern als Bürge Heinrich von Schoneckin vorkommt. 

Rege.'^t: Mittelrh. Reg. TV., S. 325, Xr. 1433. 

') Loch im Pergament. 



- 48 - 

62. — Knappe Gottfried von Bolchen hclennt, von der Meisterin Elsa und 
dem Kloster Lautern einen Mühlenteich hei Genshach unter an(/e(/el)enen Bedingungen 
gepachtet zu haben. 1289 August 11. 

Universis presentes litieras inspectiu'is seu legi audituris ego Jofridiis 
de ßolay armiger natuin esse cupio, quod ego suscepi et teneo a religiosis df)- 
minabus Elza magistra et a converdu de Lutrea Treverensis dyocesis aream sive 
locum stagni reedificandi seu reparandi in nieis sumptibus et expensis apud 
Guinspach, quod stagnum quamdiu vixero teuere debeo pacifice et quiete 
pro sex solidis Metensibus persolvendis a me dictis dominabus singulis 
aiinis in nativitate domini de diclo stagno. Post mortem autem meam ipsum 
stagnum ad dominas magistram et conventum prefatas libere el quiete 
absque omni occasione revertetur. Molendinum etiam ipsi stagno adjacens, 
si me reparare contigerit, mihi cedet per spacium mee vite, quod post meum obi- 
tum ad sepedictas dominas redibit libere et quiete. In cujus rei testimonium ego 
Jofridus predictus presentem cedulam sigillo religiosi viri domini Friderici dei 
patientia abbatis sancti Naboris ordinis sancti Benedicti necnon et sigillo 
discreti viri domini Th. decani ecclesie de Homburch Metensis dyocesis 
tradidi roboratam. Et nos Fridericus dei patiencia abbas sancti Naboris 
ac Th. decanus ecclesie de Homburch predicti sigilla nostra presentibus lit- 
teris ad preces .Tofridi predicti armigeri in premissorum testimonium duximus 
apponenda. 

Oatum anno domini M^CC LXX'X" IX*'. in erastino beati l>aurentii martiris. 

Or. Coblens St. A. 
Die Siegel abgefallen. 



4(3. — Margarethe Witwe des Anselm Krebs in Euren und ihr Sohn Gerlach 
schenken dem Kloster Lautern allen ihren Besitz. 1390 Mai 20. 

Universis tarn presentibus quam futuris hoc scriptum visuris Mar gare ta 
relicta quondam Anselmi dicti Cancri de Urio et Gerlacus ipsius M. filius 
salutem et ad perpetuam rei memoriam cognoscere veritatem. Licet parva sint 
et exigua, que offeruntur omnipotent! deo pro multitudine peccatorum, ipse tarnen 
omnipotens deus non quantitatem muneris sed voluntatem respicit largientis. 
Presentis igitur scripti tenore Universität! vestre volumus esse notum publice 
protestando, quod ex devotione ?incera ac ob specialem dilectionis affectum, 
quem ad cenobium sanctimonialium in Lutrea Treverensis diocesis semper habui- 
mus et adhuc habemus, necnon pro salule et remedio animarum nostrarum et 
progenitorum nostrorum damus, legamus et conferimus donatione irrevocabili 
inter vivos unanimi consensu et voluntate, pure et simpliciter propter deum re- 
ligiosis dominabus magistre et conventui cenobii sanctimonialium in Lutrea pre- 
dicti omnia bona nostra, mobilia et immobilia, census, redditus et possessiones, 
in quibuscumque locis vel terminis consistant, ex nunc imperpetuum jure here- 
ditario possidenda, nullumque heredem aut successorem in prelibatis bonis nostris 
Omnibus preter dictas religiosas dominas habere volentes vel cupientes in fu- 
turum. Verum ad omnem questionis materiam inposterum amputandam renuncia- 
mus et effestucaraus de piano libera voluntate ex nunc inperpetuum super totam 
hereditatem nostram et omnia bona nostra meniorata ubicumque . locorum sita 



- 4Ö - 

sinl, qiie in presenciarum habemus et, possi(temiis oonjunctim v-el divisim, et quo 
habituri erimus et nobis conquirere poterimus in futurum, voventes et promittentes 
ex mera consciencia domine . . magistre et conventui prescriptis debitam fideli- 
tatem et perfeclam obedienliam pro posse et nosce (!), more iidelis sororis et 
boni fratris conversi jugiter observare, conditione seu inventione quacumque non 
obstante, renunciantes eciam omnibus exceptionibus, cavillationibus et defensio- 
nibus juris canonici et civilis, doli mali ar, illi jnri, quo dicere possemus, nos et 
qnemlibot nostium in premissis esse Insiim vel lesos et circumventos. ac beneficio 
restitutionis in integrum, necnon omnibus exceptionibus et defensionibus tarn 
juris quam facti, per quas effectus presentium posset cassari aliquatenus et 
annuUari el ([uarum renuntiatio specialis foret necessaria exprimi de verbo ad 
verbum, quas haberi volumus pro expressis, promittentes bona fide et ad id nos 
firmiter obligamus per presentes sollempni stipulatione interposita, nuUo nnquam 
tempore contra premissa omnia vel quodlibet eorundem nos venturos inposterum, 
aliqua occasione, subtilitate, ingenio sive causa, fraude et dolo penitus exclusis. 
In cujus rei testimonium et robur perpetue firmitatis presentes litteras sigillis 
rurie Treverensis et civitatis ejusdem, que ad petitionem nostram presentibus 
.sunt appensa, dictis religiosis dominabus tradidimus communitas. El nos magister 
Johannes cantor et . . officialis Treverensis dicte curie sigillum pro- 
titemur una cum sigillo civitatis predicte huic scripto apposuisse in testimonium 
omnium premissorum. 

Datum anno domini M^f^-CJ" Nonagesimo, in vigilia penthecostes. 

Or. Coblenz St. A. 
Beide Siegel abgefallen. 



04. — Hertog Friedrich i'on Lothringen bessert dem Kloster Lautern die 
Renten in Wallerfangen zum Ersatz des durch seine deutschen Kriegsvölker erlittenen 
Schadens. J294 Mai 15. 

Je Ferris dus de L oh r regne el marchis fais savoir a tous, que pour 
plusours damaiges, que mes gent d'Alemegne firent a Tabbasse et a couant de 
Lutre et a lour hommes dedans werre et defurs werre, je sour seu par pax 
faisant lour amande les censes, (ju'elles ont a Waderv enges, c'est a savoir de 
deix sols a panre et a avoir en tel leu et a tel jour, que les autre censes lour 
sont assigneez et de tele monoie com les autre censes sont a tenir et a avoir 
a tous jours en heritaige et lour otroi avec seu, que lour forrestier garde lour 
boix de Uzilstorf et de Kir leng es et an oste les niiens forrestiers nene voil, 
que nuns de mes hommes ne de mes gent les cope des or anavant et voil, que 
nuns de mes sergent pennisse lour hommes avant qu'il laient monstrei et requis 
a l'abbasse ou a provost dou leu. Et recognoi par ces presentes lettres, (|ue je 
n'ai nun droit a panre en lour viles ne suz lour hommes ne gillines nc pors se 
par mei achait non; ne ne voll ancores, que nuns de mes sergant faice tort a 
dites dames ne a lour hommes. Et par mei ces choses devant dites m'ont acquitei 
et acquitent la dite abbasse et li dis covans moi et mes gent de tous damaiges 
et de toute prises, que lour ont estei fais ne de moi ne de mes gent jusques a 
jour deu. En tesmoignaige de veritei je lour an ai donei et donne ces presentes 
luttred üaieleez dou saiel de mai court de Bosonvile. 



— 50 - 

Quo f'uienl fiiiles riin dt- uraicf' riulrc signor M. CC. i|ii;ilrevint hI quatorse 
ans. en itipi mois de mai. 

Or. Cohlem St. A. 

Siegel abgefallen (abhängend). 

Eine Urkunde Hanx lon Kitenhofevs, 1457 Juni 8, enthält als Trans- 
sumpt obige Urkunde sowie eine solche des Grafen Johann von Nassau- 
Saarbrücken V. J. 1457 Juni 1, tvelche, als Transfix der Urk. des Herzogs 
Friedrich angehängt, den Inhalt dieser bestätigte. Die Einschnitte für das 
Transfix finden sich in der TJiat in dem obigen Original des Herzogs. 

(da. Friedrich von Dalhcim, Barggraf zu Siersberg, liefert eine deutsche 
Uehersetsung der Urkunde (64.) Herzogs Friedrieh von Lothringen vom 15. Mai 1294. 

1450 December 21. 

Icli Fridei'ich herczoch zu Lotringen und marggreffe doen allen luden zu 
wissen, daz unib vil Schadens, den myn lüde usser Duczlande daden der eptyssen 
und convent zu Luteren und den iren armen mannen in crege ader bussen creigp 
lind nu vorl nie des freden zu hain von uns und besseren en de zinsze, de sy 
hant zu Walderlingen, ist zu wissen zhcin Schillinge zu nemen und zu han an 
dem ende und uft' den dach daz in de ander zinsze en bewisei sint und der 
muncze alz de ander zinsze zu wissen und zu hain umerme und zu erbeschalY, 
und erlouben in he myde, das ir furstere sullen hoeden ir weide zu Uczelczstorff 
und zu Kerlingen und doen da von myn furster und enwil nit, daz keyner myner 
mannen und amptlude und boeden nu vortme da in hauwen, und wil auch nit, 
daz keyner myner amptlude ader underdain ader boeden ir lüde vahein ader 
penden erste dan es voirbracht sy und ersucht an der eptysszen ader ir ampt- 
lude, von dem ende de lüde wanhefftich sint. Und bekennen mich in dussem 
gewerdighen breiffe, daz ich kein recht han zu nernen in eren dorfferen ader 
hoben eren armen luden ader wederdrissz geschee von myncn underdanen, und wil 
auch nit, daz keyner mynre amptlude und boeden unret doe den egenanten frauwen 
j)Och iren armen luden und wil daz myn amptlude nu und zu ewighen dagen de 
egenante eptissen und ir arme lüde beschirmen vor unrecht glich unsern eygenen 
luden vind mannen. Umb dusse vorbenant sache hant sy mich gequitet de ege- 
nante eptijssze und convent mich und myn lüde von allen schaden und von aller 
name, de in gescheit sint von myr und mynen luden bicz ulT dussen dach. Des 
zu gezuche der wairheit so han ich der egenanten eptyssen und convent geben 
und geben dussen gewerdighen breiff besigelt myt dem sigel myns hoeffz zu 
Boesendorfl', der gemachet wart na gocz geburt M° CC° LXXXIIII jair in dem 
halben mey. 

Ich Fr i der ich von Dalhem burchgrewe zu Sirs bürg doen kont und 
bekennen mich, daz ich eynen welczen versigelten breiff gesein und gelesen han 
und gancz von allen sinen puncten und worten inhaldende in duczem alz vor- 
gemelt steit und besigelt myt unsers genedighen herrn sigel, daz zu der zyt zu 
Boesendorff lach. Und des zu urkonde so han ich Friderich vorgemelt myn sigel 
gehangen an dussen breiff im (!) dem jair na gocz geburt M"CG(X;° und L jair, 
uff sent Thomas dag des hilligen apostelcz. 

(h. {Pergament) Coblenz St. A. 
Siegel des Fr. v. Dalheim. 



— 51 — 

65. — Herzog -Friedrich con Lotkringen bezeugt eine Gnterscheukang dm 
Knapiien Alard von Inne zu Gisingen an das Kloster Lautem. 1294 Mai 15. 

Nos Fridei'icus dux Lotheringie et marchio scire volumus universis, 
quod in nostra prcsencia propter hoc personaliter constituti Alardus de Inne 
anriiger et Käthe rina ejus colhiteralis recognoverunt et sponte confessi sunt, 
se tradidisse et donasse donacione irrevocabili inter vivos in perpetuam ele- 
mosinain rehgiosis dominabus magistre et convenlui de Lütrea Treverensis 
dyocisis (!) unanimi voluntate, pari consensu et sociata manu omnia bona, que 
habere dinoscuntur iideni conjuges in villa Gunsinga seu in confinio dicte ville 
in cunctis usibus et proventibus, nichil penitus sibi retinentes in eisdern. Item 
dicti conjuges absolverunt perpetuo Jacobum deKirlinga, fdium quondam 
.lohannis dicti Crippin, ab homagio et a censibus onmibus, in quibus eisdem 
conjugibus idem Jacobus tenebatur. Promittentes eciam dicti conjuges fide 
prestita corporali, se contra dictam donacionem non venire uUo unquam tempore, 
et ipsa Katherina divisim juravit tactis sacrosanctis ewangeliis, quod eandem 
donacionem ratam ac perpetuo inconcussam servabit nee uHa arte vel ingenio 
seu racione dotis seu dotalicii sive donacionis propter nupcias sibi factas contra 
veniet in futurum. Quod ut ratum et firmum permaneat, sigillum curie nostre 
de Bosonis villa') ad preces et ad instanciam dictorum conjugum presentibus 
apponi fecimus in testimonium premissorum. 

Datum anno domini M°CC°nonagesimo quarto, in medio mense maio. 

Or. Cohhns St. A, 

Siegel abgefallen. 

Regest: Mittelrh. Reg. IV, S. 511, No. 22m nach Copie des 17. Jh. 

tt6. — Herzog Friedrich von Lothringen bezeugt einen Güterverkauf der 
Knappen Alard von Jnne und Wilhelm von Sponheim an das Kloster Lautem zu 
Sermeldingen. 1290 Mai 4. 

JeFerris dus de Loherengne et marchis fais savoir a tous, que en 
mai presance establis Alairs de Jnne escuiers, filz Phelepin qui fuit, et 
Katerine sa feme et Willames de Spanhen escuiers et Glamenze sa ferne 
demorans a Tholeie ont recogneut par devant moy, k'il on vandut communemanl 
de lour plainne volanteit et acquiteit a touz jours mais a la religiouse dame 
Hawele nonneyn de Lutres sus Saire de quant qu'il ont et puent avoir et 
doient avoir a Sairmedanges et on ban en homes, en fernes, en chans, en preis, 
cn boix, en censes et en tous us et en toutes manieres queiles quellcs soient sans 
riens a retenir. Les queiles chozes entieremant et les apandises il lour ont vandut el 
delivreit vandent et delivrent et wairentiront pour franck allues davant tous 
homes et a tous jours a lour costanges. Et est fais eist vandaiges et cesto 
acquitance pour quailorze livres de boins Treverciens, dont il ont aut et receut 
boin paiemant et entier en deniers boiens bien contez et bien nombi-eis si comme il 
dient, et ont cranteit et promis et jureit, sor sains pour auz et pour lour hoirs, 
que Jamals contre cest vandaige et ceste acquitance ne vanront ne niant ni re- 
clameront ne feront reclameir per aus ne par alrui, ne par devant justice seculer 
ne par devant justice esperitueil. En lesmoignaige de verileit et pour ceu, que 
se soit farme chose et estauble, a je fait saieleir cez presantes lettres dou saieil 



') Busendorf, 



— 52 — 

de ma court de Bouzonville par la requeste et par lez priieröB des parties 
devant dites. 

Ke lurent faites Tan de graice nostre signoui' mil dous Cens quattve vin« 
c4 saize ans, londemain de Tascencion nostre iBignour. 

Or. Coblem St. A. 

Siegel abgefallen. 

67. — Die Brüder Peter und Friedricli. gen. von Beisioeiler und .ihre Ge- 
schwister bekennen, dass ihr Streit mit dem Kloster Lavtern über den Hof Steinberg 
beigelegt sei. 1296 Mai 31. 

Nos Petrus et Friderivus fratres de Rayswilre dicti, filii Alberti 
pie memorie quondam de Dyrmendinga, eiim ceteris nostris fratribns atque 
sororibus sive heredibus notum facimus imiversis tarn presentibus quam futuris 
presentes litteras inspecturis aut etiam audituris, quod omnis lis sive discordia, 
que vertebatur inter nos ex parte una et religiosas dominas atque honestas vide- 
licet . . magistram et conventum de Luytra ex parte altera mediante consilio 
proborum virorum et peritorum sedata est amicabiliter et sopita super quadam 
curte dicta Steinberch eisdem dominabus religiosis attinente seu ab ipsis possessa 
de consensu nostre plenario et voluntario in hunc modum : renuntiavimus enim et 
per presentes renuntiamus cum omnibus nostris successoribus omni juri. quod 
nos ratione juris hereditarii in ipsa curte habere credidimus quoquo modo, nee 
ipsas dominas religiosas sepius dictas propter curtem ipsam deinceps in judicio 
vel extra Judicium impetere debebimus sive etiam impedire. Testes sunt, quorum 
nomina subarantur, videlicet: discretus vir dominus Sybodus presbiter de 
Wellinga, Hennelo (?) scultetus de Xhowenberch dictus de Wysein- 
bach, Lücho villicus de Dyrmendinga et plures alii fidedigni. In cujus rei 
testimonium evidens et munimen, quia sigillo proprio caremusi, sigillum honora- 
bilis viri et religiosi Folmari dei patientia abbatis de Tholeya litteris pro- 
curavimus hiis apponi. Et nos prefatus F. abbas de Tholeya assentientes, omnia 
premissa esse vera, ad preces et ad instantiam dictorum, P. et T. fratrum cetero- 
rumque heredum, qui assensum debuerunt aliqualiter adhibere, sigillum nostrum 
hiis litteris duximus appendendum. 

Datum feria quinta proxima posl dominicam qua cantatur >factus est« etc., 
anno domini M^CCnonagesimo VF. 

Or. Coblem St. A. 

Siegel des Abtes Folmar von Tholey beschädigt. 

Rucks. Vermerk 18. Jh. »1262 Lebach«, 

68. — Der Ofßcial der bischößichen Curie in Mets verweist auf das Privileg 
des Papstes Hadrian IV. für Fraulautern vom Jahre 1155 und bedroht alle mit Ex- 
communication, die das Kloster beraubt haben, falls sie nicht binnen bestimmter Frist 
Entschädigung geioähren. 1297 November 27. 

Officialis curie Metensis universis presentes litteras inspecturis salutem 
in domino. Noveritis nos vidisse et tenuisse litteras apostolicas non abolitas, 
non cancellatas, nee in aliqua sui parte viciatas, hunc titulum continentes : 
Adrianus etc. etc.^) Cum igitur aliqui malefactores dei Hmore postposito et 

1) Wie oben No. 2, 



-- 53 — 

matidato apoßtoliCO non ciiralo Ln^efisern ecctesiam predictam spolient, honlines 
em$clem ecclesie capiant, bona curtium dicipiant, molendina sua destruant et con- 
fringant, prout nobis prepositus, magistra et conventus einsdem ecclesie lacrima- 
bili querimonia dernonstrarunt, eapropler nos mandatum apostolicum efficaciter 
promovere et ecclesias et oinnes persona« ecclesiasticas defendeie fideliter inten- 
dentes, vobis omnibus abbatibus, prioribus, decanis, archipresbiteris, presbiteris 
seu aliis ecclesiarum rectoribus in dyocesi Metensi constitutis, ad quos presentes 
Üttere pervenerint. sub pena suspensionis et excommunicationis, quas in vos 
ferimus in hiis scriptis, si non feceritis, qnod mandainus, trium tarnen dierum 
inunitione premissa, cum requisiti per presentes fueritis, precipiendo mandamus : 
quatinus omnes molestatores, iniuriatores, spoliatores dicte ecclesie primo, secundo 
et tercio commonitos habeatis, ut sepe dicte ecclesie de dampno et molestiis 
satisfaciant compelentes et nobis de conternptu eo quod mandatum nostrum immo 
verius apostolicum contempserunt : alioquin ipsos, nisi infra octo dies post mo- 
nitionis vestras dicte ecclesie de dampnis et molestiis satisfecerint, quos nos ex 
tunc excommunicarnus in hiis scriptis, excommunicatos nominatim illos, de quibus 
vobis constiterit, alios vero in generali singulis diebus dorninicis et festivis 
candelis accensis campanis pulsatis publice nuncietis, alta voce eisdem expri- 
raentes illud quod in litteris apostolicis conlinetur videlicet : nisi presumpcionem 
suam digna satisfactione rorrexerint, potestatis honorisque sui dignitate careant, 
reosque se divino iudicio existere de perpetrata iniquitate cognoscant et a sacra- 
tissimo corpore et sanguine dei et domini redemptoris nostri Jhesu Christi alieni 
liant, alque in extremo examine districte ultioni subiaceant, nee a denunciatione 
eorum. qui propter hoc luerint excommunicati, cessetis neo eos pro absolutis 
habeatis, {jUGusque de absolutione eorum aliud a nobis receperitis in mandatis. 
Datum feria quarta ante festum beati Andree apostoli, anno domini mille- 
simo ducentesimo nonagesimo septimo. 

Or Coblens St. A. 

Siegel an mehrfarh/gen Seidenschniiren, abgefallen. — Höhe der Urkunde 
bis zum umgebogenen Rande 61,5 cm, Breite 52,5 cm, umgeb. Band 6,5 cm. — 
Rüclseitige Vermerke des 18. Jh. : 1. Bulla Adriani quarti Romani Pon- 
tificis emanata anno 1297 {corrigiert aus 1157) vigesima nona 10 bris (sie !), 
qua excommunicantur omnes Molestatores, detentores bonorum seu 
Violatores jurium ac Damnificatores Ecclesie Lutriensis seu personarum 
ibi Deo servientium. Numerus 4tus A. — ^. Excoramunicatio a papa 
contra omnes molestatores nostros. 



«». — Herzog Friedrich von Lothringen bezeugt, dass Ritter Isenhert coii 
Warsberg seine lothringischen Lehen um eine Wiese über dem Teich am Warentwald 
unter G-ürtingen gemehrt habe. 1299 December 25 (?). 

Je Ferris dus de Lorreingne et marchis fais savoir a tous, que c'est 
bien par mon los et par mon orant, que mes sires Ysambers de Warnesperch 
Chevaliers mes hom et mes feaubles ait et teingne de moi en acroisance des 
autres fiez, qu'il tient jai de moi, les preis, qu'il at acheteiz desuz mon estant dou 
bois de Warant desouz Guertcnges') sauf mon droit. En tesmoignaice de 



*) Guerting, (.'on d^ Boulay, Gürtingen. 



^ 51 - 

veritei et pour ceu, que se soit forme chotize et estable lan ai je donnee' ceste 
lettre pendant saelee de mon seel, qui ful faite Tan mil douz cens quatre vins 
et dix et nuef, on mois de decembre, le jour de lan. 

Or. Cohlenz St. A. 

Die Hälfte des grossen runden Beitersiegels nebst Üücksiegel des Herzogs. 

EücJcs. Vermerk 15. Jh. »non pertinet nobis« ; IS. Jh. »Gensbach«. — 
Die Datierung 1299, Decemher am Jahrestag ist merkivürdig und könnte 
zu dem Schlüsse führen, dass doch der 25. Decemher cds Jahresanfang mit 
'Jahrestag^ bezeichnet loorden iväre; wo bleibt aber dann der hier doch 
anzunehmende Trierer oder Metzer Styl':' 

Schlussbemerkung. Zur VercoUständigung der Nachrichten über Frau- 
lautern bis z. J. 1300 sei hier noch auf folgende, in den Mitielrh. Regesten Band IV 
an der bezeichneten Stelle aufgeführten Urkunden hingewiesen: 

1289 Mai 16, Meier Henzo von Lautern; S. 375, No. 1600. 

1289 Dec. 7, Bruno, Landdechant von Lautern; S. 385, No. 1709. 

1290 April 10, Priester Andreas von Lautern als Vicepastor der Laurentim- 

kirche in Trier berufen; S. 395, No. 1761. 
1294 April 4, Die Meisterin von Lautern siegelt mit dem Abt von Wadgassen 
eine Verkaufsurkunde ; 5. 507, No. 2266. 

Zioei im Archiv Fraulauterns in Coblenz befindliche französische Urkunden ent- 
stammen zwar dem ehemaligen Klosterarchive, beziehen sich aber nicht auf das Kloster 
und ivurden daher nicht aufgenommen. Die erste v. J. 1249 August 28 rüJirt vo)i 
Bitter B. von Siersherg, die zweite, 1285 Mai, von Graf Eberhard von Ziveibriicken her. 



— 55 — 



Register zu den Urkunden. 



Dk Zahlen bezeichnen die Nummer der Urkunden. Jahreszahlen sind in 

Klammern beigefügt. 



Adelartswilre, Lifwinus de 10 (1212). 
Adelbero Albero, Erzbischof v. Trier l. 
Adelbertus, miles 1. 
Albericus, Zeuge bei Friedrich von 

Bitsch 6 (1183). 
Alexander, Archidiacon in Trier 1 (11.54). 
Alemegne (Allemagne) 64. 
Alstringen, Conradus de, Priester in 

S. Arnual 17 (c. 1236). 
Andreas, Dechant in Wallerfangen 48 

(1269). 
Arnold, Erzbischof von Trier 4 (1174). 
Arnold, Stiefsohn des Ludwig Molgrin 

in Trier 12 (1225). 
Arnual S., Kloster. Dechant Evervin, 

Priester Conradus de Alstringen und 

Reynold 17 (c. 1236), Cantor Th. öl 

(1274). Siegel .34 (1251). 

Balderich, Dom-Scholasticus in Trier 1 

11154). 
Beckingen, Arnoldus de 8 (1183). Priester 

Marquard in B. 19 (1237). 
Bedesdorf, Bedresdorf, Bedersdorf Kr. 

Saarlouis, Benzelinus und Johannes 

de B. 23 (1241), Priester Friedrich 

23 (1241). 
Berge, Ludewicus de 17 (c. 1236). 
Berilberch (oder Bevilberch?), Berg bei 

Neumagen 3. 
Berlouvis, PVtiii in Weiler supra mon- 

lern 39. 
B(erthold), Archidiacon (S. .lohannis 

Bapt. in Marsal) 14 (1230). 
Bertolf, Abt von S. Eucharius in Trier 1 

(1154). 
Bevelsheim, de 17 (c. 1236). 
Bezelin, Ritter 19 (1237). S. auch unter 

Bedesdorf. 
Bilze, Schwester des Ludwig Molgrin in 

Trier 12 11235 . 



Bissenpul, Flurname 23. 

Bitsch, Bitse, Friedericus de, Bitensium 
dominus 6, 7, 8 (1183) ; seine Sohne 
Matthäus und Philipp 7 (c. 1183). 

Bolay, de s. Bolchen. 

Bolchen, Archipresbyter Ludwig daselbst 
38 (12.58). .Tofridus de, armiger 62 
(1289). 

Bosonvile, Bosonis villa s. Busendorf. 

Bovaries, Boveries, Berg u. Dorf bei Neu- 
magen, jetzt Ferres 1,2,4. Einwohner 
Evero und Lambert 40, Petrus de 31. 

Breide, wohl Bretten, Saline daselbst 15. 

Brucha, Walterus de 18 (1236). 

Brücke, von der, s. de Ponte. 

Bruka, Theodericus de 4 (1174). 

Burchard, Priester in Fraulautern 9 
(c. 1200). 

Busendorf, Bosonvile, Bosonis villa 64, 
65, 66. 



Cancer s. Krebs. 

Gasse bei Schwarzenholz 46, 

Castel (Castela) 10. 

Cevene s. Zewen. 

Christian, Priester in Liesdorf 8 (1183). 

Claustrum (Kloster Himmerodej Abt des- 
selben 1 (1154). 

Cluscetre (Clüsserath) 5. 

Cokeren, Yolmarus de 17 (c. 1236). 

Conrad, Propst von S. Paulin in Trier l 
(1154), Erzpriester in Weierbach (.öO'i 
(1275). 

Crekenberc bei Schwarzenholz, Flur- 
name 46. 

Crichelsperch, Hezelo de Neumageii 
dictus de 43 (1261). 

Crippin, Johannes und sein Sohn Jacob 
65 (1294). 



56 



Dale, de. Riller fil Beuierkun};. 
Dalhem, Dalheim, Friedrich von. Hur^- 

graf von Siersberg 64a (1450). 
Daswilre Dasweiler (?) 23. 
Daun s. Dune. 

Davels, VVilhelmus de 20 (1289). 
Dentingen, Kirche, 41. Roricus de 11» 

(1237). 
Dirmendingen, Albertus de (il (1296) 

(Dirmingen, Kr. Ottweilen, Hofmeier 

Lucho in D. 67. 
Drogena, Thron a. d. Mosel, 42. 
Drutwivis, Witwe in Zewen 39. 
Dune, de, 9 (c. 1200). 
Durnen, Düren, Kr. Paarlouis, 38. 

Kberwin, Priester in Fraulautern, 1» 
(c 1200). 

Echternach, s. Epternach. 

Ellenbach, Conradus de, 58 (1280). 

Engelsgasse in Neumagen, 44. 

Epternako, Gertrudis de, 12 (1225). 

Esswilre, Symon dominus de (Esch- 
weiler) 38 (1258). 

Euren, Uren, Urium (bei Trier) 2, 22, 63. 



Ort 31, 47, 59. Einwohner Gerhard 
und Heinrich, Söhne des Conrad 47. 

Freisammus, Lodewicus, Schöffe in 
Trier 12 (1225). 

Friedericus, Subdiacon in Trier 11 (1224). 
Abt von S. Nabor 62 (1289). 

Gemino Ponte, comes de s. ZAveibrücken. 
Gensbach, Gynsbacli, Guinspac.h, 2. 

Mühle und Teich dabei 62. 
Gerbodo von der Wet/elsmühle 17, 18 

(1236). 
Gerhard, Propst des C.oll. -Stifts Pfalzel, 

4 (1174). 
Gerlevingen, Johannes de, 8 (1183). 
Gladariensis, S. Martinus s. Lungfelden. 
Gottfried, Dompropst in Trier 1, 3 (1154, 

1160). Abt von S. Martin in Trier 1 

(1154). 
Grecenborn, Walterus domicellus de 

(Grügelborn ?) 46 (1265). 
Gunsingen, Alardus miles de 40 il259). 

Henricus miles dominus de 59 (1283). 

Ort 65. 
Gürtingen, Guertenges, Kr. Bolchen, 69. 



Finstingen 18, Erzpriester W. in F. 18 

(1236). 
Folmarus, Archidiacon in Trier 3 (c. 1160). 
Foramine, Johannes dictus de (Neu- 
magen) 31 (c. 1250). 
Fraulautern, Kloster. Meisterinnen : 
J. (Jutta oder Ida?) 13 (c 1225). 
B. (Berta) 23 (1241), 28 (1250). Jutta 
46, 47 (1265). Gertrud 48 (1269), 52 
a279). Elza 62 (1289). 

Pröpste: Heinrich 1, 2, 3, 4 (1154— | 
1174). Johannes 12 (1225), 17 ^c. 1236). j 
Bruning 45 (1262). 1 

Schwestern : Oda von Neumagen 5 [ 
(1169-1197). R. 13 (c. 1225). Hawele : 
66 (1296). 

Geistliche: B. 13 (1225). Hugo 19 
(1237). B. Dechant 52, 53 (1279). 

Conversen : Anselm 17. Leibeigene: 
Walter 15. 

Ecclesia s. trinitatis et beate Marie 
16 (1235), 43 (1261j, 49 (1261). 



Hadrian IV., Papst, 2 (1155). 
Hana Petra s. Hunolstein. 
Hane, Theodericus dominus de, Schwie- 
gervater des Nie. Vogt v. Hunolstein, 

45 (1262). 
Harundo (in Harundine), Hurname bei 

Fraulautern, 47. 
Hasard, Conradus, in Neumagen 44 ( 1 261) 
Hasborn, Haysburne, Hainsporne, Kirche 

daselbst, 54 — 57. 
Hechelingen, Wilhelmus de 8 (1183). 
Heinrich, Cantor am Domstift in Trier 

1 (1154). 
Heinrich, Erwählter von Trier, s. Trierer 

Erzbischöfe. 
Heinzenberg, Heincinberch, Wilhelmus 

et Johannes domini de, Gebrüder 61 

(1287). 
Himmerode (Claustrum) Abtei 9. Abt 

derselben 1 (1154). 
Himmersdorf, Marsilius de 6 (1183), Bjä- 

rengerus 8 (1183j. 



57 — 



Hoen, Flurname bei Fraulaulern 47. 
Homburg, Diöcese Metz, Kirche und 

nechant Th. 61 (1287). 
Huccelstorf 32, s. auchUsselsdorf, Uzzels- 

dorf. 
Ilufgut des Herzogs von l>othringen bei 

Wallerfangen 24. 
Hugo, Cardinal-Presbyter v. T. S. Sa- 

binae, päpstl. Legal 35 (1254). 
Hunescheit, Hof bei Schwarzenholz 2, 45. 
Hunolstein (Hunoldesten, de Hana Petra l. 

Hugo advocatus de 16 (1225), 21 (1239), 

Nicolaus u. s. Frau Beatrix 45 (1262), 
Huren (Euren?), T. de 12 (1225). 
Hustat, Philippus de S ill83), Johannes 

19 (1237). 

Inne, Godscalcus de 38 (1258), Alardus 
armiger, seine Frau Katharina u. s. t 
Sohn Philipp 65 (1294), 66 (1296). 

Johannes, Archidiacon in Trier, 1 (,1154). 
.lutta (V. Neumagen V) 1 (1154). 

Kassen (Ort) 31. 

Kerlingen (Kyrlingen, Keirlingen, Kir- 

lenges) 2, 8, 64, 65. 
Kirkele, .loliannes de, 33 (1251). 
Knilinc, Rudolfus dictus, in /eweii 39 

(1259). 
Krebs (Cancer) Anseimus in Euren (Urio) 

s. Wittwe Margaretha u. s. Sohn Ger- 
lach 63 (1290). 
I^anegrith, Bezeichnuiiii für eine i'fand- 

art 39. 
I.aubach (Lupach) 2. 
[>autern s. Fraulautern. 
Lehach 2, 49. 
Lendesele, Lindenselle. wohl j.inslerliuf, 

Kr. Saarlouis, 1, 2. 
Leo, Hofmeier F'raulauterns in Sclnvar- 

zenholz, 46 (1265), 51 (1274i. 
Liesdorf i Lizdorf), Marsilius et Heineriis 

fratres de, Marsilius junior 19 il237); 

Elisabeth et Godefridus lilius ejus de 

28 (1250). 

Priester Hcimo in L. 19 (1237;, Ort 36. 
J.oimersfelt. Arnoidiis de ii. s. Sulin Heso 

8 (1183). 



Lothringen, Herzog von, Friedrich 10, 
Matthäus 24 (1248), Friedrich .59 ( 1283). 
60 il285), 64, 65 (1294), 66 (1296), 
69(1299). 

Ludewicus abbas s. Marie (Trier) 1 (1154), 
Sohn d. Ludw. Molgrin (Trier) 12 (1225). 

Lungfelden, Abtei (S. Martini Gladarien- 
sis ), Abt 2.3 ("1241), Abt Johannes 38(1258). 

Lutrea supra Saram 31, s. sonst Frau- 
lautern. 

Lyren, Tirricus, in Trier, 12 (1225). 

Malberg, Cuno de. 4 1174), Merboda 
18 (1236). 

Malstat, Liebwinus de, 17 (c. 1236). 

Maring (Kr. Hernkastelj 9. 

Mathenley, Flurname bei Fraulautern, 47. 

Mathilde, Oriilinv. Saarbrücken 51 ^1274). 

Mechtildis, Ehefrau des Subdiacons 
Friedrich in Trier, u. deren Tochter 

11 (12241. 
Mediolacus s. Mettlacli. 
Meginher, Erzbischof v. Trier. 1. 
Merle, Fridcricus de, 9 (c. 1200). 
Mertinesgeiiieinde supra Mosellam in- 

parrochia Numagen 31. 
Metildis domina 37 (1255). 
Mettlach, .\I>tei (Mediolacus 1 1 
Metz, Biscliöfe: Johannes 14, il23U;,. 

Jacobus 34 (1251), 

Archidiacon fohannes 18(1236), Ofli- 

cial des Hislums (58 (1297), Diöcese 68. 
Molgrin, Ludwig, Bürger in Trier. 12. 22" 

(1225, 1241). 
Mauricius, S., in Trier (V) 20 (1239i. 
Morsbach. Olto d.\ 17 (1236). 
Mortena, dominus VVolpero de, 38 (1258!. 
Mühle, die untere (de inferiore molen- 

dino) bei Thron, 42. 
Mundekin, Friedrich. SchötTe in Trier. 

12 (1225j. 

Munt, Albert de Caslela, 10 (1212V 
Xahor S., Abtei, Aht Friedrich, 62(;i289i. 
Xalbach Johannes de, Schöffe in Trier,. 

12 (1225V Ort 53. 
Nassau (-Saarbrücken), Graf Johann von, 

64 Bemerkung 1457'. 
Nenmagen (Numagen, Numacheii. Nii- 

niaga), Wiricus dominus, de und dessen 



58 



Mutter Jutta 1 (1154), 2 (1155). Maf- 
fridus antiquior dominus de 3 (c. 1160), 
Wiricus de und dessen Bruder 4 (1174). 
Mafridus miles de 5 (1169—97), 31 
(c. 1250). Meffridus dominus in 42 
(1260), 43, 44 (1261). Oda de, Nonne 
in Fraulautern 5 (1169—97). Hezelo 
de, dictus de Crichelsperch 43 (1261). 
Conradus de, dictus Hasard 44 (1261). 
— Gastrum 3. Centurio H., Scabinae : 
Walter und Johann Leidevas, Alexander 
und Conrad Hasart, Stephan, Reinbold, 
Gobolo Grundela 31 (c. 1250). Ein- 
wohnerLambert, Johannes de Foramine, 
Winrich 31 (c. 1250). Schöffen 42 (1260) 
Ort 31, 40, 42—44, 50. Parochie 31. 
Noviant, Kr. Bernkastei, 9. 

Oda (de Neumagen), Nonne in Frau- 
lautern, 5 (1169—97). 
Oirswit, Flurname bei Liesdorf, 36. 
OsiUa, uxor Willelmi, 7 (1183). 
Oswilre (wo ?) 23. 

Pachten a. d. Saar, (Patta, Paten, Pathe, 

Patthen) 2, 7, 19, 33, OsiUa de 10 

(1212). 
Palacio, Walterus de 4 (1174). Conrad 

20 (1239). 
Palaciolum s. Pfalzel. 
Päpste, Hadrian IV., 2 (1155), 68. Inno- 

cenz IV., 25 (1249), 35 (1254). 
Patta s. Pachten. 
Pfalzel (Palaciolum) CoUegiatstift. Propst 

Gerhard 4 (1174). 
Pirus Regia dicta Puwilre 39. 
Ponte, Ludewicus de, Ministeriale des 

Trierer Domstifts, und dessen Bruder 

Reinerus 9 (c. 1200). Rudolfus ebenda. 
Puella, Lodewicus et Ernestus, Schöffen 

in Trier 12 (1225). 
Puwilre 39. 

Radisvilla s. Reisweiler. 

Ravengiersburg, Kloster, Propst dessel- 
ben 61 (1287). 

Ravilla, Robertus de (Rollingen) 14 (1230). 

RehUngen (Rollingen), Kr. Saarlouis, 6. 
Mühle daselbst, 33. 



Reisweiler (Radisvilla Resswilre) 1, 2, 

10, 19, 27—30, 32. Brüder Peter und 

Friedrich von R., Söhne des Albert 

von Dirmingen, 67 (1296). 
Rettel s. Rutela. 
Rikardus, Abt von Springiersbach, 1 

(1154). — Ricardus miles Schöffe in 

Trier, 11 (12241 
Ritenhofen, Hans von, 64 Bemerkung 

(1457). 
Roden (Rodene), Kr. Saarlouis, 1, 2. 

Priester Arnold daselbst 19 (1237). 
Rolingen, Wiricus de, 6 (1183). 
Roricus junior 17 (c. 1236). 
Rudolfus, Domdechant in Trier, 1 (1154). 

Dompropst 4 (1174). Zeuge bei Friedrich 

von Bitsch 6 (1183). 
Rulant, Cono dictus de, u. s. Bruder 

Th. dominus de Rulant 22 (1241). 

Dominus de R. 39 (1259). 
Rutela, Rettel a. d. Mosel, Abt daselbst 

7 (c. 1183). 

Saarbrücken 17, 34 (Burg und Mühle). 
51 (Maass von S.). Graf Simon von S, 
15 (1234). Gräfin Lauretta 34 (1251). 
Gräfin Mathilde 51 (1274). 

Saarwerden, Graf Heinrich von, 41 (1259). 

Salm, Graf Heinrich von, 45 (1262). 

Sattler (Godefridus sellator) s. sellator. 

Schaumburg (Schowenberch), Schult- 
heissHennelo dictus de Wyseinbach, 
67 (1296). 

Schoneckin, Heinricus de, 61 Bemerkung. 

Schowenberch s. Schaumburg. 

Schwalbach (Sualpauch), Godefridus de, 
u. s. Mutter Methildis 19 (1237). 
Johannes de u. s. P>au Elyse 36 
(1254). Kirche 36. 

Schwarzenberg, Ritter Gerlach Crippin 
von, 49 (1270), 54 (1279), 56-58 (1280). 
S. Frau Agnes, s. Söhne Johann und 
Wilhelm, s. Schwiegertochter Aleyd, 
s. Bruder Hugo 49 (1270). Ritter 
Wilhelm 55 (1279), 56, 58 (1280). — 
Theoderich Rumanz von S. 58 (1280). 

Schwarzenholz (Svarcenholf, Svarcen- 
holz) 2, 16, 21, 45, 52, 53. Schöffen, 



— 59 — 



Einwohner namens Conzo, Leo, Con- 
radus, Fridericus, Petrus 46. Mühle 51. 

Sellator, Godefridus, Schöffe in Trier, 
12 (1225). 

Senheim (Seneym), Heribertus miles de, 
s. Frau Metildis u. s. Kinder Winandus, 
Richardus und Ida ; Mann der Ida 
Vussolo, ()1 (1287;. 

Sensweiler (Synsvvilre, Sindiswilre; Kr. 
Bernkastei, 50, 61. 

Serca s. Sierck. 

Sermeldingen (Sermedingen), Sermel- 
dinger Hof, Kr. Saarlouis, 2, 66. 

Sibodo, Pfarrer in Usselsdorf (?) 23 (1241). 

Sidelingis, Matthäus dominus de, 19(1237). 

Sierck (Serca), Arnolfus de, 1 (1154). 

Siersberg (Sirsperch, Syberch, Sirzperchj, 
Rudulfus de u. s. Bruder Albericus 8 
(1183). Rodulfus u. .Johannes 19 (1237). 
Johannes 23 (1241). Arnoldus, s. Frau 
Elisabeth u. s. Mutter Marga- retha 33 
(1251). Rudolfus miles 52, 53(1279), 
59 (1283). Burggraf Friedrich64a(1450). 

Sigerus, Abt von S. Maximin in Trier, 
1 (1154). 

Sistap, Heinricus 20 (1239). 

Spanhem, armiger de, u. s. Frau Cle- 
menze in Tholey, 66 (1296j. 

Springiersbach, Abtei, Abt Richard 1 
(1154). Abt Gottfried 4 (1174). 

Steinberg (Kr. Saarlouis), 2, 49, 67. 
Stürzelborn, Abt des Klosters 1 (c. 1183). 
Abt Theoderich, und Symon, dessen 
Capellan, 10 (1212). 
Symon, Capellan des Abts von Stürzel- 
born, 10 il212). Schultheiss in Neu- 
magen 44 (1261). Pfarrer in Sens- 
weiler 50 (1273). 
Synzwilre s. Sensweiler. 

Theodericus, Bruder des Propstes Hein- 
rich von Fraulautern, 4 (1174). Laien- 
bruder in Fraulautern, 9 (c. 1200). 

Thetingen, Bartholomaeus et Heinricus 
fratres de, 51 (1274). 

Tholey, Abtei, 66. Abt Folmar 67 (1296). 

Thomas, Ritter (Trier) 11 (1224). 

Thron s. Drogena. 



Tirricus, Bruder des Ludwig Molgrin in 

Trier, 12 (1225). 
Trier. Erzbischöfe: Albero 1, Meginherl, 

Hillin 1 (1154), Arnold 4 (1174), 

Arnold 32 (1251), Heinrich 45 electus 

(1262). 49 (1270). 57 (1280). - Ofli- 

cial 63 ri290). 

Domcapitel 9 ic. 1200). 

Domstift. Pröpste : Gottfried 1 (1154), 

3.11160). Rudolf 4 (1174). 5(1169—97). 

Rudolf 11 (1224). Symon 45 (1262). 

Dechanten : Rudolf 1 (1154). 3 (1160). 

.Johannes 4 (1174) W. 11 (1224). - 

Archidiakonen : Alexander, Johannes 

I (1154). Folmar 3 (c. 1160). 4 (1174). 
Rudolf 4 (1174). Godinus 4 (1174). 
A. S. 26 (1249). Symon (et thesau- 
rarius) 27 (12.50). Walram 56. 57 
(1280). — Cantoren: Heinrich 1(1154). 
3 (1160). .Johannes 63 (1290). — 
Gellerarius: Wezelo 3 (c. 1160). — 
Scholastici: Balderich 1 (1154). Werner 

II (1224). — Canonici: Everbero, 
Rudolf, Theoderich, Cuno, Engelbert, 
Liebert, Wezelo, Wehelo 3 (c. 1160), 
Th. 20 (1239). S. can. et officialis 
26 (1249). — Ministerialen: Engelbert. 
Friedrich, Wilhelm, Hermann, Enbrico, 
Theoderich 1 (1154). 

Klöster u. Stifter: S. Eucharius, 
Abt Bertolt 1 (1154). Ludwig 4 (1174). 
— S. Maria ad martyres, Abt 
Ludwig 1 (1154), Reinbold 4 (1174). — 
S. Martinus, Abt Oliver 4 (1174). — 
S. Martinus (Dominikaner -Nonnen- 
kloster) Priorissin A. 37 (1255). — 
S. Maximin, Abt Siger 1 (1154). — 
S. Paulinus 37, Propst Conrad 1 
(1154), A. 26 (1249). Canonici Hugo 
u. Ludwig 11 (1224). — S. Symeon, 
Dechant Walter 1 (1154). 4 (1174). 
Cantor Wezelo 4 (1174). Scholasticus 
W.,. Gustos Johannes 13 (c. 1225). 
Canonicus Conrad 11 (1224). Sacerdotes 
Erfo. Otto, Burchard 13 (c. 1225). — 
S. Symeon. Hospital, 44. — 

Geistliche: Lambert, Siegfried 11 
(1224). 



60 — 



Stadt 1, 2, 20, 87. — Schöffen: 
Thomas u. Richard 11. Gottfried Satt- 
ler (sellator), Ludwig Freisam, Fried- 
rich Mundekin, Bonefaz, Walter, Her- 
brand, Heinrich, Ordolf, Ludwig und 1 
Krnst Puella, Johann von Stalbach, ' 
Ludwig Weiss (Albus), Heinrich, Bal- 
duin 12 (1225). Giletus, Heinrich, ! 
Warner, Nicolaus, Heinrich, Colinus, 
Ordolf, Karl, Heinrich, Ordulf, Petrus, 
Heinrich, Philipp, Jacobus 39 (12ö9). 
— Bürger : Herbord Schultheiss ( scul- 
letus), Ludwig Vogt (advocatus), Lud- 
wig Slizeweche 9 (c. 1200). Heinrich 
u. seine Frau G. 20 1^1239). 
Tiirri, Arnoldus de, 8 (1183). 

Uren s. Euren. 

Urley, dominus Gerhardus de, 42 (1260). 

Usselsdorf.Uzzelsdorf, Huccelsdorf, Uzils- 

torf (woV) 2, (54. 
l'zzelsdorf, Antonius dominus de, 38 (1258 j. 

Veldenz, Hermannus miles de, 43 1 1261). 
Villarium = Weiler-Bettnach bei Metz, 

Kloster, Abt 7 1 1183). 
Volkelinga (Völklingen), Gervalcus de, 

10 (1212). 
Vorst, Flurbezeichnung bei Zewen 39. 
Vussolo, Ehemann dev Ida v. Senheim 

61 (1287). 

W. Erzpriester in Finstingen 18 (1236). 

Wadgassen, Abtei. Aebte : Peregrinus 10 
(1212), ohne Namen 19, Heinrich 28, 30 
(1250), 0. N. 33, 34, Heinrich 36 (1254), 
47 (1265). — Prior Helwich 10 (1212). 

Wadrill, Priester daselbst 56 (1280). 

Waklrowanges, Wadervenges etc. siehe 
Wallerfangen. 

Wallerfangen 1, 2, 24, 59, 64. Dechant 
A (Andreas) 52,53(1279). Schultheiss 
Godemann u. s. Frau Engelretli, ihr 
Sohn Dechant Andreas 48 (12691. 

Walter, Dechant v. S. Symcon, Trier 
1 (1154). 

Waranlwald 69. 

Warsberg , Warnesberg , Warnesperch, 
Warlesberch. Novum castrum 47. 



Gerburgis' de 10(1212), Hadewidis 37 
(1255),39 (1259), die Witwe des Ritters 
Alard v. Gunsingen 40(1259), Robertus 
miles und sein Sohn Johannes 41 
(1259), Matthäus miles und sein Sohn 
Heinrich 47 (1265), Johannes dominus 
justitiarius des Herzogs v. Lothringen, 
48 (1269), 52, 53 (1279), 59 (1283), Ritter 
Isenbert (Ysambers chevalier) 69 (1299). 

Webergasse (in Wevirgazen), Trier, 12. 

Weierl)ach a. d. Nahe, 50. 

Weiler, Wilre , Johannes de 12 (1225). 

Weiler iVilare, Wilre, Villerium) 1, 2. 
W. supra montem 39 , Schöffen vmd 
Einwohner mit Namen aufgeführt 46. 

Weiler-Bettnach, s. Villarium. 

Weiss (Albus), Ludwig, Schöffe in Trier, 
12 (1225). 

Weidinga, s. Willingen. 

Wernerus dictus de inferiori molendino 
in Thron. 42 (1260). 

W'erschweiler, Werniswilre Kloster 12. 

Wetzelsmühlc (in molendino Wezzeles) 
17, 18. 

Wied, Gräfin Lukardis von, 15 (1234). 

Wildesacker, Rudolfus miles de, 4 (1174). 

Wildesberg, Johannes de, 18 (1286). 

Willielmus f et uxor sua Osilia in 
Pachten, 7 (1183). 

Willingen, Weidinga, Weidingen (Archi- 
presbyterat S. Avold), 2. 14. Folmarus- 
dominus de, 8 (1183). Anseimus do- 
minus de, 88 (1258). Sybodus, Pres- 
byter zu W. 67, (1296). 

Wiricus dominus (de Numagen) 1, 2 

Wiricus, frater ecclesic (Trier?), 20 (1239). 

Wourthen, Flurname bei Schwarzen- 
holz, 46. 

Wyseinbach, Schultheiss Hennelo von- 
Schaumbur.ü, gen. v. W., 67 (1296). 

Zewen (Cevene in luonte) 39. 

Zum Heister (Zcumeheistre), Flurname 
bei Düren, Kr. Saarlouis, 38, 

Zweibacher Hof (Zweynbechen), bei Neu- 
magen, 2. 

Zweibrücken , Graf Heinrich von [de 
Gemino Ponte), und seine Frau Hedwig,. 
10(1212), (iraf Heinrich 28,29(1250).. 



61 



Laut- und Flexionslehre der Mundart der Moselgegend 
von Oberham bis zur Rheinprovinz 



von 
Karl Hoffmann. 



EINLEITUNG. 



In mannigfachen Windungen schlängelt sich die Mosel in ihrem 
Laufe von oberhalb Oberham l)is zur Grenze der Rheinprovinz hin und 
zwar bis Mallingen in einer reichen Ebene. Von dort ab erheben sich 
an ihren Ufern zu beiden Seiten vielfach kleinere Hügel: die auf dem 
linken Ufer laufen ununterbrochen von Berg bis zur luxemburgischen 
Grenze fort. Zu beiden Seiten der Mosel sind an den Abhängen die 
schönsten Rtben zu sehen. Der Wein steht allerdings ziemlich weit 
hinter den Weinen der Metzer Gegend zurück (es ist nämUch fast nur 
Weisswein), aber doch wird er in der ganzen Gegend fast ausschliesshch 
getrunken und sogar noch von ziemlieh weit her angekauft. Auf dem 
rechten Moselufer breitet sich von Rettel bis Sierck eine schöne, frucht- 
bare Ebene aus, die aber leider oft erheblichen Schaden erleidet infolge 
der Moselüberschwemmungen. Von Sierck bis Apach sieht man wieder 
Hügel, die teils wiederum mit Reben, teils anderswie, besonders aber 
mit Obstbäumen, bepflanzt sind. Auch findet man auf dieser Strecke 
auf beiden Seiten der Mosel reichlich Quarz, der weithin versendet 
wird, vor. Ausserdem trilft man auf der ganzen besprochenen Strecke 
Sand, Bau- und Kalksteine in grosser Menge an. An Holz ist die 
Gegend ziemlich arm, und die Wälder, die man erbhckt, genügen 
durchaus nicht, um das nötige Brenn- und Bauholz zu liefern. 

Die Hauptbeschäftigung der Bewohner der Gegend bildet der 
Landbau nach dem System der Dreifelderwirtschaft und der Weinbau. 
Die Bodenerzeugnisse sind im allgemeinen mehr als genügend, um die 
nötigen Bedürfnisse zu decken. Ausser Wein sind die Haupterzeugnisse 
Kartoffeln, Weizen und Hafer. Nicht so reichhch ist die Ernte von 
Roggen, Gerste, Bohnen, Erbsen, Linsen und Runkelrüben. 



62 



Von jeher gab es in der Gegend zwei grosse Verkehrswege, 
nämUch die Mosel und die grosse Landstrasse von Metz nach Trier. 
In neuerer Zeit bedient man sieh nicht mehr des ersteren, denn er ist 
vorteilhaft ersetzt worden durch die Eisenbahnlinie Metz — Dieden- 
hofen — Trier. 

Die Bevölkerung zeichnet sich durch Fleiss und Sparsamkeit aus. 
Sie ist fast ausschliesslich katholisch. Nur in einigen Ortschaften findet 
man noch hin und wieder einheimische jüdische B'amilien. Auch trifft 
man einige evangelische Familien an. Dieselben sind jedoch nicht 
einheimisch, sondern sie haben sich erst in letzter Zeit, d. h. nach dem 
deutsch-französischen Kriege, in der Gegend niedergelassen. 

Die Sprache der Gegend ist ein deutscher Dialekt, und zwar der 
luxemburgische, der sich aber in Bezug auf die Lautlehre nicht ganz 
mit dem, welcher im Grossherzogtum Luxemburg gesprochen wird, 
deckt, während die Flexionslehre und die Syntax im allgemeinen überall 
dieselben geblieben sind ; doch muss hier bemerkt werden, dass in 
Luxemburg die Imperfekte des Indikativs noch sehr häufig gehört werden, 
während dieselben in der Gegend, mit der wir uns beschäftigen, fast 
nur noch bei den Hülfszeitwörtern ^in (sein) und Jnm (haben) im Ge- 
brauch sind. 

Die Mundart der besprochenen Gegend nun, also einer Strecke 
von 17 bis 18 km in die Länge und 5 bis 6 km in die Breite, soll 
der Gegenstand folgender Abhandlung sein. Die Ortschaften, die dabei 
in Betracht kommen, sind auf dem rechten Moselufer: Ober- und 
Niederham, Eisingen, Koenigsmachern, Metrich, Hettingen, Mallingen, 
Hüntingen, Rettel, Sierck, Rüsdorf, Kirsch, Merschweiler und Apach; 
auf dem linken Moselufer: Berg mit Gauwiese, Beiern, Ober- und 
Niederkontz. 

Ich behalte die Kraeuter'sche Schreibweise bei (siehe § 1) und 
auch die Zeichen für die Doppelkonsonanten, die Hans Lienhart in 
seiner Dissertation über die »Mundart des mittleren Zornthaies im Elsass« 
gebraucht hat, nämlich ^j = ng; x=^ch; A° = sch; ts^^z; JiS=x. Da die 
■Mundart auch das weiche und harte s kennt, so soll | = weiches s ; 
.scharfes s oder ss sein. Auch ist das v^^ nach ts und s kein reines 



68 



w, sondern ein Mittellaut zwischen u und w, ich bezeichne diesen Laut 
deshalb mit w. Ausserdem muss ich wegen der französischen Wörter, 
die in der Mundart vorkommen, ein Zeichen für das französische j, 
dessen Aussprache in den meisten Fällen unverändert beibehalten worden 
ist, wählen : ich schreibe dafür i. Da die Zunge auch manchmal etwas 
lange auf /, m. v und y verw^eilt, so gebrauche ich, um dieses Ver- 
weilen zu bezeichnen, folgende Zeichen: /, tn, n und y. Silben mit 
untergesetztem senkrechten Striche (,) tragen den Hochton. 

Ich werde in der Ausführung zuerst das Wort anführen, wie es 
in der Mundart lautet, dann das mittelhochdeutsche resp. französische 
und zuletzt in Klammern das neuhochdeutsche Wort oder die Bedeutung, 
letzteres allerdings nur da, wo es zum Verständnis des mundartlichen 
oder mittelhochdeutschen Ausdruckes irgendwie notwendig sein wird. 

Dass das Mittelhochdeutsche nicht die Urstufe der Mundart ist, 
wird als selbstverständlich vorausgesetzt; für die Vergleichung mit dem 
älteren Sprachstand leistet es jedoch die besten Dienste. 

Betreffs der Abkürzungen sei folgendes erwähnt: 

Mda. = Mundart ; 
ahd. =-= althochdeutsch; 
mhd. =^- mittelhochdeutsch ; 
nhd. = neuhochdeutsch ; 
frz. = französisch. 



Ö4 — 



EriSTER Abschnitt. 



Lautlehre. 



I. Der Vokalismus. 

§ 1. Darstellung und Aussprache der Vokale. 

Die Mundart hat 7 kurze Vokale: 

geschlossen: a <■ i o n 
offen: e 
trüb: 9 

a ist der kurzgesproehene Laut, den wir in Gatte, lassen, Gasse, ferner 

im frz. ramassa, maladie finden. 
c ist der kurzgesprochene Laut in gehen, sehen, Reh, im frz. cree, 

repete, decede. 
/ ist das kurzgesprochene i in ist, bist, Schiff, Gift, oder das frz. i in 

limite, fini, divisibilite. 
ist der kurzgesprochene Laut des nhd. o in tot, hoch, oder des frz. o, 

au in mot, sot, chapeau, autel. 
u ist das kurzgesprochene nhd. u in Stube, Ruhe, Rute, oder das frz. ou 

in fou, mou, poule. 
h ist der kurzgesprochene Mittellaut zwischen nhd. ä und geschlossenem 

8 und lautet wie nhd. e in Eltern, Gelt, Ferse, oder wie frz. e, 

ai in terre, pelle, mais, bienfait. 
i) ist der kurzgesprochene dumpfe Laut des nhd. e in unbetonten Silben : 

Bote, siedet, machen; des frz. e und ai in je, me, te, le, se, ne, 

semer, faisant, faisons, faisait. 

Die Mundart zählt 8 lange Vokale: 

geschlossen: ä 6 i 6 ü 
offen : ä e 
überoffen : ce 

Die langen geschlossenen Vokale entsprechen ihrer Aussprache 
nach den kurzen geschlossenen mit dem Unterschiede, dass sie lang 
gesprochen werden. 



- 65 — 

d ist ein langer zwischen ä und ö schwebender, aber mehr zu ö hin- 
neigender Laut. 

r ist ein langer zwischen nhd. langen ä und geschlossenem langen e 
schwebender, aber mehr zu langem ä hinneigender Laut, d und e 
kommen nur in einzelnen Ortschaften vor. 

d' ist das nhd. ä in Käse, Thräne, oder das frz. ai in caisse, fraise. 
Ausserdem hat sie noch 11 Diphthonge: 

ai, ai, au, da, ei ei, ie, ia, ou, ae, aa. 

ia und na kommen nur in Sierck vor. 

§ 2. Etymologische Verhältnisse des Vokalismus. 

A. Die betonten kurzen Vokale. 

Ausgehend vom mhd. Sprachstand sollen nun im folgenden die 
Veränderungen betrachtet werden, welche die alten Vokale in betonter 
Stellung bei ihrem Uebergang in die Mundart erlitten haben. 

Mhd. a 
wird in der Regel als a beibehalten vor Konsonantenverbindungen und 
wo sich im nhd. 11 und nn entwickelt haben: Jiant, hant (Hand); haijl\ 
banc (Bank) : Ihamp, kamp (Kamm) ; ^alfs, salz (Salz) ; Jial>f. halp (halb) ; 
k/iaJel\ kalc (Kalk); (/ants, gans, (Gans); daiiip, dampf (Dampf); ,§ar,>f, 
scharpf (scharf); ar.)in, arm (arm und Arm); «?, al (all); haJ, bal (Ball); 
haij. ban (Bann); mau, man (Mann). In Koenigsmachern und in der 
Umgegend, d. h. in Metrich, Eisingen, Ober- und Nieder-Ham ist das a 
jedoch lang vor r -\- Kons, sdrf; hdrf, harpfe (Harfe); dnu ; ddrm, darm 
(Darm); a:dnii. warm (warm); in Oberkontz und Berg sagt man zwar 
sdrf. hdrf. aber vor rm wird das a hier zu ä: dn-uL n-d>rm, dddrm. 

Ein für alle Mal soll hier bemerkt werden, dass die Mda. viele 
dumpfe .' resp. c vor k und ch sich entwickeln lässt vor oder nach r, 
r -f- Kons., l •-[- Kons, und nf. Bei I -\- Kons, und nf steht es zwi- 
schen beiden Konsonanten. Vor einfachem r entwickelt es sich nur 
nach den mundartlichen langen Vokalen und Diphthongen. Bei r -|- Kons, 
steht es vor r, wenn vor r ein langer Vokal oder Diphthong steht. 
Steht aber vor r ein kurzer Vokal, so tritt das dumpfe e zwischen r 
und den folgenden Konsonanten. Ausgenommen sind jedenfalls die 
Dijihthongen ie. in. ne. aa und das lange d sowie auch r und d-. Folgt 
jedoch auf r oder r -|- Kons, noch eine Silbe, so entwickelt sich teils 
das dumpfe e, teils auch nicht, ja bei ein und demselben Worte hört 
man es bald, bald auch wiederum nicht, so dass man hier keine feste 
Regel aufstellen kann. 



— m — 

Mhd. a wird ((, wenn einfache Spirans, eine Spirantenverbindung, 
einfache tenuis oder die Liquiden 1, m, n und ng folgen; weiter steht 
a als Ersatzdehnung, w^enn die Gemination vereinfacht wird und bei It 
das t ausfällt : apjl. apfel (Apfel) ; hak, backe (Backe, Wange) ; hat, bat 
(Bad) ; h/idfs, katze (Katze) ; (h'd, da^ (das) ; wdt, wa| (was) ; ^dk, sac 
(Sack) ; (hr/, dach u. tac (Dach u. Tag) ; /i'^s^ va? (Fass) ; (jrdf, grap 
(Grab); Icr/.n), lachen; frdytm, trachten; Irdft, kraft; iiur/J, macht 
(Macht); tsdni, zam (zahm); df\ äffe (Affe); uMfm. anschaffen; lidni, 
hamme (Schinken) ; prddmm, verdammen ; fldm, vlam u. vlamme (Flamme) ; 
sj)dndn, Spanen; Idy, lange; .y/«y, slange (Schlange); stdij, stange; orl'hdbn, 
erkalten; hdbn. halten; fdi, valle u. valte (Falle u. Falte); fdhii, vallen 
u. valten (fallen und falten). 

Es wird 6 vor Gutturalen, wenn kein r entweder vor oder nach der 
Gutturalis folgt, die Gutturalis fällt aber immer hier aus : Mom, klagen ; 
Jdo, klage ; mö, mage ; möt, maget (Magd) ; slöim, slagen (schlagen) ; §16, slage 
(Werkzeug zum Schlagen) ; dro.m, tragen ; f,)iis6,m, verzagen. Folgt aber 
ein r, so wird es in der nördl. Hälfte der besprochenen Gegend eben- 
falls zu 6 wie bei den einfachen Gutturalen, in der südl. Hälfte aber 
zu d : nwjrt, mdrt, market (Markt) ; mojr, nidr, mager ; ebendasselbe 
gilt bei a vor rt, rz, rr: Jtujrt, lidrt, hart; ho.ni, hdrf, hart; jjojr, pdr, 
pfarre (Pfarrei) ; nojy, ndr, narre (Narr) ; woHsdI, ivdrisd, warze : (jö^rt, 
gdti, garte (Garten) ; Jc/wort, Murf, karte. 

Vor rc und rw wird das a zu o in Rettel und Apach, zu ne in 
Oberkontz, Berg, MaUingen, Hettingen, Hüntingen; zu tia in Sierck; 
zu c in Niederkontz, Rüssdorf, Kirsch, Beimach, Merschw eiler ; in der 
Regel zu 6 in Koenigsmachern und Umgegend: orcx, iierx, narx. ere/. 
ofi'X, arc (arg); morcx-, »luarx, innarx^ riwrcx. in Kcenigsm achern und 
Umgegend heisst es auch iinicfx. marc (Mark) ; forjf, fnerf, fuarf, 
fh:)f\ fojyf, varwe (Farbe); (jorjf, (jahrf, ytmrf, yer^f, godrf, garwe 
(Garbe). 

In offenen Silben und mitunter auch vor hs, ht, 1 und r wird es 
in Koenigsmachern und Umgegend meistens zu 6, von Mallingen ab nach 
Norden hin zu ue, vor r jedoch zu üj, in Sierck na : gronmi, gmeivon, 
gnmii'Dn, graben ; grof, grucf, gruaf, grabe (Graben) ; Ud.m, luhlm, 
luadon, laden ; 16t, Inet, luat, lade u. laden (Lade u. Laden) ; m6hn, 
miieUn, muabn, malen (Getreide malen) ; ts6l, tsahl, tsual, zal (Zahl) ; 
36djl, ^ueddl, $uadjl, satel (Sattel); h6s\ hiies, huas, hase; n6s, nues, 
mias, nase; 6f, nH, uat, aht (Acht); 116t, niiet, nuat, naht (Nacht); woson; 
wiwsdn, n-uasdn, wahsen ; u-6s, umes, ^fwas, wahs (Wachs); fl6s, flms, 
fluas, vlahs (Flachs); foi\>ii, fdjyjn, fnarm, varen (fahren); si)6rm, 



67 

sjHur.ni. sjmnriii. sparen; s6.)i\ siin\ situr, schar (PUugschar) ; döjr. dn.tr, 
iliiar, dar. 

Vor in wird es in Koenigsmachern und Umgegend zu ü, sonst 
zu II : l,lumh)r, Ji/i/üu>r. kamere (Kammer) ; /iihior, Jiiniijr, hamer 
(Hammer). 

Das a wird allgemein zu // bei den Wörtern, die zugleich auf 
an und ane im mhd. endigen können: (him, dran u. drane ; h/oi, ban 
u. baue (Bahn) ; Irim, cran u. crane (Krahn) ; fiin. van u. vane (Fahne) ; 
nur bei /lun, han, hane (Hahn) ist es allgemein zu li geworden. 

Es ist zu (' geschwächt worden vor seh und in einigen andern 
Wörtern : rs, asch (Esche) ; bei den meisten mit seh waren jedoch 
zwei Formen, eine mit a und eine mit e schon im mhd. vorhanden, 
so : ('S. asche u. esche (Asche) ; fcS, tasche u. tesche ; flcS, vlasche und 
üesche (Flasche) ; irtlm, waschen u, weschen ; die andern Wörter, bei 
denen a zu r wird, sind: eicjl, aber; cUji\ altar; aitfjr.ni, antwurten 
(antworten); pehiiL palm ; fhjhvt, fangen; /ihjhm, hangen; diU, tal 
(Thal). Bei diesen letzteren mit Ausnahme von eic/l (welches in 
Mallingen, Berg, Oberkontz und in einigen andern Ortschaften ieivol 
und in Koenigsmachern und Umgegend cir,)l heisst) folgt eine Liquida 
auf das a ; vielleicht hat dieselbe irgend welchen Einfluss ausgeübt, wie 
auch wohl oben das n bei dnin etc. 

Bei einigen Wörtern wird es zu /(-, in Koenigsmachern und Um- 
gegend zu e: tvfel, wel, wal (Wahl) ; siel, sei, schale (wird nur gesagt 
von Früchten, die man schält, z. B. von der Schale der Kartoffeln, 
Aepfel, Birnen ; von den Schalen der Eier, Bäume, Hülsenfrüchten aber 
sagt man suel, in Sierck sual, in Koonigsmachern und Umgegend sol) ; 
Snietrlcx, sneivlc/, snabeleht (geschnäbelt, schnabelig) ; ^iedhr, ^edlor, 
sateler (Sattler) : siet sei (Schatten), wofür man jedoch im mhd. neben 
schate auch schete sagte. Vor m wird bei dieser Art von Wörtern 
das a allbemein zu i : ~Jiii/.»h samlen (sammeln) ; siiiif. schäm (Scham). 

Mhd. e 

wird voi- (leminationen und Konsonantenverbindungen in der Regel 
zu r, d. h. es behält seine Aussprache bei: hc/,,)ii. becken (Becken); 
he/ihi. behende; hhid./l, bendel (Bendel); h.istehm, bestellen; het. bette 
(Bett); h'cs.ir^ beider (besser); enr.m. erben; shß-.ni. schenken; iref»/. 
wetten; hiuhhvi . benennen ; ilhjl,\>ii. denken; sefs.iit. schetzen (schätzen). 
Bei einigen Wörtern mit den Geminationen nn und 11 werden 
diese vereinfacht und e wird zu r: denm. dennen daneben al)er im 
Mhd. ;iii( li denen (dehnen); iiml. eilende (elend): elriidry. ellendec 



— 68 — 

elendig) ; sc/, schelle ; sehn, schellen ; hier schhessen sich an : sjiri/.tn, 
spenen (von der Mutterbrust abgewöhnen) ; l-url.m. queln (quälen). 

In den oifenen Silben wird es in Kcenigsmachern und Umgegend 
gewöhnlich zu /-, sonst gewöhnlich zu ?'e, vor r zu h>: rcd'ii, rikljii^), 
reden; hcrjn, ts/ji\)i). zeren, (zehren); tsehn. Uielm, zelen (zählen): 
sehn, siclrni, schelen (schälen); trcm). )rln\m. weren (wehren); Jiciron, 
lühc.m, heben; fml/ii, frird,»!, treten. Ebenso bei denjenigen Wörtern, 
die das End-e abwerfen und somit in der Mda. geschlossene Silben 
darbieten : irf, rief, rede (Rede) ; ti iU, ele daneben im Mld. jedoch auch 
eile (Elle). 

Wenn aber ge, gen, get folgt, se wird es allgemein zu r, wobei 
aber ge oder wenigstens g ausgeworfen wird: Um, legen; let, leget; 
3V, sege (Säge); shn, segen (sägen); f(\m, vegen (fegen). 

Mhd. e 

wird in geschlossenen Silben gewöhnhch als e beibehalten : lelxon, lecken ; 
•pres, presse ; persoun, persöne ; /)v7,', vrech ; yeh, gec (Narr) ; heysr^ 
becher; (fclj, gelt (Geld). 

Vor r wird es in Rettel, Niederkontz, Apach, Kirsch, Merschweiler, 
Beimach zu r, wenn noch eine Silbe folgt, und zu «', wenn keine Silbe 
mehr folgt; in Oberkontz, Berg, Mallingen, Hettingen, Hüntingen zw. ü'\ 
in Sierck ia ; in Kcenigsmachern und Umgegend immer zu c : stcnvon, 
sticrnrdn, stianvon, stcrwon, sterben ; forderivm, fjrdicnvon, fordiaricm, 
ßrdenom, verderben; irhrf.m, wieyfyrh n-iarfan, iverfm, werfen; n-cert, 
n-ierf, wiart, irert. wert (wert u. Wert); gd'r, (ßh-, (jlar, (jn% gerne. 
Vor rc jedoch wird es in Rettel und den sonstigen nördHchen Ort- 
schaften nicht zu re sondern zu r, bei anderen Ortschaften gilt die eben 
angeführte Regel: n-ereJi, wlh-J,-, n-iarl', ivrrl-, werc u. werch (Werk u. 
Werg) ; hhhi, />^''>'y.^ hiarx, ^>^'^'l' berc (Berg). 

Bei den Wörtern, bei denen auf e chen, ^J^en, It, rs und ge mit 
oder ohne folgenden Konsonanten folgt, wird dieses e zu <■, indem die 
Gemination jj sowie It und rs vereinfacht werden ; die Silbe ge wird 
bei einigen Wörtern abgeworfen, bei andern aber nicht : hreyen, brechen ; 
steyon, stechen; mesdn, me^^en; esrjn, e^^en (essen); (jckn. gelten; sf-hn, 
schelten ; ren, regen (Regen) ; reimi, regenen ; fjvfU'jjiK verpflegen ; fley, 
pflege (Pflege) ; U'r, leger (Lager, Ruheplatz) ; gcn.ni, segenen (segnen) ; 
gejm, Segen (Segen) ; fest, verse (Ferse) ; gest, gerste. Doch haben die 
Wörter auf chen, ^^en und rs in der suhl. Hälfte der Gegend nicht e 



^) rieddn kommt in der Regel nur vor in dem Ausdruck : mat farhef tso 
ried<>H (mit Erlaubnis zu reden) und in cem epas ausriM^n (einem etwas ausreden). 



— 69 — 

Hondern/: Inryjiu. breclien; stf-/_.)n, stechen; es,m, ejien; iucmh, mejien; 
(jr.st, görste; ßst, verse. 

Bei den Wörtern, die nach dem e noch ein zu derselben Silbe 
gehörendes 1 haben, wird das e in KoGnigsmachern und Umgegend in 
allen Fällen zu c: mrl, mel (Mehl); mfbm, melm (Staub); (jH, gel (gelb) ; 
si-l. schelch (scheel) ; in Rettel und Apach wird es bei den Substantiven 
zu r, bei den Adjektiven zu v und ir : mij, mel ; nwlmi, melm ; (jrl und 
(f/l'h gel; sH u. slcl, schelch, im Plural aber nur f/irl und s/H; in den 
übrigen Ortschaften in allen Fällen zu />•: miel, micüni, (jicl, süd. 

Bei den Wörtern, bei denen lit auf das e folgt, wird das e bei 
den Verbis allgemein zu r, es wird also seiner Bedeutung und Aus- 
sprache nach beibehalten: fh/tm. vehten (fechten); flryp)h vlehten 
(flechten). Bei den sonstigen Wörtern steht in Koenigsmachern und 
Umgegend durchweg r : l-urf. kneht (Knecht) ; slet, sieht (schlecht) ; ret, 
reht (Recht): in Mallingen, Hettingen. Berg und in den sonstigen nörd- 
lichem Ortschaften hört man bald //• allein, bald r und ie zugleich, 
wobei jedoch zu bemerken ist, dass in den Fällen, wo c steht, wo also 
die Aussprache von e beibehalten worden ist, auch das h (=/) bei- 
behalten ist, während es bei ic ausgefallen ist : l-}iirf. kneht (Knecht) ; 
iryj II. r/rf, relit ; s/i'/J u. .sV/VV, sieht; s/nryf u. </.)rirf, gereht (das mhd. 
gereht bedeutet sowohl »gerecht« als auch »passend«, in der Mda. haben 
aber (j'>rryt und cprilt nicht beide Bedeutungen zugleich, sondern (jjrlyt 
bedeutet soviel wie das nhd. gerecht lat. iustus; (ßriht aber passend). 
Nur in fUt, vlehte (Flechte) wird es allgemein zu /. 

Herze (Herz) heisst in Rettel und in der nördl. Hälfte hdrts, 
sonstwo hl))is. Kerze, wozu man auch merze (März) und mer (IMeer) 
fügen kann, heissen in den nördl. Ortschaften khlnts, mlnis und mlir, 
in Kcenigsmachern und Umgegend hherts, meiis, nur ; in Mallingen sagt 
man /urrfs und iiih)r wie in Rettel, aber l-hnis und iiifiis wie in 
Koenigsmachern. (Ein für alle Mal sei hier bemerkt, dass die Sprache 
von Mallingen bald auf der Seite der nördl. Hälfte, bald auf der von 
Kfrnigsiiiachern steht. Da letzteres jedoch häufiger der Fall ist, so ist 
Mallingen und ebenso Hettingen und Berg immer mit Koenigsmachern 
imd Umgegend unter der südl. Hälfte verstanden, da wo geschieden 
wird zwischen südl. und nördl. Hälfte der besprochenen Gegend. Ober- 
kontz schliesst sich auch fasst durchweg der südlichen Hälfte an.) 

Mhd. i 

l)li'ibt / in offenen Sillien, vor r -j- kons, und in geschlossenen Silben 
vor einfachem 1: .s•/)//V/,;y^ smiden (schmieden) ; irid.ir, wider; /,iih/. kitel 



— 70 — 

(Kittel); sipl, sigel; .s'//7. slite (Schlitten): r/.s-, rise (Riese); (p>Strit. ge- 
striten ; (j^r/f, geriten (geritten) ; (j<>lif, geliten (gelitten) ; /ilitid, himel 
(Himmel); (picim,)/, gewimel; SjnbiL spilen (spielen); sj)/!, spil; (lil, 
dil (Brett); ivirhm. wirken; tsirliDl, zirkel; firni.nu firmen. In Koenigs- 
machern und Umgegend jedoch wird es y vor r -|- kons. : fh-inm, firmen ; 
/i:ir/,\))K wirken; tsirkd, zirkel. Bei den Substantiven wird i vor r-j- kons, 
allgemein zu /', auch wenn das r in der Mundart ausfällt : ^tl)}\ stirne ; 
wh)ii, wirt (Wirt); hidiDn, \i\vne\ h'tn\ hivnQ\ tswhi\ zwirn: l,-/üs, kirse 
(Kirsche); ebenso i vor rr: h)rcfn, irren; geshr. geschirre. 

In geschlossenen Silben, mit Ausnahme der eben besprochenen, 
wird das i meistens zu e: Ston, stimme; stcbn, stillen; std u. steJ, 
stille ; stcl-ju, sticken ; des, tisch ; frei, vrisch ; gowes, gewisse ; (j.f/resim, 
gewissen ; ^etsdn, sitzen ; fcs, visch (Fisch) ; mcx mich ; dcy^, dich ; |e/, 
sich; steftni, QÜhQU] ^dicjr, silber; Inrp, krippe; krex, strich. 

In Koenigsmachern und Umgegend wird, wenn nc, ng, nk Folgt, 
das i gewöhnUch zu a^ in Rettel und den nördl. Ortschaften wie oben 
zu c: raijl\ rcrjJi, rinc (Ring); drayliDn, ärfiß-jn, trinken: faij^n-, f'^Wi'i 
finger; tsimyau, tswetjon, zwingen; sayoii, sCij'ni, singen; sprayen, spreyen^ 
springen. Doch sagt man überall: (leyen, ding; hrefj<m, bringen, Ikijd, 
klinget; Jdeydjn, klingelen. 

In Mallingen sagt man zwar rnjl-, rine, tswey^m, zwingen etc., aber 
man sagt dagegen fayer, finger. 

Wenn i vor den Geminationen mm, nn, weiter wenn es vor nd, 
nt und mitunter auch, wenn es vor einfachem t steht, wird es zu a : 
döhaiMU, däbinnen ; dran, drinnen ; S2Km, spinne ; spanjn, spinnen ; an 
inne ; swamon, swimmen (schwimmen) ; Idanum, klimmen ; haujr, hinter ; 
(jranf, grint; khaut, kint : ra)ß,rini: /ranf^wini; icanf j r, winier; man.ir, 
minder; Immm, binden; famn, finden; snud, smit (Schmied) ; mat, mit; 
snat u. snats, snit (Schnitt). Hier kann man auch beifügen: hator, 
bitter ; dor maton dran (in der Mitte, mitten drin) ; aber invtm u. mef, 
mitte; ebenso auch smet, smide (Schmiede). Bei der soeben ange- 
führten Regel kommen jedoch vereinzelte Ausnahmen vor, so: scnm, 
schinden; sen<>r, Schinder; hemrm, hindern; remn, rinnen; tent, tinte; 
swendd, swindel (Schwindel, ein selten gebrauchtes Wort) ; wendd, 
windet (Windel). 

Ferner findet sich a für i im Partie, praet. der meisten ablautenden 
Verba der I- Klasse und bei den Subtantiven, die von dieser Verbal- 
form abgeleitet sind : (jfdms, gebi^en (gebissen) ; las, bi^ (Biss), aber 
iphes, gebif (Gebiss) ; g.:>ras, geri|:en (gerissen) ; ras, ri||e (Riss) ; 
<j,)smas, gesmi2;8n; sinas li. smes (Schmiss); g^^way, gewichen; tig^isfrax, 



— 71 — 

angeslriuhen'); (/'Xjraf. gegriffen: f/i((f. grif (Grid'j : (/cshif. geslifen : slaf. 
slif (Schliff), aber Slcfjr^), slifcvre (Schleifer); (/'J^xtf, gepfifen. Aus- 
genommen sind die Part., die auf iten und iben endigen: (prif, geriten; 
(j.)§frif, gestriten ; hJif\ gebliben (geblieben) ; (prff\ geriben ; <j.)§rif\ ge- 
schriben ; (pdnf, getriben ; zu dieser Ausnahme gehört auch (psin, ge- 
schinen (geschienen). 

Diejenigen Wörter, bei denen auf i die Konsonantenverbindung ht 
folgt, belialten das i bei, wenn h (= /) bleibt, es wird aber zu U wenn 
h ausfällt: slit, sliht (schlicht); y'tä'd, gesiht; rltey^, rihtec (richtig), davon 
nt. (rieht); (jorH, gerihte (Gericht); y'Hnt, gewihte (Gewicht) ; fVr/t, phlicht 
(Pflicht) ; f'trfliytni, verphUhten ; wiyj, wiht (nur hcipiviyt (Bösewicht]) ; 
(josiyt, geschichte. Ausser ps'ryf kommen die Wörter mit beibehaltenem 
h wenig vor; man gebraucht nämlich lieber andere Ausdrücke dafür, 
so z. B. sagt man für fUyt gewöhnlich sdryl-JuH (Schuldigkeit) ; für 
»jemanden verpflichten« reu donn (thun) od. istücyiii (zwingen); für 
»verpflichtet sein« meis.m (müssen) od. sclcy fin (schuldig sein). Jene 
Wörter mit yt haben wohl ihr Vorhandensein in der Mda. dem deut- 
schen Schulunterricht zu verdanken, denn es sind besonders nur jüngere 
Leute, die sie gebrauchen. Ganz vereinzelt steht gibt (Gicht), welches 
in der Mda. (jryt lautet. 

Mhd. 

bleibt vor 1 -|- Kons., mitunter auch vor einfachem t, m, n und tz: 
stoljs, stolz; (joU, golt; foljju, volgen (folgen); Spot, spot (Spott); (/of, 
got(Gott); Lrof. krot (Kröte, nur als Scheltwort gebraucht); frofs. trotz; 
trofs,m. trotzen; khotiui/. komen ( kommen; ; doth/r. doner (Donner) ; tcoh-h-, 
wölke; folc/i, volk. 

Vor r -|- Kons., vor einfachem d und 1 wird es in Bettel und 
Apach beibehalten; in Niederkontz, Rüssdorf, Kirsch, Merschw eiler. 
Beimach wird es zu r vor r -|- Kons, und zu r vor d, 1 und wenn 
bei r -|- Kons, das r in der Mda. ausfällt ; in Oberkontz, Berg, Mallingen, 
Hettingen, Hüntingen zu uc ; in Sierck zu iia ; in Koenigsmachern und Um- 
gegend zu 6: fodr.ni, fedr,m, fnkljycn^fiiadrrju. fod.)i:)u. vordem u. vodern 
(fordern) ; kJior.)f\ l/ihjf, khurrf, k/niarf, /,/uhrf\ korb : f)rdot\>f\ f/rdh-jf, 
ftrdiirrf, firduarf, f,)rdü,>rf\ verdorben; dor,)f, di-r.if, dtihf. (hiarf, doorf. 
dorf ; ^orjm, ^h-Jju, pirrj.jn, ^Hurjm, ^öcrpn, sorgen ; ■^orvy, fercy, aidry, 
j'Kiiy. }'''iiy. sorge (Sorge) ; inorj.m, nd'ij-jn, )iiit(rj,m, nuiarj.ni. inojrj.ni, 



',) Das einfache Verbuin fi(raix>^n, stri/an, bedeutet in der Rkla. melken, 
l'urlic. ysHrax, davon (b .^Irox = das, was auf einmal an Milch gemolken wird. 
'') Slepr kommt nur in Hdraxlefar (Scheerensclileifer) vor. 



— 72 — 

morgen (Morgen) ; /rol, /vcl, /niH, wital. iröl. wol (wohl); hol, I/cl, I/iirl, 
Jiiial, hol, hol (hohl); hodmi, hcdjni, bucdnit, hiiadjni, Jxxl./m, bodem 
(Boden) ; (h(l>r, <le<l)i\ duhJ.)}-, ditad,»-, dod,»\ doter aber ahd. dodero (Dotter). 
Wort heisst allgemein nmjyt^ in Sierck n-tiari; phorte (Pforte) heisst in den 
nördl. Ortschaften j«f.>/f, in Sierck paart, in den südUchen part. 

Mhd. o wird allgemein zu a vor b, f, ff, pf, k, ck, ch, st und den 
Zischlauten: da^, doch; ZAr//. koch;,yV//, joch; froy^, troc (Trog); Idalc, 
klocke; stal,-. stoc (Stock -= Baumstumpf, Blumenstock u. s. w.); flah^), 
vlocke (Flocke); f/raf, grob u. grop; haf, hof; hafni, hoffen; hafctpn, 
hoffenunge (Hoffnung); afm, offen; khap, köpf: .wjj, schöpf; A/yj, hopfe 
(Hopfen) ; rast., rost ; Idutst, kost ; fräst,, vrost (Frost) ; spras,, spröde 
(Leitersprosse); mas, mos (Moos); l?(/.s-, slo|: (Schloss) ; /i-?afe, kloz (^Klotz). 
Aber allgemein sagt man: hoV, boc (Bock); vro/, woche; stop,m., stopfen. 

In den offenen Silben fast immer (denn auszunehmen sind die- 
jenigen, auf die ch folgt, wie z. B. kitaym, kochen; (phray, ge- 
brochen, u. s. w. ; diese befolgen die eben angeführte Regel) und vor 
hs und ht wird das o zu tic, in Sierck zu aa., in Koenigsmachern und 
Umgegend zu 6 : hart, haut, bot, böte ; lahvju, laawm, lotvm, loben ; 
imvm, uaivBn, oivm, obene u. oven (oben u. Ofen) ; neps, uaps, ops, 
obe? (Obst) ; daetdr, dnatjr, dotjr, tohter (Tochter) ; acs, uas, 6s, ohs 
(Ochs), jedoch kommt daneben auch o/.-,s' in der Mda. vor. 

Vor r wird das o in den meisten Ortschaften zu a, in Sierck 
jedoch aa^ und in Koenigsmachern und Umgegend zu (\ steht das o 
jedoch vor rn, so muss für Mallingen und die südl. Ortschaften unter- 
schieden werden zwischen den Verbis und den übrigen Wörtern, bei 
den Verbis hat MaUingen, Berg u. s. w. noch ä wie die nördl. Ort- 
schaften und Kaniigsmachern ö wie oben, in den andern Fällen aber 
haben alle südlichen Ortschaften ä, die nördl. aber u wie vor ein- 
fachem r: spibr, spaar, spar, spore ; ha,)r,>n, haar,m, horju, born 
(bohren) ; hmr, haar, hör, mhd. nicht bezeugt (Bohrer) ; ldit'm\m, Ixhaaron, 
Idiorm, körn u. koren (schmecken) ; Iht'or, hhaar, Idu'ir, körn (Korn) ; 
hü^r, haar, har. hörn; hä.nrs.iJ, Itaarcs,)!, Juircsd, horni|; müär, muar, 
mär, morn u. morne (morgen lat. cras). 

Die beiden Wörter vogel und böge (Bogen) stossen das g aus 
und lauten in der Mda. foal und hoa. 

Mhd. ö 

kommt nicht häufig im Singular oder bei Verbis vor. Im Plural 
auf -or und bei den Verkleinerungsnamen ist es häufiger zu finden. 



flak kämmt nur in aneißalcdn (Schneeflocken) vor. 



— TS — 

iDer Plural des Mhd. kann aber hier meistens nicht in Betracht kommen, 
da ja der Plural in der Mda. abhängig- ist von dem Vokal, den das 
Wort im Singular hat. So ist z. B. der Plural von roc (Bock) in der 
Mda. rH\ von boc (Bock) aber hd-, weil man in der Mda. verschiedene 
Vokale hat: ml-, höh. Es kann also nur der Plural derjenigen Sub- 
stantiva herangezogen werden, die im Sing, das o beibehalten, ausser- 
dem die Deminutiva davon und die einzelnen Wörter, die von vorneherein 
ü haben. Das ö wird nun in diesen Fällen allgemein zu c: kJt/'n,m, 
können; fcfp>/, tölpel; (jetn\ göter; f'rIL\>i\ Völker; wdktx<)>t (Wölkchen). 

Mhd. u 

wird vor den einfachen Zischlauten, den Geminationen imd Konsonanten- 
verbindungen, mit Ausnahme von ht, hs, Id und r -\- Kons, zu o : 
hrosf, brüst ; (jlost^ gelust (Gelüste) ; lo-st., lust ; hohl, buckel ; polpr., 
pulver ; (p^ont., gesunt ; fjroijf^ grünt ; gontsf, gunst ; jo)jl'^ junc ; kromp., 
krump (krumm); kli<mi.n-^ kumber (Kummer); /oy, lunge ; khos'^), kus; 
was-, nu? (Nuss); flof;^), flu|; nofs^ nuts u. nuz; hf.s, schuz u. schuj 
(Schutz u. Schuss) ; .solj, schult; sfonf., stump (stumm); stotiipry., stumpf 
adj. ; -^tomp, stumpf subst. ; stoii, stunde ; rh-oijk, trunc ; doijkrj^ dunkel ; 
f)rno)h)ff^ Vernunft ; 2^o)d-, pfunt ; u:o)>, wunde ; /ro)t,)r., wunder ; .soj), suppe : 
.smonts,)hm, smunzen u. smunzeln (schmunzeln); joy/, sunne (Sonne); 
ebenso die Vorsilbe ou-, un-. 

Vor r -f- Kons, und vor m wird es im allgemeinen beibehalten, 
imr in Kcrnigsmachern und Umgegend wird es lang vor r -j- Kons. : 
tnir.iiii. /n'i.jni/^ wurm; inir,>f\ irn.irf. wurf; 'H'^äy., '''?"'/, Ursache; 
Diiinii.tltu., i)uinH.)hm^ murmlen ; (Juriy.^ <^">>"/.^ durch; /'/v^;;/, vrum (fromm); 
>Kin)i\ sumer (Sommer). Es wird allgemein zu u vor rz, rt, rn wobei 
jedoch das n abgeworfen wird, vor rst, wobei r ausgeworfen wird, 
und vor hs und ht, bei denen h ausfällt : /riirtsd, wurzel ; kJtilnis, kurz; 
iu-t>/, urteil; /i/l>ii^ hurt (ein Flechtwerk); gohiurf, geburt; ftuy, turn 
{Turm u. Gefängnis) ; hn,)/-., burne (Brunnen) ; (hlsf., durst ; kh/(§f, kruste, 
(bei diesem Worte ist, wie beim niedersächs. korste Metathesis des r 
anzunehmen, wodurch wir dann in der Mda. k/inrd bekommen und 
hierauf nach Auswerfuiig des r kJuW) ; frdf, fruht (Frucht) ; fsuf, zuht ; 
/Wv, fuhs, daneben aber auch, bei altern Leuten jedoch weniger häutig, 
foks (Fuchs); jenen Wörtern mit r kann man auch .snil'r, snur 
(Schwiegertochter) beifügen. 

*) In der Mda. wird das Wort sehr selten gebraucht. 

") .//o.s pl..//ts wird in der Regel nur zur Bezeichnunii den- Hlieuinatismen 
gebraucht. 



— 74 — 

Vor id, welches natürlich immer innerhalb des Wortes steht, wird 
das u zu r und das d nach 1 ausgeworfen : vr/r/, schuldec (schuldig) ; 
()^)dcleyi^ geduldic ; ficini^ guldin (golden). 

Mhd. ü 
wird allgemein zu e vor Geminationen und Konsonantenverbindungen 
mit Ausnahme von r -]- Kons. : />r/,'.s-, büh.se, (Hüchse) ; /»v7.-, brücke; 
dff'hm^ drücken ; .sfcps^ gestüppe ( Staub) ; knepjn, knüpfen ; Inrnmi^ 
krümben (krümmen); Lrcinpt, krümbe (Krümme); l'hrncx^ kündec (be- 
kannt) ; iiicnts^ münze ; pefs^ phütze (in der Mda. bezeichnet ^>^'f.s' 
ausschliesslich einen aufgebauten Brunnen, während h/ln- die allgemeine 
Bedeutung des nhd. Brunnen hat) ; .s7r.s-V, slüjjel (Schlüssel) ; speit^ 
spünne (Muttermilch) ; ^en, sünde ; fcbn, vüUen (füllen). 

hl offenen Silben wird es zu i : iic.jl, übel ; /.itifcjl, kübel ; l'/tind-, 
künic (König); //.>^/;</,>/, getümel (Getümmel) ; fihit, vülin (Füllen), lieber 
heisst in den nördl. Ortschaften tw.^r, in den südl. aber hcjy. 

Vor einfachem r wird es allgemein zu i: dhn\ tür (Thür); fr.n^ 
vür (für); spUrm., spüren; daran schUesst sich auch .-rfewrc)», erzürnen, 
weil hier das n in der Mda. ausfällt. Vor r -{- Kons, wird es im allge- 
meinen zu /, nur in KoBnigsmachern und Umgegend wird es zu l : irirf)/, 
icirjffjl, Würfel; onvirj-ni, ,)nvln-jjn^ erwürgen; yMrdc'x^ gobl^nlex^ ge- 
bürtic; üreli., turk, türke (Türke); firuhm., tUrmon^ türmen (in der Mda. 
sich etwas ausdenken vgl. das lateinische terminare). 

Bei einigen Wörtern fällt das r aus und dann wird als Ersatz- 
dehnung das ü allgemein zu l : dtStni, dürsten ; f)ydl§fjni, verdürsten ; 
bist, bürste ; hi.sfju, bürsten. 

B. Die betonten langen Vokale. 
Mhd k 
wird allgemein zu 6 : owdnt, äbent ; jjoj:).sf, päbest (Papst) ; gon, gän. 
(gehen) ; .§t6n, stdn (stehen) ; 16.s,>n, Id^en (lassen) ; wo, wäge ; j>Wjw, 
plagen ; jj/o, plage ; gro, grä (grau) ; pm^), säme ; rot, rät (Bat) ; hrodm, 
braten ; not, nädel ; odjy, äder (Ader) ; hro-pn, brächen ; t)vdy^^ bräche 
(Brache) ; nb, nähe ; grbf, gräf (Graf) ; slöfen, släfen (schlafen). 

Mhd, e 
wird allgemein zu ei, ausgenommen sind die Liquiden 1, n, r, vor denen 
es in Koenigsraachern und Umgegend als c beibehalten wird : ei, e (Ehe) ; 

^) 2:öman, pl. von i'öm, bezeichnet das junge Getreide, während die ver- 
schiedenen Samensorten oder die jungen Kräuter mit dem Kollektivnamen (jizhn-j^s 
bezeichnet wird. 



75 



hlci, klA (Klee) ; ?m, w^ (Weh) : c'nn'-/^, ewic ; r;,y>-, o-, ere (Ehre) ; Idiriw^ 
khi'f^ kere (Wendung! ; fniuci.ir.ni^ f'tniirr.)!/, vermeren ; gcilerfjn, (jelcy.m, 
gechUngen ( schnell ) ; ^dl, ^fU, sele (Seele ) ; !/'h>f, f/rnf, gen (gegen) ; 
wrinrx^ nrnrx,^ wenic (wenig). 

Mhd. i 

wird in der Regel zu ai in Sierck, Rettel und den anderen südl. Ort- 
schaften, zu ei in Apach, Kirsch, Beimach und Merschweiler : (libn, cihm^ 
ilen (eilen); (üy>u^ ''i^-'n, isen (Eisern; irais^ irc'/s^ wk, (weiss i: itinin., 
)n('(ti, min (mein); ^ain, ^rhi, sin (sein); <j(i/^ t/ri^ gige (Geige). Bei liht 
(leicht) und erlihtern (erleichtern) fällt das h aus und das lange i bleibt 
erhalten : lif, ,)rJit)ni. Aus diesem letztern und aus dem, was wir schon 
gesehen haben und noch sehen werden, geht klar hervor, dass der vor 
dem ausfallenden h stehende Vokal nicht in einen andern verwandelt 
wird nach den allgemeinen Gesetzen der Mundart, sondern blos gedehnt 
wird, wenn er nicht schon lang war. 

Bei den einsilbigen Wörtern, die auf i endigen, wie dri (drei), bri 
(Brei), fri (frei), wird das i zu (u resp. r/, wobei man jeden einzelnen 
langen Vokal sehr gut hört: (b(u^ drri : hrf'i/^ hrri; frdi, fri-i. Ausge- 
nommen ist nur hal^ hei, bi (bei). 

Für drizehen (dreizehn) sagt man in der nördl. Hälfte (Irdfdscin, 
in der südl. dniitscn ; für drijrec sagt man in erstem Ortschaften dndst-/.^ 
resp. dfrisr-/ in Apach, etc., in den südl. aber dresi'x- 

Mhd. Ö 
wird in der Regel zu ou, in Koenigsmachern und Umgegend aber wird 
es beibehalten also: nont, not, not (Not); oiißfr<m, ostran, Ostern; roKS^ 
ros, rose; rottst, rast, rost; hroid, brat, bröt: fo/ot, ton, don u. ton (Ton); 
roid, rot, rot; loitn, Ion, Ion (Lohn). Endigt jedoch das Wort auf 6, so 
wird dieses auch in Koenigsmachern und Umgegend zu on : flou, vlö 
(Floh); f'ro», vro (froh). Grö^ heisst in den nördl. Ortschaften (jrds, 
in den südlichen und Oberkontz (jrons, in Ka?nigsmachern und Umgegend 
(ji-os. — Los (los u. frei) heisst allgemein las] aber gotlös (gottlos) 
heisst ijotlom, resp. (jotloa. 

Strö (Stroh) und rö (roh) heissen allgemein strcl und rci, hoch heisst 
//'/, in Oberkontz und den südl. Ortschaften ist jedoch die Form hci^ 
häuliger. Ki ist aber der Pluralumlaut von oti, wie wir später sehen 
werden. 

Mhd. ü 

wird allgemein zu <ui : hany.»!, buchen (bauchen): 7m///, biich (Bauch): 
liiiiin-, hur (Bauer); lioiis^ hus (Haus): hntnt^ krut (Kraut): niiDu, v\\m 



76 



(Raum); ans, ü; (aus); ßfra/rs, stm? (Strauss). Nur brün (braun) heisst 
in Oberkontz und in den südl. Ortschaften hroy, in den nördl. aber hntnn. 

Mhd. ae 

wird allgemein zu r: ;/(■, ga?he (jähe, steil); wcjn, wsejen (wehen); 
r/^V/cy./??, tcudingen (prozessieren) ; ßbn, vaelen (fehlen): f/nrdcx, gemedic 
(gnädig); stets ^ stictes (stets); ts(\ z*he (zäh). Sselec (selig) heisst in 
Koenigsmachern u. Umgegend j'Vr/, sonst ^eilex. 

Mhd. ce 

wird in den nördl. Ortschaften zu ei, in Oberkontz, Berg, Koenigsmachern 
und Umgegend zu c: heis, hes, bcese; /whf.m, Jm\»), hoeren; midrx, 
nedex, noetic ; cini., fm^ oeheim (Oheim) ; sein, sex, schoen ; treistm, tresim, 
trcBsten. 

Mhd. iu 

wird wie das mhd. i behandelt. Es wird demnach zu al in Sierck, 
Rettel und den südl. Ortschaften, zu el in Kirsch, Apach, Beimach, 
Merschweiler : la'd, leit, liute (Leute); daits, deits, diutsch (deutsch); 
Iraits, Ireifs, kriuze (Kreuz) ; dahr.d, dekvd (in Oberkontz deicd), tiufel 
(Teufel); fahr, fein-, viur (Feuer); daior, deisr, tiure (teuer). Wie liht 
oben bei i zu lit wird, so wird auch hier viuhte (feucht) zu /'//. Eine 
Ausnahme von der angeführten Regel bilden nur fre)jf, vriunt (in der 
Mda. fast nur in der Bedeutung von »Verwandter« im Gebrauch, sehr 
selten bedeutet es »Freund«, wofür man das franz. eii/f, ami. gewöhn- 
lich gebraucht); frenfsjf u. frentsof, vriuntschaft (bedeutet nur Ver- 
wandtschaft); frentlex, vriunthch (freundlich). 

War aber neben der Form mit iu eine andere mit ü vorhanden, 
dann kommt diese letztere in der Mda. in Betracht, so dass man bei 
diesen Wörtern nur cm, nicht aber ai, hat: hcm9n, biuwen u. büwen 
(bauen); braut, briut und brüt (Braut); bran,m, briuwen und brüwen 
(brauen); laudm, liuten u. lüten (läuten u. lauten); ^au§an, siusen und 
süsen (sausen). Nur für niuwe, nüwe (neu) sagt man in Oberkontz 
und den südl. Ortschaften nai, in den andern aber uan: nai ist von 
niuwe, nun von nüwe gebildet. 

C. Die betonten Diphthonge. 

Mhd. ei 

wird zu ce : ce, ei (Ei) ; ce^dn^ eichen ; cet, eit (Eid) ; cejdn, eigen ; Mdm, 

eidem (Eidam); cen, ein; cehf, eilf: ««for, eiter; /wf/^r/^j?,^)?, bezeichenen ; 

nchi, nein; lilmydn, bleichen; dd-l. teil; tchlm, leiten. 



— 77 — 

Mhd. ie 

wird allgemein /u </ : (hiilny.^ dietrich : lir(if\ briet'; irci^ wie: liri.iu. 
biegen: feit, liet (Lied); .sris.jn^ schieben (schiessen): /W->y, vier. In 
Oberkontz, Berg, Mallingen, Hettingen und Hüntingen sagt man (Ir)ßt 
für dienst, (Icij'ii für dienen, in den andern Ortschaften aber sagt man 
ganz regelrecht dcintst und dcnDn. 

Mhd. Oll 

wird allgemein zu n : l<'tf. loup (Laub) : Jäfni^ loufen (laufen) ; frä^ vrouwe 
(Frau) ; (jJan\m, geloube (Glaube) ; d, ouge (Auge) ; ddxHf, tougen (taugen) ; 
arldbm, erlouben (erlaubenj ; hdni boum (Baum); drdiH, troum (^Traum); 
dst, ougest (August). 

War aber neben der Form mit ou noch eine andere mit ü vor- 
handen, so wurde die letztere in der Mda. massgebend und deshalb 
hat man bei diesen Wörtern nicht d sondern (ui : han.m^ bouwen und 
buwen (bauen); ^aufm, soufen u. süfen: fatiJ, voul u. vftl (fault: f(U(sf, 
voust u. vust (Faust). 

Mhd. uo 
wird in der Regel zu o/r hro/id.ir, bruoder (Bruder) ; hIoNf, bluot(Blut); 
ittoid, muot (Mutj; jmid, phuol (Phuhl); Stoid, stuol (Stuhl); .hton,)i\ 
snuor (Schnur); hJonm^ bluome (Blume); doioi^ tuon (thun); grouf, 
gruobe (Grube). Nur vor ch wird es in den südl. Ortschaften zu if, 
in den andern aber wie oben : />///, />(>ii'/, buoch (Buch ) ; d/i/^ '^'»i'/.i 
tuoch (Tuch); <i)iu(y_, (ßmniy^ genuoc (genugj; ilü'/j>n^ t^'^nVj'Hi vluochen 
(fluchen); hieran schliesst sich auch <jid^ (j<Md, guot (gut). 

Für suochen (suchen), buoche (Buche) und muoder (Mieder) sagt 
man in der nördl. Hälfte ^"r/r/n, heiyt und m.min- und in der südlichen 
|;/Xr>«, biy und midor. Das gotische sokjan (suchen) ist bezeugt, w^ährend 
die got. Benennungen für Buche und Mieder nicht erhalten sind. Viel- 
leicht hat das j in sokjan den Umlaut hervorgerufen, denn d ist der 
Umlaut vom mundartlichen an. und / der von x. 

Mhd. öu 
wird zu rr, denn wie cui der Umlaut vom mhd. ou ist, so ist in der 
Mda. (r der Umlaut von d. Ausserdem haben wir gesehen, dass das 
mhd. ou in der Mda. /n '' wird. Daraus folgt also, dass das mhd. öu 
regelrecht zu d- wird: tsd-tn.»!^ zöumen (zäumen); Ar/-, höuwe (Heu); 
2d;ni, söugen (säugen) : ■»■frchm, ervröuwen (erfreuen) ; //•«■/, vröude 
(Freude); dd-fm^ tiUifen (taufen). Hier kann allerdings nicht unerwähnt 
bloilioii, das.s im Mhd. besonders bei den Verbis neben der umgclautelen 



— 78 — 

Form selir oft (nne iiiclit iiiiiirelaiitete vorhanden ist. Sobald nun eine 
nmgelautete da ist, wird dieselbe in der Mda. bevorzugt, ja die Mda. 
lautet sogar da um, wo im Mhd. gar keine mngelautete Form vor- 
handen ist, z. B. (fJd'/Crm, gelouben (glauben), aber fßdwdn (Glaube), 
Ji'JtrPf»), koufen (kaufen), aber /rAcf/" (kauf) etc., jedoch umlautet sie nicht 
immer, z. B. : hhr.nt, louben (entlauben ) ; /xl»), houwen (hauen) etc. 
Wäre hier vielleicht auch das got. j die Veranlassung zum Umlaut, 
denn gkeiv.m heisst got. galaubjan und dceßn daupjan? 

Mhd. üe 

wird zu ei Das mhd. üe ist der Umlaut von uo, in der Mda. ist aber 
ei auch der Umlaut von on^ daraus folgt also, dass der mhd. Umlaut 
üe in der Mda. regelrecht zum Umlaut ei wird, da ja das mhd. uo in 
der Mda. oh heisst: hcls.ni^ buchen (büssen): fdhn., vüelen (fühlen); 
breion, brüeten (brüten); dreif, trüebe (trüb); l-Jicil, küele (kühl); rei»ron^ 
rüeren (rühren). Mhd. küene (kühn) und grüene (grün) heissen in der 
nördl. Hälfte hlunt und (irc'ni^ in der südl. aber llinj und gm]. 

D. Unbetonte Vokale und Diphthonge. 

Die unbetonten oder schwach betonten Vokale und Diphthonge 
sind entw^eder geschwunden oder zu einem dumpfen .> herabgesunken: 
hhchi., JiJieiji küene (kühn); frcH, vröude (Freude); Jrfrcem, ervröuw^en 
(erfreuen ) ; (jdm, guldin (golden) ; dr/hif^ arbeit ; miM, urteil ; hhits, 
hantschuoch (Handschuh). Vor c, ch sind sie zu einem sehr kurzen c 
geworden : ^ondej, suntac (Sonntag) ; JuNc/^ heilic (heilig) ; hcemlex^ 
heimeliche (heimlich). Die Endung tuom wird sowohl zu tdm als auch 
zu tom: hestdm u. bestom, bistuom (Bistum); raiypm u. raiytom^ rihtuom 
(Reichtum). Nur bei äne (ohne) und papele (Pappel) wird das Schluss-e 
zu / : oni und pojüi. 

Die französischen Vokale. 
A. Die betonten Vokale. 

Wie in den andern Mundarten zahlreiche Fremdw^örter vorhanden 
sind, so ist auch eine ziemlich grosse Anzahl französischer Wörter und 
Ausdrücke in die Mundart, mit der wir uns beschäftigen, eingedrungen. 
Betreffs ihrer ist folgendes zu bemerken: 

a 

hat den hellen Klang, den es im Französischen hat, im allgemeinen 
beibehalten : iMgaS^ bagage (Gepäck, altes Zeug, Zigeunerbande) ; 



— 79 — 

l/noH/jx; eaiiape (Sophai: ämlxird^ eml^arras (Schwierigkeit); ay^rov/oy/.-, 
a part clonc (ungefähr); (/yu/nds, gravattc (Halsbinde); p'/ljas, paillasse 
(Strohsack); fasauu. in Oberkontz und den südl. Ortschaften /Wsojj, facon 
(Gestalt einer Sache); pasei,n:)n^ in Ktenigsmachern und Umgegend 
pasrr.m, passer (vorübergehen, zustossen) ; pap^ papa (Vater) ; mam^ 
niaman (Mutter): l/iafriii, Catherine: JiJHtlfsoij, calecon (Unterhose); 
nnir/, daneben kommen jedoch häufiger vor u/n/ und ii/r///. Marie; 
inarf/i/f, Marguerite ; parf/ns^ par force (durchaus); hloll/as, blocage 
(Art von Pflastersteinen). 

Folgt auf r noch eine stumme Silbe, welche das Wort schliesst, 
so wird das vor r stehende a gedehnt, wenn es nicht schon lang von 
Natur ist : //(hi^ garde (Zollaufseher) ; .Mi-jI, Charles (Karl) ; //(/r, gare 
(Bahnhof und »aufgepasst«) ; (jardojjr, gare ä toi (weh dir!). 

Es wird zu r in »//w, mamelle (Mutterbrust); ihr, Jeanne ('Jo- 
hanna) und h)//^ ami (Freund); (^(yV.v, adieu (Ade). 

Offenes e 

ist gewöhnlich beibehalten worden: ferm, ferm (fest); rrsprli^ respect 
(Ehrfurcht); cki^prh und rlispres^ expres (absichtlich); polet ^ epaulette 
(Epaulette) ; prhehrju^ in Koenigsmachern und Umgegend prhf'nm, presser 
(eilen i: /V.svV, ficelle (Schnur); v/', chef (Vorsteher). Vor r wird es 
gedehnt, d. h. es wird zu (P, wenn noch eine stumme Silbe im Fran- 
zösischen folgt: ))/d'i:>l, merle (Amsel); cdd-rt, alerte (belebt, lebhaft). 
Langes geschlossenes e finden wir in wie';?, Eugene (Eugen): kurzes 
geschlossenes in Sil/', gilet (Weste); / in IJ//)J/^ collet (Kragen). 

Geschlossenes e 

wird auf verschiedene Weise behandelt, wie aus folgenden Beispielen 
hervorgeht: in fsd-ir/f, lat. secretum (Abort) bleibt das erste geschlos- 
sene e, das zweite aber wird, weil es lang ist, behandelt wie das lange 
mhd. c, d. h. es wird zu (v; ebenso bleibt das geschlossene e in Lhunnpc^ 
canape; in rrpot/'br.n/ resp. irp.itrrj}/, repeter (wiederholen), wird das 
erste e zu r, das zweite aber zu .> (über die franz. Verbalendung -er 
werden wir noch später einiges bemerken) ; es wird zu / in it/'/hl//n//l.\ 
mecanique (Dreschmaschine), davon aber )i/i'kl/<n//l,n/ neben ti///,///ii///,/i/ 
(Getreide mit der Dreschmaschine ausmachen); /.'Aoi/, conge (Militärdienst), 
■/.. B. .»i l//>t .lai /d/(}£i ha/ d.ni sald<'>f./ yemät (er hat seinen Dienst bei 
den Soldaten gemacht); es wird zu .-• in i/i/ni im, nnm('ro ( Nummer >. 



— 80 — 

Dumpfes e 

wird zu kurzem geschlossenen e in rcfi^eioron^ resp. nfi^erj)/ in Kd'nigs- 
machern und Umpegend, refuser (verweigern). 



ist kurzes geschlossenes i geworden oder als solches erhalten: fr/Mo, 
fricot (gutes Essen); fisel, ücelle; Ihomi^ commis (Arbeitauf'seher) ; Initilx 
boutique ( Handels-, Spezereienladen) ; m\§el, Michel ; irilior, Victor ; marh 
Marie; nuiygrit, Marguerite; poli, poli (höflich).; soüsdn^ sottises (sotisi) 
gen heisst in der Mda. jemanden schelten ; soUse hrc'hjn gescholten werden); 
Ji'/iqfrin, Catherine ; 2)olm, Pauline. 

Offenes o 

ist zu Ott, resp. 6 in K(Bnigsmachern und ITmgegend geworden, w^enn 
das im Französischen lang ausgesprochen wurde oder wenn ein r 
direkt oder indirekt darauf folgte: niottt, titöf^ mode (Mode); khainouf, 
/./icDiiof, commode (Schrein): pyotip.n\ pyöp,n\ propre (rein); n-flior, 
Victor, sagt man allgemein. In den anderen Fällen wird es zu kurzem 
geschlossenen o : poli, poli ; sofisjn, sottises ; l-ltoli^ collet ; Miomi, com- 
mis ; fiil'ho, fricot; buklok, bouledogue (BuUenbeisser) ; mortjes, mort 
de Dieu (Fluchwort); nondidjes, nom de Dieu (Fluchwort) ; Uo/:ha.% blocage. 

Geschlossenes o 

ist erhalten : momhit^ moment (Augenblick) ; nuhidro, numero ; loz,mient^ 
logement (Wohnung) ; (oMdran, resp. Jo,?rr,j)i, loger (wohnen). 

u 
-» 

ist zu / geworden in ft/is, peluche (Wollsammet); futi, foutu (gebrochen, 
zerrissen, tot, letzteres nur von den Tieren gesagt und verächtlich von 
den Menschen); refi^eidr^n, resp. rffi^eron, refuser (versagen); Mi2), 
cube (Kubus); zu ti in tnbpcmf, tulipe (Tulpe); Insje, Lucien; Mnrjeis, 
curieux ( w'ählerisch beim Essen) ; nunm-o, numero ; zu r in jeMemhd^ 
justement (gerade, eben adverb.). 

B. Die Diphthonge. 

ai 
ist der Aussprache nach erhalten, also entspricht es unserm ce: afcpr, 
n (faire (Geschäft); pdce^epr resp. ploi'^er^ plaisir (Freude, Vergnügen); 
^cy^pltP'^mrdn resp. plce^erm^ se plaii;e (sich irgendwo gefallen) ; pla'^rprlr/ 



81 



resp. /)ld:ser(rx (was plaisir bereitet): mar, maire ( Bürgermeister ) ; es 
wird aber zu e in jaköpe^ juge de paix (Friedensrichter) ; zu h in p';ljas, 
paiilasse (wo das franz. ni nicht wie deutsches ä, sondern wie deutsches 
ai ausgesprochen wird). 

au 

ist zu kurzem geschlossenen o geworden in Sqnio, chameau (Kameelj; 
polrf, epaulette; zu 6 in jjo/?j?, PauHne. 

eu 

ist zu ci geworden in Ihurjeis, curieux ; zu c in nioiijcs, mort de Dieu 

und nmidkljc.s, nom de Dieu : etjes, adieu (Ade) ; zu ce in alalomer, a 

la bonne heure (Glück auf). 

oeu 

ist zu ce geworden in fsdr, soeur (Klosterfrau). 

QU 

ist als f( wiedergegeben in huldok^ bouledogue ; i>«//-v, pouliche ; pulM^ 
poulette (beide letztern Wörter als Pferdenamen im Gebrauch) ; fnt/, 
foutu; hnf>h\ boutique : als il in liiuj.ir, bougre (Schelm) ; jr«, sou (Geld- 
stück = 4 Pfge.) ; ho£ipr, bon jour (Guten Tag !) ; es ist zu ou geworden 

in zalous, jaloux (neidisch). 

oi 

ist der Aussprache nach erhalten ; es wird also durch oa wiedergegeben : 
hosoar, bon soir (Guten Abend ! ) ; soa^eMron resp. soagerj}!^ choisir (wählen). 

C. Die Nasal vokale. 

Der nasale Charakter der Vokale ist beim Uebertritt in die Mda. 
ganz verloren gegangen. Der nasale Konsonant ist aber fast immer 
beibehalten worden. Die Aussprache ist ganz dieselbe wie im Deutschen: 
luoinmf^ moment (Augenblick); losjnihü, logement (Wohnung); ((fi'oijf, 
aifront (Schande) ; ranzrh/r.m resp irmirrju, ranger (ordnen). Guttural- 
nasal ist eingetreten bei /'i/saij, bouchon (Propfen); hhosoij, cochon 
(Schwein, man sagt es manchmal zu den Kindern; ; .?(ry, Jean (Johann) 
und t'(iso)j in den südlichen Ortschaften, faQon (äussere BeschalVenheit 
oder Gestalt eines Dinges). In dem sehr häufig gebrauchten Grusse 
hozu»\, bon jour, und l><>s,,(ir^ bon soir, ist das n ganz ausgefallen, 
ebenso in suzcincut, changement (?«/ sd.ltmrnt l.-rcioii heisst von einem 
Posten auf einen andern versetzt werden ) : aber es ist meistens bei- 
behalten in s(itiz<hi.)n resp. stiiKzrrn/, changer (wechseln, ändern). In 
/,/i(>ni.)(l(}.>r.)n res\). hhomidn-.nK Commander ( befehlen i ist die Silbe an 
/.n einfachem ■> geworden. 



82 — 



D. Die unbetonten Vokale. 



Die zwischen betonten Silben stehenden unbetonten Vokale sind 
meistens in dem dampfen j^-Lant zusammengefallen ; jiMnmnt, justement 
(gerade, zufällig) ; salmihd^ changement, ii. s. w. Vielleicht liesse sich 
auch hier anführen : l-Jiomxlrhy.m^ Commander, und rrp.ifclirm^ repeter 
(wiederholen). 

Bei den Verbis werden die Endungen -er und -ir zu -eioron., in 
Koenigsmachern und Umgegend zu -crm: raniepr.))!, rauMron, ranger; 
jm'seior.m, preseron^ presser (sich beeilen ) ; soa^ehrm, soa^erdn, choisir ; 
dasselbe gilt bei pkHebr, plce^eL\ plaisir (Freude). 

§ 3. Rückblick. 

Wie man aus dem Vorhergehenden sehen kann, bleibt sich die 
Mda. in den verschiedenen Ortschaften der besprochenen Gegend im 
Grossen und Ganzen so ziemhch gleich, was jedoch in den Einzelheiten 
nicht immer der Fall ist. Betrachtet man nun diese Einzelheiten, so 
findet man, dass die Mda. in Kcenigsm achern und Umgegend, trotz ihrer 
grossen Entfernung vom Hochdeutschen, doch demselben näher steht 
als die in den nördlichen Ortschaften. Man vergleiche z. B. nur hart., 
hart, lltüvt mit hö.rrf, liöjii, l;Jio,)rt u. s. w. (siehe oben bei a) : /.Arr, er 
mit kh('h)r, «"/.>;• u. s. w. (s. oben bei e). 

Auch findet man in Koenigsmachern und Umgegend das Streben 
nach langen Vokalen und das Vermeiden der Diphthonge in sehr vielen 
Fällen, während man, je nördUcher man geht, desto mehr die Neigung 
w^ahrnimmt, die Vokale zu verkürzen sowie Diphthonge zu bilden, auf 
denen die Stimme öfters nur sehr schnell hingleitet, was der Mda. in 
diesen Ortschaften einen sehr flüchtigen Charakter verleiht, während 
die Mda. in Kcenigsmachern und Umgegend als eine sehr gedehnte und 
ziemlich schwerfällige daneben erscheint, so ist z. B. bei ehr (Ehre) 
das cir) viel kürzer als das v in rr ; das ai in h6,trt (Bart) kürzer als 
das (( in hart u. s. w. 

Ganz vereinzelt steht Sierck da mit seiner breiten Aussprache, 
die es durch die Diphthonge /a und ua an den Tag legt. 



— 83 — 



II. Der Konsonantismus. 

§ 4. Allgemeines. 

Obwohl die Konsonanten in der Mda. fast durchweg ihr tönendes 
Element eingebüsst haben, so ist es doch in gewissen Fällen bei /, m, », y 
erhalten, ja vielmehr noch erweitert worden. Wo letztere dasselbe 
beibehalten, werden wir sie mit 7, m, n, ?/ bezeichnen. Die Zunge bleibt 
bei der Aussprache derselben ungefähr ^/s Sekunde an den Gaumen 
gedrückt, wobei sie die Operation, die sie bei der Aussprache des ein- 
fachen 1, m, n, y macht, so lange fortsetzt. 

Wir fassen die Konsonanten in folgende 3 Gruppen zusammen : 

1. Explosivlaute: j), ^ ^•'■, ^>1'i ^>- f^: (/■ 

2. Liquiden: /, ?, «?, m, u, u, ij, ?j, r. 

3. Spiranten: /', tv, tv, s, ts, s, ts, |, i, j, /, //. 

Um physiologische Irrtümer zu verhindern, ist für den Nasal mit 
Gaumenverschluss d. h. ng das von Rapp, G. Gröber und andern an- 
genommene 1] angewendet worden. Aus demselben Grunde ist der 
griechische Reibelaut / für ch, .s- für die gequetschte Spirans seh, 
.V für den harten und ^ für den weichen s-Laut und i für das fran- 
zösische j mit französischer Aussprache angewendet worden. Ausserdem 
sind die Doppelkonsonanten x und z in ihre eigentlichen Bestandteile 
Is und fs aufgelöst worden. 

Ausserdem soll noch bemerkt werden, dass, da der Konsonantismus 
in der ganzen besprochenen Gegend so zu sagen ganz und gar der- 
selbe ist, nur die Aussprache meines Heimatsortes angeführt wird, da 
ja im Vokalismus bereits die verschiedenen Abänderungen der Vokale 
bis in die Einzelheiten angeführt worden sind. 

§ 5. Etymologische Verhältnisse des Konsonantismus der Mundart. 

Dem mittelliochdeutschen Konsonantismus tritt die Mundart wie 
folgt gegenüber: 

b 

ist im Anlaut erhalten: haiur, bür (Hauer); hihit^ boumdiaum); Inouii, 
binden; hro.sf, brüst; hromhi; bruoder (Bruder). 

Auslautend erscheint es als /': f/raf, grab u. grap iGrab); 6f\ ab 
u. aj); (li/f\ dieb u. diep (Dieb); laf, loub u. loup (Laub); daf] toub 
u. loup (taubi. Dasselbe gilt, wenn das Schluss-e oder -en nach b a))- 
geworfen wiid: .s,i;i\ schibe (Scheibe;; <jitiif, graben (Graben): r/V/, 



84 



i^ebe (Rebe). Doch blei])t es resp. wird es zu )> in nip^ rüebe 
(lat. rapa, Rübe). 

Intervokalisch oder zwischen 1, r und einem Vokal ist es zu iv 
geworden: oioid^ abent; iicM^ übel; (■n-jJ., aber^i; rnoii, erben; 
Strncdu, sterben; fn-dh-n-jn, verderben; $dirjy, silber (Silber); llialivm, 
kalben. Erhalten ist es in nncbjl, nabel; .^itt(rh>l, snabel (Schnabel); 
föbh)!, fabeln ; crhfs^ erbse ; ('(rhjf, arbeit. 

Es fällt aus nach m : doni, dumb(dumm); hj/,-/iniij);w, bekürabern 
(bekümmern); lhoiit,)r, kumber (Kummer); drjin, darumbe (drum); 
ausserdem in Itrrst, herbst; (/hj, geben; hiin, haben; rm,)s, imbij (Mahl- 
zeit): sfdH.ni^ schrüben (schrauben), letzteres, weil bei srau, schrübe 
(Schraube) die Endung be ganz abfällt. 

Es wird zu 2^ iii^ P'h^-^f^ habest (Papst) ; propst^ brobest (Propst) ; 
shpjl, Scherbe. In der Redensart aber: jii hot H an dir sirhd, er hat's 
in der Scherbe, d. h. er ist angetrunken, ist das b geblieben. 



ist anlautend erhalten: da, da; damp^ dampf; drLji/, decken; doyjf, 
dorf ; drclcjn, drücken ; do)jl:il, dunkel. 

Auslautend, d. h. wenn nach d das Schluss-e abgeworfen wird, 
wird es, insofern es erhalten bleibt, zu f: miief, made (Made); rief, 
rede (Rede): d-rf, erde: //vY, vride (Friede). Die Endung -de wird ge- 
w^öhnlich abgeworfen nach 1 und n : meJ, milde (mild ) ; wel, wilde (wild ) ; 
hüI., balde (bald); Iht, lende; (j./.swoi, geswinde (geschwind); ijjwen, 
gewinde (heftiger Wind): (roti, wunde (Wunde); /romr, wunder; Id/on, 
künde (Kunde). 

Intervokalisch ist es erhalten, wenn auf den folgenden Vokal 
noch ein Konsonant folgt: hjrtcdjji, bereden; dedoj^m, ta.'dingen (pro- 
zessieren) ; meid,»; muoder (Mieder) ; od.n; äder ; siKÜd.m, sniden 
(schneiden); /ikl)iii, Adam. Nach 1 und n fällt d auch in diesem Falle 
aus, wofern kein 1 in der nächsten Silbe folgt : /icn,>r<m, hindern ; .schju 
od. Scn, schinden ; fa)iJii od. fan, finden ; ha)i<»i od. hau, binden ; k/tcnex, 
kündic (bekannt mit etwas) ; ivoiuir.n}, wundern ; ntmin^ minder (w^eniger); 
geUn, güldin (golden); fjnvrl»!, verwildern; aber liaiid.d, handel; handhm, 
handeln; swemhl, ^windel (Schwindel); irmd.)/, windel; (jrond.d, grundel; 
hhiäol, bendel. 

Zu / wird es in t(iis,d^ dihsel (Deichsel) und hcntd^ bündel. 

^) Sollte nicht iwjl mit niederländisch evel aus evenvvel (^doch) zusammen- 
hängen? S. De Bo, Westvlaamsch Idioticon. Zusatz von Prof. Martin. 



85 



rr 



l)leibt im Anlaut: (/nr/r.)/, gabele (Gabel): unlj'tn^ galge ( Galgen i; (i<'il, 
galle: //r//', gige (Geige); (j(h. geben; und bei der Vorsilbe ge-: <j.>hai^ 
gebiuwe (Gebäude); (/''f/riirf, gegraben: (plrn, gelende (Gefilde). 

Inlautendes g oder auslautendes ge werden in der Regel ab- 
geworfen nach langen Vokalen oder Diphthongen : ä, ouge (Auge) ; 
fs((/.)ii^ ziugen (bezeugen); wei, wiege; (jaij gige; ic6, wage. 

Nach den kurzen Vokalen lässt es Ersatzdehnung zurück: 

ag oder age wird zu o: Ido.nn^ klagen; l:h\ klage (Klage); iron^ 
wagen (Wagen); dohuii, tagelon (Tagelohn). 

eg und eg werden vor Nebensilben zu r: /r,)u, legen; ^e, sege 
(Säge); |e'>«, segen (sägen); ß»), vegen (fegen); mi, regen (Regen); 
rcH'»/, regenen (regnen); In\ leger (Lager der Menschen und Tiere); 
in/.yy/, segenen. 

ig wird (li: laini^ ligen (liegen); irni.»)^ wigen (wiegen). 

og wird mr. hon, böge (Bogen); foid^ vogel. 

Beibehalten wird es nach 1, n, r und in der Silbe gel, d. h. nach 
n wird es mit demselben zu /y, in den andern Fällen aber wird es 
inlautend zu,/, auslautend zu /: sY/v/j, strenge; h('y'>l^ bengel; poßtm, 
phingsten (Pfingsten); ■sldtj, slange (Schlange); .^/^/y^pi?, springen ; hircx. 
bürge; <j<^hirry, gebirge ; '^on^x^ sorge; ^orj.f», sorgen; hoi-J.ni, borgen; 
morj'»/^ morgen (der Morgen); irtrirj')/), erwürgen; (jdIJ.)», galge (Galgen); 
folj''it, folgen; fjrtHljm. vertilgen; ////W, vlügel ( hat alle Bedeutungen des 
nhd. Wortes »Flügel«, nur bedeutet es nie »Flügel eines Vogels«, wofür 
man ///Av sagt) ; ipJ, iget ; ?//>/, sigel ( Siegel ) ; spij<il^ spigel (Spiegel ) ; 
hrij.flfii, prügeln; /c/nij.>l, kugel. Ausserdem ist es erhalten resp. zu ,/ 
oder / geworden wie oben bei : d^j'if, eigen ; ^ejjii, segen (aber ^emu^ 
segenen); prihU-/^^ predege (Predigt) ; vj/vVV/^'/»?, predegen; ir/rihpu, wür- 
digen; df'pJrx, tägehch. 

Es wird zu / innerhalb des Wortes bei niutdyjn^ maueger (man- 
cher); ddy.m^ tougen (taugen) und <''r/f^ egede (Eggei: iiytni^ egeden 
(eggen); zu ;y/, resp. jj/, bei sinrijlol, sprengel; //d^rcij/,-, beringe und 
hlf'', enge. Die Endung -unge wird r>jn/ : niceixiini, me'mnnge {Meinung); 
h<if<'H>>i, hoffenunge (Hoffnung): d-rf/d/mjiif, (Ttbibunge (Erdbeben). 

Ist im Mild, g in den Auslaut gerückt, so wurde c dafür gesetzt, 
hl der Mda. wird es zu /; ausgenonnnen ist nur nc, welches zu y/c 
wird: 0/77, arc (arg); Ar/v/, berc (Berg); r/'y/^r/, einzec (einzig); nfry, 
rihlec (richtig); /.nr/, kriec (Krieg); fttj'dy,, zwtc (Zweig); fsirhrx, 
/wi'i-c i'/Awi'^); (/.ii/n/iy^ gcnuoc (genug): dir/, lac 1 Tag) ; "n'x u. iirix, 



-. 8e — 

enwec (weg); aber : (j'>^<i}jl\, gesanc (Gesang); .(^ay/.-, ganc (Gang); sproiilc^ 
sprunc (Sprung) ; rcijk^ rinc (Ring) ; ./V>?//.-, junc (jung); Jaijk daneben auch 
/«y, lanc (lang) ^). 

Es fällt aus hQ\ plou^ phluoc (Pflug); krou^ kruoe (Krug); wc, 
wec (Weg). 

P 
ist im Anlaut der Fremdwörter erhalten: pn,)r^ par (Paar); pc/jm, palm; 
popdy papele (Pappel); pt^'X-, pech; pa/n, pine (Pein); jjr/fs-, pelz. 

Für mhd. ph (pf) steht bei weitem in den meisten Fällen blosses 
p: 2)cfcn-, phefl'er (Pfeffer); pa/fju, phifen (^pfeifen); 2^^'>'f, phert (Pferdj ; 
pUst')r^ phlaster ; plants^ phlanze ; pilni, phorte ; 2)lou, phluoc. 

In einigen wenigen aus dem Hochdeutschen entlehnten Fällen wird 
es mit f wiedergegeben : fa/lji\ philsere (Pfeiler) ; flly/, phliht (Pflicht) ; 
fhi('x^ daneben jedoch auch jjenek und peneyl; phenninc und phennic 
(Pfennig); pmfdu^ phrophen (pfropfen). Bei den verbis auf -phen steht 
-pdn oder -f.m (jedoch meistens -pen)^ je nachdem dasselbe ein Sub- 
stantiv zur Seite hat, das in der Mda. auf p oder f endigt, so sagt man 
z. B. proffin, weil daneben praf] phropher (Pfropfreis) steht; khepdn^ 
köpfen (köpfen), weil daneben kltap^ köpf u. koph steht. 

Auslautendes p, welches im Mhd. gewöhnlich nur das in den Aus- 
laut tretende b ersetzt, erscheint in der Regel als /': stuf\ stap u. stoup 
(Stab u. Staub); laif\ lip (Leib); dcif, diep (Dieb); laf\ loup (Laub); 
halof\ halp (halb); khaV>f\ kalp (Kalb); klm\}f\ korp (Korb). Kommt 
aber eine Endung hinzu, so steht w : halwdn, halber ; khclw^)\ Kälber, 
denn dann steht ja auch im Mhd. nicht p sondern b, und darum unter- 
liegen alle jene Wörter den bei b angeführten Regeln. Nach m bleibt 
p: kJiaiiq), kamp (Kamm); hiiii), lamp (Lamm); krouip}, krump (krumm). 
Im Plural jedoch, sowie bei den von diesen Wörtern abgeleiteten Verbis 
und bei den Adjektiven in attributiver Stellung fällt es aus, weil es ja 
auch im Mhd. in jenen Fällen schwand oder zu b wurde und deshalb 
auch hier die Regeln von b Geltung haben: kheni, kemme (Kämme); 
kJiemfm, kemben u. kemmen (kämmen); krenmi, krümben u. krümmen; 
lemji\ lember u. lemmer (Lämmer) ; kröm frd, krumbe frouwe (krumme 
Frau) ; /.■/•o^;^> hhpl, krumber bengel. 

Auslautendes pf od. ph. (pfe) ist in der Regel zu p vereinfacht 
worden: klicq), köpf u. koph (Kopf); knq), kröpf u. kroph (Kropf); sap, 



^) Im Plural fällt das A' jedoch weg: [/^^('ij od. fp^hjdr, ghj, %>Ty, retj, jotj, 
Idij ; ausserdem bei den Adjektiven in attributiver Stellung, denn in diesen Fällen 
haben wir im Mhd. Avie ja auch im Nhd. die Endung -ge, von der nach den Ge- 
setzen der Mda. nur das e abgeworfen wird. 



— 87 — 

schöpf (Haarschopf); (laiiip^ dampf; tnip'^), tropfe u. trophe (arnisehger 
Mensch). Bei diesen Wörtern bleibt das p auch im Plural und ebenso 
bei den davon abgeleiteten Verbis: Icldp (Köpfej; hrip (Kröpfe); hhipm^ 
köpfen (enthaupten); (IhiijJ'^n, dempfen (dampfen). Bei den Wörtern 
mit rpf, rph erübrigt dafür gewöhnlich /•/': haraf, harpfe (Harfe); sanjf\ 
scharpf u. scharph (scharf) ; kliarof\ karpfe (Karpfe) ; srrfm, scherpfen 
(schärfen). Der Plural von ldiarjf\ woneben jedoch auch hhar.tp vor- 
kommt, wie ja auch im Mhd. karpe neben karpfe steht, ist in der Begel 
Idmrpon. 



ist anlautend in den meisten Fällen mundartliches <1 : <lnx^ tac (Tag); 
(h.ints^ tanz: daf, toup (taub); dauf\ tiibe (Taube); äoid^ tot; drö.m, 
tragen; dnnjk, trunc (Trunk u. Trank); dmijl., tranc (nur Trank, d. h, 
nur Birnen- u. Aepfelwein); r/>Y?/'2), trouf (Traufe) ; r//-rtw, troum (Traum) ; 
dr(df\ trüebe (trüb). 

t ist geblieben in feS^ tasche ; fnstm, tasten; tauyi'iu^ tüchen (tauchen); 
taas^ tusch (Tausch); faus.m., tuschen; fd.ir^ teller; thnp.)!^ tempel; tlpi 
u. ii-iK-/., tepit n. tepich (Teppich); test>)mh}i^ testament : trhi^ trahen 
(Thräne); tronn., trön (Thron) ; tent^ tinte ; tohm^ toben; fraypn, trachten; 
tidKJu. truwen (trauen): trai^ triuwe (Treue, in der Mda. ist trai jedoch 
in den meisten Fällen als Adjektiv verwendet, während man für »Treue« 
gewöhnhch fraiJuH sagt) ; tr<iiü>i\ trüre (Trauer) ; fraim-jn, trüren (trauern ); 
frrp. treppe; trikhti. treten; frrt/, troc (Trog); trchn., trollen (in der 
Mda. fallen); trol (etwas aufgerolltes) ; trom^ trumel (Trommel); fronun, 
trumelen (trommeln); trap, tropfe (armseliger Mensch): froiisf, trost 
(Trost) ; trciüUn, trösten. Sieht man sich aber die soeben angeführten 
Wörter etwas näher an, so findet man, dass das t sich meistens in 
Fremdwörtern und vor r erhalten hat. 

Auslautendes t, auch wenn es die Stelle des in den Auslaut tre- 
tenden d ersetzt, ist erhalten und ebenso das t bei der Endsilbe -te, 
welche das e nach der Regel der Mda. abwirft : hat, bat ( Bad ) ; htUrt, 
hart (Bart); hläf, blat ( Blatt i; d't, eit(^Eid); (frlj, gelt (Geld); ylit, geht 
(Glied); ifout, guot (gut): IM.hi, karte; lirof, brate (Braten); slit, slite 
(Schlitten). Wo aber das auslautende t an Stelle des auslautenden d 
tritt und demnach inlautend wieder zu d wird, da gelten infolge dessen 
in der Mda. auch wieder die bei d angeführten Regeln. Kalt und alt 
können sowohl hhalt u. (dt als auch Idxd u. '// heissen : in attributiver 



') trap komint nur in der Verbindun.u (irmut Iruji uuiner Tropf) vor. 
-) (Irdf kumiiiL nur in der V^erbindung dayjln'ii iDachlraufe) vor. 



88 



Stellung koiiunl nur hhül und äl vor, während in praedikat. Stellung 
beides vorkoinnit. 

Bei den Verbis auf It und den davon abgeleiteten Substantiven 
auf Ite, Iter fällt t resp. te bei den Substantiven aus: fälni^ valten, 
(falten); fVd^ valte: ■n-khalm^ erkalten: häf.ni, halten; spabu^ spalten; 
spid^ spalte ; §pal>t\ spalter ; mähr, malter. 

hl den andern Fällen bleibt es nach 1: rit u. r///,>y, ♦elte u. alter 
(Alter); eltdr, altsere (Altar); klwJpr, kolter (Pflugmesser). 

Intervokalisch ist es gew()hnlieh durch d vertreten : hihlni, beten ; 
hrdd.m., betelen (betteln) ; hcüdd, biutel (Beutel) : Uoiuhv^ bluoten 
(bluten); akhl., itel (leer); hrod)», braten; fmd,»-, vuoter (Futter). 

Nach Konsonanten ist es erhalten : hdst.Jii, bastart (unechtes Kind 
oder halb Huhn und halb Hahn); halypn, bihten (beichten); hastm, 
bersten ; hisUn, bürsten ; Stoit, stän (stehen) ; destdl, distel ; flextJii, vlehten 
(Hechten) ; mont»-, munter. 

Unverschobenes t steht in dat (das, dass) ; /r(d [was); et (esi; 
siehe auch die Adjektiva im Neutrum § 14 Ende. 



ist im Anlaut, Inlaut und Auslaut erhalten, resp. /// vor betonten 
Vokalen und Diphthongen geworden: Ichd'njr^ keiser (Kaiser); hhcd,>f\ 
kalp (Kalb) ; khnf\ kouf (Kauf); Ihr/,»-^ kere (Kehr): Jdo, kläwe u. klage 
(Klaue u. Klage): /dojrdjii, klingelen (khngeln); krcnmi, krümben 
(krümmen); rr/,-. rücke (Rücken): hohl, buckel ; inc/,-, mücke; drckjii.^ 
drücken; //cVr, gec (Geck, Xarr); spH:^ spek (Speck); ^dk^ sac (Sack); 
nik, roc (Rock): J>ok. boc (IJuck). 

f od. V 

ist ebenfalls im An-, In- und Auslaut erhalten: frd, vride (Friede); 
fi'ON, \w (froh); /r//, valle ; fhjL»!, fähan (fangen); fo/is^ vuc^; (Fuss); 
f'oud.n^ vuoter (Futter) ; r()i(f\ ruof (Ruf) ; di'if\ tiuf, (tief) ; Maif\ stiuf 
(steif) : sfrff. Stift (etwas Gestiftetes) : scf, schif (Schiff) : r(iif\ rif (ge- 
frorener Tau): sl6f.ni, slafen (schlafen); iiulfjJ., mülvol (Mundvoll): 
Sfrff.ju, stiften ; dirf.m, dürfen. 

Ausgenommen sind nur: k/dch.jr, ka'l'er (Käfer): fswd/ir.d^ zwivel 
(Zweifel); fsw(uii\d,)i)^ zwivelen (zweifeln) und /luoit, oven (Ofen); 
da'/ir.d i\. d(iih<d, tiufel (Teufel). Unverschobenes y; steht in oj)^ üf (auf). 



89 — 



w 



ist im Anlaut erhalten: iridir wider (wider u. Widder): trnes^ wahs 
( Wachs) ; irci, we u. wiege (weh und Wiege) ; /rr/7, weide : irais^ wij 
(weiss); wlepu, wesen (Wesen) ^). 

Inlautend wird es abgeworfen, nur nach r wird es beibehalten : 
freean, vröuwen (freuen) ; haa^ii^ büwen (bauen) : rouM, ruowen (ruhen) ; 
frau.ni, trüwen (trauen); aber fenimi, ferwen (färben): ;ßh-tvm, gerwen 
(gerben), wegen des vorhergehenden r. 

Die Endsilbe we wird in der Regel abgeworfen, nur nach r wird 
w nach abgeworfenem Schluss -e zu /", das jedoch, wenn eine Endung, 
wie z. B. im Plural, hinzutritt, wieder zu //• wird : frä, vrouwe (Frau ) ; 
U,>hai, gebiuwe (Gebäude); hd, houwe (Hacke); Mo, kläwe (Klaue); rou, 
ruowe (Ruhe) ; aber /<'»•.>/', varwe (Farbe) ; <jorr)f\ garwe (Garbe) : mh-jf] 
mürwe (mürbe); pl. fonC'fii, f/onvjn, mirwon dp'>l (mürber Apfel); letztern 
Wörtern schliessen sich auch an lcif\ lewe (Löwe) ; pl. lemm und 
smoh>f\ swalwe (Schwalben), pl. smolumi. 

s 

ohne konsonantische Verbindung wird zu weichem .s- [^ f) im An- und 
Inlaut: mff, saft; ^aiun, sügen (saugen): hiHini, beseme (Besen); 
.»ieipn, erloesen : u-pl, esel. Es wird zu hartem .s- in hrcis.nn, broseme 
(Brosame); zu r in frem'^fn, friesen (frieren); f,nieic»\m^ Verliesen (ver- 
lieren) ; zu .s" in /V'.vf, verse ( Ferse ) wegen des hinzugetretenen t : zu .v 
und auch fs in saldnt od. fsdUlöt (Soldat). Für die Endsilbe -se steht 
v : hios, blase : roas^ rose ; Ittih, hase ; mii-s, nase ; A'At'.s, ka.'se. 

hs (hse) wird in- und auslautend in der Regel zu hartem .v : ars, 
ahse u. ohse (Achse u. Ochs ) : lidth^ egedehse (Eidechsej ; füs, vuhs 
(Fuchs); ivuhs^ wahs (Wachs); fJiu's, vlahs (Flachs); iruhan, wahsen 
(wachsen); irihrfl^ wehsel (Wechsel): ir/csobn, wehsein. Bei einigen 
Wörtern ist es zu /..s geworden : l>rks^ bühse (Büchse) ; (iksrl, ahsel 
(Achsel). 

s vor 1, m, n, p, 1, w wird zum gequetschten s: ,s7r^/pw, slichen 
(schleichen) ; .sla-fni, sleifen (schleifen) ; slcl\>n, sticken (schlucken) : 
(fjsnif'r/, gesmac u. gesmach (Geschmack) ; (jr^smaidcx, gesmidec (ge- 
schmeidig) ; smiid.m, sniden (schneiden) ; moK,n\ snuor (Schnur) ; spnn, 
spän (Spahn); spdlni, spalten; -^tdij, stange; st6)i, stän (stehen): fr/ist. 
vrost ( Frost) ; drsttl, distel : Swöorf, swarte (Speckhaut) ; siv6,>rfs, swarz 

') Das hochd. Wort »Wesen< hat sowohl abstrakte als konkrete Bedeutung, 
während das mundartliche Wort *wiepn<t in der Regel nur etwas Abstraktes bc- 
deutol StaU »Wosen' in konkreter Bedeutung sagt man dcipii (Ding). 



— 90 — 

(schwarz): sn-ani.m^ swimmen (scliwimiiien). ss koinnil im Mhd. niclil 
häutig vor, es wird durch v ersetzt : pirs./n^ pressen ; /)rrs^ presse ; 
(f.mws^ gewisse (gewiss). 

resp. ^^ ist im hi-.und Auslaut zu .s' geworden : oiikis^ ämei5:e (Ameise); 
7w.sf, hk (Biss) ; //r/rv, gro? (gross) ; spms, spro|:5;e (Sprosse der Leiter) ; 
/nisjr, wa|:^er (Wasser) ; rnesm, me^^en (messen) ; s/rs.if^ sUijjel (Schlüssel) ; 
hais9n, bijen (beissen) ; hcis,»}^ büe^~en (büssen) : ircs.m^ wij;>en (wissen) ; 
seis.m^ schielten (schiessen) ; stous.m^ stojan (stossen). Es wird zu .v in 
kraison, kri^en (weinen); JiirS, hir^ (Hirsch); aber bei hln-Uommtym 
u. M9rts,ifr(cyßn (männl. u. weibl. Hirschkäfer) wird es zu ts, ebenso bei 
.sV.s-, schuj (Schuss) und heUs^m, büe|:8n (Kleider ausbessern und über- 
haupt nähen). 

z und tz 

sind in der Mda. erhalten : JMsiiebn, bezaln (bezahlen) ; tsuel^ zal (Zahl) ; 
tsoii, zuo (zu) ; daiifson, dützen ; mis, erze (Erz) : JcJuifs, katze. Es 
wird zu fs in liefst, hitze, wegen des hinzugetretenen t, vor dem s zu 
8 wird. Wir haben ^ in <lopn, dutzent, wohl wegen des franz. dou- 
zaine (Dutzend), von dem ja auch das mhd. dutzent abgeleitet ist. 

j 

ist im Anlaut erhalten: j6, ja; j6,)r, jär (Jahr); joijl', junc (jung), hi- 
lautend ist es ausgefallen: me9n, masjen (mähen); drf-.m, drsejen 
(drehen) ; tve^n, wsejen (wehen) ; hleim, blüejen (blühen) ; hrei.m., brüejen 
(brühen). Allerdings muss hier bemerkt werden, dass dieses inlautende 
j auch schon im Mhd. oft ausgelassen wurde, so findet man z. B. drsen, 
W8en, blüen u. s. w. 

h 

hat in der Mda. den Charakter des Reibelautes verloren und ist zum 
blossen Hauchlaut herabgesunken oder gänzlich geschwunden. 

Anlautend ist es immer erhalten : luoit, haut (Hand) : Ar/;wr, hinder 
(hinter); haf, hof; hafon, hoffen; houf\ huof (Huf). 

Inlautend ist es nicht erhalten : tsein., zehen (zehn) ; waiMi., wihen 
(weihen) ; fartsaion, verzihen (verzeihen) : tsemt, ziehen. 

Vor s fällt es entweder mit Ersatzdehnung aus, oder hs wird 
zu ks, wie wir oben bei s und vorher schon beim Vokalismus an 
mehreren Stellen gesehen haben. 

Vor t (mit Ausnahme der Wörter auf eht, von denen wir später 
sprechen werden) fällt es bei denjenigen Wörtern, die in der Mda. am 
häufigsten vorkommen, mit Ersatzdehnung aus : tirf^ ahte (Acht) ; /iHm, 



91 



ahlen fachten); n.nrH^ gewihte ("Gewicht); n-i-At, gesiht (Gesicht): ntm^ 
rihten (richten); l'it^ lihte u. heht (leicht u. Licht); fhrtm, vürhten 
(fürchten): i/iief, naht (Nacht). Bei denjenigen Wörtern aber, die in 
der Mda. nicht so gebräuchhch sind oder die man nur durch den 
Schulgebrauch kennen gelernt und dann in die Mda. aufgenommen hat, 
ist das h seinem Werte nach, also als /, erhalten: fliy/, phliht (Pflicht); 
ftrfliypii, verphlihten V) ; riypr, rihter (Richter)"); fcr/J, wiht (Wicht): 
h(i / xf, hihie (Beicht) ;haixf<m^ bihten ; irhypt\ wa^htöere (Wächter) ; släyp 
slahte (Schlacht); fp-^iyp geschiht (Geschichte). 

Bei den Wörtern auf eht wird h entweder mit Ersatzdehnung 
ausgeworfen oder ohne Ersatzdehnung beibehalten, d. h. das e wird 
entweder zu ie ohne y oder es ist erhalten mit / : rirt u. rryp reht 
(Recht); Sliet u. sJcyf, sieht (schlecht) ; gmet u. (j')reyf, gereht (gerecht). 
Nur bei hiicf, kneht (Knecht) und fltf, vlehte (Flechte) fällt es immer 
aus und bei J/ryf^ heht (Hecht) und fl^'ypn^ vlehten (flechten) bleibt 
es immer. 

Die Endsilbe -heit behält das h : fhdliref, vriheit (Freiheit) ; fatif- 
h(H^ vrdheit (Faulheit). Nur bei gdwimeyt od, (pivhieyf, gewonheit (Ge- 
wohnheit) und wou9reyf, wärheit (Wahrheit) scheint das ei ausgeworfen 
worden zu sein, so dass dann h vor t zu y geworden ist ; weitere 
Relege für diese Meinung lassen sich doch nicht anführen. 

Anstatt vähan (fangen) und hähan (hangen) erscheinen fiikcn 
und /irfjh-u. (in der Mda. bedeutet letzteres sowohl hängen als hangen). 

ch 

wird in der Mda. durch den Reibelaut / dargestellt : mayjK., machen ; 
ir<üy.m., wichen (weichen) ; mehy^ milch ; mcy^ mich ; r/r/, dich ; 1^7, 
sich ; h<'y.)r^ becher ; trayjm^ wachen ; läyßn^ lachen. 

Wenn / durch Flexion aus dem Auslaut in den Inlaut tritt, so 
ist es dennoch erhalten : dny^ dach, plur. (Jry.iy ; l-hirey, kirche, plur. 
khirym. Nur das auslautende /, welches an Stelle des in den Auslaut 
tretenden mhd. g steht, wird inlautend zu j: luPlcy^ heilec (heilig), ■ni 
hd-hj.tn (ein Heiliger) ; nn'tdey^ nidic (neidig ), .> tmidij) nienf.s (ein neidiger 
Mensch). 

*) Für Pflicht gebraucht man am hcäufigsten 'icleyhct (Schuldigkeit) ; für 
verpllichten tsweipn (zwingen) oder doun (thun) : z. R. : (fo kJucpr hot 9 g9tsiro>j tsr 
<jön oder g.xlö gön, der Kaiser hat ihn gezwungen zu gehen oder gethan (= ver- 
pUichtet) gehen; für »verpflichtet sein« sagt man gewöhnlich: ey moiu'i (ich muss) 
oder ey p Seley (ich bin schuldig). 

*) riytar ist sehr selten gebraucht, häufiger ist fruhusr/ytJr (Friedensrichter), 
am gewöhnlichsten ist zukdpe (juge-de-paix). 



— 92 — 

Für ch erscheint /.■ in fr!!,-, vreche (dreist) : frelhcrf^ vreehheit. 
Es fällt aus bei: fVi >r^ varch (Furche); sH u. .svVV, schölch (scheel) und 
in den nürdl. Ortschaften auch bei I/ci, hoch. 

Die Liquiden 1, r, ni, n haben abgesehen von den gegenseitigen 
Vertauschungen in der Mda. ganz denselben Charakter wie im Mhd. Doch 
sei folgendes bemerkt : 

1 

ist in allen Stellungen erhalten : lajjJc u. hhj, lanc (lang) ; laut, lant 
(Land) ; fies, vlasche (Flasche) ; fdbn, vallen u. valten ; (j(dj&n, galge 
(Galgen) ; gäl, galle ; faul, vül (faul). 11 wird vereinfacht, wie aus fabn, 
Valien (fallen) ; (jäl, galle, hervorgeht. 



bleibt ebenfalls in jeder Stellung, nur vor st fällt es gewöhnlich mit 
Ersatzdehnung aus: rr/^, rüebe (Rübe) ; ro??, ruowe (Ruhe) ; r/»'//', trüebe 
(trüb) ; fiidrdn, varen (fahren) ; hö.mm, baren (bahren) ; simdr<)u, sparn 
(sparen) ; pÜ9}\ par (Paar) ; mesor, me^jer (Messer) ; aber hastm, bersten : 
disfjn, dürsten; (hUi, durst; hiSf, bürste; histm, bürsten; (jest, gerste; 
hüst^ borst u. burst (Borste). Hieran schliessen sich auch lihiUt, kruste 
(s. oben unter u) und fest, versene u. verse (Ferse, bei dem zuerst 
Annahme des Schluss -t, wie dies ja der Fall ist bei vielen, besonders 
weibl. Substantiven, wie wir später beim Laiitzusatz sehen werden, 
vorauszusetzen ist, worauf dann r vor st ebenfalls schwand). Eigen- 
tümhch sind (Itistrex, durstec (durstig) und fcinlistctrju, verdürsten, Meta- 
thesis kann hier doch nicht angenommen werden, da ja das r aus einer 
Silbe in die andere hätte übergehen müssen ; es kann also hier nur 
die Rede von Lautzusatz sein. 

Steht r vor d oder t, so kann es ausfallen und auch beibehalten werden, 
bei ein und demselben Worte : foihr.m u. for(bi;m, vordem (fordern) ; 
fiDrtdn u. fbtdn, vürhten (fürchten) ; iv'tdrt u. widt, wirt (Wirt) ; h'ort 
u. Indf, bürde; ylmi u. (jodt, garte (Garten); Ixlnmi u. khojt, karte. Es 
fällt jedoch nicht spurlos aus, sondern es lässt das dumpfe v, das sich 
nach den langen Vokalen vor r entwickelt, zurück. Ueberhaupt kann das 
r auch nur da ausfallen, wo das <> sich entwickelt, so z. B. bleibt es 
in Mrt, hart (in Kcenigsmachern) ; hart, hart (ebendaselbst). Das Streben 
der Mda., alles scheinbar Unnötige abzuwerfen oder abzukürzen, kann 
wohl hier als Ursache jenes Vorgehens betrachtet werden. 



93 — 



m 
ist in allen Stellungen erhalten : inh/f, mer ( Meerj ; nioaf^ muot (Mutj ; 
cemjt; eimer ; (fonip, dampf ; dhnp:jH, dempfen (dampfen ) ; «/-a;/«, arm ; 
daum, düme (Daumen j. 

n 

bleibt in allen Stellungen, nur nach r fällt es aus : snoivjr, snuor fSchnurj ; 
/louii., huon (Huhn) ; ftoi^ vane (Fahne) ; k/loimm, belonan (belohnen) ; 
aber htUr, born (Brunnen); g6,)t\ gärn (Garn); fhr, vorne; h/uresJ, 
hornig (Horniss); jrtsbron., erzürnen; hijr, birne; tswl>t\ zwirn. Es fällt 
ebenfalls aus in bai, bine (Biene), plur. bahn, binen. 

Inlautendes nk wird yk : shißcsn^ schenken ; dreijkm, trinken. Aus- 
lautendes nc wird 'tjk : bai]k, banc, ebenso im plur. berjk ; Jo}]k, junc. 

l m n f) 

o o o O 

stehen nur nach kurzen Vokalen, / und n in der Regel nur vor t, m vor p, 
^ vor k: (dj, alt; kladt., kalt; laut, lant (Land); lumt, hunt (Hund); 
dcnipdn, denipfen (dampfen) ; lamp, lamp (Lamm) ; (cujk, lanc (lang) ; 
joyk^ junc (jung). Ausserdem ersetzen / und n noch die Doppelkonso- 
nanten 11 und nn, die wir im Neuhochdeutschen am Wortschluss finden : 
iqt, sin (Sinn) ; man, ^^^ (Mann) ; cd, al (all) ; hl, schal (Schall) ; 
fcd, val (Fall). Im Mhd. steht dieses einfache 1 und n ja auch für die 
Gemination 11 und nn, wie es aus allen jenen Wörtern deutlich her- 
vorgeht, sobald sie eine Endung annehmen, so heissen z. B. die Genetive 
Sinnes, mannes, schalles, valles ; wird al flektiert, so heisst es aller, 
alliu, allej:. 

Die FRANzösiscHEiN Konsonanten in der Mundart. 

b 

ist anlautend in der Regel erhalten: boziiiy, bon jour); &o.s^oar, bon soir; 
huJdok, bouledogue (Bullenbeisser) : es wird zu p in paaas, bagage (Ge- 
päck, altes Zeug, Gesindel): auslautend, d. h. -be wird p: khip, cube 
(Kubus) : nach m fällt es aus : fainur, tombereau (zweirädriger Last- 
wagen) : kimnkhqnm-, concombre (Kürbiss). 

P 
ist erhalten : proupDr, propre (rein, reinlich, nett, fein) ; phini^ijoiat, per- 
mission (Erlaubnis); pap, papa (Vater); pampli, parapluie (Regen- 
schirm) ;j-»/•(,s^,7■o'y•J>^ presser (eilen); ausgenommen ist ////.s', peluchc (Plüsch). 



94 



d 

ist ebenfalls erhalten, nur die Endung de wird zu t, weil das Schluss -e 

abgeworfen wird ; dreseidro)), dresser (zähmen) ; JcJiomddeprdv, Commander 

(befehlen) ; Imhlol,; bouledogue ; aber monf, mode (Mode) : Mammit, 

commode (adj. bequem, subst. eine Art von Schränken) ; (phi^ garde 

(Zollaufseher). 

t 

ist auch erhalten : fraip, tripe (Eingeweide) ; sjyifjf, perspective (Fern- 
rohr) ; ^jo/e^, epaulette ; tdinur, tombereau ; hutik, boutique (Werkstatt, 
Handelszimmer). 

Auslautendes t, welches im Französischen nicht gehört wird, fällt 
ab: Mle, gilet (männl. Brustbekleidung); Iholi, collet (Frauenkragen). 
Ausgenommen sind rcspeld, respect (Ehrfurcht) und die Wörter auf 
-nt : niouient, moment (Augenblick) ; JeStmienf, justement (gerade, zu- 
fällig); lo^jmhif, logement (Wohnheit); nfrgut, affront (Schande, Schimpf). 

gutturales g 

ist gleichfalls erhalten : tskjdr, cigare ; gars, garce (Luder, Schimpfwort 
Frauenzimmern gegenüber) -.jmgas, bagage ; grawcds^ gravatte (Halsbinde). 

palatales g 

ist ebenfalls der Aussprache nach erhalten : ranM9rm, ranger (ordnen) ; 
l-Mii, conge (Ferien, Militärdienst) : s'mn.mm,^ gener (hindern, in Ver- 
legenheit setzen) ; §a£,)me)d, changement (Aenderung des Amtes). Bei 
der Endung -ge fällt e ab und g wird zu s: paga^^ bagage; tapas, 
tapage (Lärm, Geräusch) : Uokhas, blocage (die schlechteste Sorte von 
Pflastersteinen). 

c 

ist in der Regel seiner Aussprache nach erhalten, d. h. es ist kh vor 

dunkeln Vocalen und s vor hellen: IdiomldiomDr^ concombre; Momi, 

commis (Aufseher bei der Arbeit) ; Jchaltsotj, calcQon (Unterhose) ; fisH, 

ficelle (Schnur) ; prosawerha, proces-verbal (Protokol) ; anlautend wird 

es zu ts: tdgär, cigare. 

qu 

ist ebenfaUs der Aussprache nach erhalten : Idicx^n. queue (Schwänzchen 
= die am Halse in ein Schwänzchen auslaufenden Haare) ; /xhipli, quart 
ein kleines Mass zum messen der Hefe) ; MJc, Jacques (Jakob). 

j . 
ist ebenfalls erhalten : icifj, Jean (Johann) ; im, Jeanne (Johanna) ; 
ii(st>)s, justice (Gericht) : zust^pe^ juge-de-paix (Friedensrichter, daneben 



— 95 — 

hört man jedoch auch sehr häufig jiisfjs und jiisttpf) : mlom, jaloux 

('neidisch). Ausgenommen sind immer .sip^ jupe (männl. Kleidungsstück) 

und jcstonihif, justement. 

ch 

ist ebenfalls der Aussprache nach erhalten und wird also mit § wieder- 
gegeben: /7/?/.sY/r/, couche-toi (lege dich); sqrhoy, char-ä-bancs (Wagen 
mit Sitzbänken) : saf/mj, chagrin (Kummer) ; silhamr, chicaneur (einer 
der immer Händel mit andern hat oder sie in Unannehmlichkeiten zu 
bringen sucht) : /»tl/s. pouliche (ein Pferdenamen) : />//.s', peluche (Woll- 
sammet). 

f 

ist erhalten : frn}j, pl. fratflrn, francs (Geldstück) : //.sr/, ficelle (Schnur) ; 
frilho^ fricot (Leckerbissen) : '(fq'r, affaire (Geschäft, Schwierigkeit) : 
fuff, foutu (zerbrochen, zerrissen, von Tieren tot). 

V 

ist der Aussprache nach erhalten und wird also durch iv dargestellt : 
serwcit. Serviette: graivots, gravatte ; /i/n>i\ livre (Geldstück = />•«>? = 
0,80 Jk) ; ifoMqyfs, vacance (Ferien) ; prosdwerha^ proces-verbal ; 
wernmrm^ vernir (mit Firnis überziehen); irhui^ vernis (Firnis), 

s 

ist anlautend als hartes .s erhalten oder zu ts geworden bei ein und 
demselben Worte : inlautend ist es als weiches .s ^ ^ erhalten : sqho 
od. tsqho^ sabot (Holzschuh) ; .sf|/, od. tse'^i^ saisie (^Pfändung) ; ae^^jron 
od. tsc^cpran^ saisir (pfänden) ; sos od. ts6s^ sauce (Sauce, Brühe) : sar 
od. tsd^r, sceur (Klosterfrau). Weiches anlautendes s- haben wir in §:/<, 
sou (Geldstück = 0,04 Jis^. Vor p und t wird s zu *", wie wir es ja 
auch schon oben beim Mhd. gesehen haben : sp}{tf\ perspective (Fern- 
rohr) ; spanjouU Espagnol (Spanier) ; sUer^ stere (Mass für Holz-Kubik- 
meter) ; jcsfjntent^ justement. Im Französischen nicht ausgesprochenes 
Schluss-s bleibt weg : tcenii., vernis ; hJiouii^ commis. Es bleibt aber in 
ekSprh, oder r/csprcs, expres (absichtlich). 

m 
ist erhalten: miim, maman (Mutter); nioiif^ mode ; anihan-K, embarras 
(Umstände, Schwierigkeit) ; niunwnf^ moment ; fdiw»-^ tombereau : sm{zH^ 
Chemisette. 

n 

ist als unnasaliertes n erhalten im An- und Inlaut und vor -nt : 
iwndidjrs^ num de Dieu (Fluchwort) : mnze\.))-ju, ranger; Simpr.m, gencr: 



96 



siJihänjr, chicaueur ; momhit, moment : afroni, aftront. Es wird zu ni 
in l'ltomkhomdt\ concombre. Ist es im Französ. im Auslaut nasaliert, 
so wird es in der Regel zu >j : iay, Jean : j??ay, plan (Plan) ; davon 
pla't]m (einen Plan fassen) ; Sqgrcij, chagrin (Kummer) ; imsoy, bouchon 
(Pfropfen) ; l-Jighu, cochon (Schwein) ; fapon heisst in den südl. Ort- 
schaften fasgy^ in den nördl. aber fasaim. 



ist erlialten : giiwdrncidron^ gouverner (regieren) ; guwdrmmf^ gouverne- 
ment (Regierung) ; respeJä, respect ; traip, tripe (Eingeweide) ; talmdr, 
tombereau ; yrimas, grimace (Mund Verzerrung), 

1 

ist in der Regel erhalten : misel, Michel ; aldrt, alerte (aufgeweckt) ; 
pglef, epaulette; hiebron, loger. Es fällt aus in prosowerba, proces- 
verbal, 11 wird zu Ij in peljas^ paillasse (Strohsack). 



wird inlautend beibehalten und also durch Jis wiedergegeben : 

eksempdl^ exemple (Beispiel) ; ekspres, (I wegen des folgenden p), 
expres (absichtlich) ; auslautend, selbst wo es im Französischen nicht 
gehört wird, wird es zu s : mlous, jaloux (neidisch) ; kJmrje^s, curieux 
(wählerisch beim Essen). 

§ 6. Verhalten der alten Quantitäten vor den einzelnen Konsonanten. 

Die alten Quantitäten sind vielfach verändert worden infolge des 
Einflusses, den die folgenden Konsonanten ausgeübt haben. Wir woflen 
dieses im Folgenden etwas näher untersuchen. 

A. Einfluss der Liquiden. 

Einfaches r und auch m im Stammesauslaut ruft Dehnung des 
vorhergehenden kurzen Vokals hervor ; dabei gehen aber die Vokale 
trotzdem nach den im Vokalismus aufgesteUten Regeln in andere über, 
die aber doch gedehnt w^erden : dibr, dar ; hm; bir und her (fem. = 
Birne, masc. = Erdbeere) ; nmr, mir; dm-, dir und tür (dir u. Thüre); 
2m9r, par (Paar) ; spim; spor u. spur (Sporn u. Spur) ; ßrhdrdn, heren 
(verheeren) ; Mdr, her (her) ; tsäm, zam (zahm) ; ebendasselbe gilt, 
wenn nach r die Silbe -ne oder n abfällt ; für, vorne ; gcsr, gern(e) ; 
khdir, kern(e) (Kern) ; khmr, körn ; dmy, dorn ; hÜ9r, burne, burn und 
born (Brunnen). 



— 9- 



Die Substantiva auf -alle und -amme werfen die letzte Silbe ab 
und verlängern das a : fidl, galle : fVil. valle (Falle) : //«w, hamme 
(Schinken) : fläm^ vlamme (Flamme). Die Verba auf -allen und -ammen 
vereinfachen die Gemination mit Verlängerung des a: fWlm^ vallen (fallen) : 
§aldn^ schallen; fhhudn, vlammen; stamm, stammen (abstammen): das- 
selbe gilt bei sehn, schellen, und sei, schelle und vor rr : hr, irre ; 
hmm, irren ; disr, dürre : diorm, dorren (verdorren u. dörren). 

Bei gedeckter Liquida, d. h. bei It (t fällt weg), rs, rst (r fällt 
hier aus) rt und rz, wird der vorhergehende Vokal ebenfalls gedehnt: 
fdl, valte (Falte) : fälm, valten : spül, spalte : spahn, spalten : halm, 
halten; fest, verse(ne) (Ferse); Idits, kirse (Kirsche); gcst, gerste: <Ust, 
durst ; distm, dürsten : khojrt, karte ; h6<frt, hart ; wudvd.ni, warten ; 
h<^rt, hert (Herde u. Herd) : w'mi, wirf ; hUrt, hirt ; Miort, hurt (Stroh- 
geflecht zum Schutze gegen Wind und Regen) ; iviidrt, wort ; kh'urts, 
kerze : JwHs, herze ; mbrts, merze. 

Die langen Vokale sind vor den Liquiden im allgemeinen erhalten ; 
denn es kommen, wie wir im Vokahsmus gesehen haben, nur ganz 
vereinzelte Ausnahmen vor, bei denen der lange Vokal verkürzt worden ist. 

B. Einfluss der Verschlusslaute. 
Vor f, k, X und t sind die kurzen a lang geworden ; grdf, grap 
(Grab) ; stäf, stap (Stab) ; rat, rat (Rad) : hat, bat (Bad) : ^jof, pfat 
(Pfad): §dJi, sac (Sack); sJdx, slac (Schlag). Die anderen Vokale aber 
sind kurz geblieben oder nach den im Vokalismus angeführten Regeln 
in andere kurze übergegangen : ^nf, sip (Sieb) : gef, gip (gib) ; graf und 
gro}), grop (dick u. ungebildet) ; gl/t, geht (Glied) ; hol; boc (Bock) ; hit, 
bit (Gebet). 

C. Einfluss der Spiranten und Affrikaten. 

Hier ist nicht viel zu bemerken, wenn nicht, dass a verlängert 
wurde vor Schluss-s, st und y. glas, glas; gras, gras; fds, va^: (Fass); 
lid.s, hd.^ (Hass) ; gdsf, gast ; (dst, last : dasselbe gilt bei j^r, das aber 
zu .s' wird : hysjn, halben (hassen) ; ivds,»-, wa^er (Wasser) : ebenso 
wird e zu e vor |j: meson, me|j:en (hiessen); es<m, e3:|en (essen); frcsju, 
freien (fressen). 

Vor ch wird das a in allen Fällen verlängert : gdx, sache : m«/, 
mache (Mache): mdyßn, machen: Idxnt, lachen; krdx, krach (Schall); 
krdyni, krachen ; sldyton, slahten (schlachten) ; sldyt, slaht (Schlacht) ; 
f.irsmdyh'H, versmahten (verschmachten). 

(Die Fälle, wo h vor t mit Ersatzdehnung ausfällt, sind oben bei 
h näher besprochen worden.j 



98 



Es ist noch zu bemerken, dass das abgeworfene Schluss-e oder 
die abgeworfene Schluss-Silbe eine bedeutende Rolle in Bezug auf die 
Quantität der vorhergehenden langen Vokale gespielt haben. Sie haben 
den vorhergehenden langen Vokal zwar nicht zu einem kurzen gemacht, 
jedoch wird derselbe viel kürzer ausgesprochen als in den Fällen, wo 
kein e oder keine Silbe nach demselben abgeworfen wird : so ist z. B. 
das a viel länger in da, tou (Tau) als in ?«, louge (Lauge), a, ouge 
(Auge) : länger in Woit, boum (Baum) als in frd, vrouwe (Frau) ; el 
länger in eiwex, ewic (ewig) als in geil, sele (Seele) : ? länger in diar, 
dir und tür (dir u. Thür) als in dhi; dürre (dürr) : an länger in dem, 
du (du) als in dauf, tübe (Taube) und daa, düge (Daube). 

§ 7. Lautwandel. 
A. Umlaut. 
In der Mundart sind die Umlautsregeln sehr einfach : 

a 
lang oder kurz wird zu e : hanf, hant, pl. hm ; Iialts, hals, pl. helts ; 
haJcx, balc (Balg) pl. hclex ; hahm, halm, pl. hPhni : man, man (Mann) 
pl. mhidr : (jäst, gast, pl. gest\ hoy^, bach, pl. })(■% ; n-dsor, wa^er, collect. 
gdwesor ; pldts, platz, pl. plHsdr ; zu « vor m : Mm, boum, pl. h^m ; 
drmu, troum (Traum) pl. drd;m ; tsäm, zoum (Zaum), pl. ts<Bm. 

Aber ausgenommen sind: yants, gans, pl. gmts; hldf, blat, pl. 
Uiedsr; rat, rat (Rad) pl. rmlDr; grdf, grap (Grab) pl. griewdr, haf, 
houf (Haufe) pl. hwf. 



wird zu r: ho/ts, holz, pl. helpr, coli. gDhelts; hro%, bruch, pl. \>re%; 
hrost, brüst, pl. hreU ; hoh>l, buckel, pl. heliel ; nos, nu^ (Nuss) pl. nes ; 
liont, bunt (Hund) pl. lien. Vor r jedoch wird es zu v: dor^f, dorf, pl. 
dhpr; khorjf, korp (Korb), pl. /dth\)f. Aber gon, sun (Sohn), demi- 
nutiv : gintyon. 

o 

wird zu c : mo, mage (Magen), pl. me ; gom, säme (Samen), coli, gd^emps ; 
not, nät (Not), pl. mi ; niöt, maget (Magd) pl. mH ; popst, habest (Papst) 
pl. pepst. Vor r wird es zu ce: hoort, hart, pl. hcert: möort, market 
(Markt), pl. in ad. 

n 
wird zu /: tvitram, wurm, pl. wirdm: luurjf^), wurf, pl. wirdf; liumdr, 
hamer (Hammer) pl. lümdr; IiuwjI (kleiner Hügel, Erdhaufe), Inwol. 

*) Wurdf bedeutet in der Mda. die Zahl der kleinen Gegenstände, besonders 
beim Obst, die man auf einmal werfen kann mit einer Hand, d. h. soviel als fünf 
Stück: so bedeutet z. B. d wur^f nes soviel als fünf Nüsse, o n^iirdf Jcucthn soviel 
3.1s fünf Zwetschen. 



— 99 — 

ü 

wird zu r. /Wv, vuhs (Fuchs), pl. f/s: tvi'mi, wort, pl. irln-<l)r\ fiur, 
turn (Turm), pl. tUr\ sniiJt\ snur (Schwiegertochter), pl. siwjr\ hast, 
burst u. borst (Borste), pl. histm. 

an 

wird zu (ü : hau^^ hüs (Haus), pl. /i(ü^,ji\ coli. //.>A«/.s- ; >»rü<.s-, müs (Maus), 
pl. mai.s; straus, strüj (Strauss), pl. §tmis, coli, (jostmis : haux, buch 
(Bauch), pl. haix; haut, hüt (Haut), pl. /lait] Icraut, krüt (lü-aut), pl. 
liaidjr, coli. gjJümts. 

OH 

wird zu r/ : /;a?^/, buoc (Buch), pl. heix^Jr ; ^j/o/f , phluoc (Pflug), pl. plei ; 

floiiX, fluoch (Fluch), p\. flc/x] fhu, vlo (Floh), ])\.flei] tonn, don u. ton 

(Ton), pl. tein. 

iie 

wird zu ie : s^kM, satel (Sattel), pl. a/«/,>/ : ^/•2(e/, grabe (Graben), de- 
minut. (/rirftym] Jdu'ef, klobe (gespaltenes Holzstück oder Stück Eisen 
zum Festhalten oder um etwas daran aufzuhängen), deminut. llicftxm 
(sehr gebräuchlich in der Redensart: f tr6.)r nm IdUftyjnh es war am 
ldivftx'>n, d. h. es war die höchste Zeit). 

B. Konsonantenwechsel. 

Ausser den bisher besprochenen lautgesetzlich durchgeführten 

Veränderungen gibt es auf dem Gebiete des Konsonantismus noch eine ^ 

ganze Reihe von Fällen des sporadischen Lautwandels, namentlich 

innerhalb der Gruppe der Liquiden. Vertauschungen von 1 und r 

lassen sich schon im Mhd. und Nhd. nachweisen. In der Mda. sind 

folgende Fälle vorhanden : 

1 für >• 

wan;n-n'oltf, mülwerf (Maulwurf); tdini, törpel (Tölpel): cn:)!, aber: 
h<k.)l^ bitter (nur in der Redensart : hd-.d ^alts = bitter Salz). 

I für » 
slrh, snecke (Schnecke) ; Idchm, knicken. 

[7 für () (resp. j) 
m<fsl,n\ metzjer u. metziger (Metzger, vergl. lat. macellarius) : nn-tb-'lni, 
metzjen u. metzigen (schlachten).] 

r für / 
(inn.fs, aliiiiiusen (Almosen) : man>nn>l>f\ mulwi-rf. 



— 100 — 

r für n 
mor, man (man). 

m für l 

sma^l; slanc (schlank, mager). 

m für n 
tsaum, zun (Zaun) ; fsainmi, ziunen (flechten) ; froiimfdsfdn, vronefasten 
(Frohnfasten) ; yrompUt\ gruntbere (Kartoffel) ; Jihemhr)r, kennebar (kenn- 
bar) ; domjist^ dunst. 

11 für m 
Jchanß); kampfer. 

n für ch 
ioim, schuoch (Schuh). 

m für tu 

smoJjf, swalwe (Schwalbe) ; mUr u. mjy, wir ; nemm, niuwan (nur). 

h für m 
marhol, marmer und marmel (Marmor, vergl. das frz. marbre). 

f für h 
skif, siehe (Schlehe) : tseif, zehe (Zehe). 

Ji für ch 
freie, vrech (frech) ; snarJcQu, snarchen (schnarchen). 

h für p (resp. t) 
simweli., spinneweppe u. spinnewet (Spinnengewebe). 

h für t 
hckdl., bitter. 

Ä'.s für U (resp. .s.s) 
heksdn, hetzen u. hessen (hetzen) ; ophelison^ üfhetzen (aufhetzen). 

p für tw 
ep9s, etewaj (etwas). 

r für .s- 
freidrdn, vriesen (frieren) ; ßrleiaren, Verliesen (verlieren). 

§ für § 
hirs, hiY^ (Hirsch) ; Jüuison, kri^en (weinen). 

ts für f 
sots, schu^ (Schuss); Imrtsdmhityßn^ hirfkäfer (siehe bei ^). 

f>i für .s'."? 
hrctson, pressen (hineinpressen). 



— 101 — 

ts für gs und es 
^entsol, segense (en ist ausgefallen, Sense ; lanfs^m, lancsam (langsam). 

i für CS (resp. hts) 
gdnuezom^ genuocsam und genühtsam (genügsam). 

C. Assimilation. 

Assimilatorischer Lautwandel kommt häufig in der Mda. vor : 
f in (ji:t\ gip (gieb) assimiliert sich vor m tax m in genm-, gip mir ; 
ebenso n vor m in umdi\ amar^ f/inur, unie%^ an, in, von mir, an mich ; 
gim3r = gin mer^ gän wir (gehen wir) ; gmidr == gen mor, geben wir u. s. w. 
nt und n werden vor h und p zu m : Memh^r, kennebar ; gromp,'n\ 
gruntbirne (Kartoffel) ; MiamiMt., kintbette (Wochenbett). Vor f assi- 
miliert sich nt zu f : müf'dl^ muntvol (Mundvoll) ; häf.jl^ hantvol (Hand- 
voll) : ebenso nc in jufdi\ junc-vrouwe (Jungfrau). Totale Assimilation 
ist ebenfalls eingetreten bei awencx^ innewendic (inwendig) : späweJc, 
spinneweppe (Spinnengewebe) : hätcol, baumwolle (Baumwolle), m wird 
mit dem folgenden g zu 7j in ho'^.n% boumgarte (Baumgarten). 

D. Lau tv erlus t. 

Ganz allgemein und regelmässig durchgeführt ist die Apokope des 
auslautenden e : stuf^ stube : rtPt^ rede ; huH^ böte ; cerf^ erde : wo, 
wäge (Wage) ; ?o?j, lunge ; //r-.y, vlasche (Flasche) ; Icif, lewe (Löwe) ; 
gäs^ gaije (Gasse): /rmi^, rüpe (Raupe). 

Eine scheinbare Ausnahme machen eine Reihe von Wörtern, 
deren auslautendes <■ nur deshalb erhalten ist, weil es in der Mda. 
durch ein 1^ gedeckt ist: manm, name (Name) ; sukhm., schade (Schaden); 
glnumi, geloube (Glaube); gdljm, galge (Galgen): dx^»i, nache (Nachen). 

c/i ist geschwunden bei sirl u. .syV, schelch (scheel) : fibr, vurch 
(Furche) und in den nördl. Ortschaften auch bei hei, hoch : siehe oben 
unter eh. 

Ausserdem ist geschwunden : g in plou, phluoc (Pflug) ; ire, wec 
(Weg) : (1 in nol, nädel (Nadel) : h in houstof, buohstabe (Buchstabe) ; 
le'mm, lehenen (leihen) ; eiälks, ededehse (Eidechse) ; / in a.s ; als ; o^ou, 
also (so) : n in «x»/, nachen (Nachen) ; r bei gcst, gestern (man sagt 
jedoch auch häufig gest.n-) ; tr in ^estdr, swester (Schwester) ; z in 
slniex, schurz-tuoch (Schürze). 

Ausser den eben angeführten Fällen giebt es noch eine ganze 
Reihe von Lautverlusten, wie z. B. Schwinden des A vor f, des /• vor t 
und st, des n nach /•, welche man oben bei den einzelnen Konsonanten 
angegeben ündet. 



— 102 — 

E. L au t zu s a t z. 

Aüt* dem Gebiete des Vokalismus kommen hier nur die svarabliak- 
tischen Vokale in Betracht. In der Regel ist es ein dumpfes -> oder r-, 
welches sich vor r und nach den Licjuiden vor folgenden Gutturalen 
oder Spiranten oder m entwickelt hat oder schon in früherer Zeit vor- 
handen war, aber in der ahd. Zeit verloren gegangen ist : melex-, milch, 
ahd. miluh : für, vorne: iii'i>i\ mir; l-J/ircy., kirche: stard,-. starc: n-urani^ 
wurm. 

Folgende konsonantischen Zusätze sind zu verzeichnen: g: i'hßcx'^), 
reinlich (rein) : ausserdem in Oberkontz und in den südl. Ortschaften 
bei noj, niun (neun) : (prtj, grüene (grün) ; sofj, schuoch (Schuh) ; brotj, 
brün (braun) und bei vielen andern Adjektiven, wenn nach n ein e ab- 
gefallen ist. In der ganzen Gegend nnt wenigen Ausnahmen sagt man: 
ntnj, min (meine) ; (hrj, dine (deine) : jry, sine (seine) im Singular des 
Femininums und im Plural der drei Geschlechter, jedoch in Kirsch, 
Merschweiler, Beimach, Apach sagt man : tnah), daiii, ^a'm. ge : g<>fm 
u. r/'>j/H, sehen u. sen (sehen) : g^i^inqj.s^ sim^r (Gesimse). / resp. <)( : 
cidles, egedehse u. eidehse (Eidechse) : maij./l, mang u. mange (Mangel) ; 
^entsjl, segense (Sense): SHefs>>l>r, snitzgere (Schnitzer) : /uUres,)!, horniy. 
woDvhd^ warze : faUd^ vetze (Fetzen) : fnnizjl^ frz. frange (Franse). 
Vielleicht könnte man bei den angeführten Substantiven das -<>l als 
Ueberrest der alten Deminution auf -el oder -lin erklären, jedoch muss 
dann bemerkt werden, dass die genannten Substantiva und noch viele 
andere mehr in der Mda. nicht als Deminutiva betrachtet werden (siehe 
§14 Deminution). 

ni : fjrmmnem-jn, verruinieren. 

n resp. 9«: näst, ast: nestrex^ estrich : Lrcnjii, krsejen u. krsen 
(krähen): bai/m, bil (Beil): depm, topf. 

k : fhjhm, fähen (fangen) ^), friiHt'yl-hd'f, vrümecheit u. vrümekeit 
(Frömmigkeit): dwexlxliM^ ewicheit (Ewigkeit). 

p : Man/p, stam (pl. Stern., Stamm) ; zwischen m und z, m und s, 
m und t : ge^imp.s, sim^ : (unpf^ amt. 

r : spnitscMr^n^ spazieren : hl(iutsfeX'>r^ blintsliche (Blindschleiche) : 
lefjr, lippe u. lefse (Lippe). 

s: stip.s\ stüppe (Staub): dnp.s, tropfen, davon abgeleitet (Inps-m 
(tröpfeln), was im Mhd. ja auch tropfezen heisst. Ausserdem wird s 



') rhjlex ersetzt das nlid. rein und reinlich, während das mundartliche 
Wort rdn nur die Bedeutung von »fein, dünn« hat. 

2) fhjkm ist wohl gebildet nach Analogie" von hhßaii, hähen und henken 
(hangen und hängen). 



103 



namentlich an Kollektivnamen, woran die IMda. sehr reich ist, ange- 
hängt : i/^xlnjIiS (Dings) : (psniifs (Schreiberei, Schreibsachen) : (j.Aauts 
(Geläute). 

t : fest, verse (Ferse) : duytm, tougen (taugen) ; hiDif, line (Leine) : 
(jcint, gegene (gegen) : aptfld, apoteke ; ivmwyf, wonunge : Idiyt, liehe 
(Leiche) : iVdf, tal (Thal). Ausserdem wird t angehängt bei den meisten 
Namen der Bäume und bei den abstrakten Begriffen, wenn sie auf e 
endigen, und bei den männl. Substantiven, die von Verben abgeleitet 
sind, aber in der Mda. keinen Umlaut haben: hr'r/f, buoche (Buche): 
ceyt, eiche: Ihiild, lenge (Länge); dckt, dicke; /yr/.yf, groe^re (Grösse): 
hctst, hitze : spot)rt (Spötter) : ydy.ni (Raucher) von räyjin u. s. w. (Bei 
den beiden letzten und andern der Art ist wohl Anlehnung an die 
Wörter auf -hard anzunehmen). 

ey : pdtrr^eby masc, petersil masc. daneben allerdings petersilje 
fem. (Petersilie). 

^.s:: sjKtits, spie (Speichel): spaitsrju, speien u. spien (speien). 

§ 8. Accent. 

Die germanischen Accentregeln haben wie bei den andern deutschen 
Dialekten auch in der besprochenen Mda. ihre Geltung. Beim Einzel- 
wort herrscht also das Princip der absteigenden Betonung : der Haupt- 
accent ruht auf der Wurzelsilbe und gegen den Schluss zu nimmt die 
Tonstärke sowie die Tonhöhe ab, z. B. ivinJi'jdn, würdigen ; pr\edcpn, 
predigen. In zusammengesetzten Wörtern trägt das Bestimmungswort 
den überwiegenden Hochton: hausdior, hüstür (Hausthür); lueklap, 
höuweklopf (Heuklopf). Daraus folgt auch, dass wie bei den andern 
Dialekten, z. B. beim elsässischen, bisweilen das Grundwort fast bis zur 
Unkennthchkeit verstümmelt wird: Ttents, hantschuoch (Handschuh); 
ful'pnt, vasnaht (Fastnacht) : snqpfcy, snupfe-tuoch (Schnupftuch) : hoij^ni, 
boumgarte (Baumgarten). 

Bei den eingebürgerten Fremdw^örtern ist keine feste Regel auf- 
zustellen, da die einen die deutsche Accentregel befolgen, wie hnfrl, 
bouteiüe (Flasche): efjr.s, adieu (Ade): die andern aber den fremden 
Accent beibehalten: hoziitr, bon jour (Guten Tag'.); ho^oar, bon soir 
(Guten Abend). 

Für den Satzaccent gelten in der Mda. dieselben Regeln wie im 
Hochdeutschen, d. h. das Wort, auf dem das meiste Gewicht liegt, wird 
mehr betont. 



- 104 — 



Zweiter Abschnitt. 



Flexionslelire. 



I. Deklination. 

A. Artikel. 

Es scheint mir am Platze zu sein, die Flexionslehre mit dem 
Artikel zu beginnen, da hier einige notwendige Bemerkungen ange- 
knüpft werden müssen. 

Es gibt in der Mundart wie im Hochdeutschen ein dreifaches 
Genus und einen doppelten Numerus. 





masc. 


sing. 
fem. 


neut. 


plur. 
für die 3 genera 


nom. 

dat. 

acc. 


d9n d9 
ddm dm 
ddn dd 


t (dd) 
ddr 
t (dd) 


t 

ddm dm 

f 


t (dd) 
ddn dd 
t (dd) 



Im nom. und acc, sing, und dat. plur. können ddn und dd nicht 
ohne Unterschied vor einem und demselben Worte stehen. I)dn ist 
wohl die eigentliche Form des Artikels, da ja die niederdeutschen 
Dialekte gerne den Accusativ an Stelle des Nominativs verwenden, 
aber doch ist diese Form nicht so häufig wie die andere, denn sie 
steht nur vor den Wörtern, die mit einem Vokal oder mit d, t, h, ts 
beginnen, dd aber steht vor allen andern Wörtern : ddu owdnt (der 
Abend), ddn imvdn (der Ofen) ; ddn des (der Tisch), ddn trmnpe^tdr (der 
Trompeter), ddn humdr (der Hammer) ; don tsäm (der Zaum) ; ddn dcmivdn 
(den Tauben) ; ddn hddn (der hohe u. den hohen) : aber : dd hes (der 
Busch = Wald), dd man (der Mann), dd pUm (der Pflug), dd ^af (der 
Sieb) u. s. w. ^) 



') Das Schluss-n wird nicht nur beim Artikel abgeworfen vor den angege- 
benen Konsonanten, sondern das ist der Fall bei allen andern Wörtern, die auf 
-n endigen, so bei den Substantiven, Adjektiven, Fürwörtern u. s. w. 



— 105 — 

Statt des Genetivs gebraucht man die Praepositien fun (von), 
welche beim Mascul. and Neutrum mit dem Artikel zu fuui verschmilzt. 

Im dat. sing. masc. und neutr. werden (bni und .nn ohne Unter- 
schied gebraucht ; doch wenn das vorhergehende Wort auf t endigt, 
dann hört man in der Regel nur .mi ; get dm maij, et (giebt dem Mann es). 

Die eingeklammerte Form d) kommt nie vor Vokalen vor. Vor 
Konsonanten steht sie auch nicht so häufig wie t. Jedoch gebraucht 
man in der Regel (h vor den Substantiven, die mit t oder ts be- 
ginnen, und w^enn das dem Artikel voraufgehende Wort auf t endigt, 
um das Vorhandensein des Artikels besser zu bezeichnen: cid taisabn 
(die Deichseln), cl) fschjm (die Zangen), d) man hat dj heso (jd^in (der 
Mann hat die Wälder gesehen). 

Sehr oft wird in der besprochenen Mda., wie überhaupt auch in 
den meisten andern Mundarten, der Artikel ohne Notwendigkeit und 
Ursache nach dem Subjekt wiederholt, so dass ein Pleonasmus ent- 
steht: do man ddn as grüs (der Mann ist gross). 

B. Substantiv a. 

§ 10. 
a) Die starke Form. 

1. Ohne Umlaut : masc. dd frent (der Freund), do berex (der Rergj ; 
neutr. t hhmß (das Kind), t haikn (das Belli. 

Masculinum Neutrum 

Sg. N. da frent dd berex t khant t haihn 

G. fum frent fum herex, fitm Idiant fiim haibn 

D. ddm fre)}t ddm herex ddm khant ddm haihn 

A. dd freist dd herex t hhant t haihn 

PI. N. t fren t herex u. t herx t Wiandr t haihn 

G. fun dd frendn ßm dd herjdn fun de hhandrdn fun dd haihn 

D. dd frendn dd herjdn dd lihandrdn dd haihn 

A. t fren t herex u. t herx i Mandr t haihn 

Von einer Deklination im ursprünglichen Sinne kann in dieser 
Mda. wie auch in den andern keine Rede mehr sein, da ja eigentlich 
nur zw^ei Kasus erhalten sind, nämUch der Accusativ für Nominativ 
und Accusativ und ausserdem noch der Dativ. Dass der Accusativ 
und nicht der Nominativ erhalten ist, das zeigt schon der Artikel, wie 
wir oben gesehen haben, und das wird ferner das Adjectiv in attribu- 
tiver Stellung zeigen, wie wir noch sehen werden. Der Genetiv wird 
vermittelst der Präposition fun (von) gebildet. 



— 106 — 

In der Mda. finden sich wohl keine Feminina vor, die hier anzu- 
führen wären. 

2. Mit Umlaut; masc. (h khor^f {der Korb): fem. f hrosf (die Brust), 
t llioit (die Kuh) : neutr. / dor^f (das Dorf). 

, Masculinum Femininum Neutrum 

Sg. N. A. (ii kJior.if t hrost f Lhou f fhi:)f 

G. fum liliorjf fimädrhyost f. (br kliou fnm dorr^f 

D. (hm JiJioyjf dor hrosf d.ir lhou dorn doraf 

PI. N. A f Mier-)fu. t Idierf t hrrst f hhei t derfdr 

G. fim dd Menv^n fmidahrcsidnf. de) kliehm fun dm derfdron 

D. dd Jcherumi d.> hresUn d.) I:hehn dmi derßnn 

Nicht nach der gemischten wie im Nhd., sondern nach der 
starken Deklination geht rfo last masc. (die Last), pl. t lest. 

Gegen die neuhochdeutsche Regel lautet um im Plural d9n hont 
(der Hund) pl. t hen : dm hcdsm (der Halm) pl. f hebm u. t heim ; 
do hröt (der Braten) pl. / hret\ dm häf (der Haufen) pl. t hcef; d,) ino 
(der Magen) t me ; d.> ivon (der Wagen) f irfn ; hier könnte man mit- 
unter wohl hinzufügen d.) hon (der Bogen) pl. f In-i, welches allerdings 
im Nhd. neben dem PI. Bogen auch Bögen hat. 

Die Substantiva, die schon im Singular den Umlaut haben wie 
swUsdr (Schwatzer), swain (Schwein), detf (Dieb), hreif (Brief), dei,)y 
(Tier), hüU (Knecht), fes (Fisch) u. s. w. und im Nhd. im Plural ge- 
wöhnlich nur umlauten oder die Endung -e anhängen, bleiben in der 
Mda. selbstverständUch unverändert, da ja das Schluss-e, wie wir ge- 
sehen haben, überall abgeworfen wird, oder sie gehen zur schwachen 
Dekhnation über, wie z. B. hents (Handschuh) pl. hentsm. 

Es bleiben im Plural unverändert soiin., uewjn (Ofen) pl. nhimi., 
obwohl sie die Deminutiva seintym und ieftyjju darbieten. 

Eine grosse Anzahl von Wörtern hauptsächlich sächlichen Geschlechts 
nehmen im Plural die Bildungssilbe -<>r an, wo dies im Nhd. nicht der 
Fall ist ; es sind dies die folgenden Plurale : derfdr (Dinge) ; glcepr 
(Geleise), ysbieddr (Gebete), gdhahr (Gebäude), gdfetsdr (Gesetze), 
(ps2)rex9r (Gespräche), gDivehvdr (Gewölbe), gdivUdr (Gewichte) ; jo'^i^y 
nur nom. und acc. daneben auch t joij (Junge eines Tieres, gen. und 
dat. nur jo^jdn) ; kraitsor (Kreuze) ; lozdmentdr (frz. logements) ; sazdmentm 
(frz. changements), ^Sdr (Seile), spihr (Spiele), spresor neutr. (Sprosse 
fem.), h^rtsdr (Herzen) ; ;pondr (Pfund) ; dazu kommen noch einige 
Neutra, die im Nhd. nach der gemischten Deklination gehen ; hetn- 
(Betten), hhujy (Hemden). Hier kann man auch noch einige Wörter 



107 



eines andern Geschlechtes hinzufügen : y<4t)r masc. (Reste), surstc-pr 
(Schornsteine) ; plätS'»' u. pletS')r (Plätze, neben pläts masc. und fem. 
kommt im sing, auch plht-^ mit Umlaut ebenso oft vor), y.fhraiydr masc. 
(Gebräuche) ; äydn (Nachen) pl. «%.»•. 

Die Substantiva masc. iviirdm (Wurm) und chhr (Dorn) nehmen 
im Plural nicht wie im Nhd. die Bildungssilbe -n-, sondern den blossen 
Umlaut an : wirom u, tvlrm und dln-. 

Ganz eigentümlich ist der Plural folgender Wörter : mäym neutr. 
(Mädchen) pl. mkhryßr, fjeltym neutr. (Medaille) pl. gH')ry^>r^ fleitym 
neutr. (Federmesser) pl. fHf.Jryrr, failc/nfyßu fem. (Veilchen) pl. faUcimyw^ 
leiwhMtym masc. (Lerche) pl. lmvehltyc)r. Der Plural ist gebildet nach 
Analogie der Deminutiva, wie wir später sehen werden. Ueberhaupt 
sind jene Wörter ja auch nichts anders als Deminutiva, obwohl sie in 
der Mda. nicht mehr als solche gelten. 

b) Schwache Form. 

Einen Unterschied zu machen zwischen schwacher und gemischter 
Deklination, wäre wohl in der Mda. nicht möglich, da ja im Singular, 
wo bei diesen Deklinationen im Hochdeutschen der Unterschied statuirt 
wird, die Wörter jeglichen Geschlechtes unverändert bleiben. 

Wir sprechen also demnach nur von einer schwachen Form. 

Beispiele : masc. dd Icif (der Löwe), d) Iduer (der Kern) : fem. 
f fn'i (die Frau) ; neutr. t jo,ir (das Jahr). 

Masculinum Femininum Neutrum 

Sg. N. A. dd Icif d,> khdir t frd f joor 

G. fiini leif funi Wicer fim ddf frd fmn jöoy 

D. dorn leif ddm Wmr dw frd ddm jödr 

PI. N. A. f lehvon t Idtmrdn t frdon t jodrdn 

G. fim dd leiivctn f. d,> McerJn fim dj frd^n fun dd jödron 

D. dd lehüdn dd Jchdrdn dd frädn dd jödrdti 

Eine gewisse Anzahl von Substantiven, welche im Nhd. zur 
starken Deklination gehören, gehen in der Mda. zur schwachen über: 
jodr (Jahr s. oben) ; gridf (Graben) pl. (jridurjn, hau (Hahn) pl. Ii/üh>n, 
dk.s (Axt) pl. dl:s.j)i, klats (Klotz) pl. Mafs.ni^ daneben jedoch auch A/fV.y, 
tiidr (Gefängnis) iß\. tiidrdn, aber t'or (Türme); /u'ur (Hörn) pl. Jiudrdn, 
foul (vogel) pl. foiddn, sämtliche haben also bei ihrem Uebergang den 
Umlaut, den sie hn Nhd. haben, eingebüsst, ferner werden schwach : 
dr§ (Tisch) pl. <lr.§rii, (ir,>m (Arm) pl. drman, hcS (Busch - Wald) l/cSdH, 



108 



faint (Feind) pl. faindm, fres (Frosch) frelm, die letzteren haben schon 
zum Teil im Singular den Umlaut angenommen. 

Ohne Umlaut bleiben im Singular und Plural : tut pl. tdtdn (Düte), 
Jcrot pl. /.-rotdu (Kröte, wird gewöhnlich nur als Schimpfwort gebraucht) ; 
des Plurals wegen kann man hier auch fou! (Vogel) pl. fouhn anführen. 

Umgekehrt nehmen mehrere Wörter schon im Singular den Um- 
laut an, bei denen er im Nhd. nicht nur im Singular, sondern auch im Plural 
fehlt: khl'st^n ohne sing. (Kosten), l;JteU ^\. khcstdu (Kastanie), es pl. 
esm (Asche) ; ß'^ pl. //ri<?« (Flasche), teS pl. fehn (Tasche). 

§ 11. Alte Kasusreste. 

Obwohl man bei der Deklination eigentUch nicht von Nominativ 
und Genitiv sprechen kann und die Substantive im Singular überhaupt 
unverändert bleiben, so haben sich doch alte Kasusreste erhalten. Sie 
mögen hier zusammengestellt W' erden: 

ff) Reste des Nominativs: ädr daiivd! (der Teufel!), dar daücol 
helt de% (d. T. holt dich), dsr daiivdl ^ol de% höhn (d. T. soll 
dich holen), dat wds ddr dcdival (das weiss d. T.), hot dex d^r 
dakvdl gdfm? (hat dich d. T. gesehen?) ; d.jr domr! (der Donner), 
ddr dmidr helt dex (d- D. holt dich), dor domr ^ol dex höhn 
(d. D. soll dich holen) ; lehvdr got ! (Heber Gott!), dti med leiivor 
got! (du, mein Heber Gott!) u. s. w\ Es sind also, wie man 
leicht erkennen kann, nur Ausrufe und Flüche. 
h) Reste des Genitivs: 

1. bei Zahl-, Mass- und Mengbegriffen: üpr, mrdr^ Mdrer fil, 
mn, tsiven u. s. w. (unser, eurer, ihrer viel, einer, zwei u. sw.), 
ß Jäfds, srakvBs u. s. w. him (viel Laufens, Schreibens u. s. w. 
haben) ; ß ddr detjer, dcer sprey, dcer hdran u. s. w. (viel der 
[= jener, solcher, siehe beim Pronomen] Dinge, der Sprünge, 
der Herren u. s. w^), tseindrlm (zehnerlei) ; horidrddrld; (hun- 
derterlei) u. s. w. Wiaps heidr, Mcemr, grisdr (Kopfs höher, 
kleiner, grösser). 

2. In Zeitbestimmungen : morjjs (des Morgens), mehs (des Mittags), 
öivdnts (des Abends), nuets (des Nachts), hauhs däxß (heut 
des Tages = heut zu Tage), ugavjks, ausgcüjks wox-, tnont, 
jödr (Anfangs, Ausgangs Woche, Monat, Jahr), iigajjhs, aiis- 
gcifjks freijöar, fumor, herst, ivantdr (Anfangs, Ausgangs Früh- 
jahr, Sommer, Herbst, Winter), gjhantsdäx (Johannistag); 
peUdsdäx (Peterstag), nmrhsdäx (Martinstag) ; stefdsdäx 
(Stephanstag) ; naijodrstax u. naujojstux (Neujahrstag). 



109 



3. Um Verwandtschaftsbegrifle auszudrücken oder das Besitz- 
tum anzuzeigen: l^liantslxlKinor ( Kindskinder j ^), f niottr (jofjs, 
die Mutter Gottes. 

Um das Besitztum anzuzeigen, gebraucht man bis- 
weilen auch Genitivausdrücke : f nopcs haus (des Nachbars 
Hausj ; d» brSofs paläst (der Bischofs-Palast) ; di l-hinehs 
pahist (der Künigs-Palast) ; dn as a ivdynds (er ist in Wagners 
seil. Haus); ,> Ichcnipt f/i sreims (er kommt von Schreiners 
seil. Haus). 

4. In formelhaften Ausdrücken und Wendungen sowie in Zu- 
sammensetzungen : fii lihantsdodn im, op (von Kindstagen an, 
auf) ; khhps wes (keineswegs), Jchey^js goudd ivcs ivclon (keines 
guten Weges wollen) ; |e |m dds daiwdUs (sie sind des 
Teufels) : fil idaUs an epjs Inm (viel AnUegen [wörtl. An- 
liegens] an etwas haben) ; 3.) mcen.) iia/ ^'^ f^''^'^ >i'(d icoiws 
gemdt (sie meinen noch, sie hätten was Wunders gemacht) ; 
oj) dw hhrjofs trclf (auf der Herrgotts Welt l ; hh-yots ivkhr 
(Herrgotts Wetter d. h. sehr schlechtes Wetter) ; hergots 
JcJuoit (Herrgotts Kind d. h. dummes Kind, dummer Mensch) ; 
a (foUs ndmcn (in Gottes Namen) ; em gotds ivclm (um Gottes 
willen ) ; du hat H 9wel em gots tcel gjmdf (er hat es wie um 
Gottes willen gemacht, d. h. er Hess sich viel bitten, ehe 
er es machte) ; ex htm <)n divdi em gots wel hitd meism (ich 
habe ihn wie um Gottes willen [d. h. dringend] bitten müssen) ; 
gotshun (Gottes Lohn) ; hutilsfrä (Frau, die einen Laden 
hält) ; hntiksmctym (Ladenmädchen) ; (cbrtsfrd (Wirtsfrau, 
Wirtin) ; ividrtsmetym Wirtsmädchen, Kellnerin) ; Ihintshurcx 
(Königsburg [Name eines Gehöftes, das zu Sierck gehört]); 
Idünelismäxer (Königsmachern) ; epds ivehs hm (etwas Willens 
[d. h. im Sinne] haben) ; t as net dar umrt (es ist nicht der 
[seil. Mühe] wert); on as mdnts (er ist Manns [d. h. mannbar]) ; 
t metym as mdnts (das Mädchen ist mannbar [d. h. schon 
gross, erwachsen]); mdnts gmony (Manns, mannbar genug); 
ddds gmoiiy (dessen genug); (y htut dar d(ij,n\ dar ödy.m 



*) Die Ausdrücke Enkel und Enkelin sind in der Mda. gänzlich unbekannt. 
Ausdrücke dafür sind neben khavtshhavcr noch folgende Umschreibungen: dem 
^eip klian?r füor khandr (wörtl. dem seinen Kindern ihre Kinder = dessen Kinder 
oder Kindskinder), dim ^aim joij je/j hlian^r (wörtl. dem seinem Sohn seine Kinder 
= dessen Sohnes Kinder), ddr hordr duet^r hbr khan^r (wörtl. der ihrer Tochter 
ihre Kinder = deren Tochter Kinder). 



— 1 10 — 

ctd-os sraitros (/■■'iiohx (ich haber der [d. h. jener, solcher] 
Dinge, Sachen, solchen Schreibens genug) ; f as net nhijs 
wcert (es ist nicht Nennens wert) ; meips, dcfjjs, sCtjds, ups, 
ceros, lihrDs glah/m (meines, deines, seines, unsers, eueres, 
ihres Gleichen) ; Sfenvjs InifjJc fin (Sterbens [d. h. auf den 
Tod, tot-] krank sein) ; mn Mvnvj.s aylcst fin (einem Sterbens 
angst sein) ; liewds gjföjr (Lebensgefahr) ; ^ops liewds ^ät ^in 
(seines Lebens satt sein) ; ^e^js lihvjs net ^ex^r pn (seines 
Lebens nicht sicher sein) ; mal, dai, ^ai Upfyjs dojn ddx net 
mei (wörtl. mein, dein, sein Lebenstage Tag nicht [d. h. 
niemals] mehr), 
c) Reste des Dativs : fun Juerts^n (von Herzen) ; fnn hccrtsd gar 
von Herzen gern). 

§ 12. Substantiva mobilia. 

Wie im Hochdeutschen von vielen Substantiven, die zur Be- 
nennung von Männern dienen, durch Anhängung von Endungssilben Sub- 
stantiva zur Bezeichnung von Frauen gebildet werden, so geschieht das 
auch in der Mda., mit der wir uns beschäftigen; jedoch wird in der 
Mda. in der Regel nicht die mhd. Endung -inne, in, nhd. -in gebraucht, 
sondern die Endung --w, welche sich anlehnt an die Endung -se, die 
uns im Fränkischen, besonders im Ripuarischen, im 14. und 15. Jahr^ 
hundert häufig bei schwachen von Masculinis auf -er gebildeten Femi- 
ninis begegnet, deren volle Endung wahrscheinlich -esse war und nach 
J. Grimms \) Vermutung aus romanischem -esse^j entlehnt ist. Durch 
Einfluss des r ging -se oft in -sehe über. Diese letztere Form wurde 
in der Mda. bevorzugt, doch wurde das r, das sie veranlasst hatte, 
regelmässig ausgeworfen (vgl. oben unter r ) : hirjcs, burgerse u. bur- 
gersche (Bürgerin); icoJklimm, kemberse u. kemberssche (Wollkämmerin); 
nicest)s, meisterse (Meisterin); räiüds, roubersche (Räuberinj^). Nach 
Analogie jener Wörter ist dann auch nedds (Näherin) gebildet. 

Man findet in der eigenthchen Mda. der besprochenen Gegend, 
d. h. bei den älteren Personen, deren Sprache nicht so wie bei den 
Jüngern vom hochdeutschen Schulunterricht beeinflusst ist, nur einige 
weibliche Benennungen auf -in, um hohe Würdenträgerinnen zu be- 
zeichnen, so: kliimgin u. Miinegin (Königin); prentsesm (Prinzessin); 



^) Vergleiche Grimmas Grammatik, neuer Abdruck III, 337. 
^) Vergleiche das spätl. abbatissa (Aebtissin), diaconissa (Diakonissin, Kirchen- 
dienerin), das frz. maitresse (Herrin), pecheresse (Sünderin) u. s. w. 

3) Siehe Mittelhochdeutsche Grammatik von Karl Weinhold, § 267. 



111 



kh(("^.)yüi (Kaiserin), woneben jedoch auch oft k/uepS gehört wird. An 
diese schhesst sich auch kionn (Lehrerin) an zur Bezeichnung der 
Person, die Schukinterricht erteilt, während souhncestjs (SchulmeisterinJ 
nur die Frau des Lehrers bezeichnet. 

§ 13. Genus der Substantiva. 

Die folgenden Substantiva zeigen in der Mundart teilweise ein 
vom neuhochdeutschen und teilweise auch vom mittelhochdeutschen 
Sprachgebrauch abweichendes Geschlecht ; sie werden aufgezählt in 
der Reihenfolge Mda. mhd. nhd. 

1. MascuUna: altn^ da? alter, das Alter; nd^il, der u. da^ adel, 
der Adel ; häk\, der backe, die Backe u. der Backen ; lja}\)f\ diu barbe, 
die Barbe; hat, da? bat, das Bad; hcl.n\ dajr hier, das Bier; hcntdl. 
oberd. der bündel, das Bündel ; hll'x^ da? blech, das Blech ; hhn., da? 
bli, das Blei : hlanfsJeX'jr, der blintsliche, die Blindschleiche ; pla'/, da^ 
bloch, der Block; huSt, der u. da? borst u. diu börste, die Borste; hohd, 
der u. diu buckel, der Buckel; hotor, der u. diu buter, die Butter; (hr/, 
da? dach, das Dach ; diJ^ der u. diu dil, iiie Diele ; ek u. ekon, diu und 
da? ecke, die Ecke; «efo/-, da? eiter, der Eiter; hij)\ da? u. diu ertber, 
die Erdbeere ; cenfor, fswd'ljr, drrt,))\ fcminr u. s. w., nhd. eine eins, 
zwei, drei, vier u. s. w., (jdr^ frz. la gare, der Bahnhof; luesprorjlx^ der 
höuschröcke, die Heuschrecke; Janux, da? honec, der Honig; lioufni^ 
diu hoffart, die Hoffart; ema,?, der u. da? inbi?, derhnbiss; h/iirßlqison, 
der kirieleison. das Kyrieleison ; ÄAö/, der u. da| kol, die Kohle ; l/iast, 
der u. diu kost, die Kost; /nxf, da? knie, das Knie; JcJiof)r, da? kupfer, 
das Kupfer; last, der last, die Last; lein-ckjltxcn, diu \er che, die Lerche; 
lirfkltoHx, die Levkoje; loa, der u. die lohe (16), die Lohe; muet, der 
made, die Made; marek (selten femin.), die Mark (Geldstück); mmjal, 
der mangel u. diu manc u. mang, der Mangel; martdr, diu marter, die 
Marter; mout, frz. la mode, die Mode; mn.ni, der u. da? mort, der 
Mord ; maid, da| mül und da? u. diu müle, das Maul : mekldr, da? 
nuioder, das Mieder; m\^ch\ frz. la misere (das Elend); numoro, frz. le 
numero, die Nummer; apr, da? opfer, das Opfer; pöort frz. la part 
(Teil)\); imUr^ch'x, der petersil u. diu petersilje, die Petersilie ; j^f'i'.s, 
diu phütze, die Pfütze; poJf.n\ der u. da? pulver, das Pulver; sclj, der 



^) pöart kommt nur vor in den stehenden Ausdrücken ; ch nucsta pöart, der 
meiste Teil, die Meisten; d3 grißta paart, der grösste Teil; fir mai, dai, §ai, ihe, 
(cr.f, hiare pöart, für meinen, deinen, seinen, unsern, euern, ihren Teil, was mich, 
dich, ihn u. s. w. betrifft; jedoch lindet man auch häutig f7«.7 (Teil) in allen jenen 
Ausdrücken mit ebenderselben Bedeutung wie pöart. 



— 112 — 

schilt, das Schild; strenhil, der streim aber das streimel, die Strieme; 
siel; der snecke, die Schnecke; späivek^ daj spinnegeweppe, das Spinn- 
gewebe u. die Spinnwebe; ^elwar, da§; silber, das Silber; soJcjJa, frz. le 
chocolat, die Chocolade; J^e_p.s, da| stüppe, der Staub; raiq), diu rüpe, 
die Raupe ; i»"o?f/', spätmhd. diu probe, die Probe ; dcrl (sehr langes d' ; 
(IcH mit kürzer gesprochenem ce ist fem. und ist nicht so gebräuchlich 
wie das masc. ; der Anteil am Gemeindegrundbesitz heisst immer (Idl 
(fem.) der u. daj: teil, der u. das Teil; dcl, der u. diu tille, der Dill 
u. die Dille ; däf] diu toufe, die Taufe M ; (hriiif] der u. diu trübe, die 
Traube ; den, der u. diu u. daj tenne, die Tenne ; f/at, der vane, die 
Fahne; fem, daj zin, das Zinn; n-ohi\ der u. diu wölke, die Wolke. 
2. Feminina : ärmDs, daj almuosen u. diu almuose, das Almosen ; 
elt, da^ alter, das Alter; es, der asch, die Esche; hd^, diu bach, der 
Bach; hcd, der balle, der Ball; dopn, da? totzen, das Dutzend (frz. la 
douzaine); felis, der vels, der Fels; glost, der gelüste u. diu gelust und 
dajr gelüste, der Gelust u. das Gelüste; hmvdl, der hobel, der Hobel; 
hueiim; der habere, der Hafer; /^c>/.l, der hantschuoch, der Handschuh; 
Jiief, der u. diu heve, die Hefe ; lüdrdn, daj hirne, das Gehirn ; hüjresol, 
der horni?, die Horniss ; ijdl, der igel, der Igel ; J:h(n, da^: kinne, das 
Kinn ; Mats, der u. das^ kloj u. der u. das: kloz, der Klotz ; l-Jtn,>i; 
(Roggen), daj körn, das Korn ; /rjw, der u. diu lefse, die Lefze ; Icest, 
der leist, der Leisten ; lents (= Gerste, wohl so genannt weil man sie 
im Frühling säet), der u. diu lenze, der Lenz ; luet, der laden, der 
Fensterladen ; lonq), der lumpe, der Lumpen (als Schimpfname aber ist 
es in der Mda. meistens männlichen Geschlechts) ; mcerd, frz. le merle : 
metla (mitunter auch masc), frz. le matelat (Matratze) ; melts, da| 
milze, die Milz ; nuk (auch neutr.), da? mäz, das Mass ; pläts (auch 
masc.) u pTets, der platz, der Platz; plce^eijr (selten masc.) frz. le 
plaisir (Vergnügen) ; ;v;^j, da? u. diu rippe, die Rippe ; splaüdr, der und 
diu spilter, der Splitter ; spuet, der spade, der Spaten ; sroid, der schrot, 
das Schrot ; Meft, der u. diu u. da? stift, das Stift u. die Stiftung ; 
tsehreit, der Abort, lat. secretum oder vielmehr vom plur. secreta; 
straus, der strij|, der Strauss ; ^on, der u. diu sunne, die Sonne ; 
delt, 2) da|: tal, das Thal ; scdöt u. tscdöt, der salät, der Salat (frz. 



') Das einfache ddf kommt nur vor in dem stehenden Ausdruck : chn 
hdlejdn ddf an eidre gahdl, die heihge Taufe in Ehren gehalten ; khmitdf, diu kint- 
toufe, die Kindtaufe ist aber immer fem. 

^) dal neutr. (Thal) kommt nur vor in dem stehenden Ausdruck: t ^on 
iaint sun iwdr herex an duj, die Sonne scheint schon über Berg und Thal; dal 
ist in der Mda. wie im mhd. und nhd. sächlichen Geschlechtes. 



— 113 — 

aber la salade, wovon wohl mUt abgeleitet ist, wie auch so ziemlich 
erhellt aus dem harten s oder Av, mit dem saJot beginnt, während es 
w'ohl ^alöt hiesse, wenn es von nhd. salät abgeleitet wäre, siehe oben 
bei s); dreps der tropfe, der Tropfen; fcnfsfjr, da? venster, das Fenster; 
fdih'intym, der viol u. diu viole, das Veilchen ; tmi^ der ziuge, der 
Zeuge (vgl. diu ziuge, Zeugenbeweis) ; feei/, der ziegel, der Ziegel ; 
u'eh>l, der wickel, der Wickel; ww-t, der wade, die Wade. 

3. Neutra: oicmtrofd, der äbentrot, das Abendrot; uy^ftt, diu an- 
gesiht u. da^: angesihte, das Angesicht; InUr, der Bohrer; hi der und 
da; ende, das Ende ; g-iweson^ diu u. da|: gewi^jen, das Gewissen ; (fdei^ 
diu galide, die Galeere ; ket^ diu leide, das Leid ; mast^ der u. da| mist, 
der Mist : morjdrout, der und dajr morgenrot, das Morgenrot ; spras^ der 
u. diu sproj^jfe, die Sprosse; dcpsn^ der topf, der Topf; üdrM., diu und 
da? urteil, das Urteil; pulis^ frz. la pouliche ; purd, frz. la poulette ; 
Vifd. frz. la lisette (die drei letzten Wörter sind Pferdenamen). — 
Ferner sind in der Mda. abweichend vom nhd. Sprachgebrauch sämtliche 
Frauenvornamen sächlichen Geschlechtes. 

Aus der voraufgehenden Zusammenstellung ist ersichtlich, dass 
die Mundart in Bezug auf das Geschlecht der Substantiva beim Mas- 
culinum dem Mittelhochdeutschen näher steht, beim Neutrum aber dem 
Neuhochdeutschen, während aus der Zusammenstellung der Substantiva 
feminlna nichts zu folgern ist, da die Zahl der Abweichungen vom 
Mittelhochdeutschen der der Abweichungen vom Neuhochdeutschen 
vollständig gleichkommt. 

§ 14. Deminution. 

In der Mda. giebt es noch einige üeberreste der alten Art die 
Wörter zu verkleinern, denn es findet sich eine gewisse Anzahl von 
Wörtern vor. die auf -d endigen, was wohl als Ueberrest der mhd. Ver- 
kleinerungssilbe -lin mit vorausgehendem e zu erklären ist, da sonst 
das -.)l nicht erklärt werden könnte, weil ja die Mda. immer darnach 
strebt, die Endsilben zu verkürzen oder ganz abzuwerfen. Solche 
Wörter sind : yrcd)!^ Margaretha ; hrrhd^ Barbara ; :§e')jd, Johann ; 
.snrts.d, sniz u. demin snitzel ; Spceyß, Speiche u. daneben auch schon 
Speichel i Speichel); Sftrm.d, streim u. dem. streimel (Strieme); lahresol, 
hornig; ; wojrtsol, warze ; f\ds,>l u. ßtsdl., vetze ; shdsal^ segense (Sense) u. s. w. 
Doch hat in der Mda. bei all diesen Wörtern die Endung -<>J ihre 
frühere Bedeutung ganz und gar eingebüs.'^t, d. h. die Wörter haben 
nicht die Bedeutung von Deminutivis, und sollen sie verkleinert werden, 
so befolgen sie ganz dieselben Regeln der Deminution wie die andern 



114 



Sabstantiva. Nur bei /nijli.'l, hüeneliii (Küchleinj ; hcfs.d (Zicklein, wohl 
vom frz. biche, Hirschkuh abgeleitet) ; tschilf y^.)n, zigelin (Zicklein) kann 
man mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, dass das -■>! seine 
frühere Bedeutung der Verkleinerungssilbe -lin beibehalten hat, wie 
aus der Bedeutung der Wörter so ziemlich klar hervorgeht. Jedoch 
können Ik ijh.)l und hcts.d wieder nach den unten anzuführenden Regeln 
verkleinert werden zu hojJoltyßu und hctsMtym. Neben und vor 
tschMy.m (welches nur als Kosewort für Ziege und Zicklein gebraucht 
wird) inuss wohl auch das Wort tsehd^ von dem das jetzige Wort 
tschiUyßn kommt, bestanden haben, das aber die Mda. bereits nicht 
mehr kennt. 

Die allgemeine Deminutionssilbe ist yon, die aber auf verschiedene 
Weise an das zu verkleinernde Wort angehängt wird, welches letztere 
fast immer den Umlaut annimmt, wenn es denselben nicht schon hat. 

Endigt das Wort auf einen Vokal resp. Diphthongen, so wird die 
Endung -x-m ohne Bindevokal angehängt; der Plural lautet -<»•/.»•: Ichou 
(Kuh), Jchriyjn, pl. l-hei.iryor; a (Auge), ceym, pl didryßr\ ^au (Sau), 
^a'ij.m^ pl. ■§aidryj>r\ mo (Magen), mi'ym^ pl. mhryjr: Vi (Lüge), Viyjm-, 
pl. Vurydr ; hrai (Brei), hraiyjn ; läei (Klee), Jcleiyon. 

Bei den Konsonanten muss man viele Unterscheidungen teils des 
Singulars, teils des Plurals wegen machen. 

Endigt das Wort auf f, so wird im sing, nur y<m. im plur. ory^r 
an den umgelauteten Stamm angehängt. Vor der Endung des Plural 
fällt jedoch das f aus, wenn es auch beim einfachen Worte im Plural 
ausgefallen w^äre, oder zu d oder t wird resp. als f bleibt, je nachdem 
es im Inlaut zu r7 geworden oder als f erhalten wäre: hont (Hundj, 
hentyon ; pl. hrn also hen3ry;3r ; laut (Land), lentym, pl. Ihw also Vendryßr ; 
haut (Hand), hentyjn, pl. hm also hcmryor ; Jcraiit (Kraut) ; T:raitym, pl. 
hraiädr also h-aiddrx^t"., jnt (Jude), jityon, pl. Judm also Jiddrydr; ^ait 
(Seite), ^aifyjn, pl. scät^n also ^ait^ry^y; ^cU (Saite), ^cHym^ pl, ■^Mdn 
also '^Mdrydv\ gre'd (Grethe, Eigenname), greity^n, pl. greUhn also 
greiddryDr. An diesen Deminutivplural schliessen sich auch an die 
Plurale niHy^m (Mädchen), pl. mkhry^r; geltyQu (Medaille), pl. gelny^r 
und fleityM (Federmesser), pl. fleitdrydr, w^elche wir oben bei der starken 
Deklination genannt haben. 

Bei den Wörtern, die auf ,9 und ts endigen, wird im Singular nur 
-fm, im Plural aber --jryjr wie oben angehängt; im Plural bleibt teils 
das harte .v, teils wird es zu weichem ^i je nachdem bei diesen Wörtern 
in inlautender Stellung .v oder ^ steht : Itans (Haus), haisjn, pl. haipr 
also ha}^r)yy.)y\ maus (Maus), niaisdn, dat. pl. uiai^ju also maipry)r\ 



115 



sla.s (Schloss), §lcs<))i, pl. slesar also ^Ihs^ry^rir] f'oiis (Fuss), f'rlsm, dat. 
pl. fe'isjn also feisjrx^r ; sjjets (Spitze), spcüm, pl. spetssn also spdsi}ryfr ; 
pldts (Platz), pletsdn, pTetsJrydr\ hraits (Kreuz), JcraitsM, l-raitsor/ir. 

Die Wörter auf -.»• hängen im Singular -/.»t an, im Plural blosses 
y.ir, wenn dem 9r ein Diphthong voraufgeht, und orx^r, wenn dem r 
ein langer Vokal voraufgeht: haior (Bauer), haidry3n, haMrx3r; oiur 
(Ohr), cidrym, eidry<)r\ mii)r (Scheune), saldrydn, saiaryDr; snoudr (Schnurj, 
mehry^n, ineiaryar; hur (Birne), Indrym, hiroryor; hÜJr (Brunnen), 
hl)rym, hlrjryjr ; hojr (Art irdener Schlüssel), hcerydn, Jx^r^ryc»' ; gasidr 
(Geschirre), g.mjrym, gosirjryjr. 

Die Wörter, die auf I oder auf die Gutturalen y, /.•, / endigen, 
hängen im Singular jjfy.ni, im Plural My.))- und .)ryr)r an ; die beiden 
Pluralendungen können bei ein und demselben Worte gebraucht werden, 
jedoch hört man .jyy.jr viel seltener als 'Aty.>r: fc.s (Fisch), fcs^üty.m, 
^\. f<'§,)Hy.)r u. fi'S'Jryor \ des (Tisch), dcsMy.m, Y)\. dcsjlfyjr u. dcsjryjr; 
frei (Frosch), fresMy.m, pl. freMtyrtr u. frc.hry.>r ; rak (Rock), reMtyM, 
pl. rek.My.)r u. reJcoryjr : stek (Stück), Stck.jlfyjn, pl. stelidltyor u. stekaryar ; 
stiik ( Baumstock j, stekütym^ pl. stekMy^r u. stek,jry,)r ; houy (Buch), 
heiy.iUy.m, pl. heiyßtyjr u. he}yory9r\ Tay (Loch), leyßfyrm, pl. Jeyßtyßr 
u. leyi)ryc)r\ hauy (Bauch), haiyjUy,)})^ pl. haiy.flfyjr u. haiyßrysr; jofj 
(Junge = Knabe u. Sohn), jeyjUyjm, p\. jeyjltyjr ; f.so7j (Zunge), fseyoltyon, 
pl. tsetplty'jr u. tsetjaryßr. 

Bei den andern Konsonanten wird im Sigular ty,ni und im Plural 
dry;^r angehängt. Endigt das Wort auf mp. so bleibt dieses p im Plural 
oder es fällt aus, je nachdem es beim nicht verkleinerten Worte im 
Inlaut bleibt oder ausfällt, ebenso wird /' vor der Pluralendung bei- 
behalten oder es geht zu ir über, je nachdem es beim einfachen Worte 
inlautend bleibt oder zu iv wird, auch Schluss-^3 bleibt entweder oder 
es wird zu 6, je nachdem es im Inlaut bleibt oder zu b wird: Up 
(Lappen), Upty,ni^ Uporyor, weil der Plural lejMn heisst ; stoj) (Pfropfen), 
sf(pfy.ju, dat. pl. (h stepM also step,)ry.>r ; khuep (Rabe vgl. frz. corbeau), 
klti(j)fy;ni^ pl. kJiitehfu also kltieJhiry.tr \ foul (Vogel), fe'dtym, fcil)ryjr\ 
rol (Rolle, Walze), relty<m, rrl)ry,n-\ 6"o^ (Scholle), seltym, sel)ryor\ Janjp 
(Lamm), l'o^pty.yn, pl. lem.tr also Vcnhiry.ir] kliamp (Kamm), hluwpty.ni^ 
pl. kJilni also klunDryn--. sfoii/ji (Baumstamm, Stumpf), sfempfy.»/, 
pl. Sfenq) also .st(iiij).>ry./r; loiiip (Lumpen), Icnipfy.ni, p\. lonip^jn also 
(riiqhfry.>r; htm (Hemd), hhitpfy.ni, J/entjry.n-; ^dm (Säum), ^d'mptyo}*^ 
■^d-nin-yjir ■. tsnm (Zaum), fsdmpfyj)/, tsd'mdry^r (das 7; wird bei den drei 
letzten Wörtern nach der Regel zwischen w und t eingeschoben); 
rrn (Regen), rady.m^ rfn.ny.n- ] hau (Bann), hhdy.ni, huDryn] hnn (Hahn), 



116 



MntX'm, hiiurx'"'; honn (Huhn), Jimifyjn, hchur/ir] hüf (Leib), hiffX'm, 
ip\. lahodr also kiiiv<)ry^.)r ] girPf (Mistgabel), yrrcftym^ ^\. grcefjn also 
yr(epr%3r\ sof (Shaf), Seßx.iu, dat. pl. d) soiimi also seivor^w \ dauf 
(Taube), (hdffx,»), pl. datiivon also (kmvJrx,)r. 

Endigt das Wort aber auf om oder .il, so wird im Singular eben- 
falls tyM {resp. pfym nach dm) angehängt, der Plural aber lautet f/-»- 
resTp. pfX'r: Im n\fl (HoheV), hlw^Uy^m, hiw,>lfyj>r-, J^/^rv^Stiefel), stiwAty.m^ 
stkvdlty^)i-\ kliiwd (Kübel), Mtiiv,)Uynt, l-hiwdlty<>r\ hodmi (Boden), hr- 
dcmptyon, hi'djmptyjr ; fod.nn (Faden), fcdmiptym^ fcdcmptyor ; hVe^jm 
(Besen), hicpmptydn^ hiepdmptyrjr. 

Endigt das Wort auf -on, so fällt dieses -on kurzweg ab und das 
Wort folgt dann der allgemeinen Regel der Gattung der Wörter, zu 
der es nun durch den Endkonsonanten dieses verkürzten Wortes gehört ; 
uhwon (Ofen), irftym, ihv^ry^r; depm (Topf), deptym, depdryßr; hailm 
(Beil), hailfycn, hailiryer. 

Die Kinder verkleinern gewöhnhch mit Hülfe eines hinzugefügten 
/ oder l im Singular und Im im Plural : scini u. setni., pl. seinion (Schuh) ; 
heim u. hcini., pl. hcinidn (Huhn); dcsl u. dm^ \)\. desim (^Y\SQh)\ pcerdi 
u. pcerdi, pl. pamVon (Pferd). Infolge dieser Art und Weise ein Wort 
zu verkleinern, lässt sich nun auch leicht erklären, weshalb die Vor- 
namen durch Anhägen eines l verkleinert werden können, es ist nämlich 
nur eine Nachahmung der Kindersprache. Beispiele dieser Verkleinerung 
sind : pit^ piti (Peter) ; Tilwt., Jc/ieti (Katharina) ; (/reif, greidi (Grethe) ; 
mis, misi (Michel) ; mi^i, Seyi (Johann) u. s. w. Plural ist wie oben 
-im. Jetzt können diese verkleinerten Namen wiederum durch Hinzu- 
fügung der Silbe -yßn, pl. -yer verkleinert werden : sär9l, sdrli, särUxen, 
särUy,rr (Karl); fus, ^up, pisixcn, sufiy.w (Suzanna); hi^ eni, eni%sn, 
miyar (Anna). 

Ausser dieser Verkleinerungsweise der Vornamen gilt dann aber 
auch noch bei ihnen diejenige Art, die oben betreffs der gewöhnlichen 
Substantiva angeführt worden ist: sdrdl (Karl), §(h\)Ux9n, pl. sdrQUyer; 
hents ('naus), henfsdn, pl. henpn, pl. hhiprydr] pit u. peitor (Peter), 
pitx^n u. peitorxen, pl. pitdrx^r u. peit3rxdr\ en (Anna), entym, pl. hm-yer; 
zofef u. jou^op (Joseph), zofeftycn u. jouwptyrjn, pl. zofefdvx^n- und 
jou^op,>rX')r \ i^ali (Isaak), i^eMtym, pl. i^rJiJltyjr u. ifehory^r; meri 
(Marie), meriy.m, pl. meriy^r. 

Die Verkleinerung der Eigennamen mit -iyM ist in der Regel nur 
den kleinen Kindern gegenüber oder in der Koseform im Gebrauch, 
während die Endungen / und y.m auch bei den Namen erwachsener 
Personen sich vorfinden, so findet man z. B. Leute, die ihr ganzes 



— 117 — 

Leben lang pifi^ pitym ; AA/V/, khctx.ni ; (jreidi, (jreitX'>n u. s. w. heissen ; 
jedoch ist zu bemerken, dass die Verkleinerungsnamen mit der Endung 
-XM gewöhnlich nur im Gebrauch sind, um Leute zu bezeichnen, die 
klein von Gestalt sind, während die Verkleinerungsnamen mit der 
Endung i sich auch zur Bezeichnung grosser und starker Leute ge- 
brauchen lassen. 

Zu dem Deminutivum tritt noch sehr häufig hinzu Idmim^ Idan 
(fem. u. neut.), kleiner, kleine, kleines und llinfscjdit, kUnfsex (fem. 
u. neut.), sehr kleiner, kleine, kleines. Siehe die Steigerung der Ad- 
jektiva § 16. 

Auffallend und der Mundart eigentümhch ist, dass das verkleinerte 
Wort nicht wie in den andern Mundarten das sächliche Geschlecht 
annimmt, sondern dasselbe Geschlecht beibehält, das es in seiner nicht 
verkleinerten Gestalt hat : cIj nicnfx'»i (dass Männlein) ; (h)n fle.s<)ltX'>n 
(das Tischchen ) ; hj fr<eydn (ein Fräulein) ; h] lihfix'^n (ein Kühchen), 
Verkleinerte Frauenvornamen sind selbstverständlich vom sächlichen 
Geschlechte, da ja jene Namen, selbst wenn sie unverkleinert sind, 
sächlichen Geschlechtes sind, wie wir beim Genus der Substantiva § 13 
gesehen haben. 

C. Adjektiva. 

§ 15. 

Die Eigenschaftswörter werden wie im Hochdeutschen in attributiver 
und praedikativer Stellung gebraucht. 

Es gibt in der Mda. nur eine Deklinationsform. 

Beispiel: masc. Seinan, seino; fem. sein; neut. sein (schön). 







Mascul 


inum 


Femininum 


Neutrum 


Sg. 


Nom. 


scinon, 


seind 


sein 


sein 




(Gen. 


seinon, 


seini) 


seindr 


seinm, seim) 




Dat. 


seitmi, 


seind 


seindr 


seimn, seim 




Acc. 
Nom. 


Srimn, 


seim 


sein 


sein 


PI. 






sein 






(Gen. 






seinon, seim) 






Dat. 






sein>)n, seim 






Acc. 






sein. 





Die Formen seiiini stehen wie die Formen (im beim Artikel vor 
den Vokalen und vor ^/, f, ^.v, //, vor den andern Konsonanten aber 
steht seim: seim hdm (schöner Baum), do sdm haut (der schöne Baum); 
gnism des (grosser Tisch), di grüsjn des (der grosse Tisch). 



- 118 — 

Im Nom. und Acc. sing. fem. und neut. und im Plural der drei 
Geschlechter werfen viele Adjectiva auch ihr Schluss-;^ ab vor den 
Konsonanten mit Ausnahme wiederum von d, f, fs, //, andere behalten 
es aber immer bei. Eine feste Regel kann hier nicht aufgestellt 
werden, sondern jene Erscheinung hängt vom blossen Sprachgebrauch 
ab, so sagt man z. B. hj sei ivis (eine schöne Wiese), aber h] grein 
tvis (eine grüne Wiese) ; Jdd; frceoti (kleine Frauen), aber L-hciii frdon 
(kühne Frauen). . 

Obwohl in der Regel kein Unterschied zwischen starker und 
schwacher Form bei den Adjektiven in der Mda. gemacht werden 
kann, sondern in der Mda. nur eine Form aufzuweisen ist, so gilt das 
doch nicht vom dativ sing, masc. und neut., denn hier endet die starke 
Form auf -jni^ die schwache aber auf -.m, z. B. : dmi seindn JioU.s (dem 
schönen Holz) ; fu seitidm holts (von schönem Holz) ; (l>nt älo tvain (dem 
alten Wein) ; fiin ahm wain (von altem Wein). 

Die Adjektive auf -nt und -Jt wie hlant (blind) ; gehont (gesund) ; 
alt (alt) ; h/iaU (kalt), werfen das t in attributiver Stellung ab ; in 
praedikativer aber kann es abfallen und auch beibehalten werden; 
fällt es ab, so wird bei U der vorhergehende Vokal verlängert ; 9n älan 
des (ein alter Tisch) , d Ichälj ivantor (ein kalter Winter) ; t dl frä (die 
alte Frau) ; iväsdr as Mal od. liJcalt (das Wasser ist kalt) ; t p<^rt as 
al od. aJJ (das Pferd ist alt). 

Bei denen auf 7jJi fällt das Ä- in attributiver Stellung ab, wenn 
im Mhd. das c inlautend zu g wurde, in praedikativer Stellung aber 
kann das Je bleiben und auch abgeworfen werden ; wenn aber im Mhd. 
das c im Inlaut beibehalten wurde resp. zu k überging, so muss es 
auch in der Mda. in jeder Stellung beibehalten werden : küjA; lanc gen. 
langes, daher heisst es in attributiver Stellung Jmj9n, hhj (mit langem 
rt), in praedikativer aber /«y/r u. Idy ; jofß-, junc gen. junges, daher in 
attrib. Stellung joyon, Joij (kurzes o), in praedik. Jo>j/.-, selten Joy ; 
smayl-, slanc gen. slankes, daher in attrib. Stellung snuifj/üm, §maf]l\ 
in attrib. ebenfalls smafjJr, ebenso krayl-, kranc gen. krankes, attrib. 
l'raijAj)!, lrafjl\ praed. Ixrayk. 

Die Adjektive auf -mp werfen das p ebenfalls ab in attributiver 
Stellung, in praedikativer Stellung wird es häufiger beibehalten als 
abgeworfen ; Jn-omp (krumm), y kronu man (ein krummer Mann) ; slamp 
(hinkend) ; t slam frä (die hinkende Frau), t khou as slamp seltener 
slani (die Kuh ist hinkend). 

Nichts Schönes, nichts Gutes, nichts Schlechtes u. s. w. heissen 
naist seiiijs od. uaisf seints^ naist goados od. riaist goids, naisf sVeyps 



— 119 — 

od. Ji((isf .slryts u. .s. \v. Etwas Grosses, etwas Grünes, etwas Langes, 
etwas Junges u. s. w. heissen ejMs (jni^js, ejhJS yrein^s od. cjms- yreints ; 
epjs Imps od. Ipds läyJcs, (P')s joyo.s od. jouhs. ') 

Werden die Adjektiva als Substantiva neutrius generis gebraucht, 
oder ist ein Substantiv neutrius generis hinzuzudenken, so wird die Endung 
-.d an das Adjektiv angehängt, z. B. 9 grüsd (ein Grosses) ; t gru^d 
(das Grosse); t gondd (das Gute), j gou<l)t (ein gutes); <y^ het gcer .) 
meS'»-, ))ue o sarwd (ich hätte gern [-^ möchte] ein Messer, aber ein 
scharfes); wäf fir cent fun (l> llmmrm'^ dat Joy-jf, dat Idcend (was für 
eins von den Kindern ? das junge, das kleine). Das Gute, das Schlechte, 
das Ueble heissen auch : t goids. t Meyfs. f iiolts (iirdts hat überhaupt 
nur diese Form, nicht die auf -■>£). 

g 16. Steigerung der Adjektiva. 

Der Komparativ der Adjektiva wird gebildet wie im Hochdeutschen 
durch Anhängung von -or an den Positiv, der Superlativ durch An- 
hängung von st : sein, seiner, seintst (schön) ; staif, staifor, staifst (steif) ; 
näy, miy.n-, raiyßt (reich) ; rau, rmur, rcmst (rauh) ; rei., Kei^r, reist (roh). 

So wie im Nhd. werden auch in der Mda. die umlautsfähigen 
Stammvokale nicht immer verändert, z. B. fnmi, friinur, frumpst 
(fromm); dorn, donidr^ dompst (dumm), glät, gh'dor, gldtst (glatt); faid, 
faidjr, fmdtst (faul) ; aber grüs, grisjr, grist (gross) ; hlnUrts^ Jdii.ni.hr. 
hhiortst (kurz) ; Imj, le)jr)r, IhjMt (lang). Andere lassen doppelte Formen 
zu: orey, orcpr, oreyjt und ersjdt; erey^st (arg); sivojrts, swöMs.n-, 
swöartst und sivdrtssr, swmist (schwarz) in den südl. Ortschaften sagt 
man tiery, uerjrrr, ueryst und er^j-tr, rrcyst; stvdrfs, sicdrts.yy, sivdiist 
und swcerfsj)-, hvcertst). Ganz regelrecht sind gebildet fist von fhr 
(vorne, denn das r fällt vor st aus, wie wir bereits oben bei r ge- 
sehen haben) ; iew^st (obert) von KeiV'm (oben) ; ermt (unterst) von 
enou (unten) : dagegen ist hetmt (hinterst ) unregelmässig von hau.»- 
(hinter) gebildet, denn der Umlaut von a ist nicht r sondern c wie wir 
oben gesehen haben. 

Wie die Adjektiva so haben auch der Komparativ und Superlativ, 
wenn sie vor einem Substantiv des weibUchen oder sächlichen Ge- 
schlechtes stehen, keine Endung im Nom. und Acc. sing. : l/id; scin-n- 
haus (kein schcineres Haus); hj hes-ir frd (eine bessere Frau). 

In den Sätzen wie: der gelehrtere Mann, der treuere Freund u. s. w.. 
wo der Komparativ attributivisch mit vorangehendem bestimmten 

^) ejjas jotps od. epds jorjks wird in der Regel nur von neugeborenen Kindern 
gesagt, so z. R. : m.ir htm !'pds Jotjks (wir liaben etwas .Tunges d. h. ein neuge- 
borenes Kind); p hun ij^s joipc od. joißs (sie baben ein neugeborenes Kind). 



- 120 - 

Artikel vorkommt, gebraucht man in der Mda. in der Regel die Um- 
schreibung mit einem Relativsatz, z. B. <i) man, dj gslebrt)}- as (der 
Mann, der gelehrter ist = der gelehrtere Mann) ; dt frmf, den tmlor as 
(der Freund, der treuer ist = der treuere Freund) u. s. w. 

Der Komparativ wird syntaktisch verstärkt durch Vorsetzung der 
Adverbia fil (viel) und wa/t (weit) ; der Superlativ durch hai waiUm 
(bei weitem). 

Es muss jedoch bemerkt werden, dass im allgemeinen die an- 
geführte Komparativform auf -jr nicht so häufig im Gebrauch ist als 
die Superlativform auf -st., sondern man liebt es, sich mit dem Positiv 
mit vorgesetztem mei (mehr) zu begnügen. Geht dem Komparativ der 
unbestimmte Artikel voran, so setzt man dieses mei mit Vorliebe vor 
den unbestimmten Artikel, so dass dieser zwischen mn und das folgende 
Adjektivum tritt : mei o sein haus (ein schöneres Haus), jedoch sagt 
man auch j mei sein haus und -> seimr haus ; mei eij (jn'is fra u. eij 
mei gras frd (eine grössere Frau). 

Der eigentliche Komparativ auf -<>r wird jedoch mit Vorliebe ge- 
braucht in der Verbindung mit naist (nichts), khd'ii (kein) und epjs 
(etwas) : vaisf apsailejjy (nichts abscheulicher) ; tudst hesaros (nichts 
besseres) ; Jchcen domdr9 ments (kein dümmerer Mensch) ; TiJier^ frekdr 
Mandr (keine frecheren Kinder) ; epjs grisjr (etwas grösser) ; cpds 
tveinejdr (etwas weniger) ; epds speddr (etwas später) u. s. w. 

Jedoch gebraucht man auch häufig in diesen Fällen mei mit dem 
Positiv: naist mei gout (nichts besser) ; Ihd mei grjsait^re man (kein 
gescheidterer Mann) ; Mh] mei. Mm frädn (keine kleinern Frauen). 

Der absolute Superlativ wird durch den Positiv mit folgenden 
Adverbien ausgedrückt; gants (ganz), ongjhai^r (ungeheuer); Hon (ab- 
scheulich, hässhch); wstlex, mstjrh'x (ängstlich); frcestdrle^ ( verängstlich) ^); 

^) cBStlex und cestarlex haben im Sprachgebrauch die Bedeutung >ängstlich« 
verloren, wie es klar sich zeigt, wenn sie als Adjektiva gebraucht werden, denn 
dann bedeuten sie immer nur etwas Vornehmes, Tüchtiges. Sie sind jedoch sehr 
verschwommene Ausdrücke und werden sehr oft nur ironisch gebraucht, so 
z. B. wenn einer prahlt, so sagt man ironisch zu ihm : dau tcstlexd od. (cstdrle%d 

Icherdl (du Kerl) ; wenn man jemanden oder etwas vor einem andern lobt, 

der aber mit dem Lobe nicht ganz einverstanden ist, so sagt er : t W(crt o% na% 
epds dstarlexds pn (es wird auch noch etwas besonderes sein). Ohne Ironie sagt 
man jedoch auch dn Mtarlex^n hccr (ein tüchtiger, vornehmer Herr) ; hj cestlex 
khou (eine prächtige, sehr schöne Kuh) u. s. w. Aus dem Gesagten könnte man 
fast schliessen, dass d'stlex, (cshrlex die Bedeutung von »erstlich« habe. Dieser 
Bedeutung steht aber dann das frccstdrlex im Wege, denn dieses kann doch wohl 
nur als cestdrlex mit der Vorsilbe far- (ver-) angenommen werden, und dazu hat 
es die Bedeutung von »Furcht und Angst einjagend« oder auch von »ängstlich, 



— 121 — 

ong,)§rh)h"/^ (ungeschicklich unschicklich); hr.tnitcisex (übermässig); 
hvjr ii) iiioaon (über die Massen); hl-bs (höllisch) 'j; swaintscyi (schweine- 
mässig)^). Gants entspricht dem Nhd. ganz und sehr. Alle angeführten 
Adverbia mit Ausnahme von (jnnts, I/el/s und swa'mtscy^ können in der 
Regel eins für das andere gebraucht werden, denn sie drücken alle ins- 
gesamt das Ausserordentliche, das Auffallende aus, z. B. ong.>ham\ ihn, 
ceMex, d'shrkx. ffcest'frU'x-, iiC9r (l> nnjsfm, iwjrmdsex ongf).hJi.jlcx doni 
(dumm ), raix (reich), dawr (teuer), ar.mi (arm) ^) u, s. w. 

Sehr auffallend und der Mda. ausschliesslich eigentümlich ist der 
Superlativ auf -ex oder -ex-, den man bei einer ziemlich grossen An- 
zahl von Adjektiven neben dem auf -st vorlindet: älrx u. äl('x (sehr 
alt), grüsex u. griisex (sehr gross), Idintscx u. kUntsex (sehr klein), hhjcx 
u, Idßex (sehr lang) u. s. w. : j Idintsey^ JclK-nty^Ju (ein sehr kleines Kind) ; 
3 seinex haus (ein sehr schönes Haus). Die Endung -ex (mit langem e) 
ist eine Verstärkung des einfachen -ex (mit kurzem e), so dass der 
Superlativ um so mehr verstärkt wird, je länger man mit der Aus- 
sprache auf der Endsilbe -ex verweilt, diese bekommt jedoch nicht da- 
durch den Hochton, sondern derselbe bleibt nach wie vor an der 
Stammsilbe des Adjektivs haften. Um diesen Superlativ noch mehr 
zu verstärken, setzt man häufig noch meiJex (möglich) hinter denselben, 
wodurch dann der stärkste absolute Superlativ entsteht : m alex.) meUeyj 
od. dfi aUx^ meUeyß man (ein sehr alter Mann, es bedeutete wohl ur- 
sprünglich : ein ältst möglicher Mann, eine Bedeutung, die man jetzt in 
der Mda. dabei gänzlich vergessen hat) ; on heieyß meileyd od. >m hciex^ 
meilcx.) herrx (ein sehr hoher Berg, ein höchst möglicher Berg). 

Unregelmässige Steigerungsformen haben gout (gut) und fd (viel) ; 
gont, hi'.s.n-, best daneben jedoch auch, aber selten, goufSt ; fd, mei, mcesf 

beängstigt« beibehalten, z. B. wenn jemand erschrickt uder etwas Haushohes, 
FürchterUches erbhckt und dabei grosse Augen macht, so sagt man von ihm : 

3)1 hot t ihn frtekdrlex opgdras (er hat die Augen aufgerissen) ; von einem 

ungeheuer grossen Tiere oder Menschen, in dessen Gegenwart es einem etwas 
unheimlich wird, sagt man a frcekarlex dei^r, 9 frd-Hjrley^a meijts ; von einer un- 
heimlichen Gegend kann man auch sagen hj fuesldrlex fffßnt, von einer ganz 
stürmischen Nacht hj fneStgrlex nuet u. s. w. 

*) hebs kommt nur vor khäl, Jchalt (kalt) vor, also nur heb.^ khäl od. khaU, 
wie man auch manchmal für sehr schlecht hhndl Sth/J sagt. 

*j Siraintse/ gebraucht man gewöhnlich nur vor rai'x (reich) und daLir (teuer) : 
Stcaintsex i'aiX] ^i^ainlsey, dabr (sehr reich; sehr teuer). 

^) Einige absolute Superlative werden durch stehende Ausdrücke wieder- 
gegeben, z. B. Starek awei a pcert (stark wie ein Pferd) ; mis ewei hj kre (nass wie 
eine Krähe = sehr nass); foJ od. dro)\k.m ivei on heijkal (betrunken wie ein Küch- 
lein = sehr betrunken) ; khanounefol (kanonenvoll = sehr betrunken). 



— 122 — 

und weniger häutig ////i-/ ; für »die meisten« sagt man t »uest, (l> mcestm 
(IS, cIj mcest) po.)rt^). Ihi (hoch) heisst im Superlativ hcist und heHf, 
welche im Grossen und Ganzen dieselbe 13edeutung haben, d. h. eins 
kann für das andere gebraucht werden, wenn etwas Materielles gemeint 
ist; spricht man aber von Oberhäuptern oder etwas Ungreifbarem, so 
gebraucht man immer hrlSt: dm heUt) od. hcisU hercx (der höchste 
Berg) : f //dSt od. f hcist haus (das höchste Haus) ; (h JcJiincJc as dm 
h'l-stw (der König ist der Höchste); t nwr t hckst tsait (es war die 
höchste Zeit). Das Adverb, (jdr (gerne) heisst im Komp. h'iu\>r von Idf 
(lieb) im Superl. gärst u. Icifst. 

»Als« nach dem Komparativ lautet in der Mda. as, Jivel (wie), 
as ivei: m as raiX'>r as ex od. as wel ex od. <nvei ex (er ist reicher 
als ich). 

»Am« vor dem Superlativ kann durch »am« wiedergegeben 
werden: den am bestd sraift (der am besten schreibt); dei am gcerst) 
od. am leifstd läfm (die am liebsten laufen) ; de.l am seitisfj ^in (die am 
schönsten sind) ; del am siieltstc od. ^ei,)rsii ghi (die am schnellsten 
gehen) u. s. w. Aber man setzt auch ebenso häufig, wenn nicht noch 
häufiger, d^r an Stelle des am, welches d,>r bei allen drei Geschlechtern 
sowie bei der Ein- und Mehrzahl unverändert bleibt: t fm, dei. (br best 
Ihax^ Man (die Frau, die am besten kochen kann); t mHxm, ivou 
drjr seintst heitst (das Mädchen, welches am schönsten näht); t mcn9r, 
woH od. dei ddr slexßt ^eiym (die Männer, welche am schlechtsten 
singen); t kaipr, icou od. dei dor md-st Mtastm (die Häuser, die am 
meisten kosten) ; dut as dor best (das ist am besten). 

Beim Verbum pn (sein) kann man sich jedoch auch wie im Hoch- 
deutschen ausdrücken : dei mhhn-, dei dei best ^in od. dei tnencfr, wou 
dei best ^in (die Männer, die die besten sind od. welche die besten 
sind); t metxßn, dut dat grist as od. ivou dat grist as (das Mädchen, 
das das grösste ist od. welches das grösste ist ; aber häufiger sagt man 
auch hier wie oben: dei ddr best fin; dat d^r grist «.§. 

D. Zahlwörter. 

§ 17. 

a) Grundzahlen. 

1. dn, en, mit; 2. tsiven, tswou, tswä; 3. drai; 4. feidr, in Koenigsm. 

fer; 5. fetiaf; 6. ^eJis ; 7. fiivon, südl. pwjn; 8. ('r/t, südl. iet, in Koenigsm. 

et; 9. nain, südl. neij ; 10. tsein, südl. tse)], in Koenigsm tsen; 11. celjf; 



^) ch nicestdn cMl und da mdstd pödvt bedeuten auch »meistenteils«, das 
hochdeutsche »meistens« wird gewöhnlich durch ^dar mdst« wiedergegeben. 



— 123 — 

12. fswH.if. südl. fsu-'/rlcf. Koenigstn. isu-rUf; 13. dmutmu^ südl. dniifsn], 
Koenigsm. draitsm: 14. fchisein (tsem mit seinen soeben angeführten 
Modiüeationen) : 15. foftsein; 16. ^eytsein ; 17. fnvjtsem; 18. uyUein, 
südl. tie/tsey, Koenigsm. äyUhi; 19. nmmtsein, südl. >?oy/if.sr'y, Koenigsm. 
nauntscn; 20. tswaniscy; 21. d'iidntsmmfsf'x, südlich hj-mtsivantscx ; 
22. tsivchnitsu-antscy; 23. (Irü'h)ntswmiUcy; 29. naindntswantscx^ südlich 
nrißntswantscy; 30. draiscy, südl. drcsey; 40. fcertsex', 41. cendfcertscy, 
südl. hjjfdrtscx ; 50. foffscy; 60. '^('yUcy; 70. fiwdtscy; 80. aytscy, südl. 
Hcytsiy; 90. nahdscy, südl. iioißiscy ; 100. houjrt; 101. Imurt d')d oder 
homrt an (und) <e«^; 102. Imurt tsivd; od. Ii<m<>rt an fs-wd; ; 105. honort 
fcmf od. Itonrrt a fenof; 200. tswSionni ; 300. draihomrt; 800. «x^ 
(resp. /e/" od. ^f) homrt; 1000. daupnt; 10000 f.^e/w (resp. f.sr// od. f.9e>^) 
daupnt; 1000 000. wi/joun, in Koenigsm. niiljon. 

Die substantivisch gebrauchten Zahlen sind männlichen Geschlechtes 
indem sie -fr>/-. nach ^ und / aber -6°f3/- anhängen : .»^ d'nt.n-, eine eins ; 
f/aw, 9M tswMor^ die, eine zwei ; <>« drei))-, südl. dratjt\ eine drei ; 9 fridrtn-, 
eine vier; .^ fnidftn. eine fünf; -> fekstjr^ eine sechs; --) ^kvmitar, südl. 
fiiimdrir, eine sieben ; .>>^ ayßt.n- u. ^^z^^>/', südl. ief.§t<)r, Koenigsm. e^6°^c?>-, 
eine acht ; .> nai)dj>\ südl. jtojtir, eine neun ; -y;/ tse'mtdr, südl. tse't]ta); 
Ka'nigsm. tseniir^ eine zehn ; <>?? tswantseystor, e. zwanzig ; ->« draiseyjtjr, 
südl. drcscyßtcr^ e. dreissig ; ->/* ]ion,rrtstjr ^ e. hundert ; ryi?. daupntstdr, 
e. tausend. 

Die beiden ersten Zahlen werden folgendermassen dekliniert: 





Masculinum 


Femininum 


Neutrum 


N. A. 


rpw 


tswen 


e?? 


tswou 


ft-»^ 


tsivce 


G. 


e^jf>.§ 


tswcnjr 


hpr 


tstvoiur 


cyos 


tsww9r 


D. 


<ew* 


tsivemn 


hpr 


tswoimi 


ceni 


tstvdfdn 



Das adjektivisch gebrauchte Zahlwort »ein« hat in betonter 
Stellung die Funktion eines reinen Numerale, in unbetonter aber die 
des unbestimmten Artikels ; es hat dementsprechend auch eine doppelte 
DekUnationsweise, nämlich : 





Masculinum 


u. Neutrum 


Femininum 




betont 




unbetont 


betont 


unbetont 


N. A. 


din, di 




,)l), 9 


en 


h 


G. 


hps 






eyor 




D. 


d'm 




■ttn 


hpr 


hjjv 


Um auszud 


rücken : > 


>er 


ist in den 


zwanziger 


•lahren«. 



kann man 

sagen: ■)» as nu dm tswantsejor jojrott od. ■»u ax ai/ dm tsu'antscjju ; 
ebenso für »in den dreissiger, vierziger« u. s. w. 



— 124 — 

Bei imgeiähren Zahlangaben z. B. für »ungefähr fünf und zwanzig« 
sagt man: h]>r fciuf jii tswaißücx; ^'ö f(-'n<jf •jii tswanhex; onycfccr fcnjf 
m tsivaut'icx ; oiigjfcer hj od. eyar fendf on tswcmtsex; ofes'^) fendf dn 
tswantsex, ; otds h] od. hpr fenof on tswaufscx ; un do fendf on tstmntscx 
(an die fünf und zwanzig). 

Die Zeitbestimmungen nach der Uhr werden auf die Frage /relt'x 
tsait ns i>t? (welche Zeit ist es?) icek'x tmit kumer? (welche Zeit haben 
wir) icri fU audr as d? (wie viel Uhr ist es?) wie folgt ausgedrückt: 
evi aim- (ein Uhr) ; f as hj aiidr (es ist ein Uhr) ; e^ mm' a fendf mi- 
nut)u (ein Uhr und fünf Minuten) ; hj amr an d fcevA (ein Uhr und 
ein Viertel); <> fcer.)] uo ey od. <> fcerd op tswou (ein Viertel nach eins 
od. ein Viertel auf zwei) ; halivJr tswou (halb zwei) ; nax fsivantsex 
yninuU hes tswou (noch zwanzig Minuten bis zwei) ; nax ^ ffsrol bes 
twou (noch ein Viertel bis zw^ei) ; tsivou mur weinejdr d fdrd od. tswou 
iveinejdr d fmrdl (zwei Uhr weniger ein Viertel). Abweichend vom 
hochdeutschen Sprachgebrauch stimmt das Zahlwort, welches deklinierbar 
ist, wie (en, hj, mit, tswen, tswou, tswcc, mit dem Worte au,>r im Genus 
überein; aw»- jedoch bleibt unverändert. 

Auf die Frage weinciY (wann?) oder em wei fd audr (um wie 
viel Uhr?) erfolgt als Antwort: em ey (um eins); cm eij mur (um ein 
Uhr), em tswou (um zwei) ; cm tswou an.»- (um zw^ei Uhr) ; mct,)s em, 
tsweldf audr od. mctjs tsweljf aujr (Mittags zwölf Uhr) ; uucts em tswehf 
auor od. nuets tswebf atur (Nachts zwölf Uhr) ; morjjs, öwmts em ^eks 
atior od morjes, oumds feJcs auer (morgens, abends sechs Uhr). 

Auf die Frage em, um fil aiur omjjfcer? (um wie viel Uhr un- 
gefähr?) oder im allgemeinen weinei ongdfcer (wann ungefähr?) antwortet 
man : otjs cyar fccrol ston, otds ey fcerd ston, ong^fcer an od. no ey^r 
f(srdl ston (ungefähr in od. nach einer Viertelstunde) ; ot9s 9 pibr stonon 
(in ein Paar Stunden ungefähr) ; otjs drai stonen, ment, jojr ^) (unge- 

^) Vielleicht abzuleiten vom mittelniederdeutschen ode (gemächlich, leicht- 
lich, gern, 1. Lübben-Walther Mnd. Handwörterbuch). 

^) Ist eine Zahlangabe bei Jahr, so wird iöar in der Mda. stark dekliniert, 
z. B. t pn tswantsex jÖ9r (es sind zwanzig Jahre) ; dn as foftsein joar alt (er ist 
fünfzehn Jahre alt); in den anderen Fällen aber geht es nach der schwachen 
Deklination: t jödrdn Imn 9n hi (die Jahre haben ein Ende); tritt aber ein Adjektiv 
oder sonst welche nähere Bestimmung hinzu, so kann es stark und schwach 
dekliniert werden, es geht jedoch häufiger nach der starken Deklination. Bei der 
Präposition an (in), welche doch den Dativ regiert, können du (Tage), ment (Monate) 
und io9r- (Jahre) dekliniert werden oder auch undekliniert bleiben, z. B. in drei, 
vier Tagen, Monaten, Jahren heisst sowohl an, drai dö, ment, jodr als auch an 
drai dÖ9n, mentdn, jöaran: d hhempt an drai dö od. drai dödn drdm (er kommt in 
drei Tagen zurück). 



125 



fähr in drei Stunden, Monaten, Jahren). Bei den altern Leuten ist 
ot)^ viel häufiger im Gebrauch als ou(j<>f(rr. 

Noch sehr im Gebrauch ist hcU (beide) in der Verbindung mit 
all (alle): Nom. u. Acc. ah hccf, Dat. alj hd'ddn. 

Homrt (hundert) und äanpnt (tausend) werden auch als Substan- 
tiva gen. neut. gebraucht : t honni mUt (das Hundert Salat) ; .m daupnt 
lihuelm (ein Tausend Kohlen). 

b) Ordnungszahlen. 

1. eist, Kcenigsm. est; 2. tswcet; 3. dret, südl. drat; 4, fe'urt, 
Koenigsm. fert; 5. fiu.ift; 6. ^<ikst; 7. pivdnt, südl. pivdnt; 8. d/ß und 
äxt, südl. ietst u. ict, Kcenigsm. etst u. et; 9. nainf, südl. ncyJd; 10. fseinf, 
südl. tscijkf^ Koenigsm. tseiit; 11. ehft; 12. tswehft, südl. tsivieJoft, Koenigs- 
machern tswehft; 20. tswantseyßt ; 30. draiseyßt, südl. dreseyßt: 40. /V/zY- 
.s^X^f, Koenigsm. fertseyst; 100. hoiidtist; 1000, daupntst; 1000000 /;///- 
■jonntst, Koenigsm. miljoutst. 

Sätze wie: »Sie sind zu acht gekommen« lassen sich wiedergeben 
mit : p gin tsou dyj khoni ; t |m liiarsr äyt Jchom (es sind ihrer acht 
gekommen); t ^in dor äyt hltom (es sind der seil. Leute acht gekommen); 
p ^in tsoiim äystd khotn (sie sind zum achten gekommen). 

Die Jahreszahlen von 1801 bis 1899 werden wie folgt ausge- 
drückt : t (entdr ^) od. t cistr)r jodr, t tsiccetor jodr, t dreter juor u. s. w. 
immer mit Auslassung des Jahrhunderts. 

c) Teilsahlen. 

1. gantsdn (ganzer); ga}}ts (ganze); gants (ganzes); ist es sub- 
stantivisch gebraucht oder ist ein Substantiv des sächlichen Geschlechtes 
dabei zu ergänzen, so heisst es o ganpt, t gcmpt, südl. t gdntst; 
^1-2 halwDn, südl. hdficJii (halber) ; kaljf, südl. Itdbf (halbe, halbes) ; <?» 
halicjt, südl. hälft (ein halbes, wie oben bei ganpf) ; Vs '»i drefcl, südl. 
dratd, od. don dretm resp. drat^n dcel, xwort Koenigsm. j>a/-^; ^U j fdr.d 
od. d,> fel)rt,m resp. fetirm dd;l, pödii resp. prof ; '/."> d^> faitflm dd-l, 
pöjrt; ^/lo d.m tseinlm dd'l, po.irt ; ^Um ddu hondrtstdn dcel, poJrt. Analog 
gebildet ist dj mcestm od. gristm. dd-l u. d) nice.st.) p6,))i, der meiste 
od. grösste Teil, die Mehrzahl. 



') (Ent kommt nur in d c m Ausdrucke für eist vor. eist mit dem un- 
bestimmten Artikel heisst auch »sehr tüchtig, sehr gut« : a« eiH^n Ualdöt (ein 
sehr guter, sehr tüchtiger Soldat) ; t as dn eiH pccrt (es ist ein sehr gutes, sehr 
brauchbares Pferd). 



— 12R 



Von Vr. ab sind die Siibstantiva -<)J sehr wenig im Gebrauch; 
die Jüngern Leute gebrauchen sie öfter als die altern, eine Erscheinung, 
die wohl dem F]influsse des deutschen Schulunterrichts zu verdanken ist. 



E. Pronomina. 
§ 18. 



a) Personalia. 
Die persönlichen Fürwörter haben zwei Reihen von Formen ent- 
wickelt, eine betonte und eine unbetonte. Sind die unbetonten Formen 
suffigiert, so treten sie bisweilen in verkürzter Gestalt auf. 







1. Person 




S 


!. Person 






betont 


unbetont betont 




unbetont 


Sg. 


N. 
G. 


mnpr 


n 


d(ui südl. 
deipr 


du 


dem dd südl. du dd 




D. 


mUr südl. mer 


niDr 


didr südl. 


der 


ddr 




A. 


me% 


mcyi 


dei 




dei 


PI. 


N. 
G. 


ni'oy südl. mer 
üpr 


mdr 


didr südl. 


der 


ddr 




D. 


US 


US 


h 




n 




A. 


US 


US 


3. Person 




n 






Masculinunn 


1 


Femininum 


Neutrum 






betont 


unbetont 


betont 


unbetont betont unbetont 


Sg. 


N. 


hhi Königsm. hm 


•)n 


^iii südl. p 




p hat dt t 




G. 


^e/ßjr 




hiorer 




scydr 




D. 


1dm 


om 


Mdr 




dr him dm 




A. 


hm Königsm. hm 


on 


^c'd südl. ^l 




p hat dt 








betont 


unbetont (für die 3 














Geschlechter) 








PL N. 


^äi südl. fi 




P 








G. 


hiorer 












D. 


hinon 




dn 








A. 


^cä südl. ^'i 




P 



Das unbetonte enkUtische Pronomen der 2. Person sing, verliert 
das d: basta (bist du); wodrstd (warst du); hostd (hast du). Folgt ein 
Vokal auf ebendasselbe enkhtische Pronomen, so wird von letzterem 
gar nichts gehört: hcfst o/ (läufst du auch); gd^aist etvdl (siehst du 
aber); gMt iivdr t gas (gehst du über die Gasse). 

Mehrere Wörter wie wou (wo) ; ivaü (weil) ; wan (wenn) ; ivei 
(wie) ; den (der, welcher) ; dei (die, welche) ; dat u. d(d (das, welches, 



— 127 — 

dass) hängen .s an. wenn sie vor dd/t resp. du und drf resp. du zu 
stehen kommen, wobei dann aber das d des Pronomens zu t übergeht : 
ivanstcm (wenn duj ; wailsü'm (weil du) ; dvnst.) hast (der du bist). IBcs 
(bis) u. as (als) verwandeln in der Stellung das s in 6^ : hestj (bis du) ; 
üstaa (als duj. 

Ausdrücke wie: du Kerl, du Schelm, du schlechter Mensch, du 
Lump und andere dergleichen Ausdrücke und Ausrufungen werden all- 
gemein mit da od. dn JcJier'^I, dil od. du seljm, da od. da §lryt> mcnfs, 
da od. dn lohip wiedergegeben; jedoch wird in den nördlichen Gegenden, 
wo ddii und daa im Gebrauch ist, auch letzteres mitunter in solchen 
Ausrufungen gehört, so dass man hier hört: dda^ daa, da, da sehui ; 
dda, daa, da, da Iciwjr (jot (du lieber Gott) u. s. w. 

Der mittelalterliche Gebrauch der Anrede, das Duzen (in der 
Mda. nördl. daatsJii, südl. ddh.m) und Ihrzen (in der Mda. d'i.jrUm und 
dUU.m, südl. dcPiism) hat sich in der Mda. bis auf den heutigen Tag 
unverändert erhalten. Das Anreden mit Sie (sdi, fi) ist vollständig 
unbekannt. Das vertrauliche Du unter gleichalterigen Freunden, Ver- 
wandten, Bekannten, ja unter sämtlichen Bewohnern eines Dorfes oder 
einer kleinern Stadt, z. B. wie Sierck, ist durchaus das gewöhnlichere. 
Aeltern und unbekannten Leuten, sowie auch den höhern Ständen An- 
gehörigen gegenüber ist das Anreden mit Ihr {dijr, resp. der) im Ge- 
brauch. Auch die Kinder ihrzen (dmisdn u. distson) meist ihre Eltern, 
nur die ganz kleinen Kinder dützen {daatsDn resp. diUsdn) dieselben und 
überhaupt einen jeden beliebigen. 

Es dürfte vielleicht auch hier am Platze sein, einiges zu be- 
merken über die verschiedenen Ausdrücke, die man gebraucht, um 
Jemanden anzureden. Aeltere bekannte Männer redet man mit eim 
(Oheim) ; dm, dm 2}dtjr (Peter) ; dm hents (Hans). Folgt ein Name, 
der mit m beginnt, so verschmilzt das m von dm in der Regel mit 
diesem m zu einfachem m: dmets (Oheim Mathias), jedoch hört man 
auch dm m'cts. Unbekannte ältere Männer redet man ebenfalls mit 
dm od. dmptym oder mit pctn- od. peth-ym (Pathe, Pathchen) an ; un- 
bekannte jüngere Männer und Jünglinge und auch Knaben gewöhnlich 
mit pctn-ym. Bei älteren bekannten und unbekannten Frauen gebraucht 
man die Anrede mit mdmi (Muhme ^ Tante) ; folgt ein Name, der mit 
einem Konsonanten beginnt, so wird mdmi gewöhnUch zu mdmj oder 
mdm: mdmo (jrdt od. nwim grdt (Grethe); mdm.) lihlt od. mdm Met 
(Katharina), jedoch hört man auch mdmi grdt, mdmi Met; aber nur 
mdmi en (Anna), weil der Name mit einem Vokal beginnt; folgt ein 
Name, der mit m beginnt, so hört man gewöhnlich nur md: md mrri, 



— 128 — 

mcl mrai (Marie). Uin fremde Mädchen anzureden bedient man sich 
des Wortes mamfel (fr. mademoiselle) od. mam^eltyyn, äusserst sehen 
des Wortes ji(p>r, jiprxM (Jungfer). 

Männer eines hühern Standes oder solche, die man besonders 
ehren wih, redet man an mit hcer (Herr) oder mosjc (fr. Monsieur); 
Frauen mit madam (fr. Madame) ; Mädchen mit mamfel (fr. Mademoi- 
selle) oder aber sehr selten mit jufjr (Jungfer). Will man nun die 
betreffende Person noch näher bezeichnen, so folgt in der Regel der 
Familienname bei verheirateten Männern und Frauen, bei unverheirateten 
Personen der Familien- oder Vorname, letzterer ist aber bei unver- 
heirateten Weibspersonen häufiger im Gebrauch als der FamiUenname. 
Gebraucht man nun den Vornamen, so nimmt man nicht den Namen, 
wie er in der Mda. gewöhnlich verkürzt heisst, sondern wie er entweder 
im Hochdeutschen oder im Französischen lautet. Beispiele; Jicer oder 
nigsje snaidär; hcer od. mosje hremdr\ madcmi ivebdr\ Imr od. mqsjß 
nildiola ; mamfel marl ; mamfel ana. Dem Vokalismus nach aber schliessen 
sich auch in diesen Fällen die Namen nicht selten an die Regeln der 
Mda. an : mosje täpr (Monsieur Tailleur) ; mosje pur (Monsieur Pierre) ; 
mamfel lusi (Mademoiselle Lucile). 

b) reflexivum. 

Das Reflexivpronomen hat in der Mha. die beiden Formen ^ei^er 
(seiner) u. jf/ (sich), welches als Dativ und Accusativ sing, und plur. 
silt und sowohl betont als unbetont sein kann. 

c) possessiva. 

Die adjektivisch gebrauchten besitzanzeigenden Fürwörter lauten 
wie folgt: 

masc. main dain sain il^on ceron Jmrdn 

fem. meij deij ^ey üs wr hior 

neut. main dain ^ain tlst cbr südl. eert Mdr südl. liiort 

Die substantivischen hängen im Neutrum t an, wenn sie es nicht 
schon haben, also : mainf, daint, ^aint, üst, drt, h'tJrt. 

Masculinum Femininum Neutrum 

Sg. N. A. main meij main 

G. metps meijdr meips 

D. maim südl. metpm mey.ir maim südl. meipm 

PI. N. A. meri 
G. mcfjjr 
D. i)U"ij,)]i 



129 



Aehnlich gehen (hiin und ^ain : genet. (loj.jr, ^rijj'' u. s. w. ^ain 
wird nur gebraucht wie im Hochdeutschen bei männl. und sächl. Sub- 
stantiven, bei weibl. sagt man hlrnm, hur (ihr, ihre, ihr). 

«|:-m, cerdii, hlmm werden dekUniert w'ie die Adjektiva, doch haben 
sie den Genitiv erhalten. 

Masculinum Femininum Neutrum 

Sg. N. A. üpn US ttSt cer südl. cert 

G. ü^es üpr tips csros 

D. i(pm üpr üpm mrjm 



PI. N. A. US , cer 
G. iipr d'ror 
D. üpn diron 

Die Genetive dieser Pronomina sind sehr im Gebrauch sowohl in 
absoluter Verwendung als auch in Verbindung mit einem Substantiv 
oder in elliptischen Ausdrücken : .ni hat khey ep,)J, <hu hot ,ni iU'^>' g->hol 
(er hat keine Aepel, da nahm er unserer d. h. von den unserigen); 
cer<)r Jchmur mit (eines eurer Kinder) ; .m hot ups hrout (jes (er hat 
unsers Brodes, d. h. von unserm Brod, gegessen) ; .m hot ups ivai 
g^drojjk (er hat unsers Weines, d. h. von unserm Wein, getrunken); 
lips Mei (unsers Klees); on dccl^ einen Teil, ist wohl in allen jenen 
elliptischen Ausdrücken hinzuzudenken) ; drc'd Moror medorior (drei ihrer 
Mädchen) ; äpr^ dr.n^ huror pJcs (unser, eurer, ihrer sechs). 

Hier möge auch bemerkt sein, dass bei Redensarten wie: dem 
pfjjr (wegen dessen) ; ddr hhror (wegen ihrer = ihretwegen, fem. 
sing.) ; dmm Injror (wegen ihrer, plur. der 3 gen.) ; dar n-dnt h^^r^r 
(wegen der Versteigerung, fr. vente); dorn haus ^eijcjr (wegen des 
Hauses) u. s. w. die Gausalpartikel /rf'j.ni od. wejmt (wegen) weggelassen 
werden kann und dennoch die causale Bedeutung fortbesteht. Auftallig 
ist die Konstruktion, nämlich: der Dativ mit Artikel und folgendem 
Possessivpronomen im Genetiv. Man kann jedoch auch wvjon od. u'epnt 
vorsetzen aber mit Beibehaltung ebenderselben Konstruktion oder höch- 
stens mit Auslassung des Pronomens : wepn dem p^<>r (dessentwegen) ; 
ivi'j.nt od. u-cj.mt di pcerdon od. urjont dd pdrdjn hurdr (wiegen der 
Pferde) ; wej,m d,) Ihcim od. nrj.V) d,> hhcim h/,)r.>r (wegen der Kühe). 
Meinetwegen, deinetwegen u. s. w. lautet am häufigsten: ircj.nd mojn; 
urj-nd di')j.n\, irrjint 3<)jn\ in'j.mf thn^ irrjmt d'r.n\ in'j.nd hl>r,)r (letzteres 
ist sowohl fem. sing, als plur. für die 3 genera), weniger häufig: main.d- 
ivrjni u. mciptarj.tit, da'üuta-cjnt u. doj.dirrjj)!, ^ainjtivrj.tn u. ^cijda-cj.fn, 



— Ibi) 



Hpticejju, feydicejjii, hi.)r,)ticej<)n. »Deswegen, deshalb« heisst nur 
wejm(t) dem od. wejm(t) cUm ^etpr, die Causalpartikel darf also in diesem 
Falle nicht weggelassen werden. 

Verstärkt wird das Possessivum durch Hinzufügung von cejjn 
(eigen) oder durch einen Relativsatz : (U forstcet cm ^ain wj-) wüdrt net 
(da versteht man sein eigenes Wort nicht) ; 9n hot nior cd ^ai gelt gen, 
ddt dn hat (wörtl. er hat mir all sein Geld gegeben, das er hatte). 

Die substantivisch gebrauchten Possessivpronomina werden im 
Masculinum und Femininum sing, und plur. und im Neutrum plur., da 
sie hier keine besondere Endung annehmen, wie die adjektivisch ge- 
brauchten, die wir oben gesehen haben, dekliniert. Im Nominativ und 
Accusativ sing, des Neutrums aber haben sie das oben erwähnte 
Schluss-^, also : 

Neut. Sing. N. A. mcdnt dahit 

G. mems deips 

ß / nördl. 7)iafni daim 

\ südl. mcjjeni deipm ^ef}9m 

Im Hochdeutschen kann der bestimmte Artikel vor diesen Für- 
wörtern stehen, die Mda. lässt denselben aber nie zu, weder wenn sie 
adjektivisch noch wenn sie substantivisch gebraucht sind: mt haus 
(unser Haus, das unsrige Haus) ; cert as hes^r as wei üst (das Eure ist 
besser als das Unsere) ; ^is hlionidn oy^ (die Unsrigen, Unsern kommen auch). 



^aint 


ust 


cert 


hmt 


^efj<)s 


ups 


cerc)s 


hiaros 


^aim 


tlpm 


drdm 


Mordm 



d) demonstrativa. 

Die hinzeigenden Fürwörter bezeichnen entweder einen gegen- 
wärtigen Gegenstand oder im allgemeinen etwas Nahes oder etwas 
Entferntes. Um etwas Gegenwärtiges zu bezeichnen, bedient man sich 
folgender Fürwörter oder Ausdrücke ; depn masc, des fem., det neut. 
(dieser, diese, dieses) ; den dlai masc, dei olai fem., dät dlai neut. und 
auch aber sehr viel weniger den hai, dei hai, dat hai (der hier, die 
hier, das hier). Um etwas Entferntes zu bezeichnen, sagt man: den 
olo, dei 9J6, dät olö und auch aber äusserst selten den do, (lei dö, dät dö 
(der da, die da, das da; dät dapn dlai (das Ding hier = dieses 
Ding == mda. det deijon) ; dät deijon dö (das Ding dort = jenes Ding) ^). 



^) Zwischen dJai u. hai und dlö u. du gibt es in der Mda. einen grossen 
Unterschied : dlai und dlö bezeichnen nur einen ganz bestimmten Ort, auf den man 
gleichsam mit dem Finger hinzeigt, während hai und dö einen weit grössern Um- 
fang haben, z. B. dd man as dlai heisst: der Mann ist an diesem bestimmten, vor 
mir hegenden Orte; da man as hai aber heisst: der Mann ist an diesem Orte, im 



— IHl 







Mascul. 


Feniin. 


Neut. 


für die 8 Geschlechter 


Sg. N. 


A. 


depn 


des 


dd 


PL des 




G. 


deps 


dcpr 


deps 


depr 




D. 


drpilt 


dcpr 


drpm 


dcpn 


Sg. N. 


A. 


den ola't 


dci dal 


ddt dal 


del dal 




G. 


dcej.-i ,)lüi 


dcer dal 


ddios dlal 


dcer dal 




D. 


driit dal 


dwr dal 


dem dal 


dm-m dlai 



Ebenso werden den hal, den do und den do dekliniert. 

Wie im Hochdeutschen bei »der da« der Gegenstand, den man 
bezeichnet, zwischen der und da steht, so geschieht es auch in der 
Mda. : de man dal (der Mann hier) ; ddt haus do (das Haus da). 

e) determinativa. 

Wie im Neuhochdeutschen das einfache betonte der, die, das als 
Pronomen determinativum gebraucht wird, so auch in der Mda. r/m, 
del^ dat. Ausserdem kommt noch sehr häufig vor df^^elwej.m^ dei^ehvex, 
daf^Hweyi (derselbige, dieselbige, dasselbige = derselbe, dieselbe, dasselbe) ; 
das Neutrum als Substantiv gebraucht lautet datfdiveyj und t^elweyt; 
weniger häuiig gebraucht man dejeinejdn^ deljelnex, datjemey (derjenige, 

diejenige, dasjenige). 

Masculinum Femininum Neutrum 

Sg. N. A. den del ddt 

G. dceos dcer dwds 

D. dem dar dem 



PL N. A. del 
G. dmr 
D. detun 
Sg. N. A. defelivejjn u. d,)felwej<)n delfekcey u. ffehoy dätfelwey u. tfelivey 

G. ddJSgehvejfm djsfelwejon dcerfclwejor dorfehcejor dceJS^eliveJM d.)sfelweJ3n 
D. dcm^elwejon d.imvlirejjji d(erp'hrej,>r d.n-^el/rej.n- dei)i~>eJirej.in dJ)n^eJivej,m 

PL N. A. del^elwcx u. t^elwex 

G. dcerfehvejür di)rf€lwejjr 
D. de^elicejon ddfelwej,m 
Sg. N. A. dejclnej,m deljelnex dafjelnex 
G. fehlt fehlt fehlt 

D. dl injc'nKJni drrjeriiej>r di m jcinej.in 

PL N. A. deljelnex 
G. derjelnej.jr 
D. dej eine Jon 



Dorfe, in der Stadt; die Stelle, wo er sich hefindct, wird also nicht genauer an- 
gezeigt. Damit ,>hn diese letztere Bedeutung erlange, müsste man noch *am donf, 



— 132 — 

Bei (l('fdw(\j.m und cU^liwcjm u. s. w. ist die zweite Form nicht 
etwa als die unbetonte Form, die erste aber als die betonte zu be- 
trachten, sondern beide Formen sind ganz gleichbedeutend und werden 
ganz ohne Unterschied eine für die andere gebraucht. 

»Selbst« ist in der Mda. nicht vorhanden, wohl aber fehv.»- (selber), 
welches die Stelle des Hochdeutschen »selbst« und »selber« vertritt: 
c'i fdivor (ich selbst, ich selber); mjr felwor (wir selbst, wir selber). 

f) relativa. 

Das Relativpronomen welcher, welche, welches ist in der Mda. 
nicht vorhanden. Wie im Hochdeutschen das betonte der, die, das als 
Relativpronomen dient, so auch dient es als solches in der Mda.: 
ex hin de man go^in, den doid (j,)slogen as (ich habe den Mann ge- 
sehen, welcher tot geschlagen worden ist ; ex Mieudn t frä, dei dt gj^ot 
Jiot (ich kenne die Frau, welche es gesagt hat) u. s. w. Ausserdem 
wird das relative Verhältnis noch durch das Lokaladverbium ivou (wo) 
ausgedrückt: f delyr, wou ex g^'fä'U hun (das Tier, welches ich gefangen 
habe): t Manjr, wou du ivödrdn (die Kinder, welche da waren). 

»Dessen« masc. u. neut. sing., »deren« fem. sing, und »deren« 
plur. der drei Geschlechter wird mit dem Dativ des betonten den^ dei, 
ddt und folgendem Pronomen possessivum, das im Numerus und Genus 
mit dem hierauf folgenden Substantiv übereinstimmt, wiedergegeben : 
de Dian, dem ^ey Tiliamr gesforjf ^in, as khom (der Mann, dessen Kinder 
gestorben sind, ist gekommen) ; t meix^n, dem ^ai pnp fort as, hot dt 
g.j'^öt (das Mädchen, dessen Vater fort ist, hat es gesagt) ; t fni, dcer 
hm\m man dout as, IJiau ^ex nax smöl hristued^ni die Frau, deren Mann 
tot ist, kann sich noch einmal verheiraten) ; dei Miawn-, denm Imr 
eltor dropmexrir fm, ^in ongleMcx (die Kinder, deren Eltern Verschwender 
[wörtl. Draufmacher] sind, sind unglücklich). Im Plural kann man je- 
doch auch dcerdn (deren) sagen, ausserdem für alle genera und numera 

wou .... fun: t khandr, dceron eUn- .... (die Kinder, deren Eltern ); 

t frd, ivou d.) man gestorjf as, kraist (die Frau, deren Mann gestorben 
ist, weint) ; t joip, ivou lien d,> pap fim as, ^i gleMex (die Knaben, 
deren Vater er ist, sind glücklich), ivou und fun können auch neben- 



an ehr stät« hinzufügen : da man as olai am dordf, der Mann ist hier im Dorfe = 
as dlai, ist hier. Dasselbe gilt von dlö und dö: dd man as dlö, der Mann ist da 
= an der Stelle, auf die ich hinzeige, dd man as dö aber heisst überhaupt : der 
Mann ist da, ohne dass der Ort genau bestimrht wird. Bei den liai u. den dlai und 
dm dö u. den dlö fällt Jener Unterschied jedoch weg. 



— 133 — 

einander stehen: t hliann-^ troH fim Ithi d) pap as . . . .^ t hans^ ivon fun 
(hu dai figefal as . . . ; das Haus, dessen Dach eingestürzt ist . , . .). 
Wo man aber im Hochdeutsehen statt des »dessen« od. »deren« auch 
das einfache »wo« setzen kann, d. h. wo das Possessivverhältnis nicht 
so sehr in den Vordergrund tritt, da kann man auch in der Mda. den 
Artikel und fun weglassen, z. B. f m('tyjn, ivou ^dl guli ivo^r, as su 
gras (das Mädchen, wo sie [d. h. bei dem, dessen] Pathin war, ist 
schon gross). 

Wie im Hochdeutschen so vermeidet man auch meistens in der 
Mda. zweimal dasselbe Pronomen nach einander zu setzen, nämlich 
einmal als determinativum und dann als relativum, und man setzt es 
nur als determinativum, und für das relativum gebraucht man eine 
der soeben angeführten Pielativbezeichnungen. 

g) interrogatica. 

Die fragenden Fürwörter sind wh} (wer), ivdt (was); wdt für 
od. fir od. fjr cen, erj, mit, plur. nrit für od. /?/• od. fdr in der betonten 
Form : ivat fir od. fir on, hj, .»?, plur. luat fir od. fjr mit folgendem 
Substantiv (was für einer, eine, eines, pl. was für od. welcher, welche, 

welches). 

Sehr häufig wird in den Fragen ^6, ^6f (sage, saget) vorn an die 
Spitze gestellt: jo, hasfj fhnlex? (sage, bist du fertig?); ^6f, Iclampt 
d nd? (saget, kommt er nicht?). Ebenso sagt man, wenn man auf 
etwas warten muss und dann seinen Unwillen gemildert ausdrücken 
will, hl (frz. lä), was dem »na« anderer Mundarten gleichkommt : 
Ja, Uump.st) 1ml':' (na, kommst du bald?); Ja, hast divail dö? (na, bist 
du jetzt da?). 

h) indefinita. 

Die Mda. hat die folgenden unbestimmten Fürwörter: »?.»• (man), 
cumt (jemand), ncnijst (niemand), jrid.ninan (jedermann, wird nur sehr 
selten gehört), sowie die unbestimmten Zahlwörter (Pn, ey, dmt (einer, 
eine, eins) ; Ichdm, h/ihj, hluent (keiner, keine, keins), Jcidjrcen, jckh)rhj, 
jcid,)rcent (wörtl. jeder einer, eine, eins) ; jciUridorcrn, jeif/rid.)rhj, jrtt- 
ivUhrchit od. j^tivid^rcen, -eij, -cent (jedweder einer, eine, eines = jeder, 
jede, jedes) ; ivdnex (wenig und wenige plur.) fd (viel und viele) ; 
)mi)dx,)rdii, »iHidxjrty, niuntxtrccnf, pl. nni)dx>r (mancher einer, eine, 
eines, [)\. manche ^ mancher, manche, manches), (p,)s (etwas), mdst 
(nichts), (d.>.s (alles), aJ (allej häuliger jedoch (d) <jil>r (wörtl. alle 
gar allej. 



134 



II. Konjugation. 

>:; 19. Allgemeine Bemerkungen. 

Ausser ^iii (sein) und h/n/ (haben), deren Konjugation wir etwas 
weiter unten angeben werden, haben alle Verba in der besprochenen 
Gegend das Imperfektum des Indikativs eingebüsst mit Ausnahme von 
ex ditct (ich dachte), d^ duetst, ,m diuf, nur duetrm^ ddr duet, p dueton ; 
ej, d:), 9 wost (ich, du, er wusste), wwr wosim^ dor wost, p tvostm; 
ex, 9 36t (ich, er sagte); nur, p ^otou, (wir, sie sagten). 

Das Plusquamperfektum ist wie im Hochdeutschen vorhanden, 
und ausser diesem hat die Mda. noch eins, das aus dem mit ftn oder 
hm erweiterten Perfektum besteht. 

Das Futurum I ist zwar vorhanden, aber ist wird ziemUch selten 
gebraucht, man gebraucht nämlich in der Regel das Praesens Indik. 
dafür. In den Sätzen aber, welche etwas Zweifelhaftes und Ungewisses 
oder eine Drohung ausdrücken sollen, verwendet man es jedoch häufig 
und gewöhnUch steht dann wol (wohl) dabei. Das eben Gesagte gilt 
auch vom Futurum II, das in der Regel durch das Perfektum Indik. 
ersetzt wird. 

Das Praesens des Konjunktivs ist nicht viel im Gebrauch; ältere 
Leute gebrauchen es noch hin und wdeder. Nur in einigen Wunsch- 
formeln wird es allgemein gebraucht : (jot pu dcx (Gott segne dich) ; 
yot pn (Gott segne) ^) ; (jot Mbf cj (Gott helfe euch) ; got dayk ex (Gott 
danke euch) -) ; got stei nw häl (Gott stehe mir bei). 

Das Participium praesens fehlt. 

Das Imperfekt des Konjunktivs ist bei einer sehr grossen Zahl 
von Zeitwörtern erhalten, manchmal mit einem sonderbaren Ablaut, 
wie wir weiter unten sehen werden. Um diese Verbalform aus- 
zudrücken, bedient man sich bei den Verbis, die kein Imperfektum des 
Konjunktivs haben, immer der umschreibenden Konditionalform, die 
gebildet wird, mittels der Konjunktivform des Hülfszeitwortes doan (thun) 
verbunden mit dem Infinitiv : ex d'd pyjn (wörtl. ich thäte singen =- ich 
sänge) ; d.) difSt sterivm (wörtl. du thätest sterben = du stürbest). 

Die andern Verba, welche schon ein Imperfekt des Konjunktivs 
bilden, haben diese Form noch daneben und zwar ist sie eben so sehr 
im Gebrauch wie die andere : ex Itf u. ex dit läfm (ich liefe) ; ex gief 
u. ex dit gen (ich gäbe). 

^) got pn od. got pn de% ruft man dem zu, der niest. 

2) got heldf e% sagt man zum Bettler, wenn man kein Almosen geben will ; 
ausserdem gebrauchen ältere Leute noch das got Jirhf ex und got diuß- €% als 
Gruss und Gegengruss. 



— 135 — 

Man kann eine starke und eine schwache Konjugation unter- 
scheiden. Da aber keine Imperfekte des hidikativs erhalten sind, so 
können nur die Participia des Perfekts einzig und allein für den Unter- 
schied jener Konjugationen massgebend sein. 

Einige Verba gehen aus der einen Konjugationsform in die andere 
über, jedoch sind dieselben sehr spärlich vorhanden, so z. B. repn part. 
g^raf (raffen, gerafft) ; hitpbrdn part. hitpii)r (entbehren, entbehrt). 
Andere sind sowohl stark als schwach; hrd9n part. (j'throl ^- y^Jl>^'eU 
(brüllen, gebrüllt); semn part. gcsotf u. <jjsant (schinden, geschunden). 

Die 1. Person des Indikativs praesens gleicht in der Regel dem 
Infinitiv : 1äf,m (laufen), r/ läpn (ich laufe) : hauydn (auchen) e% hauxm 
(ich bauche) ; luewM (loben), cy liihvDn (ich lobe). Ausgenommen sind 
(Jon (gehen), ex gm (ich gehe) ; ston (stehen), r/ sün (ich stehe) ; donn 
(thun), (■/, diu (ich thue) ; hra/ix.m (brauchen), </ hrair/, (ich brauche) 
und überhaupt die meisten der Hülfszeit Wörter, siehe unten. 

§ 20. Von den Hiilfszeitwörtern. 

Die Hülfszeitwörter sind folgende: 

aj IiiDi (haben), jm (sein), das defektive ex ivceron od. r/ wfeii 
(ich werde), ghi (geben). Diese vier Verba dienen dazu die 
Unterschiede des Tempus und des Genus zu bezeichnen und 
können deshalb Hülfszeitwörter der Zeit und des Genus ge- 
nannt werden, 
b) Jcheimi (können), dirf.m (dürfen) ; mäx-m (mögen) ; meisjn 
(müssen); ^ohn (sollen); ivebti (wollen); lösan (lassen). Diese 
sieben Verba dienen dazu, den Unterschied des Modus oder 
der Aussage zu bezeichnen und können deshalb Hülfszeitwörter 
des Modus oder Modalitätszeitwörter genannt werden. 
ex wctrjn wird nur gebraucht, um das Futurum zu bilden. Es 
wird konjugiert wie folgt : ex ivcbrjn od. <x (icerf, d,) tccerst, j ivdrt, mor 
ivd'tvn, dor ivdrt, p icceron. 

Das hochdeutsche »werden« beim Passiv wird in der Mda. durch 
gilt (geben) wiedergegeben : ex ge geSlö (ich werde geschlagen) : .vi as 
grSlo gen (er ist geschlagen worden) ; o icceii st( gjhdff gen (er wird 
schon gelobt werden). Ausserdem ersetzt ghi das hochdeutsche »werden« 
in allen Fällen : he gct nid-r (er wird Bürgermeister) ; t get na/sf dn-nus 
(es wird nichts daraus) ; es hat also auch noch die Bedeutung des 
lateinischen fieri. Selbstverständlich hat es daneben noch die gewöhn- 
liche Bedeutung von »geben«: ry (fhi dor geU (ich gebe dir Geld); m 
lud )H>r is.i i/rcijL) g< H (er hat mir zu trinken gegeben). 



186 



Wie im Neuhochdeutschen bei den unter b) angeführten Verbis 
oft der hifinitiv an Stelle des Participiums gebraucht wird, so ist das 
auch in der Mda. der Fall : vi Imn dt hdtsueld meisdn (ich habe es be- 
zahlen müssen) ; r/ ha neust nur/,9 Menon (ich habe nichts machen können). 

Birfjii, meison und mäjm (woneben man auch ziemlich häufig 
mddn hört) haben zwar ein Participium gjdirjft, moust und gjmdt, aber 
sie werden ziemUch selten gehört; denn man gebraucht gewöhnlich 
den Infinitiv dafür. Bei den vier andern: IJmmi part. llumt; ^<Ä,m 
part. ^oU^ ivclm part. wolt^ Jösjn part. gMs hört man das Particip so 
häufig wie den Infinitiv. Ausserdem bilden diese unter b) angeführten 
Verba, mit Ausnahme von losjn, ihre 1. Person sing, indic. praes. ganz 
analog der entsprechenden Person im Hochdeutschen : c/ Man, ex dinf, 
ex )>Mx, ex »lOHs, ex sol, jx '^'c^'^ ^ber ex Us,m. 



Konjugation von |in (sein) 
Indikativ Konjunktiv 



Praes. ex sin 
dd hast 
9)1 as 
mar fin 
ddr ^eit 

Imperf.e/ ivoar 
dd wödrst 
d ivodr 
mdr wödrdn 
ddr wodrt 
p wöordn 



ex ^ei 

dd ^eist 
d ^ei 

mdr ^eidn 
ddr ■§eit 

%d %eidn 

ex ivcer ex dit 

dd ivcerst dd d'itst 

d ivoir dn dit 

mdr tvcerdn mdr ditd 

ddr ivcert ddr dit 

td wcerdn ?9 ditd 






Indikativ 
Perf. ex fi 
dd hast 
dn as 
mdr |i 
ddr ^eit 

PJ. fj. Perf. ex ivodr 
dd wodrst 
d wödr 
mdr ivödre 
ddr ivodrt 
?a wodrd 






Konjunktiv 
ex ^ei 
dd ^eist 
d sei 
mdr ^ew 
ddr ^eit 
p zevd 








e/ war 






dd ivcerst 




1 


d ivcer 
mdr tvcerd 
ddr wehrt 
p tvcerd 


'S 



Konjugation von linn (haben) 

Indikativ Konjunktiv 

Praes. e^ Jiun ey_ hiif 

dd host dd hi'ffst 

dn ot dn hief 

mdr hun mdr hiewdn 

ddr liot ddr hieß 

p hun s'* hicwdn 

Iniperf. ex hat ex het ex dit 

dd hätst dd het st dd ditst 

dn hat en hei dn dit 
mdrhätdn mdrhetdn mdr ditdn 

ddr hat ddr het ddr dit 
p hätdn 

Indikativ 
Perf. ex hu 
dd host 
dn hot 
mdr hu 
ddr hot 
p hu 



p hctdn %d ditdn 
Konjunktiv 
e/ hief 
dd hießt 
dn hief 
nidrhiewd 
ddr hilft 
p hieivd 



o 



2 

OS 



PI. q. Perf. e/ hat 
dd hätst 
dn hat 
mdr hdtd 
ddr hat 
p hdtd 



O 



e/ hl't 
dd hetst 
dn het 
mdr hetd 
ddr h(t 
p hetd 



'S:, 



— 137 



Put. I. (:% ivcero od. wehrt 
dd tvcerst 
d ivcert 
mdr ivcero 
d)r wcert 
%a wcerd 



Inf. praes. 

«^^ Part. perf. 
(ßVrU 






Fuf. I. oxwcenn od. ivre 


rt 






dd wcerst 




I 


nf. praes 


d lücert 






hun 


mdr ivdran 




'■< Part, perf 


dor ivcert 






gdhot 


p lücerdn 








Fut. II. ey, ivmron od. 


ivcert 




dd ivcerst 






§ 


d ivcert 






r< 


mdr ivcerst 
ddr ivcert 








p ivcerdn 








Imperat. huf 








hirft 









Fut. II. r'X ivcero od. ivcert 
dd wcerst 
d wcert 
mor ivccrd 
ddr wcert 
p ivcerd 

Imperat. ^ei 
seit 

Die Eigentümlichkeiten der übrigen Hilfszeitwörter seien hier kurz 
erwähnt : 

gen u. gen (geben): Indic. praes. ex gen., d.) geSf, e gef., mdr gen, 
ddr get, p gen; Imperat.: gef, gef; Konj. praes. (dient auch als Konj. 
Imperf.) ex gief, dd giefsf, ^ 9^('f-> i^^^^ gieivdn, ddr gieß, p giewdn; Part. 
gen u. gen. Miendn (können): Indic. praes. ex khan, dd kliantst, d Man, 
mdr hhendn, dor Mient, %e Miendn ; Konj. praes. ey^ Mien, dd Jchenfst, d JiJien, 
mdr Tihetmi, ddr Munt, p. Miendti; Konj. imperf. ex Micnt, dd Micntst, 
d Mient, mor Mientdn, ddr Mient, ?e Mientdn: Part, k/ionf. 

dirfdn (dürfen) : Indic. praes. <?/ dirdf, dd dirdfst, dn dirdf, mdr 
dirfdn, ddr dirdft, p dirfm ; Konj. praes. ex dirdf, dd dirdfst, dn dirdf u. s. w. ; 
Konj. imperf. : ex dirdft, dd dirdfst, dn dirdft, mdr dirftdn, ddr dirdft, p 
dirftdn. 

mdyni (mögen) hat keinen Indikativ: Konj. praes. ex tndx, dd 
mdxst, d mdx, mdr nidxdn, ddr mäyt, p mdxcn; Konj. imperf.: ex niidt 
od. midrt, dd midtst od. midrtst, d midt od. midrt, mdr midtdn od. midrtdn, 
ddr midt od. midrt, p midtdn od. midrten. Das /•, das man im Kon- 
junktiv Imperfekt sehr häufig hört, ist beim ersten Anblick etwas auf- 
fallend. Aber wenn man das, was oben bei Iiidrt od. Jti dt (Hirt); ividrt 
od. widf (Wirt) u. s. w. gesagt worden ist, in Betracht zieht, so fällt 
die Schwierigkeit weg. Denn das r in der Stellung, die es im vor- 
hegenden Falle einnimmt, wird ja gewöhnlich nicht so rein und klar 
ausgesprochen wie das r, mit dem ein Wort beginnt, und besonders 
in der Stellung zwischen langem / und t wird es ja von Leuten, die 



— 1H8 — 

eine auch nur wenig dicke Zunge haben, wie eine Art dunkles c ge- 
sprochen. Da sich also aus dem Gesagten das ivlivt u. ivlit erklären 
lässt, so hat man wohl nach Analogie jener Wörter auch das r in mUt 
hineingebracht, ohne an den Ursprung der Wörter zu denken. 

meis,m (müssen): hidic. praes. f'x mous, dd moiist, ;> mous, mdr 
mm(S9n, <hr moust, p mous,m; Konj. imperf. ex meist, (h meist, j meist, 
m,ir meistdn, ehr meist, p meiston ; daneben hört man noch das weniger 
gebräuchliche und affektierte : r/ mist, üo misf, j mist, mar misten, (br 
mist, jre mistm. 

^olen (sollen) : Indic. praes. : e^ eol, cl> ^olfst, 9 ^ol, mdr ^olm, ehr 
^olt, p ^olen; Konj. imperf. f/ ^otj, ih ^olßt, ,) ^oU, mor ^oltm, der 
solt, p polten. 

wehn (wollen): Indic. praes. r/ weJ, eh ivcltst, d ivelt, msr wehn, 
ddr ivelt, p wehn; Konj. imperf. ex urlt, eh weißt, o weit. m,)r weiten, 
(hr weit, |e weiten: Imperat. wel, weit. 

losdn (lassen) : Indic. praes. ex losdn, de lest, 9 lest, mar lösan, ehr 
lost, p 16s9n ; Konj. imp. ex lis, ch UM, 9 lis, mdr Us9n, dar list, p lisan, 
daneben eben so häufig : ex lest, eh lest, 9 lest, mar lestan, d9r lest, 
p lestan, mitunter hört man auch noch das affektierte: ex l'dst, da 
l'ttst u. s. w. Imperat. : los, löst. 



§ 21. Flexion der andern Verba. 

a) Starke Flexion. 

Die Flexionen sind in der Mda. sehr einfach, wie aus folgenden 

Beispielen hervorgehen wird. 

Konjunktiv 

imperativ praes. 9x wer9f imperf. ex ivlraf 



Infinitiv Indikativ 

iverfan (werfen) praes. ex ivhrfen 
Partie, praet. da werfst 

gaworaf a werft 

mar iverfan 
dar iverft 
p iverfan 

perf. ex ^lu 
eh host 
u. s. w. 



Plusq. Perf. ex Mt 
eh ludst 
u. s. w. 



5.« 



werf da werafst 

9 weraf 
m9r iverfan 

iverft dar weraft 

p iverfan 

perf. ex hief 
eh 1 liefst 
u. s. w\ 

Plusq. Perf. ex het 
da hetst 
u. s.w. 



eh wirfast 
a iviraf 
war ivirfan 
dar iviraft 
p ivirfan 



CS, 



O 
a 



«> 



oder e/ Im 
(1j host 



— 189 — 
>. oder (X li><'t 

P I (h hießt 

<~~ ^- 11. s. w. 



c. -^ 



H-^ oder (7 hht 



/ hex \ -^ 
3 r^ {{.) lu'tst I 5 ^ 



^ '^ u. s. w 



u. s. w. 

oder <'/, hat 
(l) hdtSt 
u. s. w. 

Konj. Iinperf. heisst auch : '■/ irir.ift, d) n-ir.ifst, ,j wiroff. mn- wirfhii, 
(}•))• irh\)ft, 2-> tvlrftm. 

Das Praesens des Konj. wird sehr selten gebraucht. Die 1. und 
3. Person sing, werfen ihre gewöhnhchen Endungen -■ni und -t ab, die 
andern Personen aber behalten die ihrigen. Umlaut kommt nicht vor : 
r-/ lüf (ich laufe), ä<) läfst, ■) läf, u. s. w. obwohl der Indikativ lautet 
('X Jafciii do Icefst; cy^ Idam (ich klimme), dd Jdampst, o Jclant^ Indikativ 
aber ex hlamm, dd hlempst^ o Idcmpt; cy^ ^6 (ich sage), d.j ^ösf, j ^6, 
Indikat. ex ^o.m, do ^est, y ^et, mor ^ödn, dor 36t, ^0 ^öon. 

Umlaut beim Participium ; 

(i wirdo: /w)^/;« (binden), ^e?>o*? ; .yj>rtMc>)^ (spinnen) r/<>%jOH; goicanon 
(gewinnen), gjico^ ; sivamm (schwimmen) (j.tstvoi^t ; Idamon (klimmen) <jcldom. 

d bleibt in der Regel : hälm (halten), g^hdl ; häkm (bachen, yehdk ; 
Mpn (laufen), (j<)Jäf: aber spämn (spannen) und seine Komposita, wie 
uspdmn (anspannen) ; ofsxmndn (abspannen), opspdndn (aufspannen), aus- 
spdnon (ausspannen) haben gespon\ fdhu (fallen) und seine Komposita, 
wie ofdlm (abfallen), afdlm (einfallen) u. .'::. w. und g,ifdbn (gefallen) 
halben gofal. 

e wird : swefjon (schwingen), g^stvoy : sprajdn (pringen), gcspro)] : 
tswrrj.m (zwingen), gjthvoij. Aber ^ctsju (sitzen u. sich setzen) und seine 
Komposita, wie drop^etson (draufsitzen), oji^etsdn (aufsitzen) u. s. w. 
haben g^^es. 

e wird vor If, rf\ rw: helßn (helfen), gehobf: icerfjn (werfen), 
g<nvori)f] sthnv.m (sterben), gjsto>-<>f; fordenvon (verderben), fordorjf\ vor 
a" bleibt es : di-hsm (dreschen), g.Mhrs ; iirson (waschen), gcui's ; es wird 
zu ä in hhjJon (hangen und hängen), gehdij und in fc^lion (fangen), gefdij. 

e bleibt vor s : es<m (essen), ges ; frcsjn (fressen), g.)fn's ; iiteson 
(messen), gdmes; es wird zu a vor /: hrexon (brechen), gchnix; stey.m 
(stechen), gjstcry ; sprey-m (sprechen), gespmx ^j ; zu o vor / : gelon (gelten), 
gol; selm (schelten), g;)sol. 

^) Das einfache Sprex^n kummt nur vor in der Verbindung mit halex u. yCiley, • 
htelex s^prexBti (heilig sprechen), ^eüex sprcy^an (sehg sprechen); ausserdem in den 
Kompositiv las^prex^n (lossprechen) u. u^prex^n (ansprechen). Für »reden, sprechen« 
gebraucht man in der Mda. Swetssn (schwatzen), Part, go^icut. 



— 140 — 

i wird ii: Um (lügen), (jeJn; 5l>i\>u (scheren), gjs.nior; sidomi 
(schwören), ij,)swüdr. 

bleibt: Monmi (kommen): hhom. 

ö bleibt: Uöpn (blasen), (phlös; slöon (schlagen), gdslo] dr6<in 
(tragen), (pdro. ym mid ston werden wir weiter unten besprechen. 

ue bleibt: (jniewm (graben), y.Mjmef', Inedm (laden), gjhiet. 

ii bleibt ebenfalls: füdrdn (fahren), gjfüjr. 

ce bleibt auch: hdsjn (heissen u. begehren), gDhces. 

cd wird in der Regel zu i: sraiirm (schreiben), gosrif; hlahvdn 
(bleiben), hlif\ sw«/(?c/;z (schneiden), gasnit] ivahm (wiegen), gQicl; icaipn 
(zeigen), gawis; stmklm (streiten), gjstrit. Vor .§, s, f und x wird es 
zu rt : haisdn (beissen), gohas ; flaison (fleissen), geflas ; raism (reissen), 
gDrüfi\ liriisim (weinen), gal-ras: graifju (greifen), gdgraf: paifm 
(pfeifen), gcpaf; ghiym (gleichen), g^glax', slaiydn (schleichen), gdla%: 
ivaixßn (weichen), gowcij. Aber von himi (Hegen) lautet das Particip goU. 

au wird zu o: ^aufm (saufen), </3|o/"; slaufmi (schlupfen), gdslof. 

ci wird in der Regel zu ü: fkion (fliegen), g'^fh'i] prleuren (ver- 
lieren), farJüdr; heidn (biegen), g3hi(] hjäremi (betrügen), hodni] tseidn 
(ziehen), gstsii. Vor s wird es zu o: scisdn (schiessen), gdsos\ sleisdn 
(schliessen), gdslos\ fordreison (verdriessen), fardros. Das Participium 
aber von gjbciddn (gebieten) und fjrheidjn (verbieten) lautet gjhuet und 
fdrhuH. 

ie wird zu ue, vor l jedoch zu o : limvon (heben), gehuef; trikhn 
(treten), gatmet; aber stiebn (stehlen), g^stol; hafdim (befehlen), h^fol] 
aber liepn (lesen) lautet im Partie, gdlies. 

OH bleibt: roufdn (rufen), gdrouf\ stouson (stossen), gdstous. Das 
Participium von doun (thun) lautet jedoch gcdon. 

Der Umlaut der 2. und 3. Person sing, indic. praes. ist folgender: 

a wird e: ex hmidn (ich binde), dd hentst, d hent; ex fandn (ich 
finde), dd fentst, 9 fent; ex sivamdn (ich schwimme), d:) swempst, d 
hvempt ; ex spanon (ich spinne) ; da spentst, d spent. 

wird e : ex Jchonmi (ich komme) ; dj Idiempst, e Jchempt 

ä wird e\ ex lähm (ich backe), d,) hekst, d hekt] ex häbn (ich 
halte), dj heltsf, on helt\ ex fäbn (ich falle), di) feltst, d felt\ jedoch 
bei Jäfdn (laufen) und seinen Kompositiv wird es zu <e: ex läfon, do 
hefst, Mft; bei spätian (spannen) und seinen Kompositis aber zu e: 
ex spämn do spenfst, 9 spent. 

e wird verkürzt: ex freson (ich fresse), dj frest, o frest; ex eson (ich 
esse) d est, on est; ex hrexdn (ich breche), d'D hrexst, o Ireyt; ex steym (ich 
(steche), dj steyß, 9 steyj; ex sehn (ich schelte), dj seifst, 9 seit; ex gelm 



^ 141 --^ 

(ich gelte), <l > f/rJfsf, ^ (jdt;. v bleibt bei </^ mH.ni (ich messe", (\> mrsi^ 
.> mcst und bei seinen Kompositis und bei Süm (schellen), e/ sehn, 
flf) seifst, y seit. 

o wird r\ c'i hlopn (ich blase), r/j hjrst, :> hlrsf; e/ Joson (ich lasse), 
(l) lest, •> (rst; ('x slo.m (ich schlage), (h sl/'sf, y s/rt; cy^ dro.m (ich trage), 
(}.) (Irrst, :») (Irrt: cy sh'jpn (ich schlafe), (l> slrfst, -> sleft. 

an wird e: c/, ^aufm (ich ^;aufe), d) ^cfst, y ^eft: ry slaufdu (ich 
schlupfe), (l) slrfst, » sirft. 

Oll wird ri '. ry roiipn (ich rufe), d) rrifst, .> reift; ey stousm (ich 
stosse), de Meist, >') steist. Bonn (thun) lautet im Indic. praes. ey diu, 
d.i dcest, 9n dcet, mor din, ddr deit, p diu. 

ie wird / : ry h,)firlm (ich befehle), dd hDfiMt, d hrifJt ; ey stielm (ich 
stehlej, d.i stiljst, jstilt; es wird zu Hn eyliepn (ich lese), d^Ust, ■)Ust. 

/ bleibt: ey swidron (ich schwöre), do stvurst 9 siv'urt; ey sioron 
(ich schere), dj siorst, j sidrt. 

ue und ü werden /: ey fiUr,m [ich fahre), ddfidrst^ dfiort; ey yruewdn 
(ich grabej, d) tjnfst, ■> (jrift: ey ivuesju (ich wachse), dd wist, d icist. 

Nicht alle Verba haben das Imperfektum des Konjunktivs, wo es 
aber vorhanden ist, wird es wie folgt gebildet : 

a wird e: haihtn (binden), eyhcnt; ^5?(;««y« (gewinnen), eyydice)}t; 
sivamm (schwimmen), ey sivempt; fanon (finden), ey fent . 

d wird i: Idfm (laufen), ey lif; liaUn (halten), ey hü; fälm 
(fallen), ry fil ; von liäm (hauen) lautet aber das Imperf. Coni. ly licet. 

e bleibt: swrhn (schwellen), ry swrit; spre'ipn (springen), ly 
sprer^ld: von ^etsm (sitzen) aber lautet es ey fis. 

(■ wird / : iverpm (werfen), ey irir,>f u. ivirjft ; f)rderivD)i (ver- 
derben), ey firdircff u. fjrdiroft. Von fiyhm (fangen) u. hhißion (hangen) 
lautet es aber ry fiij u. ey hiij. 

e wird i: eson (essen), ey is; fresm (fressen), ry fris; stey.m 
(stechen), ey stiy. 

wird /: khoni^n (kommen), ey khini u. kni)n. 

6 wird e und /': hh'jpn (blasen): ry hiest u. hlis; sli'iin (schlagen), 
ey siet u. sliy (das / ist wohl ein üeberrest des ausgefallenen g) ; 
dr6:m (tragen) <y drei; lösen (lassen), ey Irst u. Vis: slofm (schlafen), 
ry sIrft u. slif. 

((' W'ird i\ hcesjH (heissen, begehren), ly liis. 

(li wird i: hIaiiiMn (bleiben), ly hlif; draiw.m (treiben), ly drif; 
yraifm (greifen), ly (jrif: (jlaiy^n (gleichen), ey i/liy; rais.ni (reissen), 
ly r'is: hiim (liegen); ly liy (hier haben wir dieselbe Erscheinung wie 
oben bei sliy und wie wir sie bald wieder haben weiden). 



— J 42 — 



'/■ wird I ; licim (biegen), r/ />// ; b.Hlre'mi (betrügen ), '7 Imirr/. 

ie wird /: hihimi (heben), r/ hift: trieddu (treten), ex tr'it ; 

I bleibt: sw'W'^it (schwören), '7 swUr: ßhir^ii (scheren): t'x ^i^r : 
Ihm (lügen), ry Vü. 

<>n wird / und ri: stous,)}i (stossen), rx .^tcfst u. sf'/s: ronfni (rufen), 
(X fäft und nf\ douii (thun), ex dit^). 

au wird '' und /: ^nufm (saufen), ex ^eft u. fif] slcmfm (schlupfen), 
('X sleft u. slif. 

ah und i( werden /': firueiou (graben), ex yt'ift : lucd,ni (laden), 
i'X l'it: tnies,»/ (wachsen), ex tcist] fämm (fahren), ex ß^)'. 

Der Ablaut des Konjunktivs Imperfekt ist also, wie man aus dem 
eben angeführten deutlich erkennen kann, vorwiegend der I-Laut. Bei 
einer grossen Anzahl von Verbis lässt sich dieses I ziemlich leicht er- 
klären durch das Verbum, das dem der Mda. als Grundlage diente, 
oder aus dessen entsprechender Form im Imperf. Coni., bei andern 
aber ist der I-Laut sehr befremdend und schwer erklärlich. 

Als ganz eigenthümlich erscheinen uns die beiden Verba (^61/ 
(gehen) und stön (stehen). Diese Verba haben in der Mda. ganz und 
gar dieselbe Flexionsart, was weder im Alt- noch im Mittel- noch im 
Neuhochdeutschen der Fall ist. Doch wird im Anschluss an das Hoch- 
deutsche gon mit dem Hülfszeitwort ^in (sein) und sfon mit hun (haben) 
konjugiert. Es ist wohl Analogiebildung bei diesen Verbis anzunehmen. 



Infinitiv 




Indikativ 






Konjunktiv 


f/ört (gehen) Prs 


les, rx gin 


ex ■^tii' 




Praes. ex gel ex stei 


sf/misiehen ) 


ds gwst 


dd std>M 






dd geist dd steist 




>) gebt 


f) stcet 






d gel d stei 


Particip 


nidf yin 


mor stin 






* mdr geidn mdrsteidn 


gdy 


dsr gelt 


ddr steit 






ddr geit ddr steit 


fp§tdy 


p gin 


p stin 






p geidn p steidn 


Perf. 


ex P 




ex hu 




Perf. ex giy f-x stiy 




dd hast 




dd host 






dd gi'^hst dd stiyJcst 




m as 


, i» 


dn hot 






>> gi/^ d stifj 




nidv fi 


^S. 


nidr hu 


ÄS 




mdrgivjdn mdr sti'(jdn 




ddr ^eit 




ddr hat 


^*^2 




ddr ghjkt ddrsti'}]hf 




P 1?: J 




p hl > 






p giijdn p stiydn 




Im 
gel 
geit 


perativ 
stei 
steit 




ex 

dd 

u. 


oder 
dit "] ex dit 

ditst \-% dd ditst yM 

s. w. u. s. w. 



) 



') doioi in der Bedeutung »etwas thun, etwas machen« hat kein Iniper- 
fekt Konjunktiv; ex dit, ch diiit u. s. w. dient nur dazu, um das Imperfektum Coni. 
zu bilden bei den andern Verbis, es ist also blos eine Hülfsform. 



— 143 — 

Die andern nicht angeführten Zeiten sind bei den beiden Verbis 
im Gebrauch wie bei den andern und nach dem bis jetzt Besprochenem 
bilden sie keine besmidere Scliwierigkeit. - Die Komposita jener Verba 
werden gerade wie die einfachen konjugiert. 

Da yi"^i)i (sehen) einige Schwierigkeiten darbietet, so wollen wir 
seine Konjugation hier anführen : 



Inlinitiv 


tndic praes. 


Imperat. V 


Koni, praes. 


Koni, imperf, 


iß^in u. (jC'V^j 


'/. iPz'^' 


gD^ci 


ex gd^ei 


n g'^m 


Parlicip 


fh gd^aist 


g9^eff 


(h go'^eist 


(h gdfiyjf 


y,ifw u. g^^in 


3 gB^ait 




a gd^ei 


,) gafix 




nur gdfin 




msr g^^emt 


nidr gäfipn 




(in' g<)^fit 




(Jor gefeit 


(hr gdflyt 




^r) g^$h> 




p gekeimt 


%d gd^ipn 



Die andern hier nicht angeführten Zeiten bilden keine besondere 
Schwierigkeit. 







b) 


Schwache Vorm. 






Inlinitiv 


Indik. praes. 




Koni. imp. 


Imperat. 


Parlicip 


hranx<-n 


('X hraux 




ex hralxt 


hrauy 


gehrdir/f 


(brauchen) 


(i* hraux^f 




dit hra'r/ß 


hriDiyJ 






.) hrnay^ 




.) hidiyf 




Praeterium 




nw branyjiii 




iH.)r braiytni 




cy ha ] ^ 




fhr hnuyt 




(l'/r hraiyt 




(l) hosf \ ? 




p hr(iir/f.))i 




^■1 hyar/frni 




1 '^ 

U. S. W. i^ 



Neben der angeführten P^orni der Konj. imp. hört man auch noch 
hin und wieder das atTektirte : ry hriyt, eh hrixsf, o hrixU ^"^*' ^>'ixt^ii u. s. w. 



Infinitiv Indik. praes. 

in/tyf)t u. niar/t) ty iiKry.») od. niä,») 
(machen) dt meyßt od. lufsf 
rv ineyt 

ith)y »layrnod. itulm 
(in- ma.yi od. mät 
p nifty.n> od niäjii 



Konj. imperf. Imperat. Praeteritum 
ry miy iiiny od. ))l(i r/ //// "} ^ 
il) ni'iyßf iiiayf od. n/äf (h ho.^f )■ § 

I "■ 



> mty 

rn^y nny,)ii 
(liy nüyt 
',.) ni'r/Ji) 



u. s. w 



^) Der Imperativ gä§ei, (J9^eit werden in der Regel nicht oft jjehörl und 
zwar der Sing, ga^ei noch weniger häulig alt der Plur. goieH. Man gebraucht 
gewöhnlich dafür /./(((/., khnkl vom Verbum khukon (gucken). 



._ 144 — 

hnaiyj)/ verliert wie die Hülfszeilwörter hei der 1. und o. Person 
sing. Indic. die gewöhnlichen Endungen -.>;/ und -f: die Komposita jedoch 
haben die Endungen: c/ prhmuyni (ich verbrauche), <> f/rlraiiyf. 

Der Umlaut bei der 2. und o. Person sing, hidic. praes. ist nur 
bei einigen Verbis vorhanden, nämlich bei maym (siehe oben) ; hr<xl<ii 
(braten), (l> hrftsf, jhrct: holm [holen), dt livJßt, ciihclt; m//-» (raten), 
r?r? rctst, 9 ret\ ^6m (sagen), (l> ^('sf, ■> %(i\ sirlm (schälen), d) siljsf, ,) seit: 
u-ielm (wählen), (Ij nr/Jst, .> irrlf; fsiebii (zählen), d) fsielfsf, on tsclj; 
mhvM (schaben), d» §tf.§t, ■> §ift, und bei ihren Compositis ; wo.irdm 
(warten), d) /rdrfst <> ivcert. 

Das hnperfectum Coni. ist auch nur bei einigen wenigen Verbis 
vorhanden: mäym, (y m'iy\ ftratixen, cy hraiyt; hrodcn, ey hret; rödjn, 
cy ri't; ^ÖJn, ey ^et; Jihcefm (kaufen), eylMf] SUefju {schleifen ^ eivjSiü 
mit sich ziehen), cy sUf; icojrdm (warten), ey ivmrt; Uon (legen), ey lef. 

Eine nicht geringe Anzahl von schwachen Verben verliert beim 
Participium den beim Infmitiv angenommenen Umlaut: .w/.w (schütten), 
(ßsut\ khcpfj^n (kaufen), klidt] feljy,m (führen), (pfoujyf; liekhn (hüten), 
gohout; Jurorjn (hören), gdlwudrt'^): rei^ran (rühren), gjroudd^)] ^ciyen 
(suchen), gd^ouyt] speibn (spülen), g^spoidt; hailon (heulen), g<)liaidt\ 
snaitsdn (schneutzen) , gasnaut ; spaitsdn (speien) , gjspaiit ; trddu 
(trollen = fallen), getrolf; swefS')]) (schwatzen), g^iswät. 

Rückumlaut haben siehn (schalen), gjsHt; iviHon (wählen), geu-elt: 
tsiUdn (zählen), gjtself. 

Keinen Umlaut weder im Infinitiv noch im Particip hat /roulen 
(wühlen), gjirouÜ. 

Das Participium von Ujh (legen) ist goluet: hier ist das ue wohl 
als Ersatzdehnung für das ausgefallene g zu betrachten. 

Ueber die Vorsilbe g^- beim Particip ist folgendes zu bemerken : 
Diejenigen zusammengesetzten Verba, die im Hochdeutschen im Par- 
ticip die Vorsilbe ge- nicht annehmen, nehmen dieselben auch in der 
Mda. nicht an: f.s-.^f/vVY?,»? (zertreten), ts^rfruet: fjrStöu (verstehenj, fir- 
stdy; forueUn (verachten), fWuet. 

Die Verba, die mit einem Vokal beginnen, w^erfen das d der Vor- 
silbe g<) aus und haben somit blosses g : gaJfui (geeifert) : gerft (geerbt) ; 
ges (gegessen); gei-irf (geehret). 

M gBhoim-t wird ziemlich selten gehört, wohl wegen seines Gleichklanges 
mit gahoiort partic. von hoioran (huren) ; man gebraucht deshalb lieber den ein- 
fachen Infmitiv : ex hu naist lieidrsn (ich habe nichts gehört). 

'^) Jenen Participien ganz analog gebildet ist gdkhousrt, Particip von IJicidrsn 
(kehren). 



] 45 



Die Vorsilbe ij) rdilL ganz und gar bei rulgemieii l'artiei[ueii : 
hilf (geblieben) ; hruht (gebracht) ; fönt (gefunden) ; (ja^ (gegangen) : (jru ii. 
(ji'H (gegeben): gol (gegolten): kliasf (gekostet): kh(i}j,i (gekannt); khont 
(gekonnt) : hluU (gekauft) : krcit (gekriegt, von krc'hm^ kriegen -- be- 
kommen): moust (gemusst); jo/f (gesollt); iroH (gewollt). 

c) Misciamy der starken und schwachen Form. 

Wie schon oben (iJ 19) bemerkt wurde, sind nicht viele Verba 
aus einer Klasse in die andere übergegangen. Jedoch sind einige der 
allgemeinen Regel nicht gefolgt, und zwar sind: 

im Mhd. und Nhd. stark, in der Mda. aber schwach: leinou (leihen), 
(j,Acmt\ seihM (schinden), (j,m'iif und (jmint {yosmt wird vom Schinder 
gesagt : m J/ot ;> ^Jct'^f (j.iscnt, er hat ein Pferd geschunden ; (jmint heisst 
»leicht verwundet« : ^n liot |('x g.miut^ er hat sich geschunden, leicht 
verwundet); u-ietvon (weben), (ßuHcft: (psc/on (geschehen), gesrif: 

im Mhd. und in der Mda. stark, im Nhd. aber schwach: Ira/sjn 
(kreischen weinen), fpl-ras; ^ai.m (seihen), (j^ifi: 

im Mhd. und in der Mda. schwach, in Nhd. aber stark : orsrehm 
ntrans. (erschrechen), ,)rsre1d ; dqp/i) (dingen), f/.Hlnjlf; 

im Mhd. und Nhd. schwach, in der Mundart aber stark : Slaiifm 
(schlüpfen), (jjslof. 



§ 22. Unregelmässige Verba. 

Ausser den Unregelmässigkeiten, die im Verlaufe der Abhandlung 
angeführt worden sind, sind noch folgende unregelmässige Verba anzu- 
führen : 

hroj'iii (bringen): Indic. praes: (yhri^cu, <h hrnjldt^ ■> hraj/d. iiiir 
hrcipn, <l>r hrcijld, p hrc'ij<))i; Konj. imperf. )x hriet. ä) hricfsf, ,) hrict, 
Hin- hril't.ni, (l>r hrirf. j.> hrietM; Partie, hruet. 

brhun (brennen) ; nm,m (nennen), mhm (rennen), Icltvn.m (kennen) 
lauten im Partie, f/jbyant, g,)nanf, giranf, Jihauf. 

doHU (thun) und gofin (sehen) haben wir oben gesehen. 

Die unregelmässigen Hülfszeitwörter llihuti (können), tucis.nt 
(müssen) u. s. \\. sind ebenfalls besprochen worden. 

ircs.ni (wissen), Inbic. praes. : r/ ir(es. <}.> /ro'.sf. c icd-s, an- ni;^,>//, 
ihr irc.sf, j.y n-(:<!.vr, Konj. imperf.: (/ irrst, ilt ircSf, .> ircsf, iinr ircstm. 
<l>r /rr.sV, j.> ircsf.Jit, daneben das weniger häufige und affektierte: ry. 
irisf, (Ij ir/sf u. s. w. Partie: gjirosf; Imperf. ind. (/ irost. 

N. P. fii/.ni (^linden) bat im Partie, foijf u. f»/ ; 



— Uli — 

holdu (holen) hat im Partie, ebenfalls r/c>Ao/i* u. (fdiol: Indik. praes. : 
('X höhn, (h /lelfsf, .nt /lelf, mor hobn, du' holt, ^c lioldii ; Konj. Imperf. : 
^7 //// u. h'd LI. lieJ, äd hilfst, hilfst u. helfst u. s. vv. Imperat. hol. holt. 

Eine gewisse Anzahl von Verbis hat neben der Zusammensetzung 
mit der Vorsilbe />r- (ver-j auch die mit hd- (be-) und zwar mit ganz 
derselben Bedeutung: hyMrefn/ u. fn-kluPpri (verkaufen), hdlehrdu und 
fdrlelor.w (verlieren), hcxJoim u. fordomi (verthun), b^gesjn u. pjryesdn 
(vergessen) u. s. w. Dieses ist aber nur da der B'all, wo im Hoch- 
deutschen neben den mit der Vorsilbe ver- zusammengesetzten Verbis 
keine andern vermittels der Vorsilbe be- gebildeten Verba vorkommen, 
welche Verba dann infolge der verschiedenen Vorsilben auch verschiedene 
Bedeutung haben ; so bedeutet z. B. h)kl(j<>u beklagen, forMöun aber ver- 
klagen, hoslödn beschlagen, prslödn aber verschlagen ; b.>khehr'))/ bekehren, 
f.irhhehfon aber verkehren u. s. w. ^) 



§ 23. Präpositionen. 

hl der Mda. sind die Präpositionen bei weitem nicht so zahlreich 
wie im Neuhochdeutschen. Eine und dieselbe muss deshalb in der 
Mda. manchmal mehrere hochdeutschen ersetzen. 

Den Dativ regieren : 

rt^r.s- (aus) ; c«Y|:c'/- (ausser); banon [hixmew)] mtgeinf (euigegen): maf 
(mit, mittels, vermittelst); no (nach); ^a'}ß (sammt); fim (von); frots 
(trotz) ; fsdivnhr (zuwider) ; ivejjit u. uwj.mf (wegen, halber, inbetrefT, 
kraft, vermittelst, mittels, vermöge) ; scmfor (seit). 

Den Accusativ regieren : 

apläfs (statt, anstatt) ; dure'/, (durch, kraft, vermöge, mittels) ; fUr 
od. für od. /?/• ffür); (hi (ohne); ^own- (sonder, ohne). 



^) Eine scheinbare Ausnahme hierzu biidel bdärodn u. fdrclrum, die beide 
»vertragen« bedeuten, und ^e% badröon u. ^e% f»rdr6dii, die ebenfalls beide »sich 
vertragen« bedeuten. Die Ausnahme ist aber nur scheinbar, denn in der Mda. 
kommt bdröan, welches dem hochdeutschen »betragen« zwar der Form nach ent- 
spricht, nicht in der Bedeutung von »betragen« vor, sondern das hochdeutsche 
»betragen« -^ wert sein, wird in der Mda. durch pn (sein), md/j» (machen) oder 
ausmdxdii (ausmachen) wiedergegeben: z. B. das beträgt zwanztg Mark heisst: 
ddt as od. ?m od. niext od. mdX'>n tmantsex marek, od. döt mext od. mäxan 
tswantsex marek aus. »Sich betragen«: heisst nur ,:<■/ xekdu : er beträgt sich gut, 
schlecht heisst 9 Seiet ^ex gout^ slüt. 



— 14- 



Bald den Dativ, bald den Acciisalif regieren, je nachdem sie einen 
Ort oder eine Richtung; bezeichnen : 



Dativ auf die Frage \vu y 
an (in, während, innerhalb) 
bai (bei), bai/n khinck, beim König 
en<fr (unter, unterhalb) 
fhr od. fir gewöhnl. fir im (vor) 
geint (gegenüber, neben) 
hiuh>r (^hinter) 
itver (über, oberhalb) 
lüiitst (längs, neben) 
niewm (neben), selten gebraucht) 
op (auf) 
tswesdn (zwischen) 



Accusativ auf die Krage wohin? 
mt (in) 

bat (zuj, bat do kliinck^ zum König 
emr (unter) 

fidr oder fir gewöhnl. ///■ hd (vor) 
(feint (gegen) 
handr (hinter) 
kvor (über) 

IdnfSf (an — vorbei, neben) 
iiiewdn (neben), selten gebraucht 
op (auf) 

tsivesi)H (zwischen) 
lüiddr (wider). 



iridr>r (neben, dicht an, dicht neben) 

miprhalof (ausserhalb) selten gebraucht, rif ^riwor (rieht herüber 
--- gegenüber, gerade gegenüber), dcs^ait (diesseit), dei^aif (jenseit) werden 
in der Mda. mit fuii (von) und folgendem Dativ gebraucht: des^ait fum 
wds;)i- (diesseit des VV^assers). dci^ait fiim dorof ('jenseit des Dorfes). 



UH — 



Germanische Siedlungen in Lothringen und in England. 



Mit einer Karte. 



Von A. Schiber, Colmar. 



I. 

Als ich vor nunmehr einer Reihe von Jahren daranging, die damals 
fast unwidersprochene Theorie vom schwäbisch-alemannischen Ursprung 
der Ortsnamen auf -ingen, ganz besonders wenn sie gemischt mit 
solchen auf -weiler vorkämen, einer Prüfung zu unterziehen, erkannte 
ich alsbald, dass es für die Zwecke, die ich verfolgte, von grosser 
Wichtigkeit sein werde, die Untersuchung auf eine möglichst breite 
Basis zu stützen; denn ich glaubte wahrzunehmen, dass Arnold, wenn 
er irrte, dies nur that, weil er seine Schlüsse, wenn auch nicht aus- 
schhesslich, so doch vorzugsweise aus einem Namenmaterial zog, das 
ihm nahe lag, sagt er doch selbst im Titel seines Buches ^j : »Zumeist nach 
hessischen Ortsnamen.« 

Mr. Charles Pfister, der nur Elsass - Lothringen untersuchte, 
meint ^) : Ces terminaisons ne sont pas egalement reparties en Alsace 
et en Lorraine, dans la premiere de ces provinces dominent les heim 

et les wihr; dans la seconde, les ingen sont en majorite. Les 

premieres terminaisons, semble-t-il, sont plutot du dialecte allemanique ; 
la derniere a ete preferee par les Francs (sie!). 

Deshalb dehnte ich sofort meine Forschungen auf ganz Deutsch- 
land, Belgien, Frankreich, die Schweiz und Ober-Itahen aus, freilich, 
der Not gehorchend, zum Teil mit nicht erschöpfendem Material. In der 
Vorrede meiner bei Trübner erschienenen Broschüre ^j führte ich aus, 
warum ich annahm, dass nach Lage der Sache auch mit diesem Material 
etwas Brauchbares geleistet werden könne : es scheint auch nicht, dass 
ich mich dabei zu sehr geirrt habe. 

Gleichwohl empfand ich seither etwas wie eine moralische Ver- 
pflichtung, auch die bisher nur auf Grund lückenhafter Quellen heran- 
gezogenen Gebiete genauer zu untersuchen, was ich denn inzwischen, 



^) Wanderungen und Ansiedlungen deutscher Stämme. 
2) La limite de la langue francaise et de la langue allemande en Alsace- 
Lorraine. 

^) Die fränkischen und alemannischen Siedlungen in Gallien, Strassburg 1894. 



— 149 — 

freilich oft behindert durch Abhaltungen aller Art, ziemlich gewissen- 
haft gethan zu haben glaube. 

Das Ergebnis dieser Arbeiten werde ich, insoweit es mir die 
Lösung mancher ansprechenden siedlungsgeschichtlichen Frage gegeben 
hat, wenn es die Umstände vergönnen, seiner Zeit ausführlich bekannt 
geben; hier will ich nur erwähnen, dass es geeignet scheint, meine 
Thesen, wie ich sie in den Siedlungen erörtert und glaubhaft gemacht 
habe, der Hauptsache nach unberührt weiter bestehen zu lassen, viel- 
fach zu bekräftigen. 

Diese Thesen sind, um es in Kürze in Erinnerung zu bringen, 
folgende : 

1. Die Ortsnamen auf -ingen sind das Resultat germanischer 
Massensiedlung auf erobertem Boden, in Volks- resp. Stamm-, 
Gau- und Sippen-Verbänden, von Siedlungen auf genossen- 
schaftlicher Grundlage; sie sind in keiner Weise nur den 
Alemannen eigen. 

2. Elbensowenig sind dieses die -weiler, sie treten da auf, wo im 
Bereiche germanischer Ansiedlung auf gallo-römischem Boden 
ein für genossenschaftliche Siedlung germanischer Sippen 
weniger geeignetes Terrain gegeben ist, ihre grosse Mehrzahl 
findet sich daher in gebirgigem Gelände. 

3. Die Orte, deren Namen auf -heim enden, sind jedenfalls ger- 
manische Siedlungen, allein viele Umstände sprechen dafür, 
dass sie nicht Volks- oder Sippen-Siedlungen sind, vielmehr 
einem Herrn zugehorten, dieses und ihre geographische Ver- 
breitung, sowie die Analogie mit den Ortsnamen -ville, -mont, 
-court etc., sprechen dafür, dass wir es hier namentlich, wo 
diese -heim auf früher alemannischem Gebiete auftreten, mit 
fränkischen Herrensiedlungen zu thun haben, wobei aber 
keineswegs bestritten werden soll, dass da, wo solche Namens- 
form einmal verbreitet war, später nach einem bekannten Er- 
fahrungssatze, wonach die Analogie bei der Ortsnamenbildung 
eine grosse Rolle spielt, sich Ortsnamen gleicher Endung auch 
unter abweichenden Voraussetzungen bilden konnten ^). 

^) Vgl. Waitz, das alte Recht der salischen Franken, S. 53: Mehreren 
deutschen Stämmen ist das Wort »heim« als Bezeichnung zusammenliegender 
V/ohnstätten gebräuchlich : ursprünglich gleichbedeutend mit Haus, drückt es 
später häutig den Begriff des Dorfes, der Dorfschaft aus, wie es scheint, besonders 
einer solchen, die von dem einzelnen und seinen Leuten oder den Mitgliedern 
einer Familie angelegt worden ist und die nun mitunter von den Gründern auch 
den Namen empfangen hat. So ist das Wort bei den Angelsachsen im Gebrauch, 



— löO — 

Gerade meine Stellungnahme zu dieser f*'rage, wonach ich der 
bisher herrschenden Theorie zustimme, also es beim Alten zu lassen 
schien, wenn man übersah, dass ich für -heim den Charakter der 
Herrensiedlung gegen Arnold hervorhob, wurde mir seltsamer Weise 
vielfach vorgeworfen mid als Inkonsequenz gedeutet, als ob, wenn man 
einen Vorgänger berichtigen zu müssen glaubt, man nun auch alles, 
was der Mann je gelehrt und gethan. von Grund aus verwerfen müsstel 

Man fand es inkonsequent, dass -ingen keinen bestimmten deutschen 
Volksstamm kennzeichnen, -heim aber für fränkische Siedlung charak- 
teristisch sein solle : worin die Inkonsequenz liege, das sagte z. B. 
Herr Charles Pfister ^ ) nicht. Mehr Gewicht hatte es, wenn man darauf 
hinwies, dass auch in Gegenden, wo von fränkischem Einflüsse keine 
Rede sein könne, so in England, die mit unserem -heim gleichwertige 
Endung -ham sehr häutig vorkomme. Neu war mir das nun ebenso- 
wenig, als das Auftreten von vielen -ham in Bayern, von -um im 
Friesenlande, aber in jener Schrift, die zunächst die Unterscheidung 
zwischen alemannischen und fränkischen Siedlungen bezweckte, schien 
es nicht unerlässlich, auch auf diese Ortsnamen einzugehen. 

Nachdem ich aber alle einst römischen Gebiete des Continents, in 
denen sich Germanen angesiedelt und in denen sie germanische Ortsnamen 
in grösserer Zahl geschaffen haben, untersucht hatte, schien es mir 
nötig, auch die germanischen Massensiedlungen jenseits des Meeres in 
den Bereich meiner Forschungen zu ziehen. 

Freilich ein Werk, aus dem alle englischen Ortsnamen zu ersehen 
wären, aufzutreiben ist mir noch nicht gelungen, wohl aber fand ich 
ein solches, das eine Uebersicht aller patronymisch benannten Orte 
Englands zu geben sich vorsetzt. 

Es ist dies John Mitchell Kemble, »The Saxons in England« das 
Werk eines vor 50 Jahren schreibenden Gelehrten von Ruf; Kemble 
war Mitghed der britischen Akademie der Wissenschaften und anderer 
gelehrter Gesellschaften. 

Als ich nun Kemble, der mir bisher unbekannt geblieben war, 
durchging, staunte ich über die üebereinstimmung zwischen seiner Auf- 
fassung von der Bedeutung der altenghschen Ortsnamen auf -ingas und 
meiner Erklärung der deutschen Ortsnamen auf -ingen. 



so bei den Alemannen im Süden und bei den Friesen im Norden Deutschlands, 
ganz besonders aber scheint es den Franlien eigen gewesen zu sein, so dass 
der häufigere Gebrauch des Wortes im Süden zur Bezeichnung der Grenze gegen 
die Alemannen, im Osten gegen die Sachsen gebraucht werden kann. 
') Revue critique, 2.-9. .Juli 1894. 



— 151 - 

Er :^a(?l hierüber \i. naclideiii er vorher die -ingas als einstige 
Markgenossenschaften erklärt hat : Das Wort Mark hat eine gesetzliche, 
OS hat auch eine lerritoriale Bedeutung, es bedeutet nicht nur ein Stück 
Land, wie es oben beschrieben worden ist, sondern auch ein Glied 
des Staates, in diesem Sinne bedeutet es Jene, welche das Land 
bewohnen etc. 

Ferner : In diesem Sinne ist die Mark eine Gemeinschaft von 
Familien und Haushaltungen, angesiedelt auf einem Bezirk Wald und 
Land, wie oben beschrieben. Dies ist die ursprüngUche Grundlage, auC 
der die ganze teutonische Gesellschaft beruht : und weiterhin : Einmal 
eingeführt, musste eine solche Bezeichnung (die patronymische ist ge- 
meint) wandern mit der Wanderung der Gemeinscliaft selber. 

Man sieht, es stimmt alles dieses ganz auffallend zu meinen Aus- 
führungen, Siedlungen S. 9, 10. 

Solche Ortsnamen auf -ingas weist nun eine Sanmilung, die Kemble 
als Codex Diplomaticus Normannicus bezeichnet, in erheblicher Anzahl 
auf, Kemble vermehrt sie aber, indem er eine Anzahl Ortsnamen auf -ington 
und -ingham, -ingbourn etc. gleichfalls, wie er sagt, nach Prüfung der 
sämtlichen in Betracht kommenden Umstände, als alte Markgenossen- 
schaften betrachtet ; er spricht die Ansicht aus, dass alle die von ihm 
aus einer grossen Zahl ausgewählten Ortsnamen alte -ingas seien und 
findet so über 600 Ortsnamen dieses Typus. 

Musste es mich überraschen, dass schon vor 50 .fahren solche 
Sätze aufgestellt werden konnten, ohne in Deutschland, dessen Ur- 
geschichte sie doch immerhin mit betrafen, grosse Beachtung zu finden, 
so wuchs mein Erstaunen, als ich bei einem andern englischen Schrift- 
steller etwas jüngein Datums Ausführungen fand, die wieder in anderer 
Hinsicht sich mit meinen Anschauungen in bemerkenswerter Weise 
begegneten. 

Es war dies bei Seebohm : The English Village Community. Dieser 
kommt auf Grund einer Argumentation, die mit der in meinen Sied- 
lungen nicht das mindeste gemein hat, insofern zu denselben Schlüssen 
wie ich, als er annimmt, dass die Ortsnamen auf -heim in Deutschland 
und jene auf -hani in England, ebenso wie jene auf -ville, -court etc. im 
französischen Sprachgebiet Gutsherrschaften darstellen, (manors) Colonen- 
Dörfer, gerade so wie nach seiner Ansicht auch die Ortsnamen auf -ton 
dieselbe Bedeutung haben. 

Ausser diesen für meine Forschungsergebnisse augenscheinlich 
erfreulichen Wahrnehmungen, auf die übrigens näher einzugehen hier 

') A. a. 0. Bd. I, S. 42, Ö3, ÖH. 



^ 152 -. 

nicht die Stelle isl ^j, stiess ich aher bei (lelegenheil dieser Arbeiten 
auf eine Thatsache, welche wolil als ein toponymisches Kuriosuni, wenn 
nicht als etwas besseres, unsere Beachtung verdient. 

Es ist das die Thatsache, dass eine erkleckliche Anzahl der loth- 
ringischen Ortsnamen auf -ingen, namentlich ein sehr grosser Teil der 
Ortsnamen dieses Typus im Kreise Diedenhofen, ja die Gesamtheit der- 
selben im Kannerthale sich in genau derselben, oder doch in ganz 
ähnlicher Form in England wiederündetl 

Um aber diese Thatsache zu würdigen, ohne ihre Bedeutung zu 
über- noch zu unterschätzen, wird es von Nutzen sein, sich von der 
Entstehung dieser Namen ein möshchst klares Bild zu machen. 

Zu diesem Behufe muss etwas weiter ausgeholt werden. Die alten 
Ortsnamen auf -ingen, welche durch die Lage und den Umfang ihres Bannes, 
sowie durch ihre Flureinteilung als genossenschaftliche Gründung eines 
über die Bedeutung nur einer Familie erhebUch hinausgehenden Ver- 
bandes sich darstellen^), bezeichnen nach der hier zu vertretenden 
Ansicht einstige Markgenossenschaften •^), Siedlungen einer Gemeinschaft 
von Haushaltungen, welche einer Sippe angehören, die sich durch ihre 
Benennung als Nachkommenschaft eines gemeinsamen Stammvaters 
kennzeichnet. 

Es scheint kaum eines besonderen Hinweises darauf zn bedürfen, 
dass eine solche Gruppe von unter einander gesippten FamiUen in dem 
Stamme, dem dieselbe angehört, die kleinste staatliche und auch wohl 
die kleinste miUtärische Einheit gebildet haben muss. 

Die Existenz einer kleinsten Einheit solcher Beschaffenheit bei 
den Völkern Germaniens wird aber durch das Zeugnis Cäsars und in 
noch viel schlagenderer Weise durch das von Tacitus bestätigt ; letzteres 
bedarf freilich, um recht einleuchtend zu scheinen, erst der Richtig- 
stellung. 

Cäsar sagt bekanntlich '^j : Agriculturae non Student: majorque 
pars victus eorum in lade, caseo, carne consistit; neque quisquam 

^) Man sehe meine vorläufigen kurzen Betrachtungen zu diesem Punkte im 
Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertums- 
vereine 1900, S. 126. 

'^) Nicht alle -ingen sind alte Markgenossenschaften. 

^) Dabei gebrauche ich, wie man aus dem Gesagten ersieht, das Wort 
Markgenossenschaft nicht streng in dem Sinne, den ihm unsere Rechtshistoriker 
beilegen, sondern, seiner Prägnanz und Anschaulichkeit wegen, in einem weiteren 
Verstand für die kleinsten Genossenschaften, welche ein abgegrenztes Gebiet, 
eine Mark in Gesamtbesitz nahmen. Vgl. über die Bedeutung Mark auch Grimm, 
deutsche RcchtsaUertinner, S. 49B ff. 

*) de Bello Gallico, L. VI, Kap. 22. 



agri modmn ceiiuiu aiiL liii(,':s lialj(;l proprios ; sed magislralu.s iic pnii- 
cipes in annos singulos gentibus cognationibusqiie hominum, qui una 
cüierunt, quaiituin, et quo loco visum est, agri attribuunt, atque anno 
post alio transire cogunt. Aus dieser Stelle, die ja wohl hinsicht- 
lich mancher Einzelheiten wie in Bezug auf die nachfolgende Erklärung 
dieser Sitte Einwürfe zulässt, geht jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit 
(denn Cäsar ist doch im Ganzen als ein zuverlässiger Berichterstatter 
zu erachten) soviel hervor, dass die alten Germanen kein Individual- 
Grundeigentum kannten, und dass das Land von ihnen an Genossen- 
schaften und deren Unterabteilungen (gentes-cognationes) verteilt wurde, 
welche auf Geschlechtsverband gegründet waren. 

Für eine Zeit, die etw^a 150 Jahre später liegt, meldet uns 
Tacitus \) folgendes : 

Foenus agitare et in usuras extendere ignotum ; ideoque magis 
servatur quam si vetitum esset. Agri pro numero cultorum ab universis 
invicem occupantur, quos mox inter se secundum dignationem partiuntur; 
faciUtatem partiendi camporum spatia praestant. Arva per annos mutant 
et superest ager. Nee enim cum ubertate et amplitudine soli labore 
contendunt, ut pomaria conserant et prata separent et hortos rigent: 
sola terrae seges imperatur. Unde annum ipsum non in totidem digerunt 
species, hiems et ver et aestas intellectum ac vocabula habent, autumni 
perinde nomen ac bona ignorantur. 

So ist die übliche Lesart, statt invicem steht in vielen Ausgaben 
in vices, in anderen per vices ; die ältesten Handschriften, so auch die 
Stuttgarter, lesen vorherrschend^) »vices« allein. Das scheint nun keinen 
rechten Sinn zu geben, daher die Versuche, die Stelle durch Conjecturen 
zu verbessern. Mit Recht ; aber die einfachste, unscheinbarste und so 
naheliegende Emendation wurde in der Regel nicht beliebt. Die Mängel 
der üblichen Lesart scheinen mir in die Augen zu springen, das fand 
auch Holtzmann, der sehr wohl das wirkUch Anstössige derselben 
fühlte, der aber mit seinem Verbesserungsversuche nur eine Schwierig- 
keit beseitigte, eine andere aber bestehen hess. Doch zur Sache, vor- 
erst zu dem, was mir an den herrschenden Lesarten missfällt. 

Vor allem finde ich auffallend, dass das Land »ab universis pro 
numero cultorum« besetzt werden soll V Das heisst doch wohl »im 
Verhältnis zur Anzahl der Bauern«, ein Verhältnis kann aber nur in 



') Germania, Kap. 26. 

'^) Die Loydener hat in vicem, die vatikanische Nu. 1682 in vicis. Diese 
Abweichungen deuten auf Versuche, eine unverständUche Vorlage zu euiendieren. 



Frage kommen, wenn mehrere nach dem Verhältnis zu berücksichtigen 
sind. Mit Recht hat daher Holtzmann als etwas nicht zu bezweifelndes 
ausgesprochen, dass zu »universi« ein Subject gehöre, das seiner 
Meinung nach ausgefallen war. Er schlug vor zu lesen: »ab universis 
cognationibus^. Damit hat er den Sinn der Stelle gewiss richtig gegeben, 
insoferne es unzweifelhaft Geschlechtsverbände gewesen sein müssen, 
die das Land »pro namero cultorum« besetzten, nur irrte er, wie mir 
scheint, darin dass er das Subject zu »universis« verloren wähnte, es 
ist nur versteckt. Uebrigens bleibt auch nach der Holtzmannschen 
Gonjectur eine Schwierigkeit bestehen, nämlich die Deutung der Worte 
in oder per vicem. Pro numero .... invicem occupantur. Das zeigt 
uns das Land offenbar schon nach dem angegebenen Teilungsmassstabe 
verteilt, und zwar nicht zum dauernden, sondern zum wechselnden 
Besitz. 

Nun heisst es aber gleich weiter wieder, dass sie das Land ver- 
teilen, aber diesmal secundum dignationem. Wie ist das bei dem 
schon unter die Bauern vertheilten Lande möglich ? Und eine Zeile 
weiter heisst es wieder »arva per amios mutant« ; wie die Stelle 
gemeinhin verstanden wird, soll sie bedeuten, dass die Besitzer jährlich 
ihr Ackerland unter einander vertauschen, im Sinne des Caesarschen 
»alio transire cogunt« ^). 



^) .Jene, welche eine jährliche Neuverteilung der Aecker für unwahrscheinlich, 
oder, wie es mir vorgekommen ist, für undenkbar halten, braucht man gar nicht 
erst auf das zu verweisen, was über die frühere Uebung in Dänemark von Hanssen 
berichtet wird, (Falke, neues staatsbürgerl. Magazin, Bd. 8 und 4i und was nach 
Schwerz, Möghner Annalen, 27, 1, am Hundsrück wenigstens noch vor 60 Jahren 
geübt wurde, vgl. Sybel, Entstehung des deutschen Königtums, S. 9; wir finden 
solche Zustände noch heute lebendig im Russischen »Mir«. Elisee Reclus sagt 
hierüber in seiner Nouvelle Geographie universelle, Bd. 5, S. 866: L'ensemble des 
habitants d'un village constitue le mir ou la commune. Le mir, qui s'administre 
en toute liberte, est proprietaire du sol, mais en meme temps il est responsable 
du bien-etre de tous les membres de la commune ; il doit assurer une part ä 
tout individu capable de travailler. Souvent les forets et presque toujours 
les päturages restent indivis. La maison, le terrain oh eile est construite 
et le jardin attenant sont propriete privee ; mais aussi longtemps que le possesseur 
n'a pas achete definitivement sa part de terre ä l'ancien seigneur, il appartient 
ä la commune et ne peut vendre ni maison ni jardin ä une personne etrangere 
au mir qu'avec le consentement des habitants du village. En principe, le partage 
se doit faire suivant la quantite des travailleurs mäles dans chaque fa- 
mille (pro numero cultorum?) et la terre etant taxee pour les impöts d'apres la 
Population male, la repartition du sol devient obligatoire apres chaque recense- 

ment. Mais les oscillations diverses obligent les villages ä faire des re- 

partitions plus frequentes. . . Dans le meme district des communes proc^dent au 



— 155 — 

Warum nun diesen Besitz\vech«el einige Sätze vorher so unbe- 
stimmt vorgreifend andeuten ? Will gesagt werden, dass die einzelnen 
Ansiedler i'cultores} jährlich ihr Fflugland (arva) vertauschen, der mit 
»in vicem^ angedeutete Wechsel aber den Gebietsaustausch grösserer 
Verbände betreffen soll V Kier müsste natürlich die rmtriebszeit eine 
andere sein, eine mehrjährige, aber welche V 

Manche verstehen das »arva mutant« nicht von einem Besitz-, 
sondern von einem Fruchtwechsel, die Anhänger dieser Interpretation 
nehmen eine fortgeschrittene Kultur, ja sogar Individualeigentum an. 
Wie verträgt sich mit diesen Zuständen aber der weiter oben ange- 
deutete allgemeine Wechsel (invicem)? 

Alle diese Schwierigkeiten verschwinden sofort, wenn man liest : 
»Agri pro numero cultorum ab universis vicis occupantur«. Nun liest 
sich das ganze Kapitel sehr leicht : Die Ländereien werden von den 
gesamten Dorfgenossenschaften im Verhältnis zur Anzahl der Hüfner 
in Besitz genommen; diese (natürlich die Dorfgenossenschaften i verteilen 
ihre Anteile alsbald imter sich nach Massgabe der Würdigkeit, 



partage tous les ans, tandisque d'autre« ne fönt de nouvelles divisions 
qu'apres deux ou plusieurs annees. . . Zur Illustration der Besitzverhältnisse 
innerhalb eines »Mir^ giebt Reclus eine Karte, welche die Verteilung des Acker- 
landes innerhalb des Mir von Vororino, Distriet Jaroslavi, darstellt. Diese zeigt 
21 Unterabteilungen, die einigermassen an die Gewanne unserer Dörfer erinnern; 
jede solche Fläche ist wieder in Parzellen von länglicher, streifenartiger Form 
geteilt, die augenscheinlich die Anteile der einzelnen »individus capables de tra- 
vailler« darstellen, da je 9, 7 und 5 aneinander stossender Gewanne mit 1 — 7. 
I. — IX. und a— e bezeichnet sind, so ist anzunehmen, dass die drei Gruppen, »les 
trois chapeaux*, die drei ^^Zelgen« darstellen und dass jeder Anteilberechtigte 
in jeder Zeige ein oder mehrere Stücke besitzt, wie sie ihm aus dem Hute zu- 
gelost wurden; ein ähnlicher, wenn nicht gleicher, Verteilungsmodus, geleitet 
von dem Bestreben, alle gleich zu stellen, hätte sonach hier zu derselben Flur- 
einteilung geführt, die wir in den deutschen Gewanndörfern und, auffallend über- 
einstimmend damit, in den germanischen Siedlungen Englands antreffen (man 
vergleiche nur die Flurkarte des Dorfes Hitchin bei Seebohm i. Den Gegensatz 
dazu bilden die Flurkarten der irischen Dörfer, mit ihrer an die blockartige Auf- 
teilung der »Weilerorte« erinnernden Abteilung. (Vgl. die Flurkarte von Corres- 
kallie in Monaghan bei Seebohm.) Auch hier war das Land Gemeingut der 
Stämme oder Geschlechter, aber wie ganz anders lautet, was Seebohm über die 
Art der Verteilung unter den Nutzungsberechtigten berichtet: Nach dem Venedotian 
Code sollte von dem mit 8 Ochsen gepflügten Land das eine Stück (erw.) an 
den gehen, der pflügte, das zweite an die Pflugschar, das dritte an den Leitochsen 
auf der äussersten Linken i^Schollenseite) u. s. f. In Irland wechselten die Be- 
wohner, die Hofstatt blieb fest; selten sind denn auch die Marken, in denen 
die alten Bezeichnungen der Höfe fortleben, nach einem P. N. benannt, gewöinilirli 
rührt der Name von einem Appelativum her, Seebohm a. a. 0. S. 83 u. 148. 



- 15(^ - 

t)as Pduglancl wechseln sie jährlich und es bleibt noch Land übrig etc. 
Diese Erklärung seheint so befriedigend, dass es Wunder nehmen würde, 
wenn sie nicht schon vorgeschlagen worden wäre ; nur ein Bedenken 
kcmnte ihr entgegengehalten werden : Kann denn vicus mit Dorf- 
genossenschaft übersetzt werden ? Vicus heisst doch das Dorf ! So 
steht's allerdings im Lexikon und das war vielleicht der Grund, warum 
»vicis« von einem denkenden Abschreiber oder von einem gelehrten 
Herausgeber der Renaissancezeit, denn über diese reicht der Stamm- 
codex unserer Handschriften nicht hinaus M, in »vices« geändert wurde. 
Wenn ich nun behaupten will, vicus bedeute hier eine Unterabteilung 
von pagus und könne ebenso wie letzteres Wort nicht nur territorial, 
sondern auch persönlich verstanden werden, so scheint das freilich sehr 
kühn, wenn ich mich auch auf den Umstand berufen kann, dass pagus 
(Gau) zweifellos von den Leuten gebraucht wird, welche den Gau bilden. 
So heisst es bei Caesar^): Quod improviso unum pagum adortus esset — 
was, zumal es sich um einen pagus der wandernden Helvetier handelt, 
nur von einem Personenganzen verstanden werden kann. W^ird doch 
auch civitas mit demselben Doppelsinne gebraucht. Dass vicus territorial 
eine Unterabteilung des pagus ist, wird ja nicht bezweifelt werden ^). 

Trotz dieser Argumente hätte ich mich mit dem Vorschlag »vicis« 
zu lesen nicht hervorgewagt, hätte ich nicht gefunden, dass der be- 
rühmte Textkritiker Becker diese Lesart angenommen hat : es kann 
daher wohl nur ihre Richtigkeit, nicht aber ihre MögUchkeit in Frage 
gestellt werden*). 

Mit der Bedeutung des »arva mutant« brauchen wir uns, scheint 
mir, für die Zwecke dieser Untersuchung gar nicht näher zu befassen, 
denn : Entweder man darf Denen beistimmen, welche den Germanen 
jener Zeit nur eine sehr primitive Bewirtschaftungsmethode zuschreiben, 
eine sogenannte Gras- oder Ehgarten-Wirtschaft, wobei jedes Jahr ein 
anderes Stück Boden besäet wird, um dann eine längere Reihe von 
Jahren zu ruhen, d. h. als Weide zu dienen, dann leuchtet ein, dass 
das brach liegende Feld wieder in die Allgemeinnutzung der Almende ^) 

') Die Abschrift des Henoch Asculanus entstand um die Mitte des 15. Jhdts. 

2^ Bell. Gall. I, 13. 

^) Tac. Germ. G. 12 »qui iura per pagos vicosque reddunt«. 

*) Vgl. Seebohm, S. 233. Auch er liest: Ab universis vicis occupantur. 

'') Wegen des Begriffs »Mark« und »Almende« siehe bei Grimm, deutsche 
Rechtsaltertümer, S. 496- -498. Vgl. Maurer, Einleitung zur Geschichte der Mark-, 
Hof-, Dorf- und Stadt -Verfassung, 1854, S. 93: Denn dass Tacitus beim Gebrauche 
des Wortes ager an einen ager publicus im römischen Sinne des Wortes gedacht 
habe, scheint mir ausser Zweifel zu sein. Bestätigt wird diese Ansicht durch die 



— 1 57 — 

zurück fallen muss M : oder die r^andvvirtsehafl wird als so entwickelt 
gedacht, dass ein beschränkter Teil der Mark dauernd der Ackerwirt- 
schaft gewidmet bleibt, wobei aber der Genuss jährlich wechselt ^;, 
dann kann von einem hidividnal-Eigentum am Grund und Boden auch 
nicht die Rede sein. Und wenn wir auch das »arva mutant« nur von 
der Fruchtfolge d. i. der zeitweisen Brache verstehen wollten'^), nun 
dann hätten wir jedenfalls die Annahme, dass die Dorfschaften ihrer- 
seits in gewissen Perioden, wie zu Caesars Zeiten, wechseln, ganz 
ausgeschlossen, aber auch nicht das mindeste Recht, zu vermuten, dass 
auch das nicht unter den Pflug genommene Land unter den »cultores« 
verteilt war; letztere sind also im gemeinschaftlichen Besitz wenigstens 
der ungeteilten Mark, und insoferne müssen wir sie als Mark- 
genossen bezeichnen ; nicht als ob das mittelalterliche Rechtsinstitut 
der Markgenossenschaften in jene Zeit zurückverlegt werden wollte. 

Dass ein solcher »vicus»; wenn seine Mark gross bemessen war, 
mit der Zeit in seinem Bezirk Tochterdörfer gründen musste, denen 
selbsl wenn ihnen ausser der besonderen Feldmark ein besonderer 
Teil Wald und Weide zufiel, sehr wohl ein Milgenuss an anderen 
Teilen der gemeinen Mark bleiben konnte, ja sehr wahrscheinlich 
regelmässig blieb, ist wohl nicht abzuweisen und insofern sind wir 



Geschichte der nordischen Reiche. Nach der Art und Weise, wie nämhch 
auch dort ursprünglich das Land in Besitz genommen worden, war alles Land 
ursprünglich Gemeinland, Almenning, alminning, almäninger oder Allmende, 
also der Gesamtheit gehöriges Land. Ebenda S. 97, § 44 : Ursprünglich ist dem- 
nach die ganze Mark in Gemeinschaft .... gewesen. Denn auch bei der ge- 
teilten Feldmark hat, so lange der jährliche oder auch erst nach Jahren wieder- 
kehrende Wechsel der Ackerloose bestand, die Gemeinschaft fortbestanden. 

') Zu dieser Auffassung stimmt auch besonders, dass dann das ganze C 26 
eine treffliche Illustration des Satzes »faenus agitare — ignotum« wird. Das 
Fehlen allen Individualeigentums am Boden, die primitive Bestellungsweise, die 
der Besitzwechsel von selbst ergiebt, der Mangel eigner (besser gepflegter) Wiesen, 
sowie jeglicher Fruchtgärten ergeben einen wirtschaftlichen Zustand, bei dem für 
die usura, damals schon die >Geisel Roms», offenbar kein Raum gegeben war. 
Eine Anspielung auf Feldwirtschaft mit rationellem Fruchtwechsel, unter Voraus- 
setzung eines Grundeigentums der Einzelnen an den zugeteilten Ländereien würde 
weit weniger iiierher passen, ja eher abschwächend wirken. 

*j Also so, wie es (vgl. oben S. 9, Note) von Hansen und Schwerz für die 
jüngste Vergangenheil berichtet wird und im Mir statthat. 

'i Die hier bevorzugte Auslegung des arva mutant ist auch von Gierkc, 
Deutsches Privatrecht, Bd. I, S. 578, namentlich in Note 8, als die richtige er- 
achtet worden ; insbesondere nimmt auch Gierke Feldgraswirtschaft an. Auch für 
das weiter unten über die Genossen als Gentilen Auszuführende kann auf diesen 
gewichtigen Gewährsmann verwiesen werden. A. a. 0. S. 576. 



— 158 — 

berechtigt, eine grosse Anzahl der spätem, technisch so genannten 
Mark-, Wald- und Alpgenossenschaften von solchen Dorfsiedlungen der 
ersten Landnahme herzuleiten. 

Da aber das Eigentum in der frühesten Zeit bei der Gesamtheit 
der Volksgenossen stand, der das nicht unter die Dorfschaften verteilte 
Gebiet ebenso zustehen musste ^), wie die Almende, das nicht unter 
die cultores verteilte Land der »viel«, so ist es nicht zu verwundern, 
auch Markgenossenschaften von einem solchen Umfang zu treffen, dass 
ihr Gebiet auf einstigen gemeinsamen Besitz eines ganzen Volksstammes 
oder mindestens eines Gaues hinzuweisen scheint, wie die alte Fuldische 
Mark, die Heppenheimer Mark etc.^). Wichtiger als die Frage, wann 
und wie sich in jenen Genossenschaften aus der Urzeit das Eigentum 
aus dem ursprünglichen Nutzungsrecht bezw. der Gewere^j entwickelt 
hat, erscheint hier die Frage : standen unsere Markgenossen unter 
einander in keinem näheren Verbände, als dem der Zugehörigkeit zum 
selben Volke ? 

Bedenkt man die grosse Bedeutung, die bei den Germanen dem 
Sippenverbande überall zukömmt, wie schon Caesar andeutet, dass 
sie bis zu den kleinsten Einheiten herab zusammen hausen (gentes 
cognationesque) ; ferner wie vielfach alle poHtische Ordnung in die 
Formen der Familie gekleidet war*); die Wichtigkeit der nachbarlichen 
Verhältnisse im deutschen Recht •^), namentlich das Erbrecht der Nach- 
barn noch zu Childerichs Zeiten, Bestimmungen wie jene der lex 
Salica Tit. LVIII AI. 3 (Emend), die Vorschrift nachbarlichen Consenses 
zur Klage, sowie die Sitte, nach Geschlechtern geschaart zu kämpfen^), 
so muss man wohl Sybel zustimmen, wenn er sagt : für die Charak- 
teristik des Vicus dünkt es mich entscheidend, Vicinen dieser Art 
dürfen wir unbedenklich als Gentilen bezeichnen'). 

Welches die Benennung dieser Geschlechtsverbände in der Sprache 
der Germanen war, ob »Sippe« ob, wie Sybel zu vermuten scheint, »fara? 
der entsprechende Ausdruck war, soll hier nicht erörtert werden, dass 
aber bei solcher verwandtschafthchen Grundlage des gegenseitigen 

^) Freilich bestand in solchem Land anfangs freies Occupationsrecht — 
proprisus, purprisus, vielleicht der Ursprung der »heim«. Maurer, Einleitung etc. 
S. 82—83. 

^) Maurer, Geschichte der Markenverf. in Deutschland. 

^) Maurer, Einleitung etc., § 45. 

*) Sybel, Entstehung des deutschen Königtums, S. 18. 

") Sybel, a. a. 0., S. 24. 

«) Tacitus, Germ. C. 6. 

') Sybel, a. a. 0., S. 28. . 



— 159 — 

Verhältnisses eine patronymische Benennung des Verbandes wahrscheinlich 
ist, dürfte nicht zu bestreiten sein. Die Bildung des Patronymicums 
durch das Suffix ing, ingas, ingon ist bekannt M. 

Da somit eine Masseneinwanderung von Germanen mit Sitten, 
Gebräuchen und Rechtsverhältnissen, wie sie Tacitus schildert, in 
Gründung von zahlreichen Dorffluren, mit gleichmässiger Verteilung des 
Ackerlandes unter den regelmässig gleich bedachten Hüfnern, mit ge- 
meinsamem Genuss von Wald und Weide, dabei die einzelnen Sied- 
lungen wenigstens vorherrschend in einer Weise benannt, welche die 
Gründung durch Geschlechtsverbände andeutet, sich notwendig 
hätte äussern müssen, so werden wir annehmen dürfen, dass in der 
That zur Zeit der Einwanderung der Germanen im Römerreich in der 
Zeit vom 3. bis zum 5. Jhdt. unter ihnen noch so ziemlich dieselben 
Verhältnisse in Kraft waren, wie zur Zeit, da Tacitus ihre Sitten 
schilderte, und dass hierauf das massenhafte Vorkommen patronymisch 
benannter Orte in diesen Gegenden zurückzuführen ist^j. 

Die Bildung des Patronymicums erfolgte aber nicht, wie vielfach 
angenommen w'ird. einfach durch Anhängen des Suffixes ing an einen 
Personennamen. 

Die alten germanischen Personennamen bestehen regelmässig aus 
zwei Worlstämmen. wüe Sigi- bert. d. i. dem Sinne nach: der prächtige 
Sieger. Es war nun, scheint es, üblich, dass die Kinder eines Mannes 
dieses Namens auch wieder ähnliche Namen trugen, etwa: Sigfried, 
Sigraban, Sigibodo, Sigibald, Sigibrand, Sigihard, die Töchter mochten 
Sigiburg, Siglinde, Sigihilda, etc. heissen. 

Die Sippe, der ein jedes angehörte, wurde also durch den ersten 
Teil des Namens gekennzeichnet. 

Das älteste Beispiel für diese Sitte ist wohl der Bericht des Tacitus, 
wonach ein Fürst der Cherusker den Namen Sigomar (Segimerus) führte, 
sein Bruder heisst Sigogast (Segestesj, dessen Sohn aber Sigmund 
(Segimundus) ^). 

Bekanntlich vermutet man, Arminius, der auch einen Bruder 
Sigomar hatte, möge den Namen Sigfried geführt haben und der Held 
jener von Tacitus erwähnten Gesänge zu seinen Ehren sei auch der 
der Nibelungensage! 

Diese Sippe würde nun aber nicht den Namen der Sigbertingen 
oder dgl. geführt haben, sondern das Suffix wurde vielmehr an den die 

') Siedlungen, S. 8 ff. 

') Vgl. Siedlungen, Kap. 1 

") Tac. Ann. I, S. 54, 71. 



— IßO — 

Sippe determinierenden Namensteil Sig- angehängt, also: die Siggingen, 
oder die Sikkingen. Man kann auch sagen, das Suffix wird an den 
Kurznamen angehängt, denn die vorerwähnten Mannesnamen hätten 
alle die Kurzform Sigo oder Siggo gebildet, auch Sicco, und — wohl 
zu beachten — Sigilo kömmt vor. Theodorich der Grosse stammte 
aus dem Geschlechte der Aiualungen, seine Tochter hiess Amala- 
suntha, zuverlässig hiess die Familie nach einem Amalarich oder 
Amalfried oder Amalolf : aus der Kurzform Amalo ist das Patrominycum 
gebildet. 

Aber es giebt auch eine andere Ableitungsform, wie es auch eine 
andere Art giebt. die Kurzform des Personennamens zu bilden. 

Von Merovech, Sohn des Chilperich, nannte man seine Nachfolger 
Merovinger, nicht Meringer. 

Es entspricht das einer Kurznamenform, die einen Teil des zweiten 
Wortstammes aufnimmt, so wird Dagobert Dappo: Gundobald oder 
Gundobert Gumpo: wie das Steub in seiner Schrift zu den deutschen 
Familiennamen (1873) ausgeführt hat. 

Es soll aber nicht verschwiegen bleiben, dass es auch eine Reihe 
von Ortsnamen giebt, die den ganzen Namen enthalten: Sigmaringen, 
Volmeringen, Geiselhöring u. s. w. Es kann dies um so weniger über- 
raschen, als es ja auch patronymische Ableitungen dieser Art giebt, 
die jedermann bekannt sind : Agilolfingen, Luitpoldingen u, a. m. 

Ist das eine Durchbrechung unserer Regel oder ein Beweis, dass 
Jene recht haben, welche Formen wie Rodingen, Nebingen, Meiningen, 
Reiningen für Contractionen längerer Ortsnamensformen halten ; also etwa 
von Rodbertingen, Nebulfingen, Meinhardingen, Reinbertingen? 

Natürlich giebt es zusammengezogene Formen: Gandringen mag 
wohl aus Ganthar, Weckringen aus Wickram mit Hilfe des Suffixes 
-ing entstanden sein ; auch dem Namen Bertringen wird eher ein 
Bertram oder Bertrand zu Grunde liegen als eine Form Bertro, die 
nirgends vorzukommen scheint. Aber jene Namen, in denen die übliche 
Kurzform des Personennamens ganz rein vorkömmt, wird man im 
Zweifel auch von dieser ableiten müssen. 

Dass dies sich so verhält, ergiebt sich auch aus folgendem : In 
den Ortsnamen ist oft, sehr oft sogar, statt des Kurznaraens in seiner 
ursprünglichen Form eine Weiterbildung desselben enthalten, welche 
durch das Suffix -ilo gebildet wurde, ursprüngUch offenbar eine Ver- 
kleinerungs- oder Koseform, die aber später, nach Förstemanns Ansicht, 
diese Bedeutung verlor. Gerade von dieser verlängerten Form sind 
aber eine Menge Ortsnamen gebildet : Wolfraban giebt Wolfo, dieses 



— 161 — 

Wolfilü und von diesem kömmt Wölflingen ^). Läge hier nur eine 
Contraction vor von Personennamen und Suftix, wie käme da das »1« 
in den Namen. Wir finden übrigens die gleiche Duphcität der Namen- 
bildung bei Ortsnamen anderer Endung : So finden wir neben einem 
Gizziboldesheim ein Wünheim : neben einem Heinrichsdorf ein Gebes- 
dorf; neben einem Gebhardsberg ein Warnesberg. 

Dass hier keine im Lauf der Jahrhunderte abgeschhlVene Formen, 
sondern von Haus aus Bildungen vom Personennamen in seiner Kurz- 
form vorliegen können, das beweisen klar und deutlich die bekannten 
Ortsnamen der lex Salica: Wisoheim, Bodoheim, Saloheim, Widoheim. 
die uns diese selbe Form schon für die Zeit des 5. Jhdts. geben. 

Es scheint, nach all dem, was wir bisher beobachtet haben, dass 
es sich bei diesen verschiedenen abgeleiteten Formen weniger um 
nebeneinander herlaufende, als vielmehr um zeitlich aufeinander folgende 
Bildungen handelt. Und zw^ar glaube ich die Derivate vom einfachen 
Stamm resp. von der Kurzform des Personennamen für die älteren halten 
zu müssen. Dafür spricht die Chronologie der angeführten Ortsnamen 
und Sippennamen, für mich auch die Annahme, dass das allgemein ver- 
breitete Gefühl für die determinierende Bedeutung des ersten Stammes 
der alten Namen früh verloren gegangen sein dürfte ^}. Ein Zeichen 
dafür scheint mir schon das Auftreten der einstämmigen Namen, wie 
Karl, Pipi)in, Otto, die ich für Kurznamen halte, denen ein älterer, 
nicht in allen Fällen mehr zu ermittelnder doppelstämmiger Name einst 
entsprochen hat. hn 8. Jahrhundert tauchen Personennamen auf wie 
Alagastesheim, Dagastisheim, die, wenn im 5. Jahrhundert entstanden, 
wohl Alaheim, Dagaheim genannt worden wären. 

Gehen wir daher nunmehr zur Prüfung des von mir zu behan- 
delnden Ortsnamen-Materials über: 

Zum Vergleich soll herangezogen werden nicht das Gebiet von 
Lothringen allein, sondern das ganze von mir in meinen »Siedlungen« ^i 



*) Seltener scheinen die Derivate von einer Koseform auf -izo : Cunibert- 
Cunigo, oder auf -ico — Liubhart-Liubico. 

^) Man könnte sogar sagen, wenn, wie anzunehmen ist, die echten Sippen- 
namen nur den ersten Teil jenes P. N. enthielten, welcher in der Sippe namentlich 
bei den näuptlingsfamilien, die jedenfalls von einem göttlichen Wesen inil einem 
entsprechenden Namen sich ableiteten, vorherrschte, so konnte zur Zeit der 
Wanderungen die jeweilige Niederlassung, die in Ermangelung eines eigenen 
Lokalnamens nach der Sippe benannt wurde, nur einen Namen erhalten, der 
einen Stamm, den Hauptstamm enthielt. Anders zusammengesetzte Namen 
müssen also späteren Ursprungs sein. 

') Cap. 3. 



— 162 — 

umschriebene mosellanische Siedlungsgebiet, das ist das Flussgebiet 
aller in die Mosel unterhalb Metz bis zu der Thalverengung unter Trier 
einnnündenden Wasserläufe, welche, mit Ausnahme des Ornethals, bis 
in ihre Quellgebiete ganz germanisiert sind, während darüber hinaus 
im weiten Halbkreis von der Gegend von Malmedy über West bis zum 
Donon allenthalben welsche Sprache auftritt, gegen S. 0. aber die grosse 
Saarbrücker Weilergruppe angrenzt. 

Es werden im Folgenden die deutschen Ortsnamen des oben be- 
zeichneten Gebiets den ihnen gleichen oder doch sehr ähnlichen eng- 
lischen gegenübergestellt, sodann wird für die lothringischen Ortsnamen 
die älteste zuverlässige Form aufgesucht ') — die englischen sind uns von 
Kemble ohnehin, soweit er sie im Codex Dipl. ermittelte, in der 
ältesten Form gegeben, es ist in diesen Fällen die Nummer des Codex 
beigesetzt, bei den übrigen ist die alte Form von ihm zu reconstruieren 
versucht worden. 

Für Luxemburg und Rheinland sind mir die alten Formen nicht 
zugänglich, doch sind die meisten Ortsnamen nur Wiederholungen der 
lothringischen Namen. 

Man wird finden, dass manche der alten Formen den Eindruck 
machen, als hätte der Schreiber, der oft genug ein Welscher ge- 
wesen sein wird, die Namensform arg entstellt, so dass wir der 
lebendigen Ueberlieferung im Volksmund mehr Bedeutung beimessen 
dürfen, als der urkundlichen. Zudem hat Bouteiller, der sein Buch 
sehr eilig herstellte, manches offenbare Versehen begangen, so wenn 
er Leutermingas zu Luttange setzt, da es doch nur zu Lauter- 
mingen gehören kann ; wo ferner in ganz kurzen Zwischenräumen ganz 
verschiedene Formen sich folgen, liegt natürlich keine sprachliche Ent- 
wicklung, sondern, mindestens einmal, ungenaue Wiedergabe vor: der 
heute im Volksmund fortlebenden Namenbildung steht da ohne Zweifel 
die Entscheidung zu. 

Was die Zurückführung auf einen alten Personennamen anlangt, so 
habe ich mich dabei hauptsächlich auf Förstemanns »Altdeutsches Namen- 
buch« gestützt. Manche Erklärung fand ich bei ihm schon fertig vor; 
dass ich ihm nicht unter Verzicht auf eigne Ansicht folgte, wird man 
leicht bemerken. 

Es ergibt sich, dass, wie zu erwarten war, die weitaus meisten 
Ortsnamen aus der Kurzform des Personennamens gebildet sind, und 

^) Und zwar bei ■ Bouteiller und Lepage, Dictionnaire topographique de la 
Moselle resp. de la Meurthe; wo (?) steht, fand ich dort keine urkundhche Form 
verzeichnet. 



— 163 — 

zwar enthalten ca. 54 Namen, die mehrfach erscheinenden Ortsnamen 
nur einmal gerechnet, nur den ersten Teil des Personennamens 
schlechtweg, während er in 15 Fällen in der Form auf -ilo auftritt; 
in den übrigen 10 Fällen kann es oft zweifelhaft sein, ob eine 
Namenskurzform nach Analogie der Bildung »Merving«, also unter Ein- 
beziehung eines Teiles des zweiten Stammes, oder ob eine Zusammen- 
ziehung vorliegt, eine Frage, die mir auch die alten Formen in unsern 
Fällen selten zu entscheiden scheinen, während sie sonst oft Aus- 
kunft geben, so wenn wir Girlingen gleich Geroldingen erkennen. 
Etwa die Hälfte dieser 10 Ortsnamen mögen contrahierte Formen sein, 
die andern sind wahrscheinlich auch von Kurzformen des Personen- 
Namens abgeleitet, was sich übrigens nach meinen Wahrnehmungen von 
der ungeheuren Mehrheit aller lothringi.schen Ortsnamen auf -ingen 
beweisen Hesse. Dasselbe Verhältnis dürfen wir aber in England 
vx)raussetzen, nachdem von ca. 100 zum Vergleich herangezogenen 
Ortsnamen ebenfalls über 90*^/0 gleicher Bildung sich schon durch 
ihre Uebereinstimmung mit unsern Ortsnamen insbesondere auch in 
allen Fällen, wo die alten Formen vorliegen, erweisen. 

Dass wir nicht überall, wo die Namen der Orte sei es eine 
Aehnlichkeit, sei es volle Uebereinstimmung aufweisen, annehmen 
müssen, dass sie auch von demselben Namensstamme abzuleiten 
seien, das ergibt sich schon daraus, dass für ein und denselben loth- 
ringer Ortsnamen verschiedene Stämme in Frage kommen können. 
Berücksichtigt man, dass wir es mit verschiedenen Sprachgebieten zu 
thun haben, dass wir nicht wissen, wie die englischen Ortsnamen 
in der Zeit lauteten, der die verschiedenen für Lothringen überlieferten 
urkundlichen Formen angehören, so versteht es sich von selbst, dass 
eine solche Behauptung hier gar nicht versucht werden soll. 

Aber in einer sehr grossen Zahl von Fällen ist doch anzunehmen, 
dass die Ortsnamen beider Gebiete von Personennamen desselben 
Stammes abzuleiten sind. Dies scheint mir namentlich in jenen Fällen 
zuzutreffen, wo die sehr einfachen Formen, wie Edingen, Eppingen, 
Edingen und viele andre schon in den frühesten Zeiten, in die wir 
zurückforschen können, im 8. und 9., ja im 7. Jahrhundert, diese 
Form aufweisen, wie denn die Einfachheit des Namens zu Verunstaltung 
und Zusammenziehung gar nicht aufzufordern scheint. 

Und unter diesen nicht seltenen Fällen möchte ich wieder jenen 
ein besonderes Gewicht beimessen, welche wie die Namen des Stammes 
Ter u. a., so selten sind und nur in unsern beiden Gebieten auftreten. 



164 — 



II. 

A, UebersicM der In Lothringen resp. im Moselgebiet und fast oder ganz gleicli- 
lautend in England vorkommenden Ortsnamen auf -ingen. 

Lothringen. 

England. 



Kreis Diedenhofen. 

1. Algringen. 

2. Bettingen (4 mal) 

8. Bevingen 

4. Bidlingen 

ö. Blettingen 

6. Bollingen 

7. Büdingen (8 mal) 

8. Ehingen 



lt. Edingen 



10. Elingen 

11. Eisingen \ 

12. Elzingen I 

13. Ewringen 

14. Hellingen 

15. Hückingen 

16. Illingen 

17. Inglingen 

18. Kedingen 



Kneuttingen 
Mallingen 



19. 
20. 

21. Mondelingen 

22. Oetringen 

23. Oettingen 

24. Redingen 

25. Reningen 

26. Terlingen (abg. Ort) 

27. Weckringen 

28. Weimeringen 



Aelcringas — Alkrington, Lancaster 
Beadingas — C. D. 314, Sussex 
Beaddingas — C. D. 475, Wighl 
Beofingas — Bevington, Warwyk 
Bydelingas — C. D. 445, Northampton 
Blaedingas — Bleddington, Gloucester 



Bollingas 
Budingas 
Aebingas 
Cambr. 
Edingas - 



Bollington, Chester 
Buddington, Sussex 
Abinghall, Glouc. - 



Abington, 



- Edington, Berks. Nrthld. Som- 
mers. Witts. Edingthorpe, Norfolk 
Ealingas — Ealing, Mddles. — Eling, Hants. 

Eisingas — Elsing, Norfolk 



Ebrington, Gloue. 
Hellinghill, Nthbld. — Hellingby, 



York 



Eheringas 
Hellingas 

Sussex 
Hucingas — Hucking, Kent 
lUingas — lUington, Norf. lUingworth, 
Englungas — C. D. 123, Kent. 
Caedingas — Caddington, Bedf. Herts. Ked- 

dington, Line. Kedington Essex. 
Cnottingas — Knotting, Bedf. Knottingby, York 
Mallingas — Mailing, Kent, Sussex. 
Mundlingas - C. D. 107, Kent 
Oteringas — Ottrington, York — Ottringham, 

York. 

Oddingas — G. D. 209, Worcester 

Readingas — C. D. 688, Berksh. 

Renningas — Rennington, Nthbld. 

Terlingas — C. D. 907, Essex 
Waeceringas — Wakering, Essex 



Weomaringas 



Wymering, Hants. 



— Ifiö 



Kreis Bolchen. 
20. Eblin?en 



30. Edelingen \ 
81. Edlingen j 
32. Fehringen 



33. Füllingen 

34. Hallingen 

35. HeckUngen 

36. Hollingen 



Ablington, Glouc. 
Edlinghani, Nthbld. 



Ablinghall, 
Ediington, 



Aeblingas 

Wilts. 
Kadiingas - 

Line. York. 
F'earingas — Faringdon, Devon., Farringdon, 

Dors. Hants. Berks. Sommers. 
Farrington, Lanc. Som. 



C. D. 987. Sommers. 

C. D. 160. Kent. 

- C. D. 1193. Surrey 

C. D. 722 Kent. — Hollingbourn, 



37. Inglinger Hof 

38. Isingen 

39. Tettingen 

40. Trittelingen 

41. Wiüingen 

Kreis Forbach. 

42. Beningen (3 

43. Büdingen, s. o. 

44. Gesslingen 

45. Lellingen 

46. Wintringen 

Kreis Saarburg. 

47. Bebingen 

48. Berlingen 

49. Hemingen 

50. Metlingen 

51. Pettlingen 

52. Rieding(en) 

Kreis Metz. 

53. Coulange (?) 

54. Epange (vgl. 

55. Hessingen 
50. Marange 



FuUingas 
Hallingas - 
Haeglingas 
Hollingas 
Kent. 
(vgl. Inglingen) 

Issingas ■ — Isington. Hants. 
Taetingas — Tattington, Norf. 
Tritlingas — Tritlington, Norf. 
Willingas — WilUngdon, Sussex 



mal) 



No. 7. 



Benningas — Benningbrough, York, -holme V. 
-ton, Hants, Line, -worth Line. 

Gislingas — Gislingham, Suff. 

Laellingas C. D. 715 Essex 

Wintringas — Winteringham, Line, ^'ork. 

Bebingas — Bebington, Chesh. 
Berlingas, Worc. vgl. 62, 74. 
Hemingas — Hemingbrougli. York. 
Maetingas — Mattingby, Hants. Mettingham, 

Suff. 
Fetlingas — Peatling, Leic. 
Kidingas — Riding, Nrthbld. 

Culingas C. D. 132 



Kr. Saargemünd) 
Haessingas 
Maeringas 



Hassingham, Norf. 
Marrington, Salop 
Mering, Notl, — Merrington, Durh. 



J66 — 



57. Nidange 

ö8. Rollingen 

59. Silvingen (Silvange) 

60. Talange 

Kreis Chäteau-Salins. 

' 61. Arlange 

62. (Beringenj Heranqe 

63. Böllingen (Bellange) 

64. Bessingen 

65. Dedeling(en) 

66. Hudingen 

67. Lidersingen 

68. Wirmingen 

Kreis Saargemünd. 

69. Dieblingen 

70. Eppingen 

71. Ettingen 

72. Hallingen 

73. Wittringen 



Nydingas 
Rollingas 
Silfingas - 
Taelingas 



Needingworth, Kent 
Rollington, Dorset 
Silvington, Salop 
Line. 



TalHngton, 



Arlingas — Arlinghani, -ton, Glouc. Dev. Süss. 
Beringas C. D, 518 Kent 
Bellingas — Bellington, Berks. -harn, Nthbld. 
Bessingas — Bessington, Oxf. 
Daedlingas — Dadlington, Leic. 
Hudingas — Huddington, Worc. 
Lidesingas — Lidsing? 

Wyrmingas — Wormingford, -hall. -ton. — 
Casex, Berk., Glouc. 

Deoplingas — Debtling, Kent 
Eppingas — ■ Epping, Kssex 
Ettingas — Ettinghall, StatY. 
Hallingas, s. Bolchen. 
Witringas - C. D. 464, Sussex. 



Luxemburg.*; 

74. Beringen, s. o. 

75. Bettingen, s. o. 

76. Bevange, s. o. 

77. Didling 

78. Dillingen 

79. Dönningen 

80. Ehlingen, s. o. 

81. Ellange 

82. Ehlerange 

83. Essange 

84. Gödringen 



Kreis Chäteau-Salins 
Diedenhofen 
Diedenhofen 

Didlingas — Didling, Süss., Didlington, Dors. Norf. 

Dillingas — Dillington, Norf. 

Doningas — Donington, 3 X, 
Line. Leirt etc. 
Diedenhofen 

Ellingas — Ellingham, -ton 

Elringas — Ellerington, Nrthld. 

Essingas — Essington, Staff. 



Donningt. 6 X 



Godringas 



Gotherington. 



Glouc. 



*) Die Uebereinstimmung der Namen in Luxemburg mit der Nomenclatur 
Lothringens ist übrigens weit intensiver als hier zu Tage tritt. Die grosse Aehn- 
lichkeit der rheinpreussischen Nomenclatur erhellt aus No. 93 — 105. — Alles 
dies spricht für meine Annahme, dass die Besiedlung einheitlich und von der 
Mosel aus, nicht von Süden her — dorthin lässt die Uebereinstimmung nach — 
erfolgte. V. Siedlungen, Gap. 3, S. 20 ff. 



— 167 — 

85. Heilange, s. o. Diedenhofen 

86. Kädange. s. o. Diedenhofen 

87. Nördingen Nordingas — Northington. Hants 

88. Petange Faetingas — Paltingham, Salop, Stall'. 

89. Rodange Rodingas — C. D. 907, Berks. 

90. Rollingen, s. o. Metz 

91. Tetange, s. o. Bolchen 

92. Wintringen, s. o. Forbach. 

RheJnprovinz. 

93. Binningen (R.-B. Coblenz) Binningas, Binnington, Yk. 

94. Nasingen (Kr. Bitburg) Naessingas, Naessinglon Nhamp. 

95. Berlingen (R.-B. Trier), vgl Saarburg 

96. Bettingen (R.-B. Coblenz), vgl. Diedenhofen, Luxemburg 

97. Dillingen (Kr. Saarlouis) vgl. Luxemburg 

98. Bewingen (Kr. Daun), vgl. Diedenhofen 

99. Büdingen (Kr. Trier), vgl. Diedenhofen 

100. Ellingen R.-B. Coblenz, vgl. Luxemburg 

101. Essingen (Kr. Daun), vgl. Luxemburg 

102. Illingen (R.-B. Trier), vgl. Diedenhofen 

103. Mehring (R.-B. Trier), vgl. Metz, No. 56 

104. Sihvingen (Kr. Merzig), vgl. Metz, No. 57 

105. Tettingen (Kr. Merzig), vgl. Bolchen, Luxemburg. 

B. Versuch einer Ableitung der Lothringer Namen unter Berücksiclitlgung der 

überlieferten alten Formen. 

Lothringen. 
Kreis Diedenhofen. 

1. Algringen — Alkerenges 875, Alger, Athalger, Stamm Athal. 

2. Bettingen bei Waldwiese ~ Bettingen 1135, B. Flörchingen, Baitanges 
1352 Betto. Badulf. Stamm Bad. 

3 Bevingen bei Justberg, — Buivanges 1236 \ Bevo, Bebrimod, 

4. Bevingen bei St. Michel — Bovenges 1128 / Stamm Bib. 

5. Bidlingen — Budeliacum (533, Buodlingen 12. Jhdt., Bodilo, Bodogast, 
Bodulf, zu Bud. 

6. Bletlingen — Biettange 1357, Bletto von Blithar, Blidegisel, Blidmar 
zu Blid. 

7. BoUingen — Boulenges 1290, BoUo, Bolheri, Stamm Bol. 



— 108 — 

8. Büdingen — Kannerthal, Budinacha940, Budinga 11. Jh. . 

9 Büdingen bei .lustberg, Bodingias 959 i If' t 

10. Büdingen bei Kedingen, Budanges 1294, Budinge 1818) 

11. Ehingen — Hebingen 1169, Ebo, Ebolenus. — (Wie gerade mehrere 
der dunkelsten Stämme ist auch dieses Eb fast gar nicht com- 
positionsfähig, sagt Förstemann, Personennamen S. 357 ; sollte man 
nicht annehmen dürfen, dass die damit zusammengesetzten Per- 
sonennamen früh ausser üebung kamen, daher uns fast nur Kurz- 
formen überliefert wurden?) 

12 Edingen — Adingias 959, Edo, Edilof, Edulf, vgl. übrigens Förste- 
mann wegen der zu Ath und Id gehörigen Formen. 

13. Elingen — Helledange 1322, Ellingen 1682, Eli, Ello, Eiolf, Elemund 
zu Stamm Ali. 

14. Eisingen — Elcanges 1341 \ Eisinga 1544, Eliso, Elisard, Ehsnöd. 

1 5. Elzingen — Ilsingia 1632 i Stamm Abs. 

16. Ewringen — Ebiringon 963, Ebroin, Ebarhelm etc. Stamm Ebar. 

17. Hellingen — ebenso 1693. Heiiger, Helipold, Heling oder HalidV 
vgl. Hallingen. 

18. Hückingen — (Ueckingen) ütingas 1152, Ukenge 1181, aber 
Huchenigen 1544, Huckange 1790, Hugo, Hugibart zu Hug. Förste- 
mann leitet auch den Personennamen »Uecke« von Hugo ab, die 
Schreibart mit oder ohne H verschlägt also kaum etwas für die 
Ableitung. 

19. Illingen — Ellanges 1377, Illingen 1574, Ilo, Ilimot, llpogo zu II. 

20. Inglingen — Engilengis 1147, Ingling (Cassini) ) Ingo (Ingilo), 

21. Inglinger Hof — Inglingen 1594 / Ingomar, -brant. 

22. Kedingen - Katenges 1259, Keding 1300, Keto, Ketold. 

23. Kneuttingen — Knuttingen 1529, Knut? Chnodomar? 

24. Mallingen — Mellingon 874, Malfred, Malpert, Malulf zu Mal: ein 
Stamm Mel. ist nicht erwiesen, aber Mil. 

25. Mondelingen — Medehnga 11. Jhdt., Matto, Madalo, Matfried. Med 
verweist Förstemann auf Math. Mondelanges 1262 deutet auf Mundilo, 
Mundoald — Stamm Mund. 

26. Oetringen — Ottringas 679, Otheri gleich Audchar, Otrich, Othrad, 
beide nach Förstemann zu Stamm Aud. 

27. Oettingen — Ottingin 1051, Othinge 1056 ) 

28. Oetingen — Ettingen 1594, Oettingen 1628, Otfried, Otgar 
Ottingen 1779, ] ^tto, zu Aud. 

29. Redingen - Rodilinga 795 Radinga 926 unbedenklich zu Radobert 
(Rado, Rading sind beglaubigt '). 

*) Rodilinga ist eher Rollingen, oder wäre Radilinga zu lesen V 



— 169 — 

BO. Reningen — Reninga IHOß wohl nur ver- j beide zu Regino ('Reino) 
derbt aus Reiningen . Reginhard etc., 

31. Renange (bei Charleville) Rinange 1627 j Stamm Ragan. 

32. Terlingen (abg. Ort) — Terlinga 875 Terbert. Stamm Ter. 

33. Weckringen — Weicrenge.s 1429, Wikram, Wichraban, zu Vig. 

34. Weimeringen — Wemeringas 926, Widiomar, zu Vid. 

Kreis Roichen. 

35. Ebhngen — Ebling 1606 Ebbo, Ebo, Ebila, Epelin. vgl. Ehingen zu Eh. 

36. Edelingen — Alingii.s 1152, Edlingen 1594 | Edilo — Edo, .siehe 

37. Edlingen — Edelingen 1184 i Edingen. 

38. Fehringen — Feiringa 1 403, P'eringen 1594, Faroald, P'arabert, Fa- 
ramund. Stamm^Far. 

39. Füllingen — Fullinga 1181, Stamm Ful, Folabraht, Folarat. 

40. Hallingen — Halling 1756, Halido (vgl. Hallingen, Kr. Saargemünd) 
Haliduir, Halitgar : da auch Helido, Helidperaht, Helidmund zum 
selben Stamm Alid gerechnet werden dürften, so passen diese 
Namen auch zu Hellingen. 

41. Hecklingen — Hechelingen 1179, Hago, Hagilo, Hagibert, Hagiwolf. 
Stamm Hago. 

42. Hollingen — ebenso 1581, Stamm Huld: Holdigern, Holdulf. 

43. Inglinger Hof — Inglingen 1594, vgl. oben No. 17. 

44. [singen — Ingsingen 1594, Isanbald, Isanbert, Isulf zu Is. 

45. Tettingen — Thatanges 1289, Tettinga 1308 — Tadebert, Tetfried, 
Tetward, zu Tat 

46. Tritelingen — Wrentilinga, 11. .Thdt. Druteringa, 1121 Drutelinga, 
1544 Trutelingen, 1563 Trettelingen, 1563 Triutili (Frauenname 
bei Goldast) zu Stamm Druht. 

47. Willingen — Vilingen 1137, Wilhelm, Willihard, Willigis. Stamm Vilja. 

Kreis Forbach. 



Benno, Benegar, Ben- 
chard, Benegaud. 
Stamm Ben. 



48. Beningen bei St. Avold — Beninga 1 275 

49. Beningen bei Harprich (?) 

50. ßeningen bei Berlringen — Benning 1682 

51. Gesslingen — Gosselingen 1309, Gesslingen 1341, Gisal-bert. -fried, 
-hart etc. oder Gaucibert, Gozger, Stamm Gaud. ? 

52. Lellingen — Lellinga 1275, Lello (Hontheim. bist. Trev. 926) zum 
Stamme Laith, Leitfried, Letger, Ledoald, Ledila, Pol. R.; masc. 
wäre Ledilo, was Lello giebt, wie Rodilo, Rollo, s. o. unter Rollingen. 

53. Wintringen — Wintrange 1354. Wintrulf, Winterhere. Windihari 
zu Vintar. 



- 170 — 

Kreis Saar bürg. 

54. Bebingen — Bubinga 1121, vgl. Bevingen, No. 3. 

55. Berlingen (?) — Berafried, Berahart, Bernulf, viele ähnliche geben 
Bero, Berilo. Stamm Bera. 

56. Heming(pn) — Emmingen 1178, Helmingen 1267, Hemingen 15. Jhdt. 
Immo, Einehard, Emmeram zu Im ; oder Emicho, Amichar zu 
Aniic; oder Haimo, Heimard etc. Stamm Haim? 

57. Mettingen — 1719 ebenso, Mit-bert, -iwan. Stamm Mid. 

58. Pettlingen b. Saarburg l — ^ — Patager, Badagad, Pete, Petto, 

59. Pettlingen bei Bühl J Petilo, zu Bad. 

60. Rieding(en) — Radenei 1231, Reutingen 1490, Redingen 1525, 
Ruding 1526, könnte zu Stamm Rad, Raud oder Hrad gehören, vgl. 
F'örstemann über Rieding bei Miesbach a. a. 0. LI. S. 1155, 1179. 

Kreis Metz. 

61. Coulange — wenn überhaupt german. Ableitung zulässig, zu Col- 
Colobert, Coloman. ' 

62. Epange (?), vgl. Eppingen — Saargemünd. 

63. Hessingen — Essingen 1169 — Hatto — Hesso, von Hathubald, 
Hadubrand, Stamm Hath. 



64. Marange bei Metz — 
Marenges 1181 

65. Marange b.Zondringen 
— Mairenga 1121 



vgl. Mairengo, Marengo, Mehringen. Möh- 
ringen 8. .Ihdt. Maringen u. a., zu Maro-, 
Marabert, Marobod, Marafried, Maroad, 
Marulf. 

66. Nidange — Nydenges 1031, Nidgar, Nidolf, zu Nid. 

67. Rollingen — Radonis villa 11. Jhdt., Roldinga 1179, Roidinges 
1210, von Rodilo zu Hrodt, Ruotger, Ruadalo etc.; Forstmann 
nimmt das luxemb. Rollingen zu Stamm Riud, wie es scheint, 
auch dann ist die Metathesis Id -dl gegeben, zu Rado passt aber 
doch besser Ruadalo als Riutilo ? 

68. Silvange — Sulvange 1327 (v. Silwingen, Kr. Merzig) Silulf. 

69. Talingen - Tatolinga 960, Tatelinga 977, Tatto, Tattilo, Tade- 
bert etc. zu Tat., nach der Form Thalingin 1235 aber zu Dal; 
Tallo, Talamot. 

Kreis Chäteau-Salins. 

70. Arlange — Allerange 1476, unbedenklich zu Ära Arnold, Arafried, 
Arnulf (so ist Ariesheim 966 Arnaldesheim), die Urkunde v. 1476 
ist französisch geschrieben, »le priol de Allerange« die Laut- 
verwechslung ist hier wie in andern Fällen auf den Schreiber 
zurückzuführen, die mündliche Ueberlieferung ist unverdächtiger. 



— 171 — 

71. Berange — 1206 ebenso — zu Bera, Bero, wie 'Berlingen. 

72. Böliingen — Billanges 1349, Belanges 16. Jhdt. — Bilo, Billung, 
Bilifried zu Bil. 

73. Bessingen — 1269 ebenso, zu Baz, Bazmunt, Pazmuot schon von 
Förstemann gestellt. 

74. Dedeling('en) — Dructelingas? 995, Drutheringa 1121?, Tuttilingis 
1182, Dedling 1756. Die beiden ersten Formen dürften andere 
Orte angehen oder entstellt sein (machte man doch aus Tolegia, 
Teologia !). Tuttelingis wiese auf Dodo, Dotbert, Dothart, die 
neuere Form, die der Ueberlieferung entspricht, auf Tat, Tetbald, 
Dedalgar. 

75. Hudingen — ebenso 1594, Hudo, Hudipert. Stamm Hud. 

76. Lidersingen ebenso 1130, Luresingen 1559 zu Liud, Liuderich, 
Liuderchingen? 

77. Wirmingen — Wirmingas 777, Wirmenges 1231 zu Warin, Werem- 
bert, Warimbod, Warmenhagdis (Frauenn.) Werimer. 

Kreis Saargem und. 

78. Diebhngen — Dubelange 1277, Dueblingen 1587. zu Thiuda. Thiudo- 
bald, Dibold. 

79. Eppingen — Eppingen 1429, Eppo, Ebbo zu Ab, Abbarich, Abachild. 

80. Ettingen — Aettingen 1571, zu Ath, Athaulf, Athald, Ato, Etti. 

81. Hallingen — Aldinga 1275, s. o. Bolchen, No. 40. 

82. Wittringen — Witteringen 1420, Witramnus, Witirich. Wither, 
Stamm Vid. 

Luxemburg. 

83. Didling — Deotilo, Tutilo, Didoald, Stamm Thiuda. 

84. DiUingen — Tutilo, wie oben, gebildet wie Rollingen, LelHngen. 
(Diese Vermutung soll schon vor Jahren in den Hamburger Mit- 
teilungen ausgesprochen worden sein). 

85. Dönnlngen — Duno, Tunitach, Dunsuint. 

86. Ellange — zu Ali — EUo, Aliperht; oder zu Athal, Adalung, Edilo 
so wie Dillingen gebildet: dl — 11. 

87. Ehlerange — zu Ala — Akiher, Alarich, Alarad. 

88. Essange -- Azo, Azibald, Ezelfried, Ezelm zu Az. 

89. Gödringen — Godrebald, Godrevert, Gotrat zu God. 

90. Nördingen — Nordobert, Nordfried zu Nord. 



-. 172 

91. Petange — Pcto, s. o. Pettlingen, No. 58. 

92. Rodange — zu Hrod. Hrodo, Ruodpert, und viele andere; 
oder zu Raud. Raodold. weit seltener, 

Rheinprovinz. 

93. Binningen — wohl zu Benno: niöglifli ist Ableitung von Binin, 
Förstemann a. a. 0. B. I, S. 261. 

94. Nasingen — iNas, Nasolt, Nasua. 



III. 

Prüfen wir das Ergebnis obiger Zusammenstellung, so ergiebt sich : 
Etwa der dritte Teil aller lothringischen Ortsnamen patronymischer Bildung 
findet sich also in England wieder: in England Hessen sich, wenn wir 
alle die von Kemble ausgesonderten Orte wirklich als Gründungen aus 
der Zeit der ersten Niederlassung betrachten dürfen, weit über hundert 
Sippen nieder, die den gleichen Namen führten, wie ebensoviele 
Genossenschaften, die sich, um die gleiche Zeit, wie es scheint, in der 
Moselgegend ansiedelten. Nicht nur um das Vorkommen von Personen- 
Namen eines Stammes handelt es sich, sondern um mehr, um w^an- 
dernde »vici« gleichen Namens. 

Wie wir sahen, kann ebendarum aus den vorliegenden Patrony- 
micis der Name des Gründers selbst regelmässig nicht ersehen werden ; 
nur der Stamm tritt hervor, mit Ausnahme von wenigen Namen, wie: 
Algringen, Weimeringen, Weckringen, lässt sich vielleicht nirgends 
behaupten : der Gründer dieser Sippe muss so geheissen haben. Dies 
bestätigt meine Annahme, dass wir es hier mit der ältesten Ableitungs- 
form zu thun haben. Aber es darf nicht verschwiegen w^erden, dass 
eine sehr grosse Anzahl von Personennamen bei allen deutschen Stämmen 
vorzukommen scheint, wie wieder besonders aus den Ortsnamen zu 
ersehen ist. 

Wir linden Rodengo in Itahen, Roding in Bayern, Rodange in 
Luxemburg, Rodingas in altenglischen Urkunden und unser Rollingen, 
(Raville) gehört zum gleichen Stamme Hrod; aber ob Rodbert, Rotmar, 
Rodhart, Rodmund der Personennamen, von dem die Kurzform Rodo, 
Rodilo, Rodungen, Roidingen. Rollingen abzuleiten, das ist unerfindlich, 
solange nicht neben den urkundlichen Formen Radonis villa, Roldinga 
auch, wie bei jenem andern Raville (bei Luneville) eine alte Form Rodaldi 
villa uns anzeigt, dass dem Kurznamen Rodo, Rado ein Chrodoald zu 
Grunde liegt. 



— 173 — 

Es verdient übrigens Beachtung, dass gerade bei dem einst im 
deutschen Sprachgebiet gelegenen Rollingen ffr. Raville) der volle Per- 
sonenname verschollen ist. Es ergiebt sich nämlich, dass überhaupt in 
den französischen Ortsnamen auf -ville, -mont, -court, die alten Formen 
überwiegend den vollen Personennamen enthalten : lediglich auf das 
vermittelnde Idiom scheint das kaum zurückzuführen, denn einerseits 
tritt dieser Umstand auch bei den elsässischen -heim immerhin häufiger 
auf. als bei den lothringischen Namen, andererseits habe ich in meinen 
Ortsnamen des Metzer Landes auch romanische Formen nachgewiesen, 
die von Kurznamen herrühren, wie Scy, Vany, und andere mehr. Ist 
der Grund dieser Erscheinung darin zu suchen, dass die einen Namen 
früher gegründet wurden, oder soll in den kürzeren Formen mehr ein 
genealogisches, in den andern mehr ein possessives Moment angedeutet 
werden ? 

Wo gleiche Personennamen, können und müssen auch gleich- 
benannte Sippen voi'kommen, auffallend bleibt nur eine so massenhafte 
Uebereinstimmung, weil dieselbe eben anderwärts zwischen einzelnen 
deutschen Landschaften in diesem Masse nicht vorzukommen seheint, 
der Nachweis wäre jedenfalls noch zu erbringen^). Ich habe versucht, 
dies zu kontrollieren, muss aber gestehen, dass ich auch mit Hülfe 
Lehnerts, freilich stand mir dieser nur zu kurze Zeit zur Verfügung, 
für kein deutsches Gebiet eine so häufige Uebereinstimmung der Orts- 
namen besonders patronymischer Art, feststellen konnte. Dazu kommt 
aber noch Folgendes : Wie es weitverbreitete Personennamen giebt, so 
auch seltene, die entweder von jeher nur in einem beschränkten Krei.se 
verbreitet waren oder zur Zeit der hier in Rede stehenden Siedlungen, 
spätestens Mitte des 5. .lahrhunderts, schon im Absterben begriffen er- 
scheinen. Solche scheinen mir unter anderm jene zu sein, die den 
Namen Blettingen, Liedersingen, Kedingen-). Terlingen, Lellingen, Sil- 
wingen, Gödringen. Nasingen zu Grunde liegen, auch Gulingas ist hierher 
zu rechnen, falls man es als germanischer Abstammung gelten lässt ^). 



'i Was an solchen Parallelen bei Seebohm a. a. 0., S. 2il, sich tindet und 
was Taylor und Leo nachwiesen, dürfte lange nicht so viele Fälle, auf eine deutsche 
Gegend concentriert, geben. Uebrigens könnten gerade die Leo aufgefallenen Fälle 
aus der Neckargegend eher auf Franken, als auf Alemannen deuten V Von don 
französischen Ortsnamen bei Seebohm versteht sich das von selbst. 

*) Eine Landschaft Kehdingen liegt am linken Eibufer bei Hamburg. 

^) Wenn das öftere Vorkommen des Namens Coulange im Innern Frankreicii 
auch Bedenken erregt, so braucht man diese doch nicht auf zweifellos einst ger- 
manische Gegenden auszudehnen ; Colofried und Colobert — letzterer Name bat sich 
in Frankreich erhallen als Colbert — sind doch von unverkennbar deutschem Gepräge. 



— 174 — 

Dies Alles führt darauf hin. in besagter Uebereinstimmnng der 
Namen etwas mehr als Zufall oder Beweis für gleiche Gründungszeit 
zu suchen. 

Aber, wird man fragen, welcher andere Zusammenhang soll 
denn zwischen unsern lothringischen Ortsnamen und den englischen, 
die doch sächsischen Ursprungs sind, wenn nicht anglischen, was auf 
eine räumlich noch w^eiter entlegene Herkunft hinweisen würde, bestehen 
können ? 

Nun, die meisten und frühesten Besiedler germanischer Herkunft, 
die sich auf der »Saxon shore«, dem litus Saxonicus, niederliessen, 
kamen dahin weder aus Angeln noch aus dem eigentlichen Sachsen- 
lande, soviel darf als feststehend erachtet werden. 

Es bricht sich immer mehr die Anschauung Bahn, dass die 
Sachsen, w-elche in England im 5. Jhdt. erscheinen, keineswegs alle von 
den Ufern der Elbe oder überhaupt von den heutigen deutschen Küsten 
aus nach England hinüber fuhren, sondern von den Küsten des Aermel- 
meeres, was ja auch jedenfalls der weitaus kürzere, somit auoh der 
für Ueberführung einer ganzen Völkerschaft besser geeignete Weg war; 
denn es ist doch sicher, dass die England erobernden germanischen 
Stämme weit zahlreicher auftraten, als später die normannischen Er- 
oberer, die ja z. B. beide Sicilien mit einer Handvoll Leute wegnahmen. 
Nun finden wir aber an der gallischen Küste des Kanales Sachsen 
schon seit dem 3. Jhdt. die Uferlandschaften beunruhigend; der Strich 
heisst in der Notitia dignitatum »litus Saxonicus« ^j; die Sachsen, mit 
denen vereint Gregor von Tours Childerich die Alemannen bekämpfen 
lässt^), sind in den Inseln der niederländischen Küste ansässig gewesen, 
nicht die Saxones Baiocassii sind darunter zu verstehen ^) ; was also 
von Sachsen nach England übersetzte, dürfte grösstenteils, durch die 
Franken bedrängt, von den galHschen Nordseeküsten aus den Weg 
hinübergenommen haben !^) 

Für die Bichtigkeit jedenfalls der Aufstellung, dass beide Ufer 
des Kanals von demselben Volke besiedelt wurden, spricht auch die 



^) Quin et Armoricus piratam Saxona tractus 
Sperabat, cui pelle salum sulcare Britannum 
Ludus et assuto glaucum mare Andere lembo. 
Sid. Appol. Paneg. Avito. Imp. v. 369. 
2) Greg. Tur. II. 19. 

') Kurth, la fronti^re linguistique en Belgique et dans la France du Nord. 
*) Diese Ansicht wird auch vertreten bei P. C. Molhuysen, de Angeln in 
Nederland, in Bijdragen voor vaderlandsche Geschiednissen en Oudheidkunde, 
verzameld en uitgeven door Nijhoff, Arnhem 1848. 



— 175 — 

(Jebereinstimiiiung der Ortsnamen, die hüben wie drüben ganz das 
gleiche Gepräge tragen : 

Drüben ; -ing, -ingham, -harn, -wick, thorp, 

Hüben: -ingue, -inghen, -inghem, -hem, -wick, -dorp. 

Sogar die sonst den Sachsen in Britannien eigentümliche Endung 
-ton, von der bei den Sachsen des Festlandes kaum schwache Spuren 
zu linden sind'), kommt im arr. St. Omer 4 mal. im arr. ISoulogne 
36 mal und im arr. Pas de Calais 40 mal vor^i. 

Neben bezw. nach den Sachsen und den ihnen nahe stehenden 
Juten, welche ebenfalls nichts mit Jütland zu thun haben, sondern als 
Saxones Eutii angesehen werden, zogen auch Angeln in Britannien ein; 
sie müssen sogar eine dominierende Rolle gespielt haben, denn die 
germanischen Ansiedler jenseits des Canals nennen sich selbst die 
Angeln. Dass diese nicht aus dem Lande Angeln stammen, hat meines 
Erachtens Erdmann ^i hinreichend erwiesen. Für die Herkunft der 
Angeln aus Mitteldeutschland hat sich schon Zeus^j ausgesprochen. 

Auch Holtzmann suchte sie dorten, er nahm an, dass sie von 
der Ostsee nach Thüringen gezogen seien'"'), und vielleicht erst von da 
nach England, aber er verschweigt nicht, dass Ptolemäus die »Angeli« 
in die Gegend der Saale und untern Elbe setzt. 

Jedenfalls wird ihr Name von den römischen Schriftstellern, welche 
über die Heimsuchung der Küsten Britanniens und Galliens in der Zeit 
der ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit berichten, nicht neben den Am- 
bronen, Chauken, Friesen und Sachsen genannt. 

Die Ankunft der Angeln in Britannien setzt Erdmann, gestützt 
auf Procop, ins ö. Jahrhundert. Nach diesem griechischen Autor wären 
Angeln und Friesen gleichzeitig eingewandert. 

Es scheint aber, was weiter auszuführen zu weit gehen dürfte, 
dass die ganze germanische Invasion ein Jahrhunderte hindurch sich 
hinziehender Vorgang gewesen ist^'j. Es giebt ein Gesetz, das sich selbst 
»lex Anglorum et Varinorum id est Thuringorum« nennt, man 
ist aber ungeachtet dieser ausführlichen Betitelung oder gerade wegen 
dieser nicht einig darüber, wo dieses Gesetz gegolten haben soll, ob 



'; Altenzaun a. d. ElbeV 
«) Kurth a. a. 0. 

•'') Ueber die Heimat und den Namen der Angfln. in Sknt'ler utgifna of 
Humanistiska Venskapssamfundet i Upsala 189U. 
*) Die Deuläclien und ilire Nachbarstiimme. 
') Germanische Altertümer ed. Holder 1873, S. 254. 
'i So auch Kemble a. a. 0. 



— 176 — 

im Lande der bekannten Thüringer oder vielmehr im Lande der links- 
rheinischen Thoringer, in Tongern? 

Wir dürfen, glaube ich, diese interessante Controverse ebenso 
unerörtert lassen, wie die Frage, ob ein Unterschied anzunehmen ist 
zwischen Angrivarii und Anglivarii, ob letztere in der Not. dign. er- 
wähnte Abteilung zu den AngU resp. Angeli gehören — vgl. Chatti 
und Chattuarii — es scheint für die Zwecke unserer Untersuchung zu 
genügen, wenn wir Folgendes festhalten: 

Von den germanischen Völkerschaften, die zwischen Rhein und 
Weser, und über letzteren Fluss hinaus bis zur Elbe sassen, ausser 
dem grossen Stamme der Chatten, mögen die Usiper, Tencterer, Cha- 
maven und Angrivarier, sowie die Chauken erwähnt werden, auch die 
Bructerer und die Cherusker sind wohl kaum so völlig vernichtet 
worden, wie berichtet wird ; man weiss ja, dass bei den alten Schrift- 
stellern das Vernichten mancher Völker mehrere Male vorkommen 
konnte. Sie sind, wenn wir die Chatten in einem gewissen Sinne 
ausnehmen \), entweder in den Franken oder in den Sachsen auf- 
gegangen. Ursprünglich werden sie aber, wie schon aus ihrem lange 
währenden nachbarschaftlichen Verhältnis zu schUessen ist, unter sich 
viel Gemeinsames gehabt haben, wahrscheinlich waren die meisten 
enge verwandt. Dass Chatten und Cherusker uns als Erbfeinde und 
Rivalen geschildert werden, spricht bei germanischen Völkern eher 
dafür als dagegen. 

Als nun die nordalbingischen Sachsen nach Südwesten vordrangen, 
in die Stelle der südlich abziehenden Semnonen (2. Jhdt.), hatten die 
Nordalbingier, wie dies bei jedem frischen Ariernachschub aus Norden 
der Fall zu sein pflegt, offenbar die grösste Thatkraft, sie traten an 
die Spitze des nach ihnen genannten Völkerbundes^). Ob sich aber 
ein Stamm ihnen oder den Franken anschloss, das wird von allerlei 
Zufälligkeiten abgehangen haben, ohne dass wir anzunehmen brauchen, 
dass ausschliesslich nähere Verwandtschaft mit chattisch-fränkischer 
oder mit nordalbingisch-sächsischer Art entscheidend gewesen sei. So 
glaubt Weiland^) sicher annehmen zu dürfen, dass es Chauken waren, 
die in Kent und Northumberland, sowie in einem Teil von Wessex 
und Sussex sich niedergelassen haben ; von Sachsen und Chauken, 



') Man ist uneinig, in wieferne man sie zu den Franken rechnen darf, 
nicht aber über ihre Stammverwandtschaft mit diesen. 

^) Vgl. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 495, Note 1, eine sehr 
beachtenswerte Bemerkung. 

^) Die Angeln, ein Kapitel aus der deutschen Altertumskunde, Göttingen 1889. 



— 177 — 

meint er, ging der Sachsenname dann über auf die andern Völker des 
Binnenlandes, auf die Reste der Longobarden im Suevengau, und auf 
die Angrivarier und die Cherusker. Westlich der Weser, fährt er fort, 
scheint der Sachsenname eine Zeit lang mit dem der Franken gekämpft 
zu haben. Die zwischen Chauken und Chatten wohnenden 
Völker hielten sich bald zu diesem, bald zu jenem Bundes- 
genossen. 

Diese Darstellung hat mindestens sehr viel Wahrscheinlichkeit 
für sich. 

Es ist hieher auch noch zu erwähnen, dass in der ersten Zeit ihrer 
Raubzüge Franken und Sachsen oft gemeinschaftlich genannt werden ^). 

Da nun jedenfalls für die Besiedlung Englands durch Germanen 
nicht an dem Jahre 449 festzuhalten, der Anfang derselben unbedingt 
früher zu setzen ist, so erscheint es gar nicht ausgeschlossen, dass 
unter den Ansiedlern, oder, wenn man will, Eroberern, wenn sie auch 
von den Eingeborenen Sachsen genannt wurden ^) und sich zum Teile 
selbst so nannten ^), Stämme sich befanden, deren Ueberbleibsel am 
Kontinent sich zur Genossenschaft der Franken bekannten. 

Den Grundstock der Ribuarier, denen wir unsre Mosel-Franken 
doch wohl zuzählen müssen ^), bildeten nach Zeuss die Ampsivarii, 
eine Ansicht, der auch noch Schröder^) im wesentlichen beistimmt, 
wenn er auch die Beteiligung von Chamaven und Bructerern stärker 
betont. 

Die östlichen Nachbarn der Ampsivarii waren aber die Angri- 
varii. Ihnen eine erhebliche Rolle bei Bildung des Angelsächsischen 
Volkes zuzuschreiben ist man neuerdings, trotz der schroffen Abweisung 
einer Abhandlung in diesem Sinne ^) durch Weiland, wieder mehr 



') Eutrop IX. 21. per tractum Belgicae et Aremorici mare, quod Franci et 
Saxones infestabant. Amm. Marc. 27. 8. 5. spricht von einem Einfall der Franci 
et Saxones isdem confines. Julian oratio I. 34. 35. lässt auch darauf schliessen, 
dass Franken und Sachsen an der Küste des Kanals sassen ; hierzu die schon 
erwähnte Stelle bei Greg. Tur. II. 19 : Odovacrius cum Childerico foedus iniit, 
Alemannosque, qui partem Italiae (lies Galliae) pervaserant, subjugarunt. Vgl. bei 
Lamprecht, Fränkische Wanderungen vornehmlich im Rheinland. Zeitschrift des 
Aachener Geschichtsvereins 1882. 

^) Die Briten nannten, wegen des Schreckens des Namens, alle Germanen 
Sachsen, wie die Finnen noch heute. 

^) Beweis die Landschaften Ost-, West-. Süd- und Mittel-Sachsen. 

*) Noch im 9. Jhdt. bezog man sich in Trier auf ribuar. Recht, Lamprecht a. a. U. 

'^) Die Franken und ihr Recht, Weimar 1881. 

^) Bening, Zeitschrift des histor. Vereins für Niedersaclisen 1880. 



— 178 — 

geneigt. Ziemlich bestimmt äussert sich in diesem Sinne .lellinghaus^), 
der freilich etwas eklektisch auch die suebischen Angeln nicht aus- 
schliessen will. 

Er meint sogar, es sei doch nicht so ausgeschlossen, dass Angri 
in Angli habe verwandelt werden können. Beachtenswerth ist vor- 
züglich die von ihm citierte Glosse zu Adam von Bremen: Saxones 
circa Rhenumsedes habent et vocati sunt Angli; ferner eine 
Stelle aus den leges Edward des Bekenners, wo es von den Guti 
heisst: Exierunt enim quondam de nobih sangue Anglorum, scilicet de 
Engra civitate et Anglici de sanguine illorum ... 

Die Angrivarii sind aber nach Tacitus^) mit den Chamaven zu- 
sammen an Stelle der vertriebenen Bructerer eingewandert und so 
Nachbarn der Tencterer geworden. 

Die Chamaven haben wir als einen Teil der Ribuarier kennen 
gelernt. 

Aus dem Gesagten geht wohl soviel hervor, dass recht gut unter 
den britannischen Sachsen Stämme gewesen sein können, deren nächste 
Blutsfreunde unter den Lothringen besiedelnden Germanen sich be- 
funden haben. Ein etwas unsicheres Resultat, mag man finden. Ge- 
wiss, sein Wert soll ja auch zuvörderst in einer negativen Leistung, 
in der Zerstörung des Vorurteils bestehen, als hätten wir es bei den 
germanischen Besiedlern Englands nur mit Sachsen von den östlichen 
Küsten der Nordsee, Auswanderern aus dem Lande Angeln und allen- 
falls noch mit Juten, sowie, für die spätere Zeit, mit Skandinaviern 
zu thun. Im Gegenteil, es muss daran festgehalten werden, dass die 
früheren germanischen Besiedler Britanniens auf ihren Wanderungen 
alle oder doch vorwiegend eine Zeitlang in den Rheingegenden, oder 
im nordöstlichen Gallien, also entweder in Germania secunda oder in 
Belgica prima sesshaft gewesen sein müssen. 

Dafür spricht, ausser dem Vorgetragenen, noch ein andrer Um- 
stand, auf den ich Gewicht lege; es ist das eben die häufige Anwen- 
dung des Suffixes » ham « , im Zusammenhalte freilich mit anderen That- 
umständen. 

Dies erfordert aber eine ausführliche Begründung. 

Heim, agls. ham, bedeutet von haus aus, wie noch jetzt, Domi- 
cilium, Wohnsitz. Im Englischen lautet es in diesem Sinne: home. 



*) Englische und niederdeutsche Ortsnamen Angha, Zeitschrift für enghsche 
Philologie B. XX. 1898. 

*) Germania C. 88. 



— 17'J — 

Aber das altdeutsche Wort bekam auch einmal eine enger umgrenzte 
Bedeutung, und noch deutlicher tritt dies im Angelsächsischen hervor'), 
nämlich die Bedeutung von >'villa«. Nicht von »villa« im Sinne der 
lateinischen Sprache der klassischen Zeit, wonach das Wort Landhaus, 
Landgut, auch Lustgarten^) bedeutete, sondern von »villa« im gallo- 
römischen Wortverstande der späteren Zeit, wo es eine herrschaftliche 
Domäne, bestehend aus Herrenhof und Colonendorf samt den von 
den Colonen zu bestellenden Ländereien bedeutete^). Eine solche 
»villa« trug aber regelmässig eine Bezeichnung, die von dem Namen 
des Gründers oder auch des Besitzers unter Anhängung des Suffixes 
-acus gebildet wurde. Diese »villae« waren aber an den Grenzen des 
Römerreiches nirgends zahlreicher, als in Germania secunda, nament- 
lich im Bezirk der civitas Agripinensium, nach den ungemein häutigen 
Ortsnamen gerade dieser Gegend, die noch heute eine Benennung 
führen, welche auf ein altes -acum zurückweist. Es giebt in der Rhein- 
provinz etwa 300 Ortsnamen, bei denen die.^ zuzutreffen scheint*). 
Man könnte ja annehmen, dass es in anderen Grenzbezirken ebenso- 
viele gab, dass sie aber zerstört wurden, weil in Gegenden ge- 
legen, wo die »feroces Alamanni« einbrachen. Im einen wie im andern 
Falle ergiebt sich dann aber gleicherweise, dass jedenfalls nirgendwo 
den Germanen bessere Gelegenheit geboten war und grössere Geneigt- 
heit herrschte, solche Domänen kennen zu lernen, als eben m der 
Germania II., wo ein intensiv mit gallo-römischen »villae'^ besetztes 
Gebiet von Barbaren besetzt wurde, welche schonend genug vorgingen, 
um die Erhaltung der fraglichen Domänen, wenn auch wohl selten bei 
ihren Besitzern, zu ermöglichen und sich so dieses Wirtschaftssystem 

■) König Alfred (849 — 901) verfügt in seinem Testament über mehr als 
30 Besitzungen in Wealcyne (Westwales), wozu damals noch Somerset und Teile 
von Wiltshire gerechnet wurden, und schliesst : »das sind alle blandes«, die ich 
in Wealcyne besitze« : sobald er aber über seine Güter in den südöstlichen 
Gegenden Englands verfügt, spricht er von »hams«. Die altenglische Uebersetzung 
seines Testaments setzt für »landes'^ dasselbe Wort, giebt aber »ham<» mit »twune* 
wieder; eine lateinische Uebersetzung gebraucht für »ham« das Wort »villa«. 
Seebohm a. a. 0., S. 87, 171. 

^j Vgl. > villa publica«, ein öffentlicher Vergnügungsort in Rom. 

') Villae vero, quam forte tunc praeteribimus, coloni, multitudinem 
nostram latrones rali etc. Apulejus, Metarporph. I, 8. Auch aus dem Testament 
des Bischofs Tello von Chur (8. Jhdt) geht hervor, dass villa das Dorf höriger 
Leute, curtis einen Ilerrschaftshof bedeutete, der selbst wieder mehrere »mansus«, 
deren jeder eine Familie nährte, umfasste. 

*) Vgl. Merian, Programm der Realschule zu Aachen, 1880, der einen Teil 
der Ortsnamen auf -ich, -ig auf das alte -acum zurückführt, an der Hand urkund- 
licher Beweise. 



— 180 — 

anzueignen. Das Ergebnis ist also, dass die Franken es waren, welche 
zuerst als Nachbarn, dann als Eroberer am besten in der Lage waren, 
diese Wirtschafts- und Besiedlungsw^eise kennen zu lernen. 

Bei ihnen findet sich aber die erste erweisliche Spur von einer 
ganz analogen Siedlungs weise. Es sind das die »villae« aus dem Prologe 
der lex Salica : Bodohame, Widohame und Salohame, welche offenbar 
zu den proceres, den »electi de pluribus«, welche die lex entwarfen, 
Bodogast, Widogast und Salogast in einer näheren Beziehung standen, 
als die im Text erwähnte, wonach man in diesen Orten zusammen 
kam. Es w^ar jedenfalls die »villa« das »Heim«, der Wohnsitz des 
respectiven i> Gastes« und die Besidenz des vierten Gesetzgebers, Wiso- 
gast, Wisohame ist nur deshalb nicht genannt, weil man »per tres 
mallos convenientes«, nur an 3 verschiedenen Orten tagte. 

Diese »Heime«, sagte ich, erinnern uns mehrfach an die gallo- 
römische »villa«. Einmal schon durch die Bezeichnung im Texte: in 
villis, quae ultra Bhenum sunt^), ferner dadurch, dass sie augen- 
scheinlich nach einem Gründer oder Besitzer benannt sind, in der- 
selben Weise, wie die gallorömischen, nach ihren possessores benannt 
werden^). Denn nach einem Personennamen des Stammes 
Bod ist Bodohame benannt, sei es nun nach einem Bothad, 
Bodirid, Bodolold, Botthar oder Bodenolf. Die Frage, ob gerade Herr 
Bodogast dem »Heim« seinen Namen gab oder nach ihm benannt ist, 
können wir unerörtert lassen^). 

Es lässt sich aber auch darthun, dass es an andern Aehnlichkeiten 
nicht fehlte : Wie die Gallo-Bömer ihre coloni, so hatten auch die 
fränkischen Herren nicht nur Knechte, sondern auch hörige Bauern: 

^) So der prologus minor nach der Emendata. 

■^) Siehe meine Ortsnamen des Metzer Landes, Jahrb. der üesellsch. für lothr. 
Gesch., Bd. IX. 

^) Wenn Waitz, »das alte Recht der Salischen Franken«, S. 68 meint, der 
Annahme, dass »gast« eben den Vorsteher des »Heims« (den Herrn!) bedeute, stehe 
entgegen, dass es dann »Saleheimgast« heissen müsste, so kann man darauf er- 
widern : wie das Heim nur den die Sippe bestimmenden Stamm in den 
Namen aufnahm, so lässt sich das gleiche auch für die Bildung der Form auf 
»gast« denken, zumal der Herr einer solchen »villa« wohl der berühmteste 
Krieger (gasts) der Sippe sein mochte, also bei den Bodungen der Bodogast; die 
hohe Stellung dieser Männer spricht dafür; vgl. den Sigogast des Tacitus, den 
römischen Heerführer Arbogast, den Trierer comes Arbogast, Sohn des Ariogast, 
und unsere Gesetzgeber. Umgekehrt konnte aber aus Salogast ebensogut, wenn 
es ein Name war und kein Titel, Saloheim werden wie aus Wunibald — VVün- 
heim, aus Kunibert — Künheim. aus Gebhard — Gebesdorf und aus Ingraban — 
Ingweiler elc. 



— 181 — 

in Tit. XXVI. der lex Sal. werden neben servi auch noch liti genannt. 
Ferner: zu den Bestandteilen einer »villa« gehörten bei den Römern 
das Praetorium und die chors (cohors), was sowohl Umzäunung als, 
wie vorliegend, Gehöfte. Wirtschaftsgebäude bedeutet: die fränkischen 
Herren aber sassen in ihrer »sala« (engl, hall, franz. mansio), die chors 
nannten sie Hof, die nach England übersiedelnden Germanen aber 
wörtlich genau übersetzend möchte man sagen, tun. -court kam erst 
durch die Normannen nach England. Was court in Gallien im Ver- 
hältnis zu villa bedeutete, ergiebt sich nach dem Gesagten von selbst; 
es ist weniger als »villa«, da der Teil immer weniger ist als das Ganze. 
Diese Bezeichnung des Dorfes »eines Einzelnen oder eines Geschlechtes«, 
wie sich schon Waitz ^) ausdrückt, können nach dem Gesagten die 
Germanen nur infolge engerer Bekanntschaft mit gallorömischen Ver- 
hältnissen sich angeeignet haben, es ist daher schon darum anzunehmen, 
dass die Besiedler Britanniens, welche das Wort »ham« in diesem 
Sinne dort einführten, vor ihrer Uebersiedlung nach Britannien in enge 
Fühlung mit gallo-römischen Einrichtungen gekommen w^aren. Das 
konnten sie aber weder im Lande Angeln, noch von den oben erwähnten 
Sitzen der Angeli. noch auch von denen der Angrivarier aus in diesem 
Masse. Wie bei den germanischen Bew-ohnern Kents und der benach- 
barten Grafschaften schon die Lage, so spricht auch bei den nördlicher 
wohnenden Angeln vieles dafür, dass sie eine Zeitlang im nordöstlichen 
Gallien gesessen haben, was schon Molhuysen angenommen hat-i. 
Sehen wir so die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit gegeben, dass die 
Besiedlung Britanniens durch germanische Völker zum Teil Stämmen 
zuiiel, von denen andere Abteilungen ihren Weg ins Moselland gefunden 
haben, und haben wir zugleich aus der Form der vorherrschend 
gebrauchten Benennungen der Ansiedlungen nach dem ersten Stamm 
eines Personennamens einen Anhalt dafür ermittelt, dass die An- 
.siodlungen in beiden in Rede stehenden Gebieten annähernd zur 
selben Zeit erfolgt sein müsse ^), worin uns die Wahrnehmung bestärken 
muss. dass auch die Nomenclatur der burgundischen Siedlungen (aus 
der Mitte des 5. .(ahrhunderts '^i einen übereinstimmenden Charakter 
aufweist, so wäre die nächste sich aufdrängende Frage nun die : 

») A. a. 0., S. 53. 

-) Seine Reweisfühiung ist lieilicli, soweit siu sich aul dus Vorkoiiuneii 
einzelner Ortsnamen wie Kngelveld und VarnhoiU stützt, etwas veraltet, da hier 
nicht notwendig an Angeln und Varnen, sondern eher an Personennamen wie 
Engelbert und Warnefried zu denken sein dürfte. 

') Von 10() burgundischen Ortsnamen auf -ingen, bei Zimmerli, »Die deutsch- 
französische Sprachgrenze in der Schweiz«, III. Teil, S. 110 fT., dürften die meisten 
aus dem Anfangsstamm eines Personennamens allein gebildet sein, offenbar auf 



— 182 — 

In welchen Gegenden Englands herrsehen die den moselanischen 
verwandten oder gleichen Namen besonders vor ; und sind solche 
Uebereinstimmungen nicht in gleichem Masse zwischen den Ortsnamen 
Englands und denen anderer deutscher Gebiete vorhanden? 

Fände man alle in Betracht kommenden Namen oder den grössten 
Teil in einer Gegend Englands dicht gedrängt, so läge es freilich sehr 
nahe, Schlüsse zu ziehen; das konnte ich aber nicht wahrnehmen, 
wenigstens nicht mit dem mir zu Gebote stehenden Material. Nur soviel 
hat sich mir ergeben, dass der grösste Teil der oben aufgeführten 
Ortsnamen in dem Gebiete sich findet, der nach der Karte Seebohms 
heute die meisten Ortsnamen auf -ing enthält, ein Gebiet, das durch 
eine Linie markiert wird, die nach Westen durch die Grenzen der Graf- 
schaften York, Nottingham, Leicester, Northampton, Huntingdon. Cam- 
bridge, Herford, Middlesex, und weiterhin durch die Nordgrenze von 
Surrey, Berkshire und Gloucester sich kennzeichnet, während von 
Südwest-England die Grafschaften Dorset und Devon und natürlich auch 
das spät germanisierte Cornwall ausgeschlossen sind. Innerhalb dieser 
Umgrenzung liegen die fraglichen Ortsnamen am dichtesten in den am 
frühesten germanisierten counties, d. h. östlich einer Linie, die man 
von der Insel Wight nordöstlich nach dem Wash ziehen kann, namentlich 
in Norfolk, Suffolk (also in Ost-Anglia), in Kent und Sussex und ausser- 
dem in Lincoln und in dem weitausgedehnten York. Aber auch ausser- 
halb der oben beschriebenen Grenzen ist noch ein ziemlich häufiges 
Vorkommen in Northumberland zu konstatieren. 

Die westlichen Grafschaften bis an die Grenze von Wales, im 
Norden bis (exclusive) Lancaster, bilden mit dem oben umschriebenen 
Verbreitungsgebiet der -ing den Bezirk, in welchem in England die Orts- 
namen auf -ham häufig sind, eine Häufigkeit, die in den Grafschaften 
Derby und Stafford nur eine relative ist; ausserhalb dieser Grenzen, 
in den Grafschaften im Nordwesten von York, ebenso wie im Süden 



eine Ableitung aus einem vollen Personennamen deutet nur die Form Ransoldingis, 
während in der deutschen Schweiz und in Bayern solche Formen der Ortsnamen 
jedenfalls häufiger sind; vielleicht hauptsächUch darum, weil dort die Bildung 
solcher Ortsnamen auf -ingen noch geraume Zeit fortdauerte. Vielleicht aber 
hatte auch, und das wäre natürlich sehr wichtig, die Bildung der abgeleiteten 
Form auf -inga aus dem ganzen Namen eine andere Bedeutung, die eines 
Possessivums, was ich von einigen Fällen, namentlich ganz kleinen Gruppen von 
Höfen, die nie einer Markgenossenschaft Raum zur Niederlassung geboten hätten, 
,schon jetzt als wahrscheinlich aussprechen möchte. Solche -ing und -ingen finden 
sich aber namentlich in der Schweiz und in Bayern! In Lothringen war die An- 
siedlung offenbar gleich von anfang eine weit dichtere. 



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— 183 — 

von Herford, in der Grafschaft Monmouth. scheinen sie nach Seebohm 
so gut wie gar nicht vorzukommen. 

Dieser Umstand ist von grösster Bedeutung, wie mir 
scheint, weil sich daraus unwiderleglich ergibt, dass die Gründung von 
Ortsnamen auf -ham noch fortdauerte, als solche auf -ingas schon 
nicht mehr entstanden, und zwar in einem national gemischten Gebiet, 
denn diese Gegenden, in denen die -ham noch vorkommen, aber wenig 
oder gar nicht die -ing, sind ein Gebiet, das im 6. Jahrhundert, und zum 
Teil noch viel später als wallisisch galt ! Von welcher Bedeutung dies 
für die Auffassung der Masse der -ing als Volks-, der -ham als Herren- 
Siedlung ist, bedarf wohl kaum des Hervorhebens ! ^j 

Dieses Ergebnis muss uns trösten, wenn die Untersuchung in andrer 
Hinsicht negativ ausgefallen ist; es kann uns das aber nicht zu sehr 
wundern, denn wir haben der Uebereinstimmung der Ortsnamen von An- 
fang an, gewohnt mit nüchterner Kritik an solche Dinge heranzutreten, 
keine übermässige Bedeutung beigemessen. Wenn wir uns vergegenwär- 

'■} Ein Blick auf die beigegebene Karte nach einer Skizze bei Seebohm 
zeigt uns in höchst bezeichnender Weise die als Volkssiedlungen angesprochenen 
■ing in einem der Küstenlinie, also der Einbruchsstelle der Germanen folgendem 
bandartigen Streifen sich von der Westspitze von Sommerset am Kanal von Bristol 
und von der Grenze zwischen Dorset— Hampshire am Aermelkanal an bis zum oben 
genannten Wash hinziehen, und über diesen hinaus, der Ostküste entlang, bis an 
die Grenze der Grafschaft Durham. So sehr scheint die Verbreitung dieses 
Ortsnamentypus an die Nähe des Meeres gebunden, dass auch die Linie, welche 
die Zone dichten Vorkommens landwärts markiert, der südlichen und östlichen 
Küstenlinie parallel läuft, so dass sie im Innern dasselbe Knie macht, das die 
englische Küste in der Grafschaft Kent bildet. Middlesex fällt darnach schon 
nicht mehr ganz in die Zone der Verbreitung der -ing. Dagegen greift der Ver- 
breitungsbezirk der -ham überall darüber hinaus. Westlich liegen die zu ihm ge- 
hörigen, national zweifellos sehr mit wallisischen Elementen gemischten Grafschaften 
Dorset, Devon, Cornwall, von dem Gebiet der -ing gegen Wales zu gehört alles 
jetzt englische Gebiet dazu, ausser Monmouth und gegen Schottland zu sind 
ebenfalls einige Grafschaften des Königreichs England nicht eingesrblossen. Ist hier- 
nach anzunehmen, dass, zeitliche Verschiedenheit der Gründung angen mmen, die 
-ing oder die -ham früheren Ursprunges sindV Ferner, stimmt das nicht vorzüglich 
zu meiner Annahme, es seien die -heim spätere Erscheinungen, was wenigstens ihr 
massenhaftes Vorkommen anlangt, und es seien ihrem Entstehen, eben in ihrer 
Eigenschaft als Herrensiedlungen, Bezirke, in denen infolge der Eroberung noch 
ein starker Rest des unterworfenen Stammes zurürkblieb, besonders günstig ? Dass 
Ortsnamen auf -ing in Britannien auch ausserhalb dieser Begrenzung einzeln 
vorkommen, ist wohl nicht zu bezweifeln, so kenne ich den Ortsnamen Slirling 
bei Edinburgh ; dies kann nicht Wunder nehmen, namentlich wenn man erwägt, 
dass eine Insel wie die britische, von allen Seiten, namentlich der Ostküste, 
gelegentlich germaniscbe Seefahrer, Wikinger, landen sehen konntt- 



— 184 — 

tigen, dass die Eroberer Britanniens wohl allezeit, so auch im 5. und 
6. Jahrhundert in nicht allzugrosser Menge jeweils über die See fahren 
mochten, da sie ja doch mit Weib und Kind und einem Teil ihrer Fahr- 
habe hinübergingen, so können wir übrigens auch annehmen, dass die 
einzelnen Stämme sich vielfach untereinander mischten, soweit solches 
nicht schon auf der Wanderung vom alten Wohnsitze zwischen Elbe 
und Weser über das nördliche Gallien zur Küste geschehen sein sollte, 
so dass die Sippen der einzelnen Stämme in Britannien zwischen 
Wight und Wosh weit zerstreut werden mochten. 

Was aber die andre Frage anlangt, ob in irgend einer Gegend 
Deutschlands eine ebenso dichte Uebereinstimmung der Nomenclatur 
mit der engUschen wahrzunehmen sei, so würde es vielleicht zu kühn 
sein, sich hierüber absprechend zu äussern wenn man erwägt, wie 
versteckt oft die Personennamen in den Ortsnamen sich vorfinden: 
aber dass wohl nirgends so häulig patrony mische Bildungen in 
gleichlautender Form sich finden, also -ingen mit einem Personen- 
namen gleichen Stammes, das halte ich nach meinen Nachforschungen 
in dem sehr vollständigen Ortsverzeichnisse von Lehnert für sicher, 
ohne spätem Untersuchungen, die anzuregen mir zur Genugthuung ge- 
reichen würde, vorgreifen zu wollen. 

Schliesslich möchte ich einen allerdings naheliegenden Einwand 
vorwegnehmen: man könnte wohl sagen, die zur Bekräftigung meiner 
eingangs erwähnten Sätze angeführten Schriftsteller entkräften sich 
gegenseitig, Kemble sieht überall freie Markgenossen, Seebohm nur 
Frohnhöfe, soweit zurück er forschen kann. 

Hiergegen habe ich zu erwidern: Seebohms Quellen reichen eben 
nicht in die Zeit der ersten Anfänge. Man erwartet wohl nach dem 
Ausgeführten den Versuch aus dem häufigen Vorkommen der -ingham 
und -i n g 1 n den Schluss gezogen zu sehen : die freien Besiedler der 
-ingas wurden zu Hörigen und ihre Sitze zu -ham und -ton. Ich gehe 
nicht soweit, und zwar darum, weil ich der Bedeutung dieser Formen 
noch ebenso zurückhaltend gegenüberstehe, wie in meinen Siedlungen^). 

Die Sache ist die, dass ich noch immer für unentschieden halte, 
ob hier »-ham« an * -ingas«, sei es von vornherein, sei es nach- 
träglich, angehängt wurde, oder ob -ing hier rein possessive 
Bedeutung hat. Försteman, von gleichem Zweifel erfüllt, entschied sich 
schliesslich für letztere Annahme^), ich möchte aber behaupten, dass 
alle diese verschiedenen Annahmen gelegentlich zutreffen, in 



1) S. 57, Note. 

^) Die deutschen Ortsnamen, S. 178. 



— 185 — 

einem Falle diese, im andern jeneM. Ein Schmiedina;, wie es in Bayern 
und Oestreich häufig vorkommt, kann wohl nur possessiv sein; da- 
gegen halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass in einer Gegend mit 
massenhaft auftretenden »Heimen«, namentlich in einer Zeit wo das 
Verständnis der Bedeutung von -ingas verwischt war, heim, ham, ton, 
oder etwas ähnliches angehängt wurde, mit dem Gefühle, dass eine 
solche Endung einem Ortsnamen gebühre. Aber wie dem auch sei. 
eine Benennung, deren Bedeutung entweder schwankend war, oder 
doch für uns noch nicht hinreichend erkennbar ist, scheint mir eben- 
darum nicht geeignet, darauf Schlüsse zu bauen. Immerhin lohnt es 
sich wohl, darauf hinzuweisen, dass in der Umgegend von London, 
auf einem Gebiet von etwa 120 Quadratmeilen sich heutzutage 30 -ham, 
darunter nur 2 -ingham, ferner 10 -ing, ferner 24 -ton. darunter 
8 -ington, linden. 

Bei solchem Ueberwiegen einer Endung scheint es nach den 
Beobachtungen, die man auch anderwärts machen kann, durchaus 
denkbar, dass der vorherrschende Ortsname als Typus im Laufe der 
Zeit um sich gegriffen habe ^). 

Dass ein solcher Vorgang durch Herabsinken einer Markgenossen- 
schaft zum Colonendorf begünstigt werden musste, ist kaum in Abrede 
zu stellen, doch will ich zugeben, dass, namentlich im westlichen 
Deutschland auch andere Orte ihren Namen durch diese assimilierende 
Tendenz verändert sehen konnten ^). Es soll nicht im mindesten 
bezweifelt werden, wenn Seebohm'*) schon im Anfang des 7. Jahrhunderts 
Frohnhöfe im südlichen England annimmt, aber dass freie Siedlungen 
dort gar nie existierten, weil in späterer Zeit, abgesehen von den von 
Dänen ^) besetzten Gegenden (Ostanglia, Lincoln, Essex) alles Bauern- 
volk in Hörigkeit verfallen war und weil die erforschten Urkunden 
keinen Nachw^eis des Gegenteils ergeben, möchte ich nicht annehmen. 



*) In den von Kemble auf -ingas zurückgeführten Ortsnamen muss freilicti 
-ham, -ton als nachträglich angehängt werden, dies sind aber lange nicht alle 
Ortsnamen solcher Bildung. 

") Ein Bestreben, Ortsnamen durch Anhängung der vertrauten Form »heim« 
sich mundgerecht zu machen, glaubt Lamprecht bei den Mittelfranken nachweisen 
zu können. Vgl. Fränkische Wanderungen und Ansiedlungen, vornehmlich im 
Rheinland, Zeitschr. des Aachener Geschichtsvereins, 1882. 

•') Beispiele von anscheinend im 8. Jhdt. noch freien Orten mit Namen auf 
-heim bei Maurer, Gesch. der Dorfverfassung in Deutschland. 

*) A. a. 0., S. 118. 

*) Seebohm, a. a. 0., S. 61, 62. 



— 18ß — ■ 

Im Frankenreich ist bekanntlich die Tendenz der Entwicklung 
gewesen: Hebung der Servi und Herabdrücken der freien Landbewohner 
zu Zinsbauern ; wie ich schon in meine Orfsnamen des Metzer Landes 
betonte, ist das Niveau der französischen Volksfreiheit, namentlich da, 
wo die Zahl der Unterworfenen (Romanen, Alemanen) gross war, 
imgemein rasch gesunken. 

Wie lagen aber die Dinge in Britannien V 

Ein zahlreiches unterworfenes Volk, bei dem die Verhältnisse 
nicht besser gelegen haben können als bei den Romanen unter 
fränkischer Herrschaft, eher härter; eine Menge kleiner Könige, in end- 
lose Fehden unter sich verwickelt, der Menge der Herren entsprechend 
eine verhältnismässige grosse Anzahl von Antrustionen, Gefolgs- 
leuten : ein ununterbrochener Kriegszustand gegen die Welschen und 
gegen die Stammesgenossen, also weit mehr, als je zur schlimmsten 
Zeit merovingischer Fehden ein Hervortreten eines gewerbsmässigen 
Kriegerstandes, der die Mitwirkung des Volksheeres, das bei all diesen 
kleinen Kriegern weder mitwirken konnte noch wollte^), ersetzte also 
alle Bedingungen für ein übermütiges, anmassendes Gefolgschaftswesen 
in weit höherem Masse vorhanden, als bei den Franken ; dazu, statt 
eines einheitlichen Volkstums, eine Menge kleiner Völkerschaften, eine 
jede später einwandernde nach Möglichkeit bereit, ihre früher ansässig 
gewordenen Stammesgenossen in Abhängigkeit zu bringen, sollte es 
uns da verwundern, wenn es mit der Freiheit des kleinen Mannes 
ungeheuer rasch abwärts ging? 

Wie wenig es, wenn die Voraussetzungen einmal gegeben sind, 
bedarf, um ein ganzes Volk in Unfreiheit zu bringen, zeigt uns ein 
Vorgang aus neuerer Zeit. 

Eine Hungersnot gab im 17. Jhdt. in Russland Anlass, den Land- 
bewohnern (zeitweise dachte man erst) das Verlassen ihres Herdes zu 
untersagen 2), bald darauf waren diese Bauern zu Leibeigenen geworden. 
Wie erschüttert in ihren Grundfesten muss die Volksfreiheit bereits 
gewes(3n sein, um solches zu ermöglichen; wie weit muss es aber im 
Frankenreiche schon im 9, Jahrhundert damit gekommen sein, wenn 
Karl der Kahle in einem Capitulare von 847 geradezu die Commen- 
dation an einen Seigneur befehlen durfte^). 

') Gerade um sich der Kriegspflicht, die auf freiem Grundbesitz lastete, zu 
entziehen, erfolgte am häufigsten (wenigstens im Frankenreiche) die freiwillige 
Hingabe von Land seitens kleinerer Besitzer an grosse fCommendation). 

2) Angebliche Ukas vom 21. Novbr. 1604. Vgl. Meitzen, a. a. 0., S. 227. 

^) Volumus ut unus quisque Über homo in nostro regno seniorem qualem 
voluerit in nobis et in nostris fidehbus accipiat. Maurer, Einl, zur Gesch. der 
Mark-, Hof- etc. Verf., § 95, Note 73. 



— 187 

Unter seinen Nachfolgern linden wir denn auch den Rechtssatz 
»nulle terre sans seigneur», den Grundsatz des ärgsten Feudalismus, 
zur That geworden. 

Zweifellos war schon längere Zeit vorher der freie Kleingrund- 
besitz so gut wie verschwunden : im Elsass schenkt ein Herr Wido 
schon im 8. Jahrhundert zahlreiche Dörfer an den Abt von St. Pilt, 
da kann es nicht verwundern, wenn es in Britannien mit der ger- 
manischen Volksfreiheit noch rascher abwärts gegangen ist, wie denn 
die Urkunden schon früh »Folkland« mit »terra regis« übersetzen. 

Somit hat es gar nichts Befremdendes, wenn wir mit Kemble 
die Gründung zahlreicher freier Markgenossenschaften zur Zeit der 
Landnahme annehmen, und doch auch Seebohm beipflichten, wenn er 
annimmt, dass schon wenige Jahrhunderte später die Könige, oder 
wenn man sie lieber so nennen will, die Häuptlinge und ihr Gefolg- 
.schaftswesen alle . oder fast alle diese kleinen Gemeinwesen in ihre 
Hörigkeit gebracht hatten. 

Dass aber die Gefahr einer Ueberhebung der Gefolgschaften über 
die Gemeinfreien bei den Germanen von den frühesten Zeiten an gross 
war, hat schon Tacitus, zu dem wir zum Schlüsse zurückkehren, ge- 
sehen, denn er sagt in seiner Germania: liberti non multum supra 
servos sunt, raro aliquod momentum in domo, nunquam in civitate, 
exceptis dumtaxat iis gentibus quae regnantur, ibi enim et super 
nobiles ascendunt ^) '. 

M C. 25. 



188 — 



Aus dem alten Diedenliofen. 



Von Emil Knitterscheid. 



Zur Geschichte des Orts bis 1000. 
Als Teissier vor mehr als 70 Jahren seine Geschichte Diedenhofens 
schrieb^), bedauerte er^). dass nicht irgend welche Funde aus der Römer- 
zeit gestatteten, das Alter der Stadt soweit hinauszurücken. Nun hat man 




Fig. 1. Zwillingsturm mit Sehlossgasse. 

aber später wiederholt römische Münzen u. s. w. auf dem Stadtgebiete 
gefunden. So teilte Abel 1862 in einer Sitzung der Societe d'Archeo- 
logie et d'Histoire de la Moselle^) mit, es seien beim Aufwerfen von 
Gräben für die Gasleitung römische Ziegel, eine Münze mit dem Bilde 
der Faustina u. m. A. gefunden worden. Eine grössere Anzahl von 
Münzen kam ans Tageslicht, als man 1872 das alte Luxemburger Thor 



1) Histoire de Thionville par G. F. Teissier, Metz 1828. 

») S. 8. Vgl. auch S. 429. 

ä) Bulletin de la Soci6t6, 5« annee, S. 161. 



— 189 — 

niederlegte und in der Nähe andre Bauarbeiten an den Ijefestifiungs- 
werken vornahm. Erwähnt werden von diesem Funde grosse Erze 
von Nerva, Tetricus, Posthumus, Constantinus mit dem labarum, 
Maxentius, Valentinianus und hauptsächlich eine Goldmünze Neros. 
In den Memoires de la Societe, 17. Bd. 1887, welchen diese Mitteilung 
entnommen ist, heisst es weiter S. 120, man habe 1886 bei der An- 
lage der Wasserleitung an der Ecke der Mersch- und der Luxemburger 
Strasse — an der Stelle des ehemaligen bedeckten Marktes — die 
Reste eines gallo-römischen (lebäudes gefunden, welches unzweideutige 
Spuren eines Brandes aufgewiesen hätte. 

Weniger bestimmt, aber doch nicht bedeutungslos ist die folgende 
ältere Notiz, welche die Sekretäre der genannten Gesellschaft in der 
chronique archeologique ihres ersten Jahrbuches \) gegeben haben : 
»Las travaux de deblaiement necessites autour des remparts de Thion- 
»ville par le prolongement du chemin de fer de Luxembourg ont mis 
»au jour un certain nombre de sepultures antiques accompagnees de 
»poteries brisees et de monnaies de diverses epoques. Gräce aux soins 
'de M. Michelet, capitaine du genie, ces dernieres ont ete sauvees du 
»creuset de l'orfevre, qui est le sort le plus habituellemeut reserve 
»aux pieces d'or et d'argent anciennes trouvees ä Thionville et aux 
»environs. Ces medailles sont un Trajan en argent, au revers un 
»genie, legende S. Hadrianus. Trajanus. Aug. — V. M. P. R. P. 
»Cos. III; un jeton en argent de Louis Xlll et de Marie-Thercse 1660 — 
»Securits publica« pp. 

Die letzte Zusammenstellung ist etw^as bedenklich, auch der Fund- 
ort wenig genau angegeben, an der Thatsache selbst aber kann man 
wohl nicht zweifeln. 

Nach einer geil. Mitteilung des Herrn Kreisbauinspektors Baurat 
Morlok w'urde um die Mitte der neunziger Jahre in der Stadthaus- 
strasse bei Grabarbeiten eine Anzahl römischer Grossbronzen gefunden. 

Von der Besitzerin des sog. Chäteau de Thion auf dem Schloss- 
hofe — von welchem später die Rede sein wird - wurde mir ver- 
sichert, dass man Ende der sechziger Jahre beim Graben im Keller 
ihres Hauses zur Herstellung einer Abortgrube eine Anzahl von 
römischen Münzen in der Erde gefunden habe. Die drei nachstehend 
beschriebenen, einen Denar von Traianus (98 — 117), eine Mittelltronze 
von Maximinus I (235—38) und eine kleine Bronze von Lichiius jun. 
(317 — 26), hatte sie noch in Besitz. 



') Bulletin 185H, S. 62. 



— 190 — 

Traianus, Denar aus 114, Coli. 497. 
Imp. Traiano Aug. Ger. Dac. P. M. Tr. P. Cos. VI P. P. 
Kopf mit Lorbeer n. r. 
R/ S P Q R Optimo Principi. 
Reiterstatue n. 1. mit Lanze i. d. U. 

Maximinus I., Coh. 35. 

Imp. Maximinus Pius Aug. 

Kopf n. r. mit Lorbeer. Mantel und Panzer. 

R/ Pax Augusti S. C. 

Friedensgöttin stehend n. l, mit Oelzweig i. d. R. und Scepter 

schräg i. d. L. 

Licinius junior, Coh. 14. 

Licinius .Tun. Nob. Caes. 
Kopf n. r. mit Lorbeer. Mantel. 
R/ Dominorum Nostrorum Caess. 
Vot V im Kranz y y 

Vor kurzem erfuhr ich von Herrn Kupferschmied Schneider, dass 
man vor mehreren Jahren bei Grabarbeiten auf seinem Hofe römische 
Münzen gefunden hätte, welche in den Besitz des Herrn Abel — kurz 
vor seinem Tode — übergegangen wären. Die Fundstelle befand sich 
zwischen dem Augustinermagazin und dem nördlichen Eckturm des 
Schlosses, nicht weit vom Luxemburger Platz. 

Sämtliche bisher genauer bekannt gewordenen Münzen stammen 
aus der Zeit vom ersten bis zum vierten Jahrhundert. Fast bei jedem 
Funde waren Münzen verschiedener Zeiten vertreten. Falls dies auch 
in Zukunft bei etwaigen weiteren Funden die Regel bilden sollte, so 
scheint der Schluss berechtigt, dass alle Münzen erst zu spätrömischer 
Zeit an Ort und Stelle gekommen sind. 

Es lässt sich jetzt nicht mehr prüfen, in wie weit die von Abel 
gebrauchte Bezeichnung »gallo-römisch« für das oben erwähnte Ge- 
mäuer zutreffend war und ob die gefundenen Ziegel wirkUch römischen 
Ursprungs gewesen sind. 

Selbst gesehen habe ich nur das Bruchstück eines römischen 
Ziegels, das bei der Fundierung des gegenwärtig in Ausführung be- 
griffenen Erweiterungsbaues des Amtsgerichts gefunden wurde. 

Man muss auch zugeben, dass gewiss grosse Vorsicht am Platze 
ist, wenn man aus vereinzelten Münzfunden auf das Alter einer Wohn- 
stätte schliessen will, denn eine spätere Verschleppung ist denkbar, 
und es ist wahrscheinUch, dass die römischen Münzen stellenweise bis 



— 191 — 

in das frühe Mittelalter hinein als Zahlungsmittel galten, indem die auf 
den Trümmern des römischen Staates neu gegründeten Reiche sich 
zunächst mit ihnen behalfen. 

Trotzdem kann man auf (irund der aufgezählten durchaus nicht 
vereinzelt dastehenden Fundo meines Erachtens mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit annehmen, dass an der Stelle des heutigen Diedenhofens 
eine wenn auch kleine römische Ansiedlung sich befunden hat. Dazu 
ist man durch die Häufigkeit der Funde berechtigt. Dass die An- 
siedlung nicht von Bedeutung war, geht vielleicht daraus hervor, dass 
die Heerstrasse Metz — Trier, welche in der Gegend mit einem auch 
anderswo vorkommenden Namen nach dem mittelalterlich lateinischen 
Worte caminus^) »le Kem« genannt wird, nicht unmittelbar an ihr, 
sondern in etwa 2 km Entfernung am Fusse der Gentringer Höhen 
vorbeiführte ; sie ging von Daspich nach Grosshettingen. 

Doch kann auch die Strasse älter als der Ort gewesen sein. 

Vielleicht war ein Flussübergang, eine Fähre, die erste Ver- 
anlassung, der Ursprung der Ansiedlung, wie dies natürlich und schon 
in vorrömischer Zeit mehrfach nachweisbar ist. Diese Fähre würde 
die Verbindung des alten Ortes ludiacum oder ludicium, des nach- 
maligen Jeutz, mit der erwähnten Heerstrasse vermittelt haben. Vgl. den 
Plan Fig. 2, der nach den Messtischblättern Diedenhofen und Hayingen, 
sowie alten Katasterplänen mit freundlicher Unterstützung des Herrn 
Baurat Morlok gezeichnet ist und dem jetzigen Zustande nur zum Teil 
entspricht. 

Der alte Name Diedenhofens »Theodonis villa«, die lateinische 
Uebersetzung des deutschen, weist nach der gewöhnlichen Annahme auf 
fränkischen Ursprung. Es wird ihm der Personenname Thiudo oder Theodo 
zu Grunde gelegt und ein Mann dieses Namens als Gründer oder Be- 
sitzer, Erbauer oder Verwalter des Landgutes angenommen, welches 
zur fränkischen Zeit an dem Orte bestand. Man mag sich also denken, 
dass erst zur Merovingerzeit die ehemals kleine Siedlung einige Be- 
deutung erlangt oder dass an ihrer Stelle sich ein fränkischer Herren- 
hof erhoben hat. Aehnliche — gleichzeitige und spätere — Namen- 
bildungen kommen in hiesiger Gegend mehrfach vor, z. B. GonduUi 
Villa, Gondreville ~ Pappoli villa, Plappeville — Bosonis villa, 
Busendorf und im Kreise Diedenhofen selbst Amneville, Bettlainville 
und Pepinville, deutsch Pipensdorf, ein Ort, der vielleicht von oder 
nach dem Vater Karls d. Gr. so benannt ist^). 



») = via, iter, chcinin. 

2) Vgl. 5. Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu Motz : Dr. Uibeleisen, 
die roman. u. fränk. Ortsnamen Welsch-Lothringens. 



— 192 — 

Die Bedeutung Diedenhofens muss um die Milte des S. .Ihdts. eine 
erheblichere geworden sein, denn bei der ersten Erwähnung 753 erscheint 
es bereits als Aufenthalt und Eigentum Pipins des Kleinen, also 
als Krongut des Karolingischen Hauses. Dass die villa vorher Besitz 
der Merovingerk()nige w^ar und dass diese sich auf römischen Trümmern 
eingerichtet hatten, halte ich für wahrscheinlich. Haben sie sich doch 
vielfach an Rhein und Mosel die grössten und bestgelegenen, nament- 
lich durch Weinkultur und grosse Waldungen ausgezeichneten römischen 
Stationsorte als königliche Kauunergüter (fisci regii, villae regales) 
reserviert^). Hierbei kamen nicht nur feste Punkte, Castelle, sondern 
auch grosse Villen in Betracht, deren so manche hier zu Lande nach- 
gewiesen sind. 

Die Fortsetzung der Chronik des Fredegar und die Annales 
Laurissenses geben übereinstimmend an, dass Pipin als König i. J. 753 
sich in Diedenhofen aufgehalten habe — »Theudone villa pubUca super 
Moseila«. 

Es handelt sich hier um einen längeren Aufenthalt mit Familie 
und Hofstaat, um eine Hofhaltung, wie aus dem Ausdrucke »resedere« 
der erstgenannten Quelle geschlossen werden kann. Der Aufenthalt 
fällt in den Herbst und dauerte wenigstens bis zum Ende des Jahres, 
denn er umfasste noch das Weihnachtsfest, welches in jener Zeit am 
Königshofe mit grossen Feierlichkeiten begangen wurde. Nach den 
Ausführungen Dümmlers in den »Jahrbüchern der deutschen Geschichte« 
haben wir uns während dieser Zeit in Diedenhofen die Reichsversamm- 
lung zu denken, von der Paulus Diaconus in der Geschichte der Bischöfe 
von Metz erzählt. Hiernach hätten von hier aus zwei der vornehmsten 
Franken, der Bischof Chrodegang von Metz und der Herzog Autcharius 
etwa anfangs August 753 die Reise nach Italien angetreten, um den 
Papst aus Rom ins Frankenland zu geleiten. 

Pipins Sohn Karlmann urkundet im März des Jahres 770 
Theudone villa Palatio -). Hier haben wir die erste von vielen Er- 
wähnungen des Palatiums, der Pfalz. Die letzte ist meines Wissens 
aus 940, so dass der Königssitz also 170 Jahre lang in den Quellen 
als solcher genannt w^ird. 

Die fränkischen Pfalzen waren meist keine festen Plätze, sondern 
friedliche Wohnungen in ebener, bequem zugängUcher Lage. Ideler ^) 



*) Vgl. Ellester in den Bonner Jahrbüchern Ti u. LI, S. 6n. 

-) Rouquet V, 720. 

^) Commentar zu Einhards Leben Karls des Grossen, I, 249. 



— 193 — 

führt 129 Pfalzen auf, deren sich Karl und seine unmittelbaren Nach- 
folger nachweislich bedient haben, fast alle in Deutschland and in der 
Ebene gelegen. Genauere Zählungen haben ergeben, dass uns von 
gleichzeitigen Schriftstellern allein etwa einhundertundfünfzig Paläste 
merovingischer und karolingischer Kimige genannt werden, welche 
ziemlich regelmässig über das ganze Pieichsgebiet verteilt und mehrfach 
in planmässigem Zusammenhang mit älteren römischen Anlagen errichtet 
waren. In neuerer Zeit hat man begonnen, sich eingehender wie bisher 
mit den Bauten des deutschen Altertums zu beschäftigen : von den 
Pfalzen insbesondere ist die Nimwegener von Hermann und später von 
Dr. Plath in Einzeldarstellungen beliandelt worden ^). 

Die grosse Anzahl der fränkischen Pfalzen, ihre Notwendigkeit 
und Wichtigkeit erklärt sich dadurch, dass die Könige mit ihrer ganzen 
Hofhaltung und dem vollständigen Regierungsbetriebe bei der Bereisung 
ihres grossen Reiches an vielen Stellen eine angemessene Unterkunft 
finden mussten. Die Pfalzen waren nach ihrer Gesamtanlage, nach 
Zahl und Grösse der Bauten verschieden ; sie waren ihrer geographischen 
Lage und Bedeutung entsprechend mehr oder weniger umfänglich und 
reich ausgestattet. Die kleineren und weniger wichtigen hatten wohl 
neben Steingebäuden auch Pachwerk- und Holzhäuser mit Strohdächern, 
und nur für die bedeutenderen würde uns heutzutage die Bezeichnung 
Königspalast als zutreffend und angemessen erscheinen. 

Eine solche grössere Pfalz haben wir uns zu denken als eine 
Anzahl von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, umgeben von Höfen, 
Nutz- und Ziergärten, Feldern und Wiesen in oft grosser Ausdehnung. 
Den Mittelpunkt bildeten die stattlichen Wohnungen des Königs, seiner 
Familie und des zahlreichen (lefolges; sie boten meist auch Platz zur 
Aufnahme von Gästen, Gesandten u. s. w. Eine Scblosskapelle fehlte 
nicht, auch war ein Versammlungssaal da nicht zu entbehien. wo 
Reichstage oder kleinere Versammlungen von Grossen abgehalten wurden. 
Hierzu kamen die Behausungen für den Burggrafen, den Vertreter des 
Königs während seiner Abwesenheit, für die Beamten und Pächter, 

'j Vgl. Hermann, der t'alast Karls d. Gr. zu Nymwegen in den Bonner .lalir- 
büchern. LXXVII, 88. Die Arbeit Plaths ist in holländischer Sprache erschienen. 
Eine deutsche Bearbeitung findet siclr in der Deutschen Rundschau 1895 9(i, I, 
S. 141 ff. — Von Dr. Plath ist auch zu vergleichen »Disi)argum« in den Bonner 
Jahrbüchern, lieft XCV. Der Verfasser hat sich die umfangreiche Aufgabe ge.stolU, 
sämtliche Pfalzen in vergleichend historisch-archäologischer l'ntersuchung zu be- 
handeln. Von allgemeinem Interesse ist seine Abhandlung über »Merovingische 
und Karolingische Rauthäligkeit« im Kobruarhcn 1S!)4 der Dculschon Bundsrliau. 



— 194 — 

dann die Wirtschaftsgebäude, Ställe, Scheunen, Lagerhäuser, Werk- 
stätten u. s. w., endlich in grösserem Abstände vielleicht und zu ein- 
zelnen Gruppen vereinigt die Wohnungen der Arbeiter mit Zubehör, 
sofern letztere nicht etwa in nahen Dörfern Unterkunft fanden. 

Da Diedenhofen, obwohl es nicht in erster Linie steht, doch zu 
den öfter bewohnten und darum w^ohl auch bedeutenderen Pfalzen 
zählte, so kann man, glaubeich, Teissier beipflichten, wenn er in seinem 
Aufsatze »Origine et progres des Fortiücations de Thionville« ^) meint, 
die villa regia des 8. Jahrhunderts habe einen grösseren Raum eingenommen 
als die jetzige Stadt, soweit sie auf dem linken Ufer liegt. Jedenfalls 
dürfte die Ansicht für das 9. Jahrhundert zutreffen, zu welcher Zeit zweifels- 
ohne wohl Ergänzungsbauten aufgeführt wurden, obwohl uns hierüber 
nur eine einzige spärliche Nachricht überliefert ist, von der später die 
Rede sein wird. Die angegebene Fläche begreift Felder und Gärten ein. 
Vergleichsweise sei hier bemerkt, dass das Gebiet der freilich viel 
jüngeren und ungleich grossartigeren Kaiserpfalz zu Goslar ohne das 
zugehörige Land etwa 550 m lang und durchschnitthch 250 m breit war^). 

Die Lage Diedenhofens musste sowohl an sich als auch bezüglich 
der weiteren Umgebung und Nachbarschaft als eine sehr günstige 
erscheinen. Der Fluss erleichterte den Verkehr und ermöglichte Fisch- 
fang, Bad und Kahnfahrten. Die damals sumpfige und waldreiche 
nächste Umgebung lud zu Jagden ebenso ein, wie die unschwer zu 
erreichenden Waldgebirge der Ardennen und der Eifel. Metz und Trier, 
Prüm und Echternach, blühende Städte und Klöster, lagen in der Nähe. 

Für Pipin kam der persönliche Grund hinzu, dass in Metz sein 
Jugendfreund Chrodegang den Bischofssitz inne hatte. 

Mit der weitaus grössten Anzahl der bekannten Pfalzen teilte die 
Diedenhofener die Lage in der Ebene am Flusse. Befestigt könnte sie 
nur insofern gewesen sein, als ein von der Mosel gespeister Wasser- 
graben sie vielleicht ganz oder teilweise umgeben hat. Doch ist dies 
nach anderen Beispielen nicht wahrscheinlich; so ist auch die neuer- 
dings von Dr. Plath untersuchte Merovingervilla in Kirchheim i. E. nicht 
mit einem Graben umgeben gewesen^). 

Karl der Grosse ist in Diedenhofen, was ihm nach dem frühen 
Tode seines Bruders Karlmann zutiel, nachweisbar 772, 773, 775, 782, 



1) A. a. 0. S. 167. 

2) V. Behr, Zeitschrift für Bauwesen, 1900, S. 162 ff. 

^) Die entgegenstehende Mitteilung in der Strassburger Post, 1899, No. 1038, 



beruht nach mündlicher Angabe Dr. Plaths auf einem Irrtum. 



— 195 — 

783, 805, 806. In einzelnen Jahren hat er sich wiederholt dort auf- 
gehalten. 

Zuerst ist eine Urkunde von ihm im April 772 aus Theodono-villa 
pal. publ. datiert. Auch im Mai desselben Jahres weilte er in der Pfalz. 

Für 773 ist seine Anwesenheit nur anfangs Miirz nachzuweisen, 
doch kann er auch schon früher dagewesen sein. 

Aus 775 giebt es Urkunden vom 3. und 10. Mai und vom No- 
vember. Wahrscheinlich in diesem Jahre sass der Kaiser in Diedenhofen 
vor einer glänzenden Versammlung weltlicher und geistlicher Würden- 
träger zu Gericht. 3 Bischöfe, 1 1 Grafen und zahlreiche Getreue werden 
aufgezählt. 

Am verhängnisvollsten für ihn wurde der Aufenthalt im Winter 
782/83, welchen er zum grössten Teile — so Weihnachten und 
Ostern — in Diedenhofen zubrachte. Am 30. April starb hier seine 
Lieblingsgemahlin Hildegard, 25 Jahre alt, nach der Geburt ihres 
neunten Kindes. Durch eine vom 1. Mai pal. nostro datierte Urkunde 
schenkte Karl für ihr Seelenheil der Kirche St. Arnulf bei Metz, in 
welcher sie beigesetzt wurde, die villa Gheminot. 

Länger als 22 Jahre hat dann der Kaiser die Pfalz gemieden. Erst 
805 nahm er in ihr wieder seinen Aufenthalt, nachdem er sie im Sommer 
desselben Jahres auf einer Jagdreise von Aachen in die Vogesen passiert 
hatte. Aus diesem Aufenthalte stammt die vom Dezember datierte Instruc- 
tion für Königsboten, duplex capitulare missorum in Theodonis villa 
datum, eine Sammlung von Vorschriften für Schreiber u. s. w. Gleich nach 
dem Weihnachtsfeste empfing der Kaiser in seiner Pfalz eine wichtige 
Gesandtschaft^; an ihrer Spitze erschienen die beiden venetianischen 
Dogen mit Gefolge und Gescherxken, um die völlige Unterw^erfung Ve- 
netiens und Dalmatiens anzuzeigen. 

Am 6. Februar 806 fand in Diedenhofen auf einem Reichstage 
der fränkischen Grossen die Teilung des Reiches in 3 Teile statt. Im 
selben Monat verliess der Kaiser die Pfalz, die er nicht wieder sah, 
zu Wasser. Er fuhr die Mosel und den Rhein herunter nach Nimwegen. 

Oefter noch als sein Vater weilte Ludwig der Fromme in 
Diedenhofen. Schon vor seiner Thronbesteigung war er wiederholt dort. 
Aus seiner Regierungszeit ist uns seine Anwesenheit bekannt in den 
.Tahren 816, 821, 828, 831, 834, 835, 836, 837. 

Während der erste Aufenthalt im JuU 81(5 nur ein kurzer ge- 
wesen zu sein scheint, fand im Oktober 821 eine allgemeine Reich.s- 
versammlung apud Theodonis villam statt, gelegentlich welcher dei- 
Kaispi' mit grossem Glaii/r« soinoii iilleslen Sohn und Mitkniscr Lothar 



— 196 — 

mit Irmingard, der blonden Tochter des Grafen von Tours, vermählte. 
Noch im November iirkundet er hier. 

828 entsandte er Lothar von Diedeuhofen aus mit bedeutender 
Heeresmacht in die spanische Mark. 

831 im Oktober fand v^ieder eine allgemeine Reichsversammlung 
hierselbst statt, bei welcher wie in früheren Zeiten ungetrübten Glanzes 
eine Reihe fremder Gesandten am Throne des Kaisers erschien. Nicht 
nur Dänen und Slaven bewarben sich um seine Gunst, sogar aus dem 
fernen Bagdad von dem grossen Chalifen Mamun kamen drei Botschafter 
mit kostbaren Stoffen und arabischem Räucherwerk, um das zwischen 
Karl und Harun geschlossene Bündnis zu erneuern. 

Vorher, im Sommer desselben Jahres, schloss der Kaiser zu 
Diedenhofen mit Dänemark Frieden, nach mehrjähriger Feindschaft ^). 

884 Juli 20 urkundet Ludwig Theodonis villa pal. r. Ende des- 
selben Jahres begab er sich zur Ueberwinterung ad palatium Theo- 
donis, und sein diesmahger Aufenthalt dauerte mit Unterbrechungen bis 
in den März 835. Anfangs Februar fand in Diedenhofen eine grosse, 
im wesentlichen aus geistlichen Würdenträgern zusammengesetzte 
Reichsversammlung statt; es werden 44 Bischöfe, darunter 8 Erzbischöfe 
namentlich aufgeführt. Vor der »in sacrario, non coram laicis« 
versammelten Synode tritt der Kaiser als Ankläger gegen Ebbo von 
Reims auf. Das sacrarium und nicht das tribunal palatinum war des- 
halb gewählt worden, weil die Bischöfe Einspruch dagegen erhoben 
hatten, dass vor Laien verhandelt werde. Man hat das Wort sacrarium 
hier mit Sakristei übersetzt. Wenn dies richtig und es gestattet ist, 
aus der Grösse der Sakristei, die eine solche Versammlung aufnehmen 
konnte, auf den Umfang der Kirche zu schliessen, so können war uns 
diese nur als ein sehr 2:eräumiges Gebäude vorstellen. Aber es ist 
meines Erachtens in diesem Falle wahrscheinlicher, dass unter sacrarium 
das Chor der Kirche oder diese selbst zu verstehen ist^). 

Im Mai 836 fand in Diedenhofen eine Beratung des Kaisers mit 
dem engeren Kreise seiner Getreuen statt. 

In den Annales Fuldenses kommt um diese Zeit zum ersten male 
der deutsche Name vor: »Imperator in palatio Thiodenhove conventum 
habuit« (Enhardi Fuldensis annales 836 M. G. SS. I 360). Die Angabe 
Abels »une Charte de 706 nous revele l'existence de Dietenhoven« 



^) Vergl. Geschichte des ostfränkischen Reiches von E. Dümmler, II. AuIL, 
I. Bd., S. 67 und 275. 

^) Vergl. Ep. Caroli Talvi ad Nicolaum Papam und Mühlbacher Regesta 
Iiiiperii I nr. 930. 



— 197 — 

beruht auf einem Irrtum^). Im Mai und Juni 837 linden wir den Kaiser 
zum letzten Male in seiner Diedenhofener Pfalz, wo er die jährliehen 
Geschenke des Volkes in Empfang nahm. 

Aus seiner Regierung ist uns — als ganz vereinzelt stehende 
Angabe — etwas von einer Bauthätigkeit der Karolinger in Diedenhofen 
berichtet und zwar aus einer späteren Quelle. Ludwig begann den Bau 
einer Kapelle nach dem Muster des Aachener Marienmünsters. Hierauf 
gehe ich später näher ein. 

Lothar L, der sein Reich von Metz aus regierte, weilte in 
Diedenhofen 841, 842, 844, 848, 85o. Im August 841 versammelte er 
hier seine Getreuen um sich ; dieser von Nithard III, 3 erwähnte 
Conventus wird durch eine Urkunde des Kaisers vom 1. September 
Theodonis villa palacio regio für den Dogen Peter von Venedig bestätigt. 

Den Herbst des folgenden Jahres brachte er wieder dort zu. 
Seine Anwesenheit ist für September bezeugt, vom 17. Oktober ist eine 
Urkunde für das Bistum Chur, vom 12. November eine solche für das 
Kloster Prüm ausgestellt (v. Mohr, cod. dipl. I, 39. Boehnier N. 575). 
Auch fand in der ersten Hälfte November eine Versammlung der Grossen 
in Diedenhofen statt, auf welcher Lothar die ihm von seinen Brüdern 
gestellten Bedingungen verwarf. Im gleichen Monat wurde zwischen 
den Brüdern der Vertrag von Diedenhofen abgeschlossen, nach welchem 
zwischen ihnen Frieden bis zum 14. Juli 843 herrschen sollte. Im 
Vertrag von Verdun 843 behieh Lothar Diedenhofen. 

844 im Oktober kamen penes Theodonis villam die drei Brüder 
Lothar, Ludwig und Karl zusammen. Gleichzeitig tagte in Jeutz — 
secus Theudonis villam in loco qui dicitur ludicium — unter dem 
Vorsitze Drogos von Metz eine bischöUiche Synode. Von Jeutz wird 
später im Zusammenhang die Rede sein. 

Oktober 848 haben wir wieder eine Reichsversammlung in 
Diedenhofen, woselbst der Kaiser noch am 11. November urkundete. 

Seine letzten Urkunden aus der hiesigen Pfalz sind vom 3. Juli 853 
datiert. 

Von Aufenthalten der näch.sten Nachfolger Lothars wissen wir 
zwar nichts, es ist indessen wahrscheinlich, dass wenigstens Lothar 11., 
der für gewöhnlich in Metz lesidierte, sich zeitweilig in Diedenhofen 
einfand. 

Ob und inwieweit die Normannen, welche 866 und auch später 
zu Zeiten^ Ludwigs des Jüngeren und Karls des Dicken bis in die 

') Vgl. seinen Aufsatz, 4es voies roinaincs dans lo d»''parloinent de la 
Moselle« in den Mc'-m. de la Socielö d"Arcli(''ologie et dUistune ile la Moselle IH.'iM. 



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hiesige Gegend vordrangen, die Pfalz geschädigt haben, ist nicht über- 
hefert; aber man wird wohl nicht fehl gehen in der Annahme, dass 
der unbefestigte und schlecht verteidigte Ort gleich vielen anderen hart 
mitgenommen wurde. 

Im Vertrag zu Mersen 870 kam Diedenhol'en ebenso wie Metz 
unter deutsche Herrschaft. Allerdings war die Wirkung dieses Vertrages 
nur eine kurze. 

hl der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, zuerst zu Lothars II. 
Zeiten, erscheint Flörchingen (Floringas curia r., Florichingas) als ein 
im Besitztum der Krone befindlicher Frohnhof (curtis, curia) auf der 
Bildfläche. Das Dorf liegt in der Luftlinie etwa 5 km südwestlich 
von Diedenhofen. Eine einigermassen gerade Strassenverbindung ist 
nicht vorhanden. Arnulf von Kärnthen urkundet hier 893, sein von 
ihm zum Gouverneur von Lothringen ernannter Bastard Zwentibold 890 
und 898. In diesem Jahre sammelten sich hier um Letzteren nach 
allerlei Widerwärtigkeiten die Grossen des Landes, aber schon 900 
waren sie von ihm abgefallen und huldigten im Februar in Diedenhofen 
dem letzten deutschen Karolinger Ludwig dem Kinde. Dieser urkundet 
am 22. März 900 in Diedenhofen. 

Nach seinem Tode machte der französische Karolinger Karl der 
Einfältige Ansprüche auf Lothringen und wurde gegen den Willen der 
deutschen Fürsten 912 in Metz zum König gekrönt. Als solcher hielt 
er auch Hof in Diedenhofen; seine dortigen Urkunden sind von 
913 Aug. 13 — 915 Nov. 24 — 919 JuU 9. Aber die Zugehörigkeit 
des Landes zu Frankreich dauerte nur kurze Zeit und 921 wurde im 
Vertrage zu Bonn die zu Mersen vorgenommene Teilung des Beiches 
erneuert. 

Es tritt nun in der Geschichte Diedenhofens eine Lücke ein. Die 
Kaiser wohnten längere Zeit nicht mehr in ihrer dortigen Pfalz. Viel- 
leicht war sie durch die Normanneneinfälle in ihrer Wohnlichkeit sehr 
beeinträchtigt worden. Möglicher Weise kamen auch die Ungarn 917 
auf einem Baubzuge bis in die hiesige Gegend^). Dass die Pfalz aber 
wohl noch eine Zeit lang fortbestand, geht aus einer Schenkung Ottos I. 
hervor, welcher 940 dem bei Trier gelegenen Maximinenkloster u. a. 
die ihm bereits von seinem Vater Heinrich geschenkte Kirche bestätigte, 
quae est in villa Tedonis nostri palatii cum 2 mansis. Nochmals be- 
stätigt wurde die Schenkung 966 Jan. 7 in einer Urkunde von Köln 
über die »aecclesia in nostro regaU fisco Theodonis villa nominato 



1) Düminler a. a. 0. 1kl. III., S. 613. 



— 199 — 

constituta« nebst Zubehör. — Die katholische Kirche in Diedenhofen 
ist zwar seit langer Zeit dem hl. Maximinus geweiht, aber nach alten 
Nachrichten stand die erste Pfarrkirche unter dem Schutze des 
hl, Eustachius \). 

Von dem continuator Reginonis^) ist uns zum Jahre 939 folgende 
wichtige Nachricht überliefert, welche sich auf die Kämpfe Otto des 
Grossen mit den Lothringern und dem Bischöfe Adalbero I. von Metz 
bezieht: »Omnibus tamen Lothariensibus subactis, aliquamdiu resistere 
»conatus est episcopus Mettensis, unde Theodonis villa capellam domni 
»Ludovici pii imperatoris, instar Aquensis inceptam, ne perliceretur aut 
»pro munimine haberetur destruxit.« 

Ludwig der Fromme hatte also in Diedenhofen einen Kapellenbau 
nach dem Muster der berühmten kaiserlichen Schlosskapelle in Aachen 
unternommen, welche Karl der Grosse 796—804 erbaute und mit 
seinem Schlosse in Verbindung setzte. Dieser Bau war nicht fertig, 
als er 939 aus Furcht davor, dass er vollendet als Festung benutzt 
werden könnte, zerstört wurde ^). Die Ansichten darüber, ob der Kaiser 
oder der Bischof die Zerstörung befahl — was aus dem Zusammenhang 
der Stelle nicht ganz klar ist — gehen auseinander; die Meisten 
schreiben sie dem Bischof zu. 

Es w^erfen sich hier einige schwer zu beantwortende Fragen auf. 
Warum hatte man den Bau über ein Jahrhundert lang unvollendet 
liegen lassen? War die unfertige Kapelle in Benutzung genommen? 
Gehörte sie dem Abte der Maximinenkirche oder haben wir uns eine 
andere ecclesia als Gegenstand der kaiserhehen Schenkung zu denken? 
Berücksichtigt man nur die 940 erfolgte Erneuerung oder Bestätigung 
der Schenkung, so sollte man sagen, dass eine zerstörte Kirche nicht 
wohl Gegen.'^tand einer kaiserlichen Schenkung sein kann. Andererseits 
ist es einigermassen unwahrscheinlich, dass die Pfalz zwei Kirchen 
hatte, obwohl dies in Goslar z. B. in späterer Zeit der Fall w^ar. Wenn 
der Bau Ludwigs des Frommen — was im Mittelalter öfter vorkam — 
unfertig benutzt worden ist, so kann man immerhin annehmen, dass 
im ersten Drittel des 10. Jhdts., als die Kaiser, wie erwähnt, sich nicht 
mehr in Diedenhofen aufhielten, Heinrich l. die als solche nicht oder 
nur wenig mehr l)enutzte Palastkapelle dem Kloster schenkte. Voraus- 
gesetzt, dass die Kapelle, wie anderswo und an sich wahrscheinlich. 



•) Vgl. Teissier a. a. O. S. 2()t). 
2j Scr. 1, «18. 

*) Das >aut<i im Texte muss man sich dem Sinne nach durch ein 'cl* 
ersetzt denken. 



— 200 - 

im Bering des Palaliutns lag, so waren die anderen Gebäude dieses 
letzteren, wenn sie damals noch bestanden, offenbar weniger geeignet, 
befestigt zu werden. Sonst wären sie wohl auch zerstört worden. 

Die Zerstörung der Kapelle wird man sich so zu denken haben, 
dass im äussersten Falle alles Mauerwerk über der Erde abgetragen 
worden ist. Zu einem Abbruch der Fundamente lag keine Veranlassung 
vor, weil sie nicht zu Verteidigungszwecken dienen konnten. Es ist 
daher wohl möglich, dass die Fundamente noch vorhanden sind und 
dass sie einmal gefunden werden. 

Es liegt auf der Hand, dass Diedenhofen abnehmen musste, als 
es sich nicht mehr der Vorteile eines zeitweiligen Aufenthaltes der 
kaiserlichen Hofhaltung erfreute. Denn hier fehlte Handel und Industrie 
oder eine andere Veranlassung, welche einem kleinen Gemeinwesen 
zur Blüte verhelfen konnte. Um die Mitte des 10. Jhdts. erscheint der 
Ort im Besitze der Grafen von Luxemburg, welche sich allmählich 
eine starke Hausmacht gründeten. Die Kaiser hatten wohl nur noch 
ein Absteigequartier in ihrer ehemaligen Pfalz, wo sie sich sehr selten 
aufhielten. 

977 Mai 10 und 11 urkundet Otto IL in Diedenhofen, 993 
Mai 9 Otto III. »in villa Dedonis«, 1003 Januar 15 Heinrich IL, 
der in diesem Jahre eine Versammlung der Grossen von Oberlothringen 
hier abhielt. 

Aus der späteren Geschichte des Orts sei hier nur kurz er- 
wähnt, dass Diedenhofen ungefähr ein halbes Jahrtausend, bis 1462, 
in Luxemburgischem Besitz geblieben ist, bis 1354 unter den Grafen, 
später unter den Herzogen. Die Luxemburger haben also das Erbe 
der ehemals karolingischen Pfalz angetreten. 

Auf eine kurze Regierung der burgundischen Herzöge (bis 1477) 
folgte diejenige des habsburgischen Hauses (bis 1519), darauf die 
spanische (bis 1643) und dann die französische Herrschaft (1643-1870). 

J e u t z. 

Oestlich von Diedenhofen, auf dem anderen, rechten Moselufer 
liegen die Dörfer Niederjeutz und Oberjeutz. Letzteres befand sich bis 
1815 auf einer anderen Stelle, näher der Stadt und näher bei Nieder- 
jeutz, zwischen dem Jeutzer Fort und den Schiessständen. Sein alter 
verfallener Kirchhof, bei w^elchem ein Steinkreuz dem Zusammensturz 
nahe ist, findet sich nächst der nach Illingen führenden Landstrasse 
im Messtischblatte vermerkt. Die Veränderung in der Lage ist zu dem 
Irrtume Veranlassung gewesen, dass in der Karte S. 18—17 des Werkes 



— 201 — 

»Die alten Territorien des Bezirks Lotli ringen nach dem Stande vom 
1. Januar 1648«^), I. Teil, Oberjeutz an seiner jetzigen Stelle einge- 
tragen ist. 

Niederjentz und Oberjeutz waren beides Dörfer der seigneurie de 
Meilberg -). 

Stemer, Traite du departement de Metz ^), giebt S. 41'.] 
folgende Beschreibung : »Yutz, Village, divise en haute et hasse. La 
»haute Yutz est le premier village en sortant de Thionville par la porte 
»du Pont, ä droite de la Moselle: il est destine ä etre demoh pour 
»augmenter les fortifications de la Ville. La hasse Yutz est aussi ä 
»droite de la Moselle, et dans le meme cas ci-dessus: TEglise parois- 
»siale de ces Villages est pres de la basse Yutz. La tradition porte 
»que l'on y a tenu un Concile vers Tan 814 ...... — Gemeint ist 

die Synode von 844. 

Die schon damals ins Auge gefasste Zerstörung wurde 60 Jahre 
später zur Thatsache. Teissier sagt hierüber'*): »Yutz, dont le nom est 
»ecrit dans les auteurs et sur les cartes geographiques Jeust, Jeutz, 
»Judz etc. et en latin Judicium, est encore aujourdhui un village 
»considerabie, qui n'est separe de Thionville que par la Moselle: plus 
»de la moitie des maisons sont dans le rayon de defense de la place: 
»c'est cette position (jui a servi de pretexte, en juin 1815, au com- 
»mandant superieur de Thionville pour faire detruire l'anticjue monu- 
»ment, siege de la diete et du concile de 844«. Der erwähnte Kom- 
mandant war der General Hugo, der Vater des Dichters Victor Hugo, 
w'elcher Oberjeutz in der Nacht vom 25. zum 26. Juni 1815 verbrennen 
und zerstören Hess, weil es dem Heere der Verbündeten im Januar 1814 
einen Stützpunkt bei der Beschiessung der Stadt geboten hatte. Diese 
Massregel erregte grossen Unwillen, nicht nur bei den Betroffenen. In 
einem Werke, welches dem General selbst zugeschrieben wird, aber 
auf dem Titelblatt einen anderen Namen trägt: »Journal historique du 
blocus de Thionville en 1814 et IS«""), heisst es S. 113: »Les envi- 
»rons de la place furent decouverts a 500 metres seulement, et au 
»grand regret du general le hameau de Haute- Yutz se trouva compris 
»dans le razement.« S. 172 (T. wird die Massregel verteidigt. 



') Strassburg 1898. 

^) De Bouteiller, Dictionnaire topographique de lancien cU'partenienl de la 
Moselle. 

*) Metz, Clollignon 1750. 
*) 1. c. S. 24. 
••) Blüis 1819. 



— 202 — 

Bei der Zerstörung des Dorfes wurde auch die Kapelle von 
Oberjeutz niedergelegt, und man fand in ihren Triimmern eine Anzahl 
von Ziegeln mit Inschriften'). Es scheint, dass Teissier hauptsächlich 
diese Kapelle im Auge hat, wenn er von der Zerstörung des alten 
Monumentes spricht. Das würde allerdings nicht mit der obigen Schluss- 
bemerkung von Stemer stimmen, nach welcher die Synode in der 
Pfarrkirche von Niederjeutz stattgefunden hätte. 

Die hier bestehenden Zweifel sind bis heute nicht gehoben. So 
viel ist aber sicher: beide Kirchen waren nicht die ersten auf ihrem 
Platze, sondern P>satzbauten. Zeichnungen davon sind mir nicht bekannt, 
abgesehen von kleinen Grundriss- und auch Ansichtsskizzen in Plänen. 
So ist in einem in der Metzer Stadtbibliothek befindlichen »Plan de la 
ville de Thionville 1643 assiegee par larmee du Roy u. s. w.« die 
Kirche von Oberjeutz grösser gezeichnet und umgekehrt orientiert wie 
diejenige von Niederjeutz ( »Nider-Jycits«). Aber der Plan ist bezüglich 
der Kirchen sehr ungenau, denn sie sind alle nach einem und dem- 
selben Grundrissmuster dargestellt, welches in den meisten Fällen nicht 
zutrifft. Ein anderer Plan aus 1766 (_ebenfalls auf der Metzer Stadt- 
bibliothek) hat die Niederjeutzer Kirche richtig als Kreuz inmitten des 
Kirchhofs liegend; in Oberjeutz ist keine Kirche verzeichnet. In der 
Berliner Ruhmeshalle befinden sich grosse Reliefmodelle von einer 
Anzahl französischer Festungen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahr- 
hunderts, darunter auch eins von Diedenhofen. Es ist nicht ausge- 
schlossen, dass hieraus einige Klarheit gewonnen wird ; ich konnte das 
Modell selbst nicht einsehen. 

In einem Katasterplan von 1807, welcher auf dem Bürgermeister- 
amt Niederjeutz aufbewahrt wird, sind kleine Ansichten beider Kirchen 
eingetragen. Oberjeutz erscheint als einschiffiger Langbau mit einer- 
seits angefügtem plattgeschlossenen Chor und andererseits vorgebautem 
Turm, der eine Zvviebelkuppel trägt. Das Chor lag anscheinend nach 
Westen. Die Niederjeutzer Kirche erscheint nur als Turm, viereckig 
und mit einfachem Pyramidendach bekrönt. Vielleicht war die Kirche 
damals schon abgetragen. 

Oberjeutz w^ar nur bis zum 19, März 1810 eine selbständige Ge- 
meinde und wurde dann mit Niederjeutz vereinigt. Zur Pfarrei des 
letzteren Dorfes gehörte es schon früher, ebenso wie Mackenheim und 
Künzig mit dem Meierhof Helpert und der Kapelle Hennequin. 

Nach dem Frieden bauten die Einwohner mit Hülfe des Königs 
Ludwig XVIII., der ihnen Beisteuern und Holz verschaffte, den Ort an 

1) Teissier I. c. S. 476 u. 429. 



— 203 — 

der jetzigen Stelle wieder aufM. P> wurde dann wieder eine eigene 
Gemeinde. 

Die älteste dem Namen nach bekannte Persönlichkeit aus .leutz 
wird in der LebensbeschreibunK der h. Glodesindis erwähnt-). Hier 
heisst es »Fiiit quidam vir, Odihilfus nomine, faber imperatoris, de 
villa, cuiiis vocabulum est Judich« und zu der Ortsbezeichnung sagt 
eine Anmerkung »Ita codex S. Huberti, sed Trevirensis habet Vidihe, 
»Blaburensis Judith. Vitae secundae exemplaria omnia locum hunc 
»latine apellant ludicium. Est autem ludicium, vulgo Judae.« Der Mann 
hatte einen Teufel im Leibe, den er durch eine Wallfahrt zum Grabe 
der Heiligen in Metz verlor. Die Begebenheit wird ins 9. Jahrhundert 
gesetzt. — Damals also wie heute wohnten Leute in Jeutz, welche 
in Diedenhofen beschäftigt waren. 

Jeutz ist eine alte CuUurstätte. Man hat daselbst von Alters 
her Funde der verschiedensten Art gemacht. Schon Teissier-^) er- 
wähnt Münzfunde, ebenso AbeH) und Robert^). In der Sitzung der 
Metzer ( iesellschaft vom 12. 11. 1863 teilte ein Herr Krismann mit, 
man fände in der Umgebung des alten Niederjeutzer Kirchhofs auf 
mehreren ihm gehörigen Feldern ziemlich oft römische Münzen, 
meist solche der ersten Kaiser, aber auch besonders viele von 
Constantin. Sie lägen zusammen mit Bruchstücken von Töpfer- 
geschirr verschiedener Farbe und grossen Dachziegeln*^). Hiermit 
übereinstimmend berichtete lange vorher Victor Simon in einer 
archäologischen Notiz über Metz und seine Umgebung ^), Jeutz sei be- 
merkenswert wegen der grossen Anzahl von Geschirr- und Ziegel- 
trümmern, die sein Boden berge, es müsse sich daselbst eine römische 
Töpferei befunden haben. Erwählet und abgebildet sind an dieser 
Stelle einige damals gemachten Funde, ein Thränenfläschchen, ein Ge- 
wicht in Pyramidenform und eine irdene Lampe. Das Thränenfläschchen 
wurde bei der Gründung einer damals gerade gebauten Kaserne aus 
einer Tiefe von 4 — 5 m zu Tage gefördert. Es handelt sich hier wohl 



') 1817; vgl. Viville, dictionnaire du departement de la Moselle, Metz 1817, 
Tome II, S 449. 

2) A. SS. Julii Tome VI. Vita antitiuior S. Glodesindis virg. S. 208. 

3) L. c. S. 429. 

*) Keltische: Mem. d. I. Soc. d'Arcli. et dTIist. de la Moselle 1862, S. 222. — 
Römische: Mem. 1887, S. 116. 

■') Merovingische: Mem. 1860. 
«) Bull. Mos. VI, 1863, S. 155 f. 
') Acad. de Metz 1841, 151 f. 



— 204 — 

um das Cavallerie-Kasernement, welches im Jeutzer Fort, also auf der 
rechten Moselseite gelegen ist und um diese Zeit gebaut wurde. 

Beim Bau der Aktienbrauerei St. Nicolaus zu Niederjeutz wurde 
1898 der Schatz- oder Depotfund aus dem späteren Bronzezeitalter 
entdeckt, w'elcher jetzt eine Zierde des Metzer Museums bildet. Auch 
stiess man bei demselben Bau auf eine römische Ziegelei, und von 
dem Konservator des Museums, Herrn Kenne, w^urden die Reste eines 
römischen Ziegelofens ausgegraben, welcher Ziegel mit den Stempeln 
der Fabrikanten Pariator, Florentius, Virisimus und Adiutex — letzterer 
um 310 — lieferte^). Ein vor 60 Jahren gefundener Ziegelstempel 
Adjutex ist für Simon ^) die Veranlassung gewesen, ihn irrtümlicher 
Weise mit dem römischen Ortsnamen Judicium in Verbindung zu bringen. 

Im März 1 900 traten in der Nähe der erwähnten Brauerei, aber 
mehr nach Südwesten, auf einem Grundstücke des Bauunternehmers 
Kraemer, das zur Sandgewinnung ausgebeutet w'urde, die Kellermauern 
eines römischen Hauses zu Tage, bei welchen Scherben, bemalte Stuck- 
reste und Münzen gefunden wurden. Auch früher schon hatte Kraemer 
unfern dieser Stelle andere römische Fundamente, Schwerter, Münzen 
und Bruchstücke einer Bildsäule gefunden. 

Von einem Gräberfunde weiss Abel im 17. Bande 1887 der 
Memoires de la Soc. d'Arch. et d'Hist. de la Moselle zu berichten. Es 
heisst da S. 116: »Im Norden von Niederjeutz haben die Arbeiten an 
»der Eisenbahn nach Sierck zur Entdeckung eines vollständigen fossilen 
»Mammuths geführt, welches ins Berliner Museum gekommen ist. In 
»derselben Sandschicht, am Fusse des Dorfes, fand man vor einigen 
»Jahren eine beträchtliche Reihe von Gräbern, welche aus ausgehöhlten 
»weissen Steinen bestanden, die mit grossen Platten bedeckt waren. 
»Diese trugen das Zeichen der Ascia. Innen fand man neben mensch- 
» heben Gebeinen gewöhnliches Geschirr und spätrömische Münzen, 
»darunter einen Constantin mit der Wölfin.« 

Es unterliegt also keinem Zweifel, dass Niederjeutz zu gallo- 
römischer Zeit bewohnt war und schon damals ein blühendes Cultur- 
leben aufzuweisen hatte. Ob «die Angabe Huhns ^j »es liege 60 m 
nordöstUch von einem alten Römerlager« begründet ist, weiss ich]]nicht. 



^) Vgl. hierzu Keune im Korrespondenzblatte der Westdeutschen Zeitschrift 
für Geschichte und Kunst, Jahrgang XVII 1898 No. 12, und Jahrbuch der Gesell- 
schaft für Lothringische Geschichte und Altertumskunde 1899, S. 374, 378. 

2) Acad. de Metz 1841, S. 152. 

3j Deutsch-Lothringen S. 318. 



— 205 — 

Als Mittolpmikt der Siedliino- ist nach den bisher bekannt gewordenen 
Funden das genau (istlich von Diedenhofen hegende Gelände anzunehmen. 

Das ehemalige Oberjeutz ist wahrscheinlich gleichaltrig mit Nieder- 
jeutz. Auch hier sind römische Ziegel gefunden worden, z. B. zwischen 
den Schiessstäuden und der Mosel in der Nähe der letzteren und beim 
Abbruch der vorher M erwähnten Kapelle, welche auf dem alten Kirch- 
hof gelegen hat. Die beiden verlassenen Kirchhöfe sind überhaupt für 
beide Dörfer die letzten noch gerade erkennbaren zu Tage liegenden 
Spuren ihrer alten Vergangenheit. Von demjenigen in Niederjeutz be- 
richtete Abel in der erwähnten Sitzung der Metzer Gesellschaft vom 
12. November 18(i3-), er sei von der (lemeinde verkauft worden und 
diese habe es vorläufig für zweckmässig erachtet, seine Umfassungs- 
mauer niederzulegen, um ihre Wege neu zu beschottern. »Diese Mauer 
»hatte das Merkwürdige, dass sie aus Lagen von Steinen errichtet war, 
»w^elche mit Reihen dicker und grosser Ziegel mit Rillen abwechselten, 
>was auf eine alte römische Bauweise hindeutet. Die Ortsüberlieferung 
»ist die, dass sich an die.ser Stelle ein alter r()mischer Tempel be- 
»funden hat, welcher durch ein christliches Bethaus verdrängt wurde. 
»In diesem Bethause wurde 84() ein Concil abgehalten. Das Bethaus 
»ist 1571 durch eine kleine gotische Kirche ersetzt worden, welche 
»mit prismatischen Graten gewölbt und durch vier grosse P'enster mit 
»Stabwerk erleuchtet war. Sie war geostet und halte die Form eines 
»lateinischen Kreuzes. Von Diedenhofen führte — zweifelsohne über 
»eine Fähre — ein Weg zu dieser Kirche; erging noch weiter bis zu 
»der Römerstrasse, welche Oberjeutz mit Walmesdorf verband. Diese 
»Verbindungsstrasse besteht noch, sie heisst in einem Teile ihres 
»Laufes »Kern« und in dem übrigen Teile »Weg der Königin«. Der 
»Weg von der Kirche zum Kem ist nicht mehr vorhanden, aber man 
»kann ihn noch erkennen in mehreren Ackerfurchen in der Nähe der 
»Brennerei des Herrn Krismann, in welchen er sich durch die [Tepp'ig- 
»keit des Pflanzenwuchses auszeichnet.« 

Nachdem seit dieser Mitteilung mehr als ein Menschenalter ver- 
flos.sen ist, sind auch diese letzten Spuren verschwunden. Das Kris- 
mannsche Anwesen befand sich auf dem Gelände der jetzigen 
Aktienbrauerei. 

Jeutz war ini frühen Mittelalter Hauptort der gleichnamigen 
Gaugrafschaft, des pagus .Tudiacensis oder comitatus .ludicii. welcher 
wiederholt erwähnt wird, z. H. \n einer Urkunde Ottos I. fi'ir 

') S. 202. 

2) Roll. AFo.«. VI l.-)r,. 



— 206 — 

die Sl. Petersabtei in Met/ vdiii Jalire 000, welche als in comitalu 
.Tudicii gelegen auftuhrL Petraevillare et Villare et Seimaricurtem. Das 
Gebiet der (Grafschaft lag zu beiden Seiten der Mosel. Die genauen 
Grenzen sind nicht bekannt, auch nicht in welchem Verhältnisse die 
nähere Umgebung von Diedenhofen zu der Grafschaft stand. Die Pfalz 
selbst hatte als fiscalischer Besitz wohl ihre eigene Gerichtsbarkeit. 
Auf die Stelle des Grafenschlosses deutet vielleicht ein Gewann-Name 
»am Schloss« gegenüber dem Eingang der Schiessstände nördlich von 
letzteren, also im ehemaligen Oberjeutz. Möglicherweise im Gegensatze 
hierzu wurde früher das stattlichste ältere Haus in Niederjeutz, welches 
noch jetzt das Gepräge eines Herrenhauses trägt und Eigentum des 
Herrn Dlaise ist, mit der Nachbarschaft als petit chäteau bezeichnet. 
Es ist dasjenige in nordöstlicher Richtung vom alten Kirchhofe gelegene 
Anwesen, hinter welchem die »Herrengasse« nordwestlich von der 
Hauptstrasse abzweigt. Das südlich gelegene Gelände, auf welchem 
die oben erwähnte römische Kelleranlage gefunden wurde, heisst im 
Volksmunde der »Schlossgarten«'). 

Zu dem Lageplan Fig. 2 ist noch Folgendes zu bemerken. Der 
frühere Weg von Diedenhofen nach Oberjeutz überschritt den Ganal da, 
wo jetzt das obere Schleusenkasernement sich befindet : er ist punktirt 
gezeichnet. 

Zur Zeit der Belagerung von 1558 befanden sich auf dem rechten 
Moselufer noch keine Festungswerke. Um die Mitte des siebzehnten 
.lahrhunderts war »vor dem Thore nach der Siercker Seite« ein grosses 
Hornwerk vorhanden. Anfangs des achtzehnten Jahrhunderts hielt 
man das Hornwerk zu schwach im Verhältnis zu der starken Stadt- 
befestigung und Cormontaigne, ein Schüler Vaubans, entwarf und baute 
ein Kronwerk mit allem Zubehör-). Um 1750 wurde das Werk er- 
weitert und das Fort in der Gestalt erbaut, welche es bis heute im 
Wesentlichen behalten hat-^). 

Vor 1()73 gab es unseres Wissens keine feste Verbindung zwischen 
den beiden Moselufern. In diesem Jahre baute ein Hauptmann Salz- 
geber die erste Brücke, welche aus einem bedeckten Holzbau auf 
Steinpfeilern bestand. Schon 1681 wurde sie vom Eise zerstört, dann 
aber von ihrem Erbauer soUder wiederhergestellt. Sie galt lange Zeit 
als ein Wunder der Baukunst, aber schon zu Teissiers Zeiten hielt 
man es für ein noch grösseres Wunder, dass sie immer noch nicht 



*) Nach frcll. Mitteilungen des Herrn ISaurat Morlolv. 

-) Un vaste ouvrage nomme Ic Couronnt'' d'Vütz. 

^) Le fort de la Üouble-Couronne; vergl. Teissier a. a. 0. S. 178. 



— 207 — 

eingestürzt war: so baufällig war sie im Laufe der Zeit geworden. 
Doch wurde sie erst 1846 durch die jetzige Steinconstruction ersetzt. 
Eine auf den Bau geprägte Medaille befindet sich im Metzer Musemn. 
Bei niedrigem Wasserstande kann man die Pfeilerfundamente der alten 
Brücke, welche auf dem Titelbilde von Teissiers Werk dargestellt ist. 
nordöstlich von der jetzigen noch in der Mosel erkennen. 

Die Römerstrassen, für welche die Bezeichnung »le Kern« noch 
überliefert ist. sind links und rechts der Mosel in dem Plane ein- 
getragen. 

hii östlichen Teile der Stadt, in deren Grundriss eine dunkle 
Linie den älteren Teil von dem neueren scheidet, bezeichnet ein schwarzer 
Fleck die Stolle des luxemburgischen Schlosses, welche in Fig. 3 nach 
dem besten vorhandenen allerdings auch ungenauen Plane In grösserem 
Massstabe dargestellt ist. Die.se Darstellung — im Wesentlichen einer 
Zeichnung aus 1813 entsprechend — kann nur im Allgemeinen über 
die Lage der verschiedenen Gebäude zu einander unterrichten. 



"•f?^ 



Das Schloss in Diedenhofen. 

Von der Königspfalz der Karolinger, dem gewiss glanzvollen 
Wohnsitze unserer fränkischen Könige, liegen in Diedenhofen keine 
Reste mehr zu Tage. Die Aufsuchung ihrer zweifelsohne noch vorhan- 
denen Fundamente ist eine Aufgabe, die nicht nur grosse Opfer an 
Zeit und Geld erfordert, sondern auch besonders günstige Umstände 
bedingt, wie sie vielleicht bald eintreten können, wenn die in Aussicht 
genommene Niederlegung der Festungswälle zur Thatsache wird und 
dann auch der Wall zwischen Schloss und I\losel fällt. Es ist nämlich 
in hohem Grade wahrscheinlich, dass man diese Reste an der Stelle 
des jetzigen Schlosses und im Bereiche seiner Umgebung finden wird. 
Hierfür spricht nicht nur die von Alters her an der Stelle haftende 
l'eberlieferung, sondern auch der Umstand, dass wir hier offenbar den 
ältesten Teil und die ursprünglich am höchsten gelegene Stelle der 
Stadt vor uns haben. Wie schon erwähnt, liegt es nahe anzunehnien, 
dass die Luxemburgischen Grafen das Krongut der Kaiser übernommen 
und es zum Teil zu einer festen Burg ausgebaut oder eine solche auf 
dessen Stelle neu errichtet haben. 

Die von Teissier M geäusserte Ansicht hierüber halte ich für 
richtig. Er sagt ungefähr folgendes: Es ist nicht wahrscheinlich, dass 
Diedenhofen vor dem 10. .Jahrhundert mit Mauern umgeben war, weder 
was den eigentlichen Palast noch w'as die sonst etwa vorhandenen Häuser 

1) A. a. 0. S. 167 f. 



— 208 



anhelangl. Erst die Einfälle der Normannen (und Ungarn?) waren die 
Veranlassung der Befestigung. Das jetzige sogenannte Schloss ist gewiss 
die Stelle des Lehnssitzes der Grafen von Luxemburg. 

Es verlohnt sich auf dieses ehemalige Schloss näher einzugehen, 
sowohl weil es an sich nicht ohne Interesse ist, als weil die Beschreibung 
des jetzigen Zustandes zukünftig einmal von Nutzen sein könnte. 



1i2'.v*-/f^. 



^ 







-— .^...^., ^r. 








'^\Zj£>'t>^/oe\^c . 



Der Schlosshof in Diedenhofen bietet ein malerisches Bild. Durch 
einen von zwei Türmen llankirten Thorbau a — im Lageplan Fig. 3 — 
den sogenannten Zwillingsturm ^), tritt man von der engen mit hohen 
Häusern eingefassten Schlossgasse aus hinein und erblickt nun ver- 
schiedene Bauten, die teils dem frühen Mittelalter, teils der Spätgotik, 
teils der Renaissance und teils der Neuzeit entstammen. Gerade vor 
uns zur Rechten steht ein modernes grosses Wohnhaus b — jetzt im 
Besitze des Herrn Marchai — offenbar auf alten Fundamenten und 
unter Benutzung vorhandener Mauern errichtet, während zur Linken 
ein im Aufbau reichgegliedertes stark gruppiertes Gebäude c aus spät- 
gotischer Zeit sich erhebt, welches man hin und wieder chäteau de 
Thion nennen hört. Dieses Gebäude steht frei im Schlosshof und ist 
seit langer Zeit im Besitze der Familie Obercontz. 

Geht man rechts daran vorbei, unter dem Bogen durch, so steht 
man in ein paar Schritten vor dem Flohturm d. Geht man links 



^) Vergl. das allerdings nicht von der Strasse, sondern von einem liohen 
Standpunkte anfgcnomnicno Titelbild Fig. 1. 



— 209 — 

vorbei, so slösst man auf ein anderes (Tebäude — im Lageplan e — 
welches vom chäteau de Thion durch einen kleinen Zwischenraum 
getrennt ist und fast einen rechten W'inkel mit ihm bildet. Es ist ein 
stattliches, mit vielen gewölbten Räumen versehenes Renaissancehaus, 
welches in neuester Zeit von den Schwestern in Feltre zu Schulzwecken 
erworben worden ist. In diesem Ciebäude, dessen stark beschädigte mit 
Medaillons geschmückte Pilaster und gewölbtes Portal auf die Mitte 
oder den Ausgang des 16. Jahrhunderts weisen, befanden sich angeblich 
die Küchen Karls des Grossen. Stemer^) sagt mit Bezug auf ihn: »sa 
demeure etoit la maiion qui appartient ä M. le baron d'Eltz, au haut 
du Chäteau; on y voit encore les cuisines de ce Roi« ^). Ich konnte 
den betreffenden Raum nicht finden, auch wissen die jetzigen Bewohner 
nichts mehr von dieser üeberlieferung. 

Der Z w i 1 1 i n g s t u r m 

in französischen Karten als »tours jumelles< bezeichnet, ist als Thorbau 
der Burg aufzufass(.'n, und entspricht als solcher ziemlich genau der 
Musterbeschreibung, welche in verschiedenen Werken von derartigen 
Anlagen gegeben wird. So heisst es bei Schultz »Höfisches Leben zur 
Zeit der Minnesänger« 1, M : »Das Thor liegt gewöhnlich in einem 
»Turme oder, und das ist die Regel, die Thorhalle wird von zwei 
»Türmen flankiert, oft sogar iioch von einem Turme selbst überragt, 
»so dass die Befestigung des Thores in der That einer kleinen Burg 
»verglichen werden konnte«. Nach Köhler »die Entwicklung des Kriegs- 
wesens und der Kriegführung in der Ritterzeit« 3. Band linden sich in 
den Stadt- und Burgenumfassungen des Mittelalters nach römischer Art 
am häutigsten Thortürme oder zw-ischen zwei Türmen liegende Thore. 
Piper "^), dem diese Hinweise entnommen sind, sagt, die Gestaltung des 
Thores zu einem festen Turmbau und zimial die beiden Seitentürme 
seien zwar bei Stadtbefestigungen gewöhnlich, bildeten aber sonst eine 
seltene Ausnahme: vielmehr unterschiede sich der Thorturm der Burg 
in der Regel nicht wesentlich von einem gewöhnlichen Berchfrit. Da 
es sich hier nicht um ein Stadtthor handelt, so hätten wir nach Piper 
eine seltene Ausnahme vor uns. hingegen nach Schultz die Regel. 

Der Zwillingsturni hat bisher wenig Beachtung gefunden. Die 
Innenseite — vom Schlosshofe gesehen - bietet nichts Merkwürdiges 

■) A. a. 0. S, 1ö:5. 

'^) Hei Kraus, Kunst und Altertum in J.otiuinjien S. Dl ist ii i limilu li vc.n dt r 
»Kirche« statt »Küclie« Karls d. Gr. die Hede. 
•^) Rurgenkundf S. ;-515 11. 



— 210 — 

und die Aussenseite, wie sie schmucklos aber kraftvoll zu den bekrönenden 
Zeltdächern emporstrebt, wird leicht übersehen in der engen Schloss- 
gasse, weil der richtige Standpunkt fehlt ^). Und doch dürfte der Turm 
als ein ziemlich erhaltenes Beispiel einer derartigen spätmittelalterlichen 
Anlage eine geometrische Aufnahme verdienen. Eine solche ist auf der 
Tafel in einem (rrundriss und zwei Schnitten durch die Thorhalle 
gegeben (Fig. 4 — 0). 

Die beiden Seitenbauten, deren aussen halbrunde, innen recht- 
eckige F'orm sich bis in die ältesten Zeiten der Geschichte verfolgen 
lässt — sie findet sich nicht nur bei den Römern, sondern auch bei 
den Griechen, z. B. in der aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammenden 
Festungsmauer von Messene ^) — haben wie bei den inneren Türmen 
des Deutschen Thores in Metz eine lichte Breite von 2,80 m. Die 
Thordurchfahrt ist 8,75 m breit, der Schlitz für das Fallgatter noch 
kenntlich, der Thoranschlag mit den Kopfeisen noch vorhanden. Die 
äusseren Fenster sind zum Teil nachträglich eingebrochen. 

Merkwürdig waren die Eigentumsverhältnisse des Turms. Der 
Grund und Boden sowie das untere Geschoss wurden teils von der 
Stadt, teils von vier Privatpersonen benutzt und als ihr Eigentum be- 
trachtet. Die beiden Obergeschosse und das Dach sowie die von unten 
heraufführende Treppe waren Eigentum der Heeresverwaltung, sind aber 
von dieser vor kurzem an die Stadt verkauft worden. Worauf sich 
die Besitzverteilung im Erdgeschoss gründet, konnte nicht festgestellt 
werden, da weder die Stadt, deren Archiv bei der Beschiessung 1870 
teilweise zerstört wurde, noch auch die Privatleute Auskunft zu geben 
oder Besitztitel beizubringen vermögen. Die Durchfahrt unter dem 
Thorgewölbe verbindet den Schlosshof, in welchem sich eine ganze 
Reihe von Wohnungen befinden, mit der übrigen Stadt. Vor 1870 
befanden sich in dem Zwillingsturm die Geschäftszimmer des fran- 
zcjsischen Artilleriedepots. Das Gebäude wurde damals und früher als 
»Turm am alten Jagdschloss in der Schlossstrasse« geführt. — Rechts 
und links schlössen sich die Burgmauern an und es gilt mit einiger 
Einschränkung noch heute was Teissier^) sagt: »Die mit ihrer Rück- 
» Seite dem Schloss zugewendeten Häuser der Luxemburger Strasse 
»zeigen Spuren der alten Umwallung: in dem einen ist es eine Wölbung, 
»in dem anderen die Bekleidungsmauer eines Grabens oder das Wider- 
»lager eines Thorgewölbes. Vom Schlosse nach der genannten Strasse 

') Vgl. oben S. 208 und Fig. 1, S. 188. 

-) Vergl. Merckel, die Ingenieurteclinik im Altertum, S. 425 IT. 

3) A. a, 0. S. 169. 



Schnitt a. b. 




\ I ' 1 1 1 i I i I 1 T I 'f 



— 211 — 

»fiUiiif ein gewölbter Verbindungsweg, der für Wagen breit genug war, 
»seinen wühlerhaltenen Eingang sieht man in einer noch bestehenden 
»Scheune zwischen den Häusern der Herren Hans und de Mairesse.« 
In Fig. 1 erblickt man vor dem Zwillingsturm rechts in der 
Schlossgasse einen der für das alte Diedenhofen tyinschen Treppentürme. 

Der Floh türm 

französisch »la lour aux puces«, auch zuweilen »tour tie Thion« ge- 
nannt, ist das merkwürdigste Gebäude des Schlosses. Er ist für mich 
die Veranlassung zu dieser Arbeit gewesen. Ver.schieden wird sein 




Fig. 7. Flohturm, Stadtseite. 



Ursprung crzähll. In einer Handschrift der Metzer Stadtbibliothek 
(No. 2ö3j findet sich abschriftlich ein ziemlich wertloser Abriss der 
Geschichte Dirdonhofons. welcher von den Augustinern herriilirt. die 



— 212 — 

sich 1655 in der Stadt niedergelassen haben. Dieser Abriss ist bis 
1773 von dem Bruder Herault fortgesetzt worden. Darin heisst es 
S. 16; i>Le seignenr Thion fit construire dans sa terre une maison de 
»campagne, dont il ne reste plus rien que cette tour qui est dans le 
»Chäteau de la ville sur le Rempart. Cette tour sert aujourdhui de 
»magasin. c"est dans cet appartement que Thion logeait les gens qui 
»cultivaient et labouraient ses terres. Quelque temps apres on bätit 
-a Thionville un bourg qui n'etait ferme que de simples murailles.« 

In den Jahrgängen 1853 und 54 der »Austrasie, revue de Metz 
et de Lorraine« hat Abel eine Studie über die Belagerung Diedenhofens 
i. .1. 1558 veröffentlicht, welche »La Tour aux Puces«^ betitelt ist. 
Darin werden gleich zu Anfang zwei Legenden mitgeteilt, von denen 
jetzt nichts mehr im Lande bekannt ist. Abel sagt ohne seine 
Quellen anzugeben Folgendes: »Ce monument historique n'est connu 
»dans le pays que par des legendes que colportent l'ignorance et la 
»tradition. 

»A les en croire, apres la conquete des Gaules, Thion centurion 
»romain, vint habiter les bords de la Moselle. II etait suivi d'une 
»legion de veterans. Cesar lui avait donne ces terres pour les colo- 
»niser et les defendre contre les invasions des barbares. La premiere 
»pensee du general romain fut de se construire un chäteau-fort auquel 
»il donna son nom. 11 en fit son habitation, pendant que ses soldats 
»couchaient sous la tente. Ceux-ci murmurerent. Thion fit alors 
»eriger dans l'interieur de son chäteau une tour d'une grande elevation. 
»II y logea ses troupes. Dans cette tour, avec les veterans, les puces 
»ne tarderent pas ä elire leur domicile en nombre tel qu'il fallüt murer 
»la tour de peur d'inonder le pays de ce lleau. 

»C'est ainsi que cet edifice porte, soit le nom de Tour aux puces, 
»soit le nom de Tour de Thion. 

»Line autre legende, empruntee a un genre d"idees tout dillerenU 
»donne a la Tour aux puces une origine ä la fois moins illustre et 
»moins ancienne. Elle raconte que Charlemagne aimant ä ehasser 
»l'auroch dans les forets arrosees par la Moselle, arrivait toujours ä 
»Thionville suivi de nombreuses limiers. L'etendue de la meute re- 
»clama un emplacement special dans le palais de Thionville. LEmpe- 
»reur fit elever une tour enorme qui conserva du sejour de ses hotes 
»une teile population d"insectes parasites de la race canine que le 
»nom de Tour aux puces en est reste au chenil imperial.« 

Abel fügt hinzu: »Ces traditions doivent etre acceptees pour ce 
»qu"elles valent. Gardons nous bien neaniimins de les rejeter avec 



— 21H - 

»mepris. Bien souveiit le fond en est vrai, les accessoiies; seuls soiit 
»crees par rimagination des peuples qiii se les transmettent.« 

Während diese Geschichten, wie erwähnt, im Volke nicht mehr 
bekannt zu sein scheinen, ist eine andere interes.^antere wenigstens 
noch in Spuren vorhanden Einige ältere Leute haben sie in ihren 
Jugendjahren einmal gehört. Sie bezieht sich auf eine Prinzessin, 
welche im Turme gefangen gehalten worden sein soll. Das kleine, mit 
vergittertem Fensterchen ^) versehene Gefängnis wird noch unter der 
Trepp(> gezeigt. Die Flöhe sollen die Prinzessin sehr gepeinigt oder 
sogar aufgefressen haben. 

Nach vielen vergeblichen Versuchen ist es mir vor Kurzem noch 
gelungen, eine Niederschrift dieser Geschichte zu erhalten; ich verdanke 
sie der Tochter der bejahrten Besitzerin des chäteau de Thion. welche 
sie angeblich in ihrer Jugend von einer Lehrerin in der Schule gehört 
hat. »Au temps oii vivait le bon roi Gharlemagne de glorieuse me- 
>moire, quand il faisait ä notre pays Thonneur d'y venir chasser, la 
»joie etait grande et l'on festoyait dru. üne princesse y fut amenee 
»comme otage et enfermee dans la grosse tour qui servait alors de 
»prison. Etait-elle normande ou saxonne, ou venait-elle d'ailleursV 
»Nul ne le sut jamais. La tour ayant ete assiegee par des malandrins, 
»la pauvre fut oubliee, et quand apres plus de huit jours le geolier 
»vinl ä son cachot, il la trouva morte de faim et de misere. S'etant 
»approche pour voir, s'il ne pouvait la secourir encore, il vit qu'elle 
»etait couverte de puces qui en lui trouvant une proie vivante se 
»jeterent sur lui et tous les elforts que l'on tit pour detruire cette 
»vermine resterent vains. 11 mourut detre divore par les puces. Depuis 
»la prison fut appelee la tour aux puces. — Enfants, lorsque vous passez 
»devant la tour, saluez, car une femme y subit le marlyre.« 

Man hört auch wohl den Turm als einen von denen bezeichnen, 
in welchen Karls des Grossen Tochter Emma gefangen L-ehalten worden 
sein soll. 

In den Legenden einen Anhalt linden zu wollen, der eine brauch- 
bare Erklärung des Namens »Flohturm ' ermr)glichte, .scheint mir ebenso 
verfehlt wie den Namen mit üeau oder mit pucelle zusanunenzubringen. 
Ich bin vielmehr zu der Ansicht gekommen, dass der Name nicht den 
Legenden, .-sondern umgekehri die Legenden dem Namen ihr Dasein 
verdanken. \'ielleieht liegt dem letzteren das alte deutsche Wort -Fluh« 
zu Grunde, welches sich noch in »Nagelflue« lindel. Es bedeutet eigentlich 

') i'"ig. IS /lalclj. 



— 214 — 

eine »hervorstehende und jäh abfallende Felswand-^, einen »Fels- 
abslui'z«. Mhd. : die vkioch, gekürzt vluo. vlü. Ahd.: die Ikioh. Ünali. 
Angelsächsisch tloh in Höh stänes Steinmasse ^). Dieses Wort, woraus 
auch im Allemannischen »Hoch, vlock, flock« geworden ist. bezeichnet 
im weiteren Sinne einen festen Stein, einen festen Steinbau. Bezeich- 
nungen wie >> Stein*, »Fels« und Ableitungen dafür für Hurg, Turm 
begegnet man in der Burgenkunde sehr häulig, auch Zusammensetzungen 
mit »Fluh« kommen vereinzelt vor, z. B. Fluhenstein im Allgäu, 
Herrentluh im Wasgau. Im frühen Mittelalter gab es noch viele Holz- 
türme, sodass sich ein steinerner Turm auszeichnete und recht wohl 
als solcher benannt werden konnte. Wenn man den Flohturm ansieht, 
wie er als gewaltige Steinmasse kaum von irgend einer Oeffnung durch- 
brochen und ohne Zuthat anderer Baustoffe dasteht, so hält man auch 
heute noch, wo die Errichtung von Steinbauten die Begel bildet, die 
Bezeichnung »steinerner Turm« für nicht unangemessen; um wie viel 
mehr musste sie vor Jahrhunderten zutrefTen, als die wenigen — 
übrigens später wieder vermauerten — Fenster noch nicht aus- 
gebrochen waren und nur einige schmale schiessschartenartige Schlitze 
sich im oberen Teile vorfanden ! 

Das Volk verstand später den Namen fluoh nicht mehr, und nach 
volkstümlicher Umbildung wurde er zum »floh«, der mdh. »vlöch, 
vlo« heisst. 

Die französische Bezeichnung »la tour aux puces«, die wörtliche 
Uebersetzung von »Flohturm«, kann erst vor verhältnismässig kurzer 
Zeit gebräuchlich geworden sein, denn Diedenhofen lag im deutschen 
Sprachgebiete, hi dem Werke von Ch. Rahlenbeck: Metz et Thion- 
ville sous Charles-Quint-) heisst es S. 292 unten u. f. : »Le quartier de 
»Thionville etait encore, au XVI siecle, entierement germanique de mopurs 
»et de langage. Le fait est ofticiellement constate par un document de 
»1542. . . Pour la ville et la prevote de Th., sans en excepter un seul 

village ,1a langue allemande est seule employee. « Das ging sogar 

soweit, dass unter den Besitzern, deren Namen bekannt sind, kein ein- 
ziger ist »qui soit wallon ou gaulois«. 

Beim Flohturm ist der im Laufe der Zeit missverstandene Name 
die Veranlassung der Sagenbildung geworden. Ganz ähnlich hat .sich 



.J,V>..K^X1.^....^_, J,V 



der ehemalige Mauthturm bei Bingen in einen Mäuseturm verwandelt. 
Wie in diesem der Erzbischof Hatto von Mainz zur Strafe für seine 



') Vergl. Deutsches Wörterbuch von Dr. Weigand 1878, S. 479. 
2) Bruxelles 1880. 



— 215 — 

Grausamkeil von den Mäusen uLifgefressen ward, so wurde im Fluh- 
turm eine gefangene Prinzessin von den Floiien ver/ehil. 

Die Erklärung des Namens verdanke ich Herrn Direktor Besler 
in Forbach. Ihr wurde von Herrn Professor Follmann in Metz grosse 
Wahrscheinlichkeit zugesprochen. Im übrigen war letzlerer der Ansicht, 
dass »Flohturm« möglicherweise auch auf mhd. Vluhtturn = Zulkichts- 
turm zurückgehen könne, da das alt- und mittelhochdeutsche vluht 
ebenso häufig refugium wie fuga bedeute. Bedenken aus der Oertlioh- 
keit sind auch gegen diese Erklärung nicht zu erheben. 

Bevor ich zur Beschreibung des Bauwerks übergehe, ist es nötig, 
seines Vorkommens in der Iteschichte imd der vorhandenen älteren 
Beschreibungen kurz Erwähnung zu thuu. 

Der Name Flohturm — in französischer Uebersetzung — kommt 
meines Wissens zum ersten Male vor in einigen Beschreibungen der 
Belagerung Diedenhofens 1558, z. B. in den Commentaires de Messire 
Blaise de Montluc (Bd. II). Hingegen haben die Memoires de la vie 
du marechal de Vieilleville (Tome 4) den Namen nicht, obwohl der 
Turm wiederholt erwähnt wird. 

Da das Gebäude wohl ein halbes .lahrtausend älter ist, so könnte 
dies auüallen, wenn es nicht eine bekannte und vielbestätigte Thatsache 
wäre, dass wir zwar von Kirchen meist viele, von Burgen abei- meist 
wenige, zuweilen gar keine älteren Nachrichten haben. »Nur in seltenen 
»Ausnahmelallen wissen wir mit Sicherheit, wann ein burgliches Bau- 
»werk errichtet wurde« M. Dies hängt damit zusammen, dass im Mittel- 
alter die Geschichtschreibung fast nur von Geistlichen gepflegt wurde, 
denen der Gegenstand weniger nahe lag. Febrigens haben wir von der 
Burg ältere Nachri(;hten, nur der Turm als solcher wird nicht früher 
erwähnt. 

F)ei der Belagerung von 1558 nun spielte er oder doch ein Turm, 
welcher von einigen Schriftstellern »Tour aux puces<' genannt wurde, 
eine wichtige Rolle, so dass Abel seine erwähnte Studie danach beti- 
telte. Diese Studie bringt auf S. 427-) folgende: »Particularite ü noter. 
»La tradition est en desaccord avec Ihistoire, non point sur le nom 
»de la Tour aux puces, mais snr la construction qui portait ce nom, 
»laTour aux puces acluelle n'etant precisement pas la Tour aux puces 
»du XV'^1'' siecle.' 

Die.se Behauptung ist insofern richtig, als der Turui, welchen 
Montluc Flohturm nannte, aus verschiedenen (hünden, auf welche 

'i Piiier, a. a. O. S. 2.5. 
^) Austrasie IBfj^. 



— 21 () — 

einzugehen hier zu weit führen würde, nicht der heutige Floht urm 
gewesen sein kann. Ersterer ist viehiiehr vollständig verschwunden; 
er lag der Mosel näher und erheblicli tiefer, frei vor den Festungs- 
mauern. »Le tourillon-, .sagt Vieillevilles Secretair Carloix, »avoit 
»plustost faQon d'une fuye que d'une forteresse; excepte de la largeur 
»qui estoit grande, niais sans voulte ny couverture.« Bei der in Rede 
stehenden Belagerung wurde dieses »einem Taubenhaus ähnliche« 
Türmchen durch Geschütze gedeckt, welche auf einer Plattform standen; 
diese befand sich innerhalb der Stadt »ä l'encoignure des remparts«. 
Vielleicht war diese Plattform der jetzige Flohturm, vielleicht aber ist 
auch sie verschwunden. Ich halte ersteres für wahrscheinlich. 

Es sind mm zwei Fälle möglich. Entweder ist der Name von 
dem verschwundenen Gebäude auf den jetzigen Flohturm übergegangen, 
oder aber Montluc und, wer etwa ausser ihm noch selbständig den 
Namen erwähnt, hat sich geirrt in der Bezeichnung. Das erscheint 
nicht so unmöglich, wenn man sich vorstellt, dass den auf der anderen 
Moselseite befindlichen französischen Oftiziereii — sowohl Vieilleville als 
auch Montluc nahmen persönlich an der Belagerung Teil — die einzelnen 
Türme wohl nicht durch Karten bekannt waren, sondern jedenfalls erst 
auf Befragen von den Dorfbewohnern bezeichnet wurden. Der Flohturm 
bezw. die Plattform und der »tourillon« lagen einander ganz nahe. 
Eine Verwechslung konnte vorkommen und ist wohl thatsächlich vor- 
gekommen. Für den Zw^eck des vorUegenden Aufsatzes konnnt es auf 
den Namen des Bauwerks, welches beschrieben wird, weniger an. 
Wenn man den Verlauf dei- Belagerung und die Rolle, welche dabei 
der Flohturm, die Plattform und der Donjon des Schlosses gespielt 
haben, bei Abel nachliest, so wird man über diese letztere nichts 
w^eniger als klar, weil der Verfasser sich selbst nicht klar gewesen ist. 
Man kann aber soviel sagen : Das von Montluc als Tour aux Puces 
bezeichnete Gebäude war äUer als die Festungsmauern; von diesen 
war es 4 Schritte^), von der Mosel 7—8 Schritte entfernt^). Es war 
rings von einem \A^assergraben umgeben und jedenfalls wohl ein Be- 
standteil des festen Schlosses der Luxemburger. 

Von unserem jetzigen Flohturm selbst giebt Abel folgende 
Beschreibung ^) : 

»C'est une lourde batisse qui domine le cours de la Moselle du 
»haut des remparts; une espece de maison polygonale, sans fenetres, 

*) F. de Babulin. — Mem. sur Thist. de l-'rance. 
^) B. de Montluc. — Mem. sur Diist. de France. 
»I A. a. 0. S. 425 f. 



— 217 — 

»dont la cii'conference de 500 picds de diainelre (!) n'est oclairoe ((iio 
»par quelques rares meurtrieres. Une toiture presque plane, en tuiles 
»creuses, couvre les deux tiers de Tedifiee. Le tout est surmonte d'un 
-»paratonnerre; ce qui vous annonce que vous vous trouvez devant un 

»magasin a poudre La muraille qui regarde la ville accuse une 

»construetion tres ancienne. F^Ue est lormee d'enorraes blocs en gres 
»rouge soigneusemeni equarris, assis les uns sur les autres sans ciment, 
»se soutenant en vertu de leur propre poids. L'une de ees pierres de 
»taille a du meine servir k recouvrir une tombe antique comiue le 
»revele une tele grossierement sculptee en creux dans le gres a la 
»maniere ganloise. Ces pierres de taille doivent provenir du pays de 
»Treves qui, seul, renfenne des carrieres de cette espece de gres. Elles 
^entraient comnie principal element dans les eonstructions titaniques 
»des Romains. Leur emploi, dans un monument, permet de suppcser 
»qu'il est de creation romaine ou d'une epoque voisine de la dotni- 
»nation du peuple geant dans nos contrees. 

»Ces blocs de gres en gros appareil se montrent encore sur 
»la paroi opposee qui fait face ä la campagne, mais noyes dans le 
»mortier de chaux et de sable sous lequel les treize pans de la mu- 
»raille primitive apparaissent. Les aretes en ont disparu sous les rac- 
»cords de moellon. De grandes tranchees se detachent en blanc sur 
»le rouge sombre des pierres de taille comme autant de cicatrices 
»sillonnant la face d'un vieux guerrier. Ce sont des balafres veritables. 
»Ce sont les dechirures de la mitraille et du boulet.« 

Von den übrigen Erwähnungen des Flohturms, welche meist sehr 
kurz sind, sei hier noch diejenige von Kraus angeführt'): »In der Flucht 
»der Festungswerke steht der sog. Flohturm, ein Zwölfeck aus wohl- 
» gefügten grossen aber anregelmässigen Quadern construiert. Die noch 
»anstehenden Mauern m()gen etwa 20' Höhe haben. Die Kanten zeigen 
»kein Buckelwerk. Man bemerkt hier und da gekuppelte ziemlich hohe 
»rundbogige Fenster, die jetzt vermauert sind: ausserdem einige kleine 
»ebenfalls geschlossene Mauerschlitze. Es ist schwer zu sagen, ob der 
»Turm ursprünglich bedeutend höher war; man sieht nach oben 
»keinerlei Abschluss. Da der jetzt der Artillerie dienende Dau unza- 
» gänglich ist, war eine Untersuchung des Inneren nicht möglich. Die 
»Annahme, dass derselbe in das karolingische Zeitalter hinaufreicht, 
»erscheint nicht ausgeschlossen, doch kann er auch so gut wie die ihm 
»sehr ähnliche Pfalz in Egisheim der romanischen Periode seine Ent- 
»stehung verdanken.« 



*) Kunst und Altertum in Lotiiringcn, S. \)2 f. 



— 218 - 

Beschreibiin<i' des Flohtiirms. 

Der Turm liegt im östlichen Teile der Stadt, im Bereiche des 
alten Schlosses, unmittelbar hinter Courtine II-III der Stadtbefestigung, 
welche sich längs der Mosel hinzieht, etwa 100 Schritte vom Brücken- 
thor. Er gehört zur Zeit noch der Heeresverwaltung und wird vom 
Artilleriedepot als Lagerraum benutzt : es ist aber in Aussicht genommen, 
ihn bei Gelegenheit der Stadterweiterung an die Stadt abzutreten mit 
der Bedingung, ihn zu erhalten und entsprechend auszubauen. An der 
Stadtseite sowohl wie an der Wallseite kann man unter der über- 
tünchenden Farbe noch die aus der Revolutionszeit rührenden In- 
schriften lesen : 

Propriete nationale 

Liberte, Egalite, Fraternite. 

Der Turm bildet im Grundriss kein Achteck, als welches er sich 
vielfach bezeichnet und dargestellt findet, auch kein Zwölfeck, wie 
Kraus meint, oder ein Dreizehneck, wie Abel angiebt, sondern ein Vier- 
zehneck, dessen umschriebener Kreis ungefähr 19 m Durchmesser hat. 
Für einen Turm ist die Grösse eine ganz bedeutende. 

Das Gelände ringsum liegt jetzt verschieden hoch, weil an der 
Moselseite der Wall unmittelbar anstösst. Als der Turm erbaut wurde, 
war der Wall noch nicht vorhanden. Der Turm liegt auch wegen 
einiger Anbauten nicht ganz frei, sodass man ihn nicht von allen Seiten 
in seiner ganzen Höhe sehen kann. Früher w^ar er noch mehr ver- 
baut wie jetzt, w'ie z. B. aus dem Plane Fig. 3 sich ergiebt. An der 
am meisten freien Stelle kann man die noch vorhandene Höhe zu fast 
14 m annehmen, an der Wallseite beträgt die Höhe ungefähr 9 m. 

Das Aeussere. 

Das Mauerwerk zeigt aussen regelmässig behauene Quadersteine, 
deren Farbe und Grösse verschieden ist. An der Moselseite ist es zum 
grossen Teile verputzt, wohl um die vielen Kugelspuren zu verdecken ^). 
Einige Kugeln stecken noch darin. Durchmesser etwa 15 cm. In 
Folge des Verputzes kann man auch die Ecken des Vierzehnecks hier 
nicht so scharf erkennen, wie auf der anderen Seite. 

Die Steine, deren verschiedene Färbung sich auf den Abbildungen 
Fig. 7 und 8 ersehen lässt, sind rot, grau und gelb. Sie stammen also 



') Vergl. die Beschreibuns von Abel. 



— 21'.) — 



tiitlil aus ciiKiii lii'uclie iiikI sind wahrselieinlich teilweise aus altem 
Material zurechtgeiiauen. Die roten (Juadern sind wahrscheinlich bei 
Sierck oder Apach gebrochen, die grauen stammen aus t^scheringen. 
während die gelben, welche den Jaumontsteinen ähnlich sind, wohl 
aus der Neunhäuser (legend herrühren. 

Die Schichthöhe wechselt etwa 
zwischen 20 und 60 cm. Die unteren 
Schichten haben zweckmässiger Weise 
die grösste, die oberen die ge- 
ringste Höhe, da mit der Höhe die 
Schwierigkeit des Aufbringens der 
Steine zunalim. Einige Quader- 
abmessungen in den Ansichtsmassen 
110:()0, 100:60, 100:40, 80:60, 
60 : 40, 50 : 40, 40 : 60, 25 : 60 cm 
(Breite : Höhe). 

Löcher für die Steinzange sind 
nicht zu sehen. 

Zwei grosse plumpe Steinmetz- 
zeichen haben ungefähr die Formen 
und Abmessungen der Fig. 9 und 10 
(vgl. Tafel). Ein drittes ähnliches ist 
nur noch schwach zu erkennen. 

Sie belinden sich an der Stadtseitc 
in mittlerer Turmhöhe. Andere Stein- 
metzzeichen habe ich aussen nicht 
gefunden. 

Der Stein, welchen Abel als Teil 
eines gallisch-römischen (Irabdeckels 
bezeichnet, ist in Fig. 11 abgebildet. 
Er befanfl sich unterhall) des ge- 
kuppelten Fensters links vom stadt- 
seitigen Eingang. Ich habe ihn heraus- 
nehmen und durch einen gewöhnlichen 
(Quader ersetzen lassen, der in Fig. 7 
durch seine hellere Färbung kenntlich 

ist. Das Steinbild war in dieser Vermauerung nicht darauf berechnet, als 
solches erkennbar zur Erscheinung zu konnnen, wie das wohl hin und 
wieder bei mitlelalterUchen Bauton der Fall ist, denn die lotrechte Mittellinie 
des Kopfes lag wagerecht. Der Stein ist 48,5 cm lang, 28,5 cm hoch. 




Fig. 8. 
Vom Aeusseren des Flolilurms. 




— 220 — 

i. M. :-^ö cm tief, nur auf der Vordorseito regelmässig behauen, doch 
hinten ziemHch glatt. Der Kopf ist in vertieften Linien roh gearbeitet. 

Auf der Rückseite des Steins befindet sich ein 
grob eingehauenes Kreuz von der Form 
Fig. 12, welches den christlichen Ursprung 
des Steins bestätigt. 

Der Turm schliesst nicht in einer H()he ab, 
vielmehr ist der nach dem Walle zu gelegene 

Fig. 11. stein von, Flohturm. ^^^ ^^^^^^ ^.^^^^ p^^, Ucbergang ist iu Fig. 8 

oben zu erkennen. Anfänglich war die n(")he natürlich gleich. Die 
einseitige Erniedrigung ist wahrscheinlich erst nach der Beschiessung 
von 1870 vorgenommen worden, welche an dem oberen Teil der Stadt- 
seite Zerstörungen verursachte. 1880 ist das alte Hohlziegeldach über 
dem wallseitigen Teile des Turmes, welches eine zu geringe Neigung 
hatte'), durch eine Metalldeckung ersetzt worden. Bei dieser Gelegenheit 
wurde der bis dahin noch unbedeckte linksseitige Hofraum mit einem 
Dache versehen, zu welchem man die gewonnenen Hohlziegel verwendete. 

Die beiden gekuppelten Fenster, welche im Schaubilde Fig. 7 zu 
sehen sind — in Fig. 17 ist eins geometrisch dargestellt — waren 
früher vermauert und verputzt, bündig mit der Aussenfläche des Turms ^). 
Als diese Vermauerungen im vorigen Jahre (1899) herausgenommen 
wurden, fanden sich dahinter Hohlräume, welche sich dadurch gebildet 
hatten, dass die Fenster auch bündig mit der Innenseite der Mauer zu- 
gemauert waren, dass man aber das Füllmauerwerk nicht hatte durchgehen 
lassen. Die gekuppelten Fenster, von welchen im Ganzen 4 Gruppen 
vorhanden sind, gehören nicht zum alten Turm: man kann sehen, dass 
sie nicht im Verbände mit dem ursprünglichen Mauerwerk hergestellt, 
sondern nachträglich eingebrochen sind. 

Die ersten Turmfenster sind viel kleiner und im einfachen oder 
zusammengeschnittenen Rundbogen geschlossen. Beide Arten sind in 
Fig. 8 vermauert zu erkennen. Die Al)bildung soll hauptsächlich zur 
Veranschaulichung des Steinverbandes dienen; sie stellt den oberen 
Teil der Seite dar, bei welcher in den Grundrissen der Buchstabe b 
steht. Die Fensterchen im Obergeschoss sind i. L. etwa 33 cm breit 
und 6)5 cm hoch. Die Laibungen sind stark abgeschrägt, so dass in 
der inneren Wandfläche die Oeflfnung 1,12 m breit und im Scheitel des 
Rundbogens 2,26 m hoch ist. 



^) Nur 15—22°. 

') Vgl. die Besclireilmnn; von Kraus S. 217. 



JJeyFlohln r/n in Diedcnliojcn • 
















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JJerJ'loJi hl rm i_n D ledenhofen. 




- ^21 - 

Am Acnsseren des Turms sind im Liebrigeii noch zu Ijemeikcn : 
An der Stadtseite ein Kragstein, der miiglicher Weise einem Wasser- 
speier zur rnlerslützung gedient hat und an der Wallseite die Reste 
einer Anlage, die man vielleicht als Maschikulis sicji wiederherstellen 
könnte. Jedoch ist dies unsicher. Ks könnte sich auch um eine andere 
Auskragung handeln. 

Westlich legt .sich ein im Schaubilde Fig. 7 erkennbarer kleiner 
Vorraum, östlich ein ganz unregelmässig von einer Mauer umschlossener 
Hof vor das Gebäude — beide sind in den Grundrissen nicht gezeichnet, 
aber im Lageplan Fig. 3 ersichtlich — und an diesen beiden Stellen 
befinden sich jetzt die Eingänge, welche aber dein ursprünglichen Bau 
anscheinend nicht angehört haben. F^s ist vielmehr wahrscheinlich, dass 
der älteste Eingang sich auf der Stadtseite etwa in Hr)he des ersten 
(ieschosses befunden hat und von einem Anbau oder vermittelst einer 
Brücke zugänglich gewesen ist. Meine Untersuchung konnte .sich auf 
diese und andere Einzelheiten aus verschiedenen Gründen nicht erstrecken. 

Wenn man von der Stadt aus den erwähnten kleinen offenen 
Vorraum passirt hat, so gelangt man durch eine 1,42 m breite zu 
ebener Erde gelegene Thür, welche in die 1,71 m starke l'mfassungs- 
mauer später eingebrochen ist, in 

Das Innere^). 

Raum 1. Zunächst betritt man einen bedeckten Hof, welcher 
beinahe die Hälfte des Erdgeschosses einnimmt. Seitliche Fensler in 
der Aussenwand hat er nicht, das Licht fällt vielmehr von oben herein, 
zwischen zwei Pultdächern hindurch, welche sich von rechts und links 
nach der Mitte neigen. Die Traufen dieser Dächer liegen verschieden 
hoch und der Zwischenraum ist gross genug, um für gewöhnlich den 
Hof und die darin liegende Treppe ausreichend zu beleuchten. Das 
Dach links ist Anfangs der 80 er .lahre erst gebaut v^'orden : vorher 
war dieser Teil des Hofes unbedeckt und es stand ein Epheustamm 
von mehr als Armdicke darin, den man später entfernte, her jetzt 
zugeschüttete Brunnen von l.os m 1. Durchmesser ist von 5 Stück 
38 cm breiten Hausteinen in Fussbodenhöhe eingefasst. Früher ging 
die Erdleitung des Blitzableiters hinein, welcher den Turm überragte, 
als er zu französischer Zeit noch als Fulvermagazin diente. 

Der gepllasterte Fussboden seid<i sieh im rechten Teile des lloics 
um etwa 50 cm — vom Eingänge an gerechnet — zu den Thüren der 
beiden grn>^;en kellei^arli^en P«ännie ö und (5. Der liid<e Teil de< Hofes 

') Vergl. (lio l'ig. 18 -K;. 



— 222 — 



liegt um eine Sliilc liöliei- als dio iMiisiaiigsscIiwclIc iiiul isl wagc- 
recht. Der Halbmesser im üiiiiidriss des Erd- odei- Untergeseliosses 
(Fig. 16) bezeichnet den Vei'laiif der Fiitterniaiiei-, welche den höher 
gelegenen Hofteil gegen den niedrigeren al)stiitzl. Diese Mauer isl erst 
naeli 1870 liergeslelll, frülier halte der Hof gleielnnässiges Gefälle 
lind der Brunnen eine Brüstungsmauer. 

Raum 2 liegt unter der Treppe und wird als Gefängnis der 
Prinze.ssin hezeiehnet. Zugänglich ist er durch eine niedrige Thür, 
0,84 m breit und 1,55 m hoch, beleuchtet durch ein kleines doppelt 
vergittertes gotisches Fensterchen ^), aus welchem man in den Hof 
hineinsehen kann. Thür und Fenster haben Hausteineinfassungen. Die 
Decke wird durch zwei ansteigende Hausteingurtbogen gebildet, welche 
die Treppe tragen. Bogenbreite 43 und 35 cm. Dazwischen und da- 
hinter liegt Füllmauerwerk. Die Bögen ruhen beiderseits in den Ab- 
schlusswänden auf einfach abgeschrägten Gesimssteinen, deren Unter- 
kanten sich 0,83 m und 1,60 m über Fussboden bethiden. Letzterer 
liegt wenig höher wie die tiefste Stehe des Hofes, die Thürschwelle 
steht nicht vor. An der 29 cm starken Innenmauer treten über Fenster- 
höhe innen zwei Consolen mit einfacher Profilierung vor, welche auf 
ihrer Oberseite mit Einschnitten versehen sind, als ob sie ehemals 
einer Mauerlatte zum Auflager gedient hätten. Im allgemeinen kann 
man den Raum für ein mittelalterliches Gefängnis nicht als ungemütlich 
bezeichnen. Schhesseisen und eine Steinbank sind angel)lich erst nach 
1870 entfernt worden. 

Raum 3 und Raum 4 liegen übereinander, beide unter dem 
im ersten Obergeschoss befindlichen Treppenflur, welcher in Fig. 14 als 
Plattform bezeichnet ist. Zu Raum 3 steigt man hinauf, zu Raum 4 
herunter vom Hofe aus. Nur letzterer ist im Grundriss dargestellt. 

Raum 3 wird auf einer ausgetretenen Wendeltreppe erreicht. Er 
liegt 1,50 m über der Hofsohle. Unter der Treppe befindet sich ein 
Hohlraum, welcher einerseits mit dem Hofe, andererseits mit Raum 4 
in Verbindung steht (vergl. unten). Raum 3, welcher mit einem 
Tonnengewölbe bedeckt ist, hat ein doppelt vergittertes hochliegendes 
Fenster und eine Nische, die früher als Wandschrank gedient hat. 

Raum 4. Wandstärke 43 cm. Hausteineinfassung der 1,14 m 
breiten, 1,57 m hohen Thür mit innerem Falz und äu.sserer Fase. Die 
Thür öffnete sich nach innen. Der Fussboden wird auf 3 abwärts 
führenden Stufen erreicht, welche in der Mauerstärke liegen; da aber 
noch eine 4. Stufe in H()he des Fussbodens liegt, so kann man an- 

') Vergl. Fig. 18. 



— 22H — 

neliiiicii, flass Ict/Icrcr IVölici- licCci- la«-. Neltoii der Tliiir Ix'liiidc'l sich 
die OefTiiiing, welche iinler der eben erwähnten Wenrleitreppe hindiiich 
mit dem Hofe in Verbindung .-^tand. Sie ist 35 cm breit, 45 cm Iiocb 
und mit geschwärzten Hansteinen eingefasst, welche 9 cm nach innen 
vorstehen. Der Zweck der Oeltimng ist unklar; wahrscheinlich hat 
sie nur als Luftloch gedient, durch welches auch ein Schimmer von 
Licht in den Raum fiel. Die Verwendung als Ranchablass für einen Herd 
oder Ofen würde grosse Unzuträglichkeiten im Gefolge gehabt haben. 

Der Raum ist mit einem Tonnengewölbe bedeckt. Gegenüber 
der Thür befindet sich ein vermauertes P>nster, ein liegendes Rechteck 
mit schrägen Laibungen ; sein Sturz liegt Iiöher wie der Gew<)lbe- 
Scheitel, sodass eine Stichkapix' nötig wnrde. 

Unter der Treppe zum ersten Obergeschoss si»ringl in den Raiun ein 
Mauerkörper vor, von welchem man anzunehmen geneigt ist, dass er nur 
zur Treppenunterstüfznng errichtet ist, obwohl dies nicht ganz sichei- 
isl. Eine genauere Untersuchung konnte nicht stattfinden. 

Raum 5 ist (\vv tiefstgelegene des Turmes, we.><halb darin eine 
Aufgrabung gemacht wurde. Ausser einer kleinen Bleikugel und ein 
paar Ziegelstückeii wurde nichts gefunrlen, namentlich kein älterer 
Fussboden. Der jetzige liegt erheblich unter dem tiefsten Punkte des 
Hofes und wird auf 5 Stufen erreicht, deren oberste aber über der 
Hofsohle liegt und somit eine stark vortretende Schwelle bildet, welche 
einen Abschluss gegen Regen- und Scheuerwas.'^er darstellt. Das Gewände 
der Lingangsthür ist 1,28 m breit, 1,65 m hoch, aussen gefast, innen gefalzt. 
Ueber dem Hausleinsturz befindet sich ein kleines vergittertes Fenster zur 
Beleuchtung des hmeren, welches sonst keine Fenster hatte, so dass 
der Raum wohl immer als Keller gedient hat. Er ist mit zwei Tonnen- 
gewölben bedeckt, w^elche sich gegen eine mittlere Gurtbogenstellung 
legen; diese hat einen Stützpfeiler, welchei' im Grundriss ein schiefes 
Viereck bildet. Das über dem Fussboden vortretende Fundament ist 
noch schiefer. Die Gewölbe haben hier wie in den übrigen Räumen 
auch eine dünne Mörtelbekleidung, in welcher sich vielfach Schiefer 
eingelegt finden. Der Raum ist vom Fussboden bis ziun Gewölbe- 
scheitel 3,1.'5 m hoch, lun 60 cm niedriger wie der danebenliegende 
Raum No. 6. Dies liegt darin begründet, dass der Turm über ö noch 
;') Geschosse hat, über 6 aber nur noch 2. 

Bei der erwähnten Aufgrabnng fand sieb etwa '2 ni lief auf- 
gefüllter Boden, darunter gewachsener Sand. 

Raum 6 ist dem vorigen ähnlich, insofern er ungefähr dieselbe 
Fläche und auch einen Mittclpfejler bat. Aber er ist hiilier und sein 



— 224 — 

Fiissboflcii mir iiiii eine Stufe gegen die (ier.ste Slelle von Riiiini 1 
verlieft. Auch liessen zwei Fenster etwas Licht eindringen, eins in 
der Aussenwand nach dem Walle zu ist jetzl vermauert, das 
andere Hegt in der hinenwand nach dem bedeckten Hofe zu. Lioht- 
maasse der Thür 1,15:1,79 ni. Der Uebergang der Fundamentrundnng 
in das aufgehende Vieleck liegt 15 — 20 cm über dem Fussboden. Be- 
merkenswert sind zwei lunde tiefgehende Löciier von etwa 15 cm 
Durchmesser, von denen eines in der Aussenwand, das andere in der 
Scheidewand zwischen 6 und 5 hegt. Derartige Löcher findet man in 
vielen Burgruinen. Sie sind verschieden erklärt worden, ohne dass 
eine Erklärung vollständig befriedigte; sicher wohl waren sie ehemals 
iiiil Hölzern ausgefüllt, aber der Zweck die.^^er Hölzer ist nicht 
überall klar. 

Nachdem wir so die Erdgeschoss- bezw. Kellcrräume durchgegangen 
haben, gelangen wir auf einer Trei)|)e von 20 Stufen zu dem Podest, 
welches den Vorraum des Hauptgeschosses bildet '). Von dieser Platt- 
form aus hat man den besten Ueberblick über diesen Teil des Turms. 
In der Ecke führt eine Wendeltreppe zum Obergeschoss. Daneben be- 
finden sich zwei Thüren, dahinter eine Durchreichöffnung. Die schmälere 
Thür nächst der Treppe zeigt über der Oeffnung in gotischer Bogen- 
füUung ein gut erhaltenes Wappen W mit Helm ^). Hierauf wird weiter 
unten näher eingegangen werden, rnmittelbar hinter dieser Thür 
führen 10 Stufen einer nur 7() cm breiten Treppe wieder hinunter 
in den 1,90 m tiefer als die Plattform gelegenen 

Piaum 7, welcher nur im Schnitt, nicht im Grundriss gezeichnet 
ist. Er liegt zwischen 5 und 8 und hat ungefähr dieselbe Grösse wie 
diese Bäume. Auf einem runden Mittelpfeiler von etwa 0,80 m Durch- 
messer ruht das ringförmige Tonnen- oder Kappengewölbe, welches 
die Decke bildet. Scheitelhöhe 2,10 m. Mittelpfeiler bis zum Gewölbe- 
ansatz 1,45 m hoch. Gewölbeputz mit eingedrückten Schiefern wie in 
den Kellerräumen, wenig sorgfältig. In der Decke befinden sich G 
eiserne Hinge von 14 cm äusserem Durchmesser, welche um den 
senkrechten Nagel, an welchem sie hängen, frei beweglich sind. Der- 
artige Deckenringe linden sich auch in alten Kellern der Nachbarschaft. 
Zweck unbekannt. Angeblich hat man Stricke hindurchgezogen, um 
Weinfässer u. s. w. leichter bewegen zu können. Das ist hier unwahr- 
scheinlich wegen der engen Treppe. Es sind zwei Fenster vorhanden, 
welche aber über dem Gewölbescheitel liegen und daher nur wenig Licht 

M Vergl. den Grundriss Fig. 14. 
«) Fig. 19. 



— 225 — 

schrii;:' \(iii (»Ix'ii einfallen lassen. So niaclil dei' llatiiii hei seiner 
gerin^^en Höhe einen düstern Eindruck. Neben dem Fenster zur Hechten, 
etwa 50 cm über dem Fussboden ein kreisrundes Loch von der Art 
wie in Raum No. 6, 9—10 cm Durchmes.ser, 45 cm tief mit etwas 
Gefälle in die Mauer hineinreichend. Fussboden Kaikestrich auf Helon. 

Wieder hinaufgestiegen zur 1 Mattform, kommen wir nun /n den 
besseren Wohnräumen des Turmes. 

Raum 8 und 9. Sie sind im (irundriss Fig. 14 und im Schnitt 
Fig. 13 dargesteht. Raum 8 hat wahrscheinUch zum Essen, Raum 9 
zum Wohnen gedient. Ersteres schliesse ich aus der erwähnten jetzt 
vermauerten Durchreichöft'nung liinter der Treppe, welche 32 cm breit 
und 45 cm hoch war und in einer Nische liegt. Die Einfassungs- 
hansteine gingen tiefer herunter. Der Fussboden des Raumes liegt jetzt 
um etwa eine Stufe höher wie der ursprüngliche. Das Deckengewölbe 
ist in der ganzen Anordnung und in den Einzelheiten nicht sehr 
kunstvoll. Seine Rippen wachsen ohne Kapitale, plump aus der Mauer, 
Diejenigen des vierkappigen Kreuzgewölbes vereinigen sich zu einem 
kreisförmigen Schlussstein von 21,5 cm Durchmesser, welcher das in 
Fig. 20 dargestellte Wappen trägt, in der Mitte befindet sich ein kleiner 
Ring, welcher wohl zum Aufhängen einer Lampe oder Laterne ge- 
dient hat. 

Ausser der Eingangsthür sind noch zwei Thüren in dem Räume 
vorhanden. Ueber der einen, welche der ersteren gerade gegenüber in 
der Aussenmauer liegt und auf den kleinen Hof in Wallhr)jie führt, 
befindet sich ein gekuppeltes Fenster. Die andere führt über eine 
fünfstulige Trei)pe zu Raum 9. Ausser dem gekuppelten Fenster waren 
noch zwei einfache vorhanden, von welchen das eine in der Ecke 
liegende jetzt vermauert ist^). 

Raum 9 war nach Grösse, Höhe und Ausstattung der Haupt- 
raum des Turms. Der Fussboden liegt ebenso wie in 8 jetzt um eine 
Stufe höher wie früher. Ein mittlerer Hausteinpfeiler trägt das dnrcli 
Hippen in verschieden geformte Kappen geteilte Gewölbe. 

Der Pfeiler hat (juadratischen Querschnitt, abgefaste Kanten und 
als Kapital eine viereckige Platte mit Hohlkehle, 22 cm hoch. Das 
(lewölbe hat 4 Schlusssteine, alle glatt, zwei einfach ringförmig, zwei 
wappenschildförmig. Zwei Fenster in der Au.ssenwand; nur das kleinere 
hochgelegene gegenüber der Thür, welches jetzt zugemauerl ist, gelxu-t 
dem alten Turme an, das andere wurde beim Umbau eingebrochen. 

3) Vergl. S. 220 u. Fig. 8. 



— 220 — 

Seine mit steinernen Sitzbänken au^^gestattete Nische lag eine Stufe 
höher als der Fussboden. In der Innenmauer nach dem Hofe zu ein 
drittes Fenster. Den Hauptschmuck des Raumes bildete ein spätgotisches 
Hausteinkamin, welches in einer Ecke frei vorgebaut ist, 2,34 m lang, 
etwa 3 m hoch und 1,02 m ausladend. Leider ist es beschädigt und 
musste abgestützt werden, weil es einzufallen drohte. Die Mitte seiner 
oberen Gesimsplatte nimmt ein älmliches Wappen ein, wie über der 
Thür zu L^aum 7 angebracht ist; jedoch sind die Felder mit einander 
vertauscht, so dass ein anderer Träger anzunehmen ist ^ ). Vergl. hier- 
über weiter unten. Der Helm mit Kleinod und Decke ist in der Figur 
nicht mit dargestellt. Das Abschlussgesims des Kamins ist mit 15 Zinnen 
hekrönl, 

Auf dem Wandputz des Fiaumes ist noch einfache Quader- 
bemalung zu erkennen. Am Deckengewölbe sind verschiedene Ringe 
angebracht, kleine und grosse. 

Von 9 gelangen wir durch 8 vvieder auf die I^laltform. Revor 
wir von hier auf der in der Ecke liegenden Wendeltreppe zum Ober- 
geschosse aufsteigen, können wir noch einige Remerkungen über den 
früheren baulichen Zustand machen. Ueber dem äusseren Eingang, 
durch welchen wir Raum 1 betreten haben, befinden sich die Reste 
zweier Kaminstützen, anscheinend aus dem 12, oder 13. .Tahrhundert. 
Das Kamin beweist, dass damals der Hof nicht vorhanden war, sondern 
dass der Fussboden in Höhe der Plattform durchging. Dies kann man 
übrigens auch aus den beiden vermauerten gekuppelten Fenstern 
schUessen. von denen auf S. 220 die Rede war. Sie waren nur von dem 
jetzt verschwundenen Fussboden des Hauptgeschosses aus erreichbar. 
Ging der letztere so vermutlich durch den ganzen Turm hindurch, so 
kann man dies auch von einem darüber liegenden Fussboden des Ober- 
geschosses behauplen. Denn es sind in passender H()he noch eine 
Anzahl von Wandkragsteinen vorhanden, von welchen ich annehme, 
dass sie Mauerlatten oder Unterzüge getragen haben, auf denen die 
Deckenbalken ruhten. Diese Kragsteine haJjen das Profil eines ge- 
streckten Viertelkreises, etwa 25 — 30 cm x\usladung, 40 cm Rreite und 
40 cm Höhe. 

Der jetzige Obergeschossfussboden liegt höher als der vermutete 
ältere. 

Die Treppe zum Obergeschoss ist eine Wendeltreppe aus Hau- 
stein, welche durch einen diagonalen Hausteinbogen und eine konsolartige 

'j Fig. 21. 



227 



Auskragung rechts neben der Thür zu Kaum 7 aljgestülzt wird. 
24 Stufen zu 17—19 cm Steigung. L. Breite 91—94 cm. Plattenbrüstung. 
Profile unbestiuiiut. 

Die beiden Räiune des Obergeschosses nehmen zusammen die 
Hälfte des Turmgrundrisses ein, die andere Hälfte ist Hof. Ein Metall- 
plattendach bildet jetzt die Decke der lläume, vorher war ein Hohl- 
ziegeldach mit zu geringer Neigung vorhanden. 

Raum 10. Der Fussboden liegt 30 cm höher wie das Austritts- 
podest der Treppe. Zwei hochliegende romanische Fenster gehören der 
ersten Anlage an. Sie sind im Halbkreis geschlossen und haben 63 ein 
Höhe bei 33 cm Breite. Die Laibungsschräge schneidet 1,75 m über 
Fussboden ein. Ausser diesen beiden Fenstern ist noch eine Oeflnung 
in Brüstungshr)he vorhanden. Sie ist 40 cm breit und 55 — 60 cm hoch 
und liegt in einer Nische, welche mit einem Rundbogen überdeckt war. 
Masse dieser Nische: etwa 3,00 m Scheitelhöhe, 1,05 m Breite in der 
inneren Wandtlucht, 0,50 m Tiefe. 

Raum 11. Zw^ei Fenster wie die zuletzt besprochenen, ein ein- 
faches Kamin über demjenigen in Raum 9. Der jetzt tiefer liegende 
Fussboden befand sich anscheinend früher in einer Höhe mit dem- 
jenigen des vorigen Raumes. Vor dreissig .lahren noch stand am Kamin 
eine Steinbank und unter einem Fenster war ein auf Säulchen oder 
Kragsteinen ruliender Steintisch angebracht. 

Zur Zeit bildet das Dach die Decke der beiden Räume lU und 11. 
Früher war es anders. Zwei in der jetzigen Abschlusswand stehende 
Säulen^) deuten darauf hin, dass das ganze (Jbergeschoss des Turms 
von einem einzigen Saale, einem Solarium, Söller mit Holzdecke ein- 
genonmien war. Die Säulen haben meines Erachtens mächtige Unter- 
züge getragen, auf denen die Balken ruhten. Der Zweck der 4 Con- 
solen am Säulcnschaft ist luiklar. Bei nur 10 cm mittlerer Ausladung 
konnten nur kleine Gegenstände daraufgestellt werden. 

Küche und Abort vermochte ich im Flohturm nicht nachzuweisen. 

B a u g e s c h i c h 1 1 i c h e Untersuchung. 

Ohne Zweifel haben wir zunächst zwei Hau[>tbauzeiten zu unter- 
scheiden, eine fiu' das Aeussere, d. h. die Umfassungsmauer des 
Turms, und eine — allerdings weniger einheitliche — für die inneren 
Mauern u. s. w. 

Der Beweis ist aus dei- \'erschiedeiiheit der Technik, der Fun- 
dierung imd der Kunstfoimeii zu erbringen. 

^) Vergl. Fig. 24. 



090 

— ^ — t- O 

Die Umrassiiiiii.smatier l)estelil aussen aus (^)Liadoni, innen aus 
g-ewölinlichein Bruchst(nnniauerw(>rk oder mit andeipu Worten: sie ist 
in Bruchsleinen mit äusserer Qnaderverblendun;:- ei-iichtel. Stumpf 
daji'egen, ohne irgend welchen Verband, stossen die hmenmauern, 
welche technisch schlechter ausgeführt sind als die Innenseile der 
Aussenmauer. obgleich ancli (We^^e zu wünschen übrig lässt, während 
die äussere (Jnaderverblenduni>- als gut zu bezeichnen ist. 

Das Fnndamenl dci' ün)fassungsmauer ist ein Hohlcylindcr, ge- 
jjildet aus dem eingeschriebenen und dem umschriebenen Kreise. Der 
Liebergang ist in särntlicheu Ixämnen des Erdgeschosses zu erkennen; 
er liegt nicht überall genau in derselben Höhe, sondern wechselt bis 
etwa 60 cm. Der Fnndamentcylinder geht gerade ohne innere Absätze 
in der Erde herunter bis o,10 m unter den tiefst gelegenen Fussboden 
des Untergeschosses in Raum 5. Ein ältei-er, noch tieferer Fussboden 
wurde bei der Ausgrabung, wie ei-wähnt, nicht gefunden. 

Es komite nur an dieser einen Stelle im Inneren des Turms ge- 
gral)en werden. 

Während so die Aussenmauer tief \\\u\ im Ganzen ausreichend 
solide fundiert ist — ein starker senkrecht durchgehender Riss ist 
allerdings vorhanden — lässt sich von den Innemnauern gerade das 
Gegenteil .sagen. 

Das Fundament dei- Haui)tscheidewnnd reichl nur 30 cm mder 
den Fussboden des Raumes 5, bleibt also 2, SO m ülter der Sohle der 
Aussenmauer liegen, während die dazu senkrecht stehende Wand 
gar mit dem Fuss))()den self)sl abschneidel, also überhaupt kein Fun- 
dament hat. 

Der Mittelpfeiler, welcher die Gewöll)e des Raumes 5 zu tragen 
hat, ist nur 70 cm tief gegründet. Wenn keine gefährUchen Setzungen 
vorgekommen sind, so ist das nur dadurch zu erklären, dass sich der 
ganze Innenbau an den alten starken Aussen wänden abgestützt hal. 

Eine deutlichere Sprache als die Mauertechnik und die Gründung 
reden die Kunstformen, besonders im Innern. 

Von älteren tritt in der Aussenmauer nur der einfache Rundljogen 
au den oberen und der zusammengeschnittene an den unteren 
Fensterchen und die Sockelschräge auf. Sie könnten der frühromanischen 
Zeil entsprechen, sind aber an sich zu wenig eigenartig und einer 
engbegrenzten Zeil angehörig, als dass man genau danach bestinunen 
k(')nnle. 

Auch s(inst fehlt es an bezeichnenden Merkmalen. Man ninunt 
vielfach an, dass die Mauerzange oder Teufelsklaue erst mil Ende des 



Einzelheiten vom Flohturm in Diedejilwfen. 

(Fifi. 22 lind 23 vom Chäteaii de Thion.) 




i^t J -cO - 




3p;-..if 





1.5o. 



1;10 



-f. IS 



229 

12. .l;ilirliiiii(ltM-ls in (t('1)i;iiicIi kam, aber wenn die (jnadern eines 
baues -- wie es Ijeim Flohturin der Fall ist — die belrelVendcn f.r)cher 
nii'ht haben, so beweist das nicht, dass der Ban vor 1200 errichtet 
ist ; man hat sich eben auch später zuweilen ohne das histiumenl bcholfen. 

Die erwähnten Sleinmetzzeichen geben ebenfalls keine ficnügende 
Aufklärung. Aehnlichc ündel man in vielen Zcilabschuitten. Veidächtig 
ist es, dass man iiiu' drei lindel. und man konuul lanvillkiu-lich zu der 
Annahme, dass die bclicircndcn (hiadein von einem andern Bau übei- 
nonuiien sind. Im Grossen und (Tanzen gill für diese Zeichen, dass 
die gi'össeren älter und dass sie bei Römerbauteil und Frofanbauten 
der romanischen Zeit nicht besonders sorgfältig, selbst nachlässig aus- 
geführl siiiij. In Iumh und bei romanischen Burgbauten giebt es solche 
bis 30 cm Länge ^). Abmessungen und schlechte Ausfühi-ung lassen 
bei den liier fraglichen auf die frühromanische Zeit schliesseii. Das 
in Fig. 11 dargestellte Bildwerk ist sehr früh, vielleicht vorromanisch. 
Den Tuini wird luaii al)er nidil in die vorromanische Zeil .setzen 
können; es ist vielmehr wahrscheinlich, dass er dem 11. oder 12. Jahr- 
hundert entstamml. Das Kamin über dem stadtseiligen Kiiigang (S. 22(5) 
und die Wandkragsteiiie. welche ehemals die Unterzüge der Balkenlagen 
getragen haJjeii, als der Turin noch nicht gewölbt war, krmnen all- 
gemein als romanisch bezeichnet werden. 

(lenauer wie aussen können wir im Inneren datieren mil Hülfe 
der Bauformen und Wappen. Die 3 in Fig. 19 21 dargestellten sind 
aus dem Turme selbst und zwar betindet sich Fig. 19 über der Tliür 
zu Raiiiii 7 1)61 W. Fig. 20 im Gewölbeschlus.'^stein des Raumes 8 und 
Fig. 21 auf dem Kamin im Raum 9. 

Beschäftigen wir uns zunächst mit letzlerem \\'ap|)en, dessen 
stark beschädigte Helmzier, welche derjenigen von Fig. 19 ähnlich ist, 
in der Zeichnung weggelassen wurde. Im 1. und )>. Felde haben wir 
das Wapjien der edlen Herren von Rollingen (Raville) vor uns. Dieses 
( leschlecht hatte sein Stammhaus, Dorf und Burg Rollingen in Deutsch- 
Fothringen; der Ort liegt im Landkreise Metz hart an seiner (Jstgrenze 
und an der Sprachenscheide. Das Stammwappen der Familie waren-) 
3 silberne Sparren im roten Schilde, auf dem Helm ein, oft auch iirig 
als Adlerrumpf gezeichneter silberner Pfaiienhals. 

im 1365 — 141S lebte .lohann III. \on Rollingen, welcher als 
Staiumherr der forllaufenden Reihe angesehen wird. Seine S('»lmc waren 

', Vgl. t'ipor a. a. 0. S. 17:Jir. 

'} Narh Sicbiiiacliers Wapiienlnicli II, 11, Uriilscli-Lolliriii^rcr Ailrl, Taf. 9 
und S. 12. 



— 280 — 

Georg iiud Johann IV., die Begründer zweier Linien. Georges de Ra- 
YÜle, seigneur de Septfontaines, de Milberg et de Cranendonc, wird 
seit 1411 genannt, vapitaine et prevot de Thionville 1430, 1433, 1440, 
senechal du diiclie de Laxembourg 1431, lebt noch 1447. 

Jean lY. de Raville, seigneur de Milberg, Seplfontaine.^, Dagstul 
1418 — 61 erheiratete mit Anna von Dann und Densborn diese Herr- 
schaften und die Erbmarschallwürde des Herzogtums Luxembru'g. 

Beide Söhne hatten Anteile an den Herrschaften Siebenborn und 
Milberg. Sie siegelten mit einem vom Stamrawappen und einem roten 
Felde, worin ein silbernes Ankerkreuz (wegen Siebenborn), geviertetem 
Schilde. Dieser Schild, welchen Fig. 21 darstellt, wird in der ersten 
Hälfte des 15. .Jahrhunderts meist gebraucht (etwa seit 1413), 

Das Wappen im Flohturm wird man einem der beiden Brüder 
Georg oder Johann (IV.) zuteilen müssen. Ich bin mit Herrn Pfarrer 
Chatelain in Waller-sbeig, welcher mich in diesem Teile meiner Arbeit, 
insbesondere bei der Bestimmung der Wappen in dankenswertester 
Weise unterstütz! hat, der Ansicht, dass Johann der Wappenträger 
ist. Einerseits w'ar die Würde des * prevot« eine vorübergehende, die- 
jenige des »burgsess aber eine erbliche. Andererseits haben wir 
eine Bestätigung in einer Urkunde, welche auszugsweise in den 
»Chartes de la Familie de Reinach deposees aux archives du Grand- 
»Duche de Luxembourg« ^) verölTentlicht ist : 1461, 8. Mai: »Le gouver- 
*neur et eapitaine general du duche de Luxembourg pp. declare que 
»Guillaume de Raville, ecuyer, a releve en tief du duc de Bourgogne 
»la pari et ])ortion que feu sire Jean de Raville, Taine, Chevalier, son 
»grand-pere, tenait es forteresses, terres et seigneuries de Raville, de 
»Warnesperch, de Septfonlaines et de Remich, au village de Roisport 
»et en plusieurs villages de la seigneurie de Milberg, avec sa maison 
»ou chastel de Thionville et dependances« -). Wilhelm von Rollingen 
war der Enkel des vorgenannten Johann IV. Letzterem kann mit 
ziemlicher Sicherheit das Wappen zugeschrieben werden, denn schon 
sein Sohn, der Vater Wilhelms, siegelte mit einem anderen Schilde. 

Johann IV., justicier des nobles et chambellan de Philippe duc 
de Bourgogne, wird von 1418 — 61 erwähnt. Damit können wir das 
Kamin in Raum 9 datieren. 

Mit gleicher Sicherheit ist das Wappen im Schlussstein des Ge- 
wölbes von Raum 8 zu bestimmen. Der geviertete Schild zeigt im 
1. und 4. Felde das Wappen der edlen Herren und Grafen von Crichingen 

^) Luxemljurg 1877 w. 7i). 

-) Das »ou« stellt nacli Angalje des Herrn Cliatelain üiv oii d. li. au. 



— -231 — 

(Crrliange), einen roten Balken im silbeinen Felde. Der Slanuiisitz 
dieses Geschlechts liegt südwestlich von St. Avold, bei Falkenberg, 
etwa 9 km von Hollingen entfernt. Im 2. und 3. Felde sehen wir das 
Ki-eiiz von Pitlingeii, w'elclies .seit 1546 mit dem Stammwappen ver- 
eint geführt wurde; die Herrschaft Pittingen in Luxemburg hatte ein 
Herr von Crichingen cj- um 1424) durch seine Heirat mit der Erb- 
tochter an sein Haus gebracht. 

Der oben erwähnte Wilhelm von Hollingen hatte ausser zwei 
Söhnen eine Tochter Irmengard, welche sich mit .Johann von Crichingen 
verheiratete. Ihre F)rüder starben beide vor ihr ohne Nachkommen- 
schaft und so erbte sie 1548 den Besitz der jüngeren Linie des 
RoUinger Geschlechts. In demselben Jahre 1548 starb auch ihr Ge- 
mahl Johann, so dass auf ihre beiden S()hne Georg und Wirich von 
Crichingen die Herrschaff überging. Von ihnen ist der letztere höchst- 
wahrscheinlich der Wapi)enträger. 

Wirich, Herr v()n Crichingen und Pittingen, seit 1542 Gouverneur 
von Diedenhofen, begleitete Karl V. bei der Belagerung von Metz 1552. 
Er war »con.seiller au conseil provincial et justicier des nobles« und 
erscheint als Dii)lomat und Kriegsmann. Sein Tod fällt in das Jahr 
1587. Da er auch wiederholt in Diedenhofen selbst erwähnt wird und 
die Schildform sowohl wie die Ilausteinproiile der W(Ubung, in dessen 
Schlussstein sich das Wappen befindet, nicht entgegenstehen, wird man 
Wai)pen und Wölbung in die Zeit von 1548 bis 1587 zu setzen haben. 

Mehr Schwierigkeit verursacht das A\'appen Fig. 19. Es ist dem- 
jenigen Fig. 21 sehr ähnlich, nur sind die Felder vertauscht. Schildform 
und architektonische Einfassung, welche in der Zeichnung nicht dar- 
gestellt ist, weisen auf ein höheres Alter, die Wappenbilder aber wieder 
wie bei Fig. 21 auf eine Verbindung der Herrschaften Siebenborn und 
Rollingei), nur dass letztere hier an zweiter Stelle steht, d. h. im 
zweiten und dritten Felde des Schildes, während wir im ersten und 
vierten das Ankerkreuz von Siebenborn vor uns haben. Auch die 
Familien Piltingen und la llodie führten freilich das Ankerkreuz, und 
es sind Verbindungen zwischen ihnen und <ler Familie Rollingen be- 
kannt, hingegen fehlt die Beziehung zur Burg in Diedenhofen. 

Ich kann ehie ausreichende Erklärung des Wappens z. Z. nicht 
geben und beschränke mich :uif die Angabe, dass es meines Erachlens 
aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stammt. 

Fassen wir hiernach das Ergebnis der Untersuchung kurz zusanuucn. 

Der Flohturm ist ein romanischer Ceniralbau, welcher ursprüng- 
hVh durrh Balkendecken in drei Geschosse eingeteilt war. Man kann 



— 2:]2 — 

ihn ;ils Wolmlurm bezeichnen, als wehrluiflon l'alas, dei' zwischen dem 
bewohnbaren lierchfrit und dem einfachen Palas unaei'iUn' die Mitte hält. 

Zwischen 1350 und KiOO wurde er in Terschiedenen Bauzeiten 
hauptsächUch von den Herren von Koinnjien und von Criehingen zeit- 
<>emäss ausgebaut. Dieser Ausbau erstreckte sich im wesentUchen auf 
die Wölbung der Decken, auf das Einbrec-hen gr()sserer Fenster in der 
romanischen Aussenmauer und auf die Anlage massiver Treppen, bn 
übergeschoss wurde ein durchgehender grosser Saal eingerichtet, welcher 
zu Versammlungen, (lerichtssitzungen, Festen u. s. w. benutzt w^erden 
mochte. Auf ihn bezieht sic-h wohl folgender Auszug: »1433, 7 Mai 
»tioirge von Rouyldingen hre zu Siebenbouren imd zu Dagestuyl, probst 
»zu Dyedenhoven dun kont daz .... manne und schellen zu Dyeden- 
»hoven in dem Saille in der Burche zu gericht gesessen hain . ,« 

Es steht nicht fest, ob der Ausbau des Turmes bei der Belagerung 
1558 vollendet war. Jedenfalls musste man letzteren nachher gründ- 
lich in Stand setzen, denn die französischen Geschütze auf der anderen 
Moselseite haben ihn arg beschädigt. Dafür beteiligte er sich aber wohl 
auch selbst lebhaft an der Verteidigung der Stadt, deren ältestes Bau- 
werk er war. Dass auf einer damals vielleicht noch vorhandenen 
Plattform Kanonen aufgestellt waren und der Flohturm als Balterie- 
turm in AA'irksamkeit getreten ist, kann man für möglich halten. 

Höchstwahrscheinlich w^ar das alte Schloss in Diedenhofen der 
Sitz des Frohstes, jedenfalls waren darin die »Burgmannen« unter- 
gebracht. Der Probst (prevötl war vom 12. bis zum 16. .Jahrhundert 
der unmittelbare Vertreter des Landesherrn. Er vereinigte in seiner 
Hand richterliche, militärische und Verwaltungsbefugnisse. Als Stell- 
vertreter stand ihm ein »sousprevöt« zur Seite. 1477 trägt er die 
doppelte Bezeichnung als »capitaine et prevöt«. 

Vom 16. .lahrhundert an, mit der wachsenden Wichtigkeit der 
Festung, finden wir Militärgouverneure neben oder über den Prr)bsten, 
aber beide Aemter waren noch öfters in einer Person vereinigt. So 
war de Quaderebbe 1558 gleichzeitig Gouverneur und Probst. 

Von den Pröbsten sind viele dem Namen nach Ijekannt. Auch 
die » Burgmannen <', welche die Grafen und Herzöge von Luxemburg in 
ihrer Diedenhofener Burg unterhielten, w-erden mehrfach genannt, 
z. B. 1386 »Herr Johann, herr tzu Mylberg und zu Kranendong, Jo- 
»han Voez von Bettenberg, Claus Peters seligen son in der bourg, 
»man und bourgman tzu Dyedenhoven«- — 1425 Jean de Soleuvre, 
seigneur de Lagrange, chevaUer; Peter Voiss de Betteml)erg et Clessgen 
de Thionville, hommes feodaux de la prevote. — 1465 Louis de Ghinery, 



- äSn — 

.seigiieur de Lagraiigc. Fiedeiic Trislaiit de Treves (sei-iiiein- de 
Dislorf) et Henri Sliidigol de Bitclie (seigneur do Ncuerbnrg) hommes 
castraux. — 

Der Flohturm ist zwcifelsühiio ein sehr merkwürdiges Bauwerk. 
Als Vierzehneck wird er unter den Türmen wohl einzig dastehen, auch 
der grosse Durehmesser von mehr als 19 m hebt ihn über seines 
Gleichen heraus. Dass er von Anfang an die Bestimmung gehabt hat, 
als wehrhafter Turm die letzte Zuflucht des festen Schlosses der 
Luxemburger zu bilden, unterliegt keinem Zweifel. Aber damit erklärt 
man nicht die aussergewöhnliche Form und Grösse. 

Ich hegte anfangs die Hoffnung, nachweisen zu können, dass der 
Turm auf den Fundamenten der 989 zerstörten Karolingerkapelle er- 
richtet worden ist. Dieser Njichweis ist mir nicht gelungen, es ist 
aber nicht ausgeschlossen, dass er in Zukunft doch einmal erbracht 
werden kann, wenn das Gebäude seiner jetzigen Bestimmung entzogen 
und freier Untersuchung zugänglich wird. Allerdings ist die Hoffnung 
gering. In der Erde wurde bisher nichts gefunden, und der Stein 
Fig. 11, der wohl der Kapelle angehört haben könnte, ist eine mageie 
Ausbeute und als Beweismittel allein von nur geringem Wert. 

Die karolingische Kaiserkapelle zu Aachen sowohl wie ihre Vor- 
stufe, die Karlskapelle zu Nymwegen, bestehen aus höhergeführlen acht- 
eckigen Mittelbauten und weniger hohen sich darum legenden King- 
bauteu von sechs/ehneckiger Grundform. Aachen hat etwa 33 m, Nym- 
wegen etwa 14 m umschriebenen Kreis. Diedenhofen mit über 19 m 
würde zwischen beiden liegen, aber der letztgenannten Kapelle näher 
konunen. Die vierzehneckige xVnlage könnte man vielleicht als nicht 
ganz zutreffende Reminiscenz an das Sechszehneck der zerstörten Ka- 
pelle auffassen. Der Fundamentcylinder ist nicht hinderlich. Auch in 
Nymwegen ist das Fundament rund. Zukünftige Nachgrabungen würden 
sieli haui)tsächlich darauf erstrecken müssen, die Grundmauern eines 
etwaigen inneren Achtecks zu finden. 

Es gibt in Deutschland und den benachl>artcn Ländern eine grosse 
Anzahl von Rund- und Polygonbauten aus dem Mittelalter, kirchliche 
und profane. Eine Uebersichl der kirchhchen, welche überwiegen, 
lindet sich /. B. im ersten Bande von Otte »Handbuch der kirchlichen 
Kunst-Archäologie des deutschen Mittelalters«. Die l'rofangebäude 
konunen im wesentlichen im Burgenbau vor. Man hat in ilen letzten 
Jahren begonnen dieser Gattung von Bauten eine gr<)ssere Aufmerksam- 
keil zuzuwenden, man hat versucht, sie für sich zu behandeln. 



— 234 - 

Aul" Griüid seiner niehi auf Deutschland bcsehränklon, süiiderii 
auf das ganze germanische Kunstgebiet ausgedehnten Studien behaujjtet 
F. Seessell)erg in seinem A\'erke »die frühmittelalterliche Kunst der 
"•ermanischen Völker«^), dass die sämtlichen auf germanischem Boden 
vorkommenden Zentralbauten sich selbständig aus germanischen Ur- 
formen entwickelt haben und dass sie eine »Bautenfamilie« für sich 
bilden. Er fasst die altgermanischen Burgbauten im wesentlichen als 
Vorläufer der späteren Rundkirchen auf und erläutert im einzelnen wie 
ihr ursprünglich rein fortifikatorischer Charakter allmählich zu Gunsten 
des kirchlichen in den Hintergrund getreten ist. 

Dem würde nicht entgegenstehen, dass wir beim Mohturm mög- 
licherw^eise auch einmal den umgekehrten Fall hätten, w^enn nämlich 
zukünftig der Beweis gelingen sollte, dass er wirklich auf den Funda- 
menten der Karolingerkapelle errichtet ist. Der Geist der Zeit wäirde 
jedenfalls einer derartigen Anpassung eines Burgbaues an die Grund- 
mauern eines kirchhchen Centralgebäudes nicht hinderlich gew'esen sein. 

Vorläufig allerdings können wir den Flohturm nur so betrachten 
und in der Gestalt würdigen, w^ie er — über der Erde sichtbar — 
auf uns gekommen ist, nämlich als Wohntnrm eines mittelalterlichen 
Lehnssitzes, eines festen Schlosses, welches die Luxemburger auf der 
Stelle der einst weitbekannten Kaiserpfalz errichtet haben. Es ist zu 
hoffen, dass ihm auch unter diesem Gesichtspunkte das Interesse und 
die dauernde Obhut der lothringischen Geschichts- und Altertumsfreunde 
nicht fehlen wird. 

Das Chateau de Thion. 

Es erübrigen einige Worte über das in Mitten des Hofes frei- 
stehende Gebäude c^ ), dessen Nordseite schaubildlich in Fig. 25 dargestellt 
ist. Schon früher war wiederholt von ihm die Rede. Von den ver- 
schiedenen Schlossbauten barg es wohl die wohnlichsten und sichersten 
Räume. Der spätgotische Turm wurde 1870 stark beschädigt. Er hatte 
ursprünghch in dem unmittelbar unter dem Dache liegenden Geschosse 
sechs mit zierlich eingerahmten Wappen überdeckte Fenster. Jetzt sind 
noch drei vorhanden, von welchen eines im Bilde kenntlich ist. Die 
anderen hat man wegen der Beschädigungen vermauert und verputzt, 
•was sehr zu bedauern ist. Von den Wappen zeigt eins ein Ankerkreuz, 
das zweite einen einfachen Balken und das dritte einen Löwen, Fig. 23. 
Das Ankerkreuz weist wahrscheinhch auf Siebenborn oder Pittingen 

'j Berlin 1H97. 

^) Vergl. Lageplan I-'ig. 3. 



— 235 — 

hin, der l>alk(Mi auf Ciic-liingen, den L^Avcii im \\'ap[»eii Iruji z. 15. Jean 
de fSoleuvre. chevalier, seigneiir de Lagrange, justicier des nobles, 
Lehns- und Hurgmann, auch Probst zu Diedenhofen (1423 -25 1. 

Ausser diesen drei oben unter dem Turmdach sitzenden Wap|ien 
beiindet sich noch eins aussen am Erdgeschoss, auf der anderen 
Gebhudeseite gegenüber dem Flohturm, ebenfalls über einer DefVnung 




Fig 25. ChiMcau de Thion, 



in gotischer Umrahmung. Der in Fig. 22 dargestellte Schild bietet 
Schwierigkeiten. Die rechte Hälfte hat grosse Aehnlichkeil mit dem 
Wappen der Familie Durendal von der Schuren, deren Stammhaus das 
(lut Scheuren (Lagrange) bei Diedenhofen gewesen ist. Dies wird z. H. 
erwähnt in einer Urkunde vom 15. .luni 1532M, in welcher (leorg von 

') Ik'glaubiglc Abscluilt im Mcl/.cr IJezirksarcliiv, Aht. Clrrfr. 



Hrandeiibiirg, Herr von Clorvaux. von Kaiser Karl V. sein Hans ,ü:enann{ 
»die Schurre- /u Lehen nimmt, das zui- Bmy: in Diedenhofen gehcnle. 

Aber Sibmacher giebt unter Vorbeh;dt einen A))fel — statt des 
Kopfes — im rechten Obereck an, und man weiss auch nichts von 
einer Familienverbindung, welche durch die linke Sehildhälfte ange- 
deutet sein könnte. Herr Pfarrer C.hatelain ist der Ansicht, dass wir 
das Wappen des Johann IV. von Milberg vor uns haben, welcher be- 
reits 11)86 als Burgmann erwähnt ward. 1891 — 140)) war er Probst 
zu Diedenhofen und starb 1401) ohne Nachkommen. 

Im Keller des Gebäudes sieht man noch die Mündung eines jetzt 
verschütteten unterirdischen Ganges, welcher in nordöstlicher Richtung 
nach dem Gebäude e verlief. 

Ueber zwei Kaminplatten, welche sich im Bereiche des Schlosses 
befanden, vergl. Jahrbuch 1899 S. ))()4. Im Chäteau de Thion werden 
noch einige ältere, aber weniger gut erhaltene Platten aufbewahrt. 

Für die photographischen Aufnahmen, welche in vorstehender 
Arbeit wiedergegeben sind, sei Herrn Oberlehrer Arnold in Diedenhofen 
auch hier der gebührende Dank abgestattet. 




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237 — 



Die Grabschrift des Erzbischofs Heinriclis II von Finstingen 
in der Donil(irclie zu Trier. 

Von Franz Xaver Kraus. 



Heinrich von Finstingen ist am 26. April 1286 aus diesem Leben 
geschieden. Er war im August 1260 durch päpstUche Provision in das 
Erzbistum eingesetzt worden ; aber zwölf Jahre vergingen, ehe diese viel 
umstrittene Ernennung perfect wurde : erst der Schiedsspruch zwischen 
ihm und seinem Mitcompetenten Theoderich, Abt von S. Mattheiss, 
welchen zwei C.ardinäle »ajjud veterem Urbem« 1272, September 21, 
gefällt, setzte Heinrich definitiv in die \'erwaltung des Erzstiftes ein. 
Im Jahre 1285 erkrankte er an Podagra und erhtt er eine Lähmung, 
von welcher er Heilung durch eine I-'ilgerfahrt nach St Josse-sur-Mer 
bei Montreuil in Artois suchte. Für diese Heise hatte er sich nach den 
Gesten einen bequemen, mit Leder ausgeschlagenen Reisewagen her- 
richten lassen (currum corio circumvectum). Er reiste mit kleinem 
Gefolge, in S. Jodok angekommen, erkrankte er noch schwerer und 
unterlag er nach etlichen Tagen einem Schlagfluss. Nach der bei 
Wyttenbach und Müller (II 108, bei Waitz SS. XXIV 456) 
an erster Stelle abgedruckten Vita wäre der Tod in predicto loco 
(also ad limina beati Jodoci iuxta mare) in crastino beati Marci Evan- 
geliste (also 26. März) anno Domini M. CG. oct. VI eingetreten. Diese 
Angabe des Heinrich ungünstig gesinnten S. Mattheiser Ghronisten stimmt 
mit den Gesta des ihm ergebenen zweiten Lebensbeschreibers (Ordol- 
phus ScholeriusV Wyttenbach und Müller II, 110, Waitz 
a. a. 0. 461) hinsichtlich des Datums 1286, März 26 überein. Doch 
lässt letzterer den Erzbischof nicht in S. Josse selbst sterben, sondern 
nach Besuch dieses Heiligtums (liminibus tum dicti sancti . . . feliciter 
visitatis) auf dem Wege nach Houlogne-sur-Mer (dum . . . devotionis 
causa ab hinc tenderel versus Bononiam M in littore maris sitam, in 
(juo loco Mater Domini gloriose veneratur). Dieser /.weite Biograph 
fügt hinzu, Heinrichs Reisegenosse, der Trierische Archidiakon Wilhelm, 
habe die Leiche nach Trier zurückgc^führt, wo sie in der Domkirche, 
rechts an der Mauer, beigesetzt und ein Altar zum Andenken an den 

^) Die Losarten Bovenlain. tionovenfaui sind auf Mi«svcrsliindnisse zurück- 
ziifülircn. 



— ^^.H8 — 

Todten errichtet wurde ^) (translatus Treviriin in ecclesia Sancti Petri, 
in dextro latere ad muruin, debitis exequiis peractis, est a clero et 
populo honorifice tumulatus et ibidem iuxta tumulum suum altare, 
quod ipse largissimis honoravit donariis, ad laudem Dei constructum 
est pro suorum remissione peccatorum, et ob felicem menioriam sui 
sempiternam). Aehnlicli halte sich hiiisichthch der Beisetzung übrigens 
auch der ältere Biograph ausgedrückt : translatus Trevirini in ecclesia 
beati Petri in dextro latere iuxta muruin, debitis exequiis peractis est 
a clero et populo honorifice tumulatus ; et est ibidem altare iuxta tu- 
mulum quod ipse largissimis honoravit donariis ad laudem Dei con- 
structum ac animae suae requiem pariter et memoriam sui sempiternam. 
Die Beisetzung scheint am 6. Mai (feria III post invent. Crucis) statt- 
gefunden zu haben, da auf diesen Tag, laut einer in Coblenz bewahrten 
und von Goerz (Mittelrhein. Begesten, Cobl. 1886, IV, 304) mitgeteilten 
Originalurkunde das Anniversar für Heinrich gehalten wurde. Trithe- 
mius hat (Chron. Hirsaug. II, 51) 1288 als Todesjahr genannt, offen- 
bar verführt durch den Umstand, dass Heinrichs Nachfolger Boemund 
von Warnesberg (gew. 1286, Tag unbekannt), erst 1289 von Bom als 
Erzbischof anerkannt wurde. 

Die Grabschrift des Erzbischofs Heinrich hat_ zuerst Brower 
(Annal. Trev. II, 167, ohne Angabe seiner Quelle) herausgegeben ; 
dann haben sie Wyttenbach und Müller in ihrer Ausgabe der 
Gesta Trev. (II 109) aus den Frankfurter, Pauliner und Pariser Gesten- 
handschriften abgedruckt, mit dem Bemerken, dass sie diesen Hand- 
schriften von späterer Hand beigefügt ist : silet, fügen sie hinzu, omnino 
de hac blanda et rudi epigrapha cod. noster S. Math, synchronus. 
Waitz hat sie dann (S. XXIV, 456, vgl. 461) aus dem Pauhner Codex 
(Trev. 1348, saec. XIV) wiederholt, offenbar ohne zu wissen, dass das 
Original noch erhalten ist; desgleichen teilen die Grabschrift Hansen 
und Walrand in ihren Beschreibungen des Domes mit^). 



') Die Notiz in Cod. Trev. 1462 : VI. Klas Maji Trevirira relatus — ante 
altare beati Erasmi tumulatus (Wyttenbach und Müller II 123, d) Hesse 
darauf schliessen, dass hier bereits vor Heinrichs Stiftung ein Altar sub tit. 
S. Erasmi bestanden hätte. Indessen enthalten die Regesten des Trierischen Dom- 
kapitels die Notiz : 1286 Stiftung und Dotirung des^Altars des hl. Erasmus im 
Dom zu Trier durch die Testamentsexecutoren des Erzbischofs Heinrich und die 
Bestätigung dieser Stiftung durch das Domkapitel sede vacante (Mitt. des Herrn 
Domkapitular Dr. Lager). Die Stelle der Bestattung geben einige Hss. Wytten- 
bach und Müller II, 109, a) genauer dahin an: »ad ostium per quod est ingressus 
ad templum B. M. Y. ex summo templo.« 

-) Hansen 1 JMJ., Der Dom zu Trier, Trier 1853, S. 20. — Walrand, 
PM., Die Geschichte des Domes zu Trier nebst Beschreibung und Erklärung seiner 
Monumente, Trier 1844, S. 86. 



— 239 — 

Keine dieser Editionen giebt den heutigen Zustand des Epitaphs 
wieder, welches sich an der von den Gesten bezeichneten Stelle, der 
rechten Umfassungsmauer des Langhauses, in der Domkirche, erhalten 
hat. Ich habe vor einer Reihe von Jahren Herrn Regierung?- und 
Baurat Meydenbauer gebeten, gelegentlich seiner hochschätz- 
baren Aufnahmen des Trierer Domes den Stein für mich zu pholo- 
graphieren, und erlaube mir hier das Ergebnis dieser Aufnahme vor- 
zulegen, nachdem die Grabschrift als nach 1250 fallend, in meine 
Sammlung der christlichen Inschriften des Rheinlandes nicht mehr 
eingerückt werden konnte. 

Die Grabschrift ist auf einen einzigen Sandstein von 0,57 m Höhe 
und 1,525 Breite eingehauen; der Umfassungsrahmen der Tafel hat 
am untern Rand 0,08, sonst überall 0,06 m: die Höhe der Buchstaben 
beträgt 0,04 m. Das Epitaph zählte 12 Zeilen, welche durch Horizontal- 
linien eingefasst sind: von diesen 12 Zeilen sind jetzt die beiden unteren 
grösstenteils zerstört, ausserdem haben alle Zeilen in dem letzten Drittel 
ihres Textes sehr stark gelitten, namentlich 2., 6.— 10., wo die Schrill 
gegenwärtig beträchtliche Lücken aufweist. Ich gebe den Text nach den 
Gründsätzen wieder, welche in meiner »Sammlung christlicher Inschriften 
der Rheinlande« zur Anwendung gelangt sind. 



+ DeFl Ne 5TIN/& A ■ p /V^Ts. 6 S V L" FV I T/////////M,R I V M D V^ 



MÜP^IB\/S-Z- UITT^- N/VLL t • F V fC ■ O R.^. E iniimu'iiiil'lUht 



N ÜB ILI^ H € N Rl C VS" • T K. 6 B fe F ., | y • .////// ß ( ■ F i //////MMWm 
CVF^TT-TLI I S^T2L0 1=kB I - -H Q N0>< ZPA X V K.B/5 Z OR&l^ 



y 



Ke CG R^- E K7*;T • SU.1\ G M V ^ • P e LI Qg" I 5 ■ 6 X <■-• IC lOJ\ GN'VS 



H IS P/Ä- Z\B?\Vl\hAL TU mibOSTIBI SVIPP e D T ///////^/w//////^ 



IP SE €; I B I C A V L AS- M V LT^^ 5 ■ CO N' SC R. VX I T ■ ;■:, ■^^ V/////-AV S 



T&-BFN£-D|T5\Vir,-TlBirO>^C lÄ C A STKA'/// AR Ifln m/llili 



|\/ LI ILL t ft.€ yiK PLOR 5\ ;^c)0 M t IVV CU M - //////W///////// 



g VQD ■ $ ) B I ' g O t-jn g (V PK e S T6C - XP,C • P£ V 5 A ////a/A// 



\\ ;C '.> ßl 'iJ Hiiiiiiiifo_,i;iiiiinii;t^i:iiiii i^ v-\-:-\ C-4iN ; M" C C /// /'//////W^M/ 



V 1 V Siliiill/i'f\ i12 m' ^^'ÖV\ C SC.ÄG ////////// //"/IN/// ////// / / /// 



T 



1 _|_ frhlf -n, alln, Juhl. — FINSTINGA Bromr. Ihuis.. \V„I- 
yaiuJ. — FYN. Cod. rar. GOHf!. — PRESUL Waih. — FVIT 
HIC ORIVNDVS (dir Edd. 

2. FVIT • ORBE • SECVNDVS ,dlv Edd. 

H. TR EBER IS • TIBI • FIDVS ■ AlMICVS <iUr Edd. 

5. MAGNIS Ihoinr, Wjittodxuh et MiUlrr. ILnism, Widniud. — 
MAGNVS Ua/Y..-. 



— 240 — 

6. Ulis Waiü: — VOTA statt VERBA Brower, Wijttmhach et 
Miilhr, Waitc. — SVPPEDITABAT alle Edd. - DABAS, 
SVPEDITABAS Waiü. 

7. AVLAS alle Edd. 

8. DOTAVIT Bronrr, Wi/ttctd)a(h ei 3Iidler, Watt.z , Hansen , ]V<d- 
rand. — FORTIA alle Edd. — PARAVIT «7/^ Edd. 

9. CVM • FLETIBVS ORA alle Edd. 
10. CHRISTVS alle Edd. 

Die beiden Schlussverse giebt nur Brower ; es ergiebt sieh daraus 
als Gesanittext: 

-|- de FinedingajiraesHlfuit- [hie oj riundus 
morihns • et • uiia • müli fnit • orfhje [seeundujs 
nohilis ■ Henricas • Trcberi.s ■ [tijhi • flfdus amicus] 
cura ■ üäs mm'his ■ honor • et -par ■ vrhis • et ■ orhis 
ö reetor • erat • magnus • denotis ■ extltit ■ agnus 

his -pia • uerha ■ dahat ■ tumidos ■ tibi • suppeditfabat] 
ipse ■ tibi ■ eaulas ■ multas ■ eonstrux'd ■ ei ■ au[ laj.t 
te • bcne ■ ditauit ■ tibi ■ foreia ■ eastra ■ [p]ar[auit] 
nunc • Trevir -plora • dominufm] • cum ■ [fletihns ora] 
10 (piod ■ sihi ■ solamen prestet ■ crs • deus ■ almen] 

hie ■ obiit ■ [se.rtjo ■ ßal] m[aii] ■ anno ■ dm ■ MCCfLXXXVIJ 
cuius ■ [anjlmfa] . requiescat • [in ■ pace] 

6 und 7 beziehen sich auf die zahlreichen Fortifikationsbauten, 
welche Heinrich von Finstingen insbesondere zum Schutze der Stadt 
Trier (wo er auch das Palatium restaurierte) nach dem Zeugnis der 
Gesten vornahm. 

9 in DOMINV hat der Steinmetz den Strich über V vergessen. 

10 XRG • der Text der hischrift scheint aber XRG zu haben, 
jedenfalls hat der Urheber derselben sich für die Schreibung des Wortes 
Christ US noch an die alte Sigla XPC = Xqiotös angelehnt. 

11 DNI Brower druckt DOMINI, doch scheint mir das Original 
die Abbreviatur zu geben. 

11 und 12 W' eichen hinsichtlich des Charakters der Schrift so 
stark von dem Rest der Inschrift ab, dass ich diese Zeilen für einen 
späteren Zusatz halten muss: sie fehlen auch in den von Wyttenbach 
und Müller benutzten Hss. 

In ihrem paläographischen Habitus stellt die Inschrift den in der 
zweiten Hälfte des 13. .lahrhunderts bei uns noch allgemeinen Typ der 
Mischung capitaler und uncialer Formen dar: noch fehlt fast jede Spur 



— 241 — 

eines Ueberganges zu der sog. gothischen Majuskel. Die Auslulirung ist 
sorgfältig: von Ligaturen ist ein sehr massiger Gebrauch gemacht, 
regelmässig ist der Wechsel der capitalen E, V, D mit den uncialeii 
D, E, U, wie auch ein ähnlicher Wechsel in den Buchstaben A, M. T 
zu bemerken ist. 

Sprachlich und inhaltlich sind diese zehn leoninischen Verse nicht 
besser und schlechter als die Mehrzahl ihrer Zeit. Das Lob, welches 
dem Toten in diesem Ei»itaph gespendet wird, lässt deutlich erkennen, 
dass sein Verfasser auf jener Heinrich von Finstingen günstigen Seite 
stand, von welcher die zweite Vita (»Flistorias conscribere«) ausging. 
Wenn in dieser (Wyttenbach et Müller II, 121; Waitz 461) .gesagt 
wird: »vir magni consilii fuit, in spiritualibus et temporalibus circum- 
spectus et sagacissimus in acquirendo transitorias huius mundi facul- 
tates, et quod laude dignum est, clerus et populus Treverensis bona 
pace fretus sub ipso principe gaudebat metasque iurisdictionis ecclesie 
Treverensis (iducialiter dilatavit ac totam provinciam suis temporibus 
feliciter gubernavit«, so erkennt man in diesem Satze wörtliche Nach- 
klänge des Epitaphiums. Auch Vers 6 spricht leise aus, was beide 
Biographien betonen: der Erzbischof hätte noch viel mehr für Trier 
und seine liilerthanen gethan, wenn er, um die Anerkennung in Rom 
zu finden, nicht so grosse Summen auf seine Reisen dorthin verwenden 
und der Curie selbst hätte auszahlen müssen — si curie Romane 
tantam summam pecunie non solvisset. Und so stellt denn dies Epitaph 
eines unserer hervorragendsten Kirchenfürsten des 13. Jahrhunderts 
ein kleines Stimmungsbild dar, dem der Lothringer wie der Trierer ein 
gewisses Interesse nicht versagen wird. 



— 242 — 



Die reiclisunniittelbaren Herren im Gebiete des heutigen Lothringen 
und ihre Schicksale in den Jahren 1789-1815. 

Von Dr. Fr, Grimme. 



Von den zahlreichen grossen nnd bedeutenden Gebieten, die das 
Deutsehe Reich im Mittelalter auf der linken Rheinseite besessen, waren 
ihm im Laufe der .lahrhunderte nicht wenige entrissen und mit der 
Krone Frankreichs verbunden worden. Was ausser den eigentlichen 
sogenannten Rheinlanden im .Tahre 1789 noch in seiner Gewalt sich befand, 
waren ganz geringe Reste der alten Herzogtümer Lothringen, und sie 
waren politisch dem oberrheinischen Kreise zugeteilt. Schon seit den 
frühesten .Tahrhunderten hatte Frankreich ja nach der Rheingrenze 
seschielt, und die Ausdehnuns seines Gebietes nach Osten zu, die 
Wiederherstellung des alten lotharingischen Reiches in seinem früheren 
Umfange unter dem Lilienbanner, war von Alters her der rote Faden, 
der seine ganze Politik durchzog. Mochte dieses Streben auch für 
manche Jahrzehnte, als Frankreich mit England um seinen eigenen 
Grund und Boden kämpfen musste, nicht so offen zu Tage treten, 
aufgesehen hat man es nie: und wenn Carl VIIL im Jahre 1444 die 
Städte in Lothringen und im Elsass aufforderte, sich zu unterwerfen, 
da Frankreich seine natürlichen Grenzen bis zum Rhein wieder haben 
müsste, so sprach er das nur offen aus, was sämtliche französische 
Herrscher vor ihm gedacht hatten. Wohl vermochte er seine Absichten 
noch nicht ganz in die WirkUchkeit umzusetzen, da der Friede zu 
Trier den französischen Gelüsten vorläufig noch ein Ziel setzte, aber 
bei der offenkundigen Schwäche des Deutschen Reiches konnte es doch 
nur eine Frage der Zeit sein, wann der Rhein aufgehört haben würde, 
Deutschlands Strom zu heissen. Der Kampf gegen das Deutsche Reich, 
besonders gegen das mächtige Haus Habsburg, hat von den Tagen des 
ausgehenden Mittelalters nicht mehr geruht: Franz I. lebt in ununter- 
brochenem Kriege mit dem deutschen Kaiser, und sein Nachfolger, 
Heinrich H., bringt auf die sattsam bekannte Weise die weiten Gebiete 
von Metz, Toni und Verdun an Frankreich und fasst so, als der erste, 
festen Fuss im heutigen Lothringen, um selbst nicht wieder zu weichen, 
als ganz Deutsehland gegen ilm in Waffen. Mit dem Rückzuge Karls V. 



— 243 — 

von Met/ im Dezember 1552 ist eigentlich das Schicksal unserer 
Gegenden schon entschieden. Frankreich hat sich in Mitten des 
deutschen Landes eingenistet, und die alte Moselveste wird von nun an 
das Ausfallsthor für die fränkischen Heere, welche sich anschicken, das 
eben erst begonnene Werk der Zerstückelung Deutschlands zu vollenden. 
Die Zeiten eines Ludwig XIII. und XIV. bildeten gleichsam einen un- 
unterbrochenen Eroberungs/Lig gegen Osten, und der Lohn ihrer Be- 
mühungen war die Erwerbung zahlreicher burgundischer und luxem- 
burgischer Lande und des schönen Elsass. Die berüchtigten lleunionen 
suchten mit einem Male reine Bahn zu machen und den Rheinstrom 
völlig in französische Gewalt zu bringen, doch verzichtete Ludwig XIV., 
wie bekannt, im Frieden von Ryswick 1697 auf sämtliche reunierten 
(iebiete ausserhalb des Elsass und gab die besetzten Länder ihren 
rechtmässigen Herren zurück ; aber es konnte kaum mehr lange währen, 
bis diese mitten in französischen Landen eingesprengten Gebiete end- 
gültig ihre Selbständigkeit verloren. Bereits im Jahre 1661 erwarb 
Frankreich durch den Vertrag von Vincennes von Lothringen die 
Stadt Pfalzburg mit den zur Herrschaft gehörigen Dörfern und stellte 
so die ihm notwendige Verbindung mit dem Elsass her. 1766 tiel nach 
dem Tode Stanislaus Lesczynskis das Herzogtum Lothringen mit 
sämtlichen Anhängseln, wie Finstingen, Mörchingen, Forbach und Pütt- 
lingen, an Frankreich, und durch den Vertrag vom 27. September 1781 
wurde auch der Graf v. d. Leyen aus dem Gebiete des heutigen Loth- 
ringen hinausgedrängt. Als nun im Jahre 1789 die französische Re- 
volution ausbrach, die ja die Landkarte von ganz Europa in einer 
Weise verändern sollte, wie dies nie vorher der Fall gewesen, war zwar 
durch die ununterbrochene Eroberungspolitik dos französischen Hofes 
der weitaus grösste Teil des jetzigen Deutschlothringen unter dem 
Lilienbanner vereinigt und dem Reiche entfremdet, dennoch waren 
verschiedene grössere oder kleinere Gebiete vorhanden, deren Herrscher 
noch Glieder des Deutschen Reiches waren. Trotz aller Fähriüsse und 
Nöten waren sie bis jetzt den gierigen Krallen der Franzosen ent- 
schlüpft, und erst die Wogen der Revolution haben sie endgültig von 
der europäischen Staatenkarte weggeschwemmt. Sie waren sämtlich 
im sogenannten Westrich gelegen imd bildeten ein ziemlich zusannnen- 
hiingendes Ganzes auf beiden Ufern der Saar von ihrer Quelle an bis 
in die Gegend von Saargemünd. Während die ursprimglichen ein- 
heimischen Herr.scherfamilien dieser Territorien im Laufe der Jahr- 
hunderte fast durchgehends ausgestoj-ben waren, befanden sie sich zu 
Ende des vorigen .laluhundcMls iui Resilze gi'()sserer oder kleinerer 



— 2U - 

DyiiaslengeschlüehU'r, die auch son^l noch an den lUieinufeni bügiUeii 
waren, und hatten somit einen immerhin etwas festeren Rückhalt am 
Deutsclien Reiche, als wenn] sie ganz allein auf sich und ihre Macht an- 
gewiesen gewesen wären. Dennoch aber war das morsche, in seinen 
Fugen erschütterte Reich nur im stände, in friedlichen Zeiten eine 
achtenswerte Unterstützung diesen so weit vorgeschobenen Posten des 
Deutschtums angedeihen zu lassen; diese versagte aber sofort, als der 
Sturm der Revolution über die Lande dahinbrauste, und so ist es 
wohl begreiflich, dass gerade die unmittelbaren Gebiete des heutigen 
Lotliringen neben dem päpstlichen Avignon die ersten waren, welche 
von der Revolution verschlungen und dem französischen Reiche ein- 
verleibt wurden. Doch betrachten wir zunächst diese Ländchen und 
Stätchen etwas näher. 

L 

Als die Wogen der Revolution anfingen, auch in den Rereich 
des heutigen Lothringen hinüber zu sclilagen, gab es in luiseren Ge- 
genden noch zehn Herrschaften, deren Fürsten unmittelbare Glieder 
des Deutschen Reiches waren, und deren Länder sich noch frei von 
der franz()si-chen Vormundschaft gehalten hatten. Zu diesen zählte 
zunächst 

die gefürstete Grafschaft Salm'). An den Abhängen der 
Vogesen gelegen, dergestalt, dass der Lauf der oberen Dreusch sie von 
dem Elsass trennte, war sie ursprünglich nach Süden und Westen vom 
Herzogtum Lothringen und dem Gebiete des Distums Metz eingeschlossen, 
von dem sie auch in den ältesten Zeiten zu Lehen ging. Noch im 
.Jahre 1499 haben die Grafen von Salm Lehensbriefe vom Ristum Metz 
gelöst. Die erste grössere Teilung des Landes fand statt im Jahre 1449, 
indem die Grafen Simon IL und .Johann VI, eine Scheidung ihres Erbes 
vornahmen. . Des ersteren Anteil fiel, da er ohne männliche Nach- 
kommen war, an seine Tochter Johanna, und diese brachte ihn ihrem 
Gemahl, dem Rheingrafen von Dhaun-Kyrburg zu, dessen Nachfolger 
den Titel »l^heingrafen von Salm« führten. Die andere Hälfte kam im 
Jahre 1600 ebenfalls durch Heirat an Graf Franz von Vaudemont, den 
späteren Herzog von Lothringen; doch w^ar die Trennung der Länder 
keine vollständige, und bis zum Jahre 1751 ist die Grafschaft Salm 
von beiden Parteien gemeinschaftlich regiert, und die Einkünfte der- 
selben sind geteilt worden. Der Rheingraf Philipp Otto von Salm wurde 

^) Da.s folgende meistens nach: Die allen Territorien des Bezirks Loth- 
ringen, 132 ff. 



— 24Ö — 

vom Kaiser am 8. Januar 1(523 in den erbliclien Reichsfiirstenstand 
erhoben und ebenso die Grafschaft Salm zum Reiclisfürstentum ge- 
macht. 1654 erhielt die letztere Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat 
der Art, dass der Erbe des Landes die Stimme führen durfte. Zwar 
starb die fürstliche Hauptlinie bereits im Jahre 1738 mit Ludwig Otto 
aus, doch folgte ihm in der Regierung der Grafschaft Nikolaus Leopold 
aus dem Hochstraatenschen Zweige, der sich von nun an Fürst von 
Salm-Salm nannte. Um den Schwierigkeiten ein Ende zu machen, 
welche notwendiger Weise die Teilung der Gerechtsame zwischen Salm 
und Lothringen mit sich bringen musste, schloss der letztgenannte am 
21. Dezember 1751 mit Stanislaus Le.sczynski, dem Herzoge von Loth- 
ringen, einen Vertrag, durch welchen der bisherige gemeinsame Besitz 
der Grafschaft aufgelöst, und diese selbst geteilt wurde. Es wurde 
daher bestimmt, dass die Mitte des Laufes der Plaine die Grenze 
zwischen Lothringen und Salm bilden sollte, hifolgedessen fiel die alte 
Hauptstadt des Ländchens Badonviller an Lothringen, und die Fürsten 
von Salm residierten von nun an in der Abteistadt Senones. Der letzte 
Herrscher war Constantin Alexander, der durch die französische Re- 
volution Thron und Land verlor und seitdem in der seinem Hause 
1648 durch Erbschaft zugefallenen reichsunmittelbaren Herrlichkeit 
Anholt im westfähschen Kreise Wohnsitz nahm. Die gefürstete Graf- 
schaft Salm zählte nach der Teilung im ganzen noch 22 Orte und 
Dörfer, nämlich Grandfontaine, Plaine, Sauixures und Vorbruck, im 
heutigen Deutschlothringen gelegen, ferner Allarmont, Belval, Celles, 
Cliatas, Grandrupt, La Petite-Raon, Le Menil, Le Mont, Le Puid, Le 
Saulcy. Le Vermont, Luvignv, Moussey, Raon-sur-Plaine, Senones, 
St. Stall, Vexaincourt und Vieux-Moulin. die dem französischen De- 
partement des Vüsges angehören. Die Einkünfte dieses Gebietes wurden 
auf rund 60000 Gulden veranschlagt \). 

Die Herrschaft Diemeringen ^j, im Eichelgau gelegen, war eine 
der kleinsten reichsunmittell)aren Gebiete des alten oberrlieinischen 
Kreises. Sie umfasste in zwei getrennten Stücken nur drei Dörfer, 
nämlich Diemeringen, Ratzweiler und Dehlingen, dazu kam noch ein 
kleiner Teil des Gemeindebannes von Rahlingen, das selbst unter loth- 
ringischer Hoheit stand. Das Ländchen war im .lahre 1521 an den 
Rheingrafen .lohaiin von Kyrburg gekommen, hat nacii dessen 1531 
erfolgten Tode die verschiedensten Sireiligkeiten durchgemacht, da sämt- 
Hche Angehörige des rheingräilichen Hauses Ansprüche geltend machten, 

^) V. llofr, Das leulsche IWmiIi vor der französischen Revolution iiiid iiacli 
dem l-'rieden von Lunöville I, 180. — *) Lothr. Territorion, 168. 



— 246 ^- 

so die Fürsten von Salm, die Rlieingrafen von Neuweiler (Hochstraaten), 
von Kyrburg, Grumbach, Dhaun und vom Rheingrafenstein. Durch 
Urteil des Reichskammergerichts vom 20. Dezember 1764 wurden die 
Rheingrafen als Erben eingesetzt, und diese einigten sich dahin, dass 
Diemeringen eine vierherrige Gemeinherrschaft sein sollte, der Art, dass 
die zwei fürstlichen Linien Salm-Salm und Kyrburg je ^/k;, die Rhein- 
grafen von Grumbach und vom Rheingrafenstein ^) je ^/ig aus den Ein- 
künften beziehen sollten. Diese können kaum bedeutend gewesen sein, 
und wenn die Einnahmen der Wild- und Rheingrafen auf überhaupt 
lOOOOO Gulden angegeben werden^), so wird Diemeringen wohl den 
kleinsten Teil davon aufgebracht haben. 

Die Reichsgrafschaft Kriechingen^) ist eine der jüngsten 
staatlichen Schöpfungen innerhalL) des oberrheinischen Kreises, da sie 
erst im Jahre 1617 vom Kaiser Mathias zur Reichsgrafschaft erhoben 
wurde. Sie umfasste in den heutigen lothringischen Kreisen Bolchen 
und Forbach in vier völlig getrennten Stücken zehn Orte, von denen 
Büdingen, Dentingen, Kriechingen, Momersdorf und Steinbiedersdorf 
ganz, dagegen F'olschweiler, Kuhmen, Lellingen, Niederwiese und Tetingen 
nur teilweise der Grafschaft angehörten. Nachdem am 5. Mai 1681 
der Graf Johann Ludwig als der letzte seines Namens gestorben, kam 
die Herrschaft an seine Schwester Anna Dorothea, die mit dem Reichs- 
grafen Edzard Ferdinand Cirksena von Ostfriesland vermählt gewesen 
war. Deren Tochter Christine Louise verheiratete sich 1726 mit dem 
Grafen Johann Ludwig Adolf von Wied-lsenburg-Runkel ; sie brachte 
so die Grafschaft an dieses Haus, und ihr Sohn, Graf Christian Ludwig, 
der im Jahre 1757 die Regierung antrat, war der erste und letzte 
Herrscher aus der neuen Linie. Die Grafschaft umfasste im Ganzen 
zwei n Meilen, hatte beim Ausbruch der Revolution 5000 Einwohner 
und brachte ihrem Regenten an Einkünften jährlich gegen 50000 Gulden 
ein'^). Nach Hoff'') sollen die Grafen von Kriechingen im Jahre 1769 
einen Unterwerfungsvertrag mit Frankreich geschlossen, die französische 
Hoheit über ihr Land anerkannt und nach dem Muster der elsässischen 
Reichsstände Patentbriefe gelöst haben. Dem gegenüber ist zu be- 
merken, dass die Grafschaft bis zu ihrer endgültigen Einverleibung in 
Frankreich (1793) stets frei und unabhängig geblieben ist, und dass die 
französische Regierung nur wiederholt freund-nachbarlich der gräilichen 



^) Letztere starben am 1. .Tuni 179B aus und wurden von den Grafen 
von (irumbach beerbt. — -) v. Hoff 1,181. ~ •'') Lothr. Territorien, 288. ~ 
*) V. Hoff T, 184. - ^) Ib. 1, 99. 



— 247 — 

Herrschaft die königliche Assistenz zum Vollzug von Reichs- und Kreis- 
beschlüssen angeboten hat^). 

Die Erbkastenvogtei llerhitzheim^j, an der Saar gelegen, um- 
lasste die Ortschaften Herbitzheim, Keskastel und Oerniingen ganz, 
(Ireningen, Kaihausen und llahlingen zum Teil. Sie bildete ursprünglich 
den freien Besitz der Benediktinernonnenabtei »Zu unserer lieben Frau«', 
die in den Stürmen der Reformationszeit aufgehoben wurde. Vögte 
derselben waren seit Alters die Grafen von Saarbrücken, und sie 
führten in dieser Eigenschaft den Titel: »Erbkastenvögte, Land-Schutz- 
und Schirmherren«. Am 1. April 1544 hatte die Aebtissin Amalie 
von Altdorf die Güter der Abtei dem Grafen von Saarbrücken über- 
lassen, und diese wurden daher 1556 als Hausgut des Hauses Nassau 
eingezogen. Bei der Teilung der iiassauischen Hausgüter (1629) kam 
Herbitzheim als besonderer Besitz an Nassau-Saarbrücken, doch einigle 
man sich durch Familienvertrag im Jahre 1745 dahin, dass Herbitzheim 
mit Keskastel und den andern Dörfern Nassau -Weilburg zugesprochen 
wurde, während nur Oermingen bei Saarbrücken verblieb. 

Die reichsunmittelbare Grafschaft Saarwerden^) war das 
grösste der deutschen Gebiete im Westrich, da sie mehr als 30 Dörfer 
iimfasste. Sie war ursprüngUch allodialer Besitz, welchen die Grafen 
von Saarwerden aus dem Hause Metz-Luneville in der Zeit erworben 
haben dürften, als ihnen auch die Grafschaft im oberen Saargau ge- 
hörte. Durch Erbschaft kam die Hälfte des Gebietes im Jahre 1512 
an den Grafen Johann Ludwig von Nassau-Saarbrücken, während die 
andere Hälfte vom Bischof von Metz, angeblich als erledigtes Lehen 
der Metzer Kirche, eingezogen und dem Herzoge Anton von Lotiiringen 
überlassen wurde, trotzdem Kaiser Karl V. auf die Seite Nassaus trat, 
und auch dieses Haus durch Beschluss des Reichstags von Augsburg 
vom 22. Oktober 1580 ün Besitze geschützt wurde. Nach jahrhundert- 
langen Verhandlungen wurde endlich im Frieden von Ryswick ( 1697) 
bestimmt, dass die Metzer Lehen bei Lothringen verbleiben, das üebrige 
jedoch Nassau zugesprochen werden sollte. In dem schon erwähnten 
Familienvertrage des Jahres 1 745 wurde zwischen Nassau-Saarbrücken- 
und -Weilburg die Tciilung in der Weise vorgenommen, dass ersteres 
zwei Drittel erhielt, während Weilburg mit einem Drittel abgefunden 
wurde. Die Saarbrückschen Besitzungen bildeten das Oberamt Hars- 
kirchen mit den Dörfern Altweiler, Bärendorf, Berg, Bissert. Büst, 
Bütten, Diedendorf, Donifess<'l. Drulingeii, l'>cli\veiler, G()rliiigeii. Ilars- 
kirehen, Hinsingeii, Miis( lihiud. Kirberg, Ldrcii/cii. Mackwcilci-, Ovv- 

'j LoLlir. i'cn-ilorien, .M. -, \\<. 1X7. — •') ib. li)7. 



— 248 — 

Illingen, Üttweiler, Rauweiler, Rexingen, Sieweiler, Thal, Weyer und 
Wolfskirchen, während das Weilburgsche Amt Neusaarwerden folgende 
elf Orte umfasste: Burbach, Eyweiler. Herbitzheim, Keskastel. Neu- 
saarwerden, Pisdorf. Bimsdorf, Scliopperten, Silzheim, Völlerdingen und 
Zollingen. Die Einkünfte des Grafen von Saarbrücken aus seinem 
Anteil an Saarwerden und Herbitzheim beliefen sich beim Ausbruch 
der Revolution auf mehr als 27000 Gulden \), während über die Weil- 
burgschen keine bestimmten Angaben vorliegen, doch werden sie mit 
12000 Gulden wolil kaum zu hoch eingeschätzt sein. 

Im Gebiete des heutigen Lothringen besass Nassau-Saarbrücken 
weiter noch als souveraines Eigen die Dörfer Settingen und Diedingen-), 
südlich von Saargemünd, und hatte Anteil am alten Warendwald ^), 
ohne dass sich die Einkünfte aus diesen Gebieten näher bestimmen lassen. 

Im Besitze der Reichsritterschaft befand sich die Herrschaft 
Lixingen^), zwischen Forbach und Saargemünd. Sie umfasste die 
Dörfer Lixingen, Iplingen und Ebringen ganz, von Rundlingen nur den 
sogenannten Hersingerbann und die Hälfte von Ruhlingen. Besitzer 
dieser Herrschaft waren die Herren von Kerpen, deren Stammgüter 
im alten Herzogtum Jülich an der Erft gelegen waren. Wahrscheinlich 
war Lixingen in alter Zeit ein Burglehen der Grafen von Saarbrücken, 
und es befand sich zunächst in den Händen der Herren von Wars- 
berg : seit 1 552 sind die Herren von Kerpen die Besitzer, die es durch 
Heirat an sich gebracht. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts hat Saar- 
brücken auf seine Lehnsrechte verzichtet, und Lixingen wurde darauf 
in die Matrikel der Reichsritterschaft des Kantons am Dberrhein ein- 
getragen, zu dem es noch beim Ausbruche der Revolution gehörte, 
üeber die Höhe der Einkünfte habe ich nichts Näheres in Erfahrung 
bringen können. 

Ebenfalls im Rereich der Reichsritterschaft war die Herrschaft 
Assvveiler^), nur das eine Dorf gleichen Namens in der Nähe von 
Drulingen umfassend. Es war ein Lehen der Grafschaft Lützelstein im 
Elsass und stand somit in Abhängigkeit von dem Hause Pfalz-Zwei- 
brücken. Seit dem Jahre 1606 war die Herrschaft im Besitz der 
Herren von Steinkallenfels bei Kirn a. d. Nahe. Obwohl sie ständig im 
Lehensverband mit der Pfalz geblieben ist, wurde sie dennoch im 
Jahre 1728 bei dem rheinischen Ritterkreise Kanton am Niederrhein 
immatrikuUert. Die Einkünfte können nur gering gewesen sein. 



'; IIoiri,«J7. — 2) Lothring. Territorien, 186. — *j Ib. Iü4. — *) Ib. 254. — 
•^) Ib. 256. 



— 249 -^. 

Auch der deutsche Ritterorden besass im lieutigeri Lothringen 
eine freie Herrschaft, die das Dorf Hundlingen^) und einen Teil von 
Ruhhngen umfasste. Sie gehörte zur Comthurei Saarbrücken der Bailei 
Lothringen, und sie ist trotz mancher Schwierigkeiten und Anfechtungen 
bis zur Revolution beim Orden verblieben. 

Als letzte reichsunmittelbare Besitzung in Lotlningen wäre das 
Amt Lemberg-j der Grafschaft Hanau-Lichtenberg zu erwähnen. 
Während die Hauptmasse dieser zur Zeil der Revolution dem Land- 
grafen von Hessen-Darmstadt gehörigen Herrschaft im Bereich des 
Elsasses lag und durch den Frieden von Ryswick ihre Reichsunmittel- 
barkeit verloren hatte, war das Amt Lemberg, das zum Teil in Loth- 
ringen lag, sich al)er noch weit in die Pfalz hinein erstreckte, infolge 
der Bestimmungen desselben Friedens nicht unter französische Ober- 
hoheit gekommen und hatte somit die volle Zugehörigkeit zum Reiche 
bewahrt. Zu ihm zählten in Lothringen die Gemeindebänne von 
Bärenthal und Philippsburg mit den Schlössern Falkenstein, Ramstein, 
Grossarnsberg und Rothenburg, ferner das Dorf Obersteinbach mit den 
Rurgen Kleinarnsberg und Lützelhardt und dem Weiler Neunhofen, 
sämtlich in der Gegend von Ritsch an der Grenze des Unterelsass 
gelegen. 

Ausser diesen genannten vollständig reichsunmittelbaren Herr- 
schaften befanden sich jedoch im Bereich des heutigen Lothringen noch 
zahlreiche Besitzungen einheimischer und deutscher Grossen und Herren, 
die zwar unter franzö.sischer Oberhoheit standen, dennoch aber sehr 
bedeutende Rechte und Einklinfte sich gewahrt hatten. Sie waren 
meistens Lehen der im Laufe der Zeiten an Frankreich gekommenen 
grösseren Gebiete, Luxemburgs und Lothringens, und die hihaber dieser 
Leiien waren bei der fJesitzergreifung -durch Frankreich ausdrücklich 
in ihren Rechten anerkannt und bestätigt worden. Sie traten eben 
nunmehr für diese Herrschaften in das gleiche Verhältnis zum fran- 
zösischen Königtum, wie es bis dal i in zwischen ihnen und dem Kaiser 
bestanden hatte, ohne aber dadurch den Charakter als deutsche Reichs- 
fürsten zu verlieren. Die Zwilterstellung, in welcher diese Länder sich 
befanden, hatte schon Jahrhunderte lang Stoff zu Streitigkeiten ge- 
geben, und beiderseits war verschiedentlich versucht worden, die Ge- 
rechtsame näher abzugrenzen, doch hatte Frankreich als der Mächtigere 
immer den Vorteil daraus gezogen, und schliesslicli war eine Reihe 
von Reichsfürsten dazu übergegangen, um wenigstens etwas zu retten, 
besondere Verträge mit der französischen Krone abzusehliessen, in 



') Lothr. TeiTil..iR-n, 2in. — -j Ib. 174. 



— 250 - 

denen sie die Souveränität Frankreichs förmlich anerkannten und sich 
von diesem ihre weiteren Rechte gewährleisten Hessen. »Solcher Ver- 
träge — sagt Häusser^) — allerdings ohne Zustimmung des Kaisers 
und des Reiches, v^aren zu Ende des 17. und im Laufe des 18. Jahr- 
hunderts eine ganze Menge geschlossen worden ; in der Regel ver- 
kündete eine lettre patente des Kc'uiigs den Parlamenten das neue 
Verhältnis, in welchem sie einerseits zur Krone, andererseits zu ihren 
Unterthanen standen, und von den Parlamenten wurden diese könig- 
lichen Briefe gleich anderen Edikten einregistriert. In solch ein 
Verhältnis war schon Ende des 17. Jahrhunderts das Stift Strassburg 
eingetreten, später (1756) auch Speier, Württemberg (1758), Pfalz- 
Zweibrücken (1768), Kurtrier (1778) und andere, soweit ihnen im 
Elsass, in Lothringen und Burgund Güter und Rechte zustanden. Zur 
Zeit, wo die Revolution ausbrach, bestanden diese Verträge zu Recht; 
zwar erkannte das Reich dieselben nicht an ; die deutschen Reichs- 
stände aber, die solche eingegangen, glaubten sich in ihrem Besitz- 
stande, den sie mit erheblichen Opfern erkauft, fortan vertragsmässig 
in der Weise geschützt, dass darin nur mit ihrer freien Zustimmung 
und durch neue Verträge eine Aenderung vorgenommen werden könnte.« 

Zu diesen Gebieten ist zu rechnen die luxemburgische Herrschaft 
Rodemachern ^) im heutigen Kreise Diedenhofen, mit mehr als 
zwanzig Orten und Dörfern, die am 15. November 1492 durch König 
Maximihan L dem Markgrafen Christoph von Baden, Statthalter in 
Luxemburg, geschenkt wurde, um sie als Erblehen zu tragen. Trotz 
zahlreicher Anfechtungen und Prozesse ist sie im Besitze der Mark- 
grafen von Baden verblieben, die oft, aber stets vergeblich versucht 
haben, sich der luxemburgischen Lehensherrlichkeit zu entziehen und 
für Rodemachern die Reichsunmittelbarkeit zu erhalten ; vielmehr wurde 
letzteres durch den Vertrag von Versailles (16. Mai 1769) von Luxem- 
burg an Frankreich abgetreten, und die Markgrafen haben später, zu- 
letzt nocli im Jahre 1782, dem französischen Könige den Lehenseid 
geleistet. 

Die Freiherrschaft RoUingen^), im Gebiete der deutschen Nied 
gelegen, war ebenfalls ein luxemburgisches Lehen. Sie umfasste die 
Dörfer Baumbiedersdorf, Bizingen, Brüchen, Halleringen, Heisdorf, 
RoUingen und Wieblingen, dazu Teile von FülUngen und Zondringen. 
Die Herrschaft war gegen Ausgang des Mittelalters zur Hälfte an die 
Herren von Kriechingen gekommen, die auch in der Folgezeit fast die 

') Häusser, Deutsche Geschichte vom Tode Friedrichs des Grossen bis zur 
Gründung des deutschen Bundes I, 27(i. — ^) Lothr. Territorien, 54. — ^) Tl). 104. 



— 1^51 — 

gesamte zweite Hälfte dazu erwarben. Durch die Heirat der scliuii oben 
erwähnten Erbtochter Anna Dorothea mit dem Beichsgrafen Edzard 
von Ostfriesiand fiel die Lehensherrschaft diesem anheim, und als seine 
Enkelin Christine Luise im Jahre 1725 den Reichsgrafen Johann Lud- 
wig Adolf von Wied-Runkel ehelichte, brachte sie mit der Grafschaft 
Kriechingen auch die Herrschaft Rollingen an Wied-Runkel, bei welchem 
Hause sie beim Ausbruch der Revolution noch war. 

Auch im Gebiete des alten Herzogtums Lothringen waren mehrere 
Lehensherrschaften, die, wie die Stammlande selbst, infolge des Wiener 
Friedens und nach dem Tode des Herzogs Stanislaus (1766) unter 
französische Oberhoheit kamen, während den Inhabern derselben 
sämtliche Herrenrechte und Einkünfte verblieben. Ausser dem Marquisat 
Falkenberg an der deutschen Nied, das nach dem Aussterben der 
Herrn von Finstingen in französische Hände gelangte und daher ausser 
den Bereich dieser Betrachtung fällt, ist hier zu nennen : 

Die Grafschaft Püttlingen im heutigen lothringischen Kreise 
Forbach. Sie umfasste die Stadt gleichen Namens und nach Huhn\) 
20 Dörfer, nämlicli Castweiler, Diefenbach, Ernstweiler, Heckenransbach 
zum Teil, Farschweiler, Grundweiler, Gebenhausen, Lupershausen, 
Metzingen, Moosbronn, Nussweiler und das val de Holving, bestehend 
aus Holwingen, Balleringen, Bettringen, Diderfingen, Hinzingen. Hirbach, 
Biclilingen und Schmalhof. Die Kirchner'sche Karte ^) verzeichnet dazu 
noch Remaringen, während HolT^) den Umfang der Grafschaft auf 
23 Dörfer angiebt. Ursprünglich befand sich diese in den Händen der 
Grafen von Blieskastel^), kam durch Erbschaft um das Jahr 1278 an 
die Grafen von Salm und nach Aussterben dieser durch die Erbtochter 
Johanna mit der Hälfte von Salm und Mörchingen an ihren Gemahl, 
den Wild- und Rheingrafen Johann (t-1499). Später gelangte Pütt- 
lingen an die jüngere rheingrälliche Linie von Dhaun. Der letzte dieses 
Stammes, Johann Friedrich, starb im .Tahre 1750, ohne männliche 
Nachkommen zu hinterlassen, und so ging die Grafschaft über an 
die Grätin Katharina von Leiningen, die Tochter des Grafen Carl 
Ludwig von Leiningen-Bockenheim aus der Hartenburger Linie, und 
der Bheingrälin Karolina von Dliaun, die eine Bruderstochter des ge- 
nannten Johann Friedrich war. Diese nun vermählte sich mit dem 
Fürsten Theodor Alexander von Löwenstein-Werlheim-Rochefort und 
brachte ihm u. a. auch Püttlingen als .Morgengabe zu. Ihr Sohn 



») Huhn, Deutsch-Lothringen, 893. — '^) Das Jieiclisland LoUuingen am 
l. Februar 17(;6. — ') IIolT, a. a. O. I, 99. — *) Die folfrenilon Mitteikinjrcn ver- 
(lanl<e irii (icm Ilenn Ministeriuh-at Kreiherrn dn Tid in Strassburg i. K. 



— 252 — 

war der Fürst Dominikiis Gonstantius von Löwenstein, der 1780 die 
Regierung antrat und beim Ausbruch der Revolution sich noch im Be- 
sitze Püttlingens befand. Nach dem Umfange der Grafschaft zu 
schhessen, müssen die herrschaftUchen Einkünfte nicht gering gewesen 
sein, wenngleicli genauere Angaben hierüber mir nicht zur Verfügung 
standen. 

An PüttUngen grenzte im Norden die Grafschaft Forbach, 
ausser der Stadt selbst noch 6 Dörfer umschliessend, nämlich Klein- 
Rosseln, Stieringen, Spichern, Alstingen, Oetingen und Kerbach. Sie 
kam nach zahlreichen Wandlungen im .Tahre 1602 durch Erbschaft an 
die Grafen von Leiningen -Westerburg und von Eberstein ^), die bis 
zum Jahre 1618 gemeinsam die Regierung führten, sich dann aber in 
die Herrschaft teilten. Als jedoch die letztere Linie 1660 im Mannesstamme 
erlosch, suchte Johann Ludwig von Leiningen -Westerburg beim Herzog 
Karl IV. von Lothringen die Belehnung mit der ganzen Herrschaft nach 
und erhielt sie auch, sodass nunmehr das gesamte Gebiet von Forbach 
ein Besitztum der Grafen von Leiningen -Westerburg bildete. Diese ver- 
kauften es aberbereits 1678 aus Geldnot dem Kurfürsten von Mainz, 
Damian Hartard v. d. Leyen, der es noch im gleichen Jahre seinem 
Neffen, Anton Freiherrn v. d. Leyen, dem Herrn von Blieskastel, ver- 
machte. Ohne einen förmlichen Beschluss der Metzer Reunionskammer 
abzuwarten, leistete letzterer am 15. Mai 1680 dem französischen 
Könige den Lehnseid und erhielt von ihm am 5. Mai 1681 die Herr- 
schaft Forbach bestätigt'-). Als seine Familie im Jahre 1709 ausstarb, 
kam das Gebiet an einen Seitenzweig, wurde aber im gleichen Jahre 
an die Gräfinnen von Leiningen-Westerburg abgetreten, die den Verkauf 
des Jahres 1678 beim obersten Gerichtshofe in Luneville angefochten 
und am 23. März 1709 ein obsiegendes Urteil erstritten hatten. Am 
selben Tage erfolgte jedoch auch ein zweiter Spruch desselben Gerichtes, 
nach welchem die Töchter der nachgeborenen Tochter des letzten 
Grafen von Eberstein Sophie Esther, Gemahlin des Herzogs Friedrich 
August von Württemberg, mit der zweiten Hälfte von Forbach belehnt 
wurden. So kam ein Teil der Herrschaft an die Prinzessinnen von 
Württemberg. Von den genannten Gräfinnen von Leiningen hatte die 
eine — Esther Juliane — den schwedischen Baron von Sinclair ge- 
heiratet und vermachte ihm die Hälfte ihres Anteils an Forbach, 

1) Vergl. für das folgende : Atorf, Geschichte der früheren Herrschaft 
Forbach, und Besler, Geschichte des Schlosses, der Herrschaft und der Stadt 
Forbach. — *j Kaufmann, Die Reunionskammer zu Metz. .Jahrb. d. Gesellsrh. f. 
hjthr. Geschichte XI. 232. 



— 253 — 

während sie die andere ihrer Schwester Sophie Sybille schenkte. Diese 
verkauftejhre Anrechte 1716 an den Baron Henning von Slralilenheini. 
Bereits 1708 vom Kaiser Joseph 1. in den Rei(;hsgrafenstnnd erhoben, 
wurde er auch vom Herzog Leopold von Lothringen am 13. August 1717 
zu Luneville zum Grafen ernaimt. und infolgedessen wurde auch zu 
gleicher Zeit die alte Herrschaft Forbach in eine Grafschaft um- 
gewandelt. Nach zahlreichen Verschiebungen und Verkäufen durch die 
Prinzessinnen von Württemberg, den Baron von Sinclair und die Grafen 
von Strahlenheim erstand endlich der Herzog Christian IV. vun Zwei- 
brücken die ganze Grafschaft für fast 500000 Francs und machte sie 
seiner morganatischen Gemahlin, der früheren Schauspielerin Marie 
Anna Cammasse, zum Geschenk, die vom Herzog Stanislaus am 
15. Oktober 1757 zur Gräfin von Forbach erhoben wurde. In ihrem 
Besitze befand sich die Grafschaft, welche 17G6 unter französische 
Lehensoberhoheit gekommen war, noch beim Ausbruch der Revolution. 
Die Grafschaft Mörchingen '), im Gebiete der französischen 
Nied, war ebenfalls ein lothringisches Lehen. Sie war grösser als die 
vorhergenannten und zählte ausser dem Hauptorte über 30 Dörfer. 
Sie w-ar seit dem 12. Jahrhundert im Besitze der Grafen von Salm und 
ging später durch Erbschaft auf die Wild- und Rheingrafen über, die 
noch zu Beginn des 30jährigen Krieges in ihr herrschten, und zwar, 
wie es scheint, als wirklich souveräne Herren. Durch den Krieg aus 
derselben vertrieben, wurden sie gemäss Artikel IV, § 35 des west- 
fälischen Friedens in dynastiam Mörchingen cum pertinenciis -) wieder 
eingesetzt, doch ging die Selbständigkeit durch den Frieden von Rys- 
wick verloren, und Mörchingen wurde eine mittelbare Grafschaft unter 
lothringischer Oberhoheit. Um das Jahr 1730 teilten sich in die Ein- 
künfte der Herrschaft verschiedene grosse Dynastengeschlechter. So 
kamen drei Teile den Rheingrafen von Grumbach zu, zwei dem Prinzen 
von Birkenfeld, einer dem Grafen von Wied-Runkel, Je einer dem 
Herzog und den Prinzen von Württemberg. Im .lahre 1736 wurden 
diese Gerechtsame von dem Herzoge Franz Stephan von Lothringen 
abgelöst, der am 26. Mai 1736 Mörchingen von neuem zur Grafschaft 
erhob und den Edlen Grandville Elliol uml seine Gemahlin, die Com- 
tesse von Martigny, damit belehnte. Diese verkauften sie im Jahre 1739 
an Eleonore Henriette von Poiliers, die Witwe des Freilierni Bloichard 



1) Watrinet, Notice sur Morliange. Mi'-moires de la Societe d 'Archäologie 
Loriaine XLIV, 211, XLV, 286. — Jean, Les seigneurs de Chaleauvout'. 51. 
— Bergbaus, Deutschland vor ÖO .lahren I, 2li>. — ^) Ghillany, Dipluinalisclies 
Handl)uch 1, 19. 



— 254 — 

Maximilian von Heimslädt, aus altem schwäbischen Geschlechte, das 
jedoch schon seit Jahrhunderten in Lothringen angesessen und begütert 
war. Der Urenkel dieser — Maximilian von Helmstadt — befand sich 
zu Beginn der Revolution im Besitze der Grafschaft Mörchingen, die 
ihm nach einem Ausweis, welchen er der Reichsdeputation vorlegte, 
jährlich 74533 Gulden Einkünfte brachte^). 

Die Herzöge von Croy d'Havre, denen in früheren Zeiten der 
grösste Teil der Herrschaft Finstingen gehörte, bis sie denselben an 
das Herzogtum Lothringen verkauften, waren im Jahre 1789, schwerlich 
jedoch als souveräne Herren, sondern unter französischer Oberhoheit, 
noch im Besitze des Dorfes Thicourt^), 7 km von Falkenberg ent- 
fernt, das heute wenig mehr als 300 Einwohner zählt und vor hundert 
Jahren kaum eine grössere Bedeutung gehabt haben wird. Demgemäss 
werden auch die Einkünfte nicht sehr gross gewesen sein. Weiterhin 
besassen die genannten Herren noch zahlreiche Herrenrechte in der 
Herrschaft Finstingen, die ihnen jährlich bedeutende Summen abwarfen. 

Die Herrschaft Blieskastel^), ursprünglich ein Lehen der Metzer 
Kirche, wurde im Jahre 1326 an das Kurfürstentum Trier verkauft 
und bildete seitdem ein Amt des Erzbistums, das gegen Ausgang des 
Mittelalters an die Freiherrn von Eltz zu Lehen gegeben war. Als 
diese 1654 im direkten Mannesstamm erloschen, gab der Kurfürst Carl 
Caspar v. d. Leyen die Herrschaft Blieskastel seinem 1653 in den 
Freiherrnstand erhobenen Bruder Hugo Ernst als Erbmannlehen. Dieses 
wurde zwar durch Beschluss der Metzer Reunionskammer vom 
28. Juni 1680 als altes Lehen des Bistums Metz eingezogen, doch ge- 
mäss den Bestimmungen des Ryswicker Friedens wieder herausgegeben. 
Die Freiherren v. d. Leyen erwarben in der Folgezeit (1705) von 
Oesterreich die Herrschaft Hohengeroldseck im heutigen Grossherzostum 
Baden, wurden 1711 in den Reichsgrafenstand erhoben und erhielten 
für letztere Besitzung Sitz und Stimme auf der schwäbischen Grafen- 
bank, während die Herrschaft Blieskastel nur den reichsritterschaftlichen 
Gebieten zugezählt wurde, hu heutigen Lothringen umfasste diese die 
Dörfer Bliesbrücken, Bliesschweyen, Heckenransbach,*Freimengen zum 
Teil, Ditschweiler, Wölferdingen und Wustweiler, die in verschiedenen 
getrennten Stücken in der Gegend von Saargemünd gelegen sind. Da sie 
vollständig im Gebiete des alten Herzogtums Lothringen eingesprengt 
waren, so einigte sich der Graf Philipp Franz v. d. Leyen am 12. resp. 
27. September 1781 mit Frankreich durch einen Vertrag und trat 

•) Berghaus a. a. 0. 219. — ^) Huhn, Deutsch-Lothringen, 371, — ^} Lothr. 
Territorien, 249. 



— 255 — 

gegen eine Entschädigung auf dem rechten Saarufer seine Souveränitäts- 
rechle üher die genannten Orte an Frankreich ab. Die herrschaftliehen 
Rechte aber und die Einkünfte, die hohe, mittlere und niedere Gerichts- 
barkeit wurden nach Artikel XIV des Vertrags dem Grafen vorbehalten 
»a condition de payer les droits et charges usites en Lorraine, comme 
les autres seigneurs hauts-justiciers de la provinee sont tenus de les 
acquitter«. Ferner bestimmt der Artikel XV, dass die obengenannten 
Dörfer und Besitzungen eine einheitliche Herrschaft »avec les titres, les 
honneurs et les prcrogatives de la baronnie« bilden und den Namen 
»Baronie von Wölferdingen« führen sollen, mit welcher dann der ge- 
nannte Graf von Frankreich belehnt wurde, nachdem durch Dekret 
vom November 1782 diese Abmachungen bestätigt waren \). 

Die letzte mittelbare Herrschaft im heutigen Lothringen war die 
Grafschaft Dagsburg-i, das Gebiet der Zorn und den Oberlauf der 
roten Saar umfassend. Sie bestand aus acht Dörfern, von denen 
Alberschweiler mit Soldatenthal, Dagsburg mit Hub, Haarberg, Hommert, 
Walscheid mit Eigenthal und Weiher in Lothringen, Engenthal mit 
Obersteigen und Hohengöft im Unterelsass gelegen sind, während die 
gesamte Grafschaft in früheren Zeiten, d. h. vor den Tagen der Re- 
volution, zum Elsass gehörte und so sämtliche Wandlungen dieses 
Landes mitgemacht hat. Ursprünglich unter eigenen Grafen stehend, 
kam die Herrschaft durch die Gräfin Gertrude um das Jahr 1222 an 
den Grafen Simon von Leiningen, aus dem Hause Saarbrücken "^j, und 
sie ist in dem Besitze seiner Nachkommen verbheben bis zum Ende 
des vorigen Jahrhunderts. Zwar starb die alte leiningensche Linie im 
Jahre 1467 aus, und Dagsburg gelangte darauf an die jüngere Linie 
Leiningen-Hartenburg. Diese schied sich 1541 in die Zweige zu Harten- 
burg und Falkenburg, die zunächst das Ländchen im gemeinsamen 
Besitze hatten, bis am 8. Juli 1613 eine Teilung stattfand, indem jede 
der Linien eine der vorderen und der hinteren Waldungen erhielt. Nach 
dem Frieden von Nymwegen verlangte Frankreich auf Grund der Be- 
stimmungen des westfälischen Friedens von den Grafen von Leiningen 
die Huldigung für die Grafschaft Dagsburg, da sie ein altes Lehen der 
Strassburger Kirche sei, und liess durch Beschluss der Keunionskammer 
in Breisach vom 9. August 1680 die Herrschaft einziehen. Daraufhin 
haben sich die Grafen gefügt und die Huldigung geleistet, sodass von 
dieser Zeit an Dagsburg eine mittelbar freie Herrschaft unter franzö- 



') r.hastellii.x, Le lerritoire du departemenf de la Moselle, Histoire et Sfa- 
tisti(iue, 79. — *) Lothring. TcM-rilurien, 140. — 'i Cf. auch : r^rinckinoycr, Gonca- 
lotrische Gesfliiflilc des uradeli<r('n n. ^i. \v. Hausos t-iMnincfn. I. 4.") ff. 



— 2o6 — 

sischer 1 loheil war. Nach verschiedenen ErbteiUmgen ist schUesslich 
die gesamte Grafschaft im Jahre 1774 an den Grafen Carl Friedrich 
Wilhelm von Leiningen-Hartenburg gekommen, welcher durch Kaiser 
Josef II. am 23. Juh 1779 in den Reichsfürstenstand erhoben wurde 
und beim Ausbruch der Revolution noch im Besitze des Landes 
sich befand. 

II. 

So war denn das Gebiet des heutigen Lothringen in zahlreiche 
kleinere Ländchen und Herrschaften gespalten, die nur deshalb noch 
nicht von der Landkarte verschwunden waren, weil es Frankreich an 
einem hinreichenden Grunde gefehlt hatte, sie seinem Gebiete einzu- 
verleiben, und sie würden bei geregelten Verhältnissen wohl noch 
längere Zeit weiterhin sich ihres idyllischen Daseins erfreut haben 
und dem Deutschen Reiche erhalten worden sein — da wurden sie 
innerhalb weniger Jahre von den Wogen der französischen Revolution ver- 
schlungen, um nie wieder zu erstehen. Das leichteste Spiel hatte Frank- 
reich natürlich mit den Herrschaften, welche zwar noch von deutschen 
Fürsten regiert, aber im Laufe der Zeit, wie wir oben gesehen, unter 
eine gewisse Oberhoheit der französischen Krone gekommen w^aren. 
Zw^ar hatten ja die Herrscher dieser Gebiete durch besondere Verein- 
barungen sich ihre Rechte und Einkünfte sichern lassen, und sie 
glaubten so, nichts befürchten zu müssen. »In regelmässigen und 
ruhigen Verhältnissen war darauf auch mit einer gewissen Sicherheit 
zu zählen; aber nicht in einer Revolution, die der ganzen alten Ord- 
nung der europäischen Verhältnisse den Krieg erklärte. Schw^erlich 
machte eine Umwälzung, welche die gesamte Feudahtät in ihren 
Fundamenten erschütterte, vor den Verträgen Halt, w^elche eine An- 
zahl deutscher Reichsfürsten mit der Krone Frankreichs geschlossen 
hatte« 1). 

Und W'irklich ging die konstituirende Nationalversammlung gründ- 
lich zu Werke und suchte mit einem Schlage reine Bahn zu machen 
durch die Gesetze vom 4. — 11. August 1789, die am 21. September 
die Unterschrift des Königs erhielten und am 3. November zur Aus- 
führung gebracht wurden. Sie schafften für ganz Frankreich sämtliche 
Rechte ab, die auf der Leibeigenschaft beruhten, vernichteten die guts- 
herrliche Gerichtsbarkeit, hoben das Jagdrecht auf, erklärten die Zehnten 
und alle Einkünfte aus Grundzinsen u. s. w. für ablösbar: mit einem 
Worte, alle Rechte und Erträge, welche die obengenannten deutschen 

') Häusser, Deutsche Geschichte I, 27G. 



— 257 — 

Reiclisfürstcn in ihren miUellmi' zu Frankreich gehörenden Gebieten 
besassen, waren über Nacht aufgehoben, und die Fürsten selbst da- 
durch gewaltig benachteiligt. Ohne jede Entschädigung, ohne den ge- 
ringsten Ersatz irgend welcher Art, »sollten die weltlichen Herren die Kopf- 
und Gütersteuern, die Frohnden, das Jagdrecht, die Zölle, Accise, das 
ünigeld, das Salzmonopol das Schutzgeld und alle die Abgaben ver- 
lieren, die aus der Leibeigenschaft entsprangen; für eine Ablösungs- 
summe sollten sie alle Grundzinsen, Gülten und ähnliche an Grund 
und Boden haftende Gefälle hingeben. Ihre hohe und niedere Gerichts- 
barkeit fiel natürlich mit der neuen administrativen und richterlichen 
Organisation Frankreichs zu Boden ; machte man doch hier und da 
von Seiten einzelner Municipalitäten den Versuch, die deutschen Lehens- 
herren als französische Bürger zu behandeln, sie in die Steuerlislen 
einzutragen und zu den gemeinsamen Lasten beizuziehen« M- 

Es ist nun selbstverständlich, dass eine solche gewaltsame Be- 
raubung deutscher Fürsten, die einseitige Aufhebung jahrhundertlanger 
Rechte in ganz Deutschland einen Sturm der Entrüstung; entfesseln 
musste, und dass man niclit gewillt war, sie ohne weiteres ruhig hin- 
zunehmen. Dass ein Rechtsbruch der schlimmsten Art vorlag, darüber 
war man sich völlig einig, ein anderes war es aber, ob die französische 
Revolution auf Vorstellungen von deutscher Seite eingehen und das 
Geschehene rückgängig machen würde. Dafür war wenig Aussicht 
vorhanden, um so mehr, da die Unterthanen der geschädigten Fürsten 
die Verordnungen der französischen Kammer mit Jubel aufnahmen, die 
sie von ihren schweren Lasten befreite und sie zu freien Menschen 
machte. Auf Widerstand von Seiten dieser gegen die neuen Ver- 
fügungen konnten die geschädigten Landesherren daher kaum rechnen, 
einen bewafl'neten Widerstand konnten sie der Durchfülirung der (be- 
setze niclit entgegen stellen, und so mussten sie sich zunächst damit 
begnügen, in Paris gegen die Ausführung der Dekrete zu protestieren. 
Doch war hiervon nicht viel zu erholfen. Bereits am 10. Dezember 1789 
verölfentlichlc der amtliche Moniteur an erster Stelle eine Note, welche 
scharf gegen die deutschen Fürsten vorging und ihnen klar machte, 
was sie zu erwarten hatten. Da heisst es: 

»Das Gerücht befestigt sich, dass mehrere deul.'^che Krei.'^e pro- 
testiert haben gegen die Dekrete der französischen Nationalversammlung 
bezüglich der herrschaftlichen Rechte, die einige Adelige innerhalb des 
Königreichs besitzen. Dieser Protest mag ein Akt der Klugheit sein 
von Seiten der auswärtigen Herren, welche nur IIik haihlung haben 



'; Iläusser, l>c'uh(|i.' (icscluciilc 1, 27 r. 



- 258 — 

l'ür die souverätieii Häuser, er ist aber auch wahrlial'tig eine Miss- 
aehtung gegen alle Völker der Welt. Man miiss sie bedauern, dass 
sie so wenig die Rücksichten anerkennen, welche man einer freien 
Nation schuldet. Aber dieser Protest ist ein Akt der Unklugheit gegen 
die einheimischen Grossen, welche ihn gut zu heissen wagten, und gar 
ein Verbrechen gegen ihresgleichen, welche eine andere Meinung ab- 
gegeben haben. Jede diplomatische Spitzlindigkeit verschwindet vor 
der Hoheit der Gesetze eines Volkes. Der Schritt der deutschen Kreise 
bezeugt, dass es auf der ganzen Welt unter gewissen Menschenklassen 
das unauslöschliche Merkmal einer unversöhnlichen Gesinnung giebt, 
welche auf der Angst vor der natürlichen Freiheit beruht« ^). 

Dennoch hofften die Fürsten mit ihren Beschwerden bei der 
Nationalversammlung endlich Gehör zu finden und erneuerten daher 
fortwährend ihre Klagen, zuletzt am 18. September 1790^), ja sie 
wandten sich an die Person des Königs Ludwig XVI. selbst, von dem 
sie eine gerechte Behandlung erwarteten. Und wirklich schien ihre 
Hoffnung gerechtfertigt ; denn Ludwig erhob seine Stimme zu ihren 
Gunsten und liess die Nationalversammlung wissen, dass hier Einkünfte 
und Rechte in Frage kämen, die auf Verträge sich stützten, und dass 
diese nicht einseitig aufgehoben werden könnten. Die Versammlung 
schien sich diesen Gründen nicht zu verschliessen, und so erliess sie 
denn am 28. Oktober 1790 das bekannte Dekret folgenden Wortlauts^): 

»L'assemblee nationale, apres avoir entendu le rapport de son 
comite feodal et de son comite diplomatique, considerant qu'il ne peut 
y avoir dans l'etendue de Tempire fran(;'ais . d'autre souverainete que 
Celle de la nation, declare que tous ses decrets acceptes et sanctionnes 

par le Roi concernant les droits seigneuriaux et feodaux, 

doivent etre executes dans les departements du Haut et du Bas-Rhin, 
comme dans toutes les autres parties du royaume. 

Et neanmoins, prenant en consideration la bienveillance et Tamitie 
qui depuis si longtemps unissent intimement la nation frangaise aux 
princes d'Allemagne, possesseurs de biens dans lesdits departements, 
decrete : 

Que le Roi sera prie de faire negocier avec lesdits princes une 
determination amiable des indemnites qui leur seront accordees pour 
raison de droits seigneuriaux et feodaux supprimes par les dits decrets, 
et meme l'acquisition des dits biens, en comprenant dans leur evaluation 

') Moniteui- 1789, ll(), vom 16. Dezember. — ^j Uj. 17W, 287, vom 19. Oktober. 

— *) Duvergier, Collection complete des lois, döcrets ... du conseil d'Etat I, 440. 

— Moniteur 1790, 308, vom 80. Oklnlipi-. 



— 259 - 

les droits seigneuriaux et feodaux (jui existaient a l"6poque de 
la reunion de la ci-devant province d'Alsace au royaume de^France, 
pour etre, sur le resultat de ces negociations, delibere par TAssemblee 
nationale dans la forme du decret constitutionnel du 22 mai dernier.« 

So hatte denn die französische Nationalversammlung wohl all- 
g(!meine Versprechen für die deutschen Fürsten, aber trotz dem freund- 
schaftlichen Verhältnis, in dem sie so lange zu Frankreich gestanden, 
wurden sie auch nur mit solchen abgespeist ; bestimmte Gesichtspunkte 
für eine friedliehe Einigung wurden nicht aufgestellt, und sie sind auch 
in der Folgezeit unterblieben, abgesehen davon, dass einmal der Plan 
auftauchte, die rechtlichen Verpflichtungen durch Assignaten abzulösen, 
worauf natürlich die deutsclien Fürsten nicht eingehen konnten. Sie 
erklärten vielmehr ausdrücklich, dass jede Entschädigung für sie un- 
annehmbar sei, die nicht in Grundbesitz bestände M. Hieran änderte 
auch das freundliche Schreiben nichts, welches am 14. Dezember 1790 
der neugewählte Kaiser Leopold II. an den französischen König richtete, 
in dem er die Wiederher.stellung des Zustands beantragte, wie er vor 
den Beschlüssen vom 4. — 11. August 1789 bestanden. Der Erfolg war 
ein negativer; denn die Antwort lautete, »das Reich sei bei der Sache 
gar nicht interessiert, und der ganze Konilikt nur ein Streit der Krone 
Frankreichs mit ihren Vasallen, der am einfachsten durch friedliche 
Annahme der angebotenen Vorscliläge sein Ende linde, wie man ja 
auch den Fürsten bereits Entschädigungen vorgeschlagen habe ';. Letztere 
waren jedoch nicht gewillt, auf diesen Vorschlag einzugehen, und über- 
reichten daher dem deutsehen Reichstage weitläufige Eingaben, in denen sie 
ihre Rechte ausführlich darlegten und das Reich um Schutz angingen. 

Schon am 7. Januar 1790 hatte der durch die Umwälzungen am 
meisten getroffene Oberrheinische Kreis folgende Beschlüsse gefassl : 

1. Kaiserliche Majestät von den Beschw^erden der gekränkten 
Stände, in gleichen des Adels und der Geistlichkeit und dem 
ihnen drohenden Verlust eine Anzeige zu machen, und aller- 
höchst dieselbe um ihren Beistand unter dem Beitritt des 
Reichs zu bitten : 

2. den kurrheinischen, schwäbischen, fränkischen und westfälischen 
Kreis aufzufordern, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, 
zugleich 

;}. die beschwerten Reich.s.^tämle anzuweisen, einstweilen nichts 
zu ver.^unnen, um durch Unterhandlungen mit dem franzö- 
sischen Hofe den ihnen bevorstehenden Verlust abzuwenden . . .'^). 

'i IliiiisscM-, dculöclic Gcscfiichlc I, 2.S1. Ber^^liaus, Dculacliland vor 
5U Jaluen I, (iö. — ^) Reuss, Teulschc Staatskanzlcy. 24, ;U2. 



— 260 — 

Am 1. April erfolgte eine Beschwerde des deutisclien Ordens an 
den Reichstag, in der es u. a. heisst: 

Die Ordenskommende Lothringen betreffend, ist in dem zwischen 
damals regierender kaiserlicher Majestät und der Krone Frankreich 
unterm 28. August 1736 über die Abtrettung des Herzogtums Loth- 
ringen zu Wien geschlossenen Vertrag verabredet, dass allen geistlichen 
Corporibus die innehabende Güter mit ihrem rechtmässigen Eigenthum 
sollten belassen, und sie bey ihren bisherigen Freyheiten erhalten 
werden; und in dem sogenannten Wiener Frieden wurde Art. 18 diese 
Vertragsbedingniss wiederholter bestättigt, und von der Krone Frank- 
reich die Verbindlichkeit übernommen, namentlich die in Lothringen 
und Haar gelegene Besitzungen des Ordens bey ihrer vorherigen Ver- 
hältniss unangefochten zu belassen, so, dass das Eigenthum des Ordens 
nebst den solchen anklebenden Rechten und Nutzungen auch in diesen 
Landen durch einen feyerlichen Nationalvertrag alle gesetzmässige und 
verbindliche Konsistenz erhalten hat. Dass aber Verträge und Friedens- 
schlüsse unter Völkern heihg und unverletzlich seyen, dass alle den- 
selben einverleibte Bedingnisse unverbrüchlich gehalten werden müssen, 
dass solchen von einem der kontrahirenden Theilen willkührlich und 
einseitig nicht entgegen gehandelt werden könne, ohne dass derselbe 
sich eines gehässigen Friedensbruches schuldig mache ; dieses sind in 
der allgemeinen Uebereinstimmung aller gesitteter Völker so fest ge- 
gründete Sätze, dass es gewiss eine überflüssige Arbeit seyn würde, 
solche weiter ausführen, und beweisen zu wollen. Nichts destoweniger 

hat die französische Nationalversammlung sich nicht entsehen, 

ihre Verfügungen auch über die in Elsass und Lothringen possessionirte 
Reichsstände auszudehnen, das durch so viele Friedensschlüsse garan- 
tirte Eigenthum des deutschen Ordens anzugreifen ^). 

Am 28. Dezember 1790 wurde dem Reichstage in Regensburg ein 
Schreiben der fränkischen Kreisversammlung vom 2. März übergeben, 
das folgendes ausführt : 

Verschiedene ansehnliche Mitglieder des deutschen Staatskörpers, 
sonderheytlich bey diesem Reichs-Creise der hohe deutsche Orden in 
Ansehung seiner Besitzungen im Elsass und Lothringen, das fürstliche 
Haus Löwenstein -Wertheim wegen der Herrschaft Scharfeneck im Elsass, 
und wegen der Grafschaft Püttlingen in Lothringen .... sind durch 
die nicht ungegründete Besorgniss beunruhigt, es möchte die drohende 
Ausdehnung vorgedachler Abschlüsse dabey in Absicht geführet — und 
den Reichsständischen unverUerbaren Besitzunoen sich zudringlich 



1) Reuss, Teulsche Staatslvanzley, 25, 321. 



— 261 — 

genühei't werden, welches zur nalürlicheu Folge lullte, dass die Grundlage 
der deutschen Reichs-Constitution gegen die Vorschrift des — zwischen 
Kaiser, dem deutschen Reiche und der Crone Frankreich bestehenden 
Westphälischen Friedens und der nachgefolgten Staatsverträge, welche 
nur höchstbelobte Crone selbst garantiret hat, und die in allem h]r- 
trage für allzeit unverletzlich seyn und bleiben sollten, bey dem gegen 
Erwartung eintretenden Falle erschüttert — und zum Theil ganz um- 
gestürzt werden müsste. Eine hochansehnliche Reichsversammlung 
wird sich von seilest überzeugt finden, dass der den deutschen Reichs- 
ständen sich darob zu leidende Verlust unersetzbar wäre, wenn der 
französische Hof sonderheitlich über den Westphälischen Frieden, als 
die Schutzwehre gegen alle gewaltsame Einbrüche in die deutsche 
Reichs-Verfassung hinaus weichen — und den allgemeinen Reichs- 
verband zertrümmern, oder auch nur zum Theil aullösen wollte'). 

Eine Eingabe des Markgrafen von Baden aus dem Anfange des 
Jahres 1791 gibt dem Reichstage in § 23 zu wissen: 

Seit den bekannten Dekreten der Nationalversammlung vom 
4. August 1789 et seq. masset .sich die Französische Nation an, sowohl 
in Rodemachern und seinen Abhängigkeiten, als auch in den Badischen 
Besitzungen am linken Ufer des Rheins, eine ganz unbeschränkte Ober- 
herrschaft auszuüben, und den Herren jMarkgrafen, nicht nur Ihre 
Reichsunmittelbarkeit, sondern selbst Ihre Frivatrechte, auf alle nur 
ersinnliche Weisse zu beeinträchtigen. Die Departements, und selbst 
die Unterthanen, setzte Vögte und Vorgesetzte ab ; errichten Munizipal- 
Magistrate, und sogenannte Friedensrichter ; nehmen die Registraturen 
und Archive in ihre Gewalt; bemächtigen sich der .lagden und 
Fischereyen : binden sich zu sogenannten Nationalgarden, und versagen 
ihrem Fürsten und Herren nicht nur allen Gehorsam, sondern selbst 
alle Achtung. Sie machen die klarsten Rechte streitig, versagen die 
Zehnden, Bannrechte, Salzrechte, Schutz- und Schirmgelder und viele 
andere, uralte bestgegründete Abgaben, welche die Nationalversammlung 
selbst, ohne die mindeste Rücksicht, durch ihre Dekrete aufzuheben 
sich ermächtigt hat. Was aber auch diese, mit keinem Schein des 
Rechts zu vertheidigende Dekrete nicht aufzuheben und zu vernichten 
gewagt haben, das will die Nation, nach, von ihr festgesetzten Preisen, 
durch vermeintliche Käufe, dem Herrn Markgrafen abdringen, unii, 
gestützt auf die Gewalt, gehen die Unterthanen selbst noch übeiall 
weit über diese Dekrete hinaus, ohne dass die, duich viele linsfliweife 
anzurufende, neue Gerichte, mil einer Ihätigen Hülfe, «leni äus.sorslen 

') Heuss, Tciil^iclii.' Staalskanzley. 2(i. 2()S. 



— 262 — 

Willkühl- und der unbescheidensten Zügellosigkeit Schranken zu setzen 
im Stande wären, und die desswegen in Paris gemachten dringenden 
Vorstellungen und Ausführung der Badischen Rechte, sind ohne Antwort 

geblieben 

Da von der Seite Frankreichs keiner Vorstellung Platz gegeben 
wird : so dauern bis auf jetzt, alle die bisher erzählten Beeinträch- 
tigungen nicht allein noch immer fort; sondern sie vermehren sich 
täglich noch so sehr, dass das Markgräflich Badische Haus, sich beynahe 
ganz aus dem Besitz Seines, in vorstehender Ausführung so gründlich 
dargelegten, in dem urältesten Reichsverband stehenden Eigenthums und 
Seiner theuern Rechte, gesetzt zu sehen, billig befürchten muss \). 

III. 

Bei den Verhandlungen des deutschen Reichstags über diese 
Eingaben, die am 9. Mai 1791 begannen, berichtete der Kurmainzische 
Gesandte über die Beschwerde der Fürsten und fasste seine Aus- 
führungen schliesslich in 5 Fragen zusammen : 

1 . Alles, was in Frankreich gegen die im Elsass angesessenen 
Stände Deutschlands und gegen die Ritterschaft dieser Provinz 
in Bezug auf ihr Eigentum, wie auf ihre weltlichen und geist- 
lichen Rechte und Gerechtigkeiten unternommen worden ist, 
muss es nicht als ungesetzhch, als nichtiö; und als ein Frevel 
gegen die bestehenden Verträge angesehen werden? 

2. Alle Distrikte des Elsass, die durch den westfähschen Frieden 
und fernere Verträge Frankreich unterworfen worden sind .... 
müssen sie nicht betrachtet werden, als machten sie noch Teile 
des deutschen Reiches aus? 

3. Deutsche Stände, die im Elsass angesessen sind, haben sie, 
indem sie stillschweisend oder ausdrücklich die französische 
Oberhoheit anerkannten, den Rechten des Reiches Nachteil 
zufügen können, und können Uebereinkünfte dieser Art noch 
angerufen werden, seitdem das französische Volk erklärt hat, 
dass es selbige nicht mehr als verpflichtend betrachte? 

4. Ist überhaupt das deutsche Reich nicht befugt, alle Verträge 
für null und nichtig anzusehen, durch die von Deutschland 
Provinzen abgetrennt worden sind, um mit Frankreich vereinigt 
zu werden? 

5. Welche Mittel sind zu ergreifen, um die Besitzungen, sowie 
die geistlichen und weltlichen Rechte und Gerechtigkeiten, 

^) Reuss, Teutsche Staalskanzlev, 29, 9(). 



— 2()3 — 

welche deutschen Reichsständen gehören, die niemals der fran- 
zösischen Oberhoheit unterworfen gewesen, mit Erfolg zurück- 
zufordern, und welchen Ausweg hat das Reich, in seiner 
Eigenschaft als Rürge, in Ansehung derjenigen Stände vorzu- 
schlagen, welche jener Oberhoheit unterworfen worden sind?*) 
Für die P>ehandlung dieser Fragen wurde zunächst der 20. Juni 
festgesetzt, doch bei der Langsamkeit, mit welcher der Reichstag arbeitete, 
kam die Sache erst am 4. Juli zur Sprache, und es zeigte sich jetzt, 
wie schwer es war, selbst über so klar liegende Gegenstände ein ein- 
stimmiges Urteil herbeizuführen : denn die grossen Fürsten hatten 
andere hiteressen im Auge als die kleinen. Die geistlichen Herren 
waren für eine ganz scharfe Sprache Frankreich gegenüber, während 
die weltlichen ein möglichst zahmes Gutachten wollten; so stritt man 
sich denn Tagelang über ganz untergeordnete Punkte, und schliesslich 
drohte noch alles im Sande zu verlaufen, als in der Nacht vom 12. auf 
den 13. Juli vom Kaiser die Botschaft einlief, dass Ludwig XVI. einen 
Fluchtversuch gemacht habe, gefangen und vorläufig seiner Würde 
entsetzt sei; jetzt habe sich die Lage derart geändert, »als es nun 
vüUig an einem Organ fehle, an welches die vom Reichstage beab- 
sichtigte Vorstellung gerichtet werden sollte. Hoffentlich werde man 
dem Kaiser nicht zumuten wollen, dass er hierdurch in ganz Europa 
den Vorgang machen solle, den König als abgesetzt anzusehen und bei 
einer etwa aufgestellten Kronverwaltung ein kaiserliches Reichsschreiben 
abzugeben, anderer Bedenken zu geschweigen, welche sich von Tag 
zu Tag ändern könnten« ^). Aber merkwürdiger Weise liess sich dies- 
mal der Reichstag durch den Kaiser nicht bestünmen, das angefangene 
Werk bei Seite zu schieben, vielmehr war bis Mitte August ein weit- 
schichtiges Reichsgutachten fertig gestellt; doch erst am 10. De- 
zember 1791 erhielt dieses die kaiserliche Unterschrift, und daran 
anknüpfend wandte sich der Kaiser zum zweiten Male an Ludwig XVI., 
hob noch einmal das sonnenklare Recht der deutschen Reichsfürsten 
hervor und gab der Erwartung Au.sdruck, dass die seit dem August 
1789 eingetretenen Veränderungen aufgehoben, und der alte Zustand 
wieder hergestellt werde'') — natürlich auch jetzt ohne jeden Erfolg. 
Wohl lief am 15. Februar 1792 ein weiteres Schreiben des französischen 
KiMiigs an den deutschen Kaiser ein, in dem das Anerbieten des 
französischen Volkes, mit den Fürsten in Unterhandlung zu treten 
w-egen der Entschädigungen, wiederhol! wurde; doch wurde die For- 

M Rerghaus a. a. 0. I, CC. lläusatn- 1, 2H1, '■'i ll-iussi-r I, 284. — 

^) Ib. 1, 285. 



— 264 — 

derung, den früheren Zustand voll und ganz wieder herzustellen, kurz 
von der Hand gewiesen als unvereinbar mit der französischen Ver- 
fassung ; man wolle aber bei der Festsetzung der Entschädigung auf 
den Verlust Rücksicht nehmen, den die Fürsten durch den Nichtgenuss 
eines Teiles ihrer Einkünfte seit dem 1. August 1789 erlitten hätten^). 
Infolgedessen traten einige Reichsfürsien mit der französischen Re- 
gierung in Unterhandlungen, um wenigstens etwas aus dem Schiffbruch 
zu retten, da sie wahrscheinlich trotz aller Reschlüsse des Reichstags 
und dem guten Willen des Kaisers an der Hoffnung verzweifelten, voll 
und ganz in die alten Gerechtsame wieder eingesetzt zu werden. In 
erster Linie w^aren es zw^i im heutigen Lothringen angesessene und 
begüterte Herren, die Fürsten von Salm-Salm und von Löwenstein- 
Wertheim, die mit Frankreich unterhandelten, und ihre Geschäftsführer 
unterzeichneten am 29. April 1792 in Paris eine gleichlautende üeber- 
einkunft des Inhalts, dass die Entschädigung für die herrschaftlichen 
und Lehensgerechtsame, sowie die nicht lehnbaren Zehnten, in deren 
Genuss diese Fürsten in Elsass und Lothringen sich befanden, nach 
dem Anschlage ihres Ertrages zu 8 *'/o kapitalisiert gezahlt werden 
sollten. Dagegen verzichteten jene ihrerseits auf jegUche Entschädigung 
für diejenigen herrschafthchen und Lehensrechte, welche nur Ehren- 
rechte waren ^). Selbstverständlich hat das französische Volk diese 
Verträge nie zur Ausführung gebracht. 

Während dieser Zeit machten sich in Deutschland an verschiedenen 
Punkten Anzeichen geltend, dass die Lehren der französischen Revolu- 
tion auch hier anfingen, Anhänger zu linden. Es kaiu in mehreren 
kleinen Staaten zu Ausschreitungen gegen die Landesherren, winzige 
Aufstände folgten, und man musste daher ernstlich besorgen, dass diese 
bis jetzt noch lokalen Vorkommnisse auch weitere Kreise ergreifen 
würden. Die abschüssige Rahn, auf der die Ereignisse in Paris unauf- 
haltsam weiter trieben, die Rehandlung, w^elche der königlichen Familie 
zuteil wurde, Hessen allmählich den Gedanken aufkommen, mit den 
Waffen in der Hand die Revolution zu bannen, wenigstens sie in engere 
Grenzen zurückzuführen, und die deutschen einflussreichen Kreise 
wurden hierbei unterstützt durch die zahlreichen französischen Emi- 
granten, die vor allem Goblenz, die Residenz des Kurfürsten von Trier, 
zum Sammelpunkt gemacht hatten und den Hass gegen die umstürz- 
lerische Revolution nach Kräften schürten. Wohl suchte letztere mit 
den ihr zu Gebote stehenden Mitteln gerade diese Gegnerschaft zu 
vernichten. Die verschiedensten Verordnungen wurden erlassen mit 

') Bergliaus 1, 68. — ^) Monileui- 1792, Nu. 140. Vergl. aucli JJergliaus 1, 08. 



— 205 — 

der Aufforderung, nach Frankreich zurückzukehren; es wurde nicht 
nur gedroht, die Güter der Emigranten als Staatseigentum einzuziehen 
und zu Gunsten der Staatskasse zu veräussern, sondern diese Drohung 
wurde auch ausgeführt. SchUesshch erhess der Nationalkonvent am 
25. Brumaire des Jahres II (15. Novemher 1793) das bekannte Gesetz 
über die Emigranten, welches auch auf die okkupierten und besetzten 
Lande ausgedehnt wurde. So wurden alle diejenigen, welche seit der 
von den Einwohnern begehrten Vereinigung mit der Repubhk die Lande 
verlassen hatten und nicht innerhalb 3 Monaten nach der erfolgten 
Vereinigung zurückgekehrt waren, als Emigranten angesehen, zum Tode 
verurteilt und ihre Güter eingezogen. Doch ging man bald noch einen 
Schritt weiter und wandte das Gesetz in aller Schärfe auch auf die- 
jenigen an, welche aus den früheren Reichsländern vor der Annexion 
geJlohen und im Innern Deutschlands eine neue Heimat gesucht und 
gefunden hatten; ja man scheute sich nicht, sogar die alten Herrscher 
der besetzten Gebiete und ihre Dienerschaft den Destimmungen des Ge- 
setzes zu unterwerfen M. 

Kam es zum Kriege mit Frankreich, der nach der allgemeinen 
Ansicht für Deutschland nur glücklich auslaufen konnte, so hoffte man 
durch ihn ein Dreifaches zu erreichen: 1. die Revolution zu vernichten, 
2. den französischen Kimig wieder einzusetzen und 3. die geschädigten 
Reichsstände in ihre geraubten Besitzungen zurückzuführen, ihnen ihre 
sämthchen genommenen Rechte wiederzugeben und den revolutionären 
Geist in Deutschland viUlig zu bannen. So kam es denn bereits am 
7. Februar 1792 in Berlin zu einem Vertrage zwischen Oesterreich und 
Preussen, in dem sich beide Parteien verpilichteten zu gegenseitiger Hülfe, 
und sich ihren augenblicklichen Besitzsland garantierten. Ueber die 
Frage, welche Forderungen man an Frankreich stellen sollte, kam es 
jedoch schon zu Meinungsverschiedenheiten ; denn während der Kaiser 
vorschlug zu verlangen: Zurückziehung der Heere von der Grenze, 
Herstellung der geschädigten Reichsfürsten, Rückgabe des dem Papste 
entrissenen Avignon, Anerkennung der bestehenden Verträge, Sicherheit 
des Königs und seiner Familie und Verliinderung republikanischer Be- 
strebungen, verlangte Preussen, die zwei letzten Punkte zu streichen, 
um den König von Frankreich nicht in grössere Gefahr und in den 
Verdacht der Mitwisserschaft zu bringen, und es stellte seinerseits die 
Beorderung auf, dass der .lakobinerklub aufgelöst werde ^j. 



') Geheimgeschichte der Raslälfer Frioclensverhanilliingcn (i, i)(>. 
') Häusser I, Hi-iö. 



— 260 — 

Während über diese Punkte noch zwischen den beteiUgten Kabi- 
netten verhandelt wurde, starb plötzUch und unerwartet am 1. März 1792 
der Kaiser Leopold, und sein Nachfolger Franz II., ein junger kriegs- 
lustiger Mann, erneuerte nicht nur den Vertrag mit Preussen, sondern 
wusste auch durch seine Massnahmen die Kriegsbegeisterung in Frank- 
reich so zu steigern, dass bereits am 20. April der König Ludwig XVI., 
wenn auch ganz gegen seinen Willen, in der Nationalversammlung den 
Antrag stellte, den Krieg an den König Franz von Ungarn und Böhmen 
zu erklären, und die Versammlung nahm mit beispiellosem Jubel diesen 
Antrag an. So mussten denn, nachdem die Diplomatie nichts hatte 
erreichen können, die Waffen entscheiden. Zwar war Frankreich für 
einen grossen Krieg fast gar nicht vorbereitet, und die ersten Ereignisse 
Hessen nur zu bald erkennen, dass es blindlings sich in ein Unter- 
nehmen gestürzt, dem es durchaus nicht gewachsen war. Anderseits 
aber konnten die zahlreichen Misserfolge und Niederlagen, welche die 
französischen Waffen erlitten, den seit dem 20. September 1792 am 
Ruder befindlichen Nationalconvent nicht einschüchtern und von der 
einmal beschrittenen Bahn ablenken. Selbst in schwieriger Lage, 
überall bedrängt von den siegreichen Heeren der Verbündeten, suchte 
er auch weiter die Menschheit mit den Errungenschaften der Revolution 
zu beglücken, und grade der Kriegszustand, in dem man sich mit 
Deutschland befand, gab eine willkommene Handhabe, um neue nach- 
haltige Schläge dem morschen Deutschen Reiche zu versetzen. Bis 
jetzt waren durch den Gang der Revolution zwar deutsche Reichsfürsten 
in ihren Rechten und Einkünften schwer geschädigt, aber doch nur 
in so weit, als ihre Besitzungen unzweifelhaft unter französischer Ober- 
hoheit gestanden, und die Massnahmen der Gewalthaber in Paris waren 
nur darauf hinausgegangen, alle ihre unmittelbaren und mittelbaren 
Unterthanen nach dem Gesetze gleich zu behandeln, und ihnen sämt- 
lich die Vorteile der neuen Zeit zuzuwenden. An den wirklichen 
deutschen Reichsgebieten im heutigen Lothringen halte man sich noch 
nicht vergriffen, so sehr man diesen Besitz auch begehrte, und die 
Selbständigkeit dieser Kleinstaaten war noch nicht angetastet worden. 
Das wurde jetzt mit einem Male anders; die französische Nation lag 
mit dem Kaiser und, nach ihrer Ansicht, auch mit dem Reiche im 
offenen, ehrlichen Kampfe, und jetzt konnte man auf dem Wege der 
Eroberung oder durch andere Mittel diese für Frankreich so wichtigen 
Bindeglieder zwischen dem Eisass und dem übrigen Reiche erwerben — 
und der Nationalkonvent zögerte auch nicht lange, um zum Ziele 
zu kommen. 



— 207 — 

IV. 

Bereits nm 19. November 1792 erliess der Nalionalconvent das 
bekannte Dekret, durch welches er allen Völkern, die ihre Freiheil 
wieder erwerben wollten, brüderliche Hülfe versprach M, und schon am 
17. Dezember folgte die Proklamiermig der Freiheit und Unabhängigkeit 
sämthcher Nationen, mit welchen Frankreich bereits im Kriege lag, 
oder die es noch bekriegen wollte. In einem sclnvungvoUen Aufrufe 
wendet sich das freie Volk an sie und ruft ihnen zu: 

.'Brüder und Freunde! Wir haben die Freiheit erkämpft, und 
wir werden sie behaupten! Wir erbieten uns, auch Euch dieses un- 
schätzbare Gut zu verschaffen, welches uns stets gebührte, und das 
unsere Unterdrücker uns nicht ohne Verbrechen haben rauben können. 
Wir haben Eure Tyrannen verjagt, zeigt Euch als freie Männer, und 
wir werden Euch schützen vor ihrer Rache, vor ihren Plänen und vor 
ihrer Rückkehr! Jetzt verkündet das französische Volk die Ober- 
hoheit des Volkes, die Aufhebung aller bürgerlichen und militärischen 
Gewalten, die Euch bis heute beherrscht haben, und aller Steuern, die 
Ihr tragt, unter welcher Form sie auch bestehen mögen ; die Ab- 
schaffung der Zehnten, des Lehnswesens, der Herrenrechte betreffend 
Lehen und Abgaben, mögen sie unbeweglich oder zufällig sein, der 
Zwangsgerechtigkeiten, der Leibeigenschaft, der Jagd- und Fischerei- 
gerechtsame, der Salzsteuer, der Zölle und Abgaben, überhaupt aller 
Steuern, zu denen Ihr von Euren Bedrückern gezwungen wäret ; es ver- 
kündet auch bei Euch die Abschaffung des Adels, der Priesterherrschaft 
und der übrigen Vorrechte und Privilegien, die der Gleichheit entgegen- 
stehen. Ihr seid von diesem Augenblicke an Brüder und Freunde, 
sämtlich Bürger, sämtlich gleichberechtigt und alle gleichmässig berufen 
zu herrschen, zu dienen Eurem Vaterlande und es zu verteidigen! .... 
Die Abgesandten der französischen RepubUk werden sich mit Euch ver- 
ständigen, um Euer Glück und die Brüderlichkeit zu sichern, die von 
nun an unter uns bestehen muss-). 

Es ist nun leicht verständlich, dass solche Sirenenklänge, solche 
Verheissungen von unbedingter Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit 
einen tiefen Eindruck machen mussten auf die Unterthanen der kleinen 
deutschen Fürsten, die noch nach der Sitte der Altvorderen regiert, 
durch Steuern und Abgaben um so mehr bedrückt wurden, je kleiner 
das Ländchen war. und welche die Freiheit kaum von Hörensagen 
kannten. So konnte es denn nicht ausbleiben, dass überall im Lande 
sich die Unzufriedenheit regte, man oflenen Auges auf die Vorgänge 

*) Duvergier, 5, 50. — ■) Ib. f), H2. 



— 268 — 

schaute, die sich in Frankreich abspieUen, und bei Vielen die Sehnsucht 
wach wurde, möghchst bald das Joch der Tyrannen abzuschütteln. So 
war denn der Boden für einen Abfall an Frankreich trefflich vorbereitet, 
und das Weitere wurde von der Revolution selbst besorgt. Ihre 
Agenten und Werber durchzogen die Grenzländer und schürten das 
Volk auf, sie schilderten die Errungenschaften der Freiheit in glänzenden 
Farben, drohten aber auch andererseits mit Gewaltmassregeln, mit 
kriegerischer Eroberung und Plünderung, und sie wussten aller Orten 
wenigstens ein kleines Häuflein zu veranlassen, ein Gesuch an den 
Nationalconvent aufzusetzen und um Aufnahme in die französische 
Nation nachzusuchen. Selbstverständlich wurde diesen Bitten auf der 
Stelle entsprochen, der Convent verfügte auf allgemeinen Wunsch die 
Einverleibung, die Gebiete wurden besetzt, und den entthronten Fürsten 
blieb nichts übrig als eine leere Verwahrung gegen diesen Länderraub 
und eine Beschwerde an das ohnmächtige Deutsche Reich. Mit welchen 
Mitteln die Revolution arbeitete, und wie sehr alles verdreht und ge- 
wendet wurde, um zum Ziele zu gelangen, davon geben uns die Ver- 
handlungen des Nationalconvents aus jenen Tagen ein klares und 
deutliches Bild. So rief z. B. Garnot in der Sitzung vom 14. Februar 1793, 
in der Petitionen aus den Gebieten von Kriechingen und Saarwerden 
zur Beratung standen, mit Pathos aus: 

»Kaum wurde das Dekret vom 19. November 1792 den Ein- 
wohnern dieser Gegenden bekannt, als sie mit Eifer die Hofhiung er- 
grilfen, die sich ihnen darbot, und sich beeilten, ihre Stimmen für die 
Vereinigung bei ihren Obrigkeiten abzugeben. Aber keine Plackerei 
wurde unterlassen von den Beamten der alten Herren, um diese Be- 
geisterung für die Freiheit zu unterdrücken. Die Patrioten erlitten alle 
Härten und alle nur möglichen Ungerechtigkeiten. Einige Gemeinden 
haben sogar noch nicht dazu kommen können, ihre Massenabstimmungen 
bekannt zu machen, nur die Gemeindebeamten haben im Namen ihrer 
Mitbürger ihre Zustimmung übersandt, und die sehr grosse Mehrheit 
der Einwohner hat ihre persönliche Stimme gesetzmässig und frei ab- 
gegeben für die Vereinigung. Der diplomatische Ausschuss hat geglaubt? 
dass Ihr nach Euren Grundsätzen und dem Dekret vom 15. November 
diesem Volke, welches sich in Eure Arme wirft, die Brüderlichkeit nicht 
verweigern könnt, und dass es eben so sehr Eurer Würde als Eurer 
Menschlichkeit entspricht, es der Wut seines Despoten zu entziehen M — « 
Daher schlägt er denn zum Schluss die Vereinigung dieser Gebiete mit 
der französischen Republik vor, und noch am selben Tage erliess der 

') Chastellux, Tcrritoire du departement de la Moselle, 102. 



— 269 — 

Nationalconvent das Dekret, diiicli welches die Grafschaft Kriechingen, 
das Hanau -Lichtenberg'sche Amt Lemberg, die reichsritterschaftliche 
Herrschaft Assweiler und die Herrschaft Saarwerden ^') der französischen 
Republik angegliedert wurden-). Der Rest der Grafschaft Kriechingen, 
die Gemeinden Büdingen, Dentingen und den deutschen Teil von 
Lellingen umfassend, wurde durch Beschluss des Convents und im 
Nnmen des französischen Volkes, >qu'elle accepte le vcru librement 
emis par les ciloyens des communes«, Frankreich einverleibt am 
20. Mär/ 1793^). Weiter wurde durch Dekret vom 3. Frimaire des 
Jahres II (23. November 1793) die Herrschaft Diemeringen mit Frank- 
reich vereinigt und die Dörfer derselben dem Departement des Bas- 
Rhin zugeteilt^), infolge dessen sie heute politisch noch zum Elsass 
gehören. Die letzten Reste des deutschen Reichsgebietes, von der 
Grafschaft Salm abgesehen, auf die wir gleich noch zurückkommen, 
die Deutschordenskommende Hundlingen, die saarbrückischen Dörfer 
Settingen und Diedingen und die dem Edlen v. Kerpen gehörige Herr- 
schaft Lixingen, gingen am 1. Oktober 1795 in Frankreich auf-\), 
sodass von diesem Tage an das gesamte Gebiet des heutigen Lothringen 
im französischen Besitz sich befand. 

Doch wusste die Republik nicht nur zu locken und lieb zu thun. 
sie konnte auch Gewalt anwenden, um die Widerstrebenden zu sich 
hinüberzuziehen. Schon am 8. Dezember 1792 hatte der Nationalconvent 
das Dekret erlassen, nach welchem die Ausfuhr von Mehl, Getreide 
u. s. w. unter den schwersten Strafen verboten war. So bestimmle 
der Artikel I des Gesetzes : L'exportation hors du territoire de la Re- 
publique de toute espece de grains, farines et legumes secs est expres- 
sement defendue, a peine de mort et contiscation, moitie au profit du 
denonciateur, moitie au prolit des etablissements publics de bienfaisance, 
et les lois relatives ä cet objet continueront d'etre executees^). Nun 
war z. B. die gefürstete Grafschaft Salm, völlig von französischem Ge- 
biete eingeschlossen und durch ihre Lage an den Abhängen der Vogesen 

') Dass solche IJittschriflen hiiulig durchaus nicht den Willen des <ie- 
samlen Volkes ausdrückten, zeigt gerade diese Grafschaft, die in der grossen 
Mehrheit gar nicht danach trachtete, mit den Errungenschaften der Jievolulion 
heglückt zu werden, und die dem angestammten Herrscherhause mit verschwinden- 
den Ausnahmen treu ergehen war. »Die Franzosen wurden mit Grimm und soljtsl 
mit Eibitterung aufgenommen. Man hat zu steuern gehabt, um vom Morden ;ii)- 
zuhalten; ich kenne Ortschaften, die sich erboten, Franzosenköpfe gleich Sperlingen 
zu liefern», sagt Gagern in seinen Erinnerungen. (Mein Anteil an der Politik I. 34.) 
■■') Duvergier, 5, 153. — ^) Ib. 5, 2Üö. — *) r.ollningische Territorien, 172. — 
"■) Ib, 21)1, IHr., 254. — ») nuverjiier 5, 70. 



— 270 — 

nur wenig fruchtbai' uiitl ertragreich, vollständig auf die Getreidezufuhr 
von Aussen angewiesen. Infolge dieses tief einschneidenden Gesetzes 
hätten ihre Bewohner buchstäblich verhungern müssen. Sie suchten 
daher die für sie so harte Massregel zu mildern und w^andten sich mit 
der Bitte an den Convent, zu ihren Gunsten eine Ausnahme eintreten 
zu lassen, doch verfügte dieser unterm 14. Februar 1793: »Sur la Pe- 
tition de plusieurs citoyens de la ])rincipaute de Salm, tendant ä ce 
qu'il fvit fait en faveur de ce pays, exception au decret du 8 decembre 
dernier, concernant l'exportalion des grains, la Convention nationale de- 
crete. qu'il n'y a pas lieu ä deliberer« ^). Daher zogen die Bewohner es, der 
Not gehorchend, vor, dem Deutschen Reiche den Rücken zu kehren und 
sich Frankreich anzuschliessen. So erfolgte bereits am 21. Februar 1793 
der Beschluss sämtlicher salmscher Gemeinden, um Aufnahme in die 
französische Republik nachzusuchen^'). Selbstverständlich beeilte sich 
der Convent, diesem einstimmigen Wunsche des gesamten Volkes 
nachzukommen und verfügte bereits am 2. März 1793 »sur le vceu 
librement emis par le peuple souverain composant les commmies de 
la ci-devant principaute de Salm, dans les assemblees primaires, pour 
la reunion de la Republique francaise«, dass sie diesen Wunsch erfülle, 
das frühere Fürstentum Salm mit Frankreich vereinige und dasselbe 
vorläufig dem Vogesen-Departement zuteile^). 

V. 

Es ist nun leicht begreiflich, dass die auf solche Weise ent- 
thronten Herrscher nicht abwarteten, bis ihnen das Haus über dem 
Kopfe brannte, sondern dass sie sich, so gut es ging, rechtzeitig mit 
ihren Familien und Beamten zu retten suchten. Für die Fürsten, 
welche ausserhalb der französischen Grenzen noch souveräne Gebiete 
hatten, war eine Verlegung der Residenz ja nicht schwer zu bewerk- 
stelligen. Als einer der ersten verliess bereits am 15. August 1791 *) 
der Fürst von Salm seine Hauptstadt Senones und begab sich in die 
im westfäUsehen Kreise gelegene Reichsherrlichkeit Anholt, die durch 
Erbschaft an sein Haus gekommen war; von hier aus regierte er in 
der Folgezeit seine Lande, soweit sie ihm die Revolution nicht ent- 
rissen. 

Dieser vollständig beglaubigten Thatsache gegenüber steht ein 
Bericht des Moniteur in No. 134 des Jahres III. nach welchem die 



') Duvergier, 5, 153. — ^) Lothringische Territorien, 145. — ^) Duvergier 5, 178. 
— *) Haller, Geheii]ageschichte 6, 96. Die Angabe in den Lothringischen Terri- 
torien 145 (März 1790) ist demnach falsch. 



— 271 — 

Fürsten von Salm-Salm und Hohenlohe am 1). Pliivios;e im Haag auf 
den Glacis mit einem Generaladjutanten des Generals Clairfait gefangen 
genommen und nach Paris gebracht wurden. Sie hatten voriier ver- 
sucht, nach England zu entkommen, indem sie den Kapitänen eines 
amerikanischen und dänischen Schiffes zu diesem Zwecke eine grosse 
Geldsumme angeboten hatten. Aber diese braven Leute, sagt der 
Moniteur, hatten geantwortet, dass sie mit Frankreich nicht im Kriege 
lägen und deshalb nichts gegen dasselbe unternehmen würden: sie würden 
vielmehr die Neutralität genau beobachten. 

Obgleich ich im Augenblick diesen Widerspruch nicht erklären 
kann, möchte ich doch auf jeden Fall eine Verwechselung annehmen : 
vielleicht handelt es sich um einen Angehörigen der Familie Salm- 
Reiferscheidt, die ja in den Niederlanden angesessen war, vielleicht gar 
um den später zu nennenden Fürsten Friedrich von Salm-Kyrburg. 

Auch der Fürst von Leiningen verliess beim Ausbruch der Revo- 
lution seine lothringischen Lande und nahm zunächst in Dürkheim, 
seiner gewöhnlichen Residenz, jetzt ständigen Aufenthalt. Beim ersten 
Ansturm der Franzosen im Jahre 1792 hielt er daselbst noch aus, 
begab sich jedoch bald darauf nach Mannheim, um in seine an- 
gestammten Besitzungen nicht wieder zurückzukeliren. »Die fürstliche 
Familie hatte in diesen schweren Zeiten, die sie ausserhalb ihres Landes 
zubringen musste, manche Drangsale zu erdulden, doch kämpfte sie der 
Fürst männlich und standhaft durch \).« 

Noch schlimmer erging es dem regierenden Fürsten Ludwig von 
Nassau-Saarbrücken, der unter den ersten die Folgen der grossen Um- 
wälzung in Frankreich zu tragen hatte. Schon durch die frühesten 
Dekrete der Nationalversammlung war er schwer getroffen worden, da 
sie ihn seiner Rechte und Einkünfte aus dem Gebiete der Abtei Wad- 
gassen beraubt hatten, doch war sein Protest hiergegen sowohl bei 
der Verwaltung in Metz als auch in Paris nicht beachtet worden 2). 
Nicht besser erging es seinen Eingaben im folgenden Jahre •'). Trotz- 
dem war der Fürst redlich bemüht, so viel an ihm lag, mit den fran- 
zösischen Gewalthabern auf gutem Fusse zu bleiben, und er hatte auch 
insoweit Erfolg, dass er wiederholt als Freund und Alliirter der Re- 
publik bezeichnet wurde, dem kein Haar, seinen ünterlhanen kein 
Grashalm gekrümmt werden sollte^). Keine Emigrirten duldete er in 
seinen Landen, und den ausgewanderten Franzosen wurde nur uni 

') lirinckmcier, Geschichte des Hauses Leiiiingen 1, :308. ~ ') Moniteur 
1791, No. ()Ü. — '*) Ib. 17!»2. 130. — ^l llurstmann, Die Franzosen in Saarbrücken 
und den deutschen ReichsUinden 28. 



— 272 - 

Aufenthalt von 24 Stunden gestattet M. Im Gefühle der vollständigen 
Sicherheit blieb die fürstliche Familie ruhig im Lande auf ihrem Schlosse 
zu Neunkirchen, anstatt sich rechtzeitig über den Rhein zu flüchten. 
Trotzdem rückten zu Anfang des Jahres 1793 französische Heere, in 
erster Linie die sogenannte Moselarmee, in Saarbrücken ein und be- 
gannen sofort, sich als Herren zu benehmen. * Alles, was der Fürst 
und Privatleute an Fourage und Früchten missen konnten, wurde den 
Franzosen überlassen, welche ihre leeren Magazine damit anfüllten. 
Französische Deserteure, die sich ins Nassau'sche flüchteten, wurden 

entwaffnet und ihre Armaturstücke der Nation ausgeliefert 

Kurz, Fürst und Unterthanen beeiferten sich, alles zu thun, um die 
Freundschaft mit der Nation, welche die Politik befahl, fest zu knüpfen 
und fest zu halten« ^). Da erfolgte bereits zu Anfang Februar der Be- 
fehl des Generals Laudremont, der Fürst solle seine Haustruppen ent- 
waffnen und deren Gewehre und alle Vorräte, die noch in den Arse- 
nalen lagen, der Republik ausliefern, und um des lieben Friedens 
willen leistete man diesem Verlangen Folge •^). Am 14. Mai beab- 
sichtigte der Fürst, welcher heftig an der Gicht litt, sich nach Baden- 
Baden zu begeben, und er hatte seine Abreise auch dem französischen 
Befehlshaber in Saarbrücken angezeigt. Da wurden am 13. Mai sämt- 
liche Regierungs- und Kammerräte zusammen gerufen und ihnen eröffnet, 
dass Fürst, Dienerschaft und Land als Feinde der Republik erklärt 
seien : die öffentlichen Behörden wurden aufgelöst, ihre Amtszimmer 
versiegelt und die Räte selbst in Gewahrsam genommen ^). Zu gleicher 
Zeit wurde eine starke Truppenmacht nach Neunkirchen abgesandt, 
um die ganze fürstliche Familie im Augenblicke der Abreise gefangen 
zu nehmen und ihre Schätze und Kostbarkeiten mit Beschlag zu be- 
legen. Doch glückte der Fang nicht voflständig, da der Fürst bereits 
in der Frühe des 13. Mai abgefahren war, und der Erbprinz in der 
letzten Minute noch die Flucht ergreifen und sich in das preussische 
Lager in Sicherheit bringen konnte^). Die Erbprinzessin dagegen geriet 
in die Gewalt der Franzosen, wurde zunächst nach Metz, dann nach 
Paris geführt, wo sie in Haft gehalten und erst zu Anfang des Jahres 1796 
mit den Grafen von Leiningen -Westerburg gegen den französischen 
Minister Beurnonville, der in die Hände der Oesterreicher gefaflen war, 
ausgeliefert und in Freiheit gesetzt wurde ß). Gnädiger Weise war ihr 
aus den Einkünften des fürstlichen Vermögens jährlich eine Summe 

^) Horstmann. Die Franzosen in Saarbrüci^en und den deutschen lleichs- 
landen, 46. — ^j Ib. 46. - ^) Ib. 28. - *) Ib. 48. — «) Ib. 49. - <■') Brinckmeier 
a. a. 0. 2, 286, 289. 



— 273 — 

von 12000 Franks angewiesen'); ob sie dieselben jedoch erhalten hat, 
ist mehr als zweifelhaft. 

Die Folge dieses Vorgehens der Franzosen war zunächst die Ein- 
ziehung der Güter des Fürsten, dann die Einverleibung seiner Länder 
in die Reiuiblik. Am 2. Juni 1793 erliessen die Gewalthaber in 
Metz eine Proklamation an die Bewohner des Saarbrücker Landes 
mit der Ueberschrift : »Paix aux chaumieres, guerre aux chäteaux «, in 
welcher die gröbsten Lügen gegen den Fürsten vorgebracht wurden, 
um das Vorgehen der Franzosen zu rechtfertigen. In dieser heisst es : 

Quelques-uns des ces roitelets mirent plus d'art dans leurs de- 
marches: ])lus pres des armees franraises, ils pouvaient etre plus 
promptement punis: ils surent, sous le volle de la neutralite, satisfaire 
d'une maniere plus perlide ce que leur haine leur inspirait contre 
la nation franc.aise, et ce que la prudence attendait d'eux. Ils de- 
vinrent les espions de leurs confreres, et se promirent de faire ainsi 
tourner contre les Fran(,ais la protection meme qu'ils en recevraicnt. 
— Tel est le role dont le prince de Nassau et sa famille n'ont rougi 
de se charger: profitant du sejour des troupes francaises dans les pays 
de Nassau, tantot on les voyait, soit par eux, soit par leurs agents, 
chercher ä repandre les bruits les plus alarmants et les propres ä 
porter le trouble et le decouragement parmi des troupes qui n"auraient 
pas ete embrasees dun patriotisme aussi pur; tantot, abusant de notre 
facilite ä conserver des generaux ou traitres ou troup peu prononces, 
profiter de l'ascendant qu'ils prenaient sur eux pour sauver des hommes 
que la vengeance nationale poursuivait. Temoins de nos forces, de 
nos positions et de nos mouvements, c't'tait toujours par eux que nos 
ennemis etaient instruits . . . .^). 

Währenddem hatte sich der Fürst von Saarbrücken auf das rechte 
Rheinufer geflüchtet und lebte zunächst bis zum Ende des Jahres 1793 
in Mannheim. Als er jedoch infolge des Vorrückens der Franzosen 
sich hier nicht mehr sicher genug hielt, begab er sich nach Aschaft'en- 
burg, der damaligen Residenz des Kurfürsten von Mainz, wo er am 
2. März 1794 starb •'), seine Ansprüche auf die saarbrückischen Lande 
seinem Sohne Heinrich hinterlassend, der jedoch, ohne in den Besitz 
des Erbes gelangt zu sein, im Jahre 1797 als der letzte seines Stammes 
aus dem Leben schied und von Nassau-üsingen beerbt wurde "^i. 



') Horstmann 114. — '^) Horslniaiin 111. — ^) l'nterlialtendes Scliauspiol 
nach den neuesten Begebenlieiten des Staates, der Kirche . . ., vorReslellt 17!(4, 
8:58. — *) Lancizollo, IJehersicht der deutschen Heictis-, Hundes- und Tenitnrial- 
verhältnisse 6;'). 



— 274 — 

Das gleiche Schicksal, wie dem Fürsten von Saarbrücken, war 
auch seinem Nachbarn, dem Grafen v. d. Leyen zu Blieskastel, be- 
schieden. Gegen ihn und besonders gegen seine Gemahlin Sophie 
Therese, in den französischen Dekreten kurzer Hand »la dame Lalayen« 
genannt, wurden dieselben Anschuldigungen erhoben, dass sie mit den 
Feinden unter einer Decke gesteckt hätten, ein Arrestbefehl gegen leztere 
wurde erlassen, ihre Güter unter Sequester genommen und die Einkünfte 
aus denselben zu Gunsten der Staatskasse eingezogen, während allen 
Unterthanen verboten wurde, »de s'immiscer ä l'avenir dans cette 
geslion, et d'en detourner le plus petit objet, sous peine d'elre traites 
comme des spoliateurs, et poursuivis comme ennemis de la nation par- 
tout oii Ton pourra les saisir^)». Der Graf mit seiner FamiUe hatte 
sich rechtzeitig nach Hohengeroldseck zurückgezogen und war so den 
französischen Häschern entgangen. 

Die merkwürdigste Gestalt unter den deutschen Herren im heutigen 
Lothringen ist ohne Zweifel der Fürst Friedrich von Salm-Kyrburg. 
Trotz seiner deutschen Nationalität trat er von Anfang an auf fran- 
zösische Seite über, wurde von Lothringen als Deputirter in die kon- 
stituirende Nationalversammlung gesandt und zeichnete sich von vorn- 
herein durch seine radikale Gesinnung aus. Besonders heftig sprach 
er in der Sitzung vom 11. September 1789 gegen die Sanktion des 
Königs und griff hierbei in erster Linie Mirabeau scharf an. Nach 
langen Abschweifungen giebt er in hochtönenden Ausdrücken einen 
geschichtlichen Ueberblick über den Gang der Ereignisse, um zu be- 
weisen, dass das französische Volk würdig sei, in Freiheit zu leben. 
Das Wohl desselben ist ihm der erste Beweggrund, vor dem alles 
andere zurücktreten muss, und dies sucht er an dem Beispiel des 
Sokrates zu beweisen. Schliesslich erklärt er sich durchaus gegen die 
Sanktion des Königs^). — hu folgenden Jahre finden wir ihn in den 
österreichischen Niederlanden, wo, durch die übereilten Reformen Josefs IL 
veranlasst, eine allgemeine Revolution ausgebrochen und nach Art der 
französischen überall Freiheit und Gleichheit verkündet worden war. 
Als der Kaiser am 20. Februar 1790 starb und Leopold, sein Nach- 
folger, sogleich die Erklärung abgab, dass er bereit sei, sich mit den 
Ständen zu versöhnen, war für die Stürmer und Dränger die Gefahr 
gross, dass mit der alten Regierung Ruhe und Frieden ins Land zurück- 
kehren könnten. Deshalb erliess der Fürst von Salm-Kyrburg am 
18. März 1790 an die Stände von Brabant eine Proklamation, in der 



1) Horstmann 113. — ^) Moniteur 1789, 49. 



— 275 — 

or sieh ihnen zunächst als Erbe des Vermögens und der Vaterlands- 
liebe des Fürsten Hörn vorstellt und versichert, dass er dem Staate 
seinen Eifer, seine schwachen Kenntnisse und sein ganzes Vermögen 
anbiete : dann ergreift er die Gelegenheit, um einige Betrachtungen 
über die augenblickliche poKtisehe Lage anzustellen. Kaum sind«, 
ruft er aus, »Eure Ketten zerbrochen, kaum erntet Ihr die P'rüchte 
eines Mutes und einer Thatkraft sondergleichen, da scheint Ihr schon 
nichts mehr zu fürchten. Wer möchte, wenn man Eure Unthätigkeit 
sieht, nicht behaupten, dass alle Gefahr vorüber ist, dass Eure Freiheit 
auf unerschütterlicher Grundlage beruht, dass Ihr nichts mehr zu 
fürchten habt, weder die Erben des früheren Herrschers, noch aus- 
wärtige Mächte. Ohne Z.weifel werdet Ihr nichts zu fürchten 
haben, so lange Ihr einig seid. Eure gemeinsamen Kräfte werden 
ringen gegen mächtige Heere, der Gott der Schlachten wird sichtbar 
für Euch kämpfen, wenn Ihr Eure Freiheit verteidigt I Ich zweifle 
nicht an Eurem Mute, nicht an Euren Erfolgen. Der belgische Löwe, 
der lange geschlafen, hat in seinen Ketten gebrüllt. Sein drohendes 
und schreckliches Gebrüll hat die Begeisterung angekündigt, mit der er 
seine Ketten zerbrach. Ohne Zweifel wird er nicht wieder in seinen 
Todesschlaf verfallen: er will nicht gesiegt haben, ohne Teil zu nehmen 
an dem Siege, und weise Einrichtungen und nützliche Vorsichtsmass- 
regeln werden das grosse Werk seiner Freiheit vollenden. Um aber 
dies zu erreichen, ist die Einheit unter allen Teilen dieses grossen 
Körpers das beste und sicherste Mittel. Erklärt deshalb auf gesetz- 
mässige und rechtliche Weise, dass die Souveränität auf dem Volke 
beruht, dass die Belgier in dieser Beziehung zurückgekehrt sind zu den 
unverjährbaren Rechten aller Völker .... Wacht für die Sicherheit 
der Nation, schafft zahlreiche Volksheere I Eure reichen, gewaltig be- 
v()lkerlen Gebiete werden mehr Verteidiger des Vaterlands liefern, als 
nötig sind. Zieht zu Eurem Dienste reguläre Truppen heran, aber 
hütet Euch, sie von einer zu mächtigen Hand zu nehmen, diese Dienste 
würden Ketten .'^ein, und Ihi- habt die früheren sicherlich nicht zer- 
brochen, um neue zu tragen! — Wenn der Staat so nach aussen hin 
geschützt ist, könnt Ihr an Eurer Verfassung arbeiten. Zu (hesem 
Zwecke ernennt das rechtmässig versammelte Volk seine Vertreter, 
giebt ihnen ilie Macht, Gesetze oder im Laufe der Jahrhunderle ver- 
altete Gebräuche zu verändern, ja vielleicht gai' abzuschaffen. Diese 
Vertreter werden sich dann fest organisieren, sich in Ausschüsse teilen, 
in Alilciluniicn. iiini gemeinsam arbeiten füi' das W'nlil dei- Allgemein- 
heit. Von der Vorsehung zwi.schen zwei grosse Völker geslelM. k<innen 



— 276 — 

sie aus ihrem Beispiel Niilzeii ziehen. Der Engländer war ein Welt- 
weiser, weil er frei war, der Franzose ist es geworden. Wohlan. Ihr 
neuen Gesetzgeber, arbeitet diese zwei berühmten Verfassungen um, 
nehmt von jeder das, w^as nach Eurer Meinung für die Interessen des 
Landes passt. Vor allem nehmt als Grundlage das heute allgemein 
anerkannte Prinzip der Gleichheit der Menschenrechte, das gebilligt ist 
von der Religion, der Natur und der Vernunft. Wenn Ihr diesen grossen 
Schritt in der Weltweisheit machen wollt, dann wird es keine Bra- 
banter, keine Flamländer, keine Wallonen mehr geben, dann giebt es 
nur noch Belgier, und dieses grosse, geeinigte Volk, mächtig durch sich 
selbst, stark durch eigene Kraft, wird von den anderen Mächten an- 
gesehen w^erden als ein nützlicher Nachbar, ein schätzbarer Bundes- 
genosse, ein furchtbarer Feind. — Das sind meine Grundsätze, meine 
Betrachtungen, meine Wünsche. Wenn das Volk mich für würdig 
erachtet, teilzunehmen an so wichtigen Arbeiten, so bin ich bereit — 
befehlt, und ich bin da. Ich lasse meine Familie im Stiche, meine 
persönlichen Angelegenheiten, um mich ohne Unterbrechung nur dieser zu 
widmen. Frei von jedem Interesse, von jedem Ehrgeiz, kann ich nur 
den einen haben, beizutragen zu dem Glücke des Staates, und er wird 
befriedigt sein, wenn dies gesichert ist '). 

Viel scheinen diese aufreizenden Reden des Fürsten von Salm- 
Kyrburg nicht genützt zu haben ; denn, sow^eit man sehen kann, hat 
er im niederländischen Aufstand nirgends eine führende Rolle gespielt. 
Anderseits gab aber der Fürst die Hoffnung nicht auf, dennoch zum 
Ziele zu kommen. Er scheint in der Folgezeit in den Niederlanden 
geblieben zu sein und weiter gewühlt zu haben, bis ihn endlich das 
Geschick erreichte. Im Jahre 1792 begab er sich heimlich ins öster- 
reichische Hauptquartier zu Leiise und wurde ergriffen, als er einen 
Plan der Gegend aufnahm. Nach einem peinlichen Verhör vor dem 
Generalprofoss wurde er als Gefangener auf die Citadelle von Antwerpen 
gebracht und zunächst in strenger Haft gehalten^). Bald jedoch gegen 
das Versprechen der Neutralität freigelassen, wahrscheinUch, weil man 
ihm nichts bestimmtes nachweisen konnte, versuchte er jetzt im Interesse 
Frankreichs den Ausbruch des ersten Koalitionskrieges zu hintertreiben, 
richtete Briefe an die Kurfürsten von Mainz und Trier, die schlecht 
unterrichtet seien über die wirklichen Vorgänge in Frankreich, und riet 
ihnen, den gerechten Zorn dieser furchtbaren Macht nicht auf ihre 
Länder heraufzubeschwören. Sein Ideal ist ein Defensivbündnis zwischen 
Frankreich und Deutschland, ähnlich dem alten Rheinbunde unter 

») Monitoiu- t7yO, Nu. 77 vom 18. März. — '^j Ib. 1792, No. 139. 



— 277 — 

Ludwig XIV., au dessen Spitze ein Fürst von Salm als Grossmarschall 
gestanden. Als Erbe der Zuneigung seiner Ahnen zu der mächtigen 
französischen Nation würde er den Tag dieser Allianz als den schönsten 
seines Lebens bezeichnen, um so mehr, wenn er so glücklich wäre, 
selbst dazu beizutragen 



ii 



ö^ 



Aber auch dieser Plan des Fürsten Friedrich ging nicht in Er- 
füllung, er blieb vorläulig ein schöner Traum: deshalb kehrte er in 
sein geliebtes P>ankrei<h zurück, um dort für seine Ideen weiter zu 
wirken. Trotzdem er ein deutscher Fürst war, nannte er sich mit 
Stolz »citoyen francais«, erkannte die Souveränität des Volkes an, ver- 
zichtete auf seine Erbländer, soweit sie innerhalb der französischen 
Grenzen gelegen waren, und wollte keine Ünterthanen mehr besitzen, 
sondern nur noch Mitbürger. Gegen Ende des Jahres 17U2 rief er die 
Hülfe des Nationalconvents an, um in seinen früheren Staaten den 
Fanatismus der Priester und M<)nche zu beseitigen und die Leibeigen- 
schaft abzuschaffen, doch ging der Convent vorläufig über diese Anträge 
zur Tagesordnung über-). Trotzdem nun der Fürst völlig im revo- 
lutionären Fahrwasser schwamm, teilte er doch sc^hliesslich das Schicksal 
so vieler Genossen, von den Wogen der Revolution verschlungen zu 
werden; denn am 5. Thermidor des Jahres II wurde er vom Kevo- 
lutionstribunal zum Tode verurteilt mit 45 andern, * überfuhrt als Feinde 
des Volkes, indem sie teilgenommen an den Verschwörungen Capets, 
seiner Gemahlin, seiner Minister, der Dolch ritter, an den \^erbrechen 
Baillys, Lafayettes, an der Verschwörung des Auslandes, an dem Ver- 
such, das Gefängnis des Carmes zu erbrechen, um den Nationalconvent 
zu vernichten, ebenso seinen Wolilfahrtsausschuss und den der all- 
gemeinen Sicherheit, indem sie gerichtliche Verfahren einleiteten gegen 
die Patrioten, um Capet einen Dienst zu erweisen, im Einverständnis 
waren mit den Feinden des Staates, und Verschwörungen anzettelten 
gegen die eine und unzertrennliche Repubhk«''). Am 23. Juli 1794 
endete er sein Leben zu Paris unter dem Fallbeil im Alter von 
48 Jahren^). Doch wurde im Jahr darauf der Sequester, der auf 
.<einen Gütern lag, zu Gunsten der Erben aufgehoben •'). 

Auch den Herzog von Croy d'Havre finden wir in der konstilu- 
irenden Nationalversammlung, in welcher er als Abgesandter von Peronne 
eine lebhafte Thätigkeit entfaltete, doch ganz im andern Sinne, wie 
sein fürstlicher Genosse aus dem Salmschen Hause. Im Jahre 1789 
richtete er eine Adresse an den König, in der er die Grundsätze des 



»)Monileur 17!)2, 1321. ' lli. 17',)2. :588. — =») Boniteur :iii II 171)4, N... MH. 
*) llnlerhaltendc's Schauspiel 1794, Oöi;. — ») Munitcur an 111, 365, 



— 278 — 

Adels bezüglich der Prüfung der Vollinachten darlegte ^j. Im folgenden 
Jahre verlangte er in der Kammer eine Entschädigung für die Adeligen, 
denen das Holzungsrecht entzogen war-), weiter widersetzte er sich 
dem Beschluss, dass kein Rekurs m()glich sei gegen diejenigen, welche 
ihnen ihr Eigentum vorenthielten^), wie er auch dagegen protestierte, 
dass die Deputirten ein Viertel ihres Gehaltes hergeben sollten für eine 
Kriegssteuer"*). Er verlangte die Freiheit der Presse, als das Palladium 
der bürgerlichen Freiheit, und stellte den Antrag, dass Marat und Camille 
Desmoulins in Anklagezustand versetzt werden sollten als aufrührerische 
Schriftsteller^), hn Jahre 1791 beantragte er eine Untersuchung, welche 
Folgen das Dekret, die Aufhebung des Adels betreffend, haben würde '^), 
und gab bei der endgültigen Abstimmung über dieses Gesetz seine 
Stimme dagegen ab'). Bei der Beratung über die Verträge beantragte 
er, dass das Volk nur das Mittel der hisurrektion haben sollte, um 
sein Votum abzugeben über die Revision der Verfassung, für den König 
aber verlangte er das Recht, diesen Vertrag zu bestätigen, und ohne 
diese Massregel drohte er der Versammlung mit einer fürchterlichen 
Verantwortlichkeit*^). Als ein Attentat auf die Rechte der Nation und 
des Königtums bezeichnete er den Vorschlag, die Verfassung dem 
Könige nicht früher vorzulegen, als bis die Bestimmung getroffen sei, 
dass an ihr nichts geändert werden dürfe ^). Schliesslich unterstützte 
er mit aller Kraft einen Antrag des Deputirten Mauri, dass die Ver- 
sammlung der Nation Rechenschaft über die Gelder ablegen sollte *°). 
Nach Auflösung der konstituirenden Nationalversammlung begab sich 
der Herzog von Croy nach Spanien, da er zugleich Grande dieses 
Königreichs w-ar, und wurde deshalb auf die Emigrantenliste gesetzt 
und seine Güter eingezogen. Im Jahre 1792 war er eifrig bemüht, 
Zwietracht zu säen zwischen der Republik und Spanien und letzteres 
zum Anschluss an die Koalition zu bewegen, und zwar mit Erfolg ^^). 
Im folgenden Jahre richtete der »cidevant duc de Croy d'Havre« ein 
Gesuch ein beim Departement in Paris, um von der Liste der Emigrirten 
gestrichen zu werden, indem er falsche Aufenthaltsbescheinigungen in 
Frankreich vorlegte ; doch wurde diesem Gesuche keine Folge gegeben, 
da Guyot nachwies, dass er wirklich im Jahre 1792 sich ins Ausland 
begeben und damals schon seine Streichung beantragt habe in seiner 
Eigenschaft als Grande von Spanien*^). 

ij Moniteur 1789, 9. — ^) Ib. 1790, (54. — ^) Ib. 179U, 74. — ') Ib. 1 790, Sli. 
— «) Ib. 1790, 214. — «) Ib. 1791, 213. — ') Moniteur 1791, 221. — ^) Ib. 1791, 
244. — «) Ib. 1791, 240. - '») Ib. 1791, 273. — ") Ib. 1792, 9 u. 220. — 
1^) Ib. an III, 21!». 



— 279 — 

VI. 

Unterdessen nahm der Krieg mit zahlreiciien Wechselfällen 
seinen P'ortgang; Frankreich, zuerst auf allen Linien zurückgedrängt, 
schritt später in Folge der Zwietracht Preassens und Oesterreichs und 
der dadurch bedingten schleppenden Kriegsführung von Erf(jlg zu Erfolg. 
Am 21. Oktober 1792 hielt Custine seinen Einzug in die wichtige 
Festung Mainz, und damit war der grösste Teil des linken Rheinufers 
in französischen Händen. Der Nationalconvent zögerte nicht, aus dieser 
ganz veränderten Sachlage den möglichsten Vorteil zu ziehen, und er- 
liess am 17. Dezember 1792 ein Dekret an sämtliche Generäle, dessen 
zwei erste Artikel lauten, wie folgt : 

1. In den Ländern, welche von den Heeren der Rei)ublik bereits 
erobert sind oder es noch werden, sollen die Heerführer un- 
verzüglich im Namen des französischen Volkes verkünden die 
Souveränität des Volkes, die Aufhebung aller bestehenden Be- 
hörden, der vorhandenen Steuern und Abgaben, die Abschaffung 
der Zehnten, des Lehnswesens, der Herrenrechte jeder Art, 
der Zw'angsgerechtigkeiten, der r.,eibeigenschaft, der .lagd- und 
Fischereirechte, der Frohndienste, des Adels und überhau[)t 
aller I^rivilegien. 

2. Sie sollen dem Volke verkünden, dass sie ihm bringen Frieden, 
Hülfe, Brüderlichkeit, Freiheit und (lleichheit, und sie sollen es 
sofort zu Gemeindeversammlungen berufen, um eine Verwal- 
tung und provisorische Rechtspflege einzurichten ; sie sollen 
wachen für die Sicherheit der Person und des Eigentums und 
in der Landessprache ohne Verzug in jeder Gemeinde dieses 
Dekret bekannt machen. 

Es folgen daim weitere Bestimmungen über die Einrichtung der 
Behörden, und der Erlass läuft im Artikel 12 in scharfe Drohungen aus 
gegen alle, w^elche die Segnungen der Revolution nicht freudig annehmen 
würden: »La nation fran(,aise declare qu'elle traiteia comme eimemi 
le peuple qui, refusant la liberte et legalite, ou y renonrant, voudrait 
conserver, rappcler ou traiter avec le prince et les castes privilegees ; 
eile promet et s'engage de ne souscrire aucun traite, et de ne poser 
les armes qu'apres l'alfermissement de la souverainete et de lindepon- 
dance du peuple sur le territoire duquel les troupes de la Republitjuc 
sont entrees, ({ui aura adopte les principes de legalite et etabli un 
gouvcrnement libre cl ixjpiilairo'). 

') Duvergier 5, 82. 



— 280 — 

Eine weitere Folge der fran/ösischen Waffen Fortschritte war die 
Aufforderung an sämtliclie Städte und D()rfer der besetzten Länder, 
sich freiwilHg in den Schutz der Repubhk zu begeben, und unter dem 
Druck der Bajonette Hefen "solche Bitten zahlreich in Paris ein. Nach- 
dem bereits am 18. März 1798 die Revohitionspartei in Mainz den 
BeschUiss gefasst hatte, das gesamte [^and von Landau bis Bingen in 
einen Freistaat zu verwandeln, allen Zusammenhang mit dem Deutschen 
Reiche zu lösen und die landesherrlichen Rechte der geistlichen Fürsten 
von Mainz, Worms, Speier, der Fürsten von Nassau, Salm, Leiningen, 
sowie der Grafen, Ritter und Reichsstädte, die jenes Gebiet umschloss, 
für ewig erloschen zu erklären, folgte am 21. März der Beschluss, dass 
das rheinische, deutsche freie Volk die Einverleibung in die französische 
Republik wolle und eine Deputation abgesandt werden solle, um diesen 
Wunsch dem fränkischen Nationalconvent vorzutragen^). Diesem sehn- 
süchtigen Verlangen wurde denn auch sofort entsprochen, und durch 
Dekret vom 30. März das gesamte Gebiet mit Frankreich vereinigt ^), 
infolge dessen zahlreiche deutsche Fürsten, wenn nicht ihre Selbständig- 
keit verloren, so doch in ihren Einkünften und Rechten ausserordentlich 
geschädigt wurden. So setzte sich Frankreich an den Ufern des 
Mittelrheins fest, und die folgenden Ereignisse auf dem Kriegsschauplatze 
konnten es nicht völlig aus der einmal eingenommenen Stellung ver- 
drängen. Ja, als die Verstimmung zwischen Preussen und Oesterreich, 
die ja schon von vornherein lähmend auf den Gang des Krieges ein- 
gewirkt hatte, von Tag zu Tag sich steigerte, als die polnische Frage 
wieder brennend wurde, und Preussen seine Truppen im Osten lieber ver- 
wenden wollte, da war das endgültige Schicksal des linken Rheinufers 
besiegelt. Am 5. April 1795 schloss Preussen mit der französischen 
Repubhk den Frieden zu Basel ^) und erkannte dadurch als erste 
europäische Grossmacht das Werk der Revolution in seinem ganzen 
Umfange an. Ihm folgte am 5. August 1796 ein Geheimvertrag zwischen 
Preussen und Frankreich, in dem ersteres der Republik verspricht, 
bei dem künftigen Reichsfrieden der Abtretung des hnken Rheinufers 
nicht entgegen sein zu wollen, nur müs.sten alsdann zur Entschädigung 
der beteiligten weltlichen Fürsten Säkularisationen eintreten. Frankreich 
verbürgt sich denn auch seinerseits, Preussen für die verlorenen Länder 
wenigstens den grössten Teil des Hochstifts Münster und das Vest 



*i Häusser I, 467. — -) Duvergier 5, 197 u. 231. — ■') Ghillany, Diploma- 
tisches Handbuch I, 267. Lancizolle a. a. 0., 6:5. Häusser T, 595. Rerghaus 
a. a. 0., J, 95. 



— '281 — 

Recklinghausen zu überlassen'). Aehnliche Ab)iiachungcn schlos.sen in 
den nächsten Wochen auch W'ürltemberg und Baden. 

Bei dieser Lage der Dinge beruhte die einzige Hollnung der Patrioten 
auf dem Hause Oesterreich und dem deutschen Kaiser Franz II., der 
in seiner Wahlkapitulation feierlich beschworen hatte, alle Zeit ein 
Mehrer des Reichs sein zu wollen, und man lebte im festen Glauben, 



dass er niemals in eine Beraubung Deutschlands einwiUigen, niemals 
Frankreich die schönsten deutschen Länder ausliefern werde. Und 
diese Hoffnung wurde gehoben durch die glänzenden Siege des Erz- 
herzogs Karl im Jahre 1796, der durch seine Waffenthaten zwei fran- 
zösische Feldherrn zwang, das rechte Rhein ufer in eiliger Flucht zu 
räumen. Man träumte schon davon, die französische Republik zu zer- 
trümmern und in F*aris selbst den Frieden zu diktieren — da machte 
der Siegeszug Napoleons von den Gestaden des tyrrhenischen Meeres 
bis mitten in das Herz der österreichischen Lande allen diesen 
Hoffnungen mit einem Schlage ein Ende und führte eine Zeit für Deutsch- 
land herbei, wie sie trauriger niemals dagewesen ist. Am 18. April 1797 
kam auf dem Schlosse Eckenwald bei Leoben ein Präliminarfriede zu 
Stande, der möglichst bald zum definitiven umgewandelt werden sollte. 
Zwar trat Oesterreich an Frankreich die Niederlande ab, deren Zu- 
sammenhang mit dem Reiche in der letzten Zeit nur noch ein sehr 
lockerer gewesen war, während die RepubUk sich verpflichtete, für 
eine angemessene Entschädigung Sorge tragen zu wollen, im Uebrigen 
aber bestimmte der Artikel V des Vertrags, dass der künftige Reichs- 
friede nur verhandelt werden sollte auf der Integrität des Deutschen 
Reiches'^). Was jedoch Oesterreich unter dieser verstand, sollte sich 
bald zeigen, als man in ('.ampo Formio bei üdine zu Besprechungen 
zusammentrat, aus denen nach fast zweimonatlichem Feilschen und 
Handeln ein endgültiger Vertrag zu stände kam. Wohl waren die 
25 Artikel des veröffentlichten Wortlauts ganz harmlos, indem der 
König von Böhmen und Lngarn nur solche Länderstrecken abtrat, 
über die ihm unzweifelhaft das Verfügungsrecht zustand. Ebenso kann 
man es immerhin begreiflich linden, wenn der x\rtikel 20 bestimmt, 
dass zu Rastatt ein C.ongress der deutschen Fürsten und der Vertreter 
der RepubUk zusammentreten sollte, um einen Frieden zwischen den 
beiden Nationen anzubahnen, wenngleich man damals schon voraussehen 
konnte, wohin der französische Kurs steuerte. In 24 weiteren Geheim- 
artikeln überlässt Oesterreich dann an die [Republik den grösslen Teil 
des linken Rheinufers, wobei die Grenzlinie so gezogen ist, dass die 

') Lancizdlle (U — '■') liancizolli- Cii). lluusser I!, lüi». Ik'r^haus I, \V2. 



— 282 — 

preussischen Besitzungen ausgeschlossen sind. Demzufolge soll nach 
ij 9 von keiner neuen Erwerbung Preussens die Rede sein, was beide 
Mächte einander verbürgen. Nach § 12 werden Oesterreich und Frank- 
reich dahin wirken, dass die Fürsten und Stände des Reiches, die in 
Folge des gegenwärtigen Vertrags oder des künftigen Reiclisfriedens 
Verluste erleiden, namentlich die Kurfürsten von Mainz, Trier, Köln 
und Pfalzbayern, der Herzug von Württemberg, der Markgraf von Baden, 
der Herzog von Zweibrücken, die Landgrafen von Hessen-Kassel und 
Darmstadt, die Fürsten von Nassau-Saarbrücken, Salm-Kyrburg, Löwen- 
stein-Wertheim und Wied-Runkel und der Graf v. d. Leyen in Deutsch- 
land angemessene Entschädigungen erhallen, die im Einverständnis mit 
Frankreich geregelt werden sollen ^). 

vn. 

Am 9. Dezember 1797 wurde in Rastatt jener denkwürdige Congress 
eröffnet, der dazu bestimmt zu sein schien, das Verhältnis der französischen 
Republik zum Deutschen Reiche endgültig zu regeln, d. h. das in den 
früheren Geheimverträgen Festgesetzte zur Thatsache werden zu lassen, 
weite deutsche Gebiete an Frankreich zu überliefern und dem morschen 
Reiche selbst durch Vernichtung seiner Grundverfassung den Todesstoss 
zu geben. Hat der Rastatter Congress nun auch infolge der kriegerischen 
Ereignisse, die ihn vor der Zeit beendigten, nicht ganz zu diesem Er- 
gebnis geführt, so hat er doch der Auflösung des Reiches die Wege 
gebahnt und die Grundzüge festgelegt, auf denen die nächsten Friedens- 
schlüsse sich aufbauten. 

An den Verhandlungen waren offiziell beteiligt die Gesandten 
der französischen Republik, des Kaisers und die vom Reichstage in 
Regensburg ernannte Reichsdeputation, bestehend aus Kurmainz, 
Kursachseo, Oesterreich, Bayern, Würzburg, Hannover, Hessen-Darm- 
stadt, Baden, Augsburg und Frankfurt. Dazu kamen weiterhin Ver- 
treter sämthcher Reichsfürsten bis zu den Reichsrittern herab und 
freien Städten. Sie alle waren erschienen, um zu retten, wenn noch 
was zu retten war, und um zuzugreifen, sobald ein Stand auf Kosten 
des andern bluten sollte. Zwar wurde in Rastatt viel geschrieben und 
noch mehr geredet, und doch waren alle Anwesenden überzeugt, dass 
hier der Welt nur ein Gaukelspiel vorgemacht wurde, dass Frankreich 
entschlossen war, seinen Willen durchzusetzen um jeden Preis, und 
dass der Schwerpunkt der Verhandlungen in Paris zu suchen sei. So 
erleben wir denn schon in der nächsten Zeit das Schauspiel, wie die 

'j Ghillany 1, 277. Lancizolle 66. 



— 288 - 

deutschen Fürsten geheim und oÜ'en um die («un.st der fraiiz(">.si.sehen 
Gewalthaber buhlen, wie sie sich gegenseitig den Rang abzulaufen 
suchen, die französischen (tesandten, ja selbst deren Kammerdiener und 
Lakaien durch reiche Geschenke ködern, in der Hoffnung, bei der 
Teilung der Erde nicht ganz übergangen zu werden. 

Kaum hatte der Congress zu Rastatt seine Sitzungen eröffnet, so 
regnete es Reschwerden von Fürsten, die von den Franzosen in ihren 
Rechten geschädigt waren und um Abhülfe baten. Schon am 10. De- 
zember wurde ifnn ein hessen-darmstädtisches Promemoria übergebeu, 
des Inhalts, dass die cisrhenanische Conföderation unter Begünstigung der 
französischen Befehlshaber auch in dem an der lotharingischen Grenze ge- 
legenen hanau-lichtenbergischen Amte Lemberg zu republikanisieren an- 
fange; dass die durch Hoche wieder eingesetzten Beamten durch neu- 
bestallte Cantonsrichter verdrängt würden, und dass letztere gedruckte 
F^epublikanisierungs-Aufforderungen verbreiteten; daher bitte man die 
Reichsdeputation um nachdrücklichste Verwendung^). Diese Vorstellung 
wurde in noch schärferer Form am 21. Januar 1798 wiederholt-). Am 
13. Dezember 1797 folgte ein Bericht der schwäbischen Grafenkurie, 
in dem u. a. verlangt wird, dass die Grafen v. d. Leyen wegen der 
Herrschaft Blieskastel Anspruch auf Restitution hätten'^). Doch war 
alles dieses, wie wir sehen werden, ohne Erfolg. 

War der Congress in der Absicht zusammengetreten, um die 
Integrität des Reiches zu wahren, so sollte er in aller Kürze einsehen, 
was man wirklich im Schilde führte; bereits am 17. .lanuar 1708 ver- 
langten die französischen Bevollmächtigten als Entschädigung für die 
Kosten, welche die Abwehr eines ungerechten Angriffs Frankreich ver- 
ursacht habe, den Lauf des Rheins als künftige Grenze zwischen 
Frankreich und dem Deutschen Reiche, und am 20. Januar erklärten 
sie, die französische Regierung wolle die Fürsten, welche durch Ab- 
tretung des linken Rheinufers Verluste erleiden würden, entschädigt 
wissen'*) — Frankreich fühlte sich bereits als Herr, der Deutscliland 
seinen Willen aufdrängen zu können glaubte. Erkannte die Reichs- 
deputation diese Forderungen im Prinzip an, so war das Schicksal 
zahlreicher deutscher Fürsten und Herren besiegelt; sie verloren, einige 
gänzlich, andere teilweise, ihre Besitzungen, die sie nach Erbrecht be- 
sassen, und wussten noch nicht einmal andeutungsweise, wie sie ent- 
schädigt werden sollten. Vor allem die kleinen Fürsten und Herren, 
die Grafen unrl Reifhsritter mussten fürchten, bei der Neuverteilung 

*) Haller, Geheime Geschichte der Rastädler E'riedcnsverliandlungen f., KU. 
— '') Ib. (!, 198. — «) II). (5, 197. — *) Rergliaus 1. Viö. 



— 284 — 

zu kurz zu kommen, und so bestürmten sie den Congress mit Bitt- 
schriften und Vorstellungen, das französische Verlangen kurzer Hand 
abzuweisen, und es schien zunächst, als hätten sie auch Erfolg; denn 
am 26. Januar stützte sich die Reichsdeputation in ihrer Antwort auf 
die Abmachungen von Leoben, betreffend die Integrität des Reiches, und 
bestand auf der Ausführung derselben ; ferner erinnerte sie daran, dass 
die Republik zu verschiedenen Mak'n erklärt habe, sie sinne nicht auf 
Eroberungen : schliesslich flehte sie die Gerechtigkeii und den Grossmut 
der französischen Regierung an, dass es derselben gefallen möge, neue 
Vorschläge zu machen, welche den Leobener Bestimmungen mehr 
entsprächen'). Die Antwort der Republik war deutlich genug! Da das 
Reich an den Verhandlungen in Leoben nicht teilgenommen, so könnten 
diese nur als Privatabmachungen angesehen werden; die französische 
Regierung erkenne sie nicht als bindend an, und sie würde niemals 
die Integrität des Reiches als Grundlage der Friedensverhandlungen 
betrachten und annehmen, vielmehr müsse sie darauf bestehen, dass 
die Abtretung des Unken Rheinufers und die Entschädigung der Fürsten 
als Grundbedingungen anerkannt würden^). 

Jetzt musste es der Reichsdeputation klar werden, dass sie mit 
ihren Forderungen nicht durchdringen könne, dass sie vielmehr nur 
zu dem Zw-ecke tage, um die französischen Anmassungen gut zu heissen. 
Auch die Fürsten, deren Besitzungen ganz oder zum Teil auf der 
linken Rheinseite gelegen waren, konnten nicht mehr im Zweifel sein, 
wohin die Republik steuere ; deshalb versuchten sie noch, so viel in 
ihren Kräften stand, auf die Verhandlungen einzuwirken, um wenigstens 
etwas zu retten, und richteten daher zahlreiche Schreiben an den 
Congress. So erklärten z. B. die fürstlich nassau'schen Häuser, »dass 
das grosse Opfer des hnken Rheinufers zwar nicht vermieden werden, 
doch in Absicht seiner Grösse und seines Umfangs vermindert werden 
könne ; dass aber auf alle Fälle, es mögen jene Versuche ganz oder 
nur zum Teil geraten, alle an Frankreich zu machenden Abtretungen 
von deutschen Reichslanden unter nachstehendem Vorbehalt und 
respektiven Bedingungen geschehen möchten : 

1. Dass die französische Republik sich mit der Souveränität und 
den Hoheitsrechten dieser abgetretenen Lande begnügen und 
daher sowohl das Eigentum der Privatpersonen, es bestehe in 
beweglichem oder unbeweglichem Vermögen, als vornehmlich 
auch die sogenannten Domänen der Fürsten und Landesbesitzer, 
welche als deren Privateigentum zu betrachten sind, in ihrem 



•) Berghaus 1, 186, — 2) ib. 



— 285 — 

ganzen umfange zurückgebe, und zu eigenem Genus.s und Ver- 
waltung, obgleich nach Vorschrift und in Gemässheit der fran- 
zösischen Constitution, überlasse .... 

6. Der Punkt der zu leistenden Entschädigungen für die verlorenen 
Lande, Güter und Staaten, dem Deutschen Reiche, welchem 
solche eigentlich zu prästieren obliegen möchten, auch allein 
aufzufinden und zu regulieren, jedoch unter Vermittlung und 
Mitwirkung der französischen Republik überlassen werden 
könne ^). 

Die Reichsritterschaft aber ersuchte die Reichsdeputation, sich 
dahin zu verwenden, dass 

1. dem über dem Rhein gelegenen, hiebei allenfalls befangenen 
Reichsadel wenigstens sein bewegliches und unbewegliches 
Eigentum erhalten, und ihm die Erlaubnis ausgewirkt werde, 
solche, wenn er sich nicht in die neue Ordnung der Dinge zu 
fügen Lust hätte, in einer geraumen Zeitfrist verkaufen und 
den Erlass ohne Hindernis zu beziehen zu dürfen ; dass für ihn, 

2. er mag auf jener Rheinseite sich aufhalten oder nicht, in An- 
sehung des von seinem übrigen Einkommen und Rechten er- 
leidenden Verlustes gleich den Ständen des Reichs gesorgt, und 
er dadurch in seiner politischen Existenz und in seinem Ver- 
band mit Kaiser und Reich erhalten werde ; 

3. dass die Namen derjenigen unter ihnen, sowie die ihrer Frauen 
und Kinder, welche, ohngeachtet ihrer anerkannten Eigenschaft 
als Reichsglieder, dennoch auf die Emigrantenliste gesetzt 
worden, ausgestrichen werden möchten; und 

4. dass nie zugegeben werde, dass die traurigen Ueberreste des 
sonst so ansehnlichen Reichsritterschaftlichen Corps, nach allen 
Redrängnissen, die es seit geraumen Jahren erlitten, und denen 
es noch entgegensieht, als ein Mittel der Entschädigung in Vor- 
wurf kommen, und die Reichsritterschaft dadurch ihrer erb- 
lichen Rechte imd unmittelbaren Verhältnisse mit dem Reich 
und dessen Oberhaupt mit einem Federstrich auf immer be- 
raubt, und dadurch das Mass des Unglücks auf immer voll 
gemacht werde, mit welchem der Genius dieser Zeit den Adel 
zu Roden tritt -). 

Solche Vorstellungen konnten auf die Reichsdei)utation nicht uliiie 
Eindruck bleiben, und sie machte daher noch einmal den Versuch, 
wenigstens einen Teil der gefährdeten Länder fiir das Reich zu retten, 

') Halloi- 0. 102. — «I flnlio, »5, lOH, 



— 286 — 

und sprach am 16. Februar den Wunsch aus, die französische Re- 
gierung möge, wie man es von ihrer Gerechtigi<eit und Billigkeit er- 
warten könnte, geneigt sein, ihre Vorschläge zu ermässigen und sich 
auf die Hälfte der Länder des linken Rheinufers beschränken'), und 
am 3. März schlug sie vor, dass der Lauf der Mosel die Grenze zwischen 
dem Reiche und der Republik bilden sollte, indem sie die Auswahl der 
Hälften Frankreich anheimstellte. Hiergegen hatte besonders Kurlrier 
noch am 28. Februar heftig protestiert, da es höchstens die Nahe als 
Grenze gelten lassen wollte, weil so der grössle Teil des Kurstaates 
erhalten bliebe und zwischen Nahe und Mosel auch ein nicht geringer 
Teil von Kurpfalz, ein Teil des Herzogtums Zweibrücken, ein Teil der 
Grafschaft Sponheim, ein Teil der Nassau-Saarbrückischen und Weil- 
burgschen Besitzungen, das ganze, was das Haus Hessen-Cassel auf 
dem linken Rheinufer besitzt, ein grosser Teil der fürstlich Salmschen 
Lande, ein Teil der Besitzungen mehrerer reichsgräflicher Familien und 
der grösste Teil der niederrheinischen Reichsritterschaft gerettet würde ^). 
Die Reichsdeputation hörte jedoch nicht auf diese Vorstellungen 
und fügte ihrer Erklärung nur noch einige Vorschläge bei, die auf die 
oben angeführten Wünsche Bezug hatten, u. a. : 

dass die Stände des Reiches, mit Einschluss der unmittel- 
baren Reichsritterschaft, im Besitz ihrer Privat- und Erbgüter, 
überhaupt aller Besitzungen verbleiben müssen ; 

dass Frankreich ihnen eine Entschädigung gewähre für die 
grundherrlichen und Lehensrechte und Gerechtsamen für den 
Fall, dass die französischen Verfassungsgesetze es nicht ge- 
statten sollten, sie in deren Genüsse zu lassen ; 

dass die französische Gesetzgebung, die Auswanderer be- 
treffend, nicht auf die abgetretenen Länder in Anwendung ge- 
bracht würde ; 

dass alle diese Bedingungen ihre Anwendung auch bei den- 
jenigen Reichsständen linden müssten, die in Elsass und Loth- 
ringen angesessen seien''). 
Die französische Antwort erfolgte bereits am nächsten Tage. Ohne 
auf irgend einen der gemachten Vorschläge auch nur einzugehen, 
forderten die Bevollmächtigten der Republik von der Reichsdeputation 
die bestimmte Erklärung, ob sie die vorgeschlagenen Grundbedingungen 
annehme, oder nicht, also der bedingungslosen Abtretung des ganzen 
linken Rheinufers zustimme, und diese willfahrte am 11. März, nahm 
die französischen Bedingungen an und fügte nur noch ganz bescheiden 

1) Berghaus 1, 137—38. — ^) Haller (i, llo. — ^) Berghaus 1, 13Ü. 



— 2H7 — 

den Wiinscli hinzu, class die Kepublii< r^icli mit dieser Abtreliing bo- 
o-nügen und weiter keine Ansprüche an das Reich erheben möge "■). 
Am 15. März antwortete die französische Regierung : sie sähe mit Ver- 
gnügen, dass man ihrem Verlangen ohne Rückhalt entsprochen habe: 
über die angefügten Bedingungen Hesse sich weiter sprechen, wenn die 
weitere Grundbedingung des Friedens, die Entschädigung der auf dem 
linken Rheinufer angesessenen Fürsten, angenommen und geordnet 
worden sei. Auch dieses Hess die Deputation sich abtrotzen, und sie 
erklärte am 4. April, dass sie die Entschädigungsfrage ebenfalls als 
Grundbedingung des Friedens annehme. Zur Erledigung derselben 
schlage sie geistliche auf dem rechten Rheinufer gelegene Länder vor, 
die zu Gunsten der auf dem linken Ufer Verluste erleidenden Erbfürsten 
und Stände des Reiches seknlarisiert werden .sollten ; doch müssten 
dabei diejenigen Rücksichten beachtet werden, die zur Aufrechterhaltung 
der deutschen Reichsverfassung notwendig wären'). 

Nachdem man nun soviel erreicht hatte, ging das Bestreben der 
französischen Bevollmächtigten in den nächsten Monaten darauf hinaus, 
die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, um aus der allgemeinen 
Weltlage möglichst viel Nutzen zu gewinnen. Es folgen die geheimen 
Beratungen zwischen Oesterreich und der Republik zu Selz vom 30. Mai 
bis zum 5. JuH. deren Inhalt niemals bekannt geworden ist, und während 
dieser Zeit war der Congress zu Rastatt sozusagen zimi Nichtsthun 
verurteilt. Erst am 22. .luni erklärten die französischen (iesandten, dass 
die Mitglieder der reichsuiniiitlelbaren Ritterschaft auf dem linken Rhein- 
ufer, die niclit zugleich Fürsten, Grafen, Reichsstände und beim Reichs- 
tage nicht durch Viril- oder C-ollektivstimmen vertreten seien, als ein- 
fache Privatleute, als Bürger der einen und ungeteilten Piepublik 
betrachtet werden müssten. Demgegenüber richtete im Auftrage der 
unmittelbaren Reich.sritterschnft der Freiherr Carl von Gemmingen am 
26. Juni 1798 eine Vorstellung an die Reichsdeputntion. in der u. a. 
folgende Punkte aufgestellt wurden : 

1. Dass diejenigen Mitglieder der Reiehsrilterschaft, welche sich 
dermalen noch in dem Besitz und Genuss ihrer (lüler belinden, 
daiin ungesb")!-! belassen, — 

2. diejenigen aber, deren Güter nul dem Sequester behaftet sind, 
ohne iigend eine Ausnahme der Eigentümer, und nhne dass sie 
bis auf den Abschluss des Friedens zu warten haben, in deren 
Besitz und Genuss unverzüglich eingesetzt, somit der Sequester 
aufgehoben und die alsbaldige Ueslitntion verordnet — . . . . 

') Brrtrhaus 1, i:Ut. - ' II. 14ü. 



— ^88 — 

6. besonders aber stipuliert werde, dass durchaus kein Unter- 
schied zwischen den Mitgliedern der Reichsrittersehaft gemacht 
werde, die allein Güter auf der linken Seite des Rheins, und 
denen, die zugleich auch Güter auf der rechten desselben be- 
sitzen, sondern dem einen wie dem andern der ungestörte 
Besitz und Genuss verbleibe; 

7. ihnen an der ferneren Disposition darüber kein Hindernis in 
den Weg gelegt, und 

8. sie für die ihnen entgehenden droits-feodaux umsomehr ent- 
schädigt werden, als unter deren reichsritterschaftlichen Mit- 
gliedern mehrere Familien sind, deren vorzüglichste Einkünfte 
aus dergleichen abfliessen. 

Sehr richtig werden diese Forderungen zum Schluss damit be- 
gründet, dass sich keine Ursache denken lässt, warum das unmittel- 
bare Reichsglied nicht für einen Verlust von 100—1000 und mehreren 
Gulden den Anspruch auf Entschädigungen machen könne, den ein 
Fürst und Stand des Reiches für 10000 und mehrere Gulden machte. 

Weitere Verhandlungen betrafen die Frage der reichsständischen 
Dienerschaft auf dem linken Rheinufer. Am 24. Juli 1798 führte ein 
Promemoria dieserhalb aus : Der grösste Teil der vor der französischen 
Eroberung in Elsass-Lothringen und auf der linken Rheinseite angestellt 
gewesenen Diener sieht sich wegen seiner Dienstverhältnisse der härtesten 
Bedrückung ausgesetzt. Bald lässt man Diener, die ihren Herren nach- 
folgten, die Strenge der Emigrationsgesetze empfinden ; bald macht man 
sie für. Handlungen verantwortlich, die sie auf ausdrücklichen Befehl 
ihrer Herren, oder vermöge ihres Berufs ausgeführt haben. Klagen 
gegen Rechtssprüche, die der ehemaligen Verfassung ebenso angemessen 
waren, als sie den Grundsätzen der jetzigen zuwider sind, werden bei 
französischen Gerichten angebracht und nach französischen Gesetzen 
entschieden. Einige Einwohner, die nach der ersten Wiedereroberung 
der jenseitigen Rheinlande rückständige Gefälle erhoben, sollen jetzt 
Summen, die sie nicht für sich bezogen haben, aus ihrem Eigentum 
ersetzen; fast jede Klage über angeblichen Missbrauch eines ehemaligen 
Amtes hat eine Arrestanlegung zur Folge .... Daher verlang! das 
Promemoria, »es werde einer hochansehnlichen Reichsdeputation ge- 
fällig sein, so schleunig als nur immer möghch, die Abstellung der 
wegen ihrer Dienstverhältnisse bedrängten Güterbesitzer des linken 
Rheinufers zu erhalten, und die Erklärung zu erwirken suchen, dass 
sie in Rücksicht ihres Eigentums allen andern Einwohnern gleich 

1) Haller 6, 113. 



— 289 — 

gehalten, in Rücksicht ihrer liesonderen Verhältnisse aber seiner Zeit in 
der Amnestie begrilTen und vor der Hand über ihre ehemaligen Hand- 
lungen nicht beunruhigt werden sollen« ^). 

Wirklich machte die Republik am 1 1 . September das Zugeständnis, 
dass die Gesetzgebung, die Auswanderer betreffend, nicht auf die ab- 
getretenen Länder Anwendung finden sollte"^). Doch schon bald schlug 
der Wind wieder um. indem die französischen RevoUmächtigten am 
3. Oktober erklärten, sie könnten die Nichtanwendung der Emigrations- 
gesetze auf die reunirten Reichslande' nicht zugeben, und sie beriefen 
sich dabei auf ein der begehrten allgemeinen Ausnahme widerstehendes 
Slaatsgesetz^). Infolgedessen richtete der Salm-Salmsche Abgeordnete 
unter dem 9. Oktober 1798 eine Vorstellung an die Reichsdeputation 
imd führte folgendes aus : 

»Nach dem anliegenden Auszug des Hau])t-p]migrationsgesetzes vom 
25. Brumaire an II sind jene, welche seit der von den Einwohnern 
begehrten Vereinigung mit der Republik sothane Lande verlassen haben, 
und nicht innerhalb 3 Monaten nach der erfolgten Vereinigung zurück- 
gekehrt sind, zwar schlechterdings als Emigrirte anzusehen ; aber welche 
sich aus sothanen Landen vor der Epoche ihrer Revolution entfernt 
hatten, und nicht vor dieser Zeit in fremden Landen wohnsitzlich 
waren, nur gewissermassen den in gleichem Fall befindlichen französi- 
schen Abwesenden, und alsdann nur den wahren französischen Emi- 
grirten gleichgestellt werden, wenn .sie Teil an ihrem Complott ge- 
nommen, oder die Waffen gegen die Republik getragen haben. — 
Hieraus folgt unhindertreiblich, dass alle jene, welche sich vor der Re- 
union eines Reichs-Landes aus demselben entfernt, und in einem 
andern Lande, vor dessen feindlichen Verhältnissen gegen Frankreich, 
etablirl haben, von dem französischen Gesetze selbst nicht als Emigrirte 
angesehen worden sind, mithin auch ausser der Anwendung aller Dis- 
positionen sothanen Gesetzes gestanden haben. — In diesem Falle sind 
demnach notorisch alle Räte, Reanitc, männliche und weibliche Diener- 
schaft deutscher fürstlichen und gräflichen Häuser, deren Lande reunirt 
worden, welche vor der Reunion mit ihrer höchst und hohen Herrschaft 
diese Lande vorlassen und bey derselben in einem andern ihr zuständigen 
Rcichs-Lande zu Fortsetzung ihrer Dienste, vor dem Ausbruch des 
Roichs-Kriegs mit Frankreich, ihren Wohnsitz genommen haben, oder 
dazu unter den nämlichen Fmständen von ersagten ihren Herrschaften 
abberufen worden. 

■-'i lior;;liau6 1, Vi^. ■ ' llalln (i, IM. 



— 290 — 

So sind z. B. vor der am 2. Miirz 1793 geschehenen Vereinigung 
des Fürstentums Salm mit der französischen Repubhk dem regierenden 
Herrn Fürsten zu Sahn-Sahn, welcher am 15. August 1791 schon 
seine Residenz zu Senones mit seiner fürstHchen Familie verlassen, 
und in der Reichsherrschaft Anholt genommen hat, einige seiner Räte 
und mehrere männliche und weibliche Bediente gefolgt, und haben 
sich bey Hochstdemselben zu Fortsetzung ihrer respect. Dienste in Anholt 
vor dem Kriegs -Ausbruch mit Frankreich etabhrt. So sind ebenmässig 
höchstdessen Frau Mutter, welche vor der Eroberung der ehemaligen 
Kaiserl. Königl. Niederlande höchstdero Witthum-Sitz im Herzoglhum 
llüogstraten verlassen, und sich ebenmässig in Anliolt etablirt hat, 
auch einigen seiner Herrn Oheimen und Brüdern, und Frau Tante, die 
vor der Vereinigung des Fürstenthums Salm zu verschiedenen Epochen 
sich von da entfernt, und anderswo gewohnt haben, ihre Bediente 
weiblich- und männUchen Geschlechts nachgefolgt ; und diese alle stehen 
gleichwohl auf mehreren französischen Emigranten-Listen, und das ihnen 
zustehende Vermögen ist sequestrirt. 

Gleich wie nun zweifelsohne mit vielen anderen Beichsständischen 
Ruthen, Beamten und Dienerschaften, der nämUche gesetzwidrige Fall 
vorwaltet, so würde es keineswegs eine Abweichung von dem fran- 
zösischen die Emigrationen betreffenden Staatsgesetze seyn, sondern 
vielmehr zu dessen Vollzug gereichen, wenn von den bevollmächtigten 
französischen Ministem die officielle Erklärung erfordert würde, dass 
alle Räthe, Beamte, männlich- und weibliche Dienerschaft und hohen 
Glieder solcher Familien, welche mit oder ohne ihren Herrschaften aus 
ihren I^anden vor ihrer Vereinigung mit Frankreich abgegangen zu 
seyn, und sich anderswo zu ihrem Dienste etablirt zu haben, erweisen 
können, von der mit grossen Schwierigkeiten und Kosten verbundenen 
ordentlichen Nachsuchung ihrer Radiationen auf allen desfallsigen Prä- 
klusionen losgesprochen seyen .... 

Weniger aber, als diesem ol)en .scliun hüchstbilligen Antrage, 
würden die bevollmächtigten Minister der französischen Republik mit 
Bestand etwas entgegen zu setzen haben, wenn eine hochansehnliche 
Reichs-Friedens-Deputation auf die unbedingte Radiationen aller deutschen 
Reichs-Fürsten und Reichs-Grafen, und ihrer Familien-Mitglieder, deren 
Lande mit der französischen Republik vereinigt worden, auf allen und 
jeden Emigranten-Listen, wie wir hierum schon unterm 24. Jan. ehrer- 
bietigst gebelhen haben, nachdrücklich zu bestehen geruhen w^ollte, da 
diese w'enigstens in keinem erdenklichen Fall den französischen Emi- 
gratiojis-Geselzen unterworfen sein können« M. 



') Haller G, \H. 



— -201 — 

Wennglcieli die liici' angeregte Frage, wie es scheint, in den 
Verhandlungen zunächst nicht weiter berührt wurde, so ist sie doch 
später im Frieden zu Luneville im wohlwollenden Sinne geregelt worden. 

Unterdessen regte sich bei allen der Wunsch, endlich zum Frieden 
zu kommen. Bereits am 24. August hatte die Reichsritterschaft der 
Cantone des Ober- und Niederrheins eine Vorstellung an die Deputation 
gerichtet, in der ihre verzweiflungsvolle Lage geschildert wurde. »So 
tröstlich auch die Aussichten füi' die Erhaltung vieler ansehnlicher 
Heichsunmittelbaren Familien immer sein mögen, so verbittert der 
Rückblick und das Gefühl der Lage, in welcher sie sich gegenwärtig 
belinden, jede entferntere Hotfnung. Denn der wirkliche Besitz und 
das Grundeigentum wird erst nach der Auswechselung der Reich.-;- 
friedensratificationen von dem französischen Gouvernement erteilt 
werden: bis dahin müssen daher die Mitglieder der Cantone Ober- und 
Niederrhein nicht nur den Genuss ihrer Einkünfte vollkommen ent- 
behren, und befinden sich dadurch in dem äussersten Notstande und 
Elend, sondern ihr Grundeigentum ist selbst wider den Willen des 
französischen Gouvernements allen Deteriorationen und Degradationen 
ausgesetzt, die immer die Folge einer zu ausgedehnten Administration 
sind . . . Die Summe des Elends ist daher bei dem Rheinischen Adel 
auf eine solche Höhe gestiegen, dass er das Ende desselben nur von 
dem allgemeinen imd se^hnlich gewünschten Frieden erwarten darf: die 
Mitglieder des rheinischen Ritlerkreises glauben doch wenigstens die 
verzweiflungsvolle Lage, in welcher sie sich befinden, ehrerbietigst und 
zutrauensvoll vorlegen und sich schmeicheln zu dürfen, dass eine hoch- 
an.sehnliche Beichsdeputation in solcher einen neuen und hochderen 
patriotischen (josinnungen ohnehin üljereinstimmenden (irund linden 
werde, die Abschliessung des Friedens auf die möglichste Art zu be- 
schleunigen und das deutsche Vaterland von .seinen bisherigen und 
gegenwärtigen Drangsalen zu befreien < M. 

Nach -1 Tagen - 26. August 1798 - wandten sich auch Pfalz- 
Zvveibrücken, Hessen-Darmstadt, Baden und Nassau in einem ähnlichen 
Schreiben an die Reichsdeputation und baten eindringlich, »in der gegen- 
wärtigen kritischen Lage der Dinge alles, was zur Beschleunigung des 
Friedens zwischen dem Deutschen Reiche und der französischen Re- 
publik nur immer beitragen kann, mit ihi-em erprobten, ruhmwürdigen 
Eifer anzugehen und zu versuchen, cinei' mit ihren Pflichten verein- 
barlichen und mit den innncr dringender werdenden Fmständen im 
Verhältnis stehenden Nacligiebigkeil ungehindert l'Ialz zu geben«'*). 

'i li.illci c. is-j. •• II,. (i, 211 



— 292 — 

Doch je mehr man den Frieden herbeisehnte um jeden Preis, um 
so drohender zogen von allen Seiten wieder Gewitterwolken zusammen, 
die sich auf das arme Deutsche Reich entladen sollten. Die Vorgänge 
in Italien und der Schweiz, Napoleons Zug nach Aegypten, die Weg- 
nahme der Insel Malta, die Anmassungen der Franzosen in den auf 
dem rechten Rheinufer besetzten Gebieten, ihre Kontributionen und 
Erpressungen überall, sie waren nicht danach angethan, die Hoffnung 
auf einen wirklichen dauerhaften Frieden aufkommen zu lassen ; daher 
ist es denn leicht erklärlich, dass manche Fürsten, welche nach den 
mühevollen Verhandlungen in Rastatt endlich sich geborgen glaubten, 
von neuem für ihre Existenz zu bangen anfingen und von neuem ihre 
Stimmen erhoben für den endgültigen Abschluss des Friedens. Schon 
am 26. August hatten die obengenannten Mächte ausgeführt, »es liege 
nicht ausser dem Gebiete der Möglichkeit, dass noch ein Rruch der 
schon so lange gedauerten Friedensunterhandlungen eintreten und ein 
neuer Krieg entstehen könnte, der noch grösseres Elend gebähren, noch 
mehr deutsche Länder verwüsten und solche umstände herbeiführen 
würde, welche an sich und in ihren Folgen, mit einer veränderten 
Ordnung der Dinge und dem Umsturz der bisher bestandenen Ver- 
fassung, unsägliches Unglück über das deutsche Vaterland ausstreuen 
und verbreiten müssten<' M- Dieser Erklärung folgte am 7. Dezember 
eine neue der gleichen Grossen, denen sich noch Salm-Salm und die 
Rheingrafen, ferner die verschiedenen leiningenschen Linien anschlössen. 
Indem sie davon ausgingen, dass die französischen Gesandten tags vor- 
her mit dem Abbruch der Verhandlungen gedroht hatten, ". baten ^ sie 
dringend um Reschleunigung des Friedens, »da diejenigen Stände des 
Reiches, welche ihre Besitzungen teils ganz, teils grösstenteils am linken 
Ufer des Rheins hatten, und verloren haben, in der bedauerlichsten 
Lage seien« -). 

VIII. 

Der so heiss ersehnte Friede war den deutschen Landen noch 
lange nicht beschieden. Es kam zur Koalition Russlands, Englands 
und Oesterreichs gegen die Republik ; noch einmal mussten die WafTen 
entscheiden über den Besitz des linken Rheinufers, und wieder neigte, 
sich das Glück auf die Seite der Republik. Bereits am 7. April 1799 
zeigte der kaiserhche Gesandte in Rastatt der Reichsdeputation an, 
dass er zurückgerufen sei, und der Kaiser alles für null und nichtig 



') Haller (i, 214. — ^) Ib. 6, 218. 



— 208 — 

erkläre, worüber man bis jetzt einig geworden sei, und wenige Tage 
darauf reiste er wirklich ab^j. Am 28. April kam es dann zu der 
rätselhaften Ermordung der französischen Bevollmächtigten, und so 
endete der ('.ongress mit einem schlimmen Versto.sse gegen das Völker- 
recht, ohne, trotz seiner langen Tagung, etwas Greifbares geschaffen 
zu haben. Es folgt nun das gewaltige Hingen der Völker Europas 
gegen die Heere der Republik, die unter Napoleons Führung schliess- 
lich bei Marengo den Sieg erfochten und Oesterreich so in Schrecken 
setzten, dass der Kaiser Franz zu verschiedenen Malen um Frieden 
nachsuchte ; dieser kam jedoch nicht zu stände, worauf mehrere rheini- 
sche Fürsten, um sich vor weiteren Schädigungen durch die Franzosen 
zu sichern, auf eigene Hand Unterhandlungen mit der Republik an- 
knüpften. Das Haus Nassau erkaufte sich am 25. September 1800 
den Frieden gegen eine Summe von 50000 Franks, die Fürsten von 
Wied zahlten 30000, nicht weniger die Grafen von Leiningen ^). End- 
lich wurde am 9. Februar 1801 der Friede zu I^meville geschlossen, 
und mit ihm schlug die Todesstunde des alten Deutschen Reiches. 
Nicht nur wurden jetzt die Bestimmungen des Friedens von Campo 
Formio erneuert, sondern der Artikel 6 verfügte ausdrücklich, gemäss 
den in Rastatt getroffenen Abmachungen, dass der Kaiser im Namen 
des Reiches an Frankreich abtritt »en loiite souverainete et propriete 
les pays et domaines situes ä la rivc gauehe (ki Rhin el qui faisoient 
partie de l'Empire germanique <, dergestalt, dass der Thalweg des Rheins 
die Grenze zwischen den beiden Reichen bilden solP). Nach Artikel 7 trägt 
das Reich in seiner Gesamtheit den Verlust des linken Rhein ufers ; di(^ 
erblichen Fürsten sollen für das, was sie auf der linken Rheinseite 
einbüssen. nach den auf dem Congress zu Rastatt aufgestellten Grund- 
sätzen in Deutschland entschädigt werden. Artikel 9 besagt : Allen 
Bewohnern und jeglichen Eigentümern in sämtlichen durch gegenwärtigen 
Vertrag abgetretenen Ländern wird man die Aufhebung des infolge 
des Krieges verfügten Sequesters ihrer Gütei- bewilligen : die ver- 
tragenden Parteien werden alles das bezahlen, was sie jenen l'rivat- 
leulen oder (Mlent liehen Stiftungen schuldig sind. Ferner verfügt Ar- 
tikel 10: Der Sequester, w^elcher wegen des Krieges auf Güter deutscher 

ünterthaiien in Frankreich gflegt worden ist. wird gleichfalls 

aufgehol)en. — Dieser Friedensvertrag soll vom Kaiser, vom Deutschen 
Reich und von der französischen Republik in einer Frist von l-?0 Tagen 
bestätigt werden, und bis zur Auswechselung der Bestätigungsurkunden 
sollen die Kriegsvölker beidei- Mäclite in ihren Stellungen l)leiben- 

•l Rergliaus 1, KH. - ') \\k l 168. — »i Gliillaiiv 1, 28311. 



— 204 — 

20 Tage uacli der Au.swechselung weiden die IVanzösischeii Tiiippeii 
das Gebiet des Deutschen Reiches räiunen. 

Am 7. März gab der Reichstag zu Regensburg seine Zustimmung 
zu diesen Abmacliungcn, und am 16. März wurden die Friedensurkunden 
in Paris ausgewechselt. Zur Ausführung der Restimmungen des Ar- 
tikels 7 Würde vom Kaiser eine ausserordentliche Reichsdeputation be- 
rufen, bestehend aus den vier Kurfürsten von Sachsen, Mainz, Böhmen 
luid Brandenburg, und vier Fürsten : Bayern, Württemberg, dem Hoch- 
und Deutschmeister und Hessen-Kassel, und dieser fiel die Aufgabe zu, 
dem alten römischen Reiche deutscher Nation, das über 1000 Jahre 
bestanden, das (irab zu graben. Sie besorgte es auch in 46 Sitzungen, 
die in die Zeit vom 24. August 1802 bis zum 25. Februar 1803 fallen. 
Da jedoch die Eröffnung der Verhandhuigen sich so sehr in die Länge 
zog, bemühten sich verschiedene deutsche Staaten, vorher ihre Ent- 
schädigungen sich sicher stellen zu lassen, und wohl wissend, dass das 
künftige Schicksal Deutschlands und seine Umgestaltung nicht in Regens- 
burg, sondern an den Ufern der Seine entschieden würde, zögerten sie 
nicht, wie schon früher einmal, nach Paris zu eilen, um vom ersten 
Kon.sul sich Länder zuweisen zu lassen, über die er gar nicht verfügen 
konnte. So entstanden Sonderverträge der französischen Republik mit 
Bayern, Preiissen, Württemberg und Hessen \), und die Herrscher dieser 
Länder zögerten nicht, sogleich von dem ihnen zugewiesenen Länder- 
ersatz Besitz zu nehmen, bevor noch die Reichsdeputation ihre Sitzungen 
eröffnet, bevor das Deutsche Reich selbst über seine Zukunft einen 
Beschluss gefasst hatte. 

Selbst die kleinen Fürsten scheuten eine Reise nach Paris nicht ; 
teils begaben sie sich, wie der Graf v. d. Leyen und der Fürst von 
Leiningen, in eigener Person zu den Ufern der Seine, teils hatten sie, 
wie Löw^enstein-Wertheim, besondere (Jesandte dort=^), um mit allen 
Mitteln der Ueberredung und Bestechung beim eisten Konsul sicJi Ge- 
hör zu verschaffen und deutsche Reichsgebiete sich überweisen zu 
lassen, vor allem aber auch, um die Aufhebung des Sequesters über 
ihre Privatbesitzungen zu betreiben. Doch noch mehr: der neue russi- 
sche Kaiser Alexander I. mischte sich aucli in die Angelegenheiten, 
die ihn gar nichts angingen, und schloss am 4. .Juni 1802^) einen Ge- 
heimvertrag mit der Republik, als dessen Folge jener Entschädigung.s- 
plan zu betrachten ist, der am Eröffnungstage bereits der Reichsdepu- 
tation vorgelegt wurde. »Obwohl der Reichstag«, heisst es in dem- 

') Laiicizullo (iH. — ^) Haussier 2, ;-339— 40. — •') Inincizollc CS. 



— 295 — 

selben, »eine besondere Kommission zur Erledi^.un«' dieser wiehtigen 
Angelegenheit (der Entschädigung der Erbl'ürsten ) ernannt hat, so sieht 
man doch zur Genüge durch die Verzögerungen, welche ihre Vereinigung 
erfahren muss, wie sehr der Gegensatz der Interessen und die Eifer- 
sucht der Ans|)rüche Hindernisse dem in den Weg legen, was die 
Regelung der Entschädigungen im Reich von der eigenen Thätigkeit 
des deutschen Reichskörpers zu erwarten hat. Das ist es, was S. M. 
dem Kaiser aller Reussen und dem ersten Konsul der Fr. R. den Ge- 
danken eingegeben hat, dass es zweien völlig unbeteiligten Mächten 
wohl anstehen werde, ihre Vermittelung anzubieten und dem kaiser- 
lichen Reichstage zu dessen Reratung einen allgemeinen Entschädigungs- 
plan vorzulegen, der, nach Rerechnungen der strengsten Unparteilichkeit 
entworfen, nicht allein die anerkannten Verluste ausgleichen, sondern 
auch zwischen den hauptsächlichsten Häusern in Deutschland das 
Gleichgewicht aufrecht zu erhalten habe, welches vor dem Kriege be- 
stand. Demgemäss. und nachdem die von den beteiligten Parteien ein- 
gereichten Denkschriften über Verlust und Entschädigungsanspruch mit 
der gewissenhaftesten Aufmerksamkeit geprüft worden sind, ist man 
dabei stehen geblieben, folgende Vorschläge zur Verteilung der Ent- 
schädigungen zu machen 

Dem Fürsten von Nassau- Usingen für das Fürstentum Saar- 
brücken, die zwei Drittel der Grafschaft Saarwerden, die Herrschaft 
Ottweiler und die Herrschaft Lahr in der Ortenau : die Ueberreste des 
Kurfürstentums Mainz auf der rechten Seite des Mains (mit Vorbehalt 
des Oberamts Aschalfenburgj, und die zwischen dem Main, dem Lande 
Darmstadt und der Grafschaft F>bach, Kaub und die Ueberreste des 
eigentlichen Kurfürstentums Köln (unter Vorbehalt der Grafschaft All- 
wied), die Klöster Seligenstadt und Bleidensladt, die Grafschaft Sayn- 
Altenkii'chen, nach erfolgtem x\bleben tle^^ Markgrafen von Ansbach, 
die Dörfer Soden und Sulzbach. 

Nassau-Weilburg für den dritten Teil von Saarwerden und rlie 
Herrschaft Kirehheim -Rolanden : die Ueberreste des Kurfürstentums 
Trier mit den Abteien Arnstein und Marienstadt. 

Dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt für die Gesamtheit 
der Grafschaft Lichtenbej'g und ihren Zubehörungen : die pfälzischen 
Aemter Lindenfel- und Otzberg inid die Ueberreste des .\nites Oppen- 
heim, das Herzogtum Westfalen mit N'oibehall der Entst liädigung des 
Fürsten von Wittgenstein, die mainzischeii Aemter Gernsheim, Rensheim, 
Heppenheim, die Ueberreste (U'^ llodislifles \\orni> und die Reich.s- 
stadl Friedbei'ü'. — 



— 296 — 

Den Fürsten und Grafen von Löwenstein für die Grafschaft 
Virneburg, die Herrschaft Scharfeneck und andere Güter in den Ländern, 
welche mit Frankreich vereinigt worden sind : der Würzburgische An- 
teil an den Grafschaften Rhineck und Wertheini zur Rechten des 
Mains, die Abtei Bronibach, — 

Dem Fürsten von Leiningen: die mainzischen Aemter Milten- 
berg, Amorbach, Bischofsheim, Königshofen, Krautheim und alle Teile 
von Mahiz, die zwischen Main, Tauber, Neckar und der Grafschaft 
Erbach belegen sind, die Würzburgischen Teilstücke zur Linken der 
Tauber, die pfälzischen Aemter Boxberg und Mosbach, die Abtei Amor- 
bach und die Propstei Gomburg mit Territorialhoheit. — 

Den Fürsten von Salm-Salm und von Salm-Kyrburg, den 
Rheingrafen und dem Grafen von Salm-Reifferscheid: der übrige 
Teil des Oberstifts Münster (so weit er nicht für Preussen bestimmt 
war). — 

Dem Fürsten von Wied-Runkel für die Grafschaft Kriechingen: 
die Grafschaft Altwied (mit Vorbehalt der Aemter Lintz und Unkel). — 

Dem Grafen v. d. Leyen für Blieskastel u. a. : die Abteien 
Schussenried, Gutenzell, Heggbach, Baindt und Buxheim.« 

Weiter wird vorgeschlagen, »dass die Fürsten zu Nassau-Usingen, 
Nassau- Weilburg, Salm-Salm, Salm-Kyrburg und Leiningen im Fürsten- 
kollegium verbleiben oder in dasselbe eingeführt werden, ein jeder mit 
einer Virilstimme, die an den Besitzungen haftet, die sie zur F^ntschädi- 
gung für ihre vormaligen unmittelbaren Länder bekommen werden : 
dass die Stimmen der unmittelbaren Reichssrafen ebenfalls auf die 
Besitzungen iibertragen werden, die denselben als Sehadloshaltung zu- 
fallen* \). 

So war denn das Schicksal Deutschlands beim Zusammentritt 
der Reichsdeputation bereits entschieden, und obgleich Frankreich und 
Russland den vorgelegten Entschädigungsplan als einen einfachen Ent- 
wurf bezeichneten, einen guten Rat. den man für nützlich halte, um 
allen Ansprüchen zu genügen ^j, so war es doch sämtlichen Einsichts- 
vollen von vornherein klar, dass die fremden Grossmächte ihren Willen 
durchsetzen würden, der Reichstag nur Ja und Amen zu sagen habe 
und höchstens kleine Veränderungen und Verschiebungen vornehmen 
dürfe. Die Hauptsache stand fest, dass sämtliche geistlichen Herr- 
schaften und die Mehrzahl der freien Städte ihre Existenz einbüssen 
und von der Landkarte verschwinden würden — so hatte es Frank- 
reich bestimmt, und das Deutsche Reich halte sich zu fügen. Und 

1) Berghaus 1, lUOlV. Häusser 2, 37G. — -) v. Hoff a.a.O. 2, (38. 



— 297 — 

wenn die Reiclisdepiitation wirklicli v(jlle 4(i Sitzungen ahhirlt, so ge- 
schah es nur in der i\bsicht. um den Anschein zu erwecken, als handle 
man ganz selbständig, und um für einige minder gut bedachte Herren 
eine grössere Entschädigung zu erwirken. 

Es liegt nun nicht in unserer Absicht, eine allumfassende IJeber- 
sicht über die Verhandlungen in Regensburg zu geben, vielmehr wollen 
wir nur das hervorheben, was sich in irgend einer Weise auf das Ge- 
biet des heutigen Lothringen bezieht. 

Bereits in der Sitzung vom 8. September wurde der Vorschlag 
von Kurmainz, den Ministern der vermittehiden Mächte zu erklären, 
dass die Deputation den Entschädigungsplan im allgemeinen annehme, 
sich jedoch alle Veränderungen vorbehalte, welche aus Reklamationen 
hervorgehen könnten oder von der Deputation selbst für notwendig er- 
achtet W'ürden, angenommen^). 

In der 5. Sitzung vom 16. September kam eine Eingabe des Frei- 
lierrn von Helmstädt, eine Entschädigung für seine Herrschaft Mörchingen 
betreifend, zur Verhandlung, ohne dass sie praktische Folgen gehabt 
hätte: denn der genannte Freiherr ist im Reichsdeputationshauptschluss 
nicht bedacht worden. Nur so viel konnte er erreichen, dass die 
Deputation beschloss, man wolle bei den französischen Bevollmächtigten 
die Vollstreckung des Artikels 9 des Luneviller Friedens, betr. die 
Aufhebung des Sequesters, reklamieren. 

Die 11. Sitzung vom 30. September beschäftigte sich mit dem 
Einspruch der unmittelbaren Reichsritterschaft im rheinischen Kreise, 
die das nicht unberechtigte Verlangen stellte, für den Verlust ihrer 
Einkünfte entschädigt zu werden, den sie durch die Abtretung des 
linken Rheinufers erlitt (79,874 Gulden für den Canton Oberrhein. 
183,148 Gulden für den am Niederrhein), da die französische Gesetz- 
gebung sie des Zehnten, der Lehnsprestationen und der herrlichen 
Gerechtsame beraube. Der Einspruch wurde verworfen; »so sehrauch 
die Reichsritterschaft zu bedauern sei, die Reiclisdeputation linde sich 
gleichwohl nicht im stände, ihr eine Entschädigung zu verschaffen.- 

hl der 13. Sitzung vom 9. Oktober übergaben Frankreich und 
Russland zur Ergänzung ihres ersten Eni schädigungsplanes ein weiteres 
Schriftstück, in dem sich zahhMnclie Abänderungsvorschläge linden. Was 
Lothringen angeht, so ist folgendes zu bemerken: Zunächst wird unter 
die Fürsten, welche auf Entschädigung Anspruch haben, auch der 
Herzog von Groy aufgenommen: ihm wird ein Teil des Münsterschen 
Amtes Dülmen zugesi)rochen. Weiter werden die Salmschen Ent- 

•) cf. für (las folgende ijcsonders IkTgliaus 1, 2i;nt'. 



— 298 — 

sehädigungeu genauer aufgefülu'l, und zwar sollen erhalten die Fürsten 
von Salm die Münsterschen Aemter Bockolt und Ahaus im Verhältnis 
von ^3 für Salm-Sahn und Vs für Salm-Kyrburg. Den Rheingrafen 
fällt das Münstersche Amt Horstmar zu, während für den Grafen von 
Salm-Reifferscheid Entschädigungen in anderen Gegenden Deutschlands 
vorgeschlagen werden. Auch für Leiningen und Wied-Runkel werden 
genauere Festsetzungen gemacht, wie sie später in den Hauptschluss 
aufgenommen sind, dagegen wird der Graf v. d. Leyen von der Liste 
der zu Entschädigenden gestrichen. — Auch dieser Plan fand in der 
18. Sitzung vom 21. Oktober die Zustimmung der Reichsdeputation. Und 
wenngleich in der Folgezeit noch vieles geschrieben und geredet wurde, 
so wurde dennoch der ganze Entschädigungsplan in den Reichsdeputations- 
hauptschluss aufgenommen, der vom Reichstage am 24. März 1803 ra- 
tifiziert und vom Kaiser durch seine Unterschrift am 27. April zum Gesetz 
erhoben wurde. 

Den Verlusten, welche deutsche Grosse im Gebiete des heutigen 
Lothringen erhtten, stehen zum Teil ganz ausserordentliche Ent- 
schädigungen gegenüber, von denen der Löwenanteil Baden zufiel, das 
wir hier jedoch füglich übergehen kiainen. 

Der Herzog von Croy hatte im deutschen Gebiete des linken 
Rheinufers gar keine souveränen Länder besessen, und selbst für seine 
Herrenrechte in Lothringen hätte er nach den aufgestellten Grundsätzen 
keine Entschädigungen beanspruchen können ; um so rätselhafter ist es 
dalier, dass er auf einmal unter den Entschädigten erscheint, während 
seiner in den vorhergehenden Verhandlungen niemals gedacht wird, 
und sein Name auch in dem ersten Entschädigungsplane nicht zu finden 
ist. Berghaus ^) vermutet daher wohl nicht mit Unrecht, dass er sich 
beim ersten Konsul der französischen Republik insinuirt, und dieser 
durch einen Machtspruch seine Entschädigung verfügt habe. So wurde 
ihm nach Artikel ?> des Hauptschlusses der grösste Teil des fürst- 
bischöflich Münsterschen Amtes Dülmen mit der Stadt gleichen Namens, 
den Kirchspielen Buldern, Dülmen und Haltern, dem Stadtgericht Haltern 
und dem Gerichte des Beifangs Buldern zugesprochen — ein Gebiet 
von über 5^2 □ Meilen mit 10000 Einwohnern, dessen Einkünfte jähr- 
lich 50000 Gulden betrugen. 

Als Nachbarn erhielt er die Fürsten von Salm und die 
Rheingrafen. Den Fürsten von Salm-Salm und Salm-Kyrburg wurden 
die Münsterschen Aemter Ahaus und Bockhölt übertragen mit den darin 



\i cf. für das folgende besonders Berghaus 1, 272 und 270. 



— 299 — 

liegenden Kapiteln, Archidiakonaten, Abteien und Klöstern \), die 
28 G Meilen mit 55 000 Einwohnern umfassten und jährlich 250 000 
Gulden abwarfen ^i. Dazukam eine jährliche Rente von 42 000 Gulden, 
welche die Hheincrrafen aus ihicn Einkünften /u zahlen hatten. Weiter 
wurde bestimmt, da.ss von den genannten Gebieten ^/a den Fürsten von 
Salm-Salm, ^/h denen von Kyrburg gehören sollte, doch ist diese 
Scheidung niemals durchgeführt, da der Salmschen Selbständigkeit nur 
eine geringe Lebensdauer beschieden war. Die ersteren behielten ihren 
Wohnsitz zu Anholt, wohin sie ja gleich beim Ausbruch der Revolution 
gellohen waren, die Fürsten von Kyrburg residierten in Ahaus ; in diesen 
beiden Orten sind die Geschlechter heute noch ansässig. 

Den Rheingrafen von Grumbach wurden die Reste des 
Amtes Horstmar mit den darin befindlichen Kapiteln, Archidiakonaten, 
Abteien und Klöstern als ausschUes.sliches Eigentum übergeben ^j. Da- 
durch kam ein Gebiet von 80 G Meilen mit 50000 Einwohnern in 



1) Bern Amte Ahaus untergeben waren: das Gerictit Atiaus, Zum Steinernen 
Kreuz und Ottenstein mit den Kirchspielen Ahaus, Alstätte, Ottenstein, Wessum 
und Wüllen; das Gogericht Borken im gleichnamigen Kirrhspiel mit den Ge- 
richten zu Gescher und im Kirchspiel Heiden, zu Stadtlohn und Südlolm mit den 
Kirchspielen Rambsdorf, Grossrecken und Veten ; das Stadtgericht Borken ; die 
Graf Merveldt'sche Gerichtsbarkeit Lembeck mit den Kirchspielen Krle, Hervest, 
Holsterhausen, Lembeck, Rhade, Scharmbeck und Wulfen; das Gericht Lipprams- 
dorf. Herrlichkeit Oistendorf, die freiherrlich landsbergsche Gerichtsbarkeit zu 
Veten; die Graf limburg styrumschc Gerichtsbarkeit tlac'sfold; die Gerichte der 
Wiegbolde Ramsdorf und Stadttohn mit der Bauerschaft Wessendorf; die Gerichte 
VVreden und Weseke. — Das Amt ßockholt umfasste das Land- und Stadt- 
gericht Rockholt mit den Ivirchspielen Bockholt und Rhcde und das Gericht 
zu Dingden mit dem gleichnamigen Kirchspiel, sowie die Herrschaft Weerdt. — 
An Abteien und Klöstern waren vorhanden Gross-Rurloh (Cisterzienser) und das 
Minoritenkloster am Schwilbrock, beide im Amte Ahaus. 

•') Rerghaus 1, 272 und 280. 

*i Das Amt Horstmar umfasste das Gericht Billerbeck, das Stadtgericht 
Coesfeld, das Gericht des Wigbolds Gronau, das Gogericht Haslehausen mit den 
Kirchspielen Appelhülsen, Billerbeck, Darfeld, Darup. Hawixbeck, St. .lacol)i und 
St. Lamberti ausserhalb Coesfeld, Lette, Nottuln, Rorup, Schapdetten, das Stadt- 
gericht Horstmar, das Gericht des Reifangs Lembergen, die Gerichtsbarkeit der 
Abtei Metelen über Metelen mit Mersch und Spackenbaum ; das Gericht des Wig- 
bolds Nienborg; das Gogericht Ruschau mit der Beeringe und den Kirchspielen 
Borghorst, Hulthausen, Laer nebst der Bauerschaft Höpingen, das Gogericht Sand- 
welle mit den Kirchspielen Eggenrodo, Heeck, Holtwick, Epe, Horstmar, Leer, 
Legden, Langenhorst, Metelen, Osterwick, Ochtrup, Schöppingen, Wettringen, 
Weibergen, dem Beifang und Kirrhspiel Asbeck. Abteien und Klöster gab es in 
Klein-Burloh i^Cisterzienserj. Mnricnlimht zu fJinne bei I'".pe ■ Kranziskanen, Varlar 
(Prämonslratenser). 



- 300 - 

ihren Besitz, und die jälniichen Einküni'lo au.^ demselben betrugen 
800.000 Gulden, doch miisste davon, wie eben gesagt, jährlich eine 
Summe von 42 000 Gulden an die fürstlich salmschen Linien bezahlt 
werden : aber die Entschädigung war immer noch reichlich genug be- 
messen ^ ). Der Rheingraf nahm seine Residenz in Horstmar selbst, 
und noch heute wohnen seine Nachkommen dort. 

Dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt, der die Grafschaft 
Lichtenberg, das Schutzrecht über Wetzlar, die Aemter Lichtenau und 
Wildstadt, Katzenelnbogen, Braiibach, Ems, Kleeberg, Epstein und das 
Dorf Weiperfelden teils verloren, teils abgetreten hatte, wird zugesprochen 
das Herzogtum Westfalen mit der Stadt Volkmarsen und sämtlichen 
Kapiteln, Abteien und Klöstern, ferner die Mainzischen Aemter Gerns- 
heim, Bensheim. Heppenheim, Lorsch, Fürth. Steinheim, Alzenau, Vilbel, 
Rockenburg, Hassloch, Astheim, Hirschhorn u. s. w. Im ganzen verlor 
Hessen-Darmstadt ein jährliches Einkommen von 500 000 Gulden, und 
erhielt dafür ein Gebiet von 88 V2 D Meilen mit 171500 Einwohnern 
und einer jährHchen Einnahme von 953,000 Gulden^). 

Das Haus Nassau, so weit es dem alten oder walramschen Zweige 
angehörte, schied sich beim Ausbruche der Revolution in 3 Linien, 
Usingen, Saarbrücken und Weilburg, von denen die erstere ursprüng- 
lich gar keine Besitzungen auf dem linken Rheinufer hatte und somit 
durch die Wogen der Revolution auch nichts verlieren konnte, während 
der Fürst von Saarbrücken seit 1792 seine sämtlichen Länder eingebüsst 
hatte, und auch Weilburg insoweit geschädigt war, als es seiner Ein- 
künfte aus der Grafschaft Saarwerden und der Herrschaft Kirchheim- 
Bolanden beraubt wurde. Der letzte Fürst von Nassau-Saarbrücken 
starb im Exil 1797 und wäre von Nassau-Usingen beerbt worden, 
wenn er noch im Besitze seiner Lande gewesen wäre. Diese umfassten 
im ganzen — das Fürstentum Saarbrücken, zwei Drittel der Grafschaft 
Saarvverden und die Herrschaft Ott weiter — 19 D Meilen mit 53286 
Einwohnern und brachten über 400000 Gulden jährlich ein. Obgleich 
nun der Fürst von Nassau-Usingen niemals wirklich die Regierung 
dieser Gebiete angetreten hatte, so erkannte die Reichsdeputation ihm 
doch Entschädigungsansprüche zu, und nachdem er der besseren Ab- 
rundung wegen noch die Herrschaft Lahr in der Ortenau, 5 D Meilen 
mit 7000 Einwohnern umfassend und 40000 Gulden abwerfend, an 
den Markgrafen von Baden abgetreten hatte, sprach ihm der § 12 des 
Hauptschlusses zu ^die mainzischen Aemter Königstein, Höchst, Cronen- 
burg, Rüdesheim, Oberlahnstein, Eltville, Castel mit den Domkapitels- 

») Berghaus 1, 282. — 2) Ib. i, 295. 297 fr. 



— 301 — 



besitzungen rechts des Mains, unterhalb Frankfurt; ferner das pfälzische 
Amt Caub mit Zubchörungen, die Ueberreste des eigentlichen sogenannten 
Kurfürstentums Köln (mit Ausnahme der Aemter Altwied und Nürburg); 
die hessischen Aemter Katzenelnbogen, Braubach, Ems, Epstein und 
Kleeberg mit Befreiung der .Solmschen Ansprüche, die Dörfer Weipers- 
felden, Soden. Sulzbach, Schwanheim und Okriftel, die Kapitel und 
Abteien Limburg, flimersdorff, Bleidenstadt. Sayn und alle Kapitel. 
Abteien und Kloster, die in den ihm als Entschädigun«- zufallenden 
Ländern belegen sind ; endlich die Grafschaft Sayn-Altenkirchen mit 
der Auflage, sich nach der Uebereinkunft zu richten, welche wegen der 
Entschädigung des Hauses Sayn - Wittgenstein getroffen worden ist, 
dessen Ansi)rüche an die Grafschaft Sayn und Zubchörungen erloschen 
bleiben« ^). 

Der Fürst von Nassau -Usingen verlor also im ganzen ein Ge- 
biet von 24 G Meilen, auf dem 00286 Menschen wohnten, und die eine 
jährliche Abgabe von 447 000 Gulden eintrugen. Doch lagen sämtliche 
Länder weit von der usingenschen Hauptmas.se entfernt, sie bildeten 
kein zusammenhängendes Ganzes und waren rings im alten oberrheini- 
schen Kreise zerstreut. Durch die neuen Erwerbungen, die zu den 
fruchtbarsten und landschaftlich schcinsten Teilen des deutschen Vater- 
landes gehören — umfassen sie doch auch den berühmten Rheingau 
— erhielt Nassau-Usingen nicht nur eine ganz vortreffliche Abrundung. 



sondein auch noch eine 


bedeutende 


Vergrösserung. Nach 


genauen 


statistischen Erhebungen umfassten nämlich 






die mainzischen Aemter 


24DMeil. 


, 60000 E 


:inw., 200000 G 


luld. Eink. 


das Amt Caub 


1/. . . 


1 800 


10000 


» » 


Ueberrest des Erzstifts Köln 


1 '/a - y 


4000 


30000 


» 


die 5 hessischen Aemter 


4'/2 » » 


10500 


90000 


> V 


Sayn-Altenkirchen 


» » 


L")000 


8000(1 


» 


Soden, Sulzbach, Okriftel, 










Wcipersfelden 


J 1/4 » » 


2000 


20000 


» » 


die Stifter und Kapitel 






150000 


» 



Summa m'U D Meil. 98H0O Einw., !!»80000Gld.Eink.-j 

Der Fürst von Nassau-Weilburg hatte auf der linken Tdieinseitc 
verloren V:( der Grafschaft Saarwerden und die Herrschaft Kirchheim- 
Bolanden in der Pfalz, im ganzen 6 UMeilen mit ungefähr 15 000 Ein- 
wohnern. Einkünfte wollte der Fürst aus die.sen Gebieten Jährlich 



') Bergliaus 1, MOfi. — -j II). 1, :50;>. 



^ 302 — 

178000 Gulden gehabt haben, doch wird allgemein behauptet, sie seien 
um mindestens 50000 Gulden zu hoch angesetzt gewesen. Dafür 
wurden ihm ebenfalls in § 12 des Reichsdeputations-Hauptschlusses 
zugewiesen: »die Ueberreste des Kurfürstentums Trier mit den Abteien 
Arnstein, Schönau und Marienstadt.« Mit llecht macht Bergbaus^) 
darauf aufmerksam, dass dieser Ueberrest ein grosses Gebiet von 
16 D Meilen gewesen sei, enthaltend »den auf dem rechten Rheinufer 
gelegenen Teil der Aemter Ehrenbrei tstein und Bergptlege, einen grossen 
Teil der Grafschaft Nieder-Isenburg, die Aemter Hammerstein, Welmlch, 
Montabaur und Limburg mit Niederselters, von der zum Amte Limburg 
gehörigen Kellerei Villmar die Landeshoheit, ferner Teile der Aemter 
Camberg, Wehrheim, Vallendar und Münzfelden« — das ganze mit 37O0O 
Einwohnern und 250000 Gulden Einkünften. Dazu kamen die Abteien 
Schönau, Arnstein a. d. Lahn und Marienstadt, die noch 75000 Gulden 
eintrugen, sodass die jährlichen Einnahmen von Nassau-Weilburg aus 
diesen Gebieten die Summe von 825000 Gulden überstiegen, vv'ahrlich 
eine angemessene Entschädigung für das Verlorene. 

Der Fürst von Löwenstein-Wertheim hatte durch die Er- 
eignisse, wie sie das Jahr 1789 im Gefolge gehabt, die Einkünfte aus 
der lothringischen Lehensherrschaft Püttlingen verloren, ferner die 
Herrschaft Scharfeneck bei Landau und einige andere kleine Besitzungen, 
von denen jedoch nur die an zweiter Stelle genannte reichsunmittelbar 
gewesen und entschädigungsberechtigt war. Trotzdem wurden ihm 
nach § 14 zugesprochen: »die zwei Mainzischen Dörfer Würth und 
Treenfurth, die Aemter Hothenfels und Homburg im Würzburger Lande, 
die Abteien Brummbach, Neustadt und Holzkirchen, die würzburgischen 
Verwaltungen Widdern und Thalheim, eine beständige Rente von 
12000 Gulden aus dem Rheinschiifahrtsoktroi und die würzburgischen 
Gerechtsame und Einkünfte in der Grafschaft VVertheim; nichts desto- 
weniger aber unter der Bedingung, das obengenannte Amt Homburg 
und die Abtei Holzkirchen an die Kurfürsten von Pfalz-Bayern wieder 
abzutreten, und zwar gegen eine beständige Rente von 28000 Gulden, 
oder gegen jede andere Gegenwährung, über die sie sich verständigen 
können« -). hn ganzen erhielt der Fürst von Löwenstein ein Gebiet 
von 7 D Meilen mit 18600 Einwohnern und 150000 Gulden Ein- 
künften^). 

Dem Fürsten von Leiningen-Hartenburg waren durch den 
Gang der Revolution sämtliche Lande entrissen worden, so sein Anteil 
an der Grafschaft Leiningen mit Hartenburg und Dürkheim, die Graf- 

») Berghaus 1, :U1. — ^) Ib. 1, :U8. — ^) Ib. 1, 320—21. 



— 303 — 

Schaft Dagsburg und das elsässische Dorf Weihersheim. Letztere Ge- 
biete standen, wie wir gesehen, seit dem Ryswicker Frieden unter 
französischer Oberhoheit und waren daher kaum als entschädio-unf^s- 
berechtigt anzusehen, noch viel weniger war dies der Fall mit den 
angeblichen leiningenschen Ansprüchen auf Saarwerden, Lahr und 
Mahlberg : dennoch billigte man dem Fürsten volle Entschädigimg zu, 
und indem man seinen jährlichen Verlust auf 220000 Clulden berechnete, 
schuf man für ihn zwischen Main, Neckar und Tauber ein neues 
Fürstentum von 27^'2 D Meilen mit 82 900 Einwohnern und 558000 
Gulden jährlicher Einkünfte, indem § 20 des Keichsdeputations-Haupt- 
schlusses ihm zuwies : die Mainzischen Aemter Miltenberg, Buchen, 
Seligenstadt, Amorbach und Bischofsheim, die von Würzburg abge- 
zweigten Aemter Grünsfeld, Lauda, Hartheim und Bittberg, die pfälzi- 
schen Aemter Boxberg und Mosbach und die Abteien Gerlachsheim 
und Amorbach \). Doch wurden Grünsfeld und Gerlachsheim, um eine 
Rente von 32000 Gulden ablösen zu können, schon bald an Salm- 
Beifferscheid abgetreten. Die anderen Gebiete wurden in 12 Aemter 
eingeteilt und umfassten 15 Städte, 9 Marktflecken und 172 Dörfer -j. 

Der Fürst von Wied-Runkel halte durch den Frieden von 
Luneville die Grafschaft Kriechingen in Lothringen verloren, deren Ein- 
künfte von ihm selbst auf jährhch 50000 Gulden angegeben wurden, 
während andere behaupten, sie hätten nur 28 000 Gulden betragen. 
Für diesen Verlust war ihm ursprünglich nur das Kölnische Ami All- 
wied zugesprochen, jedoch mit Ausschluss von Lintz und Unkel. Gegen 
diese unzureichende Entschädigung hatte der Fürst Verwahiung ein- 
gelegt und mit derselben auch Erfolg gehabt; infolge dessen billigte ihm 
>5 21 'zu: »die Aemter Nürburg und Altwied im Kölnischen Lande 
und die Kellerei Vilmar«, die früher im Besitze der Abtei St. Mathias 
bei Trier gewesen war. Die Einkünfte aus diesen Gebieten wurden 
auf 50000 Gulden geschätzt, sodass der Fürst von Wied-Riinkel nidil 
mehr erhielt, als er nach eigener Angabe verloren hatte ^). 

In § 12 der Geheimartikel des Friedens von Campo-Formio war 
auch der Graf v. d. Leyen unter den Herren aufgeführt, welche auf 
Entschädigung Anspruch machen konnten, und infolge dessen hatte der 
erste Blan ihm auch die Abteien Schussenried, Gutenzeil, Heggbach, 
Baindt und Buxheim in Schwaben zugewiesen. Ihm waren ja die 
Grafschaft Blieskastel und zahlreiche Herrenrechte verloren gegangen. 



*) Berghaus f, 820. — ^) Brinckmeier, Loiningen I, HOfl. — ^) Bcrg- 



liaus I, :\2H. 



— 304 — 

die er in der Baronie Wölferdingeii noch besass. Doch war er in der 
letzteren nicht souveräner Herr gewesen, und die Grafschaft BUeskastel 
gehörte zwar zu den reichsunmittelbaren Gebieten, doch hatte sie nicht 
Sitz und Stinnne auf den lleichs- und Kreistagen, sondern der Besuch 
der letzteren stand dem Grafen v. d. Leyen nur zu wegen der Graf- 
schaft Hohengeroldseck im heutigen Baden. Da nun die Reichsdepu- 
tation bei der Entschädigung der grösseren Herrengeschlechter sehr 
verschwenderisch vorgegangen war und fast das gesamte Reichsgut 
vergeben hatte, so blieben für die grosse Masse der Reichsgrafen, 
welche eine Entschädigung beanspruchten und erhofften, nur einige 
wenige Abteien übrig, deren Einkünfte dazu noch ziemlich unbedeutend 
waren. Die Teilung der Erde war beendet, und die grossen Fürsten- 
häuser hatten durchaus keine Lust, von ihrem Gewinn den Grafen zu 
Liebe auch nur das kleinste Titelchen abzutreten; so sah sich denn 
die Reichsdeputation in einer schwierigen Lage, und lange Verhandlungen 
wurden gepflogen, ohne dass man zu einem Ziele gelangt wäre. End- 
hch beschloss man, die Reichsgrafen in 5 Klassen zu teilen : 

1. solche, welche reichsunmittelbare Güter mit der Verpflichtung, 
zur Tragung der Reichs- und Kreislasten beizutragen, besessen 
hatten, und die wegen dieser Güter als stimmfähige Glieder 
in den Reichs- und Kreisversammlungen gewesen waren; 

2. solche, welche sich ganz in dem nämlichen Falle befanden, 
doch mit dem Unterschiede, dass sie nicht auf dem Reichstage 
Sitz und Stimme gehabt hatten ; 

3. solche, welche zwar alle Lasten mit gelragen hatten, aber vom 
Reichstage sowohl als von den Kreistagen ausgeschlossen ge- 
wesen waren; 

4. solche, welche reichsunmittelbare Güter besessen hatten, die 
aber von aller Aullage befreit, und ihre Besitzer nicht Mitglieder 
der Reichs- und Kreistage gewesen waren ; 

5. die Herren, welche, zwar den Grafentilel führend, nur Ritter- 
sitze und mittelbare Güter besessen hatten, und die folglich 
nicht zur Klasse derjenigen Grafen gehörten, denen eine Ent- 
schädigung zugesagt worden w^ar, und denen mithin nichts 
anderes übrig blieb, als die Aufhebung des Sequesters nach- 
zusuchen, welche seitens der republikanischen Regierung von 
Frankreich verfügt worden war^). 

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, verwies nun die Keichs- 
depulation den Grafen v. d. Leyen unter die Grafen der 4. Klasse, die 
') Berghaus I, 3;}2. 



— 305 — 

von jeder Entschiidiguno- aii.sgesehlossen wurden, und so erhielt er, 
trotzdem er seinen jährlichen Verlust auf 105000 dulden M berechnete, 
auch nicht das Geringste zugesprochen, wenngleich ihm vorher aus- 
drücklich eine Kntschädigung in Aussicht gestellt war. und die Reichs- 
deputation that dies um so leichteren Herzens, als es dem Grafen bald 
darauf gelang, bei der französischen Regierung die Aufhebung des 
Sequesters durchzusetzen, wie es in § 10 des Luneviller Friedens be- 
stimmt war. Infolge dessen erhielt er sämtliche Güter zurück, so weit 
sie noch nicht zum Resten der Staatskasse verkauft oder dem Orden 
der Ehrenlegion als Dotation iiberlassen worden waren ^). 

Da nun bereits der weitaus grösste Teil der Reichsgrafen von 
aller Entschädigung ausgeschlossen wurde, so war es für jeden Ein- 
sichtigen klar, dass die Reichsritterschaft für ihre Verluste gar nichts 
erhalten werde, und es war nur die reine Spiegelfechterei, wenn der 
Reichsdeputationshauptschluss in v^ 28 verfügte : 

»Die Entschädigungen, welche irgend welchen Mitgliedern der 
Ritterschaft zustehen könnten, sollen, nach dem Reispiel der Ergänzung 
der Entschädigungen der Reichsgrafen, und so weit denselben durch 
die künftige Aufhebung des Sequesters nicht genügt werden sollte, auf 
die anderweit verfügbar werdenden Revenuen, und nach Verhältnis ihrer 
rechtmässigen Ansprüche, angewiesen werden«-'*). So war es denn von 
vornherein sicher, dass die lothringischen Mitglieder der Reichsritter- 
schaft, die Herren von Kerpen und Steinkallenfels, für ihre Verluste 
nichts erhalten wiirden, da eben nichts mehr zu verteilen war. Im 
übrigen gingen die Fürsten schon damals mil dem Gedanken um. 
sämtliche reiclisritterliche Gebiete auch auf dem rechten Rheinufer zu 
ihren Gunsten einzuziehen, und wenngleich gerade die Erhaltung der 
Reichsritter.schaft noch manche Verhandlungen, Schreibereien und Re- 
schwerden gezeitigt hat, so war ihr Schicksal doch jetzt schon ent- 
schieden. Sonder Zagen griffen die Grossen zu, und da Frankreich 
ihren Restrebungen entgegenkam, ihnen nicht nur keine Schwierigkeiten 
in den Weg legte, sondern sogar zu od'ener Unterstützung iiberging, 
so war in wenigen .lahren die ganze Angelegenheit geregell, und das 
altehrwürdige Institut der UitterschafI vom deutschen Roden ver- 
schwunden'). 



') Nacli lläussei II, 41 j gar aiil' 24S 7H1 (iuldeii. — ') liergliaus 1. 840. — 
8) Ib. 1, 855. — *) Cf. (\tin Tagesbefelil des Marschalls Bertier vom 19. nezeniber 
1805, durch welchen den französischen Truppen die rntersh'ilzung vun Mayern. 
Württemberg und Haden hei der Dkkupnlion reichöritterscliaftlifli.-r Mrsilzuimen 
geboten wird. Lancizolle iio. 



— 800 — 

Durch den Frieden von Luneville und den ihm folgenden Reichs- 
depiitationshauptschluss war das Deutsche Reich vöUig verändert. Eine 
grosse Zahl deutscher Fürsten hatte aufgehört zu existieren, und ihre 
Besitzungen waren anderen zugeteilt worden. Es war nunmehr noch 
Aufgabe der Deputation, den neugeschaffenen Zustand in den Rahmen 
des alten. Reiches einzufügen, damit es nicht ganz aus den Fugen ging, 
und so wurde noch eine Neueinteilung der Virilstimmen auf dem Reichs- 
tage vorgenommen, wobei den früher in Lothringen angesessenen 
Fürsten bewiUigt wurden: dem Fürsten von Salm-Salm : ihm allein die 
Stimme, welche er vorher mit Salm-Kyrburg gemeinschaftlich hatte, 
dem Fürsten von Nassau-Usingen eine, dem Fürsten von Nassau-Weil- 
burg eine, dem Fürsten von Salm-Kyrburg eine, dem Fürsten von 
Löwenstein-Wertheim eine, dem Fürsten von Leiningen eine — mit 
der Bestimmung, dass sie aufgerufen werden sollten : Hessen-Darmstadt 
an 60. Stelle, Salm-Salm an 86., Nassau-Usingen an 107., Nassau- 
Weilburg an 108., Salm-Kyrburg an 110., Löwenstein-Wertheim an 
115. und Leiningen an 125. Stelle^). 

Am 27. April 1803 unterzeichnete der Kaiser den Reichsdeputations- 
hauptschluss und erhob ihn dadurch zum Gesetze. 

IX. 

Der Reichsdeputationshauptschluss hatte den grössten Teil der 
früher in Lothringen ansässigen Fürsten auf das rechte Rheinufer ver- 
pflanzt und sie zum Teil in völlig neue, ihnen bis dahin fremde Gebiete 
gesetzt. Wenn wir von Baden und Hessen-Darmstadt absehen, deren 
Besitzungen ja bereits früher in der Hauptmasse diesseits des Rheins 
gelegen waren, so besass nunmehr der Fürst von Leiningen ein zu- 
sammenhängendes Gebiet in der heutigen nördlichen Ecke des badischen 
Landes, sein Nachbar war der Fürst von Löwenstein- Wertheim im 
Gebiet des Mains und der Tauber, Nassau und Wied-Runkel machten 
sich am Mittelrhein breit, die Fürsten von Salm, die Rheingrafen und 
der Herzog von Croy suchten sich im westfälischen Münsterlande häus- 
lich einzurichten, während der Graf v. d. Leyen auf seine kleine Herr- 
schaft Hohengeroldseck angewiesen war, die 2^/2 □ Meilen mit 4000 
Einwohnern umfasste und im ganzen gegen 40000 Gulden Einkünfte 
einbrachte. 

Die Länder der Genannten waren zum Teil aus den verschiedensten 
Stücken zusammengeschweisst, die vorher ohne die geringste Verbindung 



^) Berghaus 1, 858-60. 



— 307 ~ 

nül einander <>e\ve.sen waren; aiiC die Einheil der Confession war niciit 
die geringste Rücksiciit genommen, Recht und Gesetz war überall ver- 
schieden, und die neuen Landesherren waren ihren Unterlhanen völlig 
fremd. Eine weise Staalskunst hätte nun ihr nächstes uud hauptsäch- 
lichstes Augenmerk darauf gerichtet, bei möglichster Schonung der 
Gefühle der Untergebenen flmen den Uebergang in die neuen Verhält- 
nisse möglichst bequem und angenehm zu machen. Doch daran 
dachten die neuen Fürsten nicht im Geringsten: mit grösster Härte 
wurde regiert und schabionisiert, die Landstände wurden, wo sie be- 
standen, mit einem Federstrich beseitigt, das patriarchalische Regiment, 
wie es so lange in den geistlichen Gebieten bestanden, olme weiteres auf- 
gehoben, um die Länder den Anforderungen der neuen Zeit anzupassen, 
welche die Aufklärung auf ihre Fahnen geschrieben hatte. 

Vor allem war es den Fürsten darum zu thun, aus den ver- 
schiedenen Stückchen und Läppchen einen einheitlichen Staat zusanmien 
zu schmieden, und wo konnten sie für ihr Vorgehen ein besseres Vor- 
bild linden, als in Frankreich, dem sie ja in erster Linie ihre Existenz 
und ihre Vergrösserungen verdankten 1 So wurden denn überall 
französisches Recht und Gesetz eingeführt, die Grundzüge der fran- 
zösischen Verwaltung nicht den bestehenden Verhältnissen angepasst, 
sondern sklavisch übertragen, mechanisch neue Behörden geschaffen, 
»das Finanzwesennach einem Schnitt umgestaltet, der Militärstaat nach 
französischem Vorbild erweitert und reformirt. Gesetze und Verord- 
nungen in reicher Fülle nach allen Richtungen hin ausgestreut. Was 
alle diese Neuschöpfungen charakterisirte, war ihre Aehnlichkeit mit 
den Staatsmaximen, wie sie Bonaparte jenseits des Rheins im grossen 
durchführte: bureaukratische Centralisation, Beamtenregiment, ausge- 
dehnte Polizeigewalt, wachsame Fiskalität in Finanzsachen hatten sie 
mit dem französischen Wesen völlig gemein«^). Und da die neuen 
Fürsten mit ihren Gebieten noch nicht verwachsen waren, so liessen 
sie sich leicht zu Abtretungen und Vertauschungen bewegen, wie z. B. 
bereits im Jahre 1S04 der Fürst von Leiningen an Salm-Reiferscheidt 
das Dorf Pappenhauson überlässt nebst der Gemarkung Schönfeld gegen 
das zum Amte (irünsfeld gehörige Dorf Distelhausen-). 

Während nun so die deutschen Fürsten sich in den neuerworbenen 
Liindern einzurichten suchten, hing für sie zunächst alles davon ab, 
sich in dem gewonnenen Resitze zu behaupten. Und in richtiger Er- 
kenntnis ihrer Lage gingen die kleinen Herren dazu über, sieh, soweit 
■es ihre Souveränität zulie.ss, zu grr)s.seren Rüiidniss(Mi zusammen zu 

') Häussor 2, 470. -) Lanci/.ollo 00. 



— 808 — 

llum. ihre Interessen gemeinsam zu vertreten und auf den (lang der 
Ereignisse so viel wie möglieh einzuwirken. So entstand bereits am 
29. August 1803 zu Frankfurt a. M. eine Vereinigung der kleinen süd- 
imd mitteldeutschen Forsten, die sogenannte Frankfurter Union, der 
die Grafen und Fürsten von Erbach, Hohenlohe, Isenburg, Leiningen, 
Solms, Ottingen, Limburg, Löwenstein, Wittgenstein und Wied-Runkel 
beitraten. Sie bezweckte die verfassungsgemässe Selbsterhaltung und 
suchte dies zu erreichen durch gemeinsame Bevollmächtigung von Ver- 
tretern bei den Hauptmächten in Wien, Berlin, St. Petersburg, vor 
allem aber in Paris, da ja von der Gunst des grossen Corsen ihre 
ganze Existenz abhing ^). Zum Direktor dieses Bundes wurde zunächst 
der Fürst von Leiningen gewählt, der sich am 1. Juli 1804 in einem 
Schreiben an Napoleon wandte und bei ihm den Herrn J. L. von Greuhm 
als Ministerresidenten der Frankfurter Union beglaubigte. In diesem 
heisst es recht bezeichnend: »Le grand bienfait de la pacification de 
TAUemagne nous ayant rendu l'existence politique, par laquelle nous 
jouissons de cet etat de tranquilite et de bien-etre qui est l'ouvrage 
sublime de V. M. T. nous desirons pouvoir consolider ce bonheur en 
vous consacrant, Sire, pour jamais notre profonde reconnaissance et 
un devouemenl intime et sans bornesl«^) 

Nicht minder aber spähten diese Fürsten und Herren aus nach 
weiteren Gebieten, die sie mit Hülfe Frankreichs noch annektieren, und 
durch welche sie ihr Fürstentum vergrösseren konnten. Und als nun 
Baiern, Württemberg und Baden den Anfang machten mit der Ver- 
nichtung der Reichsritterschaft, indem sie die in ihren Staaten gelegenen 
Besitzungen dieser, mit Zustimmung Napoleons, einzogen, wollten selbst 
die Kleinsten nicht zurückbleiben, und so ahmten sie das Beispiel jener 
nach. Daher richteten zu Anfang Dezember des Jahres 1805 die 
Fürsten von Leiningen, Löwenstein und Isenburg gleichlautende Schreiben 
an Napoleon, in denen sie den Wunsch und die Bitte aussprachen, 
die enklavierten Besitzungen des reichsunmittelbaren Adels, des deutschen 
Ordens und der Malteser annektiren zu dürfen. Und dieser gab seine 
Erlaubnis dazu, indem er am 24. Dezember 1805 an Taillerand schrieb : 
»II me semble que cette demande est bonne ä accueillir et (|u'il est 
de mon interet et d'une sage politique que la noblesse immediate qui 
est dans les etats de l'union de Francfort y soit reunie«^). 

Während nun so die Grossen und Kleinen nur auf ihren Vorteil 
bedacht waren und, unbekümmert um das Scliicksal anderer, nach 

^) Manfred Mayer, Geschichte der Mediatisierung des Fürslentums Isen-' 
bürg 4;l, UV2 fT, - ^) Svbels Zeitschrift 58, 439. — ^) Sybels Zeitschrift 58, 441. 



— 309 — 

eigener Macht und Vergrösserun;i- strebten, bereitete .<ich ein neuer 
gewaltiger Krieg vor. der mit seinen Folgen eine grosse Menge der 
eben neugeschaffenen Fürsten endgültig aus der Zahl der regierenden 
Herren strich, sie ihrer Lande beraubte, in deren Besitze sie kaum 
erst froh geworden waren. Bekannt ist es ja, welche grosse Dienste 
die Fürsten von Baiern. Württemberg und Baden dem Kaiser Napoleon 
im dritten Koalitionskriege leisteten, und zum Dank dafür im Frieden 
zu Fressburg mit österreichischen und preussischen (lebieten ausge- 
stattet wurden. Baiern und Württemberg den Königstitel erhielten, der 
Markgraf von Baden zum Kurfürsten erhoben wurde, infolge dessen 
ihnen auch der § 14 des Friedensvertrages die volle Souveränität zu- 
gestand ' ). Schon jetzt waren sie kaum mehr als Glieder des Beiches 
aufzufassen, und es war daher nur folgerichtig, wenn sie im nächsten 
Jahre einen weiteren Schritt auf der betretenen Bahn machten und 
sich öffentlich und feierlich vom Deutschen Beiche lossagten, und ihnen 
folgten noch weitere deutsche Herren. 

Am 1. August 1806 überreichte der französische Gesandte dem 
Beichstage in Begensburg eine Erklärung seines Kaisers, in welcher die 
Gründung des Bheinbundes bekannt gegeben und erklärt wairde, dass 
Napoleon das Dasein der deutschen Verfassung nicht mehr anerkenne, 
vielmehr die Würde eines Schutz- und Schirmherrn des Bheinbundes 
angenommen habe, natürlich nur in den friedlichsten Absichten und 
aus dem Grunde, dass seine Vermittelung, stets zwischen dem schw'ächsten 
und dem stärksten der Bundesgenossen stehend, jeglicher Uneinigkeit, 
jeglicher Beunruhigung zuvorzukommen vermöchte^). Eine ähnliche 
Erklärung wiu'de von den Gesandten der F^iheinbundfürsten abgegeben, 
unterzeichnet u. a. von Mollenbeck, von wegen l.l. H.H. d.d. Herzogs 
von \assau-Ush)gen und des Fürsten von Weilburg, Eduard Freiherr 
von Schmitz-Grollenburg wegen .... des Grafen v. d. I^eyen, Weih- 
bischof und Domdechant von Wolf als hochfürstlicher Salm-Salmscher 
und Salm-Kyrburgscher Komitialgesandter'^j. Die richtige Antwort auf 
diesen Verrat am Vaterlande erteilte Kaiser Franz bereit.«^ (i Tage 
später, indem er die Krone des Deutschen lleiches niederlegte, alle 
Fürsten und Fnlerthanen des Eides der Treue entband, und so das 
heilige römische lleich deutscher Nation endgültig aufirislc. 

Der Blieinbund wai- nach längeren, ganz heimlich betriebenen 
Verhandlungen am 12. .luli IHOC) /,ii Paris zu stände gekommen, imd 
zwar waren diese ^cITilirl worden für He-ssen-Darnisladl dnicli den 
Freiherrn von Pappenheim, tiif die Fiüslen von Nassau duidi l-'ici- 

') Ghillany, diiiloin. llan-il.iK h II, Too. -- ■') iJergliau;. J. (i4. — *j U). tiV. 



— 310 — 

herni von (lagern, für Salm-Salm imrl -Kyrburg durch den Major 
von Tischler und fiir den Grafen v. d. Leyen durch Herrn Durand 
St-AndreM. unter den 17 Stiftern des Rheinbundes finden wir also 
eine Anzahl Fürsten wieder, die meistens im heutigen Lothringen' an- 
gesessen und erst durch den Reichsdeputationshauptschluss auf das 
rechte Rheinufer verpflanzt waren, während andere, wie die Fürsten von 
Leiningen, Wied-Runkel, Löwenstein, der Rheingraf und der Herzog von 
Croy unter ihnen nicht angetroffen werden. Ohne uns mit den eigentlichen 
staatsrechtlichen Fragen der Rheinbundakte näher abzugeben, wollen 
wir im folgenden ihren hihalt nur insoweit berühren, als er die oben 
erwähnten Fürsten und Herren betrifft. So bestimmt § 5, dass der 
Kurfürst von Baden und der Landgraf von Hessen-Darmstadt fortan 
den Titel Grossherzog führen werden und somit die Rechte, Ehren und 
Vorrechte geniessen, die an die Königliche Würde geknüpft sind. Das 
Haupt des Hauses Nassau — Nassau-Usingen — nimmt den Herzogs- 
titel an und der Graf v. d. Leyen den FürstentiteP). An Veränderungen 
im Besitzstand bestimmt § 16: der Herzog von Nassau überlässt dem 
Grossherzog von Berg die Stadt Deutz mit ihrem Gebiete, die Stadt 
und das Amt Königswinter und das Amt Villich^j. Diese Länder waren 
erst im .Tahre 1803 an Nassau gekommen und hatten bis dahin zu 
Kurköln g-ehört. — Alle Landeshoheitsrechte werden ausüben nach Ar- 
tikel24*): der Grossherzog von Baden über das Fürstentum Leiningen 
und die Besitzungen des Fürsten von Löwenstein-Wertheim, welche 
auf dem linken Mainufer liegen, — der Grossherzog von Berg ^) über 
die Grafschaft Horstmar (den Rheingrafen gehörend), die Herrschaft 
Schadeck (Wied-Runkel) und den Teil der eigentlichen Grafschaft Runkel, 
welcher auf dem rechten Lahnufer gelegen ist; »auch wird behufs der 
Verbindung zwischen dem Herzogtum Cleve und den obgenannten 
nördlich von diesem Herzogtum belegenen Besitzungen S. Kgl. Hoheit 
den Gebrauch einer Strasse haben, welche quer durch die Staaten des 
Fürsten von Salm führt« ; 

der Grossherzog von Hessen-Darmsladt : über die Herrschaften 
Breubach und Heubach und über die Herrschaft oder das Amt Habiz- 
heim (Löwenstein -Wertheim ) ; 

S. Holieit der Fürst Primas: über die Besitzungen der Fürsten und 
Grafen von Löwenstein -Wertheim, so weit selbige auf dem rechten 
Mainufer gelegen sind: 



') Ghillany II, 8. — ^) Berghaus 2, m6. ' — ^) Ib. 17:^. — *) Ib. 185. 
5) Ib. 187. 



- 311 — 

I. I. D. D. der lierzog von Nassau-U.singen iiiul der Fi'ir.st von 
Nassau-Weilburg: üljer die Aemter Dierdorf, Allenwied, Neuenburg, 
denjenigen Teil der Grafscliaft Nieder-Isenburg, welcher dem Fürsten 
von Wied-Runkel gehört .... den auf dein linken Ufer der Lahn ge- 
legenen Teil der Herrschaft Runkel; 

S. D. der Fürst von Salni-Kyrburg : über die Herrschaft Gehmen ; 

S. D. der Herzog von Aremberg : über die Grafschaft Dülmen ( Croy ) ' ). 

Ueberblicken wir das Gesagte noch einmal, so verloren von ehe- 
mals in Lothringen angesessenen Fürsten ihre gesamten Gebiete und 
behielten nur die sogenannten Herrenrechte: die Fürsten von Leiningen, 
die unter badische Oberhoheit gerieten, nachdem sie kaum 3 Jahre 
im Besitze ihrer neuen Länder gewesen waren ; 

Der Fürst von Löwenstein -Wertheim musste sein Land an Baden, 
Württemberg, Hessen-Darmstadt und den' Fürstprimas abtreten; 

Dem Fürsten von Wied-Runkel wurde sein Gebiet entzogen zu 
Gunsten des Grossherzogtums Berg und des Herzogtums Nassau: 

Ebenso ging der Besitz der Rheingrafen völlig in das Gross- 
herzogtum Berg auf. — Die Herrschaft Dülmen, welche dem Herzog 
von Croy erst im Jahre 1803 übertragen wurde, ging auf den Herzog 
von Aremberg über. 

Anderseits bekommt der Fürst von S;dm-Kyrburg eine Ver- 
grösserung durch die Herrschaft Gehmen im westfälischen Kreise, die 
sich damals im Besitz des Freiherrn von Bömelberg befand, während 
Salm-Sahn und v. d. Leyen den früheren Umfang ihrer Länder behielten. 

So war die Landkarte Deutschlands in dem kurzen Zeiträume von 
3 Jahren wieder völlig verihidert; von neuem hatten deutsche Fürsten 
zahlreichen deutschen Herren die Souveränität genommen und sie zu 
Unterthanen herabgedrückt; eine grosse Menge kleiner Staaten war 
wieder vom Erdboden verschwunden, sogar manche von denen, die 
auf eine kaum dreijährige Existenz zurückblicken konnten. Unter 
andern hatten die Leiningen, Löwenstein, Wied, die Rheingrafen und 
der Herzog von Croy aufgehört, selbständige Herrscher zu sein nur 
deshalb, weil es Napoleon so w^ollte und die Nachbarn deren Besitz 
zur Abrundung ihrer Länder nötig hatten. Zugleich mit diesen kleinen 
Fürsten wurde auch das Schicksal der Reichsritter endgültig entschieden: 
denn § 25 der Rlieinbundakte sagt darüber: 

Ein jeder der verbündeten Könige und Fürsten wird mit vollem 
Souveränitähsrechte die ritterschaftlichen Güter besitzen, welche von 
seinen Staaten umgeben sind. Was die ritlerschaftlii-hen Güter betrilTt. 

») Bergbaus 2, 187, 190, V.)2. 11)1, liKi. 



— 312 — 

welche zwischen zwei der verbüiideteu Staaten Hegen, so werden diese 
rüeksichtUch der Souveränität zwischen den beiden Staaten geteilt 
werden so gleichftirniig, als es sich thun lässt. doch auf eine Weise, 
dass daraus weder eine Gebietszerstückelung noch Gebietsvermengung 
entsteht ^ ). 

ij 26 setzt die Souveränitätsrechte der Hheinbundfürsten fest und 
weist ihnen zu das llecht der Cresetzgebung, der obersten Gerichts- 
barkeit, der hohen Polizei, der militärischen Konskription oder l^e- 
krutierung und das Besteuerungsrecht. 

Nach § 27 wird jeder der mcdiatisirten Fürsten vuid Grafen als 
Patrimonial- und Privateigentum behalten alle Domainen ohne Aus- 
nahme, die er bis jetzt besessen, sowie auch alle herrschaftUchen und 
Lehnsrechte, welche nicht wesentlich an der Souveränität haften, und 
zwar namentlich die niedere und mittlere Gerichtsbarkeit und Forst- 
polizei, das Jagdrecht, die Fischereigerechtigkeit, das Recht des Berg- 
baus und des Hüttenbetriebs, die lehnsherrUchen Zehnten und Präs- 
tationen, das Patronat und andere ähnliche, sowie alle von den Domainen 
und besagten Gerechtsamen herfliessenden Einkünfte. Ihre Domainen 
und Güter werden in Bezug auf Abgaben den Domainen und Gütern 
der Prinzen des Hauses, unter dessen Souveränität sie kraft gegen- 
wärtigen Vertrags gestellt werden, oder, wenn keiner der Prinzen des 
gedachten Hauses unbewegliches Eigentum besitzen sollte, den Domainen 
und Gütern der bevorrechtetsten Klasse gleich geachtet werden. Es 
können die genannten Domainen und Gerechtsame weder an einen 
dem Bunde fremden Souverain noch an einen sonstigen Auswärtigen 
verkauft werden, ohne vorher dem Fürsten, unter dessen Souveränität 
.sie stehen, angeboten worden zu sein ^j. 

§ 31 : Die jetzt regierenden Fürsten und Grafen und ihre Erben 
können ihren Wohnsitz aufschlagen, wo sie wollen, vorausgesetzt, dass 
dies in einem der Mitstaaten geschehe, oder in Staaten, welche mit 
dem Rheinbunde alliirt sind, oder in derjenigen Besitzung, w^elche sie 
mit Souveränität ausserhalb des Gebietes des gedachten Bundes be- 
halten werden, und können so auch ihre Einkünfte und Kapitalien be- 
ziehen, ohne dieser Sache halber einem besonderen Abzüge oder irgend 
einer Abgabe oder Auflage unterworfen werden zu können-'). 

Schliesslich werden in § 38 die Contingente der Rheinbundfürsten 
festgesetzt, die sie im Falle eines Krieges zu stellen haben; von diesen 
fallen auf den Grossherzog von Baden 8000 Mann, den Grossherzog 

') Ghillauy 2, 13. Rergliaus 2, 197. — ^) Ghillany 2, IH. Berghaus 2, 202, 
207. — 3j Ghillany 2, 14. Berghaus 2, 227. 



— 313 — 

von Berg 5000, den Grossherzog von Hessen 4000 Mann. Von den 
kleineren Häusern muss Nassau 1680, der Herzog von Aremberg 379, 
das Salmsche Haus 323 und der Fürst v. d. Leyeii 29 Mann stellen^). 
Aul' diese Weise war nun eine neue Vereinigung deutscher Fürsten 
ins Leben getreten, die nichts weiteres waren und sein konnten, als 
Diener Napoleons. Anderseits hat er trotz der feierlich beschworenen 
Verträge keine Hedenken getragen, mehrere der Pdieinbundfürsten ohne 
Weiteres ihrer Souveränität zu berauben, wenn es in seinem Interesse 
zu liegen schien, wie wir noch sehen werden. Vor der Hand jedoch 
glaubten sie sich gut im Hafen geborgen, und im Gefühle ihrer Macht 
traten sie gegen die media tisirten Fürsten auf, die gestern noch ihres 
gleichen, über Nacht ihre Unterthanen geworden waren, trotzdem doch 
die Rechte dieser in den oben angeführten Artikeln der Rheinbundakte 
gesichert und festgelegt zu sein schienen. Bekannt ist ja, wäe besonders 
der König von Württemberg in dieser Beziehung sich benahm, doch 
scheinen auch andere Rheinbündler mehr oder weniger in seine Fuss- 
stapfen getreten zu sein, wenn dies auch w^eniger bekannt geworden 
ist. Auf das Vorgehen Murats im Grossherzogtum Berg z. B. wirft es 
ein merkwürdiges Licht, wenn bereits im August des Jahres 1806 
der Rheingraf Friedrich von Salm, dessen Besitzung Horstmar zu Berg 
geschlagen war, in einem Briefe sich an Napoleon wendet und. da er 
selbst aller Hülfsquellen beraubt sei, um eine Unterstützung l)ittel für 
eine unglückliche Familie »victime innocente des grandes mesures poli- 
tiques que sa sagesse lui a dictees pour la tran([uillit(' future d'Alle- 
magne et de TEurope« ^). 

X. 

Durch die Stiftung des Rheinbundes schien nun, wenigstens in 
politischer Beziehung, für den Westen Deutschlands eine Zeit der Ruhe 
gekonmien zu sein: seine Mitglieder hatten menschlichem Ermessen 
nach, so lange Napoleon im Vollbesitze seiner Macht war, nichts 
Schlimmes zu fürchten, neue Erwerbungen waren wenigstens für die 
meisten nicht mehr zu machen, und so gingen denn die Fürsten und 
Herren daran, durch neue Einrichtungen und Gesetze ihre Staaten ein- 
heitlich zu gestalten, soweit es bis dahin noch nicht geschehen war. 

Ueber die Thätigkeil der fürstlich Salmschen Regierung ist mir 
nichts Näheres bekannt geworden, und die landesväterliche Fürsorge 
wird sich wolil darauf beschränkt haben, französisches Recht und 
Gesetz auf ihre Staaten zu übertragen. Auch von dem Kleinsten der 

') Ghillany 2, lä. I{erghaus2, 2:52. — ^i Sybels Zcitsclirifl :)8, 44a. 



— 314 -- 

Kleinen, dem Fürsten Philipp v. d. Leyen, ist nicht viel zu berichten. 
Er und sein »dirigierender ^virklicher Geheimer Hat« Philipp Schmidt^) 
haben weltbewegende Thaten nicht ausgeführt, vielmehr begnügten sie 
sich zunächst damit, ihren übernommenen Verpflichtungen nach Möglich- 
keit nachzukommen, und die 29 Mann Bundestruppen pünktlich zu 
stellen. Dann wurde die 2 ^'2 D Meilen grosse (Irafschaft Hohengeroldseck 
mit ihren 4500 Einwohnern, die nach dem Almanac imperial des 
Jahres 1810 sogar auf 5000 geschätzt wurden ^), in 9 Vogteien eingeteilt 
und diese einem Oberamt unterstellt. Zum Hauptort der Grafschaft 
wurde der Flecken Seelbach erklärt, während der Fürst selbst seine 
Hofhaltung zu Ahrenfels am Rhein aufschlug. Die Regierungsgeschäfte 
wurden von 3 Räten und einem Sekretär besorgt, ausserdem waren 
ein Rent-, Forst- und Bergamt vorhanden. Um die Einkünfte der Graf- 
schaft, die jährlich 40000 Gulden betrugen, in etwa zu erhöhen und 
auch seinerseits zur Vereinfachung der Landkarte Deutschlands beizu- 
tragen, erliess der Fürst am 28. August 1806 eine Verfügung, in der 
er, gestützt auf § 25 der Bundesakte, seine Souveränität über die in 
seinen Landen enklavierten und denselben angrenzenden ritterschaft- 
lichen Besitzungen ausdehnen wollte. Es waren dies die Orte Dier.s- 
burg, Berghaupten, Rohrburg, Hofweyher, Niederschopfheim und die 
ritterschaftlichen Anteile der Orte Schutterwald, Höfen und Langen- 
hurst ^). Doch was die Grossen sich erlaubten, war darum noch lange 
nicht den Kleinen gestattet, und die Gleichberechtigung sämtlicher Mit- 
glieder des Rlieinbundes wird schön illustrirt durch den Widerspruch, 
den Baden gegen dieses Vorgehen des Fürsten erhob. Infolge dessen 
liess dieser seine Verfügung nicht anschlagen ; sie wurde einfach zu 
den Akten gelegt, und die ritterschaftlichen Besitzungen sind in der 
Folgezeit sämtlich unter Badensche Oberhoheit gekommen^). 

Bedeutender schon war die innere Organisation in den Nassauschen 
Ländern. Nachdem zunächst in den ersten Tagen der rheinbundlichen 
Herrlichkeit einige Vertauschungen und Abtretungen von Dörfern und 
Städten vorgenommen waren, geschah der erste Schritt zur inneren 
Festigung der Länder in dem von Nassau-Üsingen und Weilbursr ge- 
ineinsam erlassenen Dekrete vom 30. August 1806. In diesem nahmen 
sie zunächst von allen ihrer Herrlichkeit unterworfenen Ländern feier- 
lich Besitz, ferner erklärten sie ihre sämtlichen Fürstentümer, Graf- 
und Herrschaften zu einem vereinigten und souveränen Herzogtum und 
bestimmten, dass der bisherige Unterschied zwischen beiden fürstlichen 

1) Berghaus 2, 299. — ^) Pölitz, Handbuch der souveränen Staaten des 
Rheinbundes 2, .301 a. 2. — ■•») Ib. — *) Ib. und Berghaus 8, 382. 



— 315 — 

Linien aufhören, und von allen beiderseitigen Landesslellen nur allein 
das Prädikat: »Herzoglich nassauisch« gebraucht werden sollte^). Am 
1. Januar 1808 erfolgte die Aufhe])ung der Leibeigenschaft, am 1. Fe- 
bruar 1811 wurde die Einführung des Code Napoleon als Gesetzbuch 
für die nassauischen Länder mit Wirkung vom 1. Januar 1812 an be- 
schlossen. Bereits am 6. Mai 1807 wurde ein Dekret erlassen, betr. 
die Besteuerung der bisher steuerfreien Güter ; von dieser wurden nur 
ausgenommen die Güter und Domainen der regierenden Häuser und 
der Standesherren ; die Verfügung wurde ergänzt und erweitert durch 
das Gesetz vom 10. Februar 1809, in welchem die Gleichheit der Ab- 
gaben und die Einführung eines neuen direkten Steuersystems ange- 
ordnet wurde. Nach diesem beruhen sämtliche direkte Steuern auf 
der Grund- und Gewerbesteuer. Um das in der Bundesakte bestimmte 
Contingent von 1680 Mann aufbringen zu können, wurde am 29. Ok- 
tober 1808 die allgemeine Konskription eingeführt, von der jedoch 
bestimmte Klassen unbedingt oder bedingt ausgenommen waren. Das 
103 D Meilen umfassende Gebiet mit ca. 270000 Einwohnern wurde 
in 4 Regierungsbezirke eingeteilt; Wiesbaden, Weilburg, Thal-Ehren- 
breitstein und Hachenburg, denen wieder zahlreiche Aemter unter- 
standen'^). 

Das Gebiet des Grossherzogtums Hessen zerfiel, nachdem mit den 
angrenzenden Staaten zahlreiche Austauschungen stattgefunden hatten, 
in drei Provinzen, deren Namen bereits durch Dekret vom 12. Oktober 
1803 festgesetzt waren. Diese waren das Fürstentum Starkenburg, 
mit Einschluss der standesherrlicheii Besitzungen 53 D Meilen und 
179823 Personen umfassend, das Oberfürstentum Hessen, welches auf 
89 DMeilen 226545 Personen zählte, und das Herzogtum Westfalen 
mit 72 ZI Meilen und 134 715 Einwohnern. Bereits am 1. Oktober 1806 
wurde die landständische Verfassung, die besonders im Herzogtum 
Westfalen bestanden, aufgehoben ; ihr folgte am gleichen Tage die Be- 
seitigung der Steuerfreiheit, und es wurden nicht nur die Güter der 
herrschenden Familie, sondern auch alle bisher schatzungsfrei gewesenen 
Güter, Zehnten und Gefälle der Besteuerung unterworfen. Am 1. August 
1808 erfolgte die Einführung des Code Napoleon im Grossherzogtum 
Hessen, und der Regent erklärte, dass er, von seiner Vortrefflichkeit 
überzeugt, beschlossen habe, denselben zum allgemeinen Gesetzbuche 
in seinem Staate unter Modifikationen und Bestimmungen anzunehmen, 
welche Verfassung und besondere Verhältnisse notwendig machten. 

>) Pölitz 2, 274, Lancix.ollc ilS. ürrulians :?, )M1. — »i Pölilz 2. 274 ff. Herg- 
liaus :5, :J77 ff. 



- 316 — 

Eine Verfügung vom 25. Mai 1811 hob, mit Wirkung vom 30. Juni 1813 
an, die Leibeigenschaft in Hessen auf, und am 1. .Iiili 1812 wurde 
das französische Mass- und Gewichtssystem im ganzen Grossherzog- 
tum eingeführt Vi. 

Was schUesslich das Grossherzogtum Berg betrifft, dem ja die 
Lande des Rheingrafen einverleibt worden w^aren, so ging der Regent 
Joachim Murat zunächst darauf hinaus, die alten Einrichtungen und 
Gesetze möglichst beizubehalten, und sie nur in etwa den Anforderungen 
der neuen Zeit und der veränderten Lage anzupassen. Als er jedoch 
schon bald auf den Königsthron von Neapel versetzt wurde, kam das 
Grossherzogtum unter die unmittelbare kaiserliche Verwaltung, die auch 
in Wirklichkeit bestehen blieb, als am 3. März 1809 Napoleon dem 
Lande einen neuen Herrscher gab in der Person des 4jährigen Kron- 
prinzen von Holland. Durch Erlass vom 14. November 1808 teilte 
Napoleon das Gebiet in 4 Departements, denen Arrondissements und 
Kantone unter.stellt waren; am 18. Dezember erfolgte die Regelung der 
Behörden und ganz wie in Frankreich selbst wurden ernannt Präfekten, 
Generalsekretaire, Präfektur- und Generaldepartementsräte, ferner Unter- 
präfekten, Distriktsräte, Maires und Munizipalräte. Am 1. Januar 1810 
wurde der Code Napoleon mit bestimmten Veränderungen eingeführt, 
die Leibeigenschaft verschw^and, der 11. Januar 1809 brachte die Auf- 
hebung aller Lehen, die für freies Eigentum erklärt wurden, und am 
25. Februar 1809 wurde das Postwesen neu eingerichtet^). 

Niemand wird leugnen können und wollen, dass die Beseitigung 
der unzähligen Kleinstaaten im w^estlichen Deutschland ein Glück für 
unser Vaterland gewesen ist, und ebenso ist die Aufhebung der Feudal- 
verfassung, und was mit ihr im Gefolge war, nicht hoch genug anzu- 
schlagen. Aber mit der Errichtung des Rheinbundes im Jahre 1806 
war die Zeit der Veränderungen in Deutschland noch nicht vorüber. 
Der unglückhche Krieg, in welchen Preussen im gleichen Jahre ver- 
wickelt wurde, brachte dieses Land nicht nur selbst an den Rand des 
Verderbens und beraubte es zahlreicher blühender und reicher Länder 
und Provinzen, sondern er führte auch sämtliche mittel- und nord- 
deutschen Fürsten dem Rheinbunde zu, der im Jahre 1807 sogar die 
beiden Mecklenburg umschloss. Anderseits entstand durch Napoleons 
Gnaden als neues Gebiet das Königreich Westfalen, das ebenfalls in 
den Rheinbund aufgenommen wurde. So hatte denn dieser im Jahre 
1808 seine grösste Ausdehnung; doch schon in kurzer Zeit wurde er 
von seinem Protektor selbst um ein beträchtliches verringert. Um die 

^) Pölitz 2, 237 ff. Berghaus 8, 358 ff.— ä) Pölitz 2, 180. r,erghaus3, 343 ff. 



- äi7 - 

jjegen England erlassene P'estlandsperre in wirksamerer Weise dureli- 
fiihren zu können, als bisher, hielt Napoleon es fiir angezeigt, die 
Rhein-. Ems-, Weser- iinrl Elbemüiidungen mit dem dazu gehörigen 
Hinterlande unmittelbar mil dem französischen Kaiserreiche zu ver- 
einigen, und die Kosten dieser Verschmelzung hatten ausser einigen 
widerspenstigen Herren auch mehrere Fürsten des Rheinbundes zu be- 
zahlen. Waren die Rheingrafen bereits durch die Bundesakte des 
.Jahres 180ß ihrer Souveränität verlustig gegangen, so sollte nunmehr 
auch für ihre Verwandten, die P'ürsten von Salm-Salm und Kyrburg, 
desgleichen für den Herzog von xVremberg die Todesstunde schlagen. 
Obgleich ja diese zu den Stiftern des neuen Bundes gehörten, obgleich 
sie es in keiner Weise an Unterwürfigkeit gegen ihren Oberherrn hatten 
fehlen lassen, so wurden auch sie über Nacht ihrer Selbständigkeit 
beraubt, indem durch Dekret vom 10. Oktober 1810 die gesamten 
Lande der Fürsten von Salm in der Grösse von 31 D Meilen mit 
Ö90Ü0 Einwohnern ohne jegliche Entschädigung mil dem franzr)sischen 
Reiche für ewige Zeiten untrennbar vereinigt wurden \). 

In ähnlicher Lage befand sich ihr Leidensgenosse, der Herzog 
von Aremberg, der am gleichen Tage von der Liste der regierenden 
Herren gestrichen wurde und nicht nur die Aemter Meppen und Dülmen 
verlor, das ihm erst 1806 zugesprochen war, als der Herzog von Croy 
mediatisirt wurde, sondern auch den letzten Rest seiner Herrlichkeit, 
das Vest Recklinghausen, am 21. .Januar 1811 an das Grossherzogtum 
Berg abtreten musste. Doch wurde ihm wenigstens als kleiner Ersatz 
eine feste Rente von 2 0O0000 Franks zugesprochen, während die 
Fürsten von Salm völlig leer ausgingen und traurige Tage durchzumachen 
hatten, infolge dessen der Fürst Moritz von Salm-Kyrburg am 11. Mär/ 
1811 in aller Ergebenheit den Kaiser Napoleon um einen Senatorposten 
bitten musste-). 

Aus diesen Gebieten, den Ländern der früheren holländischen 
Krone und den Abtretungen, die auch das Grossherzogtum Berg sich 
gefallen lassen musste, wurden drei Departements des Ober-Yssels. der 
Ysselmündung und der Westems gebildet, und zwar wurden mit dem 
ersten die alten Salmsehen und rheingräflichen Lande vereinigt, des- 
gleichen das Amt Dülmen, während das Arembergsche Gebiet von 
Meppen dem Departement der Ysselmündung zugewiesen wurde. Den 
Bemühungen der Stadt Münster, die durch diese Einteilung zu einer 
einfachen Bezirksliauptstadt herabgedrückt wurde, ist es zu danken, 
dass diese unnatürliche Vereinigung nicht lange Bestand hatte, und 

») Rorifliaiis :i. 21. — *) Svbels Zpitscbrift .")S, 4.jf!. 



— ai8 — 

so wurde denn bereits am 27. April 1811 vom französischen Senate 
ein Gesetz angenommen, nach welchem die Arrondissements Rees, 
Münster, Steinfiirt und Neuenhaus ein eigenes Departement der Lippe 
bilden sollten mit dem Hauptorte Münster. So umfasste dieses denn 
auf 106 G Meilen das frühere rechtsrheinische Herzogtum Cleve, die 
Salm-Salm- und Kyrburgschen Lande, die Grafschaft Croy-Dülmen, die 
von Berg abgetretenen Länder des Rheingrafen, den nördlichen Teil 
des Fürstentums Münster und nebst einigen andern kleineren Gebieten 
die Besitzungen des Herzogs von Aremberg, soweit sie nicht mit dem 
Grossherzogtum Berg vereinigt waren ^). 

XI. 
Doch auch diese Staatenbildung war nicht von langer Dauer. 
Napoleons Stern ging in den Eisfeldern Russlands unter, die Völker 
Europas erhoben sich zum Freiheitskampfe gegen ihren Unterdrücker, 
und die Schlacht bei Leipzig besiegelte den Sturz des hnperators. Die 
nächste Folge war der Zusammenbruch des Rheinbundes und der von 
Napoleon geschaffenen neuen Herrschaften ; bereits im Oktober 1813 lösten 
sich das Königreich Westfalen und die Grossherzogtümer Berg und 
Frankfurt auf, und der Fürst v. d. Leyen wurde für die Anhänglichkeit 
an Frankreich seiner Grafschaft beraubt, desgleichen der Fürst von 
Isenburg, während die bedeutenderen Mitglieder des Rheinbundes noch 
rechtzeitig retteten, was zu retten war, und durch besondere Verträge 
zu den Verbündeten übertraten. Mit dem Ende des Jahres 1813 war 
Deutschland bis zum Rhein frei vom französischen Joche, und als 
Napoleon seiner Würden entsetzt und der erste Pariser Friede ge- 
schlossen war, der Frankreich auf die Grenzen des Jahres 1793 zurück- 
führte, trat am 8. Oktober 1814 der Congress zu Wien zusammen, 
um die Verhältnisse Deutschlands neu zu ordnen. Neue Hoffnung er- 
füllte auch die mediatisirten Fürsten, welche durch die Ereignisse der 
Jahre 1806 und 1810 ihrer Länder verlustig gegangen waren, selbst 
die Mitglieder der ehemaligen Reichsritterschaft wiegten sich in dem 
Traume, das Verlorene wieder zu erlangen, und so wimmelte es denn 
in Wien auch von den Gesandten dieser Stände, welche mit seltener 
Ausdauer auf ihr gutes Recht pochten. Und doch sollte keiner ihrer 
Wünsche in Erfüllung gehen, und niemand der depossedirten Fürsten 
hat seine frühere Souveränität wiederbekommen. Für eine Anzahl 
dieser, wie die Fürsten von Leiningen, Wied-Runkel, Loewenstein, war 
die Sache von vornherein verloren, da die Verbündelen den grösseren 

1) Berghaus 3, 30, 90. 



— 319 — 

Gliedern des ehemaligen Rheinbundes in besonderen Verträgen ihren 
augenblicklichen Besitzstand feierlich verbürgt hatten, und zu diesem 
gehörten ja auch die Besitzungen der ebengenannten Edlen. Aber auch 
die Fürsten von Salm, der Rheingraf, die Herzöge von Aremberg und 
Croy, deren Gebiete durch den Zusammenbruch der Napoleonischen 
Herrschaft frei geworden waren, wurden nicht wieder in die Zahl der 
regierenden Fürsten und Herren aufgenommen, da besonders Freussen 
kleine in seinen westfälischen Landen enklavirte Gebiete nicht dulden 
wollte, und diese selbst zu seiner Entschädigung dringend nötig waren. So 
verordnete denn der ij 43 der Wiener Congressakte : »Les districts me- 
diatises suivans, savoir: les possessions que les Frinces de Salm-Salm 
et Salm-Kyrburg, les Comtes denommes les Rhein- und Wildgrafen et 
le Duc de Croy ont obtenues par le reces principal et la Deputation 
extraordinaire de TEmpire du 25 Fevrier 1803 dans lancien cercle de 

Westphalie, ainsi que les Seigneuries d 'Anholt et de Gehmen 

le Comte de Reklingshausen appartenant au Duc d 'Aremberg .... 
seront placees dans les relations avec la Monarchie Frussienne que la 
Constitution föderative de FAUemagne reglera pour les territoires me- 
diatises« ^). Desgleichen wurde die frühere Herrschaft Meppen des Her- 
zogs von Aremberg durch Artikel 32 an Hannover überlassen-). Die 
Grafschaft Hohengeroldseck, bis dahin im Besitze des Fürsten v. d. Leven, 
wird durch Vertrag vom 12. Juni 1815 zwischen Freussen und Oester- 
reich dem letzteren übergeben ^j, und trotzdem die Entschädigung des 
früheren Besitzers einen der Funkte des Aachener Congresses (1818) 
bilden sollte^), kam die Frage nicht zur Erledigung, vielmehr wurde 
die Grafschaft durch Vertrag zwischen Oesterreich und Baden vom 
16, JuU 1819 der Souveränität des Grossherzogtums unterstellt, und 
der Fürst v. d. Leyen verschwand in der Zahl der mediatisirten Herren^). 
In Betreff dieser wurden in der deutschen Bundesakte verschiedene Be- 
stimmungen getroffen. 

Zunächst besagt § 6: »Ob den mediatisirten vormaligen Reichs- 
ständen auch einige Curiatstimmen in pleno (des Bundestages) zu- 
gestanden werden sollen, wird die Bundesversammlung bei der Beratung 
der organischen Bundesgesetze in Erwägung nehmen« *^). — Dies ist nicht 
geschehen. 

Weiter verfügt i^ 14'): »Um den im Jahre 1806 und seitdem 
mittelbar gewordenen ehemaligen Reichssländen und Reichsangehörigeii, 
in Gemässheit der gegenwärtigen Verhältnisse, in allen Bundesstaaten 

')Ghillany 1, 341. — ") ]b. 339. — ») Lancizolle 122. - "i Gliillany 1.407. 
— ") LancizuUe 130. — «) Ghillany 2, 5(5. — ") Gliiliany 2, 08. 



— 320 - 

einen gleichförmig bleibenden Rechlsziistand zu ver.schafTen, so ver- 
einigen die Bundesstaaten sich dahin : 

ai dass diese fürstUchen und gräfhchen Häuser fortan nichts- 
destoweniger zu dem hohen Adel in Deutschland gerechnet 
werden und ihnen das Recht der Ebenbiirtigkeil in dem 
bisher damit verbundenen Begriff verbleibt ; 

b) sind die Häupter dieser Häuser die ersten Standesherren 
in dem Staate, zu dem sie gehören. Sie und ihre 
Familien bilden die privilegirteste Klasse in demselben, ins- 
besondere in Ansehung der Besteuerung ; 

c) es sollen ihnen überhaupt in Rücksicht ihrer Personen, 
Familien und Besitzungen alle diejenigen Vorzüge und Rechte 
zugesichert werden oder bleiben, welche aus ihrem Eigen- 
tum und dessen ungestörtem Genuss herrühren und nicht zu 
der Staatsgewalt und den höheren Regierungsrechten gehören. 

Unter vorerwähnten Rechten sind insbesondere und namentlich 
begriffen : 

1. Die unbeschränkte Freiheit, ihren Aufenthalt in jedem zu dem 
Bunde gehörenden und mit demselben in Frieden lebenden 
Staate zu nehmen. 

2. Werden nach den Grundsätzen der früheren deutschen Ver- 
fassung die noch bestehenden Familienverträge aufrecht er- 
halten und ihnen die Befugnis zugesichert, über ihre Güter 
und Familienverhältnisse verbindliche Verfügung zu treffen, 
welche jedoch dem Souverain vorgelegt und bei den höchsten 
Landesstellen zur allgemeinen Kenntnis und Nachachtung ge- 
bracht werden müssen. Alle bisher dagegen erlassenen Ver- 
ordnungen sollen für künftige Fälle nicht weiter anwendbar sein. 

3. Privilegirter Gerichtsstand und Befreiung von aller Militär- 
pflichtigkeit für sich und ihre Familien. 

4. Die Ausübung der bürgerhchen und peinUchen Gerechtigkeits- 
pflege in erster und, wo die Besitzung gross genug ist, in 
zweiter histanz, der Forstgerichtsbarkeit, Ortspolizei und Auf- 
sicht in Kirchen- und Schulsachen, auch über müde Stiftungen, 
jedoch nach Vorschrift der Landesgesetze, welchen sie, sowie 
der Müitärverfassung und Oberaufsicht der Regierungen über 
jene Zuständigkeiten unterworfen bleiben. 

Dem ehemaligen Reichsadel werden die sub No. 1 und 2 ange- 
führten Rechte, Anteü der Begüterten an Landstandschaft, Patrimonial- 
und Forstgerichtsbarkeit. Ortspolizei, Kirchenpatronat und der privilegirte 



— 321 — 

Gerichtsstand zugesichert, diese Rechte werden jedoch nur nach Vor- 
schrift der Landesgesetze ausgeübt. — In den durch den Frieden von 
lAineville vom 5. Februar 1801 von Deutschland abgetretenen und jetzt 
wieder damit vereinigten Provinzen werden bei Anwendung der obigen 
Grundsätze auf den ehemaligen unmittelbaren Reichsadel diejenigen 
Beschränkungen stattfinden, welche die dort bestehenden besonderen 
Verhältnisse notwendig machen.« — 

Es ist nun leicht erklärlich, dass diese Bestimmungen die Hofthung 
der inediatisirten Fürsten, in ihre alten Rechte und Besitzungen wieder 
eingesetzt zu werden, völlig vernichtete, und wenn sie nun auch ihrer- 
seits nichts Weltbewegendes dagegen unternehmen konnten, so legten 
doch die meisten von ihnen, u. a. die Fürsten von Leiningen. Löwen- 
stein-Wertheim. Wied-Runkel, am 13. Juni 1815 eine feierliche Rechts- 
verwahrung ein wider den sie betreftenden Inhalt der deutschen Bundes- 
akte mit Beziehung auf ihren Rechts- und Besitzstand von 1805. Diese 
lautet 1) : 

^Die unterzeichneten, unterdrückten Reichsstände sind in ihrer 
gerechten Erwartung, durch die deutsche Bundesakte ihren Rechts- 
zustand von 1805, mit Hinsicht auf zu Beförderung des deutschen 
Gemeinwohls freiwillig dargebotenen Opfer, nach getroffener Ueberein- 
kunft mit ihnen wieder hergestellt zu sehen, schmerzlich getäuscht. 

Die Verhältnisse nötigen sie zwar, in Ansehung der in der neuen 
('.onstitutionsakte für ihren künftigen Zustand diktirten Normen, sich 
für jetzt der Gewalt der Umstände zu fügen. Sie sehen sich jedoch 
verpflichtet, für sich, ihre Nachkommen und ihre angestammten ünter- 
t hauen vor dem hohen Congress und vor der ganzen Welt die Ver- 
wahrung einzulegen, dass sie sich den Umfang ihrer Rechte und 
Befugnisse, wie sie der Besitzstand von 1805 bezeichnet, für ewige 
Zeiten vorbehalten und nur in diejenigen Opfer wiUigen können und 
werden, welche, als Resultat freiwilliger Uebereinkunft mit ihnen, einzig 
und allein eine rechtliche Aenderung ihres altehrwürdigen garantirten 
Rechtszustandes zu begründen vermögen. Sie behalten sich daher vor, 
den Umfang dieses Rechtszustandes bei der künftigen Bundesversammlung 
imd bei jeder rechtlichen Veranlassung geltend zu machen*. — 

Sämtliche im .lahre 178^> in Lothringen regierenden Herrscher- 
l'amilien, mit alleiniger Ausnahme von Hessen-Darmsladt und Nassau, 
waren somit endgültig ihrer Souveränität bei-aubt und liaben sie auch 
bis auf den heutigen Tag nicht zurück erhalten : ja, die Ereignisse des 
Jahres 1866 haben auch die Selbständisikeit des Herzogtums Nassau 



>) Ghillany 2, &1. 



'^OO 

vernichtet, sodass luininehr allein der Grossherzog von Hessen (wenn 
wir den (irosslierzog von Luxemburg übergehen), noch seine Krone 
trügt — die übrigen lothringischen Grossen gehören der Geschichte an. 
Krwähnen möchten wir noch, dass am 24. März 1816 die Linie Nassau- 
Usingen erloschen, und nach den Bestimmungen des Familienvertrags 
von 1806 die Regierung des Herzogtums Nassau aut" den Weilburger 
Zweig übergegangen ist ^). — Die Fürsten von Wied-Runkel starben 
am 28. April 1824 aus und wurden in ihrem landständischen Besitz 
von den Fürsten von Wied-Neuwied beerbt - ) ; schliesslich hat im 
,Uviu-e 1825 der Fürst von Salm-Kyrburg sein standesherrliches Gebiet 
gegen eine feste Rente an Salm-Salm verkauft ^^i. 

Fassen wir zum Schluss noch einmal kurz die Veränderungen 
zusanunen, die in dem Besitzstande der speziell lothringischen Herren 
während der französischen Revolution eingetreten sind, so ergiebt sich 
folgendes : 

1. Der Herzog von Croy besitzt 1789 das Dorf Thicourt und 
Herrenrechte in der Grafschaft Finstingen : er erhält 1803 das 
Amt Dülmen, kommt am 12. Juli 1806 unter die Souveränität 
des Herzogs von Aremberg, wird am 13. Dezember 1810 fran- 
zösischer Unterthan und am 9. Juni 1815 preussischer Standes- 
herr, was er heute noch ist. Er residirt in Dülmen in West- 
falen. 

2. Der Fürst von Leiningen-Hartenburg besitzt 1789 in Lothringen 
die Grafschaft Dagsburg unter französischer Oberhoheit, wird 
1803 mit Amorbach, JMiltenberg u. a. entschädigt, wird 1806 
mediatisirt und kommt unter badische Oberhoheit, desgleichen 
am 17. Mai 1807 wegen des Hofes Maisenbach unter Würz- 
burg, am 7. und 8. September 1810 für die Aemter Amorbach 
und Miltenberg unter Hessen-Darmstadt und am 30. Juni 1816 
für dieselben unter Bayern. Er wohnt zu Amorbach. 

3. Der Fürst von Löwenstein- Wertheim ist 1789 im Besitz der 
Grafschaft Püttlingen unter französischer Oberhoheit, wird 1803 
in der Main- und Taubergegend entschädigt, verliert 1806 
seine Souveränität und kommt nach manchen Aenderungen 
und Verschiebungen schliesslidi als Standesherr unter Württem- 
berg und Bayern. 

4. Der Fürst von Salm-Kyrburg nennt 1789 Teile der Grafschaft 
Diemeringen sein Eigen, wird 1803 mit einem Drittel von Ahaus 
und Bockolt entschädigt, wird 1806 souveränes Mitglied des 

») Lancizolle 126. — ■") Ib. 161. — *i Ib. 157. 



— 323 — 

Rheinbundes und vergnissert seine Lande durch die Herrschaft 
Gehmen, kommt am 13. Dezember 1810 unter Frankreich 
und ebenfalls als Standesherr am 9. Juni 1815 unter Preussen, 
verkauft 1825 seine Standesherrschaft an Sahn-Sahii. 

5. Der P'ürst von Salm-Salm ist 1789 im Besitze der geforsteten 
Grafschaft Salm und eines Teils von Diemeringen, wird 1803 
mit zwei Dritteln von Ahaus und Dockolt entschädigt, ist im 
Besitze der Herrschaft Anholt, tritt am 12. .Juli 1800 als Sou- 
verain dem Piheinbunde bei, wird am 13. Oktober 1810 
mediatisirt imd kommt unter Frankreich, desgleichen am 9. Juni 
1815 als Standesherr unter Preussen, erwirbt 1825 das Salm- 
Kyrburgsche Gebiet und residiert noch heute in Anholt in 
Westfalen. 

6. Der Wild- und Kheingraf von Grumbach herr.scht 1789 über 
Teile der Grafschalt Diemeringen, erhält 1803 das Münster- 
sche Amt Horstmar, verliert am 12. Juli 1800 seine Souveränität 
und kommt als Standesherr unter das Grossherzoglum Berg, 
desgleichen am 13. Oktober 1810 unter Frankreich, am 9. Juni 
1815 unter Preu.ssen und wird von letzterem im Jahre 1817 
in den Fürstenstand erhoben mit dem Titel: Fürst von Salm- 
Horstmar. Er wohnt bis heute in Horstmar in Westfalen. 

7. Der F'ürst v. d. Leyen ist 17^9 Herr der Grafschaft Blie.ska.stel 
und Inhaber der französischen Lehensbaronie Wölferdingen; 
er erhält 1803 keine Entschädigung für die verlorenen Gebiete 
und bleibt nur im Besitze der Grafschaft Hohengeroldseck, 
wird 1806 .souveränes Mitglied des Rheinbundes und erhält 
den Fürstentitel, wird 1813 seines Besitzes von den Verbündeten 
entsetzt und mediatisirt, kommt am 12. Juni 1815 als Standes- 
herr unter Oesterreich, am 10. .luli 1819 unter Baden. 

8. Der Fürst von Wied-Piunkel ist 1789 Herr der Grafschaft 
Kriechingen und der Lehensherrschaft Rollingen, wird 1803 
entschädigt mit den Kölnischen Aerntern Nürburg und Altwied 
und der Trieri.schen Kellerei Vilmar, wird am 12. .luli 180ö 
mediatisirt und kommt unter die Souveränität von Berg und 
Nassau, 1815 desgleichen unter Preussen und Nassau. Das 
Haus stirbt am 28. April 1824 aus. 



324 — 



lieber die sogenannten Juppitersäulen. 



Nebst einer Anzeige von G. Save et Ch. Schuler, Le groupe t-questre de Grand 
au Musee Lorrain. Nancy 1898 (Extrait des M^moires de la Societe d'archeologie 

lorraine 1899). 32 S., gr. 8. 1 Tafel. 



Von Alex. Riese. Frankfurt a. M. 

Die seit einigen .lahrzehnten so viel besprochenen »Gigantensäulen« 
oder »Juppitersäulen« waren lange nur in einem bestimmten, überall 
im wesentlichen gleichen Typus bekannt. Ueber einen Schlangenfüssler, 
der sich mit den Händen aufstemmt und mit dem Leibe auf dem 
Boden liegt, sprengt in dem Panzer und flatternden Kriegsmantel eines 
römischen Feldherrn ein barhäuptiger, bärtiger Reiter dahin: diese 
Gruppe steht auf dem weitausladenden, mit vier Köpfen geschmückten 
Kapital einer meist mit Schuppen gezierten Säule. Seit dem Fund von 
Herten (1878) erkannte man auch, dass diese Säule auf einem Block 
mit Bildnissen der sieben Wochengötter und dieser wiederum auf einem 
der vielen »Viergöttersteine«, die bisweilen -^Jon Optimo 3Iaximo<^ 
(lOM, dem mannigmal zugefügt ist ^xi Jimoni Beghme^) geweiht sind, 
zu stehen pflegte. Nur wenige Varianten schienen vorzukommen (die 
Rüstung war bald mehr bald weniger distinguiert, und statt des 
Schlangenfüsslers erschien zuweilen eine Gigantin. einmal sogar die 
beiden, er und sie, nebeneinander)^), und die Erklärungsversuche ba- 
sierten selbstverständlich auf dieser Form. Da brachten die letzten 
Jahre verschiedene Funde, welche die Einheit des Bildes zerstörten. 
In der Gruppe von Besigheim fand sich statt Ross und Reiter ein 
Zweigespann mit Wagen und Wagenlenker ^). Der Reiter von Ehrang 
zeigte sich eher als ein einheimischer Bauer denn als ein Krieger^). 
Der Reiter von Trier*) trägt in der Rechten wie Hercules eine ge- 
waltige Keule, und etwas ähnliches der Krieger des Reliefs von Mer- 
kenich, welcher noch dazu nicht als Reiter sondern zu Fuss auftritt-^). 

\) Westd. Zeitschrift IV, 374 fr., X, 331. 

2) Westd. Zeitschr. XVI, 293. 

3) Korr.-Rl. d. Westd. Zeitschr. X, 2(i. 
*) Westd. Zeitschr. XVI, 296. 

5) Bonner Jahrh, 104, S. 62. 



— 325 — 

Und neuerdings verändert sich auch die andere Person der Gruppe : 
bei Grand im französischen Lothringen kam vor wenigen .lahren aus 
einem römischen Brunnen etwa 100 Meter von der Römerstrasse nach 
Liflbl, nahe den antiken Bädern und dem Amphitheater ein Exemplar 
derselben zum Vorschein, welches anstatt des Schlangenlüsslers einen 
geflügelten Genius von gedrungenem Körperbau zeigt, der mit beiden 
Händen einen »Blitz* trägt. So beschreiben ihn wenigstens die Herren 
G. Save und Ch. Schuler, die Verfasser des Schriftcliens, welches wir 
hier zunächst anzeigen wollen. 

Zuerst geben die \'erfasser eine kurze Fundgeschichte des itn 
Oktober 1895 entdeckten Bildwerkes, aus welcher wir hervorheben, 
dass dessen Erwerber. Herr Leblanc in Nancy, es in dankenswertester 
Weise 1899 dem Musee lorrain daselbst übergab. Der dortige Conser- 
vator, Herr L. Wiener, setzte dann die (irupjje — nämlich Säule, 
Kapital, Platte, Panzerreiter und Genius — aus 44 Stücken zu- 
sammen (bez. restaurierte die beiden erstem, und so ist die nur kleine 
Zahl der etwas vollständigeren Exemplare jetzt um ein Stück vermehrt. 
Die Höhe der Gruppe beträgt 1,20 m. die des Genius 0,45 m. 

Dann zählen die Verfasser ()2 dieser meist fragmentierten Monu- 
mente auf, die sich auf Nordostfrankreich (12). das übrige Frank- 
reich (10), EKsass-Lothringen (19) und das iÜDrige Deutschland (21 j 
verteilen. Die Aufzählung ist jedoch nicht vollständig: wir fügen die 
Monumente von Ehrang (2), Trier, Dilferten, Hohenecken, Kreuzwald, 
Neunkirchen, Worms, Frettenheim. Klein-Steinbach. Neckarburken, 
Cannstatt (2). Köngen, Weil im Schönbuch (2),Besigheim, Brumath, Hanau 
hinzu, ohne damit Vollständigkeit verJDÜrgen zu wollen. Auch zwei 
von S. Reinach ^ / nach Caylus wiedergegebene Werke aus der Franche 
Gomte (eines aus Luxeuil) gehören, wenn überhaupt echt, sicherlich 
hierher. 

Die nun folgende Beschreibung des Denkmals (S. 7 — 15) ist ent- 
schieden zu loben und bildet die wichtigste Partie des Buches. Alles 
'rhalsächliche ist verständig und verständlich be-schrieben und beurteilt ; 
die darüber aufgestellten Vermutungen sind grossenteils einleuchtend. 
Auch dass die 8 cm tiefe Einbohrung auf dem Kopfe des Reiters für 
die Aufnahme des nimhiis diente, jener Nachahmung der strahlenden Sonne 
die sich mit der »legende significative- Soli 'nnirfo auf den Kaiserbildern 



') Reinach, lU-iierloire de hi staluairc grecquc el romaiuf II, 414, _ : .")32, 8. 
Nach dieser leiclil zugänglichen Sanimlunii;' werde i> d im Woilcrcu die in sio 
aufgenommenen Bildwerke in der Regel eitleren. 



mancher Münzen belinde, glauben die Verfasser mit Recht; unentschieden 
lassen sie die Bedeutung eines 6 cm tiefen Loches auf dem Kopfe des 
(Sonnen-) Rosses. Nur eines vermögen wir den Verfassern nicht zu 
glauben, dass nämlich der hin und her gewundene Gegenstand in den 
Händen des Genius einen Blitz bezeichne. Denn diesen finden wir im 
Altertum fast immer durch einen kompakten Körper (den Donnerkeil : 
vgl. Sittl, Archäologie der Kunst, S.815. Reinach 1, 187 ff.) dargestellt, aber 
wohl nirgends durch eine solche in stetem möglichst gleichmässigem 
Wechsel nach rechts und nach links umbiegende Linie ^) ; wohl aber 
ist dies die gewöhnliche Linie für die Schlange, wie sie z. B. nach 
Hettners richtiger Auffassung auf dem Viergötterstein von Theley, 
(Westd. Zeitschr. III, Taf. 1, 1 neben dem Juppiter mit dem Rade) in 
der Hand der Juno erscheint. Dieselbe »Schlangenlinie« in Junos Hand 
bieten die Viergöttersteine in der Pfalz und der von Dunzweiler 
(ebenda X, Taf. 2, 95 a) und in Ceres Hand vielleicht ebenda 
Taf. 4, 172c, und dürfte die »Speerspitze« dieser rohen Arbeit 
(nach Hettner vielmehr eine »doldenartige Erweiterung«) wohl 
eher ein Schlangenkopf sein^). Dieselbe gleichmässig gewundene Linie 
zeigt für die Schlange der caduceus des Merkur, die meisten der 
Mithrasbilder (u. a. vgl. Cumont II, 265), die Abbildungen bei Haug- 
Sixt, Inschr. Württemb., nr. 24 und 112, K. 0. Müller, Denkm. II, 825, 
ein Relief vom Limes (Limesblatt Sp. 868) und viele andere. Wir 
halten also den Gegenstand für eine Schlange; auf ihre Bedeutung 
werden wir später zurückkommen. 

Die zwei Abbildungen des Denkmals sind leider nicht zu loben. 
Sie sind zu klein, zu wenig scharf, und von zwei einander allzunahen 
Standpunkten (von vorn und beinahe vorn) aufgenommen und werden 
durch keine seitliche Ansicht ergänzt. So bleibt der Mantel des Reiters 
unsichtbar und die Flügel des Genius allzu unbestimmt, die Stelle der 
angeblichen Keule, die ganze linke Seite entziehen sich der Beurteilung. 
Eine wissenschaftlich genügende Reproduction des wichtigen Denkmals 
ist dringend erforderlich. 

Von S. 15 an werden die bisherigen Deutungen in folgender 
Weise classificiert. Der Reiter sei 1. Dieu topique Germain, 2. Divinite 



^) Relativ am ähnlichsten noch auf einer Münze des Antoninus Pius (Cohen II, 
Taf. 11, 7) : aber der wesentliche Unterschied ist auch da, dass der Blitz eine 
Spitze hat und haben muss, während das Ende des Gegenstandes hier in Grand 
wie eine runde Schlinge oder Schleife (der Schlangenkopf V) aussieht. 

2) Vgl. Westd. Zeitschr. X, 299 f. 



- 327 — 

sülaire^), 3. Hercules, 4. — 6. Neptun, 7. Juppiter, 8. Julius Caesar ^)(!), 
9. Caracalla, 10. Probus, 11. Maximian. Es fehlen die Deutungen: 
Neptun = Caligula (Koepp), der Kaiser allgemein als Vertreter der 
Reichsmacht (Riese 1885), dieser Kaiser als Juppiter aufgefasst (Hang). 
Gegen jede der genannten Deutungen bringen die Verfasser in Kürze 
ihre mehr oder weniger zutreffenden Einwendungen vor, um schliesslich 
ihrerseits in dem Reiter den — Constantius Chlorus (f 306) zu erkennen ! 
Da dieser die (jerinanen öfters besiegte und bei den Galliern und seinen 
Truppen beliebt war, werde man ihm, so sagen sie, gern Denkmäler er- 
richtet haben. Ferner führte dieser den Beinamen Herculius, und in der 
rechten Hand glauben die Verfasser Spuren einer (auf dem Bilde 
nicht wahrnehmbaren) Keule zu erkennen, die sie an Hercules erinnerte. 
Der Bhtz« in den Händen des Genius weise auf die blitzartige 
Schnelligkeit der Feldzüge jenes Kaisers, bei anderen Exemplaren der 
Gigant auf die in ihren batavischen Sümpfen kaum zu fassenden 
Feinde! Dass die Denkmäler von Heddernheim (240) und Schierstein 
(221) viel älter sind, soll kurz mit der — übrigens unrichtigen — 
Bemerkung abgethan werden, dass diese beiden fast allein eben 
auch keine herkulischen, sondern nur allgemein kaiserliche Züge 
zeigten. Diese Beweisgründe sind durchaus hinfällig, und dieser Teil 
der Schrift, den die Verfasser auch selbst bescheiden nur als vorläutige 
Hypothese bezeichnen, ist leider völlig verfehlt. 



Wenn wir nun nach der allgemeineren Bedeutung des Fundes 
von Grand fragen, so liegt diese vor allem darin, dass er uns veranlasst, 
endlich einmal die Untersuchung nicht mit dem Reiter, sondern mit 
dem unteren Wesen zu beginnen, welches die Verfasser richtig als 
Genius erklären. Die Frage wird lauten müssen: Welches Wesen 
könnte eben sowohl als Schlangenfüssler wie als Genius dargestellt 
werden? Der Schlangenfüssler ist, was wohl zu beachten, nicht ein 
wider den Reiter kämi)fender Gigant, wie sie üblich sind in der 



>) Voulot, Revue archrol. 1H80, 11, 112 ff., 291(T.; 1H81, I, 10411. Es ist 
danacli ein »Dieu a(|uati(|ue anguip^de prOtanl secours ä un dien solaire, civili- 
sateur et conqueranl, acconiplissant sa course et dont Ic inouvenient riHrojiiade 
de la janibe droite correspondrait ä certaines lois siderales. Ces monuments, 
situes sur le bord des rivieres, protegaient les gues.« Enthält ein Kürnlein Wahr- 
heit neben vielem Irrtum. 

^) Dies haue längst vor Ui- Saulcy, den die Verfasser anfidiren. Salmasius 
bereits 1()2() von dem E.xemplar von Cussy vermutet (i?ev. arcli. IST'J, I, 18j. 



— 328 — 

griechisch-römischen Kunst und auch im Rheinland dargestellt sind^), 
sondern auf allen diesen Denkmälern, !)ei allen sonstigen Verschieden- 
heiten, erscheint das untere Wesen (man gestatte mir der Kürze halber 
überall diese JBenennung) stets unterthänig und stützend gegenüber 
dem oberen; was am bestimmtesten durch das häutige Auflegen der 
Vorderhufe des Pferdes auf die ausgebreiteten Handflächen des unteren 
Wesens ausgedrückt ist. Dass dieses zu dem Zwecke erst hätte besiegt 
werden müssen, linden wir nirgends angedeutet, auch der Gesichts- 
ausdruck giebt dafür ausser jjei wenigen Exemplaren, die man zur 
Not so deuten könnte, keinen Anhalt. Diese Auflassung des gegen- 
seitigen Verhältnisses, welche schon I.S42 .läger in Speyer aussprach, 
ist mit Kecht jetzt die herrschende. 

Was also ist dem geflügelten Genius von Grand und dem 
Schlangenfüssler gemeinsam? Da der gewundene Gegenstand, den 
ersterer mit seinen beiden Händen hält, nach unserer obigen Darlegung 
S. 326 auch eine Schlange vorstellt, so ist die Identität beider Wesen 
schon deutlicher: der Künstler von Grand wollte die Schlange auch 
dem Beschauer sichtbar sein lassen, was sie bei den »Schlangen- 
füsslern« Avegen ihrer so hohen Position kaum ist, und bildete daher 
das untere Wesen menschlich aus : Kopf, Haartracht und das Stützen 
des linken Pferdehufes aber gestaltete er ganz so w-ie es sonst bei 
vielen der Schlangenfüssler ist. 

Also auch ein dienendes Wesen. Was bedeutet esV Die Ansicht, 
es sei ein keltischer oder germanischer Wuotansdiener, ein Windelbe 
oder dgl. soU später im Zusammenhang behandelt und hier nur voraus- 
geschickt w^erden, dass wir ihr nicht beipflichten können. Anders steht 
es mit dienenden oder stützenden Schlangenfüsslern und ähnlichen 
Wesen in der griechisch-römischen Kunst, mit Tritonen, Atlanten, 
Giganten. Man betrachte den fischschwänzigen Triton, welcher von 
einem Tempelgiebel in Lokri stammt^) und auf seinen Händen die 
Vorderhufe eines von einem jugendlichen Reiter gerittenen Rosses trägt. 
Oder die Giganten selbst, w^elche nicht nur (vgl. Röscher Mythol. I 1669) 
in einem etruskischen Grab und in der Gigantenhalle zu Athen als 
Gebälkträger vorkommen, sondern auch hier in unseren Landen sind 
sie an einem Säulencapitäl von Neumagen »an dessen Ecken Gi- 
ganten hervortreten . . die auf Rücken und eingestemmten Armen den 

^) Z. B. in Rottweil (Sixt-Haug S. 60;, auf melireren Mithrasbilclern (Oster- 
burken, Cumont II, 350; vgl. ebenda 264; 336 1. 

2) Abgebildet z. B. Westd. Ztschr. XIII, 338: Hoinach IT, ö33, 4. Andere 
solche Trifonen s. Reinacb I 429, ö. II .583, 7. 



— '6-2{) — 

Abacus /u tragen haben« f Wagner, W. Z. I 45) und an einem Pfeiler- 
capitäl von Alberschweiler (Kenne, W. Z. XV, 344, Areh. Anz. 1897, 10), 
sowie von Grossgerau (Anthes, Hess. Quartalbl. 1899, T.41 1: als Inschrift- 
träger auf einem ViergöUerslein (W. Z. X, 34) u. a. Aehnlicher Art 
ist es, wenn kleine Schlangenfüssler neben stehenden Gottheiten kauern 
und als Stütze ihrer Attribute benutzt werden : auf einer Münze von 
Magnesia stützt Athene ihren Schild auf einen solchen kleinen Schlangen- 
füssler, und ähnlich ist es bei der ^Minervastatue aus Plaidt bei Ander- 
nach und einer solchen der ehemaligen Sammlung Grawford ^). Ein 
solcher trägt auch die Lyra neben Apollo kauernd, ein anderer gar 
(aus Libourne) den Amor neben Venus -j. 

Abgeschwächt ist diese Darstellung, wenn der Gott nur seine 
linke Hand auf das Haupt des kloinen Schlangenfüsslers legt, eine 
Bildung, für welche Hettner W. Z. IV, 376 vier Beispiele aas Mainz, 
Mannheim und Rottweil '^l anführt, und wofür weiter das Relief von 
Merkenich lauf welchem der Gott römische Feldherrntracht trägt), 
besonders aber die gallischen Thonstatuetten zu nennen sind, auf 
denen der »Juppiter^ mit dem Rade in der Rechten zugleich die Linke 
auf ein neben ihm knieendes. vielleicht weibliches, nach Hettner 
(Korr. Bl. IV, 159) wahrscheinlich schlangenfüssiges. Wesen legt. 

Diesen Schlangenfüsslern entspricht auch die Schlange selbst, 
wenn sie nicht als Stütze, sondern nur als Dienerin des Apollo, des 
Asklepios u. A. (des Lar?*) und endlich auf Mithrasreliefs sich findet. 
Auf letzteren erklärt sie Cumont bereits für ein Symbol der Erde^), 
aber ebenso versinnbildlicht ist die Erde auch schon in jenen ersteren 
kleinen Gestalten, die vielleicht dem freundlich dienenden Pallas- 
pflegling Eri-chthonios (Erd-fürst V) zugehören, den richtigen yt;-yfpeis 
oder Erdsöhnen. 

Wenn der Reiter ein oder beide Vorderhufe seines Rosses oder 
den eigenen linken Fuss auf die Hände des Schlangenfüsslers resp. des 
Genius stützt, so ist ihm also in symbolischem Ausdruck »die Erde 
.seiner Füsse Schemel«. Wenn ich nun daraufhin im Folgenden einige 
Identificierungen vorschlage, die zunächst etwas fremdartig erscheinen 
werden, so hoffe ich vor dem Vorwurf der Phantasterei durch die Stelle 



') 0. Müller, Denkm. d. Kunst 11, 232. - Ronner Jahrb. 18, T. 2. 3. 
Reinach II, 297, 4. — Reinach II 231, 1; vgl. 6. 
'l Reinach II 108, 4. 806, 2 

•■*) Eines derselben ist VV. Z. X Taf. 2. 126 a ah<:ebildot. 
*) Statuette aus Mandeure Reinach II, 494, 9. 
") Textes etc. de Mithras I, 80, 102, 192. 



- 330 — 

des Macrobius geschützt zu sein, die ich unten ausfülirlich besprechen 
werde und welche zeigen soll, dass ich den Empfindungen jener Zeit 
entsprechend verfahre ; denn gewagter als dieser Autor sie bringt, 
werden meine Identificationen auch nicht sein. 

Der Genius (von dessen urrömischer Bedeutung wir hier absehen 
können) wurde bekanntlich symboUsch dargestellt in der Gestalt einer 
Schlange; so auch der Genius des Hauses und der Genius loci'). Dies 
ergiebt schon eine, bereits oben berührte Beziehung des Genius in 
Grand, der wie gesagt grösserer Deutlichkeit halber die Schlange in 
den Händen trägt (vgl. auch S. 337), zu den Schlangenfüsslern der 
übrigen Gruppen, die uns noch bestimmter (s. oben) auf die Erde hin- 
weisen. Diese Schlangenfüssler sind noch dazu bisweilen sicher weib- 
lichen Geschlechts, so in Seltz, Bottenburg, Altrip, Neunkirchen, Gann- 
statt (?), Weil (?), Mainz, vgl. S. 329, und auch bei dem Schlangenfüssler 
von Schierstein soll nach Sanitätsrat Dr. Florschütz »im grossen Ganzen 
die gesamte F'ormgebung (auch des Beckens und der Hinterbacken) an 
weiblichen Typus erinnern« (S. 12). (Wenn ein Mainzer Exemplar ein 
männliches und ein weibliches Wesen neben einander zeigt, so möchte 
man dabei an die Cannstatter Votivinschrift genktm et angucm (Haug- 
Sixt S. 386) oder daran denken, dass in römischen Häusern Mann und 
Frau zwei Genien verehrten, »eigentlich einen Genius und eine Juno«.) 
Dazu werden wir aus Macrobius von Schlangen zu den Seiten einer Erd- 
göttin in Hierapolis erfahren, sowie vom Verhältnis der Schlange zur Sonne. 

Anderseits ist zwar Juno eigentlich die weibliche Ergänzung des 
Genius; aber sie ist doch auch seine Stellvertreterin. Junoni JiiUae 
Piae matris Antonini Äug. ^) wurde im Jahre 213 geopfert, d. h. dem 
Genius der Kaiserin; Junoni Mrtutis^) ist eine Inschrift in Friedberg 
gesetzt, d. h. dem Genius der Virtus; denn auch die Gottheiten haben 
ihre Genien. Juno aber ist auch die Erde. (Pe^soßiog, Nahrung gebend, 
ist yala (die Erde) nach Hesiod und den homerischen Hymnen, das- 
selbe Wort gilt "Hqi, (Juno) als dem Element der Erde nach dem Philo- 
sophen Empedokles. Dass Juno die Erde sei CHq/; — I'qo), sagt u. a. 
auch der Commentator Probus zu Vergils Eclogen 6, 31, und Augustinus 
spottet darüber, dass Juno so Verschiedenartiges bedeute, dass sie u. a. 
sowohl ah- als terra sei*). 

Servius zu Vergils Aeneis V, 95. In Aegypten seit sehr alter Zeit so: 
Rhein. Mus. f. Philologie LV, 380. 

"") CIL VI 2086. 

3) Bonner Jahrb. 87, 214. 

*) De civitate dei 7, 16: Itemque Juno secundarum causarum domina, et 
Juno aer, et Juno terra, et, si Venerem vinceret, Juno Stella. 



— -m - 

Um das Gesagte zusammenzufassen: wir haben diese Gleich- 
setzungen gefunden: 1. Genius — Schlange; Schlange — Erde. 2. Genius 
— Juno; Juno — Erde. Das Resultat dieser — wie ich gern und 
nachdrückUch betone — recht sonderbaren Weisheit ist somit, dass 
das untere Wesen unserer Gruppe auf die Erde hinweist. Demnach 
ist für den Schlangenfüssler der weibliche Typus als der hier echte 
und ursprüngliche anzusehen. In der That findet sich dieser bis- 
weilen — bisher war er unerklärt und auch unerklärbar — und zeigt 
z. B. in Schierstein ein Aussehen, als solle er noch direkt die uralte 
Mutter Erde vorstellen ^). 

Jetzt ist es an der Zeit, uns dem gepanzerten Reiter wieder zu- 
zuwenden. Von Anfang an wurde dieser, wozu seine Rüstung und sein 
Ross veranlasste, für einen Wimischen Feldherrn oder Kaiser gehalten, 
einen bestimmten wie Probus, Caracalla, Maximian, oder allgemein für 
den Kaiser, der die Reichsfeinde niederwerfe wie .luppiter die Giganten. 
Diese Ansicht hat 1885 auch Verfasser dieses vertreten und mit vielen 
Stellen antiker Autoren, namentlich Dichter, unterstützt. Später hat 
Haug (Westd. Ztschr. X. 329 ff.) sie dahin modificiert, dass der Kaiser 
und Juppiler hier begrilTlich in einander übergegangen .seien ; es sei 
Juppiler, aber er sei als Allegorie der über die Barbaren siegenden 
römischen Kaisermacht aufgefasst. Die Giganten seien Germanen, 
die weiblichen Giganten bedeuten nach Haug die (Termania derida. 
Auch Wagner ging W. Z. XIIl, 389 zu dieser Ansicht über. Ich 
kann sie, obwohl sie damals vielen Beifall fand, jetzt nicht mehr 
teilen. Zwar die Hinweisung auf die Weihung der Säulen an Juppiter 
vermag mich nicht davon abzubringen, denn ein einem Gott geweihtes 
Denkmal musste ja wohl nicht unbedingt dessen Bildsäule tragen ; 
und wenn denn die Inschrift ausschlaggebend sein soll, muss doch 
mindestens Juppiter und Juno zusammen da sein, da eine grössere 
Zahl der Weihinschriften beide vereinigt nennen (denn dass Juno auf 
einer gewissen Anzahl der Viergöttersteine neben anderen tlottheiten 
und nur in gleicher Bedeutsamkeit wie die anderen dargestellt ist, 
nicht aber eine hervorragende Stellung einnimmt, kann doch zur Er- 
klärung der Inschrift nicht ausreichen). Nein: die Ursache, dass ich 
meine Ansicht ändern musste, liegt vielmehr darin, dass manche der 
seither gefundenen Gruppen durch ihre besonderen Eigentümlichkeiten, 

') Vgl. Westd. Zeitschr. IV, 379. X, ;-i3l. Die Bartlosigkeit anderer Exem- 
plare (Besigheim, Elirang, Hohenecken, Schierstein u. a.) wird auch auf den 
ursprünglich weiblichen Typus zurückzufüliren sein. Vgl. auch Urlichs, Bonner 
J. 95, 96. 



— 332 — 

welche ich oben S. 324 angeführt habe, sich mit der Annahme eines 
römischen Kaisers oder Feldherrn schlechthin nicht vertragen, sowie 
auch die Bartiosigkeit der meisten, das weibliche Geschlecht einiger 
der Schlangenfüssler die Gleichsetzung mit Rarbaren (Germanen) 
widerrät. 

Die zweite Meinung geht dahin, der Reiter sei ein römischer 
Gott. Entweder hielt man ihn für Neptun (im Gigantenkampf: so. 
Wagner früher, Prost und Heuzey 1891; oder Neptun =^Caligula: so 
Koepp), oder für Juppiter. Aber ein Gigantenkampf ist auf der Gruppe 
thatsächlich nirgends und in keiner Weise vorhanden oder voraus- 
gesetzt, und gegen Caligula sprechen u. a. die oben gegen einen Kaiser 
überhaupt vorgebrachten Einwendungen. Und wenn auch Bart und 
Gesichtsausdruck, um von der Inschrift abzusehen, öfter an Juppiter 
erinnert, wenn ferner sogar der Lorbeerkranz, den der Reiter in Grand, 
in Meisenheim ( W. Z. VIII, T. 7), in Seltz, in Dudweiler (W. Z. XVI 362?) 
trägt, auch in seltenen Fällen (vgl. Servius ad Verg. Aen. l 398) den 
römischen Juppiter schmückt: reitend oder gepanzert oder auf einer 
Säule stehend kommt dieser nie und nirgends vor, und sein Verhältnis 
zu dem unteren Wesen wäre unverständlich. 

So schien es denn das natürlichste, in dem Reiter einen ein- 
heimischen Juppiter zu erblicken. Diese Ansicht hat zuerst 
Hettner in einer scharfsinnigen Weise begründet ^) und sie hat viele der 
deutschen Gelehrten (nicht auch die franzijsischen) für sich gewonnen. 
Hettners Beweise sind folgende : Erstens nenne die Weihinschrift den 
Juppiter, und da der römische Juppiter nicht gemeint sein kann, so 
müsse der entsprechende einheimische Gott unter diesem Namen ver- 
standen w^erden. Zw^eitens reiche die Verbreitung der Gruppe nicht 
über das keltische Gebiet hinaus. Zweifelnd fügt Hettner die Frage 
hinzu, ob etwa der germanische reitende Wuotan, vielleicht mit einem 
getreuen Zwerge vereint, dargestellt sei. — Dagegen greift auf das ger- 
manische Gebiet mit Entschiedenheit hinüber Koehl in einem anregend 
geschriebenen Aufsätze'^). Von der damals neugefundenen Schiersteiner 
Gruppe ausgehend, vermutet er, dass sie, w^eil ihr Anfang absichtlich 
weit vor dem Plattenrand vorgerückt sei, das heftige Vorstürmen der 
beiden verbündeten Wesen ausdrücken wolle, fragt darauf »w'arum 



') Es sei wohl »ein Hauptgott der hier wohnenden Völkerschaften in römischer 
Kunstsprache als .Tuppiter zum Ausdruck gebracht, ein ihm unterthäniger, ihm 
getreuer Riese oder Elbe hat im wesensgleichen T?) Giganten seine Darstellung 
gefunden* Hettner, Westd. Ztschr. IV, 380, 

^) Korr. Bl. XIV, 53. 



— B33 — 

nicht« die Gruppe gallo-germaniseh sein könne, erklärt sie sodann als 
eine Säule Thors (Donars) mit seinen Windelben (wenn diese weiblich: 
»Windsbraut«) und als Votive, als Gewitter- oder Blitzsäulen. — Auch 
Lehner ^) denkt wegen des Blitzes in der rechten Hand an den Donner- 
gott, aber an den gallischen (Taranis = Juppiter), und, je nachdem, an 
den germanischen Wuotan : beides sei in dem römischen Juppiternamen 
nivelliert. Zu Hettners Begründung kommt für ihn noch weiter das 
barbarische Aussehen des einen Reiters von Ehrang hinzu. Im Anschluss 
daran wollen Andere auch in dem angeblichen Blitz des Genius von 
Grand die Beziehung auf einen keltischen Wettergott erblicken (brief- 
lich). — Florschütz endlich will gleichfalls den keltischen (weil reitenden) 
.hippiter annehmen, aber auch die Auffassung als eines Denkmals 
römischen Sieges über einen grimmigen Barbaren damit vereinigen. 

Gegenüber diesen Aufstellungen möchte ich Folgendes betonen. 
Was die Widmung angeht, so ist sie wie gesagt, wenn sie die signa 
betrilft, auch vollständig auf sie zu beziehen, also nicht allein .luppilor 
sondern auch .Tuno Regina ist dann auf dem Bildwerk zu finden, und 
dies ist bei jener Auffassung nicht möglich. Wenn ferner Juppiter nicht 
der römische Gott ist, so kann er natürlich der keltische sein, aber 
er muss es nicht sein. Und positiv betrachtet spricht die Composilion 
der Gruppe nicht für keltische Beziehungen. Wir kennen keinen 
reitenden keltischen Gott-). Wir kennen keinen keltischen Schlangen- 
füssler. Wir kennen keine keltischen GiUterbilder auf Säulen. Wir 
wüssten auch nicht, was mit Juno Regina auf keltischem Gebiete 
anzufangen wäre. 

Das Verbreitungsgebiet der Gruppe ist allerdings rein keltisch. 
Also ist es erstens nicht germanisch. Von germanischem C.ultus und 
Götterbildern im Gebiet der Mediomatriker '^) oder gar in Burgund und 
Auvergne oder Bretagne vor der Völkerwanderung zu reden, erscheint 
mir doch den historischen Thatsachen allzusehr widersprechend. Auch 
die Treverer, wenn sie auch sich gern germanischen Ursprungs rühmten 
(Tac. Germ. 28j, waren doch schon früli entschieden keltisch gearlel 
und zeigen in keiner Weise germanische Sitten. Desgleichen die Stämme 



») Korr. Rl. XV, 58. 

^) Die Pferdegüttin l'',j)ona sitzt auf einem Pferde : dies brauclit kaum 
ernsllich als Ausnahme genannt zu werden. Ebensowenig die auf einem Eber 
sitzende Diana, die nacli Reinach (Rronzes ligures 29) itahschem VorbiUle nacli- 
gebildet ist. 

^) Denen eine sehr grcjsse Zahl dieser Denkmäler an^idu'n'l. — Von dorn 
Inhalt fr üh römischer Grilber, in den noch die T.nlrnc - (lullur liincinspielt. 
ist im Folgenden natürlich abgesehen. 



— 3B4 — 

am Rhein, Vangionen, Nemeter und Triboker, waren zwar germanischen 
Ursprungs, aber auch sie vergassen dessen früh, wurden keltisierl und 
ihre Gebiete zeigen aus römischer Zeit nur keltische, keltoromanische 
und römische Ueberreste ; und auch im Lande der Mattiaker ündet sich 
aus römischer und gar aus spätrömischer Zeit kaum Germanisches. 
Das Dekumatenland aber war erst recht vollständig keltisch und dann 
gallorömisch geworden (vgl. Tac. Germ. 29). Dagegen in den viel mehr 
germanisch gebliebenen Gebieten der Ubier und besonders der echt 
deutschen Bataver findet sich die Gruppe nicht (abgesehen von dem 
Rehef aus Merkenich). Und damit sind die Fundgebiete aufgezählt. 

Müssen wir also das Germanische a priori ausschliessen, so wäre 
doch die Möglichkeit — aber nur diese — einer Erklärung unserer 
Gruppe aus keltischem Ursprung an und für sich nicht zu bestreiten. 
Was aber fehlt, ist der positive Beweis. Denn Koehl's Beweis haftet 
allzusehr an der einzigen Schiersteiner Gruppe, während die so wichtige 
Mertener Säule und viele andere (Senon, Rottenburg, die eine von 
Pforzheim u. a.) durch die aufrechte, vorn fast senkrechte Haltung des 
Schlangenfüsslers den Gedanken an ein beiderseitiges Vorwärtsstürmen 
ausschliessen. So dürfte auch Lehner allzusehr durch den seltsamen 
Ehranger Stein beeinflusst sein, der in mehreren Beziehungen ein 
Unicum (s. unten), zur allgemein gültigen Erklärung der Gruppe nur 
mit grosser Vorsicht herangezogen werden darf. 

Schliesslich dienten die Vertiefungen in dem Scheitel des Reiters 
(in Grand, Portieux, Herten, Seltz u. a.) gewiss, wie gesagt, zur Auf- 
nahme des Strahlenkranzes. Wie wäre dieser mit einem keltischen 
Donner-, Sturm- oder Wettergott in Einklang zu bringen ? 

Es bleibt noch die Möghchkeit eines orientalischen Einflusses, 
auf den einst A. Hammeran hinwies^); nicht dass Zeus Sabazios in 
Betracht käme, dessen angebliche Statuetten mit unserer Gruppe nichts 
zu thun haben, sondern man beachte folgende Bildwerke : 1. in Sueida 
(Syrien): ein barhäuptiger, gepanzerter römischer Reiter mit fliegendem 
Mantel schiesst mit einem Pfeil auf einen Steine schleudernden Giganten ; 
in der Mitte zwischen den Kämpfenden erscheint das Brustbild eines 
Mannes der mit beiden Händen eine grosse kreisförmige, mit einer 



») Korr.-Bl. IV, 152. Frankf. Intelligenzblatt 1895, Anfg. Januar. Clermont- 
Ganneau, Rev. arch^ol. 1876, II, 196 ff. u. Tafel 18. Nachträglich sehe ich, dass 
Situ, Archäol. d. Kunst, S. 757, kurz sich äussert: »Die Gigantensäulen sind wohl 
mit einem orientalischen Glauben in die Rheingegend gekommen.« Hang, Westd. 
Ztschr. IX, 23 sagt dasselbe von den Wochengöttersteinen mit ihrer echt orien- 
tahschen heiligen Siebenzahl. 



— 335 — 

zvvölfblätterigen Rosette geschmückte Scheibe, das Sinnbild der Sonne, 
vor seine Brust hält. 2. ein ägyptisches ReKef im Louvre, auf dem 
der Lichtgott Horus, gleichfalls zu Pferd und in der Tracht eines 
römischen Heiterofli/iers, den krokodilgestaltigen Typhon mit der Lanze 
durchbohrt. — Der als Reiter kämpfende ( iott geht sogar, ebenso wie das 
Sonnenrad, auf uralte assyrische Vorbilder zurück. Dabei verweist Cler- 
mont-Ganneau a. a. 0. S. 397 f. auch auf ägyptische Münzen der Kaiserzeit 
seitDomitian, welche den Gott Horus oi costumr mäita'ne roniaiit zeigen, und 
auf eine Gemme mit nabatäischer Inschrift, wo der von dem Gotte (den der 
Sonnenkreis ziertj bekämpfte Feind eine Schlange, und eine andere 
Darstellung, wo er ein fptadnqmJc rliinwraßic ist. 

hl diesen Werken ist es nicht der Kampf mit einem Gegner 
(Giganten, Krokodil), der uns interessiert, wohl aber ist endhch einmal 
der gepanzerte Reiter dem in unseren Gruppen ähnlich, und führt uns 
zu der zwar nicht direkt orientalischen, aber doch an den Orient 
erinnernden Auflassung des Reiters, die ich nun vortragen und vor- 
schlagen möchte, und die jedenfalls den Vorzug vor allen anderen ge- 
niesst, dass sie auf antiken Schrift stellen beruht, nämlich auf den 
ausführlichen, aber bisher für unseren Gegenstand noch nicht beachteten 
Darlegungen des Macrobius. 

Dieser Polyhistor des beginnenden fünften Jahrhunderts n. Chr. 
spricht in seinen »Saturnalien«, Buch I, Cap. 17 — 21, von dem Wesen 
des Sonnengottes, und unter einem Aufwand von Citaten aus der ganzen 
antiken Litteratur und von teilweise ganz haarsträubenden Etymologieen 
beweist er, dass die Götter Apollo, Liber, Mars, Mercurius, Aesculapius, 
Hercules, Serapis und andere und schliesslich auch Juppiter selbst 
nichts anderes seien als Sol, als die Sonne in ihren verschiedenen 
Wirkungen: denn »die verschiedenen Eigenschaften der Sonne haben 
den Göttern ihre Namen gegeben« ^j. Der Juppiter Heliopolitanus (Baal) 
der >Äss//}ii<^ ist Sol suh nomine Jovis; seine goldene Statue in Helio- 
polis (in Syrien) hebt die Rechte »mit einer Peitsche wie ein Wagen- 
lenker«, während die Linke Blitz und Aehrenbündel hält. — In dem 
»assyrischen« Hierapolis aber ist ein Sonnengott oder Apollo mit 
langem Barte, mit einem Panzer bekleidet, der in der erhobenen 
Rechten einen Speer trägt ; vor seinen Füssen aber steht eine F'rauen- 
gestalt und zu ihrer rechten und linken Seite Frauen, die eine Schlange 
in langen Windungen umgiebl : auch um des Gottes Schultern hegt 
ein schlangenbekränztes Gorgoneum. »Die weibliche Erscheinung ist 
das Bild der Erde, welche die Sonne von oben her beleuchtet.* In 

*) Die betr. Textstellen siml im Anhang wiedergegeben. 



— 336 — 

diesem Sinne ist die Sonne selbst :LVQiy&ii]i; dQaxio^ und Fülirerin der 
vier Jahreszeiten (nach Euripides). Jedenfalls aber wird die Schlange 
»auf die Sonne bezogen« und »gehört zu den wichtigsten Veranschau- 
lichungen der Sonne«. Juppiter selbst ist der Sonnengott auf beflügeltem 
Wagen, und ihm folgt das Heer der übrigen GiUter (orQancc ^ec&v xal 
Öaiiiövwv Plato Phaedr. 246 E.) - Ferner bedeutet die Vier- 
zahl »entweder die vier Himmelsrichtungen oder die vier Jahreszeiten 
oder die zwei Aequinoctien und zwei Solstitien, die Siebenzahl aber 
die sieben himmlischen Sphaeren, denen die Natur die Sonne zum Be- 
herrscher gab«. 

Diese ganze Darlegung des Macrobius giebt uns ein anschauliches 
Bild der Theokrasie oder Göttervermischung, wie sie in jenen späten 
Zeiten des zu Ende gehenden Heidentums im römischen Reiche 
herrschte, sie giebt uns aber zugleich deutliche Winke für das Ver- 
ständnis unserer Gruppe, zumal w^enn wir auch der vorerwähnten 
orientalischen Bildwerke gedenken und uns erinnern wie damals »die 
verschiedensten Attribute verschiedener Kulte« nicht selten bildlich auf 
einen Gott gehäuft wurden. 

Der gepanzerte Gott mit Speer oder Blitz, bärtig, als 
Reiter oder mit den Attributen des Wagenlenkers erscheinend, der 
Strahlenkranz (bez. die Vorrichtung dazu), und vor dem Gotte 
Weib und Schlange oder Schlangenfüssler in der Bedeutung 
der Erde: alle diese Bestandteile unserer Gruppe zeigen sich, wenn 
auch nicht alle vereinigt, in den orientalischen und den von Macrobius 
beschriebenen Werken. 

Denn den Panzer, wie der Reiter unserer Gruppe, trägt im 
Orient Juppiter Dolichenus, der Gott von HierapoUs, der Gott von 
Sueida und Horus (s. ob.) und wohl andere, während in Rom der 
Kriegsgott und einmal (Valerius Flaccus IV, 93) der Sonnengott ihn 
trägt, er aber bei keltischen Göttern unbekannt ist. 

Was die Waffe betrifft, so kommt Speer und Blitz bei den 
Göttern, die Macrobius nennt, vor, den BUtz führt allerdings auch 
Juppiter in Rom. Bei unserer Gruppe wird an den Exemplaren, deren 
rechte Hand erhalten ist, Blitz, Speer oder »Keule« (s. u.) vermutet^). 

Den bärtigen Sonnengott zeigt ausser unserer Gruppe w^ohl einzig 
und allein das Götterbild von HierapoUs (Macrobius; . 



1) Blitz: Merkenich, Ehrang I, Pforzheim II. Lanze: Hohenecken, Pforz- 
heim I, Diedenkopf. Keule: Grand, ( Merkenich V), Trier, Rad und Schwert hat 
zu seiner Linken der Reiter von Hanau. 



— 337 — 

Am charakteristischsten ist tür unsere Gruppe das Reiten des 
Gottes. Und gerade dieses ist aus dem Keltentum unbekannt \), bei 
den klassischen Völkern sehr selten^) (die Dioskuren erscheinen als 
Reiter, Poseidon vereinzelt, ebenso Selene, Helios selten) und wo es 
der Fall ist, betrifft es meist Gottheiten, die zum Orient in Beziehung 
stehen: Bakchos, Kybele, der lykische Sonnenreiter Bellerophon. Und 
dies ist natürlich : denn der Orient kennt nicht nur die Sonne selbst als 
Boss (bei Indern, Persern), sondern auch den Sonnenreiter (schon in den 
Veden), wie denn auch Men und vereinzelt Mithras als Reiter auf- 
treten-^). Hier scheint mir der orientalische Einfluss aal' unsere Gruppe 
besonders deutlich am Tage zu liegen*). Auch der Sol von Heliopolis 
führt nach Macrobius eine Peitsche; vgl. damit den Mainzer Vier- 
götterstein nr. 124 H. 

Der Sonnengott ist auch der Herr iiber die Gewitter: Rosse 
des Helios heissen in Korinth »Donner« und »Blitz« ^), und als Sturm, 
Donner und Blitz wurden in Arkadien die Giganten verehrt (Pausan. 
VlII 29, 1). Dem entspricht die auf unserer Gruppe vereinzelt vor- 
kommende Keule, in der ich einfach den Donnerkeil erblicke, und zwar 
in der Hand des Gottes erblicke, während sie in der des untern 
Wesens vielleicht fälschlich so aufgefasst wird und eher als eine Art 
Fackel wie die in der Hand der Isis (s. u.) und der Erdgöttin Ceres 
(W. Z. X, T. 4, wozu S. 172 über Verwechslung von Keule mit Fackel 
zu vgl.) anzusehen ist. Auch hier dürften wohl orientalische Motive 
eingewirkt haben. 

Den Strahlenkranz teilt der Reiter zwar mit Helios und dem 
römischen Sol, aber auch mit mehreren der von Macrobius angeführten 
Götter. 

Vor dem Sonnengotte aber ist nach Macrobius die Schlange und 
die (weibliche) Erde: und vor dem Reiter unserer Gruppe ist der 
Schlangenfüssler oder in Grand (wie S. 326 entwickelt) der eine 
Schlange tragende Genius. Nach der oben ausgeführten Identificierung 
bedeutet diese Schlange die Erde und damit auch die Göttin Juno. 
Dass Götter symbolisch in Tierformen dargestellt werden, ist ja im Orient 



') Ueber Epona s. oben. 

^) Von bloss dekorativen Spielereien ist natiiilich abzu.'SL'lien. — V^l. Röscher, 
Mythol. I, 1999. 

3) Cumont II, 424. Vgl. ebenda S. 190, 818, 420, 449. 

*) Nur auf dem Relief von Merkenich geht der Gott zu Fuss, woiil nur. 
weil das Votiv billig und doshalb klein ausfallen sollte. 

■') Braute und Stcropc : llyginus fabulae \Sd. 



— 338 — 

etwas ganz gewöhnliches. Auch Terracotten u. a. von Gyzicus bieten 
Serapis und Isis als zwei Schlangen mit Menscheiiköpfen ; Isis mit der 
Fackel, in eine Schlange endigend ; Isis als Schlange, mit einem nmdiiis 
gekrönt')- Isis aber bedeutet nach Macrobius 21. 11 auch die Erde. 
Und auch auf römischen Münzen erscheinen Isis und Osiris halb als 
Schlangen^). Und nun erst können wir die Inschrift richtig verstehen: 
Jori Opthiio Ma.i-hm gilt dem reitenden Sonnengott, Jnmnü Beginac 
aber seiner Helferin, dem unteren Wesen, der Erde'^j. Und somit 
kommt der zweite Teil der Votivformel, der bisher recht stief- 
]nütterlicli behandelt wurde, nun endlich zu Ehren. 

Ob die Hochschätzung der Vier- und der Siebenzahl, welche 
Macrobius bespricht, in den vier Köpfen unserer Säulenkapitäle und 
den sieben Wocliengöttern darunter zum Ausdrucke kommt, wage ich 
nicht zu entscheiden. Ebensowenig, woher die Sitte stanmit, die Gruppe 
auf eine runde Säule zu stellen. Der Orient *), Griechenland (Säulen, 
welche Portraitfiguren oder Siegespreise trugen), Rom (die Trajans- 
und Marcussäule) erinnern daran, aber nicht so, dass sich ein Resultat 
daraus ergäbe. Jedenfalls scheint die Säulensetzung keine keltische 
Sitte, die Schuppen aber könnten als ein dürftiger Ersatz für Reliefs 
wie die der Trajanssäule gemeint sein. An den Orient gemahnt jedoch 
die Beschreibung, welche Aphthonius von einer sehr hohen Säule auf 
der Akropolis zu Alexandria giebt^). denn dQyal dt rojv (hrojv cfj ti^g 
y.wvos y-oQvift] neQi£OL-qxaOLv\ »die Elemente des Seienden stehen um 
das Kapital (oder auf dem Kapital) der Säule herum« — das können 
geradezu Sonne und Erde sein und diese Worte bekräftigen vielleicht 
unsere Auffassung der Gruppe I ^) 

So erscheint uns also der Gott mit dem Strahlenkranze als 
Sonnengott, und als dem Orient entstammend, weil er ein reitender 
Gott und ein bärtiger Sonnengott ist. 



1) Mordtmann, Rev. arch. 1879, I, 257 ff. Die Fackel, vermutet Mordtmann, 
habe Isis von der Ceres entlehnt. 

2) Münzen Jiüians: Cohen, Bd. VII, Taf. 8, 2. 

^) Der »Juno Sospita Mater Regina* von Lanuvium war eine Schlange 
lieilig. Preller, Rö. Myth. * I, 276, und Münzen. 

*) Koepp, Arch. Anz. 1890, 64 citiert Puchstein, Reisen in Kleinasien und 
jSTordsyrien S. 230, 396 f. für Statuen auf Säulen. Auch die Schuppen der Säule 
weisen nach einer mündlich mitgeteilten Vermutung G. Wolff's auf orientalischen 
(ägyptischen?) Ursprung. 

^) Rhetores Graeci ed. Spengel I, p. 48.- 

®) Sind die in Syrien seit dem ö. Jahrhundert ihr Wesen treibenden sog. 
Säulenheiligen (oiv'/Jrai) etwa auch durch die Idee beeinflusst worden, dass 
nur Heihgtümer auf den Säulen zu stehen haben? 



— 339 — 

Von Asien nach Gallien mus,- dieser Ideenkreis und diese Kunsl- 
übung auf dem üblichen Wege des Handels und des KuUurverkehrs 
(Orient-Massilia-Gallien) gelangt sein (Ueberlragung durch die Truppen 
wie beim Mithrascultus ist hier wohl ausgeschlossen), vielleicht im 
zweiten Jahrhundert. In dieses ferne Land kamen ja damals noch 
mehrere Culturelemente aus Osten, z. B. auch die gerade in der Belgica 
häutigen zweistöckigen Grabtürme mit pyramidalem Schuppendach, 
die der Kybele nachgebildeten Eponastatuetten, Mithras, Aeon, die ägypti- 
schen Gegenstände * ). Natürlich war dem frühesten der gallischen 
Künstler alles klar, er vvusste, wie er den Juppiter-Sonne und die 
Juno-Erde darstellen durfte, und sein Originalwerk, das wir uns in 
Massilia. Lugudunum^) oder x^ugustodunum vorstellen mögen, wird 
dies bezeugt haben. Aber als dieses zeitgemä.sse^j Werk Beifall und 
Nachahmung fand, wird sicherlich manches missverstanden, manches 
romanisiert, manches seit 180^) keltisiert worden sein, und die 
Nachahmungen nahmen Motive, die im Lande vorhanden waren, in 
sich auf. Die sog. Viergöttersteine z. B. sind entschieden eine ein- 
heimische Einrichtung, da auf ihnen ausser der Mehrzahl römischer 
Gottheiten doch nicht eben selten der Gott mit dem Schlägel, Juppiter 
mit dem Rade (V s. unten), Merkur und Silvanus in keltischer 
Tracht^) u. a. erscheinen, und die ältesten derselben, die Pariser 
Steine aus der Regierungszeit des Tiberius, sogar neben Jovis, Vol- 
canus, Castor — auch die Namen eines Ems, Tarvos trirjaramis, Cer- 
nunuos, 8 inert . . friedlich dazu setzen. Und diese wurden nun als 
Postamente sowohl für echt römische sitzende Juppiterstatuen, wie für 
unsere fremdartige Säule und Gruppe gewählt. 

Eine andere Form der Keltisierung kann darin zu finden sein, 
dass das untere Wesen die Hufe mit seinen Händen stützt. Denn auf 
einer Goldmünze der gallischen Namneten (nach dem Urteil des Besitzers 
aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr.), deren Kennt- 
nis ich der freundlichen Mitteilung desselben, des Herrn Dr. R. Forrer 
in Strassburg verdanke, sieht man, von einem Lenker gelenkt, 
einen Reiter, der mit dem Ross zu einem Wesen vereinigt ist, also 



») Vgl. Löschcke, Bonner Jalirb. Ü5, -261. Kisa, Korr.-B). XVI, 48. Mercur 
als Thot: ebenda XIX, 233. 

*) So vermutet Koepp, Korr.-Bl. IX, 65. 

') An die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts, welche manche Culte Kleinasiens 
nach Europa brachte (Elagabab, dachte schon Voulot. Uev. archeol. 1880, II, 298. 

*) Vgl. Riese, Westd. Zlschr. XVII, IH ff. 

») Korr.-Bl. XIV, 53. 



— B40 — 

einen »gallischen Kentauren« (nach teilweise griechischein Vorbild, wie 
die grosse Zahl gallischer Münzen), unter dessen Füssen eine Gestalt 
kauert, deren obere Hälfte bis zum Gürtel allein sichtbar ist, und die 
(und dies ist rein keltisch) mit ihren zwei Händen zwei Füsse des 
Rosses erfasst. Die Münze ist sehr selten^), aber in zwei fast ganz 
gleichen Exemplaren in der ausgezeichneten Sammlung des Herrn 
Forrer vertreten. Trotz der zeitlichen und örtlichen Entfernung von 
dem Hauptgebiet unserer Gruppe ist immerhin eine Benutzung dieses 
keltischen Motivs des Greifens des unteren Wesens nach den Füssen 
des Pferdes darüber vielleicht nicht zu verwerfen. 

Eine weitere Art von Keltisierung ist vielleicht in dem Rade 
gegeben, welches der Reiter der 1900 gefundenen Hanauer Gruppe in 
der linken Hand trägt ; neben ihm hängt ein gewaltiges Schwert herab, 
welches das (vierspeichige) Rad zunächst — aber fälschlich — für ein 
Schild ansehen liess. Es ist wirklich ein Rad und in sehr kunstloser 
Weise ist des Reiters Hand zwischen zwei Speichen hindurch gesteckt. 
Ein gleiches (vierspeicliiges) Rad mit durchgesteckter Hand ergab der 
Fund einer unserer Gruppen zu Ronchers im Departement Meuse^); 
und ganz dasselbe trägt ein durch (laylus bekannter, sicherlich sehr 
schlecht gezeichneter Reiter aus Luxueil, der, bisher unkontrollierbar, 
nun durch obige P'unde soweit gesichert ist^). Die verschiedenen 
gallischen Figuren und Altäre, welche dieses Rad tragen \) (die von 
Landouzy-la-Ville ist /. (). M. d N[t(niiniJ Aiit/fasfi] geweiht) stehen 
iiatürlich in Beziehung auch zu obigen, und wenn bei ihnen das Rad 
Symbol der Sonne ist"), so ist es dies auch bei dem Hanauer Reiter' und 
giebt eine erwünschte Bestätigung dafür, dass auch in unserer Gruppe 
.luppiter 0. M. der Sonnengott ist. 

Ob jedoch darin eine Keltisierung liegt, oder ob der orientaUsche 
Ursprung des Ganzen sich damit dokumentiert, soll hier nicht ent- 



^) Bei Lelewel fehlt sie noch gänzlich ; De la Tour hat sie unter nr. 6728 
seines Atlas der gallischen Münzen der Bibhotheque Nationale. Münzen benach- 
barter Stämme haben unter dem Pferde nach Dr. Forrers Mitteilung bisweilen 
einen »liegenden Engel«. 

2) Rev. arch. 187G, I, 404. 

^.) Caylus, Recueil d'antiquites Ilf, 99, 3. Die Figur ist bei Reinach II, 
532, 3; 6 aufgenommen, und wir verweisen darauf, ohne uns auf die unsicheren 
Seltsamkeiten — den ruhigen Gang des Pferdes, das Kind, den Kopf am Boden 
(ob Schlangenfüssler ?) einzulassen. 

') Gaidoz, Rev. archüol. 1884,11,111., Reinach II, 17; 190. VVestd. Ztschr. lil, 
Taf. 1. Korr. Bl. IV, 159. 

^) So Hettner selbst, Trierer Steindenkmäler, S. 30. 



- 341 — 

schieden werden. Schon die Veden kennen die Sonne als Rad*), das 
Bildwerk von Sueida (s. oben) bietet diese V^'orstellung, und sicherlich 
würde leicht manche Hinzufügung dieser Art möglich sein. Wie dem 
aber auch sein mag, die Vereinigung des Hades mit dem Donnerkeil 
(Chatelet), dem Blitz (Vaison), dem unter der linken Hand des Mannes 
kauernden bartlosen Wesen (SchlangenfüsslerV Moulins), endlich das 
Rad auf einer Uir railif'r (Caerleon) ^), sind zahlreiche weitere Anzeigen 
von der Sonnennatur des Reiters, zunächst dessen den die Hanauer 
Gruppe enthält. 

Eine andere Art der Keltisierung zeigt sich in der Ehranger 
Gruppe mit dem bartlosen Reiter und seiner barbarisch-bäuerlichen 
Tracht, die schon durch den Sattel des Pferdes ein Unicum zu sein 
scheint ^). 

Dagegen fehlt es auch bei unserer so unklassischen Gruppe nicht 
an Anklängen einer Romanisierung oder Hellenisierung. Wir finden 
sie in der Gruppe von Besigheim (Zweigespann, der Wagenlenker in 
edler, eines Juppiter würdiger Bildung), in den Epithetis ()ptimH>< Ma.nmus 
und Iir(/hi((, in dem vereinzelt vorkommenden echten .Tiippitertypus, 
und endlich in den auftauchenden Reminiscenzen an die klassische 
Gigantomachie. deren Träger auch im Rheinlande dargestellt 
wurden^). Denn, wenn wir nicht vergessen, dass der Erde (oder Juno) 
entsprechend das Echte und Ursprüngliche in unserer Gruppe ein 
weiblicher Schlangenfüssler sein muss (s. S. 330 f.), er auch meist 
fein weiblich frisierten Haares erscheint''), so kann der männUche 
Gigant, besonders wenn er so verwilderton struppigen Haarwuchs zeigt 
wie der eine Schlangenfüssler von Main//') oder so wild zusammen- 
gedrückt ist wie in dem zweiten Ehranger Exemplar, nur in Erinnerung 
an die alten Götterfeinde gebildet sein. Unsicheres Schwanken zwischen 
beiden Auffassungen brachte es anscheinend dahin, dass auf einer 
Gruppe des Mainzer Museums gar Weib und Mann neben einander als 
Schlangenfüssler erscheinen (vergl. jedoch S. 330). 

Schwieriger zu erklären ist die Keule: nicht ilie, welche der 
Reiter in Trier, vielleichl Merkenich und Grand führt (denn die Keule 



') Gaidoz S. K! II. 

^) Alle aus Gaidoz a. a. '). enliioinnien. 
^) Heltner, Trierer Sleindenkmäler, S. 21. 
*) Vgl. oben S. 328 f. 

"j Was weder für jii'Utcrfcindliche Gi<ranlcn iH)ch für Windelbi'ii iias;st'n 
würde ! 

®j Donner-von Ricliler, lleddernheinier Gigantensäule (1885), Fig. 3, 1). 



- 342 — 

gehört /A\ Hercules und auch Hercules ist nach Macrobius gleich Sol), 
sondern die des unleren Wesens. Die Giganten tragen in der antiken 
Kunst keine Keulen: sollten etwa die Baumstämme, mit denen sie 
kämpfen') den Keulen (die sind ja Baumäste) entsprechen? Oder liegt 
etwas Orientalisches zu Grunde V Oder sind sie ein blosses technisches 
Hülfsmittel die Hufe zu tragen, besonders da, wo, wie in Schierstein, 
Pforzheim, Weil (Haug-Sixt nr. 238, vgl. nr. 192 V), deren zwei, zur 
Rechten und Linken der Figur, sich befinden 2)? Wie S. 337 ausge- 
führt wurde, kann wohl auch eine Fackel fälschlich für eine Keule 
gehaUen worden sein. Dies ist noch näher zu untersuchen. — Sicher 
aber sind die wirklichen Waffen, der Dolch eines Schlangenfüsslers 
(Mainz) und das grosse Schwert des Reiters (Hanau) in Erinnerung an 
Gigantenkämpfe zugefügt. 

Wenn unsere Säulengruppe mit orientalischen Ideen so wie be- 
sprochen zusammenhängt, so wird Cumonts Beobachtung^): »les 
diverses divinites asiatiques ont en general en Occident ete honorees 
ensemble dans les memes endroits« vielleicht auch hier zutreffen. 
Wenigstens sind uns in Trier, Saarburg, Rottenburg, Neuenhehn, 
Ladenburg, Heddernheim beide Culte, der des Mithras und der unsere, 
bekannt^). — Allerdings ist der Mithrascult durchs ganze Reich, unsere 
Gruppe aber nur in Gallien vertreten '"). Auch fehlt letztere auffäUiger 
Weise gänzlich am äusseren Limes — wenigstens bis jetzt, — nur 
am älteren inneren Limes bieten ihn Neckarburken, Cannstatt und 
Köngen ; der Fund bei Hanau widerspricht dem wohl nicht ? — Innerer 
Zusammenhang beider Culte würde jedoch schwer zu erweisen sein, 
nur dass die Schlange (^ Erde) bei beiden eine Rolle spielt und die 
Zeitgötter, und dass der Sonnengott auf un.serer Gruppe*') ebenso wie der 



^) »Evolsisqiie truncis Enceladns iaculalor audax« Horaz Oden III, 4, 55. Bei 
0. Müller, Denkm. d. Kunst II, 845, 847 sehen diese allerdings wie ein gabelförmiger 
Ast aus, wie einen (nach Hettner, Trierer Steindenkin., S. 23) der zweite Ehranger 
Gigant vielleicht wirklich trug. 

") Eine :i'Keule« führt der Schlangenfüssler von Ladenburg, von Neunkirchen 
(V7. Z. IV, 380), Mainz, Hanau. 

3) Textes etc. II, 425. Vgl. I, 158. 

*} Auch unsere Gruppe fand sich mehrfach in zwei Exemplaren bei ein- 
ander vor ; anscheinend auch bei Hanau. 

^) Wenige Widmungen von Soldaten : Haug, Wesld. Zeitschr. X, 53, 56, 130. 
Korr.-Bl. IX, 58. 

*) »J. 0. M. Conservatori«. heissl die Widmung eines Viergöttersteins von 
Kastei nr. 52 H. 



— 343 — 

Mitliras den Beinamen Consetvator auf Inschriften führt ^j. Dagegen lindet 
der Mithrascultus in unterirdischem spelaeum statt : unsere Gruppe steht, 
eine Art Antimithras, auf ragender Säule: jener ist direkt Soll Invido 
Mithrac, dieser erst dem damit identificierten Jori 0. M. gewidmet. Diese 
F'rage ist noch nicht spruchreif. 

Im zweiten Jaiirhundert hat sich die Gruppe in Galhen ein- 
gebürgert. Warum sie nur in Gallien und nicht einmal in anderen 
keltischen Gebieten heimisch wurde, ist mil unseren Mitteln nicht 
zu beantworten^). Persönliche, für uns unkontrollierbare Momente 
werden dies bewirkt haben. Ferner: Warum Helvetien und das 
Gulturgebiet von Köln ganz ausgeschlossen sind, könnte vielleicht 
untersucht werden. Im Süden bildet die Linie Donon — Rottenburg die 
stricte Verbreitungsgrenze. Die älteste Weihung eines Viergöttersteins 
an Juppiter und Juno (in Kastei) datiert aus 170, und Mainz mag 
wohl, nachdem die Gruppe aus den S. 339 genannten Städten einmal 
dahin gelangt war. der Ort gewesen sein, von wo aus sie sich durch 
dessen Gulturgebiet und durch Teile des nordöstlichen Galliens ver- 
breitete. 

Es ist aber wahrscheinlich, dass man sie nicht selten auch miss- 
V er st and. Wenn schon Nero und später wieder Garacalla als 
Sonnengott gefeiert sein wollte, so konnte der Sonnengott doch auch 
der Kaiser sein. Die vielen Münzen mit einem Kaiser zu Rosse 
und den Worten So!/ fi>r/rfo und dem Strahlenkranze, die entweder 
aus dem Osten überkommene oder erst romanisierende Aufstellung^) 
auf einer Säule, und anderes mochte für den heldenhaften Sonnengott 
wohl die Meinung erwecken, in ihm sei der Kaiser gemeint. Dann 
hat man in der Vorstellung vom Kaiser und den Giganten als dem 
Symbol der Reichsfeindschaft, die ich 1885 mit vielen Stellen belegte, 
den Schlangenfüssler zum feindlichen, barbarischen, struppigen Giganten 
umgewandelt, und als der Redner Mamertinus 289 in Trier die vom 



*) Wenn Cicero in der vierten Verrinisclien Rede den Juppiter Im- 
perator mit dem griechischen Zsvg OvQios identificiert (§ 128), so ist dies 
ein weiteres Beispiel für die von mir in der Westd. Ztschr. XVII, 5 f. bewiesene 
Leichtfertigkeit und Bedeutungslosigkeit antiker Identificierung von Gottheiten. 

-1 Ob die Verse 7. 0. M. Signion et ercctatn prisca religionc cuhimnani Sep- 
timius reno rat primae prorinciae rector (Cirencester: Buecheler, Anth. 1. epigr. 277) 
auf ein Exemplar in Britannien schliessen lassen? 

•■') Für keltischen Ursprung der Säulenaufstellung könnte höchstens sprechen, 
dass Gregor von Tours auch Bildsäulen des Mars und Mercur in cohnmia altissima 
gesehen haben wollte (vgl. A. Ilie.sc, Das Rheinische Germanien in do- anlikoii 
Lilleralur c.XlV, 70; S. 4;W); doch ist dies allzu unsicher. 



— 344 — 

Kaiser besiegten Aufständischen mit jenen nionstra hiformin verglich^), 
mag er wohl an unsere Gruppe in diesem Sinn gedacht haben : und 
noch spätere Mimzen zeigen deshalb Schlangen, zum Teil mit Menschen- 
köpfen, als Symbole der von den Kaisern niedergekämpften Feinde''^). 

Wir fassen unsere Ergebnisse zum Schluss kurz zusammen. Auf 
Grundlage der Theokrasie bildete sich eine Verehrung der Sonne 
(Juppiter) als eines gewappneten Reiters des Orients, und — falls wir 
damit nicht irren sollten — auch der Erde (Juno), deren Beherrscher 
die Sonne ist, als eines Schlangengenius aus. Diese Idee fand wahr- 
scheinhch im Osten ihre bildnerische Darstellung und kam wie andere 
bildnerische Darstellungen vom Orient nach Gallien. Hier fand sie, 
weil sie dem Zeitgeist entsprach, besonders bei frommen Privatleuten 
bald Beifall und Nachahmung, wurde aber in einzelnen Punkten 
keltisiert oder romanisiert, und missverstanden auch zu einem Kaiser- 
denkmal verwendet. 

Aus einem fremdartigen schlangenfüssigen weiblichen Wesen 
wurde ein römischer Gigant, ebenso wie aus einem fremdartigen 
reitenden Gotte ein römischer reitender Kaiser. Dieser Hergang ist an 
und für sich verständlich. Wie aber hätte der allen bekannte Gigant 
zu einem unverständUchen weiblichen Schlangenfüssler werden können? 

Mit dieser Auffassung der schwierigen Frage, die wir nun der 
Diskussion darbieten, dürfen wir hoffen, diese Denkmälergruppe, die 
bisher vereinzelt stand, in die Reihe der gesamten kulturgeschichtlichen 
Entwicklung eingefügt zu haben. 



Anhang. 



Macrobiiis, Satnrnalia I, 17 — 23. 

17, 2 Nam quod omnes paene deos . . ad solem referunt, . . ratio divina 
commendat . . 3 Necesse est solem . . omnium quae circa nos geruntur fateamur 
auctorem. 4 . . Diversae virtutes solis nomina dis dederunt. . 30 Eundem esse 
ApoUinem et solem probemus. . 54 Latonam physici volunt terram videri . . 
58 Est et alia ratio draconis perempti. Nam solis meatus . . sursum ac deorsum 
variando iter suum velut flexum draconis instituit. Unde Euripides nvQtyevt^g 
oe OQay.on' aqq. . . 66 Hieropolitani, qui sunt gentis Assyriorum, omnes solis effectus 
atque virtutes ad unius simulacri barbati speciem redigunt eumque Apollinem 
appellant . . 67 prolixa in acutum barba . . Simulacrum thorace munitum est, 

ij Vgl. ebenda c. IX, 1; S. 223. 

«) Cohen VI. Taf. 9, 3 (Constantiusi ; Taf. 19, 6 (Majorianus) und 8 (Se- 
verus III). 



— 345 — 

dextera erectam tenet haslam . . Ante pedes iinago feminea est, cuius dextra 
laevaque sunt signa feniinaruni ; ea cingit llexuoso vuluininc draco. ()8 Radios 
in terram superiie iaci barba demissa significat . . Hastae atcjue loricae argu- 
mento imago adiungitur Martis, (|uem eundeni ac solem esse procedens sermo 
patefaciet. . . (59 Species feminea terrae imago est, quam sol desuper inlustrat . . 
draconis efligies (lexuosum iter sideris nionstrat. . Xs, 23 Vergilius sciens Liberum 
patrem solem esse . . lU, 1 Martern eundem ac solem esse') . . ö Accitani etiam, 
Hispana gens, simulacrum Martis radiis ornatum maxima religione celebrant 
Nelon vocantes . . 7 Mercurius sol . . 15 Quattuor latera finguntur (den Hermen) . , 
quippe significat hie numerus vel totidem piagas mundi vel quattuor vices tem- 
porum quibus annus includitur vel quod duobus aequinoctiis duobusque solstitiis 
zodiaci ratio distincta est, ut lyra Apollinis chordarum septem tot caelestium 
sphaerarum motus praestat intellegi. . 20, 1 Simulacris et Aesculapii et Salutis 
draco subiungitur, quod hi ad solis naturam lunaeque referuntur . . 2 et ad ipsum 
solem species draconis refertur . . 10 et re vera Herculem solem esse . . claret . . 
21, 8 Quis ambigat Matrem deurn terram haberiV . . 11 esse Osirin . . solem . . 
Isin . . terram . . 23, 1 Nee ipse Juppiter rex deorum naturam solis videtur ex- 
cedere, sed eundem esse Jovem ac solem claris docetur indiciis . . 5 Magnum in 
caelo ducem Solem (Plato) vult sub appellatione Joris intellegi . . 10 Assyrü 
((uoque solem sub nomine .Tovis, quem ^//CE ///^oi^TToA/r/^i' cognominant, maxi- 
mis caerimoniis celebrant in civitate quae Heliopolis nuncupatur . . 12 Hunc 
vero eundem Jovem Solemque esse . . ex habitu dinoscitur. Simulacrum enim 
aureum specie inberbi instat dextera elerata cum flagro in aurigae modum, laeva 
tenet fulmen et spicas . . 17 Assyrü . . Adad . . ut potentissimum adorant deum 
sed subiungunt eidem deam nomine Adargatin . . solem terramque intellegentes . . 
19 Simulacrum Adad insigne cernitur radiit^ inclinatis . . Adargatidis simulacrum 
sursum versum reclinatis radiis insigne est. 



*) Welche Aufschlüsse dieser Satz für die Erklärung der Westd. 7.. Taf. 13, 
7 abgebildeten Bronzetafel, die eine eigentümliche Verwandtschaft mit unserer 
Gruppe verrät, ergibt, sei einer späteren Besprechung vorbehalten. 



— 346 — 



Bericht über die Erwerbungen des Museums der Stadt Metz. 

Geschäftsjahr 1900. 

Nebst einem Ueberblick über die Entwicklung der Sammlungen. 
Von i. B. Keune, Direktor des Museums. 



Nachdem dank dem einsichtigen Entschluss des Gemeinderates 
der Stadt Metz das Jahr 1899 dem städtischen Musemn eine einheit- 
Uche und selbständige Verwaltung gebracht, wurde auch der seit langen 
Jahren geplante Erweiterungsbau begonnen, dessen Ausführung bisher 




Abb. 1. Museum Metz, Sieinsaal Xr. 9 u. 10: Grabdenkmal, gef. 1822 zu Metz, 

Gitadelle. 



unterblieben war, obschon bereits im Jahre 1886 die damalige Ge- 
meindevertretung die Notwendigkeit einer umfassenden Erweiterung 
anerkannt und Plan und Kosten des Baues genehmigt hatte. Weiter 
hat aber auch der jetzige Gemeinderat nicht bloss für Beschaffung von 



— U1 — 

neuen Ausstellnngsschränken und zu anderen Zwecken die erforder- 
lichen, nicht unerheblichen Geldmittel bewilligt, sondern er hat auch 
seit dem Geschäftsjahr 1900 das Museum mit einem, wenn auch be- 
scheidenen, so (loch gegen früher beträchtlioli erhrihten und verbesserten 
Haushalt ausgestattet. 

Diese Neuerungen bedeuten zweifellos einen grossen und wichtigen 
Fortschritt in der Geschichte des Museums und rechtfertigen einen 
kurzen Rückblick auf die Anfänge und die Entwicklung der Sammlungen 
gewiss. Diesen Rückblick begleiten Abbildungen ' ), welche die Reihe 
der illustrierten Rerichte des Museums eröffnen und einen illustrierten 
Katalog vorbereiten sollen; dieselben sind zunächst vornehmlich der 




Abb. 2. Museum Melz, Steinsaal Nr. 9 u. 10 (Vorderseite i 



Sammlung von Altertümern römischer Zeit entlehnt, si)äter werden 
auch die anderen Zeitabschnitte und Abteilungen gebührende Rerück- 
sichtigung linden. 

Dass es mir aber vergönnt ist, diese erste Rilderreihe aus dem 
Museum der Stadt Metz zu verbinden mit den Glückwünschen, welche 

') Ein Verzeichnis der Abbildungen mit niiberen Xachweisungen ist am 
Scliluss dieses Berichtes angefügt. 



348 



der Trierischeii (ieödl:?cliaft für uiilzliclie Forschungen zu ihrer hundert- 
jährigen Jubelfeier die junge lothringische Schwester darbringt, ist eine 
besondere Freude für mich, der ich mit beiden Gesellschaften durch 
enge Bande verknüpft bin. Denn die Liebe zu den geschichtlichen 
Denkmälern der Treverer, welcher ich die Ehre verdanke, seit einem 
Jahrzehnt unter die Mitglieder der Gesellschaft für nützliche Forschungen 
gewählt zu sein, habe ich, in das Land der Mediomatriker verpflanzt, 
auf diese übertragen und in den Dienst der Gesellschaft für lothringische 
Altertumskunde gestellt, welche ihrer Trierischen Genossin nacheifernd 
seit nunmehr 12 Jahren die Urkunden für die älteste Geschichte 
Lothringens aus der Erde zu heben und die Altertümer und Kunst- 
denkmäler des Landes von Verschleuderung und Untergang zu retten 




Abb. 3. Museum Metz, Steinsaal Nr. 9 u. 10 (rechte Seite). 



bemüht ist. Dass ich als Konservator der städtischen Altertums- 
sammlung und jetziger Vorstand des gesamten Museums im Bunde mit 
dieser auch von der Stadt Metz durch Geldmittel unterstützten Ge- 
seUschaft die Zwecke der Sammlungen zu fördern mich für verpflichtet 
erachte, bedarf keiner weiteren Begründung. Verdankt doch das 
Museum dem Eifer der Gesellschaft für lothringische Geschichte wert- 
volle Bereicheruns: durch eine grosse Zahl der kulturgeschichtlich und 



— 349 — 

kunstgeschichtlich wielitigsten Denkmäler insbesondere der vorgeschicht- 
lichen, römischen und merovingischen Zeit! Freihch muss die junge 
lothringisclie Gesellschaft sich mit anderen, älteren Vereinen in das 
Verdienst teilen, zu den Sammlnngcn fies Metzer Museums beigesteuert 




Al)b. 4. Museum Metz, SLeinsaal Xr. 13: Grabdenkmal, ^ef. 1822 zu Metz, 
(litadelle. — Oben: Nr. (j leinir. lS4:-Ji: Nr. 14 (ein;;. 1.^.")4 und Nr. 337. 

ZU haben. Denn neben ihrer Vorlauferin, der im .lahre 1858 ge- 
gründeten »Societe (Tarcheologie et dhistoire de la Moselle« ist es 
vor allem die altehrwiirdige Metzer Akademie (Academie de Metzi, 
welche die Sanmihmgen des Mu.seams nidil bloss bereichert, .'^onderu 
zum Teil überhaupt ins Leben gerufen liat. Von anderen Vereinen, 
welche sicli um das Museum verdient gemacht haben, sei noch der 



-~ 35Ö — 

Verein für Erdkunde zu Metz genannt, welcher vor Begründung der 
Gesellschaft für lothringische Geschichte deren Aufgaben insbesondere 
auf Anregung von Fritz Möller teilweise mit übernommen hatte. Aber 
auch die französische und später die deutsche Regierung haben das 
Museum der Stadt Metz sowohl mittelbar durch die den genannten 
Vereinen geleisteten Beihilfen als durch unmittelbare Ueberweisung von 
Altertumsfunden und Kunstwerken in dankenswertester Weise unter- 
stützt, Dass die Stadt Metz selbst nicht bloss durch Stellung und 
Einrichtung der Räume nebst Bestreitung der Verwaltungskosten, son- 
dern auch durch wertvolle Erwerbungen allezeit ihr Museum zu fördern 
bedacht gewesen, ist selbstverständlich. Schliesslich darf aber nie ver- 
gessen werden, W'ieviel der hochherzigen Freigebigkeit von Privaten 
zu verdanken ist, welche das Museum durch die erwähnten wissen- 
schaftlichen Vereine oder unmittelbar mit vielen lehrreichen Gegen- 
ständen, ja mit Kostbarkeiten ersten Ranges beschenkt haben. 

Ich lasse nunmehr die Uebersicht über die Entwicklung des 
Museums folgen und beschränke mich dabei auf die kunstgeschichtlichen 
Sammlungen, nämlich das Altertumsmuseum, die Münzsammlung und 
die Gemäldesammlung. Die naturgeschichtliche Sammlung bleibt dabei 
unberücksichtigt, weil sie ausserhalb der Bestrebungen der Gesellschaft 
für lothringische Geschichte und ausserhalb des Rahmens dieses Jahr- 
buches fällt. Doch soll wenigstens erw^ähnt werden, dass ein Mitglied 
unserer Gesellschaft, Herr Professor Dr. Rebender, seine Wissenschaft 
freundlichst und selbstlos in den Dienst dieser Abteilung des Museums 
gestellt hat. 

A. Altertums-Sammlung. 

Hilfsmittel: 

Catalogue de la galerie archeologique redige par Lorrain, coli- 
servateur. precede d'une notice historique par Abel, Metz 1874, 
XXV 4- 162 -f (1) S, 8», — Ueber die Geschichte der Sammlung 
spricht Abel S. I — VII. — Das Verzeichnis der antiken Gegenstände 
(Nr. I — XCVII und 1 — 284) ist auch aufgenommen in die Memoires 
de laSociete d'arch. de la Moselle XIII, 1874, S. 1—104, und das 
der mittelalterlichen und neueren Stücke (Nr. 400 — 650) in die 
Mem, Soc. Mos. XIV, 1876, S. 1—58. Die Vorarbeiten Lorrains zu 
seinem Verzeichnis sind jetzt von der Stadtbibliothek dem Museum 
überwiesen. 

P, Charles Robert, Epigraphie gallo-romaine de la Moselle, 3 fasci- 
cules 1873, 1883, 1888, mit 10 Tafeln. Die meisten der hier ab- 
gebildeten inschriftlichen Denkmäler besitzt das Metzer Museum. 



— 351 — 

F. X. Kraus, Kunst und Altertum in Elsass - Lothringen III. 1880, 

S. 764—776, sowie unter den verschiedenen Fundorten. 
(O. A. Hoffmanni, Der Steinsaal des Altertums-Museums zu Metz. 1889, 

116 S. 8". 
0. A. Hoffmann, Die Kleinaltertümer des römisch-mittelalterlichen 

Museums der Stadt Metz, 49 S. 8'\ = Jahrbuch d. Ges. f. lothr. 

Gesch. IV,i (1892), S. 186—218 und Y,2 (1893), S. 172—187. 
Lothringische Kunstdenkmäler in Gemeinschaft mit Wahn und 

Wolfram herausgegeben von S. Hausmann. Strassburg, fol., Nr. 1, 

9, 18, 25, 27, 40, 4L 54; vgl. Nr. 6, 20, 42. 
Jahresberichte sind veröffentlicht in der Museographie der 
Westdeutschen Zeitschrift von F. Möller I (1882), S.'259; II (1883), 
S. 202; in (1884), S. 167 f.; IV (1885), S. 194; V (1886), S. 204- 
206; VI (1887), S. 287—289; von 0. A. Hoffmann ebenda VIII 
(1889), S. 246; IX (1890), S. 282—283: X (1891), S. 382—383; 
XI (1892), S. 229; von Kenne ebenda XV (1896), S. 333—345; 
XVI (1897), S. 315— 320: XVII (I898j. S. 350 354; XVIII (1899), 
S. 371—376; XlX (;i900i, S. 356—361. und im Jahrbuch d. G. f. lothr. 
Gesch. XI (1899), S. 374—385: v«l. Jhb. VIII,., S. 56— 61 idie Fort- 
Setzung wird der Abschnitt -lieligion« der Arbeit »Gallo-römi.sche Kultur 
in Lothringen i< bringen); S. 66 ff. und IX, S. 325 ff. 

Wie das Trierer Provinzialnuiseum als eine Frucht der Be- 
strebungen der Gesellschaft für nützliche Forschungen gelten darf, deren 
Altertums-Samjnlungen den Kern der Bestände dieses Museums bilden, 
so ist auch das Altertumsmuseum der Stadt Metz hervorgewachsen 
aus der Sammlung eines Vereins, nämlich der Metzer Akademie^). 
Während jedoch die im Trierer Museum aufgestellten Erwerbungen der 
Gesellschaft für nützliche Forschungen wie auch mehrerer anderer Be- 
sitzer^) Eigentum dieser verblieben sind, ist die Sammlung der Metzer 
Akademie später in den Besitz der Stadt übergegangen, und sind über- 
haupt die im städtischen Museum untergebrachten Altertümer und 
sonstigen Ausstellungsgegenstände mit wenigen Ausnahmen ^) städtisches 

») Bei Devilly, S. 16 = Mem. Xc. Metz 1822/23, S. 77 heisst die Sammlung 
>Musee de la Society des Lettres, Sciences et Arts de Metz« nach der Bezeichnung:, 
welche damals die Akademie noch führte; M(^m. Acad, Metz 1828 29. S. :^7l : 
»collection d'antiquitös de l'Acadömie^. 

'') Regierung, Stadt Trier, Altertumsverein zu St. Wendel. 

■*) Fundstücke aus St. Peter auf der r.itadelle is. u.j; Kopien der Wand- 
malereien im sog. Refektorium der Templer auf der Citadelle i A. Migette, Cata- 
logue des tableaux 1876, Nr. 229-241; vgl. Kraus III, S. 776 und 631—633): ein 
grosser Steinhammer (.lahrb. V.2. S. 173i; Gemälde aus dein Bezirkapräsidium. 



^52 — 

Eigentum. Als Anfang der archäologischen Sammlungen der Metzei' 
Akademie M dürfen gellen die aus den Fundamenten der spät-römischen 
Ringmauer in der Nähe des Höllenlurmes (Tour d"Enfer ) auf der Cita- 
delle stammenden Archilekturstücke und Blöcke von skalpierten Grab- 
denkmälern, welche im Jahre 1822 entdeckt und in den Garten hinler 
der Stadtliibliothek, den inzwischen teilweise bebauten, aber auch heute 
noch zur Unterbringung von Steindenkmälern herangezogenen Museums- 
garten überführt wurden: Nr. 2, 9/10, 13, 03, 97, 98, 99 des Stein- 
saales. Abbildungen bei Devilly, Antiquites Mediomatriciennes, Premier 




Abb. 5. Musouin Metz, Steinsaal Nr. 13. — Die reclile Seite dieses GralKlenkinals 
s. auf der den Steinsaal darstellenden Tafel. 



memoire, Monumens trouves en 1822, a l'ancienne citadelle de Metz. 
Metz 1823, 19 S. 8'^ mit 3 Tafeln (erweitert aus Mem. Acad. Melz 
1822 23, S. 72—79); vgl. Robert, pl. VII, 2 und IX, 1—3. — Nr. 9/10, 
13, 98 und 99 sind beifolgend Abb. 1— C, vgl. Tafel I, wiedergegeben. 
Zu diesen Steindenkmälern gesellten sieh bald andere, wie der Wochen- 
gölterstein aus Havingen (Kanton Eentsch, Kr. Diedenhofen), Nr. 11 

') Diese Gesellschaft hat, wie es scheint, schon vorlier gesammeU; vgl. 
Devilly a.a.O. S, If;: »Society qni a deja. reuni (|nolques antiquites d'un baut 
interet«. 



— 353 — 

des Steinsaales (vgl. Mein. Acad. Metz 1828,29, S. 366— 371 liikI Westd. 
Zeitschr. IX, S. 3-tf., Nr. 15; abgebildet bei Robert [A. II, '2 und 111, 
4 — 10) und die mittelalterlichen Stücke Nr. 554 und 575 des Stein- 
saales. Die 30 er .lahre brachten auch Kleinaltertümer, nämlich Grab- 
limde von Scarponna bei Dieulouard aus dem Jahr 1831 (vgl. Mem. 
Acad. Met/ 1831/32. S. 191 If. und Hoftmann, Steinsaal S. 9fTj: doch 
soll hier gleich bemerkt werden, das.s die Sammlung der kleineren 
Funde beträchtlich hinter den Steindenkmälern zurückgeblieben ist und 




Ablj. ü. .Museum .Metz, Steinsaal Xr. !)8 u. 99: Teile von Cirabilenkinälein, 

gef. 1H22 zu Metz, Citadelle. 

dass erst in neuerer Zeit durch die llegierung^) und den Verein für 
Kidkunde ^). insbesondere aber durch die GeselLschaft für lothringische 



') Grablunde von .Morsbarli unleiliall» dfs iieiapel IS!);} u. a. 
*) Grabfunde von der Lunolte d'Arron : Fritz Möller im }\. .latiresberirlit 
des Veceins f. Erdkunde zu Melz pro IHMO, 1H-~130 mit Tafel. 



354 



Geschichte zahheiche und wertvolle Kleinaltertümer ins Museum gelanjit 

sind. Der Grund ist in der Konkurrenz zu suchen, welche das 

Museum mit den Privatsamm- 
lungen zu bestehen hatte. Unter 
den Metzer Privatsammlungen 
waren die bedeutendsten die von 
Paguet und von V. Simon ^ ), und 
wenn diese auch Steindenkmäler, 
zumal kleinere, nicht verschmäh- 
ten-), so hatten sie es doch in 
erster Linie auf Kleinfunde ab- 
gesehen. Da diese beiden Samm- 
lungen später in Paris meist- 
bieteud versteigert wurden^), so 
sind ihre Bestände für Metz ver- 
loren und teilweise überhaupt 
verschollen. — Von weiteren Stein- 
denkmälern kamen in der ge- 
nannten Zeit ausser der Meilen- 
säule aus dem .Jahr 97 n. Chr. 
(Nr. 87 des Steinsaales ; vgl. 
Jahrb. X S. 32) und anderen Fund- 
stücken im Jahre 1837 fünf Bild- 
werke aus Stein hinzu, welche 
die Akademie auf Kosten der Stadt 
Metz aus dem Nachlass des Mar- 
quis de Villers auf Schloss Burg- 
esch bei Schwerdorf im Kreise 

Bolchen für 800 Pres, erstand (Nr. 3. 1 9. 89. 105. 528 des Steinsaales ; 

s. Mem. Acad. Metz 1837/38 S. 344—346: vgl. Austrasiel. 1837. S. 489), 




Abb. 7. Museum Metz. 
Urabötein aus Arlon, erworben 1837. 



1) A. Migelte, Catalogue des lableaux S. XV f. ; Kraus 111 S. 780. 

*i In der Sammlung Paguet befanden sich drei der Bruchstück-c des all- 
christlichen Sarkophages, in welchem Ludwig der Fromme beigesetzt war 
(Nr. 463 — 46(i des Steinsaales). Zu der Sammlung von V. Simon gehörten die 
Steindenkmäler bei Robert 1 S. 5.3 und II S. 23f., ausserdem ein aus Nimes 
stammendes Altärchen (Kenne, Westd. Korrbl. XV Sp. 4), welches nach einer mir 
zugegangenen freundlichen Mitteilung Herr Professor Hübner aus Berlin in der 
Sammlung eines Grafen in Spanien (!) wiedergefunden hat. Ausserdem besassen 
beide Sammlungen Darstellungen der Epona (Jahrbuch VIII,>, S. 57 Anm. 4). 

^) Die Sammlung Paguet wurde 1867, die Sammlung Simon im Februar 
1868 versteigert. Der Auktionskalalog der letzteren hat nur über den vom Museum 
zu S. Germain erworbenen Depotfund von Wallerfangen und einige andere besonders 
wertvolle Stücke genauere Angaben; ein Exemplar desselben besitzt die Metzer 
Stadtbibliothek. — Die von Migette gesammelten Gegenstände hat der Besitzer 
mit seinen Zeichnungen und Gemälden der Stadt Metz geschenkt (s. später). 



— 365 — 

darunter vier Teile von Weih- und Grabdenkmälern aus Arlon, dem 
alten Orolaunum, welche im 17. Jhdt. von dort nach der Stadt Luxem- 
burg verbracht und hier später zu Festungsbauten verwendet waren 
(Wilthemius, Luciliburgensia ed. Neyen Fig. 9 und 118 mit S. 12,13. 
174.. 314; Fig. 315—317 mit S. 263; Fig. 289—292 mit S. 255-257: 
Fig. 225 mit S. 231—232: wiederholt von Prat, Arlon, Atlas pl. 1. 15. 




Abb. S. Museum Metz, Sleinsaal Nr. 30— 34: Grabstt-ine aus Soulosse. 

erworben 1S3H. 



87—89. 6H 68. 47. — Eine Abbildung von Nr. 3 des Stehisaales s. 
beifolgend 7). Zwei Jahre später. 1839. folgte die Erwerbung einer 
Anzahl von gallo-römischen Grabsteinen aus Solimariaca, an der Strasse 
Toul-Langre.s. j. Soulosse (Vosge.^i: Nr. 30— 48 und 49 — 52 des Stein- 
saales (Beaulieu, Archeologie de la Lorraine L 1840 S. 1681!". mit pl. II 
und S. 21 2 ff. mit pl. III. V; Jollois, Antiquites remarquables du departe- 
iiient des Vosges, Paris 1843 pl. 18—20: vgl. S. 71 : Meni. Acad. Metz 



— 356 



183'9'40 S. 72; Austrasie V. 1839. S. 152. 410 f. und nuuvelle serie I. 



1840. S. 140. 



Nr. 30—37 des Steinsaales sind beifoloend 8 — 10 



abo-ebildel). Dasselbe Jahr 1839 brachte ausser Nr. 713. 523. 525>ueh 
das Bruchstück einer Meilensäule Nr. 86 des Steinsaales (.Ihb. X S. 8 
Anm. 1 — vgl. Mem. Acad. Metz 1839 40 S. 73—74). hn .lahr 1841 
kamen ausser dem Altarstück Nr. 440 und dem Brandgrab Nr. 149 in- 
folge von Neubauten am Jakobsplatz, der damaligen place d'Austerlitz, 




Abb. 9. Museum .Motz, Sloinsaal Nr. 88 — 86: Grab,steine aus Soulosse, 

erworben 1839. 



hinzu die römischen Architekturstücke Nr. 1. 25. 168 (Mem. Acad. Metz 
1841/42 S. 140 mit Abb.): weit wertvolleren Zuwachs aber bedeuteten 
das bisher in der Nrdie des Citadellenthores und Höllenlurmes einge- 
mauerte Bruchstück eines grossen Grabdenkmals Nr. 26 (a. a. Ü. 
S. 138 mit Fig. 2; s. Abbildung 11 12) und vor allem die Frauen- 
statue Nr. 170, welche bei Fuudierung eines Flügels der damaligen 
caserne du genie, der jetzigen Kaiser- Wilhelm -Kaserne^ aufgefunden 
wurde (a. a. 0. S. 139 mit Fig. ;>) und deren Abbildung eine besondere 
Behandlung des schönen Fundslückes begleiten soll. Dem folgenden 
Jahre 1842 verdankt das Museum insbesondere das Denkmal, durch 



— 35'? 



welches die Dorfbewohner von IMarsal den Kaiser Claudius geehrt 
haben, Nr. 108 des Steinsaales (Mem. Acad. Metz 1842/4;3 8.386(1'. 
mit Abbildung: Kobert pl. VI Fig. 2), ausserdem Nr. 72. 82. 106 und 
114 (Mem. Acad. Metz 1842,43 S. 339. 340. 344 mit zwei Abbildungen). 
Im nächsten .lahr 1843 bereicherte Herr l.aporte die Sammlung der 
Akademie um inschriflliche und andere Steindenkmäler der römischen 
Zeit wie der Renaissance, welche 
in dem einstmaligen Hause Aubry- 
Hoissard, später Peltre, in der 
Goldschmiedstrasse zu Met/ /u- 
saumiengebracht w^aren : Nr. 5. (>. 
94. 95. 248. 457. 551. 608 und 
639 — 645 des Steinsaales : s. Keune, 
.lahrb. VlU.i (über .]. .1. Boissardi 
S. 37—47 und die beifolgende Ab- 
bildung 4 (Nr. 6 des Steinsaales). 
Jn demselben .lahre 1S43 ging die 
Vereinssammlung in städtische Ver- 
waltung über, und die Aufsicht 
über die im (iarten hinter der 
Bibliothek sowie im Hausflur dieses 
(iebäudes aufgestellten Steindenk- 
mäler und sonstigen Altertums- 
l'unde wurde dem damaligen Biblio- 
thekar (llercx übertragen, der 
einen Teil derselben in den Wänden 
des Hausflurs einmauern liessM. 
Ueberhaupt galt seitdem die Alter- 
lum.ssammlung als ein Anhängsel 
derBibliothek, und wardcn Beamten 
der Bibliothek, wie Malherbe -j — 

Lorrain — Scliusler, die Verwallnug die.ser Samiuliing überliagen. 
Welch stattliche und wertvolle Sammlung im Jahre 1843 die Stadt 




AM). 10. Museum ÄFelz, SleinsaaLNr. 87 : 
(irabstein aus Soulosse, erworben 1839. 



>) Nacli Abel vur f.oirain S. 111 IV. 

^] Der nacli Altel a. a. 0. S. V von tleni rnlerbibliolhekar Maliierbe (um 
IHHO) verfasste und mit /(Molinunjren ausgestatteto liamlschriftliche Museums- 
katalog der Metzer t^tadllHliliullifk kann nur das Bruc li s l iif k eines solchen sein, 
welches hinter den aus Oliastillon ilH14) stanniiendeii Ansichlen aus Metz ein- 
gebunden ist und welches auch Kraus III S. ;53() meinl. Auf .Malberbc jii'hi mach 
Abel) die erste üczidcrunj: <ler Slrindcnkmüler zurück. Ueber l.orrain und 

Schuster vgl. nachher. 



— ' 358 — 

übernahm, lehrt schon die oben gegebene Uebersicht über die wichtigeren 
Eingänge, und doch kann diese Uebersicht keinen Ansprucli auf Voll- 
ständigkeit machen. Denn dass die Aufzählung lückenhaft ist. zeigt 
eine Yergleichung mit den Angaben der Abbildungen des i. J. 1843 f. er- 
schienenen Buches von Emile Begin, Metz depuis dix-huit si^cles <. welche 
bezeugen, dass auch andere Steindenkmäler damals bereits im Museum sich 




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Abb. 11 u. 12: Museum Metz, Sleinsaal Nr. 26: Von einem Gral)denkmal, 
gef. zu Metz, Citadelle (eing. 1841). 



befanden, über deren Erwerbu)jg frühere Angaben nicht vorzuliegen 
scheinen, wie Nr. 28. 69. 74. 81 (Jhb. XS. 28,2i,). 151 (s. AbbildunglS.) 157. 
159 rBenedictins, Hist. de Metz, I, 1769 pl.XX, 2; bereits 1838 in der 
Sammlung vorhanden nach Mem. Acad. 1838/39 S. 271). 144—147 
(.Thb. Vlll.i S. 39 11) bei Begin pl. 24. 35. :]f^. 39. 47. 48. Auch 



— 359 - 



soll nicht unerwähnt bleiben, dass damals ii. a. *) auch die herrliche 
EUenbeinschnitzerei aus dem 10. Jahrhundert mit dem Bildnis des 
Adalbero bereits im Besitz 
der Stadt sich befand (vgl. 
Begin a. a. 0. II S. 389: 
r.itteratur bei Kraus, die 
christl. Inschriften der Rhein- 
lande 11,1. 1892. Nr. 315. 
wo nachzutragen sind: Paul 
Weber, Geislliches Schau- 
spiel und kirchliche Kunst in 
ihrem Verhältnis erläutert an 
einer Ikonographie der Kirche 
und Synagoge. 1894. S. 21 f. 
und Lothring. Kunstdenk- 
miiler Nr. 54). in den nächst- 
folgenden Jahren war der 
Zuwachs gering, bis die An- 
lage der Eisenbahn und der 
Bau eines Bahnhofes zu Alter- 
tumsfunden führten, welche 
dem Museum zu gute kamen. 
Unter den Fuudstücken war 
von hervorragendem Weil 
die Bauinsclirift des Brunnen- 
hauses (Nymphaeum ) einer 
Wa.sserleitung Nr. 8U (iMern. 
Acad. Metz 1848/49 S. 55: 
liobert pl. \'l Fig. 4 : vgl. 
Jhb. IX S. 178 Anm. 1 1. Von 
sonstigen Erwerbungen seien 

noch erwähnt die Funde des Jahres 1851 von der lunette de Mon- 
tigny« oder vi. d'Argon« Nr. 8. 24. 64. 73. 83. 101. 104 und lfi9 




Abb. 1:5. Museum' Metz, 
Slcinsaal Nr. 1")1 : (Irabslein. 



^) Auch die (in Metz hergeslelllei brunzene Nachbildung eines eisernen 
'riiüikl(Jiifers aus einem Hause zu Troyes (Aube) wiid damals schon in der Samm- 
lung vorhanden gewesen sein, da die 5 bronzenen Nachbildungen dieses Stückes 
»vor 50 oder ÜO Jahren^ in Metz angefertigt sind. Das Original ist verschollen, 
und im Museum zu Troyes befinden sich nur zwei Abgüsse, einer in Bronze und einer 
in Gyps. Die Angabe von HoITmann, Kleinallerlümer S. 47 = .lahrbucb V,-.' S. 185, 
dass der Schildlialler das Wappenschild der Metzer l'amilie Louve trage, ist irrig; 
es ist das Wappen der Familie Hennetjuin zu Troyes, wie der Ki>nservator des 



860 



(Mom. Acad. Metz. 1851/02 S. 2l>1 22H mit eini<ion Abl)ildiincien ^ 
.sowie Ar. 402 aus der Kirche S. Martin. Das .lahr 1854 brachte 

den als Schlussstein eines 
Thorbügens gearbeiteten Ju))- 
piter-Kopf (s. Abbildung 4) 
und das Relief einer reiten- 
den Epona (Abb. Jhb. Villa, 
S. 58, vgl. Revue arch. 1898,2 
S. 101), die folgenden .lahre 
u. a. die Nr. 29. 110. 462 
(irrtümlich fiir karolingisch 
gehaltenes Relief). 479. 522. 
Dann förderten die durch An- 
lage der Wasserleitung Gorze- 
Met/ (1858—1860) nötig ge- 
wordeneu Arbeiten manches 
Fundstück zu Tage, insbeson- 
dere im Sonnner 1858 in der 
(loldschmiedstrasse: Nr. 53, 
61 (s. Abbildung 14). 67. 75. 
79. 118;vgl. RuU. Soc. Mos. 1. 
1858. S. 54—57; Mem. Acad. 
Metz 1858/59 S. 283—289 ; 
Robert pl. I, 9; IV, 4. 5; IX, 
5; X, 3. Dem .lahr 1859 
verdankt die Sammlung u. a. 
die beiden noch rätselhaften 
Inschriften Nr. 65 und 66 
( Jhb. X S. 57 Anm.) sowie 
Nr. 142 und das beim Rahnbau Diedenhofen — Luxemburg gefundene 
Racchus-Relief Nr. 22 (Rull. Soc. Mos. 1859 S. 4—5: 1860 S. 8; Mein. 
Acad. Metz 1859/60 S. 403 f. mit Abbildung), den folgenden Jahren 
— ausser Nr. 341 u. a. — Funde aus dem Kloster der Franziskaner- 




Al)b. 14. j\lus(;uüi .Metz, SLeinsaal Nr. 61: 
Grabstein, gef. zu Metz 1858. 



Museums zu Troyes, Iterr Le Giert, mir mitteilt, dessen Freundlichkeit ich über- 
haupt genauere Angaben über diesen Thürklopfer verdanke. Vgl. über das Stück 
Arnaud, Voyage arcbcologique dans le departement de l'Aube ; Fichot, Statistique 
monumentale du departement de TAube : Viollet-le-Diic, Diclionnaire raisonnö de 
rurchitecture francaise du Xl^ au XVI^ t^iecle. VI. 187") S. 8() (Abbildung) mit 
S. 8;},84:; Gatalogue de l'Archeologie monumentale du Musre de Troyes,^Nr. 7B8. 
*) Irrtümlich ist hier (S. 222,-') auch Nr. 69 des Steinsaales aufgeführl, ob- 
gleich dieser Stein sich schon früher im Museum befand (vgl. ol)eni. 



— 3()i — 

Recollekten M ; weitere Fundstiicke brachte der Abbruch der Kirche 
S. Marie auf der Cütadelle*) und der Kirclie der Cölestiner'M. Auch 
wurde dem Museiun im Jahre ISfri die i"Jireninschrift geschenkt, welche 
i. J. 20 n. Chr. dem Kaiser Tiberius vermutlich die Bewohner des Herapel 
gesetzt hallen und welche bisher im Besitz eines Privatsammlers, des 
Herrn Motte zu Saarlouis ^), gewesen war: Nr. 107 des Steinsaales 
(Bull. Soc. Mos.^^ 18G2 S. 44—45; Robert pl. VI, J ; vgl. Jhb. IX S, 155 
Anm. 2). Es folgte ein reiches Geschenk der franzr)si.schen Regierung, 
welche ausser einer Anzahl von riypsabgüssen antiker Meisterwerke"') 
eine Auswahl aus der von ihr im Jahre 1861 angekauften grossartigen 
Sammlung des Marchese Campana zu Rom. wie anderen Museen, so 
auch dem Museum der Stadt Metz überwies''). Ferneren wertvollen 
Zuwachs ergab dank den Bemühungen der Societe d'archeologie et 
d'histoire de la Moselle und des mit der Bauleitung betrauten Herrn 
Petsche der Bahnbau Diedenhofen — Niederbronn durch die Compagnio 
des chemins de fer de lEst in den Jahren 1864 — 1869 aus der Gegend 
von Bettingen. Merlenbach und Sainte-Fontaine '') : Nr. 49 und 115 — 125 
(J. 1864): Nr. 126—130 (J. 1864) und 131—136 (J. 1867): Nr. 137 
und 138 (J. 1869); vgl. Bull. Soc. Mos. VIl. 1864. S. 131 ff.; XI. 1868. 
S. 2-3; Xll. 1869. S. 125 f.; Mem. Acad. Metz 1864,65 S. 127-144 
(Nr. 138 ist abgebildet im Jhb. VIII, 2, S. 60). Aber auch von anderen 
Fundstellen gingen dem Museum in diesen Jahren Stücke zu, so eine 
Amphora und zwei Glasgefässe (HolVmann, Steinsaal, S. 8, A, und 
S. 12 Nr. 27 a. b) aus den Sandgruben der genannten Compagnie de 
l'Est zu Sablon'(1864), Nr. 7. 18 und 68 des Steinsaales (1864), weiter 
Nr. 20 und 56 (vgl. 109 und 112) von der porte d'Anglemur. das 
Relief der Epona Nr. 23 (Robert pl. 1,4; vgl. S. Reinach. Epona, Nr. 23), 
mittelalterliche Grabschriflen u. a. aus dem Nachlass Morlanne (Xr. 509. 



») Kraus III S. 684 ff. Vgl. Nr. 471. 481 ff. 488. 49(1. 505. bU des Steinsaales. 

^) Kraus III S. 705 ff. Vgl. Nr. 404 ff. 422 ff. 427 ff. des Steinsaales. 

»j Kraus III S. 074 ff. Vgl. Nr. 497. 499-502 des Steinsaales. 

*) V'gl. auch Lorrain, Catalogue Nr. 174. 

•') Lorrain, Catalogue Nr. LXXXV— XCVIl ; Migette, Catalogue des tableauK 
et des sculptures S. 120—128 Nr. 06—77. vgl. S. 144; Hoffmami, Steinsaal S. 21—2:5 
unter a. d. 0. f, li. k, (1). m. (n\. o. Diese Abgüsse sind wegen T^auimnangels seil 
1H90 im Lyceum untergebracht; mebrere liatten bis dahin, verstümmelt, in dem 
Kohlenraum des Museums gestanden. 

") Im .labre 180:i : Griechische und etruskische Gefässe, Skulpturen u.a.: 
s. Bull. Soc. Mos. VI. 186:-^ S. 92-90; Lorrain Nr. I— LXXXII. LXXXIV. 155 und 
1(57; Hoffmann, Steinsaal S. 5—8; S. 10—17 Nr. 50 f. .55. 50 a— d. 57. 58. 00; S. 20, 
sowie die Xr. 155. 107 a. b. ;540b. — Ausserdem i. .1. 18(;4 fünf Gemilldo (sj. u.i. 

') Eine Anzahl von Fundstücken sind in S. Fontaine zurückgeblieben, wo 
ich sie noch im J. 1899 gesehen (vgl. au-h i'iosl, .Mriii, \c:u\. Met'. 1804,05 S. 14:1). 



— H6^ — 

511. 512. 520. 576-578: vgl. Rull. Soc. Mos. IX. 1866 S. 24-30) 
u. s. w. Auch wurden im J. 1868 zwei Blöcke mit bildlichen Dar- 
stellungen gefunden, welche zum Bau der römischen Brücke unterhalb 
der Totenbrüeke verwendet gewesen waren : Nr. 77 und 88 (vgl. Bull. 
Soc. Mos. XI. 1868. S. 106; Mem. Acad. Metz 1868/69 S. 517--518; 
Abbildg. bei Ledain, Lettres et notices d'archeologie, Nouvelle edition, 
Metz 1869 [1867] pl IV, 1 und V, 2 mit S. 305 ff.): ausserdem liefen 
aber in diesem und dem folgenden Jahr eine Reihe von anderen Fund- 
stücken ein, wie Nr. 90 (Robert pl. 11, 4), Nr. 139 (vgl. 140) Brand- 
grab, Steinbehälter mit Glasgefäss aus Kreuzwald (32 g bei Hoffmann, 
Steinsais. 12/13; vgl. Bull. Soc. Mos. XII. 1869. S. 11— 13)u.a. Jeden- 
falls bew^eist schon diese Zusammenstellung zur Genüge, dass HauslUir 
und Garten einer solchen Fülle von kultur- und kunstgeschichtlicti 
wichtigen Altertümern weder hinreichende noch zweckmässige Unter- 
kunft bieten konnten. Wenn daher diejenigen wissenschaftlichen 
Vereine, welche sich die Erhaltung der geschichtlichen Denkmäler des 
Landes zur Aufgabe gestellt hatten, die Metzer Akademie und die 
archäologisch-historische Gesellschaft, eine bessere und würdigere Unter- 
bringung ihrer Pfleglinge verlangten, so ist dies gewiss verständlich. 
Dazu kam noch ihre Sorge um die Gemäldesammlung, welche, wenn 
auch besser, so doch gleichfalls in ungenügenden Räumen untergebracht 
Avar. Lange blieb freilich ihr Rufen unerhört M. Endlich aber drang 
ihre Forderuns durch : der im Einvernehmen mit der Metzer Akademie 
vom Stadtbaumeister Demoget entw'orfene Plan eines Museumsbaues 
wurde i. J. 1869 genehmigt und, wenn auch nur zum kleineren Teil, 
ausgeführt^). Nachdem der Bau im Laufe des .lahres 1870 fertig ge- 
worden, konnte die Einrichtung beginnen. Diese w^ar im Jahre 1872 
beendigt, und wurden die neuen Räume im Mai dieses Jahres dem 
Besuch geöfthel. Es umfasste aber der Neubau zwei Stockwerke, 
deren unteres vom »Steinsaal« (s. Tafel), das obere von drei mit 
Oberlicht ausgestatteten Bildersälen eingenommen war. Ausserdem 
standen für die Altertumssammlung noch zur Verfügung ein kleines 
Vorzimmer zum Steinsaal, welches bis zur Neuordnung des Museums 
Thon- und Glasgefässen wie auch anderen Kleinaltertümern ^) ein un- 

1) Vergl. Migette, Catalogue des tableaux, S. XXIV— XXVI. Ueber frühere 
Bauprojekte vgl. Migette S. XVIII ff. Bemerkenswert ist. dass bereits im J. 1835 
zur Errichtung eines Museums Bauten vorgeschlagen sind, welche neuerdings 
zum selben Zweck empfohlen wurden (a. a. 0. S. XIX). — Schon im April 1864 
hatte die Akademie einen Bauplan genehmigt, über den E. de Bouteiller Bericht 
erstattet : Rapport sur le projet de must^e pr(^sent(^ pour les collections de la 
ville de Metz. Metz 1864. 22 S. 8». 

«) Migette a. a. 0. S. XXVII f. 

^') Hoffmann, Steinsaal, S. .5—20, 



— h63 — 

geeignetes Unterkommen bot, sowie die bisher als Bildersäle verwendetert 
Räume ') mit Ausschluss des der Akademie eingeräumten vorderen 
(nach der Bibliothekstrasse zu gelegenen) Zimmers. Die Ueberführung 
und Aufstellung der Steindenkmäler und sonstigen Altertümer im Stein- 
saal hatte der Bibliothekar Lorrain geleitet ; er legte auch ein Ver- 
zeichnis dieser Gegenstände an, für die er eine neue, noch jetzt giltige 
Bezifferung") durchgeführt hat. Die letzte Hand an sein Verzeichni.'^ 
zu legen hinderte ihn sein Tod (f 4. März 1873 1. Daher nahm Charles 
Abel, der Vorsitzende der Societe d'archeologie 'et d'histoire de la 
Moselle, die Redaktion des Verzeichnisses in die Hand : er hat mehrere 
Angaben über Herkunft der Stücke zugefügt, im übrigen aber den 
Wirrwarr, welchen der Neubau in der Ordnung der im Garten unter- 
gebrachten mittelalterlichen Steindenkmäler verschuldet hatte, nicht 
beseitigen können "). Das von Abel redigierte Lorrain'sche Verzeichnis 
berücksichtigt alle im Steinsaal untergebrachten Altertümer "*), soweit 
sie bis zum Jahre 1873 eingegangen waren ^); vorausgeschickt ist auf 
Abels Veranla.ssung'') die Zusammenstellung der Gegenstände aus der 
Sammlung Campana') und der Gypsabgüsse von Antiken. Dagegen 
sind nicht berücksichtigt die heimischen Kleinaltertümer, wie Glas- und 
Thongefässe^), Thnnlampen^), Gewandnadeln "^i, Haarnadeln ^\), Schreib- 

') Vgl. unter C (Geinäldesammluag). 

-) Diese Bezifferung, welche zwar die römische Zeit von Mittelalter und 
Neuzeit scheidet, im übrigen aber keine planmässige ist, kann erst nach Ein- 
führung einer planrnässigen Aufstellung abgeändert werden. 

^) Abel vor I-orrain S. Vif, 

*) Auch die moderne Skulptur von Pioche Nr. 550; HofTmann bat diese 
(S. 22, i) ebenso wie eine andere Arbeit von Pioche (S. 23, p) und eine Gruppe 
von Fratin (S. 21, g) unter die Abgüsse von Antiken eingereiht. 

■^1 Die letzten in I.orrains Katalog verzeichneten Erwerbungen gehören mt* 
,lahr 1872, eine noch ins .Jahr 1873 (Nr. 649 = Bull. Mos. 1873 S. 2). 

*) Abel vor Lorrain ?. VI. 

*) Zwei Stücke sind an anderer Stelle als Nr. 155 und 1H7 eintiefügf ; s. o, 
— Nicht zugehörig: Lorrain Nr. LXXXIII .S. 20) — Hoffmann Nr. 363. 

^) So die bereits oben angeführten Gefässe aus Gräbern von Scarponna 
(.1.1831) und Grabfunde aus Sablon (J. 1864): ausserdem z. B. Hoffmann, Stein- 
saal, S. 14 unter Nr. 34 (,T. 1845. 1862. 1866. 1867) ; S. 15 unter Nr. 40 (1867) : 
dagegen Hoffmann S, 77 Nr. 341 = Lorrain Nr. 647 t.T. 1860). 

') Hoffmann, Steinsaal, S. 11, Nr. 24 und S. 16 unter Nr. 50 sowie Klein- 
altertümer S. 9 = .lahrb. IV, i, S. 194 (mehrere mit dem Stempel des Fabrikanten 
Fortis, vgl. M^'m. Soc Mos. 1865 S. 281 : Karlstrasse; Bull. Soc. Mos. 11. 1859, S. 39 
unter 2: Marchantstrasse). 

">) fibulae, wie z. B. Mc^ni. .\cad. 1850 1,«<51 S. 189 mit Abhildunir iHolTmann, 
Kleinaltertümer S. 11 = Jlib. IV,i, S. 196 . 

") Vgl. Hoffmann, Kleinalt. S. 15 f. =r Jbb. IV, i, S. 200 f. 



- 'MÜ - 



gritlel ^), SchliisseP), Kummetringe '^l, llufschuhe M, Webersteine 



Statuetten ans 15ronze") und 'l'hon^) und anderes**). Allerdings 

standen diese Kleinaltertümer an Zahl 
und Wert aus früher angedeuteten 
(Iründen erheblich hinter den Stein- 
denkmälern zurück, aber es fanden 
sich darunter doch auch wertvolle 
Stücke, z. B. das als Abb. 15 
wiedergegebene Schmuckkästchen aus 
Elfenbein'') und das Fkuchstück eines 
Bronzetäfelchens mit einer Weih- 
inschrift'"). Ausser dem Hinweis 
auf diese Kleinaltertümer seien zur 
Vervollständigung der oben gege- 
benen Uebersicht über das Wachs- 
tum der Altertumssammlung auf Grund 
Lorrain noch einige wichtigere Steindenk- 
e während des Baues und dei 




Abb. 15. INIuseum Metz : 

Scluniickkästcben aus Elfenl)cin 

^.Ihb. IV,., 201). 

des Verzeichnisses von 
mäler aufgeführt, welcl 



Einrichtung 



') still, vgl. Iloffmann, Kleinalt. S. 17 =^ Jhb. IV,i, S. 202. 

") Vgl. Hoffmann, Kleinalt. S. 25 f., 42 ff. = Jhb. IV.i, S. 210 f., V,>. S. 180 ff. 

3) Vgl. Hoffmann, Kleinalt. S. 26 -= Jhb. IV,i, S. 211. 

*) Vgl. Hoffmann, Kleinalt. S. 27 f. = Jhb. IV,i, S. 212 f. 

■^) Hoffmann, Steinsaal, S. 18 unter Nr. 2 und Kleinalt. S. 9 = Jhb. IV,i, S. 194. 

"} Vgl. Hoffmann, Kleinalt. S. 29 und S. 30—33 = Jhb. IV,i, S. 214. 215—218 
sowie die zu Abb. 21—24 gegebenen Nachweisungen. 

') Vgl. Hoffmann. Kleinalt. S. 8 = Jhb. TV,i, S. 193; Abbildungen Mem. Acad. 
Metz 1850/51, Tafel zu S. 182, Fig. 17. 18 und beifolgend Nr. 25-27. — Die 
a. a. 0. S. 8 = 193 (Ende) angeführte Inschrift . . . PISTI ... ist der Name des 
Fabrikanten Pistülus ; vgl. Tudot, Coli, de figurines en argile 1860 pl. 30, fig. A. 

^) So ein Bronze-Kelt ; das Elfenbeinrelief des Adalbero (s. o.) ; Bleikreuzc 
und Kelche aus mittelalterlichen Gräbern ; ein Bleinapf mit verschiedenen Gegen- 
ständen (Bull. Soc. Mos. VIII. 1865. S. 77—79); eine Zinnschüssel: Hoffmann, 
Kleinalt. S. 36. 44-45. 48 = Jhb. V,2, S. 174. 182-183. 186. Ebenso der Abdruck 
des Salbenstempels eines Augenarztes: a. a. 0. S. 29 = Jhb. IV, i, S. 214; das 
Original besitzt (nach freundlicher Mitteilung des. Herrn Seymour de Bicci zu 
Paris) das Museum von S. Germain als Nr. 9033 iLitteratur : Begin, Courrier de 
la Moselle, Sept. 1836, S. 112, Annuaire de la Moselle 1837 S. 130 und Mem. Acad. 
Metz 18.39 40 = histoire medicale S. Ulf. mit pl. VII,2; Ausland 1836 S. 1204 
Nr. 276; Giornale Arcadico LXXIV. 1838. S. 123, woher Henzen n. 7249; V. Simon 
Mem. Acad. Metz 1838/39 S. 288 mit pl. I, 10; Möm. Acad. Metz 1843 44 S. 268; 
Overbeck, Katalog des rhein. Mus. vaterl. Altert. 1851. S. 150 n. 10; Verronnais, 
Supplement ä la statistique ... du departcinent de la Moselle 1852 S. .369; 
Grotefend, Philologus XIII S. 161 n. 64 und Stempel der rihn. Augenärzte n. 91 ; 
Osann, Philologus XIV S. 632; Brambach n. 1875; Kraus III, S. 86; Esperandieu, 
Becueü des cachels d'oculistes Bomains 1894 Nr. 57 = Bev. archeol. 1893; auch im 
Bericht unter den Akten der franz. Begierung im Bezirksarchiv zu Metz T. VI 
unter Daspichi. 

») Hoffmann, Kleinalt. S. 16 = Jhb. IV,i, S. 201. 

'«) Mem. Soc. Mos. 1865 S. 273 und Iloffmann, Kleinalt. S. 29 = Jiil). IV.i, 
S. 214. — Seymour de Biccy ergänzt Z. 3 ti'effend : mccrdnx Hoitinc] et An<j[iisti 
(brieflich), und somit wäre diese Inschrift das zweite Zeugnis für diesen Gemeinde- 
priester (vgl. Jhb. X S. 27/28 Nr. 20). 




Museum der Stadt Metz 




:einsaal, rück\värti»^cr Teil. 



— mb — 

des Steinsaales eingelaufen waren ^ i oder welche bereits früher 
zur Sammlung gehcirt hatten, ohne dass jedoch über die Zeit ihrer 
Erwerbung sich bisher Bestimmtes feststellen liess. Ich meine 
von den Steindenkmälern r(")mischer Zeit: Nr. 158, den Allar 
der Epona und des Genius Leucorum von Nnsium-Naix (Bull. Mos. 
1871/72 S. 13: Kobert pl. 1, 5—7); Nr. 105, die Widmung un die 
deae Maiiae (= Malres ?) seitens der vicani vici Pacis (Bull. Mos. 1871/72 
S. 4ff.; Robert pl. V, 1); den (irabstein Nr. 154 (Bull. Mos. 1871/72 
S. 14; Robert pl. Vif, 7): von Architekturslüoken den Fries Nr. 161 
(Mem. Acad. Metz 1858/59 S. 291 ff.) ; dann auch ausser den Bestand- 
teilen von Mühlen (Nr. 249(1".) die Amphoren Nr. 152 und 284 (vgl. 
Westd. Korrbl. XV, 189r), 1) sowie Nr. 160 (Benedict., llist.de Metz 1 
pl. I, 5); schliesslich die (lypsabgüsse Nr. 199. 71 und 166 (Robert I 
S. 98; II S. 22 und pl. VII, 4-6^ vgl. Bull. Mos. 1871/72 S. 14— 15). 
Von mittelalterlichen und neueren Denkmälern nenne ich die Altarauf- 
sätze Nr. 400 f. (Bull. Mos. 1871/72 S. 16, 6—7); den monumentalen 
Kaminmantel Nr. 415; das Rehef des Ritter und Knappen Nr. 441 
(Austrasie V. 1889. S. 104fr. mit Abbildung auf Tafel); Nr. 463—466 
(Lothr. Kunstdenkmäler Nr. 41), die Bruchstücke des altchristlichen 
Marmor.sarges Ludwigs des Frommen, soweit sie damals schon im Museum 
vorhanden waren; den Wappenstein Nr. 570 (Bull. Mos. 1870 S. 41): 
die Reste aus der Kirche Saint-Etienne-le-Depanne Nr. 601 - 607 (Bull. 
Mos. 1871/72 S. 41fr.), sowie die Gypsabgüsse Nr. 467 und 418 (Bull. 
Mos. 1871/72 S. 16, 8; Lothr. Kunstdenkmäler Nr. 20, ol)en, und Nr. 6). 
So konnte denn Professor llübncr. der im Herbst 1872 das Metzer 
Altertumsmuseum, freilich nur ilüchtig-). besichtigte, die P»eichhaltigkeit 
unserer Sammlung römischer Skulpturen und Inschriftsteine hervor- 
heben (Bonner Jahrbücher LIII— LIV. 1873. S. 159—171). Damals 
übertraf diese Sammlung an Umfang die Trierische, welche teilweise 
in der Porta Nigra (Sammlimg der Regierung), teilweise in dem (io- 
bäude der Bibliothek bezw. des Gymnasiums (^Sammlung der Gesellschaft 
für nützliche Forschungen) untergebracht war^). Freilich ist inzwischen 

') Vgf. Lorrain im l'.ull. Soc. .Mds. 1,S71 72 S. 4^1(;. 

') Hühner a. a. 0. S. löi). 170. Infolge dessen liat der hocliverdiente Gelehrlo 
verschiedene Denkmäler nicht gesehen iS. 16"), < üher Xr. Hl) oder iiherhaupt nicht 
berücksichtigen können (z. B. Nr. 170) und hat für einige irrige Krkliirungen ge- 
geben, wie S. 16:V'ir)4 üher das fhahdenkinal Nr. l?i i früher Nr. (i4), s. Abb. 5: 
desgl. S. 16Ö über die Grabschrifl Nr. S2 (Kobert III S. 73). Zu Nr. (iö und lifi 
(Hübner S. 161— lfi8i vgl. Jhb. X S. 57 Aniii. 1 : zu Hühner S. 162,7 i nicht erhallcnc 
Inschrift) vgl. Ilii. IX S. 188.4 und X S. .-)!». 

») Hülmer a. a. O. S. 161. 



Kulturgeschichte 
heutigen Lothringen 



— 360) — 

die Metzer Sanunkmg von den vereinigten Trierer Sammlungen dank 
der Schall'ung eines Provinzialmuseums zu Trier (1877) insbesondere 
durch die von Professor Hettner ausgegrabenen, an Reichhaltigkeit 
einzig dastehenden Neumagener Fundstücke weit überholt. Aber auch 

der Zuwachs der Metzer Altertums- 
sammlung, welche im wesentlichen 
auf Geschenke von Regierung, 
Vereinen und Privaten angewiesen 
war, ist seither eine sehr beach- 
tenswerte gewesen, da zahlreiche 
Fundstücke demselben zuflössen, 
von denen nicht wenige von her- 
vorragender Wichtigkeit für die 
nicht bloss des 
sondern des 
gesamten GaUien und des rö- 
mischen Reiches überhaupt sind. 
Und dabei sind nachrömische Fund- 
stücke nicht einmal berücksichtigt! 
Die nächsten Jahre nach Lorrains 
Tode waren allerdings arm an 
Eingängen, was in den politischen 
Wandlungen seine Erklärung finden 
mag : erheblich reicher werden sie 
jedoch mit dem Jahr 1878. Dass 
aber diese Bereicherung eine stetige 
sein wird, dafür bürgt die Organi- 
sation der Gesellschaft für loth- 
ringische Geschichte wie auch des 
Museums. 
Nach Lorrains Tode hat der Bibliothekar Herr Schuster die Ein- 
gänge (auch Kleinaltertümer) handschriftlich auf Blättern eingetragen, 
welche einem Exemplar des Lorrainschen Kataloges ^) angebunden sind. 
Auf Grund dieser bis zum 11. Juni 1887 reichenden Aufzeichnungen 
von Schuster hat 0. A. HofTmann gelegentlich der Generalversammlung 
der deutschen Geschichtsvereine zu Metz im Jahr 1889 einen deutschen 
Katalog veröffentlicht, welcher das Verzeichnis von Lorrain bis zum 
genannten Jahre ergänzt und auch einige nach Schusters Aufzeichnungen 




Abb. 16. 

Museum Metz, Steinsaal Nr. 297 : 

gef. zu Sablon, Kiesgruben Mey. 



^) Dieses Exemplar isl jcLzl von der Stadlbibliutlick dem Museum überwiesen. 



— ^Cü — 

eingelaufene Stücke *) nachträgt. Dieses neue Verzeichnis berücksichtigt 
auch die damals in den Schränken des Vorzimmers zum Steinsaal 
untergebrachten Kleinfunde und weist unter den im Steinsaal auf- 
oestellten gallo-niinischen Altertümern-) ■ — abzüglich des Nachtrags 




Al)b. 17. Musoum Metz, Steinsaal Nr. 805 : Mcrcurius und Rosiii(>rta, 
gcf. zu Sablon, Kiesgruben Mey. 



(S. llß) — 77 Nummern (Nr. 28ß— o62j und unter den mittelalter- 
lichen und neuzeitlichen Gegenständen 47 Nummern \iU9 ()9ö) 
mehr auf als der Lorrainsche Katalog'^). Später hat IloIVmann auch 



1) Nr. 6itl-(;95 und S. 116, Nr. SfU-HGO. 

*) Darunter aucb fränkiscbe Steinsärge Nr. 852— 35.'). 

^) Lorrain Nr. (U7-()5() = liodiiuinn, Steinsaal, Nr. :U1. (W7. (US. 2S5 : 
einige andere Abvveicliungen sind sclion vermerkt. Im iiljrigen lial llon'mann die 
Zilhlunji vnii Lorrain hi-ibfliallni 



•U)8 



ein Verzeichnis der in den oberen Räumen aufgestellten Kleinaltertümer ^) 
zusammengestellt, welches die Erwerbungen bis zum Jahre 1892 um- 
fasst (Jahrbuch lV,i und V,2). Diese Verzeiclinisse von Hoffmann er- 
möglichen eine — allerdings nicht durchaus vollständige-) — Vor- 
stellung von den Beständen des Altertumsmuseums vor 10 Jahren. 




Abb. 18. 
Museum Metz, Steinsaal Nr. 805: Apollo (lUickseile von Abb. 17, verkleinert) 



Aus dem Zuwachs, dessen sich die Sammlungen seit dem Abschluss 
des Verzeichnisses von Lorrain zu erfreuen gehabt, seien von den 

^) Versctiiedene gleichartige und daher zusammengehörige Fundstücke sind, 
weil in verschiedenen Räumen untergebracht, auseinander geraten, so ausser den 
bereits erwähnten Webersteinen und Thonlampen u. a. auch die Stücke des Brique- 
tage (Steinsaal, S. 18, Schrank IV unter Nr. 3 und Oberstock Pult III R, .Ihb. V,2, 
S. 174). 

^) Ausser den gelegentUch erwähnten Gegenständen, welche in die Ver- 
zeichnisse von HolTmann nicht aufgenommen sind, obschon sie vor 1892 im Mu- 
seum vorhanden waren, seien beispielsweise genannt : die Holzschnitzereien (zwei 
sind abgebildet Lotlir. Kunstdenkmäler Nr. 40) ; einige Gegenstände der Sammlung 
Migette ; der Gypsabguss der Reiterstatuette Karls d. Gr. (Original aus dem Melzer 
Domschatz, jetzt im Musee Carnavalet zu Paris). Vgl. später. Leider sind aber 
auch Stücke abhanden gekommen, wie das Bleirelief bei Hoffmann, Kleinaltert. 
S. 38 = Jhb. IV,i, S. 218; der Votivring bei Robert pl. II, 8 (vgl. I S. 40) und, falls 
nicht ein Irrtum vorliegt, die bronzene Holminaske bei lliibner, Bonn. Jhb. 58 ö 4 
S. 170 f. 



369 



älteren Fundgegensländen nur aufgerührt die Ziegelstenipel, welche zu 
riral)funden in Sabion Nov. J877 gehören (Dupriez, Meni. Acad. Metz 
]877;78 S. 256): Nr. 291, -svo aber der dritte, ebenfalls vorhandene 




A)jb. rj. Museum Melz, ^teinsaal Nr. 31;}: 
Mercurius im gallisclicn Rock, darüber Weihinschrift; gef. zu Sabion, 

Kiesgruben Mey. 



Stempel fehll '). \\ Cit wichtiger sind die Erwerbungen der nächsten 
.lahre. Denn iui Jahre 187S kamen die Bruchstücke der Mertencr 

') Dieser Stciniicl, v<»n l>ii|iriez (S. 256) uiuu-litig gelesen, ist r ü c t; 1 iiu f i g 
geschrieben und hiulit : i VINC I NTIVS d. i. VinciiitiKs = Vincentiuj^. Ausser 
diesem gestempelten Ziegel habe icli nocti vier vorgefundon, die IIo(Tiiiann, Slein- 

saMl. ül.c.sclH'n hat: !■ W I>F,n A \T I V S i r ii r 1< 1 ii u f i a - ; 



— 370 — 

Säule ins Museum, welche Herr Bildhauer Dujardin im Jahre 1880 zu- 
sammengesetzt hat (Nr. 294: F. X. Kraus, Bonner Jahrb. 64. 1878. 
S. 94—99. mit Tafel VII, und Kunst und Altert, üi Elsass-Lothr. III 
S. 816—325 mit Abbildungen: Aug. Prost, Le monument de Merten, 
39 S. 8*^, mit Abbildimgen, S. A. aus Revue archeologique, Janvier 
et Fevrier 1879: Ch. Abel, Mem. Soc. Mos. XVI, 1, 1885, S. 1—39 
mit 9 Tafeln ; 0. A. Hoffmann Jahrbuch I S. 14—39 mit Tafel). Dazu 
gesellten sich in den folgenden .lahren der Tragaltar des Cissonius 
(Nr. 296, vgl. die Abbildung des Steinsaales), welcher bei Anlage der 
Eisenbahn Hargarten — Beningen bei Karhngen gefunden wurde ^); weiter 
die Fundstücke aus den Kiesgruben des Herrn Mey zu Sablon (Nr. 297. 
304—328: F. Möller, Westd. Zeitschr. II S. 249 IT.), darunter Weih- 
inschriften an die einheimische Göttin Icovellauna^), eine Statue der 
Victoria (R. Kekule, Westd. Zeitschr. I S. 291—293 mit Tafel VI: Ab- 
bildung auch auf dem beifolgenden Bild des Steinsaales) sowie die beifol- 
gend Nr. 16 — 20 abgebildeten Fundstücke, drei Steindenkmäler ^) und ein 



ADIVTEX mit einem als Revisiunsstempel (?) zwischen I und V ein- 
gesciiübenen, etwas schräg gestellten d; Fundort; Citadelle zu Metz (Ledain, 
Plusieurs notices d'archeologie 1880 = Mem. Soc. Mos. XV, 1879, S. 173, unten, 

und S. 196 mit Tafel, Nr. 11) ; 

ADIVTEC; Fundort: Citadelle V (das im Museum befindliche Ziegelstück 
ist m. E. nicht das von Ledain a. a. 0. S. 174 und S. 195 mit Tafel, Nr. 3, auf- 
geführte Bruchstück) ; 

VTECEBEiV^d. i. [Adi\iitece Ben.; Fundort: Citadelle zu Metz (Ledain 
a. a. 0. S. 174 und S. 196 mit Tafel, Nr. 10. — Irrtümlich giebt Hoffmann, 
Westd. Zeitschr. IX S. 282, Nr. 369, als Fundort Bettingen wie Steinsaal Nr. 299 
an). — Den bereits Steinsaal Nr. 335 verzeichneten Stempel hat Hoffmann, Westd. 
Zeitschr. IX S. 283 irrtümlich als neue Erwerbung Nr. 370 aufgeführt. Der Stempel 
des vollständig erhaltenen Ziegels lautet: VINCENTI (mit dem Spiegelbild 
von N), ausserdem ist ein Bruchstück vorhanden mit den Endbuchstaben dieses 
Namens. Beide Ziegel stammen aus Oberkonz (Möller, Westd. Korrbl. II, 139,i). 
Die 6 Zahlenstempel sind von Hoffmann, Steinsaal Nr. 3J9, ungenau wiedergegeben. 

^) Nach der freundlichen Mitteilung des Herrn Baurats Dr. Laubenheimer 
zu Sablon gef. im Staatswald »Rondheitgen« zwischen Karlingen vmd der ersten 
Wegeüberführung nach dem Staatswald zu. Ebenda wurden auch Skulpturstücke 
(Reiteriigur) gefunden; ein Pferdekopf im Besitz des Herrn Laubenheimer, der 
Verbleib der anderen Stücke unbekannt. Bei Anlage des zweiten Geleises (1896) 
wurde an der Fundstelle nichts gefunden. 

*) Auch die beiden Bronzetäfelchen habe ich vorgefunden; vgl. Westd. 
Zeitschr. XVIII S. 374 Anm. 7 = .Tahrh. XI S. 378 Anm. 1. 



3 



) Vgl. die Nachweise zu den Abbildungen. 



371 



Weinseilier ^j ; desgleichen die llrabl'unde von der l.uiieüc dArroii am 
liauptbahnhof (Hollniann, Steinsaal Nr. 3(J0— 303 und S. 9 IT.; F. Möller, 
.laliresber. d. Ver. f. Erdkunde 111 S. 11411'. mit Abbildungen) und die 
für die Bedeutung des Dorfes Decemi)agi wichtigen Funde aus Tarquin- 
pol Nr. 352-362, worunter besonders beachtenswert die mit Reliefs 
oder mit Resten der Bauinschriften ausgestatteten Blöcke von grossen 
Bauten Nr. 356 (Abb. : Jhb. VII,2, S. 185 = Westd. Zeitschr. XV S. 342) 
und Nr. 357. 359, ferner die Grabdenkmäler Nr. 358 und 361 sowie 
die Reste einer weiblichen Marmorstatue Nr. 362. Ausserdem seien 
noch erwähnt Fundstücke aus Ausgrabungen von Villen römischer Zeit 




A))b. 20. Museum Metz: Weinseiher mit /.ugehörigei' Kasserolle 
aus vergoldeter Bronze : gef. zu Sablon, Kiesgruben Mey i.Ihb. IV,i, 211j. 



ZU Bettingen im Kieis iMjrbach (.lahresber. des Ver. f. Erdkunde lll 
S. 7811.) und zu 'l'etingen im Kreis Bolchen (Nr. 336, Mo.'^aik in vier 
Teilen, die noch zusanimenzuselzen sind; vgl. Kraus IH S. 986 ff. mit 
Abbildungen), sowie die Ziegel Nr. 351a— c aus einer Villa zu Ruhhngen 
(Kreis Saargomünd). Alsdann verdienen ausser den 1885 geschenkten 
drei letzten Bruchstücken des altchristlichen Sarkophags Ludwigs des 
Frommen (zu Nr. 46:5—466) hervorgehoben zu werden die fri'ihmittel- 
allerlichen Bcliefs aus Moulins und Scy Nr. 685. ()86. Endhcli mögen 
noch genaimt sein die Statuen des h. Eivarius und des h. Sebaslianun 
Nr. 683. 689, ein Gypsabguss von der In.schrift des Barbara -Thorcs 
(Porte S. Barbe) Nr. 687 und die von Boissard gefälschte Steininschrift 



') l'.in kleineres ebenila gefundenes Paar liat IIimt Fabrikant lluber zu 
Saargcmünd fiir soinr Saminlung cruurlx'ii. 



— 372 - 

Nr. H61) I Horiiiuuiu, Sleinsaal S. HO iiiid Wosld. Zeilsclir, Vlll S. 240; 
.s. .lahrbuch VlII,!, S. 38). Zu dieser bis zum Erscheinen des Holf- 
nuinnsclien Kataloges über den Steinsaal (1889) reichenden Zusaninien- 




Abb. 21. Museum Metz: 
1—4) Bronzestatuetten und 5) Bronzebüste des Mercurius (Jhb. IV,t, 216). 



Stellung kommen aber für die nächste, von Hoflniann im Verzeichnis 
der Kleinaltertümer noch berücksichtigte Zeit hinzu insbesondere die 
Gegenstände der Sammlung Migette^) und der von der Gesellschaft 

^) Die von Aug. Migelte der Stadt Metz geschenkte Sammlung, welche 
vorher im Stadthaus untergebracht war, wurde 1889 ins Museum überführt. Ueber 
den Haupt])estandtcil des hochherzigen Geschenkes, Zeichnungen und Gemälde, 
vgl. unter ('. (Gemaldesammlungj. Das von Migette selbst zusammengestellte, auf 
der Stadtbibliothek aufbewahrte Verzeichnis seiner kleinen archäologischen Samm- 
lung hat Rellevoye herausgegeben; Mem. Soc, Mos. XVII (1887) S. 2(55— 295 (auch 



— 373 — 



iur lothrin<iische Geschichte angekaufte Teil der Sauimhing des 1889 
verstorbenen Pfarrers MercioPj zu Morville bei Vic. Der letzterwähnten 




Abb. 22. Museum Metz : Ikonzestatuetten 1) des Mercurius, 2) des Hercules, 
8) der Venus, 4—5) der Minerva (Jhb. IV,i, 217, a—b). 



Schenkung verdankt die Sanimhing der Kleinaltertümer einen guten 
Teil ihrer Bestände. So entstammen nicht nur die in Hoffmanns Ver- 



besonders erschienen); ausscliliesslich der Münzen enthält dasselbe 107 Nummern. 
Vgl. Ilolfmann, Wcstd. Zeitschr. IX S. 2H2-- 28;-5 und Kicinaltertümer an den betr. 
Stellen (auch die hier S. 37 = .Ihb. V,2, S. 175 aufjreführlen zwei Sichelmesser 
aus Mrunze geluHlen zur Sammlung Migellc Nr. 72 und i)2 ; eines derselben ent- 
stammt ebenso wie ein S. ;56 = .liib. S. 174 verzeichneter Kelt dem Depotfund im 
Wald von Pouilly i Herbst 1867 1; s. Bull. Mos. XI. 18(58. S. 70, vgl. ebenda S. 10. 
Von den bei lIolTmann niclit verzciihnclen Stücken dei' Sammlung Migetle seien 
genannt: Nr. If) Maria mit .lesuskind und Mutter Anna, Gruppe in Holz. Nr. I(l4 
»boite d"autel portatif , spätmittelalterlich; bemalt: auf dem inneren Koden 
Christus: auf der Innenseile des Heckels umlaufend: -j-^'"""' sum(inia »ura 
servenlur | hntra numda Corporis hie XI'I i= Christii cpiod munila t cri- 
iiiina I -|- mundi -j- i ^^^ '-^^^ Slandilächc des Kastens zwischen den vier t'üssen : 
dat munus vilfa)e i crede nti mobs (so statt: morsi lua | bis p -^f id. ii. per crucemi. 
M Vgl. iVlem, Acad. Metz l.XXI, IHSi» itO S. XllI f. = S. 18 imd S. IIJ» - 121 ; 
•lahiliucli II S. 878 ixl'I. imter I'.. IMimzen). Hei' llauptteil der Sammlung' gelangle 
als Cesclienk ins Musi'e lustori(|ui' Inirain zu Nancy. 



— 374 — 

zeichnis S. 04/35 := .Ilib. V,2, S. 172/173 verzeichneten Werkzeuge 
und Waden der älteren Steinzeit, die freilicli teilweise zweifelhaft er- 
scheinen, mit Ausnahme von zwei auslän(hsch(!n Stücken, allesamt der 
Sammlung Merciol, sondern auch z. H. die S. 20—22 = Jahrb. lV,i, 
S. 205—206 aufgezählten geschnittenen Steine gehörten zu dieser 
Sammlung (vgl. Jahrb. II, S. 370 — 371). Ueberhaupt lehrt eine auch 
nur llüchtige Durchsicht des genannten Verzeichnisses augenfällig, wie- 
viel gerade die Sammlung der Kleinall ertümer schon damals der erst 
1888 gegründeten (TescUschaft für lothringische Gescliichte verdankte *). 




Abb. 2H. Museum Metz: Bronzestatuetten: 1) Genius (Jhb. IV,i, 218); 

2) Vulcanus (.Thb. lV,i, 217); 8-4) Hahn und vVdler (.Ihb. IV,,, 214); 

5) Bock (aus Lörchingen, eing. 1899). 



Die Aufzeichnung der Steindenkmäler und Kleinfunde durch HoO- 
mann giebt aber nicht allein eine Vorstellung von den damaligen Be- 
ständen der Altertumssammlung, sondern gestattet auch ein Urteil über 
das Wachstum derselben in dem letzten Jahrzehnt. Dass die Samm- 
lung in dieser Zeit ganz erheblich gewachsen ist, wird die folgende 
Ueber.sicht zeigen. Freilich sind die Vermehrungen nicht nach allen 
Richtungen gleichmässig gewesen, wie ja eine solche Gleichmässigkeit 

') Erwähnt sei wenigstens das Rehquiarium von Warsberg (.Ihb. I S. 257 — 2fifi 
mit farbiger Ab])ildung; .Ihb. V,2, S. 182 ^ S. A. 44). 



— 375 - 



durch Glück und Zufall bei Ausgrabungen und Funden ausgeschlossen 
ist. So stehen beisjüelsweise von den Abb. 21 — 2-4 dargestellten 
21 Bronzen nur vier noch nicht in JlolTmanns Verzeichnis^), während 
von den Abb. 25 — 30 abgebildeten 11 Terrakotten sieben daselbst 
fehlen^). 




AIjI). 24. .Museuiii Metz: IJronzedarstellungen : 1—2) Hunde und 8 — 4) Schweine 
..Ihb. IV,i, 214); ö— ß) Amulele zum Anhängen (.Ihb. IV.i, 214, 215). 

Wenn ich aber jetzt diese Darstellung der Entwicklung des Alter- 
tunismuseuins abschliesse mit einem reberblick über den Zuwachs 
während der letzten Jahre und insbesondere während des (leschäfts- 



M Abb. 22, 1 — 2: Meicurius und Hercules (»neu er\voi))en, ^ef. in Sablon«); 
3: Venus, Herkunft unlickannt ; Abb 2;-}, 5: Bock aus einem rinn. Gehöft l)ei 
Löichingen, eing. ISiJH (Westd. Zeitschr. XVIII, S. :}73,3 = Jhb. XI, S. 376,.s). Ausser- 
dem eine hier nicht abgebildete Merkurstatuettc aus den Resten eines Gebäudes 
bei Büdingen (Kr. Forbach), eing. 1898: Westd. Ztschr. XVIII, S. :573,.s = Jhb. XI, 
377,«. Aber auch rncluere Hronzestatuetten des früheren Bestandes sind hier niclit 
abgebildet, wie HofTin., Kleinalt. S. 32 (.Ihb. 217): Herakles, Juppiter a (b gehört 
nicht hierherj, Minerva '•. 

') Abb. 27..'/3; Abb. 28— 2i» ; Abb. 30,-.'-.i. Sie gehören alle zu dem Fund 
vom Marxberg zu Saarburg i. L. ebenso wie das von Hofl'mann. KbMnalterl. S. K 
(oben) = .lld». IV, r, S, 1!)4 ])('reils verzeiduielc Bruchstück Abi». 3o,i, 



376 




Jahres 1900, so trenne ich dabei die Vermehrungen der einzelnen, den 
geschichtlichen Zeitabschnitten entsprechenden Abteilungen, wie sie zu 
yondersaninilungen der vorgeschichtlichen, der römischen, der mero- 

vingischen Zeit sowie des Mittelalters und 
der Neuzeit herangewachsen waren. Alle 
diese besonderen Sammlungen umfassen 
hauptsächhch Fundstiicke, welche dem 
einstmaUgen Gebiet der Mediomatriker und 
der römischen 'eivitas Mediomatricorum 
oder dem früheren Moseldepartement bezw. 
dem jetzigen Lothringen entstammen. An- 
gegliedert haben sich einige Altertümer 
römischer Zeit, welche den benachbarten 
Gegenden angehören, mit den Funden des 
Metzer Landes jedoch verwandt sind, wie 
die Steindenkmäler ,. 

aus Arlon und 
Soulosse. Dagegen 

sind nur wenige 
Stücke aus entlege- 
nen Teilen des römischen Reiches in die Metzer 
Sammlung durch Geschenk gekommen ^), und 
ebenso sind auch den anderen genannten Ab- 
teilungen ausländische Gegenstände mehr oder 
weniger fremd"). Nur sind zwei kleine Samm- 
lungen von den genannten Sonderabteilungen zu 
scheiden und dürfen als bescheidene selbständige Abb. 26. Museum Metz: 
Abteilungen betrachtet werden, nämlich die Bruchstück einer Thon- 
ägyptische Sammlung, Mumien, Bronze- und 
Holzstatuetten, welche früher der capitaine du 
genie Le Genissel u. a. und neuerdings (1896) 
der preussische Oberleutnant Schwabe geschenkt haben ^), sowie die 



Abb. 25. Museum Metz. 

Bruchstück der Thonfigur 

eines Pferdes, gef. Metz 

(Jhb. IV,>, 193). 




iigur, gef. Metz, 
Mabillenstrasse 
(Jhb. IV,i, 193). 



^) Ich meine aus Italien stammende Stücke römischer Zeit der Sammlung 
r.ampana, wie eine Thonlampe (Lorrain LXXIII = Hoffmann, Steinsaal S. 16 Nr. 501) 
und die Frauonstatue aus ^Marmor (Nr. 155); ferner Fundstücke aus Cartliago, 
eing. 1899 (Westd. Zeitschr. XIX, S. 359) ; eine Thonlampe mit Gladiatoren- 
darstellung, aus Algier ; u. a. 

^) Es fanden sich z. B. Gegenstände vor, die in den Rahmen einer ethno- 
graphischen Sammlung passen. 

3) Vgl. Hoffmann, Kleinalt. S. 30— 31 = .lhl>. lV,i, S. 215— 216 (dabei eine 
Fayence-Statuette der Sammlung Migette ; Anlinoos ist wohl modern; die moderne 
Sphinx gehört nicht hierher); Westd. Zeitschr. XVI, S. 315. — Thon-Stempel, der 
Gesellsch. f. lothr. Gesch. geschenkt von Herrn Pfarrer Golbus aus Altrip (1901). 



— 377 — 

griechisch-etruskischeii Altertümer, welche fast ausschliesslicli aus der 
Sammlung Campana herrühren ^). 




Abb. 27. Museum Metz. Thonfiguren einer GiUtin : 1) gef. Metz ; 
2 — 8) (zusammengehörig), gef. Saarburg i. L., Marxberg. 



I. Vorgeschichtliche Zeit. 

In den 80er Jahren war die vorgeschichtliche Sammlung noch 
sehr arm, obschon vorgeschichtliche Funde in Lothringen gewiss nicht 
selten sind. Private Sammelfreude hatte eben die Fundstücke andere 
Wege geführt. Erheblichen Zuwachs brachte insbesondere der Zugang 
der Sammlung Migette ^ ) und des von der Gesellscliaft für lothringische 
Geschichte erworbenen Restes der Sammlung Merciol'^j, so dass das 
Verzeichnis der Kleinaltertümer von HofTmann (S M — 39 = Jhb. V,2, 
S. 172-177) schon einen stattlichen Bestand aufweist. Weit wichtigere 
f^ereichenin;4 aber verdankt die Sammlung den uIUmIoIzIoii .lahron. 



1) Vgl. üben s. at51. 

^) Docli gehören die bei Hoffmann a. a. 0. S. 37 = 17ö aufgefülu'te »Lanzen- 
spitze« (moderne Gitterspitze), sowie die Schöpf l<ellc und der (römische) Schöpf- 
löffel, S. M. 38. 86. 87, nicht hierher. Anderseits entstammen aber aucli die 
beiden Rrzsicheln (S. 37 = lln) und ein Armring (S. 38 ^ 17(0 ""s dem Wald 
von Touilly der Samndung Migette. 

»j Vgl, lIoHmann, Kleinall. S. 1 = .Ihl. IV,i, S. 18(5. 



— n78 — 

welche als Geschenk der Gesellschaft für lothringische Geschichte und 
als Ergebnis der von ihr veranlassten Ausgrabungen eine grosse Zahl 
von Fundstücken gebracht haben, wie sie im Metzer Museum noch 
nicht vertreten w^aren und die teilweise überhaupt zu den Seltenheiten 
gehören. Man darf sagen, dass die vorgeschichtliche Sammlung des 
Metzer Museums sich seit 1897 an Zahl, noch mehr aber an Wert 
der Fundstücke verdoppelt hat. Besonders reich ist der Zugang an 
Erzeugnissen der Bronze- und Hallstatt-Kultur, weniger an solchen der 
Steinzeit. Doch liefen in diesen Tagen fünf schöne Stücke der jüngeren 
Steinzeit ein, vier Aexte aus Feuerstein und vor allem ein langer 
Hammer aus Serpentin mit einem spitzen und einem stumpfen Ende 
sowie einem Bohrloch, Stücke, w^elche in den Kiesgruben des Herrn 
Unternehmers Weis bei Longeville neben dem Eisenbahndamm ^) ge- 
funden sind und mit anderen daher stammenden Fundstücken von 
Herrn Weis durch Vermittlung des Herrn Dr. Ernst der Gesellschaft 
für lothringische Geschichte geschenkt wurden. Im übrigen beschränkt 
sieh der Zuwachs der steinzeitlichen Sammlung auf das in der Westd. 
Zeitschr. XIX, 357, i (vgl. Jhb. XL 38 Ij angeführte Geschenk des Herrn 
Direktors Paulus (1899) und auf wenige sonstige Stücke, welche einer 
Fundstelle bei Ewendorf (Gemeinde Kirchnaumen) auf dem Schirm- 
acker bei Marienhof entstammen und von den Herren Lehrer Eschen- 
brenner und Rentmeister Nürck der Gesellschaft f. lothr. Gesch. freund- 
Hchst überlassen (1900) oder kürzlich von Herrn Auvray zu Cherisey 
(s. u.) dem Museum geschenkt wurden (März 1901 ). 

Aus der Metallzeit ist an erster Stelle zu nennen der Depotfund 
aus Niederjeutz bei Diedenhofen (1898), zu dem als Ergänzung jetzt 
(1900) ein zweiter Depotfund aus demselben Niederjeutz sich gesellt 
hat, welcher die Verwandtschaft dieser Funde mit den Depotfunden 
von Wallerfangen im Kreis Saarlouis (jetzt im Museum zu S. Germain- 
en-Laye) und von Frouard (jetzt im Museum zu Nancy) bestätigt: 
s. die Tafel-Abbildungen mit den zugehörigen Bemerkungen. Als- 
dann sind von Wichtigkeit die Ergebnisse der Hügelgräber im Weiher- 
wald bei Saaraltdorf (Kreis Saarburg i. L.), welche im Auftrag der 
Gesellschaft für lothr. Geschichte Herr Notar Welter aus Lörchingen 
untersucht. Mit Erfolg geöffnet sind bis jetzt (1899 und 1900) sieben 
Gräber, von denen das erste (1899) die wertvollste Ausbeute, darunter 
die beiden — Spitzenmanschetten vergleichbaren — bronzenen Arm- 

*) Von derselben Fundstelle oder doch aus der Nähe stammt der von Hoff- 
mann, Westd. Zeitschr. XI, 229 und Kleinalt. S, B5 = Jhb. V,2, S. 173 unter c auf- 
geführte kleinere Steinhammer (angekauft 1890). 



— 379 — 

bänder (Jhb. XI, 381,2; Wd. Ztschr. XIX, 357 f.), die folgenden (1900) 
bronzene, den drei bei Schalbacii (s. ii.i gefundenen Armbändern ent- 
sprechende Armbänder nebst Lignitringon n. a. lieferten. Dazu kamen 
(1900) die Fundstücke, welche die von der (lesellsehaft f. lothr. Gesch. 
veranlasste Untersuchung zweier Hügel mit Brandgräbern der Hallsfatt- 
Zeit im Grossenwald bei Waldwiese ( Kanton Sierckj ergab : zwei Thon- 
gefässe und Scherben von anderen Thongefässen : die Bruchstücke eines 
eisernen Dolches und viele bronzene Hals- und Gelcnkringe ^), hohl 
und massiv, geschlossen und offen, glatt und gerippt, teilweise (soweit 
erkennbar) um einen Kupferdralit gegossen, dabei ein massiver Hals- 
ring im Gewicht von 438 g. Nur zum kleinen Teil kamen dem 
Museum zugute (1898) die Funde aus einem Hügelgrab bei Schalbach 
(Kreis Saarburg i. L.) und einem Grab im Gelände des jetzigen Bahn- 
hofes Kaihausen (Kreis Saargemünd), welcli letztere grösstenteils irr- 
tümlich an die Gesellschaft für Erhaltung der geschichtlichen Denk- 
mäler im Elsass zu Strassburg abgeliefert wurden (Jhb. XI, 374 — 375 
= Westd. Zeitschr. XVIII, 372,h_4). Ausserdem sind noch zu nennen 
zwei herzförmige Gelenkringe mit zwei Hohlkelten, angeblich aus Sablon 
(1896: Wd. Ztschr. XVI, 315), ein Lappenkelt und ein Hohlkeit aus 
der Mosel bei Corny (Jhb. XI, 374 = Wd. Ztschr. XVIII, 372,.), das 
eine Endstück eines Halsringes aus der La Tene-Zeit von Hof Freywald 
(Gemeinde Bettborn bei Finstingen), Geschenk des Herrn Jos. Schantz 
junior daselbst ( 1900), und schliesslich Funde aus dem Briquetage der 
Seille (Wd. Zschr. XVI, 315 und XVII. 350 1. dabei die Hälfte eines 
dicken Ringes aus Gagat (V). 

Eingehendere Mitteilungen mit Abbildungen dieser vorgeschicht- 
lichen Funde wird der nächste, gelegentlich der allgemeinen Jahres- 
versammlung der deutschen Gesellschaft für Anthropologie zu Me4z im 
August 1901 erscheinende Band dieses Jahrbuches bringen. Doch sind 
gegenwärtigem Bericht bereits Abbildungen der beiden Depotfunde in 
Niederjeu tz beigegeben, weil die Stücke derselben teilweise überein- 
stimmen mit den Stücken des zum Forschungsgebiet der Gesellschaft 
für nützliche Forschungen uud des Provinzialmuseums zu Trier ge- 
hörenden Depotfundes von Wallerfangen. Dank dem liebenswürdigen 
Entgegenkommen des Konservators des Musee lorrain zu Nancy, Herrn 
Lucien Wiener, und dank der freundlichen Vermittlung des Professors 
an der Universität Nancy, Herrn Plister, sind dieselben begleitet von 

*) Einen bereits Irülior zufiillig ;iefundonen Arnigelcnkring Iial Herr Rent- 
meister Nürck, der aucli später die örtlitlie Leitung der Ausgrabungen freund- 
liclist übernahm, der Gesellscliaft f. lolbr. (leschicble gesclienkt. 



— 380 — 

Abbildungen des gleichfalls mit dem W'allerfanger Fund verwandten 
Depotfundes von Frouard. 




Abb. 28. Museum Metz. 
Thonfiguren: 1) Tleiter, gef. Metz; 2—4) (iöttin, gef. Saarbuvg i. L., Marxberg. 



II. Zelt der römischen Herrschaft. 

Auch die letztjährigen Funde römischer Zeit verdankt das Museum 
mit wenigen Ausnahmen der Gesellschaft für lothringische Geschichte. 
Der Vortritt gebührt hier den Funden, welchejn und bei dem im Jahre 
1895 ausgegrabenen^) Mithräum am Rebenberg zu Saarburg i. L. ge- 
macht wurden: v. Fisenne, Jahrbuch VIII,], S. 119— 175 mit vielen 
Abbildungen: Wendung, Westd. Korrbl. XIV, 108; Michaelis, Jahr- 
buch VII,i, S. 154—163; Kenne, Westd. Korrbl. XV, 20 und Westd. 
Ztschr. XV, S. 333-342, vgl. Jhb. IX, S. 338— 340; Sal. Reinach, 
Revue celtique XVII (1896) S. 45— 59 (»Sucellus et Nantosvelta«) ; 

Zu den Ausgrabungen hat die Stadt Metz — abgesehen von den Nelien- 
kosten — 1500 M. beigesteuert. 



— 381 — 



Cumont'), Textes et monuments figures relatifs aux mysteres de 
Mithra, Tome 11 (1896i S. 510—519, Nr. 273'", mit Tafel IX und 
Fig. 464—478; Auszug von Leliner im Archäolog. Anzeiger, 1897, 
S. 8—10: Abbildungen der Altäre , 

des Sucellus und der Nantos- 
velta auch in den Lothring. 
K u n s t d e n k m ä 1 e r n Nr. 1 . 
Nächst dieser hervorragenden 
Erwerbung mögen die Funde 
erwähnt werden, welche gleich- 
falls zu Saarburg in L. und 
zwar auf dem Marxberg ge- 
macht wurden (Bonn. .Ihb. 90, 
S. 206/207; Lotlir. Jhb. III, 
418—422) und welclie dem 
Museum ausser römischen Mün- 
zen und Gefässen auch die bei- 
folgend dargestellten Thonfiguren 
zufülirte, s. Abb. 27,3» (zwei 
Stücke der Büste einer »Mutter- 
göttin«); 38,2 mit Bückseite 
2!>.i (stehende Göttin mit Kind 
auf den Armen) ; 2S.:$ mit 
Rückseite 29,2 (sitzende Göttin 
mit Aehre in der rechten und 
Apfel in der linken Hand) : 2H,4 
(sitzende Göttin mit Früchten im 
Schoss); 30.1 und 2 (»Mutter- 
göttinnen«, die zweite mit Füllhornj ; SO.» (Venus); vgl. Wiclimann, .Ihb. 
VI, 317— 323. Die 28,i abgebildete Beiterügur (eing. 1899; ist bei Met/ 

•) Aus den Ausführungen von Cumont sei liier wiedcrtiolt, dass nach seiner 
Auffassung die im .lahrhuch Vni,i, S. 147 ahgebildele fjgur 8:5 (= Cumont, 
Fig. 472j vielleicht llennes mit dem Halm darstellt, l-'ig. I-U (= Cumont, Fig. 470) 
möglicherweise von einer Darstellung der Felsgehurt des Mithras herrührl und 
Fig. .37 (= Cumont Fig. 474) Sol sein könnte. Gegen v. Fisenne's tTleil üher die 
vorgefundenen Tierknochen .Thb. VIll,i. S. 164 Kif) macht er (S. ölS.x) mit lleclit 
die in anderen Mithräen festgestellten gleichartigen Knochenfunde gellend; vgl, 
z. B. Westd. Ztschr. XIII, S. .")7. Dagegen ist Ciimonts Ergänzung S. 474 (Testes 
epigraphiques, Nr. 491c): »...de] suo ; [. . . dediv H it(erum)« unmöglich. Ich 
dachte an: *. . . templum in] suo | [cons]tit(uit) oder [consltitiulumj islignis or- 
navit]' ; statt »constit.' w-ire naliirlich auch »restit.^ denkbar. 




Abh. 29. 
Museum Metz: Thonliguren einer Göttin, 
Rückseite von Abb. 28,9 und s (vergrössert). 



— 382 — 

gefunden : s. Jhb. XI, 882 und Westd. Zlsehr. XIX, 358, 2. Von Göller- 
steinen sind zu nennen die Göttin mit dem Fiillhorn aus Settingen 
(Jahrb. IX, 334—337, Abbildung wiederholt Westd. Ztsohr. XVII, 352); 
die zwei Bruchstücke einer Nantosvelta (?) aus Kirchnaumen (Jhb. IX, 




Abb. .^>0. Museum Metz. Thonfiguren, gef. Saarburg i. L., Marxberg, 

337—341, Abbildung wiederholt Westd. Ztschr. XVII, 333), dem Museum 
geschenkt von Herrn Schmit -WeistrofTer M ; Merkurbilder, aus der 
Gegend von Hültenhausen mit Weihinschrift (Jhb. IX, 325 f. j sowie die 
beiden entsprechenden Darstellungen aus Oberhomburg und dem Linger 
Wald bei Enchenberg (Jahrb. XI, 382/383 — Westd. Zeitschr. XIX, 
358/359); vgl. auch Westd. Ztschr. XV, 344, 2 aus Ober -Valette : 
auch zwei mehr oder weniger zweifelhafte Stücke eines sogen. Giganten- 
reiters (Westd. Ztschr. XVI, 315/316): schliesslich der im Staatswald 
Gustal zwischen Kneuttingen und Fentsch gefundene Markstein eines 
Kreuzweges (eing. März 1900), s. Abb. 31 mit den zugehörigen Be- 
merkungen, und ein rohes Reliefbild der Diana, gef. Bann Freybusch 
(Kanton Grosstänchen ), der Gesellsch. f. lothr. Gesch. geschenkt von 
Herrn Pfarrer Colbus (1901). 

') Zu den bereits früher von Herrn Schmil-Weistroffer geschenkten, dem- 
selben Fundort entstammenden Münzen (Jhb. IX, 338,i) hat er i. J. 1900 noch eine 
barbarische Prägung des 3. .Thdts. und eine des Gonstantinus iun. nob. C, Rs. 
Providentiae Caess. hinzugefügt. — Aus Kirchnaumen stammen auch die beiden 
i. J. 1900 von den Herren Lehrer Esclienbrenner und Rentmeister Nürck der 
Gesellschaft f. lothr. Gesch. geschenkten Münzen des Antoninus Pius (Denar), Rs. 
Adventus Augusti, und der Faustina Augusta (Grosserz), Rs. Fecunditas und SC. 



n83 — 



Selir ergiebig waren ilie Ausgrabungen von gallo-römisehen Grab- 
ieldorn. Auf Kosten der Ivegierung und mit Unterstützung des Kon- 
servators für Lothringen, Herrn Baurats Tornow, führte Herr Pfarrer 
Bour zu Büsshngen (jetzt in Deutsch-Oth) im Jahre 18^)3 Grabungen 
bei Morsbacii unlerhall) des Herapel aus; vgl Bonn, .lalnb. 94. 174 
und Lothr. Jahrb. V,2, 236. 242. 
Zu den bereits damals dem Mu- 
seum ül)erwiesenen Fundstüeken 
wurden im Jahre 1900 noch 
eth'clie und darunter mehrere 
charakteristische Stücke nach- 
geliefert. Da für diese wie für 
die im folgenden erwähnten 
Au.sgrabungen eine besondere 
Bearbeitung vorbereitet ist, so 
kann auf diese verwiesen werden. 
Von der Gesellschaft fiir loth- 
ringische Geschichte wurden 
unter (hHlicher Leitung des Herrn 
Notars Welter aus Lörchingen 
Grabfelder im Wald Neu- 
Scheuern bei S. Quirin, im Wald 
bei Ober -Valette, Gemeinde Al- 
berschweiler \i, und im Bann- 
wald bei Hültenhausen unter- 
sucht, nachdem bereits vorher 
Fundstücke von den beiden 
letztgenannten Stellen ins Mu- 
seum gelangt waren: s. Westd. 

Ztschr. XV, 344/34Ö; XVI, 31(): XVII. 351 352; XVIII. 3V 
373: Jahrb. IX, 326—330 und .\1, 3)75 376. Viele Kleinfiuide 
brachten die im Auftrag der Gesellschaft für lothringische Geschichte 
von Herrn Bauiat Morlok und Herrn Professor Dr. Wichmann ge- 
leiteten Au.sgrabimgen zu Tarciuinpol-Decempagi, und im Jahre 190O 
liefen auch die bereits Westd, Zlschr. XV, 342-343, Fig. 4-6 
angekündigten und nach .Ihb. VIU abgebildeten Sieindenkmäler mit 
anderen Steinen ( Architektiu'stücken und Bruchteilen ligürlicher Reliefs) 

') Aus diesen Ausgrabunficii bei Obcr-ValcUe {jelunule l'.XM) iiocli L'iii in- 
zwischen von Herrn Oberregierungsrat Pochlmann zusanimengesetzfes Thongefäss 
(iiiinlicli Knoijcn XVI,'2) ins Museum. 




Ablj. 31. Museum Metz: Markstein eines 
Kreuzweges aus dem Staats wald Guslal 
zwischen Kneuttingen und I*\^nts(li. 



•) „ 



— 384 — 

aus Taiquiiipol ein; s. Wichmann, Jlib. III, 412-417; IV,^, 116-166; 
VII,2. 173 — 194. Weiter hat Wichmann auf Kosten der genannten 
Gesellschaft und später der Regierung eine Villenanlage zu S. Ulrich 
bei Saarburg i. L. ausgegraben, deren Fundstücke dem Museum über- 
wiesen sind- vgl. Jahrb. VI, 313ff.; X, 171 ff.; XI, 377,5 = Westd. 
Ztschr. XVIII, 373. Andere Gehöfte römischer Zeit bei Lörchingen 
und zu Neufmoiilins hat Herr W^eller im Auftrag der Gesellschaft für 
lothr. Geschichte ausgegraben (Wd. Z. XVIII, 373,3,4; Jhb. XI, 376 f.), und 
diesen ist im Jahre 1900 eine solche Anlage zu Laneuveville bei Lörchingen, 
Gut Zufall, gefolgt ^) : alle brachten dem Bestand an Kleinaltertümern 
lehrreichen Zuwachs. Weitere Fundstücke lieferte die von Herrn 
Dr. Wendling zu Diedenhofen im Jahre 1900 übernommene und auf 
Kosten der nämlichen Gesellschaft durchgeführte Untersuchung römischer 
Baureste im Garten des Herrn Krämer zu Niederjeutz^) neben dem 
Gelände der Aktienbrauerei S. Nikolaus, aus welchem im Jahre 1898 
ausser dem Depotfund der Bronzezeit auch Fundstücke aus einer 
Ziegelei^) römischer Zeit durch Vermittlung jener Gesellschaft dem 
Museum zugefallen waren ( Wd. Korrbl. XVII, 100 ; Westd. Ztschr. XVIII, 
374, 11; Jhb. XI, 378, 11). Die römischen Gebäudereste »am Rödgen« 
auf der Höhe westhch von Büdingen (bei Maxstadt), ungefähr drei- 



*) Der letztgenannten Fundstelle entstammen zahlreiche Reste von Thon- 
gefässen, darunter verzierte terra sigillata und solche mit Stempeln, einer des 
Lucius (LVCIVS F), einer des Maianus, andere mit Zeichenstempeln, wie sie 
auch sonst in Lothringen gefunden sind, ausserdem z. B. zahlreiches Haus- und 
Feldgerät aus Eisen und Bronze und von Münzen ein republikanischer Denar des 
L. Flaminius sowie Kupfermünzen des Hadrian, Antoninus Pius, Mark Aurel, seiner 
Frau, der jüngeren Faustina, des Commodus, des Albinus (Rs. Fort, reduci cos II; 
Cohen III,^, S. 418), der Salonina, der Helena, des Constantius und f'.onstans und 
des Magnentius. 

^) Fundstücke : Terra sigillata, ein Stück verziert mit grossem Blatt und 
Bock, eines gestempelt: Älhülus f(ecit), ein grösserer und ein kleiner Schlüssel 
aus Bronze, beide verstümmelt, eine Schnalle, eine Gewandnadel (Form : Riese, 
Rom. Funde in Heddernheim II, Tafel II, 13), ein Spinnwirtel aus Thon u. a., 
ausserdem Münzen der Salonina, des Tetricus, der Constantinopolis, des Constan- 
tinus iun. nob. C, des Constans, des Magnentius. Andere Münzen sind Eigentum 
des Herrn Dr. Wendling (Postumus ; Licinius : Constantinus I und Urbs Roma, 
Helena, Crispus ; Constantius II und Constans ; Magnentius) sowie des Herrn Photo- 
graphen Engel zu Diedenhofen (Tetricus, Claudius, Constantius II und Constans). 

^) Hier seien auch die beiden Ziegelstempel erwähnt, welche 1890 und 1891 
an der Stelle des ehemaligen Oberjeutz (gegenüber Diedenhofen) oder in der Nähe 
gefunden sind und welche Herr Box dem Museum geschenkt hat (1900): Vital . . . 
(verstümmelt) und Liipia . . . Die Stelle des ehemaligen Oberjeutz ist überhaupt 
für römische Ziegel ein ergiebiger Fundort. 



■— 385 — 

hundert Scliiitte von clor Strasse Hüdingen nach Valil-Kbersing ergaben dank 
der Gesellschaft für lothr. Geschichte und der Vermittlung des Herrn 
Pfarrers Colbus zu Altrip ausser Hufschuhen und anderem eine Bronze- 
statuette des Merkur sowie ein silbernes h^inierchen, dessen Abbildung 
H. WöUers (Hannover) in seiner demnächst erscheinenden Abhandlung 
über die bronzenen und silbernen Eimer dieses Typus veröffentlichen 
wird. Auch aus den Trünunern einer römischen Anlage »bei den 
Heidenhiiusern , in der Nähe von Flatten (Gemeinde Launsdorf ), welche 
auf der Generalstabskarte als »Schlossruine« bezeichnet sind, lieferte 
Herr Pfarrer Chaler zu Waldwiese einige Fundstücke ^ ) ; eine Aus- 
grabung dieser Baureste ist in Aussicht genommen. Indem ich für 
sonstige lothringische Funde auf meine .lahresberichte Wd. Ztschr. XVI, 
316: XVIII, 373 f.: XIX, 358; vgl. .Ihb. XI, 377. 378. 382. 383 ver- 
weise^}, führe ich hier nur noch an die der Gesellschaft für lothring. 
Geschichte von Herrn Fabrikbesitzer G. Adt jun. zu Forbach geschenkte, 
in der Nähe von Forbach gefundene emaillierte Spange aus vergoldeter 
Bronze (Jhb. lV,i, 231 f. mit farbiger Abbildung auf besonderer Tafel) 
sowie die kürzlich (März 1901) auf meine Bitte als Geschenk des 
Finders Herrn Auvray zu Cherisey ins Museum gelangten Gegenstände 
(Mem. Acad. Metz 1896/97 S. 17311'.), darunter Kopfstück einer grossen 
weiblichen Statue: Bruchstück einer Hand, welche einen länglich-runden 
Gegenstand hiilt: ein durchlochtes Säulenstück; eine kreuzförmige Grab- 
platte^); ein (zerbrochenes) Glasgef'äss, mit zwei Doppelhenkeln aus- 
gestattet, nebst den seinen Inhalt bildenden Knochenresten des Ver- 
storbenen: ein LölTelchen : Hufeisen u. s. w.^). 

Auch Metz und seine Uiugebung steuerte zu der Vermehrung der 
Bestände nicht weniges bei. Eine Reiterligur aus Tlion (Abb. 28. i) 
ist schon erwähnt. Im Innern der Stadt lieferten Ausbeute der Neu- 



*) Darunter ein Stück des Marmor-Belages und Münzen des Vespasianus, 
des Constantius nob. ('.(aesar) mit Rs. Genio populi Ivoniani. im Felde SF (Trierer 
Prägung: PTH), des Constans mit Rs. Gloria rci publicae i Trierer Prägung: TRSj 
und andere des 4. .Ilidts. — Ueber die Fundstelle: Austrasie, :-?'"^ serie. I (1842) 
S. 80. 177. 

-) Der W(i. Zs<lir. XVI, iUG erwähnte I^ulTel wurde nach freundlicher Mit- 
teilung des Herrn Pfarrers Colbus zu Altrip gefunden. — Den Wd. Zschr. XVIII, 
H74 = .Ihb. XI, .S78,io aufgeführten Töpferstempel aus Nilvingen (Friedenshütte) 
iiabe ich iiacliträglich richtig gelesen: Annedo^ diiil Punkt auf der Zeile hinter V 
und schiefgcstelllem Spiegelbild des N). 

•■"j F.inc besser erhaltene gleiche (iral)plalte ist noch im Besitz des Herrn 
Auvray. Ob fränkisch? 

^ Die anderen Fundslücke (vgl. Mein. At ad. Metz a. a. 0.) hatte lltrr .\uvray 
bereits an einen Alterlumshändler zu INrnt-ä-Mousson verkauft. 



— 386 — 

bau der Kirche S. Segolena (dabei das Bruststück des Marmorstand- 
bildes eines gepanzerten Mannes)'^ und die Ausgrabungen in und bei 
der Kirche S. Peter auf der Citadelle (Westd. Ztschr. XVIli, 374 t'. = 
Jhb. XI, 379, 13. 14). Andere Funde ergaben die (träberfelder der 
römischen Stadt, Das östliche Olräberfeld lieferte ein Brandgrab, welches 
im .Ihb. VHI,2, ö6fl'. (vgl. Wd. Ztschr. XV, 344) beschrieben istM. Er- 
giebiger war das ausgedehntere südliche Gräberfeld. Am Bahnhof, bei 
der Lunette d'Ar(,'on, in deren Umgebung schon früher zahlreiche Grab- 
funde zu Tage gefördert sind^), wurde im Sommer 1900 unter Leitung 
des Herrn Baurats Knittei-scheid auf Kosten der Gesellschaft für lotlir. 
Geschichte und mit freundlicher Beteiligung einer Abteilung des Kgl. Bayr. 
Fuss-Artillerie-Begimenls Nr. 2 unter Herrn Oberstleutnant Schleicher 
eine Anzahl von Skelettgräbern (ohne Beigaben) freigelegt, deren Särge 
grösserenteils aus Ziegelplatten oder Stücken von verschiedenen 
Steinsärgen oder aus verzierten und sonstigen Architekturstücken zu- 
sammengesetzt waren. Ein kleinerer trogähnlicher Sarg und Stücke, 
aus denen die Grabstätten zusammengefügt waren, wurden ins Museum 
überführt. In der aufgefülUen Erde fanden sich als Reste der älteren 
Brandgräber Scherben von Gefässen, darunter ein Gefässboden aus 
terra sigillata mit der Marke OF MO/ , also vielleicht »of(licina) 
Mon(tani)s vgl. Bonn. .Ihb. 99, 113, 248. 

lieber eine zweite, frühere Grabung im nämlichen Gräberfeld 
neben dem Bürgermeistereigebäude zu Sablon vgl. Wd. Ztschr. (XVI, 
316; Jhb. IX, 334. Im Pachthof La Horgne wurde ein Bleisarg des 
Museums (Wd. Zschr. XVI, 317; Jhb. IX, ^333/334) und etwa 150 m 
diesseits auf einem Grundstück des Herrn Colin'zu Sablon ein interessantes 
Brandgrab ( Wd. Zschr. XVI, 316/317; Jhb. IX, 333) gefunden. -In einem 
anderen Grundstück des Herrn Colin, etwa 300 m diesseits von La Horgne, 
war im Dezember 1900 ein weiteres Brandgrab aufgedeckt, welclies 
Herr Colin dem Museum zum Geschenk machte: Den Grabbehälter 
bildete ein Thongefäss, dem als Deckel ein Teller aus terra sigillata 
diente. Der Teller stanunt aus der Töpferei des Boudus"'), dessen 

^) Zu clcinsclben Grabfeld gehörten die vielleicht noch der römischen Zeit 
angehörigen Steinsärge, welche im Sommer 1900 im Glacis des/^Forts Steinmetz 
(früher Bellecroix) an der Gabelung der Strassen nach S. .lulien und Vallieres ge- 
funden und mit freundlicher lleihilfe des Ivgl. Preuss. Pionier-Bataillons Nr. 1(5 
untersucht wurden. Dieselben enthielten Skelette ohne l^eigaben; geborgen wurden 
einige Schädel. 

2) Vgl. 1''. Möller, 3. .luhresbericht des Vereins f. Erdkunde zu Metz S. 114 ff. 

3) Vgl. z. B. Holder Alt-Celt. Sprachschatz 1, 498/499; Dragendorff, Bonn. 
Jhb. 9i), 66, 47 ; Jacobi, Saalburg, S. ;-il8,jo. 



387 



Namen die im Kreis gestellten Buchstaben der Fabrik- Marke nennen: 
IJOVDVS F. bi der Umgebung wurde, jedoch ohne siclitlichen Zu- 
sammenhang, unter anderem eine verstümmelte Thonlampe gefunden. 
— Auf demselben Gräberfeld wurden auch die Wd. Zschr. XYIII, 374 
= Jhb. XI, 378,12 ange- 
führten Funde gemacht, die 
aber wohl nicht als Grab- 
funde angesprochen werden 
dürfen. 

Die beifolgend J$2 ab- 
gebildete Schüssel aus ver- 
zierter terra sigillata, gefunden 
1900 zu Longeville bei Metz, 
wurde im Museum zusam- 
mengesetzt und, nachdem sie 
einige Zeit ausgestellt ge- 
wesen, dem Finder wieder 
ausgeliefert ; vgl. Wd. Korrbl. 
XIX, 46. 

Von N a c h b i 1 d u n g e n 
römischer Steindenkmäler 
gingen dem Museum zu das 
auf der Strassburger Aus- 
stellung von Kunst und 
Altertum in Elsass-Lothringen 
i. J. 1895 ausgestellt \) ge- 
wesene verkleinerte (1:6) Modell der Mertener Säule, Geschenk der 
(Gesellschaft für iolhr. Geschichte; ein Gypsabguss des Felsendenkmals 
vom Donon, Geschenk der nämliclien Gesellschaft, s. Abb. J5IJ mit den 
Bemerkungen dazu, imd ein von der Stadt angekaufter Gypsabguss 
des von dem Mediomal rikcr Indus bei Trier gestifteten Weihdenkmals 
(Wd. Zschr. XVHI, 375: .Ihb. XI, 379). 




Abb. ;-?2. Scbiissel aus verzierter terra sigillata 

rnit dem Aussenstempel des Fabrikanten; 

gef. zu Longeville 1900, 

Eigentum des Herrn Goldite daselbst. 



III. IMerovingiscIie Zeit. 

Imuo hervorragentle Bereiclierung des Museums bedeuten die durch 
Ausgrabungen der Gesellschaft f. hilhi'. Geschichte gewonnenen Skulp- 
liu-en und Grabsteine aus S. Peter auf dci- Gitadelle: s. Knitlerscheid 
.Ihb. IX. 97 ir. und X, 120 IT.: vgl. Wd. Zschr. .Will. 375 = .Ihb. XI. 

') Kalaliig Nr. ö. — .\usserdciii war eine Aii/.abl von Originalen (Stein- 
dciikiiiiiliT II. Klciiiiilldlümer) ausgestclll : Ivatalog Nr. 2. 15. (5 IT. usw. 



B88 — 



370 f. S. Majestät der Kaiser hat durch Verfügung vom 22. Juni 1899 
diese und die sonstigen Fundstücke unter Vorbehalt des Eigentums- 
rechtes dem Museum der Stadt Metz überwiesen: sie sind jetzt im 
l'iilerstock des angebauten Flügels aufgestellt. 

Ausserdem ging von den im Lande gemachten (Jrabfunden dieser 
Zeit weniges ein, so aus l^ischdorf, Kr. Forbach, und aus dem Grab- 
feld zwischen Metrich und Klein-Hettingen, Kr. Diedenhofen ( Wd. Zschr. 
XVIII, 375 = .Ihb. \[, 380,2. 3), auch ein scramasax, in früheren Jahren 




Abb. 83. Felsrelief vom Donon (Vogesen) ; Gypsabguss im Museum zu Metz. 

gefunden auf dem erwähnten Grundstiick des Herrn Krämer zu Nieder- 
jeutz. — SchUesslich sei noch der einer Münze nachgebildeten Spange 
(Geschenk des Herrn Baurats Knitterscheid) gedacht: Wd. Zschr. XVllI, 
375= Jhb. XI, 380,4: vgl. Blätter für Münzfreunde 1900. Nr. 8/9. 
S. 130,3. 



IV. Mittelalter und Neuzeit. 

Vor allem sind hier zu nennen die beiden bemalten Holzdecken 
aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, welche im Jahre 1896 in einem 
Gebäude der städtischen höheren Töchterschule entdeckt w^urden : Zeit- 
schrift für Christi. Kunst X (1897); Westd. Ztschr. XVI, 317—319; 
P. Weber in der Wissenschaftlichen Beilage zur Münchener Allgemeinen 
Zeitung vom 22. Januar 1898, Nr. 17: .Ihb. IX, 358—359; Lothring. 
Kunstdenkmäler Nr. 18; vgl. A. Kuhn, Allgemeine Kunstgeschichte III, 




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— 389 — 

S. 208, Fig. 218 f.; Kunstgewerbe in El.sass- Lothringen I, 10. Dazu 
kamen im .Jahre 1897 aus dem Kloster der KarmeUterinnen Teile einer 
wohl gleichzeitigen bemalten Holzdecke von gleicher Konstruktion und 
Technik, aber mit weit einfacherer Bemalung: .Ihb. IX, 330 f.; Abb. 
bei W. Schmitz, Der mittelalterliche Profanbau in Lothringen. Eine 
spätere, mit Ranken bemalte Holzdecke aus dem Hause des Färber- 
meisters Herrn Gudath in der Kleinen St. Vincenzstrasse zu Metz wurde 
im .lahre 1900 dem Museum von Herrn Bauunternehmer Fuders ge- 
schenkt^). Eine Veröffenthchung dieser Decken wie überhaupt aller 
bekannten Reste von bemalten Holzdecken zu Metz bereitet die Ge- 
sellschaft für lothringische Geschichte vor. 

Gotische Fliesen hatte der spätere Fussbodenbelag von S. Peter 
auf der Citadelle geliefert: E. Knitterscheid, .Ihb. X, 124 — 127 mit x\b- 
bildungen Tafel 3 — 4 : R. Forrer, Geschichte der europäischen Fliesen- 
Keramik vom Mittelalter bis zum .lahre 1900 (vgl, Kunstgewerbe in 
Klsass-Lothringen I, 5, S. 116). Andere (rote und blaue) Fliesen lieferte 
im .lahre 1900 die vom Konservator fiir Lothringen Herrn Regierungs- 
und Baurat Tornow restaurierte S. Katharinenkapelle bei Oberhomburg ^): 
Kunstgewerl)e in Elsass-Lothringen l, 10 (Abb.). Dazu kamen noch 
im März d. .1. (1901) aus Rleding, Kreis Saarburg i. L., rote und blaue 
Fliesen, welche die Gesellschaft für lothr. Geschichte dem unermüd- 
lichen Eifer des Herrn Notars Welter zu Lörchingen verdankt und 
welche übereinstimmen mit den im .lahre 1863 zu Saarburg i. L. ge- 
fundenen Fliesen (Bull. Soc. Mos. VI, 1863, S. 83 mit Tafel). 

Zwei Sockel des 11. .Ihdts. stammen aus dem im Jahre 1892 
umgebauten Clior der Kirche zu Marsal und sind der ( iesellschaft für 
lothr, Geschiclite von Herrn Pl'ari-er Petit geschenkt (1897: Westd. 
Ztschr. XVII, 353) : zwei durch neue Stücke ersetzte Wasserspeier 
kommen von der Kirche S.Martin (1900): ein Portal aus Montenach, 
der genannten Gesellschaft überwiesen von Herrn Pfarrer Schneider 
(Wstd. Ztschr, XVI, 320); Grabschriften oder Reste von solchen aus 
den Kirchen S. Segolena (1898), der Cölestiner (1899), sowie vom 
Diedenhofener Thor (1897). Auch eine romanische Glocke aus dem 

') lieber die bemallon Fliiclien dieser Holzdecko waren Rreller genagelt, 
welche ein Gypsplafond verkleidete. 

') Die ins Museum überführte Sammlung dieser ruten iiml l)lauen Fliesen, 
weiche ursiiriinjrlich eine >mosaikarlig zusammengesetzte Rosette« bildeten, ist 
nieht V()llstiinili<r, vgl. Kraus 111, S;U— h:3ö. — Aehnliche Darstellungen bieten 
Fliesen im .Museum zu Main/, und im (iermaniscben Museum zu Nürnberg, auch 
zu Sirassburg i. E. (Forrer, Fliesenkeramik : vgl. Kunstgewerbe in Elsass-f.nth- 
ringeri 1, f), S. 117). 



— 390 - 

Kirchturm von Heckenransbaeh gelaiiglc 1897 ins Museum (Westd. 
/tschr. XVII, 353); ebenso die Reste zweier Glasfenster (eines neu 
gefasst, das andere in der alten Bleifassung) aus dem Kloster der 
Dominikaneriimen = Precheresses in der jetzigen Bischofstrasse, rue de 
rßvcchc, früher Rue des Precheresses *), Geschenk der Gesellschaft für 
lothringische Geschichte (1900), und einige aus meist unbekannten 
Kirchen stammende Statuen (vgl. Westd. Ztschr. IX, 282. 283; X, 383; 
XVI, 320). 

Weitere Erwerbungen sind u.a. das Steinrehef eines Mondgesichtes 
aus einem Hause am Ludwigsplatz (Westd. Ztschr. X, 383, Nr. 724; 
Abb. bei Schmitz, Profanbau in Lothringen, nach einem Abguss) ; zwei 
Wappensteine (Westd. Ztschr. X. 383, Nr. 715); zwei Grenzsteine aus 
Chäteau-Salins, beide mit dem lothringischen Doppelkreuz in Relief, 
der eine mit eingegrabenem CS (=■ Chateau-Salins) auf der Rückseite, 
gefunden bei Kanalisationsarbeiten in der Salinenstrasse zu Chäteau- 
Salins. der Gesellschaft für lothr. Geschichte überwiesen von Herrn 
Bürgermeister Koscher zu Chäteau-Salins 1900: ein gotischer Thür- 
oder Fenstersturz aus der Bankstrasse, überwiesen durch Herrn Baurat 
Tornow, und ein anderer, gefunden 1900 gelegentlich der Erweiterung 
des Museums im Mauerwerk des alten Leihhauses. Schliesslich sind 
noch zu nennen ein steinerner Kaminmantel (Westd. Ztschr. XVI. 319) 
und zahlreiche gusseiserne Kaminplatten. Von letzteren besass das 
Museum bei Aufstellung des Verzeichnisses von Hoffmann (1889) nur 
acht Stück: Steinsaal Nr. 417. 418. 676. 684a— d. 690. unter denen 
sechs seit Lorrain (1874) neu erworben waren. Jetzt dagegen umfasst 
die Sammlung — ungerechnet die zahlreichen Dubletten — rund 
60 Platten. Dieselben entstammen zum teil städtischen Gebäuden, auch 
sind einige angekauft, die Mehrzahl dagegen wurde, hauptsächlich von 
der Gesellschaft für lothringische Geschichte, geschenkt. Vgl. Westd. 
Ztschr. IX. 282, Nr. 697; X. 382f., Nr. 716-722: XVI, 319: XVII. 353 f.: 
XVIII, 376. 5 (.Jahrb. XI, 381, 5) und Jahrb. XI, 383/384 = Westd. 
Ztschr. XIX, 360, 4 — 5 ; ehiige Abbildungen : Kunstgewerbe in Elsass- 
Lothringen I, 10. Im Geschäftsjahre 1900 kamen ausser zwei bereits 
vertretenen Platten-) hinzu: Urteil des Saloino, aus einem städtischen 
Gebäude; Phoenix mit der Aufschrift »Flames sont fleurs ou ie repreii 



1) Vgl. We«Ul. Ztschr. IX, 282. 

^) Darstellung des Frühlings, gegossen zu »Neinkiichen« (aus einem sladli- 
schen Gebäude), und des Auszuges von Lot aus Sodom, gegossen zu >(^)uinte« 
(Geschenk des Herrn Arthur Etling zu Metz, Brurvnenstrasse 11). 



— 391 — 

ina vie«: M, von der Gesellschaft für lotlir. Geschichte, aus bedingen. 
Geschenk des dortigen Herrn Bürgermeisters, vermittelt durcli Herrn 
Symphorian Welter daselhst : dieselbe Platte, grösser und mit ab- 
weichender L'mrahmung (Abb. Jhb. XI, 364), gleieli den vier folgenden 
riatteti aus Diedenhofeii und mit diesen der (lesellschaft für lothring. 
Geschichte geschenkt von Herrn Baurat Knitterscheid: Platte gegossen 
1591, l'rteil des Paris und darunter die Büsten des Kc'uiigs Heinrich IV 
von Frankreich mit seiner Gemahlin Margarethe^) : Lilienvvappen mit 
der französischen Königskrone, oben die Jahreszahl 1683; Lilienwappeii 
mit der französischen Köuigskrone, inmitten einer Walfentrophäe, oben 
Sonne und darüber ein Schriftband »Nee pluribus impar« : Platte aus 
der Zeit der ersten Republik, Frau hält eine Stange mit der Jakobiner- 
mütze, vor ihr Banken, hinter ihr auf Säulenstumpf ein Hahn, oben 
Sonne. — Schliesslich hat im März 1901 Herr Notar Weller der Ge- 
sellschaft für lothr. Geschichte 30 Platten geschenkt, die in der obigen 
Zahl noch nicht einbegriffen sind, 

B. Münzen und Medaillen. 

Litteratur : Victor' Jacob, ('.alaloguc des monnaies municipales cL ine- 
dailles Messines de la coUeclion de la ville, Decembre 1860. 52 S. 
mit 3 Tafeln (S. A. aus Mem. Soc. Mos. VIII, 1866, S. 97-141). 

— Derselbe, Gatalogue des monnaies merovingiennes de la col- 
lection de la ville de Metz (Mem. Soc. Mos. XI. 1869, S. 81— 98). 

— Derselbe, Gatalogue des monnaies Gauloises de la collection 
de la ville de Metz (Mem. Soc. Mos. XIII, 1874, S. 105 131). — 
Edmond Fridrici im Jahrbuch II. S. 372 — 400 (Beschreibung der 
von der Gesellschaft für lothringische Geschichte aus der Sammlung 
des Pfarrers Merciol zu Morville bei Vic erworbenen Münzen). — 
Kenne, Jhb. XI, 384—385 und Westd. Ztschr. XIX, 360—3(51. 

Den Kern der Münzsanuiüung des Museums l)ildet die im .lahre 
1833 von der Stadt Met/ fi'ii' 1200O frcs. angekaufte Sammlung^! des 
verdienten einstmaligen Bürgermeisters der Stadt, Baron Marchant^). 

') Entsprechende Platten in Mol/, und l'mgegend: Hall. s^uc. Mos. IHTo, 
S. 83. Vgl. auch Mus(''e hist. lorrain de Nancy II, 1496 f. (Wiener, C.atalogue ', 
S. 231). 

^) Kine ;;leiclie, aber verstiiinmelle l^lalle war vorher (lOOO) gelegeiillidi 
des Erweiterungsbaues des Museums gefunden worden. 

•■') Migelte, Catalogue des tableaux, S. XV. 

*l Zu seinen F.hren ist die frühore Tlue dos Grands -(«irmes uiiigenannl 
*Rue Marchant« (Marchantstrasse). 



— 392 — 

Den Bestand an gallischen ^) und merovingisehen Münzen sowie an 
Metzer Miinzen und Medaillen, soweit er bis zum Jahre 1866 tf. an- 
gewachsen war, lehren die angeführten Verzeichnisse von V, Jacob 
kennen. Seitdem hat sich aber die Sammlung, wenn sie auch in den 
80er Jahren durch einen Diebstahl empiindliche Einbusse erlitten hat, 
doch sehr erheblich vermehrt. So beginnt das mir übergebene Münz- 
inventar ^) mit einem Vermächtnis von 114 Gold- und Silbermünzen 
des Herrn Emile Guyot^), November 1884, und einer Erwerbung von 
51 Nummern aus dem Verkauf der vorzüglichen Sammlung von 
Gh. Robert ■*), April 1886. Die folgenden Nummern dieses Münz- 
inventars führen ausser römischen, neueren deutschen und andern 
Münzen insbesondere auch neu erworbene Metzer Münzen auf. 
Durch diese Neuerwerbungen ist beispielsweise die Zahl der Gold- 
münzen (florins) der Stadt Metz von 7 bei Jacob (1866) auf 28 
angewachsen^) und die der Thaler") von 11. auf 23, der seltenen 



'1 Nacli fianzüsiscliem Brauch sind von .Tacob (und ebenso von Fridrici) 
den keltischen Münzen die griechischen Münzen von Marseille und die römischen 
Prägungen von Nimes, Lyon und anderen französischen Städten eingereiht. 

2) Dieses Münzinventar umfasst die Nummern 94ü— 1108 (J. 1884—1887) 
von der Hand des Konservators Ledain, Nr. 1109—2082 (.1. 1887—1899) von der 
Hand des Konservators E. Fridrici. — Der Verbleib des Verzeichnisses der Nummern 
1 — 939 ist mir unbekannt. 

^) Nr. 940—1058, insbesondere französische Münzen. 

*) Nr. 1055 — 1104 = Description de la collection numismatique de M. P.- 
Charles Robert Nr. 394—396. 401. 407. 422. 4C8. 559. 626. 666. 667. 700. 712. 
732—735. 737. 738. 754. 806. 813. 825. 868. 869. 871—876. 878—880. 882 883. 
886. 888. 893. 894. 896. 898-900, 911/912. 914. 923. 941. 1730. 1731. 

'") Jacob, Catalogue, S. 7 = Mem. Mos. 1866, S. 99. — Von den 28 florins 
sind 19 nicht datiert, die übrigen 9 aus den .lahren 1620. 1624. 1625. 1627. 1628. 
1630. 1639. 1(544 45. 1646 47. 

") Jacob, Catalogue, S. 8— 9 =- Mem. Mos. 186<i, S. 100 f., Nr. 1—11. — 
Unter den 23 Thalern der Sammlung zeigen neun aus den Jahren 1628 — 1634 
(von 1630 und 1(531 je zwei Stück) den älteren Typus, nämlich den stehenden 
S. Stephanus und anderseits den Doppeladler mit dem Stadtwappen auf der Brust 
(vgl. Abb. bei de Saulcy, monnaies de la cite de Metz, in den Mem. Acad. Metz 
1835 36, PI. 1, 2; Jacob, PL 1 und Collection Robert Nr. 806). Von den übrigen 
14 Prägungen, bei denen der Reichsadler in Wegfall gekommen und durch ein 
grösseres Stadtwappen ersetzt ist, gehören 6 dem Uebergangsjahr 1638 an, und 
zwar führen zwei Thaler neben der Darstellung des stehenden S. Stephanus ander- 
seits das ältere Wappenschild (vgl. Abb. Coli. Robert Nr. 813), einer ebenfalls 
noch den stehenden Heiligen, aber anderseits ein ovales Wappenschild (vgl. Abb. 
bei de Saulcy PI. 1, 3 und Jacob PI. 1) ; die drei anderen zeigen den jüngeren 
Typus mit der Büste des Heiligen und der späteren Umformung des Wappen- 



- 393 — 

Halbthaler^) von 1 auf 3. Die gallischen Münzen erhielten Zuwachs 
aus der Sammlung Merciol (.Ihh. II. 373—381). die römischen ins- 
besondere durch die von der Gesellschaft für lotliringische Geschichte 
geschenkte Auslese aus dem Schatzfund von Niederrentgen von 
Severus Alexander bis Dioclelianus und Maximianus i.Iahrb. VIII,2, 
S. 1—43; vgl. Jahrb. XI, 384 und VVestd. Ztschr. XIX, 3H0j sowie 
durch das von der Metzer Akademie vermittelte Geschenk des Herrn 
K. Huber zu Saargemünd, welches eine Sammlung von Münzen des 
Diocletianus und seiner Mitregenten aus dem Schatzfund von Emmers- 
weiler (Kr. Saarbrücken) ander lothringischen Grenze lieferte (s. Huber, 
Mem. Acad. Metz 1888 89, S. 85— 96 mit pl. XXXIV-XXXVIl; vgl. 
Hettner, Westd. Ztschr. VI, 1887, S. 131—149). 

Neben den erwähnten Sammlungen von Münzen der Stadt Melz 
und von keltischen, merovingischen wie auch rinnischen Münzen ins- 
besondere der Kaiserzeit sind durch eine beachtenswerte Anzahl noch 
vertreten die Münzen der Metzer Bischöfe, des Herzogtums Lothringen 
und französische wie auch (seit dem letzten Jahrzehnt) neuere deutsche 
Miinzen. Ausserdem sind aber auch kleinere Sammlungen, z. B. alt- 
griechische Münzen und Münzen von Luxemburg, Trier, Bar vor- 
handen, und nicht bloss Metzer, Lothringer und französische Medaillen 
und Jetons sind g