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Full text of "Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte"

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Vierteljahrsehrift 



für 



Social- D« WirMäftpschichte 



Unter standiger Mitwirkung 

von 

Dr. GsoRGBS S8PINA8 (Ptiifl), Prof. Dr. Henri Pibbnnb (Gent), 
Prof. Dr. GiU8. Salyioli (Neapel), Prof. P. Vinogradoff (Oxford) 

herausg^eben 

TOD 

Pro£ Dr. St. Bauer Dr. L. M. Hartmann 

in Basel in Wien 

Pro£ Dr. G. von Below, Geh. Hofrat 

in Freibarg i. Br. 
BedaküoDBsekretär: Dr. Kurt Kasbr in Wien 

m. Band 



Verlag von W. Kohlhammer 
Berlin W. 36 Stuttgart Leipzig 

16 Urbanstrasse 14 Bossplats 16 

1905 



\ 



Alle Bechte Yort>ehalteo. 



Druck TOnW. Kohlha«merin Stuttgart. 



Inhalt des dritten Bandes. 



I. Abhandlimgeit seit« 

WuPFXEB, H., Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter . . 1 

Miai LoDGR, Serfdom in the Pyrenees 21 

Froidevattx, Henri, Le commerce franse ä Madagascar au XVn* siöcle 41 

Darmstädter, Paul, Studien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik . 112 
Pkisker, J., Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren und 

Germanen und ihre sozialgeschiohtliche Bedeutung 187 

Müller, Johanne», Das Bodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittel- 
alter und zu Beginn der Neuzeit (Erster Teil) 861 

RiETSTHEL, SiEdFKiED, Die älteren Stadtrechte yon Freiburg im Breis- 
gau 421 

Peisker, J., Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren und 

Germanen und ihre sozialgeschichtliche Bedeutung (Schluß) . . . 465 

?iKC)ORADOFF, P., Zur WcrgcldfragB 584 

Müller, Joilvnnes, Das Bodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittel- 
alter und zu Beginn der Neuzeit (Zweiter Teil, Schluß) .... 555 
Mahaim, Ernest, Les döbuts de Tötablissement John Cockerill ä Seraing 627 

IL MiszeUeit 

V. Beu»w, G., Zur Entstehungsgeschichte der Acta Borussica .... 142 

Salyioli, G., Per la storia della proprietä in Italia 147 

MüRET, M. P., Le traitö de commerce franco-anglais de 1786, ä propos 

d'une pnblication rteente 442 

Heck, Ph., Die Gemeinfreien des Tacitus und das Ständeproblem der 

Karolingerzeit 451 

m. Literatur. 

Bmnsche Literatur über die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Bußlands 
in den Jahren 1900, 1901, 1902. Besprochen yon W. Dehn. 
N. RoscHKOW 152 

V. Medinoer, Wilh., Dr., Wirtschaftsgeschichte der Domäne Lobositz. 
Besprochen von Johbph Salaba 177 



152055 



IV Inhalt des dritten Bandes. 

Sbrobjewitsgh, Bin neues Werk auf dem Gebiete der Geschichte des 
rassischen Grundbesitzes. Besprochen von M. Boooslowskij . . 

KooLBB, Ferd., Dr., Die Legitimatio per rescriptum von Justinian bis 
com Tode Karls IV. 

Der8., Beitrftg^e zur Geschichte der Rezeption und der Symbolik der 
l^gitimatio per subsequens matrimonium. Besprochen von Sieq- 

FBIBD BiBTSCHBL 

üne Bibliographie de «PHLstoire 6conomique et sociale» moderne et 
contemporaine de la France. Besprochen von Georges Esptnas . 



Freie und unfreie Leihen im späteren liittelalter. 

Von 
H. Wopfncr (Innsbruck). 

Soweit in den letzten Jahrzehnten die Leiheverhältnisse an 
Gnind und Boden zum Gegenstand wissenschaftlicher Unter- 
SQchung gemacht wurden, sind dieselben in freie und unfreie 
geschieden worden'). Als freie Leihen bezeichnete man jene, 
welche das Verhältnis zwischen den beiden im Leihevertrag auf- 
tretenden Kontrahenten rein vermögensrechtlich bestimmten, als 
unfreie jene Leiheverhältnisse, denen zufolge das beliehene Subjekt 
in ein personenrechtliches Abhängigkeitsverhältnis vom Leiheherm 
^riet. Solche unfreie Leihen wurden auch Leihen zu Hofrecht 
genannt. 

Gegen diese Scheidung ist nun in dem hochbedeutsamen 
Werke von Seelioer: Die soziale und politische Bedeutung der 
Gmndherrschaft im früheren Mittelalter (1903) Einspruch erhoben 
worden. VTenn ich Seeliger recht verstehe, so verwirft er diese 
Scheidung überhaupt^, nicht bloß für |die ältere Zeit. Er faßt 
die Eigebnisse seiner Untersuchung in folgenden Sätzen zusam- 
men: „Hofrecht war nie ein mit Leihegiitem bestimmter Kate- 
gerien verbundenes Recht, das die Beliehenen in persönliche 
Abhängigkeit oder gar in Unfreiheit zwang*" (S. 191) — „die standes- 
rechtliche VTirkung gewisser Leihen müssen wir preisgeben** (181). 

Wegen der engen Verbindung der sogenannten unfreien Leihen 
mit dem Hofrecht, ist es nötig, sich aber Wesen und Begriff 



1) Vgl. die bei Rietscuel, Entstehung der freien Erbleihe (Zeitschr. 
d. SaTignystiftang fttr Rechtsgeseh. XXn. germanist. Abteil) S. 181 ff. be- 
cprochene Litenntnr. 

2) Vgl Seeliger, a. a. 0. 177. 

Vi«rteljahr«ehrift f. Social- n. Wirtoohafttg^iehicht«. III. 1 



2 H. Wopfiier 

des Hofrechtes vorerst klar zu werden. Das Hofrecht ist ent- 
standen aus der Gerichtsbarkeit des Grundherrn über seine 
Hintersassen. Die Gerichtsbarkeit über die unfreien Hinter- 
sassen ist hervorgegangen aus der ursprünglich unbeschränkten 
Disziplinargewalt des Herrn über die Knechte, welche sich seit 
der allmählichen Besserung der sozialen Stellung der Unfreien 
in eine Gerichtsbarkeit verwandelte, die an bestimmte, vom Herrn 
gesetzte Normen gebunden war. 

Die Ergebung zahlreicher Freier samt ihrem Eigen in die 
Gewalt (Munt) eines Herrn, fährte andererseits auch' diese in 
das grundherrliche Gericht. Das grundherrliche Gericht nun war 
beschränkt auf die inneren Angelegenheiten der Hintersassen, 
auf ihre rechtlichen Verhältnisse untereinander und zum Grund- 
herrn. Mit der aus der Immunität sich ergebenden Gerichtsbarkeit 
des Grundherrn steht dieses gnindherrliche Gericht in keinem 
inneren Zusammenhang, da das letztere auch in Grundherrschaften 
nachweisbar ist, die keine Immunitätsprivilegien erlangten*). 

Mit dem allmählichen Festwurzeln dieser grundherrlichen 
Gerichtsbarkeit über Freie wie Unfreie bildete sich eine bestimmte 
Rechtspraxis im grundherrlichen Gerichte aus, nach welcher der 
Grundherr bei seinen Entscheidungen vorging. Diese Rechts- 
praxis bezeichnen wir als Hofrecht. Wir verstehen also unter 
Hofrecht die Summe aller jener Rechtssätze, welche die Bezie- 
hungen der grundherrschaftlichen Hintersassen untereinander wie 
zum Grundherrn regelten. 

Da das Hofrecht auf das Standesreeht der Hintersassen nur 
insoweit Einfluß nahm, als es die personenrechtlichen Abhängig- 
keitsverhältnisse zwischen Grundherren und unfreien Hinter- 
sassen regelte, so mußte es keineswegs notwendig uniformierend 
auf das Standesrecht aller grundherrliehen Hintersassen ein- 
wirken *). 

Mit dieser AnfTassung des Hofrechtes scheint aber der 
Umstand schwer vereinbar zu sein, daß in zahlreichen älteren 
wie jüngeren Hofrechten die Hintersassen als Rechtsgenossen 
behandelt und bezeichnet werden, ihre Vereinigung als Genossen- 

1) Vgl. Lampukiht, Deutsches Wirtschaft8leben I/t, 991 ff. 

2) Vgl. Srklkjer, a. a. 0. 17a 



Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter. 3 

Schaft sich darstellt^). Die Genossenschaft setzte aber Rechts- 
gleichheit bei ihren Mitgliedern voraus, dieselben mußten 
wenigstens in der Hauptsache ^vpares"" sein. 

Besteht also doch jene Ansicht zu Recht, welche behauptet, 
das Hofrecht habe uniformierend auf die standesrechtlichen Ver- 
hältnisse der grundherrlichen Hintersassen gewirkt^)? Keineswegs. 
Schon Maurer wie Gierke haben hervorgehoben, daß das Hofrecht 
wenigstens in älterer Zeit nicht stark genug war, diese in der 
gtandesrechtlichen Verschiedenheit begründeten Gegensätze aus- 
zugleichen, daß auch die Unterstellung unter die grundherrliche 
Gewalt nicht imstande war, Freie und Unfreie in einer Genos- 
senschaft zu vereinigen. 

Das Hofrecht mußte daher diese Verschiedenheit berücksich- 
tigen, wo immer es überhaupt den Charakter eines Genossen- 
schaftsrechtes trägt. Es entstanden daher in einem und demselben 
Herrschaftsverband mehrere Genossenschaften, bestehend aus 
Angehörigen einer bestimmten standesrechtlichen Kategorie grund- 
herrlieher Hintersassen. So bestanden z. B. nach dem Wormser 
Hofrecht (1023—25) innerhalb des Verbandes der „familia s. Petri*^ 
eigene Grenossenschaften der Fiskalinen, der dagewardi and 
eoneives'). Ebenso wurden zu Öthmarsen unterschieden die Echte 
(Genossenschaft) der sogenannten „hoffreien** und die „echte 
ofte hörigkeit*" *). 

Das Hofrecht darf also sicherlich nicht als Standesrecht der 
Hörigen aufgefasst werden, da es vielmehr auf eine verschieden- 
artige standesrechtliche Stellung der Hintersassen Rücksicht 
it*). 



1) VgL Gebrke, Das deatsohe Genossenschaftsrecht I, 140 und 155 £f. 
Diejenigen, welche dem Hofrecht unterstehen, werden in Qaellen des früheren 
and späteren Mittelalters als consortes, socii, pares, gnossen n. s. w. bezeich- 
net V^ die Belege bei KLvurer, Fronhöfe IV, 1 ff., Gierkb, a. a, 0. 1, 156. 

2) Vgl. n. 5. 

3) Mon. Germ. bist. LL Sect. IV. Band I. c. 13. 26 u. a. Cit. Gieiike, 
I, 157 ff. Vgl. Maurer, Gesch. der Fronhöfe IV, 12. 

4) Weitere Belege bei Maurer, a. a. 0. IV, 7 f. 12. 

5) Ich möchte nicht mit Seeliqer jene Meinung, welche in dem Hof- 
recht ein Standearecht der Hörigen erblickt, als die herrschende ansehen. 
Schon Maurer, a. a. 0. IV, 12 und GnsRKE, a. a. 0. I, 157, wiesen auf die 



4 H. Wopfner 

Vielfach aber, wenn auch nicht allgemein, ist im späteren 
Mittelalter eine Ausgleichung zwischen den nach ihrem Standes- 
rechte bisher unterschiedenen Gruppen von Hintersassen einge- 
treten. Vor allem verschwindet innerhalb der Genossenschaft 
der Unfreien der Unterschied zwischen den verschiedenen Klassen 
der angesessenen unfreien Hintersassen, so jene zwischen den 
Laten und servi casati^). 

Es tritt nunmehr eine einzige Klasse von Hörigen auf mit 
einheitlichen standesrechtlichen Merkmalen. Ein Stand der Hörigen 
gelangt zur Ausbildung; dessen charakterische Kennzeichen sind: 
Gebundenheit an die Scholle, Erbgebühr, Bindung an Ehebe- 
schränkungen seitens des Herrn. Die geringere standesrechtliche 
Qualität dieser Hörigen gegenüber den Freien kommt im Reichs- 
weistum von 1282 zur Geltung, in welchem Ehen zwischen Freien 
und Hörigen als Ungenossenehen gekennzeichnet werden, bei 
denen die Kinder der ärgeren (hörigen) Hand folgen*). 

Die ursprüngliche standesrechtliche Verschiedenheit der grund- 
herrlichen Hintersassen zeigt sich zwar auch späterhin in dem 
Umstände, dass neben den unter den mannigfaltigsten Bezeich- 
nungen auftretenden hörigen Zinsleuten häufig ausdrücklich 
grundherrliche Eigenleute erwähnt werden^). Ein Unterschied 
zwischen diesen Eigenleuten und anderen Hofhörigen macht sich 
jedoch nicht in standesrechtlicher sondern in vermögensrechtlicher 



innerhalb des weiteren hof rechtlichen Verbandes auftretenden Sondergrnppen 
von Hintenassen verschiedenen Standes hin. Femer tritt auch Schröder*, 
Deutsche Bechtsgesch. 650, der Ansicht Heuhlers (Institutionen des deutschen 
Privatr. I, 39) bei, daß das Hofrecht nicht als ein Standesrecht zu betrachten sei. 

1) Vgl. WriTKTH, Grundherrschaft in Nordwcstdentschl. 276. Kötzschke, 
Studien zur Verwaltnngsgesch. der Großgrundherrschaft Werden a. d. Buhr 66. 
Ober die gewaltsame Her abdrückung freier Hintersassen in die Klasse der 
unfreien vgl. Seelioer a. a. 0. 152. 

2) Mon. Germ. bist. LL. II, 4S9. Sc^huOdeu « a. a. 0. 454. Gegen die 
Auffassung der Hörigkeit als Unfreiheit spricht sich Heusler, I, a. a. 0. 
184, aus, was mir jedoch nach den Bestimmungen des Beichsweistums von 
1282 nicht gerechtfertigt erscheint 

8) Vgl. z. B. tirolische Weistttmer I, 201 ff. (Stiftsöffhnng von Absam, 
14. Jahrh. (?). ^Mair^, „Hausgenossen" und „Eigenleute'' werden nebeneinander 
erwähnt, ohne daß ein Unterschied in standesrechtlicher Hinsicht erkennbar 
wftre. Ähnlich ebend. 188 (Hofrecht von Stumm, 15. Jahrh.) 



Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter. 5 

Hinsicht geltend, indem die Eigenlente teilweise nicht auf herr- 
schaftlichen Gütern angesetzt sind, also der Vorteile des Hofrechts 
entbehren^). 

Gleichwohl ist auch dieses jüngere Hofrecht nicht ein Standes- 
recht, denn es ist nicht ausschließlich in seiner Wirksamkeit auf 
die Hörigen beschränkt. Auch Freie können, wie wir noch sehen 
werden*), für einzelne ihrer Güter des hofrechtlichen Verkehrs 
teilhaftig werden, während es andererseits auch Unfreie gibt, die 
anfierhalb des Hofrechts stehen'). 

Es ist nun eine dem deutschen Recht eigene Gepflogenheit, 
Lasten, welche ursprünglich persönlicher Natur waren, auf Grund- 
stücke zu radizieren. So ist bekanntlich die landesherrliche 
Bede allmählich aus einer von den einzelnen Personen zu ent- 
richtenden Steuer zu einer Reallast geworden. Eine derartige 
Radizierung trat nun auch hinsichtlich der Hörigkeit ein, und 
zwar nach zwei Richtungen. 

Es kommt einmal vor, daß die persönliche Hörigkeit gänzlich 
Terschwindet und nunmehr auch Lasten persönlicher Natur wie 
Erbgebfihr und Kopfzins in gleicher Weise wie der Grundzins 
auf das Leihegut des Hintersassen radiziert werden*). Vielfach 
aber wird das ganze Verhältnis der Hörigkeit in der Weise auf 
Grund und Boden radiziert, daß jeder, der grundherrliches, dem 
hofrechtlichen Verkehr unterworfenes Gut erwirbt. Höriger des 
Grundherrn wird, zu diesem in ein persönliches Abhängigkeits- 
verhältnis gerät und dementsprechend auch eine Minderung seiner 
Freiheit erleidet. Nachweisen läßt sich dieser Entwicklungs- 
prozeß erst seit dem 14. Jahrhundert, doch setzt derselbe zweifel- 
los vielerorts schon im 12. und 13. Jahrhundert ein. 

Diese enge Verbindung zwischen persönlicher Hörigkeit und 
Besitz gutsherrlichen Landes kommt am deutlichsten im Absamer 
Hofrecht*) zum Ausdruck: 

1) Vgl. tirol. Weistümer I. 140 Z. 15 (Hofrecht von Stumm), 209 Z. 21. 

2) Siehe unten 6. 

3) Vgl Heuslek, a. a. 0. I, 39. 

4) Vgl. z. B. Segessek, Rechtsgesch. der Stadt Luzem I, 168 über 
ümirandliing der persönlichen Hörigkeit der Hintersassen des St Leodegar- 
Uosters zn Luzem in dingliche Abhängigkeit. 

5) Tirol. Weifltümer I, 209 Z. 18 «f. 



6 H. Wopfher 

„Mer haben si geöffnet, alle unser frawen aigenlent oder die 
auf den güetern unser lieben frauen gesessen sin, 
die sollen nit heiraten on ains probsts oder maiers willen 
und rat." 

In derartiger Verknüpfung mit dem Besitze bestimmter grund- 
herrlicher Güter tritt die Hörigkeit auch in dem Weistum von 
Emmerke^) auf: 

Es kan auch keyn freyman eigenbehörige meyer- 
dingsgüter, davon halshüner und baulebung gehen, besitzen, 
er setze dan eine getreue handt an das raeyerdingsguth und er 
bleibe also frey." 

Wenn also ein Freier nur dann höriges Gut ohne nachteilige 
Folgen für seinen Stand übernehmen kann, falls er einen Treu- 
händer stellt, der dem Grundherrn gegenüber als verpflichtetes 
Subjekt erscheint, so ergibt sich daraus deutlieh genug, daß die 
Hörigkeit als Folge des Besitzes grundherrlichen Gutes eintritt*). 

Wie die Übernahme hof hörigen Gutes in der Tat eine Herab- 
minderung des Standes der Beliehenen herbeiführte, zeigt eine 
Leiheurkunde von 1311*), laut welcher die Äbtissin des Klosters 
zu Essen, den Töchtern Henrich Scherers, eines (freien) Bürgers 
in Dortmund, ein in den Oberhof Huckarde gehöriges Hofgut 
verleiht. Die Beliehenen und deren nächste Nachfolger, also 
zwei Generationen, sollen frei bleiben: „Persona vero, que hiis 
secundis succedet in dictis bonis, sive sit earum proles sive aliter 
coniuncta, mancipium erit dicte curtis nostre, cum quo 
et se ipsam tenebit secundum ins et consuetudinem curtis predicte 
[Hukerte] et mancipiorum ipsius.^ 

Der ausnahmsweise Aufschub der sozialen Wirkung des Leihe- 
vertrages wird ausdrücklich als Akt besonderer Gnade bezeichnet: 
„notum facimus [abbatissa] quod nos Gertrudi et Elyzabeth filiabus 
. . . gratiam facere volentes specialem," was hiernach 
dem ganzen Zusammenhang nicht als bloß formelhafte Wendung 
bezeichnet werden darf. 

Diese Verknüpfung ursprünglich rein persönlicher, selbständig 

1) GRihm, Weistümer IV, 664 § 19, zit. Heusler, a. a. 0. I, 36. 

2) Weitere Beispiele bei Heusler, a. a. 0. I, 86. 

3) KiNDLiNOER, Gesch. der deutschen Hörigkeit 861. 



V 



Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter. 7 

bestehender Abhängigkeitsverhältnisse mit Grund und Boden 
kommt in der Sprache der Rechtsquelien zum Ausdruck, die 
einen merkwürdigen Parallelismus der verschiedenen Klassen der 
Baoem mit verschiedenen Klassen der Bauerngüter aufweisen. 
Es werden unterschieden freie, vogtbare, hörige u. s. w. Leute 
and entsprechend auch Freigüter, vogtbare und eigenbehörige 
Güter '). 

Treten wir nun auf Grund der bisherigen Ausführungen an 
die Lösung der Frage heran, ob die Scheidung in freie und 
nnfreie Leihen gerechtfertigt sei, so werden wir diese Frage 
bejahen müssen, da ja jeder Freie, der ein hof höriges Gut der 
geschilderten Art übernahm, zum Hofhörigen herabsank. Weil 
andererseits diese Leihegüter dem hofrechtlichen Verkehr unter- 
worfen waren und derartige Leiheverträge dem Hofrecht ihre 
Ausbildung verdanken, können wir von Leihen nach Hofrecht 
sprechen, jedoch mit einer Einschränkung nach zwei Seiten. 

Erstens hat nicht jede Leihe nach Hofrecht standesrechtliche 
Wiikungen, denn auch das spätere Mittelalter kennt Hofrechte, 
die sich auf eine rein vermögensrechtliche Regelung der Bezie- 
hoDgen zwischen Grundherren und Hintersassen beschränken^). 
Es ist also zu unterscheiden zwischen einer Leihe nach strengem 
Hofrecht mit standesrechtlicher Wirkung auf den Beliehenen und 
einer Leihe nach leichterem Hofrecht mit ausschließlich vermö- 
gensrechtlicher Wirkung. 

Zweitens aber ist hervorzuheben, daß im früheren Mittelalter, 
vor jener Radizierung der Hörigkeit auf das hörige Gut, nicht 
jede unfreie Leihe eine Leihe nach Hofrecht sein mußte. Dem 
Leiheherrn stand es schließlich frei auch Leihegüter, die dem hof- 



1) Vgl V. Wyss, Die freien Bauern, Freiämter, Freigerichte nnd die 
Vogteien der Ostschweiz im späteren Mittelalter (Zeitschr. f. schweizerisches 
Recht. XVnL Abhandinngen) 108. Siehe oben 6. An und für sich würde 
die«e Sprechweise der Quellen freilich noch nicht beweisend sein im Sinne 
der oben vertretenen Ansicht, da schon in fränkischer Zeit mansi serviles, 
litiles and ingenniles erwähnt werden. 

2) So z. B. das Stiftrecht von Kitzbühel (tirol. Weistümer I, 77). 
Über rein vermögensrechtliche Regelung der Beziehungen zwischen dem 
St. Leodegarkloster zu Luzem und seinen Hintersassen vgl. Segesser, a. a. 0. 
I, 156 ff. 



8 H. WopfDcr 

rechtlichen Verkehr nicht unterlagen, zu solchen Bedingungen zu ver* 
geben, welche nachteilig auf den Stand des Beliehenen einwirkten^). 

Ebensowenig wie jede hofrechtliche Leihe als unfrei anzu- 
sehen ist, darf auch die Kompetenz des Hofgerichts in Leihe- 
sachen als notwendiges Merkmal unfreier Leiheverhältnisse be- 
zeichnet werden^. Wo das Hofrecht die Leiheverhältnisse rein 
vermögensrechtlich regelt, vermag die Dingpflicht des Beliehenen 
vor dem Hofgericht keinerlei standesrechtliche Wirkung auszuüben, 
da der Leihemann ja in anderen Beziehungen demselben nicht 
untersteht^). 

Andererseits ist allerdings ein Leiheverhältnis, das gänzlich 
oder doch in wichtigen Bestimmungen dem Landrecht untersteht^ 
entschieden als freies anzusehen, denn ein unfreies Leiheverhältnis 
machte den Leihemann unfrei und gestattete daher — im früheren 
Mittelalter wenigstens — in Leihesachen keine Kompetenz des 
Landgerichts, im späteren Mittelalter aber, wo die Leihe nach 
strengem Hofrecht die einzige uns bekannte Form unfreier Leihen 
ist, mufite durch die Kompetenz des (niederen) Landgerichts in Leihe- 
sachen der Einflufi des Hofrechtes auf Leihegut und Beliehenen 
ganz oder doch zum größten Teil faktisch beseitigt werden*). 

1) Auf die Existenz unfreier Leiheyerbältnisse im früheren Mittelalter 
scheint mir eine Urkunde von 968 (Hist. de Metz 79) zit. Waitz, Deutsche 
Verfassung^esch. V^ 300 n. 1, hinzuweisen: Der Abt von St. Arnulf in 
Metz hat unter genauer Festsetzung von Abgaben und Diensten seine Hinter- 
sassen, wie es heißt, von knechtischer Abhängigkeit befreit: „De caetero 
tam terras sortium suarum quam quaeque ad se pertinentia nomine ac 
iure ingenuitatis habeant.^ Was sollte letztere Bestimmung „die 
Güter zu freiem Recht innehaben*' bezwecken als festzustellen, daß aus dem 
zwischen Abt und Hintersassen bestehenden Leiheverhältnis keine persönliche 
Abhängigkeit, keine Unfreiheit, letzteren erwachsen solle. Es müssen also 
unfreie Leiheverhältnisse bekannt gewesen sein. 

2) Die Ansicht, daß die Freiheit vom grundherrlichen Hofgericht ein 
wesentliches Merkmal aller freien Leiheyerbältnisse sei, ward von LAMPREcifT, 
Deutsches Wirtschaftsleben I, 2. 926 sowie auch von mir in meinen Beiträgen 
zur (beschichte der freien, bäuerlichen Erbleihe Deutschtirols (Gierkes Unter- 
suchungen zur deutschen Staats- und Bechtsgeschichte LXVn, 81) vertreten. 

8) Vgl. Seeliger, a. a. 0. 166. 

4) Die GMiter des Klosters Gteorgenberg in Tyrol sind beispielsweise 
durchaus zu freier Leihe ausgetan und unterstehen dementsprechend dem 
Landgericht, in welchem sie gelegen sind. So durfte vor allem die Ab- 



Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter. 9 

Der Unterschied zwischen unfreien und freien Leihen ist auch 
im Hittelalter selbst wohl erfaßt worden, indem von einem Besitz 
von Leihegnt iure ingenuitatis ^), von einer Leihe „zu freiem 
Banrecht", „nach freier Leute Recht** ^) gesprochen wird. 

Blicken wir nun auf die bisherigen Ausführungen zurück, so 
wäre das Ergebnis derselben folgendes : Das Hofrecht der älteren 
Zeit ist kein Recht der grundherrlichen Hintersassen, welches 
die ständische Verschiedenheit derselben unterdrückt und uni- 
formiert. Soweit es die Leiheverhältnisse an grundherrlichem 
Gate regelt, kommt es nicht in die Lage, auf die standesrechtliche 
Stellung des Beliehenen einen Einfluß auszuüben. Es regelt das 
Personenrecht der Hintersassen auf Grund ihrer persönlichen 
Stellung zum Grundherrn, daß es aber bereits im früheren Mit- 
telalter persönliche Abhängigkeit vom Grundherrn mit dem Besitz 
bestimmter grundherrlicher Güter verbunden habe, ist unerweislich. 
Die Existenz unfreier Leiheverhältnisse dürfen wir daher 
nur insofern annehmen, als der Grundherr in einzelnen konkreten 
Fallen persönlich ein Gut unter solchen Bedingungen verlieh, 
welche Unfreiheit des Leihemanns zur Folge hatten. Erst in 
ifttterer Zeit zeigt sich auch im Gebiet des Hofrechts jener dem 
deutschen Recht eigene Prozeß der Radizierung, infolgedessen 
das Hörigkeitsverhältnis mit bestimmten Grundkomplexen derartig 
verbunden wird, daß jeder der dieselben innehat, auch in dieses 
Rechtsverhältnis eintreten muß. Erst diese Leihen dürfen wir 
als unfreie Leihen nach (strengem) Hofrecht bezeichnen. 

Wahrend uns Beispiele von älteren unfreien Leiheverhält- 
nissen, die wohl vielfach gar nicht schriftlich fixiert wurden, 
Dicht vorliegen, fehlt es nicht an Beispielen freier Leiheverträge. 
Die Ursache für deren reichlichere Überlieferung, vor allem in 
der Form der Prekarie, liegt wohl in der häufigen Verbindung 
dieser Leihe mit vorhergehender Schenkung an die verleihende 



mäenmg nicht ohne ein entsprechendes, im (')ffentlichen Gerichte gefundenes 
Urteil vollzogen werden. Das gnmdherrliche Banding hat nur das Recht 
nr üntenuchnng oh die Güter in gutem Stand erhalten werden, oh der 
2b8 in richtiger Qualität gereicht werde und dgl. 

1) Siebe oben 8 n. 1. 

2) Vgl. WopFXER, a. a. 0. 100. 



10 H. Wopfiier 

geistliche Anstalt. Die im Interesse letzterer gebotene Aufzeich- 
nung solcher Schenkung, zumal die Eintragung in Traditions- 
bücher bewirkte, daß die mit den Schenkungen verbundenen 
Leiheverträge gleichfalls schriftlich fixiert wurden. Andererseits 
mögen auch der Umfang der verliehenen Güter wie der Stand 
der Beliehenen nicht selten den Anlaß zur Aufzeichnung ge- 
boten haben. 

Die herrschende Meinung bezeichnet vor allem die preearia 
und das beneficium als die zwei Formen der freien Leihe älterer 
Zeit. Was nun das Verhältnis der preearia zum beneficium be- 
trifft, so kommt Seeijger ^) auf Grund eingehender Untersuchungen 
für die Merowingerzeit zu demselben Ergebnis, zu welchem 
RiETSCHEL ^ für die ganze Zeit des Auftretens von preearia und 
beneficium gelangte, daß nämlich alle Prekarien zu den Bene- 
fizialleihen gehören. 

Während nun darüber wohl kein Zweifel herrscht'), daß in 
späterer Zeit beneficium eine ziemlich farblose Bezeichnung für 
Leihen verschiedenster Art ist, hat Seeliger gegen die herr- 
schende Meinung, die in der preearia ein freies Leiheverhältnis 
sieht, Stellung genommen. Zwar hinsichtlich der preearia der 
ältesten Zeit bemerkt er: „Das durch preearia geschaffene Leihe- 
verhältnis ward als ein freies erachtet^);" hingegen sagt er von 
der jüngeren Prekarie: „Jetzt — seit dem 9. Jahrhundert — liegt 
in der durch Hingabe eines Gutes bewirkten Leihe allein das 
Charakteristische der Prekarien, liegt allein das, was sie von 
anderen Leihen unterschied," und fugt dann noch in der Folge 
bei : „Naturgemäss sind die persönlichen und dinglichen Verhält- 
nisse des Prekaristen zum Leiheherrn sehr verschieden. Schon 
die wirtschaftliche Verbindung war keineswegs überall die 
gleiche . . . Erst recht verschieden war die Gewalt des Herrn 
über die Prekaristen. Hier beruhte das Verhältnis auf einem 
rein dinglichen Vertrag Gleichgestellter, dort finden wir straffe 



1) A. a. 0. 28. 

2) Die Entstehung der freien Erbleihe in Zeitschr. der Savignystiftung 
für Rechtsgesch. (german. Abteü.) XXn (XXXV), 204. 

3) Seeliger, a. a. 0. 46, Rietschkl, a. a. 0. 204. 

4) Seeli(;er, a. a. 0. 20. 



Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter. H 

Abhängigkeit des einen. Kommt es doch vor, daß Prekaristen 
nnfrei werden, daß die Hingabe der Freiheit der Preis war für 
das im Prekarienvertrag empfangene Leihegut ^)." 

Es ist gewiß zuzugeben, daß auch das persönliche Ver- 
hältnis des Prekaristen zum Leiheherm ein sehr verschiedenes 
sein konnte. Als unfrei dürfen wir aber das Leiheverhältnis 
nor dann bezeichnen, wenn die Unfreiheit in einem innem Zu- 
simmenhang steht mit dem Leihevertrag, wenn sie als dessen 
notwendige Folge anzusehen wäre. 

Seeliger glaubt, die Prekarie umfasse freie und unfreie Leihen 
im Sinne der herrschenden Meinung und führt hiefür als Belege 
Prekarien an, in welchen die Prekaristen zugunsten des Leihe- 
herm auf ihre Freiheit verzichten-). In den von Seeliger bei- 
gebrachten Belegen handelt es sich um Prekarien, bei welchen 
die Leihe verbunden ist mit einer Schenkung seitens des Be- 
Uehenen. Wird bei der sogenannten precaria oblatata Gut 
geschenkt, welches dem Schenker wieder als Prekarie ver- 
lidien wird, so kommen doch auch zahlreiche Fälle vor, wo 
anderes Gut geschenkt wird, als dann Objekt der prekarischen 
Leihe bildet'). 

Fassen wir einmal die von Seeliger angeführten Prekarien 
ins Auge! Sie lauten: „Pro recompensatione huius precari«.; 
tradiderunt s. Salvatori . . . semet ipsos suosque deinde infan- 
tes.*- Mittelrheio. ÜB. I, 248 (c. 948). 

^Dederunt enim XI mansos . . . et se ipsos ycelesi<;." 
Hochst-Halb. ÜB. I, 85 n. 123 (1106). 

„Filii [des Prekaristen] subdiderunt se eidem ^cclesie servili 
iure.** Westf. ÜB. Suppl. 102 n. 619 (1011—29). 

Sowohl im ersten wie im zweiten Falle erscheint die Auf- 
gabe der Freiheit als Gegengabe seitens des Prekaristen. Im 
ersten Fall ist die persönliche Hingabe an den Leiheherm die 
einzige Gegengabe, im andern Falle übergeben die Prekaristen 
«ch selbt, sowie ihre Kinder und außerdem noch 11 Hufen. 
In diesen beiden Beispielen, wie im dritten Beispiele steht der 

1) A. a. 0. 47 ff. 

2) A. a. O. 49 n. 2. 

3) Wopt-XER, a. a. 0. 9. 



12 H. Wopfher 

Verzicht auf die Freiheit seitens der Prekaristen in keiner 
inneren Verbindung mit der Leihe. Man kann hier nicht von 
einer standesrechtlichen Wirkung des Leiheverhältnisses sprechen, 
der Verzicht auf die Freiheit ist nicht die Folge des Leihe- 
vertrags oder der Übernahme von Leihegut, sondern ist bedingt 
durch nebenhergehende Abmachungen. Die Natur der vom 
Prekaristen dargebrachten Gegengabe ist für den Charakter der 
prekarischen Leihe ganz unerheblich ^). 

Daß am Charakter der Prekarie als eines freien Leihever- 
hältnisses auch dadurch nichts geändert wird, daß Unfreie als 
Prekaristen erscheinen, hat schon Rietschel mit Recht hervor- 
gehoben *). 

Nichts spricht gegen die Annahme, daß das prekarische 
Leiheverhältnis nicht auch in die Kreise des Hofrechts eindrang, 
daß dasselbe nicht auch dem Hofrecht unterstellt worden wäre. 
Andererseits aber unterliegt es keinem Zweifel, daß die precaria 
ihrer Entstehung wie auch ihrem späteren Auftreten nach ein 
vor allem dem Landrecht unterstehendes Rechtsverhältnis war'). 
Schon der Stand vieler Prekaristen tut dies kund*). 

Wenn wir nun an die Lösung der Frage herantreten, ob die 
freie bäuerliche Erbleihe des 12. und 13. Jahrhunderts, die sich 

1) Wenn in einer Prekarie von 1092 (Seeliger a. a. 0. 164 f.) bestimmt 
wird, der Prekarist unterstehe bei nachlässiger Zinszahlung dem „indidnm 
familiae*', so wird dadurch der Charakter der Prekarie als freier Leihe nicht 
berührt (siehe oben 8). FUr jene Fälle, wo der Prekarist sich in die Munt des 
Leiheherm begibt (vgl. Caro, Studien zu den älteren St. Galler Urkunden. 
Jahrbuch für schweizerische Gresch. XXVI 261, n. 3), gilt dasselbe, was hin- 
sichtlich der Ergebung in Unfreiheit bemerkt wurde. Auch dann, wenn die 
Prekaristen all ihr Grundeigen übergeben und dann, wie dies eine Urkunde 
von 901 (WARTikL\NN, ÜB. St. Gallen IL n. 720) zeigt, in ein persönliches Ab- 
hängigkeitsverhältnis (sub. tutela) vom Leiheherm geraten, ist letzteres keine 
Folge des Leihvertrages sondern des Umstandes, daß der Prekarist kein 
Eigen mehr besitzt und daher seine Stellung im öffentlichen Gericht schädigt. 
Vgl. Wyss, a. a. 0. 160 ff. und Seeliger, a. a. 0. 75 f. 

2) A. a. 0. 201. 

3) Vgl. Heusler, Listitutionen des deutschen Privatrechts IX, 170. 

4) Prekarie des vir inlustris Gozbertus, des Herzogs Gieselbert, Mittel- 
rhein. ÜB. n. 163. 169; zit. Heusler a. a. 0. I, 29 n. 6; vgl. femer Lam- 
Precht, Deutsches Wirtschaftsleben I/s, 899 f. Salzburger ÜB. I, 70 ff. n. 4. 8. 
15. 28. 37 u. 8. w. (10. Jahrh.) 



Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter. 13 

TOD Anfang an als ein vom Hofrecht unabhängiges, nicht ihm, 
«ondem dem Landrecht unterstehendes Leiheverhältnis darstellt, 
«08 der Leihe nach Hofrecht oder der Prekarie herzuleiten ist, 
«0 müssen wir uns für den Ursprung aus der Prekarie ent- 
flcheiden, falls sich nachweisen läßt, daß letztere unmittelbar 
Tor jener Zeit der Ausbreitung freier, nicht hofrechtlicher Erb- 
leiben and zu dieser Zeit selbst sich zur Erbleihe entwickelt habe. 
RiETSCHEL ^) hat an der Hand der Traditionen an St. Stephan 
is Wurzburg zuerst den Nachweis erbracht, daß sich aus Pre- 
karien, die den Charakter yon Vitalleihen trugen, allmählich 
Prekarien mit vererblichem Nutzungsrecht herausbildeten. 

Hiei^egen erhebt nun Seeuger in seinem bereits öfters an- 
geführten Buche Einspruch. Zwar stellt er nicht in Abrede, 
dat Prekarien „gewiß oft zu freien Erbleihen geführt*" haben*), 
fiigt jedoch hinzu: „aber in der Precarienleihe als solcher kann 
lieht der Ursprung der freien Erbleihe gefunden werden, die 
freie Erbleihe darf nicht als die in bestimmter Richtung fort- 
entwickelte Precaria gelten. Alles, was als charakteristisch an 
Precarien erkannt wilrde, spricht dagegen. Es beruht auf einem 
liTtum, die Precarien an sich als frei und nichthofrechtlicb an- 
nsehen« Wurde doch nachgewiesen, daß mancher Precarist unter 
das herrschaftliche Gericht geführt, daß mancher sogar unfrei 
wurde. Und dazu kommt vor allem, daß Erblichkeit auch bei 
aolehem Leiheland stattfand, das nicht im Precarienvertrag ge- 
geben wurde*)." 

Daß die Prekarie an sich als frei anzusehen sei, hierfür ver- 
suchten wir in den vorangehenden Ausführungen den Beweis zu 
erbringen'). Wenn Seeuger darauf verweist, daß bereits im 
11. Jahrhundert Beispiele freier Erbleihen aufgewiesen werden 
können, die nicht als Prekarien anzusehen sind^), so scheint 
nir dieser Einwand gegenüber Rietschels Darlegungen nicht 
beweiskräftig zu sein. Es mögen wohl bereits im 11. Jahr- 
hundert freie bäuerliche Erbleiheverhältnisse vereinzelt unab- 



1) A. a. 0. 214ff. 

2) A. a, 0. 190 f. 

3) Siehe oben 10 ff. 

4) A. a. 0. 188 ff. 



14 H. Wopfher 

hängig von der Prekarie bestanden haben. Da letztere aber von 
der Merowingerzeit bis herauf ins 13. Jahrhundert so überaus 
häufig und in so weiter Ausbreitung nachweisbar ist ') und 
andererseits gerade aus dem von Rietschel benützten Material 
die organische Weiterbildung der Prekarie mit zeitlich begrenz- 
tem Nutzungsrecht zur Prekarie als Erbleihe deutlichst ersicht- 
lich wird, so sind wir wohl zur Annahme berechtigt, daß die 
aus der Prekarie herausgewachsenen Erbleiheverhältnisse als 
Vorbild für die Begründung zahlreicher freier bäuerlicher Erb- 
leihen dienten. 

Es steht unleugbar fest, daß bereits in früheren Jahrhunderten, 
so im 9. und 10., Prekarien mit erblichem Besitzrecht nicht selten 
waren. Diese Tatsache -) dürfte aber kaum gegen die Rietschel- 
schen Ausfuhrungen etwas beweisen. Vor allem kommt es doch 
darauf an, daß unmittelbar vor dem Auftreten freier bäuerlicher 
Erbleihen und in der Zeit ihres beginnenden Auftretens die 
Prekarie bereits zur Erbleihe geworden ist. Die Prekarie ist ja 
selbstverständlich nicht die Ursache der Ausbildung freier 
bäuerlicher Erbleihen, sondern nur der Ursprung, aus welchem 
letztere hervorgingen und Vorbild, nach welchem sie sich ge- 
stalten. Wenn bereits im 9. und 10. Jahrhundert in St. Gallener 
Urkunden die Prekarie sich häufig als Erbleihe darstellt, so kam 
sie damals nicht in die Lage, einen ähnlichen Einfluß auf die 
Gestaltung der bäuerlichen Leiheverhältnisse auszuüben, weil 
jene Umstände, wie innere und äußere Kolonisation, Blüte 
des Städtewesens u. s. w. damals noch nicht diese Wirksamkeit 
auf Hebung des Bauernstandes im allgemeinen, wie Ausbreitung 
freier bäuerlicher Erbleihen im besonderen entfalteten, wie gerade 
im 12. und 13. Jahrhundert. 

Außerdem darf nicht übersehen werden, daß der wirtschaft- 
liche Charakter der älteren prekarischen Erbleihe ein ganz 
anderer ist als jener der jüngeren, die uns Rietschel in den 
Traditionen an St. Stephan vorwies. Bei jenen von Seeuger 
angeführten älteren ftekarien zu Erbrecht wird ein Zins aus- 
bedungen, der in keinem Verhältnis stehen kann zur Grundrente 

1) Vgl. Rietschel, a. a. 0. 224 ff., Wopfxer, a. a. 0. 8 f. 

2) die ja auch Bietscuel bekannt war, vgl. tu a. 0. 208 and 230. 



Freie und unfreie Leihen im späteren Mittelalter. 15 

des yerliehenen Gutes'). Dieser Zins hat offenkundig nur die 
Bedeutung einer Rekognition des grundberrlichen Eigentums. 
Die Würzburger Prekarien stehen hingegen in dieser Hinsicht 
den freien bäuerlichen Erbleihen des 12. und 13. Jahrhunderts 
viel näher*). 

Daß bei den Prekarien, welche mit vorausgehender oder 
nachfolgender Schenkung seitens des Prekaristen verbunden 
waren'), sich Mhzeitig Erblichkeit des Leiheverhältnisses ent- 
wickelte, ist unschwer einzusehen, da hier der Prekarist in seiner 
Eigenschaft als Schenker vielfach in der Lage war, die Bedin- 
gungen des Leiheverhältnisses vorzuschreiben. 

Gegen jene Meinung^), welche den Ursprung der freien 
bäuerlichen Erbleihe des 12. und 13. Jahrhunderts nicht in der 
Prekarie, sondern in der Leihe nach Hofrecht sucht, spricht 
auch der Umstand, daß bei dieser, soviel wir ersehen können, 
vielerorts nur faktisch eine Nachfolge der Erben in das Leihe- 
gut besteht, nicht aber rechtlich. 

In Tirol war z. B. dieses ältere hofrechtliche Leiheverhältnis 
nicht selten derartig geregelt, daß der Beliehene alljährlich ab- 
9tiftbar war*). Die schlechte Qualität des Leiherechts vieler 
Hintersassen kommt am deutlichsten im 13. Jahrhundert in jenen 
gewaltsamen Bestrebungen derselben ans Licht, ihr schlechtes 
Besitzrecht in ein besseres, erbliches zu verwandeln*). 



1) Zins von 1 den. in n. 780. 799. 804—807. 809. 812. 816; Zins von 
2 den. in n. 802, von 6 den. in n. 783, von 2 Hühnern in n. 782 und 803 
(Wartmann, ÜB. St. GaUen XU). 

2) Vgl. ScHANNAT, vindemiae litterariae I, 54 ff. n, 2. 5. 16. 20. 21. 
31. 36 n. 8. w. 

3) Die von Seklkikr, a. a. 0. 50 n. 2 angeführten St. Galler Prekarien 
nit erblichem Besitzrecht gehören in diese Kategorie. 

4) Über die Vertreter derselben vgl. Rietschel, a. a. 0. 182 ff. 

5) Vgl. WoFtNEK, a. a. 0. 69 f. 

6) Ebend. 73 ff., vgl. femer über derartige Bewegungen nnter den griuid- 
herriichen Hintersassen Bibtsc^hels Rezension vorgenannter Arbeit in der 
Vieneijahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgesch. U, 328, ferner Segb88Ek, 
a. a. 0. I, 728 n. 2: Kaiser Friedrich IE. entscheidet zuungunsten der ein 
erbliches Besitzrecht an den Gütern (eine Beschränkung auf die Sellantgüter 
wie Se(:;es8EU annimmt, vermag ich aus der Urkunde nicht herauszulesen) 
dfs Klosters Münster anstrebenden Hintersassen : ^et uobis [preposito et fra- 



16 H. Wopfner 

Das Auftreten dieser Bewegung im 13. Jahrhundert ist jed 
zweifelsohne auf das immer weitere Vordringen der freien E 
leihe zurückzuführen, wodurch die grundherrlichen Hintersas 
erst den Ansporn erhielten, mit besonderem Nachdruck ai 
ihrerseits eine Besserung des Besitzrechtes anzustreben« Es 
ja eine alltäglich zu beobachtende Tatsache, dass glei 
mäßig lastender Druck, in unserm Falle gleichmäßig schlecti 
Besitzrecht, weniger hart empfunden wird, als ein Druck, 
die Angehörigen einer Klasse verschieden belastet. 

Die Gründe der Ausbreitung freier Erbleihen bedürfen 1 
wohl keiner eingehenderen Auseinandersetzung ^). Wie schon 
Altertum*), so tritt auch im 12. und 13. Jahrhundert die Erble 
als die spezifische Leihe für Rottland auf. Die Kolonisation 
östlichen und nördlichen Deutschland sowie der regere Ausi 
des älteren Siedelungsgebietes haben daher unstreitig zu aus 
dehnter Anwendung freier Erbleiheverhaltnisse geführt, was dj 
wieder nicht ohne günstige Rückwirkung auf die allgemeine Lj 
der grundherrlichen Bauleute blieb und zu einer Besserung 
Leiheverhältnisse am älteren Kulturboden führte. So moch 
denn auch die hofrechtlichen Leiheverhältnisse, wenn auch ui 
anfänglichem Widerstand der Grundherren ^), sich in Erbleil 
umgestalten. 

Der Verfall der grundherrschaftlichen Organisation bewir 
seit dem 12. und 13. Jahrhundert ein Zurückdrängen der Lei] 

tribus] potestatem et libertatem quam cetere ecclesie ad regn 
pertinentes usque ad tempora nostra habnisse dignoscontu] 
sententia nostre corie . . . concessimas, videlicet nt de dominicalibus nef 
et Innaticis seu alüs benefidis ad predictas curias pertinentibus utilias 
melios quam antea ordinatom ftierit facoltatem disponendi habeatis.^ 

Wenn in Niedersachsen die Laten bereits im 12. Jahrhundert allgeo 
Erbrecht an ihren Gütern besitzen (Wittich, Grundherrsch, in Nordiw 
dentschland 280), so dürfte hier wohl an den großen Einfloß der fr 
Kolonistenleihen im ni(rdlichen (Kolonistenrecht von 1106 bei Altm;^ 
Bernheim, ausgewählte Urkunden 146) und östlichen Deutschland zu den 
seiUi der sich naturgemäß in Niedersachsen früher geltend machte als e 
im Süden Deutschlands. 

1) Vgl. Inama, Deutsche Wirtschaf tsgcsch. II, 206 f. 

2) WoPFN-ER, a. a. 0. 61 f. 

3) Siehe oben 15 n. 6. 



Freie und unfreie Leihen im sp&teren Mittelalter. n 

nmeh Hofrecht zugunsten der Leihen nach Landrecht, denn die 
Zersetzung der Fronhofsverfassnng entzog auch dem auf dieselbe 
aufgebauten Hofreeht den Boden. Am schnellsten äufierte sich 
dieser Prozeß in jenen Grundherrschaften oder jenen Teilen der- 
selben, in welchen die Streulage des Besitzes der grundherr- 
schaftlichen Verwaltung besondere Schwierigkeiten entgegenstellte. 

In Tirol beispielsweise lassen sich an den großen weithin 
verstreuten Grundbesitz der Kloster Geoi^enberg, Stams'), Neu- 
stift u. a. im 14. und 15. Jahrhundert nur landrechtliche Leihe- 
verhältnisse nachweisen. In Niedersachsen wurden zahlreiche 
Grundherren durch die Mangelhaftigkeit der Villikationsverfassung 
zur Auflösung derselben bewogen. An Stelle der bisherigen, 
durch das Hofrecht geregelten Besitzverhältnisse der Laten trat 
das Meierrecht, ein dem Landrecht unterstehendes, zeitlich be- 
schranktes Leiheverhaltuis'). 

Daß die Beseitigung der hofrechtlicheu Leihererhältnisse 
keineswegs immer einen Vorteil für die Beliehenen bedeutet, zeigt 
sich gerade hier in Niedersachsen, wo das vererbliche Besitzrecht 
der Laten nach Hofrecht durch Zeitpacht nach Landrecht vielfach 
verdrängt wurde"). 

Neben dem Verfall der grundherrlichen Organisation müssen 
wir in der erstarkenden landesfurstlichen Macht eine der Ursachen 
sehen, welche auf Beseitigung des Hofrechts und damit auch 
der hofrechtiichen Leiheverhältnisse hinwirkte. Der Landesfnrst 
suchte einerseits durch seine Jurisdiktion, andererseits im Wege 
der Gesetzgebung den Geltungsbereich des Hofrechts einzuengen ^). 



1) Nor innerhalb des Gebietes der Stamser Hof^nark, wo der klösterliche 
Besiiz kommassierter Isg, lassen sich hn Hoftnarksrecht des 16. Jahrhunderts 
Spuren einstiger hofrechtiicher Leihen entdecken. VgL tirol. Weistümer 
n, 56 Z. 21 ff.: Von erst snlt ir wissen, daz mein herr von Stams und 
sein gotzhaoß zu eu und den gfietem, darauf ir iesand wesentlich sitzt, vil 
»er gerechtikait hab«n, dann no andern des gotzhaoß gttetem, in der graf- 
schaft Tirol gelegen. 

2) WrmcH, a. a. 0. 324ff. 
H) WrmcH, a. a. 0. 881 ff. 

4) Die toroUsche Landesordnung yon 1404 (public. bei^WopFNER, a. a. 0. 
Beil. XVn) stellt alle bftnerliche Leiheverhiltnisse unter den Schutz des 
Richters, in dessen Bezirk das Leihegnt liegt (Punkt 12); das bayrische 

Vi«rtelJ«hnckr. f. SoeUl- o. Wirttohftflflgetehiehte. III. 2 



18 H. Wopfner 

Ennöglicht und rechtlich begründet wurde dieses Eingreifen der 
Landesfursten in die grundherrschaftlichen Rechte, namentlich 
die Rechte der geistlichen Grundherren, durch die Ausdehnung 
der landesfürstlichen Yogteigewalt, die allmählich die verschiedenen 
Vogteien innerhalb eines Territorium aufsaugte. Die Vogtei aber 
gab dem Landesherm die Befugnis, den grundherrlichen Hinter- 
sassen Schutz gegen die Übergriffe der Grundherren zu gewähren, 
dann aber auch positive Vorschriften zur Regelung des Verhält- 
nisses zwischen Grundherren und Hintersassen zu treffen. 

Diese Bestrebungen der landesfürstlichen Gewalt auf Ein,- 
schränkung der Wirksamkeit des Hofrechts kamen ebensolchen 
auf Seite der grundherrlichen Hintersassen, ja überhaupt weiter 
Kreise der Bevölkerung entgegen. So fordern Bürger- und Bauern- 
stand am Innsbrucker Landtag von 1525 „daz man in gedachter 
grafschaft Tirol under ainen landsprauch wonen" soll und 
wenden sich gegen das Verhalten vieler geistlicher Grundherren : 
„daz sy sprechen, es soll mit den guetem nach irs stifts und 
gotzhaus rechten gehalten werden, daz ist: es sey dem 
landsprauch gemäß oder nit"^). 

Erwiesen sich also bereits seit dem 12. Jahrhundert eine 
Reihe von Umständen dem Hofrecht und den Leihen nach Hofrecht 
feindlich, so haben sich letztere wie ersteres gleichwohl durch 
das ganze Mittelalter erhalten. 

Fassen wir die hauptsächlichen Ergebnisse dieser Untersuchung 
zusammen, so hat dieselbe vor allem versucht, den Nachweis zu 
erbringen, daß jene von der herrschenden Meinung angenommene, 
von Seeuger aber bekämpfte Scheidung der Leiheverhältnisse in 
freie und unfreie zu Recht bestehe. Als unhaltbar aber erwies 
sich die von der herrschenden Meinung vertretene Gleichstellung 
der unfreien Leihen und der Leihen nach Hofrecht. 

Wir sind dazu gekommen, in den Erörterungen über die 
Natur des Hofrechts uns im wesentlichen der Ansicht Seeligers, 



Landrecht von 1346 regelt in TiL 13 cap. 12, 22 u. a. sowie Tit. 16 cap. 1 u. 2 
bäuerliche Leiheverh&ltnisse ganz allgemein ohne zwischen landrechtlichen und 
hofrechtlichen Leihen zu unterscheiden. Über Eingriffe landesherrlicher Beamten 
in die grundherrliche Gerichtsbarkeit vgl. Maurer, Fronhöfe IV, 490. 
1) WopFKER, a. a. 0. 83 n. 2. 



Freie und nnfreie Leihen im späteren Mittelalter. 19 

Heuslers nnd anderer anzuschließen, daß Hofrecht im allgemeinen 
nidit ein Standesrecht, nicht das Recht der unfreien Bauern sei, 
sondern nur ein Recht bestimmter Verhältnisse. Es vermag 
daher auf den Stand aller ihm Unterworfener nicht jene ihm 
yiel&ch zugeschriebene uniformierende Wirkung auszuüben. Es 
ordnet die Rechtsverhältnisse sowohl der freien wie unfreien 
gmndherrlichen Hintersassen mit Rücksichtnahme auf ihre standes- 
rechtliche Stellung. 

Das Hofrecht schafft nicht eine einheitliche Masse unfreier 
Hintersassen. (Geregelt vom Hofrecht bilden sich verschiedene 
Genossenschaflen grundherrlicher Hintersassen ; die Mitglieder 
der einzelnen Genossenschaflen setzen sich aus den einander 
standesrechtlich am nächsten Stehenden zusammen. Diese Ge- 
nossenschaften verwischen also nicht den Gegensatz von freien 
nnd unfreien Hintersassen; wohl aber schleifen sich etwa noch 
vorhandene Gegensätze innerhalb der einzelnen Genossenschaflen 
ab. Die unfreien Genossen werden durch diesen Prozeß zu einem 
einzigen Stand, dem der Hörigen, verschmolzen. Die einzelnen 
Hit^eder dieser letzteren, unfreien Genossenschaften sind einem 
strengeren Hofrecht als die freien Hintersassen auf Grund ihres 
personlichen Abhängigkeitsverhältnisses vom Herrn unterworfen. 

In dieser Hinsicht tritt nun nachweisbar seit dem 14. Jahr- 
hundert eine Änderung ein. Der Umstand, daß Unfreie durch 
Jahrhunderte hindurch bestimmte Teile grundherrlichen Landes 
in eigener Wirtschafl bestellten, führte zur Anschauung, daß 
diese Unfreiheit in engster Verbindung mit bestimmten Grund- 
stneken stehe, daß jeder, dem solche Grundstücke vom Grund- 
herrn verliehen werden, in das Hörigkeitsverhältnis eintrete. 

Nicht nur Pflichten und Rechte, welche nach Hofrecht mit 
dem Besitz solcher Grundstücke verbunden waren, das ganze 
Börigkeitsverhältnis selbst ward gleich einer Reallast mit dem 
Gut untrennbar verknüpft. Da also die Übernahme solcher 
Grundstücke im Leihevertrag ein nicht bloß vermögensrechtliches 
«ondem auch persönliches, vom Hofrecht geregeltes Abhängigkeits- 
Terhältnis herbeiführte, müssen wir derartige Leihen als unfrei 
bezeichnen. 

Indem wir femer die Prekarie als ein wesentlich freies, dem 



20 H. Wopfiier 

Landrecht entsprossenes Letheverhältnis darstellten, das sich seit 
dem 11. Jahrhundert inr Erbleihe answnchs, schlössen wir uns 
der Meinung Rietsch£LS an, daß die freie bänerliehe, dem Land- 
recht unterstehende Erbleihe des 12. und 13. Jahrhunderts aus 
der Prekarie herzuleiten sei. 



Serfdom in fhe Pyrenees 

Miss Lodge (Oxford). 

''Toas leg habitaots sont francs et de fraoche coodition, saus 
Uche de servitade; et nul n'a ni pent prendre ancune soite de 
geog demeurant en la dite terre, ni exiger aaenn droit ä cause 
de la personue et du corsage desdits manants ni habitants ni 
ancun d'ieeux".*) 

So say the cnstoms of Soule; and those of Bigorre thongh 
not 80 explicit, point to considerable freedom. — "Rusticus semper 
pacem babeat, nee quisquam pignoret ei boves vel ferra arari". *) 
While in Bearn feudal power was limited by the old 'Fors',*) by 
the independent spirit of the peojrfe, by the privileges possessed 
by communes, bastides and rnral communities; here if anywhere 
the maxim held good "nul seigneur saus titre".*) 

Doubtless a land of mountains is a better home for freedom 

1) Fon de Im Soule, Rabric 1. Drawn up by Cour de Lixarre 21. Oct. 
1520. — From. Haristoy-Pays Basque II, 379. Paris et BayoRue, 1886. 

2) Ck>atame8 du Comt^ de Bigorre (abont 1109). Archives döpartemen- 
Ules des Basses Pyrönöes. £. B68 f ® 20. -- (All the documents qnoted in 
thb paper being from the same Archives, only t)ie nnmber of the manuscript 
viil be ^Fen in ftitore.) 

3) The Fers of B6am are a code of written land or eastom dating trom 
the end of the 11^ centory. They consist of general regolations for the 
whoie country of B^am, the Fors of Morlaas a code of special commonal 
Privileges afterwards extended to navy all towns of the land, the Fors of 
Oloron, aad others for the 8 importaat Valleys of Ossau, Aspe and Baritons. 
There old customs were re-issued with some additions at Tarious poriods, the 
etrtiest forma in eridence been published by Mazüss and Hatoulet (Paris 
1841, A% The reformed fors of Henri n, of which various eopies exist are 
ckiefly nsefol for the end of the 16^1^ oentoiy. 

4) Mazure and Hatoulet, Fors of B6am, p. 81. — Lods and Ventte 
■ot dne "sino que lo cayer ne pudos mastrar Instrument public". 



22 Miss Lodge 

than a conntry of plains, and the sturdy mountaineers of the 
Pyrenees, isolated in their Valleys, living almost entirely on their 
flocks and herds, defending their pasture rights throngh thick 
and thin, were far more able to maintain their liberties against 
their lords, and far less likely to be reduced to the lowest stage 
of serfdom than the inhabitants of Northern Gascony, and 
the country round large Towns such as, Bordeaux and Agen* 
But even in the mountainous Valleys there are traees of 'hommes 
questaux' throughout the middle ages ; and taking B6am, Bigorre 
and the French Pays Basque as a whole, serfdom undoubtedly 
existed as it did elsewhere, but nevertheless with suflSciently 
varying conditions and characteristics to make it worth separate 
study, and to form an interesting comparison with the more ex- 
treme serfdom of the Bordelais. 

To reconcile the theory of freedom with the constant mention 
of 'questaux', it has been suggested that though land may have 
been servile, personal serfdom was unknown. That duties, 
disabilities and servile dependence were based on tenure is true 
here as in all feudal eountries, and there is plenty of evidence of 
it. In 1374 the Comte de Foix frees from all "questaütat e 
subjugacion" the '4oc e casau de Casanave"*/) and it is stated 
later in the same document that ^'sa easa en lo dist loc de Prat 
qui es questau fo comprees en la dite franquesse'* ^) and the 
Censiers of B6am*) and Bigorre*) are füll of "ostaus questaus", 
'*terras questaus". 

But this explanation >vill not hold good throughout; there 
were serfs by Status as well as by tenure. Thus in 1318 we 
find a man who was a serf "tam ratione corporis quam ratione 
tenentiarum suarum".*) In 1343 an enfranchisement was granted 

1) E. 302 £* 86 vo 24. Dec. 1374. 

2) E. 302 f» 86 V« 28. Dec. 1874. 

3) E. 808 r 38 V®. Censier de B6am, 14^ Century: "Ostau questau fc 
per anbeigade XVUI d: morl:" 

4) E. 377 123 v". Censier de Bigorre 1429: "Lo cap casau de Casande- 
bat . . . estengut de pagar cascun an . . . siyada garie et anhet cum 
dessns X soos morlaas per queste tres pes de porii aixi com los autres 
qnestaox". 

5) E. 768. 



Serfdom in the Pyrenees 23 

to "8008 homi8 de coo8 e de casaladge"/) and similarly in 
1371 the Comte de Foix ^a88oat e quitat son serf cos e persone 
de tote qnestalitat e subjagacion".^) Etc. Etc. What is more, in a 
Censier of Biarn in 1388 we actnally find serfs without any 
land at all; this i8, as a rnle, in the case of younger children 
who do not naturally inherit; some are dwelling in a sister's honse 
and work for their living;*) others have no honse nor land but 
pay qnSte for their body.*) 

Taking it then as proved that serfs, known as 'hommes qne- 
gtanx' existed in the part of France now included in the Depart- 
ments of Basses and Hantes Pyr^n^es, and that there might 
be serfs by birth as well as by landholding, we must notice 
eertain circnmstances which affected their position, and which 
helped to stamp local characteristics and pecnliarities upon them. 

It is in the Pyrenean coontries, as we have seen, that some 
of the earliest goyemmental and social regalations are found. 
The Fors of B6am with those of Morlaas and Oloron etc. (see 
note 3) date in their primitive form from about the 11*** Century; 
the customs of Bigorre are of much the same period : and those 
of Capsoule thongh the copy we possess of them is later, were 
donbtless a codification of the established nsage of the country. 
Every Vicomte had to take an oath to observe there rules, and 
in the same way the lords of different territories were bound 
to do right to poor as well as rieh. The Fors of Morlaas, in a 
rnbric devoted to questaux,^) assert that they are bonnd to have 
enongh to live upon, that their lord must give them land sufiScient 
to nourish themselves and their family, and that the quSte to 
which they are liable, must never be so great as to force them to 

1) £. 1916 Notaire de Pardies. 

2) E. 802 f • 79 ▼•. 

3) Enquete sur lea Serfs de B6am, 1388. Publiahed by Paul Raymond. 
Bulletin de la Soci6t6 des sciences, lettres et arts de Pan. (1877—78.) 
2«8*ric vol. 7 p. 110: "Viven de lor brasse". 

4) Paul Raymond, Enquete sur les Serfs, p. 121 : "No ostau ni terres, 
nuu per son corps los yesiis qn'en fen paguar 12 morlaas de qneste". 

p. 20. "Los quans enfans eren de segonte molher e no an hostau ni 
antre caose". 

5) Kazurs and Hatoulet, Fors de Böam. 



24 l^iM Lodgf 

seil their oxen in order to pay it. In the charter graoted by 
Bemard II to Bigorre in 1098,^) the peasants, thongh boand to 
the 8oil and debarred from hnnting or fishing on their own 
aoeount, are protected by the State and are permitted to resist 
their lord in 2 cases; vis: if he shoald bnm their houses or 
seize their beasts. 

No doubt these limitations were not always rigidly obsenred, 
bnt that they were not merely a dead letter is proved by one 
artiele in the Fora of Morlaas,^) whieh oommemorates the depo- 
Hition of the Seignear de Mirepeix for decluing in a matter of 
imposition that *'qai ne paisse qa*il pnisse". The justice of this 
vengeance is maintained in the foliowing artiele whieh declares 
that ''Dien ne oommande pas qn'on fasse plns qu'on ne peat'\ 
and therefore no man mnst be arrested for refnsing to pay an 
obTiomaiy impossible snm. 

Bat still more important to the serf than the written law of 
the land, was the independence fostered in the monntain Valleys, 
and in the privileges granted to the nnmerons rnnd commnnities 
or 'besians' as they were called, whieh existed particnlarly in the 
hilly and isolated parts of the conntry. These berians were onited 
togetber by ooumion privileges, common dnties imd above all 
vommon pastore ; they had a eertain amonnt of self-goremment, 
they oonld make treaties of peaoe wiäi odier berians, and they 
eomid stand Shoulder to Shoulder in defence of their rights and 
cmstoms against their own lords, or eren the Vicomte himself.^) 
The memkers of these eommunitietY thoae inkabitants who shared 
in ooaununal expenses and ei\joyed communal privileges were 
knowa as beiüs or voisias, and they oombined something of tbe 
old family tie with something of guild relationship. They were 
umtually responsible for one another; they were, in some places, 
bouttd \» help their poorer neighbours; they shared in all the priW- 
1<^K^ granted to tke c^ommunity, and they were to the villages 
or rural distriots muoh what bnrge^ses were to towns. It was 

1) NUIihf4 ¥f AkU4i», SmI^U ▲«aMaifw d» HaaieB Pyrtetes. 
d) tixtt RiM^t« d\>Maa ~ pMcidiii — (Arek d^^arteaiL 4m Bassei 



Serfdom in tiie Pyrenees. 25 

their basiness to eleet officers to condnct the affairs of the whole 
body, generally a 'Garde' w treasnrer to collect dnes and taxes 
and to paj any provinons owed by the locality to a private lord 
or to Monsei^enr le Yieointe. And liiese voisins might even be 
'qiestanx'. — Tennrial qaestanx possiUy, priyileged qnestaax pro- 
hably, bat questanx nevertheless, and not necessarily distingai- 
diable from tbe majority of their fellow& In 1316 the ''besiis e 
benes de Canteretz" dedare of their own free will ^qne eds e 
Ion predeoeasors eren et ero estadz seissaus e qnestaas de dreit 
e de ley, d'entradgie, d'exido de compra e de fedexoos (dne on 
Wräi), e »enre oondicioo".') In a B6am Censier of die 14»*» 
eentery, *^La bezian de Ponsadesas (Pongon-dessus) heren qnestaaB 
e eD Tan preaent a son estatz afranqaidz".*) 

One other castom of the country mmst be noticed as affecting 
tiie genrile as well as die free popnlation, and that was die general 
lesning towards primog^iitnre. The mies as to sneeession cannot 
be aaid to have been nniversally the same: in the Valleys of 
BirtgeB and Lavedan primogenitnre preyailed without regard to 
sex;*) in one street in Lonrdes females were exeluded by males; 
h die Pays Basque the eldest bom of either sex sncceeded to 
(vdinary mral property, bat in the case of acquired possessions, 
if Aere were no will, all wonld be eqnally divided;*) and so 
9D in great variety, but with a general tendency for the capcasau 
or pimcipal estate to fall into the hands of the head of the family, 
aad for die yonnger children to live with and work for him, or 
to marry with other heads of honseholds, in order that they might 
not remain in poverty and dependence on the good will of the 
firet bom.*) 

Whether thanks to the cnstoms of the country, or to the innate 
lo?e of the people for freedom, the serfs of the Pyrenees seem 
to have been better off than in other places, and were less rigidly 



1) LAORtzE, La F^odalit« dans les Pyrtoöes. Pan, 1864. Quotation 
<mp. 494. 

2) X. 809 f« 89 T«. 

3) Noouts, Lee Contumes de Baröges. Toulouse, 1760 12«. 

4) HiJUSTOY, Pays Basque p. 451. Coutumes de Laboird XIL 

5) JuLKS CoRDiRa, La droit de famille aux Pyr6n6e8, Paris, 1869. 



26 Miss Lodge 

debarred from the advantages generally enjoyed only by the free. 
Thus it may be indicative of a eertain respect that the heads even 
of servile familieß are frequently spoken of as 'senhors'and'dannes*. 
In 13B7 we read of "Guirande daune d'ambiele notre cessan et 
questau"-/) and in 1440 a charter of enfranchisement was 
granted to "los senhors eus filhs e las filhes" of a piece of questal 
land;*) and many other instances could be cited. That they 
could be voisins we have already seen, and it is also a peculiarity 
of this part of the .country to couple 'ceyssau' and 'questau' 
together in the way whieh is so common in the docnments both 
of the Hautes and Basses Pyr^n^es. In the Bordelais one great 
distinction between serf and free was the payment of arbitrary 'qaSte' 
in distinction to fixed 'cens' ; but here payers of cens and qnSte are 
mentioned in the same breath. This use of *ceyssau' is certainly 
not meant to imply the free 'censitaire' of other parts: Lagr&ze 
indeed snggests that as ceyssau are always mentioned first that 
may imply some sort of distinction between them;') bnt as 
a matter of fact this is not nniversally the case,^) and it seems rather 
to pnt on the same level, serfs paying rent in money or kind with 
those paying the typical *qa£te'. Bat, what is more, qugte is by 
no means always arbitrary; even in early censiers mention is 
often made of a fixed amount of qu^te, either from an individual 
or from a whole village/) and there is indeed a tendency to 
commnte most payments into definite sums of money.^ Above 
alK there is the traco of an idea that the natural condition of man 
is to be free not servile, and that this freedom is a question of 

1) S, 1585 {^ 52. Notaire de NaTmrrenx. 1857. 

2) R 1767 f • 92 y\ Nottire d'Oloron. 1440. 

a) LAOKif^K, La F^odalit6 dans les PjTr^a^es, p. 38. 

4) K. 902 f • ao, »»G. de Perent de Monenh e M. sa moelber soos ques- 
tau(( e ceynsjtaus.** 

5) E. ai7 f« 39. iVn«ier de Bt^am 1365: ^ Lo besiau de Serse totz en 
«emps eecl iKkls de liorlaaa de qne9te'\ K. 377 Oensier de Bigorre 1429 f * 76. 
»*Oap CÄ*au de Sasera per queste XXXI blaues meja §rarie etc. etc". 

6) R 308 i>ntier de B«ani 14«^ e, !*♦ 33 t»: '"Geronde qnestaii m d: 
tlu« e IX d: per mievhe aaber^de*\ 

R 359 rentier de Montaiite«» 1423*^63 f^ 140": ''XI soU los queeUa» 
de iua7<^vk<* <^n maj per Itwi henna et ajgviee elc« etc.*' 



Serfdom in the Pyrenees. 27 

8tata8 and free parentage, in the little clanse inserted so frequently 
in Charters of enfranchisement : "en toma au prumer graa de nature 
den qnoan totz em francx en aixi cum si ere nat de francx pay 
e mäy". ^) 

Every thing seems to point to a condition of modified serfdom 
in the Pyrenees, with frequent fixing of Services and dues, with 
protection by law and possibilities of advance and of independence, 
But there is at the same time a reverse side to this picture : the 
disabilities of serfs were real enough and in many cases irksome 
enough, and there are evidences of real poverty among them, 
which seem to imply that with less close supervision they had 
hkewise less protection and less support. 

The most essential characteristic of a serf appears to have 
been his attachment to the soll. Monsieur Raymond suggests 
that this is the meaning of qneste. — As questare means to search^ 
homme qnestal he says may mean a man subject to this search, — 
a dependant whom his lord may seize if he attempts to go eise- 
whCTe.*) 

The Editors of the Pors of B6am, though they give 'questal' 
the more probable meaning of subject to qu^te, notice this liability 
to be reclaimed, as a universal condition ; ^) and the same is stated 
in the 16 *^ Century Commentary on the Fors by M. de Maria.*) 
Though there are instances of free men also making promise 
not to leave the estate, it is certainly a stipulation rarely, if 
erer, absent from the 'reconnaissance' of a serf. Thus in 1324 
we find; "homi e femne serps e questaus den Senhor de Clavarie 
. . • natz e badutz e neuritz en cazau de capanmai*on loc e cazau 
^rp e qnestau . . . ne dejus sa senhorie nos partiran per poblar 
ne per acazar ne per estar part sa voluntat" *) ; and in 1404 a 
man and his wife declaring that their children are serfs, agree 
that they may not leave the seigneurie, and promise that they 

1) £. 1599 f^ 23. Notaire de Navarrenx, 1405. 

E. 1918. Notaire de Pardies 1370: ^Tornat an pmmer graa de franquessa 
lixi com si ere engendrat de franc pay e may etc." 

2) Ratmond, Enquete aar les Serfs, p. 122. 

3) Mazure and Hatoulbt, Fora de B6am, p. 76 note. 

4) M. de Maria Avocat, ficlaircissements aar le for et coatnme de B6am. 1551. 

5) £. 948. 



28 MisB Lodge 

8hall come whenever reqnired;') while in enfraachisements it ig 
a yery freqüent^ thoügh not quite universal clause in tlie iist of 
promised privil^es "de anar tomar estar habitar poblar e acasar 
aqui on lo playra e usar de totes bones condicions de homis e 
femnes francx".^ 

Besides being boond to the soil tbere were other disabilities 
and Services especially charaeteristic of serft, thongh they varied 
in different cases and were not all imposed npon the same in- 
dividnal. 

Arbitrary payments can certainly not be considered as an 
essential featnre of Pyrenean serfdom; in some cases of-coarse 
they were unfixed, as we find in the Livre Bonge de Binac where 
licence to marry outside the seigneorie was to be paid for ''a la 
voluntat den senhor de Castedloboo ;*") but in a charter of 1313 
for the inhabitants of Lavedan, 30 soos morlaas was fixed as the 
price,^) and a similar arrangement per house was made elsewhere 
for fedexoos ^) and for burial dues. ^) In the Inqnest on the serfs 
of B^am in 1355 a Iist of fixed dnes for the holdings is almost 
always given; so much for oublie, so mnch for arcint, so mach for 
anbeigade, so mach for qnSte;^) indeed the only conatantly 
vagne item found in that particnlar censier is Castle gnard, which 



1) E. 960. G. de Benet and his wife "fossen tenguti d'anar sercar los 
ditz enfantz, e si los troben los tomeran jaus lo poder deudit senhor*'. 

E. 948, 1B18: "femne senre qnestan e seissaa per tomar en son poder 
tote betz que per lus o per son sert mesage seran reqneritz''. 

E. 1919. Notaire de Pardies 1882. The seigneur of Abos ciaiming oertain 
men as serfis declared ''que negon ni mascle ni femi . . . podin anar poblar 
fore son poder mas qae«B deyin poblar jus lor e habitar jus lor, si donzs lo 
diit senhor d'Abos ne done lisenti*\ 

2) E. 302 f • 45 y\ 

£. 1767. Notaire d'Oloron 1440. f^ 92 v^ Certain men were allowed 
^'per anar ont los playra o per star en losdiitz locs, o per poblar sa en 
quinhe senhorie se bolhen, e per usar de tot privilege de firmaqnesse airi 
cum homis francx'\ 

3) Qaoted in Laor^ke, La f6odalit6 dans les Pyrön^es, p. 144. 

4) Lagr^ze, p. 144. 

5) Lagr£:ze, p. 240. 

6) LAORJbsB, p. 155. 

7) Baymoxd, Enquete snr les Serfs p. 5 etc. etc. 



Serfdom in the Pyrenees. 2^ 

was demanded from eaeh homme questal, and apparently left to 
tbe lord's diacreticm, ^) bat in some cases eyen this may have 
been fixed at a specuU lengih of time.*) 

Serfs were not snpposed to sit in jndgement nor to make 
wills; a man freed in 1370 is allowed ''per far ordie e testamentz 
per entrar en jndiament ab Iny e ab tote ante persone ;" **) they 
eonld not seil nor give away their land withont the lord's lieence ; ^) 
aad from time to time a few cnrions Services are cited, snch as 
beating the water to keep the frogs quiet at night/) making bread, 
carting wood (a very common dnty) or washing tablecloths etc.^ 
tiioi^ in many cases it is difißcnlt to be snre whether these 
things are owed by serf or free. 

A very interesting doenment of the 15 ^^ Century, an account 
of a dispiite between the abbot and the questanx of the monastery 
of St Savin (Hantes Pyr^n^es) gives a list and explanation of many 
payments and Services whieh were dne, thongh they need not all 
bftve been esseiitially servile.^) Here, besides qnSte and other 
payments, those with sheep were bound to send them for 15 night» 
on to the Abbot's land, to snpply him with hens at Christmas, 
to pay entries and exits on any change of property, (this is as 
a mle reekoned a free payment), and to purchase a lieence ta 
marry or to leave the estate. One of the most interesting dues 
was 'presentia* explained as a payment which had to be brought 
in person, thereby seeuring the presence of the serf on the demesne; 
and a very nmsnal interpretation is given of fedexoos, which 

1) Ratmond, Enqn^ sor les Serfs. Passim. 

2) R 816 f • n ▼♦. Vlcomte de B*arn frees n. man *'de tot lo semtnt. 
^ae lea tengnt de fai per an an en la garde dessoss cast^ com asson qnestau 
«terlo". 

3) E. 1918 f • 40 y\ Notaire de Pardies, 1370. 

4) £. 302 f ^ 5. 1371. An enfrancliisement allows ^^alianar obligar far 
dizen e complir totes lors propris voluntatz de totes los bees e canses". 

E. 368 f* 21. 1826-67. Gifts are held to require "la laudor del senhor". 

5) E. 368. Cartnlaire de Bigorre 1062—1263 f« 2: "lo casal — debet 
las granolhas far carar" (Lourdes). 

6) £. 368. Cart de Bigorre f^ 7: "e forca e f als e flaget e caval al-^ 
bergar pa far e legna'' (Ibos). f® 8: "Lo easal Bmnet den las toalhas^ 
larar etc. etc." 

7) H. 162 Sentence arbitrale. 1486. 



30 Miss Lodge 

instead of a due on birth is said to be a commatation of the 
Service owed by eveiy questau of a years work for the lord ; boyg 
at the age of 14 and girls at the age of 12. This duty was 
imposed upon the serfs of B^arn also, and is mentioned in the 
Censier of 1388;^) probably there also a money payment was 
frequently substituted. These conditions do not, as a rule, appear 
very oppressive, and the payments and Services when fixed were 
far from severe; but nevertheless it cannot be denied that 
a good deal of poverty and distress existed among the servile 
inhabitants, and this is very evident in the Inqaest of 1388, a 
house to house Visitation commanded by Gaston de Foix to discover 
what sum the unfree population were ready to offer for the 
privilege of freedom. Numbers answer that they have nothing 
to give for their liberty,*) some add that they have "no ox nor cow 
nor other beast",^) or that they are "poor men who live by the 
work of their hands";*) one poor old woman of 70, wifli no 
fausband nor child and many dues to pay, has no money to 
offer.*) Etc. Etc. 

The Chief poverty was among the younger children, owing to 
the prevailing custom of primogenitore already mentioned; the 
younger brothers and sisters often went out to work, and in the 
rare cases where both husband and wife were 'cadets' it generally 
foUowed that they had neither "ostau ni terres".*) 

In every viUage there were abandoned holdings, the families 
iaving either died out or deserted "la terre qui meurt" for more 
lucrative employments. The many instances of this dispel the 
usual belief that a serf was at least well looked after by his 
lord as being a valuable chattel, and shew that dependence was not 
incompatible with distress. 

All this would doubtless depend on the character of their 
individual masters, and from time to time we get traces of real 



1) Raymond, Enquete sur les Serfs. 

2) Raymond, Enquete sur les Serfs, p. 37. 
8) Raymond, Enquete sor les Serfs, p. 129. 
4) Raymond, Enqaöte sur les serfs, p. 91. 

6) Raymond, Enquöte sur les Serfs, p. 110, 131. 
ß) Raymond, Enquete sur les Serfs, p. 76. 



Serfdom in the Pyrenees. 31 

bad treatment. Complaints were inade to Edward I in 1305 by 
eertain men of Dax, '^qnestaus e homis per son linadge", that 
their lord and bis companions ^^aucigo (killed) 1111 e arso totes 
les maizons de la paropia e airrauba todz lo8 beis e tot lo bestiar 
et prins los vestimentz" */) and tbe story of Gaston Phoebns is 
füll of horrors inflieted on the unlucky peasantry.') 

Saeh things were, however, dae to accidental circumstances 

rather than inseparable from the condition of a serf. On the 

other band, the close conneetion between free and unfree, the 

eonstant intermarriages, the difficulty of drawing any distinct line 

between the two classes, and the eonstant disputes in court between 

lords and serfs are particularly striking, and point to the very 

dose relationship which existed amongst members of both ranks. 

The holders themselves were frequently confused; thus in 1388 

one man says bis property is not servile bnt ^vassal and censitaire', 

althoogh he has to confess to paying qu^te;^) while another 

elauns freedom because he has never paid 'aubergade', — a fact 

which has eertainly nothingrto do with the qnestion, as bis neigh- 

bonrs do not fail to point out/) 

The diflSculty of ascertaining rank was increased by the 
ahnost total lack of any documents to prove one thing or 
the other; a father, wishing to marry his daughter to a free 
man, was so doubtftil as to her condition, that, having no 
docnment to shew, he promised to purchase her freedom to make 
all sqaare.^) 

The qaestion of quSte again presented endless dificulties. 
Was it only paid by questaux, or could it be imposed even on 



1) Miscellaneoas BoUs Chancery. Bündle 52^ 7 (Record Office). 

2) Lespy and Raymond, ün Baron Böamais an 16« si^cle. Pau, 1878, 
2 vol« 16«. 

3) Raymond, Enqnöte aar las Serfs, p. 132. 

4) Raymond, Bnqufite sur les Serfs, p. 133. 

5) £. 1926. Notaire de Pardies 1396. f^' 1: **Cnm maridatge sie estat 
fe^-t Begont qne dixon entre A. de Cazenaue de Snros macip franc one part 
e F. felhe de P. d^Osse de Poey d^autre part dizent lo diit A. Son marit 
qne no sab si sea franqne ho o no ni lo diit son pay no sab mnstrar nolh 
iBstmiiient de affranqniment; per so lo diit pay . . . prometo e antreya . . . 
de affranqoir le asson propi cost." 



32 Miss Lodge 

free inen as the serfs of Montan^r^s tried to assert?^) A good 
deal depended on preseription ; servile duties performed for a number 
of yeaFS were almost inipossible to shake off. Thus in tbe dispute 
already quoted between the abbot of St. Savin and bis men, the 
abbot Said in support of bis elaim, tbat he had reeeived senrik 
dues for 20, 30, 40, 50 or 60 years, and since the memory of 
man reached there had been no contradiction ; while the questanx 
on the contrary asserted that qnSte and other payments had been 
added in recent times;^) and in another place a similar claim 
is put forward on the part of the serfs. *) 

AU this uneertainty was tenfold increased by the eomplication 
of mixed marriages and the doubt as to the effect made thereby 
upon Status. The Fors of Morlaas say '4o marit no pot aflfranquir 
los homis ni la terra qui ha de sa molher'^^) and neither did 
inarriage vrith a freeholder give freedom to a servile wife or a servile 
husband; did it then enfranchise the children? To all appearances 
this was not necessarily the ease. In 1388 a serf, who had 
married a free man, offered 10 florins to free herseif and her 
children ; ^) the son of a mixed couple, himself having married 
a serf, offered 33 florins to free the whole family. One difficolt 
case which arose was that of a free man and a free wife who 
had servile land and did not know what their children wonld be; 
the father considered that they ought to be free, bnt offered 
6 florins to make it snre.*) 

1) £. 868. 1326—67. The questaux declare ^'que los diitz francs e bo- 
toyees francs'' onght to help them pay the qndte ; and after mnch discnssion 
it was agreed that all ancient holdings shoold contrilmte, for thougli freed 
they were still boond to this payment, bnt that all newcomers were exempt. 

2) H. 162. Sentence arbitrale 1486. 

3) £. 1600. Notaire de Navarreux 1406 f® 3 v*: '*La defence de Pro- 
dine danne dendit loc de Clarac de Peyrat son gier disen qne egi e lors 
predecessors senhors dendiit loc de Clarac lau lotz temps li tengat com 
afranc que memorie no es den contrari, sees qne lodiit Bamon ni soos pre- 
decessors senhors sanrers de Balaasnn e de Bastanees entro adares nols y 
han feyt negnn empatch per aqnere canse otre los devers e fins cottnmatz'V 

4) Mazure and Hatoulrt, Fors de B6am, p. 172. 
6) Baymoxd, Enqndte snr les Serfs, p. 2. 

6) Raymond, Bnq^te sor les Serfs p. 147: ^'jassie qne las fitbes no 
deyen estar qnestans cnm sin de fi*ancx pay e may". 



Serfdom in the Pyrenees. 33 

Occasionally freedom was claimed through the father ^), thongh 
not alwajs with saccess ; bat, in one instance, the ehildren of a 
»erf and free woman were declared free, "car Tenfant sec la 
eondition de la may"'). 

The only security for freedom was a written title, and some, 
wfao had already purchased the privilege at an earlier date, were 
still considered as serfs, beeanse nnable to find the record of this 
transaction '). The titles themselves were not always too explicit; 
for example, one woman who had married into a servile family 
which was afterwards freed, thooght that she herseif was included 
in the grant of liberty, bnt was ready to offer 3 florins more if 
she were stiU a serf. 

Enfranchisements did beeome extremely numerons thronghout 
the 14*** and especially the 15*^ centuries; thelords were doubt- 
less in need of money, and they may have foand land, let out 
freely for cens, both more lucrative and more likely to be well 
caltiTated; besides which it was very usual to grant freedom to a 
whole village or distriet in order to attract inhabitants. ^) 

Freedom by gift, by Ordination, by residence in a chartered 
town were all possible, bnt by far the most asual method was 
porchase,^) and the land then beeome fief or censive, making regulär 
payments, and still snbjeet to nnmerous small exactions of various 
kinds, which continued, in many cases practically without change 
tili the Revolution of 1789. 

These enfranchisements usually included, as we have already 

1) Raymond, Enquete aur les Serfs, p. 70: "Qne son pere ere franc 
JAMie qne lo may fos qnestave, perqne no es qnestave segont la costome 
deos qnestans, e no den res a Moss: car no es qnestave". (But was called 
so aU the same.) 

2) Raymond, Enqn^te 'sur les Serfs, p. 20. This was done at the 
iutjgation of the cnr6.^ 

8) Raymond, Enqndte snr les Serfs, p. 233. 

4) Enfranchisement of Montaner 1281. Puhlished hy Marseiluin, 
Hittoire dn Montaner, p. 186: ^'Gaston Vicomte de Böam etc. de nostre 
Tohmtat affiranqnim ponhlans los homis den casteg de Montanex . . . per 
kn homis dendit casteg . . . aben jurat antreyat e promes dar e pagar . . . 
totE ans . . . cinq cens cinqnoante cinq soos de Morlaas de fois.'* 

5) E. 1916. Notaire de Pardies 1345 P 14: "Loqnoau affranquiment 
fe lodiit n* Anger per some de CGC sons de bons morlaas etc. etc.'* 

Ti«rt«]Jahrtcbr. f. Social- n. Wirtocbaftfgeschichte. III. 3 



34 Miss Lodge 

Seen, liberty to leave the soll, to escape certain dnes — BQch as 
qntte, anbergade and others, — ^) to noiake oontracts and wills,^ 
and to enjoy fuUer pastnre rights;') bnt the liabilities still ieft 
were heavy enongh, and may have caased many to think twioe 
before Converting their ^questaue' into a fief or censive. 

MUitary Service, lods and ventes (oapsoos,^) and a yearly 
payment in recognition of their freedom known as 'franquan' ^) 
were generally added : while residence, dnty of hospitality, certain 
labonr Services and other relics of their old condition were fre« 
qnently retained,*) and it is pretty evident that if any one lost 
by the transaction it was certainly not the lord. 

Bnt charters of enfranchisement were not obtained by all, 
and as late as the 17 *^ centnry a Terrier of Sauveterre enumerates 
many qnestal holdings bnrdened with payments and Services 
similar to those of medieval times;^) fixed and commated no 
donbt, bnt that, as we have seen, was a process begon at a mach 
earlier date. In 1677, however, it is invariably the land which 
is bnrdened, not the tenants ; — the old idea of statas has gradnally 
yielded to the doctrine of tennre, and it is the holding alone, not 
the man, which is known as qnestal. 

To snm np the general conclnsions to which the docnments of 
the time seem to point; it wonld appear that serfdom was well 
known in the Pyrenean districts thronghont the middle ages, thongh 
on the whole less widespread, less oppressive and less extreme 
than in many other parts of France ; that the distinqnishing and 
aniversal characteristic of the *homme qnestan' was bis inability 

1) £. 802 f* 82 ▼*: „De totes questes obßes e aabergades e antes 
debers e serbitnts que lodiit senhor y ave ni aver y deve cum a son questaa 
e ceissaa.** 

2) K. 1918 {• 40 ?•. Notaire de Pardies 1370. 

3) E, 1768. Notaire d'Oloron 1462. f* 29: "An affranquit e dat pa- 
doence at Auger de Lederix . . . pnsque padoir e fbstar lodiit herm per 
la forme qae los besiis de Momor y deven ftistar e padoir". 

4) E. 2298. Maslaoq 1298: ^Dret e ley host e ord e bendes etc." 
£. 1767. OloroQ 1440: "bendes e perparances e capsooe". 

5) S. 2801. Meritein 1220: "Pour fVanqnan chascnne ann^ X sols 
morlaas". 

6) See Appendix A and B. 

7) C, 1157. Terrier de Sauveterre 1677. See Appendix C. 



Serfdom ia the I^^renees. 95 

to leave bis lord's estate; Aat bis daefi, service« and pajrments 
were freqvenüy fixed and that at a fairly moderate fignre; and 
that he had greater opportnnities for holding hifi own, for digpntin^ 
with liis tord, fer sharing in the management of local aSam, and 
for ahaldng off his dependence than the majority of his claBa; 
and tiifli it maj have been parüy the advantages of hia position 
and the Ughtness «f hia liabilitiea which decided many a serf 
to remain aa he waa, akhongh in individnal instances poverty^ 
distreaa and iU-treatment were the resnlt 

Bat if serfdom be worthy of study in these distrieta, the 
pietnre of oomntry soeiety remains yery incomplete withoat a 
«onaideration of Üie free peasant», who formed the bnlk of the 
iahalntanls in Ae monntain villages and the backbone of the 
nral ^beriaas% with their self-snfficiency, their independence, 
^dieir freedom from sapervision, and from many of the worst 
iorme of fendal oppression. 

Appendix. 

A. £. 2298. Charter of Enfranchisement. Maslacq. 1298. 

-^^Conagnde eanse sie que cum lo noble senhor Rodger Bemard 

eompie de Foix Vescompte de Beam e de Castelbon et U noble 

•done Margaride oomtease e Veacomtesse de qnegs medixs loex 

agoeaaa a Maalae de Larbag, vingt casaas questons e seysans 

4> plana, e tradament fos estar feyt enter los diitz senhors dune 

pait eaa homea senhors dens diitz casans dantre part, de poblar 

a Maslac a la franqnessa e an for e a las costames de la biele de 

Morlaaa. Losdiitz senhors e done qae prometon soberdisso aber 

laatrey de lor filh hereter Gaston affranquin losdiitz casaas e las 

terres deas casaas e los senhors e las dannes densdiitz cazaas 

eafanz e natarala naz e anacxer per totz temps egtz poblar 

ensemps ab aatres poblans en lodiit loc de Maslac a la fran- 

qaeiae e aa for e a las costames de Morlaas. Et los den plen 

poder e lieencie franqoe de far clansore aixi cam los aatres locxs 

poblaz aa for de Morlaas, e donaran a cascnm poblant sen^es 

piaees de cade tredze araaes de ample e dex sexante arazes de 

long enter lo banrar darrer e la carrera pabUc, a sieys diners e 

•einnanadge j»er jilaoe, e los donan cade yingt jomdesa de terre 



^Q Miss Lodge 

per laurar o binhes o bergees o fears far, a oeyt 8008 de fiui» 
per los yingt jomades qnen fasen cade an cascun dens poblans 
per nadau, e los donaren plus dns eenz jomades de terre qne 
los remangae herme per padoent pero sien tregen dequeres dus 
eenz jomades que de la treyte dessen far per jomade, e segont 
^que lautre fius monte per jomade, e retengon se losdiitz senhors 
<;omte e comtesse sober losdiitz poblanz dret e ley, host e orde^ 
quant de Larbag exiran, e bendes si lors maysons e places o terres 
autres binhes bergees fears la que poblar auren benen, so 
es assaver lo eapsolz deus dodze diners ung diner, deus dus soos 
dus diners, e en aixi de qui eusus deu sol ung diner tant cum 
la some montare de m. soos mil diners, e presentations a lor 
messadge a Maslac per ters die. Si maysons places terres 
bergees binhes o fears benen pagan si larthien per nou dies 
apres prenen daqui abant lo capsoos tanz diners cum la somme 
deu bende conthiere solz, la ost e lorde exir ab Larbag e las 
bendes e las presentations dessus diites se retenguen no contrestan 
ni prejudican au for de Morlaas e aus autres caas." 

B. E. 1767. Notaire d'Oloron 1440. Enfranchise- 
ment. f'^ 92 y'\ "Coneguda cause sie que en Bertran de Domet 
de Goes na Condor sa molher Amoud son filh e Guirante sa 
molher totz encemps autreyan que no fossatz ni contrestz engavatz 
ni decebutz per negune persone deu mon, mas de grat e de lor 
voluntat e de lor certe scienci de tot lor dret e feyt certificate 
per lor e per tot lor Ihinadge .... an afranquitz quitatz e 
renunceatz e deleixatz los loes aperatz Binbou Bergers e Conquef^ 
de Goes e de Faget, e los senhors eus filhs e las filhes qui son 
ni seran deusdiitz locs . . . e totz lors bens e causes qui are 
an interessi abant auran ab totz lors melhurers e ab totes lors 
apperthiences, de totz dretz e debei-s e de tote senhorie e subjecion 
que egs y aben aber y deben y poden aber . . . per anar 
ont los playra o per star en losdiitz locs per poblar se en 
quinhe senhorie se bulhen, e per usar de tot privilege de fran- 
quesse aixi cum homis francx .... exceptatz que lo sobre diit 
afranquiment los diitz senhors de Domet se arthiencon audiitz 
laucx de Binhau etc*. certes causes de debers losquoous los senhors- 
qui son e per temps seran deusdiitz locx son thiencutz de far 



Serfdom in the Pyrenees. 37 

anadiitz senhors de Dornet. Soes assaber cada an deus senhors 
deosdiitz locx deben mostrar hereter loqnoau hereter dea thier 
foee bin ens diitz locx e deben complir las cansas dejos scrutes, 
«... deben los diitz hereters far dret e ley en la man den 
senhor de Dornet e a sa bolor man e ban e lo senhor de Binhau 
qne den daz de fins cada an . . . XXV soos de bons morlas, 
e los senhors de Berges e de Conqnes cada Xu soos e VI 
diers morlaas. 

Item e deben moler tot lor blat gros e mennt an molii de 
Dornet totz los sobrediitz pagan pnnhere acostnmade de senhor 
t demorar betz, e si alor hetz no poden moler star I noeyt es 
ri stat la noeyt no aben podut moler qne sen podossen anar 
moler or se boleran, es si per abentnre no holen demorar hetz 
ni la noeyt star, pagen aqni la pnnhere degnde e acostnmade 
qne sen pnsqnen anar. Empero si no demoraben hetz ni no 
Stäben la noeyt e sens pnnhere pagar sen anaben moler en antre 
molii, lo sac e lo blat fosse den senhor si eg en aqnere hetz 
oMon mesage en lo camii lo poden encontrar. 

Item e mes qne deben bater ab las egoes qui lo senhor de 
Dornet los dara on qne eg las se aye fasen tabon marcat cum 
bateran los antres besiis de Goes. 

Item e si lo senhor de Domet ab abe obs ni ac hole los senhors 
dens diitz loc qnel deben intrar fidance entro a mil soos de morlaas 
dequi en jns per so qne meter los bolera. 

Empero la qne egs encemps o cada nns lentra e an fidances 
lo senhor Domet los ne den gardar de tot dann, e quant egs se 
obligaran per luy qnens den antreyar carte de garenthie ab Obli- 
gation de totz sons bens. 

Item de mes qnel den lo senhor de Binhan en cada an far 
X Iheytz (beds ; means probably to give night's lodging to 10 men) 
e losdiitz locx de Bergers e de Conqnes V Iheytz lan, si lo senhor 
de Domet ob de hostes qne agosse ac hole ni ac abe obs. E plus 
qnel deben arcoelher (receive) en los locx cada dus cavags o a 
rodis cada noeyt qne Iheytz faran lo senhor de Domet dan los 
«e sivade e fee. 

Item si los senhors densdiitz locx . . . holen bener de las 
terres . . qne si arthiencon an senhor de Domet bendes e per- 



aS Miss hodge 

parances e capsoos ; e si lo senhor de Dornet feyte la perparanoe 
no prene la terre onola bole etz a dante la benen cada jornade 
qnin beneran de la terre qni an a Goes foBse obligade, e aqueg- 
qni la orompare de pagar Vm dierB morlaas de fins per nadau 
cada an an genhor de Dornet. Item mes se arthiencon qne si 
los senhors densdiitz locx o auguns qni ansdiitz locx o en cada 
nn stessen se logamen egs ni lor bestiar stan ens diitz locx qnes 
deben logar au senhor de Dornet eg dan tant cum antre e fasen 
los ac assaber la noeyt dabant. £ si feyt a lor assaber la noeyt 
egs lo responen qne nos bolen logar e pnixs se logamen quel 
sien tengutz de dar XII diers morlaas de cada betz qni en aqnen 
gnise se logaren a dantz egs ni lor bestiar." (Limit on pur- 
yeyanee of beasts.) 

(In retnm for this enfranchisement the senhor of Binhau paid 
440 sons, the others each 266 sons.) 

C. C. 1157. Terrier de la sen^ohaussce de Sauveterre, 
Commune de Lichos. 1677. 

f^ 45. cS'ensuivent les maisons questalles et terroirs en de- 
pendans assis au territoire de Lichos avec les droits et attributs 
qu'ils sont tenus d'en faire au Hoy seigneur souverain: 

Et en premier lieu tous les dits questaux ont reconnu et 
confessä estre tenus et avoir accoutum6 bailler tous et chascuns 
leurs enfans masles, Taini excepte, audit seigneur souverain de 
B6am, pour servir chacun pendant une ann^e et faire garde an 
chateau d'Orthes sous le commandement du capitaine chalelain 
dudit chateau. 

Item ont reconnu et confessä Stre tenus de demander permis- 
sion au seigneur souverain lorsqu'ils veulent marier leurs fiUes 
avec des hommes francqs et en maisons franches. Item ont 
reconnu .... de porter de la paille et du bois au chateau 
de Sauveterre quand le dit seigneur y faira sa residence et cela 
une fois Tannöe seulement, autant qu'ils en pourrant porter et 
comme il leur sera ordonnä par ledit seigneur ou par ses 
commison messagers. Item que tous ensemble et conjointement 
ont accoutumi payer de queste au Bayle de Sauveterre quatre 
vingt huit sols deux deniers morlaas; et que ledit Bayle peut 
contraindre Tun d'eux a payer la dite somme sans prejudice a 



Serfdom in the Pyrenees. 39 

cellay uni aara pay£ de recouvrer des autres questaux leur 
eoBtingente pari .... 

Et eontment g'est prteentö J. de Hampe habitant de ladite 
paroisse leqael stipiüantqiie dessas a jor^ comme dessas dit et 
dtelar^ tenir et posseder de 8a Migestö a titre d'emphiteoze dana 
ladite paroisse Bcavoir une maison qnestalle scize andit lien avec 
son jardin en dependant . . . item ane pifece de terre labonrable 
etc. etc. ponr nuson de tonte» lesquelles terres et sadite maison 
ledit dMarant paye ä ga Majestä annnellement ontre les droita 
reconnos en commnn avec les autres questanx : — prime au fennier 
dn moniin de Sanveterre chaqne annie demy rasier de froment 
ä Notre Dame d'Aonst; plns an formier des aubergades chaqne 
ann^ a la feste de Notre Dame d'Aonst cen sol et demy mor- 
iaas .... 

Dans le lien de Lichos . . . anroit compam et se seroit presente 
Maitre Jean de TAbbat du lieu de Rivehaute, lequel moyenant 
»erment par luy preste en nos mains sur les quatre Saints Evan- 
giUes de Dien a dit declarä et a reconnu tenir et posseder dans 
ladite paroisse en emphitoeze fiefs annuel et perpetuel de sa 
Majestä Maitre Jean Henri de Fondeville advocat en parlement 
et Substitut du procureur du roy en la commission dudit papier 
8tipulant et acceptant pour sa dite Majest6 scavoir une maison 
questalle appell^e Haritsague .... Item a accoutume de payer 
annueilement ou formier des aubergades quatre sols et demy 
toumois payables a chaqne fgte de Notre Dame d'Aoust. 

Item ont accoutume de payer a chascune föte de Noel la somme 
de sept sols six deniers toumois de fiefs. 

Lesquels biens ils ont promis de bien entretenir en bon pfere 
de famille et ne les transporter en main morte ny autre de droit 
prohib^e et ne les surcharger d'aucun nouveau fiefs cens n'y rente 
au prejudice de sadite Majestä .... 

Item les maitres de ladite maison de Haritsague ont droit de 
moadre lurs grains de tonte condition au moulin appell6 du 
Dommug .... appartenant aux sieurs de Phillipes et de Minville 
düdit lien, et ce franchiment sans payer aucun droit de pugnere 
pour la monleure des dito grains et ont la pr6ference de se faire 
moadre les grains des maitres de ladite maison de Haritsague 



40 Miss Lodge, Serfdom in the Pyrenees. 

k Texpedition de tous autres .... Et parle que de tonte 
Tantiquit^ leg maitres de ladite maison de Haritsague estoient 
tenus et Obligos de payer an sieur Bega6 de Mongaston annnelle- 
ment, deux mesares de avoine, et de deux en denx ans nne 
pipe et demy de pommade sans eau .... 

Et ineontinent s'est präsente J. de Larrory dit Behetz laboureur 
habitant de ladite paroisse lequel stipolant que dessus a jure 
comme dessus dit et d6elar6 tenir et poss6der audit liea de sa 
Majest6 ä titre d'emphiteoze dans ladite paroisse seavoir nne 
maison qnestalle avec son jardin et verger en dependent (and 
many other pieces of land) .... ponr raison de tontes lesquelles 
terres et snsdite maison ledit dielarant paye annnellement k sa 
Majest6 ontre les droits reeonnns en common avec les antres 
questaux seavoir de qneste cinq consseroux de froment qni fönt 
deux mesures et demy payables ä chaqne föte de Notre Dame 
d'Aonst.» 



42 Henri Froidevaax 

le long du rivage occidental de Ttle de Saint-Laurent, le cana! 
de Mozambique. 

Qu'il en ait &ti de mSme des marins du Corbin et du Croissanf, 
les deux navires envoyes ä Sumatra en 1602 par la Compagnie 
marchande de Laval, de Saint-Malo et de Vitre, il serait 
inexact de le dire. Durant leur reläche de trois mois dang la 
baie de Saint-Augustin, en effet, leg equipageg des bätiments 
plac^s goug le commandement du sire Frotet de la Bardelifere 
n'ont cessi de pratiquer cette fonne de commerce qu'est le troc, 
echangeant contre des couteanx, des verroteries et des objets d'une 
valeur insignifiante les tStes de b^tail dont ils avaient besoin ponr 
leur nourriture et pour Tapprovisionnement des deux vaisseaux ^). 
De mSme encore ont agi, une qninzaine d'ann^es plus, tard, les 
compagnons du cg6n^ral> Augustin de Beaulieu, le commandant 
de la cflotte de Montmorency», qui, beaucoup moins longtemps 
que le Croissant et le Corbin, s'arrfitferent ä la baie de Saint- 
Augnstin avant d'entreprendre de gagner Bantam en traversant 
rOcean Indien *). Les relations de Fran^ois Pyrard de Laval 
et de FRAN9018 Martin de Vitra, puis celle d'AüOUSTiN de 
Beaulieu sont trfes explicites et foumissent la preuve que, dans 
les deux cas, le ravitaillement des navires a iti le seul souci 



1) «Dorant nostre söjonr en ce lien, dit Fran^ois Martin de VrrRÄ, nou» 
eusmes grande qoantit^ de Beofs, Moutons, volailles et antres rafiraicfaise- 
ments, le tont en trocqne de pen de chosses, comme seroit des coillers de 
cnivre, jettons et antres chosse de pen de yallenr» (Description du pr emier 
voyage faxet aux Indes Orientales . . ., p. 22; cf. p. 21 et 80). — «Pour 
nn getton, on ponr nne cnillier d'estain et antres choses de pen de valenr, 
rapporte de son cftt6 Fran^ois Pyrard dr Laval, nons avions nn boenf on 
nn monton* (IHsc<mrs du Voyage des Jf^angois aux Indes Orientales . . .; 
Paris, 1611, p. 22). 

2) La baie de Saint- Angnstin «abonde en tr^ grande quantit^ de bestaun 
spöcialement de boenfs et moutons ; beanconp de ponlles qne nons avions ponr 
chose de pen d^importance ; en sorte qne ponr la valenr d'nn son nons recon- 
▼rions denx on trois montons qni sont tr^s grands, et nn bosnf ponr la yaleor 
de dix sonls* (Fragment d*AuausTiN de Beaulieu, cit6 dans nn memoire qn'on 
doit dater de 1681— 1632. Bibl.Nat,msi.Fr.4826,fol.40). Cf.lesdötailsfonnüs 
par le m6me antenr dans ses Mhnoires du voyage aux Indes Orieniales, 
p. 15—19 (Thävenot, Recueü de divers voyages curieux, t 1, seconde partie, 
p. 1—128). 



Le oommeroe frangals ä Madagaaoar au XYH' si^ole. 

Par 
Henri Froidevaux, Docteur-fes-lettres (YersailleB). 

Quelque d^ir que puissent 6proayer, aujourd'hui encore, certaius 
historiens de faire remonter jnsqu'an moyen-&ge les plus lointaines 
origines de la colonisation fran^aise, il leur est impossible de 
dire que les maring et les n^gociants normands ont, avant le 
XVII« sifecle, noue de vöritables relations eommerciales avec Ma- 
dagascar. Sans doute, dans le second quart da XVI® sifecle, 
des navigateurs normands ou angonmois ont toaeh6 sur certains 
points dn littoral de la grande tle; mais ni le bätiment dieppois 
dont, d^s rannte 1527, la prösence est signalee par le continua- 
tenr de Barros sur les cdtes de Madagascar ^), ni le navire sur 
lequel se serait trouve Jean Alphonse aux environs de 1540') ue 
semblent y avoir fait le moindre trafic. Quant aux 6quipages du 
Sacre et de la Pensie, ils n'engagferent — le Discours de la Nävi- 
gatioH de Jean et Raoul Pannentier en foumit la preuve'), — 
aucüne relation eommerciale avec les indigfenes qu'ils reneontrferent, 
alors que, pour se rendre de Dieppe ä Ticou, ils remontaient, 



1) JoAO DK BARH08, Quarta Becada da Asia, 1. lU, eh. 2, et 1. IV, eh. 6 
(M. de Madrid, 1615, p. 136 et 296). 

2) Si toutefois, — comme d'aillears nous inclinons fortement k le penser, 

- le «gran capitano dl mare Francese' de Bamosio est bien Jean- Alphonse. 

- Que, d'autre pari, Jean-Alphonse ait 6t6 & Madagasear, la chose est ä 
toat le moins yraisemblable, bien qu'il soit impossible de le dömontrer soit 
(0 t'appnyant sor le titre mdme du docmnent publik par Ramusio (Nävi- 
^otumt H yiaggi^ t. III [öd. de Venise, 1565], fol. 423 r^), soit en se servant 
^ teste de la Cosmographie universelle et de celoi des Voyages adventureux. 

3) Diseaurs de la Navigation de Jean et Raoul Parmentiery de Dieppe, 
«. ScHEFER (Paris, Leroux, 1883, in-8), p. 31-41. 




Le commerce fran^s k Madagascar an XVII' si^le. 45 

Taisseau dieppois de Digart en 1639 ou 1640 ^) ; lä ont certainement 
abord6 le bätiment dieppois le Saint-Alexis, command^ par Alonse 
Gonbert, le 20 jaillet 1638 *) et le navire (dieppois encore) de Coquet 
en septembre 1642'). 

De ces diff^rents bätiments, comme de ceux qui les out sans 
anciui donte precM^s dans les m@mes parages, les ^quipages 
^nt natorellement entr^s en relations avec les indigfenes; lapreuve 
en est dans le fait que, vers 1637, Gilles de R^mon, lors de sa 
relSche sur les cötes de TAnosy, recaeillit ä son bord un Fran^ais 
qne la tempSte avait jete depnis plusienrs ann^es snr cette partie 
da littoral de Madagasear ^). Mais la plupart ne Tont fait, an 
debnt, qn'en passant, avant de commencer on apr^s avoir termine 
ane eampagne dans les eanx de l'Arabie on de la Perse. De la 
m^me mani^re comptait agir, en l'annee 1638, le capitaine Alonse 
Goubert lorsqne, aprfes avoir tonchi anx Mascareignes, il vint 
aborder ä Sainte-Lnce^); mais des circonstanees ind^pendante» 
de sa volonte, en prolongeant son sejonr snr les cdtes de l'Anosy, 
en ont fait le premier connn des negociants fran^ais qui ont none 
des relations snivies avee les indigines d'une partie de Madagascar. 

I. 
Ce n'est nnllement dans le dessein de faire du commerce 
qne le capitaine Goubert quitta le port de Dieppe, le 15 janvier 
1638; il se proposait, — apr^s avoir d6pose ses marchandises ^> 



1) Belation du vayage que FVangout Cauche a fait ä Madagaacar . . ., 
dans les ReUUiona vMtables €t curieuses de VisU de Madagascar et du Brettl, 
p. 24. — Canche ne parle qne de Parrivöe de ce b&timent, la Margueritty 
i Sainte-Claire ; mais cet endroit est tr^s peu ^oign6 de la baie de Sainte-- 
Lnce, et on pent penser qne Digart ne s'est transportö en ce polnt qn'apr^ 
sToir appris, k Sainte-Lnce mdme, le transfert de Phabitation des compagnon» 
de Gonbert ä Sainte-Claire. 

2) BekUiou du voyage que Frangoia Cauche afaü ä Madagascar . . ., p. 9. 

3) Placoürt, Hiatotre de la grande Ittle Madagascar, 6d. de 1658^ 
p. 194. 

4) Id., ibid., p. 86. 

5) Belation du voyage que Frangois Cauche a fait ä Madagascar . . .^ 
p. 18. 

6) n n'est pas sans int^rdt de se rendre compte oxactement de ce qu 
etaient ces marchandises; Canche Pexpliqne express^ment. «Nostre marcbandise, 
ecrit'il (ouv. ciU, p. 2—8), estoit en coral fin et fanx, patenostres de verre,. 



46 Henri Froidevaux 

et des approvisionnements de tont genre dans le fortin qu'il aurait 
d^bate par constmire ä Ttle Maarice, — de faire la coorse dans 
la partie occidentale de rOc6an Indien ^) ; de 1& le nombre oooai- 
d^rable de canons, — vingt-deux, — que portait son bitim^it, 
le Saint'Alexia, une flftte montöe par an ^oipage de 97 hommes. 
Ayant constat6, lors de son arriv^ ä Maarice, que des HollaadaiB 
avaient commenci de fonder an Etablissement dans cette tle qa'U 
croyait d^serte, Alonse Goabert modifia imm^diatement son plan 
primitif, et, poar ne pas dtre ggne dans ses expöditions ayentoreoses 
par le voisinage de ces Colons, rdsolat de faire d'un point de la 
cöte Orientale de Madagasear le centre de ses Operations. Les 
avantages nautiqaes de Manafiafy lai Etaient sans doate connas, 
a tont le moins de r^patation; il savait d'aatre part qu'on avait 
trouvE en certaine abondance dans le pays d'Anosy an m^tal 
blanc tr^ brillant . . . . Ce metal n'6tait-il pas de Targent? et, 
en cas d'affirmative, ne proviendrait-il pas d'ane mine sitaie k 
rint^rienr de la contr6e? . . . J) Sans perdre de temps, Alonse 
Goabert gagna le port de Sainte-Lace oü, dte son arrivie, il 
recevait da soaverain de TAnosy, Andrian-dBamaka, l'aocaeil le 
plus hospitalier. Non content en effet de lui faire immädiatement 
remettre tout ce qui pouvait Stre n^cessaire au ravitaillement du 
S(UnUÄleQcis% le chef malgache autorisa les Franfais ä s'itablir 



chaisnes, braoelets, pendans d'oreilles, ceintores de toutes coulenrs de terre, 
d'esmail, de cristal, de bois, jaiet, caivre dor6 et aigent^, yrais grenats, perle« 
de Venise, agates, comalinea, oouteaux, miroftert, Giaeaux, estois, eseloti, 
chapeaux, boneU, soimettes, clochetea, et antre sorte de quincafllerie, poor 
traflquer ayeo ceux ^ ports desquels neos entreriona». 

1) Gauche le reconnait expresstoent quaad il dit que le deasein d' Alonse 
Goubert ötait de «surprendre et combatre les vaisseaux Espagols (#ic) qne 
nous trouverions en mer, et non seulement cenx 14, mais enoore les ▼aiaseaoi 
des Mahomötans et Gentils qui trafiquoient kA seins Persiqne et Arabiqne, 
ooadnits par les Portugals» (EdUnUon du vayagt . . ., P- S)- 

S) «D se trouye nne antre esp^ce de metal qne les habitans de eette oontr6e 
appellent Vo%dafouichin€ ; c^est ce qne Libavins nomme ttammMti caiaemy et 
les AUemans Zau^eh, Ce VauU^f^utehing obligea le eapitaine Goubert de Yenir 
ezpr^ en oe paYs, croyant qne ce tat de l'argent et qu^ y en enst une aine* 
(FhAcorKT, Histoir$ d$ la grantU Idt Madagasear, 6d. de 1668, p. 147). 

8) «U nous fit deliTrer yingt boenfs qui portoient sur le ool une grosse 
masse de urraisse, fort bonne et delicate k manger; quatre cheyres au poii 



Le commerce frangde k Madagascar au XVn* siöcle. 47 

k Sainte-Lnce, cpoorveu qu'ils ne feissent aacun brnit en ses 
Etatsi, et lenr promit qa'cil leg asgisteroit de tout ce qu'il 
anroit»^). Pea de temps aprfes, le capitaine fran^ais allait rendre 
k Andiian-dBatnaka, dang gon village fortifi^ de Fanjahira, gitn6 
a dix-hnit lieiieg de Sainte-Lnce, la vigite qn'il avait pr6ce* 
donment re^ne de Ini, et Ini faigait ä gon tour, ä Ini et & gon 
gendre, des pr^ents en remerctment degqnelg Ini ötaient offertg 72 

bCBUfe'). 

Cet tehange de politeggeg et de cadeanx marqne le debut 
d'nne g^rie de relationg amicales et commercialeg qni ge ponr- 
smyirent pendant plngienrg ann^eg cong^cntives. Alonge Gonbert 
aurait yiyement gonhaite, anggitOt Thabitation de Sainte-Lnce achev6e, 
reprendre la mer et aller enfin chercher dang deg parageg plng 
teptentrionanx qnelqneg richeg prigeg, c'egt k dire cleg vaiggeanx 
des Mahom^tang et Gtentilg qni trafiqnoient h% geing Pergiqne et 
Arabiqne, condnitg par leg Portngoig»'); il avait compti gang leg 
flivres, — qni ne tardörent pag & r^dnire & 50 le nombre de geg com- 
pagnong, et le forc6rent bientöt k ömigrer k Sainte-Claire, — et 
gans leg ren, — qni g*^ient attaqn^g ä la coqne dn Saint» Alexis 
et, en qnelqnea moig, la mirent abgolnment hors d'6tat de tenir 
la mer^). Benon^ant d6g lorg k geg deggeing, Gonbert ne chercha 
plng qn'ä tirer de la gitnation dang laqnelle il ge tronvait le 
meillenr parti poggible et ä rännir dang leg magaging de gon habi« 
tation de Sainte-Claire nne grande quantit^ de marchandiges ; c'egt 
ponrqnoi Ini et geg compagnong, an lien d'aller, comme pr6c6- 
demment, <par Tigle trocqner de la marchandige contre deg ponletg, 
cabrilg, orangeg et citrong, ponr gonlager leg maladeg»^), ge mirent 



ims, de diyeraes cooleurs, rondes et replettes; qnatre moutons k la longae 
qüCfOj et pkte, teile peeant jnBqnes k seise liTres; doiuse chapons comme 
let nostres; et da ria, tant qne huit ndg^res en ponToient porter* {Btlaiion 
du voyagt qu€ Ftangois Cauche a faxt ä Madagascar . . ., p. 12 — 18). 

1) Ibiä,, p. 12. 

9) Ibid.y p. 17. 

8) IlM.y p. 8; cf. p. 18: «II y enst diseention entre le Capitaine et le 
Maiitre de nostre naTire, qni maintenoit . . ., et le CapitaiDC au contraire 
<ia'il falloit paaeer outre et chercher qnelqne honne prise». 

4) Ibid., p. 18-20. 

5) Ihid., p. 18. 



48 Henri Froideyaax 

k echanger lenr cargaison contre des bestianx^), dont ils mangeaient 
la chair et gardaient soigneusement le cuir, on contre de la cire 
et d'autres prodnits dn pays. Si leurs Operations commerciales 
ne d^passferent pas les frontiferes de l'Anosy, la fante n'en est pas 
ä enx, mais aux indigfenes avec lesqnels ils tent^rent de noner 
des relations \ ces demiers ne r^pondirent ä lenrs avances, — dans 
TAmbolo, en partieulier — qu'en s'effor^ant de les piller et de 
les tuer*). 

Bien que lern* champ d'operations commerciales ne ffit pas 
tr^s 6tendu, Alonse Goubert et ses compagnons, gräce anx 
excellents termes dans lesqnels ils vivaient avec les Antanosy, 
ne tardörent pas ä r^nnir dans leurs magasins des marchandises 
en quantite consid^rable, surtont des cnirs, de la cire et 
des gommes'). La barque ä la construction de laqnelle ils 
travaillaient depnis longtemps 6tant enfin achevee, nne partie 
des marins du Saint- Alexis s'y embarqua, sous le commandement 
du mattre d'iquipage Jacques Soulas, aprös y avoir chargi 
€600 cuirs de bcBufs, quantite de cire et gommes du pais, et . . . 
une grande partie de la marchandise que nous avions amen^e 
de France»^); un peu plus tard le capitaine Goubert et 
plusieurs autres de ses compagnons prirent passage, avec des 
marchandises 6galement, sur le vaisseau dieppois la Marguerite, 
qui regagnait sou port d'attache en revenant de la mer 



1) O'est ce qui ressort da passage dans lequel Canche raconte son ex- 
p6dition dans la Tall6e d*Ambolo: «nostre dessein, dit-il, estoit de changer 
partie de nostre marchandise contre du bestail» {Relation dn voyag€ . . ., 

p. 21). 

2) Relation du voyage que Frangois Cauche a fait ä Madagasear . . ., 
p. 21. 

8) Gela rteulte avec ^vidence de ce que dit Cauche au siget du Charge* 
ment de la barque construite avec les d^bris du SaitU^Alexie. 

4) Rdation du voyage que Frangoie Cauche a fait ä Madagasear . . ., 
p. 23. — Aucune mention n*est faite en cet endroit de l'öbtoe dont le capi- 
taine Cocquet ira un peu plus tard faire un ohargement & Matitanana (Flacoürt, 
Histoire de la grande Isle Madagasear, 6d. de 1668, p. 19i et 196) ; Cauche 
se borne k raconter que «nostre ditte barque . . . füt lest6e de bois d*6btoe« 
(^Relation du voyage . . .| p. 28), ce qu41 faut sans doute attribuer k la vo* 
lont6 de Jacques Soulas, qui, un peu plus tot d^ä, ayait engag^ le capit«iner 
Goubert k charger le SainUAIeJcis de bois d'6btoe {Ibid,, p. 18). 



Le commerce fran^ais k Hadag^ascar au XV!!«" siöcle. 49 

Rouge ^). Teile etait toutefois la bonne intelligence existant 
entre les sujets d'Andrian-dRamaka et les marins normands que 
aept de ces derniere refris^rent de regagner encore la France, et, 
de leur plein gr6, demeurferent dans TAnosy ä faire du commerce. 
En quelques mots, Flacoürt a resume Thistoire de ces Ro- 
binsons; ils €se mirent, dit-iP), ä traitter de la cire, des cuirs, et 
antres choses dans le pays pour leur compte». Dans des m^moires 
rMiges d'apr^s les recits de Tun des sept, Franfois Cauche, le 
Rieur Morisot a 6crit un commentaire tr^s interessant, — parfois 
rectificatif, — de ce court passage de Flacoürt, et racont^ ce que 
devinrent, une fois abandonnis ä eux-mSmes, les marins normands. 
kprbs avoir quitti Sainte-Luce, ils s'etablirent dans Tintirieur du 
pays, et y fond^rent, avec Tautorisation des chefs Antanosy, deux 
eomptoirs, Tun ä Manhale et Tantre ä Fanjahira, trafiquant 
(comme Ta dit Flacoürt) avec les indigines de TAnosy, mais 
pour le compte de la compagnie rouenno-parisienne qui avait 
nagn^re envoy6 le Saint- Alexis ä Madagascar^), — entreprenant, 
eomme de veritables marchands ambnlants, dans differentes parties 
de la grande tle de longs et p6rilleux voyages au cours de Tun 
desquels Cauche s'avan^a jusqu'ä la baie de Saint-Augustin, 
oi il troqua une quinzaine de tStes de gros betail*), — renouve- 
lant leur stock de marchandises du mieux qu'il leur etait 
possible, lorsqu'un navire venait mouiller sur le littoral de 



1) HekUüm du voyage que Frangois Cauche a fait ä Madagcucar . . ., 
p. 24 : «Il ftit . . . r68olu qu^ils se chargeroient d'une bonne partie des mar- 
ehandises qoi estoient en nostre magazin ponr les porter en France . . ., ä 
condition que cenx dn vaissean de la Marffuerite, commandö par ledit Digart, 
partageroient esgallement avec cenx de nostre-ditte compagnie, lors qu'ils se- 
roiflnt arrivez en France». 

2) Hüioire de la grande lale Madagascar, 6d. de 1658, p. 195. 

3) n est impossible d'interpr^ter autrement cette phrase de Cauche: 
•II [Goabert] avoit laissö ä ma Charge et & celle de Söbastien Dronard le reste 
des marchandises qui estoient au magazin, d condition d'en tenir conte ä 
la Compagnie^ et remetire icelies es mains de ceux qu^elle m'envayeroü dans 
deux ans* {Reiation du voyage . . ., p. 25). 

4) Ibid., p. 46. — n convient toutefois de noter qu'ä plusieors reprises, 
M. Alfred Grandidier a 6nonc6 des doutes tr^s fortement motiv6s sur la 
rtalit^ des yoyages de F. Cauche & Pint^rieur de Madagascar. Cf. Collection 
des Ouvrages anciens, t. II, p. 440. 

Tierteljahncbr. f. Soei«]- n. Wirtsohaftsgeichichte. III. 4 



50 Henri Froide?aax 

TAnosy^). Ils reussissaient admirablement, au total, loi^qii'aiimoiß 
de septembre 1642 d^barqua ä Sainte-Luce le (*oiumiH de la 
Compagnie des Indes Orientales, Jacques Prony ou Tronis. 

IL 

Tandis qu'Alonse Goubert, FranQois Cauche et leur.s conipa^- 
nons demeuraient enferm^s dans le sud de Mada^ascar, un autn* 
Dieppois, le eapitaine de la marine royale Rigault, qui (a en croiit* 
un document officiel) poss^dait de cgrandes experiences au faiet 
de la na\igation>*) et avait fait «plusieurs entreprises surmerpour 
descouvrir les terres estrangferes»^), commenfait ä porter son 
attention sur ces parages de TOc^an Indien. Avait il eu connais- 
sance, k la cour, du cdesseiu toucliant les Indes Orientales > propose 
uaguöre au niareehal d'EiSat par Augüstin de Beaulieü, et des 
motifs pour lesquels un des conseillers du cardinal de Richelieu, 
Isaac de Razilly suivant toute vraisemblance, avait preconise en 1631 
ou 1632 la fondation d'un etablissement fran^ais ä Madagascar^)? 
ou bien est-ce sur les quais de Dieppe, par des conversations 
avec quelques niarins revenus de la partie occidentale de l'Oeeau 
Indien, par la nouvelle du depart du Saint-Alexis et la connais- 
sance des desseins de Goubert, que le eapitaine Rigault fut amene 



1) Bien de plus explicite k cet 6gard que le passage du commandement 
signifiö k Cauche par Prony le 8 avril 1643 dans lequel Ic commis de la 
Compagnie rappelie avoir döfendu «aux FrauQois restez ici de traiter avec 
ledit Cocquet et ses hommes d^ancuns cuirs, cire ni bestail, comme auroient 
cy devant faU Frangois Cauche et Sebasiien Droi'tart, se rafraichissans de 
marchandises qu'ils auroient j)ris et trocque dudit Cocqutt et de aes gens, 
qu'fls eetimoient propres pour le pays» (cet acte est ins^r^ dans r«ayi8 an 
lecteur» plac6 en t#te de la Rdation da voyage que Frangoiif Cauche a fait 
ä Madagascar), 

2) Nous ne connaissons pas la biographie de Kkiailt; nous savons 
seolement qu*il 6tait d^i eapitaine de Taisseau (l la fin de 1632, 6poque k 
laquelle Richelieu Penyoya en mission ä Alger (Paul Masson, Histoire des 
Etablissements et du Commerce fran^ais dans VAfrique Barbaresque^ p. 46). 

3) Expressions employ^es par Richelieu quand il conc^da au eapitaine 
Rigault le privil^ excluaif du commerce k Madagascar {Documents inidüs 
relatifs ä la Constitution de la Compognie des Indes Orientales de 1642. 
Bull, Comit^ de Madagascar, octobre 1898, p. 485). 

4) Bib. Nat, rass. Fr. 4826, foL 89-40. 



Le commerce fraD^ais i Madagascar au XVII« siecle. 51 

ä tbrmer le projet d'entreprendre Texploitatlou comuierciale de 
nie de Saint-Lanrent? Tontes ces hypothfeses sont egalement 
^-ndsemblables, et il est certain qae le marin dieppois se mit, 
ä partir de Tannee 1639, ä faire cpour descouvrir ies terres 
estrangeres, -et entre autres Ies isles de Madagaseard, autremeut 
de Saiiit-Laurens, et autres adjacentes, et eostes de Mozambicq, 
.... de grandes despences»^). 

La reeompense de tant d'efforts, ce fut de «trouver leg moyeiis 
de faire aaxdits pais des habitations de Fran^ois, et de traioter 
et negotier avec Ies gens du pais des marchandises qui s'en 
peuvent tirer contre d'autres marchandises et manufactures de ce 
Bo7aame>^), puls d'obtenir de Richelieu et de Louis XIII, pour 
dix anuees, le privilfege exclusif du commerce avec clesdites isles 
de Madagascard, autres isles et eostes adjacentes >'), eniin de 
eonstitaer, pour l'exploitation de ee privilege, une soeiete qui prit 
le Bom de Cotnpognie frangaise des Indes Orientales^), Toutefois, 
pour user des droits que lui conferait l'acte du 29 janvier 1642, 
Bigaalt n'attendit pas que Ies Statuts de la soeiete en formation 
ftiasent definitivement signes ; quelques semaines aprfes l'expedition 
des lettres patentes confirmant son privilfege, il faisait partir ä Mada- 
gascar, sous la direction de Prony, c quelques hommes et marchan- 
dises . . . pour commencer ä prendre possession desdits pais au 
desir de ladite concession, et y habituer et travailler ä la traitet*). 
Comme Ies marins du Saint-Alexis Tavaient fait avant eux, 
c'est ä Sainte-Luce que Ies agents de Rigault debutferent par 
s'etablir*). Avec Tassentiment d'Andrian-dRamaka, ils y eonstrui- 



1) Documenis inedüs . . . Loc. cit., p. 486. 

2) Documtnttf inedits . . . Loc. cit., p. 486. 

3) Id., und. 

4) On trouvera le« Statuts de cette Compagnie dans las Docummts 
medUs rekUife ä la Constitution de la Compagnie des Indes Orientales dt 
1642 (Bull Comiti de Madagascar, octobre 1898, p. 490—497). 

5| Expressions empruntöes k Tarticle 4 des Statuts da 30 avril 1642 
(ID^ ibid^ p. 493). 

6) «Lei sieurs Pronis et Foucquembourg s'establirent an Port de Sainte 
Loee, nomine Manghafla [Manafiafy]» (Flacoikt, Histoire de la grande Isle 
Madagascar, M. de 1668, p. 194). Cf. la Relation du voyage que Fran^ois 
Cauche a fait ä Madctgascar . . ., p. 88 et suiv. 



52 Henri Froidevaax 

sirent, en attendant I'arrivee de nonveaux immigrants, une habi- 
tation k laqnelle ils donnireut le nom d'chabitation Saint-Pierre». 
En mSme temps, Prony, — au devant duqnel s'itait porte 
Fran^ois Cauche lorsqne le commig du capitaine Rigault, db» les 
Premiers jours qui suivirent son arrivie, se rendit ä Fanjahira, — 
eommuniquait aux ancieus compagnons d'Alonse Goubert le texte 
des difierents actes leur interdisant formellement de faire desormais 
du commerce ä Madagascar sans Tassentiment du bin^ficiaire du 
privilfege royal, et insistait auprfes d'eux pour qu'ils le suivissent 
ä Sainte-Luce. «Nous demeurasmes d'accord, raconte Gauche^), 
qu'il me laisseroit six mois de temps pour d6biter ma marchandise, 
au bout desquels je ne pourrois plus traitter que pour ma nour- 
riture et mes habits». 

A cette transactiou, Prouy trouvait sans doute plusieurs avan- 
tages: il faisait imm^diatement reconnattre par ses compatriotes 
etablis dans TAnosy le privilfege qu'il 6tait charg6 de faire respecter; 
il se donnait Tapparence de la g^n^rosit^ en les laissant continuer 
lenrs Operations commerciales, alors qu'il ne pouvait gufere lui- 
m^me en entreprendre encore ; eniin il gagnait le temps necessaire 
pour recevoir de France les renforts qui lui 6taient promis, et 
imposer ensuite par la force, s'il le fallait, I'observance du privilfege 
royal *). Mais il comptait sans les retards in^vitables d'une entre- 
prise k ses d^buts, sans le climat, sans la mauvaise volonte de 
ceux-lä meme qui Tavaient amen6 dans la grande tle. Le Saint- 
Laurent, en effet, le premier navire 6quip6 par la Compagnie 
des Indes Orientales ä destination de Madagascar, n'arriva dans 
la baie de Sainte-Luce que longtemps apr^s le moment oü il y 
etait attendu, le 1^' mai 1643^); dans les preraiers mois de son 



1) Relation du voyage que FranQois Cauche afaü ä Mctdagaacar . . ., p. 89. 

2) Les termes de Tacte du 29 janvier ötaient tr^ nets; Rigaalt et ses 
fatnrs associ^s recevaient le privil^ge dn commerce ponr dix ann^es, «sans 
qu^aucnns autres qne ledit Rigault et ses associez poissent faire habitations, 
traictes, trafficq et commerce, ny en tirer aacones marchandises pendant ledit 
temps pour apporter en ce royanme par quelque personne et nation que ce 
soit, sy ce n'est de leur consentement et par escript, k peine de confiscation 
des vaisseanx et marchandises au proffict dudit Kigrault et [de] ses associez« 
{Documents inidiis . . . Loc. cit., p. 486—487). 

3) Le texte de Fi.acoukt est trfts pr^cis & ce sujet: «Le premier joor 



Le commerce fran^ais ^ Madagascar au XVII* siöcle. 53 

s^joiir ä la cdte, Prony perdit, par suite de rinsalubrite du climat, 
plus de la moitie de ses compagnons (26 snr 40), et tous les 
Mtres farent trhs öproav^s par les maladies^); enfin les marins 
da Saini-Louis, — tel ^tait le nom du bätiment dieppois snr 
leqiiel Kigault avait embarqnS ses agents, — ne se firent pas 
Cuite, tont en ehargeant de T^bine dans le pays d'Anosy et a 
Hatitaoana, de trafiqner, k rencontre des d^fenses royales, et avec 
les indigfenes, et avec les Normands ätablis k Fanjahira et ä 
Manhale *). Se montrferent-ils plus faabiles, plus aecommodants, plus 
lirges dans leurs transaetions qae les envoy^s de Rigaalt? des- 
aerrirent-ils ces deniiers aaprfes des Antanosy? Toajoars est-il 
qne le vide ne tarda pas ä se faire aatoar da comptoir etabli ä 
Sainte-Lace, et Prony dat bientöt reconnattre qae «les habitants 
de ce liea ne noas apportoient aacane commodit^, tant poar vivre 
qae poar traitter dans nostre faabiiation comme ils avoient ac- 
eoüstame, estans divertis par les hommes da siear Coeqaet et 
quelques autres restez du voyage du capitaine Goubert»'). La 
«taation etait difficile ; ä force d'activitä et d'energie, le commis 
du capitaine Rigault panrint k la modifier lägbrement en con- 
traignant Franfois Cauche et ses compagnons ä executer Tengage- 

<ie Maj [1643] arriya le Navire Sainct Laurent* {Histaire de la grande Isfe 
Madagascar, 6d. de 1658, p. 195). Cf. la Relation du voyage que Frangois 
CüMche a fait ä Madagascar . . ., p. 90, qui est anssi pröcise sur la date 
de rairiv^ de ce bätiment, mais commet nne erreor d^an an (1642 au liea 
de 1643). 

1) «Proni retoarna Ters les siens qu'il troava en pitcux estat, la maladle 
ei ayant empörte douze en moins de douze joars, et le reste an d^sespoir . . . 
Oet quarante qiii eitoient arrivez poar habiter avec le dit Proni, 11 n^en de- 
■eorm qae qoatorze aa bout de deux mois* (Ibid., p. 89). Cf. ce qae dit 
Pnmy lui-mdme dans son commandement iL Cauche da 8 ayril 1643 : «. . . Se 
wrans de« afOictions qa*il auroit pleu k Diea nons enToyer, nous dstenans 
Urne wMladea» (Ibid., aa lecteur). 

2) Le 8 avril 1643, Prony fait defense «k tons Fran^ois, tant ceax qoi 
leroient yenos avec ledit Coeqaet que cenx qui seroient restez de Goubert, 
de traitter aucone chose qui se troave en cette Isle avec les habitans, que 
coBse tLVLx Francis restez icy de tndter avec ledit Cocquet et ses honmies 
d'aoeimB coirs, cire ne bestall« (BekUion du voyage que Frangois Cauche 
c faü ä Madagascar, aa lectear). 

3) Belaiion du voyage que Frangois Cauche a fait ä Madagascar (au 
lectew). 



54 Henri Froidevaux 

ment qu'ils avaient nagufere pris euvers Ini, et ä quitter leurs 
comptoirs de Tintfirieur pour habiter ä Saint-Pierre ^) ; mais contre 
les marins du Saint^Louis, que de graves avaries survenaes yers 
le m^me temps^ ä leur bfttiment prfes de Matitanana avaient 
contraintB de renoncer ä regagner la France, et qni, ^tablis vers 
rextrgmite meridionale de la c6te de TAnosy, ä TAnse des Galions, 
excitaicnt les indigfenes contre les habitants de Sainte-Luce et 
allaiont jusqu'ä leur vendre de la poudre et des balles^), Prony 
ne pouvait rien. Aussi les magasins de Thabitation Saint-Pierre 
etaient-ils a peu prfes ^ides quand parut enfin le navire annonce 
depnis si longtemps, le Saint-Laurent. 

A eu eroire Flacoüut, ce bätiment, arme par la Compagnie 
des Indes Orientales aussitöt aprfes sa Constitution definitive, 
apportait a Madagascar tout ce qui etait necessaire «afin de s'y 
fortifier et faire une bonne habitation»*), et avait 6te soigneuse- 
ment pourvu de «toutes sortes d'outils pour bastir et pour cultiver 
la terre»*). II devait däbarquer son chargement, puis repartir 
Sans perdre de temps aprfes avoir embarque ä son bord les marcfaan- 
dises que Ton comptait avoir etc accumulees par Prony dans les 
magasins de Salnt-Pierre^). Mais grande tut la diception de 

1) Cf. rayertissement de la Kelation du voyagt . . ., intitolö «an lecteor», 
et la p. 104. 

2) C'est ce qui ressort avec 6yidence du texte de Gauche, h eü,^ p. 90. 
8) «Au lien d'amener le navire au Fort-Dauphin en Pance de Tholaa- 

gharen [Itholangare], ils aymörent mieux le mener eschouer ik Banoufontohi 
bu Ance aux Galions, oü Us vendirent la poudre, le plomb, et la pluipart de ce 
qn'ils peurent detoumer aux grands d'Anossi . . . Ainri ces voleurs de mate- 
lots, k Tappetit du peu de chose qu'ils en retirörent, üvr^rent beancoup de 
p<mdre, muuition et ferremena aux Grands* (Flacourt, Hitiaire de la gremde 
IsU Madagaseary 6d. de 1668, p. 196. Cf. id., ibid., p. 278). 

4) Cause pour laquelie lee Interesseg de la Compagnie n*otU pae fak 
de grande profits ä Madagascar {k la suite de l'Mition de 1668), p. 8. 

6) Edaiiim du voyage que Byangois Cauehe a faü ä Madagascar . . ., 
p. 91. 

6) «Arriva en ce temps . . . un autre yaisseau Frangois appartenant k 
Böfttre compagnie, ayaat oommandement de se charger de oe qn'U trooTerait 
Atofr est^ acfaeptö, <m pris par esohange par oenx qn'on avoit envoy6 avpai»- 
▼ant dana le vaiaseau 8. Louis, et de tout ee qui seroit de aarehaadiae en 
lliabitation nouvdle de Sainet Pierre, acquis par eeux qu'on avoit eiivoyö 
pour habiter en icelle . . .• (Ibid,, p. 90—91). 



Le commerce Iran^ais ä Madagascar au XVU* siecie. 55 

miles de Regimon, le eapitaine du Saint-Laurenf, en visitant ees 
magasins: ils ne contenaieiit «que ies eairs des bceufs qui avoieiit 
est^ mangez par Ies Frangoist ^)! L'enquSte ä laquelle, ponr avoir 
Texplication d'une teile pennrie, se livra R^mon lui montia 
qnelles grandes illnsions se faisaient ä Paris ceux que Flacouiit 
appellera an pen plas tard «Ies Seignenrs de la Compagnie». 
<0n s'estoit attenda ä nne grande traitte de eairs et de cires; 
le siear Pronis troava qae Ies habitans mangeoient Ies eairs des 
bestes qu'ils taoient, et la cire avec le miel, ... Ies N^es se 
mocqaans d'eax [des Francis] lorsqa'ils eseorcfaoient Ies bcBufs 
en disans qn'ils perdoient de bons morceaax en escorehans Ies 
bestes» *). Ponr compl^ter sa cargaison, Regimou, en presenee 
de lliostilite manifestee par Ies Antanosy qu'excitaient Ies mate- 
lots da Saint'Louis, dat envoyer Cauche dans Tinterienr des 
terres, aax Tapates, pour faire 4a traite des bestiaax, et son 
propre fils ä Matitanana, «ponr y faire habitationi et ponr se 
procarer ensnite de Tibfene ^) chez Ies Antavares et chez Ies Ambo- 
hitsmfenes. Quelqae bien compris que fftt ce programme, il ne 
iat que tr^ imparfaitement rempli, et huit mois entiers s'^eoulferent 
SYant qae le Saint-LaurerU pdt quitter l'anse de Taolankarana 
:iTec une cargaison que Ies fondateurs de la Compagnie des Indes 
Orientales estimferent peu considerable ; de TÄbene, un certain 
nombre de peaax, an peu de cire, voilä ce dont eile se composait^). 
Pas plus ä Taolankarana, — ä Fort-Dauphin, — qu'ä Tha- 
bitation Saint-Pierre, Ies agents du eapitaine Rigault et de ses 
associes ne parvinrent, durant Ies annees subsiquentes, ä faire 
an commerce un peu actif ; rien ne le prouve mieux que la trbs 
reelle difficulte eprouv6e par Ies navires de la Compagnie des 
Indes Orientales ä repartir avec une vdritable cargaison. Au Royal, 
il fallat dix-sept mois pour cfaire sa charge . . . d'hebene, de 

1) Placourt, Ciiusi p<mr laquelle leg Interesses de la Compagtiü .... p. 8. 

2) Ibid., p. 3-4. 

3) Relation du voyage que yratif^ois Caucfie a fait ä Madagascar, 
p. ^l—M et lOO-lOl; et. ausri p. 104—106. 

4) «D [BegiiBOB] Ht blasmö par Ies Interesses de n'avoir pas aj^^ort^ 
aiees ^ aiarcliandiseB, qnoy que son navire fot charg6 d'hMi^toe, et d'an pea 
4e eair et de cire* {Cmuas ponr laquelle . . ., p. 4). — Cf. HisUrirt de la 
prande IsU Madagoacar, 6d. de 1658, p. 197. 



56 Henri Froide?aux 

cnirs et de cire»^), et si le Saint-Laurtfit, lors de son deuxi&me 
voyage, mit nn temps beancoup moins long ä r^unir les marcfaan- 
dises n^cessaires, il dnt tontefois se rendre anx Antavares ponr 
y reeneillir les billes d'6bfene dont il avait besoin*). L'hostilit^ 
plus oa moins apparente d'ane partie des indigfenes ä Tegard des 
FranQais contribuait certainement ä an tel 6tat de cfaoses ^ ; sans 
doute anssi l'Anosy avait et^ ddvastö en 1646 par an oaragan 
qai d^traisit les r^coltes, eaasa la mort de nombreuses tStes de 
b^tail et obligea les faabitants privis de riz ä manger la plus 
grande partie da betail qoi leur ätait rest6^); mais plas grave 
encore 6tait probablement Tinsouciance dont faisait preave Prony, 
et dont Flacoürt donne ane id6e quand il icrit: cLe ris, que 
la barque apportoit du pais de Manghabe estoit bien-tost dissipe 
par son mauvais soin et de ceux ä qai il donnoit charge du 
Magazin, qui en disposoient aussi de leur coste. Ainsi, faute 
d'un bon ordre, les Fran^ois estoient le plus souvent, tantost 
Sans ris et ne mangeoient que de la viande, tantost sans viande 
et ne mangeoient que du risi^). 

Le gaspillage, voilä ce qui, durant le premier gouveniement 
de Prony, a surtout nui au succfes des Operations commerciales 
de la Gompagnie des Indes Orientales, bien qu'elles aient 6te 
le plus souvent tres bien conQues et intelligemment menees. II 
ressort en eflfet du texte de Flacoürt que le chef de la petite 



1) FLACiorKT, Hisioire de la grande Isle Madagciscar, 6d. de 1668, 
p. 200. 

2) Id., tWrf., p. 207. — Comme ^ son voyage ant^rienr, le Saint-Laurtni 
partit «chargö d*h6b^ne, cire et cuirs« {Ibid,. p. 207). 

8) Sur cettc hostilit^, voir FLAcorRT, Hiatoire de la grande hie Mada- 
gascar, 6d. de 16B8, p. 196—196. Cf. Cause pour laquelle les Interesses de la 
Compagtiie . . ., p. 3 et 4, et Relation du voyage que Frangois Cauche a 
fait (t Madagascar . . ., au lectear: ^Veu par nous et recognn que Ie8 babi- 
tans de ce liea ne nous apportoient aucune c4)mmodit^, tant pour viTre que 
ponr traitter dans nostre habitation . . ., estans dirertis par les hommes du 
sisur Cocquet», 

4) Fi.Acorit r, Cause pour laquslle les Interesses de la Compagnie . . ., p. 4. 

6) Histoire de la grande Isle Madagascar, 6d. de 1668, p. 198; cf. p. 199 
et 204. Voir aussi Cause pour laqueUe les Interesses de la Compagnie . . .., 
p. 6: tJl y eut du mauvais soin dudit sienr Pronis pour le meua^ment des 
yivres, dont il arriva grande disette . . .' 



Le commerce frau^ais ä Madagascar au XVII" siecle. 57 

colonie fran^aise de Fort-Dauphin songea de trfes bonne faenre 

ä etendre gradueliement de tons les cdtes son champ d'aetion. 

A peine le Saint-Laurent est-il, en Tannee 1644, arrive k Sainte- 

Lttce qii'on voit Prony cenvoyer donze Fran^ois demeurer aux 

Matatanes [ä Matitanana] pour y faire habitation», avec ordre 

de pousser plus au Nord, si faire se peut, pour y traiter avec 

les indigines, et cafin aussi de reconnoistre le pais»^). Un peu 

plus tard, nouvelle exp^dition dans une autre direction ; c'est le 

seeond de Prony, Fouquembourg, qui part avec un certain 

nombre de compagnons «du coste des Ampatres, puis apr^s du 

C08t6 des Macfaieores, tant pour decouvrir ce qu*il y avoit k faire 

dans le pais que pour traiter des boenfs pour vivre»*). Quand 

le navire le Royal eüt amene ä Fort-Dauphin une centaine de 

Colons, ce fut mieux encore; les expeditions se succ^dirent alors 

8ins interruption, si bien que, en dix-sept mois, de septemhre 

1644 k janvier 1646, «les deux barques firent jusques k sept 

voyages de ris, tant aux Matatanes [Matitanana], Antavares, qu'cn 

Ghalenboulou [la province actuelle de F6n6rive], et le sieur 

Foucquembourg .... fit plusieurs voyages ä la traicte du bestial, 

tant aux Machicores [Masikoro], Ampatres [Antampatrana ou habi- 

tants des plaines de TAndroy], Mahafales [Mahafaly], Manamboules, 

qüe Yongaive et Anachimoussi, d'oä il amena en plusieurs voyages 

plus de deux mil cinq cens boeufs»"*). Interrompues pendant les six 

mois que dura la captivite de Prony*), les expeditions lointaiues 

recommencerent aussitöt apres Tan-ivee du capitaine Lebourg en 

rade de Fort-Dauphin, pour se continuer avec une nouvelle activite 

^res le retablissement du commis de la Compagnie dans son autorite 

premiere ; chez les Mahafales, chez les Antavares, dans le pays de 

Galeniboule et a Ttle de Sainte-Marie, enfin ä Mascareigne (la 

1) FiJ^coüKT, Histoire de la grande Isle Madagascar, 6d. de 1658, 
p. 196. 

2) Id., ibid., p. 197—198. 

3) Id., ibid., p. 199. 

4) Oa plat6t süuplement ralenties, car Flacoirt, s'il n*en dit rien dans 
MB Histoire de la grande lele Madagcufcar, ^crit dans le factum intitnle 
Cm#e pour laqueÜt lee Interesses dt Ja Compagnie . . ., p. 5 : «Pendant 
tt priflOB [de Prony], ils ne laissörent pas d'envojer an loin dans l^Isle des- 
connir le pais, en traittant du bestial pour la snbsistance du Fort». 



58 Henri Froidevaux 

future He Bourbon) l'urent aloi*8 faiteH uiie »irie crexi>edition8') 
dont le» unes ont it& de simples expeditions de traite, mais dont 
«luelques antres ont en pour r^snltat la fondation de petita comptoir» 
d^pendants du comptoir principal de Fort-Dauphin^). 

£n qnoi consistait exactement le commerce de ces differents 
ctablissements, voila ce qu'il serait particuii^rement interessant 
de savoir, et ce dont la plapart des documents ne sonflBent ponr 
ainsi dire pas mot. Les livres de eomptes que Fonqaembonr^ 
rapportait avec lui k Paris, et que brüla apr&s sa mort son a8- 
sassin Lelifevre ^), et aussi les registres de la Compagnie des Indes 
Orientales contenaient certainement des indications nombreuses 
et preciaes ä cet egard ; malheureusement, rien n'en subsiste plus 
aiyourd'hui *). Ce qu'il est, gräee aux ouvrages de Gauche et 
de Flacourt, possihle de dire, c'est que les transactions ne se faisaient 
pas sous forme de vente et d'achat, mais sous forme d'echange, 
de troc*), et que les marchandises recherchies par les Fran^ais 



1) V. les p. 206. 207. 210—211. 213. 214—215 de VWsioire dela grande 
litU Madat/ascnr (M. de 1668). 

2) Aux Antavarcs, oomme il ressort da rapprochement de denx pasaages 
de FLAConrr (Hi9toir$ de la grande Ish Madagascar^ p. 207; Cause pour 
laqueik lea Inifr%9$tz . . ., p. 7: «Le sieor Bougnier, qai commandoit nne 
habitatjon aux Antavarf 8 . . .), et il Pile de Sainte Marie, oü «on laissa le nonun^ 
Beaumout . . . Commander Imict Fran^ois que Ton j avoit laissö pour aasenrer 
let habitans de ladite Isle oontrc les courses de cenx d^Autongil qui leur 
faisoieut la guerrc, et auBsi pour favoriser les Barques quand ils iroient (sie) 
\ la traitte du ris ^ Ohalemvonlon [Galemboole]* (HiHoire de la grande Ish 
Mmimgascmvy M. de 1658, p. 207). — Quant ä MaacareigBe, Prony ne s'en 
«errit que oomme dMn lieu de deportation (Id., UM,, p. 218. 248 et 257). 

8) V. Fi.AiHH KT, Histoirs d€ la yiwiiic Ish Madagascar, H. de 1658, 
p. 201. 

4) Ott du UUÜU8 il nous a öU» impo8sible d'eu retrouTer, en d6pit de 
|mrt4?4fauta(t reeherohes« le moindre fttigmeat. Pent-4tre se trouTaient-fls 
dans irois ftand« cartons qoi ont ^t4 brüü^ ä Paris en 1871, lors de l'in- 
cendle d«" U Cour des ixmiplea, arec le reele des ArchiTes de la Cour (Box- 
NAHsiKi \, /.#* gnmdfs Ctmpofm^u ds Commsres^ p. 84C^ 

t) Oiuebe lindiqiie fxpre <s4i e a t dans sa Esimfiom : il racosie (p. 99 
el 100) aToir rtjoint 4 Fa^iabira «i 1648 «na des oMunis da «Muundear 
d« valsaeatt daaois» qai aTiat rcikioM dans \m baie de Fert-Daiq^tti, ei afpir 
M4 «aiec In,? |iar tonur la pruTine« de« 3f allagaMea, oft m«s anhcflmncs 
qaatr<k viftirt bivmtf^ qaü «^miiieaa« avt>c «ix banib de sei de roohe, qii*fl fit 



Le commerce fran^is iL Madagaecar an KVU* sidcle. 59 

iUient en premier lieu le» vivres iiuligpensableg pour leur »üb- 
sigtance: bestianx snr pied (bcenfs surtout, dont on mangeait la 
rhair et dont on conservait 8oigneusoment la peau, — moutons, 
rhfevre«), volailles, riz, iraits, miel *), — et les boissons du pays *) ; 
imis de la cire, des gommes*) et des bois, en particnlier de 
Tebine, dont on trouve encore de graudes qnantites dans le Sud- 
Rftt de Madagascar^). En ecfaange, Prony et ses compagnons 
donnaient aax indigfenes des objets de pen de valeur, des Stoffes, 
ilej* verroteries, des monchoira, des couvertures, des coiffes, des 
rhapeavx, des couteanx, des ciseanx, des rasoirs, des ferrures, 
des moreeaux de fer ou de cuivre; qnant a la pondre et aux 
Halles, on n'avait garde d'en vendre aux indigenes*), aux ehefs 
des quels, le jour oü il fallait faire qnelque cadeau, on se bomait 
a oflfrir, conime le fit Alonse Goubert ä Andrian-dRamaka, «un 
chapelet de coral fin cizel6 pesant cinq onces, et quelques bracelets 
de verre pour les Dames», ou encore des «pierres d'agathes, des 
rolier» de fausses perles et des ehaisnettes de leton blano*). 

Une preuve absolument irrecusable que teile etait bien la 
loaniere habituelle d'agir des marins fran^ais qui venaient, vers le 
milieu du XVII« siiele, trafiquer dans le pays d' Anosy se trou ve dans 
le petit manuel de conversation firanco-malgaehe public ä la 
t*oite de la relation de Fran^ois Cauehe sous le titre de 



porter par des noirs. Cet achapt ae fit en troc de raasades», Pr^cMemment 
d^j4, en relatant ses transactions commerciales avec les indigenes, Canche 
HC se sert que du verbe iroqucr {ibid,, p. 45—46 et 48). 

1) V. les onvrages de Canche et de Flacourt, paasim, 

2) Flacourt (Histoire de la grandt I$U Madagatcar, 6d. de 1068, 
p. 195), a propos des marins dn Saint^AlexiSf dit qne les «N^es ... de tons 
coftez lenr apportoient dn vin, et du miel de quoy en faire», 

3) Dans sa relation, Canche rapporte qne «Coqney et cenx de son vaissean 
. . . se charg^rent de cnirs, de cire, gommes et bois d'^b^ne ponr repasser 
ea Franee* (t, eit., p. 89—90). 

4) O. Qrakdidier dans Madagaecar au dihui du XX* aiMe, p. 22. 

5) £n gtoöral tont an moins; cependant on Toit en 1643 ies mariiis 
du Saint-Louie Tendre «la pondre, le plomb et la plnspart de ce qn'ils penrent 
dMvaner saz Grands d'Anosri*« ee qne Flacourt leor reproche s6v^rement 
(Eieioire tk la grande Ide Madagaecar, M. de 1658, p. 196). 

6) BehUi&n du voyage que fVam^aie Cauehe a faM ä Miuiagaeear . . ., 
p. 17. 



60 Henri Froidevaux 

<Colloque[s] entre le Madagascarois et le Fran^ois 8ur les 
choses [les] plus n^cessaires ponr se faire entendre et estre 
entendu d'eux»^). Les deux premiers de ces courts dialognes 
ont precisement trait aux Operations commerciaies usuelles aux- 
quelles se livraient les Fran^ais dans le Sud de Madagascar; ii 
convient d'en reproduire ici quelques passages, parce qu'on y 
reneontrera une liste assez compl^te des objets qui, au temps de 
Gauche et de Prony, etaient recfaercfa^s par les Antanosy d'une 
part et par les Fran^ais de Tautre, parce qu*on y pourra aussi 
saisir, en quelque sorte sur le vif, la manifere dont se faisaient 
alors les transactions entre les agents de la Compagnie des Indes 
Orientales et les habitants de Fanjahira ou de tout autre village 
du Sud de Madagascar. 

tLe Madagascarois. Queviens-tu faire enlaterre de Madagascar? 

€Le Frangois. Je te viens apporter beaucoup. 

tLe Madagascarois, Qu*est-ce? 

^Le Frangois. De Tor, de Targent, du coral fin, des patenostres 
de verre, de fausses perles, du cuivre, de Testaing, du fer, des 
draps, des chapeaux, des souliers. 

«Le Madagascarois. Qu'est-ce que ton coBur desire? 

M-Le Frangois. Je veux de la viande de boeuf, du (sie) moutou, 
de chfevre, de[s] chapons, des oöufs, des fruicts, des citrons et oranges, 
des gros limons, des f&ves et du ris blanc. 

« Le Madagascarois. Je t'en donneray, et si tu seras le bieu 
venu en ma maison .... Viens avec tous tes hommes; apporte 
tes cofres pleins dans le vilhige de Fanzaire-). 

tLe Frangois. Bonjour. Je suis venu en ton village avec mes 
hommes et mes cofres pleins. 

€Le Madagascarois. Que je voye! Ouvre les serrures .... 
que cela est beau ! . . . . Donne-moy ce colier de beau coral 
seulement. 



1) Aux pages 176—190. — Lea r^aerves faites par Flacoürt sur la 
valeor de ces dialogaes au point de vue de la langue ne diminuent en rieii 
leor valenr dooumentaire ponr rhiatoire du commerce k Madagascar. 

2) Extraita du «premier colloque», p. 175—177. 



Le commerce fran^s k Madagascar au XVII« si^e. 61 

«L« Frangois. TienB; je te le donne. 

«Le Madagascarois. Tn me fais im grand plaisir. Que veux- 
tn que je te donne? 

«Le Frangois. De quoy es-tu riche? 

«Le Madagascarois. De boenfs chatrez, de moutons, de chfevres 
et de cfaapons. 

«Le Frtmgois. J'en veux bien. 

«Le Madagascarois. Viens, Nfegre ; va-t'en ä la montagne quMr 
des bcBufe; amtoes-en qnarente chatrez, et dix vaches. 

«Le Frangois. C'est beaueonp. Regarde en mes cofres ee que 
tu veux. 

€Le Madagascarois. Je ne scay. Si tu veux me donner du 
petit coral fin, des grenats de plusieurs coulenrs, de citron, de 
jaune, de rouge et du noir, tu me feras plaisir. 

«Le Frangois. Prends-en. 

«Le Madagascarois. Je n'en veux point prendre si tu ne 
mVn donnes. 

«Le Frangois. Tiens! Prens ee collier, attaohe le autour de 
ton eol ; et ces bracelets de rassades de toutes couleurs assoiües 
»eront pour ta femme. 

«Le Madagascarois. Viens-t'en eu ma maison; eile est la 
tiennei^). 

III. 
II ne semble pas qu'un contact un peu continu avec les blancs 
ait modiiSä les coutumes des indigfenes, ni introduit, pendant le 
^oüvernement d'ETiENNE de Flacoukt, le moindre changement 
dans leur maniire d'entendre le commerce. De la fin de l'ann^e 
1648 au 12 fövrier 1655, la traite s'est faite exactement comme 
par le passe, sous forme de troc ; c'est de cette manifere que les 
habitants de Fort Dauphin se sont, alors qu'ils n'6taient pas en 
jnierre avec les Antanosy, procura les vivres dont ils avaient 
besoin, et les marchandises quHls se proposaient de faire passer 
en France pour le compte de la Compagnie des Indes Orientales. 
Comment aurait-il pu en Stre autrement, 6tant donn6es les habi- 
tndes ddcrites par Flacoürt? «Quant au traficq et commerce 

l! Extraits da «second coUoqne», p. 177—179. 



62 Henri Froidevaiix 

qu'ils ont les uns avec les autres, ecrit-il, // ne se fait que par 
eschange; äs nont aucun usage de monnaye; les merceries et 
verotteries que les Chrestiens leurs portent leure servent de mon- 
noye, quand ils vont en pais loing-taiu acfaeter des boenfs, du 
cotton, de la soye, des pagnes, du fer, des sagayes, des haches, 
des coutteaux et autres choses dont ils ont besoin. Ils eschangent 
du cuivre pour de l'or et de Targent et du fer, et fönt ainsi leur 
negotiation par escfaange. S'ils ont quelques pieces de monnoye 
d'or et d'argent, ils les fönt fondre pour en faire faire des me- 
nilles ou brasselets; ils n'ont pas encores la eonnoissance du 
commerce, ainsi que les Indiens, Arabes et Europeens»^). 

La seule modification qu'il soit possible de eonstater porte 
sur la nature meme de ces marchandises, dont le nombre augmente 
tres sensiblement des les debuts du gouvemcment de Fi^vcourt. 
Stimuli par les Instructions des tSeigneui-s de la Compagnie» et 
par les avantages de tout genre qui lui avaient ete assures avant 
son depart*), le nouveau chef des immigi-es fi-an^ais institua, dte 
son arrivee ä Fort Dauphin, sur les ressources economiques de 
la partie Orientale et m^ridionale de Madagascar, une sorte d'enquSte 
dont on n'a peut-gtre pas jusqu'ici fait suffisamment ressortir le 
grand interSt. Entreprises (comme le dit expressement Flacoürt 
de Tune d'elles) «afin de descouvrir le pais de Madagascar et 
chercher ce qui y est de bon pour porter en France» % quelques 

1) Hietoire de la g^rande lale Madagascar, 6(1. de 1668, p. 90. Cf. p. 91 : 
«D n*y a ny foire ny marchö. La foire est oü il y a abondance de qnelqae 
chose plus qu'en un autre pais; \k le coors y est, lä chacon en envoye 
faire sa proyision». — En rapprocher ce qu'on lit ä la page 18 de la Cause 
2)0ur laquelle les Interesses de la Compagnie . . . : «Leur trafficq ne se fait 
cntr'enx qne par eschange. Ceox qui ont besoin de cotton en vont chercher 
oü il y en a en abondance, pour les choses qu'ils portent et condoisent avec 
cox, comme boeufs, vaches, ris, fer et racines d'igname, eschangeant ce qn'il» 
ont en abondance pour celles qoi leur manquent ; et les autres en fönt de mesme». 

2) LoRDBLOT ; Deffenses pour Madame Marie de Gösse, Duchesse de la 
Meilleraye, p. 2 (Bib. Nat., Thoisy 89). — Cf. A. Malütet, Etienne de 
Flacoürt . . ., p. 101. 

3) Histoire de la grande Isle Madagascar, M. de 1668, p. 263. Cf. la 
Cause pour laquelle les Interessez de la Compagnie . . ., p. 9: «Pendant 
cette ann^e [1649], je fis faire trois voyages en divers endroits oü les Fran- 
^ois n*avoient point encor est6 h la descouvertte du pais». 



Le commerce fran^ais ^ Madagascar au XVII' siecle. (53 

expeditions dirigees par des hommes iutelligents et connaissant 

deja la manifere de s'y prendre avec les indigeneB^) ont perinis 

IUI SQCcesseur de Prony de tirer parti, dfeg les preinieres anuee^ 

de 8on admiiristration, d'une foule de richesses naturelles ignorees 

ou negligees avant lui. cje trouvay, ecrit-il dans le pr6cieux 

iaetain intitnie Cause four hquelle les Interessez de la Compagnie 

n'ont pas fait de grands profits a Madagascur *), qu'il y avoit de 

Texquine en abondanee, dont je fis traitter environ quatre 

millierB, recfaercfaer de la eire, de la gomme Taeaniaea, et du 

bois d'aloes. Je deseouvris qu*il y avoit bien des arbres de 

poivre blanc». D'importantes quantites de ees marchandises 

s'aeenmulferent bientöt dans les magasins de Fort-Dauphin, et 

lorsque, le 19 fövrier 1650, le Saint-Laurent quitta pour la 

troisifeme fois l'etablissement de la Compagnie, il put partir, 

uoD plus avec quelques marchandises seulenient, mais avec 

une cargaison assez importante'), et beaucoup plus variee que 

le:* precedentes. tje fis charger dans le Navire, raconte 

Flacoukt, trois mille trois cens cuirs et cinquante-deux 

milUers de bois d'aloes le plus excellent qui soit au monde, nomme 

par les Portugals Par d^aquUla et par les medecins Agallochum, 

oiitre la cire, l'exquine, la gomme de tacamaca, et autres choses 

que j'ay envoyees»*); il ne manquait, au total, et cela par suite 



1) En particolier Le Roy, dont le röle fut consid^rablc A la fin de Tad- 
ministration de Prony et au d6but de ceUe de Flacovut. 

2) F. 9. 

8) Caust pour laqaellt les Iniertsses de la Compagme . . ., p. 10: «[Le 
Xavire] estant de retour au Fort Daupliin, les negres qui apportoient du 
bois que j'avois fait coupper pour la Charge du navire, se sauv^rent tous, 
(iisana que le capitaine Le Bourg et le sieur Pronis les vouloient enlever 
pour les aUer vendre anx HoUandois, si bien que Ton ne pfit apporter le 
reste de ce bois; et ainsi le navire manqua de quelquc vingt tonneaux de 
!*a Charge». Cf. Hisioire de la grande Isle Madagascar, 6d. de 1658, p. 261 
et 262. 

4) Hisioire de la grande Isle Madagascar, ^d. de 1668, p. 262. Cf. la 
CüUM pour laqueüe les Intti'tsseg de la Compagnie . . ., p. 10, oü Flacourt 
iadique ce qu'^taient ces «autres choses» ; il y nomine le tabac, le santal 
citrin (dont il fit embarquer environ 18 tonneaux; v. la p. 261 de V Hisioire 
de la grande Isle Madagascar), «diverses sortes de bois de couleurs, et 
«rautres eschantillons et coquillages et curiositez». 



64 Henri Froidevaux 

de la mauvaise volonte du eapitaiue Lebourg et de Prony, que 
de r^bfene et du cristal de röche ^). 

Pour qu'il n'en fftt plus de mgme ä Tavenir, et pour que 
rapprovisionnement des magasins de Fort-Dauphin fftt assürä d'une 
maniire constante, Flacourt aurait souhaite, reprenant nne idie 
däjä mise en pratique par Prony, fonder le long de la cöte Orien- 
tale de Madagascar un certain nombre de petits comptoirs dans 
chacun desquels fussent venus s'aecumuler, par les soins de ses 
agents, les produits mineraux, vägätanx et animaux de la contr6e 
avoisinante. Pareille manifere d'agir s'imposait dans un pays oü 
eil n'y a ny foire ny marche» et oü «la foire est oü il y a abon- 
dance de quelque chose plus qu'en un autre pais; lä, le cours 
y est; la, chacun en envoye faire sa provision»*). Flacoükt 
ayait-il entretenu de ce projet quelques-uns des Fran^ais de Fort- 
Dauphin? La chose est vraisemblable, puisque, dhs le 9 f^vrier 
1650, M. Nacquart en parlait ä Saint- Vincent de Paul; «on dit, 
6crivait alors ä son Supirieur ce Prßtre de la Mission*), qu'on 
fera plusieurs habitations des FrauQois, entr'autres deux grandes, 
dont Tune au[x Anjtavares, proche des Matatanes, ä trois joumies 
de lä>. — Mais Flacourt avait compte sans les indigfenee qui, 
depuis longtemps d^jä, supportaient impatiemment la presence 
des Fran^ais dans TAnosy. Aussitöt apres le däpart du Saint- 
Laurent, ils se soulevferent contre les colons, et, forts de leur 
nombre, finirent par les enfemier dans un etroit espace sur le 
bord de la mer. Ce n'est donc pas avec les Antanosy que, 
pendant les cinq derniferes annees de son administration, Flacourt 
put faire du commerce; la seconde partie de son Histoire de la 
gründe isle Madayascar est pleine de r6cits de razzias, d'expeditions 
armees accomplios dans Tinterieur du pays pour combattre les 
indigfcnes, pourdetruireleurs villages, pour enlever leurs troupeaux 

1) C'est du moins ce que dit FLACoriir aux p. 9. 10 et 11 de son factum; 
V Histoire d4 la grande Isle Madagascar ne conüent ancune accusation 
de ce 8:enre (cf. les p. 248—249 et 257—268 de Tfed. de 1668), tout au moins 
toiimil6e d'ime maui^re pröoise. 

2) Fi-u\coiTKr, Histoire de la grande IsU Madagascar, 6d. de 1668, p. 91. 
S) Mimoires de la Cofufregation de la Mission^ t IX, p. 98 — 94. Ci- 

Utiou coUationn^e sur le mannscrit conserv^ aux Archives de La Congr^gation 
do hl Mitision (i*eifistrc do Mada^scar). 



Le commerce fran^aiB 4 Madagascar au XVn« si^cle. 65 

et le8 amener par la misire et la terreur ä se sonmettre et ä 
payer tribnt^). Snr an senl point de la cöte Orientale de i'tle 
de Saint-Laarent, au total, on voit quelques uns des agents de la 
Compagnie faire avec eontinnitä et s^cnrit^, du d^but de 1649 ä 
la fin de 1651, qnelque commerce: dans l'tle de Sainte Marie') 
et snr la cdte voisine, dans cette fertile province de Galemboule 
ou de Fön^riye, veritable grenier ä riz dont on peut lire dans Touvrage 
de Flacourt nne description sommaire, mais enthousiaste ^). 

£fit-il d'aillenrs &t& possible au gonvemeur de Fort-Dauphin 
de r^aliser ses projets, il se serait trouv^, par la faute de la 
Compagnie des Indes Orientales elle-mgme, singuliirement empSche 
pour tirer parti des di£f(6rents postes dont il projetait la cr6ation. 
Poor transporter facilement au chef-lieu de la colonie les mar- 
ehandises r^unies dans les comptoirs, des barques lui eussent 
ete necessaires, et c'est pricisement ce qui, par suite de diverses 
dreonstanees, faisait le plus difaut ä Flacourt. «Comme tont 
le n%oce ne se fait pas en un endroit, lisons-nous dans la Cattse 
pour laqueUe les Inferessez de la Compagnie Wont pas fait de grands 
proßts ä Madaga8car% il faut des barques pour aller de eost6 
et d'autres querir et amasser les choses necessaires pour la charge 
du navire .... La faute que les Interessez ont fait[e] en ce 
demier embarquement, c'est de n'avoir pas mis dans le Navire 
ane bonne barque chargee en fagot, ou bien envoy6 un petit 
navire de quatre-vingt[s] ou cent tonneaux en compagnie du 
navire, quoy qu'on les en eust assez averty[s] avant leur depart; 
car en ce pais-lä un navire sans barque, c'est un corps sans 



1) V. VH%8i<nre de la gnmde Ide Madagascar, 6d. de 1658, de la p. 265 
4 la p. 870, p€U9%m, 

2) «Lee hnict Fran^iB y avoient chaoon lenrs maison et leur jardin, 
et q[aaiid ila avoient afßaire des n^gres, ils les aydoyent en tont ce qn'ils 
aToient beeoin d'eux», raconte Fi.acourt anx p. 802—803 de son ouvrage. 
C*eft le 18 novembre 1651 que les qnatre sorvivants des buit Colons enToy^ 
i P!le de Sainte Marie an d^bat de Tamiöe 1649 ftu-ent ramen^s par leur chef 
ttiHiftme 4 Fort-Dauphin. 

8) V. le cb. IX de la premiöre partie de VHittoirt de la grande Isle 
Maioffasear (6d. de 1658, p. 24 — 25) et surtout le chap. XLin de la seoonde 
pvtie (p. 296—299). 

4) Paere 11. 

Vitrteliabrachr. f. Social- q. Wirttchaftsgesohichte. III. 5 



ßß Henri Froidevaux 

ame, et une ou plusieurs habitations sans barque, c'en est de 
mesme». Flacourt en etait si persuade qu'il a fait constraire, 
ä Fort-Dauphin mSme, une barque de trente tonneanx pour remedier 
k cette insufßsanee d'outillage 6conomique ^). 

Si la Sainte-Marie (tei 6tait le nom de cette barque) a surtout servi 
au ravitaillement de cl'habitation», cela tient en majeure partie ä la 
Situation \xh% difficile dans laquelle s'est trouväe, ä partir de l'ann^e 
1651, la petite colonie fran^aise de TAnosy. Ainsi s'expliqne 
^aiement la Stagnation dans laquelle, en d^pit des beaux projets 
de Flacourt, le commerce fran^ais est demeure ä Madagascar. 
A quoi d'ailleurs eftt-il servir d'accumuler des marchandises ä 
Fort-Dauphin? Dfes cette 6poque, la Gompagnie des Indes Orien- 
tales s'^tait, pour diflPferents motifs, complfetement d^sinteress^e 
de ce qui se passait dans l'tle de Saint-Laurent; oublieuse des 
engagements formeis pris ä Tfegard de Flacourt avant son d^part*), 
Sans le moindre souci des Colons qu'elle avait fait passer k Ma- 
dagascar et de ses promesses envers eux, eile n*a pas, ä partir 
de 1648, envoyÄ un seul navire ravitailler rStablissement fond^ 
nagufere par Prony, mgme aprfes avoir obtenu du roi Louis XIV, 
en l'annfie 1652, le renouvellement de son privilfege ") ! Comment, 
Sans secours d'aucun genre, sans marchandises de traite*), les 
70 Fran^ais plac^s sous Tautorit^ de Flacourt*) eussent-ils pu 



1) Histaire de la grande Islt Madtigascarj 6d. de 1668, p. 263 et 285 
et 286. — Cf. CatMe pour laquelle Us Interesaez de la Compagnie . . ., p. 13 : 
«L'ann^e mil six cens cinquante-trois, je fis renforcer nne grande barque de 
quarante tonneanx qne j'avois fait bastir». 

2) Dans son factum, Flacourt d6clare dtre parti k Madagascar «sur 
Tespörance qa'ils me tiendroient ce qn'ils m'avoient promis, que de m'envoyer 
ious les ans un navire» (p. 13). Ct sa lettre du 8 juiUet 1664: «y ayant 
cinq ans qa'il ne nons est Tenu de naTire, quoy qus Messieurs de la Com^ 
pagnie nCayeni promis d^en envoyer un icy tous les ans» (Uistoire de la 
grande Isle Madagascar^ 6d. de 1668, p. 361). 

3) Nous publierons sous pen le texte de cet acte, qui se trouve conserrö 
anx Archives du Ministöre des Affaires Etrang^es, Asie, 2, foL 8—9. 

4) II ressort de la lettre adress^e k Desmartins par Angeleaume le 
28 f^yrier 1664 que ces marchandises manquaient d^ 1661 ik Fort Dauphin 
(Uistoire de la grande Isle Madagascar, 6d. de 1661, p. 405. Cf. p. 408). 

5) Tel est le chiffre donn6 par Flacourt dans sa lettre du 8 juiUet 1654 
(/. Cf/., p. 862). Lors du döpart du Saint-Laurent, le 19 fövrier 1650, Fla- 



Le commerce frangais iL Madagascar au XVn* si^cle. 67 

faire de nombreux ecfaangeg, et ä quoi ieur eüt-il servi d*en 
faire et d'entasser dans les magasins de la Compagnie des mar- 
cfaandises quU ä la longne, couraient risque de s'y abtmer^)? 
Redaits en i^ann^e 1654, aprfes gtre demeuris depnis 1648 sans 
geconrs d'aacan genre, ä an dinüment extreme, «tous contraincts 
d'aller nuds ainsi qne les nfegres, faate de hardes, de linges et 
[de] sooliers, ponr se vestir et chansser»^), ils itaient yraiment, 
güivant l'expression de lenr chef, ccomme gens abandonnez '), 
. . . . gi bien (ajoute Flacoürt) qu'ils m'avoient sonvent reproche 
qne Ton ne se contentoit pas seulement de les faire servir, mais 
que l'on vonloit avoir Ieur vie et Ieur sallaire, en les laissant 
ainsi si long-temps en ce pais sans assistance et sans esperance 
de retourner jamais en France>*).| 

Le cbef de la colonie a souffert d'autant plus cruellement de 
«on impuissance qu'il s'itait rendn compte des ressources de 
Madagasear^ et qu*il avait forme, pour l'exploitation et la coloni- 
^on systematiques de Ttle, an plan raisonni et reflechi. Ce 
plan, il l'a lui-mSme expose un peu plus tard avec une certaine 
ampleur, et il convient de s'y arrßter quelque peu, parce qu'on 
V trouve des id6es interessantes, et aussi parce qu'on y relfcve, 
i^nr les marchandises demandees par les indigfenes et sur les 
<pos8ibilit^s economiques» de Madagascar, des informations pre- 
cises. «Afin que, d^bute par declarer Flacoukt*), les habitans de 



vowT avait gardö avec lui 108 hommes k Fort Dauphin {Cause pour la- 
queUe les Interessei de la Compagnie . . ., p. 11). 

1) Flacoürt parle ^ans son r6cit de la crainte qu'il avait «que les cuirs 
qni estoient icy bc se gastassent k la longue* [Histoire de la grande Isle 
Madagascar, öd. de 1658, p. 371). 

2) y. la lettre d'Angeleaume k Desmartius datöe du 28 fövrier 1664: 
«'Noos sommes r6duit8 k aller nuds comme les n^es, jnsqu'a Monsieur de 
Flacoürt, qni n^a pas wue chemise* {Histoire de la grande Isle Madagascar^ 
M. de 1661, p. 405). 

3) Histoirs de la grande Isle Madagascar^ 6d. de 1658, p. 361. 

4) Id., ibid., p. 369. 

5) Y. dans le Factum intitul6 Cause pour laquelle les Interesses de la 
Ompagnie n'ont pas fait de grands profits ä Madagascar, les p. 18—37: 
«Advantages que Ton peut retirer en Pestablissement des Colonies k Mada- 
gucar pour la religion et pour le commerce». — Ces pages sont reproduites 
-4an8 le chapitre LXXXXI de la seconde partie de VHistoire de la grande 



68 Henri Froideranx 

cctte isle se puissent accoustumer ä uii bon n6goce et y prendre- 
goust, il est besoin d'y establir diverses colonies de Fran^ois, 
qui eux-inesmes (ainsi que par toutes les Isles de TAmeriqne) 
cultivent le tabae, Tindigo, le cotton, les cannes de sucre; y ra- 
massent la soye qui y vient par tout en abondance; y nonr- 
rissent les vers k soye a la fa^on de TEurope ; entretiennent grandc 
qnantiti de ruches ä miel; recueillent les gommes de benjoin, 
tacamaeha et autres gommes odoriförantes ; cultivent la racine 
d'exquine, le poivre blanc qui est par tout en abondance ; ramassent 
I'ambre gris le long de la coste de la mer, nigligi par les 
habitans du pais^); cherchent dans les rivieres plusieurs pierres 
prtcieuses de diverses espfeces qui s'y peuvent trouver; observent 
les montagnes qui contiennent Tor, et le s6parent d'avec le sable 
oü il se treuve en quelques ruisseaux ; establissent des forges de 
fer et d'acier, qui y est par tout en abondance ; aillent ä la chasse 
des boeufs sauvages en plusieurs provinces pour en amasser les 
cuirs, et conservent ceux des [boeufs] domestiques, que les habitans 
nourrissent en grande quantite, et par troupeaux». 

Ces colonies affecteraient surtout (comme il ressort ncttemcnt 
du passage qu'on vient de lire) un earactire agricole et industriel ; 
aussi n'y faut-il point faire passer cde vagabonds ny . . . de 
femmes desbauchees»*). Comme Colons, Flacourt veut tonte autre 
chose; cceux qui sont propres pour Madagascar, dit-il formelle- 
ment^), ee sont tous gcns de mestier> ; ce sont des travailleurs 
ayant le moyen de payer leur passage depuis la France jusqu'a 
rtle de Saint-Lanrent, auxquels seront immediatement donnees 
fdes terres pour planter et faire valoir»*); ce sont encore des 
laboureurs et des artisans qui, transportes dans l'tle aux frais 
de la Compagnie, debuteront par y travailler, avec cdes gages 
mediocres», obligatoirement pendant trois ans pour le compte de 
cette meme Compagnie, ou enfin des soldats engag6s aux mfones 

Isle Madagascar, 6(1. de 1661, p. 445—464. — Notre citation est emprunt^e 
aux p. 18 et 19 da Factum. 

1) Cest ce qne faisait, d^s 1647, le nomm6 Alain quand il fut tu6 {Cause, 
pour laquelle . . ., p. 6—7). 

2) Cause pour laquelle les Inter esset de la Compagnie . . ., p. 30. 

3) Ibid., p. 29. 

4) Ibid., p. 29. 



Le oommerce fran^ais ä Madagasear au XVII* si^e. 69 

conditions et suse^tibleft, ane fois leur temps de genrioe expire, 
de s'itablir definitiveiiieiit dan8 le paye et de travailler, eax ansai, 
k aa mise en valeiir^). 

Tons ces immigTantg seront, des leor arriv^e ä Fort-Dauphin, 
repartis entre dififörentes colonies qui Beront cr^äes simoltanäment, 
81 faire se pe«t, le long des cdtes miridionale et Orientale de 
Madagaacar. Par suite de son existence m6me et anssi ponr dea 
raisons d'ordre g^graphiqoe, le centre administrsUif sera place 
a Fort-Danphin; c'est lä qae €ge doit faire la principale colonie»-). 
Uli etablissement sera fond^ plns k TOuest, ä la baie de Saiut- 
Aogaatin, tandis qn'on veritable cbapelet d'habitations d'impor- 
tanee variable s'öchelonnera le long de la cdte Orientale (ä l'em- 
boachure du Manaiyara, an Port-aux-prunes, ä Ttle Sainte-Marie, 
a Antongil) et qne deux e<MnptoirB seront fondis aux Mascareignes, 
Tan a Bonrbon et Tantre ä Rodrigue. Quant ä rint6rieur des 
terrea, eneore ä peu pris inexplore, Flacourt ne juge opportun 
iVj etablir qu'une seule eolonie, dans le pays des Masikoro, separe 
de la mer par le pays des Mahafaly actuels, c pour y establir des mäteurs 
de bcoufs ou boucaniers, d'autant que tout ce pa'is est trfes-graud 
^t est remply de bceufs, ou pour mienx dire de taureaux sauvages» ^). 

De ces diffärents etablissements, la piupart doivent essaimer 
a leor tour. Non Contents de se livrer ä la mise en valeur de 
la oontree qu'ils babiteront, les Colons devront, — Flacoukt le 
<le<^lare expressement, — entreprendre des reconnaissances, et 
Bieme de veritables voyages d'exploration dans les contrees avoi- 
^antes^); pnis, dans les endroits reconnus les plus favorables, 
i'^waimer et fonder de petites habitations et des fortins. C'est 
aiiisi que, de Fort-Dauphin, «l'on peut, d^clare Flacourt, establir 

1) Cause pour laqudh les Interessez . . ., p. 28—29. 

2) Ibid., p. 34. 

3) Ibid., p. 34—36. 

4) Ibid., p. 36 : «De toutes ces habitationi, Ton ponrroit eoTojer des Fran- 
^019 au nombre de trente oa qaarante Frangois ä la fois ponr detooavrir le 
paii en tirant i FOfiett NoroUest de lisle, et de ces yoyages dependroit toate 
^ eoamoissaace du pa!8 . . . L'oa ponrroit dans des barques descoQyrir toutes 
les bayes, caps et boaches de riyi^res qui sont ä POüest de Tille et Ttfs 
le Nord d'iceUe, qui n'ont point eneore est^ descouvertes. Ce voyage seroit 
le plus fractnenx que Ton pourroit faire«. 



70 Henri Froidevaux 

un fort ä Itapere dans I'Islet [la principale des lies Sainte-Claire] 
qui est un lien tr&s advantagenx pour Commander au port, qni 
est fort bon, an autre ä Manghafia [Manafiafy], qui est nn autre 
port, et faire un fort ä Sainte Luce qui est I'Islet de Manghafia; 
et un autre ä Ranoufoutchy [Ranofotsy], qui est aussi one fort 
belle ance oü un grand navire peut mouiller. Outre que, dans 
la province d'Anossi [Anosy], Ton pourra establir des Fran^ois 
habitans en divers lieux pour cultiver le tabac et les choses qui 
sont bonnes k negotier avec les originaires»*). On devra de mSme, 
une fois la colonie des Antavares etablie, cen ordonner quelques 
autres aux lieux les plus advantageux du pais>*), et, des tle« 
littorales de Sainte-Marie et d'Antongil, fonder des etablissements 
sur la terre ferme, et en particulier csoubs-ordonner une habitation 
de douze ou vingt hommes k Ghalemboule, et bastir un fort sur 
le bord de la mer, proche le lieu oü nous bastissons nos case», 
sur la petite eminence qui fait une pointe au fond de la baye^ 
entre le sable de Tance et celuy du chemin d'Ambato»'). 

Relies sans cesse les uns aux autres et ä Fort-Dauphin, — 
oü se trouveront les magasins de la Gompagnie, — par cplusieurs 
barques longues»^), ces diff6rents Etablissements seront en outre 
en relations r^guli&res avec la France, la Gompagnie des Indes 
Orientales prenant soin d'envoyer chaque ann6e «au moins un 
navire» ä Madagascar, et permettant sous certaines condition» 
d6termin6es cä tous marchands de faire equiper des vaisseaux 
pour aller negotier en ladite isle»*). Ces bätiments trouveront 
dans les diff6rents groupements de population blanche, comptoirs 
et forts diss^min^s sur le littoral, et surtout ä Fort-Dauphin, 
tous les 61iments de fr6t et de chargement qui leur seront nicessaires ; 
ils y porteront de leur c6t6 les vivres et objets de toute nature 
indispensables pour le ravitaillement de la colonie, ainsi que le» 

1) Cause pour Uiquelle les Interessez . . ., p. 34. 

2) Ibid., p. 34. 

3) lbid,y p. 35. — Cf. aussi ce qni est dit de Tile Bonrbon (p. 35), du 
Port anx Prunes (p. 35 — 36), de la baie de Saint Angustin et dn pays dea 
Masikoro (p. 36). 

4) Ibid., p. 34. 

5) Ibid., p. 33. 



Le commerce franse h Madagascar au XVII* siöcle. 71 

marchandises nicessaires pour trafiquer avec les iudigfenes '), mar- 
chandises dont Flacoubt a soin de donner une liste trop preciee 
ä divers points de vue pour ne pas 6tre transcrite iut^grale- 
ment ici. 

cLes choses bonnes ä porter ä Madagascar pour y negotier 
avec les habitans sont verottories (tfic) de toutes couleurs, qui 
sont petits graius d'esmail, gros comme graine de cheneviere 
(les coulears bleues, rouges, noires, blanches, vertes, jaunes 
et orengies sont les meilleures, et principalement la rouge et 
la violette); rassades^) de diverses couleurs, et principalement 
la bleue, dont il faut en plus grande quantit^ que des autres, la 
roug^9 jaune, couleur d'aigre-marine, de cristal, et de verre, peu 
de blanche et de la noire, de la violette') .... Les grains de 
corail de toutes grosseurs y sont extremement requis, les comal- 
lines rouges et blanches, grosses, longues et en olive; mais il 
faut qn'elles soient toutes perc^es pour enfiler. Les grains d'a- 
gathes, grenats et cristal de röche y sont fort requis. Le cuivre 
jaune en gros fil et diverses merceries, comme chaisnettes de 
cuivre jaune (il ne leur faut rien de fragile et de facile ä rompre), 
des cizeaux, des couteaux, des haches, des serpes, des marteaux, 
des clous, des cadenats, des se[r]rures, des pentures de portes, 
des gons, des verroux, des locquets, des scies, des cizeaux de 
menuisiers, des rabots, des vrilles, et des vibrequins (nie), 
et mille autres broüilleries sont tres bonnes a porter dans 
Tislc pour traitter avec les originaires, pour lesquelles acheter 
ils s'efforceront de trouver, chercher et de manufacturer tout ce 
que Ton voudra»^). 

Arretons, sur cette longue et instructive citation, notre examen 



1) Cause pour laquelle les Interessez de la Compagnie . . ., p. 34. 

2) «La RaBsade est faicte d'une paste d'esmail, dont les grains sont gros 
comme des pois de diverses grosseurs» (Flacoukt, ibid.y p. 31). 

3) Cf. les recommandations faites un peu aoparayant ä Desmartins par 
iNGKLKAUME: «Les marchandiscs du pays, n'oubliez pas d'en envoyer quan- 
tit^ de toutes les sortes, & la röserve de la rossade blanche, noire et fueille 
mortc, et couleurs couverte[8] ; pour toutes autres couleurs, envoyez-en, comme 
«usi de toutes softes de yerroteries, corail, comalines et cuivre jaune tout 
ür^* (Histaire de la grande Isle Madagascar, 6d. de 1661, p. 405). 

4) Cause pour laquelle les Interessez dt la Compagnie . . ., p. 30 — 31^ 



72 Henri Froidevaux 

des grandes lignes ^conomiqnes du plan de eolonisation 
fonn6 par Flacocrt dttrant son s^joor ä Madagascar, apr^ 
nne longue et attentive itade des ressources de tonte nne 
partie de la grande tle. De ce plan, dont il rgvait de diriger 
Tex^cation, il lui etait impossible, par suite dn complet abandon 
dans leqnel le laissait la Gompagnie des Indes Orientales, d'en- 
treprendre de rialiser mSme la plus petite partie. A eette de- 
eeption, si cruelle pour un ambitienx tel que le gouvemenr de 
Fort-Dauphin, s'ajoutferent encore d'autres griefs: la singalifere 
n^Hgenee des directeurs de la Gompagnie, qui ne songirent 
mSme pas ä profiter du däpart des bfttiments envojis en 1654 
dans rOe^an Indien par le mar^ebal de la Meilleraye pour faire 
passer, non des armes et des vivres, mais simplement des ins- 
truetions ä lenrs agents de Madagasear^), puis l'aceueil indiff<^ent 
glaeial, que firent ä Flacourt reyenu en France les intiress^B de la 
Gompagnie, et les cbieanes p^uniaires qu'ils lui cherchirent'). C'eu 
etait trop ! Flacourt n'besita plus ä donner uu libre conrs ä son 
ressentiment, et pubKa le factum inütuli Ccmse pomr laquelie les 
InUrtssez de la Compagnie n'oni pas fait de grands profiis d 
Madagascar, cLa v^ritable cause, y ecrivait-il non sans amer- 
turne ni rancoeur^), de ce que les Interessez n'ont rien fait et 
n'ont point advance leurs affaires de Madagasear, c'est leur negli- 
gence, et Tabandon qu'ils ont fait de la meilleure affaire du 
monde, si die eust tomb£ entre les mains de personnes soigneux 
et bien entendus en maniere d'enyoyer establir des Golonies aux 
pais nouvellement descourerts. Ils ont abandonn^ leurs terres 
lorsqu'ils ont veu la moisson preste a recueillir; et ainsi ont donne 
sujet ä tous ceux qui sont capables d'en bien juger, de se rire 
de leurs simplicite et n6gligence>. 

1) Seul, Fou^UET ^criYit k Flacourt, et MoieiBeiit poor kii reeoBunan- 
der les deux pr^tres de la lÜMion qui arrivakut ä liadagascar (Bisioire de la 
gt-ande IsU Madagaacar, M. de 1658, p. 365—366). Of. la dödicaee k Foi - 
QFST : •Sa$iM m*y prtBcnrt rien des affaires qm amcemetd le co mm e rc e du 
paUy Yous n'ayez p<HBt ea d'aatre bat que de me reoommander les cboMB qui 
regardent les spirituelles ...» 

2) Hieiairs de la grande Isle Madagaecar, 6d. de 1668, p. 882—884, et 
Cause pour laquells les ItUereeses de la Compagnie . . ., p. 16-- 17. 

8) Page 17. 



Le oommerce fran^is k Madagasear an XVII* siöole. 79 

IV. 
Si preeaire qn'sit pn £tre, pendaot le goavemement d'ETUSNKE 
DK Placoubt, fai »itaatiaii de 1& petite colonie franQaige de M21- 
dagaeear, eile ne tarda pas ä le deyeiiir davantage eneore. Le 
direetear de la Compagnie des Indes Orientales ayait pris soin 
ayant de s'embarqner sur VOurs, nn des denx navires frdtto par 
le martebal de la Meilleraje, de poniroir du mienx qn'il lui 
avait He possible de yiyres et de marcbandises ses eompagnons^); 
inais les iaoendies qni, aassitdt aprte son d6p«rt ponr la France, 
firent de la partie retraneb^e de Fort-Danpbin ^) an monceaa 
de eendres amenferent la perte totale des munitions, des appro- 
yisionnements et des marcbandises de tonte sorte consenr^ daus 
les magasins*), si bien qn'an dibnt da mois de mars 1656, les 
babitants de ee poste se ^onyaient dans an itat plus lamentable 
qne jamais. Avec son Energie eoatamiire, Prony, k qai Flacourt 
ayait dilego^ son antoritö et qai avait döjä manifeste Tintention 
de mettre le fort cen bien meillear estat qae le siear de Flacourt 



1) La choae ne semble paa avoir tei^joars ^ irhs facile, car les proyisions 
diargöea aar le Saint^Gewg^s et aar VOurs n'arriyörent pas en bon 6tat ä 
ICadagaaear. «Notre farine, ^rit M. Mounier le 5 f^vrier 1656, ne s^est 
potBt tronr^ meüleare qae celle ie M. de Pronis, et eile se gatera bientot, 
81 Dien m'y met la Bain . . . Notre Tin aoaai auroit est^ mieax en de graads 
Taaea, üaicla d'^taia on de rerre, poor le pr^aerrer de tont danger, de mesme 
qae rhnik d'olive» {Mimoires dt la Cnngrigafion de la Mission, t. IX, 
p. 206). 

2) II conyient en effSet de distingaer soigneusement le fort du reste de 
r^tablinement Aran^is de Fort Danpfam. «Le Fort consistoit en la Gimpelle, 
laaisoiB da GouTeneor, . . . «ne coiaine de pierre, deox paTÜlons de pierre 
qai serroieat de priaana, cinq Magaaiaa, un Corps de garde, nne boatique 
de forge et ane aotre petite forge, one boncberic, et setze maisons de parti- 
culiera . . . Uhabitaiton des Frangois hors le Fort ... est compos^e d'en- 
▼iron quelques cent cinquante cases tant de Fran^ois qae de N^es qui servent 
aa Fort» (FLACOuaT, Hüiair§ de la grande leU Madagaaear^ M. de 
1661, p. 412— 41S). — Cf. le plan de Fort Danphin annez6 k Touvrage de 
Flacourt. 

3) Sor oea incendiea, Toir dana TöditioB de 1661 de VHiaMre de la 
gramde I9U Madagaätar^ la «Relation de ce qai s'eat paaaö en PIsle de Mada- 
gaacar depoia le 12 febrier 1665 juaques au 19 janyier 1666» (p. 410--41B) 
et la lettre de M. Bourdaise du 10 janvier 1656 (Memoires de la Cangre- 
gatian de la Mission, t IX, p. 210->212). 



74 Henri Froidevanx 

ne l'avoit laiss^»*), se mit ä Toeuvre pour rem^dier ä ces däsastres; 
mais la mort ne lui laissa malheurettsement pas le temps de mener 
ä bonne fin ses projets, et s'il put, gräce k la prisence du Saint- 
Georges dans Tanse de Taolankarana, reconstituer imm6diatement 
Uli petit ßtock d'approyisionnements de toute espfece et de mar- 
ehandises de traite, c'est ä son successeur Des Periers que revient 
le m^rite d'avoir aclieve tant bien que mal la reconstruetion, k 
cOte de Thabitation des Fran^ais, d'une nouvelle enceinte fortifite 
a rint^rieur de laquelle furent immidiatement 61ev£es des cases^ 
qui servirent d'arsenal, de magasins, d'habitation pour le gou- 
verneur, etc. 

Tandis que la reeoustruetion de leur fort, et la r^union de» 
vivres necessaires pour Talimentation de la colonie oc<^upaieDt 
exclusivement les habitants de Fort-Dauphin'^, le capitaine du 
Sniiit'G Borges (le second navire du marichal de la Meilleraye), 
M. de la Forest, faisait ses pr^paratifs de d^part; trafiquer avee 
les indig^nes de la edte Orientale de Madagascar, puls faire la 
course dans la mer Rouge, tel 6tait alors son double but ^). Aus- 
sitöt aprfes le retour des Fran^ais envoyis par Prony ä la traite 
du b^tail, il quitta l'anse de Fort-Dauphin, et se dirigea vers 
rtlc de Sainte-Marie, d'oü, tandis qu'une partie de son 6quipage 
travaillait ä remettre le Saint-Georges en 6tat de poursuivre son 
voyage, il gagnait lui-mSme l'embouchure du Manantsatra, afiu 
d'y recueillir cdes pierres de cristal de röche» dont il voulait 
lester son navire. Malheureusement, le capitaine de la Forest 
ignorait de quelle nianiire il convenait de se comporter ä l'egard 
des indig^nes; par son impatience, ses menaces, ses violences, 
il niodifia leurs dispositions d'abord pacifiques et amicales, et 
finit par se faire assassiner par eux*)! 

De cette mort, qui ne seniblait devoir eonstituer qu'un de ces 

1) Histoirt de la grande Mit Mad(tg€iscar, 6d. de 1661, p. 414. Cf. p. 411 : 
«Lo sieur Proni» . . . s^stoit vantö quil vouloit faire changer le Fort et le 
Qiettre en bien meUleur estat quHl nVstoit anparavant». 

2) C'est «pour asaister les Fran^ois* quhin parti de trente hommes,. 
command6 par Des Periers, s'^tait rendn dans le pays des Mahafaly (Ii>., ibid,^ 
p. 418). 

l\) l\\, ibid., p, 41B. 

4) li»., ibid.. p, 414-416, 



Le commerce fran^ais & Madagascar aa XVn* sitele. 75 

regrettables incidents presque inivitables au d^but de tonte en- 
treprige eoloniale, r^ultferent bientdt des cons^qnences d^sastreuses. 
Les indigines dn pays de Galemboulou en prirent pr6texte pour 
attaqner les habitants des rives du Manantsatra qui, enbardis 
par rimpnniti dans laquelle les avait laissis T^quipage du Saint- 
(teorges, ne craignirent pas de porter ä leur tour le fer et la 
flamme sur le territoire de lears agresseurs et menac&rent les 
habitants de Ttle de Sainte-Marie cde les venir inquiiter, et 
bmsler leurs villages ä cause qu'ils estoient amis des Fran^ois»^). 
Lorsqne, d'autre part, les Colons de Fort-Dauphin apprirent Tas- 
sassinat du capitaine de la Forest cfort aymä et estimi d'un 
chacnn», ils en rendirent imm6diatement responsables les grands 
du pays d'Anosy, et, sans tenir £ompte de la soumission dont, 
depuis plnsieurs mois d6jä, ces demiers avaient donnä des preuves 
multiples, ni de leurs protestations d'innocence, des P^riers les fit 
emprisonner, puis ignominieusement exicuter*). 

cLes N^es de Carcanossy [Anosy], dcrivait en terminant son 
recit Tanteur anonyme de la Relation de ce qui s^eU pass^ m Visle ik 
Madagascar depuh le 12febr[ier] 1655jusques au 19 janvier 1650 y, 
tesmoignent estre bien aise d'estre delivrez desdits Roandrian, 
qni sont les Grands, qui les mena^oieut de les perdre et les piller 
qnand il n'y auroit plus de Frangois dans leurs pais ; l'on ne scait 
si üs disent cela par dimmulation ou autrement*% Cette phrase 
Bignificative indique quelles furent pour les colons fran^ais les 
snites de ces violences impolitiques; Tinsecurite devint bientdt 
teile que le successeur de Des Periers, Gueston, dut se r^signer 
a cfaire reculer le Fort Dauphin d'une portee de mousquet, par 
ce qu'il estoit trop proche du village des n&gres, de qui on devoit 
apprehender quelque surprise par le feu>*). De cette mesure 

1) «BeUtion de ce qni s'est passö en Plsle de Madagascar depuis le 12 febr. 
1655 josqnes au 19 janvier 1666* (Histoire de la yrande Ifle Madagascar , 
^ de 1661, p. 418). 

2) Id., ibid., p. 419-422. 
8) Id., ibid.^ p. 422. 

4) Lettre de M. Bourdalse & Saint Vincent de Paul, 19 ffevrier 1657 
(Memoirts de la Cofigrigation de la Mission, t. IX, p. 302). Citation col- 
Utionn^e snr le manuscrit conserv^ dans les archives de la Con^6gation de 
It Miflsion (reg. de Madagascar). 



76 Henri Froidevaux 

et de Celles qai en furent vraiBemblabiement le& coaseqaeDceH 
rtonlta »ans doute an apaisement momentauö, puisque, au moment 
oü le Premier des quatre vaisseaux expediäs en octobre 1655 
par le mar^chal de la MeiUeraye jeta Tancre dans la rade de 
Taolankarana (29 mai 1656), cles Franfois eatoient au Fort-Danphiii 
dans nn grand calme». La tranquillite dont parle Souchu de 
Rennefort ^) n*existait d'aiUeurs qae sur an territoire assez restreint, 
les n^es tribataires des eolons itant, an rapport da mßme auteor, 
«en gaerre contre lears voisins, qui leur reproehoient de s'estre 
«oamis ä an petit nombre d'inconnas»^). 

Si, ä ees circonstances 6minemment difavorables pour des 
Operations eommereiales suivies, on ajoate ee fait qae les mar- 
chandises embarqaies sur les navires du mar^bal de la Meille- 
raye n'avaient pas ete eonvenablement ehoisies, et n'ötaient 
point Celles qae reeherchaient les indigfenes des points oü atter- 
rirent ces mgmes vaisseaax^), on s'expliqaera sans peine leur 
insuec^ commereial complet. En d^pit de son long s^jour k Ttle 
de Sainte-Marie de Madagascar, pais de sa croisiire dans Ich 
parages de TOc^an Indien voisins de la mer Boage, la MarSchah 
dut, au mois de fevrier 1657, tretourner en France sans rien 
apporter qae son laist»^). 

Ni cet insaoc^s, ni celui de Tarmement qui saivit ne deeou- 
ragirent le marechal de la Meilleray e *) ; apres chaque echec, on 

1) Histoire des Indes OrientafeSy p. 69. 

2) Ibid,f p. 69. — Cf. 6galement, du m^ine autenr, la Relation du premür 
vofofe de la Con^Mpme des Indes Orüniahs en PMe de MeuUegaseur, 
p. 102: «Les n^res leori tribataires [ötaieat] en gaerre coatre lenrs Toisins, 
pour sooteuir les reproches qu^ils leur faisoient k main arm^e de »'6tre aoomis 
k de malheoreux füjifitifa qae les crimes, disoient-Us, ou la nöcessiU de moyens 
avoient fait sortir de leor paYs«. 

8) C*e8t ee qae conttate a^ec dteoaragement daas son jo«nuü de bord, 
4 la date da 21 mai 1666, «le sleor de la RoeKe Saint-Andr^ fsmeoz eapi- 
taine de marine*; il y raoonte devoir emprunter an charp€nti«r fiamaad de 
la Duchesse «de la troque, la nostre n'estant [pai] boane; le cairre jaone 
est fort estim6* (Arch. Ministöre des Colonies, C 6, Madagascar, carl«n n? 1). 

4) «Relation de Madagaaoar depoii Tan 1666 jusqn^en Pan 1657», dans 
FLAi'OiTRT (Hisioire dt la grande Isle Madagascar^ M. de 1661, p. 427). 

6) Voir le r^t oontenn aox p. 426-481 de VHtstairede lagrands läU 
Madagascar (6d. de 1061), ei les diff^rents docaneBta relatift k ees deox 



Le commerce fran^s & Madagascar an XVII'^ si^le. 77 

le voit recommencer avec pereeverance, tantöt de concert avec 
Ie8 actionnaires de la Compagnie des Indes Orientales, tantöt 
wnl '), ä priparer une nouvelle expidition, en tenant compte de 
TexpMenee chferement acqnise*). C'est senlement en Tannee 
1661 qBe, ponr la premi^re fois, les eflforts de ce remnant et 
ambitieiix personnage ftirent couronnes de quelque succ^s; alors 
QB bfttiment anni par ses soins denx ans anparavant') et chargi 
de marchandises soignensement ohoisies, achet6es ä Ronen, selon 
toste vraisemblance chez des marchands anxqnels s*^tait d&jk 
Adresse Etienne de Flacourt*), rapporta de Madagascar nne 
eargaison eonsidirable. Malgr^ la Situation pr6caire de la colonie 
fran^se de Fort Dauphin, en d6pit de T^tat de guerre dans 
lequel, depuis plus de quatre ans dejä, se trouvait toute la partie 
mMdionale de Ttle de Saint-Laurent, le capitaine Veron cretouma 
chaige de cuirs, de bois d'ebeine, d'indigo, de benjoin, d'aloes, 

armements publik dans le tome IX des Memoires de la Congregation de la 
Mi$9ion. Cf. A. Malotet, Etimne de Flacourt, p. 273-274. 

1) «Le mois de septembre 1666, le dnc de la Meüleraje s'estant accord^ 
anc ka interttsez de la compa^e Franeoise de POrient, poor enyoyer un 
NiTire en Madagascar a communs frais ...» {Hisioire de la grande lale 
Madagawar, 6d. de 1661, p. 427—428). — ün an plus tard, en septembre 
1667, «le sienr Duo de la MeiUeraye faict encor esquiper un autre Navire au 
port Loüis . . . pour aller & Madagascar* (Id., ibid., p. 481). 

2) C'est ainsi qu'en 1656, Flacourt a 6t6 enyoy^ ä Ronen «pour y 
acheter les marchandises propres pour la traitte» (Id., ibid,y p. 428). Ainsi 
eUit tr^ intelligemment mis en pratique ce qne, d^ 1660, M. Nacqvart re- 
commandait k Saint Vincent de Paul: «II faudrait avoir suffisamment des 
Marchandises d'une espöce dont vous ne pouyez estre inform6 que par quei- 
qu*an qni en ait Texp^rience* {Memoires de la Congregation de la Mission, 
i IX, p. 83). 

S) On plutOt un petit b&timent frßt6 an Cap par un Hollandais, et sur 
leqüc! furent charg^s les marchandises apport^es jusque lä par la MaHcfuUe 
(Id., und., p. 441). 

4) Ce fut certainement le cas pour les marchandises qu'emporta M. Etiekxk, 
comme le prouye le «Memoire des Marchandises yendues et liyr6es par Marie 
Legriad, yeufye de deffunt Thomas le Preyost, Marchand ä Honen, [qui] 
toeure nie Gros Horloge, a Botten* consery6 dans les archiyes de la 
C<nigr£gation de la Mission. On sait que Flacourt 6tait en relations per- 
lamdles ayec Saint Vincent de Paul; il dut donner des indications pour Paohat 
ieoes marchandises. Aussi nous semble-t-il interessant de faire connaitre ce 
X^iDoire, que nous publions en appendice. 



78 Henri Froidevaux 

de muscade et de gomme, avec quelques pierreries, des essays 
de mines, de Tambre gris et d'autres raretez qui ont empSche 
Monsieur de la Meilleraye de ceder ses droits tant qu'il a v6cu>*). 
Convient-il, en Tabsence d'indications chronologiques präcises, 
d'attribuer au suce&s de cette exp6dition la risolution prise par 
nn des anciens fondateurs de la Compagnie de 1642, qui n'avait 
jamais eess6 de s'int^resser ä Texploitation commerciale de Ma- 
dagascar, le celebre surintendant Fouquet, d'envoyer a son tour 
nn bätiment ä Fort Dauphin? La Compagnie Gaset, qui, en Tannie 
1656, avait obtenu du roi Louis XIV la concession du privil^e 
precedemment octroy^ ä la Compagnie des Indes Orientales'), 
avait, ä la suite du d6sastre dans lequel avait p6ri Flacourt (1660), 
renonc6 ä faire valoir ses droits sur Madagasear; apris avoir 
precedemment essaye de s'entendre avec le mar6chal de la Meille- 
raye, Fouquet resolut alors de se substituer k lui. D envoya 
donc, rapporte Souchü de Rennefort ^), «pour son interest par- 
tticulier courir la mer Rouge ä une Fregatte nomm6e VAigle Nair, 
et chargea le sieur Hugo, Hollandois, qu*il en avait fait Capitaine, 
de s'emparer de Madagascar s'il le pouvoit sur ceux qui le te- 
noient pour Monsieur de la Meilleraye». Arriv6 ä Fort Dauphin, 
Hubert Hugo*), pour se conformer aux Instructions qu'il avait 



1) SoucHU DE Rennefori , Histoire des Indes OrientdUs, p. 46. — A en 
-en croire le siear Gentilot, les peaux 6taient encore la partie la plns appröciable 
de la cargaison ; «les meiUeures marchandises que Ton aye recea de Madagascar 
«ont, dit-il, des cuir[s] qui penvent bien ayder & payer les despens» (Aroh. 
Minist, des Colonies, C 2, reg. 2, fol. 87). 

2) A. Malotet a publik integral ement les Statuts de la Compagnie Gaset 
4 la fin de son Etienne de Flacourt, p. 306—314. 

3) Hisioire des Indes Orientalesj p. 46. 

4) £et-ce pendant son s6jonr ä Fort Dauphin que Hubert Hugo se 
procura «des pedtes pi^ces de toille de coton simple, de viron quarante sola» 
pour lesqudles, ä son retour, il lui fallut «payer plus de unze sols & la ro- 
maine, quoy que les dittes toiles soient d^une qualit6 inconnue et de peu de 
valeur; de sorte que, bien loin de deux a trois pour cent, on nous a faict 
payer sur le dit pied plus de yingt-cinq pour cent» ? H est impossible de le 
dire ; mais il est certain que ce marin hoUandais a recueilli, au cours de son 
Toyage, de pr^cieuses informations sur le commerce des Arabes ayec Madagascar, 
«ce qui, dit-il, est inconnu au commandant et habitans fran^ois qui sont au 
Fort Danphin». C^est m^me lj^ pour lui, la raison pour laquelle s'est appauvri 



Le conmierce fran^s k Madagascar au XVn" si^le. 79 

Te^es, cproposa au sieur de Ghamargou rembarquement de luy 

et de Bes gens et sa part en la course, afin de 8'emparer de 

Madagascar, snivant l'ordre secret que Monsieur Fouquet luy en 

avoit donn6; mais Ghamargou le refusa dans Tespoir de recevoir 

bien-tost du secours de Monsieur de la Meilleraye ; et ayant appris 

que le Capitaine tächoit de gagner de ses soldats, il empgcha par sa 

difianee et par ses soins que Hugo ne se rendist mattre du Fort»^). 

Cependant le mar6ehal de la Meilleraye se prioceupait de 

lenforcer la petite gamison de Fort Dauphin, et de coloniser le 

sud de Madagascar. Dans les premiers mois de Tann^e 1663, 

U y fit passer une centaine d'fimigrants commandes par un cchef 

de eolonie»*), tandis qu'un Prfetre de la Mission, M. Etienne, 

y conduisait une vingtaine d'ouvriers % II eüt certainement fait 

plus encore (diff^rents doeuments en foumissent la preuve) s*il 

ne s'etait pas jug6 lui-mSme cmoribon et proehe de sa fin, et 

. . . pas en estat de faire un si grand effort comme il est dores- 

navant necessaire», car il demeurait persuad6 du grand avenir 

de cette tle, dans le sud de laquelle, ierivait-il dans un memoire 

de rannte 1663, con trouveroit assez de vivres pour avietuailler 

long les vaisseaux que Ton voudroit envoyer ä long cours, tant 

i la mer Rouge, Sainet (sie) Persique, qu'ä l'isle de Zeingland 

(Ceylan], la Chine, Bantan, etc., ... et mesme on y trouverroit 

tontes les choses nicessaires pour les retours de France, comme 

mstal, hebeine, cotton, tabac, soye, mesmes pierres precieuses, 

rnirs et autres choses qui se trouvent dans les ditz Isles»^). 



le güd de Tue ; €il est tout apparamment certain, d6clare-t-il, que les plus 
ridies et poissans habitans de Tisle se sont retirez au plus loin des Frangois, 
Afio de poayoir plus facilement n6gocier avec cenx qui yiennent traiter ayec 
«u aux qaartiers les phis advantageux de l'isle». (Ch. Graxdjean, Memoire 
lirhnUe ä Louis XIV en 1664 par le Hollandais Hubert Hugo pour la 
fondation dPune Compagnie des Indes Orientalts. Bull, Soc. Etudes Marit. 
rt Colon., 1893, p. 23 et 13). 

1) SoüCHU DE Rrnnefort, Histoire des Indes Orientales, p. 63. 

2) Ibid., p. 49. 

8) Mimoires de la Congrigation de la Mission, t IX, p. 468; Surcnr 
öE Rexnefort, ouv. cüi, p. 49. 

4) Tons ces termes sont empruntös & un «Memoire pour sonstenir TEta- 
Missement fait par M. de la Meilleraye ä Madagascar» (Archives du Minist^re 



gO Henri Froidevanx 

Au moment mgme od le mar^chal de la Meilleraye 8e portait 
ainsi garant de la richesse de Madagascar, ia petite colonie iran- 
^aise de Fort Daaphin ge trouvait, par snite des crnantÄs inatile» 
de son commandant actnel, M. de Champmargon, et de sa Jalousie 
k r^rd de Vacher de la Gase, dans une Situation extr6mement 
critique^). La contr6e qui avoisinait immödiatement Thabitatioii 
^tant, depuis longtemps d6jä, ruin^ par suite cdes gnerres presque 
perpetuelles que les Francis y avoient port^es pendant vingt 
ans»*), c'est de plus loin, des provinces voisines de rAmbolo, 
que provenaient les tributs vraiment importants; or ces tributs 
cn'estoient plus apportez au Fort Dauphin par les Grands de 
risle qu'on y avoit soünüs auparavant, parce qu'ils ne redoutoient 
pas assez la puissance des Fran^ois reduits ä petit nombre, et 
qui estoient desunis»"*). Aussi 6tait-il impossible de faire le 
moindre commerce et meme de se procurer des vivres dans TAnosy. 
C'est pourquoi de Champmargou et la Gase r^oncilies un peu 
plus tard par le capitaine du Saint-Charhs entreprirent, i^rfes 
avoir retabli leur autorit^ sur les chefs vassaux, de realiser par- 
tiellement le plan de colonisation pr^nise nagufere par Flacourt. 
Non Contents de faire des reconnaissances et des expMitions 
guerriires dans l'int^rieur des terres % ils fondent quelques petits 
postes le long de la cdte Orientale de Madagascar, ä Manambara, 
ä Galemboulou, dans l'tle de Sainte-Marie^). Etablis en des points 
intelligemment ohoisis, et echelonnis de maniire ä assflrer par 
mer le ravitaillement de Fort Dauphin, ces comptoirs etaient 
destines ä une existence moins ephimfere que ceux dont il a ete 
pr6c6demment question; ils n'avaient pas encore, en d^pit des 



des Colonies, C 5, Madagascar, carton 1). — Ce ftag:ment de mtoioire montre 
combien Souchu i>e Renxrfort 4>tait exactement inform^ des id6es du mar6- 
chal de la MeiUeraye quand il a öcrit qne «fen Monsieur de la Meilleraye 
ayoit de si bonnes connoissances des ricbesses de l'Isle qu'il n^a jamais yonlu 
c6der ses droits» (Hiatairc des Indes OrienUües, p. 400). 

1) Sur ce point, v. Soüchit de Rbnnefort, Histoire des Indes Orieniales^ 
p. 69-65. 

2) Souchu de Rennek<»ut, ibid., p. 68. 

3) Id., ibid., p. 49—60. 

4) Id., ibid., p. 60. 

5) Id., ibid., p. 47. 



Le oommerce fran^ais k Madagasear au XVII« si^e. 81 

diffieohte avec lesqnelles s'etait tronvee aux prises ia poignee 
de Francs qni occnpaient Fort Dauphin, etö ävacues au moment 
oi, en juillet 1665, l'tle de Kadagascar passa effectivement sous 
li direction de Ia Compagnie des Indes Orientales de 1664. 

V. 
Ce n'est pas ici le lieu de raconter conunent fut fondee cette 
piiflsante Compagnie, si differente des petites associations priyi- 
apheR qni, depuis l'annee 1604, avaient et^ constituees en France 
80118 le mdme nom; on sait quelle part active prit personnelle- 
Bent Louis XIV ä Ia Constitution de Ia Compagnie des Indes 
Orientales ^), dont TAcademicien Gharpentier, dans le Discours 
tun fidkle sujet du Roy touchant t Establinsement d'une Cowpagnie 
fran^4>i8e pour le Commerce des Indes Orientales *), avait montre 
Ia grande utilite et les avantages au point de vue fran^ais, et 
a?ait en mSme temps esquisse le programme d'action. Avant 
tonte diose, le gouvemement, d^sireux de faire ceuvre solide et 
dnrable, devait naturellement se pr^occuper d'assflrer aux flottes 
de Ia Compagnie, sur Ia route des Indes, des points de reläche 
et de ravitaillement; itait-il possible, ä cet egard, de trouver 
ntaatioii plus favorable que celle de Madagascar? Tout concourait 
d'ailleurs ä corroborer cette Impression d'ordre strat^que et ico- 
Bomique, ainsi qu'ä confirmer Louis XIY et Colbert dans ce dessein, 
et le souyenir de Ia riebe cargaison rapportee de Madagascar en 
1661 par le capitaine Vdron, et Ia connaissance des relations 
pnbliees'), et Ia lecture des memoires adress^s au Ministre par 
le marechal de Ia Meilleraye lui-meme, par le Chevalier de Jant, 



1) Se reporter sor ce point aa travail de Louis Pauliat, Madagascar 
•0« LooIb XIV. Louis XIV 4t Ia Compagnie des Indes Orientales de 1664 
(Parit, Calmann JAvj, 1886, in-12 de XXU— 404 p.). 

2) Paris, saus nom d'imprimeor, 1664, in-4 de 57 p. 

3) Celles de Fran^ois Gauche et de Flacoltrt, dont Ia seconde avait 
Ol deox ^tions (1658 et 1661). D^antres yoyageors avaient inddemment 
pfeoBis6 nn Etablissement & Madagascar, Ia Boullaye le Gonz, par exemple, 
qii teriTait sor ce siget en Tann^e 1667: «Si Sa M%jest6 youloit entendre 
i cet eonqnestes, eile se rendroit facilement maistresse de tonte l'Isle, et des 
cottes d*Afiique, oü sont les mines d'or* {Les voyages et observations du 
f*eitr de La Boullaye le Goue, p. 277). 

VierulJahrMhr. f. Social- a. WirUchafUgetchichte. III. Q 



82 Henri Froidevaux 

par Hubert Hugo^), par d'autres encore-). Ausöi roinprend-oD 
que le porte-parole de Louis XIV ait insisti comme il Ta fait, 
dans le Discours cFun fidele sujet du Boy, sur rimportance de 
Madagascar et aBsignä comme bnt aux premifere» Operations de 
la fnture Compagnie roecupation et la colonisation de la terre 
appel^e nagufere par les Portugais Ue de Sahtf-Laurent. eil n'y 
a pas, d^clarait-il '), de liea plus propre pour faire un magazin 
g6D6ral des marchandises que Ton feroit venir de tous costez 
pour estre apport^es dans TEurope». En outre, cla terre y est 
admirable pour toutes sortes de grains et d'arbres, et ne demande 
qu*a estre cultivie pour estre merveilleuse. II n'est point neces- 
saire conmie aux autres Isles, d'y apporter des vivres pour y faire 
subsister les colonies ; on y trouve de toutes choses en abondance, 
et le pays en produit uon seulement assez pour nourrir ses ha- 
bitans, mais assez encore pour en faire part ä d'autres peuples. 
Les eaux y sont excellentes, les fruits delicieux, et Ton peut dire 
Sans exaggeration qu'il est ayse d'en faire un vray Paradis terrestre. 
Elle a outre cela des mines d'or si abondantes que durant les 
grandes pluyes et ravines d'eaux, les veines d'or se descouvrent 
d'elles-mesmes le long des costes et sur les montagnes»^). 

Ces assertions optimistes — que semble seul avoir discut^es 
le sieur G^ntilot dans ses curieuses c Remarques et observations d'un 
fidfele sujet du Roy sur les discours touchant TEtablissement d'une 
Compagnie fran^oise pour le commerce d'Orient» *) — se trouvferent 
corrobor6es par Tarriv^e a Port-Louis, au milieu du mois de mai 1664, 
du navire le Saint-Charles, le demier b&timent envoye ä Madagascar 
par le Mar6chal de la Meilleraye. Onze mois et vingt jours lui 



1) Ces diff^rents mömoires sont conservös aux Archiyes du MiniBttee des 
Colonies, C 5, Madagascar, carton 1. Le premier a 6t6 analysö dans les 
Mimoires dt la Congrigaiion de la Mission (t. IX, p. 389—890), le demkr 
publik par Ch. Gk-VNDJEAn dans le Bulletin de la SociM des Etudes Mari- 
times et Colonialesy 1893, janyier, p. 6—26). 

2) V. les diff6rents m6moires contenus dans le registre 2 de la aMe 
C 2 des Archives du Minist^e des Colonies, dans lesquels il est accidentelie- 
ment qnestion de Madagascar. 

3) F. 19 de r^dition in-4. 

4) P. 17—18 de r^dition in-4. 

5) Archives du Ministftre des Colonies, C 2, regristre 2, fol. 75—88. 



Le commerce fran^is ä Madagascar au XV!!" siöcle. 83 

ATaient suffi ponr se rendre dans Ttle de Saint-Laurent, et ponr en 

rerenir «chai^e de qnantiti de enirs, de cire et de bois d'ebene», 

et caussi [de] quelques pienreries» '); ü en rapportait d'antre part, 

a en eroire Charpentiee, des lettres ne tarissant pas en eloges 

siir ie pays^). G'est done an don yraiment rojal qne fit, dans 

de teilen eirconstanees Louis XIY ä la Compacte des Indes 

Qrientales quand, non content de souscrire personnellement une 

sorame de trois millions de Kyres, il lui eonc^da ä perp^tniti, 

le 26 mai 1664, da propriite de Tisle de Madagascar ou Saint- 

Laurent avee les isles cireonvoisines, forts, babitations et colonies»'). 

Mais du moins Louis XIV, s'il lui faisait un semblable cadeau, 

entendait-il que ia ^ande tle dans laqnelle il se plaisait ä voir 

une base solide pour les ftitures Operations commereiales et co- 

loftiales de ses sujets, Mt de la part de la Compagnie des Indes 

Orieutales l'objet d'une soUicitude partieuliire, et füt colonisee 

et niise en valeur avant toute autre partie du vaste domaine 

dont il lui avait abandonn6 l'exploitation exclusive. Gharpentier 

Farait, dans son Discovrs d'un fidde sujet du Bot, donni nette- 

meat ä entendre^); anssi les syndics d^eidferent-ils que le premier 

1) Charpentiek, Relatiofi de V Eiahlissemeni de la Compagnie Franroif<e 
ptmr le Commerce des Indes Orientdles, p. 19. 

2) «Noos fommes, dMarait le lieutenant de Maison-Blanche dans une 
lettre dn 1*' janyier 1664, en un pays tr^s-beau, tris-bon et trto-fertile. Les 
Landes j sont en grande abondance, aussi bien que le Ris, le V in, le Miel ; 
■aif les guerres que les Natureis ie sont f altes ont un peu incommod^ le 
|aj8« (Charpeki'ier, ibid,, p. 34). Cf. la lettre de M. Etienne cit^e aux 
p.87— 38. 

3) Ce sont les tennes m^mes de Tarticle 20 des «Articles et Conditions 
for lesqnelles les Marchans Negotians du Rojaume supplient tr^-humblement 
le Roi de leur aeeorder sa Dedaration, et les gr&ces y eonteniies pour i*6ta- 
hinenient d'une Compagnie pour le Commerce des Indes Orientales* (Paris, 
laM, iB-4 de 21 p.) — Cf. les art 21 et 22. 

4) «II fiiut . . . ^niper une Flotte, et aller descendre droit dans nostre 
Ide de Madagascar, oü nons ne trouverons aucune r^sistance, et commencer 
4 y faire an grand establissement, qni sera soustenu par de fortes colonieK 
fie Ton oontinaera d'y envoyer ... Et ce sera lä comme les pröliminaires 
4e Bottre graad commerce» (P. 29—30). — «II paroist maintenant que ce que 
j'tj adranc^ est tr^vray, je veux dire que la demeure de Madagascar est 
prH^rable en tout ä celle que nos voisins ont dans Tlsle de Java, et par 
«ons^ent que nous ne la devons point n(>gliger> (P. B6). 



H4 Henii Proidevaux 

armcment de la Compagnie naissante ne se rendrait pas jusqn'anx 
Indes, mais se bornerait, aprfes avoir gagn6 Madagascar, ä explorer 
ies cdtes de TAfrique Orientale jasqu'ä la mer Rouge. G'est 
sur la grande tle afrieaine de l'Oc^an Indien que devaient d'aillenr^ 
porter presque exelnsivement Ies efforts des agents de la Compagnie, 
Ies Instructions des syndics en foumissent la preuve ind^niable. 
Bien que cTon n^eüt point d'autre intention, pour cette premifere 
fois, que d'aller jetter Ies fondemens 6!un grand establissement» % 
il fut cenjoint express^ment aux gens du Conseil d'envoyer aussi- 
tost qu'ils seraient arrivez plusieurs brigades dans Ies dedans 
du pays pour informer Ies habitans de nos desseins, et pour 
tascher de Ies attirer ä nous par toutes Ies voyes de douceur 
imaginables, et en leur faisant entendre qu'ils viennent .... afiu 
de traffiquer avec eux, et de leur apporter du Royaume de France 
Ies choses dont ils manquent, .... que jamais aucun Negre 
ni autre habitant de Tlsle n'en sera enleve ni transportä pour 
estre vendu comme esclave ou pour estre contraint de servir, 
mais au contraire que Ies Frangois leur donneront une protection 
enti^re contre ceux qui leur voudroient faire un pareil traitte- 
nient»'^). En mSme temps, et pour preparer Tavenir d'une autre 
manifere encorc, Ies membres du Conseil Souverain devaient s'at- 
tacher avec un soin tout particulier ä l'exploration scientifique et 
cconomique^) de VUe Dauphhie, ainsi qu'^tait dor^navant appel6e 
Madagascar^). 

Bien qu'une cseconde flotte, qui sera beaucoup plus puissante, 
et par le moyen de laquelle on sera en estat de mettre la demifere 
main au Gouveniement de la Compagnie dans cette Isle>, dfit 

1) CiiARPKNTiKK, lithUon dt r±:4iabUssemetU de la Compagnie . . ., p. 67. 

2) In., ib%d,y p. 84. — Pour oomprendre la r68erTe relativ k la .traite^ 
il convicnt de i^ppeler ici que Prony ayait nagfu^re, en Tann^e 1646, foumi 
une cargmii^oii dV^daves antanosj ^ un capitaine hoUandais qui Ies transporta 
^ Tue Maurice^ «ce qui a o$t^ cause que, depuis ce temps-lA, il ne se tronva 
aucun N^Afre en Thabitation taut qu^ y a eu Navire mouill^ & Pancre, et 
que le« N^|rr^'$ du paY$ eurant en hajne d^ ce jour-14 Ies Francis« (Fla- 
o^i'KT, HiMKUi^ de /<! (^ramd§ li^U Mada^*cat\ 6d, de 1658, p. 209 — 210). 

H> OiARiKNTiKK, RfkUioH de r Estabi f.<.^me9ii de la Compagnie . . .^ 
V 84-85. 

4> l\v. f^•W., p, 108— IW. 



Le commerce frangais k Madagascar au Xyil*" siMe, 85 

suivre de trfes prfes la premifere '), les syndics ne negligferent rien 
de ce qni ponvait, an point de yue matöriel mgme, aider au saccÖ8 
de Tentireprise. Non Contents de s'assfirer le concours des ad- 
ministratenrs qn'ils jngeaient le mienx an conrant des affaires de 
Madagascar, et des capitaines les plns habiles et les plns 
expiriment^s, non contents de recmter des marins d'elite, des 
gens de metier et des artisans de tonte espice'), ils veillferent 
avee nn soin minntieux ä fonmir lenrs agents de ctontes 
sortes de marchandises, non senlement de celles dont le debit 
ponrroit estre avantageux avec les insulaires, mais encore de 
tonte« les choses necessaires ponr la commodite de la colonie»'). 
Aüssi lenr fallnt-il plns de sept mois ponr mettre lenrs qnatre 
Premiers vaisseanx en ^tat de qnitter la France a destination de 
Bladagascar (7 mars 1665). 

Mais, qnelqne soin qne Golbert et les syndics de la Compagnie 
eossent apport^ ä la d^signation de cenx qni devaient prdsider 
ux destinees de la colonie de Fort-Danphin, ils se trompferent 
nr lenr valenr. cLes premiers dn Conseil n'estoient pas gens 
a Tcndre de grands Services . . ., et il y avoit des marchands 
qni enssent bien condnit des bontiqnes et des magasins, mais 
qni estoient incapables d'nne administration politiqne; et tons 
a'avoient point Texperience, la fermet6 et l'elSvation de genie ne- 
cessaires ponr soütenir une entreprise de cette importance»*). 
En ontre, qnelqnes pr^cautions qni enssent ete prises ponr bien 
diterminer les attribntions de chacun*), on n'etait pas arrive a 



1) Charpextier, EdcUion de V Estahlisfienunt de Ja Compagnie pour 
k Commerce dts Indes OrientaUs^ p. 67—68. 

2) V. Charpentier, iWd., p. 24 et 73; et Soi cur i>k Renxefort, 
Bidoirt des Indes Orientcdes, p. 6 — 8. 

3) Charpextier, Belaiion de V Esiahlissement de la Compagnie . . ., p. 71. 
I) SoüCHi' de Rennefort, Histoirc des Indes Orientales, p. 392. Cf. 

p. 391. 

6) CiiARPEXTrEU, Relation de V Estdblissement de la Compagnie . . ., 
p. 66. 75. 86 — 88. On se rendra compte de la minatie avec laqnelle tout 
anit M d^tcrminö par Texemple snivant: «Quant aux affaires de la Com- 
pigliie qoi regardent particnliörement le traffic, eile en distribaa la direction 
Qitre les quatre marohands qni dolvent estre dn Conseil particnlier. Ainsi 
«flc ordonna que l'un d'eux tiendroit les livres et prendroit soin qn'ils fussent 



86 Henri Froide?aux 

faire en »orte que plasieurs des principaux agents envoyes k 
Madagascar eussent d^pouiUe tonte preoceupation personneUe, 
qa'ils HC sougeaesent avant tout ä leur fortune particolifere, ni 
qn'ÜB y^ugsent enBemble dans une entente parfaite. C'est ce 
dout SouCHu DE Eenvefort a, dans sa pr^cieuse Histoire des 
Indes OiuentaUSf foumi plus d'nne prenve ; il a montre comment, 
durant la traversee meme, se prodnisirent entre marins, admi- 
nistrateurs et mareliands des conflits de personnes qui se conti- 
nnferent apres l'arrivee a Fort Dauphin ^) ; il a egalement montre 
comment, aprfes le debarquement (14 juillet 1666), cchacun 8*appli- 
quoit s^rieusement ä se faire du bien>'). Aussi, malgre que la 
flotte eüt, Selon les expressions mSmes de Charpentier ■), cg6- 
n^ralement de tout ce qui se peut imaginer et de tout ce que 
les hommes peuvent d^sirer», les Colons ne tardferent-ils pas ä 
y souffrir tellement de la disette que da demiere extrimiti fit 
courir ä la traite dans quelques Villages des environs, d'oü Ton 
apporta des racines, des f&ves, du miel et quelque ris», et qu'il 
fallfit bientdt aprfes, «pour soulager le fort», envoyer en exp6dition, 
sous diflferents pretextes, bon nombre de Fran^ais*). Mais ce 
n'etait lä que des palliatifs insuffisants; ce qu'il aurait fallu 
modifier, c'^tait Tesprit de Tadministration meme de la colonie, 
c'^tait Täprete et Tavidit^ de l'ancien gouverneur, M. de Champ- 



toasjours en bon ordre et en parties doables ; que ce seroit lay qui dresseroit 
les commissions qn'on donneroit ä ceux qn'il fandroit envoyer en parti, ponr 
faire quelque nouvel Establissement, ou pour la traitte des Marchandises ; 
. . . que le quatriesme auroit soin du magazin oü seront les marchandiflee 
appartenant k la Compagnie, avec les Drogues et Medicamens, et feroit placer 
toutes ces choses s6par6ment et avec le plus d'ordre et de propret6 qa*il 
pourroit, qu'il tiendroit un registre exact de tout ce qui seroit mis dans cet 
magazins, et de ce qui en sortiroit, soit pour aUer en traitte, soit pour porter 
ä quelque nouvelle habitation, de fa^on qu*on peust tousjours s^avoir la qnan- 
tit6 et la qualit^ des marcbandises qui seront sorties du Magazin; et qn'enfin 
il ne delivreroit jamais aucune chose sans Tordre expr^s du Conseil» (Id., 
ibid., p. 86—88). 

1) P. 35—36. 72—76. 85. 100-101. 392. 

2) P. 90. 

3) Relation de V Estahliasemtnt dt la Compagnie . . ., p. 71. 

4) SoucHU de Rkxnkfort, Hütotre des Indes On'eniahsy p. 90. 



Le commerce fran^ k Madagascar aa XVII* si^le. 87 

inmigoa, deyenn «commandant les armes deTisle»^), c'etait cla 
foiblesse oa rinfid^litä dn Conseil des Indes >^. 

n serait cependant injaste de ne pas reconnattre qne les 

chefs de la eolonie fran^aise de Madagascar ont fait ä tont ie 

moins one partie de lenr devoir, et se sont effore^ de satisfaire 

k eertains articles de lenrs instmetions. Ge mSme Souchu de 

Renhefokt, dont roavrage contient de si lourdes charges eontre 

les membres dn Conseil Snp6rienr, fonmit ^galement la prenve 

qne Tenqn^te eeonomiqne prescrite par les Syndics commen$a 

presqne immediatement apr^ rarriväe dn premier convoi ä Fort- 

Danpbin '), et qne, d6s le debnt de l'annde 1666, de pr^cienses 

infonnatioDS de tonte espice avaieut ^i& recueillies par lenrs 

soins snr la partie snd-orientale de Ttle, celle (il est vrai) qne 

les FrmnQais habitaient et pareonraient depnis plns de vingt ans, 

Celle snr laqnelle il 6tait le plns facile d'obtenir des renseigne- 

ments preeis^). En ontre nn gisement de pienres precienses y 

avait ete deeonvert^), et des marcbandises de grand prix avaient 

ete accnmnlies dans les magasins de Fort-Dauphin, comme le 

pronve la liste des objets composant la cargaison de ia Vierye 

di Bon Port, qni fit volle vers la France le 20 fövrier 1666. 

Dans la cale de ce navire avaient ete entass6es «des montres 

de pierreries, de miniranx, de gommes, d'epiceries, de terre melee 

<ror, et d'antres metanx, de bois pricieux et de senteur, et de 

toutce qu'on avoit tronv6 de riebe et de precieux ä Madagascar»^), 

1) 8ur la fa^on dont fnt condnite la n^ociatiou qui aboutit k cette 
QOflunation, conform6ment aox inatracdoiis des syndics, v. Soitchi: dk Rennen 
FORT, l CiL, p. 40—41 et 71—72. 

2) Expression de Souchu de REN>nspoRT, auv. ciU, p. 11:^. 

3) Id., Md., p. 89—90: dös le 10 septembre 1665, le Saint Paul fut 
eipMi^ «reconnoitre les lieox oü il seroit le plns ä propos d'6tablir des 
eoaptoirs et des correspondances. II fut chargö d*aUer en l'Isle de Sacator 
[Socotora], dans la Her Bonge, et tant qu'il seroit possible prendre infor- 
■atkm seore de la C6te d'Asie jusqnes an sein Persiqne». 

4) V. les chapitres XXIV— XXX du liyre n de VHistoire des Indes 
ffriefUaiss de Souchu de Rbnnefort (p. 118—185). 

5) Iii., ibid., p. 96—97. 

6) Id., ibid., p. 392. Cf. p. 159, oü Souchu dk Rrnxkfort parle de 
Ubac, de benjoin, d'ambre gris, de poivre et d'aloes. 



88 Henri Froidevaux 

Sans parier de ce qui constituait la cargaison ordinaire des bä- 
timents de commerce revenant de Ttle de Saint-Laarent, des 
cuirs et des billes d'6bfene en particulier^). Si, en vue de Gueme- 
sey, la Vierc/e de Bon Port dut, apres un combat acbame 
contre an vaisseaa de gaerre anglais, amener son pavillon, pnis 
s'engloütit dans les flots'), les membres du Conseil Sonyerain 
de Madagascar ne doivent pas Stre rendas responsables de ce 
ddsastre ; ils avaient rempli lenr devoir en chargeant ä son bord 
de telles richesses que, — sans tenir compte de tons les objets 
prdcienx dissimalds dans leurs coffres par les marins de r^qai- 
PÄg©^)» — «on faisoit valoir [ce navire] un milion d'or»*). 

Non content de recueillir des renseignements de tont genre 
sur la partie meridionale du pays, le Conseil Sourerain de Ma- 
dagascar s'est preoccupe de poarsuivre son enquSte sur la cdte 
Orientale^), et mSme (un peu plus tard) sur la cöte occidentale 
de rtle*); et il n'a pas ddpendu de lui que le navire le Sainf- 



1) SoucHU DE Rbnnefort., Histoire des Indes Orientales, p. 159. Cf. les 
Mhnoires de Fit. Martin (Arch. Nat, T. 1169, fol. 86 v*), oü il est question 
de ooirs et de «diverses sortes de gommes«. — D'aatre part, Souchu db Rbnke- 
FORT parle de singes et de deox cam616ons embarquös sar la Viergc de Bon Pori 
{Relation du premitir voyags de la Compagnit des Indes Orientales . . ., p. 295). 

2) SoiTf5HU J>E Rexnefort, Histoire des Indes Orientalesy p. 152 — 160. 

3) «II est certain, 6crit Souchu de Rennefort (ibid., p. 161), que presqae 
touB les cofi&es estoient k double fond et cachoient des pierreries*. Fran^ois 
Martin raconte de son c6t6 dans ses Mhnoires qae «plasieurs des officiers 
du navire ainsy qa^entre les passagers avoient l'idöe remplie des grandes 
richesses qa^ils emportoient avec eox par qaantit^ de topazes, d*amathistes et 
d'antres pierres de coulears . . . dont ces gens la estoient bien gamis« (Arch. 
Nat., T 1169, fol. 22 r«). 

4) Souchu de Renxefort, ibid,, p. 161. 

5) Les voyages de Fran(;ois Martin (dont il sera qaestion un peu 
plus bas) en fonroissent la preuve, ainsi que les instruetions donu^es au 
Saint-Paul avant son d6part (Souchu de Rennrfort, Histoire des Indes 
Orientales, p. 89—90). 

6) Fran'vois Martin, dans ses Mimoires in^dits (Arch. Nat., T 1169, 
fol. 22 r*), raconte que, d6s Tarrivfee du houcre St. Louis ä Fort Dauphin 
(12 f6vrier 1666), «le Conseil trouva ä propos d'envoier ce houcre reconnoitre 
la coste de TOuest de Tue pour remarquer ce qu'il y auroit ä faire pour 
Tavantage de la Compagnie». Cf. Carpeai' !>i' Sai'ssay, Voyage de Mada* 
gascar, p. 179. 



Le commerce frangais ^ Madagascar aa XVII* siecle. 89 

Paul 86 rendtt beancoup plus loin encore, jusqa'ä Socotora et 

snr les rivages de TArabie et de la Perse^). Le Conseil Sonve- 

rain a ^galement tente, en d^pit des objections et des ripagnances 

de M. de Champmargon ^, de Tivre en paix avec les indigfenes 

du Süd de Madagascar, et de se procnrer du betail antrement 

qae par des razzias ; il a enfin essaye de fonder plnsiears comp- 

toirs on de maintenir les comptoirs d^jä existants ä Mas- 

eareigne, ä Matitanana, ä Galemboalou, dans l'tle de Sainte-Marie^ 

k Antongil'). De ces diff^rents etablissements, un senl, celni 

de Haacareigne, etait destine ä an long avenir; quant aax autres, 

ils ne devaient subsister que quelques ann^es. Leur histoire, 

malbeareusement trfes obsenre, est cependant interessante ä etudier; 

eile pronve que si, parmi les personnages les plus importants de 

la eolonie franQaise de Madagascar, cl'ambition et ravarice estoient 

les passions dominantes>, si cFinterest particulier Temportoit 

toQJonis sur le gen^ral, et sur celuy de la Compagnie>^), il n'en 

etiit pas de meme chez un certain nombre d'agents subalternes. 

Bien peut-Stre, ä cet ^ard, n'est plus significatif que Thistoire 

de FRAN901S Martin, le futur fondateur de la domination 

fnnQaise dans Tlnde. 

, Envoye de l'tle Mascareignc, oü Tavait trausporte le navire 

i fÄigle BUinc, k Galemboulou pour y remplir son office de cgous- 

I I) Non seolement Souchu vv Renxefort le dit avec pr^cisiyn, mais 

ftux<,oi8 Martin corrobore son r^cit qaand 11 6crit avoir recju du Conseil 

I 'des instmctions oü l'on me marqnoit de passer avec le navire le SainU 
PmU an Bandar Abassy et jnsqnes ä Bassora^ poar y apprcndre des nouyelles 

' des envoie« par terre- (Arch. Nat., T 1169, fol. 19 r«; cf. fol. 17 r% 

2) V. les Mhnofres de FRAN<;<>rH äIartin, fol. 16 v^*. — Si M. de Beausse 
1*681 enfin d6cid6 ä antoriser Texp^dition projetöe depuis longtemps par M. de 
dtmpmargou, ce fut sons la condition expresse «que le party seroit fait au 
MB et poar Tinterest de Monsieur le dac Masarin* (ihid , fol. 17 r^), l'heri- 
äer du mar6chal de la Meilleraye. Ainsi s^expliqae le partage da batin 
npport^ par Soi'chi^ de Rennefort ä la p. 112 de son Htsioire des Indes 
OnaUdUs, 

3) Sar toas ces faits, v. VHistoire des Indes Orient ales de Sorrnr i>k 
BcnrEF'ORT et les Mhmnres de FRANgois Martin, passim, 

4) Expressions employ^ par Soircnr de Rexnefort, Histoiredes Indis 
Orienialrg, p. 391. 



L 



90 Henri Froidevaux 

marchaiid> et pourvoir d'ane maniere toute speciale a l'appro- 
vigionnement en riz de Fort Danphin, FBAN90IS Martin se prioc- 
cnpa, avant mSme d'avoir gagne le lien de sa r^sidence, de 
recneiUir sar le champ de ses fatnres Operations commerciales 
totttes les mformations possiblea ^) ; pnis, auasitdt arriy^ ä Fort 
Oaillard, — tel etait le nom de Thabitation fran^aise de Galem- 
boulou, — il entra en relations avec les chefs indigfenes, et, poiir 
eviter tout malentendn, debnta par arrgter de eoncert avec enx 
un veritable tarif de transactions. «Nous oonylnmes, raeonte-t-il 
dans Be8 precieux Mhnoires encore inedits, avec les mattres de 
village de donner donze grains de rassade d'nne mesnre de riß 
blanc qny contenoit 12 livres de ce grain ; les ponles a dix graine 
ohaenne»'). C'est senlement ensuite qne Fran^ois Mabtik «ouvrit 
la traite>, avec un plein succfes, pnisque en quelques jonrs, et 
bien que sa rassade ne f&t point celle que souhaitaient les indi- 
gfenes, il put reunir 150 barriques de riz blanc et 500 yolailles 
qu'il s'empressa de faire passer a Fort Dauphin^). 

C'est au mois de septembre 1665 que FRAN901S Mabtuii, 
assiste de dix-neuf Fran^ais entr^s en m^me temps que lui au 
Service de la Compagnie des Indes Orientales, commen^a de la 
Sorte ä remplir ses fonctions de sous-marchand; jamais jusqu'a- 
lors un pareil nombre de colons n'6tait venu habiter dans le 
pays. Rien n'en foumit mieux la preuve que la description de 
retablissement dans lequel d^buterent par se loger Martin et ses 
compagnons-, «l'habitation des Fran^ois a Ghalemboule nomme[e] 
par eux le fort Gaillard avoit cinquante pas en quarri. Elle 

1) FuAxgois ALvuTiN, Memoires, fol. 4 v^ 7 v*, 9 v*. — Of. Carikai 
DU 8AU88AY (Voyoffc dt Madagascary p. 91): «Messieurs de la Compagnie y 
avoient envoy^ da monde ponr y traiter du ris, qui y est en abondance, et 
ä trös-bon tuarch^». 

2) Fol. 11 ¥'\ Cf. SoucHU DE Rknnkfokt, Bdation du prtmUr wnfoge 
de la Compagnie des Indes Orientales . . ., p. 191 : «Le boisseau ne constaat 
que douze gTain[8] de rassade ou verre . . .*. 

8) Maktin, Memoires, fol. 12 r^ SoüCHU de Rennefokt, dans sa Ee- 
UUioH du premim' voyage dt la Compagnie des Indes OrienkUes (p. 191), 
ne parle que de 30 tonneaux de riz comme ayant 6t6 chargte i oette 6pofae 
fur VAigle Blanc, et cela «par Tintelligeuce des deux andena Fran^ia» que 
Martfn y avait trouv^s en arrivant. 



Le commerce firan^s ä Kadagascar au XVU* siecle. 91 

renferuioit nne grande caze, eine autres petites cazes et un ma- 

gasin ponr garder du ris. Cette habitation estoit fenne[e] de 

denx pallissades de gros pieux, distante[8] l'une de Tautre de 

dix pieds, ä Texception neanmoins du coste de nord 06 estoit 

ientröe, et oü il n'y avoit qu'une pallissade. Deux formes de 

demy tours, anssy de pieux, ä deux angles osposez (nie), flan- 

quoient les eonrtines. Au reste, c'estoit la plus mechante scituation 

ds monde: un terrain bas tonjours plein d'eau joignant un grand 

bois, en sorte que deux personnes pouvoient ä peine passer de 

front du ooste de Tonest entre le bois et la pallissade. n n'y 

avoit qne la place devant Tentr^e de Thabitation quy estoit trfes 

belle. La mer battoit au pied»^). C'itait lä des conditions 

absolument d^fectuenses au point de vue de Thygiene et de la 

MÜnbrite; aussi comprend-on sans peine que les fifevres n'aient 

pas tarde ä reduire le nombre des Colons fran^ais de Galemboulou, 

et que Martin, au bout de quelques mois (juillet 1666), se soit 

decide a transferer le Fort Gaillard ä quelque distance, <sur une 

hauteur . . . et en bei air>^. Au mois de ddcembre suivant, il 

A^^tablissait dans une nouvelle habitation, «bien plus commode 

et bien plus saine», ä la construction de laquelle les indigfenes 

de la contree etaient, sur Tinvitation de FRANgois Martin, venus 

travailler cpar courvies et avec joye»*). 

Rieu, peut-^tre, mieux que ce petit fait, — qui se reproduisit 
ä plurieurs reprises Tannee suivante*), — ne prouve combien le 
»ous-marehand de Galemboulou avait su, par sa douceur et par 
!^ scrupuleuse honiietete, gagner Tamitie des indigenes du pays. 
Ils venaient au reste d'eux-memes vendre au Fort Gaillard tont 
leriz dont ils n'avaient pas besoin pour leur consommation per- 
sonnelle, et c'est ainsi que Martin put, ä diflerentes reprises, 
tharger de Randes quantites de riz sur les bätiments que les 
• hefe de la colonie de Fort Dauphin envoyerent dans ce but ä 



1) F. Maktix, Memoirts, fol. 11 V*. 

2) Id., ibid,, fol. 24 r«. 

3) Id., iMd,, fol. 28 r^ 

4) V. le foL 81y*: «Je fis bastir de» magasinB an bord de la mer, k 
<üx pas de Tendroit oü lea chalonpes abordoient, ponr la facilit^ de Tembarque- 
raent. Lcf nigret y travaiUerent par eonrvees,» Cf. encore le fol. 32 r*. 



92 Henri Froidevaux 

Galemboulou. Ses Memoires montrent Martin *) faisant passer au 
mois d'aoüt 1666 100 tonneaux de riz sur le Saint-Paul, au mois 
de Mai 1667 140 barriqnes snr ie mSme bätiment, puis, sur an antre 
navire, 180 barriques quelques semaines plus tard, et, sur un autre 
encore, 200 barriques en aoüt suivant, 80 sur le Saint-Robert en 
novembre 1667, enfin, bien que les sauterelles eussent un peu aupara- 
vant ravag6 tout le pays, 150 barriques sur le PHit Saint- Jean 
au mois de raai 1668 % Le mdrite de Martin parattra plus con- 
siddrable encore si Ton songe que le sous-marchand de la Com- 
pagnie est loin d'avoir toujours eu en magasin les verroteries que 
les indigfenes aeceptaient seules en paiement, et qu'il lui fallut user 



1) Martin, Memoires, fol. 24 t\ 31 v«, 32 r", 32 v«, 38 v«, 48 r^ 

2) Les faits 6nonc^ par Martin trouvent lenr confirmation dans ce 
passage d*ime lettre de M. Roguet, prStre de la Mission, en date du 15 oc- 
tobre 1667: «Oalemboule ... est one contr6e sur la c6te de la mer, ä 150 ou 
200 lieaes d*ici, vers Tile Sainte Marie. Les Fran^ais y ont nn fort, et c^est 
de lä qne nons tirons la plns grande partie de notre riz» (Arch. de la 
Congr6gation de la Mission, reg. de Madagascar). De son c6t6, Carpeait du 
Saussay reconniut qae, lors de son passage an Fort üaillard ayec M. de 
Chanipmargou en mai 1666, on embarqua sor le Taurtau «antant [de riz] 
que notre uavire en pouvoit poiter» ( Voyage de Madagascar^ p. 91). 11 semble 
donc, dans de telles conditions, qne rien ne subsiste de raccusation fonnul6e 
contre Martin par Souchu de Rennefort dans les termes suivants: »Depuls 
que VAigU Blanc 6toit party de GalambouUe pour le Fort Daupbin, le com- 
mandant du Fort Gaillard ayoit entiörement gastö le commerce« {Relation du 
pr§mier voyage de la Compagnie des Indes Orientales . . ., p. 220). Au reste, 
Martin lui-m^me explique dans ses Mimoires comment nne teile accusation 
a pu ßtre port^e contre lui (fol. 17 v* et 19 V*). — On trouve une pröcieuse 
confirmation de la v^racitö de Maiitin dans la lettre collective 6crite par de 
Fa^^ et Caron le 14 octobre 1667 (Arch. Ministere des Colonies, C 5, Ma- 
dagascar, carton 1); ils y disent avoir «tir6* de Galemboulou «depuis leur 
arriy6e 320 bariqnes de rys et environ 200 poules«. Or ce chiffre de 320 
bariques Concorde exactement ayec celui que donne Martin pour ses deux 
Premiers envois de Pannöe 1667. On peut d'autre part, en admettant quo 
le copiste a mal transcrit le chiffre contenu dans Toriginal, constater que 
les directeiu^ accusent r^ception de 520 bariques, ce qui est encore Ic 
chiffre total indiqu6 par I^Lvutin pour ses exp^ditions de riz entre mai et 
aoüt 1667. -— Tenir compte enfin de la mention que poste la carte de la c6te 
N. E. de Madagascar dress6e par Duprä-Eberard en 1667: «GalanbouUe ou 
nou8 cbargions du Rys ou Foul Point» (A. Grandidier: Atlas de Vllifttoire 
dt la Geographie de Madagascar, pl. 30, n®. 1). 



Le commerce fran^ais k Madagascar au XVII* si^le. 93 

parfois de tonte son habilet^, de toute son influence sor les habitants 

de la contr6e pour les d6terminer a sc contenter, en echange de leur 

riz, de marehandises dont ils ne faisaient aucnn cas. cLa rassade 

ne les satisfaisoit [pas], rapporte-t-il quelque part ^), pour ce qu'elle 

estoit de diverses eoulenrs, et il n'en fant que de la bleue et de la 

ronge'); mais comme Ton ne m'en avoit donni que fort peu de 

ce» denx eoaleors, j'estois obligi d'en mesler d'autres parmy celles- 

la . . . Le eapitaine du heuere le Saint-Louis, raconte-t-il un 

peu plus loin'), me remit les marchandises de traite qu'il estoit 

eha^ de me rendre, mais tr^s mauvaises pour la contree de 

GhallembcuUe. . . . J'envoiay avertir les noirs de la contr6e 

de Touverture de la traite; les marchandises ne leur plaisoient 

pas ... Je leur promis qu'il y en avoit de meilleures dans un 

aatre vsdssean que j'attendois dans peu de jours, mais qu'il 

faüoit qu'ils prissent Celles que je leur montrois. Ils s'y ren^ 

direnty quoy qu'avec peine»*). Parfois, en depit de tous ses eflforts, 

Martin ne parvenait pas ä amener les indigfenes ä se contenter 

des seules marchandises dont il pouvait disposer, ä moins qu'il 

ne trouvät des alli^ tout ä fait inattendus dans les femmes du 

pays; c'est ce qui se produisit au moins dans une occasion, en 

Fannie 1666. cNous ayions, ecrit-il*), ouvert la traite du ris . . . 

Le» mattres de Villages de la contr6e vinrent en troupes nsiter 

la rassade que nous avions pour traiter. Dz amenferent leurs 

femmes avec eux. L'on leur fit voir les sortes. Cinc ou six 

de ces dames qny passoient entre les auti-es pour avoir l'adresse 

de se bien mettre, . . . choisirent les rassades, les assortissant 

par eoulenrs pour donner plus d'agreement (sie) aux colliers, 

aux brasselets et aux autres ajustemens ä quoy elles les em- 

ployent; et aprfes en estre convenues entr' elles, elles s'a[r]retferent 

a demander de ces sortes de rassades. Les maris les considerans 

ne trouvtrent pas qu'elles pussent leur servir ä traiter dans les 



1) Mimoires, fol. 11 ▼•. 

2) Bapprocher cette indication de Celles fonrnies par Flacoort dans son 
factum (p. 31) et eitles plus haut 

3) Martin, Mimoires, fol. 31 i*. 

4) Ibid., foL 31 y*. 

5) Pjid., fol. 60 r». 



^ Henri Froidevaux 

eontrees voisines poar en tirer ce qu'iiz avoieut besoin; iiz le 
repräsentörent ä leurs femmes, mais elles tinrent fenne, et ik 
farent obligez d*en passer a ce qu'elles avoient r^soln. Moa 
second, quy estoit auprte de moy et quy avoit observ^ fort siriense- 
ment leurs fagons de faire, et leur opiniatret6 ensnite an choix 
des rassades, s'ecria avec une espfece d'emportement: cEt qnoy! 
faut-il qu'elles soient les mattresses partout !> EUes se firent 
expliqner ce qu'il avoit dit, mais elles n'en firent qne rire.» — 
G'est encore d'nne maniire toute pacifique, et en lenr faisant 
valoir les avantages de diff^rente natnre que la pr^sence des 
Fran^ais de Fort Gaillard lenr assftrait, qne FRANgois Mabtin est 
arrive k se procurer (non d'aillenrs sans qnelqne difficnlt^) les 
tStes de bötail dont il avait besoin^). II snt an total, gräce a 
nne condnite faite de douceur, d'inergie, d'habilete et de stricte 
loyautä tont ä la fois, obtenir beauconp des indigenes du pays 
de Galemboulon, snr la constance et la fidelit^ desqnels il ne 
se faisait d'ailleurs anenue iUusion; il sut donner une v^ritable 
vie au comptoir qu'ü dirigeait et en faire, — ce qn'on attendait 
surtont de lui, — jusqn'an jour oü il le qnitta difinitiTemeiit 
(6 septembre 1668), nn v6ritable magasin de vivres pour la colonie 
fran^se de Fort Dauphin. 

A cette täche extr^mement utile, mais modeste, ne s'est pas 
bome FRANgois Martin; il a anssi, pour obeir aux instmctions 
qne lui avaient donndes ses chefs, Studie avec un soin minntienx 
le pays qni environnait le Fort Gaillard; et il en a laiss6 une 
deseription extrSmement pr6cise, et du plus haut interSt^). Sans 
donte, on n'y tronvera pas snr la geographie physiqne de la 
contree les renseignements qn'ont pris Thenreuse habitnde de 
fonmir les voyageurs contemporains ; mais snr ses prodnetions 
vegitales et animales, sur les moeurs et coutnmes de ses habi- 
tants, sur ses cpossibilit^s 6conomiques>, on peut y relever de 
multiples indications de tr^s grande valeur. On en relfevera anssi 
(lans la relation des diflFerentes reeonnaissances qne Martin a fait 



1) Memoires, foi. 24 v^ etc. Cf. auBsi fol. 67 y\ 

2) Noas comptons pubiier cette deseription, qoi se troave aux foL 53 t*— 
63 r« des «M^moires snr rEtablissement des Colonies Fran^oiset aux 
Indes Orientales»'. 



Le commerce fran^s k Madagascar au XVII*^ siMe. 95 

faire par ses lieatenants, oa qu'il a lai-m6me executees au Sud, 
an Nord et aussi ä TOuest de Fort Oaillard ; Tune d'entre elles, qui 
faflüt avoir one foneste issue, l'a menä ä la fin de 1667, avant tout 
aiitre Enropeen, jnsqne dans le pay s d' Amboet, T Antsihanaka contem- 
porain, et jnsqne snr les bords du lac Alaotra, oü ii s'est trouve en 
«mtact avec des popnlations chez lesqnelles l'inflnence des Hovas se 
faisait dijä sentir '). C'est ä r^chec de cette expedition, dont le Con- 
seil des Directenrs de la Compagnie avait formellement d6eide 
rex6eation *), qne certains doenments attribuent l'abandon, au 
Bois d*ayril 1669, du comptoir iran^ais de Galemboulou ^) ; ne 
»erait-il pas plns exaet de Tattribuer, — puisque ce comptoir avait 
rabsistS jnsqn'alors et qu'ii avait meme continu6, en depit de 
ect insneete, k rendre de riels Services, — a rincapacite du suc- 
eessenr de Franqois Martin ä Fort (Taillard? 

VI. 

Tandis que ces ev^nements se paHsaient sur la cöte Orientale 
de Madagascar, la grande flotte dont les navires partis de Brest 
au mois de mars 1665 ne constituaient que Tavant-garde etait 
eofin arrivee ä Fort Dauphin (f6\Tier-mar8 1667)*). Grande fiit 

1) Qa^il me soit permis de renvoyer pour ces diffdrcnt« points ä deox 
etndes qne j'ai publikes nagu^re sor Un exploraieur inconnu de Madagtu- 
car au XVII' sitcU, Frangois Martin (Bull Geog, Hvd. et Descr., 1896, 
p. 36 — 77, carte) et Un voyage danm les lagunes de la cote Orientale de Ma- 
dagoBcar en 1666 (R. d» Giog., 18%, t. XXXIX, p. 434—444, carte). 

2) Cf. fol. 37 v' : «Le Conseil trouva k propos de me renvoier k Ghalem- 
bosle 7 faire an parti dans les terres pour garnir de bestial cette habitation 
ft eelles de Sainte-Harie et d^Antongil . . . Je fis beancoup de difficnltez pour 
B^exempter de ce voyage . . . J'en ylnt (»ic) jusques \k de demauder k Monsieur 
de Faye mon cong6 pour repasser en France plus tost que de faire ce voiage». 
HBilBment, Martin se d6cida ^ retoumer k Galemboulon, par consid^ration pour 
le directeor de Faye. 

S) «La cause pour laquelle on a est^ oblig^ d'abandonner ces postes 
proTient de la faute du 8' Martin et de sa maavaise conduite dans Texöcution 
de 8on entreprise contre les Amboittes« c'est k dire les Silanaka (Relation dett 
Remarques qui ont esU faites nur les prindpailes bages, ances et havres de 
flde Dauphine et isles adjacentes. Arch. Minist^re des Colonies, 5, 
Madagascar, carton 1). — Cf. austi, moins hostile k Martin, VHistnire des 
Indes Qrientaies de Souchü de Rennefort, p. 246—247. 

4) G. Saint- YvKs et J. Foi-rnirr, Le rognr/e de Fran^ois de Lopes^ 



96 Henri Froidevaux 

la deception de M. de Montdevergue, le nouveau gouverneur de 
la eolonie, et des direetenrs de la Compagnie en constatant qne 
la realite ne repondait nullement a ce qui leur avait ete dit en 
France de Madagascar. cLe Fort Dauphin, ecrivaient quelques 
mois plus tard, dans une lettre collective, les directeurs de Faye 
et Caron*), est un lieu nullement propre ä faire un Etablisse* 
ment, etant un lieu fort malsain ... II y a grande apparance 
que le profit ne rendra de longtems la ddpense qu'il faudra faire 
pour ees Etablissements, si la cöte du Ouest de cette isle ne pro- 
duit autre chose que la Cöte de TEst, dont jusqu'a präsent ils n'ont 
connü aucunne produetion que Ton puisse porter en France . . . 
Tout ce qui est connü est la province d'Anossy [Anosy], Amboulle 
[Ambolo] et ManembouUe qui en sont les provinces voisines . . . Tout 
ce pays, avec quelques autres petittes provinces en ddpendantes (sie) 
jusqu'aux Matatannes [Matitanana] contiennent plus de 60 Heues de 
chemin, en long et en large, oü il n'y a nul negoce ä faire que des 
racines dans la saison ; . . . ä peine les habitans cueillent-ils du ris 
pour les nour[r]ir. ... Ils ont 6t6 autrefois fort riches en b6tail ; . . . 
il n'y avoit pas nioins de cent mil bStes dans cette etendue de 
pays, mais . . . a peine s'y en trouveroient-ils (sie) 4000 par le» 
guerres qui se sont faites entre les Eoys, ou que les FranQois leurs ont 
fait[e8], ce qui cause la diflSculte de subsister ... Si ce qu^ils ne 
connoissent pas ne donne autre chose que ce qui leur est connü, il 
n'y aura jamais rien ä esperer, etant certain que depuis la baye 
d'Antongille jusqu'ä celle de St. Augustin, du cöte de TEst parle Sud, 
il n'y aura jamais rien ä esperer que du riz ; et encorre nes^ait-onpas 
si on pourra en avoir suffisamment pour tenir les magazinsfoumis.» 
En presence d'un tel denüment, les directeurs avaient dü^ 
dis leur arriv^e dans le pays, faire bon marchä des instructions 
qui leur avaient et6 remises avant leur depart. cDs disent^ liflons- 
nous dans Tanalyse ditaillee d*une lettre un peu po8t6rieure *), 



marquis de MonidevergueSy de la RocheUe ä Madagascar, 1666 — 1667 {Buü. 
Geog. Eist, et Desc, 1898, p. 114—137). 

1) Lettre du 14 octobre 1667 (Arch. llinistere des Colonies, C 5, Kada- 
gascar, carton 1). 

2) Lettre du 24 octobre 1667 (Arch. Minist, des Colonies, C 5, Mada* 
gascar. carton 1). 



Le commerce Aran^s & MadagMcar aa XVII* sitele. 97 

qae . . . les premierea loix obligent de songer ä se loger et 

noimir, et qu'ils ont crü qae leurs soins devoient plustost estre 

appliqnes ä faire venir de quoy noorrir les habitans et sabvenir 

a lenrs näcessitez de maladies que de lear faire publier an grand 

nombre de r^lemens ; qn'ä la v^riti ils n'ont pas troav^ ä Tlsle 

Daaphine ce qu'ils pensoient, que dfes le commaneement ilz ont 

trarailli a ramasser le ris du pays qui leur coustoit cinq sola 

la livre, et estoient eontrainetz de le donner k deux sols ponr 

Caire vivre les gens et esviter la demifere n6cessit6; qu'ils ont 

est^ obligez de donner pour la subcistance (sie) quarente sols 

par jour aux marchands, vingt-cinq sols aux soubz-marchands, 

qttinze sols aux commis, vingt sols aux ehefs de colonie, et six 

8ols aux Colons jusques aux enfans ä la mamelle.» Pour dimi- 

naer la population de Fort Dauphin, il leur fallut renoncer ä 

faire (comme on Tavait ddeide dans le conseil des directeurs metro- 

politains) diff^rentes colonies dirigees par des ehefs choisis en 

France mSme, rompre les contrats passes avec eux, et leur ofhir 

cde chercher dans la terre quelque place qui ffit propre a un 

diacun d'eux», leur reprisentant <que Ton leur donneroit de la 

marchandise pour envoyer ä la traite, et que par ce moyen ils 

troaveroient mieux leur compte». Mais les ehefs de colonie, 

«s'estans tous imaginez qu'ils vivroient saus rien faire, et que 

leurs gens les serviroient en esclaves>, refusferent unanimement 

d'adherer ä ces propositions. 

D'ailleurs, s'ils les avaient acceptees, quelles marchandises leur 
torait-on pu donner cpour envoyer ä la traite»? Sans doute, 
on a eu soin de charger, ä bord des dix navires qui composaient 
la flotte, des marchandises de tout genre, surtout celles qu'on 
lavait £^ appr^ci^es des indigfenes du sud de Madagascar ; mais 
trtuellement les habitants du pays ne s'en contentent plus. cEn 
It province d'Anossy [Anosy], ecrivent les directeurs, ils sont sy 
rebattez de rassades et de cuivre qu'ils n'en veulent plus du tout, 
pas seulement pour des citrons, oranges, qui ne leur coustent qu'a 
prendre dans le bois, de sorte qu'il leur faut des m^nilles d'argent 
pour les Yolailles et pour les travaux que Ton leur fait faire»*). 
Ce que les directeurs de Faye et Caron ne disent pas, le m^decin 



L 



1) Lettre du 24 octobre 1867 (Arch. Minist. Colonies, C 5 carton 1). 

Vierteljfthnehr. f. Social- n. WirtachAftsgetobichte. III. 7 



98 Henri Froidevaux 

Dellon n'a pas craint de le publier un peu plus tard : il est une 
antre marchandise ä laquelle il faut recourir parfois pour obteiiir 
des indigfenes ce que Ton disire, c'est creau de vie, qu'ils ap- 
pellent Chicaf^)', entre toutes les marchandises qu'on leur peut 
oflWr, aucune ne leur est si agriable»*). Voilä pour les habi- 
tants de la partie meridionale de Ttle ; ailleurs, on accepte encore 
les objets de traite, mais, par suite d'une inadvertance inexplicable, 
ce sont pr6cis6ment les marchandises les plus pris^es des Mal- 
gaches qui fönt alors d^faut. cOn ne laissa pas, rapporte Mont- 
devergue lui-mßme dans un memoire un peu post6rieur^), . . . d'en- 
voyer incontinent et sans perdre un moment un navire ä Galemboule 
pour chercher des vivres avec ce que Ton püt trouver de marchan- 
dises propres, qui sont la seule rassade bleue ä Texclusion de 
toutte autre, hormis un peu de rouge et de jaune; et il s'est 
rencontr6 par malheur que la bleue est celle dont il y avoit le 
moins dans les assortimens de nos cargaisons, ce qui ne peut 
pas avoir 6t6 fait par ignorance, puisque [de] tous les particuliers 
qui en avoyent apport^s (sie) pour leur compte, il n'y en avoit 
pas un qui se fut Charge d'autre que de la bleue, sachant bien 
que c'estoit la meilleure, ce qui doit servir d'avertissement impor- 
tant pour Tadvenir au choix et ä Tachapt des rassades. Aux 
provinces voisines de celle-cy, et presque jusque ä la coste d'Ouest, 
au lieu de rassade, il faut de petites verotteries (sie) dont les 
meilleur[e]8 sont la rouge et une certaine feuille-morte aurore, et 
avec cela le cuivre jaune. ll[s] fönt grand cas des comalines, 
des agates et du corail; les magasins sont denues entiferement 
de toutte[8] ces sortes de marchandises.» 



1) Belaiion d'un Voyage des Indes Orientales, 6d. de 1685, 1. 1, p. 38. — 
n est jnste cependant de noter qae, dans lenr lettre da 14 octobre 1667, 
DE Faye et Oaron avaient mentionn6 Teaa de vie parmi les objets de troc 
employ^s an comptoir fran^ais de Matitanana; «anx Matatannes . . ., la 
Compagnie y a une habitation conimand6e par le S'f Desroqnettes qui fonmit 
aux troupes et Colons de qaoy yivre ponr peu de choses, en troque de diffö- 
rentes marchandises, et ^^eau de vies (sie), huilles, vinaigres et autres rafrai- 
chissements* (Arch. Minist. Colonies, C 5, Madagascar, carton 1). 

2) Dellon, ouv. citi, 6d. de Cologne, 1709, t. 1, p. 46. 

3) Mimoire sur Vestatprisent de Vislle (sie) Dauphme, ce dixüme fehverier 
MCC. soixante et huict (Arch. Minist, des Colonies, 5, Madagascar, carton 1). 



Le commeroe ft*an9ais & Madagascar aa XVII'' si^cle. 99 

De telles constatations n'etaient pas faites pour stimuler beau- 

coop le zMe des directeurs de la Compagnie des Indes Orientales, 

ni poor les exciter k faire da commerce ; aussi semblent-ils s'gtre, 

an d^but de lear s6joar ä Fort Dauphin, laisse aller ä un y^ri- 

table d^couragement — tel est du moins Titat d'esprit dont t^moi- 

gnent leurs lettres^), — et n'avoir pas pris, ä l'egard d'un stock 

considerable de cuirs les mesures conservatoires auxquelles ils 

auraient du recourir*). Bientöt cependant ils se ressaisirent et 

g'appliquferent, dans leurs differents conseils de commerce, de sub- 

»istance et de colonie^), ä tirer de la Situation le meilleur parti 

possible. Tandis que le Flamand Caron passait dans l'Inde sur 

nn navire charg6 d'argent et de marchandises, le directeur de 

Fate demenrait ä Madagascar, oü M. de Montdevergue, en d6pit 

de la m^intelligence qui avait regne entre les del6gu6s de la 

Compagnie et lui-mgme, le representant du roi^), n'avait cess6 

de travailler avec Energie ä modifier une Situation singuliferement 

precaire. Par ses soins, la citadelle de Fort Dauphin avait et& 

mise en meilleur etat de defense ; ä l'interieur de Tenceinte avait 6te 

eleve, ä c6t6 de petits magasins couverts de paille oü vivres et 

manitions se trouvaient entass6s p€le-m61e % un bätiment de pierre 

1) Celle du 14 octobre 1667 en particulier. V. aussi la lettre de Cakon 
daUe du 16 octobre, analys^e par G. Saint-yves dans Quelques dociiments 
fur Madagascar au XVIJe such, 1667—1671 (Bull. Geog. Eist, et Desc, 
1900, p. 178). Cf. ce que dit Martin: cLe mauvais estat oü Ton avoit trouv6 
rfle avoit jett^ les personnes du Conseil dans un[e] espece de letargie quy leur 
faisoit oublier ce qu'ils devoient k leur employ» (fol. 36 r®). 

2) Martin le rapporte formellement dans ses Mimoins, fol. 36 r®: 
^Par une n^ligence träs blamable, Ton laissa empörter par la mer 3 ou 
quatre mille cuirs quy e8toi[en]t le revenu le plus solide de File que Ton 
Toioit bien qu'il falloit faire retirer du lieu oü ils estoient sy Ton ne les 
Tooloit perdre.» H a parl6 un peu plus haut du 'peu de soin que Ton apor- 
toit j^ la conservation des marchandises et des effets de la Compagnie». 

3) C'est par Souchu de Eennefokt (Histoire de^ Indes Orientales, 
p. 226) que Texistence de ces differents conseils nous est connue. 

4) Souchu de Kennefort, ibid., p. 226 et 395; cf. p. 318. 

5) y. le Memoire du 10 f^yrier 1668 (Arch. Minist^re des Colonies, C 6, 
Madagascar, carton 1) : «Point d'^lise qu'un petit lieu bien chetifcouvert de feuilles, 
ItA magasins de mesme Stoffe». Cf. Martin, Memoires, fol. 36 r^: «H n'y avoit 
^[u^ magasin avec an estage au-dessus oü tout estoit en confusion, les merceries, 
les qidneailleries, les armes, etc., mealez Tun parmy Tautre et ainsy tout en d^sordre > . 




100 Henri Froidevaax 

snsceptible de csemr de couvert aux principanx officiere, et^ 
en an be^oing, de magazin»; on s'etait «particaliirement attach6 
a faire Bn chemin pour dessandre (nc) ä la marine et fadliter le 
transport des marchandise«» ; les environs de Fort Dauphin avaient 
ete remis en culture ^), enfin de nouvelles reconnaissanceg avaient 
&t6 faites snr le littoral de Madagascar, et mSme quelques pointe» 
pouss^s ä rint6rieur des terres. C'6tait lä des r^ultats appre- 
ciables, qui expliquent comment, la confiance ^tant rentree dans 
Tesprit des chefs de la colonie, on se remit, vers le milieu de 
rannte 1668, ä faire quelque commerce. 

Bien qu'on s'obstinät ä leur expedier de France des marcban- 
dises de traite dont les indigfenes ne voulaient point, en parti- 
culier des rassades de couleurs sombres*), les agents de la 
Compagnie parvinrent bientdt a r6unir une cargaison cde cuirs, 
d'indigo, d'aloes, de montres de gomme et de poivre de Mada- 
gascar» qu'ils chargferent en 1668 sur le Saint-Jean lorsque ce 
navire, ä son retour des Indes, fit escale ä Fort Dauphin avant 
de regagner la France^, ün peu plus tard encore, durant les 
ann^es 1670 et 1671, deux autres bätiments au pavillon fleur- 
delysß, la Force et la Marie, apportferent dans la m^tropole ces 
mgmei^ marchandises que, depuis longtemps d^jä, y introduisaient 
tous les bätiments qui s'arretaient ä Madagascar, c'est ä dire — sans 
parier d'animaux rares ou de curiosites d'espfeces diverses — des 
cuirs, du benjoin et de l'aloes *). Mais il etait trop tard ; la Compagnie 

1) V. les Mömoires du 10 f^vrier et du !•' octobre 1668 (Arch. Minist. 
Colonies, 5, Madagascar, carton 1). 

2) Le t6moignage de Souchu de Rennefort (Histoire des Indes Oritn- 
talesy p.248) est formel sur ce point ; les navires VAigU d^Oretla 2^'orcö arrivftrent 
en aoüt et septembre 1668 k Fort Danphin «tons deux gamis d'une sorte de rassade 
noire et d'antres coulenrs tristes, qui n'y estoit point du tout de conuneroe». 

3) SoucHU DB Rennbfort, ibid., p. 244 et 249. 

4) Soucmi DE Rennefort le dit avec pr^cision: «Except6 les ooirs, le 
benjoin et l'alo6s qu*ils prirent k Madagascar* (Histoire des Indes OrienUtles, 
p. 359). — Sur les animanx rapport^s par la Marie, y. le «Journal snccinct 
dn Yoyage du yaisseau la Marie», publik par G. Saint- Yves dans Quelques 
documenU sur Madagascar au XV ID siede (Bull, Giog, Hist, ei Desc., 
1900, j). 190—191). — Nous saYons d'autre part par Dubois que le honcre 
le S^nt'Denys, parti de Fort-Dauphin en mars 1670 avant la li'aree et la 
Marie, rapporta en France une cargaison «de cuirs et vitnailles» {Les Voyoge» 



Le commerce fran^us k MadagMcar aa XVIP siäcle. 101 

de8 Indes Orieatales, deeouragee par »es insaee^ et aussi par leB 

l^tres lef ues de ses agents en 1668, avait dans I'intervaUe r^ocede 

rUe de Madagascar au roi, que ses deboires succesMfe avaient 

ameiii ä renoneer au projet de coloniser ce pays. cD semble, 

declarait Colbebt das le 8 mars 166&^X 4^^ ^^^ i^^^ P^^ ®^ 

doit estre eonsid^räe comme nn entrepost de convenancey el noii 

de niceasite»; anssi däeida-t-OB de n'y plas exp^dia* d^sormaiB 

«aueiiBa vivres ni rafraisehissements», «d'envoyer en droitare les 

vaisseaiix des Indes en Franee, sans toucber ä l'Isle Dauphine, 

a moiaa qa'iki n'y soyent contraints par nne necessitä abaolne 

da temps»^), enfin, an peu plus tard, de «retranehtf toates lea 

depensea de Fisle Daaphine et Tabandonnear eutiferement a sea 

kabilana»'). Tel fat, en effet, dfes l'annee 1670, le pkm adoptä; 

TeUa comment, dans son memcdre en date du 1^ aoüt 1671, 

Blaaqoet de la Haye, estimant (seien les expressions de GoLBBirr) 

«qae Tan ne peut iaire des cok>ntea eonsiderables dans la 

preadiare [l'lle Daupbine] et qa'il üaadra en faire dans la seeoode 

[Bonrbon], ä eaase de sa fertility, de son bon air, de Fabondance 

de la ehasse et des autres commodites qae Tott y peut troarer» % 

i'OQseillait de «peupler de soldats et d'habitan«» l'Ue Bonrbon, 

dias laqoeUe il voyait la future eseale des bätiments firan^ais 

sur la route de Tlnde et de rExtr6iae-0rieÄt^). 

Toutefbis, et quelque eoavainetts qu'ils fussent «qae Tisle 



Ms par le Si€ur Z). B. anx islea Bauphine ou Madagascar, et Bourbon ou 
^fascarenne, es annees 1669. 70. 71 et 72\ p. 67). 

1) «M6meire snr Testat präsent de la Compa^e Orientale de France 
«Uns risle Da]4>hiBe et dans les Indes«, 8 mars 166& (Cl^:ment, Leitfres, fus- 
trucihns et memoires de Colbert, t. HI*, p. 420; cf. »Wd., p. 421). 

2) Iix, ikid^ t m', p. 421. 

3) •Utoioire poar la Compagme des Indes Ori«ntales ; Paris, 30 d^cambTt 
1<^0« (Id^ ibüL, t in^ p. 506). Une minute aat6rieure d'on fragment de 
1a m^e üistmction, coaser¥6e aox Arehives da Minist^re des Colonies (C 2^ 
T«l 2)^ porte : «Bxammer s'it j a encores» quelques ordres k donner ponr re- 
iraack«r toutes les döpenses de Tisle D«aphine ou Tabandonner enti^rement 
i ses habitans» (fei. 286 r^). 

4) Lettre de Cqlb£kt ä M. de 1^ Haye, 30 juin 1672 (Ii>>, ibid,, t>. IIP, 
Ih 547). 

5) ÜH memoire wUdü de M. dt la Ilaye aar Madagc^ecar {BuU. Co^nite 
^ yta^kga^eu', septembre 1807, p. 117—118; cf. p. 116). 



{ 



102 Henri Froidevaux 

Danphine n'est pas propre pour le commerce des Indes»*), ni 
Louis XIV ni Colbert ne songeaient ä Tabandonner. Le 20 mars 
1669, le roi Tavait donne nettement ä entendre ä Montdevergue ; 
en relisant la correspondance du gouverneur de Ttle, afin de 
€ penser ä faire repasser en France le nombre de mes sujets qui 
ne pourroient y subsister», il cn'avoit pas eu de peine ä se 
persuader» que Madagascar, «estant cultiv^e, deviendroit assure- 
ment trfes fertile, et, par cons^quent, qu'il suflSsoit d'y porter les 
Colons en leur faisant connoistre que leur subsistance et leurs 
avantages consistoient en leur travail»*). — <L'autorit6 du com- 
mandement que je vous ay confie, avait-il 6crit ä Montdevergue 
quelques jours auparavant •'^), s'accorde bien peu avec Tesprit de 
marchandise» ; aussi, quelques mois aprfes, dans ses Instructions 
ä M. de la Haye, Colbert d^clare-t-il que, dans Tavenir le plus 
rapproch6, cla fin principale doit estre de faire subsister les colonies 
des FranQois qui sont establis dans le pays». C'est seulement 
plus tard, «par succession de temps», qu'on pourra envisager 
r6ventualit6 de la conquSte de Madagascar entifere, de son ex- 
ploitation commerciale, et de son utilisation pour «faire quelque 
establissement dans TAfrique»*). 

Blanquet de la Haye etait donc dans Tesprit et dans la lettre 
de ses Instructions quand il fit reconnattre quelques points des 
cötes de Madagascar, — entre autres la baie de Saint-Augustin, 
oü ses envoy^s nouferent de courtes relations commerciales avec 
les indigfenes*), — et quand, en quittant Fort Dauphin, il fit 

1) Lettre de Colbekt & M. de Saint-Romain, ambasBadenr ä Lisbonne; 
Saint-Qermain, 23 aoüt 1670 (Clement, iMtreSy instructiona et mimoires de 
Colbert, t IH», p. 496). 

2) Louis XIV k M. de Montdevergue; Paris, 30 man 1669 (Id., ibid.^ 
p. 433). — A 06 moment \k mSme, Montdevergue 6crivait en France qne 
Madagascar «ne vant rien, mais je vous dis, Monsienr, k vous k qui je parle 
librement, absoloment rien» (Arch. Äff. Etr., Asie, vol. 2, fol. 11 v*). 

3) Louis XIV k M. de Montdevergue ; Paris, 9 mars 1669 (Id., ibid., p. 429). 
— «Le commandement des armes ne s'accorde gnöre avec le conunerce», 
6crit de son c6t^ Colbekt k Caron le 31 mars 1669 (Id., ibid., p. 438); 
cf. encore sa lettre au directeor de Fi^e, de la mtoe date (p. 440). 

4) CuiMKXT, LettrtSy instructions et tnhnoire^ de Colbert, t. HI", p. 464. 

5) Les b&timents U Jules et la Diligente s'y rendirent «pour en tirer 
des ritz {Sic), vivres, et observer les lieux, ports et rades, h&yres et r6cifi» 



Le commerce fran^s & Madagascar au XVII* si^cle. 103 

evacner Ttle par les agents de la Compagnie des Indes, qui 
n'ayaieiit plus rien ä y faire. Mais ne manqua-t-il pas de mesure 
en emmenant les officiers dn roi, et en ne laissant qne cceux 
qui avoient commandä du temps de Monsieur de la Meilleraye, 
les anciens habitans, et quelques missionnaires qui youlurent 
demenrer»*)? N'en manqua-t-il pas plus encore en abandonnant 
ces Colons dans un d^nuement complet? cUne grande flotte est 
passie, £crit un missionnaire, M. Roguet, le 26 octobre 1671 *), 
et au lieu d'y laisser du renfort [ä Fort Dauphin], eile en a retir6 
les meilleurs soldats ; au lieu de lui foumir des rafratchissements 
et des choses n^cessaires ä la vie, eile a refuse d'y laisser un 
baril de poudre». De bonnes paroles, les discours prescrits par 
CoLBERT pour cles exciter fortement au travail et ä la culture 
de la terre>') pouvaient-ils suppleer ä Tabsence des approvisionne- 
ments de toute esptee indispensables au däveloppement de la 
colonie de Fort Dauphin? En r6alit6, M. de la Haye avait, comme 
tonjours, manqu6 ä la fois de mod^ration et d'initiative dans 
Tapplication de ses instruetions ; c'est ce dont Colbert, aprfes 
avoir re^u les lettres dans lesquelles le vice-roi lui exposait ce 
qn'il avait fait ä Madagascar, se rendit trfes nettement compte. 
<S'il y a, 6crivit-il alors ä M. de la Haye, bon nombre de Frangois 
establis ä l'isle Dauphine qui y veulent demeurer, il faut appuyer 
cet establissement, Taugmenter par tous [les] moyens possibles; 
maig s'il couroit risque d*estre enleve par les naturels du pays, 
oa que l'infertilit^ de la terre fust teile qu'il fust impossible 
d'angmenter les colonies en cela, il seroit bon d'inviter, et mesme 

drcQDToijBmfl» (Saite dn Journal dn Navarre, Arch. Marine, B 4, Campagnes, 
ToL 4, fol. 813 r**). — «Ponr cet effet, on a fait embarqner des Prangois qui 
ptrlent la langne, ansqnels on a donn6 ponr troqner de la comaline, pagnes et 
rassade» (Journal du Voyage des grandes Indes, I, p. 65 — 66). — Selon 
CiQche, les indigönes des environs de la baie de Saint-Angnstin ne vonlaient 
Mcepter comme marchandises de traite qne «des longnes comalines et grenats 
it Venise de conlenr de citron, qn^ils appeUent Vaques, et les Tapates IiHs- 
äs» (Bel€Uion du voyage que Frangois Cauche a fait ä Madagascar . . .^ 

^46)L 

1) SoucHU DE Kennefort, Hüioire des Indes Orientales, p. 383. 

2) Mhnoires de la Congrigation de la Mission, t. IX, p. 572. 

3) Clement, Lettres, instruetions et mimoires de Colbert, t. III*, p. 464 
(Kxpresäons contennes dans T« Instmetion ponr M. de la Haye*). 



104 Henri Froidevanx 

de foreer les habitan» om de ohanger de poste djuis la mesme 
isle OQ de passer daiis l'isle Bonrbon»'). N^aBmans Colbrrt 
ne modifia nallement sa Kgne de coDditite ä Tegard des eolons 
de Madagasear; «au liea d'apporter des rafralekissemexits et des 
mmdtioiis poor la coDsenratioii de la colcmie, les naYires ne soiit 
ehai^s qne de lest», coüstatah avec doulenr M. Rognet dfes le 
2S oetobre 1671 % Bient6t mSme, les bätiments fran^ais re^urent 
Tordre de se rendre ä Mascareigne sans tomeher a Fort Danphiii. 
Cependant le d^niiemeiit de la petite eolonie etait absolu; 
rien ne le prouve mieax que la lectnre de rinventaire des maga- 
sins dresse an iikms de jmllet 1673^. Se vojant abandonnes 
du roiy deponrrus de tont ou de presque tont, serr^ de plus en 
plus prfes par les iBdigfenes sottler^s contre eux, les matheoreux 
eolons ne pouvaient plus ni cnltiv^ la terre ni faire le moindre 
eommerce. C'est alors qu'ils adress^rent ä Louis XIV ume supi^kqve 
d^esperte, dans laquelleils lui demandaient d'aFoirphii d'eux, csy 
tel estoit son bon plaisir de les retirer d'icy . . . Ds «ni cre«, ftjou- 
taient-ils, que leur establissement y seroit de dnree; pourq«oy 
ik» y obI employi tous leurs trayaux, leurs soiiags, et entifeiemeit 
consoinmä kw jeunesse». Plaise ä Sa Majeste d'oFdonner 
«qu'ils seront mis en lieu oii ils trouveront quelques soulagement, 
et qulls pou[r]ront passer avec eux tel nombre de noirs qu'i) 
lui plaira, lesquels les suivront volontairement»^). Mais ils araient 
trc^ attendu ! Avant que leur tonchante requ^te, datee da 28 fe- 
rner 1674, fUt parvenue en Franee, la eolonie de Fort Daupliin, 

1) A M. de la Haye; Saint-Germain, 30 juin 1672^ (Clement, LHires^ 
instrucUona et mimoir$s de Colbert, t. III', p. 547). 

2) M4moire8 de la CangregcUion de la MiseioHj t. IX, p. 578. 

3) «Inventaire des magasins dn sie&r H^oq, commissaif e g^n^ral du Boy 
h Vüe Danphine; 1673» (Arch. Miniatöre des Colonies, C 5, Madagascar, 
carton 1). Les marchandises de traite qui s*y treavent alors 80D;(i: «672 agattes 
gffossea et petittos, pesaas 5 livies 9 ouces; . . . dix huict mil hnict ceat 
soixantte seiee Uyres et demye de rassades; . . . 840 meuiUes de cuivre, 
730 menilles d'estaing; .... 13 livres de cuivre rouge du Japou en barres; 
. . . 209 livres 5 onces 6 gros de Samsam; 12 livres 13 onces demy gro» 
de Comaliimes* (p. 13. 15. 16. 19 de Tlnventaire). 

4) Le texte de cette suppliqne, dont Tonginal est conservö dans les Arch. 
duMiaist^re des Coloaies (C 5, Madagascar, carton I), a 6t6 publik dans les 
Memoiree de la C^ngrSgatian de la Müsionj t IX, p. 588. 



Le commerce &an^is k Madagasear au XVn* si^le. 105 

dipourvae de tont et rednite a quelqHes habitants, avait du Stre 
enev^e (d septembre 1674) par les 63 personnes qni araieDt eu 
h foitane d'6chapper an maseacre du 27 aoüt pree^dent 

Personne ne tenta, pendant le r^ne de Louis XIV, de relever 
le paviUon fleurdelysä k Mada^asear; l'fle demeura, dans un autre 
sens que Tayalt souhaite Colbest, cabandonnie entiferement a 
WS habitans». Mais, en d^pit de l'^el^c retentissant subi par 
le roi et par la Compagnie des Indes Orientales, tont le monde 
n'etait pas convaineu de Tinutilite de Toceupatioii de la grande 
terre, ni de sa non-yaleur äconomique. «Les Europ^ens, 6crivait 
eneore Soüchü de Rennefort en 1688^), n^ant rien aux cndroits 
qu'ils oeenpent dans TAfrique^ rAmerique et TAsie, qu'on ne 
trouye ä Madagascar ... Si les autres nations de TEurope qui 
ODt abordä Madagascar ne s'y sont pas establi[e]s, eile n'en doit 
pas pour cela estre moins estim^e». C'^tait, pranonc^e par un 
bomme intelligent, ind^pendaat et competent a la fois, la justi- 
fication des id^es de Cauche'O, de Rigault, de Flacourt, du 
mar^hal de la Meilleraye, de Louis XIY et de Golbebt; eile 
etait trop eontraire aux demiers resultats obtenus pour pouvoir 
tronver dans la nation, et surtout chez les n^ocianta du royaume, 
le moindre echo. 



1) Uütoire des Indes Orientales j p. 400—401. — Cf. les Voyayes du 
Sieur D. B., p. 167 : «La Compagnie des hides Orientalles a Tonlu faire des 
Hablissemens en cette Isle. Plusienrs colonies j ent estö pass^es ä ce sujet, 
qoi n'ont point reüssi. Cependant Ton poorroit tirer Inen d« profit et de 
Wmxjk de risle». 

2) Yoici la conclosion da r6cit de Cauche: «Je m'estonne conuiie cette 
isle, si grande, si penpl^ et si fertile, ayant . . . des mines de fer, d'or et 
d'arj^ent, des gommes, des r^sines et d« sei, que kfl vagues ec vents de la 
aer laissent dans les trons des rochers, des forests, dn coton, da mahault, 
4ii rodws eBÜ^res de eristal dans la provinee d'Anthongil, oü, föttissant dans 
Is nisMaox qiii en w^teat on trouve des esmeraudes et des saphyis^ comne 
4i tilfae 4ana les mootagnes des Machicores et Madegassea, a'a enoere attir6 
^ Mstre Fraaee des c^niea e Alleres pcor s'ea rendre maistres ... Ontje 
eei raisons, tl a*7 a point de paXa an monde dont la »taation soit plas & 
silaMr^ cette lale estant eiitre iet dexa Indes comme arbitre de la conqaeste 
^ nnes et des aatres, ayant tont ce qa'il est n^eeasaire pour la navigation, 
«UMtm et noarriture de Phenme» {Relation du voya§€ qtte FrcuiQois 
OwcA« a figit ä Mada§mewr . . ., ^ 17^-174). 



106 Henri Froidevaux 

Appendiee. 

cM^moire des marchandises vendues et livrees par Marie 
Legrand, veufve de deffunt Thomas le Prevost, marchand ä 
Rouen, [qui] demeure nie Gros Horloge, ä Roäen *). 
cN^ 1. 50 mille grains bleux matte 
Turquie 
25 mille graius aigremarine 
Csic) 

25 mille grains violet 

26 mille jaune d'ceuf 
25 mille grains noirs 

151 mille grains de couleur 

pesent 35 livres 

Tous les paquets mar- 
quez*) 
«N^ 2. 16 mille grains mate Turquie 

4 mille jaune d'ceuf 

20 mille grains aigremarine 

(sie) 
10 mille violet 
19 mille crystal 

5 mille noirs 

5 mille blancs de lait 

5 mille vert clair 

6 mille feuille morte 

89 mille grains de couleur 

poize (sie) 72 livres Vi 

Tons les paquets marquez 



1) Ce «m6moire» fait partie de Pclnventaire des choses envoyöes en ICada* 
gascar en Tannöe 1659, en octobre. M^ Estienne, Faydin, Dayroox et de 
Fontaynes, prebstres destinez pour Madagascar« (Archives de la Congr^gation 
de la Mission, registre de Madagascar, p. 82—34). — II est trte interessant, 
car 11 contient, le plns sonvent aveo les prix coorant« en France, la liste la^ 
plus complöte des marchandises employöes au XVII* sitele pour conunercer 
avec les indig^es de Madagascar. 

2) On trouve en marge les trois majoscnles SLA« C'est lä, selon noos^ 
la marqne des paquets destinös anx Pr^tres de la Mission on de Saint Laiare. 



Le commerce fran^s k Madagascar au XVII* mhelt. 107 

<F3. 15 millegrains matte Tnrquie 
9 mille 800 cens (sie) — 

crystal 
16 mille aigremarine (sie) 
5 mille janne d'oeuf 
5 mille feaille morte 
5 mille vert mate 
5 mille vert elairs (sie) 
5 mille noirs 
66 mille [800] grains *) de cou- 

leurs poize (sie) . . . 105 livres 

212 livres Vi«) 
<212 livres ^li ^) grains, SQavoir n^2, 

n' 3 ä 23 sols la livre . . . 244 livres 7 sols [6 deniers] 
<Monte la partie en l'autre eostä ä ia 

somme de 244 livres 7 sols [6 deniers] 

«Verot a la livre 
c2 ma8se[s]^ de violet 
1 masse bleue matte Turqnie 
1 masse verte matte 
1 masse blanc de let (sie) 
1 masse vacque*) 

1) Texte da manoscrit: «70 mille grains de conlears». 

2) Texte da manascrit: 212 livres V«- 

3) «On compte par masses les verroteries de diverses couleors qa*on 
porte en Gain6e, aossi bien qae les rassades qoi fönt pareillement nne partie 
^ commerce qoi se fait sor cette cöte d'Afriqne, La masse des verroteries 
est de vingt mille grains, et p^e de trois livres et demie k qaatre livres. 
La maase de la rassade n'est qae de qaatre mille grains, et ne p^e qn^ane 
ürre» (Savaby des Bruslons, Dictionnairt Universd de Commerce^ 6d. de 
Copenliagae, t III, col. 816, v^ Masse). 

4) La coaleor vacqne devait toe ane coulear roasse, se rapprochant de 
eeOe da poil de la yache. Aacan dictionnaire ne dgnale & notre connaissance, 
^M^töÜ wicqu€\ le seal endroit oü noas ayons troav6 qaelqae chose s'y rap- 
pcftant peat-^tre an pea est le Dictionnaire dt Vancienne langue franfaise 
ift FnfeDtRic GoDEFROY, t. yill, p. 128^ Neos copions textaellement ce 

•Yaeqve, a^.? — «Premi^ement qae les dis draps velas appelös 
», soient oordis en XXII annes de loncq ...» (29 nov. 1407, reg. des 
M*t, foL 69 r*. Arch. Toamai). — Sahst. «Sera reserv6 les draps velus et 



108 Henri Fradevasx 

1 masse rouge 

2 masses blanc raye 

9 ma[8]8e[8] gros verot poize 23 

livres ä 30 sols la livre . . 34 Ihres 10 sols 
1 mille 9 cens gros rouge 
11 mille rouge plus moyen 
13 mille petit rouge 
26 mille 9 cens rouge poize 21 li- 
vres Vi ä 40 sols la livre • 42 li^TC8 10 sols 
cPetit verot au respeet du gros; 
mais je n'ay pas mis le petit; celuy 
quej'ay mis est du moyen. 
1 mase verot rouge 
4 mase[s] bleue aigremarine 

1 mase bleue mate Turquie 

2 ma8e[s} crystal 
2 mase[8] noir 

2 mase[s] blanc de let 

3 ma8e[s] violet 

1 mase vacque 

2 ma8e[8] Jaune d'oeuf 
2 ma8e[s] citron 

2 mase[s] vert elah* 
2 ma8e[8] vert mate 
24 mase[8] verot assorties de cou- 

teurs 35 sols 42 livres 

363 livres 7 sob 6 der 
€Monte[nt] les parties ä cocte ä 
la somme de 363 livres 7 sols 6 der 



oenfaL qae Tob appelLe commiuiaiiiiiMiit drap» de vaeqme» (18 oct. 1406, rci 
MAt.» fol. 117 T^. Arch. Toumai)». — H convient de rapprocber d 
teztee le passage daM leqmel Canciie raeonte qae les Maaikoro ne von! 
kd troqner lenra marekaiktifiea qae contre «des longnes eomaÜDes, et^ 
de Vinise d§ amUur de citron ^*ih uppeUant Taqnes» {Meicition du v 
que JVarapOM Cemcke a fait ä Mactagaaear . . ., pw 4^). 



Le commerce fhui^s k Madagasoar au XVn« si^cle. 109» 

iFl. ün Paquet. 

1 mille gros oUive crystal 

myi de bUiic. 
1 mille grains rouet^)ray6 de 

blanc 
1 mille grains bleu ray6 de 

blanc 
poize[nt] les 3 inille 5 livres ä 
30 sols la livre .... 7 livres 10 sols 
«N'3. 1 mille oUive dor^e, 5 livres 

10 sols 5 livres 10 sols 

<X ' 4. 2 mille gros grains dor6 brod6, 

4 livres 10 sols .... 9 livres 
<X 5. 2 mille grains brod6 dor6, 

3 livres 10 sols .... 7 livres 
«N'6. 1 mille grains bleu friz6, 

30 sols 1 livre 10 sols 

<X®7. 1 mille grains bleu friz6 de 

jaune, 22 sols .... 1 livre 2 sols 
<X ' 8. 6 mille grains jaspe picote 
de plusieurs fa^ons et de 
plusienrs couleurs, 18 sols 

[le] mille 5 livres 8 sols 

cDans une petite ca[s]sette, [vous] 
tronverez ee qui suit, s^avoir: 

2 donzaines de bagues, fa^on 

dobleu (sie) *), 42 sols ... 4 livres 4 sols 
4 [donzaines] de croix ä perle 
faQons d'or, dix sols ... 2 livres 

3 [donzaines] de bague[s] d'al- 

lianoe doree[s] forte[8], 10 sols 1 livre 10 sols 
3 [donzaines] de bagues fa^ons 
d'ai^ent, 3 sols 9 sols 

1) Bomet est sans doote le m^me a^jectif qne Bei, roue, roet, routi\ 
in agniis: «oni6 de fis:iires de rone, de rosaces, de petita ronds, de paülettes» 
(Fä. QoDBntOY, Dictiorm, de Vanc. hmgue franfaM$, t. VII, p. 217*). 

2) Nons n'avons troav^ ce mot nulle part 



110 Henri Froidevaux 

2 [douzaines] de croix, faQon de 

crucifix eslevez, en bosse atta- 

chez sur la croix, 16 sols . 1 livre 12 sola 

2 [douzaines] de piece ä dia- 

mans-ruby et emeraude, ä 24 

sols 2 livres 8 sols 

cpour le boucauet ^) et le port, 45 sol s 2 livres 6 sols 

414 livres 15 sols 6 des 

«20 onces de corail trfes fin, ä 6 

livres Tonce 120 livres 

11 onces de corail commun, ä 3 

livres 4 sols Tonce .... 22 livres 4 sols 
1 cbapelet de faux corail tres 

gros bien fait 4 livres 

42 agathesd'OriantouSambaises'^) 
et 15 canons de coralline rouge, 

ä 20 sols pifece 56 livres 

300 grains de cornalline, agathes 

d'Orient et de crystal, ä un sol 15 livres 
5 pifeces de crystal taill6es . . 5 livres 
1 paquet de diverses sortes de gros 
grains de differentes conlenr 
1 paquet de corail fin ... 40 livres 

c Memoire des Marchandises les 
plus consid^rables. 
«23 mille d'or pezant 4 onces et 

gros, ä 54 livres Tonce, le tout 222 livres 15 sols 

1) Pour Temballage. 

2) Ici s'arr^te saus aucon, doute le memoire des marchandises t( 
et livr^es par Marie Legrand. Mais l'inventaire des objets empo 
Madagascar par M. Etienne et par ses compagnons contient enco 
certain nombre d'indications trop pr^ises poor ne pas ^tre publikes ici 

3) Ce mot ne se tronve nulle put. — On sait qae les y^itables 
d'Orient 6taient beaaconp plus estim^es qua les antres, car elles ( 
beancoup plns dores et d'on poli beaaconp plns beau (Savary des Bn 
IHcU ciU, t. I, col. 589, v« Agate). 



Le commerce fnui^ais & Madagascar an XVIP si^cle. Hl 

<57 menilles d'argent pezant 

4mar8^), une once, 2 gros et 

demy, ä raison de 42 livres 

le mart (sie) compris la fagon 175 livres 

<2 doozaines d'alliances ... 15 livres 

«50 livres de fil de cuivre pour 

faire des menilles .... 55 livres. 
cD est ä remarquer qne, des marchandises cy dessus, la rassade 
rooge et bleue, aigremarine (sie) et janlne grosse est exeellente 
pour Mangabets. — Pour Anosse [Anosy], verot rouge, vaque, 
Tioüet, vert clair, petit cristal, aigremarine (sie) et bleue, cuivre, 
argent et or. 

<Manamboulle, cuivre et rassades de toutes couleurs. 
cAux Ampattes, cuivre et verot de toutte couleur. 
«Rassade de toutes couleurs grosse*).» 



1) n s*agit ici da marc, c'est ä dire dn poids le plns osit^ en France pour 
peser Tor et Pargent Le marc 6tait divisö en 8 onces, ou 64 gros, on 
192 deniers, on 4.608 grains. (D'apr^s le Dietionnaire üniversel de Commerce 
de Savary des Bmslons, 6d. citöe, t in, col. 272, v® Marc). 

2) H ne fandrait pas condnre de la lectnre de cet inventaire qne les 
Pr^es de la Mission ont Jamals cherch6 k faire du commerce & Madagascar; 
ni H. Nacqnart ni ses snccessenrs n'ont en pareüle id6e, et ancnne Compagnie 
De leor anrait ainsi permis d'empiöter snr son privil^e exclnsif. Dn mains 
ieor laissait-on empörter qnelqnes marchandises ponr snbvenir 4 lenrs bassins, 
r6compenser les Services qni lenr ötaient rendns, et venir en aide k lenrs 
n^ophytes, comme le montrent diff^rents teites dont Tinventaire qn'on vient 
de lire constitne la pi^e justificative en m§me temps qn'nn docnment pr6cienx 
poür Phistoire dn commerce fran^ais k Madagascar an XVII* siöcle. 



Studien zur napoleonisohen Wirtschaftspolitik. 

Von 
Paul Darmstädter (München). 

2. Über die auswärtige Handelspolitik Napoleons I. 

„Wenn der englische Handel zur See triumphiert, so ist das 
darin begründet, dass England zu Wasser am mächtigsten ist. 
Es ist deshalb in der Ordnung, dass, da Frankreich zu Lande 
am stärksten ist, der französische Handel auf dem Festland 
triumphiert ; sonst ist alles verloren ^)." Diese Worte, die Napoleon 
am 23. August 1810 an den Vizekönig Eugen richtete, können 
als das Programm der auswärtigen Handelspolitik Napoleons be- 
zeichnet werden. 

Im 18. Jahrhundert hatte das überseeische Geschäft eine 
überragende Stellung im französischen Wirtschaftsleben eingenom- 
men. Frankreich setzte einen erheblichen Teil seiner Erzeugnisse 
in seinen Kolonien ab und versorgte außerdem mehrere europäische 
Länder mit Kolonialwaren, die es von den Antillen bezog*). 
Dieser gewinnbringende Handel — der Handel mit den fran- 
zösischen Kolonien betrug 1787 345,9 Millionen bei einem Ge- 
samtaußenhandel von 1073,1 Millionen Livres') — war jetzt fast 
ganz vernichtet, und es galt, Ersatz für ihn zu beschaffen. Wo 

1) „Vous ne devez Jamals perdre de vne qae, si le commerGe anglais 
triomphe aar mer, c'est parce qae les Anglais y sont les plus forte; il est 
donc convenable, puisque la France est la plus forte sur terre, qu'elle y fuse 
anssi triompher son commerce; sans qnoi toat est perdn.^ Correspondance 
de Napoleon I. 21,60. 

2) Vgl. oben S. 676 f. 

3) Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein erheblicher Teü der von den 
Kolonien importierten Erzeugnisse wieder ausgeführt wurde. 



Paul Darmstädter, Stadien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 113 

kounte er anders gesucht werden, als in den Staaten des Kontinents, 
die durch die Waffen dem französischen Einfiuss unterworfen 
waren? Wie die britische Industrie das Erbe Frankreichs jen- 
mis des Ozeans angetreten hatte, so sollte jetzt die französische 
Industrie England vom festen Lande vertreiben. Die Kontinental- 
sperre hatte keineswegs nur den negativen Zweck, die englischen 
Waren fernzuhalten, sondern zugleich einen sehr positiven Inhalt : 
Die Herrschaft der französischen Industrie sollte an die Stelle 
der englischen treten, Frankreichs Fabriken die Länder des euro- 
paischen Festlands mit industriellen Erzeugnissen aller Art ver- 
sorgen; wie die Seegewalt Englands die Suprematie der englischen 
Industrie im überseeischen Handel bedingte, so sollte die mili- 
firische Vorherrschaft Frankreichs auf dem Kontinent mit der 
wirtschaftlichen Hand in Hand gehen. 

Wie die Ausfuhrung dieser Idee gedacht war, und wie sie 
in einem Lande auch verwirklicht worden ist, soll im folgenden 
niber erläutert werden '). 

I. 
Viele Zeugnisse beweisen das grosse Interesse, das Napoleon 
dem französischen Außenhandel entgegengebracht hat. Bald 
wünscht er Auskunft darüber, warum die Lyoner Fabrikanten 
die ausländischen Bestellungen nicht befriedigen, bald macht er 
darauf aufmerksam, daß man in Mailand Garn und baumwollene 
Gewebe brauche. Auf dem Schloß zu Finkenstein ist er auf die 
Forderung des südfranzösischen Tuchexports nach der Levante 
bedacht, und während des österreichischen Feldzugs von 1809 
äussert er sein lebhaftes Missvergnügen darüber, dass die Bureau- 
kiatie nicht genug für den französischen Außenhandel tue. ^Man 



1) Die Darstellung stützt sich in der Hauptsache auf Akten des Pariser 
Nationalarchivs und des Staatsarchivs zu Mailand. Von gedruckten Quellen 
kommt die Correspondance de Napoleon I. fast ausschließlich in Betracht. 
In der Literatur finden sich über diese Materie, soweit mir bekannt, nur 
wenige Andeutungen. Es kann deshalb bei der Weitläufigkeit des Stoffes 
nicht befremden, wenn ich nur die Handelspolitik gegenüber dem Königreich 
Italien ansflihrlich behandle, mich im übrigen aber darauf beschränke, die 
Tendenz der napoleonischen Politik herauszuarbeiten. Vielleicht regt diese 
Arbeit zu weiteren Spedalontersuchungen an. 

Viert«U»brschr. f. Social- u. Wirtsohaftsgeflehichte. III. 8 



114 Paul Darmstädter 

hätte, 80 schreibt er, den Einzug der französischen Truppen be- 
nätzen, und Kaufleute und J'abrikanten dazu ermuntern sollen, 
Tuchwaren, Porzellan und andere in Österreich sonst mit hohen 
Zöllen belastete Waren jetzt dorthin auszuführen. Zahlen doch 
Tuche allein 60®/o. Ich hätte sie — und mit Recht — vom 
Zoll befreit und die Magazine Wiens damit vollgepfropft. Aber 
das Bureau (im Ministerium des Innern) denkt an nichts und 
tut nichts^." 

Die Auffassung, die wir in diesem Aktenstück ausgesprochen 
finden, dass die französischen Siege dazu dienen sollten, fran- 
zösischen Waren in den besiegten und unterworfenen Staaten 
Eingang zu verschaffen, ist für die napoleonische Handelspolitik 
durchaus charakteristisch. In der /Tat hat Napoleon den Wunsch 
gehabt, das von ihm geschaffene^ politische System, die Unter- 
werfung des europäischen Festland!^ unter den Willen Frankreichs, 
zu einem ebensolchen kommerziellen System zu erweitem. Eni 
grosses Wirtschaftsgebiet sollte erstehen, in dem englische Waren 
ausgeschlossen, französische Produkte aber ebenso frei und un- 
gehindert passieren sollten wie die französischen Soldaten. Man 
könnte vermuten, Napoleon habe eine allgemeine Zollunion 
Europas oder doch nur der von Frankreich abhängigen Staaten 
mit völligem Freihandel innerhalb des geeinigten Gebiets beab- 
sichtigt. Das war indes seine Meinung n|cht. So wenig er daran 
dachte, die verbündeten Staaten in der Politik als gleichberechtigt 
anzusehen, ebensowenig wünschte er ihren Waren Gleichberech- 
tigung einzuräumen. Französische Erzeugnisse sollten überall 
Eingang finden ; dagegen verschloß er den französischen Markt den 
fremden Produkten. Das handelspolitische System des Kaisers 
war nicht auf die Interessengemeinschaft gleichberechtigter Staaten, 
sondern auf die Waffengewalt Frankreichs begründet. 

Der Verwirklichung dieser Gedanken diente in erster Linie 
die gegen die englischen Waren gerichtete Gesetzgebung. Da 
Frankreich nach England der bedeutendste Industriestaat des 
Kontinents war, so musste der Ausschluss englischer Erzeugnisse 
der französischen Industrie zugute kommen. Aber auch darüber 



1) GorreBpondance 16,68. 202. 17,254. 19,529. 20,:)5. 21,274. 



Studien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 115 

hinaus beabsichtigte man den französischen Erzeugnissen eine 
Voratigssteliang eingeräumt zu sehen, und zwar durch Tarif- 
rertrage mit differentieller Begünstigung iranzösischer Waren. Im 
Jahre 1806 war seitens der französischen Regierung ein um- 
fassendes System von Handelsverträgen mit den angrenzenden 
Staaten geplant, durch die französische Waren überall Yorzugs- 
bebandlnng geniefien sollten. Da in Frankreich die meisten fremden 
Erzeugnisse verboten waren, hätten die französischen Gegen- 
leistungen nur den Charakter von Scheinkonzessionen getragen. 

Es bedarf noch näherer Untersuchung, ob diese Aktion am 
Widerstand der fremden Regierungen geseheitert ist, oder ob 
Fnnkreich sich davon überzeugt hat, sein Ziel auch auf anderem 
Wege ebenso sicher zu erreichen, genug, es ist nur ein einziger 
Tarifvertrag, und zwar mit dem Königreich Italien zustande 
gekommen. Ehe wir aber auf diesen des näheren eingehen, 
wollen wir noch einen kurzen Blick auf die handelspolitischen 
Beziehungen zu einigen anderen Staaten werfen. 

Der Vertrag, den Frankreich am 24. Mai 1806 mit dem 
Königreich Holland abschloß, bestimmte im Artikel 10, dass 
ein Handelsvertrag zwischen beiden Staaten die politische Allianz 
eigänzen solle ^). In der Tat ist ein solches enges kommerzielles 
Bündnis von französischer Seite in Aussicht genommen worden. 
Champagny sprach sich in einem Bericht vom 10. September 1806 
fÄr einen Handelsvertrag aus, durch den französische Weine und 
Fdnikate gegenüber Erzeugnissen anderer Staaten begünstigt 
werden sollten*). Dann forderte der Kaiser am 11. Januar 1808 
iea Minister des Inneren auf, ihm über die Maßregeln zu be- 
riehten, die man ergreifen könnte, um in Holland (Spanien und 
Italien) für Frankreich günstigere Zolltarife zu erwirken *). In der 
Antwort wurden eine Reihe von Wünschen geäußert, deren Er- 
fiUlung man vom Kaiser begehrte '*): die Herabsetzung der hol- 
Bndischen Transitzölle, der Flußabgaben auf der Maaß, der Zölle 
«rf Wein, Hüte, Lederwaren, Eisen-, Töpferwaren und Seiden- 

1) Arcbives nationales A F IV 1704. 

2) Arch. nat. F 12,534. 

3) Correspondance 16,240. 

4) Arch. nat F 12,622. 



116 Paul Darmst&dter 

stoflfe. Ob Napoleon auf diplomatischem Wege sich dieser 
Wünsche angenommen und tatsächlich Änderungen des hollän- 
dischen Tarifs erwirkt hat, habe ich nicht zu ermitteln vermocht. 
Nach der Annexion wurde Holland am 1. Januar 1811 in das 
französische Zollgebiet einbezogen^). 

Das wiiTe Durcheinander des deutschen Zollwesens muß, 
so verkehrshindemd und handelsfeindlich es auf den ersten Blick 
erscheinen mochte, doch kein Hindernis für den französischen 
Export gebildet haben. Als Napoleon am 30. Juli 1807 sich 
danach erkundigte, welche Begünstigungen der französische Handel 
in den Rheinbundsstaaten wohl wünschen möchte, und welche 
Maßregeln zu ergreifen wären, um dort den Absatz französischer 
Fabrikate zu befördern^, antwortete der Minister Ghampagny, 
daß wenig Ursache zu Klagen über den Stand der Dinge im 
rheinbündischen Deutschland vorhanden sei; die kleinen Staaten 
seien nicht imstande, eine Frankreich feindliche Schutzzollpolitik 
zu treiben; Sache Frankreichs sei es, zu verhüten, daß die 
neugebildeten größeren zu einer Politik der Absperrung über- 
gingen. Vielleicht könnte man die Einführung neuer Zölle im 
Bundesgebiet von der Genehmigung des Protektors abhängig 
machen. Femer sollte man darauf sehen, daß die Transitzölle 
nicht mehr als 1 ^lo vom Werte der Waren betrügen, und die 
Einfuhrzölle auf die Hauptartikel des französischen Exports, 
Wein, Seiden- und Tuchwaren 10®/o des Werts nicht fiber- 
schritten '). Zum Abschluss von Handelsverträgen mit den Bliein- 
bundsstaaten war somit für Frankreich kein Anlaß vorhanden. 
Ein formelles Einspruchsrecht des Protektors gegen Zollerhöhungen 
im Bundesgebiet hätte mit der feierlich garantierten Souvenuiität 
des Fürsten in zu großem Widerspruch gestanden, als daß Napoleon 
sich diese Forderung zu eigen gemacht hätte. Es wäre um so 
überflüssiger gewesen, da er die Macht besaß, auch ohne ein 
formelles Interventionsrecht seinen Willen durchzusetzen, und 
von dieser Macht, wo es ihm gut schien, auch unbedenklich Ge- 
brauch gemacht hat. So verlangte er 1808 von Baden die Er- 

1) BuUetin des Lots 4. Serie 13,372. 

2) Correspondance 15,466. 

3) Arch. nat A F IV 1060. 



Studien zur napoleonisclien Wirtschaftspolitik. 117 

mäfli^ng der Transit- und Einfuhrzölle auf französische Weine, 
von Bayern die Herabsetzung des Weinzolles von 3 auf 2 Gulden 
pro Zentner. In beiden Fallen wurde seinem Wunsehe ent- 
sprochen *). Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß der Kaiser 
aach in anderen Fällen seinen politischen Einfluß in Deutschland 
den wirtschaftlichen Interessen Frankreichs dienstbar gemacht hat ^. 

Im Jahre 1812 hat Frankreich den Versuch unternommen, 
den größten Rheinbundsstaat seinem wirtschaftlichen System an- 
xngliedem. Im Königreich Bayern war am 23. September 1811 
ein neuer Zolltarif erlassen worden, der wegen seiner aus- 
gesprochen schutzzöUnerischen Tendenz das lebhafte Mißfallen 
Frankreichs erregte. In einer Unterredung, die der bayrische 
Gesandte, Baron Getto, im Januar 1812 mit dem französischen 
Mmister Maret, Herzog von Bassano, hatte, sprach sich dieser 
mit einer Zurückhaltung, deren sich die französische Regierung 
im Verkehr mit ihren Verbfindeten durchaus nicht immer be- 
fleißigte, dahin aus, dass Bayern nur von einem zweifellosen 
SooTeranitatsrecht Gebrauch gemacht habe, und der Kaiser weit 
entfernt davon sei, ihm deshalb Vorwürfe zu machen. Frankreich 
Terlange von Bayern nichts, was nur im geringsten den bayrischen 
Interessen nachteilig sei, aber es wäre doch möglich, durch gegen- 
seitige Konzessionen zu einem Einvernehmen zu gelangen. Maret 
machte dann den Vorschlag, einen Handelsvertrag abzuschließen 
mit wechselseitiger Begünstigung derjenigen Erzeugnisse der 
beiden Länder, welche das andere nicht selbst produziere^. 
Diese Anregung hat keinen Erfolg gehabt, aber sie zeigt doch, 
wie konsequent die französische Handelspolitik an ihren Ideen 
festgehalten hat. 

Sonst habe ich für eine differentielle Begünstigung fran- 



1) Arch. nat. F 12,534. Moniteor 11. April 1808. 

2) GftiuE allgemein, doch ohne einzelne Staaten zn nennen, sagt Georgius 
(Fahxenbergs Magazin 5,292): „Es wurden ihnen (d. h. den französischen 
Wtreii) nicht nur nirgends neue Einfahrverbote entgegengesetzt, sondern es 
worden anch ältere aufgehoben, oder die aufgelegten Abgabe^ vermindert, 
0^ ihnen sogar ausschließend der Eingang yerstattet, und eine Gleichheit 
■it den einhdmischen Erzeugnissen eingeräumt.*' 

3) Münchner Geheimes Staatsarchiy. M A III, 11. Bericht Cettos an den 
König Tom 25. Januar 1812. 



11 H Paul Darms tädter 

zösischer Waren iu den Rheinbundsstaaten, selbst in Westfalen 
und Berg keinerlei Anhaltspunkte gefunden. Dagegen berichtet 
Fahneuberg, daß franEÖsische und sächsische Tuche im Herzog- 
tum Warschau sich einer Yorzugsbehandlung erfreuten*). 

Die politische Allianz mit dem Zaren hatte auch eine freilich 
nur sehr kurze Zeit währende handelspolitische Freundschaft mit 
Russland im Gefolge. Der Anschluß des Zarenreichs an das Kon- 
tinentalsystem bedeutete naturgemäß eine Begünstigung der fran- 
zösischen Industrie, und namentlich im Jahre 1808 scheint die 
französische Ausfuhr dorthin eine große Steigerung erfahren zu 
haben. Doch schon damals machten gescheite Beobachter darauf 
aufmerksam, daß Rußland auf die Dauer nicht imstande sei, 
die französische Einfuhr zu bezahlen. Es pflege seinen Import 
mit Waren wie Holz, Hanf und Flachs zu begleichen, für die Eng- 
land, nicht aber Frankreich aufnahmefähig sei. Dieser Znstand, 
so schrieb 1808 die Lyoner Handelskammer, könnte solche Ver- 
hältnisse herbeiführen, daß die schönsten politischen Kombinationen 
dadurch gestört würden^). Es hat zwar nicht an Projekten ge- 
fehlt, die kommerziellen Beziehungen zwischen beiden Kaiser- 
reichen aufrecht zu erhalten, aber ein positives Ergebnis ist nicht 
erzielt worden. Die wirtschaftlichen Interessen mußten Rußland 
auf die Seite der Gegner Frankreichs treiben. Der Ukas 
Alexanders vom 31. Dezember 1810 bedeutet die wirtsehafUiobe 
Kriegserklärung an Frankreich. 

Auch in der Türkei wußte Napoleon seinen politischen 
Einfluß zur Begünstigung des flranzösischen Handels auszunützm, 
und die Hohe Pforte im Frühjahr 1807 zum Verbot englischer 
und zur Aufnahme französischer Erzeugnisse zu veranlassen'). 
Da aber die Engländer das Mittelmeer beherrschten, so veranochte 
der Levantehandel seine frühere Bedeutung nicht wieder zu ge- 

1) FAm^BNBBRG 2,470. Dekret vom 29. Mai 1811. Durch «in Dekret 
vom gieiohen Tage wurde die Einftüir preußischer Baomwollwarea in War 
•ohan verboten. (Gesetasamnüung des vormaUgen Hersogtams Wancha«, 
ttbenetit von Laube M49). Nach Fahnsnbsrq 5;298 and 296 aeheiirt 
sieh die Begttnstigiuig fransösiicher Produkte noch auf andere Waren be- 
zofifen EU haben. 

2) Arch. nat F 12, 622. A F IV 1060. 

3) Correspondance 16,68. 202. 



ätudien zur napoleoniächen Wirtschaftspolitik. II9 

winnen. Der Kaiser faüte nun den Plan, den Handel nach dem 
Orient durch die illyrischen Provinzen zuleiten; auch hier 
wollte er die französischen Kaufleute begünstig wissen : in dem 
Dekret vom 27. November 1810 sprach er die Befreiung der 
durch niyrien nach dem Orient versandten französischen Waren 
von allen Transitzöllen in Italien und lUyrien aus^). Obwohl 
N^>oleon sich von der neu erschlossenen Handelsstraße — sie 
fahrte von der französisch-italieinischen Grenze bei Vercelli über 
Brescia, Venedig, durch Friaul und Dalmatien nach Kostanizza 
ao der Save und von dort durch Bosnien nach Saloniki — 
grofle Vorteile versprach, scheint der praktische Erfolg infolge der 
Ljuige und Unsicherheit des Weges ein recht bescheidener ge- 
wesen zu sein. Die Gesamtausfuhr via Kostanizza hat 1811 2,6, 
1812 3,7 Millionen Frs. betragen 2). 

Außer der Befreiung von den Durchfuhrzöllen enthielt der 
illyrische Zolltarif vom 27. November 1810^) auch namhafte Be- 
^änstigangen für den französischen Export nach lUyrien selbst^). 
Die Erzeugnisse des Kaiserreichs sollten im allgemeinen nur die 
Hälfte der Zollsätze des Generaltarifs entrichten. Manche Artikel 
waren indes durch einen Spezialtarif weit stärker begünstigt^), und 
iiaamwoUstoffe, Tuche, feine Leinenwaren, Strumpfwaren, Steingut, 
Porzellan und Kurzwaren wurden nur zugelassen, wenn sie aus dem 
französischen Kaiserreich oder aus dem Königreich Italien stammten. 
Es kann nicht zweifelhaft sein, daß diese Maßregeln gegen die 
österreichische, besonders gegen die Wiener Industrie gerichtet waren. 



1) Bulletin des lois 4. Serie 13,521 ff. Vgl. Conespondance 21,89 ff. 

2) Faunenbekg 6,182. 

S) Während das Zollgesetz in Bulletin des Lois veröffentlicbt wurde, scheint 
die Publikation des Zolltarifs unterblieben zu sein. Vgl. fahnenbbko 2, 2ia 
leh fiand ein Exemplar des Zolltarifs in der alten Begistratnr der K. General- 
divaktion der Zölle und indirekten Steuern zu München Nr. 188. 

4) Alle diese Begünstigongen kamen auch dem Königreich Italien zugute, 
dock war der Nutzen fUr die italienische Industrie natürlich viel geringer 
ab für die französische. 

5) So z. B. zahlten Lederwaren nach dem allgemeinen Tarif 20 fl. pro 
/^Btner, nach dem Spezialtarif 8 fl., B^'outerien pro Unze 5 fl. bezw. 90 Kreuzer, 
Modewaren pro Pfund 6 fl. bezw. 1 fl. Ein Kastorhut zahlte nach dem all- 
gemetnen Tarif 2 fl. Zoll, ein Dutzend nach dem Spezialtarif 1 fl. 80. 



120 Paul Dai-mstädter 

Der Vertrag, den der Kaiser am 26. Vendemiaire XII mit 
Spanien abschloss, bewilligte Frankreich die Meistbegünstigung 
und Transitfreiheit für die nach Portugal gehenden Tuche; im 
achten Artikel war der Abschluß eines besonderen Handelsver- 
trags in Aussicht gestellt'). Die französischen Industriellen und 
Kaufleute wünschten um so lebhafter die Beziehungen zu Spanien 
durch einen Vertrag geregelt zu sehen, als gerade dessen Handels- 
politik vielfachen Anlaß zu Klagen gab. Das * spanische Zoll- 
system wäre kompliziert und undurchsichtig, seine Handhabung 
willkürlich und schikanös, die Zölle für die meisten Waren fran- 
zösischer Herkunft exorbitant hoch, zum Teil geradezu prohibitiv^). 
Gewiß berühren diese Beschwerden eigentümlich in dem Munde 
von Franzosen, denn alle Klagen, die über Spanien erhoben 
wurden, trafen mindestens ebensosehr auch auf das französische 
Zollsystem zu, aber die handelspolitischen Ereignisse unserer 
Tage lassen es ganz verständlich erscheinen, daß man beim 
Nachbar bitter tadelt, was man bei sich zu Haus für selbstver- 
ständlich erachtet. 

In Spanien war man auch durchaus nicht geneigt, auf die 
französischen Wünsche einzugehen. Man behauptete, die nationale 
Industrie würde ruiniert werden, wenn man sich zu Zollherab- 
setzungen verstünde. Obwohl Napoleon die Abstellung der fran- 
zösischen Beschwerden verlangt hatte, scheint Frankreich doch 
nichts erreicht zu haben % und in dem Aktenstück vom 24. April 1808, 
das die Absetzung der bourbonischen Dynastie rechtfertigen sollte, 
ist auch von den Klagen des französischen Handelsstandes über 
die spanische Zollpolitik die Rede. „Die spanischen Zollgesetze, 
so heißt es, waren hauptsächlich gegen den französischen Handel 
gerichtet. Sie waren bemerkenswert durch ihre Willkür und 
ihren beständigen Wechsel. Diese Veränderungen waren nicht 
bekannt, denn sie wurden nicht publiziert. Nur auf den Zoll- 
ämtern konnte mau erfahren, daß das Gesetz von gestern heute 

1) Aroh. nat A F IV 1704 Espague. 

2) Arch. nat. A F IV 1060. F 12,534. Vgl. auch P. J. Rkhpuks, 
Spanien nach eigener Ansicht im Jahre 1806. Frankfurt 1813 S. 558 und 625. 

3) Correspondance 12,87. 89. 14,406. Nor den freien Transit französischer 
Waren nach Portuiral gestand Spanien zu. Moniteur vom 3. Januar 1808. 



Studien zur uapoleonischen Wirtschaftspolitik. 121 

nicht mehr galt. Alle von Franzosen und für französische Inter- 
essen gemachten Reklamationen wurden verworfen, und während 
Spanien so gegen Frankreich und seinen Handel Krieg führte, 
waren seine Häfen dem englischen Handel geöffnet^ ^). 

Nach dem Sturze der bourbonischen Dynastie suchte man 
Spanien auch in wirtschaftliche Abhängigkeit von Frankreich zu 
bringen; im Zolltarif von 1810 wurden die meisten iranzösischen 
Wunsehe berücksichtigt. Obwohl auch damals, wie Ghampagny 
m einer ausfuhrlichen Denkschrift mitteilte, eine differentielle 
Begünstigung französischer Waren nicht zu erlangen war — man 
wollte wahrscheinlich die Regierung König Josephs nicht völlig 
diskreditieren — und auch nicht alle von den französischen 
Indnstriellen erhobenen Forderungen Annahme fanden, bot der 
neue Tarif dem iranzösischen Handel doch große Vorteile. „Im 
neuen Zolltarif, schreibt Ghampagny, finden sich nicht mehr die 
v^Bchiedenen Kombinationen, welche der Geist des Übelwollens 
ersonnen hatte, um Frankreich zu schädigen.*" Alle Prohibitionen 
seien beseitigt, und wenn auch auf Tuch- und Seidenwaren die 
Zolle hoher wären, als man es im französischen Interesse wünschen 
mochte, so wäre die Herabsetzung der Zollsätze doch recht er- 
heblich. Für die Varre Tuch wurde der Zoll von 24 auf 18 Realen 
ermäßigt, Seidenband künftig mit 25 statt mit 42 Realen pro 
Pfund verzollt, Spitzen entrichteten 75 statt 112 Realen. Noch 
gunstiger war der Tarif für die Leinwandindustrie. Der Unter- 
schied zwischen feiner und grober Leinwand fiel fort, und die 
feinen französischen Leinenwaren wurden mit den gewöhnlichen 
schlesischen gleichgesetzt, eine Bestimmung, die tatsächlich einer 
Begünstigung Frankreichs gleichkam. Der Zoll auf Hüte wurde 
auf die Hälile, auf Quincaillerie auf V2 — Vi ermäßigt; Baum- 
wollstoATe, die bisher meist verboten waren, wurden jetzt gegen 
mäßige Zölle zugelassen^). Dieser Tarif, der die Grundlage für 
^quitere Handelsvertragsverhandlungen abgeben sollte, hätte unter 
anderen Verhältnissen für Frankreich recht vorteilhaft sein können ; 
im Jahre 1810 ist er für die französische Industrie kaum mehr 
von Vorteil gewesen. 

1) Correspondance 17,36, 

2) Arch. nat. F 12,620. 621 



122 i^a^l Darmsiädter 

In Tortugal hatte Frankreich schon durch den Vertrag vom 
7. Vendemiaire X (29. September 1801) die ZulaÄSung für feine Tueh- 
waren erreicht, und im Vertrag vom 28. Ventdse Xu (19. März 1804) 
sogar die Beseitigung der portugiesischen Einfuhrverbote auf 
Seidenwaren, Spitzen, Batist, Bijouterien und Leinwand durch- 
zusetzen gewußt ; doch sollten diese Bestimmungen erst nach dem 
Seefrieden in Wirksamkeit treten*). Allein der weite Landweg 
und die Schwierigkeiten, die Spanien dem Transit in den Weg 
legte, hinderten die französische Tuchindustrie daran, von der 
ihr eingeräumten Begünstigung Gebrauch zu machen^), und als 
Spanien endlich die Durchfuhr durch sein Gebiet freigab, machte 
der Krieg den Export nach Portugal unmöglich. 

Mit dem Königreich Neapel beabsichtigte man einen Vertrag 
auf einer ähnlichen Grundlage abzuschließen, wie er 1808 mit 
Italien zustande gekommen ist, d. h. mit differentieller Begünsti- 
gung der wichtigsten Erzeugnisse der beiden vertragschließenden 
Staaten. Zu dem Abschluß eines Handelsvertrags ist es zwar — 
aus welchen Gründen habe ich nicht zu ermitteln vermocht — 
nicht gekommen, wohl aber zu einer weitgehenden Bevoraugung 
des französischen Imports im italienischen Süden. Durch ein 
Dekret vom 9. Januar 1808 wurde die Einfuhr aller Baumwoll- 
fabrikate, soweit sie nicht ans Frankreich und dem Königreich 
Italien stammten, kurzerhand verboten % so dass, da die ein- 
heimische Baumwollindustrie nicht nennenswert, die italienische 
unbedeutend war, der französischen ein Monopol im KönigreicL 
eingeräumt wurde. Im folgenden Jahre, 1809, verlangte dei 
Kaiser eine Begünstigung der französischen Tuchindustrie ^), und 
der Zolltarif vom 31. August 1810 kam dem in weitem Maße 

1) A F IV 1705 Portugal. TiirKiis 3,186 f. 

2) A F IV 1060. F 12,B34. 

3) BuUettino delle leggi dd regno di Napoli 1808 Nr. 7 : „L'iBtrodozioBi 
di tutte le mercanzie di cottone manlfattarate siano bianobe o atampate di 
qualouque natura h proibita nel noatro regno. Saranno aoltanto ammeas 
eottoni manifatturati che saranno accompagnati da nn certificate che prov 
cMsere stati manifatturati in Franda o nel regno d'Italia.^ 

4) „Les draps de France payent nn droit. Rendre nn decret ponr ezemtej 
de ce droit le» marchandises frangaises et snrtcnt lee draps. Napoleon ai 
Mumt 14. Okt. 1809. Cofrcspondance 19,676. 



Studieo zur napoleonisehen Wirtschaftspolitik. 123 

entgegen. Fär alle Arten von Tuch, das aas Frankreich stammte, 
wurden die Zölle herabgesetzt, and auch für Leinen- und Baum- 
woUgewebe worden die Abgaben ermäßigt^). Napoleon scheint 
mh indes davon fiberzengt zu haben, daß das Verbot fremder 
l'rodokte fär die französische Industrie größeren Vorteil bot, als 
die diflFerentielle Begünstigung: am 18. Oktober 1810 forderte ' ^t-w 
er den König von Neapel dazu auf, für alle nicht französischen >.^^^ 
Wollen- und Seidenwaren ein Einfuhrverbot zu erlassen ^). Schon ^ 
am 30. Oktober kam Murat diesem Wunsche oder vielmehr Be- ^ 
fehle nach. Die den Franzosen am 31. August 1810 gewährten ^^'"^ 
Zollermäßigungen wurden zwar aufgehoben , dafür aber alle U/ ^ 
ßaumwoU-, Woll- und Seidenfabrikate, die nicht französischen 
Ursprungs waren, in Neapel verboten^. Selbst vom Königreich 
Italien, dessen Produkte noch 1808 der gleichen Begünstigung 
wie die französischen teilhaftig geworden waren, war jetzt nicht 
mehr die Bede, wahrscheinlich, weil man die Konkurrenz der 
oberitalienischen Wollindustrie fürchtete. Endlich erfuhr die 
französische und italienische Einfuhr noch eine allerdings weniger 
wichtige Begünstigung durch ein am 13. Februar 1812 erlassenes 
Dekret. In diesem wurden die Zölle für eine Anzahl von Waren 
verdoppelt, doch blieben für Produkte französischer und italienischer 
Herkunft die alten Zollsätze in Kraft ^). 

Der französische Handel wurde also im Königreich Neapel 
auf doppelte Weise bevorzugt: durch niedrigere Zollsätze und 
den Ausschluß fremder Konkurrenz. Nur in einem Lande ^) hat 
eine noch weitgehendere Begünstigung des französischen Exports 
stattgeftinden : im Königreich Italien. 



1) BoUettino 1810 S. 125 ff. 

2) Lecestre Lettres inöcütes 2,82 Nr. 708. 

3) ^A contare deUa pnbblicazione del presente non sarä piu ammessa nel 
regBo alcuna speeie di panni o mercanzie dl cotone o di seta, che non pro- 
ve«ga daUe fabbricche deU*Impero francese''. BoUettino 1810 S. 224. 

4) BoUettino 1812 S. 210. Die ZoUerhöhoog betraf z. B. versdiiedene 
Hetaüe wie 2ihm, Kopfer ond Antimon, Holzarten wie Mahagoni, Bochsbaom 
oad Blanholz, Fischereierzeognisse aller Art, wie Heringe, Stockfische, Sar- 
dkcB und Schwemme; ferner GaUäpfel, Somaeh, Pottasche, Soda, Käse 
und Häote. 

5) Abi^sehen von Illyrien, das indes eine französische Provinz war. 



124 Paul Dannstädter 

II. 

Der die napoleonische Handelspolitik beherrschende Gedanke, 
daß die unterworfenen Länder dazu bestimmt seien, Absatzgebiete 
für französische Erzeugnisse zu bilden, ist nirgends mit solcher 
Entschiedenheit durchgesetzt worden wie im Königreich Italien^). 
Bereits das Direktorium hatte die Ergänzung der politischen 
Allianz durch ein enges handelspolitisches Bündnis mit der Gisal- 
pinischen Republik beabsichtigt. In dem Vertrag vom 27. Vent6se^^ 
war bestimmt worden, daß alle Prohibitionen gegenüber fremden 
Staaten für die Beziehungen der beiden Republiken untereinander 
keine Anwendung finden und kein Zoll im wechselseitigen Ver- 
kehr 6^/0 des Wertes der Ware übersteigen sollte. Da aber 
diese Bestimmung erst nach dem Abschluß des allgemeinen 
Friedens in Kraft treten sollte, so war vorläufig eine gegenseitige 
Begünstigung vorgesehen, die 50 ®/o der geltenden Zölle betrug *). 
Dieser Vertrag ist infolge der kriegerischen Ereignisse, die den 
Untergang der Cisalpinischen Republik herbeiführten, nie zur An- 
wendung gekommen. Es war Napoleon vorbehalten, den Gedanken 
der engen wirtschaftlichen Verbindung der beiden lateinischen 
Schwesternationen wieder aufzunehmen und zur Durchführung 
zu bringen, allerdings mit der völligen Unterordnung Italiens 
anter den mächtigen Nachbar. 

Nachdem schon durch die Verordnung vom 27. Juli 1805 das 
Verbot englischer Erzeugnisse im Königreich Italien ergangen 
war, erließ der Kaiser am 10. Juni 1806 ein weiteres Dekret, 
das scheinbar auch gegen die englischen Waren gerichtet war, 
in Wirklichkeit aber der französischen Industrie eine Vorzugs- 
stellung in Italien verschaffen sollte. Unter englischen Erzeug- 
nissen wurden nämlich nicht nur in England hei*gestellte Waren 
verstanden, sondern folgende Warenklassen wurden, ganz gleich 
welcher Herkunft, als englisch bezeichnet: 1. Samt aus Baum- 
wolle, Stoffe und Tuche aus Wolle, Baumwolle und Haaren, und 
aus diesen Rohstoffen gemischte Zeuge, Piques, Basins, Nankins 
und Musseiines. 2. Bänder und Schleier. 3. Knöpfe aller Art. 

1) Es sei bemerkt, daß wenn ich von Italien schlechtweg spreche, stets 
das Königreich Italien gemeint ist 

2) Arch. nat. A F IV 1704 Italic. 



Stadien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 125 

4. Töpferwaren. Die Einfuhr aller dieser genannten Waren wurde 
durch das Dekret verboten, sofern sie nicht — das war der 
wichtigste Punkt des Gesetzes — aus Frankreich stammten^). 

Da in Italien selbst diese Erzeugnisse gar nicht oder jedenfalls 
nicht in genügender Menge hergestellt wurden, war somit der 
französischen Industrie ein Monopol oder mindestens eine sehr 
bevorzugte Stellung auf dem italienischen Markt eingeräumt^ 
Unter diesen angeblich gegen den englischen Handel gerichteten 
Maßnahmen verbarg sich also eine Begünstigung Frankreichs und 
eine schwere Schädigung nicht nur Großbritanniens, sondern auch 
der befreundeten und verbündeten Staaten. Die böhmischen und 
mährischen Fabrikanten, die bisher Tuche nach Italien exportiert 
hatten, die Sachsen und Schweizer, die baumwollenen Samt 
and Musselin geliefert hatten, wurden ebenso und vielleicht in 
noch höherem Grade betroffen, als die Engländer^). Die Absicht 
und Wirkung dieser angeblichen Bekämpfung des britischen 
Handels war nicht nur die, daß die britische Industrie den 



1) Der Text des Edikts ist der folgende: 

§ 1. L'introdnzione delle merci manif attarate provenienti sia dalle fab- 
briche sia dal commercio inglese h proibita tanto per mare quanto per terra 
in tatta l'estensione del regno dltalia. 

§ 2. Sono ripntati provenire dalle fabbriche inglesi qualnnqne ue sia 
Torigine gli oggetti qai sotto specificati tranne qaelli che vengono 
dt Francia con certificati di fabbrica, vidimati dal prefetti e con ispedizioni 
di oscita rilasciate dagli agenti delle dogane imperiali: 

1. I vellnti di cotone, le Stoffe e panni di lana, di cotone e di pelo o 
mifti di qaeste materie, ogni sorta di piqa6, basini, nanMni, e di massoline. 

2. le fetncce e i veli. 

3. bottoni d'ogni spede. 

4. qnalunqae mfl^olica conosdata sotto il nome di terra di pipa ossia 
tarraglia d'Inghilterra. 

2) Dorch ein Dekret vom 12. Janaar 1807 (Bollettino delle leggi del 
regno d'Italia 1807 S. 42) worden Bänder and S^hlftiftr ahr ^ft^J^roßher^ 
zogta m Berg zugelassen, aber dnrch ein Edikt vom 28. Dezember 1807 wTe^" 
tervSrbotcn. Aacü rar i5ayem war un § 18 des am'*2r Tännar 1808* abge- 
rtiluweiieü italienisch-bayrischen Handelsvertrags dne Ausnahme von den 
Beitimmangen des Dekrets vom 10. Jani 1806 beabsichtigt, doch ist der Ver- 
tng nie zur Ausführang gelangt. 

3) Sehr bedeutend war auch die Schädigung der Interessen Bayerns, wie 
irh in einem Aufsatz demnächst zu zeigen gedenke. 



126 f'aul Darmatttdter 

italienischen Markt verlor, sondern daß die französische ihn ge- 
wann. Elbenf und Louviers, Eupen und Verners, Ronen und 
Amiens verdrängten nicht nur Manchester und Leeds, Glasgow 
und Nottingham, sondern auch Zürich und Basel, Augsburg und 
Elberfeld, Mühlhausen in Thüringen und Brunn. 

Doeh damit noch nicht genug. Noch immer blieben die 
Schweizer gefürchtete Eonkurrenten in der Baumwollindustrie. 
Als sich Napoleon nach seiner Rückkehr aus dem preußischen 
Feldzug, im Juli 1807, nach den Gründen der Erfolge der 
Schweizer Kattunfabrikanten in Italien erkundigte*), teilte ihm 
der Minister Champagny mit, daß diese infolge der billigeren 
Rohstofipreise, der geringeren Löhne der Arbeiter und der 
niedrigeren Transportkosten die französischen Fabrikanten zu 
unterbieten imstande seien ^). Kurzerhand entschloß sich der 
Kaiser zu einem neuen Gewaltstreich, und verbot durch das 
Dekret vom 28. Dezember 1807 die Einfuhr aller nicht aus 
Frankreich stammenden BaumwoU waren ^). 

War somit die ausländische Konkurrenz in der Textilindustrie, 
wenigstens vom legitimen Wettbewerb ausgeschlossen, so galt es 
jetzt den Franzosen auch gegenüber den italienischen Fabriken 
günstigere Bedingungen zu erzielen sowie in anderen Zweigen 
der Industrie und Landwirtschaft, in denen ein Verbot nicht- 
französischer Produkte als unzweckmäßig erschien, den Franzosen 
den Wettbewerb sowohl mit dem Ausland als auch mit den 
italienischen Produzenten zu erleichtem. Diesem Zwecke sollte 
ein Handelsvertrag dienen, der seit 1806 sehr sorgfältig vor- 
bereitet wurde. Es ist vielleicht nicht hinreichend bekannt, daß 
Napoleon über einen wirtschaftlich geschulten Generalstab ver- 
fugte: neben seinen Offizieren und Diplomaten entsandte er 
Kommissare nach allen Himmelsgegenden, um sich über die 
wirtschaftlichen Verhältnisse des Auslandes zu unterrichten und 

1) Correspondance 15,465. 

2) A F IV 1060, F 12,534. 535. 

B) BoUettino deUe leggi 1807 S. 1534: „L*introdiizioue di tutt« le merci 
di cotone manifattorate tauto in tele bianohe quanto in tele colorate dl qua- 
Innqae natora esse sieno, ö proibita nel nostro regno dltaüa. Saranno »ol- 
tanto ammessi i cottoni manifattarati cbe veaissero daUa Francis.^ 



Stadien zur aapoleonischeu Wirtschaftspolitik. l^J 

für den französischen Handel zu wirken. Ein solcher Kommissar, 
namens Isnard, wurde 1806/07 nach Italien gesandt, und seine 
Beriehte sind neben den Wünschen der Interessenten, die natürlicli 
audi gehört wurden, dem Handelsvertrag zugrunde gelegt 
worden, der am 20. Juni 1808 zwischen dem französischen 
Kaiserreich und dem Königreich Italien abgeschlossen wurde; 
formell ein Vertrag, in Wirklichkeit ein Dekret des Kaisers, der 
ja xugleieh auch als König in Italien gebot. 

Nach dem Handelsvertrag M wurden die Zollsätze für die 
wichtigsten Produkte, welche die beiden Länder untereinander 
aastauBchten, auf die Hälfte ermäßigt. Italien setzte seine Zölle 
herab auf Fabrikate der Textilindustrie, Eisenwaren, Luxusartikel, 
wie Bijouterien, Uhren, Möbel, Spitzen und Modewaren, auf Hüte, 
Lederwaren, Posamentierwaren, Tapisserien, Seife, ferner auf Öl, 
Vieh und Erzeugnisse der Fischerei; dagegen ermäßigte Frank- 
reich seine Zölle auf einige Erzengnisse der italienischen Land- 
wirtschaft, wie Käse, Öl, getrocknete Trauben, Rohseide, Vieh, 
Hanf und Lein, auf Fischereierzeugnisse, femer auf Feuerwaffen, 
Sicheln und Sensen, auf Strohhüte, auf Leinwand, Segeltuch, 
Kork und Wachs, auf Taue und Seidengaze. Für alle diese 
Artikel blieben zwar Änderungen der Zollsätze zulässig, doch 
^^l^de bestimmt, daß die Waren der beiden Kontrahenten stets eine 
Vorangsbehandlung von 50 ^/f> vor Produkten aus fremden Ländern 
genießen sollten; bei den Tuchwaren sollte der Zollsatz ^U des 
bisherigen Zolles nicht überschreiten dürfen. Für einige andere 
Produkte, z. B. für feine Weine und Porzellan in Italien, für 
Reis und seidene Crepes in Frankreich wurden die Zollsätze 
gebunden^. Endlich wurde noch vereinbart, daß die Transit- 
zolle, die Schiffahrts- und Lagerhausgebühren für Angehörige der 
Wden vertragschließenden Staaten die Hälfte der Abgaben be- 

1) Arch. nat. A F IV 1704 Italic. Der Austausch der Ratifikationen 
fuid am 8. Aognst 1808 sUU. 

2) Der Zoll betrog für Porzellan 50 Frs. pro Zentner, für Flaschenweine 
% Cent, fttr den Liter, für Weine im Faß 6 Frs. pro Zentner; gewöhnliche 
Weine zahlten die Hälfte des Generaltarifs. Italienische Weine genossen die 
S^che Begünstigung in Frankreich. Außerdem wurden italienische Tuch- 
^iwo, die bisher in Frankreich verboten waren, gegeu einen Zoll Ton Frs. 1,60 
pw Meter zu^^laasen. 



128 Paul Darmstädter 

tragen sollten, die von fremden Staatsangehörigen zu enl 
waren. 

Die Gesetzgebung, die den Zweck verfolgte, Italien z 
mäne der französischen Exportindustrie zu machen, fan< 
ihre Vollendung durch das Dekret vom 10. Oktober 181 
das völlige Einfuhrverbot aller BaumwoU- und WoUwarc 
Ausnahme der in Frankreich hergestellten, aussprach i 
sogar auf den Transitverkehr ausdehnte ^). Also böhmische 
und schweizerische Kattune waren nicht nur in Italien ve 
sondern durften auch nicht über das Königreich nach 
oder Sardinien versandt werden. Eine weitere Begün; 
der französischen Industrie lag darin, daß die italienische 
zollfrei nach Frankreich eingeführt werden durfte, währe 
Ausfuhr über die anderen Landesgrenzen hohen Ausfut 
unterworfen wurde*). Die Absicht dieser Maßregel wa 
französischen Seidenindustrie den Rohstoff zu verbillige 
konkurrierenden Industrien des Auslands aber zu verteue 

Die französische Industrie war also im Verkehr mit 
durch die napoleouische Handelspolitik auf dreifache We; 
günstigt : durch die Verbote fremder Produkte war sie ge^ 
Konkurrenz anderer Länder geschützt, durch die niedrige 
gangszölle wurde ihr der Wettbewerb mit der italieniscl 
dustrie erleichtert, und drittens wurde ihr der Bezug eines 
tigen Rohstoffs, der Rohseide, erleichtert. 

Welches sind nun die Erfolge dieser Politik gewesei 
ist unzweifelhaft, daß Frankreich große Vorteile aus ihr g 
hat. Mag es auch richtig sein, daß es den Engländei 
namentlich den Schweizern trotz der Dekrete gelungen ist, 
wollene und wollene Stoffe nach Italien zu Schmuggel 

1) Nor Bänder aas dem Großherzog^tom Berg genossen wi< 
ihnen 1807 zugestandene Begünstigang. Bollettino 1811 S. 898. D 
Dekret vom 29. Febniar 1809 (Bollettino 1809 S. 54) wurden auch ii 
verfertigte Strumpfwaren im Königreich Italien zugelassen. 

2) Dekret vom 26. September 1810. Bollettino 1810 S. 98 
Correspondance 21,60. 165. 

8) Nach den Berichten des Kommissars Catineau, der die Schw 
im Auftrage des Kaisers bereiste, fand der Schmuggel meist über Fr 
mit französischen Ursprungszeugnissen statt. Er behauptet, von 2C 



Stadien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 129 

li^en doch Zeugnisse dafür vor, da£ tatsächlich die französischen 
Waren die schweizer, englischen, deutschen und österreichischen 
Produkte aus Italien verdrängt haben. „Seit Frankreichs Über- 
macht auf dem festen Lande, schreibt ein deutscher Reisender, 
der 1810 Italien besuchte ^), hat die Lage des Handels überhaupt, 
ond 80 insonderheit die Vertreibung der Fabrikwaren in Italien 
eine ganz andere Wendung genommen. Der sonst unermeßliche 
Verkehr zwischen England und Italien ist ganz abgebrochen. 
Was Deutschland und die Schweiz betrifft, so sind die Einfuhren 
ilurer Fabrikate größtenteils untersagt. Das Wenige, was noch 
dnzusenden erlaubt ist, leidet unter dem Gesetz der Douanen, 
ond wird wahrscheinlich früh oder spät ebenfalls dem Verbot 
oder doch einer schwereren Belastung unterworfen werden. Es 
bleibt dem Lande keine Wahl weder der Güte noch der vorteil- 
hafteren Preise übrig. Es muß das meiste seines Bedarfs, gleich- 
viel wie es befriedigt wird, von Frankreich annehmen.** Die von 
Napoleon nach Italien entsandten Kommissare, der italienische 
Finanzminister, sowie der italienische Generalzolldirektor betonen 
in gleicher Weise die Steigerung der französischen Einfuhr in 
Italien sowie den Rückgang des Imports aus der Schweiz und 
ans Deutschland^). 

Eine noch deutlichere Sprache reden die Ziffern der Statistik, 
die ja gewiß der Genauigkeit entbehren, aber doch einen rela- 
tiven Wert beanspruchen dürfen. Nach der französischen Handels- 
Statistik ') betrug die Ausfuhr des Kaiserreichs nach dem König- 
reich Italien 

im Jahre: XI 9 Mill. Frs. 

. . Xn 12,9 „ „ 

. „ Xm 18,0 „ 

„XIV/1806 40,1 „ 

. . 1807 40,6 , „ 



Mondin, die von Frankreich nach Italien gingen, seien 180 Schweizer Ur- 
•^ngs gewesen. Arch. nat. F 12,536. 

1) NEjfNicH Bd. 7 S. 3. 

2) Arch. nat F. 12,536. Mailänder Staatsarchiv : Comniercio Stati esteri : 
Is^tem und Finanze, contahilitä, bilanci, dogane 1805/11. 

3) Bilans de commerce Arch. nat. A F IV* 433. 

Vtert«ljahr«ehr. f. Soeiftl- n. Wirtschaftugeecbicbte. III. 9 




130 Panl Darrastädter 

im Jahre 1808 44,4 Mill. Frs. 

.. 1809 43,8 „ 

., „ 1810 51,6 „ „ 

. . 1811 52,6 „ 

Gewiß darf man nicht übersehen, daß ein Teil der Steigeraog 
der Ausfuhr auf den Export der Gebiete Italiens, die dem Kaiser- 
reich einverleibt wurden, zurückzuführen ist, aber ein sehr be- 
trächtlicher Teil der Ausfuhr bestand aus Fabrikaten, die un- 
zweifelhaft national-französischen Ursprungs waren 0, und so 
dürfte das von uns festgestellte Ergebnis, daß die französische 
Industrie bedeutende Vorteile aus der ihr in Italien zuteil ge- 
wordenen Begünstigung gezogen hat, durch die Statistik eine 
weitere Bestätigung erfahren*). 

Weit weniger günstig sind die Folgen der napoleonischen 
Politik für die italienische Volkswirtschaft gewesen. Zwar weisen 
die Zahlen der Statistik ein bedeutendes Anwachsen der italienischen 
Ausfuhr nach dem Kaiserreich auf ^), aber es scheint, daß es sich 
nicht, wie bei dem ft^nzösischen Export, um eine wirkliche Ver- 
mehrung der Ausfuhr überhaupt handelt, sondern daß die Steige- 
rung zum großen Teile auf die Angliederung bisher selbständiger 

1) So betrug z. B. der Export von Fabrikaten der Textilindustrie im 
Jahre XI nur 2,2 MiU., XH 5,2, 1807 19, 1808 24, 1809 22, 1810 24, 1811 
23 V» Mill. Frs. 

2) Von dem Gesamtimport Italiens entstammten nach der italienischen 
Statistik (Staatsarchiv Mailand: Finanze, Importazioni e esportazioni) auH 
dem Kaiserreich : 

1810 von 140,4 MiUionen GSfi = 4ö7o 

1811 „ 129,6 ., 70,4 = 65., 

1812 „ 140,0 „ 76,5 = 54 „ 

1813 ., 105,3 ., 56,8 = 54., 

3) Der Export Italiens nach dem Kaiserreich betrug, nach der französischen 
Statistik, im Jahre XI 6,6, Xn 5,3, XIII 6,9, XIV/1806 21,0, 1807 15,6, 
1808 27,1, 1809 41,4, 1810 42,8, 1811 43,6 Mill. Frs. Nach der italienischen 
Statistik entfielen von der italienischen Gesamtausfahr auf die Ausfuhr nach 
Frankreich : 

1810 von 144,3 Millionen 35,6 = 24 '/o 

1811 „ 132,6 „ 64,9 = 49., 

1812 ., 143,1 ., 65,9 = 46 „ 

1813 , 112,7 „ 45,5 = 40, 



Stadien zur napoleonisohen Wirtschaftspolitik. 131 

Staaten 'an das Kaiserreich zurückzufahren ist; und soweit eine 
Vermehrung des Exports nach Frankreich stattfand, war sie durch 
den Rückgang der Ausfuhr nach anderen Ländern erkauft. 

Alle mir Yorli^enden italienischen Zeugnisse sind sich darüber 
einig, daß die napoleonische Handelspolitik und ganz besonders 
der Handelsvertrag yon 1808 für Italien äußerst nachteilig ge- 
wesen sind. Man betonte, und mit Recht, daß die franzosischen 
Konzessionen yon viel geringerem Werte waren, als die von 
Italien Franbeick eingeräumten. Während der italienische Markt 
4en franzosischen Fabrikaten aller Art offen stand, blieb die 
französische Grenze nach wie ror auch für zahlreiche Produkte 
des yerbündeten Italien verschlossen. Die Teile Oberitaliens, 
die jetzt das Königreich bildeten, hatten immer im regsten 
Warenaustausch mit den Landschaften Italiens gestanden, die 
<lem Kaiserreich einverleibt waren. In den Getreide bauenden 
Gebieten von Novara und Vigevano und in der Lomellina, die 
zum Königreich gehorten, klagte man darüber, .daß die fran- 
TOsischen Zollgesetze die Ausfuhr nach dem zwar an Wein reichen, 
an Korn aber armen Montferrat nicht zuließen. Die Besitzer der 
über ganz Oberitalien verbreiteten Seidenfabriken, die Eigentümer 
der Eisenwerke im Gebiet von Brescia, der zahlreichen WoU- 
mannfakturen in der Umgebung von Verona und Vicenza, sowie 
der BaumwoUfabriken in Mailand jammerten darüber, daß ihnen 
der Absatz nach Piemont, Parma, Piacenza, Genua, Toscana und 
Rom nunmehr verschlossen war; die Seidenindustrie war überdies 
durch die Annexion des linken Rheinufers geschädigt, wo sie 
vormals zahlreiche Abnehmer ihrer Erzeugnisse besessen hatte ^). 
Noch mehr als durch die Einfuhrbeschränkungen in Frankreich 
wurde die italienische Industrie durch die Zollherabsetzungen in 
Italien selbst betroffen. Man hat sich in Frankreich den An- 
fH-hein gegeben, als ob Italien lediglich ein Rohstoffe produzierendes 
l^nd sei, und es ganz wie eine Kolonie nach dem alten Kolonial- 
jnrstem behandelt, die Fabrikate vom Mutterland einzuführen ge- 



1) Stnatsarchiy MaUand, Commercio Stati esteri Francia. Protokolle 
des Cousigiio generale delle manifattare e commercio. Finanze: Contabilitä 
Mländ, dogane, Importazioni, Esportazioni. Arch. nat. F 12,620. 021. De- 
mandes faltes par les d6put^ dn commerce Italien. 



132 Paul DarmstÄdter 

zwangen war. Italien besaß indes eine gar nicht unbedeutende 
Textilindustrie: wenn auch die Baumwollindustrie noch ganz in 
den Kinderschuhen steckte, so war dafür die Seidenindustrie 
recht entwickelt und auch die Wollmanufakturen, wenigstens für 
geringere Tuchsorten, durchaus leistungsfähig; auch andere Gewerb- 
zweige, wie z. B. die Hutmacherei, die Eisen Warenfabrikation, 
Glas-, Fayence-, Leder- und Seifenfabriken waren im Königreich 
vertreten. Aber obwohl Italien nicht das nur Rohstoffe produ- 
zierende Land war, als welches es die Franzosen hinstellen 
wollten, stand doch die Tatsache fest, daß die italienische 
Industrie der französischen in keiner Weise gewachsen war, und 
die stete Herabsetzung der Zölle, namentlich auf die Fabrikate 
der Textilindustrie, die durch den Handelsvertrag geboten war^ 
erwies sich als verhängnisvoll. Die Seidenfabriken Italiens ver- 
mochten nicht mit Lyon, die Wollwarenmanufakturen nicht mit 
Verviers und Eupen zu konkurrieren'). 

Die napoleonische Gesetzgebung schädigte die italienische 
Industrie aber nicht bloß durch die Absperrung des Kaiserreichs 
und die Konkurrenz der französischen Fabriken in Italien selbst, 
sondern auch noch durch die Verteuerung, ja zum Teil sogar durch 
die Entziehung der Rohstoffe. Die Tuchfabriken der südöstlichen 
Teile des Königreichs hatten früher vielfach Wolle aus der römischen 
Campagna bezogen. Nach der Annexion Roms wurde das 
Wollausfuhrverbot, das im Kaiserreich bestand, auch hier wirk- 
sam, und die Fabriken der Marken sahen sich des Rohstoffs 
beraubt. Ebenso wurden die Lederfabriken Italiens durch das 
Verbot der Ausfuhr von Fellen aus dem Kaiserreich geschädigt *). 

Wahrend Napoleon die Ausfuhr von Rohstoffen aus dem 
Kaiserreich nach Italien untersagte, suchte er umgekehrt dem 
Königreich die Rohstoffe zugunsten der französischen Industrie 
zu entziehen, vor allem das wichtigste Rohprodukt Oberitaliens, 
die Seide. Die Seidenfabrikanten von Vicenza, Padua, Bergamo, 
Bologna und Mailand wurden nicht müde, hervorzuheben, für 
wie bedenklich sie das Edikt vom 10. Oktober 1810 ansahen. 

1) Staatsarchiv Maüand. Consiglio generale di manifatture e commerdo 
und Commercio parte generale. Arch. nat F 12,620. 621. A F IV 1712. 

2) Staatsarchiv MaUand. Commercio parte generale. 



Studien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 13B 

Alle Rohseide, so behaupteten sie, ginge nach Lyon, und die 
Konkurrenzfähigkeit der italienischen Industrie, die durch die 
niedrigen Einfahrzölle schon an und für sich vermindert sei, 
wurde durch die Entziehung der Rohseide noch weiter herab- 
gesetzt*). 

Man könnte meinen, das Verbot der Einfuhr fremder Textil- 
fabrikate sei doch auch der italienischen Industrie zugute ge- 
kommen, und es ist von französischer Seite behauptet worden, 
das Verbot englischer Fabrikate habe der italienischen Tuch- 
Industrie tatsächlich genfitzt. In Italien selbst freilich klagte 
man nur über die fibermächtige Konkurrenz Frankreichs. Das 
Verbot der nichtfranzösischen Waren erwies sich außerdem in 
doppelter Weise für Italien als ungfinstig. Einmal dadurch, daß 
die Konsumenten genötigt waren, diejenigen Waren, die in Italien 
nicht hergestellt wurden, und für die die Franzosen jetzt ein 
Monopol besassen, teurer als bisher zu bezahlen, zweitens da- 
durch, daß infolge des Abbruchs der Handelsbeziehungen mit 
Deutschland, Österreich, England und der Schweiz auch die 
italienische Ausfuhr nach diesen Ländern geschädigt wurde. Und 
nicht nur der Warenaustausch mit dem Norden, auch der Transit- 
Tcrkehr, der für manche Teile des Königreichs von großer Be- 
deutung gewesen war, hörte fast ganz auf. 

Dadurch wurden auch die Staatsfinanzen betroffen. Die Ver- 
bote der Einfuhr aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und 
England, die Zollherabsetzungen auf die französische Einfuhr 
und der Fortfall des Ausfuhrzolls auf die nach Frankreich ex- 
portierte Rohseide machten sich durch einen starken Rfickgang 
in den Zolleinnahmen bemerkbar. 

Es ist möglich, daß die vermehrte Ausfuhr einiger landwirt- 
^haftlicher Produkte nach Frankreich einen gewissen Ausgleich 
for diese zahlreichen Verluste geboten hat; aber es ist sicher, 
daß auch die ländlichen Konsumenten von Industrieerzeugnissen 
durch den Ausschluss der fremden Konkurrenz und den Zwang, 
französische Fabrikate zu kaufen, geschädigt wurden. Unser 
Endurteil über die gegenfiber Italien befolgte Handelspolitik wird 
^kh dem Urteil des italienischen Generalzolldirektors anschließen 



1) StaatsarchiT Mailand. Consiglio generale. 



134 Paol Dannstädter 

müssen, der sie 1812 folgendermaßen charakterisierte: ,,Zwei 
von den Gesetzen des gleichen Herrschers regierte Völker, die 
durch engste politische Union verbunden sind, sollten nicht unter- 
einander Rivalen und ungerechterweise eifersüchtig sein, so daÄ 
während die eine ihre Produkte teuer an die andere verkauft 
und das, was sie von der andern braucht, an sich zieht, diese 
die Früchte ihrer Tätigkeit von den französischen Zolllinien zu- 
rückgewiesen sieht ^)." 

Die Italiener haben es nicht an Versuchen fehlen lassen^ 
diesen Zustand zu ändern und günstigere Bedingungen für den 
italienischen Export, Aufhebung der Ausfuhrverbote auf Rohstoffe 
in Frankreich, sowie Zollerhöhungen auf französische Produkte 
in Italien zu erlangen. Ihr sehr umfangreicher Wunschzettel, 
den sie im September 1810 dem Kaiser überreichten, enthielt 
Herabsetzung der französischen Zölle bezw. Aufhebung der 
Prohibition für Wollwaren, Eisenwaren, Fayencen, Glaswaren^ 
Bücher, seidene Crgpes, Reis und Aufhebung des Ausfuhrverbots 
für Wolle ^. Andererseits wünschte man die Erhöhung der 
italienischen Zölle auf Tuche, Baumwoll-, Seiden-, Leinwand- 
waren und Hüte '). Eine Zollerhöhung könne Frankreich um so 
weniger schaden, da die fremde Konkurrenz durch Verbote fem- 
gehalten würde. 

Die französischen Industriellen, denen die italienischen Wünsche 
zur Begutachtung vorgelegt wurden, sprachen sich begreiflicher- 
weise gegen ihre Bewilligung aus. Sie behaupteten, daß die 
Italiener niedrigere Arbeitslöhne hätten und deshalb imstande 
seien, billiger zu produzieren als die französische Industrie. Das 
erstere war wohl richtig. Man übersah indes, daß billige Arbeits- 
löhne nicht ohne weiteres mit billiger Produktion identisch sind. 
Auch an dem Wollausfuhrverbot bat man die französische Re- 
gierung festzuhalten, da Frankreich nicht über einen genügenden 
Vorrat dieses unentbehrlichen Rohstoffes verfüge. Nur gegen die 
Einfuhr von Reis und Büchern erklärten sie, nichts einwenden 
zu wollen. Sehr nachdrücklich sprachen sich die französischen 

1) Staatsarchiv Mailand. Finanze: contabilitA, bilanci, dogane. 

2) Arch. nat. F 12,620. 621. 

3) Arch. nat. A F IV 1712. 



Studien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 135 

Fabrikanten gegen die in Italien geplanten Zollerhöhungen ans, 
die für die französische Industrie einen verhängnisvollen Schlag 
(conp funeste) bedeuten würden. Der Handelsvertrag sei für 
Frankreich höchst günstig und glücklich gewesen. Jetzt sei 
Rasaland durch den Ukas Alexanders verschlossen, die Ausfuhr 
nach Deutschland vermindert, die Unruhen in Spanien hätten 
dem Absatz französischer Erzeugnisse nach der pyrenäischen 
Halbinsel geschadet; Italien sei das einzige gute Absatzgebiet, 
das der französischen Industrie geblieben sei^). 

Trotzdem hat sich Napoleon nicht ganz ablehnend gegen die 
italienischen Wünsche verhalten. Er willigte in die zollfreie 
Zulassung von Reis und seidenen Crepes ein, erhöhte die italienischen 
Zölle auf Hüte, gestattete die Ausfuhr der römischen Wolle gegen 
einen Ausfuhrzoll von 5 Frs. pro Zentner, und erlaubte auch 
die Einfuhr italienischer Wollwaren ins Kaiserreich*). Aber 
weiter wollte und konnte er nicht gehen. Gewiß lag es Napoleon 
sehr fem, Italien absichtlich zu schädigen, etwa in der Weise, 
wie wir es bei der Schweiz nachweisen können; im Gegenteil, 
er war bestrebt, soweit es irgend anging, die italienischen Inter- 
essen zu berücksichtigen. Wenn indes ein Konflikt zwischen 
italienischen und französischen Interessen eintrat, stellte er sich 
ganz auf die französische Seite und kannte keine Rücksicht mehr 
für die verbündete Schwestemation. Mit voller Offenheit hat er 
die Motive seiner Politik in einem Brief an Eugen ausgesprochen : 
., Nehmen Sie die Devise an: Frankreich über alles! Wenn ich 
eine große Schlacht verlieren würde, so würden I, ja 2 Millionen 
Manner Frankreichs unter meine Fahne eilen, alle Börsen würden 
mir oflFen stehen, — Italien aber würde mich verlassen. Ich finde 
es deshalb eigentümlich, daß man Widerwillen hat, den fran- 
zösischen Manufakturen zu helfen . . . Anstatt die Hälfte der 
Zolle zu zahlen, müßten französische Waren zollfrei in Italien 
eingehen dürfen** '). Frankreich über alles ! das war die Devise, 
die Napoleon bei seiner Handelspolitik befolgt hat. Es fragt 
«ich nur, ob bei den Nationen, wie im Leben, der grenzenlose 

1) F 12,192. 194. 649. 560. 620. 621. A F IV 1712. 

2) Dekret vom 10. Oktober 1810. 

3) Correspondance 21,61. 



136 Paul Darmstädter 

Egoismas auch wirklich den größtmöglichen Vorteil zu verbürgen 
imstande ist. 

m. 

Es ist wohl sicher, daß dank der napoleonischen Handels- 
politik vorübergehend bedeutende Vorteile für die französische 
Industrie erzielt worden sind. Französische Erzeugnisse haben 
auf vielen Märkten des Kontinents englische, hie und da auch 
schweizer, deutsche und österreichische Waren verdrängt und 
sind sogar in Italien mit den einheimischen Produkten in er- 
folgreichen Wettbewerb getreten. In Frankreich selbst war ihnen 
durch den hohen Zollschutz und die Einfuhrverbote der Absatz 
gegen den legitimen Mitbewerb des Auslands nahezu gesichert. 
Trotz alledem wage ich es zu bezweifeln, daß das napoleonische 
System selbst für Frankreich besonders segensreich gewesen ist. 
Es zeigt die Verkennung des elementarsten Satzes der Handels- 
politik: Wenn du nehmen willst, so gib, es negiert die Gegen- 
seitigkeit des Austausches, die die Grundlage jedes Handels- 
verkehrs bildet Indem es Frankreich auf Kosten des Auslandes 
bereichern wollte, führte es zu einer schweren Schädigung der 
wirtschaftlichen und schließlich auch der politischen Stellung 
Frankreichs. 

Es ist allgemein bekannt, wie Napoleon die ihm feindlichen 
Länder durch Kontributionen ausgesogen hat. Es ist durch ver- 
schiedene ältere und neuere Arbeiten festgestellt worden, in wie 
hohem Grade der Kaiser durch die Forderung von Kontingenten 
die finanziellen Kräfte seiner Verbündeten angestrengt hat. 
Weniger bekannt ist es, wie er diese — von den Menschenopfern 
und der Steuerlast ganz abgesehen — durch seine Wirtschafts- 
politik geschädigt hat. 

Frankreich zwang die ihm unterworfenen Staaten zum Ab- 
bruch der alten Handelsbeziehungen zu England; aber anstatt 
sie durch eine weitherzige Handelspolitik für die Verluste, die 
dadurch veranlaßt waren, zu entschädigen, schloß es sich selbst 
nicht nur gegen England, sondern auch gegen die Verbündeten 
hermetisch ab. Wenn die ausländischen Staaten sich damit ab- 
finden mochten, den Markt des alten Frankreich zu verlieren, 



Stadien zur napoleonischen Wirtschaftepolitik. 137 

auf dem ihr Absatz an und für sich vielleicht nicht so erheblich 
gewesen war, um so schlimmer trafen sie die zahlreichen An- 
nexionen. Tausendfache Bande bestanden z. B. zwischen den 
deutschen Gebieten rechts und links des Rheins, zwischen den 
Landschaften des französischen und des Königreichs Italien. Ich 
habe oben bereits darauf hingewiesen, wie sehr die Trennung 
durch die französischen Zolllinien in die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse der Lombardei eingriff. Aber auch in fast allen Teilen 
Deutschlands, auf dem badischen Schwarzwald und in Sachsen, 
io den Reichsstädten Frankens und Schwabens, im Großherzogtum 
Beig und am Fichtelgebirge klagte man über die unübersteig- 
liehen Schranken, welche die französischen Einfuhrverbote den 
Exportindustrien dieser Gebiete entgegensetzten^). 

Aber noch nicht genug damit, die ausländischen Waren aus 
dem Kaiserreich fernzuhalten, dessen Grenzen sich fast jährlich 
veigrößerten, nicht genug damit, daß jede neue Annexion die 
materiellen Interessen der Nachbarstaaten aufs schwerste verletzte, 
suchte Frankreich seinen Verbündeten auch noch den italienischen 
Markt zu verschließen. Wie Italien durch diese Maßregeln ge- 
whädigt wurde, habe ich zu zeigen versucht. Die Einfuhrverbote 
trafen indes natürlich noch mehr diejenigen Länder, welche bisher 
Italien mit Fabrikaten versehen hatten, also Osterreich, Deutsch- 
land und namentlich die Schweiz, die vielleicht von allen mit 
Frankreich verbündeten Ländern am meisten unter der napole- 
nischen Handelspolitik zu leiden hatte, und nur durch den 
allerdings im größten Umfang betriebenen Schmuggel sich einiger- 
maßen schadlos zu halten verstand. 

Aber diese Handelspolitik, die zu Frankreichs Vorteil erdacht 
war, gereichte doch auch Frankreich selbst zum Schaden, und 

1) Krdaarchiv München ZA. 7/48, ZA. 7/50, MF. 429/42 (Wollweber in 
UliiL Strompfmacher in Dinkelsböhl. Nürnberger Industrielle). Beugnot 
in dem von Schmidt in der Revue d'histoire moderne et contemporaine Bd. 5, 
S. 608. 611. 615 ff. mitgeteilten Bericht Arch. nat. F 12,549. 550 (Berg). 
Pahnekberg 1,219 (Muslinfabrikation in Baden) 4,3 S. 185 und Camille de 
ToüRXON, die Provinz Baireuth unter französischer Herrschaft. Wunsiedel 1900 
S. 86. 91 (Industrie in Bayreuth). Nemnich 8,49 (Augsburger Kattunindnstrie). 
KöKie, Die aÄchsische Baum Wollindustrie S. 262. Vgl. auch Montgei^a« 
Memoirai S. 224. 



138 I^Aul Darmstädter 

der auf andere abgesandte Pfeil prallte schließlich auf den 
Schützen zurück. Frankreich war für seine wichtigsten Indu- 
strien auf den Export angewiesen, und gerade die Bewohner 
der Vasallenstaaten waren die besten Abnehmer französischer 
Erzeugnisse'). Bei Berücksichtigung dieser Tatsache maß die 
napoleonische Handelspolitik in ganz anderem Lichte erschei- 
nen. Mit vollem Recht >vie8 eine Eingabe der Schweizer 
darauf hin, daß die wirtschaftliche Schwächung eines Abnehmers 
nicht im Interesse des Verkäufers gelegen sei. „Die Prosperität 
der Schweiz, so schrieben sie, sei auch für Frankreich von 
Vorteil, da die Schweiz tausenderlei Waren von Frankreich 
kaufe. Wenn aber die Schweiz durch die französische Handels- 
politik ausgesogen sei, werde sie auch nichts mehr von Frank- 
reicli kaufen können^)." Aber diese einfache volkswirtschaft- 
liche Weisheit, die natürlich jiuch für die Beziehungen Frank- 
reiclis zu Holland, Deutschland und Italien zutraf, fand keine 
Beachtung. 

Und doch hätten außer wirtschaftlichen auch politische Er- 
wägungen zu einer Änderung der Handelspolitik führen müssen. 
Frankreich war in seinem Kampfe gegen England, für die Durch- 
führung der Kontinentalsperre auf den guten Willen der anderen 
Festlandsstaaten angewiesen. Konnte man diesen guten Willen 
aber von Leuten voraussetzen, die täglich durch die französische 
Politik empfindlich geschädigt wurden? Einsichtige Beurteiler 
haben wiederholt betont, daß die Kontinentalsperre auch für die 
anderen Staaten von Vorteil sein könnte, wenn Frankreich sein 
zollpolitisches System ändere und mit den verbündeten Staaten 
eine enge handelspolitische Freundschaft schliesse. Nur bei 
wirklichem Freihandel auf dem Festlande, der Öffnung der Grenzen 
des Kaiserreichs für die Erzeugnisse der verbündeten Staaten, 
bei allgemeiner Beteiligung aller Völker am gemeinsamen Gewinn 
sei an das Gelingen der Absperrung des Festlands gegen Eng- 

1) Vgl. darüber nameutlich Öchsi.i, Schweizer Geschichte im 19. Jahr- 
hundert S. 520 ff. 544 ff. 579 jQf. Sehr groß war auch der Schaden für Tirol 
durch das Stocken des Verkehrs von Deutschland nach Italien, wie die Akten 
des Münchner Kreisarchivs zeigen. Vgl. auch meinen ersten Aufsate S. 609 ff. 

2) Arch. nat. F 12,521. 



^ 



Studien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 139 

land zu denken^). So aber, wie die Dinge lagen, mußten die 
Verbfindeten sich sagen, daß sie nur Nachteile von der Konti- 
nentalsperre hatten, und alle noch so schönen Proklamationen 
von der gemeinsamen Bekämpfung des treulosen Albion durch 
die vereinte Macht des Kontinents konnten nicht darüber hinweg- 
täuschen, daß der Kampf außer dem politischen auch das wirt- 
schaftliche Übergewicht Frankreichs zum Ziele habe. Die Ver- 
diungung englischer Waren durch deutsche in Deutschland, durch 
italienische in Italien wäre vielleicht nicht unpopulär gewesen; 
aber wer konnte ein Interesse daran haben, anstatt guter und 
billiger Baumwollstoffe aus Manchester teure und schlechte aus 
Ronen zu tragen? 

Das handelspolitische System Napoleons war auf die Dauer 
ebensowenig haltbar, wie sein politisches System. Wie dies auf 
der finanziellen und militärischen, so beruhte jenes auf der wirt- 
tHJiaftlichen Aussaugung der dem französischen Einfluß unter- 
worfenen Festlandsstaaten zugunsten Frankreichs. Sie sollten 
franzosische Produkte, ja womöglich nur französische Erzeugnisse 
kaufen, während Frankreich sich selbst und Italien gegen fremde 
Produkte absperrte. Durch diese Politik wurde die wirtschaftliche 
Kraft der Verbündeten geschwächt, und der französische Export 
mußte schließlich durch eben die Maßregeln leiden, die ihn 
fordern sollten. Femer wurde durch den grenzenlosen wirt- 
Hchaftgpolitischen Egoismus Frankreichs der Erfolg des wirt- 
schaftlichen Kampfes gegen England in Frage gestellt und 
!<chließlich auch das politisch-militärische IJbergewicht Frankreichs 
bedroht. 

Es drängt sich am Schlüsse noch die Frage auf, welche Motive 
den Kaiser dazu bestimmt haben, das Prohibitionssystem anzu- 

1) Diese Ideen entwickelt z. B. der vom Kaiser 1811 nach der Schweiz 
tind Italien In kommerzieller Mission entsandte Catinean la Roche (Arch. 
oai. F I2fi8b). Ebenso ein anonymes Memoire (F 12,643): „Convient-il 
^*entr« des 6tat8 aossi ötroitement unis 11 y alt one double ligne de don- 
aneSy qni entrave lenrs relations et divise leurs interSts, et ne vandrait il 
pas mieox qn'nne seule enceinte les prot^eant tous 6galement contre la 
concnrrence ötrang^re permft dans rint^rieor m^me du territoire commun 
la libre circulation des prodnctions dn sol et de Tindastrie?^ Vgl. auch 
KiBRftELKACH, Die Kontinentalsperre S. 119. 



140 Panl Darmstädter 

nehmen, und dann bei der einmal von ihm angenommenen 
Handelspolitik zu beharren. 

Wie in so vielen anderen Punkten hat Napoleon auch in der 
Handelspolitik an die altfranzösischen Traditionen angeknüpft; 
ja streng genommen ist er nur in die Fußtapfen des Direktoriums 
getreten, das durch das Dekret vom 10. Brumaire V bereits das 
Prohibitionssystem angenommen hatte. Der Kaiser hat es schon 
fertig vorgefunden und nur noch vireiter ausgestaltet. 

Das Hauptmotiv, das ihn dabei leitete, ist stets die Feind- 
schaft gegen die englischen Waren gewesen. Auch durch die 
Maßregeln gegen ganze Warenkategorien und gegen die Erzeug- 
nisse der verbündeten Staaten glaubte er doch in erster Linie 
den verhaßten Erbfeind zu treffen. Er war der nicht ganz der 
Berechtigung entbehrenden Meinung, daß die Engländer alle 
Mittel benützten und vielfach unter falscher Flagge ihre Erzeug- 
nisse ins Kaiserreich einschmuggelten. Das radikale Verbot aller 
Einfuhr schien so das einzige sichere Mittel zu sein, um den Im- 
port englischer Erzeugnisse zu verhindern. Dann läßt sich nicht 
verkennen, daß das strenge Schutzzollsystem mit der Staatsauf- 
fassung des Absolutismus der napoleonischen Zeit in enger 
Wechselwirkung steht. Die Regelung der wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse, wie sie dem Kaiser als notwendige Aufgabe des Staates 
vorschwebte, ließ sich nur bei einem protektionistischen System 
durchsetzen. Die Idee des geschlossenen Handelsstaats ist die 
Konsequenz der äußersten Konzentration aller Mittel des Staates 
zu einem Zweck, >vie sie die napoleonische Monarchie ver- 
wirklichte. 

Ferner muß man auch erwägen, daß dieser napoleonisehe 
Staat ein sehr großes Territorium umfaßte. Von einem Reich, 
das von Lübeck bis Rom reichte, mochte man annehmen, daß 
es imstande wäre, sich selbst zu genügen. Und der freie, vou 
allen Binnenzöllen ungehinderte Verkehr in diesem Gebiet war 
in einer Zeit, in der man in anderen Ländern jede Wegstunde 
auf einen Schlagbaum stieß, eine gewaltige Neuerung. Wenn 
einige weitblickende Männer die Ausdehnung des französischen 
Wirtschaftsgebiets auf alle verbündeten Staaten oder gar auf 
ganz Europa verlangten, so war dies gewiß ein großartiger Gte- 



Stadien zur napoleonischen Wirtschaftspolitik. 141 

danke, aber es fragt sich, ob er durchführbar gewesen wäre^ 
und bei einer Ofihung der Grenzen des Kaiserreichs zugunsten 
der Erzeugnisse der verbündeten Staaten waltete stets die Be- 
sorgnis ob, diese würden nicht die entsprechenden Maßnahmen 
treflFen, um den Engländern den Import zu verwehren. 

Endlich darf man nicht außer acht lassen, daß die französischen 
Fabrikanten die kaiserliche Politik unterstützten; die berufenen 
Vertreter der französischen Industrie, die Handelskammern und 
der Conseil geniral des manufactures traten nicht nur für alle 
vom Kaiser angeordneten Einfuhrbeschränkungen und Verbote 
ein (freilich nur, soweit sie Fabrikate betrafen), sondern suchten 
sie mitunter noch zu übertrumpfen. 

Es sind also gewichtige Gründe der inneren und auswärtigen 
Politik, welche die Handelspolitik Napoleons bestimmt haben. 
Daß diese die Erbitterung der Völker gegen den Kaiser mit ver- 
ursadit und zu seinem Sturze wesentlich mit beigetragen hat, ist 
zweifellos. Es mußte aber darauf hingewiesen werden, daß auch 
eine anders geartete Handelspolitik mit großen Schwierigkeiten 
hatte kämpfen müssen; denn der Beweis, daß das nationale 
Interesse nicht notwendig in der vollen Ausnützung der Über- 
legenheit einer Nation besteht, wird einem siegreichen Volke 
schwer einleuchten, und es lag nicht in der Natur eines Napoleon,, 
diesen Beweis zu führen. 



Miszellen. 



Zur Entstehungsgeschichte der Acta Borussioa. 

Von 
G. V. Below (Tübingen). 

Die Redaktion der „Zeitaehrift für Social- und WirtschaftsgeBchtehte*' 
hat mir vor langer Zeit das Referat über die beiden ersten Bände der 
Abteilung ^^Behördenorganisation und allgemeine Staatsverwaltung" der 
„Acta Borussica^' (,, Denkmäler der preußischen Staatsverwaltung ini 
18. Jahrhundert, herausgegeben von der Kgl. Akademie der WiMen- 
achaften. Die Behördenorganisation und die allgemeine Staatsverwal- 
tung Preußens im 18. Jahrhundert." Erter Band. Akten von 1701 
bis Ende Juni 1714, bearbeitet von 0. Schmollbr und 0. KBAü»ra. 
Mit einer Einleitung über Behördenorganisation^ Amtswesen und Be- 
amtentum von G. Schmoller. Zweiter Band. Akten vom Juli 1714 
bis Ende 1717, bearbeitet von G. Schmoller, 0. Kraüske und 
V. Löwe. Berlin, Verlagsbuchhandlung Paul Parey, 1894 und 1898) 
übertragen. Leider habe ich, durch andere Verpflichtungen gebnndei, 
dem damals mir gewordenen Auftrag in der Zwischenzeit nicht nach- 
kommen können. Jetzt noch ein Referat nachzuholen, scheint mir nicht 
angebracht zu sein, nachdem schon von anderen Seiten in ausreichender 
Weise auf die Wichtigkeit der Publikation hingewiesen worden ist. 
Dagegeu möchte ich hier eine einzelne Frage erörtern, die nicht bloß 
für die Acta Borussica von Bedeutung, sondern von allgemeinem Inter- 
esse ist. Ich suche im folgenden festzustellen, wen wir als den 
geistigen Urheber dieser Edition anzusehen haben. Eine solche Frage 
hat heute erhöhte Bedeutung, da sich täglich die Veröffentlichungen 
mehren, die von gelehrten Körperschaften ausgehen und an denen eine 
Mehrzahl von Autoren beteiligt ist. Mich interessiert die Frage zu- 
nächst vom rein historiographischen Standpunkt aus (als eine kleine 
Vorfrage betreffs der von mir geplanten Darstellung der Geschichte 
der deutschen wirtschaftsgeschichtlichen Literatur)*). Aber es lockt 
mich zugleich, hier einen bescheidenen Beitrag zu dem Problem der 
Feststellung des geistigen Eigentums im allgemeinen zu liefern. 

Schmoller selbst hat sich mehrfach (z. B. in Bd. I seiner „All- 

1) Vgl. Zeitschr. für Sozialwissenschaft 1904, S. 145. 




G. V. Below: Zur Entstehungsgeschichte der Acta Borussica. 143 

gemeinen Volkswirtschaftslehre") als den geistigen Urheber der Acta 
Borussica schlechthin bezeichnet, und andere sind ihm darin ge- 
folgt. Er kann sieh für dies Verfahren auf das Beispiel anderer 
Leiter derartiger gemeinschaftlicher Unternehmungen vielleicht be- 
rufen. Wir wollen deshalb im folgenden die Frage, ob ihn irgend- 
ciB Tadel für die Beanspruchung der Autorschaft treffen könnte, voll- 
kommen ausscheiden und ganz objektiv das Verhältnis zu ermitteln 
suchen. 

Eine Anregung zu solchen Veröffentlichungen, wie wir sie jetzt in 
den Acta Borussica haben, hat schon Ranke gegeben (vgl. seine 
-Zwölf Bflcher preußischer Geschichte", 3. und 4. Bd. 8. 167; „Ur- 
sprung und Beginn der Revolutionskriege, ^^ 2. Aufl., S. 261). In dem 
Vorwort zum 1. Bande der Acta Borussica („Die preußische Seiden- 
industrie im 18. Jahrhundert und ihre Begründung durch Friedrich 
den Großen") S. V wird auch auf dahin gehörige Aeußerungen Rankes 
hingewiesen. Nach ihm haben andere preußische Historiker, ins- 
besondere Ebdmannsdörfpbr ' ), die Notwendigkeit verwaltungsgeschicht- 
lieher Studien betont. Schmoller hat sich dann gewissermaßen be- 
mfem&ßig ihnen gewidmet. Ueber die Vorgeschichte der Acta Borussica 
speziell berichtet jenes Vorwort folgendes. Im Frühjahr 1887 bean- 
tragten die Mitglieder der Berliner Akademie H. v. Stbel, Sghmolleb 
niid Lehmann „Anf Anregung des erstgenannten^ als Ergänzung der 
politiscben Korrespondenz Friedrichs des Großen^) eine umfassende 
Publikation über die innere Staatsverwaltung Preußens im 18. Jahr- 
hundert. Das Plenum der Akademie gab dem Antrag Folge. Es wurde 
ftr die Edition eine Kommission gebildet, in die die oben genannten 
drei eintraten, Sybel als Vorsitzender, Schmoller als der, dem „die 
flbrige geschäftliche und wissenschaftliche Leitung und der regelmäßige 
Verkdir mit den Mitarbeitern übertragen wurde". 

Wie man aus dem bisherigen ersieht, kann Schmoller nicht so 
ohne weiteres das Verdienst zugesprochen werden, die Acta Borussica 
Twanlaßt zu haben. Er ist dann immerhin zum Leiter des Unter- 
nehmens bestellt worden. Nun werden zu Leitern in der Regel solche 
Autoren gewählt, die durch eigene Editionen auf dem betreffenden oder 
einem verwandten Gebiet den Mitarbeitern ein Vorbild geben können; 
oft solche, die die betreffende Editionsspecies begründet haben. Es 
iei nnr an Pertz und Waitz in ihrem Verhältnis zu den Monumenta, 
iB Weizsäcker als Leiter der Keichstagsakten, an Heobl als Leiter 
der Chroniken der deutschen Städte erinnert; hier hatte der Leiter 
stets darch eigene Ausgaben das Muster geliefert. Schmoller befand 
sieh nicht in solcher Lage; er hatte tlberhaupt kaum eine Edition her- 

1) ERi>MAKN8DöRFraR, Graf G. F. von Waldeck (1869), S. IX, nennt 
^eiiie quellenmäßige Geschichte des preußischen Beamtentums" eine Arbeit, 
äderen wir so sehr bedürfen**. 

2) Es ma^ hier darauf hingewiesen werden, daß die Edition der Acta 
Borossica in gewissem Sinne eine konsequente Weiterentwicklung älterer Ar- 
beiten der Akademie darstellt. Vgl. das von Droysex, Ditncker und Syuel 
oterzeichnete Vorwort zum ersten Bande der ^Politischen Korrespondenz 
Friedrichs de« Großen** (1879), S. X. 



144 Cr. V. Below: Miszelle. 

gestellt; am wenigsten eine^ die hier als Vorbild dienen konnte')- 
Damit soll selbstverständlieh seine Wahl nicht * getadelt werden: er 
qualifizierte sich durch seine eingehende Beschäftigung mit dem Stoff 
zum Leiter. Aber es ist zu konstatieren, daß die Mitarbeiter, die er 
jetzt fand, sich nicht nach seinem Vorbild richten konnten, sondern 
zu anderen Mustern ihre Hilfe nehmen mußten. Die Vorrede zum 
ersten Bande der Acta Borussica (S. XXI) spricht von ^^eingehenden 
Verhandlungen der Beteiligten": Sybel und Lehmann werden also 
auch ihre Ansichten über die Art der Edition zur Geltung gebracht 
haben. Weiter (S. XXII) heißt es, daß man sich die Edition der 
„Politischen Korrespondenz Friedrichs des Großen" ^) zum Muster ge- 
nommen hat. Das Programm für die letztere haben Droysen, Düncksr 
und Sybel entworfen; der Editor der ersten Bände war Koser. Wir 
werden also diesen einen indirekten Anteil an der Ausgabe der Acta 
Borussica zuzumessen haben. Es handelt sich hier teilweise um Dinge, 
die dem Laien geringfügig zu sein scheinen, die tatsächlich jedodi 
keineswegs unwichtig sind. Nun hatte Schmoller für seine Abhand- 
lungen über preußische Verwaltungsgeschichte schon viel archivalisches 
Material gesammelt, und er hat dies dann für die Acta Borussica zur 
Verfügung gestellt (S. XVIII). Natürlich sichert ihm dies einen ge- 
wissen Auteil an ihnen. Indessen; ganz abgesehen davon, daß es noch 
nichts vollständiges war, so liegt die entscheidende Arbeit doch in der 
Zubereitung des Materials, bei Editionen zur neueren Geschichte, bei 
dem unermeßlichen Quellenstoff, den sie bietet, namentlich auch in der 
Sichtung der Akten, der Aussonderung des Wichtigen. Diese Arbeit 
hat bei den ersten Bänden der Acta Borussica Hintze getan. Die 
Vorrede sagt ausdrücklich (S. XXIII): „die ganze Detailausführung 
und Fertigstellung . . . stammt von Dr. Hintze" •'*). Hierbei verdient 
es Erwähnung, daß dieser Schüler Weizsäckers, eines Meisters der 
Edition, ist. Immerhin mag Schmoller als von der Akademie be- 

1) Wie verbreitet die Auschauung, daß Schmdllku im vollen äam der 
Urheber der Acta Borussica sei, ist, dafür liefert ein bezeichnendes Beispiel 
GoTHEiN, ein ganz unbefangener Autor, der von den bewiüMen Editions- 
grundsätzen Schmolleks, die im ersten Band der Acta Borussica zur Anwen- 
dung gekommen seien, spricht (Annalen des histor. Vereins filr den Nieder- 
rhein 58, S. 198). Wo hat Schmoller denn „bewährte Editionsgrundsätze'^ 
dargelegt, bezw. angewandt? Die urkundlichen Beilagen, die seine Schrift 
„Straßburg zur Zeit der Zunftkämpfe** enthält, sind nicht besonders gnt 
ediert (s. Zeitschr. für Sozialwissenschaft 1904, S. 318). Bei der Edition der 
Urkunden femer, die der „Straßburger Tucher- und Weberzunft" beigegeben 
sind, hat die Hauptarbeit Stieda getan (s. das Vorwort dazu S. Vn ff.); über- 
dies wurden darin die Grundsätze Weizsäckers akzeptiert (S. XUI). 

2) Vgl. S. XXII des ersten Bandes der Acta Borrussica mit S. XVI des 
ersten Bandes der Polit. Korr. Wenn an ersterer Stelle fortgefahren wird: 
^der wörtliche Abdruck und die auszugsweisen Mitteilungen sind durch 
größere und kleinere Schrift im Druck unterschieden,^ so war auch dies 
keine Neuerung. 

3) £benso heißt es in der Vorrede (S. 11) des ersten Bandes der Ab- 
teilung über die Behördenorganisation : „Die £inzeIredaktion ist durchaus das 
Werk und das Verdienst von Dr. Kraiske.** 



Zur Entstehungsgeschichte der Acta Borussica. 145 

stellter formeller Leiter des Untemehmeiis ihm wertvolle Dienste ge- 
leistet haben. Aber so viel ist klar, daß er ganz und gar nicht als 
gttstiger Urheber der Acta Borussica schlechthin bezeichnet werden 
darf; er hat wohl sogar einen geringeren Anteil an ihnen als die 
meisten Leiter an ähnlichen Unternehmungen^). 

1) Ich benutze die Gelegenheit, um hier noch auf eine weitere Über- 
flchfttzung der Verdienste Schmollers hinzuweisen. W. Naud6 setzt in seiner 
Abhandlmig „Stadelmanks Publikation über die Tätigkeit der preußischen 
K5nige für die Landeskultur", Forschungen zur brandenburg. und preuß. 
Geschichte 15, S. 1 ff., eingehend auseinander, daß diese Publikation einen 
dnrdiaiis unwissenschaftlichen Charakter hat. Er konstatiert mit Befremden, 
daß Stbel Stadelmann die Edition habe übertragen können und daß mehrere 
Historiker, z. B. Bailleu (Deutsche Rundschau 19, S. 824), die Publikation 
sehr gelobt haben. Nach seiner Meinung ist das nur mögUch gewesen, weil 
diese Autoren noch nicht den Einfluß Schmollers erfahren haben. Seit ihm 
lei so etwas nicht mehr möglich. „Es ist ganz wesentlich durch Schmollers 
Verdienst ein Wandel eingetreten: ganze Generationen [!] von Studierenden 
haben durch ihn Eichtung, Anregung und Methode zu wissenschaftlicher Ar- 
beit empfangen, und heute mangeln nicht die Historiker, die mit genügender 
staatswissenschaftlich-juristischer Bildung historische Kritik und methodische 
Sdnüung verbinden.^ Ich sehe nun die Kritik, die Naud^ an Stadelmanns 
Publikation übt, als sehr dankenswert an. Aber als Historiograph der 
deutschen Wirtschaftsgeschichte fühle ich mich veranlaßt, gegen die falsche 
Abgrenzong der Verdienstanteile, die er vornimmt, den entscMedensten Protest 
einzulegen. Schmoller hat nämlich nicht nur nichts getan, um auf die 
Fehler Stadelmanns den Blick zu lenken, sondern er ist zweifeUos in erster 
Linie dafür verantwortlich zu machen, daß dessen Publikation trotz ihrer 
schon vor langer Zeit festgestellten Mängel bisher noch immer in weiten 
Kreisen als eine vortreffliche Arbeit angesehen wurde. Am Schluß seiner 
Abhandlung muß Naude selbst schon in einem Nachtrag zugeben, daß be- 
reits 1892 GoTHEiN gegen Stadelmann folgende Vorwürfe erhoben hat: 
^dilettantische Art der Quellenbenützung, Mangel au Kritik, panegyrisdie 
Tendenz, Auswahl einiger Aktenstücke aufs Geratewohl.** Femer kann er 
nicht umhin, anzudeuten, verschleiert es nur leider sehr (vgl. S. 2), daß 
G. F. Knapp im Jahre 1891 (Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit S. 89) 
die unbefriedigende Art der Riblikation Stadelmanxs hervorgehoben hat. 
Derselbe hat das meiste von dem, was Naudä jetzt im einzelnen feststellt, 
schon gesagt. Die Mängel waren nun offen dargelegt Naude brauchte 
Knaits Sätze nur zu erweitem. Aber man hat auf Fehler Stadelmanns 
andi sdion viel früher hingewiesen. Posner, der, soweit es sich um die neuere 
Geschichte handelt, Schüler Stbels war, hat bereits im Jahre 1880 vieles von 
dem, was jetzt Naude moniert, an der Publikation getadelt (Hist. Zeitschr. 44, 
S. 620 f.) : „Leider lassen sich gegen Anordnung und Genauigkeit der mit- 
geteilten Dokumente . . . mancherlei Bedenken nicht unterdrücken . . . Vor 
allem die Genauigkeit in Lesung und Abdruck der Dokumente läßt gar viel 
EQ wünschen übrig . . . Das Auffälligste an Flüchtigkeit aber ist geleistet^ 
n. s. w. Umgekehrt hat Stieda, der zu den Schülern Schmollers zu rech- 
nen ist, von den „allgemein geschätzten wertvollen Untersuchungen" Stadel- 
manxs, von seiner „Umsicht" in der „Gruppierung und Bearbeitung des 
Stoffes" gesprochen (Hist. Zeitschr. 57, S. 102). Schmoller selbst benützt 
Stadelmanns Arbeiten ganz anstandslos; s. z. B. Jahrbuch für Gesetz- 
gebung 1884, S. 1014, Umrisse und Untersuchungen S. 587 und 627. Nur 
änmal finde ich bei ihm eine einzelne gegen Stadelmann gerichtete Be- 
me^ung (Umrisse S. 608 Anm. 1). Wo sich ihm Gelegenheit bot, ein auf- 

Vi«rt«JJ*lirsehr. f. Social- u. Wirtschafts^sohiohte. III. IQ 



146 ^* ^* Below: Miszelle. 

klärendes Urteil über dessen Publikation zii fSUen, hat er es nicht getan 
(Jahrbuch 1886, S. 570 ff. ; 1888, S. 646). Ja, er hat ihr sogar ein efnzielles 
Lob erteilt Naudk (S. 30) äußert seine Entrüstung darüber, daß „die epoche- 
machenden Forschungen Schmollers und die dilettantischen und verfehl- 
ten Bände Stadelmanns" im Dahlmann-Waitz auf eine Linie gestellt 
werden. Nun, in dem von Schmoller mitunterzeichnet^n Vorwort (S. XI l 
zum ersten Bande der Acta Borussica werden STADEiiMAXNs Bände nicht bloß 
mit Knapps, sondern auch mit — Schmollers eigenen Arbeiten auf eine 
Linie gestellt ! Es wird erklärt, die Akademie wolle melirere Themata einst- 
weilen aus ihrem Programm ausscheiden, weil darüber „schon brauchbare 
Arbeiten vorhanden sind": so die von Stadelmann, Knapi*, Lehmann, 
Schmoller u. s. w. Wenn Naud^ von dem Einfluß Schmollerh eine neue 
Ära wissenschaftlicher Arbeit datiert, so müssen wir femer geltendmachen, 
daß Stadelmann selbst und diejenigen, die ihn lobten, schon die Arbeiten 
Schmollers gekannt und mit größter Anerkennung genannt, also sich doch 
wohl seinem Einfluß geöffiiet haben. VgL Stadelmann, Friedrich Wilhelm I 
in seiner Tätigkeit fSr die Landeskultur Preußens S. VT ; Bah.leu, Deutsche 
Bundschan 19 (1879X S. 324 f. Es ist aber auch an die vorhin (S. 143 f.) fest- 
gestellte Tatsache zu erinnern, daß Sc:h3(oller nie ein Vorbild der Edition 
gegeben hat. Eini^ unter seinem Einfluß stehende Autoren haben sogar 
unbefriedigende Editionen geliefert (vgl. Liter. Zentralblatt 1886, Sp. 1076 ff.; 
Zeitschr. ^ Sozialwissenschaft 1904, S. 323). Ein besonders scharfer Gegen- 
satz zwischen seiner und Stadelmanns Art läßt sich keineswegs beobachten. 
Wenn Gothein Stadelmann wegen seiner „panegyrischen Tendenz" tadelt, 
so ist Schmoller zwar nicht Panegyriker, aber, wie derselbe, Gothels her- 
vorgehoben hat, wenigstens Apologet. Er wird Stadelmanns Übertreibungen 
kaum als solche empfunden haben. Beide huldigen der „biographischen" 
Auffassung (ich gebrauche diesen Ausdruck im Anschluß an Knapp, a. a. 0.). 
Allerdings besitzt ja Schmoller viel mehr Sachkenntnis als Stadelmann 
und hat sich nie solcher Schnitzer wie dieser schuldig gemacht. Ob er in- 
dessen als ein Autor von ganz hervorragender Akribie (wie ihn Naud^: offen- 
bar hinstellen wiU) gelten kann und ob er besonders strenge wissenschaftliche 
Anforderungen stellt, darüber zu urteilen liegt genügendes Material vor, das 
ich hier nicht auszubreiten brauche (vgl. z. B. Zeitschi, für Sozialwissenschaft 
1904, S. 160 ff. und S. 794 ff.). Hiemach werden wir unsere Erörterungen 
zu folgendem Urteil zusammenzufassen haben : die bedauerliche Überschätzung 
und die zu vertrauensvolle Verwertung der Publikationen Stadelm-\nns 
hätten nicht stattgefunden, wenn man die kritischen Stimmen Posners, 
En^vpps und Gotheins beachtet hätte; daß man diese im wesentlichen un- 
beachtet ließ, dafür trägt ohne Zweifel in erster Linie Schmoller, dem 
man die Führerstellung auf dem Gebiet der preußischen Verwaltungsgeschichte 
zuschreibt, die Verantwortung, indem er die Schwächen der Publikationen 
Stadelmanns aufzudecken unterließ, bezw. nicht vermochte, ja vielmehr 
ihre Brauchbarkeit hervorhob. Von Interesse wäre es noch zu erfahren, 
auf wessen Bat Sybel seinerzeit Stadeliuiann die Edition übertragen hat 
Vielleicht geben darüber die Akten der preußischen Archivverwaltung Aus- 
kunft. Eine Vermutung liegt nahe. 



Gi Salyioli: Per la storia della proprietä in Italia. 147 

Per la storia della proprietä in Italia 

di 

G. Salvioli (Napoli). 

1. 

Neil' Arcliivio comuuale di Modena si conservano i Catasti fondiari 
del secolo XVI ordinati dagli Estensi per rapplicazioDe delF imposta 
prediale. II piü antico 6 del 1546^ ed ha il titolo di Campiooe 
delle terre del distretto di Modena. Quelli compilati nel 1263, 
1962, 1287 secondo qnanto dicono gli Annales veteres^) e gli 
Statuti del 1327^') sono andati perduti. II Campione del 1546, come 
Taltix) del 1583 intitolato Campione rusticale, contiene Telenco 
dm proprietari di terre, distribuiti per ville, Testensione in biolche 
(bibulca=Ettare 0,28.36) della terra da ciascuno posseduta, coli' 
iodicasione dei confini, del valore, del genere delle cnltnre e deir im- 
posta onde 6 gravata. U territorio di ogni villa 6 diviso in cittadino 
e eontadinOy secondo che le terre apparteugono a rurali che le coltivano 
direttamente a conto proprio, o a cittadini che le tengono a boaria o 
a mezzadria. E questa una distinzione antica che trovasi gh\ negli 
Statati del 1327: dicevansi proprietari del cittadino gli iscritti ira i 
dttadini, quelli che godendo i diritti di cittadinanza, avevano il voto e 
potevano easere eletti a pubblici nffici. Nel catasto sono soltanto 
elencate le terre sottoposte al pagamento dei tribnti, restando qnindi 
eaclnae quelle del duca, del Comnne che aveva anche allora importanti 
pomesai, dei nobili, del clero e degli enti ecclesiastici. Perciö solo 
una parte relativamente piccola era censita, e precisamente la proprietA 
allodiale non sottoposta a vincoli e nemmeno a privilegi, qnella che 
era neue mani dei rnstici e dei semplici cittadini che pagavano imposta, 
qnantiuiqae qnalche volta il catasto li gratifichi dei titoli di ser e di 
nagDifico. II nomero totale degli iscritti uel Campione ^ di 520 sopra 
OB territorio di circa 20 mille ettare, quanta era la superficie delle 
▼ille comprese nel catasto. 

Ora la particolaritA che presentano questi 520 proprietarii, e la 
piecolezza dei loro possessi. La terra appare straordinariamente 
frazionata: molti posseggono poche are, i piu poche biolche, ran quelli 
ehe hanno oltre 40 biolche (= Ett. 11,34). E nessuno possiede la sua 
terra, grande o piccola che sia, in unico corpo, ma il possesso di 
eiascuoo ^ rappresentato da molti piccoli appezzamenti tutti piccolissimi, 
dissemlDati nella villa, separati da fondi intermedi, appartenenti ad 
altri. Si rede che per quanto antico e sempre in uso fosse a Modena 
ristituto degli Ingrossatori ^) incaricati di promuovere le permute, con 
facoitA di procedere a vendite forzose se il tratto di terra coltiva fosse 



1) MuRATORi, Rerum ital. Script. XI ad h. a. 

2) Ed. Campori nei Mon. storici delle provincie med. e par- 
m e n 8 i. 

3) MuRATORi, Antiq. italicae II 238. 



148 (^. Salyioli: MiszeUe. 

maggiore di 1 iugero o di 2 se a bosco ^), non potevan le leggi n6 i 
magistrati impedire cio che era la conseguenza delle diYisioni ereditarie, 
delle costituzioni di dote, ecc. Nei Memoriali uotarili; che in copia 
straordinaria conservansi nelP Arch. notarile; dal sec. XI IT, trovansi 
numerosissime le permute^ molte delle quali, come attesta il notaio^ 
awengoDO ad istigazione degli Ingrossatori. 

Non ostante cio, la terra si mantiene frazionata in piccole quote e 
i poBsessi sparpagliati, cosi che qnasi tntti hanno tre o quattro appez- 
zamenti in nna villa e altri in altre, e i pin rilevanti possessi sono 
costitniti da 15 o 20 appezzamenti qua e \ä sparsi con grande danno 
dell^ agricoltnra. Qnesto fatto serve a spiegare la mancanza di bestiame 
bovine quäle si desume dagli Statut! del 1324 (lib. m rubr. XXXIX). 
Le piccole quote eran sfomite degli animali necessari alla cultura, che 
si faceva o con animali posseduti da consorzi di vicini o presi in fitto; 
cosiche i lavori riescivan sempre superficiali e af^ettati, e poi manca- 
vano le concimazioni. Da ciö si comprende come, pur essende scarsa 
la popolazione, restando la terra semi incolta per impotenza degli uomini, 
le campagne si alimentassero con grani scadenti, Torzo e la spelta, 
e si frequenti fossero le carestie. 

Per dare un* idea della distribuzione della proprietä secondo il 
Catasto del 1546, scegliamo la Villa di Collegara con una superfide 
di circa 2000 Ett. per quanto si puö desumere dalle Carte dello State 
maggiore. Detta villa figura in catasto con 44 proprietari, per biolche 
654 = Ett. 237, ossia una media di Ett. 4,50 per ciascuno, cosiche 
oltre ^/8 della superficie non sono catastate n^ gravate d'imposta. 
La villa di Portile di circa 1000 Ett. ßgura con 25 proprietari per 
biolche 400 = Ett. 112. Parecchi non hanno piü di una biolca, e 
i possessi maggiori (della famiglia Crespolano) sono cosi costitniti: 
V possesso composto di 8 appezzamenti di biolche 1 + 1 -f- 2 -|- 5 
+ 5 + 5 -|- 7 -f- tavole 45; 2^ appezzamenti 14 per biolche 23; 
3" appezzamenti 16 per biolche 112. Nella villa di Panzano vi ^ un 
proprietario di 27 piccoli lotti, un altro di 35, un terzo di 50 formanti 
una proprietä di biolche 62 = Ett. 17.58. Questo ^ lo stato normale 
di tutta la proprietÄ catastata^ tanto pel cittadino che pel contadino. 

Risalendo agii atti notarili del secolo XIII al XV, conservati a 
migliaia nell' Archivio notarile, vediamo nei testamenti, inventari, vendite, 
permute predominare non solo la piccola ma la piccolissima proprieti 
anche in una misura inferiore a quella rivelata dal Catasto del 1546. 
Tale esistenza di piccoli possessi nei territorio modenese ^ un fatto 
antichissimo, perche giä neue carte delP alto medio evo essi compaiono 
non solo attomo alla cxitäj ma framezzo alle graudi corti imperiaU^), 
ai grandi doroinii che nei Modenese avevano le chiese di Modena, 

1) Statuti di Modena del 1327 ed. Cami»()ri pref. c. 12. 

2) PoKTE di Ganaceto: an. 1026 Muratori, Antiq. ital. I 1021. 
li). di Bajoaria: an. 970 id. „ „I 16. 
II). di Solara: an. 1029 id. „ „V 191. 

Cfr. MuRATuRi, A n t. e 8 1. 1 99 : Tiraboschi M c m. m o d e n. I 128 ; II 186, 
27, 33. 



Per la storia della proprietä in Italia. 149 

Bologna, Reggio^ Parma ^), il monastero di Nonantola^); ecc. La parte 
del territorio non coBÜtnita in grandi possessio molti dei qnali fecero 
poi parte del patrimonio matildico^), era frazionata in piccole quote. 
Conegonda moglie a re Bemardo fondando an monastero a Reggio, gli 
don6 terre che aveva comprato qua e \ä nel Modenese da diverse 
persone ; e nomina 18 piccoli appezzamenti; e altri ne acquistö Tabbate 
de Bingnlis hominibusM. Una carta dl Modena del 816 menziona 
8petiolae di terra da 1 modio e altre di pochi sestari^). Di tali 
petiolae 6 frequente la mcnzione neue carte del IXsecolo^). Fondi 
dl 1 a 7 ingeri hanDo il titolo di cnrtes'^); e le grandi corti 8ono 
leeompagnate da nnmerose piccole s ort es autonome e coltivate da 
misaari^). AI secolo X si hanno enfitensi di 1 jngero; 1 sestario^ 
7 tavole e 1 piede^), di 4 sestari, 4 tavole c 5 piedi^") e nnmerose di 
piecolissime quote ^ *). Anche allora i proprietari avevano le loro terre 
iparse in molti Inoghi^'). 

Crebbe poi qnesta piccola proprietA neu* epoca comunale quando 
h ai livellari di terre ecclesiastiche accordato il diritto di affrancare 
le enfitensi. In questo senso ebbero grande importanza prima una 
legge del 1221, poi il trattato stipulato col vescvo Gnglielmo nel 1227. 
CoUa prima legge dichiaravansi libero allodio le terre e case in Modena 
e nel circondario per 10 miglia air intomO; quando fossero passate al 
direttario 3 lire modenesi per ogni sestario di frumento meno se il 
tribnto era in derrate. Detta legge voleva che se il canone fosse in 
moneta rimanesse Tobbligo di contribuire in perpetuo un denaro per 
o^i rata del canone stesso. Col trattato del 12^ si stabili Tobbligo della 
i&ancazione dei livelli quando si offrivano 5 soldi imperiali per ogni 
denaro del canone'^). 

Da queate misure originö quella classe di tezolani, onde e si 
spesso parola negli Statuti di Modena del 1827^ che erano rustici 
lä>eri, coltivatori di terre altrui, a mezzadria (laboratores demedio), 
almeno per 12 biolchC; ma distinti dagli altri rustici, perchä dovevano 
posaedere in proprio alcun pö di terre, almeno 4 biolche se del contado, 
nn jngero se forestieri. I loro diritti e privilegi erano condizionati 

1) Tacoli, Memorie storichedi Reggio di LombardiaUpag.667 
•11.835: Affo Storia della cittä di Parma I pag. 349 an. 948: Savioli 
Ainali bolognesi I parte I" pag. 173 — 180. 

2) TiRABOSCHi, Storia delT Abbazia di Nonantola, II n. 118 
IB. 1014. 

3) 0\'BRMANN, Die Besitzungen der Grossgräfin Matilde 
roB Tnscien, 1893, pag. 12—20. 

4) Tacoli, 0. c. 11 667 an. 836. 

6) T1RABO8CHI, Mem. moden. I n. 12 e 13. 

6) Id. 1 n. 3ö an. 869: n. 125, 127, 130 an. 980. 

7) TiRABOSCHi, Storia di Nonant. 11 n. 20 e 21. 

8) Ii>., Mem. moden. I n. 52 an. 895. 

9) Id. Storia di Nonant. II n. 133 an. 1031. 

10) ID. II n. 66 an. 904. 

11) Id. II n. 71, 74, 76, 81, 82: an. 904—937. 

12) TiKABOSC?m, Storia di Nonant, II n. 117 e 135. 

13) Statuti di Modena 1327 IIb. III r. 70 e 71. 



150 ^. SaWioli: Miszelle. 

A questo possesso, e li perdevano perdendo questo^). I tezolani 
d«l 1327 sono poi i proprietär! coltivatori che tigarano nei cataati del 
seoolo XVI. 

Le carte del monastero dl S. Pietro di Modena e aitre inedite del 
seoolo XIV ^)y non che gli atti notarili mostrano la larga diffasiane del 
possesso foudiario, nella mani degli stessi artigiani, proprietari, nel 
contado; di poche biolche: ci6 dava all' economia il carattere che ^ 
prevalente nelle economic domestiche. 

In an inventario del possessi del monastero di S. Domenico dei 1450 
vedesi come detto monastero avesse 60 fondi sparsi in molte viUC; ma 
formanti in tutto Testensione di Ett. 127- Erano il fmtto di tante 
donazioni e i donanti erano piccoli proprietari ^). Cosi fino al secolo 
XVI e tipico il grande sminuzzamento della proprietA nel territorio 
modenese. Ciö ^ anche confermato dal Gatasto di Carpi del 1448, 
nel qnale sono registrati i uomi di oltre 1800 persone che posseggono 
piu di undici mila appezzamenti^). 

Ma le relazioni foudiarie non tardarono ad alterarsi. Confrontando 
il Gatasto del 1546 coi posteriori del 1585, 1595; 1642, 1685, nei qoali 
e dato seguire le yariazioni awenute neUa distribnzione della terra^ 
possiamo constatare: I'* la diminnzione del nnmero dei proprietari: 
n^ la diminnzione piu sensibile nel nnmero dei contadini proprietari o 
possessori del rnsticale : III^ Tarrotondarsi delle qnote in nnitA agrarie 
maggiori. La diminnzione si avverte giä nel Gampione rnsticale del 
1588; e si fa piu sensibile nei posteriori. La citata villa di Gollegmra 
ha in catasto solo 500 biolche possedute da 82 persone: il che vuol 
dire che 156 biolche sono passate fra le esenti dlmposta^ assorbite 
dal clero o dalla nobiltä. Anche diminuiti sono i proprietari, ed ^ da 
notarsi che i 82 portano nomi diversi da quelli segnati nel catasto del 
1546. La stessa famiglia (Grespolano) che aveva il piu rilevante 
possesso, vi ßgura ma con un possesso ridotto. Nel catasto del 1642 
le terre soggette a imposta sono crescinte a 1800 biolche, divise a 45 
proprietari, con nua media di Ettare 8 per ciascnno. Ma giä si notano 
possessi di biolche 80 = Ett. 22. Si osserva che le piccole qnote 
sparse nelle ville si sono aggregate, merc^ permnte e aqnisti, in maggiori 
nnitd e che sono scomparsi i minimi possessi di tavole o di una o 
dne biolche. Vi ^ solo nno che ha 2 biolche, un altro 8, un altro 4: 
i possessi degli altri 42 proprietari superano le 10 biolche. Nella dennnzia 
del 1656 i rustici sono divennti nuUa teuenti e raramente incontrasi 
ancora chi coltiva un loghetto proprio di poche are. I cataati del secolo 
XVn rivelano un altro fatto, cio6 il concentrarsi della proprietA, special- 
mente nel Basso modenese, nelle mani della nobiltA — proprietA fatta 
coli' aggregazione di piccoli lotti acquistati, come si vede dalle denuazie; 
mentre nelle montagne la terra rest6 frazionata, come lo h tuttora. 

1) Stat id. ni r. 3. Campori, Del governo a comune in Modena 

II c. xn. 

2) Archivio Campori (presse la Bibl. Estense Modena), Atti civili y B 1, 15; 
y A 2, 2-3; y I 1, 89. 

3) Bibl. estense, mss. Campoki, Memorie patrie 1881 pag. 82. 

4) Presso il Comune di Carpi. 



Per la storia della proprietä in Italia. 151 

A parte le diverse caase economiche da cui pno essere derivato 
tale concentramento^ vog^amo indicare l'azione esercitata dai duchi 
di Modena che favorirono l'arricchimento della nobilU di corte e di 
nffidy concedendo esenzioni dalle imposte e altri privilegi, che in grau 
eopia sono Dell* Arch. di Stato. Eeco, per es, un decreto del Duca Borso 
del 1497 in favore del Conte Galiazzo de Canossa e nn altro del dnca 
Ercole del 1476 per Paolo Ant de Trotti coi quali si ää licenza di 
poter acqniatare qualsiasi quantiU di terra msticale. II primo aveva 
in nove anni, cioe fino al 1506 accomnlate biolche 655 in 114 appez- 
xameoti cterre aquistade da contadini et da citadini»: il secondo 
iveva 89 p e t i e y tntte di poche biolche. Altri doc. del. sec. XVI mostrano 
come alcune famiglie della nobiltA estesero i loro posaessi acqnistandd 
(terre mere msticali» per le quali ottenevano Tesenzione dalle imposte. 
(Um gradnalmente 8i compi Tespropriazione dei mstici e dei piccoli 
proprietari. Per mezzo dei cambi si costitnirono gross! nnclei di 
propriet^ fondiaria, i quali an che tuttora mostrano 11 loro derivare da . 
taati piccoli appezzamenti coi molti numeri speciali che ogni fondo 
eonaerra nei modemi catasti« 

Per tali vie vennesi formando nel territorio di Modena Pattuale 
tipo di poesesso fondiariO; 11 quäle, se certamente non ra^presenta la 
erande proprietA^ ^ per6 diverse da quelle che risulta dai Catasti di 
Carpi del 1448, di Modena del 1546. Non si possono fare confronti 
di ctfre, pereh6 mancano in questi i dati pei beni appartenenti al clero 
e alla nobUtA, che, come 6 detto, rappresentavano i ^/d della superficie. 
Oggi ancora la media estensione delle proprietA 6 ncUa provincia di 
Modena di Ett 6.40, e nei Comnni di Modena e Carpi di 4.60 : 6 questa 
certamente ancora la piccola propriet4: ma che vi sia stato un movi- 
mento dl concentrazione specialmente a danno dei rnrali, una volta 
proprietari di terre, per lo piu provenienti da livelll aflfrancati, h quelle 
che rianlta dai documenti esaminati. 



Literatur. 



Russisohe Literatur über die Sozial- und Wirtschafts- 
geschichte Rußlands in den Jahren 1900, 1901, 1902. 

Mit dem vorliegenden Bericht über die Literatur zur Sozial- und 
Wirtschaftsgeschichte Rußlands in den Jahren 1900, 1901^ 1902 be- 
zwecken wir, den Fachgelehrten ein möglichst vollständiges bibliogra- 
phisches Register der in den genannten Jahren erschienenen wissenschaft- 
lichen Werke nebst einer kurzen Inhaltsangabe und einer knappen 
kritischen Würdigung, zu liefern. Der Bericht zerfällt in 4 Teile: Der 
erste ist den Quellenausgaben, der zwdte dem archäologischen Material 
und den archäologischen Forschungen, der dritte den geschichtlichen For- 
schungen und der vierte endlich solchen populären Arbeiten gewidmet, 
welche trotz ihrer gemeinverständlichen Form vermöge ihrer originellen 
Ausführung und Auffassung einen wissenschaftlichen Zweck und einen 
wissenschaftlichen Wert haben. 

I. 
Qaellenausgaben. 

Hier kommen in erster Linie die Arbeiten W. N. Storo^ews 
und S. A. ScHUMAKOWs in Betracht. Storozew redigierte die zweite 
Lieferung des ersten Bandes der ,, Erbregister des Rjasaner Gebietes^* 
(IIhci^obhh KHHni PnaaHCKaro Kpan), herausgegeben von der 
Rjasaner wissenschaftlichen Archivkommission: Schümakow hat eine 
sehr wertvolle Sammlung von Dokumenten aus dem XVI. und XVII. Jahr- 
hundert unter dem Titel: „Hundertregister, Privilegien und Verzeich- 
nisse" (CoTHiiubi, rpaMOTH H aaniiCH) herausgegeben. 

Diese Dokumente sind zunächst in den ,^ Verhandlungen der Gesell- 
schaft für Geschichte und Altertümer Rußlands" — die Gesellschaft 
hat ihren Sitz an der Moskauer Universität — und erst dann separat 
erschienen. 

Die erste Lieferung des ersten Bandes der ,,Erbre^ster des Rjasaner 
Gebietes^ ist schon im Jahre 1898 erschienen und enthält die Erb- 
register des XVI. Jahrhunderts; die zweite Lieferung enthält die 
„Hundertregister und Auszüge aus den Erbregistern des XVI. Jahr- 
hunderts" (CoTnwH rpaMOTH k niicqoBHH BiinncH), das heißt Doku- 



Referate. 153 

menie, welche auf Grund der Erbregister der Grundbesitzer ausgestellt 
worden sind und welche Auszüge aus diesen, auf die einzelnen Güter Bezug 
nehmenden Brbregistem enthalten, — während sich die Erbregister des 
XVIL Jahrhunderts erst im Drucke befinden. Die „Hundertregister'- 
und die „Auszüge" aus der Zeit des XVI. Jahrhunderts sind schon 
deswegen von großer Wichtigkeit, weil die Mehrzahl der Erbregister 
JUS jener Zeit verloren gegangen ist und Abrisse dieser Erbregister in 
den erwähnten Dokumenten enthalten sind. Die Erbregister aus dem 
XYII. Jahrhundert sind in großer Zahl erhalten, aber größtenteils nicht 
abgedruckt. Die in geringer Zahl abgedrackten Erbregister aus dem 
genannten Jahrhundert haben dank den Arbeiten Storozews eine sehr 
wichtige Ergänzung erhalten. 

Die „Hundertregister^ von Schumakow enthalten Urkunden und 
AuBzflge aus den Registern derselben Art, wie sie StoroSew heraus- 
gegeben hat, nur beziehen sie sich auf andere als das Rjasaner Gebiet. 
Abgesehen davon hat Schumakow in seinem Werke eine ganze Reihe 
Ton Urkunden (rpaMOxa) über Austausch von Grund und Boden, von 
Schenkungsurkunden und gerichtlichen Streitverhandlungen zwischen 
den Gmndbesitzem veröffentlicht. Eine Urkunde bezieht sich auf die 
Geschiebte der strafrechtlichen Verfassung („ryÖHHH yi^emjiema), 
md behandelt das gerichtliche Verfahren wegen wichtiger Verbrechen 
im XVL und XVil. Jahrhundert, eine zweite Urkunde bezieht sich auf 
die Geschichte der Salzindustrie im Kostromaer Gebiete im XVII. Jahr- 
hundert. 

Im Zusammenhang mit diesem Werke steht die im Jahre 1900 in 
den „Verhandlungen der Gesellschaft für Geschichte und Altertümer 
Rußlands" erschienene II. Lieferung der ,, Übersieht der Urkunden des 
Ökonomie -Kollegiums" (063opi> rpaMOTi» KOJiJieriii bkohomIh), 
gleichfalls von Schumakow, welche einige Textabschriften und einen 
allgemeinen Ueberblick der Beloserskschen Urkunden aus dem XIV. bis 
XVLLL Jahrhundert enthält. Unter der Bezeichnung „Urkunden des 
Ökonomie - Kollegiums" versteht man die umfangreiche und wert- 
volle Sammlung von Urkunden^ welche unter Katharina IL nach der 
Säkulaiisation der Kloster-, Kirchen- und bischöflichen Güter im 
Jahre 1764 durch diese zur Bewirtschaftung der konfiszierten Güter be- 
stellte Kollegium veranstaltet wurde. Diese Urkunden werden in dem 
Moskauer Archiv des Justizministeriums aufbewahrt. Die „Übersicht" 
ScHUMAKOWs gibt uns eine wissenschaftliche Darstellung des Urkunden- 
wesens des alten Beloserskschen Gebietes (heute Gouvernement Nowgorod) 
und eine Abschrift der wichtigsten Urkunden im Anhange, wo das 
Hauptaugenmerk auf die für die Wirtschaftsgeschichte so wichtigen 
Urkunden der Hundertschaften gerichtet ist. 

Einen großen Wert hat femer die Ausgabe des Gesetzentwurfes 
vom Jahre 1589, des sogenannten „Gesetzbuches des Zaren Theodor 
Joannowicz" (C!y;ie6HHiCb i^apfl 6eo;iopa loaHHOBinia), das übrigens 
nie in Kraft getreten ist. Die VeröfTeutlichung dieses „Gesetzbuches"' 
ist von S. K. BOOOJAWLENSKU besorgt worden. Es erschien zunächst 
in der VTI. Lieferung der „Sammlung; des Moskauer Hauptarchivs des 



1 54 Referate. 

Ministeriums des Auswärtigen^^ und später in separater Ausgabe. 
Dieses ,, Gesetzbuch" gewährt einen Einblick in die sozialen und wirt- 
schaftlichen Verhältnisse Rußlands im XVI. Jahrhundert und ist von 
besonderer Wichtigkeit deswegen, weil es den Orundbesitz der Bauern 
behandelt. 

Sehr viel Material über die Finanz- und Wirtschaftsgeschichte des 
west- und südwestlichen Rußland im XV. und XVI. Jahrhundert ist in 
der von M. W. Downae Sapolskij herausgegebenen I. Lieferung der „Ur- 
kunden des Litauisch-russischen Reiches" (Aktk JiHTOBCKO-pycCKaro 
rocy^apcTBa) zu finden. Die in dieser Sammlung abgedruckten 
Dokumente sind der sogenannten Litauischen Metryk entnommen, d. i. 
dem Staatsarchiv des ehemaligen Großfürstentums Litauen^ das sich 
gegenwärtig im Moskauer Archiv des Justizministeriums befindet. Sie 
beziehen sich auf die staatlichen Ausgaben, direkte und indirekte Ein- 
nahmen, Handel, Besteuerung der Gemeinden, Abgabepflicht und 
Steaerleistung der einzelnen gesellschaftlichen Klassen, Grundeigentum. 
Bodenpreise u. s. w. Leider sind bei der Herausgabe dieser Doku- 
mente Fehler mitunterlaufen. 

Großen Wert hat ferner die erste Lieferung der „Beiträge zur Ge- 
schichte der ökonomischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ver- 
hältnisse des alten Kleinrußland^^ von N. P. Wassylenko, welche unter 
dem Titel „Allgemeine Untersuchung des Grundeigentums in dem Gebiete 
der Niezinskschen Garnison" (FenepaJibHoe aTb;^CTBie o MaexHOCTHX'b 
Hi^iciiHCKaro nojma) erschienen ist. Diese „Allgemeine Untersuchung" 
bietet eine vollständige wirtschaftliche Beschreibung Kleinrußlands und 
ist in den Jahren 1729 und 1730 behufs Ordnung der verworrenen 
Grundeigentumsverhältnisse und der Annulierung der gesetzwidrigen 
Bodenaueignnngen zustande gekommen. Wassylbnko hat nur einen 
Teil dieser Beschreibung und zwar denjenigen, welcher sich auf die 
Niezinsksche Garnison bezieht, herausgegeben, die Beschreibung der 
Gebiete der anderen neun Garnisonen ist bis jetzt noch nicht ver- 
()ffentlicht. Von Wichtigkeit ist aber nicht nur die Beschreibung allein, 
sondern auch die in ihr enthaltenen Kopien von verschiedenen Grund- 
eigentumsurkunden, in welchen sich sehr wertvolle wirtschaftliche Aus- 
fuhrungen finden. 

P. M. GOLOWATSCHOW hat eine Materialsammlung redigiert und 
herausgegeben unter dem Titel: „Das erste Jahrhundert der Stadt 
Irkutsk" (IlepBoe CTOJitiie HpKyTCKa). Hier sind viele für die 
Wirtschaftsgeschichte Sibiriens im XVII. und XVIII. Jahrhundert wert- 
volle Dokumente enthalten, wie z. B. : Erbregister, Verzeichnisse der 
zu Dienst- und Amtsleistungen bestimmten Personen, Lohnbücher 
der Bediensteten, Einnahme- und Ausgabebücher u. s. w. Diese 
Sammlung wUrde eine hervorragende Bedeutung beanspruchen können, 
wenn nicht zwei Lücken sich zeigten: Erstens sind nicht alle Doku- 
mente vollständig (von einigen sind nur Auszüge veröffentlicht) and 
zweitens — das ist die Hauptsache — sind bei der Ausgabe einiger 
Dokumente schwere Fehler mituntergelaufen. 

Die.se letztere Bemerkung trifft in weit größerem Maße bei der 



Refarate. 155 

Besprechung des von der Akademie der Wiäsenschaften herauBgegebenen 
III. Bandes der „Urkunden des Moskowischen Reiches^^ (Akth 
MoCKOBCKaro rocyjiapcTBa) zu. Die ersten zwei Bände enthalten 
— gleich dem dritten Bande — Aussttge aus den Dokumenten derjenigen 
Zentralverwaltung des Moskowischen Reiches („Razrjadnoj Prykas^), 
(paapH;iHBlÜ lipHKas'b), welcher die Organisation des Militärdienstes, 
die Evidenzhaltung der Dienstpflichtigen und die generelle Verwaltung 
der sttdiichen Grenzgebiete oblag. Die genannten ersten zwei Bände sind 
unter der Redaktion des ehemaligen Leiters des Moskauer Archivs 
des Justizministeriums, N. A. Popow, erschienen und bieten eine wert- 
volle und sorgfältig gesichtete Sammlung historischen Materials. Dieser 
Umstand bewog die Akademie der Wissenschaften, die Herausgabe des 
Materials auch nach dem Tode Popows fortzusetzen, und mit der 
Redaktion des Werkes wurde der Tradition gemäß der Nachfolger 
im Amte, D. S. Ssamokwassow, betraut. Allein der dritte Band erschien 
in so nachlässiger Form und strotzte von so vielen groben Fehlem, 
für welche nur der Redakteur verantwortlich gemacht werden kann, 
daß sich die Akademie der Wissenschaften gezwungen sah, von der 
weiteren Ausgabe abzusehen. Es ist nur zu bedauern, daß solche 
wichtige Dokumente, wie sie der dritte Band enthält, in dieser, durch 
die Nachlässigkeit des Redakteurs verschuldeten Fassung für wissen- 
schaftliche Zwecke nicht benützt werden können. Will man diese 
Dokumente studieren, so muß man sie im Original benützen. 

Alle obgenannten Quellenausgaben kennzeichnen sich, einige wenige 
Teile der Ausgaben von DowNAR-SAPOLSKtr und Golowatschow und 
die Ausgabe Ssamokwassows in ihrem Ganzen ausgenommen, abgesehen 
von ihrer inhaltlichen Wichtigkeit, durch eine äußerst sorgfältige 
Wiedergabe des Textes und eine dem Ernst der angestrebten Aufgabe 
entsprechende Korrektheit. 

In zweiter Linie kommen solclie Quellen ausgaben in Betracht, 
welche sich ein weniger weites Ziel gesteckt haben und daher kein 
so umfangreiches Matenal enthalten. 

Dazu gehören vor allem „Gesetzesmateriaiien in bezug auf die Regelung 
der Verhältnisse der Dorfbevölkerung" (3aK0H0;iaTeJiLHHe Ma- 
Tepiajm no BonpocaM'b, othocäü^imc^h k'b ycTpoücTBy ce.ibCKaro 
naccieniH) — herausgegeben von der Semstwo-Abteilung des Mini- 
steriums des Innern. Davon sind drei Lieferungen erschienen: die 
erste im Jahre 1899, die zweite und dritte im Jahre 1900. Das hier 
mitgeteilte Material enthält die seitens des Ministeriums des Innern 
dem Staatsrat gemachten Vorschläge in bezug auf die Frage der Ent- 
«nguung und Verteilung des in dem Besitze der Gemeinde befindlichen 
Bauemgrundes, Denkschriften in bezug auf dieselbe Frage, welche 
von anderen Behörden ausgegangen sind, und die Verhandlungen des 
Staatsrats. In allen diesen Arbeiten findet man interessantes geschicht- 
liches Material, z. B.: Mitteilungen über die Familienteilungen der 
Bauern in den einzelnen Gouvernements vom Jahre 1874 an u. a. 

Aufmerksamkeit erfordert weiter die Veröffentlichung der Schrift- 
«(fücke des Feldmartchalls B. P. Scheremetjew unter dem Titel: 



156 Referate. 

„Archiv des Dorfes Woschaznikowo^ (ApxMB-b ceJia Boiua^HiiKOBa), 
I. Lieferung. Hier befindet sich der Briefwechsel zwischen Schebemetjew 
und den Verwaltern seiner Güter im Jaroslawler Gouvernement, Bitt- 
schreiben seiner Leibeigenen und die Einnahme- und Ausgabebücher 
der Gutsverwaltung. Diese Dokumente, die unter der sehr sorgfältigen 
Redaktion J. S. Beljajews erschienen sind und sich auf den Anfang 
des XVm. und teilweise auf das Ende des XVn. Jahrhunderts be- 
xiehen, bieten ein sehr interessantes Musterbild jener Schriftstücke, die 
sich noch jetzt bei vielen Gutsbesitzern erhalten haben, zu großem 
Teile aber nach und nach verloren gehen. Diese Dokumente haben einen 
großen Wert für die Ermittlung der wirtschaftlichen Verhältnisse zur 
Zeit der Leibeigenschaft, indem sie uns einen Einblick in die Organi- 
sation der gutsherrlicheu und bäuerlichen Bewirtschaftung, in die Art 
der Bauemabgaben, in die Einkünfte des Gutsherrn, in die Autonomie 
der Gemeinde und ihr Verhältnis zum Gutsherrn, den Stand der Vieh- 
zucht, den Verkauf und den Konsum der wirtschaftlichen Produkte etc. 
gewähren. 

Die von W. J. und G. S. Cholmogorow herausgegebene X. Liefe- 
rung des Werkes: ^^Historisches Material über Kirchen und Dörfer im 
XVL— XvnL Jahrhundert" (HcTopiiHecKie MaTepiajiH o i^epKBHxi> 
H ceJiax'b XVI.— XVni. CT.) bezieht sich auf einen Teil des Moskauer 
Gebietes und hat gleich den ersten neun Lieferungen eine gewisse Be- 
deutung für die Wirtschaftsgeschichte des alten Rußland, da sie Aus- 
züge aus den alten Erbregistern über den Grundbesitz der Pfarrkirchen 
enthält. Die Ausgabe zeichnet sich durch große Sorgfältigkeit aus. 

Zur Charakteristik der wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt- 
bevölkerung und der „Jamscliiki'' (HMiii;ilKl>), d. i. jener Leute, welche 
im XVn. Jahrhundert die Staatspost besorgten, dienen vorzüglich 
die von J. S. Gurland herausgegebenen ,,Dokumente der Stadt Ro- 
manowo-Boryssoglebsk" (ÄKTH ropoz^a PoMaHOBO-BopHCorjitöcKa) 
und die „Dokumente der Romanower Jaraskiya Sloboda" (Akth 
PoMaHOBCKOfl HMCKOtt CJIo6o;ih). Dasselbe gilt von dem von 
W. BORissow herausgegebenen Werke ,^Erbregister der Stadt L a i s ch e w 
aus dem Jahre 1568" (IIiTCUOBaH KHiira r. .TlaHiueBa 1568). 

Für die Geschichte der Staatswirtschaft sind von Bedeutung die 
von A. S. Lappo-Danilewskij in der XI. Lieferung der „Jahrbücher 
der archäographischen Kommission" veröffentlichten Auszüge aus den 
Verhandlungen über die im Nowgoroder Gebiete im XVI. Jahrhundert 
üblichen Abgaben für Zwecke der sogenannten „Jemtschuznoje delo'' 
(HM^iy^KHoe At^^o), d. h. für die zur Pulverfabrikation notwendige 
Herstellung von Salpeter. 

Die wissenschaftliche Archiv-Kommission von Twjer benützte die 
von der schwedischen Regierung herausgegebenen Berichte ihres an 
der Botschaft in Moskau im Jahre 1674 akkreditierten Ifilitärattachös 
Palmquist und gab einen Teil dieser Berichte mit Abbildungen unter 
dem Titel „Die Stadt Twjer im Jahre 1674 nach Palmquist" heraus« 
Dieselbe Kommission hat auch eine Beschreibung der Stadt Twjer 
nach den Erbregistem des Jahres 1626 herausgegeben. 



Referate. I57 

Für die Geschichte des Grnndeigentums und der Uanswirtscliaft ist 
die Beilage zu dem von A. J. Kowalewskij veröffentlichten Werke: 
JÄe Ortschaft Simbnchowo'' (CeJio CiiMÖyxOBO) von Bedeutung. 
Den größten Wert haben hier die Auszüge aus den Erbregistem. 

Um die Besprechung der Quellenausgaben zu beenden, erübrigt 
noch, die für die Wirtschaftsgeschichte wichtigen Dokumente, welche 
in der periodischen Literatur der Jahre 1900, 1901, 1902 veröffent- 
licht sind, aufzuzählen. 

Im „Journal der SS^^^ Sitzung der wissenschaftlichen Archiv-Kom- 
mission von Twjer^^ findet sich die Beschreibung des Dmitrowschen 
Klosters in der Stadt Kascbin und des Grundeigentums desselben im 
Jahre 1764. Dasselbe Material ist später mit einigen Vermehrungen 
io Buchform unter dem Titel „Die Beschreibung des Dmitrowschen 
Klosters in Kaschin" (OnHCOHle KannracKaro J],^aiTpoBCKaro 
MOHaCTUpa) von Archimandrit Arsseny für dieselbe Kommission 
herausgegeben worden. 

In den „Arbeiten der Rjasaner wissenscbaftlichen Archiv-Kommission 
Bd. XVL, I. Lief., hat N. P. Tscherepnin das Ausgabebuch des Bogos- 
lowBchen Klosters aus dem Ende des XVII. Jaiirhunderts abgedruckt. 
In der IL Lieferung desselben Bandes hat Tscherepnin nach privaten 
Familiendokumenten die Preise verschiedener Produkte im XVIII. Jahr- 
hundert veröffentlicht. In der XLV. Lieferung der „Mitteilungen der 
Tambowschen wissenschaftlichen Archiv-Kommission^^ hat W. S. Chol- 
MOOOROW einen Teil des Registerbuches des Tambowschen Ujesd ^) vom 
Jahre 1671 veröffentlicht. Hier finden sich außerdem: Auszüge aus den 
Erbregistem des XVIL Jahrhunderts aus den Ujesden Temnikow, Schazk 
und Tambow, das Verzeichnis der Erbgüter des Grafen K. G. Rasü- 
MOWSKT im Schazker Ujesd vom Jahre 1779 und die offiziellen Daten 
über die Ernte im Tambower Gouvernement im Jahre 1782. 

Sehr viel Material ist im IL Band der „Altertümer" — der Arbeiten 
der archäographischen Kommission der Kaiserl. Moskauer archäologischen 
Gesellschaft — zu finden. In der I. Lieferung dieses Bandes hat 
P. J. Iwanow das dem Fürsten Dawid Iwanowitsch im Jahre 1493 
verliehene PrivUegiendokument veröffentlicht. Weiters finden sich dort: 
Material zur Geschichte des Budgets des ,,Rasrjadnoj Prykas^^ von 
M. W. Downab-Sapolsku, zwei Privilegien, welche Johann der Schreck- 
liche dem Wyssockschen Kloster in der Stadt Sserpuchow (jetzt Mos- 
kauer Gouvernement) erteilt hat und welche uns Aufschluss über 
das Grundeigentum dieses Klosters und die Steuerexemtionen, die es 
genossen hat, geben — von L. D. Woronzowa und ein Privileg vom 
Jahre 1524, aus welchem hervorgeht, daß schon damals bei Wilno 
eine Papierfabrik existiert hat — von M. W. Downak-Sapolskij. Die 
II. Lieferung enthält ein sehr wichtiges Dokument mit der Beschrei- 
bung des Grundeigentums des Wyssockschen Klosters in Serpuchow, 
veröffentlicht von L. D. Woronzowa. 

In dem XV. Buch der „Vorträge der historischen Gesellschaft 
Nestor Letopissez" (Nestor der Chronist) — die Gesellschaft hat ihreu 

I) Ujesd heißt Kreis oder Distrikt. 



158 Referate. 

Sita in Kiew — liat J. W. Lctschizky einige Privilegien aas dem XVIL Jahr- 
hundert ans der sogenannten ^Rnrnjanzewsk^ya Opis^ (PyMHHi^eBCKaH 
OllHCb) Terdffentlicht, d. h. aus dem Bericht Aber die ökonomisdie 
Lage KleinrußlandSy welcher zur Regierangszeit Katharinas II. unter 
dem Generalgouverneur von Kleinrußlaud Grafen Rumjanzew yerfaßt 
wurde. Weiter hat Lütschizky in demselben Buch eine Urkunde des 
üetmans Maiepa aus dem Jahre 1690 yeröffentlicht, welche ein Streif- 
licht aui* die Finanzen und die Finanzwirtschaft Kleinrußlands am £nde 
des XYU. Jahrhunderts wirft. In demselben Buch hat A. M. Lasarewsky 
drei Briefe aus dem Anfange des XVIII. Jahrhunderts veröffentlicht, 
welche ^nen Einblick in den ausländischen Handel Kleinrußlands mit 
Uaaf in jener Zeit gewähren. 

Endlich sind mehrere separate, für die Wirtschaftsgeschichte Ruß- 
lands wertvolle Dokumente in den ,, Verhandlungen der Gesellschaft für 
Geschichte und Altertümer Rußlands^* — die Gesellschaft hat ihren 
Sitz an der Universität Moskau — abgedruckt. Im 11. Budie der 
«, Verhandlungen^^ vom Jahre 1900 hat J. Kunrin einen Auszug aus^^eu 
Bttchem der Stadt Kaschin samt Umgebung vom Jahre 1629, welcn^ 
aich auf die Kirchengrttnde bezieht, und nebst dem die Gesamtangabe 
des kirchlichen und Klostervermögens im Kaschiner Ujesd (jetzt Gou- 
veraement Twjer) vom Jahre 1755 veröffentlicht. Im III. Buche hat 
A. A. TscHüMiKOW den von ihm im Revaler Stadtarchiv gefundenen 
bVieilensvertrag zwischen Nowgorod und Pskow einerseits und den 
Livläudischen Städten andererseits für den Zeitraum 1448—1449 ver- 
öffentlicht, welcher die Handelsbeziehungen Rußlands zu Livland im 
XV. Jahriiundert charakterisiert. Im L Buch vom Jahre 1901 hat 
J. W. Arhsknjew einige Urkunden der Ufaer Baschkiren aus dem Ende 
des XVII« Jahrhunderts abgedruckt, welche ttlr die Kenntnis der wirt- 
Hchallliohou Lage der Wotjaken und Baschkiren zu Beginn der nm- 
niiichi^u Kolonisation des mittleren Uralgebietes von Bedeutung sind. 
Im U. Buche Hnden sich einige Dokumente, welche sehr lebhaft die 
H%ud<üsverhältni§se zwischen Nowgorod und Narva zu Ende des 
\VU, Jahrhunderts schildern. — 

n. 

AiH^liilalogiHohes Material und archäologische Forschungen. 

luA eugsten Zusammenhange mit den Quellen ausgaben stehen die 
HuhiUi^vimgeu des archäologischen Materials und der archäologischen 
bVmchuuKt^n, Die Ergebnisse der Archäologie sind nattlrlich für die 
\Vut»^chi4ftsge«»ohichte von großer Wichtigkeit. Der unten mitgeteilte 
Uuiohi Über die archäologischen Ausgaben in den Jahren 1900, 1901 
uud IU02 handelt nicht von den prähistorischen, skythischen und orten- 
Uluiohou, sondern nur von russischen Altertümern der historischen Zeit. 

lu or^tei* Linie kommt hier — nach der Vollständigkeit des In- 
bUt^ ^u uvteilen — der „Archäologische Jahresbericht" (ApxeoJlO- 
i uui cu<i>i a bTOiniCb) von N. Th. Beljaschewsku in Betracht, welcher 
4iUiUai iu dw „Kiewskaja Staryna" und später separat zu erscheinen 
^\K%i. l^i^w' Jahresbericht gibt eine vollständige und erschöpfende Über- 



Referate. 159 

sieht der archäologischen Erwerbungen; welche jährlich in Rnßlaml 
gemacht werden. Femer sind von großer Wichtigkeit die „Berichte 
dflr kaiserlichen archäologischen Kommission'', die aber mit einiger 
Verspätung zu erscheinen ptiegen. So sind im Jahre 1900 die Berichte 
▼om Jahre 1897, im Jahre 1901 die Berichte vom Jahre 1898 erschienen. 
In engster Beziehung zu diesen Berichten stehen die „Mitteilungen der 
kaiserlichen archäologischen Kommission'^ 

Die hier genannten Ausgaben haben größtenteils den Charakter von 
Nachschlagwerken und bieten die Möglichkeit, den allgemeinen Fort- 
sehritt der Archäologie in ganz Rußland zu beobachten. Die Schilde- 
mng des Materials und der Forschungen über einzelne archäologische 
Fragen findet Platz in den Veröffentlichungeu der Petersburger und 
der Moskauer archäologischen Gesellschaften, wie z. B. in den „Mitteilungen 
der kaiserlich russischen archäologischen Gesellschaft" Bd. XU, I. und 
IL Lieferung, oder dem ^-Altei-tümer-Berichte der kaiserlichen Moskauer 
arehäologischen Gesellschaft" Bd. XVI, XVII, XVIII und XIX. Dazu 
gehören auch die ,^Berichte des X. archäologischen Kongiesses in Riga" 
und die „Berichte des XI. archäologischen Kongresses in Kijew". Ohne 
alle in diesen Publikationen veröffentlichten und auf die russische 
Archäologie bezfiglichen Arbeiten aufzuzählen, nennen wir nur die ihrem 
Inhalt nach besonders wichtigen. In Betracht kommt hier zunächst 
die im XVL Band der „Altertümer" von N. Th. Beljaschewsku ver- 
<^ffentlichte Arbeit über die Ausgrabungen in der Knja^ja Gora (Fürsten- 
berg) im Kijewer Gouvernement, 7 Werst von der Stadt Kanew, weiter die 
Arbeiten von P. N. Miljükow und A. J. Tscherepnin Über die Rjasaner 
Grabhügel (KypraH'b) und Gräber, veröffentlicht im „Berichte des 
X. archäologischen Kongresses". Für den XI. archäologischen Kongress 
hat W. B. ANTONOwrrscH eine vorzügliche archäologische Karte des 
Kyewer Gouvernements angefertigt, wie er seinerzeit eine Jirchäologische 
Karte des Wolynjer Gouvernements angefertigt hat. Für das Charkower 
Gouvernement hat eine ähnliche archäologische Karte für den XII. archäo- 
logischen Kongress in Charkow D. J. Bagalej hergestellt. 

Schließlich sind in vielen anderen Zeitschriften von Zeit zu Zelt mehrere 
fttr die Wirtschaftsgeschichte wichtige archäologische Arbeiten erschienen. 
Hier bringen wir nur in Erinnerung die Arbeit von N. Th. Beljaschewsku, 
wdche unter dem Titel „Ein merkwürdiger Fund aus der Epoche der 
Großfürsten" (SaMtHaTeJibHbrtt KJia^'b yiioxii i>e.iHi;aro khh3h) 
in der „Kijewsk^a Staryna" 1901, Nr. 10 erschienen ist, sowie die 
Mitteilungen Pletnews über die GrabhUgelfunde im Nowotorzsker 
Ujesd, Gouvernement Twjer, veröffentlicht im „Journal der 78'^'" Sitzun«r 
der wissenschaftlichen Archivkommission in Twjer'. 

ra. 

Forschungen über die Sozial- nnd Wirtschaftsgeschichte 

Bußlands. 

In der vorliegenden Übersicht der Literatur über die Sozial- und 
Wirtschaftsgeschichte Rußlands werden ^ir unsere Aufmerksamkeit 
vorzllglicb den Forschungen, welche dieser Geschichte srewidmet 



160 Referate. 

sind; zuwendeu. Diese lassen sich ihrem Inhalte nach in 5 Haupt* 
gnippen teilen : 1. Quellenstudien, 2. Arbeiten über die Geschichte der 
Kolonisation und der Bevölkerung, 3. Beiträge zur Geschichte der 
Volkswirtschaft, 4. Werke tlber die sozialen Verhältnisse, 5. Forschungen 
über die Staatswirtschaft. 

Umfangreiche Studien aus dem Gebiet der Quellenkunde sind in den 
Jahren 1900, 1901 und 1902 nicht erschienen. Hingegen sind mehrere 
kleinere, auf diese Frage bezügliche Arbeiten veröffentlicht worden. 
W. J. Cholmogoeow brachte in der I. Lieferung des ü. Bandes der 
„Altertümer-Arbeiten der archäologischen Kommission der kaiserlichen 
Moskauer archäologischen Gesellschaft" eine Arbeit unter dem Titel 
„Über die Auflassungsregister des XVH. oind XVHI. Jahrhunderts^ 
(OÖT) OTKaailbiX'b KHiirax'b), d. h. über die zur Sicherung des Eigen- 
tums an unbeweglichem Vermögen bestimmten Handlungen. Der Verfasser 
bespricht hier den Prozeß der Einführung in das Eigentum und der 
Besitzergreifung des Grundstückes, wobei er auf die außerordentliche 
Wichtigkeit dieser Auflassungsregister für das Studium der Wirtschafts- 
geschichte hinweist. Die Auflassungsregister sind sehr oft vollständiger 
als die Erbregister, denn sie enthalten Mitteilungen, welche in den 
letzteren fehlen, z. B. über die Höhe des Viehstandes, über die Menge 
des ungedroschenen Getreides in den Speichern u. s. w. Der Hinweis 
auf diese Quellen und deren Charakteristik, die Cholmogorow gibt, ist 
von um so größerer Wichtigkeit, als die Auflassungsregister bis jetzt 
von den Forschern fast nie benutzt worden sind. J. W. Gauthier hat ia 
der „Zeitschrift des Ministeriums für Volksaufklärung" 1902, Nr. 3, eine 
Arbeit unter dem Titel: „Aus der wirtschaftlichen Quellengeschichte 
des Moskauer Ujesd im XVI.— XVH. Jahrhundert" veröffentlicht. 
(H3i> HCTopiH xo3HficTBeHHhix'b oiuicaHlll MocKOBCKaro yia^a 
B-b XVI.— XVH.Btivax'b). Abgesehen von der Aufzählung aller Einzel- 
heiten, welche bei der Zusammenstellung der Erbregister, der Verzeich- 
nisse und anderer Bücher mitgewirkt haben, erklärt uns der Autor 
einige in den Quellen vorkommende technische Ausdrücke und stellt 
deren wahre Bedeutung fest; er erklärt weiter die Entstehung diniger 
Beschreibungen, bespricht die technischen Vorgänge bei der Her- 
stellung der Erbregister u. s. w. Die Arbeit P. M. Golowatschows : 
,,Die nächsten Aufgaben der geschichtlichen Erforschung Sibiriens" 
(Bjiii^KaltiuiH 3a;iaHii HCTopunecKaro oimcaHiH CnÖHpH), — er- 
schienen in der „Zeitschrift des Ministeriums für Volksaufklärang" 1902, 
Nr. 9 — ist eine Zusammenfassung der vorherigen kritischen Arbeiten 
über die Chronisten Sibiriens. Sie enthält Mitteilungen über das ver- 
schiedenartigste, unbearbeitete, in den Archiven befindliche Material, 
weist auf die Wichtigkeit dieses Materials für die Geschichte der Be- 
völkerung, der Kolonisation und der wirtschaftlichen Lage hin und 
bringt einen Entwurf zur Ausgabe der wichtigsten Archivdokumente. 
N. N. FiRSSOW verneint in seiner in den „Wissenschaftlichen Memoüren 
der Kasaner Universität" 1904, Nr. 4, veröffentlichten Arbeit „Russische 
Bilanzregistcr des XVHI. Jahrhunderts, als geschichtlich-statistisches 
Quellenraaterial" (l^'ceKi>^ öa,iaHC(»Hi>i>i nluoMOCTii XVin. B^Ka^ 



Keferate. 161 

KAKh HCTOpHRO-CTaTHCTHHeCKifi HCTO^HHK'b) die Richtigkeit des 
faihdte» der Register fiber die £iB>- und Ausfuhr von Waren im 
XYIII. Jidirhiiiidert. 

Viel mehr Anfme^keamkeit als den Qnellenforsehunge» wuvde 
<ier Oeschichte der Kolonisation und der BeT(Hkerung gewidmet 
Hier komnht in Betracht die Arbeit von W. v. Dehn: „Ue Be- 
Fölkemng Rußlands nach der V. Revision'). Die Kopfsteuer im 
lYllI. Jahrhundert und die Bevölkerungsstatistik am £nde des 
XVni. Jahrhunderts (HaccneHie Pocciii no nnroU peBiiain. IIo;!- 
jnmoH no;iaTb b'b xvm. b. h craTHCTHKa HacejieniH bi» kohu* 
XYIU. b.). Dieses Buch bildet den Anfang eines umfangreich angelegten 
Werkes, i^elches auf die E/rforschttng der Bevölkerungsstatistik in den 
So Gouvernements des europäischen Rußland (Groß- und NeurußUund) 
am Ende des XYtU. Jahrhunderts abzielt. Bis jetzt ist davon der 
L Band und der zweite Teil des U. Bandes erschienen. Der I. Band 
besteht aus zwei Kapiteln : Im ersten behandelt der Verfasser die Ge- 
idiiehte der Revisionen in Rußland, im zweiten die administrative 
Einteilung Rußlands am Ende des XYIII. Jahrhunderts und die be- 
zigliehen Veränderungen, lirelche seit jener Zeit bis zur ersten all- 
gemeinen Volkszählung in Rußland (1897) vorgekommen sind. Das 
letztgenannte Kapitel bezweckt die Vergleichung der Ergebnisse der 
V. Revision (1795—1796) mit den Ergebnissen der fast genau 1(X) Jahre 
später stattgehabten L allgemeinen Volkszählung (1897). In einer um- 
fangreichen Beilage bringt der Autor in chronologischer Reihenfolge 
die in diesem Zeiträume vorgenommenen administrativen Veränderungen 
in den hier behandelten Gebieten, separat nach Gouvernements ge- 
ordnet. Im IL und m. Band hat sich der Autor vorgenommen, das 
faktische Zahlenmaterial aller Gruppen, in weiche die steuerpflichtige 
imd nichtsteuerpflichtige Bevölkerung in der Zeit der V. Revision 
zerfiel, zu veröffentlichen. Diese Zahlen sind den Steuerbtlchem aus 
den Jahren 1797 — 1806 entnommen, welche im Departement der direkten 
Steuern des Finanzministeriums sich befinden. In diesen, nach einzelnen 
Gouvernements geordneten Büchern finden sich Zahlenangaben über 
Jede Bevölkerungsgruppe und die Steuern, welche dieselbe zu entrichten 
hatte. Die Zahl der Gruppen ist eine ungemein große, und die Klassi- 
fikation in jedem Gouvernement eine eigentümliche. Dazu hat seit der 
Einführung der Kopfsteuer (1724) die Stellung jeder einzelnen Gruppe durch 
die G^esetzgebung langsam eine Klärung erfahren. Deswegen hat es der 
Verfasser fttr notwendig gefunden, die Geschichte jeder einzelnen Gruppe 
v<Hi jenem Zeitpunkte (1724) bis zur V. Revision zu studieren, um 
die Möglichkeit zu haben, die Ergebnisse der Steuerbücher kritisch 
zu behandeln. Der 11. Band wird jenen Bevölkernngsgruppen gewidmet 
MB, welche von der Kopfsteuer eximiert waren, der III. Band den 
steuerpflichtigen Gruppen. Im letzten Band endlich, hat sich der Autor 
Torgenommen, alle diese Ergebnisse in ein Ganzes zusammenzufassen, 
um sie später mit den Ergebnissen der Volkszählung vom Jahre 1897 

1) Revisionen hiessen die 10 Volkszählungen, die in dem Zeitraum 1718 
bis 1857 f&r die Zwecke der Kopfsteuer vollzogen wurden. 

Viert«ljabnckr. f. Social- n. Wirtschaftsgeschichte. III. H 



162 Referate. 

zu vergleichen. In dem bereits erscliieueuen zweiten Teile des il. Bandes 
behandelt der Verfasser einige der steuerfreien Bevölkernngsgruppen : 
die aus dem Dienst entlassenen Soldaten, die Frauen und Kinder von 
Soldaten und einen Teil der Bevölkerung des im Osten gelegenen Gebiets 
von Orenburg. Diese 3 Gruppen zerfallen wieder für sich in eine ganze 
von Unterabteilungen. Der Verfasser hofft, den tlbrigen Teil des Menge 
n. Bandes bald veröffentlichen zu können. 

Femer kommt das von der russischen Regierung herausgegebene 
Buch in Betracht, welches den Titel führt: „Die Kolonisation Sibiriens 
im Anschluß an die allgemeine Ansiedlungsfrage.^' (KoJlOHHBaui^ 
Cnöirpii BT) CBH3H cb oöuxawb nepeceJiCHHecKiiMi» BonpocoM'b). 
Dieses Buch ist aus Anlaß der Pariser Ausstellung 1900 erschienen. 
(Ein Auszug aus diesem Buch ist in französischer Sprache unter dem 
Titel : ,, Essai sur Thistoire de la colonisation en Sib6rie" erschienen.) Dieses 
Buch bringt ein sehr interessantes geschichtliches Material über die 
Verschiebung der Bevölkerung des europäischen Rußland über den 
Ural hinaus und zwar nicht nur im XIX. Jahrhundert, sondern seit 
den ersten Anfängen der Kolonisation Sibiriens. Ein Mangel diesem} 
Buches ist der zu optimistische Ton, der darin vorherrscht — ein 
Mangel, dem man in den offiziellen Ausgaben oft begegnet. 

Eine Reihe statistischer Daten, welche sich auf Archivmaterial 
stützen und von einigen Erläuterungen allgemeinen Charakters be- 
gleitet sind, bringt A. A. Kiesewettbr in seiner Arbeit: „Die Städte- 
bevölkerung Rußlands in der Epoche der ersten zwei Volks- 
zählungen" (ITocaj^cKoe nacejieHie PocciH bT) 9noxy Aßyx'b nepBHxi> 
peBliailt), erschienen in der „Zeitschrift des Ministeriums für Volksauf- 
klärung^^ 1903, I. Diese Arbeit hat auch in dem im September 190B 
erschienenen Buche desselben Autors „Die Stadtgemeinden Ruß- 
lands im XVm. Jahrhundert" (IIoCiUCKail OÖiUlilia BT> PocclM 
XVm CT.) Platz gefunden. 

Eine Sammlung von Tatsachen, systematisch geordnet, findet sich 
auch in dem von Litschkow veröflentlichten Werke: „Die Kolonisation 
des Kaukasus am Schwarzen Meer-' (KojioHiiaauiH icaBKaacKaro 
^lepHOMOpbH). 

Ein interessantes Tatsachenmaterial über die Geschichte der Be- 
siedlung Rußlands mit Ausländem, entnommen den Archiven und vor 
allem dem Moskauer Hauptarchiv des Ministeriums des Auswärtigen, 
findet sich in folgenden Arbeiten von G. Pissarewskij: „Skizzen über 
die Geschichte der Fremdenkolonisation in Rußland im XVIII. Jahr- 
hundert. Die Berufung der ausländischen Kolonisten nach Rußland 
in der Regierungszeit Katharina ü." (,.Russky Westnik" 1900, III); 
„Die Berufung von Kolonisten aus Südeuropa. Skizzen über die Ge- 
schichte der Fremdenkolonisatiou in Rußland** („Russky Westnik^ 1900) 
und „Die Berufung von Kolonisten nach Rußland aus Danzig. Eine 
Episode aus der Geschichte der Fremdenkolonisation Rußlands" („Russ- 
kaja Myssl" 1902, IX). 

Quellenzeugnisse über den Anfang der russischen Kolonisation an 
der oberen Kama und ihren Nebenfiüssen im XV. und in der ersten 



Referate. It^ß 

Hälfte des XVI. Jahrhunderts sind gesammelt in der Arbeit von 
A. A. Dmttrtew: ^Spuren der russischen Ansiedlangen in Groß-Perm 
bis zum Auftauchen der Stroganows" (Cjrhjxu pyccKiix'b nocejienifi 
BT> IlepMii BejiHKOfi Jio noHBJienia CiporaHOBBix'b), erschienen in den 
^Arbeiten der Permer wissenschaftlichen Archivkommission^', 4. Lieferung. 

Aus den Arbeiten zur Geschichte der Volkswirtschaft 
im engeren Sinne des Wortes nennen wir vor allem die Arbeit von 
P. J. Iwanow: „Die Ackerbaugenossenschaften und der Bodenauf- 
teilangen bei den freien und leibeigenen Bauern im XVII. Jahrhundert^^ 
(üoaeMejibHHe cok)3H ii nepezi'fe.TH y cbo6oahhxi> h YmsLjxh- 
JlbHecKliX'b KpeCTbHH'b BT> XVII. B.), erschienen in der Zeitschrift 
^Altertümer. Arbeiten der archäographischen Kommission der Moskauer 
irchäologischen Gesellschaft", II. Bd., 2. Lief. Nach einem kurzen 
Oberblick über Literatur dieser Frage gibt der Autor eine Charakte- 
ristik des gewöhnlichen Typus des nordrussischen Dorfes im XVII. Jahr- 
hundert. Sodann schildert er die Geschichte des Grundeigentums der 
Undiiehen „Skladniki", d. h. der Teilhaber am gemeinen Grund- 
besitz, wobei er auf den im XVCL Jahrhundert beginnenden und fort- 
schreitenden Verfall des gemeinsamen Grundeigentums hinweist. An 
Stelle der gemeinsamen Bewirtschaftung des Bodens trat immer öfter 
die für eine gewisse Zeit vorgenommene Verteilung der Grundstücke, 
welche sich sodann in gewissen Zeiträumen wiederholte. Der Verfasser 
charakterisiert die Beziehungen der einzelnen Dorfgemeinden zueinander, 
die Art und Weise der Grenzmessungen u. s. w. Die Arbeit stützt sich 
Qorchgehend auf ein reiches Archivmaterial, welches dem Autor die 
Möglichkeit gab, zu wichtigen neuen Schlüssen zu gelangen. Als Bei- 
lage zu dieser Arbeit können die von demselben Verfasser in der Zeit- 
sdbrift „Altertümer. Arbeiten der archäographischen Kommission der 
Moskauer archäologischen Gesellschaft^^, Bd. U., l.Lief., veröfieutlichten 
^Skizzen über Umfang des steuerbaren Ackerlandes und der Zahl der Haus- 
bewohner im Kewrolsky üjesd im XVII. Jahrhundert (^aMtiTica o 
pasM'fep'b OKJia;tHofi namim h HacejieHHocTir ^iBopoirb bi> 
KeBpoobCKOMt yhQJXh b1> XVII. b.) angesehen werden. 

Ihrem Inhalte nach steht in engerem Zusammenliange mit der vor- 
erwähnten Arbeit Iwanows, die in der „Zeitschrift des Ministeriums für 
Volksaufklärung** 1901, Nr. 11, erschienene Studie von Klotschkow 
„Zur Frage des Skladnitschestwo" (K-b Bonpocy o CKJiaOTHicax-b). 
Der Autor kommt zu folgenden allgemeinen Schlüssen: Die ,,Sklad- 
nitaehestwo^ an Gmnd und Boden ist entstanden: erstens durch das 
Verhältnis der Familienzugehörigkeit, zweitens durch die zwischen 
nicht Familienzugehörigen geschlossene Vereinbarungen, zusammen zu 
leben und zu wirtschaften, drittens durch gemeinsame Arbeit (Artelj 
and viertens durch gemeinsamen Besitz von Grund und Boden. 

Auf die Überbleibsel der „Skladnitschestwo" (Miteigentum ) an Grund 
and Boden) konnte man noch im XVm. Jalirhundert in Kleinrußland 
stoßen, wie dies zu ersehen ist aus dem III. Bande des wertvollen 
Werkes von A. M. Lasaäewsku: „Die Beschreibung des alten Klein- 
rußland" (OriHCaHie crapoft MaJiopoccin). Diese Arbeit war zum 



1()4 Referate. 

erstenmal in der „Kijewskaja Staryna" erschienen, die ersten zwei 
Bände schon früher. Dieses Werk ist nicht bloß eine Forschung — 
als solche kann es nur teilweise gelten — , sondern auch eine Syste- 
matisieruug des unbearbeiteten Materials, welches aus nicht heraus- 
gegebenen Quellen entnommen ist (wie z. B. aus der „Rumjanzewskaja 
Opis^* und drgl.)< Für die Wirtschaftsgeschichte Kleinrußlands hat daa 
Werk Lasarewskijs eine hervorragende Bedeutung. 

Zur Literatur über die .Wirtschaftsgeschichte Westrußlands im 
XVI. und XVII. Jahrhundert gehören : Die Arbeit von M. W. Downab- 
Sapolskij ^Zur Geschichte der Bodenreform in Livland in den Jahren 1580 
bis 1592" (Ki> HCTopin noaeMeJibHOö pe(j[)opMfai bi> JIhbohIm 
B7> 1580 — 1592 h), erschienen in den ,,Benchten des X. archäologischen 
Kongresses in Riga^S ^^^^ HI, sowi^ das Werk von J. J. Pobojnin 
„Das alte Toropez" (Toponei^Kaa CTapHHa), welches Skizzen zur Ge- 
schichte der Stadt Toropez und ihres Gebietes enthält. Beide Werke sind 
auf Archivmaterial gestützt. Einige wichtige Angaben zur Geschichte 
des Grundeigentums in Westi-ußland bietet nebenbei M. K. Ljubawskij 
in seinem Buche: „Der Litauisch-russische Sejm" (Landtag) (JIhtobcko- 
pyccKllt ceton>). 

Eine Zusammenfassung statistischer Daten aus dem Nowgoroder 
Erbregister aus dem Ende des XV. «Jahrhunderts gibt uns Archimandrit 
Sergius (TiCHOMmow) in seinem Werke „Nowgoroder üjesd der Wot- 
skaja Pjatyna nach dem Erbregister des Jahres 1500" (HoBropoj^CKlÖ 
yh'sjxiy BoTCKOö nHTiiHBi no nHci^OBoi KHiir'fe 1500 r.), zu- 
nächst erschienen in den ^^ Verhandlungen der Gesellschaft für Geschichte 
und Altertümer Rußlands" 1899. Wenig neues bringt die 8* Lieferung 
des Werkes A. A. Dmiteltews „Das alte Perm" (HepMCKaH crapHHa), 
welches die Handelsgeschichte des Trans-Uralischen Gebietes behandelt. 
Ferner sind zu nennen: der kleine Beitrag von N. Th. Bbljawsku: 
,,Zur Geschichte der Handelsbeziehungen des Moskowischen Reiches 
im XVII. Jahrhundert" (K'b iiCTopiH ToproBhix'b CHonieHiÄ Bi> 
MOCKOBCKOM'b rocyAapcTB'fe B-b XVn. BiKt) und die Arbeit 
W. W. SwjATLOWSKiJs junior „Das primitive Geld und die Evo- 
lution des altrussischen Geldsystems" (IIpHMHTiiBHhlH JieHbrH H 
BBOJHOiUH jipeBHepyccKiix'b AenemHfcix'b CHCxeMt), erschienen in 
dem ,,Narodnoje Chosjajstwo" 1900, Nr. 1, 2, 6. Diese Arbeit enthält 
zunächst eine historisch vergleichende Studie zur G^chichte des primi- 
tiven Geldes und gibt sodann eine Schilderung der Geschichte des 
primitiven Geldes in Kußland. 

Um die Übersicht der Literatur zur Geschichte der altrussischen 
Wirtschaft zu schließen, erübrigt uns noch auf den III. Band der 
„Altertümer des russischen Rechtes" (/],peBHOCTH pycCKOro npasa) 
von W. J. S SERGEJS WITSCH hinzuweisen, welcher zunächst unter dem 
Titel „Altertümer des russischen Grundeigentums" in der „Zeitschrift dei 
Ministeriums für Volksaufklärung" 1900, 1901 und 1902 erschienen ist 
Der Verfasser behandelt hier Fragen, welche sich auf den Gmndbesits, 
die Wirtschaft und das Steuersystem des alten Rußlands beziehen. 



Referate. 165 

Zam Schluß gibt er eine kritische Übersicht der Literatui*. Die Arbeit 
stflttt sich bloß auf yeröffentlichtes Material; zugleich kennzeichnet sie 
tidi h«iiptaäehlich durch die scharfe Kritik der Ansichten anderer 
Poneher und durch einige unerwartete Sehlttsse, die jedoch einer näheren, 
auf das nicht yeröffnitlichte Material sich stützenden Prüfung nicht 
stamdhalten. Richtig sind nur einige Einzelheiten über das wirtschaft- 
liehe Leben und das Grundeigentum im alten Rußland, doch sind die 
diesbesttglichen Erklärungen des Verfassers größtenteils nicht neu. 

Einige interessante Angaben über die Geschichte des russischen 
Exporthandels im XVIII. Jahrhundert finden sich im Buche von 
W. A. UiiJANrrZKY ^^Russische Konsulate und Konsuln im Auslande im 
XVUL Jahrhundert^ (PjxckIh KOHcyjibCTBa H KOHcyjihi aarpamn^ell 
BT> XVHI. B.). Auf Grund dieses Buches hat J. Ch. Oserow in 
«einer in der „Russkaja Myssl" 1900, Nr. 6, veröffentlichten Arbeit 
4>er russische Kaufmann und Industrielle im XVIII. Jahrhundert" 
fPyccKi« Kyiieu'b-npoMfcnnjieHHHKT> B'h XVIII. b.) den Versuch 
ontemommen, die Schilderung des Typus des russischen Unternehmers auf 
dem Gebiete des Handels und der Industrie im XVIU. Jahrhundert zu geben. 
Bei der Übersicht der Literatur zur Handel9geschichte ist es noch 
notwendig, auf folgendes vorzügliche und inhaltsreiche Werk zu ver- 
weisen: „Beiträge zur Geschichte und Statistik des Ausfuhrhandels in 
Rußland. Redigiert von W. J. Pokrowsky. I. Bd.: Beitrag zur Ge- 
schichte des Ausfuhrhandels in Rußland. — Export und Import im 
XDl. Jahrhundert. — Tabellen zum Im- und Export und Zolltarlf- 
tabellen. Verlag des Zoügebührendepartements." (CoopHHK'b CBt^tHÜi 
no HCTopiii H craTHCTincb BHliraHeö ToproBJiii Pocciii). Dieser 
umfangreiche Band enthält einen Beitrag zur Geschichte des Ausfuhr- 
handels in Rußland von den ältesten Zeiten, vom Redakteur verfaßt; 
femer 76 Monographien über jeden Handelszweig, Mitteilungen über 
die Ein- und Ausfuhr der Warensorten im XIX. Jahrhundert nebst 
Daten über deren Erzeugung und Verbrauch enthaltend. Diese Arbeiten 
sind unter der Redaktion von Pokrowsky veröffentlicht, welcher das 
Amt des Chefs der statistischen Abteilaug des Zollgebührendepartements 
bekleidet. Zum Schluß folgen Tabellen, welche ein sehr reiches Material 
zur Geschichte des internationalen Handels und der Zolltarife in Ruß- 
land enthalten. 

Im Jahre 1900 ist die zweite Auflage des Buches von M. J. Tüüan- 
Ba&anowsku „Die russische Fabrik einst und jetzt. Historisch-öko- 
nomische Studie, I. Bd. Die geschiciitliche Entwicklung der russischen 
Fabrik im XIX. Jahrhundert" erschienen. Diese 2. Auflage ist um 
vieles vermehrt. Da dieses Buch auch in deutscher Sprache erschienen 
isty halten wir es nicht für notwendig, uns dabei aufzuhalten. 

Eine Reihe von tatsächlichen Ergänzungen zu der im Buche Tügan- 
Ba&anowskus behandelten Geschichte des allmähligen Verfalls der 
Haasindustrie in Rußland findet sich in der Arbeit von M. Rurtschinski.t 
.^Die mssische Haasindustrie (nach den Ergebnissen der letzten 5 Jahre : 
1894—1899)" [PyccKan KycTapnaH npoMHni.ieHHOcrb], erschienen 
in der Zeitschrift ,,Zisn" 1901, Nr. 1 und B. 



16() Referate. 

Id dem Buche „Der bäaerliche Futtergrasbau im europäischen 
Rußland außerhalb des schwarzen Ackerlandstriches" (Moskau 1900) 
(KpecTbHHCKoe TpaBonoJibHoe xobhäctbo bi» HenepHoaeMHOfi 
iiOJioct EßponeüCKOtt PoccIh) stellt sich W. G. Bazajew die Auf- 
gabe, die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Grasbaues auf 
den Bauerngründen in der nördlichen Hälfte des europäischen Rußland 
zu schildern. Angesiciits der großen Wichtigkeit, welche gegenwärtig 
flir Rußland die Frage des dem Bauernstande dringend nottnenden 
Überganges zu einem intensiveren und vollkommeneren Feldbausystem 
in sich birgt, ist das Buch von sehr großem Interesse. Selbstverständ- 
lich wird die Schilderung, je mehr sie sich dem XIX. Jahrhundert 
nähert, ausfuhrlicher. Sehr nahe verwandt mit diesem Thema sind 
die Beiträge des im vorigen Jahre allzufrüh verstorbenen Professors 
des Moskauer landwirtschaftlichen Instituts K. A. Werner, welche in 
der Zeitschrift „Chosjain" 1901 unter dem Titel „Zur Geschichte des 
bäuerlichen Futtergrasbaues" (K'b ncTOpiii KpecTbHHCKaro TpOBO- 
ilOJlbHaro xOBHÄCTBa) erschienen sind. In einer separaten Broschüre 
hat derselbe Autor eine Rede veröffentlicht, die er anläßlich eines 
Kongresses in Moskau gehalten hat. Die Broschüre ist unter dem 
Titel „Die agronomische Unterstützung der Bevölkerung am Ende des 
XVni. und in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts" (Moskau 1901) 
(ArpoHOMinecKaH noMoiu.b Hacejieuiio B'b Konut xvm. h bt> 
nepBOö noJiOBHHt XIX. ct.) erschienen. 

In seiner interessanten Broschüre „Die Leibeigenschaftsstatistik. 
Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte in der Zeit der Leibeigen- 
schaft" (KpinocTHan cTaTHCTiiKa. H3i> 8TK);5obi> o Kptno- 
CTHOM-b xoaaüCTB'fc), St. Petersburg 1901, bringt F. von Struve eine 
Reihe von Beispielen aus dem XVII. und XVIU. Jahrhundert, welche 
zeigen, daß es den russischen Gutsbesitzern zur Zeit der Leibeigen- 
schaft an den richtigen Mitteln zur genauen Berechnung ihres Ver- 
mögens gebrach und daß sie sich durch besondere Verzeichnisse ihrer 
Bauern und aller anderen Vermögeosobjekte nebst einer Menge von 
Einzelheiten zu behelfen pflegten. 

J. Illinitsch bringt in seinem ,,Beitrag zur Entwicklungsgeschichte 
der polnischen Industrie" (OnepK'b paaBHTlH noJibCKOÖ lipoMHin- 
JieHHOCTli) — erschienen im „Nautschnoje Obosrenje" 1902, Nr. 4,^ 
5, 6, — eine sehr interessante Skizze zur Geschichte des Wirtschafts- 
lebens in Russisch-Polen in dem Zeiträume 1780 — 1900. Er be- 
mtlht sich, hier zu zeigen, wie sich Polen aus einem Land mit kleiner 
Gewerbeindustrie zu einem Gebiete der Großindustrie entwickelt hat 

In einer ganzen Reihe von Artikeln hat sich N. A. Rosohkow zur Auf- 
gabe gemacht, den allgemeinen Lauf der wirtschaftlichen Entwicklung Ruß- 
lands zu beleuchten und einigen in dieses Gebiet des geschichtlichen Wissens 
gehörende Fragen die ihnen gebührende Stelle anzuweisen. Wir erwähnea 
hier nur jene Arbeiten dieses Verfassers, welche hauptsächlich wissensebaft- 
liche und nicht nur populäre Zwecke verfolgen. Dazu gehören : „DieNata- 
ralwirtschaft und die Formen des Grundeigentums im alten Rußland^*- 



Keferate. 167 

(HaTypaobHoe xoshöctbo ii ^opMH 3eMJIeB,^a;^tHi^^ bi> ApeBHeÄ 
Poccitt) — , erachienen in der „Zysn" 1900, Nr. 9 — , ,,Die Geld- 
wirtachaft und die Formen des Grundeigentums im modernen Rußland^ 
(j^CHeHCHOe XOSMCTBO H ^OpMH SeMJieBJia/i'feHiH Bl» HOBOtt 
Poccill) — , erschienen im „Nautschnoje Obosrenje" 1902, Nr. 2 und 3 — , 
nnd ,^Zor Frage über die ökonomischen Ursachen der Abschaffung der Leib- 
eigenschaft in Roßhind'' (Kt Bonpocy oöt 3K0H0MH^ecKHXi> npn- 
HHHaxi> najiemsi KptnocTHoro iipana btj PoccIä) — , erschienen 
im „Mir Boiy^ 1902, Nr. 2. In den ersten zwei Beiträgen unternimmt 
es der Aator, nicht nur den schrittweisen Entwicklungsgang der Formen 
des Omndeigentums in Rußland, sondern auch den Zusammenhang 
dieser Entwicklung mit der Geschichte der Wirtschaftsverhältnisse zu 
z^gen. Der dritte Beitrag bringt ein bisher unbekanntes Zeugnis dafUr, 
daß schon in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts in dem Gebiete 
des schwarzen Ackerlandes in Rußland das Institut der freien Lohn- 
arbeit sehr verbreitet war, welcher Umstand auf die ökonomische Not- 
wendigkeit der Abschaffung der Leibeigenschaft hinweist. Dieser 
Beitrag hat eine Entgegnung seitens W. J. Ssemewsejjs in dem in der 
,^ii88kaja Myssl'' 1902, Nr. 4, erschienenen Beitrag „Anläßlich der 
Publikation RoscuKOWs ttber die ökonomischen Ursachen der Ab- 
sehaffiing der Leibeigenschaft in Rußland^ hervorgerufen. Im ,,Mir 
Bo2y'' 1902, Nr. 9, gibt Roschkow eine Gegenantwort unter dem Titel : 
^üeber die freie landwirtschaftliche Lohnarbeit zur Zeit der Leib- 
ögensehaft'' (0 BOJibHOHaeMHOMi> seMJieM'fejib^ecKOM'b Tpyjtt npn 
KpbnocTHOMl> npaBd^). Ssemewsky behauptet in seiner Erwide- 
roDg, daß sich das von Roschkow angeftlhrte Zeugnis über die freie 
Lohnarbeit zur Zeit der Leibeigenschaft bloß auf Neurußland bezieht 
nnd daß ein etwaiges Hinübergreifen der freien Lohnarbeit in das 
südlich vom Flusse Oka liegende Gebiet ausgeschlossen sei. Darauf 
antwortet Roschkow, daß es bei dieser Frage der Heranziehung des 
reichlichen Materials aus den noch erhaltenen Hausregist em und Doku- 
menten aus der Zeit der Leibeigenschaft bedürfe und illustriert seine 
Behauptung mit Zitaten aus ebensolchen Dokumenten, welche bis jetzt 
nicht veröffentlicht worden sind. 

Dem Inhalte nach steht mit den genannten Arbeiten im Zusammen- 
hange die in den „Arbeiten der Rjasaner wissenschaftlichen Archiv- 
kommission*' 1902, Bd. XVIL, 2. Lief, erschienene Arbeit: „Einige Daten 
über die Gutsherrn Wirtschaft der Familie Polonsky in der ersten Hälfte des 
XVIIL Jahrhunderts" (HicKOJibKO AaHHHX'B noM'hiu.UHhewb X03- 

aÄCTB-fe nOJIOHCKHX'b B-b nepBOÖ nOJIOBHH'fe XVin. CTOJltTin) 
von J. J. Prochodzow. Der Autor benutzte die nicht veröffentlichten 
Dokumente des genannten Hauses aus jener Zeit. 

Erwähnenswert sind endlich einige Arbeiten, die zwar in bezug auf 
die Soeaal- und Wirtschaftsgeschichte keinen wissenschaftlichen Zweck 
verfolgen, die aber einige interessante, in dieses Gebiet hinüberspielende 
Mitteilungen bringen. Dazu gehört die Broschüre von J. F. Tokmakow : 
„Die Stiuit Egorjewsk samt Gebiet im Rjazaner Gouvernement in 
historisch-statistischer Beleuchtung", L Teil, Moskau 1901 (HcTopiiKO- 



168 Referate. 

craTHCTHHecKoe oiiiicaHie ropo^a EropbeBCKu, PHsancKoli 
ryÖepniH Cb yhsjiowb). Die Broschüre enthält eine interessante 
Sehildemng der Gkschichte der im Jahre 1845 f^egrtindeten Banmwoll- 
«pinnerei der Gebrttder Ohludow. Femer kommt in Betracht das Buch 
von W. W. Bohanqin: ^Die Stadt Ugütsch in der .aweiten Hälfte des 
XVnL Jahriinnderts samt Plan des alten Uglitsch* (ropofl'b yrjin^Tb 
BO BTOpoö noJiOBHHis XVIII. CT.) Kaluga 1901. iln diesem Buche 
findet sich der Inhalt eines interessanten Registers, welches sich auf 
das Jahr 1767 bezieht und in der Uglitscher Provinztalkanzlei her- 
gestellt worden ist. Der Autor hat dieses Register in der Bibliothek 
eines Kalngaer Liebhabersammlers von Büchern gefunden. Dieses 
Register enthält Daten über die steuerpflichtige Bevölkerung der Stadt 
Ugütsch, der Ortschaft Mologa und dos Uglitscher Ujesd, über die der 
Bevölkerung obliegenden Abgaben und eine kurze geographische Scliilde- 
mng der Stadt und ihres Ujesd. Weiter nennen wir das Buch des 
Pfarrers N. J. Sohischkin „Die Geschichte der Stadt Jelabuga seit 
ältesten Zeiten'' (HcTopin ro])OAa Ejiaöyrii ct> ApeBH'fefimHX'b 
BpeMeni)) Jelabuga 1901. In diesem Buche unteminimt es der Verfasser; 
die Geschichte der genannten, im Gouvernement Wjatka liegenden 
Stadt seit ältesten Zeiten zu schildern. Es ist dies keine Gescliichte; 
sondern vielmehr eine chronologische Aufzeichnung von* Begebnissen ohne 
jedwede Verbindung. Jedoch finden wir auf den ersten Seiten inter- 
essantC; größtenteils noch nicht veröffentlichte Daten über die Ge- 
schichte der ersten Ansiedlung dieser Stadt und deren Wachstum im 
Laufe des XVII. Jahrhunderts. Endlich nennen wir noch das Buch 
von M. P. Stepanow „Das Dorf Iljinskoje. Historiseher Beitrag"^ 
(CeJio liJibiiHCKoe, iiCTopiPiecKiü OHepKi>) Moskau 1900. Dieses 
Buch enthält eine historische Schilderung des genannten, in der Nähe 
von Moskau liegenden Dorfes. Im Jahre 1864 hat die Kaiserin Marie 
Theodorowna dieses Dorf erworben und seit dem Jahre 1882 ist es 
Eigentum des Großfürsten Sergej Alexandre witsch. Das Buch enthält 
aus Archivquellen entnommene Mitteilungen über die Wirtscliafts- 
geschichte des Dorfes im XVIL, XVIII. und XIX. Jahrhundert. 

Indem wir von der Geschichte der Volkswirtschaft zur Geschichte 
der sozialen Verhältnisse übergehen, müssen wir in er<iter Reihe die 
Literatur zur Fra«fe über die Existenz feudaler Verhältnisse in Rußland 
erwähnen, einer Frage, welche für die Fachgelehrten von besonderem 
Interesse ist. Das Verdienst, diese schon früher in der russischen 
Geschichtsliteratur behandelte Frage neuerdin(;s aufgenommen und die 
Lösung derselben versucht zu haben, gebührt N. 1\ Pawo-ow-Ssilwansky. 
Noch im Jahre 1898 führte Pawlow-Ss[LWANSKY in seinem in den „Mit- 
teilungen der kaiserlichen russischen archäologischen Gesellschaft^^ 
Bd. IX, l.und 2. Lief., erschienenen Beitrag „Sakladnitschestwo-Patronaf' 
(3ai;JiaAHinecTBO-iiaTpoHarb) eine Parallele zwischen dem russischen 
Sakladnitschestwo und der westeuropäischen Kommendation durch. 
In seinen neuen Arbeiten „Die Immunitäten in Rußland zur Zeit des 
Teilfürstentums" (HMMyHiiTCT'b B'b yjxi>JihRoil Pycii) — erschienen in 
der „Zeitschrift des Ministeriums für Volksau fklilrung" 1900 und separat — 



Referate. 169 

qimI ,,Die Feudalyerhältnisse in Rußland zur Zeit des Teilfürstentums^' 
(OeoflaJibHHH OTHomeniH bt> yjx'hJihnoü Pycii) — ersehienen in der 
.Zeitsehrift des Ministeriams für Volksaufklärnng'' 1901 und separat -^ 
Mi der Autor die Ähnlichkeit der Steuer- und Gerichtsprivilegien 
4er altmasischen Grundbesitzer und der Immunitäten in Westeuropa 
miteinander fest und findet auch in Rußland im XIIL, XIV. und 
lY. Jahrhoedert den Yasallendienst; das Eigentum am Lehensgut und 
die ZeEsplitterung der souveränen Gewalt. Die Ansichten Pawlow- 
toLWANSKYs sind seitens W. J. Ssergejewitschs und F. W. Taranowskys 
eiser Kritik unterzogen worden. Sseroejewitsch gibt zwar in seiner 
Arbeit „Sakladnitschestwo im alten Rußland" (3aKJia;iHHMecTB0 Bi> 
jpeBHeÜ Pycil) — [„Zeitschrift des Ministeriums für Volksaufklämng»^, 
1901, Nr. 9] die Ähnlichkeit des Sakladnitschestwo und des Patronats 
zu, aber er sieht die Ursachen der Entstehung des Sakladnitschestwo 
in der Verschuldung. Pawlow-Sstlwansky hat darauf in seiner 
Arbeit „Neue Erklärung des Sakladnitschestwo" (HoBOe o6l>HCHeni(» 
aaiCJiaziHHHeCTBa) — erschienen in der „Zeitschrift des Ministeriums für 
Volksaufkiärung", 1901, Nr. 10 — erwidert. Taranowsky konstatiert 
in seiaem in den ,, Warschauer Universitäts-Nachrichten" (1902, IV. Buch) 
▼eriSffentliehten Beitrag ;,Der Feudalismus in Russland" (Oeo;iaJiii;3Ml) 
Bl> Poccifi), daß die Argumentation Pawlow-Ssü.wanskys überzeugend 
sei, hlüt aber dessen Erklärung der Ursachen der unvollständigen Ent- 
wieklung des Bojarenfeudalismus für nicht stichhaltig. Bei voller 
Anerkennung der jrertvollen Arbeiten Pawlow-Ssilwanskys müssen wir 
dennoch feststellen, daß sich der Verfasser in seinen Ausführungen über die 
Entwicklung der Feudalverliäitnisse im alten Rußland, wo ein vollständig 
entwickelter Feudalismus nie existiert hat, einiger Übertreibung schuldig 
macht und daß er auch keine volle und richtige Aufklärung der Ursachen 
der hier obwaltenden Unterschiede zwischen Rußland und Westeuropa gibt. 
Hervorragenden Wert für die Sozial-Geschichte des alten Rußland 
hat femer das Buch von A. S. LAPPO-DANn.EWSKiJ: „Geschichts- 
forsdinngen über die Fesselung der gutsherrlichen Bauern au die Scholl i 
im Moskowischen Reiche im XVL—X VE. Jahrhundert" (Pa3UCKain>i 
no iicTopiii npiiKpin-ieHiH Baa;i1i,ih^ieciciix'h KpecTbHH'b in. 
MocKOBCKOMl» rocy^apcTB-fc XVI. n XVil. ß.), erschienen im „Bericht 
über die Erteilung des 41'"° Preises des Grafen Uwarow" und separat. 
Diese ^ Geschieh tsfor«$chungen" bilden einerseits eine Besprechung des 
von M. A. Djakonow im Jahre 1898 veröffentlichten Buches „Beiträge 
zur Geschichte der Landbevölkerung im Moskowischen Reiche" (O^epRli 
MdTh HCTopin cejibCKaro nacejieniM »!> MocKOBCKOMb rocy^ia- 
jiCTBli), haben aber, abgesehen von den vielen wichtigen kritischen 
Bemerkungen« den Wert einer selbständigen Studie, welche viele neue 
Gesichtspunkte über die Frage der Entstehung der Leibeigenschaft in 
Rußland eröffnet. Mit besonderer Gründlichkeit erklärt der Autor den 
Proxeß der Fesselung der Bauern an die Scholle auf Grund ihrer 
dauernden Seßhaftigkeit, desgleichen die verschiedenen Arten der 
wirtschaftlichen Hilfe; die der Grundbesitzer dem Bauern angedeihen 
ließ, das daraus erstandene Ahhängigkeitsverliilltnis n. s. \v. 



170 Referate. 

G. N. ScuMELEW schildert in seiner Broschüre „Einige Bemerkungen 
über die Einhöfler" (HtCKOJlbKO saM-fe^aHÜt o6'b OJtllOOTOpi^ax'b) 
[Charkow 1901] — , welche sich eigentlich als eine Rezension der yon 
N. A. Blagoweschensky herausgegebenen Studie „Das Viertteilreoht" 
(HeTBepTHOe npaBO) darstellt — , nach publizierten und nicht publi- 
zierten Quellen den Prozeß der Entstehung des Einhöflerstandea 
(Odnodworzy). So wurden die im XVII. Jahrhundert an der südlichen 
Greuze des Moskowischeu Reiches wohnhaften Lehnsmänner genannt, 
welche keine Bauern hatten und mit eigenen Händen ihren Acker 
bauten. Im XVUI. Jahrhundert bilden sie einen besonderen Teil der 
Domäneubauern. Auch schenkt der Verfasser viel Aufmerksamkeit den 
Formen des Eigentums dieser Einhöfler und er zeigt, wie sich diesem 
aus dem ursprünglichen Charakter des Skladnitschestwo nach und nach 
in erbliches Privateigentum verwandelt hat. 

Aus den Arbeiten zur Geschichte der Bauernverhältnisse in späteren 
Zeiten heben wir in erster Reihe das hervorragende Werk von W. J. Ssb- 
MEWSKiJ hervor: „Die Bauern in der Regierungszeit der Kaiseriu 
Katharina IL" (KpecTbiffie B'b i^apcTBOBanie iiMnepaTpimu 
EKaTepiiHbi U.). Der erste Band dieses Werkes ist schon im Jahre 1881 
erschienen. Dieser Band ist der Geschichte der gutsherrlichen Leibeigenen 
und den „Possessionsbauem" gewidmet. Unter der letztgenannten Bezeich- 
nung versteht man diejenigen Bauern, welche unveräußerliches Eigentum 
der Privatfabriken und Hüttenwerke waren. Iiit Jahre 1903 erschien dieser 
Band in zweiter Auflage. Im Jahre 1901 erschien der 11. Band, welcher, 
abgesehen von der umfiingreicheu Einleitung, die Geschichte der der 
kaiserlichen Gutsverwaltung unterstehenden Bauern, femer die Ge- 
schichte der Bauern auf den kirchlichen Gütern (diese erhielten nach 
der Säkularisation im Jahre 1764 die Bezeichnung ,,Ekonomil8cheskyje^), 
die Geschichte der Domänenbauern u. s. w. enthält. Die Geschichte 
aller dieser Gruppen ist auf Grund eines umfangreichen, größten- 
teils aus einer ganzen Reihe von Archiven entnommenen Materials 
verfaßt. Der Verfasser bringt Daten über die Kopfzahl jeder Gruppe, er 
schildert die Verwaltungseinrichtungen und Verwaltungsorgane, denen 
die Bauern unterlagen, die Abgabepflichten der Bauern, ihre allgemeine 
Lage, die Bauemunruhen u. s. w. Mit großer Ausführlichkeit behandelt 
er die Frage des Grundbesitzes verschiedener Bauemgruppen, wobei 
er das Hauptaugenmerk der Frage des Überwiegens des gemeinsamen 
oder aufgeteilten Grundbesitzes zuwendet. Ein Teil dieses Bandes ist in 
einer ganzen Reihe von separaten Abhandlungen (seit dem Jahre 1879) 
erschienen. Einige von ihnen sind zu finden : in ,,Russkaja Myssl^^ 1900^ 
Nr. 1, 3, 4, 5; 1901, Nr. 1 und 6; weiter in „Russkoje Bogatstwo" 1901, 
Nr. 1 und 2. 

Die Frage des bäuerlichen Grundbesitzes behandelt das Buch von 
W. W. (WORONZOW) „Zur Geschichte des Gemeindebesitzes in Rußland^ 
(KT) HCTopiH o6miiHU BTy Pocciö), Moskau 1902. Die Frage über 
die Entstehung des Gemeindebesitzes beschäftigt schon lange die 
Gelehrtenwelt, doch ist die Frage bis heute nicht gelöst. Angesichts 
dessen ist die Ansammlung tatsächlicher, auf diese Frage bezüglicher 



Referate. 171 

Daten von großer Wichtigkeit^ und es ersclieint uns daher das genannte 
Buehy weil es eben diesen Anforderungen entspricht, von Bedeutung. 
Der Autor stutzt sich auf sehr wichtige archivalische Quellen und 
bringt auf Grund dessen ein sehr interessantes tatsächliches Material 
ziir Geschichte des Gemeindebesitzes in Rußland. Ein Teil dieses Buches 
war früher und teilweise in dem von uns in Betracht gezogenen Zeit- 
raum ttn der „Russkaja Myssl^' 1900, Nr. 4, 1901, Nr. 12, erschienen. 

Aus den kleineren Arbeiten zur Geschichte der Bauemverhältnisse 
verweisen wir auf das vorzügliche Buch der Frau J. J. Iönatowitsch : 
-Die gutsherrlichen Bauern am Vorabend ihrer Befreiung" (IIo- 
MtiiprqbH KpecTbHHe HaKaEyni ocBo6o;K;ieHiH) 8t. Peters- 
burg 1902« Dieses Buch ist zunächst in separaten Abhandlungen in der 
Zötschrift „Russkoje Bogatstwo" 1900, Nr. 9 — 12, erschienen. Es 
kennzeichnet sich durch die populäre Darstellung, wobei es aber 
trotzdem wissenschaftlichen Wert behält, da das von der Verfasserin ge- 
sammelte, umfangreiche Material sehr geschickt verarbeitet ist. Die 
Verfasserin gibt hier Aufklärung über die Zahl der Leibeigenen am 
Vorabend ihrer Befreiung, über die Lage der Zinsbauern (Obrotschnye), 
Frohnarbeiter (Barstschinnye) und leibeigenen Dienerschaft (Dworowye), 
sodann ttber die Wirkung der Leibeigenschaft auf das Volksleben und 
die dadurch bewirkten Schäden. So hat der Leser die Möglichkeit, 
sich auf Grund einer kurzgefaßten Schilderung eine lebhafte Vorstel- 
lung von der Lage der Leibeigenen am Vorabend ihrer Befreiung zu 
machen. Dank den oben angedeuteten Vorzügen liest man das Buch 
vom Anfang bis zum Schlüsse mit ungeschwächtem Interesse. 

Nicht dasselbe kann man von einem anderen Buch behaupten, 
welches derselben Frage gewidmet ist, sich aber eine weiterreichende 
Aufgabe gestellt hat. Wir denken an das Buch von Nosso witsch „Wie 
die Bauern aus freien Leuten Leibeigene, und wie sie dann wieder frei 
wurden"* (ItaiTb KpeCTbHHe llS^h aiO^eÜ BOJIbHHXT> CTajiH Kpi- 

nocTHtiMH, n saTtM'b cHOBa BoabntiMH) Reval 1901. Das Buch 
stellt sich die Aufgabe — wie der Verfasser in der Einleitung selber sagt — , 
.eine kurze, womöglich genaue und zusammenfassende Schilderung der 
Entstehung, Entwicklung und Abschaffung der Leibeigenschaft^' zu 
geben. Man kann jedoch nicht behaupten, daß diese Aufgabe gelöst 
worden sei. Das Buch ist selir oberflächlich gehalten, es verrät den 
Mangel an notwendiger Sachkenntnis und hat daher keinen wissen- 
schaftlichen Wert, um so mehr als auch tatsächliche Irrtümer darin 
zu linden sind. 

Zu erwähnen sind hier ferner die interessanten Arbeiten von 
Th. Th. WoROPONOW: „Die Bauernreform im südwestlichen Gebiete" 
(KpecTbHHCKaa pe(J)opMa bT) loro-aana^iHOM'b Kpat) [„Westnik 
Ewropy'^ 1900, Nr. 8 und 9] und ,^Die Bauemfrage im südwestlichen 
<iebiete" (KpecTbflHCKoe jxh^io b-l loro-aanazinoM'B Kpat) [in der- 
selben Zeitschrift 1902, Nr. 1, 2 und 9]. Der Verfasser hat sich im dienst- 
lichen Auftrage im Laufe von 8 Jahren im südwestlichen Rußland mit 
der Bauemfrage befaßt In den genannten Untersuchungen schildert er 
tf"]] weise auch auf Grund persönlicher Erfahrungen den Prozeß, der 



172 Referate. 

aur endgültigen Aufhebung der Leibeigenschaft geführt bat. Der vom 
Autor in Betracht gezogene Zeitraum liegt zwischen den Jahren 1847 
und 1860, d. h. zwischen der Einführung der Inventargesetze, welche 
die Regulierung der Beziehungen zwischen Bauer und Gutsherr be- 
zweckteu; und dem schließlichen Zustandekommen der Reformen. 

Denselben Wert, doch in bezug auf ein anderes Gebiet, hat der 
Beitrag von A. Jeropkin : ,.Die Tendenzen der Rjasaner Adelschaft am 
Vorabend der Bauernbefreiung" (TeiiAeHqiH pHsancKaro ^BopilH- 
CTBa HaKaHVH'b KpecrbHiiCKOK pe(|)opMU), erschienen im „Obra- 
sowanye" 1902, Nr. 7. 8. 

Zur Geschichte der städtischen Stände in Rußland ist der kleine 
Beitrag von A. A. Ktesewetter nennenswert: „Wählerversammlungen 
in den Städten (Possad) im XVin. Jahrhundert" (Hoca.lCKie 
iiaÖHpaTeJibHbie cxo;iu bi» XVIIL ct.), erschienen im „Russkoje 
Bogatstwo" 1902. Dieser Beitrag ist in dem unlängst veröffentlichten 
und von uns schon erwähnten Buche desselben Autors: „Die 
Stadtgemeinden Rußlands im XVni. Jahrhundert^' enthalten. Auf 
Grund nicht publizierter Quellen werden in diesem Beitrag Fragen 
ttber die Organisation der Vorstadt Versammlungen, deren Funktionen 
und Zusammensetzung und ihr Zusammenhang mit den sozialen Ver- 
hältnissen des russischen Städtelebens im XYIII. Jahrhundert erörtert. 
Irenes, bisher in der Literatur unbekanntes Material gibt dem Autor 
die Möglichkeit, viele neue Tatsachen ans Licht zu bringen und sie 
zu einem Ganzen zu verknüpfen. 

Um die Übersicht der Literatur über die Sozialgeschichte Rußlands 
zu schließen, bedarf es noch des Hinweises auf das von A. Tobien ver- 
faßte Buch: „Die Livländische Agrargesetzgebung im XIX. Jahrhundert^' 
(JlH(|)jiHHACKoe arpapHoe 3aK0H();iaTejibCTB0 bT) XIX. ct.) L Bd., 
lüga 1900. Der Autor erörtert hier die Geschichte der Bauerngesetz- 
gebung in Livland in den Jahren 1804 und 1819. Er hat ein sehr 
interessantes und reichhaltiges Tatsachenmaterial zusammengestellt^ 
welches die Geschichte der Aufhebung der Leibeigenschaft in Livland 
sehr klar beleuchtet, doch hält seine Eonstruiernng der abstrakten 
Schlüsse bei weitem der Kritik nicht stand. Denn er schenkt den 
wirtschaftlichen Grundbedingun;>cn tles von ihm erforschten Gebietes 
nicht genug Aufmerksamkeit, sondern sieht den Grund der Erschei- 
nungen hauptsächlich in der persönlichen Machtsphäre und den zu- 
fälligen Umständen. Das Buch ist ursprünglich in deutscher Sprache 
erschienen und erst später ins Russische übersetzt worden. 

Indem wir zur Literatur über die Finanzgeschichte Rußland ^ 
tibergehen und zunächst die Literatur zur Finanzgeschichte des alten Ruß- 
land ins Auge fassen, nennen wir vor allem das Buch von M. W. Downar- 
Sapolskij: „Die Staats Wirtschaft des Großfürst ntums Litauen in der 
Zeit der Jagellonen" (rocy;icipcTBeiinue xo:3HfiCTBO Baiincaro 
KHHÄcecTBa .TIirroBCKaro npii Hre.Ti.ioHax-b) Kijew 1901. Es ist 
dies der Anfang eines umfangreichen, hauptsächlich auf Archivquellen 
beruhenden Werkes. In dem ersten Bande, gleich nach der Einleitung, 
wird die Frage jener Einnahmen des Großfürsten von Litauen eriHrrt, 



Referate. 173 

welche ihm aus seiner gerichtlich-administrativen Tätigkeit zuflössen. 
Ferner bdumdelt der Autor die Fragen des Staatsvermögens^ der 
Konsumsteuer, des MtHizwesens, der Zinsen und Abgaben, der Dienst- 
leistungen, wie Militärdienst, Yorspannleistung, Qnartierpflicht, die Ver- 
pifichtung zum Instandhalten der Straßen, VVächterdienste u. s. w.^ der 
firekten Qeldsteuer und drgl. In seinem Werke bringt Downar- 
Sapolsku Yieie neue und wertvolle Tatsachen nnd gibt ihnen eine 
riehtige Erklärung. Widerspruch ruft bloß die Erklärung der Ent- 
sldiung des Steuersystems aus der politischen Geschichte des litauischen 
Rußla^ hervor. Richtiger wäre, sich zunächst mit der Wirtschafts- 
gesciiehte zu befassen und erst auf dieser Basis die Finanzgeschichte^ 
zu koastmieren. 

Nieht wenig wichtige und neue Tatsachen finden sicli in dem Buche 
von J. J. Gürland: „Die staatliche Pferdepost (Jamskaja Gonbä) im 
Moakowischen Reiche bis Ende des XVII. Jahrhunderts^^ (HMCKaH 
roHbÖa B'b MocKOBCKOM'b rocj/iapcTB'b 40 Konica XVII. ct.), 
Jaroslawl 1900. Das Buch bringt die Geschichte der Staatspost im 
alten Rußland, nebst einer sehr ausführlichen Untersuchung ihrer Or- 
ganisation. Der Verfasser sucht die Ursachen ihrer Entstehung in tata- 
riselien Einfltissen und bemttht sich auch^ die Ändenmgen in ihrer 
Organisation zu erklären. Doch kann er in diesen beiden Punkten 
den Leser nicht befriedigen, denn er ignoriert den Boden, aus welchem 
diese Erscheinungen emporwuchsen, nämlich den Boden der volks- 
wurtschafttichen Verhältnisse. Er Übersieht zum Beispiel, welchen Ein- 
floß auf die Organisation der staatlichen Pferdepost die Entstehung 
der Geldwirtsehaft gehabt hat. 

Neues Tatsachenmaterial zur Finanzgeschichte des Moskowiscben 
Keichea im XVn. Jahrhundert bringen folgende Beiträge: „Das Brüeken- 
oad Mautengeld in Nowgorod und Moskau im XVIL JaMHindert" 
(MocTOBHH H ptineroHHHii ;ieHhni B'b HoBropo/t* h Mockb* 
BT> XVn. B^Kt) von A. S. Lappo-Danilewskij, erschienen in den 
.Mitteilungen der geschichtlich-philologischen Abteilung der Kaiserl. 
Akademie der Wissenschaften", V. Bd., Nr. 4. „Die nordrussischen Erb- 
register als Quellenmaterial zur Geschichte der Besteuerung" (C'&BepHUH 
nncixoBtw KHHTH, KaKi> Maxepiaji'B ji:hh HCTopiii oÖJiomema) 
▼oe P. J. Iwanow und „Das Budget des Rasrjads" (BiOA^ex'b Paapa/^a) 
von W. P. Alexejew. Beide letztgenannten Beiträge sind in der Zeit- 
schrift ^Altertümer. Arbeiten der archäographischen Kommission der 
Moskauer archäologischen Gesellschaft'*, II. Bd., 1. Lief., erschienen. 

Der Finanzgeschichte Rußlands im XVIII. Jahrhundert ist die von 
N. N. Fmssow in den „Wissenschaftlichen Memoiren der Universität 
Kasan'^ 1901 und 1902 und separat erschienene Arbeit „Die Regierung 
und die Gesellschaft in ihren Beziehungen zum Ausfuhrhandel in der 
Begieningszeit der Kaiserin Katharina II." (ripaBHTeJibCTBO ii o6- 
mecTBO BT» laiy oTHomeHlii ktj BHiniHeü ToproBJi'fe Bt i;aix5- 
TBOBaniÄ liMnepaTpiiUK EKaTepiiHhi II.) gewidmet, ffier wird die 
Gesebicbte einer besonderen Institution, die den Namen „Kommerz- 
Konnrission" („KOMMHCcIh o KOMMep^itt") führte, geschildert. Diese 



174 Referate. 

Kommerz-Kommission hatte sicii mit den Fragen des Ausfuhrhandels 
zu befassen. Der Autor behandelt einige Finanzprbjekte, welche dieser 
Kommission vorgelegt wurden. Femer findet sich in der Arbeit die Lite- 
ratur zur Frage über die Handelspolitik Rußlands im XVIII. Jahrhundert, 
und es werden außerdem jene Veränderungen auf dem Gebiete der 
Handelspolitik einer Erörterung unterzogen, welche zur Zeit Katharina U. 
von der Regierung vorgenommen wurden. Hie und da bringt der Autor 
interessante, den Archivquellen entnommene Daten, doch ist sein Vorrat 
in dieser Beziehung nicht groß. Man kann mit Bestimmtheit sagen, 
daß sich die Daten verhundertfachen ließen. Andererseits bringt er 
vieles, was schon längst bekannt ist. Deswegen kann dieses Buch als 
etwas wertvolles nicht betrachtet werden. Ein Teil dieses Buches ist 
auch in der Form einer separaten Abhandlung in der „Zeitschrift des 
Ministeriums für Volksaufklärung" 1901, Nr. 9, erschienen. 

Innerhalb des von uns in Betracht gezogenen Zeitraumes sind zwei 
Bände — 11. und lU. — des umfangreichen Werkes „Der russische 
Staatskredit (1769—1899), Versuch einer historisch-kritischen Übersicht'^ 
(PyccKiö rocyziapcTBeHHUü KpeAim> [1769-1899]) von P. P.Mi- 
GüLiN, Professor an der Universität Charkow, erschienen. Dieses 
Werk stellt sich die Aufgabe, eine vollständige Übersicht des russischeu 
Staatskredits bis auf die Gegenwart zu geben und wird auch dieser 
Aufgabe vollständig gerecht. Der I. Band ist im Jahre 1899 erschienen. 
Er enthält eine geschichtliche Übersicht des russischen Staatskredits 
in der Regierungszeit Katharina U. und in der darauf folgenden Epoche 
und schlißt mit der Tätigkeit des Finanzministers N. Ch. Bunge in- 
klusive (d. h. bis zum Jahre 1886). Der U. Band ist im Jahre 1900 
erschienen. Er behandelt die Epoche der Tätigkeit des Finanzministers 
J. A. Wischnegradsky (1887—1892). Der Autor befaßt sich mit den 
Konversionen, welche der genannte Finanzminister vorgenommen hatte, 
sodann mit dem Eisenbahnkredit und der Eisenbahnpolitik, mit dem 
staatlichen Hypothekarkredit und resümiert die Finanztätigkeit Wischne- 
gradskys. Der IQ. Band ist in drei Lieferungen in den Jahren 1901 
bis 1902 erschienen. Dieser Band ist der Tätigkeit des Finanzministers 
S. J. Witte gewidmet (bis 1902). Die erste Lieferung behandelt die 
Konversionsoperationen, welche unter Witte vorgenommen wurden. 
Die zweite Lieferung behandelt die Valutareform und die mit ihr ver- 
bundenen Kreditoperationen. Die dritte Lieferung behandelt endlich 
die Eisenbahnanleihen und die Eisenbahnpolitik. Der höchste Wert 
dieses Werkes liegt in der erschöpfenden Vollständigkeit in der Be- 
handlung der Aufgabe, die sich der Autor gestellt hat. Der Verfasser 
hat nicht nur das auf dieses Thema bezügliche veröflfentlichte Material 
verwertet, sondern auch das bis jetzt nirgends publizierte Archiv-Material 
ausgenützt, welches ihm das Finanzministerium zur Verfügung gestellt hat. 
Daher ist die Arbeit Migulins von großem Interesse, und dies um so 
mehr als der Verfasser jede von ihm erwähnte Handlung der russischen 
Regierung auf dem Gebiete des Staatskredits einer kritischen Beleuch- 
tung unterzieht. 

In den „Kijewer üniversitätsnachrichten" 1900, Nr. 1, 3, 4, 5, 7, 8, 
9 und 12; 1901, Nr. 3 und 4, findet sich die Arbeit von P. L. KowAirKO 



Referate. 175 

^l>ie wichtigsten Bungeschen Reformen des Finanzsystems in Rußland ' 
<rjiaBffböimfl pe(J)opMH, npoBe^eHnhiH H. X. Bynre wb (j)iiHaH- 
cOBOfi CHCreMt Poccm). Diese Arbeit stützt sich nicht auf ein ebenso 
rdches Arcbivmaterial, wie das Werk Mioulins, doch enthält sie eine 
sdir ausführliche Schilderung der finanziellen Maßregeln Bunges. Der 
Autor hat für seine Arbeit^ abgesehen von dem gedruckten Material; 
auch die Schriftstücke aus der Bungeschen Bibliothek benützt, welche 
Jeiit der K^ewer Universität einverleibt ist. 

Ein sehr reiches und wertvolles Tatsachenmaterial findet sich in 
dem dreibändigen Werke von N. A. Kisslinskij: ,. Unsere Eisenbahn- 
politik nach den Dokumenten des Archivs des Ministerkomitee ^' 
{Hama »eatano^opoHCHaa iiojinTHKa iio ;toKyMeHTaMT> apxHBa 
KOMHTera MllHHcrpOB'b). Dieses Werk ist in St. Petersburg im 
Jahre 1902 im Verlag der Ranzlei des Ministerkomitee erschienen. In 
»ehr ausführlicher Weise schildert der Verfasser in strikter Reihenfolge 
die Wendungen der russischen Eisenbahnpolitik in der Kegierungszeit der 
Kaiser Nikolaus I.; Alexander IT. und Alexander III. Damit ermöglicht 
KissLiKSKU das Verständnis der Grundzüge der Entwicklung der Eisen- 
bahnpolitik und der Ursachen der hier vorgenommenen Veränderungen. 
Dotiiy um zu richtigen Schlüssen zu gelangen, ist es unerläßlich^ von der 
Darstellnngsweise des Verfassers abzusehen, denn die Veränderungen 
In der Eisenbahnpolitik lassen sich nicht nach Regierungsperioden ein- 
teilen, sondern umgekehrt, jede Regiernngszeit zerfällt, wie in vielen 
anderen, so auch in dieser Beziehung in verschiedene Perioden« Mau 
sieht leicht, daß es dem Verfasser an den notwendigen allgemeinen und 
weiterrdchenden Gesichtspunkten gebricht und es kommen auch des- 
wegen einige oberflächliche Erklärungen und sogar ganz unbegründete 
Erläuterungen von Tatsachen vor. Da der Verfasser kein Gelehrter ist, 
sondern ein gewissenhafter Sammler und Ordner des Materials, so hat 
audi sein Werk nur als eine Schatzkammer für dieses Material eine 
große Bedeutung. 

IV. 

Die wichtigsten populär-wissenschaftlichou Arbeiten über 

die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Rußlands. 

Von den Arbeiten^ welche einen populär-wissenschaftlichen Zweck 
▼erfolgen, trotzdem aber, dank der Originalität ihrer Schlüsse einen 
wissenschaftlichen Wert haben, nennen wir in erster lleihc den im 
Jahre 1900 in vierter Auflage erschienenen I. Teil des Buches „Bei- 
träge zur Geschichte der russischen Kultur" (OnepRil iio iiCTOpüi 
pycCKOÄ KyabTypw) von P. N. Miljukow. Dieses mit großem Talent 
verfaßte Buch enthält unter anderem Beiträge zur Geschichte der Be- 
vjjlkemng, der Kolonisation, der Volks- und Staatswirtschaft und der 
geseilaehaftlichen Organisation und erfreut sich beim russischen Publi- 
kum eines großen Erfolges. 

P. M. GOLOWATSCHOW befaßt sich eindringlicli in seinem Buche 
^Sibirien. Natur, Menschen und Leben** (Cn6TTm>. Tlpüpo-TP, .ii-an, 



176 Referate. 

^H3Hb), Moskau 1902^ mit der Geschichte der Kolonisation Sibiriens 
und mit der (leschichte der wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Reichs* 
teiles. 

In letzterer Zeit läßt sich in Kußland eine Vermehrung der Zahl der 
Handelsschulen beobachten, welche dem Ressort des Finanzministeriums 
unterstehen. Diese Vermehrung erklärt sich einerseits durch das An- 
wachsen des Handelsstandes — diese Schulen werden größtenteils aof 
Privatkosten betrieben und beziehen von der Regierung nur eine ge- 
ringe Subvention — und andererseits durch jene relative Freiheit in. 
ihrer Orga^isation^ welche diese Handelsschulen im Vergleiche mit den 
dem Ministerium fttr Volksaufklärung unterstehenden Mittelschulen ge- 
nießen. Zu den Lehrgegenständen der Handelsschulen gehört auch 
die Handelsgeschichte, doch ist die Geschichte des russischen Handels 
bis jetzt nicht weit vorgeschritten. Es existiert kein Buch, welches 
sich zur Aufgabe gemacht hätte, in knapper Form den russischen 
Handel im Rahmen der russischen Geschichte zu schildern. Zwar hat 
dies J. KosLOWSKiJ in seinem Buch : ,,Kurze Übersicht der Geschichte 
des russischen Handels" (KpaTKÜi ()MepKT> ifCTopÜl pycCKOÖ TOp- 
rOBJiH) — Kijew 1900, 2 Lieferungen — versucht. Der Autor ver- 
folgt hier zwei Ziele: sein Buch soll als Lehrmittel beim Unterricht 
der Handelsgeschichte in den Handelsschulen dienen und andererseits 
jedem durchschnittlichen Leser die Möglichkeit geben, sich mit diesem 
Them^ vertraut zu machen. Allein das Buch trägt den Charakter 
einer bloßen Anhäufung von Tatsachen, welche weder zueinander noch 
zu den wirtschaftlichen Bedingungen der bezüglichen Epochen in irgeod- 
welche Verbindung gebracht sind. Das ist ein Mangel, der den Ge- 
brauch des Buches erschwert. Allenfalls verdient es, als erster Ver- 
such einige Aufmerksamkeit. 

Denselben Zweck, den der populären und gleichzeitig für den 
Unterricht geeigneten Darstellung nämlich, verfolgt das Buch von 
X. A. RoscHKOw: „Lehrbuch der Geschichte Rußlands für Mittelschulen 
und Selbstunterricht" (yHeÖHHKTb pyccKOÖ iiCTopiii JXJia cpeAHHX'b 
y4e6iihix'b aaBejieHÜi H ;iJiH caMOOÖpaaoBaniH). Der Verfasser hat 
sich bemüht, eine allgemeine und populär-wissenschaftliche Schilderung 
des Prozesses der Entwicklung der nissischen Geschichte auf öko- 
nomischer Basis zu geben. Das Buch enthält hauptsächlich allgemeine 
Schemen und Schlüsse bei einem Minimum faktischer, konkreter Tat- 
sachen. Denn der Verfasser ist der Meinung, daß die Darstellung des 
konkreten Inhaltes dem Vortrag des Lehrers überlassen werden muß 
und daß sie den Ausgangspunkt für jene gemeinschaftliche Arbeit 
des Lehrers und der Schüler in der Schule bilden soll, welche erst 
zu allgemeinen Ausführungen hinüberleitet. Diese allgemeiiien Aus- 
führungen sollen dann die Schüler zu Hause im Lehrbuch iiach- 
schlageu und wiederholen können. 

Populären Zweck verfolgen ferner folgende Arbeiten desä'elhea 
\erfa8aer8: ..Stadt und Land in der russischen Geschichte. Zur 
Wirtschaftsgeschichte Rußlands" (TopOAl^ " AepeBHH Bl> pycCKOfl 
iiCTOpili). Es sind dies öflfentliche Vorlesungen, welche der Verfasser 



Referate. 177 

in mehreren russischen Städten gehalten hat, welche sodann in 
der Zeitschrift „Mir Bozy" 1902, Nr. 4, 5 und 6 veröffentlicht und 
nachher als separates Buch erschienen sind. Weiter ,,Die Entwicklung 
der ökonomischen und sozialen Verhältnisse Rußlands im XIK. Jahr- 
himdert^^ (PaaBHxie BKOHomnecKHX'b h couiajibHHX'b OTHomeniÄ 
B-b Pocciö XIX. BtKa), erschienen im „Obrasowanye" 1901, Nr. 1, 
md schließlich „Die Landwirtschaft im Moskowischen Rußland im 
XVL Jahrhundert und ihre Wirkung auf die sozialpolitischen Verhält- 
Biaae jener Zeit" (CeJibCKoe X03iifiCTB0 Mockobckoö PycH Bt 
XVL BtKt), erschienen im „Mir Bozy" 1900, Nr. 12. Die letzt- 
genannte Arbeit bildet den Versuch einer populären Ausführung jener 
Schlflsse, zu welchen der Autor in seinem im Jahre 1899 erschienenen 
Bache: ,J>ie Landwirtschaft des Moskowischen Rußland im XVI. Jahr- 
hundert'' gelangt ist. W. v. Dehn. N. Roschkow. 



Dr. WiLH. V. MsDiNGER. Wirtschaftsgeschichte der Domäne 
Lobe sitz. (Wien 1903, C. W. Stern, 8. 203, h. 4^) 

Das Torliegende Buch ist eine Dissertationsschrift aus dem staats- 
wissenschaftlich-statistischen Seminare zu Halle a. 8., der Verfasser 
selbst ein Schüler des Altmeisters Prof. Joh. Conrad, der die Behand- 
hing dieser Frage auch angeregt hat Das Werk gesellt sich zu ähn- 
Kehen, die in diesem Seminare früher entstanden sind und die Geschichte 
der deutschen Landwirtschaft darstellen wollen, und „soll einen Beitrag 
rar Entwicklungsgeschichte der österreichischen Landwirtschaft bilden" ; 
y^das Aktenmaterial wurde jedoch mehr vom allgemein-wirtschaftlichen 
Standpunkte aus, als vom landwirtschaftlich-fachlichen durchforscht und 
verwertet". Seine Aufgabe löst der Verfasser in 12 Kapiteln, von denen 
£e 4 ersten (8. 14 — 59) das Vormaterial (klimatische und geologische 
VerhAltnisse, Geschichte, das Maß- und Mttnzwesen, dann die Flächen- 
bewegnng der Gegend) liefern, das 5. die gesamte vegetabilische Pro- 
dnktion (S. 60—97), das 6. die ganze animalische Produktion (8. 97 
bis 121) und das 7. die industrieUe Erzeugung (8. 122—126) bietet 
In den letzten 5 Kapiteln (S. 127 — 199) werden die Pachtformen, die 
Veni^altung, die Untertansverfassung und endlich die Arbeiter- und 
Preisverhältnisse besprochen. Es ist eine Erstlingsarbeit mit allen 
ikrcn Licht- und Schattenseiten. Bei dem ziemlich großen Mangel 
an dner ausschliesslich wirtschafts- und agrargeschichtlichen Literatur 
BOlunens, die von modernem, wenn auch allgemein gehaltenem 
nationalOkonomischen Geiste getragen würde, können wir dieses Werk 
md die Anregung des Prof. Conrad hierzu nur mit Freuden begrüßen 
■nd die Arbeit selbst verdient eine längere Rezension. 

Böhmen ist ein wirtschafts- und agrarhistorisch interessantes Land, 
welchea im kleinen fast alles bietet, was im großen Maßstabe beinahe 
gani Deutschland. Auch dadurch wird das Territorium beachtenswert, 
daß in Böhmen die alten slavischen agrarischen Traditionen des Volkes 
ait den deutschen und westeuropäischen Einflüssen in Berührung kommen 

n&rUliahneht. t. 8o«l*I- n. WirtaebaftsgeicbicbU. III. 12 



178 Beferate. 

Lobositz selbst lie^ an der Elbe im bökmisohen Mittelgebirge, in 
einer äußerst anmutigen, schönen, klimatisch und geologisch günstigen 
Gegend — eine Rheingegend im kleinen — deren Boden demjenigen 
am Yang-tse in China gleicht. Bei fortwährendem Besit^wechsel und 
Einfluß der äußeren politischen Ereignisse sehen wir die einzelnen 
Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung, wo die Domäne sich 
konzentriert, vergrößert, und als Hauptunternehmer des ganzen Ge- 
bietes auftritt. Besonders lehrreich ist das Kapitel von der pflanzlichen 
Produktion, das uns die ungeheuren Schäden der häufigen Kriege und 
namentlich des 30jährigen Krieges, dann den Übergang von der alt- 
geheiligten, vererbten Brach-, Dreifelder- und Kömerwirtschaft nebst 
verschiedenen Arbeitsformen der robot- und zinsungspflichtigen Unter- 
tanen (z. B. Flurzwang) zu einer mehr freien, energischen, rationellen 
und planvolleren Bewirtschaftungsart der josephinischen Zeit (eigentlidi 
schon seit dem Jahre 1750) schildert. 

Diese neuen Wirtschaftsformen legen ein größeres Gewicht auf den 
Wert des Düngers, der Ackergeräte, des Futter- und Kartoflelbaues, 
sie haben mehr Verständnis für die Fruchtwechselwirtschaft, Vieh- 
haltung und Stallftttterung, sowie für neue Arbeitssysteme nach der 
Regulierung der Robot (^eie Lohnarbeiter u. s. w.) und äußern sich 
endlich im Streben nach einer intensiveren Ausnützung der Fläche, in 
der Industrie und Pachtwirtschaft. 

Die Schafzucht hat fast denselben Prozeß durchgemacht wie in 
Deutschland : eine Steigerung bis zum Jahre 1799 und ein Herabsinken 
— infolge der Einschränkung der Hutweidenwirtschaft — bis zum 
heutigen Stande. Auch die Rindviehzucht wurde von den Verände- 
rungen auf dem Gebiete der vegetabilischen Produktion stark beein- 
flußt: im Jahre 1783 begegnen wir neben der alten Körner- und 
Brachwirtschaft der Einfahrung des Klees und um das Jahr 1850 der 
Rübe. Fast gleichzeitig erscheint auch hier wie in der Schafwirtschaft 
die Beobachtung der Vererbungsgesetze, die ktlnstliche Zuchtwahl, kurz 
die ersten modernen Zuchtprinzipien, die das Rindvieh rationell und 
planmäßig zu ihren bestimmten Zwecken heranbringen und ,,erziehen^' 
wollten. Die alte vegetarische Lebensweise der Bewohner Böhmens 
hat vor allem die pflanzliche Produktion berücksichtigt, die animalische 
dagegen vernachlässigt; das Rindvieh wurde hauptsächlich als Zug- 
und Melkobjekt betrachtet. Erst im 19. Jahrhundert erscheinen hier 
neue Nutzungsarten, besonders die Mastviehzucht; neben der Mästung 
sehen wir auch die Rücksicht auf die Düngerproduktion. Die Ver- 
edlungsversuche in betrefl' des heimischen Landschlages geschehen im 
Wege einer rationellen Ernährung und Fütterung (namentlich der voll- 
ständigen Stallfütterung) und in der Importierung von Tiroler und 
Schweizer Originalvieh (1805 K). Mit dem vergrößerten Viehstande 
vermehren sich auch die Einnahmen. Aber zugleich tritt auch hier 
die Tuberkulose auf. Die Laktizinwirtschaft (nebst dem Kälberabsatze), 
sowie die Borsten- und Geflügelzucht wurde den Schaffern in Pacht 
gegeben. Die Pferdehaltung litt ungemein unter den häufigen Kriegen 
und wuchs wieder etwas nach der Aufhebung der Leibeigenschaft auf. 
Von der alten Fischzucht blieb nur die Elbefischerei, die infolge der 




Referate. 179 

vielen Fabriken und ihrer Abfälle sehr herabgesunken ist. Zu den 
alten Indnstrialien — Brauerei und Branntweinbrennerei^ die jedoch 
au dem rein lokalen Absätze zu einem Großbetriebe nie übergegangen 
sind — kam nm das Jahr 1850 die Znckerfabrik. 

Die josephinisehen Reformen führten hier infolge des Verlustes der 
ehemaligen billigen Arbeitskräfte (1781) und des anzuschaffenden eigenen 
fndns instmctns (in betreff der Vermehrung des Zugviehstandes^ der 
Adeergeräte, dann der Baureparaturen und des Arbeits- und Aufsichts- 
personales) zu einem ausgedehnten Pachtsystem (1790), denn der 
Betrieb ist jetzt größer und teurer geworden und erfordere überall 
neue große Kapitalinvestitionen, die man eben durch die Verpachtungen 
vermeiden wollte. Die Pachtformen waren verschiedenartig. Zuerst 
wurden die kleineren Meierhöfe parzellenweise und licitando an unter- 
tiaige Bauern verpachtet^ die einer strengen Überwachung unterlagen. 
Im Jahre 1812 erscheint die erste (^esamtverpachtung eines Meierhofes 
an einen Mann; der Meiereiparzellenpacht hört im Jahre 1829 auf. 
Die einzelnen Pächter sind jetzt freier und selbständiger, aber auch 
isolierter geworden; sie genießen mehr Vertrauen und werden als 
Kapitalisten geschäftsmäßig behandelt. Es ist eine Art Großpacht. 
Dies äußert sich in dem Gegenstande, in der Dauer der Verpachtungen^), 
in der Paehtszinshöhe und in der Bewirtschaftungsart der Pachtobjekte, 
die von denselben neuen Grundsätzen beherrscht wird. Schon seit dem 
Jahre 1830 wurde die Rücknahme einzelner Höfe in die Selbstverwaltung 
lebhaft erörtert, die dann bis zum Jahre 1876 vollständig durchgeführt 
wurde. In betreff der Administration war das alte Dominium eine 
kleine^ in sich geschlossene Welt für sich. Der Verwaltungsapparat 
dar frflheren Zeiten war recht einfach, der sich erst mit der Konzen- 
trienmg des Herrschaftsgebietes und mit der intensiveren Bewirt- 
sdiaftangsart allmählich vergrößerte und differenzierte; die Pflichten, 
die Stellung und die Besoldungen der Beamten haben sich den Zeit- 
verhäitnissen augepaßt. Die Untertanverfassung zeigt uns die ver- 
t^edenen Kategorien der Untertanen, deren Urbar ial- (nicht Urbariat-) 
and Extraurbarialzinsen (in Geld und Natura) und sog. Grundgelder; 
daneben bestehen Steuern, Handwerks-, Grund- und Judenzinse, sowie 
Monopolverkanfsrechte der Domäne. Auch die (ordentliche und außer- 
ordentliche) Robot, deren Ursprung und Entwicklung bis zu deren 
Begnlierong, Reluierung und Aufhebung in der josephinisehen Epoche 
samt den Gegenleistungen der Herrschaft lernen wir kennen. Die 
Gmndkerrschaft verwandelt sich in eine Gutswirtschaft. Die alte Patri- 
aonialgeriditsbarkeit der Obrigkeit tritt allmählich in Hintergrund, 
der Untertan wird frei und der Staat gewinnt an weiterer Macht. 
Oleichzeitig damit erscheint auch die Kategorie der freien Lohnarbeiter, 
deren versehiedene Stufen und wachsenden Löhne, die der modernen 
ladnatrieseit vorangehen. Mit der Darstellung der Preise der Produkte 
«ad des Bodens, sowie mit 2 geschichtlichen Beilagen vom Jahre 1248 
nd 1801 endet das Buch. 



1) Zu denselben gehören auch die sog. Gereutergründe, nämlich Parsellen- 
gnmdftfleke, die mit keiner Meierei im Znaammenhan^e stehen. 



180 Referate. 

Wir gelaugen zur Kritik; wollen aber zuerst einige Summar- 
betrachtungen voraasschicken. 

Durch die Wirtschafts- und Agrargeschichte hat die Lokalforscbnng 
ungemein viel an Bedeutung gewonnen ; sind ja manche Fragen davon 
noch heute aktuell. So z. B. die Angelegenheit der Veredlung des 
heimischen Hornviehes. Der einfache Import von Tiroler und Schweizer 
Originalrindvieh führte nur zu einer furchtbar hier wütenden Tuberkulose, 
die eben diese Methode und ihre Erfolge recht problematisch erscheinen 
läßt und in Erinnerung bringt, ,,daß die Hochzucht durch Stallfüttemng 
eine allgemeine Widerstandsschwäche und eine physische Hinfälligkeit 
zur Folge hat^^ Diese Tuberkulose tritt nicht nur auf der Lobositzer 
Domäne (seit den 60er Jahren) auf, sondern leider auch in Sttdböhmen 
und wir müssen dem Verfasser diesbezüglich nur zustimmen. Fast 
gleich wichtig ist die Frage der Pacht- und Regiewirtschaft des Groß- 
grundbesitzes. Spricht die Vergangenheit mehr fUr das Pacht- oder 
für das Regiesystem? Böhmen unterscheidet sich in dieser Hinsicht 
recht bedeutend von Deutschland. Während in Deutschland das Pacht- 
wesen bis in das 16. (Hannover) und 15. Jahrhundert (Stollberg- Wemige- 
rodesche Domänen) zurückgeht, im 18. Jahrhundert seine größte Aus- 
dehnung quantitativ und qualitativ erreicht und heute wieder gewaltig 
wächst : sehen wir, daß der böhmische Adel bald nach den husitischen 
Kriegen das einfache Zinsungs- und Pachtsystem aufhebt und nicht 
nur den Boden, sondern auch die landwirtschaftliche Industrie in eigenen 
Regiebetrieb übernimmt, der sich noch heute kräftig hält^). Dieser 
Umstand ist übrigens nur gtlnstig fUr Böhmen, weil einige der dortigen 
adeligen Archive (wie z. B. der Familie von Pemstein, Zierotin, dann 
des Hauses Rosenberg, Schwanberg und jetzt Schwarzenberg, die sowie 
der Zahl, als auch der Ordnung, Organisation und Systemisierung 
nach nur vorteilhaft hervorragen), eine reiche und noch unbenutzte 
Fundgrube und einen wahren Schatz fUr die Sozial-, Wirtschafts- und 
Agrargeschichte bilden. 

Der Wert der einzelnen Abteilungen des vorliegenden Buches ist 
nicht gleich. Die Kapitel, die Flächenbewegung und die pflanzliche 
Produktion betreffend, sind ziemlich gelungen. Das Verhältnis zwischen 
dem Herren- und Bauernlande, der stete Grundbesitzwechsel und die 
dem bisher wachsenden Dominikalbesitze gegenüber geltend gemachten 
Besitzrechte des Volkes, das Verhältnis der Fläche zur Aussaat und 
besonders die josephinischen Kataster- und Steuerreformen, sowie die 
heutigen Arrondierungs- und Kommassationsideen finden hier Ausdruck. 
In betreff der vegetabilischen Produktion haben wir schon auf die 
alte vegetarische Lebensweise der Landbewohner hingewiesen. Wir 
möchten nur beifügen, daß die pflanzliche Produktion eben des- 
wegen hier mehr berücksichtigt, aber auch vervollkommnet wurde. 
Dies beweist nicht allein die Erzeugung selbst, sondern auch die Küche, 



1) Die Ansichten BEKGHorF-IsiNOS beruhen jedenfalls in Unkenntnis der 
Unterschiede zwischen den Grundbedingungen von Deutschland und Böhmen 
(8. 150). Der Unterschied zwischen einst und jetzt in der Bewirtschaftungsart 
in Böhmen ist nicht überall so groß; man findet hier alte Traditionen. 



Beferate. ISl 

die KousamtioD und die Bedttrf niese ^) des Landes im 16.^) Jahrhundert. 
Die alten Kirchenrechnungen erzählen z. B. von einer großen Bienen- 
zucht (Wachsabgaben an die OeistHchkeit). Die Einführung der Kar- 
toffeln war jedenfalls eine große Wohltat für das Volk, aber die Erbsen 
und Linsen, die von den heutigen Ärzten so wann empfohlen werden, 
worden fast gleichzeitig in den Hintergrund gedrängt. Ebenso auch der 
einst blflhende Hanf- und Flachsbau, der später vernachlässigt wurde. 
Die nicht unbedeutende Schafzucht, die auf heimischen Grund- 
bedingungen beruhte, mußte vor der importierten und siegreich vor- 
dringenden Homviehzucht zurückweichen. Die alte, bis in das 15. Jahr- 
hondert zurückreichende Teichwirtschaft war früher sehr ausgedehnt, 
fortgeschritten und ertragsreich. Die Laktizinwirtschaft war hier längst 
bekannt; besonders die Butter- und Käseerzengung (darunter auch 
Ziegen- und Schafkäse), die auch unter dem Naturalzehnt der Unter- 
tanen erwähnt wird. Die Eierabgaben derselben (sowie auch Hennen 
und Hühner) sprechen von Geflügelzucht. Die Einkünfte der Lehrer 
bestanden auch in Kuchen u. s. w. Die Existenz einer größeren 
Borstenviehzucht beweisen die Waldweidezinse. Das alles betrifft natür- 
lich anch die Untertanen und nicht nur die Obrigkeit. Aber die Unter- 
tanen bildeten früher einen integrierenden Bestandteil der Domäne, so 
daß ihre Wirtschaft auch die Wirtschaftsgeschichte der Herrschaft, 
die ja das ganze Gebiet konzentriert, verwaltet und als Hauptunter- 
nehmer in ihrem Namen auftritt, bedeutet. Das 16. Jahrhundert im 
Vergleiche mit dem 17. und 18. Jahrhundert zeigt, daß die Wirtschafts- 
•tnfe der fraglichen Gegend und des Landes infolge des über 120 Jahre 
andauernden Friedens ziemlich hoch und entwickelt war. Die folgenden 

1) Die Prodoktion ist von der Natur, von dem Rohmaterial und Konsum 
abhängig. Die Konsumption ist dagegen nur ein Ausdruck der Bedürfnisse, 
der höheren und niederen Kultur — siehe z. B. die wachsenden Reinlich keits- 
mittel der Kultur — also etwas, was aach von der Psyche beherrscht und ge- 
regelt wird. Und in diesem Sinne (aber nur hier) kann man von einer gewissen 
Beseelung der Wirtschaftsstufen — - mit dem Lamprecht dem BCihek gegen- 
über — sprechen. 

2) Die Bedeutung der neuen Erfahrungen und Errungenschaften des 
19. Jahrhunderts kann man nicht bestreiten. Es ist aber auch sicher, daß 
auch das 16. Jahrhundert, dessen erfreuliche Entwicklung durch die Schrecken 
der Krisle, durch die wachsende wirtschaftliche und soziale Macht des Hoch- 
adels und durch die sich befestigende Robot und Leibeigenschaft des alle 
Bfihrigkeit und Elastizität verlierenden Volkes auf lange unterbrochen wurde, 
fid fortgeschritten war. Es sind Reformen, oder auch nur neue Formen 
der Umgebung, denen sich die Zeit anpassen mußte. In den Urkunden, 
Rechnungen, Karten und Aktenstücken könnte man manchen Beweis dafür 
üefem. Die Verteilung des Bodens des 16. Jahrhunderts und die blockartige 
Form der Grundstücke entsprach gut den damaligen Ackergeräten und der 
bestehenden Art der Bearbeitung des Bodens und bildete obie Arroudierung 
eme ziemlich kompakte Masse der einzelnen Bauemgründe. Auch die exten- 
iive Dreifelderwirtschaft entsprach der Zeit: es war beinahe kein Absatz, 
bSchstens in naher Umgebung in einer größeren Stadt, die Bevölkerung war 
lieht so zahlreich, die Steuern und Zinse waren niedrig, die Bedürfnisse klein 
and infolgedessen war auch die Produktion kleiner und nur für den Hans- 
rerbrauch bestimmt. 



182 Beferate. 

Perioden beweisen dagegen durch ibr Herabsinken, wie fttrckterlidi 
und in ihrem ganzen Umfange noch heute nicht ganz ausgemessen die 
Schäden des 30jährigen Krieges waren: nicht nur poiitisdi und staat- 
lich nebst der gewalttätigen Einführung der katholischen Kirche an4 
Religion, sondern auch moralisch und psychisch die angetretene Gebunden- 
heit der Geister, die Stupidität des Volkes, das Verschwinden der 
Intelligenz und die plötzliche Stille in der Kulturarbeit. In sozialer 
Hinsicht sehen wir den vollkommenen Niedergang des Bauernstandes, 
das Verschwinden des strebsamen und begabten Kleinadels zugunsten 
des Hochadels, der jetzt riesige Latifundien und eine geflLhrüche 
Wirtschaftsmacht auf Kosten der anderen Stände in seinen Händen 
konzentrierte; diese Konzentration des Bodens und Kapitals konnte 
der Forst- und Teichwirtscliaft wohl sehr nützlich sein, die landwirt- 
schaftliche und industrielle Produktion mußte sie aber infolge der zu 
ausgedehnten und folglich nie gänzlich zu beherrschenden und kaum 
intensiv bewii*tschafteten Fläche nur hemmen und schaden. Diese 
ungtlnstige und ungleichmäßige Verteilung des Bodens und Eigentums 
infolge der Konfiskationen des 30jährigen Krieges zog weiter nach 
sich auch die wirtschaftliche Stagnation und Stupidität, eine absolute 
Indolenz, einen Verlust der Produktionskraft, des Unternehmungsgeistes 
und Fortschrittbestrebens (infolge des Mangels^) an Mitteln) kurz: einen 
großen Rtlckschritt und ein großes Elend, das sich im Verluste von 
zwei Dritteln der Population, in augenblicklichen materiellen Ver- 
wüstungen und in dauernden wirtschaftlichen und moralischen Folgen 
kennzeichnet Diese ftirchterlichen Folgen des 30jährigen Krieges, durch 
welche man so manche Erscheinung in Böhmen erklären kann, leben 
doi*t fast noch heute frisch, wirtschaftlich, sozial und moralisch. In 
betreff der tierischen Produktion kann man noch beifügen, daß das 
16. Jahrhundert auch die Rindviehzucht schon berücksichtigte und gut 
zu unterscheiden wußte, welcher Hof mehr dem Jungvieh, dem Zug-, 
Galt- oder Mdkvieh entspreche. Die Viehdispositionen und Ober- 
treibungen — der Qualität des Futters auf den Hutweiden oder Wiesen 
der Gegend und der Fütterung nach — spielten schon damals, wie 
die alten Inventarien, Urbarien und Abschätzungen zeigen, eine gewisse 
Rolle. Auch die Bedeutung der wechselseitigen günstigen Wirkung 
der Teidiwirtschaft und Brauindustrie auf den Ackerbau und die Be- 
nützung des Teichschlammes und der Biertreber als Dünger war schon 
damals (vor dem 30jährigen Kriege) bekannt; wir lesen ja im 16. Jahr- 
hundert sogar von der Teichbesämung und Fütterung der Fische u. s. w. 
Das alles hat uns der Verfasser ungenügend gesagt, wir erfahren vom 
16. Jahrhundert sehr wenig. 

Gelungener sind die Kapitel von den Verpachtungen, von der Ver- 
waltung, von den freien Lohnarbeitern und von den Preisen. Man 
muß nur bemerken, daß die Analogie mit dem Raabschen Domänen- 
zerstückelungs- und Robotablösungssystem sehr schwach und zufällig 
ist (S. 132). Die Stellung des Oberamtmanns wurde nicht richtig dargelegt 



1) Der Bauer soll eine größere Viehzucht betreihen, er hat ab^ nicht 
90 viel Fläche und kann fol^ch mehr Vieh nicht füttern. 



KeferjAte. 183 

Der Passus von den Rentengtttern ist hier onmöglieh. Auch das 
VerfaAltnis der Administration zu der Öffentlichkeit sollte berück- 
sichtigt werden. Über die Finanzierung der Domäne, über die Art 
der Verwaltung und ihr Verhältuis zu den Oberämtern konnte 
man mehr sagen. Man sehreibt gewöhnlich Chaluppner und nicht 
Kaluppner (S. 166). Der Name der Georgi- und Gallizinse kommt 
lehon im 15. und nicht erst im 18. Jahrhundert vor^) (S. 167). In 
den Kapiteln von dem Pachtsystem und von den Preisen spricht man 
gerne viel auf Grund der allgemeinen Literatur und nicht allein an 
der Hand der gegebenen Quellen. Besonders der Teil tlber die Preise 
konnte mehr bringen — der Hinweis auf die Vorgänger genügt nicht 
— und wäre rein lokalgeschichtlich zu verarbeiten gewesen, es besteht 
ja diesbezüglich überall ein buntes Mosaikbild von Ansichten. In dem 
Kapitel von den Lohnsätzen konnte man schon mit dem 16. Jahrhundert 
aafangen ; im Stile spürt man die Hast der zum Ende eilenden Feder. 
Die Untertansverfassung zeigt uns in Lobositz noch mehrere Formen 
der Arbeit (z. B. auch die Fußrobot) sowie der außerordentlichen 
Al^aben (z. B. Devolutionsgelder) und der aus dem Titel der Patri- 
monialgerichtsbarkeit resultierenden Taxen (z. B. Laudemium) u. s. w. 
Die Anmerkung auf S. 173 ist allgemein und gilt nicht für Lobositz. 
Das diesbezttgUche Archivmaterial ist überhaupt dankbar und konnte 
?iel mehr herangezogen werden (z. B. 6 W v^ auch 6 G ^^^ 6 G // u. a.) 
Man kann nur zustimmen, daß die Abteilung über die Jagd weniger 
berflcksichtigt wurde, denn die dortige Forstwirtschaft war bald von 
mmderer Wichtigkeit. Es ist aber sehr beachtenswert, daß der Name 
Loboseh-Lobositz eben von der Jagd herrührt; das zeigt, wie wildreich 
einst diese jetzt industrielle Gegend war. Dagegen müssen wir sehr 
bedauern, daß der Obst- und Weinbau, sowie der Elbe- 
hsndel und -Verkehr so stiefmütterlich behandelt er- 
i^ieint'), denn diese drei Gruppen sind eben das, was Lobositz 
charakterisiert und von anderen Gegenden unterscheidet; war ja 
spit^ Lobositz und der dortige Hafen (nach Leitmeritz) für den nord- 
bbbmischen Elbehandel und Verkehr mit Sachsen beinahe dasselbe, 
wu jetzt Aussig ist. Das finden wir nicht genügend betont, der 
Anfang und die ältere Entwickelung dieser Wirtschaftszweige 
werden zu wenig berücksichtigt. Die Borstenvieh-, Geflügel- und 
Pferdezucht wird wenig und die Bienenzucht gar nicht berücksichtigt. 
Asch die Industrialien bieten nicht viel. Das Maß- und Münzwesen 
wird nach einer Arbeit vom Jahre 1873 geschildert, obgleicli schon 



1) Das Wort „ Ansässigkeit*^ erscheint erst im 17. Jahrhmidert und 
Bieht firtther. 

2) Zur Geschichte des Obstbaues finden wir manches in den Kataster- 
Wten — so z. B. topographische Namen der Dörfer und Grundstücke — 
iowie in der älteren Literatur (so z. B. Dorf Bnscholka =: Birnbaum- 
j^irten u. s. w.) Zur älteren Weingeschichte liefert manches nicht nur 
Vbssly (18d4), sondern auch das ürkundenmateriaL Die dortige Weinkultur 
srheint ihren Ursprung entweder dem Kloster Strahov (1148), oder Altzeil 
(1251) zo verdanken und i^ird schon im 13. Jahrhundert dokumentarisch 
erwähnt. 



184 Referate. 

viel neuere und bessere bestehen; infolgedessen erscheinen auch alle 
Überrechnungen problematisch und unsicher. Der Vorgang und die 
Entwicklung des Werkes ist nach bekannten Mustern logisch und gut 
Der Umfang der einzelnen Kapitel läßt dagegen noch manches zu 
wünschen übrig; so z. B. auch in betreff der Untertanverfassung. 

Das Buch entstand auf Grund der Lobositzer Archivquellen ; das 
ist sein großer Vorzug. Die Urkunden ^) und Karten wurden aber wenig 
ausgenützt (ebensowenig wie die alten Kirchenrechnungen, Stiftsbriefe 
und Inyentarieu)^ so daß die älteste und ältere Zeit ziemlich karg aus- 
geht. Von dem Ursprünge des Herrschaftsbetriebes erfahren wir fast 
gar nichts. Zu erwähnen wäre auch die Edition von Eduard Bbter: 
Das Zisterzienserstift und Kloster Alt-Zelle in dem Bistum Meißen 
(Dresden 1855, 517 — 730). Die Rentrechnungen und überhaupt Rech- 
nungen (und mithin auch die eigentliche Darstellung) fangen erst vom 
Jahre 1650 an, und gehen bis zum Jahre 1783; von den Nebenrech- 
nungen wurden auch neuere und ganz neue benützt. Auch die lokale 
Spezialliteratur wurde nicht genügend berücksichtigt Es kämen noch 
in Betracht : J. Lippebt, Sozialgeschichte Böhmens (L u. II. Band; 1896 und 
1898) — zur Information ; Mitteilungen des nordböhmischen Exkursions- 
klubs (besonders Ad. Kirscuner: Geschichte der Schiffahrt auf der 
Elbe zwischen Leitmeritz und der Landesgrenze bis 1899, 1902, 25); 
die Schriften der K. K. Patriotisch-Ökonomischen Gesellschaft in 
Böhmen, die Abhandlungen einer Privatgesellschaft (später Kgl. böhm. 
Gesellschaft der Wissenschaften zu Prag). Die Vorgänger der jetzigen 
wirtschafts- und agrargeschichtlichen Literatur^) nannten gern ihre 
Werke : Historisch-statistische Beschreibung; Historische Topographie etc. 
Hier wäre auch zu suchen. 

Der Hauptfehler dieser Arbeit besteht darin, daß der Statistiker den 
Geechichtsschreiber zuviel in Schatten gedrängt^) hat, sowie aus Mangel 
an der historischen und kartographischen Methode. Für ältere Zeiten, 
wo zifferische statistische Nachweise der Rechnungen fehlen, muß sich 
der Historiker mit der bloßen Sicherstellung der einfachen Tatsachen*) 
der Urkunden begnügen ; die Ziffern sind übrigens nicht immer felsen- 
fest und richtig und manchmal sogar fingiert und unvollständig. In- 
folgedessen bemerken wir hier eine häufige Vernachlässigung einer 
festen und bestimmten Chronologie. Die agrarisch-historische 
Lokalforschung erfordert außerdem eine strenge Induktion, und wo 
dies nicht möglich, oder wo breitere Vergleiche zur Schaffung eines 



1) Außer den im Archiv verwahrten Urkunden findet man solche : Regesta 
dipL n. n. epist. Bohemiae et Mor. I. (p. 562, Nov. 1216) bis IV. ; Ces. Archiv 
(XVni, 1900, 290) u. 8. w. 

2) Auch z. B. : Deutsche Rundschau für Geographie imd Statistik (1902, 
XXIV, 177). 

3) Es geschieht oft; siehe z. B. diese „Vierte^ahrschrift", 1904, I.Heft, 
S. 160. 

4) Es ist bekannt, dass viele frühe und beachtenswerte Erscheinungen 
auf dem wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen Gebiete auch geographisch und 
kartographisch sichergestellt werden können. Das gilt besonders von der 
Kolonisationsgeschichte. 



Beferate. 185 

Pttteren Horizontes und zur 1 Ai gong gezogen werden 

Bd allgemeinere Schildemngen i ti n : dajin muß das betont 

erden. Eben infolge dieses Man| an les 'induktiver Metbode 
■seheint oft eine irreführende Analogie, ja Anachronismus; oberflieh- 
die Verallgemeinerung*) oder Darstellung von fremden und 
itfemten Oebieten und Verhältnissen. Es fehlt eine strenge Unter- 
eh ei düng zwischen dem Allgemeinen und Speziellen. Das Mittel- 
[ter ist ein wahres Mosaik, wo nur die Detail- und Spezialforschung 
Bifen kann. Die Behauptungen des Autors sind nicht immer 
rdirralisch bestätigt Das finden wir in der minder glücklichen Wahl 
er gedruckten Literatur, die wohl für Deutschland^ aber weniger 
Ir Österreich und Böhmen paßt, obwohl auch eine solche dort bestdit. 
^ bekannte Werk Gbünbebgs schildert die Sache allgemein genug 
on obtti herab: gilt das speziell fUr Lobositz, war es dort auch so? 
iese methodiscnen Schattenseiten finden wir namentlich in dem ge- 
düehüichen Überblick. So z. B. die Deduktionen auf S. 21, 22 und 
3 sind nicht ganz richtig, weil die Urkunde vom Jahre 1248 von Lan 
Dd nicht von Hufen spricht und ungenttgend^) übersetzt und ausgelegt 
urde. Auf 8. 22, 23 und 24 sehen wir einen zu kleinen kartographischen 
xkurs. Statt von Lobositz schreibt der Autor eigentlich mehr von 
«tmeritz (S. 36—39, 42, 44—45), oder bringt ganz allgemeine (S. 25, 
3 und 30) und unbegpründete Behauptungen vor und wird am Ende 
icht unwissenschaftlich unobjektiv, so daß er sich in spezialer 
orschung selbst dann widerlegen muß (S. 29 und 31, 33 und 34). 
te historische Bild Böhmens ist hier nicht ganz positiv und wird 
tcht selten unübersichtlich, unorganisch und zerrissen. So z. B. auf 
. 34 und 35 (wir erfahren nur wenig von dem Lobositzer Elbehandel), 
^eich dieses Bild doch zusammenhängend verfolgt werden könnte. 
^ wollen in der Geschichte nicht nur statistische Tafeln, sondern 
ich eine geschichtliche Entwicklung haben. Der Wirtschaftshistoriker 
»11 ebenso die statistische, als auch die geschichtliche und 
artographische Methode beherrschen. Kurz: so — mit einer 
leben Vernachlässigung der historischen Kritik, Methode und Induktion 
- darf man eine Wirtschaftsgeschichte nicht schreiben. Doch — eine 
rstlingsarbeit. Wenn auch so manches unvollkommen ist, so bleibt 
e Wiüil des Themas immerhin glücklich; der Stil ist hübsch, der 
ator viel belesen und mit manchen allgemeinen Literaturkenntnissen, 
e viel Anregendes bringen und einen hohen Standpunkt bezeugen, 
»gestattet ; auch viele Archivquellenstudien wurden an Ort und Stelle 
»rgenommen ^). Es ist ein schwieriges Thema, das nur wenige Vor- 

1) Diese fi^e wisse Zuneigung zur phrasenhaften VeraUgemeinemng finden 
tr fast in auen Teilen der Arbeit; ja auch in dem Kapitel von der yege- 
biÜBchen und animalischen Produktion (Obst- und Weinbau, Schweine-, 6e- 
tgel- und Pferdezucht, von dem Gmndbesitzwechsel und dem Maß- und 
taizw^en, von den Handels- und Verkehrsbeziehungen mit Sachsen. (Von 
dtmeritz kann man das nachweisen; ob auch von Lobositz?) Am meisten 
It das Ton dem geschichtlichen Überblick. 

2) Die Wiedergabe Ton beiden Beilagen entspricht weniger den heutigen 
litionsanforderungen. Die diplomatische Beschreibung der Urkunde vom 



186 



Beferate. 



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nnd di nur von U 
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^ htig und für das inrkliche LfOb 
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te der Domäne Lobosit^^ nenn 
isen wir auch eine Karte des t 
Register und noch einige besi 

Joseph Salaba. 



Jahre 1248 fehlt; es ist nSmlich ein einfaches Yidimus aus dem 15. Jal 
hundert — Auch die Archivsignatnren vermissen wir ungern. 

1) In der Vorrede sagt er selbst, dafi es unvollstän^ und nnr ei 
Voruntersuchung ist Über die Notwendigkeit der Induktion siehe auf S. 52— fi 

Daß in betreif der neuen Zeit (Raps-, Zuckerrüben-, Futter- und Hopft 
bau u. B. w.) auf die Vorarbeit hingewiesen wurde, kann man billigen; t 
Aibeit vom Jahre 1878 ist aber nicht besonders gelungen. 



eriuk TOB W. Kolilbanm«r in Stuttgart. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren 
und Germanen und ihre sozialgeschichtliche Bedeutung. 

Von 
J. Peisker. 

Engere völkerschaftliche Beziehungen entstehen durch ein 
Nebeneinander- oder ein Miteinanderwohnen ; naturgemäß ist das 
letztere so ziemlich immer, mit wenigen Ausnahmen, ein Über- 
einanderwohnen. Wir unterscheiden somit völkerschaftliche Be- 
ziehungen durch Nachbarschaft und Beziehungen durch Eroberung, 
durch Unterwerfung eines Volkes durch ein anderes Volk oder 
Gefolgschaft. 

Es ist kein Fall bekannt, daß ein germanisches Volk von 
Einern slawischen dauernd unterjocht worden wäre, dagegen füllt 
^in geradezu ununterbrochener, fortschreitender und siegreicher 
Eroberungskampf des Germanentums auf slawischem Boden einen 
großen Teil, namentlich der mittelalterlichen Geschichte aus. 
Daß diese unaufhaltsame Sieghaftigkeit dem einen dieser beiden 
Völker so ausschließlich treu blieb, während dem andern Volke 
^in ebenso fortschreitendes Zurückweichen und eine hier mehr, 
dort weniger harte Unterwerfung und allmählicher Tod einzelner 
Teile beschieden war, kann gewiß nicht auf ein bloßes Kriegs- 
ginck zurückgeführt werden, denn gar so fahnentreu ist bekanntlich 
^ie Kriegsgöttin nicht. Es müssen demnach noch andere, viel- 
gestaltige Vorbedingungen hier mitgewirkt haben, welche die 
^^ermanen so unwiderstehlich wehrhaft, die Slawen dagegen so 
^D^bar widerstandsunfähig machten. Rein ethnischer Natur 
^^ren diese Vorbedingungen gewiß nicht, denn die Germanen 
^^d der Baltoslawen nahe Anverwandte; der Grund oder die 
^»ründe müssen somit politischer Natur gewesen sein, die 

Vifrtdjahrsclir. f. Social- u. Wirtschaftsgeschichte. III. 13 



[.. 



188 J- Peisker 

Slawen müssen bereits vor ihrer ersten Unterwerfung durch Gc 
manen eine entsprechend lange Zeit unter derart ungünstigt 
politischen Verhältnissen gelebt haben, daß ihre Kräfte in stai 
lieber und gesellschaftlicher Beziehung ganz ausgesogen und s 
selbst geradezu mazeriert wurden, um schließlich zur Beute U 
kräftiger, staatlich festgefügter Eroberer zu werden. Und aui 
dort, wo sich einzelne Slawen Völker wieder aufrichteten, geschi 
es, fast immer nachweislich, nicht durch eigene Aufraffung, sende 
von außen her, durch Fremde. 

Welches sind nun die politischen Gründe, die dem Slawentu 
die Rolle, man könnte fast sagen von Parias aufzwangen, u 
schließlich dessen Namen sogar zur Bezeichnung der härtest 
Knechtschaft zu erniedrigen? 

Ein tieferer Blick in die älteste bekannte geographische La 
der Slawen und deren Nachbarschaft wird uns auf die Sp 
dieser politischen Gründe führen: 

Die ältesten bekannten Sitze der Slawen befanden sich *< 
nähernd an beiden Seiten des mittleren Dniepr nach Westen n 
Nordwesten zu^); wie weit, ist für unsere Frage gleichgült 
Dort zählten sie in vorhistorischen Zeiten Kelten und Grermar 
zu ihren westlichen Nachbarn, während im Südosten, am Pont 
unter anderen die eine iranische Sprache sprechenden Wand 
hirtenvölker der Skythen hausten. Dies beweisen die keltisch 
die altgermanischen und die medischen Lehnwörter in der i 
slawischen Sprache. 

Die bezeichneten Sitze der alten Slawen können eine zs 
reiche Bevölkerung reichlich nähren. Die zumeist langsam fließ 
den Gewässer dieser ausgedehnten Ländereien sind fischreich i 
schiffbar, und auf dem festen Lande wechseln Sümpfe und Wies 
griinde mit trockenen, für den Ackerbau sehr geeigneten La{ 
vielfach ab. Die Mannigfaltigkeit in der BodenbeschaflFenl 
bietet somit, trotz des rauheren Klimas, solche Vorbedingung 
für einen lohnenden Feldbau einerseits und eine ertragrei' 
Viehzucht andererseits, wie es in Germanien kaum günstiger sta 
Man sollte also glauben und glaubt es auch vielfach, daß 



1) L. Nii:dekle, Slovanskfe starozitnosti I., 1. V Praze 1902, S. 30, Ka 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 189 

wirtschaftliche Lage der alten Slawen nichts zu wünschen übrig 
liefi; denn je primitiver ein Volk, desto abhängiger ist es von 
den Eigenschaften seines Territorioms, und wenn dessen Klima 
and Bodenbeschaffenheit so günstig sind, wer sollte dann zweifeln, 
M das Resultat in dem Yolksdasein selbst ebenfalls günstig 
sein mußte. 

Und dennoch ist diese Schlußfolgerung falsch, denn sie ent- 
spricht den Tatsachen nicht. Welches sind diese Tatsachen? 

Zunächst die, daß den Slawen für sehr alltägliche, ja, nach 
unseren Vorstellungen unentbehrliche Dinge teils ein eigener Aus- 
drnck fehlt, teils der eigene nicht ausreicht. Bezeichnungen für 
Rind (skotb, nuta), für Nutzmilch (tnUio), für Pflug (plugh) und 
Tieles andere sind aus dem Altgermanischen, für geronnene Milch 
(troarogh) aus dem Tuiiiotatarischen entlehnt. Wäre dies denkbar, 
wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der alten Slawen von 
außen unbehelligt, der günstigen Bodenbeschaffenheit gemäß ent- 
wickelt hätten? Gewiß nicht! Andererseits war jedoch die Boden- 
uatnr selbst so freigebig, daß es voreilig wäre, anzunehmen, die 
alten Slawen hätten nur deswegen, weil ihre Ausdrücke für Rind, 
ßr Nntzmüch, für Pflug und manches andere zum großen Teil 
germanische Lehnwörter sind, erst durch die Germanen Viehzucht 
und Ackerbau kennen gelernt und bis dahin, von allem Anfange 
an, man weiß wirklich nicht, wovon gelebt. Kennt ja schon 
Herodot in jenen Gegenden Völker, die Ackerbau trieben, indem 
er im vierten Buche seiner Geschichte unter anderen die Sx-OO^at 
ip'/r^spe; und Sxu8^ai yecopyoC anführt und hinzufügt, die ersteren 
bauen Getreide, nicht zur Nahrung, sondern zum Verkaufe^). 

Man sieht, das Rätsel wird durch Herodots Bericht noch 
«<?hwieriger, und fast wäre man geneigt anzunehmen, die Übernahme 
der angeführten Lehnwörter sei rein zufällig und ohne wirtschafts- 
^eschichtliche Bedeutung, wenn nicht eine, wenn auch viel spätere 
Nachricht vorläge, welche den fraglichen Lehnwörtern erst recht 



1) Hebodot IV, 17 f. Daß sie von dem Getreide, welches sie selbst an- 
?^*ut, nicht auch genossen hätten, ist wenig glaubhaft; daß sie jedoch 
^t Handel trieben, kann nicht bezweifelt werden, denn eben die griechischen 
Städte am Pontos und dem Asowschen Meere, die Hbrodot besuchte, waren 
Abnehmer dieses Getreides. 



.190 J. Peisker 

ein scharfes Relief verleiht. Es ist dies eine Nachricht des byzan- 
tinischen Kaisers Konstantin Porphyrogennetos, der in seiner im 
Jahre 952 verfaßten Schrift „über die Staatsverwaltung" von den 
Russen folgendes sagt: 

Den Russen sind die Petschenegen Nachbarn und angrenzend, 
und oft, wenn sie miteinander nickt im Frieden leben, plündern 
sie Rußland und schädigen und verwüsten es gewaltig. Die 
Russen sind bestrebt, mit den Petschenegen im Frieden zu leben, 
denn sie kaufen von ihnen Rindvieh, Pferde und Schafe, und 
auf diese Weise leben sie leichter und üppiger, indem bei 
ihnen keines von diesen Tieren vorkommt^). 

Dieses hochbedeutsame Zeugnis darf nicht länger unbeachtet 
bleiben, wie es bis jetzt geschehen, und zwar auch dann nichts 
wenn es sich, wie anzunehmen, nicht mehr auf das ganze slawische 
Russenvolk, sondern bloß auf die den Petschenegen benach- 
barten, südrussischen Gebietsteile beziehen sollte. Es auf die 
warägischen Beherrscher der russischen Slawen zu bezieben, 
geht nicht an, denn eine ausgedehnte Viehzucht der germanischen 
Skandinavier kann nicht angefochten werden. Diese den herrschen- 
den Warägern abzusprechen, dagegen ihren unterworfenen Slawei 
zuzugeben, wäre absurd. 

Konstantins Angabe besagt ja genau dasselbe, was die be 



1) 'Oxt xal xoTc Tög ol IlaxJ^ivaxTxai Yeixoveg xal Snopot xad'soxi^xaoi, %< 
TcoXXdxtg, oxav n^ Tcpdg äXXVjXooc elpigveöoüot, Tipaiöeöoooi x^v Tcooiav x' 
Ixavo)^ a&x^v napaßXdnxoooi xal Xu|ia[vovxai. 

6x1 xal ol Tög öta otioüö^c ixouoiv slpVjvYjv Ixetv |i8xa xöv üaxj^ivaxixd» 
dlYOpGcSoDoi yap i^ aöx&v ßöa^ xal tnnou^ xal npößaxa, xal Ix xouxcov 8'jp.ap 
oxepov dia^(&oi xal xpo^epcbxepov, intX ^ffik^ X(&v nposipTjp.ivcov ^qxüv Iv i 
'Pcoolqp xa^4oxY]X8v. Konstantin Porphyrogennetos, De administraiM 
imperio, cap. n. Ausgabe Bonn, 1840, S. 69 im Corpus scriptomm historii 
Byzantinae. Konst. Porphyr, vol. in. 

Wie weit man Konstantins Nachricht mißverstehen kann, zeigt d 
Erklärung von üspenskij: Der nissische Norden komme mit seiner Vie 
zacht nicht aus und müsse seinen Mehrbedarf aus dem Süden beziehe 
ycnencKifl, Pycb h Biiaanm bt> X. Bl>Klfe. S. 10, zitiert bei Laskin : CoiiineH 
KoHCTaHTHHa BarpaHopoAHaro : „0 ^CMaxi»" (de thematibus) ii „0 Hapo^axi 
(de administrando imperio). S. 66, Anm., in den H t e h i h vh Hmu. OCmecTE 
IIcToplH H JIpeBHOCTefl PocciflcKiix'b npH MocKOBCKOM'b yHHBepcHierb. 1899. 
(der ganzen Reihe CLXXXVIII). MocKBa, 1899. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 191 

wuüten germanischen Lehnwörter kandgeben, und indem diese Lehn- 
worter vielleicht tausend Jahre und darüber älter sind als die Nach- 
richt Konstantins, so erhellt daraus, daß zunächst der durch diese 
iwei 80 lapidaren Belege bezeugte Mangel an Viehzucht ein die 
alten Slawen charakterisierender Zustand gewesen ist, welcher 
entweder ungezählte Jahrhunderte anhielt oder aber — und dies 
liegt näher — nach kurzen oder langen Unterbrechungen immer 
TOD neuem aufkam. 

Ein so gänzlicher Mangel an Viehzucht entspricht indes den 
Bodenverhältnissen jener Gegenden nicht, denn sowohl die Skythen 
als auch die Goten, die Hunnen und alle die nachfolgenden 
Volker, welche diese Slawengebiete beherrschten und sich dort 
aufhielten, waren Viehzüchter. Wenn es nun bei den Slawen 
anders stand, so ist für diesen Zustand kein anderer als der 
Grand zu finden, daß die Slawen an einer Viehzucht durch 
andere Völker anhaltend gehindert wurden. 

Wer konnte nun ein Interesse daran haben, daß die Slawen 
keine Viehzucht besitzen? Wohl nur einer, welcher selbst in 
der Lage war, auf demselben Gebiete Viehzucht zu treiben, und 
Jttgleich genug Macht besaß, die Weiden ausschließlich für seine 
eigenen Herden in Beschlag zu nehmen, überdies jedes er- 
reichbare fremde Vieh zu rauben und so dem Unter- 
worfenen und auch dem durch Einfälle systematisch 
lieimgesuchten Nachbarn jedwede Viehzucht unmög- 
lich zu machen. 

Solche Gelüste sind jedem Reiternomadenvolke eigen, 
Dur das Maß seines Könnens bringt Unterschiede in dem Erfolge. 
Und Reitemomaden hausten mit seltenen Unterbrechungen seit 
jeher in den Steppen Südrußlands, von wo aus sie nicht nur die 
Slawen fortgesetzt brandschatzten und versklavten, sondern 
^ederholt auch viel weiter nach Westen und Südwesten, ja auch 
^ach Südosten, Iran und Indien, vordrangen. 

Ein entsetzlicheres Schicksal kann man sich gar nicht denken, 
^Is das der Slawen war, welchen Sitze in der unmittelbaren Nach- 
f^arschaft der großen Steppe zuteil wurden, dem ständigen Tummel- 
platze wilder Nomadenhorden. Diesen waren sie auf Gnade und 
'^ngnade ausgeliefert, aus deren Klauen keine Rettung winkte; 



192 J- Peisker 

und kaum hat sich ein Schwann halbwegs abgenützt nn( 
mhigt, als ein neuer Stnrm ans Zentralasien losging und 
der Blitz einschlug, alles um sich her hinwegfegend, vemich 
Und man wird die uns so befremdenden sozialen 
wirtschaftlichen Zustände der alten Slawen n 
verstehen, solange man nicht deren Verhältniszn 
herrschenden Nomaden auf das allergenaueste i 
gestellt hat. Anhaltspunkte sind reichlich vorhanden, 
die Slawen waren nicht die einzigen Nomadenknechte, sie h 
Leidensgenossen, namentlich unter den Iraniem, am Südi 
der zentralasiatischen Salzsteppe, dem Brutneste des R< 
nomadentums überhaupt, durch welches so viel Elend über i 
und Europa gekommen ist. 

Dort, in Zentralasien, dauerten dieselben sozial- und 
schaftsgeschichtlichen, von Reitemomaden geschaffenen Zusi 
bis zu unseren Zeiten, bis zu den Tagen Skobelevs, welche 
Gök-Tepe die letzten Schlupfwinkel dieses Weltunheils zers 

Mit der russischen Eroberung ging auch die wissenschafi 
Durchforschung Turkestans Hand in Hand; sie bildet bi 
eine ganze Literatur. Die beste Darstellung verdanken wii 
Arbeiten des livländischen Naturforschers und Landwirts Alexa 
V. MiDDENDORFF übcrFcrghana ^), das einstige Chanat von Chol 
welches im Jahre 1876 dem russischen Reiche einverleibt w 
Am südlichen Rande der großen Horde der Kirgisen gel 
war dieses von iranischen Tadschiks bewohnte Gebiet sei 
denklichen Zeiten den benachbarten turkotatarischenReitemon 
preisgegeben; hier war die Zweischichtung immer zu H 

„Der stets nur Feldbau treibende Tadschik — schreibt Mii 
DORFF — steht ... als Ackerbauer immer dem Viehzucht 
benden Nomaden türkischen Stammes gegenüber, und der 
hat eine, von höherem Gesichtspunkte dareinschauende Si 
Wirtschaft diese beiden Gegensätze nur als zwei, zwar 
heterogene, aber nichtsdestoweniger sich mit unum^ngl 
Notwendigkeit ergänzende Bestandteile derselben Einheit, 

1) A. v. MiDDENDORFF, Eüiblikke in das Ferghana-Thal, in den M6m 
de TAcadtoie Imp. des Sciences de St.-P6tersboiirg, VII* 86r. Tome l 
Nr. 1, 1881. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren ete. 193 

Landwirtschaftsbetriebes jener Gegenden aufzufassen. China, 
Japan, Persien, der Kaukasus, Italien, kurz alle durch Bewässe- 
ningen sich hervortuende Gegenden bieten uns übrigens dieselbe 
Eigentümlichkeit dar; denn sie ist durch die natürlichen Ver- 
hältnisse bedingt: Zentrale Depekoration und zentrale Vegetarianer, 
umgeben von Hirten, die fast ausschließlich Fleischnahrung ver- 
ehren . . ."^). 

Letzteres ist ein befremdlicher Irrtum, der Wanderhirt ist 
entschiedener Galaktophage, Milch esser. Er schlachtet, wenn 
er nicht besonders herdenreich ist, nur selten ohne Not*), sich 
mit dem begnügend, was umfällt. „Im Sommer haben die Kal- 
mücken — berichtet Pallas — bei ihren zahlreichen Herden an 
Milch einen Überfluß, und selbige macht alsdenn auch einen 
Hanptteil ihrer Nahrung aus ... Im Sommer fehlt es ihnen zur 
Speise niemals an Fleisch, welches sie teils durch die Jagd, teils 
von ihrem verunglückten oder verreckten Vieh alsdenn im Über- 
M bekommen. Eignes Vieh aber ohne Not zu schlachten, ist 
aaHer bei Reichen und Vornehmen oder bei großen Lustbarkeiten 
etwas Ungewöhnliches"'); ferner geht Middendorff zu weit, 
wenn er den fei^hanischen Dualismus in der Lebensweise als 
nnomgängliche Notwendigkeit darstellt, wie wir sie in Italien, 
China, Japan und anderwärts vorfinden; denn in China, Japan 
ist der Vegetarismus nicht durch Zwang seitens einer herrschen- 
den Xomadenschicht entstanden, sondern durch Übervölkerung 
der bäuerlichen Gebietsteile und den dadurch verursachten Mangel 
an Weide, welcher eine milchspendende Viehzucht ausschließt. 
Anf großen Gebieten Chinas z. B. sitzen die Menschen so dicht 
beigaounen, daß sogar der Ackerbau aufhören und dem inten- 
sivsten Gartenbau weichen mußte; dies geht so weit, daß ein 
Exkrement zu einer Kostbarkeit und der Wanderer angebettelt 
^rd, nicht weiter zu ziehen, bevor er Kot gelassen. Nutz- 
'^ilch ist sodann eine unbekannte Sache und auf den Märkten 



1) A. a. 0. S. 263. 

2) Richard Hildebrand, Recht und Sitte. Jena 1896, S. 28 ff. — Über 
^ilch als Spetae siehe VAiiBfeRV, Das TUrkenvolk. Leipzig 1885, S. 208 ff. 

3) Pallas, Heise durch verschiedene Provinzen des russischen Reichs. 
^ St. Petersburg 1771, S. 314, 319. 



194 J. Peisker 

höchstens nur Frauenmilch, als Ersatz für Mutter- oder Ammen- 
milch erhältlich^). Das einzige Schlachtvieh ist hier Schwein 
und Hund. Auch der Vegetarismus einzelner italienischen Gebiete 
kann nicht auf den Einfluß des Wanderhirtentums zurückgeführl 
werden, hier hängt er mit dem leidigen Kolonate zusammen : di( 
Pächter kleiner Hofstellen können hier kein Vieh halten, wei 
das spärliche Grasland dem Grundherrn vorbehalten ist. 

Der Dualismus Ferghanas kann somit mit den Zustände) 
Chinas und Italiens nicht verglichen werden, und es ist anzu 
nehmen, daß, wenn die herrschende Hirtenschicht in Ferghan 
zu einer gewissen Bändigung gelangt wäre, sich die Verhältnise 
etwa wie auf der Balkanhalbinsel entwickelt hätten, wo nebe 
der nichtherrschenden galaktophagen wlachischen Schafwande 
hirtenschicht, eine auch Hausvieh-, namentlich Rinderzucl 
treibende Bauemschicht besteht. Allein die schrecklichen Wfist€ 
Turkestans schütteten immer neue, frischwilde Nomadenhorde 
aus, die jedes sich etwa bildende friedliche Gleichgewic- 
zwischen Hirt und Bauer gleich im Ansätze zerstörten. Und i 
paßt wörtlich auch auf Ferghana Konstantins des Purpurgeborene 
Bericht über die Russen, denn auch der Tadschik züchtet ke 
Vieh, und will er welches haben, dann muß er es von de 
Nomaden erwerben. 

„Sehr bezeichnend — berichtet weiter Middendorff — f 
die Ausschließlichkeit, mit welcher der Tadschik nur Ackerbau 
ist und seine Ergänzung im Nomaden sucht und findet, ist d 
Umstand, daß ich es nur als Sage anführen kann, es gäbe irgen 
wo einen Tadschik, der Herden weide, wobei aber sogleich hinz 
gefügt wurde, daß seine Viehzucht, gleichsam selbstv^erständlic 
sich auf Schafe beschränke" -). 

„Eine der interessantesten Erscheinungen in Ferghana biei 
die sonderbare Ineinanderzwickung der intensivsten Kultur ui 
des Primitivzustandes nomadischen Zelt- und Hirtenlebens. H 
man daheim an der Hand der Geschichte den Gang der Geschiel 



1) Martin, L'alimentation en Chine. Bulletin de la Soci6t6 d*ac( 
raatisation 1872, S. 609, zitiert bei Rudolf Dvouäk, Z ciiisk6 dom&cnos 
V Praze 1891, S. 26. 

2) Middendorff, a. a. 0. S. 263. 



Die älteren Bedehangen der Slawen zu Torkotataren etc. 195 

8attsam verfolgt und in Erfahrung gebracht, wie seit langen 
Jahrhunderten mongolisch-türkische Völkerschaften in steter Auf- 
dnanderfolge die iranischen Tadschik unterjocht; wie in letzter 
Instanz die indolenten, aber raublustigen Usbeken ... ihr Joch 
den betriebsamen Iranern (Tadschik und Sarten) aufgezwängt und 
sie bis zur letzten Stunde gebrandschatzt, so vermag man es 
anfangs kaum zu fassen, daß die Scharen Mherer Herrscher mit 
einem Schlage in Nichtigkeit dahingesunken sind und man nur 
zweierlei himmelweit voneinander abstehende Entwickelungs- 
zostände des Hauswesens in kaum glaublicher Weise in- und 
durcheinander verschlungen vor sich sieht. Und das merk- 
würdigste ist, daß der frühere Herrscher in entschieden unter- 
geordneter Stellung neben seinem früheren Sklaven, dem Iraner, 
erscheint." 

^Den Ausdruck Sklave mag man vielleicht an diesem Orte 
unpassend finden; er dürfte es aber wohl nur insofern sein, als 
die wirkliche Sklaverei mit Einschluß des Sklavenverkaufes auf 
ofienem Markte, in Mittelasien mit dem Einzüge der Russen auf- 
hörte. Beachten wir aber, daß es ein nur zu wahres Wort ist, 
es rege sich mit den Anfängen der Seßhaftigkeit und des Acker- 
baues auch das Verlangen nach Sklavenarbeit, welche in ihrem 
Gefolge stets Willkürherrschaft nach sich ziehe, so bleibt es Tat- 
^he, daß die Iraner Ferghanas, fort und fort aus einer Hand 
in die andere übergehend, im Schweiße ihres Angesichts Kanäle 
gegraben, Felder bebaut, hunderterlei Künste geübt, um ihren 
Ibenvindem nach deren Belieben den Löwenanteil zu zollen. 
Diese setzten wohl Herrscher nebst Trabanten über die Über- 
wundenen hin, aber das waren nur Einzelne, welche im Voll- 
gefühle ihrer unbeschränkten Gewalt den Schwelgereien und 
'^innengelüsten sich ergaben, während die Masse der siegreichen 
Pomaden dem gewohnten Treiben nicht zu entsagen vermochte, 
lö Widerstehlich zog sie der Drang der angeborenen Gewohn- 
heiten zu der freien Luft der Alpenmatten, der hochebenen Steppen 
•hinauf, sobald die Boten des Frühjahrs sich einstellten. Ja nur 
^in Teil der Nomaden kehrte zum Winter in die Umgebungen 
^^r nntenvorfenen besiedelten Orte zurück" *). 

1) A. a. 0. S. 327 f. 



X96 J- Peiaker 

Ebenso Vambäry: „Dort, wo Nomaden auf unabsehbare 
wüsten Steppen in der unmittelbaren Nähe eines zivilisierte 
Landes sich befinden, dort ist Raub und Sklaverei immer me 
oder weniger unvermeidlich. Die wüste, arme und nackte Nat 
hat ihre Kinder mit einer unbändigen Lust zu Abenteuern ui 
überlegenen physischen Kräften ausgerüstet; was der dürre Bod 
ihrer Heimat ihnen versagt, das müssen sie bei ihren mehr g 
segneten Nachbarn suchen. Der Verkehr geschieht nur seit 
auf freundlichem Wege, und da der beraubte und hart m 
genommene friedliche Ackerbauer den gutberittenen Nomad 
über die Grenze der spurlosen Sandfelder nicht verfolgen ka 
und es auch nicht wagt, so kann letzterer, geschützt vom Bo 
werk seines heimatlichen Terrains, seinen räuberischen Vei^n 
gungen ganz ungestraft nachhängen. In dieser unglücklichen La 
befanden sich früher die Städte am Rande der Sahara und 6 
Wüste Arabiens ; in letzterer sind noch heute die Karawanen d 
größten Gefahren ausgesetzt, und Persien muß dieses Elend i 
um so größerer Wucht empfinden, da die an seiner Nordgren 
befindlichen Wüsten die ausgedehntesten und schrecklichsti 
deren Einwohner aber auch die wildesten aller Nomaden sind" ^). 

Was ist das, ein Wanderhirt, ein Reitemomade? Was zwa 
den Nomaden, es zu werden ? Wo und wovon lebt er, und wan 
lebt er so? Muß er so leben und nicht anders? 

Er ist der Sohn und Produkt der ganz eigentümlichen Sa 
steppen und Salzwüsten Zentralasiens. Diese bestehen aus eii 
Reihe von sehr flachen Senkungen, in denen die Wassemied« 
schlage entweder von dem Boden bald aufgesogen werden oc 
zu einem Sumpfe oder Salzsee zusammenfließen, welche im So 
mer austrocknen. Der Steppenboden ist nicht gleichmäßig: ( 
Lößsteppe mit lockerer, sehr fruchtbarer Erde, die Sandwüi 
mit feinem, unfruchtbarem Sande, die Kiessteppe mit spärliche 
Graswuchs und die Stein- oder Schuttsteppe, der Vegetati 
günstig*). Das Klima ist unausgeglichen. Im Winter weht < 

1) Vambery, Skizzen aus Mittelasien. Leipzig 1868, S. 162. 

2) Über die Entstehung und den Charakter der turkestanischen Wüst( 
region siehe Franz v. Schwarz, Sintfluth und Völkerwanderungen. Stii 
gart 1894, S. 492 ff. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotetaren etc. 197 

wochenlang von Nordwesten her ein kaum erträglicher Sturm- 
wind, der den lockern Schnee aufwirbelt. Dieser bleibt ge- 
wöhnlich nicht lange liegen, fällt jedoch auch noch anfangs Juni, 
worauf plötzlich der heifie Sommer mit der großen Dürre eintritt. 
Ebenso schroff ist auch der Übergang zum Winter, denn einen 
Fruhlmg und Herbst gibt es nicht. 

Irgendein Ackerbau ist hier, der sommerlichen Trockenheit 
weg;en, ohne künstliche Bewässerung unmöglich, und auch die 
Tierwelt findet eine ganze Hälfte des Jahres, den Sommer über, 
keine Nahrung. Sobald das Gras anfängt zu verdorren, entsteht 
eine allgemeine Flucht von Tier und Mensch, und sie muß recht- 
Kitig ergriffen werden, um schnell genug Orte mit hinreichender 
Weide zu erreichen, zum größeren Teil in den weiten Norden, 
auf ungeheure Entfernungen. Hier liegen die Sommerweiden, 
und wenn diese im Herbst durch Verschneiung versagen, dann 
beißt es, den Rückzug in die Winterquartiere der Lößsteppe und 
der Salzwuste antreten. Die westturkestanische Steppe 
and Wüste bildet somit — im Gegensatze zu Ostturkestan — 
erst im Zusammenhange mit den angrenzenden nörd- 
lichen, sibirischen Gebieten die nötige Verbindung 
zu einem, wenn auch überaus harten Dasein für 
Mensch und Tier und schafft mit Ostturkestan zu- 
sammen den Zustand des Wanderhirten tu ms, welches 
zugleich ein Reiternomadentum ist, denn ein Wagen 
^äre auf den pfadlosen Wanderungen über Berg und Tal, über 
flufi und Sumpf ein Ding der Unmöglichkeit, und alles Hab und 
öut kann nur auf dem Rücken von Saumtieren vorwärtsgebracht 
werden. 

Das strenge Reiternomadentum kennt keine Rinderzucht. Das 
Rind verdurstet bald, es ist nicht schnellfüßig und ausdauernd 
jrenng, um die ungeheuren Wanderungen mitmachen zu können ; 
^ ginge an Erschöpfung zugrunde, bevor es im Frühjahr die 
'"^Dimerweiden und im Herbst die Winterquartiere erreicht haben 
^rde. Auch bietet ihm die Steppe für den Winter keine ent- 
sprechende Nahrung, und der Hirt hätte keinen besonderen Nutzen, 
^'eil (las wandernde Rind keine oder wenig Milch gibt und als 
Tragtier dem Pferd und Kamel an der unerläßlichen Schnelligkeit 



198 J. Peisker 

bedeutend nachsteht. Das eigentliche Zucht- und Nährtier d 
zentralasiatischen Nomaden ist das Schaf und neben ihm das Pfei 

Gleichwie das Kamel auf vereinzeltes, garstiges Dome 
gesträuch der Salz- und Sandwüsten, das der Mensch nicht l 
rühren kann, ohne sich zu verwunden, angewiesen ist, so d 
Schaf auf die unscheinbaren Grashalme, auf die Salzkraut 
die Artemisien [Wermutpflanzen] und das Blattwerk des mind 
bewaffneten Krüppelgestrüppes auch dort, wo die Salzwüste ihr 
Wüstencharakter am ausgeprägtesten darbietet, und wo man 1 
flüchtiger Umschau keine Vegetation auf der glitzernden Sa 
kruste sieht, sich wundem muß und es kaum begreifen kai 
wie sich das Schaf zum Beispiel in der öden, wasserlos 
Karakumwüste [südöstlich vom Aralsee] nährt und gar fett wii 
wenn eben nicht überall das Salz sichtbar würde. Als Weid 
haben nämlich die Salzwüsten für die Viehzucht eine hervorragen 
Bedeutung, im Gegensatze zu den Kieswüsten. Selbst dort, ' 
sie nicht reicher mit Kräutern bestanden sind als diese, ze 
sich die unvergleichlich wirksamere Nährkraft ihrer Pflanzen 
dem Zustande des Viehes, welches, im ausgehungerten Zustan 
zur Friihjahrszeit auf die scheinbar von jeglicher Vegetation e: 
blößten Salzflächen aufgetrieben, in wenigen Tagen auflebt. Oh 
Salz gibt es eben keine gedeihliche Schafzucht^). 

Dies alles gilt nur vom Herbst, Winter und Frühling, währe 
in der warmen Jahreszeit das Schafvieh auf den weitentfernt 
Sommerweiden des Salzes entbehren muß. Dieses Wechsellet 
zieht oft schwere Folgen nach sich, welchen vor allen andei 
Gewerben das lebende Kapital des Hirten, zumal unter d< 
Einflüsse kontinentaler klimatischer Gegensätze, unterworfen i 
Hiezu tritt die Sorglosigkeit, mit welcher der primitive Meng 
nur dem Augenblicke lebt, auf die unmittelbare Zukunft { 



1) MiDDENDOUFF, a. a. 0. S. 27, 289. Daher steigen die Kirgisen Ei 
Juli von den Vorbergen des Alatau herab, um das inzwischen gereifte ( 
treide einzusammeln und das Vieh die auf dem Salzboden wachsenden Krau 
abweiden zu lassen. Sie behaupten, daß die Gräser auf den Bergen w 
nahrhaft, aber allzu süßwasserhaltig seien, und daß das Vieh zum G^edeil 
der ergänzenden salzhaltigen Kräuter bedürfe. Alex. Petziioldt, ümscl 
im russischen Turkestan. Leipzig 1877, S. 306. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 199 

nicht bedacht ist, weder sich selbst, noch seinem Vieh Vorräte 
sammelt. Sein Schaf, sein Pferd, sein Kamel müssen sich die 
Asnog nötigenfalls aus dem Schnee selbst herausscharren, 
mag die Schneeschicht noch so hoch sein; bleibt der Schnee 
immer hinreichend schütter, dann frettet sich das Vieh immer 
noch den Winter durch, wenn auch erschöpft und bis an die 
Knochen abgemagert; aber wehe auch dem reichsten Herden- 
besitzer, wenn Glatteis eintritt und das Vieh sich das spärliche 
Futter nicht herausscharren kann; dann folgt ein massenhaftes 
Sterben, und der Wanderhirt erlebt noch unvergleichlich Schlim- 
meres, als ihm jemals die schrecklichen Geißeln : die Viehpest 
und die Beulenseuche, verursachen können. Gestern noch ein 
hochmögender Krösus, heute ein Bettler, dem Verhungern preis- 
gegeben, nicht einmal imstande, sich von der Stätte des Schreckens 
zn flächten, denn ohne zahlreiches Lastvieh kann er die weite 
Wanderung nicht antreten^). 

Was bleibt ihm dann übrig? Sich in die Knechtschaft eines 
glücklicheren Genossen zu begeben, den das Viehsterben nicht 
80 hart mitgenommen hat, und Hirtenknecht zu werden, oder 
auf Wucherzinsen von seinem Nachbar neues Vieh aufzunehmen, 
oder aber irgendwo am Rande der Steppe, an einem Wasserlaufe 
Ackerbau anzufangen, ein comru, Elender, zu werden, verachtet 
von seinem Nachbar, den er vielleicht noch gestern an Reichtum 
^ud Ansehen überragt hatte. Denn als das schwerste Unglück 
^nd Erniedrigung fühlt es der Sohn der freien Natur, wenn er 
iui Schweiße seines Angesichtes den Boden bearbeiten soll, und 
Klange kein Unheil über seine Herden vernichtend hinweg 
geschritten und ihn nicht vollständig niedergeschmettert hat, ergibt 
er sich nicht in das schreckliche Schicksal, das Mohammed ge- 
ächtet und verflucht hat mit den Worten : ,,wo nur dieses Werk- 
"^g [der Pflug] hindrangj hat es stets Knechtschaft tind 
^hande mit sich geführt*'. 

Die Züge der Reitemomaden von den Sommerweiden zu 
den Winterquartieren und umgekehrt pflegt man sich als eine 
nmhervagierende Wanderung vorzustellen. Diese Vorstellung 



1) MiDiiKXDORF, a. a. 0. S. 263. 



200 J* Peisker 

— setzt MiDDENDORFF fort — igt durchaas unrichtig ; denn nicht 
einmal der Urjäger paßt in die Kategorie der Vagierenden, weil 
selbst das Wild, auf das er angewiesen ist, nicht bewußtlos in 
der Umatur umherirrt, sondern seine bestimmten Reviere kennt, 
innerhalb deren es seinen bestimmten Kreislauf zurücklegt, 
den ihm der Wechsel der Tages- und der Jahreszeiten anweist; 
er wandert wohl über unermeßliche Strecken hin und zurück, 
jedoch immer wieder, hüben wie drüben, zu den althergebrachten 
Standörtem strebend. 

Genau ebenso der Reiternomade, der Wanderhirt. Der 
europäische Landwirt darf dessen Treiben nicht anders als eine 
regelmäßige Wechselwirtschaft betrachten, eine Wechselwirtschaft, 
welche sich über unermeßliche Wanderungsfelder erstreckt. Die 
Kirgisen, welche Middendorff zu Ende des Winters am Aralsee, 
am unteren Laufe des Syrdarja traf, wo ihre Herden den Boden 
förmlich niedergetrampelt hatten, fand er wenige Monate später 
bei seiner Rückreise nicht mehr vor. Alles war öde, menschen- 
und tierleer. Die mißhandelte Natur suchte sich zu erholen, 
hie und da Pflanzen ansetzend oder aus alten Wurzelstöeken 
Schosse treibend. Wo war das frühere Gewimmel geblieben? 
Das tummelte sich 10 Breitegrade, also mit Rücksicht auf die 
Zickzackbewegung mehr als anderthalbtausend Kilometer nörd- 
licher, in den Steppen von Troick und Omsk, brachte Monate 
zu auf der Wanderung dorthin, Monate auf der Wanderung zu- 
rück, macht im ganzen einen Weg von mehr als dreitausend 
Kilometern aus! Selten bleibt das Zelt über zwei Wochen, 
manchmal auch nur einen Tag oder einen halben auf demselben 
Platze. Zu jeder Jahreszeit will im Durchwandern derselbe, seit 
Urzeiten her bezogene Weidegrund aufgesucht sein. Sorgsam 
werden für den Winter besondere Weidegründe zu Scharr- 
futter unberührt erhalten. Nur große politische Erschütte- 
rungen reißen Lücken ein, drängen fort aus dem gewohnten Ge- 
leise oder eröflnen Breschen, in welche hineingerückt werden 
kann. So leer es oft auch aussieht, die Gegend ist dennoch 
besetzt, bloß zu einer anderen Zeit besucht und etwa unserem 
Brachacker vergleichbar. Wenn die einzelne Jägerfamilie des 
Nordens, um leben zu können, viele Quadratwerste umfassen 



Die JÜteren Beziehungen der Slawen zu Turkotatoren etc. 201 

luß, 80 gehört in der Steppenwüste wohl auch eine Quadratwerst 
IT Lieferung des Jahresbedarfs für jedes Haupt Vieh, denn im 
lohenden Sommer verdorrt rasch alle Vegetation. Besser nährt 
er Winter, wenn es nicht Glatteis setzt. 

Wie in den Steppen der aralkaspischen Senkung, so auch ver- 
ält es sich mit den Kirgisen Ferghanas, nur daß diese außer 
ier horizontalen Verschiebung sich auch noch um 3000 Meter 
lAeben oder senken. Diese haben den Vorteil dichtberaster 
f orberge, immei^rüner, saftiger Alpenmatten und endloser Hoch- 
jteppen für sich . . . Auch darin sind die südlichen Gebirgskirgisen 
im Vorteile, daß ihre Wintersitze sich mehr verteilen, denn die 
einen ziehen zum Winter talwärts, dem Schnee in die Vor- 
berge und endlich in die Schilfdickichte und Salzwüste weichend ; 
onterdessen die anderen hinaufrücken, in den schneearmen Hoch- 
ebenen des „Rückens der Welt" das bessere Winterfutter suchend, 
dort, wo die massige Erhebung des Erdgerüstes die mächtigsten 
Grate Mittelasiens [Karakorum, Himalaja und Thien-Schan] zu- 
sammengeschmiedet hat. Oder sie ziehen zu den Steppen des 
Alaj-Tales hinauf, wo in der Höhe von 2600 Meter ausgedehnter 
Ackerbau von ihnen betrieben wird, hoch über den letzten 
Ansiedlungen, welche auf 1400 Meter stehen bleiben. Im Früh- 
jahr suchen sie in den schrofieren Gebirgsketten die steilen, 
sonnenbeschienenen Felsgehänge auf, zumal Tonschieferwände, 
wrelehe sich am frühesten vom Schnee entblößen; das Vieh vor 
lern Hungertode errettend^). 

Dies ist der höchste Getreidebau der Welt, in 2600 Meter 
Jöhe. Angebaut wird Sommerweizen, Hirse und Gerste, und zwar 
lurch Arbeiter oder Sklaven, während der Nomade noch höhere 
tegionen beweidet. Erst nach seiner Rückkehr im Herbste wird 
bgeemtet -). 

Alexander v. Middendorff deckt hier die für das Auge 
Ines Sprach- oder Geschichtsforschers kaum sichtbaren Zu- 
ammenhänge zwischen Salzwüste und dem berittenen Schafwander- 
irtentum mit dankenswerter Klarheit auf, und es ist noch der 
rage nachzugehen, ob auch irgendein Zusammenhang zwischen 

1) A. a. 0. S. 329 f. Näheres darüber bei Alex. Petzholdt, S. 317 ff. 
2j Petzholdt, a. a. 0. S. 320. 



202 J- Peisker 

dem Schafwanderhü-tentum und den turkotatarischen Völkeni be- 
steht, ob nämlich die Turkotataren bereits als Schafwanderhirten 
in die Salzsteppe eingebrochen oder aber erst dort zu solchen 
geworden sind. 

Aufklärend für diese Frage sind die Forschungen Vamberys. 
Dieser merkwürdige Mann hat, als Bettelderwisch verkleidet 
und mit einem seltenen Sprachentalent ausgestattet, diese schreck- 
lichen Steppen und Wüsten noch vor der russischen Eroberung 
durchwandert und den turkotatarischen Sprachschatz kritisch 
zergliedert. Er fand, daß nicht das Schaf, sondern „das 
Pferd und das Rind als die ersten Haustiere des 
Türken im vorgeschichtlichen Zeitalter betrachtet 
werden müssen. . . . In dieser Annahme bekräftigen uns 
[Vambäry] besonders die geographischen Verhältnisse der tür- 
kischen Urheimat, auf welcher waldbedecktes Hügelland mit 
baumlosen, aber grasreichen Ebenen abwechselten und alle 
Bedingungen zur Pferde- und [Rind-]Viehzucht vorhanden waren, 
ebenso wie im entgegengesetzten Falle nach der richtigen An- 
nahme Ahlqüists bei den uralaltaischen stammverwandten 
Finn-Ugriern, die in der unwirtbaren Heimat im hohen Norden 
nur auf Jagd und Fischfang angewiesen waren, das Renntier 
und der Hund als die ersten Haustiere angesehen werden müssen. 
Einen ferneren Beleg zu dieser Annahme finden wir noch heute 
in dem Umstände, daß die Rinderzucht trotz der verschwindend 
geringen Ausdehnung, in welcher sie bei den türkischen Nomadei 
sich vorfindet, in den sumpfigen Waldgegenden noch immer ge- 
pflegt wird; daher ihr Vorhandensein bei den Karakalpaken in 
Deltagebiete des Oxus und im vergangenen [18.] Jahrhunder 
an der Mündung des Syr-Darja, und daher denn auch ihr all 
mähliches Abhandenkommen und die Ersetzung durch Schafzuch 
dort, wo die türkischen Volkselemente vom baumreichen Landi 
in die Steppe gedrängt worden waren. Wo eine Sprache, wi( 
dies im Turkotatarischen der Fall ist, sowohl in Bezeichnungei 
der verschiedenen Gattungen als auch in den einzelnen Alters 
Stadien des Hornviehes einen so reichen Wortschatz aufweist 
und in solch genauer Detaillierung sich ergeht, wie wir dies im 
Abschnitt über Geschlecht und Altersstadien (S. 63) gesehen, dort 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 203 

maß die [Rind-]Viehzucht einen sehr bedeutenden Zweig des 
Lebensunterhaltes ausgemacht haben und mit der Existenz des 
betreffenden Volkes eng verbunden gewesen sein, obwohl heute 
und schon seit historischem Gedenken bei dem türkischen No- 
maden die Schafzucht die erste Rolle einnimmt und obwohl das 
Rindfleisch heute als NahrungsstoflF bei allen Türken, ja in ganz 
West- und Mittelasien nur höchst selten gebraucht wird" ^). 

Vambery bespricht sodann den überaus reichen turkotatarischen 
Wortschatz in bezug auf Pferde- und Rinderzucht, während das 
Scbaf sehr geringe Anhaltspunkte für die Etymologie bietet. 

Die Turkotataren sind somit erst durch Zwang der turke- 
stanischen Salzsteppen und Salzwüsten, welche eine Rinderzucht 
ausschließen, zum reinen Schafwanderhirtentum veranlaßt worden, 
wie die oben vorgebrachte, wenn auch knappe Charakterisierung 
des Landes nichts anderes denken läßt. 

,So wie das Tier, vom Instinkt des Hungers und des Durstes getrieben, 
auf den Bergen und in den Tälern, in Wäldern und auf der Steppe die zu 
«einem Unterhalt nötige Nahrung suchend umherstreift, ebenso bat der Mensch 
im Urzustände seiner Existenz, als es ihm noch an Mitteln zur künstlichen 
Herbeischaffung seiner Nahrung mangelte, von einem Platz zum andern 
▼andern, d. h. ein nomadisches Leben führen müssen. Zuerst allein 
mit seiner Familie und Angehörigen umherziehend, mußten im späteren Ver- 
5«ife, als er Tiere gezähmt und Tierzüchter geworden, die Grenzen der 
Zögeren Heimat um so mehr erweitert werden, da die ihm folgende Herde 
•Im Gras der Triften bald abgeweidet und er, um seine eigene Nahrung zu 
sichern, auch für die Nahrung seiner Haustiere zu sorgen hatte. So ent- 
standen die Hirtenvölker [-)] . . ., deren Größe ebensosehr nach der Beschaffen- 
heit des Bodens und nach den Bedingungen des Klimas variierte, als die 
lingere oder kürzere Dauer des primitiven oder nomadischen Zustandes von 



1) Vambery, Die primitive Cultur des turko-tatarischen Volkes. Leip- 
zig 1879, 8. 186 f. Trotzdem die Turkotataren seit historischem Gedenken, 
niit geringen Ausnahmen keine Rinderzüchter mehr sind, haben sie dennoch 
üire einstige, so überaus reiche Nomenklatur für Rind bewahrt. Es ist dies 
t'in far uns wichtiges Analogen zu den Slawen, welche ihren nicht unbe- 
•J^ntenden eigenen Wortschatz für Hörn- und Schmalvich aus jenen vor- 
hi«orischen Zeiten herübergerettet haben, als sie noch, von Uralaltaiem unbe- 
«nflußt, Viehzucht treiben konnten. 

2) Näheres über das Nomadentum als Produkt der Steppe siehe bei 
EiJ. H-\HN, Das Alter der wirtschaftlichen Kultur der Menschheit, Heidelberg 
1005, S. 91 ff. 

Vierteljaihrftchr. f. Social- u. Wirtachaftfgeschiclite. III. 14 



204 J- Peisker 

den im eigenen Kreise Torgefallenen oder in den Nachbarländern entstandenen 
l)olitiachen und gesellschaftlichen Umwälzungen abhing. Mit Hinblick auf 
den ersterwälmten Umstand wird es klar, [von mir gesperrt:] warum die 
uralaltaische und speziell die turkotatarische Rasse der 
Mehrzahl nach nomadisch ist und warum sie trotz der ge- 
waltigen Zeitstürme, die über den von ihr bewohnten Teil 
Asiens wegtobten, selbst bis in die Gegenwart hinein dem 
Wanderleben mehr treu geblieben als jedwedes Volk auf 
Erden; denn es ist heute allbekannt, daß solche einge- 
fleischte Nomaden, wie die Türken, weder in Afrika und 
Amerika, noch auch in Australien sich vorfinden, noch vor- 
gefunden wurden. Mit den weit ausgedehnten Steppen- 
regionen der innerasiatischen Welt, die von der östlicheo 
Mongolei ... über Ostturkestan nach derOstküste desKaspi- 
sees sich hinziehen, hält keine uns bekannte Steppenregion 
den Vergleich aus... Diese Spezialität der Bodenverhält- 
nisse muß daher als Hauptursache der ethnischen Eigenheit 
der turkotatarischen Rasse hingestellt werden. Auf diesen 
unabsehbaren Flächen der besagten Teile Asiens haben sich 
von jeher die Hirtenvölker uralaltaischer Abkunft herum- 
getummelt . . ., denn so wie die Mongolen z. B. von jeher im 
Süden des Sajangebirges und auf der großen Gobi- oder 
Schamosteppe zuHause waren, ebenso können dieTtirkenals 
Autochthonen des vomAltai bis zumKaukasus sich erstrecken- 
den Steppengebietes betrachtet werden." 

„Wenn wir ... die in den türkischen Kulturwörtem vorhandenen ein- 
zelnen Lichtfaden in eine Fackel zusammenfassen und beim Lichte derselben 
in die Dunkelheit des vorgeschichtlichen Zeitalters zurückblicken, so werden 
wir sehen, ,daß wir es hier mit einem seinem innersten Wesen nach durch 
und durch nomadischen Volke zu tun haben, dessen überwiegende Mehrzahl 
seit undenklichen Zeiten auf den weiten, mit Gras und Schilf bedeckten Niede- 
rungen Asiens vom Altai bis zur Wolga mit seinen Pferde-, Schaf- und 
Kamelherden nmherin-te, nur von Milch, Fleisch und Fett der Tiere sich 
nährte und nur mit den Häuten der Tiere sich kleidete*. Ja, wir haben in 
den Türken ein Volk vor uns, das, infolge der Bedingungen seiner Urexistenz, 
von einer steten Wanderlust ergriffen . . ., in der Sucht nach günstigeren 
klimatischen und territorialen Verhältnissen, schon sehr früh den Steppen" 
gürtel seiner Heimat zu durchbrechen sich bemüht, die benachbarten Völker 
mit ewigem Krieg heimgesucht hat; schließlich ein Volk, das im . . . Gredrängc 
des ethnischen Chaos Hochasiens zuerst nach dem Süden, resp. Südwesten 
aufgebrochen war und hiernach als jener Zweig des uralaltaischen Stamme» 
betrachtet werden muß, der in die Geschicke der abendländischen Welt im 
Mittelalter sowohl als in der Neuzeit am kräftigsten eingegriffen hatte* 
Dieser Vorteil wird nun allerdings den Türken von gewisser Seite streitig 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 205 

-emacht, indem neuere Forscher dies den Ugriem vindizieren, und die ethnische 
tomenklatur eines Herodot mit den heutigen Namen ugrischer Völkerschaften 
ientifizierend, Wogulen, Züijänen, Mordwinen und Wotjaken im vorchrist- 
ichen Zeitalter bis an den Ufern des Kaspisees wohnen lassen, ja die Exi- 
tenz der ügrier in Persien und Assyrien nachweisen wollen. Mit dieser 
Jisgebort einer zügellosen Einbildungskraft, die zumeist von solchen Gelehrten 
errohrt, die weder das Volk, noch die Sprache der Ugrier und Türken 
eimen, wäre es in der Tat schade, sich eingehender zu befassen. Die heutige 
Ethnologie braucht nicht und darf auch nicht mehr auf Hirngespinste bauen, 
ic kami in ihrem Dienste nur Tatsachen oder deren Stellvertreter, die Über- 
€8te der Kultur und die sprachlichen Monumente verwerten, und weil von 
tieser uralten geistigen und weltlichen Herrschaft der Ugrier im Süden kein 
Sterbenswörtchen, kein Atom der Erinnerung sich erhalten hat, so beharren 
nr bei unserer früheren Annahme, daß die geographische Verbrei- 
ung der Türken im hohen Altertum von der heutigen nur 
venig verändert war, sowie im allgemeinen die im Anfange des ge- 
tchichtlichen Zeitalters vorgefundenen ethnischen Gruppierungen der Ural- 
ütaier gewiß schon seit Jahrtausenden sich nur wenig verändert hatten. 
(Wogulen, Ostjaken und Züijänen haben seit Menschengedenken und gewiß 
loch im hohen Altertum schon in ihrer heutigen Heimat gewohnt und sind 
nicht Tom Süden her dort eingewandert . . . Hiermit soll nicht gesagt sein, 
iaß die an Zahl grösseren und mächtigeren Stämme, wie z. B. das Türken- 
folk, ihre zeitweiligen Wanderungen nach dem Süden und nach dem Westen 
tticht schon früh begonnen hätten. Oh nein ! Die Wanderungen der Türken 
iber die Wolga, die Pontusländer nach Pannonien oder über den Oxus und 
Jen Görgen nach den Kultursitzen der iranischen Menschheit müssen gewiß 
schon lange, lange vor Christi Geburt versucht worden und teilweise auch 
vollführt worden sein . . ." ^). 

Man sieht, die Kontroverse unter den Orientalisten über 
lie ältesten erkennbaren Steppenbewohner Zentralasiens spitzt 
»ich nicht in die Frage zu, ob Arier oder Uralaltaier, 
'ondem ob Ugrier oder Turkotataren, welche beide Uralaltaier 
iind! 

Wer war nun vor den Uralaltaiern in den Salzsteppen 
Jentralasiens ? Man behauptet, Arier, und zwar ostarische 
Völkerschaften. Und worauf stützt man diese Behauptung? Auf 
ine andere Voraussetzung, daß nämlich Alexander der Große 
^nf seinem Zuge nach Innerasien angeblich keine Uralaltaier 
'Aschen dem Oxus und dem Jaxartes vorgefunden habe, weil 
lie Griechen sonst eine Nachricht darüber hätten zurückbringen 



1) VA3fBEBY, Das Tllrkenvolk. Leipzig 1885. S. 171 f., 67 ff. 



206 •^- Peisker 

müssen^). Dieser negative Beweis kann nicht gelten, denn die 
Nomaden Turkestans hatten und haben so häufige, ja stete, 
wenn auch immer feindselige Beziehungen zu den arischen Iraniern, 
daß durch den ewigen Menschenraub und Verpflanzung ganzer 
Völkerschaften notwendigerweise eine starke Blutmischung ent- 
stehen und fortschreiten mußte, wodurch die schärfsten (Jegensiitze 
in der äußeren Erscheinung schon frühzeitig verloren gingen. 

Bekanntlich ist ganz Zentralasien seit Jahrtausenden im fortschreitenden 
Vertrocknen begriffen; die Wüstenregion rückt infolgedessen immer weiter 
vor. Ein beständiger Rückgang aller turkestanischen Seen, Flüsse und 
Gletscher ist historisch nachweisbar und wird seit der russischen Eroberung 
sorgfältig registriert. Mit der Vertrocknung schreitet eine merkliche Ver- 
schlechterung des Klimas fort, die sich namentlich in einer Vergrößerung^ 
der Kontraste zwischen der Kälte des Winters und der Hitze des Sommers 
kundgibt. Die Folge ist eine allmähliche Umwälzung in der Flora und Fauna; 
so gab es zu Alexanders Zeiten in Ostturkestan Löwen und Tannen, von 
denen heute keine Spur mehr vorhanden ist'). „Zentralasien hat also seit 
dem Abfluß des Mongolischen Meeres, welcher die allmähliche Austrocknun? 
oder wenigstens den beständigen Rückgang auch aller übrigen zentralasiati- 
schen Seebecken zur Folge hatte, sein Aussehen vollständig verändert und 
sich aus einem fruchtbaren Land mit einer, wie aus den spärlichen Übenesten 
hervorgeht, außerordentlich reichen Vegetation in eine trostlose Wüste ver- 
wandelt. Eine solche radikale Veränderung des Klimas und Bodens könnt« 
natürlich an den Bewohnern dieses so schwer heimgesuchten Gebietes nicht 
spurlos vorübergehen. Als auf den hohen Gebirgstälern die Winterkälte immer 
größer wurde und der Winter selbst immer früher und früher eintrat, blieb den 
ansässigen und ackerbautreibenden [arischen] Bewohnern derselben nichts 
übrig, als ihre Heimat zu verlassen und sich, wie der Zendavesta angibt, nach 
den tiefer gelegenen Tälern zurückzuziehen. In den niedrigen Tälern und in 
der Ebene waren aber die Verhältnisse nicht viel besser; denn hier wurde 
infolge der fortwährenden Verringerung der Niederschläge ein Stück Kultu^ 
land nach dem andern in eine Sand- und Kieswüste oder wenigstens in eine 
nur als Viehweide zu gebrauchende Steppe umgewandelt. [Von mir gesperrt:] 
Den von diesem Schicksal betroffenen Ackerbauern blieb 



1) F. A. Ukert, Geographie der Griechen und Römer von den frühesten 
Zeiten bis auf Ptolemäus. IIL Teil, 2. Abteilung. Auch mit dem Titel: 
F. A. Ukekt, Skythien und das Land der Geten oder Daker nach den Ansichten 
der Griechen und Römer. Weimar 1846, S. 275. — Vgl. Fhanz v. SchwapJ, 
Turkestan. Freiburg i. Br. 1900 (Bibliothek der Länder- und Völker- 
kunde XIV), S. 8 f. 

2) Franz v. Schwarz, Sintfluth und Völkerwanderungen. Stuttgart I89i> 
S. 346, 489 ff. 




Die älteren Beziehuugen der Slawen zu Turkotataren etc. 207 

lieh dem Verlust ihrer Felder nichts anderes übrig, als sich 
ediglich auf die Viehzucht zu beschränken, d. h. sich in 
Somtden zu verwandeln... Nomaden brauchen zu ihrer Ernährung 
linen Tiel größeren Kaum als Ackerbauer; Zentralasien war also, als sich 
tin Gebiet nach dem andern in Steppen oder Wüsten und die Bewohner sich 
tos Ackerbauern in Nomaden verwandelten, nicht mehr imstande, seine ganze 
lisberige Bevölkerung zu ernähren, und die unausbleibliche Folge war, daß 
:in Teü der Bewohner das Feld räumen und auswandern mußte" '). 

Franz v. Schwarz hat durch seine Darstellung der Umwälzungen in den 
iodeoTerhSltnissen Tnrkestans unsere Kentnisse wesentlich gefördert; allein 
i«toe Annahme, die einst ackerbauende Bevölkerung hätte infolge dieser, 
fohl sehr allmählichen Veränderungen zum Nomadentum sciireiten müssen, 
8t ^ewiß ganz verfehlt. Der Bauer wandert aus, oder er geht, wenn ihn 
»ein Boden nicht mehr nähren kann, zugrunde; zum Nomaden wird er 
licht. Wo soll er die dazu nötigen Tiere geschwind hernehmen, sie be- 
landebi und mit ihnen plötzlich wandern lernen, im Winter in die Wüste, 
im Sommer in weit entfernte Regionen, die er nicht einmal dem Namen 
Btch kennt ! Die bäuerliche Lebensweise ist von der wanderhirtlichen und 
aoch dazu reitemomadischen so diametral verschieden, daß ein Übergang von 
der ersteren zu der letzteren durch keine eintretende Not erzwungen werden 
kum. Der Hirt kann Bauer werden, nachdem er es von einem andern Bauer 
^ernt hat; kann aber ein Bauernvolk zu Nomaden in die Lehre gehen? 
Wurde der Nomade eine damit verbundene Schmälerung seiner eigenen Weide 
rolassen? 

So können sich die Dinge nicht entwickelt haben! Eine Abnahme des 
Kulturbodens durch Naturkräfte hatte nicht diesenWechselin derLebens- 
form der bisherigen Einwohner zur Folge, sondern einen fort- 
schreitenden Rückgang in der Population. Nur in dieser 
^htung konnte Luft gemacht werden. Der Ackerbauer wich einfach al8 
solcher der Ungunst der neuen Verhältnisse, und seine verwüstete und 
^on ihm verlassene Heimat blieb so lange leer, bis ein anderes Volk, das sie 
% *ie sie geworden ist, zu nutzen schon von Haus aus verstand, sie ein- 
D^hin. Diese neue Bevölkerung muß eben sclion reitemomadisch gewesen 
^üi, als sie dorthin einbrach, und der Einbruch konnte nur von dem Norden 
^'^r. ans Sibirien geschehen, also durch Uralaltaier! 

1) A. a. 0. S. 496. — Der letzte Satz enthält einen Trugschluß, der 
^Direbliche Übergang vom Ackerbau zum Nomadentum hätte ja einen ge- 
''^aitigen und zwar gleichzeitigen Rückgang der Population zur Folge haben 
Gössen ! Es kann somit nach diesem bereits vollbrachten angeblichen Über- 
^'anire keine Rede von der „ganzen bisherigen Bevölkerung" sein; es hätte 
Helmehr eine Auswanderung des größten Teiles der Einwohner diesem Über- 
fange vorangehen, die Auswanderer hätten nicht bereits als Nomaden, sondeni 
aoch als Bauern den Platz räumen müssen und bloß der daheim gebliebene 
l^eine Rest hätte — wenn überhaupt ! — zum Nomadentum übergehen können. 




208 J- Peisker 

Die Konstruktion eines vorhistorischen arischen Reitemomac 
ist somit Franz v. Schwarz nicht gelangen, und das turkotataiische 
nomadentum Turkestans ist vermutlich so alt wie die reitemomadische I 
der Salzsteppen selbst. 

In der arischen Völkerfamilie ist für ein Reiteraomac 
kein Raum, das beweist schon der arische Sprachschatz. M 
unter den Ariern ein Reitemomade vorfindet, ist er ein Zugei 
Von der Salzsteppe weggedrängt oder weggelockt durch Ai 
auf Beute und Wohlleben, lagert er sich gierig als eine i 
abgeschlossene Schicht über ein ackerbauendes Volk, und 
einem, das er unterbekommt; das vnrd zum Parier und ble 
auch nachdem der Peiniger die Sprache des Unterjochte 
genommen, sich entnationalisiert hat. Der Turkotatare ma| 
auch dann noch eine Zeit lang ethnisch mehr oder wenige] 
altaier bleiben, sprachlich erscheint er jedoch fortan als Ar 

Das gilt in erster Reihe von den Skythen. 

* 
Nach Herodot^) umfaßten die Skythen mehrere \ 
Schäften von offenbar nicht derselben Rasse : Diekönigli 
Skythen, das waren die „tapfersten und zahlreichsten (::* 
Skythen, die sehen auch die übrigen Skythen für ihre K 
an''; die Nomadenskythen, Wanderhirten der Steppe, 
jedweden Ackerbau; „die Kallipiden, die sind helle 
Skythen; über diesen ein anderes Volk, ... die Alaz 
diese und die Kallipiden haben sonst dieselben Sitten ^ 
Skythen, aber sie säen auch Korn" [also den heutigen 
kirgisen gleichzustellen] ; überdies zwei Völker, welche He 
die S/cudat yewpyoi und die Sxü^at apor/ipe; nennt. Die Spi 
der königlichen und wohl auch die der Nomadenskythe 
iranisch, aber ihre Lebensweise zeigt derart turkotatarisch 
men, daß sie bereits von B. G. Niebuhr als „sibirisch-mongol 
erkannt wurden^. 



1) Herodot IV. 17, 18, 19, 20. 

2) B. G. NrEBUHR, Kleine historische und philologische Sc 
1. Sammlung. Bonn 1828, S. 362 ff. Untersuchungen über die Gei 
der Skythen, Geten und Sarmaten. Nach einem 1811 vorgelesenen 
neu gearbeitet 1828. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 209 

Dieselbe Ansieht vertritt auch ÖAFAßfK im Jahre 1837 ^) aus- 
iihrlich, während Zeuss in demselben Jahre die Skythen — nach 
iöCKH*) — den Medopersern, also Ariern, zuweist^). Ihm 
ichließt sich auch Ukert*) und Müllenhoff*) an. 

Gegen eine nichtarische Herkunft der Skythen sprechen nach 
HCllenhoff folgende Gründe, die ich zur leichteren Übersicht 
mmeriere : 

/• „Ein blick auf die werke der schönsten griechischen kunst, 
iie auf der Krim und in den gräbern der scythischen könige 
\n dem von Herodot 4, 53. 56. yi bezeichneten bezirk an der 
Satnara gefunden sind und scythische fürsten und leute mit 
illem detail ihrer erscheinung darstellen, genügt um sich zu 
überzeugen, daß dies keine Nordasiaten waren,*^ 

Dagegen ist — auch wenn man statt „Nordasiaten" Zentral- 
asiaten setzt — einzuwenden, daß so ziemlich bei allen Völkern, 
namentlich Eroberem, es gerade die Fürsten sind, welche Aus- 
länderinnen heiraten, wodurch die Nachkommenschaft den natio- 
nalen Typus gleich verlieren muß; ebensowenig, wie von dem 
Aussehen der türkischen Sultane auf die Rasse der Osmanen, 
kann von den Darstellungen der skythischen Könige auf die 
Abkunft der Skythen geschlossen werden. Und auch bei dem 
Skjlhenvolke selbst, zur Zeit Herodots, kann sich die Frage 
nicht, ob arisch oder turkotatarisch, zuspitzen, sondern bloß nach 
lern Ursprünge des Volkes ausgehen. Denn Nomadenhorden, 
Speiche nachweislich derart voneinander weit entfernte Völker unter- 
f^orfen und beherrscht, müssen doch sehr viel fremdes, arisches, 
semitisches und anderes Blut aufgenommen und so ihre einstige 



1) P. J. SAFAilJK, Slowanskö Starozitnosti, I. V Praze 1837, S. 233 f. — 
- J. ScHAFARiK, Slawische Alterthümer. Deutsch von Mosk; von Aehren- 
ELii, herausgegeben von Wuttke, I. Leipzig 1843, S. 279 f. 

2) Corpus inscriptionum Graecarum edidit A. Boeckhius, II. Berolini 1843, 
?. 63. 

3) Zeuss, Die Deutschen und die Nachbarstämme. München 1837, S. 286 ff. 

4) F. A. ükert, a. a. 0. 

5) MCllexhoff, Über die herkunft und spräche der pontischen Scythen 
^^^ Sannaten, in den Monatsberichten der Kgl. preuß. Akademie zu 
^Im, Jahrg. 1866, S. 649 flf. Mit Nachträgen des Verfassers abgedruckt 
t» MCllenhoffs Deutscher Altertumskunde, 3. Bd. Berlin 1892, S. 101 ff. 



210 J. Peisker 

Rassenreinheit längst eingebüßt haben, wobei der ursprüngliche 
Typus immer mehr verblaßte. 

Über eine solche Blutmischung bei den Skythen selbst be- 
richtet Herodot, IV 1—3: 

... in der Verfolgung der Kimerier fielen [die Skythen] 
in Asien ein und entrissen den Medern die Herrschaft , . . AU 
aber die Skythen 28 Jahre fortgewesen aus ihrem Vaterlande 
und nach so langer Zeit nun wieder heimzogen, so wartete ihrer 
ein neuer Kampf y . . . denn sie fanden ein nicht unbedeutendes 
Heer, das sich ihnen entgegenstellte. Nämlich die Weiber der 
Skythen waren, als ihre Männer so lange wegblieben, zu ihren 
Knechten gegangen. Es blenden die Skythen aber alle ihre 
Kiiechte der Milch wegen, die ihr Getränk ist . . . Wenn sie 
die Milch gemolken^ schütten sie sie in . . , Butten, und rifigsuni 
stellen sie ihre blinden Knechte, die rühren die Milch um [rühren 
Butter] . . . Darum blenden die Skythen alle Gefangenen . . . 
Von diesen Knechten nun und voji ihreft Weibern war ihnen 
ein junges Volk aufgewachsen . . . (nach Friede. Lange). 

Während also die Skythen in Medien 28 Jahre lang mit 
medischen Frauen Umgang pflogen und die mit diesen gezeugten 
Söhne oflfenbar mitnahmen, ließen sich in ihrer Abwesenheit ihre 
Frauen mit ihren Knechten ein. Ist eine radikalere Blut- 
mischung innerhalb einer einzigen Generation denk- 
bar? 

LangjSlirige Abwesenheit sämtlicher waffenfähiger Männer, welche a«^ 
Raubzügen in weit entfernten Ländern festgehalten wurden und den Eückzui^ 
verlegt fanden, war die natürliche Folge der ganzen nomadischen Lebens- 
weise, und es braucht durchaus keine Fabel zu sein, daß inzwischen die 
daheim gebliebenen Weiber mit den nicht mehr kriegsttichtigen Greisen, die 
nach und nach wegstarben, die Herrschaft über die Sklaven führten uu<l 
durch diesen Umstand sich veranlaßt sahen, selbst dem Kriegshandwerk -^ 
als Amazonen — obzuliegen. 

Von den Amazonen haben sich bei den Griechen folgende Vorstellung^" 
ausgebildet: Im Nordosten von Kleinasien, wohin auch schon Homer weist? 
bestand ein großer Staat aus kriegerischen Frauen, an deren Spitze eine 
Königin stand und in welchem entweder die Männer ganz ausgeschlosseß 
oder bloß zum Behufe der Erhaltung des Geschlechtes geduldet waren, aber 
im Zustande der Knechtschaft und mit Beschäftigungen betraut, welche sonst 
die Frauen verrichten, verstümmelt an Armen und Schenkeln, damit sie, der 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 211 

affenfühmng beraubt, der Herrschaft der Frauen nicht gefährlich würden, 
e Frauen allein führten die Waffen und machten auch Eroberungszüge bis 
ch Griechenland. Ihre männliche Nachkommenschaft töteten oder ver- 
immelten sie oder schickten sie über die Grenze zu ihren Vätern; denn 
ter der Voraussetzung, daß die Amazonen keine Männer unter sich im 
nde hätten, erzählte man, sie hätten mit einem benachbarten Männenrolke 
r Fortpflanzung jährlich eine Zeitlang in dem Grenzgebirge ehelichen Um- 
ag gepflogen 0. Diese Nachrichten haben die Griechen nicht erfunden, 
weis dessen HerodOT IV, 110: Die Amazotun werden von den Skythen 
ip:uLxa genannt, das bedeutet in unserer Sprache Männer töter ; denn ol6p heißt bei 
\tn der Mann, icaTd töten, was MÜLLENHOFF mit Zeuss in OlpÖTUcxa erklärt, 

der Bedeutung von Männerherrinnen, männerbeherrschenden Amazonen, 
iaix9xpaTc6|i6voi, wie die Sauromaten von Ephoros charakterisiert werden*), 
ich Jlstix, II. 4 waren die Amazonen die hinterbliebenen Frauen von 
ythen, welche an den Thermodon ausgei¥andert und dort im Kriege um- 
kommen waren. 

HiPPOKRATES (geb. um 460 v. Chr.) berichtet: In Europa gibt es einen 
yikmstamm, welcher um den Mäotisehen See herum wohnt und sieh von den 
ri^m Stämmen erheblich unterscheidet ; man nennt ihn die Sauromaten, Du 
auen aus jenem Volksstamme reiten, schießen mit detn Bogen, schleudern den 
itrfspeer vom Pferde herab und kämpfen, solange sie yungfrauen sind, gegen 

■ Fände» Sie werden nicht eher defloriert, als bis sie drei Feinde erlegt habeti, 
'«/ erdulden nicht eher den Coitus, als bis sie die gesetzlich vorgeschriebenen Opfer 
r^ibracht haben. Diejenige, welche sich einen Mann erivählt hat, gibt das Räten 
ff solange nicht die Notwendigkeit eines gemeinsamen Feldzuges eintritt. Did 
^hu Brust fehlt ihnen. Solange sie nämlich noch unmündige Kinder sind, hgcit 

■ Mütter den Mädchen ein zu diesem Zwecke hergestelltes glühendes Eisen an die 

■ ht£ Brust, und diese wird so versengt, daß ihr Wachstum gestört ist, sie aber dafür 
^f Kraft ufud Fülle an die reckte Schulter und an den rechteti Arm abgibt^). 

Aach das Mittelalter kennt Amazonen in Europa: Ibhahim ibn jAKt» 
fiielt von Kaiser Otto I. Nachricht von der westlich von den Rüs belegenen 
^t der Weiber" : . . . sie werden von ihren Sklaven schwanger, und wenn 
'<^ von ihnen einen Sohn gebiert, tötet sie ikn. Sie reiten und ziehen in eigener 
rson in den Krieg . . . *). 

1) T<JEPFi-^K in Pauly's Eeal-Encyclopädie der klassischen Alterturas- 
•stnschaft Neue Bearbeitung herausgegeben von Wissowa. I, 2. Stntt- 
rt 1894, 8. V. Amazones, Spalte 1754 f. 

2) Mf'LLEKHOFF, a. a. 0. S. 106. 

3) Hn»pOKRATE8, Sämtliche Werke, übersetzt von R. Fi'CHS. I. München 
^r S. 395 f. nepl Upiü>4 cap. 17 (24). 

4) Ibrahim-ibn-JaklIks Reisebericht über die Slawenlande aus dem 
lire 965. Von Fr. Westberg. St. Petersburg 1898, S. 56 (M^moires 

^'Acad. Imp. des Sciences de St.-P6tersbourg. VIII* s6r. Classe hist-philoa. 
L in. No. 4). 



212 J. Peisker 

Eine Parallele dazu bieten vielleicht die Awaren nach Fredegar cap. 48: 
Jedes Jahr kamen die Chunen zu den [böhmischen] Slawen . . . / dann mkmtn 
sie die IVeiber . . . der Slawen und schliefen bei ihnen, und zu den übrigen .)fiß- 
kandlungen mußten die Slawen den Chunen noch Abgaben zahlen. Die Söhne dtr 
Chunen aber, die diese mit den Weibern . . . der Wenden erzeugt hatten, ertrugm 
endlich solchen Druck nicht mehr, verweigerten den Chunen den Gehorsam und 
begannen , , , eine Empörung . . . ^). 

So wie die Skythinnen nach Herodot, mögen etwa auch die Awaren- 
weiber während der häufigen Abwesenheit ihrer Männer die Herrschaft als 
Amazonen geföhrt haben, so daß auch die böhmische Amazonensage 

— Kosmas I. 9 — durchaus nicht ganz aus der Luft gegriffen sein muß. 

SivERCOV schildert die Frauen der Kara-Kirgisen so: Die Weiber 
zeichnen sich überhaupt durch eine freie Gesinnung aus und erkennen keine 
Gewalten über sich an, wenigstens nicht in ihrem alltäglichen häuslichen 
Leben, wo das Weib allerdings unausgesetzt in der Eibitke arbeitet, aber 
durchaus nicht Sklavin, sondern volle Hausfrau ist und den trägen Xomaden 
etM'as hochfahrend behandelt; dieser ist ihr sogar gehorsam und macht oft 
ihren unterwürfigen Diener; sie verwendet ihn freilich nicht zu eigentlichen 
Arbeiten, aber manche gewandte Kirgisin weiß ihn auch dahin zu bringen. 
Nur bei den Festmahlzeiten erscheint die Frau als die demütige Dienerin des 
Mannes und ißt nicht mit den Männern, sondern nach ihnen von dem, was 
übriggeblieben ist; dies geschieht aber deshalb, weil sie als Wirtin zuerst 
ihre Gäste bewirten muß. Im gewöhnlichen Familienleben fäUt die Rolle 
des Demütigen nicht selten dem Manne zu . . . und deshalb waren die Kir- 
gisen . . . ganz demütig, als die Kosaken in ihren Kibitken zu [plündern] . • • 
begannen, während die Kirgisinnen ihnen [den Kosaken] scharf zn Leibe 
gingen. Wie dem aber auch sein mag, soviel ist gewiß, daß der Kirgi»^^ 
wenn er tapfer ist, dies nur zu Pferde und außerhalb seiner Wohnung ist 

— die Kirgisinnen dagegen sind dies zu Hause, in ihrer Kibitke, wo der 
Mann gewissermaßen nur Gast ist, und zwar nach Möglichkeit gepflegt wird, ^ 
aber nichts mitzureden hat und sich ganz passiv verhält, die Fran aber 
selbständige, unumschränkte Herrin ist. Bei Überfällen auf die Auls er- 
greifen die Kirgisen ihre Gewehre und eilen zu ihrer Pferdeherde, die Frauen 
aber halten stand und verteidigen sich. Wenn sodann die Männer zu Pferde 
gestiegen sind, stürzen auch sie sich auf die Angreifer-). Petzholdt meint, 
diese Schilderung dürfte nur für die östlich wohnenden Stämme gelten')» 



1) Nach 0. Abels Übersetzung in den Geschichtschreibern der 
deutschen Vorzeit. VII. 3. Berlin 1849, S. 32; in der zweiten Gesamtausg^abe, 
XI. Band. Leipzig 1888, S. 26. 

2) Sewerzows Erforschung des Thian-Schan: Ergänzungsheft Nr. ^ 
zu Peterman'ns Geograph. Mitteilungen 1875, S. 76. 

3) Alex. Petzholdt, Umschau im russischen Turkestan. Leipzig ISv'i 
S. 316. 



gm^ 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu TurkotatÄren etc. 213 

Angesichts dieser Tatsachen könnte den antiken Amazonensagen viel 
ihres innewohnen. Gingen die Männer auf einem Kriegszuge unter, dann 
ih den Frauen, wollten sie ihr Staatswesen unabhängig von außen erhalten, 
hte anderes als ein Konnubium mit ihren Sklaven Übrig. Und ebenso, wie 

Turkmene der Neuzeit den Sklaven, denen er seine Herden zum Hüten 
vertraut, die Sehnen an den Fersen durchschneidet, damit sie ihm mitsamt 
I Herden nicht durchgehen ^), so haben auch die antiken Amazonen ihre 
tten-Sklaven an Armen und Schenkeln verstümmelt. Sonst pflegten, nach 
RODOT IV, 2., die Skythen alle ihre Sklaven zu blenden*). 

Wie rasch ein Nomadenvolk zu einer ausgiebigen Blutmischung 
langt, sehen ynr auch an den Magyaren. Als ihre Kriegs- 
rden einmal auf einem Plünderungszuge begriffen waren, nützten 
e Abwesenheit die mit Simeon von Bulgarien verbündeten 
tschenegen zu einem Überfall der daheimgebliebenen An- 
hörigen aus. Die zurückgekehrte Kriegshorde fand ihr Heim 
sgemordet') und mußte fremdrassige Weiber nehmen, das 

rauben, so daß, wenn sie bis dahin, was undenkbar ist, rein- 
Jsig war, schon ihre Söhne zu 50 ^/o nichtmagyarisches Blut 
fwiesen. Dieser Fall war gewiß nicht vereinzelt, er ist vielmehr 
r alle Nomaden typisch, welche, ihre Familien unter einer nicht 
nug starken Bedeckung daheimlassend, über fremdrassige Völker 
rfallen und zugleich einander bekämpfen ; denn bei dem furcht- 
ren Getümmel, in dem die sibirisch-turanischen Reiterhirten 
standig schwärmten und einer dem andern die Beute strittig 
ichte, ist vorauszusetzen, daß geradezu ein jedes solches Volk 
mindest einmal auf ähnliche Art um Weib und Kind gekommen 
; war ja die ganze Kriegsweise des gelben Mannes seit jeher 
f Tücke, Hinterhalt und Umgehung des Feindes angelegt, und 
alaltaier konnten sich reinrassig nur dort erhalten, wo sie 
mer nur ihresgleichen gegenüberstanden. So kommt es, daß 
r gelbe Mann ziemlich rein bloß im Norden und Nordosten 

1) Wenjikow, Die russisch-asiatischen Grenzlande. Leipzig 1874, S. 483. 

2) Üher Blenden kriegsgefangener Aksakale {Volksältesten) in Chiwa 
l. Vambeuy, Reise in Mittelasien, Leipzig 1865, S. 114. 2. Aufl. 1873, S. 119. 

3) . . . ol nax^txaxlxai . . . x&g aöxöv 9ajitXiac «avxeXög igrjcpdvioav . . . 
N'STANTix PoKPHYROGENN'ETOS, De administrando imperio cap. 40. — 
V. TrMOX (Ungarische Verfassungs- und Rechtsgeschichte, übersetzt von 
iiiLLER. Berlin 1904, S. 38, Anm. 45) hält die Nachricht für stark tiber- 
-ben. 



214 J. Peisker 

Asiens vorzufinden ist, während er gegen Süden und Westen so 
unmerklich in das Ariertum übergeht, daß es nicht möglich ist, 
irgendeine Grenze zwischen ihm und der weißen Rasse wahr- 
zunehmen. 

Belege dafür liefert Vamb^rys ans schon bekanntes Werk über das 
Türkenvolk auf jeder Seite. Wollen wir einiges davon hervorheben: 

Das AufsteUen eines speziell türkischen Nationaltypns istan- 
gesichts der vielartigen und vielfachen Beimischung fremden Blutes . . . kein 
leichtes Ding ; doch glauben wir der Wahrheit so ziemlich nahe zu kommen, 
wenn wir den Kirgisen als den eigentlichen typischen Türken hinstellen ; den 
Kirgisen, der noch heute am supponierten Ursitze sich befindet, der in 
den Strom der weltgeschichtlichen Begebenheiten nicht so stark und nicht so 
häufig hingerissen wurde und daher auch der primitiven türkischen Lebensweise 
viel treuer geblieben ist als seine übrigen Stammesbrüder. Die vorherr- 
schenden Momente . . . bilden . . . der knrzgedrnngene Körperbau mit 
breiten starken Knochen, ein großer Kopf von brachycephaler 
Form, kleine Augen mit schrägem Zuschnitt, niedere Stirn, 
platte Nase, breites Kinn, spärlicher Bartwuchs, schwarze 
oder braune Kopfhaare und dunkle, fast gelbliche Hautfarbe. 
Stellen wir nun einen solchen Türken dem Mongolen zur »Seite, so werden 
wir finden, daß auch letzterer durch sämtliche erwähnte Merkmale sich her- 
vortut, mit dem Unterschiede, daß diese Charakteristik bei ihm schärfer 
li ervortritt und demnach dem Türken gegenüber den eigentliclicn Urtypus 
repräsentiert (S. 61 f.) 

Die Kara-Kalpaken [am Amu Daija] sind mit Nichttürken stark 
gemischt, zeichnen sich durch höhere Gestalt, durch kräftigen Knochenbau 
und namentlich durch reicheren Haarwuchs nicht nur vor den Kirgisen und 
Turkoraanen, sondern auch vor dem durch arische Blutmischung stark im- 
prägnierten Özbegen aus. Sie haben einen großen Kopf mit flachem, 
vollem Gesichte, große Augen, Stumpfnase, wenig vorstehende 
Backenknochen, plattes, wenig gespitztes Kinn, auffallend lange Arme und 
breite Hände. Daher der Spottreim: „DerKara-Kalpakhatein flaches 
Gesicht und ist selbst flach". Im Gesichtsausdruck nähert er sieb 
wohl am meisten dem Özbegen, doch nicht so, was die höhere Statur und 
namentlich den langen Bart und das reiche Kopfhaar anbelangt, 
und da letzterwähnte Eigenheit von den arabischen Geographen den Petsche- 
uegen nachgerühmt wird (was ungarische Historiker auch bezüglich der 
Petschenegen in Ungarn bestätigen), so hat die Annahme wohl etwas für 
sicli, daß die Kara-Kalpaken mit den letzteren verwandt oder gar identisch 
sind. Wie diese beiden Völker zu den dem türkischen Physi- 
kum fremden Eigenheiten gekommen sind, ist allerdings nicht 
so leicht erklärlich, doch Tatsache ist es, daß nicht nur Petschenegen imd 
Kara-Kalpaken, sondern auch andere im 9. und 10. Jahrhundert in den Pontus- 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 215 

ländern hausende Türken als von hoher Statur und mit reichem Haaiwuchs 
Teraehen geschildert werden. So werden die alten Magyaren von den Chro- 
nisten gezeichnet, und ähnlich ist auch das Bild, welches von den in Ungarn 
eiDgedrungenen Knraanen entworfen wird. Dieses ethnographische 
Ratsei kann nnrdadurch einigermaßen gelöst werden, wenn 
wir den intensiven Verkehr dieser Türken mit den henacli- 
barten Ariern des Kaukasus und Irans in Erwägung ziehen, 
ond so wie Turkomanen und Özbegen der Neuzeit durch 
persische Sklaven und Tadschiken so manche Charakteristik 
des Iraniertums erhalten, ebenso sind Petschenegen, Kara- 
Kalpaken, Rumänen und Magyaren im AI tertument tu rkisiert, 
i h, teilweise iranisiert worden (S. 377 f.). 

Das Physikum der in drei Gruppen zerfallenden Krimtataren ist: 
i) Die eigentlichen Steppenbewohner, irrtümlich Nogaier genannt, sind 
Ton mittlerer Statur und kräftigem Körperbau, dunkelgelber Gesichtsfarbe; 
die Backenknochen ragen merklich hervor; ihr dunkles Auge hat einen 
Khmalen und schräg hinlaufenden Schnitt; die Nasenflügel breit, Ohren groß 
und herabhängend, Kopfhaare schwarz, Bartwuchs äußerst schwach. — 
bjDie Gebirgstataren sind wesentlich anders: von hohem Wüchse, 
«tarker, leichter, zierlicher Gestalt; die Gesichtsfarbe nähert sich der der 
Kaukasier; große und dunkle Augen, dichtes, schwarzes Kopf- und 
Barthaar; sie stellen im allgemeinen einen schönen Menschen- 
schlag vor. — c) Die litoralen Tataren, wahrscheinlich ein Gemisch 
der schon früher dort eingedrungenen Türken mit den von alters her dort wohnen- 
den Griechen, Römern und den später infolge Sklaverei dahin gelangten 
Tseherkcssen, Polen, Humanen, Deutschen und Magyaren, das erdenklichst 
bunteste Bild physischer Merkmale; sie haben unter dem südlichen Himmel 
des nationalen Urtypus sich beinahe gänzlich entkleidet. Sie sind von hohem 
nnd starkem Körperbau, mit ovalem Gesicht, schönen, funkelnden 
Angen, glanzvollem, schwarzem Haar, und die längliche 
Nase tut sich bisweilen durch einen feinen römischen oder 
griechischen Schnitt hervor. Man begegnet namentlich in 
den zwei letzten Fraktionen nicht selten vollkommen idealen 
f ranenschönheiten, wie dies auch in der europäischen Türkei 
der Fall ist. — Die südlichen Tataren, von brauner Gesichtsfarbe, 
langer Nase und großem Auge, lassen die stark griechische 
nndteilweise römische Blutmischung leicht erkennen (S.529f.). 

Und mit den Skythen soll es sich anders verhalten haben? 
Man vergleiche nur ^die Werke der schönsten griechischen Knnst*" 
Sfidrußlands, welche Müllenhoff heranzieht — herausgegeben 
von Graf J. Tolstoj und N. Kondakov — ^); die sind übrigens 

1) rpatfr-b II. To.icToft II H. KoH^aKOB'i,, PyccKiH JpeBnocTii m> 
^''^MjiTHHKaxTj iicKyccTBa. IL C. ITeTepGyprL 18S9. 



216 J- Pei8ker 

jünger als die Berichte Herodots und Hippokrates', und in 
der Zwischenzeit muß sich doch der einstige uralaltaische Typus 
der Skythen durch Blutmischung noch mehr abgeschwächt haben. 
Es kommen hier hauptsächlich folgende Skythenbilder in Be- 
tracht: 

1, Der Friesstreifen einer herrlichen griechischen Elektrumvase 
(Goldsilberlegierung mit 20 ^/o Silber) aus dem Kul-Obischen 
Kurgan bei Kertsch (Jenikale) in der Krim. [Plan des Kurgan 
a. a. 0. S. 85.] Die Szenerie besteht aus einer Gruppe von sieben 
in der Steppe lagernden Skythen. Die erste Figur stellt, nach 
dem diademartigen Stirnband zu schließen, einen skythischen 
Machthaber dar, welcher, europäisch sitzend und auf eine Lanze 
gestützt, den Bericht eines auf orientalische Art hockenden Kriegers 
entgegennimmt. Daneben bespannt ein anderer Kriegsmann seinen 
Bogen mit der Sehne. Rechts von diesem untersucht der ^^e^te 
Skythe die verletzte Kinnlade seines Genossen, während der 
siebente den verwundeten Fuß des sechsten verbindet. Alle smd 
in Ledergewänder (wahrscheinlich mit dem Fell nach innen) ge- 
kleidet, und die Füße stecken in weichen Lederschuhen ohne 
Sohle. Es sind offenkundige Reitergestalten ^). 

2, Ein Goldplättchen, einen feisten Skythen darstellend; die 
rechte Hand hält ein Trinkgefaß, die linke einen Köcher. Aus 
demselben Kul-Obischen Funde '^). 

3, Der Friesstreifen einer ebenso prächtigen griechischen Silber- 
vase aus dem öertomlyckischen Riesenkurgan bei Nikopol am 
Dniepr^) mit 8 Pferdebändigern, bei denen jedoch nur die Ge- 
stalten, nicht aber auch die Gesichter deutlich genug sind. 

Über diese Skythenbilder verdanke ich den Anatomen Prof. Holl 
in Graz und Hofrat Zückerkandl in Wien folgendes Gutachten : 

Prof. Holl: 

„Allgemeiner Charakter: Der ganze Körper ist gedrungen, klein, 
aber massig, in der unteren Körperhälfte fast plump. Das plumpe Aussehen 



1) Der Fries, zur Gänze abgewickelt (a. a. 0. S. 143), bei uns Bild I mit 
Figuren h—g. Einzelne Figuren vergrößert (a. a. 0. S. 1 und 142), bei uns 
Bild II, Fig. d-g, und III, Fig. c. 

2) A. a. 0. S. 61, bei uns Büd IV. 

3) A. a. 0. S. 136—138, bei uns Bild V. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 217 

ist Tielleicht bedin^^ durch die Gewandung; wenn dies nicht der Fall, so 
würde der Unterkörper auf kräftiger Muskulatur eine ziemliche Fettansamm- 
Inng aufweisen. Die bewegten Gestalten (Bild V), die denselben Körperbau 
wie die Gestalten I — m, b— g zeigen, lassen vermuten, daß die Plumpheit 
auf die schwere oder steife Gewandung [^] zurückzuführen ist. Sicher bandelt 
es sich um starkknochige, muskulöse Gestaltungen. 

Die Köpfe erscheinen mit Rücksicht auf den gedrungenen Körperbau 

der Gestalten groß. Der Hirnschädel ist hoch und eher kurz als lang ; die 

Stirngegend breit, eher hoch als nieder und prominent ; ein Fall (f) zeigt 

eine niedere Stime, was aber Tielleicht durch den tiefen Haaransatz bedingt 

ist Das Kopfhaar lang, schlicht und nicht reichlich. Nach den Figuren e 

(und f) zu urteilen, wäre das Kopfhaar nur in der vorderen Scheitelgegend 

erhalten, der übrige Teil geschoren ; das in der bezeichneten Gegend erhaltene 

Kopfhaar ist ausnehmend lang, an der Wui'zel zu einem Knoten verschlungen, 

and vom Knoten bedeckt es perückenartig den ganzen Himschädel und reicht 

okr diesen in die Nackengegend. 

Der Gesichtsschädel weist mit Ausnahme einer Gestalt (a) durchgehends 
einen groben (jedoch nicht wilden) Typus auf, der auch fremdartig erscheint; 
di8 Gesicht der Gestalt a erinnert an griechische Typen. Die Grobheit der 
Qbrigen Gesichter wird bedingt durch den massigen Knochenbau, welcher, da die 
denselben deckenden Weichteile nicht mächtig entwickelt sind, das charak- 
teristische Aussehen des Gesichtes in voller Schärfe betont. Der Gesichts- 
whädel ist hoch und breit, fast viereckig; die große Breite erstreckt sich 
auch auf das üntergesicht (Unterkiefer), weshalb die Jochbeingegend, obwohl 
dieselbe sehr breit ist, dennoch nicht besonders ausladend erscheint. 

Auffallend hoch ist das Obergesicht (Nasen- und Oberkieferkörper- 
gegend), und besonders niedrig die Oberlippengegend, was an viele 
griechische Gestaltungen erinnert. Infolge der mächtigen Entwicklung des 
Unterkiefers ist die Kinngegend hoch und vorspringend. Ganz eigen- 
tämlich ist die hohe, steile, im Verhältnis nicht breite Nase, mit ihrer 
mächtig emporgehobenen, schmalen Wurzel, so daß die Profillinie des Nasen- 
daches mit dem Stimprofil in einer Flucht zu liegen kommt. Das Stirn- 
Xasenprofil ist steil und ganz hervorragend ausladend, so daß der innere 
Augenwinkel und durch die starke Ausladung des obem Augenhöhlenrandes 
das ganze Auge stark in die Tiefe verlegt ist. 

Eine nicht gewöhnliche Eigentümlichkeit zeigt der erwähnte Kontur, 
insofern derselbe nicht gerade verlaufend ist, sondern eine Wölbung und 
eine Einziehung aufweist ; die letztere findet sich an der Stelle der gewöhn- 
lichen Einsenkung der Profillinie an der Nasenwurzel, die erstere knapp 
oberhalb der Einsenkung, also in der Stirngegend. Die Wölbung betrifft 
entweder nur den imteren Teil der Stime (d), oder sie wölbt die ganze 
Stime (f). Eine scharfe Einsattelung zeigt die Profillinie in der Gegend 
der Nasenwurzel an der Gestaltung c, was wenigstens aus der vergrößerten 

1) Leder, wahrscheinlich mit dem Fell nach innen. 



218 J- Peisker 

Abbildung III hervorzugehen scheint; das Urteil kann jedoch kein sicheres 
sein, da der Geeich tskontur in der Zeichnung auffallend dick gehalten ist. 

Der Augenhöhleneingang ist groß, weit. Der obere Lidrand 
überschneidet den untern in der Gegend des äußeren Augenwinkels, und zwar 
in einem Falle (f) besonders stark, so daß die Länge der Lidspalte in diesem 
Falle auffallend kurz erscheint; in allen anderen Fällen erscheint die Länse 
normal. Mit Ausnahme des eben erwähnten Falles (f) erscheint die Lidspalte 
gerade verlaufend. Das obere Augenlid ist hoch. Trotz der durch die 
Bildung der Stime und Nase bedingten Tieflagerung des Auges muß das- 
selbe doch als prominent bezeichnet werden. Es erscheint auch groß; die 
Größe bezieht sich aber selbstverständlich nicht auf den Augapfel, sondem 
auf die denselben umgebenden, sichtbaren Weichteile. Die Augenbrauen 
(Haare) selbst scheinen nicht dargestellt zu sein; die Wulstung über den 
Augen scheint einzig und allein nur den knöchernen oberen Augenhöhlenrand 
zu b et reifen. 

Die Nase ist lang, schmal, stark vorspringend und steil (vielleicht Ans- 
nahme Figur c m). 

Der Mund ist in Anbetracht des breiten Gesichtes nicht auffallend breit; 
niedrig ist die b e r 1 i p p e , so daß die Höhe der Mnndgegend namentlich von 
der Unterlippen-Kinngegend erzeugt wird. Die Lippen fleischig, jedoch nicht 
wulstig. Das Barthaar ist schlicht und nicht besonders reichlich ; es scheint 
wie das Kopfhaar geschmeidig und schwer zu sein und bei den verschiedenen 
Stellungen des Kopfes dem Gesetz der Schwere zu folgen (c, d, f). Di» 
Oberkiefergegend und auch die Jochbeingegend sind frei von Barthaaren, 
so daß sich der Vollbart an der Seite des Gesichtes nur längs des aufsteigen- 
den Astes des Unterkiefers erstreckt. 

Wie schon erwähnt, sind die Weichteile des Gesichtes nicht massig, wes- 
halb die Grundzüge des Skelettbaues des Gesichtes durch die Weichteile nichts 
verwischt werden, und das Charakteristische der Gesichter, welche als fremd- 
artig bezeichnet werden müssen, nicht durch die Weichteile, sondem durch 
das Gesichtsskelett bedingt ist. 

Das hervorstechende Merkmal an allen Gesichtern ist die Ge- 
staltung der Stirn-Nasengegend und die niedere Oberlippen- 
gebend. 

Während die Figuren d—g ein und denselben Typus aufweisen, welchen 
auch, von ganz geringen Abweichungen abgesehen, die Figuren b und c 
zeigen, unterscheidet sich Figur a in dem Gesichte ganz auffällig von den 
übrigen Gestaltungen. Das ganze Gesicht dieser Figur a weist einen feinen 
Gesichtstypus auf, welcher sehr erinnert an den klassischen Gesichtstypus 
der griechischen Kunstwerke." 

Hofrat Zuckeukandl: 

„Ich bin mit dem ausgezeichneten Gutachten Holls, einen Punkt aus- 
genommen, ganz einverstanden. Dieser betriift die Haarform. Holl meint, 
daß das Kopfhaar nur in der vordem Scheitelgegend erhalten, zu einem 




Bild III. Fij,nir c, zu S. 216 ff. 
(TOLSTOJ & KON'DAKOV II., S. 142.) 




Bild IV, zu S. 21Gff., 220 f. 
(iuldplättchcu aus dem Kul-Obischen Kurjrau. 

(T<»L.ST<»J & KoNDAKOV II., S. 61.) 




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Bild VI, zu S. 224. 

Junt^er Mongole (nach Photographie). 
(Ratzel, Völkerkunde III. Leipzig 1888, S. 332.) 




Bild VII. Knra-Kirgise, zu S. 224 f. 

(Nach einer Aufnahme von G. Merzbacher.) 

(v. ScHW.vuz, Turkestan. Freiburg i. Br. 1900, 8. 24.) 




Bild VIII. Karu kif-jM. zu S. 224f. 

(Nach einer AufimliuK* von U. Merzbacher.) 

(v. Schwarz, S. 24.) 




IJild IX. „Slawisch-samojedischer Mischlin«r", zu S. 2*25. 

(Nach Photographic.) 

(MiDDKNixMU'i', Reise iu den äußersten Norden 

und Osten h^ibiriens. St. rotorsburi? 1875, S. 1615. 

Taf. 16, YiiT. 9.) 




Bild X. iiirkutüiiiäi h.M Ältester, zu S. 224. 

(Nacli eiiirr Aufnahme von G. Merzbacher.) 

(v. Schwarz, S. 25.) 





Bild XI, zu 8. 224. 
Der magyarische Wanderhirt Josef Varga aus Zala. 
Jahre alt. Lan^^schädcl, 8chmal«resicht. (Hkkman, Zur Fraffe 
s ma«:varirtchen T^pus. In den Mitteilungen d. Anthropol. 
Gos. in Wien. 35. Bd. 1905. Taf. 8.) 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 219 

Knoten verschlungen und, vom Knoten hedeckt, perückenartig nach hinten 
:elegt sei, der ganze übrige Teil des Schädels soll dagegen geschoren sein. 
Ich habe trotz wiederholter Betrachtung der Bilder mich hievon nicht über- 
Eengen können. Die Haare der vorderen Scheitelgegend sind vielmehr kurz 
geschnitten und entweder schopfartig (d^ f ) oder in Form eines Knopfes (e) 
a&ch oben vorspringend, oder wie auf IV glatt nach vom gelegt. Es ist 
im übrigen nicht ausgeschlossen, daß es sich auch auf Figur e um eine 
jchopfartige Frisur handelt und der Haarknopf nur durch die Veränderung, 
die der Schopf durch die Handhaltung der Figur d erlitten hat, vorgetäuscht 
wird. Das übrige Kopfhaar ist einfach nach hinten gekämmt und wurzelt, 
«ie Figur f lehrt, am Scheitel seitlich und oben. Für das Geschorensein 
des Kopfes in der hinteren Scheitelgegend könnte nur auf Figur d verwiesen 
werden, der aber Figur f gegenüberzustellen ist, auf welcher ganz deutlich 
die hintere Scheitelgegend mit Haaren versehen ist." 

Die Skythengesichter werden hier wiederholt als fremdartig 
bezeichnet; sie sind nicht das, was man arisch zu nennen pflegt, 
aber ebensowenig weisen sie mongolischen Typus auf; etwas 
anderes läßt sich von einem solchen Mischvolk eben nicht erwarten. 

Xebst diesen Funden klassischer Kunstwerke birgt indes die 
Steppenregion eine Menge roh bearbeiteter Steinstatuen, auf 
denen der Uralaltaier deutlich erkennbar ist. 

So schreibt Klaproth : „Auf dem halben . . . Wege zwischen 
Bezopasnoj und . . . Donskaja fanden wir . ^ . die zwei Stein- 
bilder, die schon Güldenstädt beschrieben hat, und wovon das 
erste männlichen und das andere weiblichen Geschlechtes ist. 
Diese unförmlichen Figuren, die oft nur auf der einen Seite und 
anch da gewöhnlich nur vom Kopf bis zu den Knien ausgearbeitet 
• . sind, finden sich in der ganzen Gegend häufig. Sie gleichen 
iast unseren Halbstatuen in alten Gärten, die Faunen und Satyrn 
vorstellen . . . und haben eine rein mongolische Gesichtsbildung. 
Oewöhnlich sind sie sitzend [ — aber auch stehend, wie bei 
Vämbery, Fig. 5 — ] vorgestellt, und die männlichen Figuren 
scheinen mit einem Brusthamisch und einem langen, engen, 
^is zum Knie gehenden Rocke bekleidet zu sein. Die weib- 
iehen aber haben bloße, herunterhängende Brüste und einen viel 
kürzeren Rock oder auch nackte Schenkel. Sie unterscheiden 
ich durch einen breiten Halsschmuck und durch eine darüber- 
ängende Korallenschnur. Ihr Kopfputz ist sonderbar und doppelt 
afeinandergesetzt, dahingegen die Männer kleine, spitzige, den 

Vi*?rt«lj»hTichr. f. Social- u. WirtBchaftBgeschlchte. III. 15 



220 J- Peisker 

chinesischen ähnliche Mützen haben und hinten eine lange, herunter- 
hängende Haarflechte. Alle Figuren ohne Ausnahme halten 
vor derScham ein längliches Trinkgefäß, das aber oft nur 
einem Viereck gleicht. Solche Steinbilder sieht man häufig in dem 
westlichen Teil der Steppe im Norden des Kaukasus . . ., sowie auch 
in Menge zwischen dem Don . . . und Dniepr. Ja, ich habe selbst 
eine ähnliche silberne Figur von der Länge eines Fingers erhalten, 
die . . . an der Kuma gefunden war, nur mit dem Unterschiede, daß 
sie . . . gar keine Hände hatte. Diese Statuen tragen das Gepräge 
eines hohen Alters an sich und es scheint, daß sie schon zur Zeit des 
Ammianus Marcellixus vorhanden waren, denn dieser sagt, als er die 
Hunnen beschreibt : Sie sind . . . so krumm , daß man sie für auf 
zwei Füßen gehende Tiere halten könnte, oder für solche grob gear- 
beitete Pfeiler in menschlicher Gestalt, wie man sie an den Ufern 
des Pontus sieht^ ^). Das steht bei Amähan XXXI, 2 allerdings nicht, 
sondern : , , , ut bipedes existimes bestias vel quäle s in conmargi- 
najidis pontibus effigiaii siipites dolantur incompte. Von Brücken 
(pontes) ist hier die Rede, nicht vom Schwarzen Meere (Pontus) I 

Die bei allen diesen Steinfignren vorkommenden Trinkbecher sollen offen- 
bar die Toten, denen sie geweiht sind, besonders kennzeichnen nnd hängen 
vielleicht mit Herodots Bericht (IV. 66 f.) zusammen: 

Afit den Köpfen . . . der ärgsten Feinde thun [die Skytlun] also: Ein jeglicher sä^ 
alles ad, was unter den Augenbrauen ist, und reinigt es. Und wenn es ein armer Mann 
ist, so umzieht er es blos voft außen mit Rindsleder und braucht es so ; ist er aber 
reich, so überzieht er es auch mit Rindsleder, inwendig aber vergoldet er es, und si 
braucht er es als Trinkgefäß . . . Einmal jährlich mischt der Oberste des Bezirks . • • 
einen Krug mit Wein, davon trinken alle Skythen, die da Feinde erschlagen haben; 
die aber dergleichen noch nicht getan, die kosten nicht von diesem Wein, sondern sitzen 
ungeehrt beiseite . . . Die aber . . . recht sehr viele Feinde erschlagen, die haben gleich 
zwei Becher uml trinken zugleich aus allen beiden. (Nach FrtBDR, LangE.) 

Zu vergleichen die Skythenfigur mit dem Trinkgefäß auf Goldplättchen 
Büd IV, die sodann einen Helden darstellen würde, welcher bei solchen 
feierlichen Gelagen trinkberechtigt war*). 



1) JuL. V. Klaproth, Reise in den Kaukasus und nach Georgien, I. 
Halle und Berlin 1812, S. 263 f. — Von Klaproths Beschreibung einiger- 
maßen abweichende, viel rohere Steinbilder von turkestanischen Kurganen 
bringt A. Petzholdt, Umschau im russischen Turkestan. Leipzig 1877, 
S. 34 f. — Weitere acht bei Vamberv, Das Türkenvolk, Tafel zu S. 30. 

2) HeR(>üOT IV. 10 : ... Und von dem Skythcs, dem Sohne des HerakUs, 
stammen alle Könige der Skythen von jeher; und von der Schale [die an dem 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 221 

2, yyAuch Hippokrates (de aere § piff.), wo er die körper- 
fschaffenheit der Scythen bespricht und ihre besonderkeit aus 
er Lebensweise des volks und den einßüssen des klimas ableitet, 
hergeht gerade die auffallendsten merkmale des mongolischen 
fpus ^)''. 

Hippokrates, Über Luft, Wasser und Örtlichkeit, Kap. 18 (25) : Was 
^a- die KörperbeseJtaffenhHt der übrigen [nämlich nichtsarmatischen] Skythen 
xlangt, daß sie nämlich nur unter einander , aber nicht mit 
nderen [dem HIPPOKRATES bekannten] ver glichen werden können, 
> wäre darüber genau dasselbe zu sagen wie über die Ägypter, abgesehen davon, 
ip die einen unter der Hitze, die andern unter der Kälte zu leiden haben . . . 
\omaden nennt man sie, weil es bei ihnen keine Häuser gibt, sondern sie vielmehr 



fÜTtel hing, welchen Herakles der Mutter des Skythes übergeben hatte] 
rügen die Skythen noch bis auf den heutigen Tag Schalen an 
kren Gürteln .. , Dazu bemerkt Franz v. Schwarz (Sintfluth und 
Völkerwanderungen, Stuttgart 1894, S. 332), welcher 15 Jahre in Turkestan 
^lebt: „Diese Sitte ist bei den Sarten, Tadschiken und Galtschas im all- 
E:eiDeinen Gebrauch, und Niemand begibt sich auf Beisen oder auch nur auf 
rinen Ausflug, ohne seine Trinkschale mitzunehmen. Sie gebrauchen dazu 
eigene abgepaßte Futterale aus Leder, welche schon mit der Schale verkauft 
Verden und entweder an den Gürtel oder den Sattel gehängt werden. Auch 
ni Hause tragen sie gewöhnlich ihre Trinkschalen in das Gürteltuch gewickelt 
)ei sicL" 

Die mit Leder überzogenen Trinkschalen der Skythen dürften somit auf 
orkestanische Herkunft dieses Volkes hinweisen. Ebenso die mit Figuren 
ezierten Goldplättchen selbst: Fr. v. Schwarz sagt (a. a. 0. S. 333): „In 
tu Gallischen tumuli der C6te d^or, sowie in denen am rechten Ufer der 
t>eren Donau hat man mannigfache Schmuckgegenstände gefunden, welche 
it geschlagenen Goldplättchen verziert waren. Ebensolche Goldplättchen 
it man in den Skythengräbem Südrußlands gefunden. So entdeckte vor 
irzem . . . Veselovsku in einem Kurgan in der Nähe von Simferopol das 
rab eines skythischen Heerführers. Kleidung und Mütze der Leiche waren 
it Goldplättchen geschmückt, und ein sehr gut gearbeitetes . . ., welches 
aen Adler darstellte, verzierte auch den Köcher . . . [Es] besteht auch 
lute noch die ganze Goldarbeiterkunst der Sarten und Tadschiken lediglich 
der Herstellung solcher getriebener Goldplättchen, welche sie hauptsäch- 
th zur Cberkleidung von silbernen Schmucksachen verwenden. Gegenstände 
18 massivem Golde, wie Fingerringe, Armspangen, Ohrgehänge u. dergl., 
ibe ich bei den Eingeborenen Turkestans nie zu Gesicht bekommen. Die 
den Gallischen und Skythischen Gräbern aufgefundenen Goldplättchen 
ammen daher offenbar ebenfalls aus Turkestan.^ 

1) ÜKERT a. a. 0. S. 273 f. 



222 J- Peisker 

auf Wagen wohnen . . . Die Wagen werden teils von 2, teils von j yoch hörnerlosfr 
Ochsen gezogen. . . In diesen Wagen halten sich die Frauen mit den 
Kindern auf, die Männer aber sitzen zu Pferde, Es folgen ihnen dit 
Schafe , , . die Binder und die Pferde. Man pflegt aber so lange Ztit an demselben Orte 
zu bleiben, als das Futter für die Tiere ausreicht; geht es aus, so wandern sie nack 
einem andern Landstriche weiter. Sie essen gekochtes Fleisch, trinken Stutenmilek 
ufui nähren sich von Pferdekäse . . . Kap. 19 (26) : Was die Jahreszeiten und 
den Körperbau der Menschen angeht, so ist das Skythenvolk von den übrigen 
Menschen s ehr ver schieden und gleicht nur sich selbst wie auch 
das Ägyptervolk , . . Der Wechsel der Jahreszeiten ist ja doch nicht so groß 
und nicht heftig, sondern gleichmäßig und ohne viel Veränderung. Daher kommt 
es, daß sie einander auch in bezug auf die Kör p er form ähnlich 
sehen. Sie genießen immer die gleiche Kost . . . und halten sich von körper- 
lichen Übungen fern . . . Aus diesen zwingenden Gründen haben sie einen -wohl- 
genährten, fleischigen, ungegliederten, feuchten und schiaßen Körper (i4 
stdsa a6xä)v icax^a §0x1 xal oapxcbdsa xal &vavSpa xal uYp& xal £icva). 
Ihr Unterleib ist von allerfeuchtester Konstitution (£»YpöxaTai) . . . vielmehr 
gleichen sie einander wegen des Fettreichtums und der Unbehaart- 
heit (i&id miJieXi^v xs xal ^Ck^ xtjv odpxa xd [xe] sldsa loixev dXXi^Xoioi), 
die Männer den Männern, die Frauen den Frauen . , . Kap. 20 (27) : . . . Bei 
fast allen Skythen, soweit sie Nomaden sind, wird man finden, daß sie verbrannt 
sind an den Schultern, Armen, Handwurzeln, der Brust, den Hüften und den 
Lenden, und zwar aus keinem andern Grunde als wegen der Feuchtigkeit und 
Schlaffheit ihrer Konstitution; denn sie können infolge ihrer Feuchtigkeit und 
Schwächlichkeit weder einen Bogen spannen, noch mit an der Schulter eingelegten 
Wurfspeere angreifen [wohl Begleiterscheinungen des Rheomatismas !]. W>»w» 
sie aber von der Hitze versengt werden, trocknet die meiste Feuchtigkeit aus ihren 
Gelenken aus, und ihr Körper wird dadurch straffer, besser genährt und mehr ge- 
gliedert. Ihr Körper hat einen leichten Fluß und ist breitbrüst ig (f oTxd di yiviTOi 
xal TtXaxia), zunächst weil man bei ihnen die Kinder nicht in Windeln einwickelt 
wie bei den Ägyptern und weil sie wegen des Reitens, um einen guten Sitz zu habend 
diesen Brauch nicht kennen, in zweiter Linie aber wegen ihrer sitzenden Lebens- 
weise. Denn solange die Männer noch nicht auf Pferden reiten können, sitzen 
sie die meiste Zeit auf den Wagen und gehen wegen des Wohnungswechsels und 
des Herumwanderns nur wenig zu Fuße; die Frauen aber haben einen erstaunlich 
leichten Fluß im Körper und sind von schwächlichem Kör per baue. Kap. 21 (28): 
Das Skythenvolk ist wegen der Kälte gelbrot [tiü^j^öv] . . . Infolge der 
Kälte wird die weiße Farbe versengt und wird gelbrot. Bei einer solchen Körper- 
beschaffenheit können sie nicht sehr fruchtbar sein, denn der Mann hat nur selten 
den Trieb zum Coitus . . . Zudem werden sie auch noch durch das fortwährende 
Schütteln auf dem Pferde zum Beischlaf untüchtig. Das ist bei den Männern 
der Grund der Impotenz. Bei den Frauen ist hingegen der Fettreichtum und die 
Feuchtigkeit des Fleisches daran schuld . . . Sie selbst aber haben keine Körper- 
brivegung, sind feist, und ihr Leib ist kalt und schlaff. Aus diesen zwingenden 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 223 

üftiün ist das Geschlecht der Skythen kinderarm. Einen treffenden Beweis dafür 
Wn unsere skythischen Sklavinnen; sobald sie sich nämlich mit einem Manne 
einigen^ empfangen sie, weil sie viel Korperbewegung haben . . . [Der letzte 
fcz beweist, daß Hippokrates mit der Körperbeschaflfenheit der Skythen 
ion von Haus ans yertraut war.] Kap. 22 (29) : Im übrigen sind cUter auch die 
'isten Leute im Skythenlande Eunuchen, gehen weiblichen Berufen 
ck, reden genau so wie die Weiber^), [Das Eunuchentum der „meisten" 
l«toxot] Skythen dürfte auf einer Verwechslung mit der tiberwiegenden 
jllosigkeit beruhen]. 

MüLLENHOFF hat Tccht, HiPPOKRATES „Übergeht gerade die 
iffallendsten Merkmale des mongolischen Typus'', nämlich 
hiefgeschlitzte Augen und stark hervorragende Backenknochen; 
ich hatte er keine solchen Uralaltaier vor sich, auf welche 
ie Worte Rabbi Benjamins ben Jona von Tudela, eines 
eisenden des 12. Jahrhunderts, passen würden : sie haben keine 
hsen, sondern atmen durch zwei kleine Löcher *) ; dagegen be- 
önt Hippokrates das vierte auffallende Merkmal: Unbehaartheit, 
tunuchisches Aussehen, teilweise im scheinbaren Widerspruche 
:u den, allerdings jüngeren griechischen Skythenbildem *) ; in 
ier Zwischenzeit muß eben die fortgesetzte Blutmischung mit den 
Saehbam die Skythen dem Uralaltaiertum noch mehr entfremdet 
haben. 

Auch ist MüLLENHOFF beizupflichten, daß, indem Hippokrates 
«gerade die auffallendsten Merkmale des mongolischen Typus" [näm- 

1) Hippokrates, Sänimtliche Werke. Ins Deutsche übersetzt von Bob. 
Fi( HS. München 1895, S. 396 ff. Diese Übersetzung ist nicht überall genau. 
Hippokrates sagt z. B. : iro^^öv hh, xö y^vog 4 o x l xö SxoB-txöv ; Fuchs über- 
setzt: sieht ,,. gelbrot aus; HIPPOKRATES : xdg öe djidgag SXxooot t^euyea 
^ jUv 86o, xd^ 84 xpta ßo&v, also 2—3 Joch, Paar (= 4 — 6) und nicht, 
»ie Frc-HS übersetzt, 2—3 Binder! Grimm gibt beide Stellen ganz richtig 
neder (Hippocrates Werke übersetzt Yon J. F. C. Grimm, revidirt Yon 
.n.rEXHAix. I. Glogau 1837, S. 208, 206). 

2) A. V. MiDDEXDORfT, Eiublikke, S. 383. 

3) Auf der Kul-Obischen Vase (Bild I) haben sämtliche Skythen [Soll: 
«chlichte, nicht besonders reichliche"] Barte; allein es sind dies lauter ältere 
inner, offenbar Feldhauptleute, welche vor ihrem Könige zur Berichterstattung 
■schienen sind. Dagegen weist die certomlyckische Vase (Bild V) unter den 
ht Gestalten zwei bartlose und drei bartarme Gesichter auf. Bedenkt man, 
iß auch die bartärmsten Uralaltaier zwar erst in höherem Alter, aber dennoch 
aen, wenn auch spärlichen Bart erhalten, so besteht zwischen dem Berichte 
rppoKRATEs' und den Vasenbildem kein wesentlicher Widerspruch. — 



224 J- Peisker 

lieh schiefe Augen und sehr stark hervortretende Backenknochen] 
übergeht, sie ihm an den Skythen nicht aufgefallen sind. Allein 
sollte man aus der uralaltaischen Völkerfamilie alle Völker streichen, 
welche mit diesen zwei Merkmalen so wenig wie die Skythen 
behaftet sind, dann müßte gar vielen Turkotataren, ja auch 
Mongolen ihr uralaltaischer Ursprung überhaupt abgesprochen 
werden. Sind ja nicht einmal alle Mongolen [im engeren Sinne] 
schiefäugig, wie die Portraits eines jungen und eines alten Mannes 
bei Ratzel') zeigen. Die Kara-Kirgisen, nach Vambery 
die relativ reinsten Türken, weichen nach den Aufiiahmen 

MiDDENDORFFS '), JaDRINCEVS ^), Dr. GOTTFRIED MeRZBACHERS *) 

und Fütterers ^) von dem von Müllenhoff geforderten „mongo- 
lischen Typus", dem Ariertum zu, bedeutend ab. Und was soll 
man erst zu dem „turkmenischen Ältesten" (Aksakal) Merz- 
bachers*) sagen mit dem prächtigen salisburyschen Vollbarte, 
oder zu dem ganz und gar nicht „mongolisch" aussehenden, 
dolichokephalen magyarischen Wanderhirten Varga und anderen 
Gesichtern beiHERMAN^)! Und dennoch sind sie alle Uralaltaier, 
freilich mit mehr oder weniger starker arischer®) Beimischung. 

1) Ratzel, Völkerkunde m., Leipzig 1888, S. 332 f. ; bei uns Bild VI. 

2) A. V. MiDDENDORi-^F, Elnbükke, S. 388, 398 f., Taf. VII. 

3) Jadrinzew, Sibirien, Jena 1886, zu S. 113. 

4) Franz v. Schwarz, Turkestan. Freiburg 1. Br. 1900 (bildet den 
14. Bd. der Bibliothek der Länder- und Völkerkunde) S. 24. Bei uns 
Bild Vn und VIII. 

5) K. Futterer, Durch Asien. L Berlin 1901, S. 60, 82 f., 517-619, 
Taf. I. II. 

Ujfalvys (Expedition scientifique f ran^aise en Hussie, en Sib6rie 
et dans le Turkestan. Paris 1878—1880) reiche Portraitsammlung und 
anthropologische Messungen mit heranzuziehen, ist nach MrDDEXDOKFF» 
(a. a. 0. S. 384 ff.) Kritik nicht ratsam. 

6) ScmvARZ S. 26. Bei uns Bild X. 

7) Her.man 0'it6, A magyar n6p arcza 6s jelleme. Budapest 1902, 
S. 124 (bildet den 70. Band yon Term6szettudomÄnyi Köny vkiadö-välU• 
l a t). — Otto Herman, Zur Frage des magy arischen Typus, in den M i 1 1 e i 1 u n ^cu 
der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. 35. Bd. 1906 Taf. 8. Bei uns Bild XI. 

8) Die termini arisch, semitisch u. s. w. stehen nicht mehr auf der Höhe 
der anthropologischen Wissenschaft ; es soll hier darunter nur das verstindea 
werden, was man aus Mangel einer besseren Terminologie arisch, semitisch u. dgl. 
zu nennen pflegt. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 225 

Vergleichen wir nun die griechischen Skythen bilder mit 
[erzbachers Portraits, dann können wir eine gewisse Ähnlich- 
eit mit dessen zwei Kara-Kirgisen (bei uns Bild VII und VIII) 
ieht von uns weisen, besonders wenn man sich zu dem Ober- 
esicht des ersteren das Untergesicht des zweiten hinzudenkt. 
Lm auffallendsten ist aber die Behaarung der Skythen: Augen- 
irauen sind bei ihnen ebensowenig wahrzunehmen wie bei Merz- 
lACHERS Kara-Kirgisen. ,,Das Barthaar ist schlicht und nicht 
besonders reichlich . . . Die Oberkieferkörpergegend und auch 
iie Jochbeingegend sind frei von Barthaaren, so daß sich der 
Vollbart an der Seite des Gesichtes nur längs des aufsteigenden 
Astes des Unterkiefers erstreckte Diese Worte Holls über die 
Skythen gelten auch von den Kara-Kirgisen Merzbachers und 
FcTFERERS^). — Auch das Kopfhaar ist bei allen Skythen- 
figuren schlicht und nicht reichlich. Solche schlichte und schüttere 
Mähnen herrschen unter allen, auch den stark vermischten Ural- 
altaiem vor, und ein prächtiges Beispiel bietet der „slawisch- 
»amojedische Mischling" bei Middendorff ^), dessen Haartypus 
mit dem skythischen identisch ist. Die von Futterer an 3 Kir- 
^sen, 1 Dunganen und 2 Sarten vorgenommenen anthropolo- 
;nsehen Aufnahmen ergaben ebenfalls ein schlichtes und nur bei 
«lern dritten Sarten (Aufnahme Nr. 5) ein welliges, dickes, hartes 
Haar. Merzbacher teilt mir mit: „Daß Kirgisen, Turkmenen, 
harten straflFe Haare haben, kann ich bestätigen, wenigstens in 
len einzelnen Fällen, wo ich Individuen zu sehen Gelegenheit 
latte, deren Schädel nicht rasiert war". 

Andererseits weisen die Skythenbilder trotz ihrer Fremdartig- 



1) A. v. MiDDEXDOKFF a. a. 0. S. 400: „Den Syr entlang . . . fand ich 
?i ihnen [Kirgis-Kaisaken] ... die eng, aber nur horizontal geschlitzte 
agenspalte bei fast allen. Einige hatten bedeutend mehr Bart, als dem 
ongolen zukommt, aber stets war der Übergangsraum vom Barte zum 
hnanzbarte vollkommen haarlos. Das scheint ein sehr beständiges Kenn- 
ichen zu sein. Am wenigsten mongolisch war ... oft die Nase, nämlich : 
>€h erhaben, scharf rückig nnd oft mit schöner Doppelkrümmung des Firstes, 
i Profile." 

2) A. Th. V. MiDDENTDORFF, Keise in den äußersten Norden und Osten 
biriens IV. 2, bearbeitet von A. v. Middendouff. St. Petersburg 1876, 

1615. Taf. XVI Fig. 9. Bei uns Bild IX. 



226 J- Peisker 

keit ebenso, wie die heutigen Krimtataren, auf starke arische, 
namentlich aber griechische Beimischung: 



HoLLüber die Skythengesich- 
ter: Das Gesicht der Gestalt a auf der 
Elektrumvase ist von einem feinen Typus, 
der an den klassischen der griechischen 
Kunstwerke erinnert. Bei den übrigen 
Gestalten ist besonders niedrig die Ober- 
lippengegend, was an viele griechische 
Gestaltungen erinnert. Das Auge groß, 
die Nase lang, schmal, stark vorspringend 
und steiL 

Auf dem Boden Südrußlands haben demnach die Skythen und 
später die Tataren dieselbe somatische Metamorphose von dem 
Uralaltaiertum zum Halbariertum durchgemacht. 

Von den Gesichtern wenden wir uns jetzt den Gestalten zu: 



VÄMBfeRY über die Gebirgs- und 
litoralen Tataren der Krim: Großt 
Augen und die längliche Neue tut sich 
bisweilen durch einen feinen römiseken 
oder griechischen Schnitt hervor. Du 
südlicßien Tataren mit langer Neue und 
großen Augen lassen die starke grieehiscfu 
oder teilweise römische Blutmischun^ 
leicht erkennen. 



HoLL Über die Skythengestalten: 
Gedrungen, klein, massig, starkknochig, 
Kopf groß, [HiPPOKRATES : Hautfarbe 
gelbrot.\ 



Vambery über die Kirgisen : kur> 
gedrungener Körperbau mit breiten, 
starken Knochen, Kopf groß, dunkli, 
fast gelbliche Hautfarbe, 



Somit zeigen sowohl die Gesichter als auch die Gestalten der 
Skythen deutliche Merkmale turkotatarischer Zusammengehörigkeit. 
Dahin weisen auch die skythischen Sitten und Bräuche: 

Im Anschluß an Niebuhr, SafarIk u. a. urteilt Kiepert^): 
„Während manche, den Griechen auffallende Züge skythischer 
Lebensweise auch anderen Barbarenvölkem gemeinsam 8ind[*], 

1) Heinrich Kiepert, Lehrbuch der alten Geographie. Berlin 1878, 
S. 343 f. 

2) Zu solchen zähle ich auch die skythische Art des Wahrsagens dorch 
Weidenruten, die ans Bündeln auseinandergelegt wurden, woraus man dann 
die Zukunft deutete (Herodot IV., 67. Von den Alanen: Ammian XXXI., 2, 24). 
Dies wird mit Vorliebe mit einem ähnlichen Brauche der Germanen verglichen: 
. . . virgam frugiferae arbori decisam in surculos amputant . . . (Tacitus, Germania 
10) und wäre ein prächtiger Beleg für eine arische Herkunft der Skythen, 
wenn nicht Marco Polo dasselbe von den Mongolen berichten wtlrde: 
Dschengis-Chan ließ vor dem Kampfe mit Ong-Chan orakeln. Die Zauberer 
spalteten ein Rohr entzwei, benannten die eine Hälfte Dschengis, die andere 
Ong. Die des ersteren fiel obenan, als Vorzeichen seines Sieges. (Marco polo, 
im französischen Urtext cap. 67, in der lateinischen ÜbersetEung von Fri 
Pipino cap. 53, in der italienischen bei A. Bartoli cap. 56.). — Ähnliches bei 
Vamuery, Ursprung der Magyaren, Leipzig 1882, S. 29. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zn Turkotataren etc. 227 

aach das Haremsleben der stets in den Zeltwagen verschlossen 
gehaltenen Weiber nur allgemein asiatische Sitte ist, finden sich 
andere, gerade für die Skythen charakteristische Sitten in über- 
raschender Ähnlichkeit nur bei den turanischen Nomadenvölkem 
Liner- und Nordasiens, in äußerster Schärfe noch heute bei den 
Völkern speziell mongolischer Abkunft wieder: so die von frühester 
Jagend an geübte Gewöhnung an das Reiterleben und damit zu- 
sammenhängend die Vorliebe für den Genuß des Pferdefleisches, 
der gesäuerten Pferdemilch und des Pferdekäses, die Berauschung 
dnrch Dampfbäder von Hanfsamen, das Brennen der Weichteile des 
Körpers als Mittel gegen rheumatische Schmerzen, das Vergiften 
der Pfeilspitzen, endlich Züge äußerster, aller Sitte arischer Völker 
widerstrebender Roheit bei den mit massenhaften Menschen- 
opfern verbundenen Begräbnissen der Fürsten und anderen reli- 
giösen Zeremonien. Schlachten der Lieblingsfrauen, der Diener- 
schaft u. s. w. auf dem Grabe, Aufstellung der ausgestopften 
Leichen gemordeter Krieger zu Pferde um das Grab war, wie 
bei den alten Skythen, Sitte bei den Mongolen des Mittel- 
altere . . ." ^). 

^Diese Spuren nordasiatischer Verwandtschaft wer- 
den bestätigt durch das, was als schärfer blickender 
Naturforscher Hippokkates über die körperliche Er- 
scheinung der pontischen Skythen mitteilt, indem 
er die Grundverschiedenheit derselben von allen 
übrigen, damals den Griechen bekannten Völkern 
betont und als charakteristische Merkmale außer 
gelblicher Hautfarbe (Twppov) namentlich Fettleibig- 
keit, Bartlosigkeit und deshalb unmännliche Gestalt 
bervorhebt, Züge, die sich in solcher Schärfe be- 
kanntlich nur innerhalb der sogenannten mongolischen 
Kasse wiederfinden, während sie den Eigenschaften 
der indoeuropäischen Völkerfamilie fremdartig gegen- 
Sberstehen"*). 

HippoKRATES betont, daß in Beziehung auf das Äußere der 

1) Vgl. die von Neumann, Die Hellenen im Skythenlande, Berlin 1855, 
*n|:eführten Beispiele. 

2) Von mir gesperrt. 



228 J- Peisker 

Skythen und auf die Jahreszeiten es sieh so verhalte wie bei 
den Ägyptern, da das skythische Volk sich so sehr von den 
anderen Völkern unterscheide und sich nur selbst gleiche. Könnte 
HippOKRATES so ctwas vou einem arischen Volke sagen? Und 
wenn nun die Skythen von allen übrigen Völkern im Aussehen 
derart grundverschieden sind, welche andere Rasse ist hier denk- 
bar, als die uralaltaische ? Keine, gar keine! 

5, „Herodot verliert über jene [Körperbeschaffenheit der 
Skythen] nicht einmal ein wort, aber sobald er von den abge- 
fallenen königlichen Scythen zu den Argimpaeern am untern 
Ural gelangt, hebt er die abweichende ge Sichtsbildung, durch 
die sich diese auszeichnen und als Tataren zu erkennen geben, 
hervor; was allein schon genügt, um die Scythen zum arischen 
stamme zu rechnen. Denn keine andere wähl bleibt, ivenn 
nemlich die Budinen und ihre nachbarn an der Wolga zum 
finnischen gezählt werden müssen^ da Herodot diese wiederum 
von jenen bestimmt unterscheidet.'' 

Es ist nicht ganz richtig, daß in bezug auf die Skythen Herodot 
„die abweichende Gesichtsbildung" der Argippäer hervorhebt, 
sondern er sagt^) ohne irgendeinen Zusammenhang mit den 
Skythen, sie „sollen Kahlköpfe sein von Kind an, Männer wie 
Weiber, und Stumpfnasen und ein langes Kinn haben, auch eine 
eigene Sprache sprechen, kleiden sich aber wie die Skythen . . ." 

„Kahlköpfe" gewiß nicht von Natur aus, sondern aus Mode, 
und das ist kein Rassenkriterium. — In der Plattheit der Nase 
gibt es bei den Turkotataren eine ganze Stufenleiter, und indem 
Herodot diese Eigenschaft bei den Argippäern hervorhebt und 
bei den Skythen nicht, so kann daraus höchstens der Schluß ge- 
zogen werden, daß die Nasen der Skythen nicht platt waren. — 
Die Verschiedenheit der Sprache ist unter Umständen auch kein 
Beweis für eine Verschiedenheit der Rasse, und es ist bekannt, 
daß eine Gleichheit der Tracht mitunter länger anhält als die 
Gleichheit der Sprache. 

MüLLENHOFF führt aus Herodot für das Ariertum der Sk}ihen 
einen Beweis ex silentio. Kann Herodots silentium Hippo- 



1) Herodot IV., 23. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 229 

KRATES', ebenfalls eines Augenzeugen, deutliche Ausführungen in 
ihr Gegenteil umstoßen? 

4. „Aus dem zustande, in dem die Arier oder Indogermanen 
sich vor ihrer trennung und im Stadium derselben befanden, 
war der Übergang in die lebensiveise der Steppenvölker immer 
leicht möglich, sobald die not und die natur des zum auf enthalt 
erwählten Landes dazu zwang/^ 

„Die Lebensweise der Steppen Völker", was soll man sich 
darunter vorstellen? Doch nur Gewohnheiten und Bedürfnisse, 
welche mit dem Reiterhirtentum ursächlich verknüpft sind, 
nicht aber Bräuche, die damit in gar keinem Zusammenhange 
stehen und besonderen Völkern oder sogar Völkergruppen eigen 
sind. Und just derartige Bräuche der Skythen, die wir oben 
kennen gelernt haben, sind Uralaltaiem als solchen eigentümlich 
und den Ariern wildfremd. 

Aber auch nach einer solchen Einschränkung des BegriflFes 
^Lebensweise der Steppenvölker" muß jede Möglichkeit abgelehnt 
werden, als ob je Arier irgendwo sich hätten für ein Steppen- 
leben als Reitervolk ausbilden können ; „leicht möglich" ist leicht 
gesagt, jedoch mit Ausschluß von Beweisen. Wo ist es geschehen? 
So viel bekannt, nirgends. Man kennt keine Steppe mit 
arischen Reiternomaden. Alle Steppen Osteuropas und 
Zentral asiens wurden, soweit unsere Nachrichten reichen, 
immer und immer nur von turkotatarischen Reiterhorden 
heimgesucht und behauptet. Ein Blick auf die Karte überzeugt 
uns, daß in den westturkestanischen Steppen arische Nomaden nie 
hausen konnten, denn diese Steppen sind, wirtschaftlich genom- 
men, ein Anhängsel nicht von Nordiran, sondern von Südsibirien. 
Der Südsibirier zieht, wenn seine Sommerweide einschneit, 
nach dem Süden in die Salzsteppe zum Wintern, dagegen 
wäre es von dem iranischen Arier Selbstmord, wollte er zum 
Wintern nach dem Norden ziehen. Wollte man annehmen, daß in 
den westturkestanischen Steppen und Wüsten vor den Uralaltaiern 
arische Reiterhirten, sogar noch zu Alexanders von Makedonien 
Zeiten, hausten, dann müßte man ihnen zu den westturkestanischen 
Winterquartieren auch noch die angrenzenden südsibirischen 
Sommerweiden anweisen. Und das kann niemandem beifallen. 



230 J- Peisker 

weil am unteren Ural schon zu Herodots Zeiten das Volk der 
Argippäer saß, welches unzweifelhaft uralaltaisch war, denn nach 
Herodot Buch 4, cap. 23 hatten beide Geschlechter kahle Köpfe, 
Stumpfnasen und ein langes Kinn. 

Westturkestan bildet — dies kann nicht oft genug wieder- 
holt werden — eine unübersteigbare Völkerscheide nur für den 
Südasiaten, nicht aber für den Sibirier, für den ist es ein offenes 
Land. Der Kirgis-Kaisak bedarf, wie alle seine Vorgänger, zur 
Winterweide der turanischen Salzsteppen so unumgänglich, daß 
er von ihnen nicht zu trennen ist, dagegen sind diese Salzsteppen 
und Wüsten für den Iranier nur Gegenstand des Schreckens ; sie sind 
für ihn durchaus unwirtlich, er meidet sie, kann sie nicht brauchen, 
bedarf ihrer nicht einmal, denn er hat daheim bessere, warme 
Winterquartiere in der Nähe seiner Sommerweiden. Wird er seine 
Herden des Winters in die furchtbare Steppe, viele Breitegrade 
nach dem Norden treiben, wo Schnee fällt und Glatteis dem 
Vieh mit dem Hungertode droht, wenn es zu Hause sonnige, 
schneefi-eie Winterweiden hat? Eben dieser Unterschied in der Ent- 
fernung zwischen Sommer- und Winterweide macht einerseits den 
Südsibirier zu einem ewig wandernden Reiterhirten, anderer- 
seits den weidenden Teil der Arier zum einfachen, wenigstens 
einigermaßen fest angesiedelten Viehzüchter. Nichts zieht den 
Iranier nach dem Norden, es wäre denn das Bedürfnis, sich von 
dort aus Ruhe zu verschaffen, den Räuber zu züchtigen; allein 
er vermag nicht einmal ein solches Bedürfnis in Tat umzusetzen, 
er kann, wie wir von VAmbery gehört haben, den gut be- 
rittenen Nomaden über die Grenze der spurlosen Sandfelder 
nicht verfolgen; er wagt es auch nicht, und so darf letzterer, 
gestützt vom Bollwerk seines heimatlichen Terrains, seinen 
räuberischen Vergnügungen ganz ungestraft nachhängen. Die 
Sage von der Niederlage und dem Untergange Kyros des Älteren 
ist in dieser Hinsicht sehr belehrend, und ebensowenig konnten 
Dareios I. und Alexander der Große die Skythen fassen. 

Dagegen ist Iran Gegenstand höchster Sehnsucht der süd- 
sibirisch-turkestanischen Reiternomaden, da können sie plündern 
nach Herzenslust, und gelingt es ihnen, sich hier lang genug als 
Herren zu behaupten, dann lernen sie auch die Sprache der 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotateren etc. 231 

Unterjochten. Die nomadischen Herren teilen sich: die einen 
bleiben dem bisherigen Wanderhirtenleben treu und bewahren 
ihre Nationalitat auch der Sprache nach; die anderen dagegen, 
welche in die Steppe nicht mehr zurückkehren und inmitten der 
unterjochten Bauernschaft Winterquartiere beziehen, die werden 
schnell zweisprachig und vergessen schließlich ihre eigene Sprache, 
werden arisch der Zunge nach. Gelingt es dann den Iraniern, 
das Joch abzuschütteln und den Eindringling zu vertreiben, dann 
sucht dieser, nun iranisierte Turkotatare andere Länder heim. 
So die Skythen. 

MCllenhoff will aber von arischen Steppen völkem direkt 
wissen : 

o. „Selbst mehrere persische stamme lebten als nomaden 
(Herodot L I2j), zum teil auch die Parther (Plinius 6, § 112, 
^Wt j^ diese sollen ehemals Scythen gewesen sein . . ., auch die 
Sogder und Baktrer sich nicht viel von den nomaden unter- 
schieden haben (Strabo p, ^ij) und unter den turanischen 
Völkern waren die *Apta3cat bei Ptolemaeus an der mündung des 
jaxartes wohl nicht die einzigen von arischer abkunft: die 
Wpcoi, d, i, die nichtarischen SxuÖ^at bei Ptolemaeus im norden 
Turans lassen auch auf ihren gegensatz in südlicheren strichen 
schließen.'' 

Die Heranziehung dieser Völkerschaften zur Lösung der 
Skythenfrage hätte nur dann ein Gewicht, wenn wenigstens bei 
einigen — soweit sie Reiterhirten waren ! — die arische Abkunft 
zumindest wahrscheinlich wäre; von einer solchen kann jedoch 
keine Rede sein, wir haben es auch hier mit Turkotataren 
zu tun. „Die Sprache der Part her, in welcher dieser Name 
Vertriebene oder Ausgewanderte bedeuten soll, wird ein Ge- 
misch medischer und skythischer genannt, auch ihre herrschende 
Lebensweise als Reitervolk und ihre, durch den Philhellenismus 
der arsakidischen Könige bezeugte Toleranz, ja IndiflFerenz 
gegenüber dem religiösen Eifer der echten Perser und anderen 
Anhänger der zoroastrischen Lehre, bezeichnet sie als einen 
auf arischen Boden eingedrungenen turanischen [turkotata- 
rischen] Nomadenstamm, der auch in der nach ihm benann- 
ten, wenig ergiebigen, nur an Weideplätzen reichen Landschaft 



ÜÜ^ 



232 J. Peisker 

größtenteils sein Hirtenleben weiterführte", bemerkt Kiepert^) 
und führt nebstdem die ein korruptes Neupersisch reden- 
den, aber in ihren Gesichtszügen und ihrer gesamten Körper- 
bildung die mongolische Herkunft unverkennbar verratenden 
Aimäq oder Hezäre (= „Wanderstämme") des inneren Afgha- 
nistans" ^) mit als Beweis an, wie wenig man berechtigt ist, an 
der turkotatarischen Abkunft der Skythen nur deswegen zu 
zweifeln, weil ihre Sprache eine iranische war. 

MÜLLENHOFF SCtzt foili: 

6. üDer gegensatz in dem die ackerbauenden Iranier, die 
anhänget der Ormuzdreligion, schlechthin zu den reitervölkern 
Turans standen, läßt sich dem der Juden zu den ihnen stamm- 
verwandten Philistern und Phöniziern vergleichen. Ein zweifei 
an der arischen herkunft der Skoloten [Skythen] kann wenigstens 
von dieser seite nicht wegen mangelnder analogie erhoben werden!' 

Es wird auch kaum jemandem einfallen, einen Zweifel von 
dieser Seite zu erheben, und es steht mit dem Ariertum der Skythen 
schlecht, nachdem es nur diese Analogie zur Stütze hat. Diese 
Analogie findet ihresgleichen nicht unter den Ariern, sondern 
bloß unter den Uralaltaiem. Nur die Uralaltaier und die 
Semiten bewohnten Länder mit eingeschlossenen Steppen, 
deren Natur und Größe zur Entstehung eines Reiternomadentums 
führen konnte; die arischen Ländergruppen enthalten jedoeh 
solche Gebiete einmal nicht, daher konnte sich unter den Ariern 
ein derartiger Gegensatz zwischen Reiterhirtentum und Ackerbau 

1) Kiepert, a. a. 0. S. 66 f. 

2) A. a. 0. S. 346. Aim&q ist jedoch nicht, wie Kiepert glaubt, ein 
Völkemame: vergl. Pallas, Reise durch yerschiedene Provinzen des rus- 
sischen Reichs, I., St. Petersburg 1771, S. 328: „Die kalmückischen Stämme sind 
von je her gewissen Oberhäuptern Untertan gewesen, deren Recht und ^walt 
über die Unterworfenen erblich fortgepflanzt wird, und noch itzt ist die 
ganze Nation unter dergleichen kleinen Fürsten verteilet, welche sich den 
Titel Nojonn beilegen lassen und dem über sie ernennten Chan wenig ge- 
horchen. Die Haufen, über welchen sich die Herrschaft eines solchen Nojons 
erstreckt, wird eine Uluss genannt und ist in kleinere, nicht weit voneinander 
kampierende Haufen oder Aimaks abgeteilet, über welche gewisse Edle, 
deren Titul Saissang ist, gebieten. Jeder Aimak verteilt sich wegen der 
Viehweide wiederum in Gesellschaften von 10—12 Gezeiten, die einen soge- 
nannten Chatun ausmachen." 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 233 

licht entwickeln, wie er sich bei den Semiten und den Ural- 
dtalern vorfindet und durch die letzteren auf dem Wege der 
Jroberung in arische Gebiete erst hineingetragen wurde. Über- 
lies ist es keineswegs so ganz sicher, daß zwei Reiternomaden- 
ntstehungsherde vorliegen, ein uralaltaischer in Zentralasien und 
in semitischer in Arabien, denn es ist leicht möglich, daß Ural- 
Itaier, die ja auch Mesopotamien beherrschten, Arabien, wo bis 
lahin keine Wanderhirten zu sein brauchten, in unvordenklichen 
iCiten einnahmen und sich dort allmählich semitisierten. 

Daß sich der Wanderhirte unter einer fremdsprachigen Be- 
ölkerung entnationalisiert, dafür könnten zahlreiche Beispiele 
erbracht werden: 

Herodot erwähnt — um bei den Skythen zu bleiben — 
)berhalb des Emporiums der Borystheniter, zuerst der Kallipider, 
«reiche griechische Skythen seien, dovTs; Kk'kryz^ S/cu^at'). 
Diese wechselten somit zumindest zweimal die Sprache. — 
Von den korrupt neupersisch sprechenden turkotatarischen „ Aimäq^ 
im Innern Afghanistans war oben die Rede. — Nach IbrIhIm 
iBN Jaküb sprächen „mächtige Stämme aus dem Norden slawisch 
infolge ihrer Vermischung mit ihnen; so die Petschenegen, . . . 
und Chasaren." — Die türkischen Bulgaren slawisierten sich unter 
den unterworfenen Balkanslawen gänzlich. — Und erst die 
romanisierten Schafwanderhirten der Balkanhalbinsel, dieWlachen, 
welche erst im Laufe des späten Mittelalters und der Neuzeit teils 
serbisch oder kroatisch, teils bulgarisch, teils neugriechisch wurden 
und noch werden, je nachdem, wo sie eine hinreichend lange Zeit 
uiit ihren Herden gewintert haben und \vintern ^. Das sind ganz 
andere Analogien, welche die uralaltaische Abkunft der Skythen 
mit deren iranischer Sprache harmonisch binden. 

Somit ist nicht Zecss-Ukert-Müllenhoff, sondern Niebühr- 
"JAFARiK-KiEPERT bcizupflichteu, und die Skythen sind für 



1) Herodot IV., 17: ... dU Kallipider haben sonst dieselben Sitten wie die 
^OuHy aber sie säen auch Korn und essen Zwiebeln und Knoblauch und Linsest 
nd Hirse, Also Nomaden mit einigem eigenen Feldbau wie die heutigen 
^^ra-Eirgisen. 

2) Über das wlachische Scliafwanderhirtentum folgt eine besondere Ab- 
Uadltmg. 



234 J. Peisker 

iranisierte Uralaltaier zu erklären. Wohl würdigte auch 
Safarik eingehend die Verwandtschaft der skythischen Sprache 
mit den iranischen ^), war jedoch zu vorsichtig, um Abkunft und 
angenommene Sprache nicht auseinanderzuhalten. 

„Diese wunderliche Erscheinung — schließt er — erklärt sich 
teils durch das dereinstige Wohnen der Skythen tief in Asien, 
vielleicht in der Nachbarschaft der Meder und Perser, teils in 
dem mehr als 28 jährigen Aufenthalte in Medien (633 — 605 v. Chr.), 
teils endlich durch die Nachbarschaft mit den Sarmaten, einem 
medischen Stamme, mit dem sie viele Jahrhunderte lang ver- 
kehrten und in Sitten und Sprache sich vermischten . . .'*'). 
Von der letzteren Erklärung, der Nachbarschaft der „medischen* 
Sarmaten, kann man getrost gänzlich absehen *), und der so kurze, 
etwa 28jährige Aufenthalt in Medien dürfte ebensowenig zur 
Iranisierung ausgereicht haben, eine viel längere vorhistorische 
Herrschaft der Skythen irgendwo in Iran anzunehmen sein. 

Auf ihren riesigen Wanderungen haben die Skythen gar viele, 
in ihrer Lebensweise grundverschiedene Völker heimgesucht, sie 
nach Belieben verpflanzt und sich mit ihnen vermischt; das Süd- 
russische Skythien bildete ein dementsprechendes ethnographisches 
Kaleidoskop, und die heutige ethnische Buntheit dieser Länder 
— über die Krimtataren siehe oben S. 215 — ist dessen bloße 
Fortsetzung. 

So findet VÄMiitov, „dass der Bericht Herodots von den mit Zelten 
überspannten Wagen, von dem Gebrauch des Dampfbades, von der Toilette 
der Weiber mittelst Zerreibung von Cedem- und Weihrauchholz, welcher an 
den heutigen Gebrauch der Henna im Kaukasus und in Persien erinnert, sowie 
schließlich der Bericht von den Ackerbau treibenden Skythen . . . streng ge- 
nommen nicht in den Rahmen eines Sittenbildes der eigentlichen Nomaden 
passt, da die Verwendung von Holz durch den Aufenthalt in einer Wald- 
gegend bedingt ist, ebenso wie die ausschließliche Beschäftigung mit der 

1) ScHAFARiK, a. a. 0. I. S. 282 ff. 

2) ScHAFARiK, a. a. 0. S. 284 f., nach dem Originaltext berichtigt 

3) Ebensowenig begründet, wie die arische Abkunft der Skythen, ist die 
Annahme, auch die Sarmaten wären Arier gewesen und es blieb erst Kiepert 
vorbehalten, „ihre dauernd nomadische Lebensweise" hervorzuheben, „welche 
vielmehr auf die Vermutung eines Zusammenhanges mit den bekanntlich auch 
auf iranischem Boden von jeher weit verbreiteten tnranischen [turkotatarischen] 
Reitervölkem führt". Kiepert S. 346, Anm. 1. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Tnrkotataren etc. 235 

Scholle sich nicht auf das Leben in der nackten Steppe beziehen kann . . . 
\rir erfahren femer, daß gewisse Skythen sich auschließlich mit der Vieh- 
cocht beschäftigen, daß sie Komis trinken, daß sie mittelst Stäben wahr- 
ta^D, wie es Ammianus Marcellinus bei den Hannen gewahrte, nnd wie 
liese Sitte noch heute in Zentralasien besteht . . ., daß sie ihre Leichen nach 
lern Bitus der turkotatarischen Schamanen bestatten u. s. w. . . . lauter solche 
Indeutungen, die ebensosehr auf das Leben einer ganz nomadischen 
resellschaft passen, als die früheren Bemerkungen streng genommen 
ur die Lebensart einer halbnomadischen Gesellschaft darstellen 
5nnen^. Daraufhin gelangt Vämb^ry zu der Hypothese, „daß die eigent- 
ichen Skythen, d. h. die drei königlichen Stämme . . ., sowie die Ackerbau 
reibenden Stämme . . ., yielleicht auch die Agathyrsen und Sauromaten [Sar- 
oten] nicht üralaltaier, daher eventuell Arier waren, ebenso wie die yer- 
randten und fremden Grenzvölker teils für Mischlinge, teils für entschiedene 
Ingehörige des uralaltaischen Stammes zu nehmen sind ... und 
ndem wir . . . [diese Hypothese] aufstellen, müssen wir Bruun und Müllen- 
iOFF entschieden widersprechen, die der Meinung sind, daß die nomadische 
Existenz nicht als Argument gegen das Lraniertum der Skythen gelten könne, 
ia auch andere Iranier ohne feste Wohnsitze waren (?), und da der Mensch 
m allgemeinen, welchem Stamme er auch immer angehöre, von den lokalen 
Eigenheiten des ihm zur Wohnung dienenden Bodens abhängt . . . Einzelne 
Zweige der großen Türkenfamilie mögen wohl in die triftenreichen Täler 
der Alpenregionen zersprengt worden sein, . . . z. B. . . . Karakirgisen im 
Altai und in Pamir . . ., doch das Gros dieses Volkes war . . . von jeher mit 
■icr Natur der baumlosen Steppe engstens verbunden . . ., so wie sich die 
wischen Völkerelemente von jeher durch die seßhafte Lebensweise . . . aus- 
Edchneten (denn von arischen Nomaden hat die Geschichte 
l^eine Daten aufbewahrt, und die Gegenwart kann nur das 
lialbnomadische Völkchen der Dsem^idis am Murgab ver- 
zeichnen). Und da dem so ist, nehmen wir nicht Anstand, 
^eim südöstlichen Teile der uralaltaischen Rasse, d. h. bei 
J«n Türken, ein so geartetes Verhältnis, wenngleich nicht 
^uf Jahrtausende, sicherlich aber auf Jahrhunderte zurück- 
(Qietzen, demnach die Annahme zu wagen, daß jener Teil 
^es Herodotischen Skythiens, der sich vom mäotischen See... 
nordöstlich... gegen die Wolga erstreckte, von Völkern 
'ralaltaischer Rasse, sehr wahrscheinlich von Türken be- 
lohnt war, wobei jedoch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen 
8t, daß sich einzelne Fraktionen dieser Rasse oder des 
«titerwähnten [d, l Türken-] Volks schon inmitten der so- 
iCnannten pontischen Skythen befunden haben^*). 

So lehrreich VAmberys Ausführungen auch sind : der Versuch des großen 
^caners Zentralasiens, die königlichen Skythen in bezug auf die Abkunft von 

1) Vambery, Ursprung der Magyaren, S. 9 ff. 

Viertcljabnclir. f. Social- a. Wirtsehaftegesohiehte. III. Iß 



236 J- Peisker 

den Nomadenskythen zu trennen, scheint mir nicht geglückt zn sein. 
Die Königlichen waren ja Herren. Anführer der Nomaden 0, mit denen sie 
halb Asien durchzogen, etappenweise unterwarfen, und die Q-eschichte der 
uralaltaischen Eroberer kennt kein Beispiel einer solchen arischen An- 
führerschaf t, während gerade umgekehrt uralaltaische Machthaber es meister- 
haft verstanden, arische Völker zu mobilisieren und ihren Zwecken dienst- 
bar zu machen. Millionen yon Germanen und Slawen waren Elriegsknechte 
der an Zahl viel geringeren Hunnen und Awaren, dagegen hat es, soTiel 
bekannt, türkische Völker als Kriegsknecht^ arischer Eroberer — und noch 
dazu für so ungeheuere Wanderungen — nie gegeben. Noch weniger denkbar 
ist es, daß ein uralaltaisches Reitemomadenyolk inmitten seines ureigensten 
Elementes, der Steppe, einen yon Haus aus arischen und derart isolierten 
Gebieter (wie die königlichen Skythen, wenn sie Arier gewesen wären) hÄttc 
dauernd ertragen mögen. Dazu ist nur ein äußerst flinkes Reitervolk g^ 
eignet, und von einem arischen Reitervolke hat man keine Kenntnis. Er- 
scheinen nun die königlichen Skythen Vämbery nicht notwendig türkisch, 
so sind sie als Arier noch viel weniger denkbar. Bleibt die dritte Eventuali- 
tät: Die königlichen Skythen sind ebenfalls ein Misch volk, ihr Grundstock 
kann jedoch nicht arisch, muß somit uralaltaisch sein. 

Wollen wir noch Vämbärys Unterscheidung zwischen den eigentlichen 
und den bloß nominellen Skythen, die leicht zu Mißverständnissen führen 
könnte, näher beleuchten: 

Der Hauptstock der ackerbauenden Skythen kann allerdings kaum za 
den eigentlichen Skythen gezählt werden und wird zu diesem Namen aof 
dieselbe Art gekommen sein wie die slawischen Bulgaren, auf welche ihr 
heutiger Name von ihren uralaltaischen Unterjochem übergegangen ist 
Allein ein Teil der ackerbauenden Skythen kann immerhin echt skythischer 
Herkunft gewesen sein, denn auch andere Reiterhirten gelangten schließlich 
zum Ackerbau, sei es, daß sie um ihre Herden kamen und dadurch zu einer 
Bodenbestellung gezwungen wurden, sei es, daß sie in Gegenden T0^ 
drangen, in denen neben der Viehzucht auch ein Ackerbau leicht und er- 
folgreich betrieben werden konnte. So die Gebirgskirgisen des Alaj-Tales 
in Ostturkestan, wo sie in der Höhe von 2600 Meter einen ausgedehnten 
Ackerbau, wenn auch durch Arbeiter oder Sklaven, betreiben (siehe oben S. SOI)* 

Die „eigentlichen Skythen, d. h. die drei königlichen Stämme*', ist VÄM- 
liEKY geneigt, ebenfalls zu den Nicbturalaltaiem zu zählen, mit Rücksicht 
auf den „Bericht Herodots von den mit Zelten überspannten Wagen, von 
dem Gebrauch des Dampfbades, von der Toilette der Weiber mittelst 
Zerreibung von C e d e r n - und Weihrauchholz, . . . [was] streng genommen 
nicht in den Rahmen eines Sittenbildes der eigentlichen Nomaden paßt, ^ 



1) Herodot IV, 20 : yens^its des Gcrrhos aber kommt dann das sogenannt: 
Königs land, da wohnen die tapfersten und die meisten Skythen, die sehen auch 
die übrigen Skythen für ihre Knechte an. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 237 

irwendung von Holz durch den Aufenthalt in einer Waldgegend be- 
ist**. 

agegen wäre einzuwenden: 

loß die Weiber und Kinder der Skythen lebten nach 

>OT und H1PPOKRATE8 auf Wagen, die Männer dagegen 

n Reiter. Warum lebten auch die Männer nicht mit auf den Wagen, 

isere Zigeuner und andere dp.aSößioi? Oder: Warum saßen auch die 

nnen nicht zu Pferde, wie (nach Hippokrates, siehe oben S. 211) die 

ünnen? 

ier liegt ein scharfer Dualismus in der Lebensweise eines und des- 

Nomadenvolkes vor. Das Eeiterleben weist auf eine Heimat hin, 
s ungünstige Terrain jeden Wagengebrauch ausschließt, und setzt eine 
jweise voraus, die außerordentlich weite und rasche Wanderungen er- 
t. Durch beides wird die merkwürdige Fertigkeit gezeitigt, das trans- 
le Haus, das Zelt, mit all seinem Inhalt oft täglich, mitunter auch 
fter auseinanderzunehmen, auf Saumtiere zu verladen und anderswo im Nu 
- aufzuschlagen. Das Gegenteil davon ist das Wagenleben; dieses 
iin dazu besonders günstiges Terrain voraus und rechnet nicht mit so 
1 und raschen Wanderungen. Das ewige Abbrechen und Neuaufschlagen 
ilte entfällt hier gänzlich. 

an sieht, der Unterschied zwischen Reiterleben und Wagenleben ist 
Faltig, daß es nicht glaubhaft erscheint, als ob diese beiden Lebens* 
i bei einem und demselben Volke in einer und derselben Heimat hätten 
i^ aufkommen können. Wäre ein Teil der Skythen-Nomaden, Mann 
»Veib, beritten und der Rest zu Wagen gewesen, dann läge eine Er- 
g nahe: Ein Reitervolk habe sich über Hamaxobier geschoben, 
arf man dies auch von den Skythen vermuten, bei denen diese scharfe 
ang nach Mann und Weib ging? 
Ime Zweifel! Man erinnere sich nur des Schicksales der Magyaren, 

bei der Rückkehr von einem Raubzuge ihr Heim ausgemordet fanden 
oben S. 213). Dasselbe muß auch den Skythen widerfahren sein und 
eranlaßt haben, sich nach anderen Weibern umzuschauen. Wo konnten 
och geschwind solche hernehmen, als von einem ansässigen Volke, das 
\ Weges überfielen! 

ie so geraubten Weiber verstanden sich jedoch auf das Reiten nicht, 
reuiger auf das ihnen wildfremde Leben und Wirtschaften in abbrech- 
Zelten. So blieb den Skythen nichts anderes übrig, als sich der plötz- 
Not anzupassen und ihre Behausungen so einzurichten, daß das un- 
3he Wanderleben zwar aufrecht bleibe, aber die Zelte derart hergestellt 
i, damit sie nicht in einem fort auseinandergelegt, verladen und wieder 
fgerichtet werden müßten, somit die Weiber ihre bisherige Lebens- 
so weit, als nur möglich, weiterführen könnten. Man stellte also die 
luf Räder, und so kam eine neue, bis dahin bei den Skythen un- 
ite, durch das Terrain der grasreichen und ganz ebenen südrussischen 



238 J- Peisker 

Steppe begünstigte Daseinsfonn zastande, das Leben anf Wagen bei den 
Weibern, während die Männer anch fernerhin dem Heiterleben tren blieben. 

Der 80 entstandene Dualismas in der Lebensweise yon Mann und Weib 
beschränkte sich indes auf diesen Umstand allein keineswegs, er ist auch 
sonst deutlich wahrnehmbar, zunächst in einer recht charakteristischen Einzel- 
heit: 

Die Skythen badeten nämlich ganz anders als die Sky- 
t hinnen. Darüber berichtet Herodot IV. 75: 

. . . Von diesem Hanf nun nehmen die Skythen die Körner und kriechen 
unter ihre Filszelti und werfen die Hanfkörner auf die glühenden Steine. Und 
wenn die Körner darauf fallent so rauchen sie und verbreiten einen solchen 
Dampf, daß kein hellenisches Dampfbad darüber kommt. Die Skythen aber heulen 
vor Freude über den Dampf Das gilt ihnen als Bad, denn im IVasser baden 
sie sich gar nicht. 

Ihre Weiber aber reiben auf einem rauJien Stein Zypressen- und Zedern- und 
Weihrauchholz und gießen Wasser dazu. Und sodann bestreichen sie sich damit, 
das nun ein dicker Brei geworden, den ganzen Leib und das Gesicht. Dadurch 
nun bekommen sie sowohl einen lieblichen Geruch, als auch, wenn sie am folgenden 
Tage den Überzug abnehmen, werden sie rein und glänzend 

Die Männer badeten im Wasser gar nicht, und dies weist auf 
eine wasserlose Wüste hin, direkt nach Westturkestan als Urheimat der 
Skythen. Den Hanf werden sie jedoch erst auf ihren Raubzügen in Medo- 
persien oder Armenien kennen gelernt haben, denn dorthin deutet das sky- 
thische Wort xdvvaßig, persisch kanab, armenisch kanap. Auch die heutigen 
Turkotataren haben dafür kein eigenes Wort, ihr Ausdruck kendir ist eben- 
falls ein persisches Lehnwort*). In Medopersien oder in Armenien ist dem- 
nach der Ursprung des Hanfbades zu suchen, und die Skythen konnten diesem 
Genüsse auch in Stidrußland um so eher frönen, nachdem dort der Hanf wüd 
wuchs und auch angebaut wurde'). 

Ganz anders badeten die Skythenweiber, welche keine derartige Sehen 
vor dem Wasser hatten: Sie mischten es mit geriebenem wohlriechenden 
Holz und bestrichen sich damit. Die dazu yerwendeten Holzgattungen kommen 
indes weder in Turkestan noch in Südrußland yor und wurden wohl durch 
Handel oder Tribut von auswärts bezogen. Vielleicht sind sie ein Fingerzeig 
dafür, woher die geraubten Skythenweiber stammen: etwa aus Medopersien 
oder Armenien. 

Dadurch glaube ich Vamberys Bedenken gegen eine uralaltaische Ab- 
kunft „der eigentlichen Skythen, d. h. der drei königlichen Stämme*' einzeln 
behoben zu haben. 

Mit der Frage nach der Zugehörigkeit der Skythen ist nichte 



1) Näheres darüber werden wir weiter unten, bei der Besprechung der 
altgerm. Lehnwörter im Slawischen, Gruppe Vni, s. v. konoplja yemehmen. 

2) Herodot IV, 74: ... xal auxo|jidTT2 xal ontipo^ivr^ ^utxai. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 239 

erreichen, solange sie dahin zugespitzt bleibt : ob arisch, ob ural- 
aiseh. Die Kontroverse darüber dauert nun fast ein ganzes 
hrhandert, zeitigte bereits eine große Literatur — Niederle 
t sie sehr sorgfältig zusammengestellt^) — , arbeitet jedoch 
rt nur mit einem und demselben Material: Einerseits mit der 
lugenschaft des Hippokrates, eines so einwandfreien Fach- 
Ginnes, zugunsten der uralaltaischen Herkunft der Skythen, 
idererseits zugunsten deren arischer Herkunft mit den ebenso 
Qwandfreien Argumenten der Ikonographie und der skythischen 
prachenreste. Statt nun alle diese drei Quellen als gleich- 
ertig hinzunehmen, wägt man Hippokrates' Zeugnis mit den 
brigen zweien gegenseitig ab, als ob das, was Hippokrates 
lit eigenen Augen gesehen und als kundiger Naturforscher erfaßt, 
lie übrigen zwei ebenso unanfechtbaren Zeugnisse aufwiegen oder 
m ihnen aufgewogen werden könnte. Nein, so etwas gibt es 
infach nicht, Hippokrates behält ebenso recht, wie die übrigen 
iwei Quellen, und zwar jede für eine bestimmte Zeit, einen be- 
stimmten Raum und ein bestimmtes Produkt der beiden: Die 
Wterskythen der Ikonographie sind nicht oder nicht mehr die 
>artannen Reiterskythen des Hippokrates ; auch die Reiterskythen, 
lie königlichen und die nomadischen, waren auf Südrußlands 
5oden nie von einer gleichmäßigen Mischung, ebensowenig 
rie es die heutigen Krimtataren sind, und büßten von ihrem 
rsprfinglichen uralaltaischen Typus ein Merkmal nach dem andern 
llmählich ein. — 

MiDDENDORFF belehrte uns über das Verhältnis des herrschen- 
;n turkotatarischen Reiterhirten zu dem unterjochten arischen 
adschik in Ferghana. Dieser ist Vegetarier ohne Viehzucht, 
Iglich auch ohne Milchnahrung. Es fragt sich, ob wir dasselbe 
ich in dem skythischen Staatswesen suchen können. Nach 
erodot standen den Nomadenskythen, vofjLaSec S/jJdtxt, ohne 
rendeinen Ackerbau, ackerbauende Skythen, SjcOO^at apoTvips; 
id SxuO^at yccopyot gegenüber^). Waren diese auch reine Acker- 
uer, Vegetarier, ohne Milchnahrung, wie die Tadschik? 



1) L. NncDERLE, Slovanskö starozitnosti. 1.2. VPraze 1904, S. 257 ff., 
4 ff. 

2) Herodot IV. 17, 18. 



240 J. Peisker 

Ephoros — 4. Jahrhundert v. Chr. — sagt, die Sitten so- 
wohl der Skythen als auch der Sauromaten wären nach den, 
einzelnen Völkern sehr ungleich. Einige wären so roh, daß sie 
auch Menschen essen, andere hingegen enthalten sich sogar 
aller Tiere ^), 

Die Sage von einem skythischen oder einem sarmatischen 
Kannibalismus mag vielleicht eine andere Roheit zur Unterlage 
haben, wie etwa jene war, welche tausend Jahre nach Ephoros 
den Sklawenen oder den Physonitern an der unteren Donau von 
Pseudo-Caesakius von Nazianz zugeschrieben wird: , , , die 
einen essen mit Vorliebe Weiberbrüste, weil sie der Milch voll 
sind, . . . die andern dagegen enthalten sich des gesetzlichen 
und unbedenklichen Fleischgenusses . . ."^). 

Also kannte schon Ephoros im 4. Jahrhundert vor 
Christo, ebenso wie Pseudo-Caesarius im 6. Jahrhundert 
nach Christo am Pontus eine vegetarische Volksschicht 
neben fleisch- und milchessenden Nomaden. 

Wir haben gesehen, daß überall, wo sich der uralaltaische 
Reiterhirt [in einer genügenden Anzahl] über ein ackerbau- 
treibendes Volk schiebt, dieses Volk zum Vegetariertum, ohne 
Milchnahrung, verurteilt wird; die Berichte Ephoros', Pseudo- 
Caesarius', Konstantins des Purpurgeborenen, Middendorff» 
decken sich da vollständig. Dies gilt also auch von den alten 
Slawen, und die germanischen Lehnwörter für Rind, Milch tind 
anderes sind ein weiterer Beleg dafür. Dieser Zustand war auch 
bei den Slawen eine unvermeidliche Folge der uralaltaischen 
Herrschaft, er währte so lange und wiederholte sich so oft, als 
der Wanderhirte seinen schweren Fuß auf den Nacken des ge- 
knechteten Slawen gesetzt hielt, und dies war, periodisch, seit 
undenklichen Zeiten der Fall. 



1) Ephoros, bei Strabo VII. 302. Fragmenta historicorum graecorum 
auxerunt C. et Th. MClleri. I. Parisüs 1853, S. 256. 

2) MüLLEXHOFF, Deutsche Altertumskunde. U. Berlin 1887, S. 367. — ^^ 
Genuß der Weiberbrüste dürfte sich etwa auf eine perverse Gier reduziercfl» 
stillenden Weibern die Milch auszusaugen, wobei die Brüste mitunter wund" 
irebissen wurden. 



V 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 241 

Eine ungünstigere geographische Lage, mitRück- 
eht auf die fürchterliche Nachbarschaft, hätten 
e Slawen auf dem ganzen Erdenrund nicht finden 
Jnnen; in der nächsten Nähe der uralaltaischen 
äuberhorden ansässig, mußten sie zu einem der 
ißhandeltsten Völker werden, welche die Weit- 
eschichte kennt; während die meisten der übrigen 
Testarier auch an ihrer geistigen Entwicklung bauen 
nd in der Zivilisation fortschreiten konnten, ächzte 
och ungezählte Jahrhunderte hindurch der Slawe, 
inter den Awaren zu einem Zugvieh erniedrigt, in 
1er unwürdigsten Knechtschaft, an der sogar sein 
iigener Name schließlich haften blieb: Slawe — 

1) G.Baist schreibt: „Gustav Kcertino (Lateinisch-romanisches Wörter- 
W, Paderborn 1891, s. v. *sclavus 7275) stimmt Mackel bei, welcher 
^[^]l als organische Lautentwicklung im Romanischen überhaupt betrachtet, 
OBd erklärt im selben Satz s[c]l' als besondere italienische, durch die zahl- 
reichen (? !) mit excl' anlautenden Worte bestimmte Erscheinung : eine Variante, 
^e der von ihm abgewiesenen Auffassung viel näher steht als der gebilligten. 
Mackel hatte in der Tat nichts erwiesen, sondern aus dem Material, das 
i^r bei mir fand, herausgenommen, was für die von mir bestrittene Ansicht 
sprechen konnte, übergangen, was ihr widerstritt. Eine materielle Berichti- 
gung wäre gerade bei schiavo möglich gewesen. Nach der üblichen Auf- 
fasgung, wie sie Diez bietet und Miklosich (Etym. Wtb. 1886) gelten 
l^t, nahm ich an, mlat. sclavus in der übertrageneu Bedeutung (als Volks- 
■^e ja schon bei Prokop und Joruanis) sei von den Deutschen ver- 
niittelt worden. Schienen doch auch die Belege bei Ducange dem zu ent- 
^rechen, sagt es doch ausdrücklich Makkaki I. 92. Trotzdem ist es ein 
ÜstorijBcher Irrtum. Die Deutschen nannten ihre östlichen Gegner Wenden, 
■öid Bo steht auch im rechtlichen Sinn im Sachsenspiegel gegenüber sclavus 
■^er lateinischen Redaktion. SxXaßrjvot, Sclaveni, Slovenen (gegen die Ableitung 
fon slovo, Rede, und damit die Auffassung als allgemeiner Volksname Miklo- 
^^^^\ a. a. O.) ist Name des südslawischen Stanmies, der als der erste der 
^^ im VI. Jahrhundert an der unteren Donau den Romaeem gegenüber- 
^t; sie werden von dort durch die Awaren bald zum Haemus und nach 
Olyrien vorgedrängt, kamen hier mit den Bayern in Berührung, waren aber 
^gleich unmittelbare (nur durch die Adria getrennte) Nachbarn Italiens. 
^ aUgemeine Bezeichnung einer bestimmten Klasse der Eigenen (aus ge- 
kauften Kindern — das waren nicht nur Kriegsgefangene, auch hungernde 
Ötern verkauften die Söhne — gebildeter Truppen), erscheint ^e Benennung 



242 J. Peisker 

Die Germanen und die Slawen ersclieinen bereits am Anfange 
der Geschichte in jeder Beziehung so grundverschieden, daß das 
Bestreben der Wissenschaft, die Ursachen dieser Erscheinung 
aufzudecken, nur zu begreiflich ist. Daß dies bisher nicht ge- 
lungen, kann nicht befremden, denn man suchte sie in den beiden 
Völkern selbst: in ihren anscheinend angeborenen Charakteren, 
in ihren geistigen Eigenschaften und ich weiß nicht worin allem. 
Auch die Schädelbildung zog man heran: hie dolichokephale 
Gennanen, da brachykephale Slawen. Heute weiß man, daß auch 



zuerst bei den spanischen Arabern in der ersten Hälfte des X. Jahrhunderts, 
in einem Zusammenhang, der Wort und Sache als erheblich älter erkennen 
läßt (s. DozY, Gesch. der Mauren, II. 38). Damit werden wir ohne Frage 
auf Italien hingewiesen, im Mittelalter zu jener Zeit das Emporium des 
Menschenhandels, der Venedig zur großen Stadt machte und die gefallene 
Roma ernähren half. Allerdings haben auch die Byzantiner die Epenthese 
des c (vgl. dazu Ztschr. f. d. Ph. VI. 480), und Joudanis könnte von ihnen 
abhängig sein, aber gegenüber ischia u. s. w. werden wir nun allerdings m 
dem Ergebnis kommen, daß sei für sl italienisch (und proven^sch, nicht 
aber französisch und spanisch . . .) in allen bekannten Fällen steht, das Wort 
als slawisch-italienisch bezeichnen dürfen, ohne uns allerdings die Kürznnf 
der Endung erklären zu können" (Zeitschrift für französische Sprache 
und Litteratur, herausgegeben von Behrens. Band Xni, 2. Hälfte. Oppeln 
und Leipzig 1891, S. 190 f.). 

Zusammenfassend sagt Kluge, Etym. Wtbch. der deutschen Sprache* 
8. V. Sklave: „Zu Grunde liegt die byzantinische Bezeichnung der SüdsUwen 
als 'EaxXaßrjvot, die in Italien im 8./9. Jahrhundert die Bedeutung .S^/^ 
(als Sclavus) annahm, die dann über Italien nach Deutschland wanderte (di^ 
eigentliche Benennung der Slawen in Deutschland war im Mittelalter li'cruUn, 
Windett)'^ die Bezeichnung Sklaven kann nicht vom slawischen Osten aus- 
gegangen sein, weil keine westliche slawische Völkerschaft sich je Sklav- 
genannt hat (aslow. Slovinim)"'. 

Die Entstehung des Wortes in d i e s e r Bedeutung dürfte auf den Slawen- 
raub und Handel der Uralaltaier zurückzuführen sein. So berichtet Ib> 
RosTEH [vor 913 n. Chr.] : . . . Die Magyaren [am Schwarzen Meere] herrschen 
über sämtliche mit ihnen henaclibarten Slawen, zwingen sie zur ErfülluH 
schwerer Pflichten und gehen mit ihnen wie mit Gefangenen um ... 5*^ bekriig^ 
die Slawen, machen Sie zu Gefangenen . . . Wenn die Magyaren mit ihren ^^' 
fangenen nach [der Stadt] Kerch kommen, ziehen die Römer [Griechen] ^^ 
entgegen; alsdann die Magyaren . . . die Gefangenen übergeben und dafür f^t 
Tausch . . . griechische Waren erhalten, Vambery, Der Ursprung der Magy»!*"' 
Leipzig 1882, S. 116. 



Die filteren Beziehungen der Slawen zu Torkotataren etc. 243 

er Slawe ursprünglich relativ langschädlig war^) und erst seit 
istorischen Zeiten zur Kurzschädlichkeit fortschreitend hineilt. Wir 
aiben somit keinen Grund zur Annahme, der in jeder Beziehung so 
roße Unterschied zwischen den Germanen und den Slawen wäre 
ranfänglich und in der Rasse gelegen ; vielmehr erhellt aus allem, 
ras \\ir über das Reitemomadentum gehört haben, zur Genüge, daß 
ie alten Slawen so, wie sie die Geschichte kennt, erst 
n der nralaltaischen Folterkammer geworden sind. 

Dadurch haben wir auch schon einen festen Boden für die sla- 
«rische Vorzeit gewonnen und können mit einer größeren Aussicht auf 
Erfolg an die Prüfung der ältesten erkennbaren Beziehungen zwischen 
den Slawen und den Germanen herantreten. Sie äußern sich uns, 
nachdem alle übrigen Quellen der Vergessenheit verfallen sind, 
einzig und allein in den germanischen Lehnwörtern im Altslawischen. 

Diesen so kostbaren kulturgeschichtlichen Born hat SafakIk 
erschlossen und eine Reihe solcher Lehnwörter im ersten, 1837 
erschienenen Bande seines Werkes über die slawischen Altertümer 
veröffentlicht*). Sodann folgten die Untersuchungen von Miklo- 
siCH vom Jahre 1867*), von Matzenauer vom Jahre 1870*), 
von Uhlenbeck vom Jahre 1893*), von Hirt vom Jahre 1898*) 
nnd von Rich. Loewe vom Jahre 1904 ''). Den ersten Ver- 



1) L. NiEDERLE, Slovanskö starozitnosti. I. 1. V Praze 1902, S. 108 f. 

2) Safarjk, Slowanskö Starozitnosti. I. W Praze 1837. In deutscher 
Cbersetzung: Schafarik, Slawische Altertümer I. Leipzig 1843. Die von 
flim ab gotisch angesehenen behandelt er auf S. 429 und die altnordischen 
*uf S. 440 der deutscheu Ausgabe. In der Originalausgabe S. 347 und 356. 

3) MiFCLOSiCH, Die Fremdwörter in den slawischen Sprachen, in den 
Denkschriften der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften, Wien 1867, 
^^.-liist. Kl. Bd. 15. Femer: Miklosich, Etymologisches Wörterbuch der 
slawischen Sprachen. Wien 1886. 

4) iLvTZENAirER, Cizi slova ve slovanskych fecech. V Bme 1870. 

5) Uhlenbeck, Die germanischen Wörter im Altslavischen, im Archiv 
^ slavische PhUologie XV. Berlin 1893, S. 481 ff. 

6) H. Hirt, Zu den germanischen Lehnwörtern im Slavischen und 
^tischen in Paul und BuArxEs Beiträgen zur Geschichte der deutschen 
Sprache and Literatur, XXIU. Band. Halle a. S. 1898, S. 330 ff. 

7) RicH. Loewe, Altgermanische Elemente der Balkansprachen. 
1^- Slawisch, in Kihns Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung. 
^•^9, N. F. 19. Gütersloh 1904, S. 313 ff. 



244 J- Peisker 

such, die germanischen in Verbindung mit den übrigen Lehn- 
wörtern im Altslawischen [und fortsetzend im Polnischen] in ihrer 
Gesamtheit kulturgeschichtlich zu gliedern, unternahm Brück- 
ner im Jahre 1898^). Dies wären nur die hauptsächlichsten 
Arbeiten über diesen so schwierigen Gegenstand voll Unsicher- 
heiten, Kontroversen und Zweifel. 

Uhlenbeck, an welchen wir uns in erster Reihe zu halten 
haben, nahm in sein Verzeichnis nur solche Wörter auf, die er 
nach den lautlichen Kriterien für zweifellos entlehnt hält, und 
Hirt wird kaum unrecht haben, wenn er meint, es sage uns die 
Wahrscheinlichkeitsrechnung, „daß auch von den Wörtern die 
lautlich genau übereinstimmen, viele entlehnt sein können ..."*). 
Jedenfalls ist Hirt beizupflichten, daß bei solchen lautlich ge- 
nauen Übereinstimmungen erat andere Gründe die Wagschale 
nach der einen oder andern Richtung werden sinken lassen. 
Dies hat Hirt an mehreren solchen Wörtern unternommen und 
vieles Wichtige zur Lautlehre der germanischen Lehnwörter im 
Slawischen hinzugefügt. 

Für die Fragen, die uns jetzt beschäftigen, sind diese Lehn- 
wörter nicht so vom sprachlichen, als vorwiegend vom sachlichen 
Standpunkte wertvoll, wir werden sie daher nicht alphabetisch, 
sondern nach realen Gruppen zusammengestellt vorführen und 
von den ganz offenkundig althochdeutschen, als für unsere Fragen 
viel zu späten, absehen. 

Was hier geboten wird, ist lediglich eine, wenn auch recht 
mühsame Kompilation, denn in philologicis bin ich Laie. Zur 
Vermeidung augenscheinlicher Fehler erbat ich mir von mehreren 
Fachmännern Rat, und Berneker, Jagic, Mürko, StrekeU, 
Uhlenbeck, Zubaty hatten die besondere Güte, die Korrektur- 
bögen zu lesen und mit reichen Anmerkungen und Warnungen 
zu versehen. Nach diesen berichtigte ich meine Kompilation, 
und jene füge ich, soweit es der beschränkte Raum zuläßt, als 
Nachträge jedem einzelnen Lehnworte bei. — Abkürzungen: 



1) A. Brückner, Cywilizacja i j^zyk. Szkice z dziejöw obyczajowosö 
polskiej, in der Bibljoteka Warszawska, 1898, tx)m 3 und 4, und dann 
selbständig mit Berichtigungen, Warschau 1901. 

2) Hirt, a. a. 0. S. 330. 



ie älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 



245 



ehe aksl. 
altenglisch 
altfriesisch 
: altgermanisch 
Ithochdentsch 
dtindisch 
tirisch 

Itkirchenslawisch, oder 
l^arisch oder altslowenisch 
altniederdeutsch 
angelsächsisch 

altnordisch 

altpersisch 

rmenisch 

altrussisch 

= altsächsich 

altserhisch 

altslawisch 

aksl. 
ayestisch 
)ulgarisch 

';echisch oder böhmisch 
äuisch 
leutßch 
englisch 
nnisch 
germanisch 
)tisch 

: griechisch 
jchdeutsch 
olländisch 

indoeuropäisch oder indo- 
oisch 

siehe ideur. 
ch 
iaikawisch 



kämt. = kämtnerslowenisch 

klruBS. = kleinrussisch 

kroat. = kroatisch 

lat. = lateinisch 

lett. = lettisch 

lit. = litauisch 

magy. = magyarisch 

mhd. = mittelhochdeutsch 

mlat = mittellateinisch 

mndd. = mittelniederdeutsch 

mndl. = mittelniederländisch 

ndd. = niederdeutsch 

ndl. = niederländisch 

nhd. = neuhochdeutsch 

npers. = neupersisch 

nslow. = neualowenisch 

nsorb. = niedersorbisch oder 
niederlausizisch 

osorb. = obersorbisch oder ober- 
lausizisch 

polab. = polabisch oder elbe- 
slawisch 

poln. = polnisch 

rum. = rumänisch 

russ. = russisch 

schwed. = schwedisch 

serb. = serbisch 

skand. = skandinavisch 

skr. = sanskritisch 

slaw. = slawisch 

slow. = slowenisch 

slowak. = slowakisch 

urgerm. = urgermanisch 

vorahd. = voralthochdeutsch 

weissruss. = weissrussisch 

westgerm. = westgermanisch 



Gruppe I. 
Natur. 

i , in einzelnen slaw. Sprachen in der Bedeutung von Kiefer, 
te, Tanne, Kieferwald, Fichtenwald, Nadelwald, angis. 
u, Wald, Hain, nach Hirt entlehnt, nach Uhlenbeck 
rwandt. — Nachtrag. Bekneker: nicht zu entscheiden. 



246 J- Peisker 

aksl. br$gt, Ufer, got. bairgakei = Gt\ArgQ, abgeleitet von genn. 
*berga. Nach Ausweis von arm. bardzr = hoch, avest. 
b^r^zant hatte das Wort palatal und ist deshalb nach HiRi 
als entlehnt anzunehmen. Nach Uhlenbeck (Etym. Wtbch 
d. got. Spr.) urverwandt oder vielleicht aus dem Genn 
entlehnt. — Nachtrag:. Uhlenbeck: gegen Entlehnung sprächi 
etwa die abweichende Bedeutung. — Berneker: halte t 
für entlehnt; aksl. brigh übersetzt xpr,[Avd?; brigyni, fem 
heißt jHüger ; klruss. b^rih auch ,HügelS ebenso bulg., serb. 
slow., öech., slowak., poln. (dial.) und sorb. Also fas 
durchwegs ,Hägel*. 

„ br'bdo, Hügel, in den jüngeren Mundarten auch Weber 
kämm. Das Russische hat b'erdo, wonach — nach Uhlex 
BECK — ein ursprüngliches slaw. "^bhrdo anzusetzen ist 
Man dachte an das gotische baurd, germ. *borda (= Brett) 
aber, nach Uhlenbeck, mit Unrecht, weil dieses in 
slawischen *bord-, aksl. Hrad-, also nicht brbdo gegeben hätte 
Vielmehr könne man es für entlehnt halten aus germ 
"^berd (bred): mndl. bert, ndl. berd, ahd. bret^ angls. hrti 
(= Brett). Die germanische Metathesis in berd (neben bui 
wäre also, meint Uhlenbeck, sehr alt und nicht nur an 
das Niederländische beschränkt. — Hirt läßt jedoch Uhle^j 
BECKS Einwendung nicht gelten und vertritt die Herleitua 
des slaw. Wortes aus got. baurd, — Nachtrag. Strekeu 
gegen Entlehnung aus got. baurd oder einer andern gei 
manischen Form spricht die Bedeutung des germanische 
Wortes (= Brett), die mit ,Hügel* nicht vereinbar ist. Bei 
neker: Das Wort ist echt slawisch, hat aber mit baurd nichi 
zu tun. Vgl. ZüPiTZA, Kuhns Ztschr. 36, S. 65. 

., bnky. Buche, Buchstabe. Alte Entlehnung aus germ. Hol 
(ahd. buohha, angls. b^ce, Buche, got. boka, Buchstabe). - 
Neben buky auch noch aslaw. *buH (weil öech., poln 
bulg., russ. buk), aus einem germ. Masculinum "^boka (la 
fagus), 8o Uhlenbeck. Nach Loewe (S. 330) dürfte di 
Wort aus dem Balkangermanischen sein. Als Lehnwo 
schon bei Miklosich angeführt. 

., doli». Loch, Grube, Tal. got., asächs., ndl. dal, nach Klug 



Die älteren Beziehangen der Slawen zu Turkotataren etc. 247 

(Etym. Wtbch. d. d. Spr.), Uhlenbeck, Brugmann (Kurze 
vei^l. Gramm, d. indogerm. Spr., Straßburg 1904, S. 344) 
urverwandt, nach Hirt entlehnt, weil die Bedeutung mit 
dem Germanischen übereinstimme, gegenüber dem griech. 
^^o;. Nachtrag. Uhlenbeck: Hirts Argument ist nicht 
zwingend. — Berneker: Entlehnung wahrscheinlich. 
sL ehladi,Kähle,auchnochnachUHLENBECK(Arch.f.sl.Phil.l5) 
offenbar aus germ. *kalda, obwohl das ch nicht erklärt sei; 
zu vergleichen aksl. chlopotb^ Getöse, von ^chlopati, klappen, 
aus der Sippe von anord. klappa. Fünf Jahre vor Uhlen- 
beck (ebenfalls im Arch. f. sl. Phil., Bd. XI, S. 386) lehnt 
KozLOvsKij mit Jagic eine german. Herkunft dieses Wortes 
ab, eben von wegen des unerklärlichen x» ^»d stellt es als 
urverwandt zu aind. hläd, sich erfrischen, hläduka, kühl, 
frisch. KozLOvsKij leitet chlad^ von einer slawischen 
Wurzel ^chold' her. Uhlenbeck kam später noch einmal auf 
diesen Gegenstand zurück und macht im Arch. f. sl. Phil., 
Bd. 16, 1894, S. 381 gegen Kozlovskij folgendes geltend: 
da slaw. chladh auf ein ^chold^ zurückgehe, sei seine auf- 
fallige Ähnlichkeit mit altindisch Ä/äd^ jedenfalls nur zufällig. 
Deswegen wäre die Möglichkeit ihrer gegenseitigen Ver- 
wandtschaft freilich nicht ausgeschlossen, bewiesen aber 
wäre sie nur, wenn es sichere Fälle gäbe, in welchen slaw. 
ch dem skr. h gegenübersteht. Daher findet Uhlenbeck 
auch jetzt die alte Annahme, chlad^ sei ein germanisches 
Lehnwort, bei weitem wahrscheinlicher, und an dieser Wahr- 
scheinlichkeit hält er auch in der 2. Auflage seines Ety- 
mologischen Wörterbuches fest. Nachtrag. Berneker: wird 
wohl recht haben. — Ötrekelj: wegen ch statt des er- 
warteten k (vgl. klad(Zh) kann Entlehnung aus dem Ger- 
manischen doch nicht als erwiesen gelten und dürfte das 
germanische Wort von dem slawischen trotz Ähnlichkeit in 
Laut und Bedeutung zu trennen sein. Chlopot^ u. s. w. 
beweist nichts, weil von einem Schallwort abgeleitet. 
chl'&m'b, Hügel, aus germ. *holma, anord. holm, kleine 
Insel, angls. holm, Meer. Schon von Miklosich als wahr- 
scheinliches Lehnwort anerkannt. 



248 J. Peisker 

aksl. chr^StB, Käfer; nach Miklosich beruht es anf ( 
krenst-, hrensk- und bedeutet ursprünglich „den summe: 
nach Uhlenbeck aus ^otßramstei, Heuschrecke. — Na 
Uhlenbeck: Jetzt stimme ich mit Miklosich i 
(PBB. 30, 316). — Berneker ebenso. — Mürko 
Wort ist mit regelrechtem slawischen Ablaut. 

„ chyosti, Schwanz, nach Uhlenbeck aus einer germ 
von mnd. quast (= Knorren), dän. kost (Laubbi 
schwed. quast Vi, ^,yf.^ nach Strekelj (Archiv f 
Philol. 27, S. 48 f.) urverwandt. 

„ klad^ZB, Quelle, nach Uhlenbeck aus einem gern 
dinga, eine Ableitung von kaldo-; vgl. Miklosich s. v. ko 

„ lo ky, Lacke, nach Uhlenbeck aus germ. *lakkd, ahd. 
mnd. lake, nach Loewe (S. 330 s. v. buky) vielleic 
dem Balkangermanischen. 

„ OYOStB, Baumfrucht, serb. voce, öech. und poln. 
klruss. ovoCj ein altbekanntes Lehnwort aus dem 
(Miklosich). Nach Uhlenbeck aus einer germ. Mi 
obwohl es schwer zu sagen ist, aus welcher. Es is 
Kluge ein westgermanisches Wort, ahd. oba:>, ndl 
angls. ofet. — Nachtrag:. Berneker: sehr unwahn 
lieh; ich halte beinahe eher das germanische Wo 
entlehnt. 

„ str'&k'b, Storch, nach Uhlenbeck für urslaw. j/^r^ 
dem German. ; anord. storkr, angls. storc, ahd. 
(griech. Top^o;, Geier). Auch Miklosich hält das 
und das germ. Wort für unverwandt, ohne sich a1 
entscheiden, von welchem der beiden Völker entlel 
Nachtrag. Ötrekelj : Da das Wort russ. sterkh (heute s 
lautet (nicht *storH\ so ist Entlehnung aus dem ( 
nischen fraglich, wiewohl die germanische Wortform v 
die slawische beeinflusst hat. 

nach Hirt aus dem Germ. ; 



vedro, heiteres Wetter, 
vedri», heiter, 



weder, ahd. w'etar (= W 
falls man dieses mit aksl 
(Wind) vergleicht. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 249 

Nachtrag. Berneker: Entlehnung möglich, aber nicht 
strikt beweisbar. — Uhlenbeck : sehr unsicher, denn vitr^ 
zur Wurzel *«/-, wehen, und aengl. weder, ahd. w'etar 
passen nicht recht zusammen wegen des Vokalismus. — 
Strekeu: vedro, vedrb ist wohl von vitra zu scheiden; 
bei Identität des germ. Wetter mit vitrb würde man im 
Germanischen einen andern Wurzelvokal erwarten. Auch 
Brügmann (Kurze vergl. Gramm. S. 346 zu *wedhrd) hält 
vedro und Wetter für urverwandt. 
isl. znpel'L, Schwefel, nach Uhlenbeck aus slaw. *iz/6/^/5^ das 
auf got. swibls zurückgehe. Schwierigkeit gäbe das p in 
zupeh, und wohl aus diesem Grunde läßt jetzt Uhlenbeck 
in seinem Etym. Wtbch., 2. Aufl., 1900, die Herleitung aus 
dem Got. fallen, ohne sich zu entscheiden, aus welcher 
germ. Sprache das Wort entlehnt ist. Angls. swefel, ahd. 
swebaL — Nachtrag:. MüRKO: Auf bajuwarischem Boden 
(wegen p) in althochdeutscher Zeit nur von Südslawen ent- 
lehnt ; die russischen Belege stammen aus dem Altkirchen- 
slawischen. 

Gruppe II. 
Mensch, Yolk« 

nach Uhlenbeck aus germ. *kinda = ahd. 

chind, asächs. kind, mndl. kind. Miklosich 

meint, daß, „wenn man i^do mit d. kind 

als verwandt ansähe, würde man c^do für 

entlehnt halten^. Nachtrag. Berneker: 

müßte uralte Entlehnung sein. 

kurLva, meretrix, nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch.*, s. v. 

hörs entlehnt aus einem germ. Worte, etwa *hörwa, anord. 

höra, angls. höre, Hirt (PBB ei träge 23, S. 343): Aksl. 

kurbva kann . . . nicht ohne Schwierigkeiten aus got. hörs 

abgeleitet werden, denn woher stammt das ^ ? Nach 

JCthner (Wiener Studien 26, S. 156 f.) ist kurbva mit 

altgriech. xdpj:« urverwandt. 

naTby Leiche, nach Uhlenbeck ml^ got. navi-, nom. naus. An dieser, 
noch im Arch. f. sl. Phil. Bd. 16 vertretenen Ansicht hält Uhlenbeck 
im Etymologfischen Wörterbuch nicht mehr fest und läßt die Möglich- 



c^do, Kind, 
c^dB, Leute, 



250 J. Peisker 

k e i t offen, daß das slawische Wort zu dem slawischen Verbnm nyti, 
naviti, ermüden, gehört So auch Brückner im A.f. sl. Phil. XXIII. S.626. 
— Nachtrag:. Uhlenbeck: Jetzt halte ich mit Grienberger navh 
für urverwandt mit naus (s. PBB ei träge 30, S. 303). 
aksl. raka, Grab, aus *orka, nach Uhlenbeck aus einem germ. 
*arka (got. arkä)\ nach Loewe (S. 322) werde man das 
der hochdeutschen Lautverschiebung entbehrende aksl. raka 
neben dem folgenden *raky auf asächs. *arka zurück- 
führen. Nachtrag. MuRKO: Speziell bei den Südslawen, 
wahrscheinlich romanisch (vgl. J. Konst. Jirecek, Denk- 
schriften d. Wiener Akad., phil.-hist. Kl. 48, S. 36). 
r, *raky, Sarg, aus *orky, rekonstruiert aus dem öech. rakev, 
kroat. rakva, nach Uhlenbeck aus einem noch älteren 
germ. "^arkö entlehnt. 

Gruppe III. 
Kleidung. 

„ sknti», Saum des Kleides, nach Uhlenbeck aus germ. 
*skauta, got. skauts, anord. skaut, ahd. scoz, Rockschoß. 

„ sraka, sraky, Kleid, nach Hirt aus dem Germanischen; 
mlat. sarca, anord. serkr (st. ^sarki-), angls. serd 
(st. *sarkjön'\ got. *sarkö. Miklosich, Etym. Wtbch. sagt 
darüber s. v. sorka: „Das Wort ist nur aslow., nslow., 
weißruss. und russ." „Aus dem slaw. sorka soll anord. 
serkr, Hemd, angls. serce, Panzer, stammen: es sei aus 
Rußland nach Skandinavien und von da nach England ge* 
bracht worden . . . Man beachte lat. *sarica, woraus ahd. 
serih.'' Man sieht, Miklosich selbst erklärt sich für eine 
Entlehnung nicht. Vgl. Meringer in den „Indogerm. 
Forschungen" XVII, S. 158 f.: zu lat. sarcio, griech. spxoC 
opxo?. Nachtrag. MuRKo: Das Wort kam vom Süden, aus 
dem Lateinischen. 

Gruppe IV. 
Gerät. 
^ ar^dije, orondije, Apparat, Werkzeug, Sache, nach 
Uhlenbeck aus andd. (anord. ist ein Druckfehler) ärundi 
Hirt führt es auf ahd. ärunti nach Miklosich zurück. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 261 

achtrag. Uhlenbeck: Jedenfalls aus dem Niederdeutschen, 
enn es erklärt sich wohl aus ärundi, nicht aber aus ärunti. 
Ijudo, neben bljud^, Schüssel. Nach Miklosich geschah 
ie Entlehnung aus dem Deutschen in der ersten Periode: 
s setze den Stamm biuda voraus. Nach Uhlenbeck ent- 
ihnt aus got. biuda-, nom. biußs (Tisch). Slaw. bj wurde 
lutgesetzlich blj,^ serb. bljudo = irdene Schüssel, poln. 
luda = hölzerne Schüssel, osorb. und nsorb. blido = Tisch. 
achtrag. MüRKO: Wahrscheinlich aus dem Gotischen. 

Über die Beziehungen zwischen Schüssel und Tisch schreibt R. Me- 
inger ^): „In ältester Zeit gab es bei Germanen und Slawen keinen 
isch in unserm Sinne (wohl auch sonst nicht), sondern Bretter, von 
men man aß. Daher die vielfachen Schwankungen der Sprachen 
1 Bezug auf die Bedeutungen Schüssel und Tisch. Dann kommen 
rößere Bretter auf, für mehrere Personen, niedere Tische. ... In un- 
ikannter Zeit erhält das Speisebrett ein höheres Untergestell, einen 
;hragen. Erst durch das Zusammenwachsen beider entsteht unser 
isch. Die Entwicklung hängt mit der Vergrößerung der Räume 
isammen, denn fHlher ist kein dauernder Platz für den Tisch im 
ause, und er wird nach dem Gebrauche entfernt, ygl. ,TiBoh aufhebend 
ie Slawen benannten den vierbeinigen Tisch, sowie den Einzelsitz stol% 
egen der Ähnlichkeit, da ja der alte Stuhl keine Lehne hatte. Im 
Itnordischen heißt stöll sowohl das Gestell der Bank als auch das 
» Tisches." 

18 k a^ Brett. Dieselbe Bedeutung hat das Wort auch heute 
Slawischen; (polab. daisko — Tisch ist viel später ent- 
ihnt aus ndd. disk, wie ai für i zeigt); griech. SCoxo;, lat. 
iscusy ahd. disk, tisc (Tisch, Schüssel). Miklosich hält 
as slawische Wort für eine uralte Entlehnung, ohne er- 
laren zu können, auf welchem Wege, da das ^ in d^ska 
em i gegenüber in disk Schwierigkeiten macht. — Nachtrag. 
UBAxt: Das ^ dürfte heute nicht so schwierig sein. Es 
ängt mit der lautgesetzlichen Tendenz zusammen, welche 
or breiten Silben (Silben mit breiten Vokalen) auch noch 
lanche andere ^ statt b am Gewissen hat, z. B. tbmkh im 
188. tonkij u. a. 

L KEKiNdER, Die Stellung des bosnischen Hauses und Etymologien 
usrath, Sitzungsberichte der Wiener Akademie, phil.-hist. Kl. 
ind 144, VI., S. 96. 

tlJAhrtcbr. f. Social- u. WirtschaftsgeEchichte. III. 17 



252 J« Peisker 

Meuixoer sagt a. a. 0. S. 84 f. : In den gennanischen Sprache 
hat das aus lat. discus entlehnte Wort die Bedeutung Tisch, Schmu 
Speise angenommen. . . . Die Entstehung des Wortes muß vor d 
zweiten Lautverschiehung stattgefunden haben, . . . und man kann Kli ( 
(Etym. Wörterbuch s. v. Tisch) wohl zustimmen, wenn er sie eti 
gleichzeitig ansetzt wie die von Schüssel (lat. scutula, scuulla\ Flasc 
(lat. etwa *vasculum\ Kessel (catillus). Wo das Wort discus zuerst c 
Bedeutung von Tisch angenommen habe, sei sehr schwer zu entscheidf 
Die ganze Sachlage weise darauf hin, daß die Slawen das Wort v 
den Germanen auch schon vor der zweiten Lautverschiebung üb( 
nommen haben, denn liier war der Tisch im wesentlichen ein Bre 
und so mögen die Slawen eine gewisse Art wohlgeglätteter Brett 
danach bezeichnet haben. Dem Sinne nach sei, schließt Meringf. 
eine andere Herleitung des slawischen Wortes vorläufig ausgeschlosse 

aksl. kotLli», Kessel. Nach Miklosich ein germanisches Lehi 
wort. Die Entstehung falle in die erste Periode. Na( 
Uhlexbe(!K entlehnt aus got. katils. Nachtrag. Uhlfinbeci 
kann doch vorgotisch sein, denn die ahd., anord. (u. s. >v 
Formen beruhen auch auf ^katila-, Murko : Zu bedenkei 
daß das germ. Wort selbst auf lat. catinus, Schüssel, od( 
dessen Diminutiv catillus zurückgeht. 

„ *kriik'L, *krj ukt, Haken, nach Uhlenbeck zu erschließe 
aus klruß., poln. kruk, klruß., weißruss., russ. krjuk, we 
es schon in alter Zeit aus germ. *krdka (anord. kr Skr) en 
lehnt sein müsse. Nachtrag. Mukko : Nur von den Russe 
und Polen entlehnt, augenscheinlich von Warägern, ne 
leicht in späterer Zeit. 

„ '^kuka, Haken: bulg., serb. kuka, Haken, aksl. kukonos 
krummnasig, nach Uhlenbeck aus einem agerm. *hoki 
mndd. hok, angls. hoCy ndl. hoek, Nachtrag, .^trekeu 
Aus agerm. koka, angls. hoc u. s. w. könnte kaum kuki 
sondern nur ein *chuka entlehnt werden. — Uulexbec* 
Jetzt halte ich das Wort für echt slawisch (s. mein Eh'ii 
Wtbch. d. aind. Spr. 56). — Murko: nicht entlehnt. 

„ misa (Schüssel), slov. miza (Tisch). Nach Hirt ge 
manisches Lehnwort, got. mes, ahd. meas, mias. Fi 
slov. miza (Tisch) nimmt auch Miklosich wegen des 
deutschen Ursprung an, aber misaj mit s stammt nac 
Miklosich, Etjui. Wtbch., s. v. misa, vielleicht doch an 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Tnrkotataren etc. 253 

dem Lateinischen, das auch in später Zeit ein tonloses s 
zwischen Vokalen zu kennen scheine. Eine Entlehnung 
des Wortes misa unmittelbar aus dem Lateinischen und 
nicht aus dem Germanischen dünkt jedoch Meringeb^) 
als unwahrscheinlich. Nachtrag. Murko : Entlehnt erst aus 
einem ahd. mias, mies, 

isl pila. Feile, Säge, nach Uhlenbeck aus einem germ. *fi/a. 

n *p\0Hkjj p/oskva, Flasche, nach Uhlenbeck aus einem 
germ. *ßasko, ahd. flasca, anord. flaska, ein nach Kluge 
früh unter den Germanen heimisches Wort, das aber bei 
der Übereinstimmung mit romanischen Worten für ,Flasche' 
der Entlehnung verdächtig ist. Nach Loewe (S. 330 s. v. 
buky) dürfte plosky aus dem Balkangermanischen entlehnt sein. 

^ saki (Sack), nach Uhlenbeck aus got. sakkus. Miklosich 
nimmt eine lateinische Entlehnung an, wegen des tonlosen s. 
Nachtrag. Uhlenbeck: Aber das s von got. sakkus war 
auch tonlos! Jedenfalls ist sakb erst in das Slawische 
aufgenommen, als das kurze ä schon zu o geworden war, 
denn sonst hätten wir ^sokb. — Berneker und Mürko: 
Miklosich scheint recht zu haben. — Strekelj: Wäre es 
aus germ. sakkus entlehnt, müsste es *sokb lauten. Die 
Slawen haben das Wort wohl von den Romanen, bezw. 
Griechen. 

1 st^pa, Mörser, nach Uhlenbeck aus einem germ. ^stampa, 
und nicht aus ^statnpd, das im Slaw. *stqpy gegeben hätte; 
es sei also eine jüngere Entlehnung als brady, buky, loky 
u. 8. w. Stqpa ist schon von Miklosich als Lehnwort an- 
erkannt. 

yi ^vröt^gi, Kette, poln. wrzectqdzj klruss. veretjaz. Da- 
neben *rit{g^ in poln. rzeciqdz, russ. retjazj. Das Wort 
ist gebildet durch das Suffix tengß, nach diesem Suffix 
meint Miklosich in seinem Etym. Wtbch. s. v. vertengjü, 
es könnte slawisch sein. Dagegen sagt Uhlenbeck, daß 
wir es hier gewiß mit einem germanischen Worte zu 
tun haben, und zwar eben wegen des Suffixes -(g^y aus germ. 



1) Merinoer, a. a. 0. S. 89. 



254 J. Peisker 

^inga, und nämlich mit einem mit tv anlautenden Worte, 
etwa germ. *wertinga, Analogien gibt es im Überflusse: 
aus germ. penninga (Pfennig), slaw. pifn^g^, aus kuninga 
(König) : khu^gb u. s. w. Nachtrag:« Bernkker : Ein *wertinga 
gibt's nicht. Das w des poln. ist sekundär; es heißt noch 
apoln. rzeciqdz, woraus apreuß. ratinsis stammt ; wrzec^dz 
durch volksetymologische Angleichung an turzei, z. B. in 
za-wrzec, »schließen* ; das kleinrttssische ist aus dem Pol- 
nischen entlehnt, 
aksl. vriiL, Krug, nslow., serb. vri^ beruht nach Miklosich 
wohl auf urceolus, lat. urceus; nach Uhlexbeck aus hrh, 
Hrkjhj aus got. aürkeisy ahd. urzol. Kachtrag. Murko: 
Ein spezifisch südslawisches Wort aus dem RomanischeD, 
nur slow, und kroatoserb. Die aksl. Belege stammen von den 
Kroaten. Auch lautlich ist die Entlehnung aus demRomanisehea 
sehr gut erklärbar (vgl. Ötkekelj in den Denkschriften 
der Wiener Akad., phil.-hist. Kl. 50, S. 73 s. v. vrtaca)^ 

Gruppe V. 
Behausung. 
^ grad'b, Mauer, nach Uhlenbeck wahrscheinlich aus got. 
gards, Haus, anord. gardr, Zaun, eingehegter Hof, angls. 
geard, Umfriedigung, Garten, Wohnung, asächs. gard, Um- 
zäunung, Wohnung, ahd. gart, Kreis. Für diese häufig^ 
bestrittene Entlehnung sprechen nach Hirt vor allem die 
Komposita aksl. vinogradh, got. weinagards und aksL 
vrbtograd%, ^ot aürtigards ; gotisch Äiir// stamme ja selbst 
erst aus lat. /lorti-, so daß in diesem Falle die Entlehnung 
zweifellos sei. Loewe (H. 317) meint: „Aus dem Balkan- 
germanischen entlehnt sein müssen auch abulg. vinogradh 
und vrhtograd^ [vgl. Gruppe VHI, s. v. vrhH], da hier di^ 
russischen Formen vinogradh und vertogradh wieder nur 
durch Entlehnung aus dem Altbulgarischen erklärt werden 
können; das spricht freilich nicht für, sondern 
eher gegen Entlehnung auch von abulg« gradi . . - 
aus dem (i e r m a n i s c h e n** ^). Nachtrag. Strekelj : 



1) Von mir gesperrt. 



Die filteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 255 

Oegen Entlehnung spricht der Umstand, daß das Slawische 
auf einer anderen Ablautstufe zrhdh, ,Stange*, ,Stakete zu 
ZännenS besitzt, welches im Altpreußischen als sardis 
geradezu in der Bedeutung Zauu entlehnt ward; gradh 
ist also das aus Stäben, Staketen, Gerten gemachte, die 
geflochtene Mauer, Zaun; es ward zur Stadt wie 
t<nvn, Zaun u. s. w. — vgl. Mürko, unten Gruppe VIIL 

8. V. VTbtb. 

tsl. chlfiY'b, Stall, chlivina, Haus, nach Uhlenbeck (Etym. 
Wtbch. aus einem mit got. hlija, vielleicht verschrieben 
für *hliwa, Zelt, Hütte, verwandten Worte. 

Eine andere Erklärung gibt Mekinoer: „Die Sippe von aksl. chliv%^ 
stabnlam, chUvina^ domns, . . . hat MiKLOsrcH . . . mit got. hiija, Zelt, 
Hütte, zufiammengestellt, and seit der Zeit blieb bei den Slawisten 
diese Zusammenstellung . . , Niemand hat dabei erklärt, wie der Slawe 
imstande gewesen ist, aus got. hlija sein clUi%n, zu entlehnen. Hätte 
mau den Sachen [und nicht allein den Wörtern] einiges Studium 
zugewendet, so hätte jedermann gesehen, daß aksl. chliv^^ Stall, ent- 
lehnt ist aus dem lautlich identischen got. hlaiw[^)\ idi^o^ [Grabhügel], 
}iVT){is7ov, trotz der anscheinend so verschiedenen Bedeutung . . . Der 
Totenkult geht überall von der Grundidee aus, den ins andere Leben, 
das man sich doch nur wieder so wie dieses vorstellen konnte, 
Keisenden dazu möglichst gut auszurüsten. So erklären sich alle 
Beigaben der ältesten Zeit bis zu unseren Tagen, von Wehr und 
Waffen, Speisen, Handgeräten bis zu den Gummischuhen herab. Der 
Seefahrer bekam sein Schiff mit, der Ansässige sein Haus. So erklärt 
sich der ursprüngliche volle Sinn des got. hlaiw. Es ist das altertüm- 
liche Haus, das man noch dem Toten mitgab, auch zu der Zeit, wo 
der Lebende schon ein besseres Wohnhaus hatte." — Nachtrag. 
Berxekeu: Scheint mir unwahrscheinlich. Persönlich t;laube ich so: 
got. hlaiw war „Grabhügel" und auch „gehöhltes Grab**; vgl. z. B. 
Ulfilas, Katth. 27, 60. Die Höhlen aber waren dooh wohl die ältesten 
Ställe! 

„Die Slawen — setzt Meringer fort — haben also das Wort *hlaiwa- 
entlehnt, als es bei den Goten noch Wohnhaus^ Hütte bedeutete. Als 
ihre Baukunst sich selbst entwickelte, wurde nur mehr der Stall in 
der alten, primitiven Weise hergestellt und behielt den Namen, während 
das Wohnhaus mit einem neuen Lehnwort aus dem Germanischen, 
ckyvh (= got. hüs) bezeichnet wurde. So reimt sich alles, sprachlich 



1) Schon Hirt führt chlövi» auf got. *hlaiw8, ♦hlaiwa zurück, 
^»23. Bande der PBBeiträge S. 338, 340 f. 



256 J. Peisker 

und sachlich, auf das einfachste zusammen" *). — Dagegen ühlexbeck, 
PBBeiträge 30, S. 291: „Merixger meint, die Slawen hätten ihr 
€hlivi>t Stall, aus got. hlaiw entlehnt; und das zu einer Zeit, wo das 
germanische Wort noch ,Wohnhaus, Hütte^ bedeutete. Aber ist hlaits, 
das in keinem Dialekte etwas anderes als ,(Grab)hügeP oder ,Grab* b^ 
deutet, jemals eine Bezeichnung des Wohnhauses gewesen? Es liegt 
doch viel näher, die Bedeutung von hlaiw unmittelbar mit der von 
lat. ctivus zu verbinden. Auch Grienbergers Auffassung von hlava 
als ,Lager (der Toten)^ (S. 37) trägt dem engen Zusammenhang: von 
hlaiw und ctivus keine Rechnung.'' 
aksl. chy ZI, Hans, nach Miklosich aus dem Germanischen, nach 
Uhlenbeck aus germ. "^hüza mit tönendem s, got. und ahd. 
hüs. Wenn nun Meringers Erklärung von chli^y ans 
got. hlaiw, Grabhügel, zutrifft, dann wäre zu bedenken, 
der sachliche Fortschritt von hlaiv zu hüs, von einer 
elenden Grubenhütte zu einem bequemeren Haus hätte 
bei den Germanen vielleicht so viel Zeit beansprucht, 
daß die slawogotischen Beziehungen dazu nicht ans- 
gereicht haben würden. In diesem Falle könnten dann die 
beiden Lehnwörter chliv^ und chyzh nicht von einem und 
demselben germanischen Volke her sein : Ist chli^ gotisch, 
dann dürfte chyz^ ein nach gotisches Lehnwort sein; ist 
jedoch chyz^ aus dem Gotischen, dann wäre chlifvh vor- 
gotisch. — Nach LoEWE (S. 334) dürfte chy^^ am ehesten 
aus dem Balkangermanischen stammen. Nachtrag, ühlex- 
beck: Auf ziemlich späte Entlehnung weist das tönende^- 
Im Gotischen war das s tonlos. Darum ist chys^ sicher 
ein nachgotisches Lehnwort. — Murko: Das Wort wanderte 
erst vom oberdeutschen Boden zu den Süd- und Nordslawen. 
Für die späte Entlehnung spricht auch der Wechsel von s (nslow. 
his, hisek, kroat. is) und z, sowie von i und z (z. B. nslow. 
hisa und hiza) in verschiedenen slawischen Sprachen. 
„ *kotT., zu erschließen aus serb. kot, Schweinestall, 6ech. 
kot, Hütte, wie auch aus der Ableitung aksl. kothCh (Keller), 
serb. kotac, kleiner Stall. Nach Uhlenbeck aus einer 
germanischen Mundart ; mndd. kot, nord. kot u. s. w. 



1) Mekixger, Wörter und Sachen, im 16. Bande der Indogerm*»' 
Forschungen, 1904, S. 117ff. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 257 

isl. stena, Mauer, nach Uhlenbeck, Etym. Wtbdi., urverwandt 
mit got. stains (Stein), nach Hirt entlehnt, weil aksl. 
stitihm, steinig, felsig, auf got. staineins hinweist, was auch 
Uhlenbeck, Etym. Wtbch.^, anführt. Nachtrag, .^trekelj: 
aksl. stitihm, steinig, felsig, ist bei Existenz eines nslow. 
stina, Fels, großer Stein, ebensowenig auffallend, wie 
kamentm, lapideus. Weder Bedeutung, noch Bildung spricht 
demnach für Entlehnung. 
„ tyiii>, Mauer, nach Uhujinbeck aus einer altgermanischen 
Mundart, anord. tun, ahd. zun. Für das y in tym ver- 
gleiche das soeben genannte chyz^ aus germ. *hüza. 

Gruppe VI. 
Waffe und Krieg. 

w brady, Axt, wird nach Uhlenbeck wegen des y für ger- 
manisch gehalten. Ursprünglich slaw. *bordy aus * bor du, 
*bordd, das auf germ. Hardo, Streitaxt zurückgehe. Für 
das y ist zu vergleichen buky, crbky, ckorqgy u. s. w. 
Man findet das germanische Wort in anord. harda, ahd. 
barta, andd. barda, mndl. baerde, Streitaxt. Nach Loewe 
(S. 330 s. V. buky) dürfte das slawische Wort balkan- 
germanisch sein. — Nachtrag, ►^trekei^ : Das Suffix y 
für a hat sieh im Slawischen nach wirklichen Entlehnungen 
aus dem Germanischen auch in einheimischen Wörtern ein- 
gebürgert, weswegen es mißlich wäre, in jeder derartigen 
Bildung a priori eine Entlehnung zu sehen, (vgl. meine 
Bemerkungen i. d. D e n k s c h r. d. Wiener Ak. ph.-h. Kl. 50 
S. 4); daher kann auch brady ganz gut einheimisch sein. 

n bn.nja, Panzer. Nachtrag. Uhlenbeck: Kann ebenso 
aus anord. brynja wie aus ahd. brunja entlehnt sein ; got. 
brunjö hätte *brbnjy, *br^nji gegeben. 

fl -chlastati, zäumen, nach Uhlenbeck von germ. *hlasta, 
abd. hlast, angls. hlaest. Nachtrag. Mürko: Nur alt- 
kirchenslawisch. 

y> ehor^gy, Fahne, nach Uhlenbeck aus einem älteren 
*chrqgy, das auf ein noch älteres *chrungu zurückgehe. 
Früher führte man das Wort auf got. hrunga (hrugga), 



258 J. Peisker 

, Stange' zurück, womit auch Miklosich übereiwsti 
Uhlenbeck erklärt es aus germ. *hrungd, angis. h 
,BalkenS mhd. runge. Nach Loewe (S. 330, s. v. 
dürfte es balkangennanisch sein. Das germanische 
ist nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch., unbekannte» Urspi 
akls. inBCB, meh^ nach Uhlenbeck aus got. mekeis, s 
mceker, asächs. mäki, angls. m^ce. — Nach LoEWt: (ß 
stammt mtöb wohl aus dem Balkangermanischen. Nac 
Uhlenbeck : Schwierigkeit macht der Vokal. Man en 
slaw. /. Doch ist Entlehnung nicht zu bezweifeln. 

„ pHk'b, Menge, Heer. Nachtragr. Uhlenbeck: uns 
aus welcher altgermanischeu Mundart. Nicht nur a 
folk (älter folkt)^ sondern auch angls. folc, afries. 
kämen außer 9kA.folc in Betracht. Germ. *folka aus * 
wie *holfna aus *hulma. Aus den älteren Formen * 
und *kulma lieflen sich phH und chhtm am beste 
klären, aber chronologisch macht das Schwierigkeiten 

„ strfila, Pfeil. Nachtrag. Uhlenbeck: Kann niclii 
ahd. sträla, das *strala ergeben würde, entlehnt sein, 
aber aus einer westgerm. Form *strela (sowohl ahd. s 
wie angls. strcel hatten ursprünglich ein e). Im 
nordischen fehlt das Wort. 

„ slemi, Helm, aus *seltm, ^cheltm, allgemein als 
manisches Lehnwort anerkannt. Nach Uhlenbeck 
ans got. hilms, das slaw. *chhlmb, *shlfm, gegeben 
sondern aus einem gernL *helma, anord. hjalmr, a 
afries., asächs., ahd. keim. Hirt, welcher in den m( 
altgermanischen Lehnwörtern gotische sieht, verharrt 
hier bei einer gotischen Entlehnung. 

„ Y i t ^ z B , Krieger, Held, aus einem älteren vitfgb. Miklo 
„Das Wort ist deutsch : man darf an die Vithungi [Juth\ 
denken." Nach Uhlenbeck aus anord. vikingr, P1üd( 

Gruppe Vn. 
Yiehzuehty Haustiere, animale Nahrung* 
„ brAYi», animal, aus einem älteren *borv^\ slow. 
Schafvieh, Schöps, serb. brav, 6ech. brav, Schmalvieh, 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. g59 

boroTTb, geschnittener Eber, nach Hirt aus einem germ. 
*barw. Zu vergleichen angls. bearh, bearg, engl, barrow, 
geschnittenes Schwein, ndl. barg, berg, anord. borgr, got. 
Hargws Cbargus), ahd. barug und barh, ujbd. barCy nhd. 
^ar^Ä (verschnittenes Schwein). Nachtriig. B£rx£KEr: Laut- 
lich ist die Annahme ungemein schwierig zu rechtfertigen. 
— MüRKO: fraglich. 

6r6da in der Bedeutung vices, grex, i^us einem älteren *Urda, 
«low.: ireda, ieda, Herde, Ordnung, Reihenfolge; daneben krdelo, aus 
kerdelo, Herde, Schar, Truppe; bulg, i^rbda, Herde, serb. krd, Herde, 
cech. ///Vfl, Wechsel, Ordnung, slowak. &ieda, krdil, Herde, poln. 
trzoda^ Herde, russ. itreda, i^eredi (series), ^ereda dialektisch ,Herde*. 

Die Formen wie krd^ krdil, beruhen auf dem älteren kerd, got. 
hairdha^ Herde, ahd. herta. Nach MiKLosicu und Uul<£kb£CK ur- 
verwandt, nacli HiiiT entlehnt aus dem Germanischen. Dagegen äußert 
mir Prof. Strekelj ein schwerwiegendes Bedenken, weil got. 
hairda oder ahd. herta im Slawischen nicht *(erda, irida, sondern 
*Urda, ^h-lda ergeben würde. Solches Btdenken hindert jedoch Hirt 
an seiner Ansicht nicht, er läßt in diesem Falle eine Wandlung in 
den Zischlauten gelten, wie in aksl. dh (integer, ganz), das er als 
aus got hails (heil, gesund) entlehnt ansieht, während ühlenbeck 
und Bruom ANN es für urverwandt halten (P B B e i t r ä g e 23. S. 332. 343). 
Nachtraj^. Uhlexbfxk: Jetzt halte ich Entlehnung von frida wohl 
fttr möglich (PBB. 80, 286). Die Entlehnungen mit ch (/) aus h 
wären nicht gleichzeitig mit denen, welche k {i) aus h zeigen. — 
Bekneker: Mir ist alte Entlehnung aus einer r^ff/i//7/-Sprache seitens 
der jö/;»/7/-Sprachen wahrscheinlich. — Strekew: Wechsel von / und 
' ist unmöglich anzunehmen ; kail- ergibt dh ganz regelrecht und ist 
gerade wegen c nicht aus got. haih entlehnt (lit. kailüstikan). Das 
Wort irida, krd- ist, wenn fremd, zu den Slawen eher aus dem Osten 
gekommen, vgl. zend. kar^dha, Herde, und ist mit üfiKLosiCH von 
aind. (ardhas, Schar (mit k') zu trennen. — Zübat\': ^karedha dürfte 
in der Avesta nicht vorkommen. Bautholomae (Altiranisches Wörter- 
buch, Straßburg 1904) 348 liest an jener Stelle anders (rvUo-xradayä 
statt -xarfdayä) ; irgendein karfda- neben den bestehenden sartda- , Art', 
jCtattung*, ist a priori unwahrscheinlich**. 

Die Kontroverse dürfte somit dahin auslaufen, ob i'rfda und krdih 
aus dem Germanischen oder aus dem Iranischen entlehnt sei. Für den 
Sozialhistoriker ist jede von den beiden Erklärungen annehmbar» die 
letztere unter Hinweis auf die, eine iranische Sprache sprechenden 
Skythen, bezw. Sarmaten. 

chr'Bt'B, Hund, nach Hiur ein germ. Lehnwort, got. *hrupja, 



260 J« Peisker 

angls. hryääa, ahd. rudo aus *hrudio, Rüde. Das anlax 
hr ist für das Germanische nicht gesichert, werde jedoch 
das Slawische festgelegt. Nachtrag. Murko : Ungewiü 
-th zu erklären? — Ötrekelj: ckrbt^ kann nicht *//; 
hryääa sein; außer t widersteht dem die Lautfolge des 
Wortes: russ. chort^ weist auf ein ursprüngl. *cHri 
während *hrupja im Russ. ^chroth ergäbe. 

aksl. in ^ HO 9 Fleisch, got. mimz, krimgot. menus (nach ühlenbelk, 
Wtbch. d. got. Spr.^, sei dieses menus wohl *mems zu lesen). 
HrRT ein germanisches Lehnwort „wegen der Betonung in ser 
nnd weil auch Wörter wie got. hlaifs» miluks, biuds entlehnt si 
Nachtrag. Uulenbeck: Ich halte m^so bestimmt für ei 
slawisches Wort (= skr. mämsa- u. s. w.). 

„ mleko (neuti'um), Milch, aus einem älteren *7nelk 
germanisches Lehnwort längst bekannt. Miklosich: 
Wort weicht vom slaw. melz- und vom lit. tnelz- ab : 
vielleicht in der ersten Periode aus dem Germaui 
entlehnt worden: got. miluks {i^mmm.) aus milks, ahd. % 
anord. mjolkr^^ angls. meoloc, ntilc, engl, milk, ndl. 
asächs. miluk, — 

Kluge, Etym. Wtbch. s. v. Milch: „Unmittelbare 
sammenhang der germanischen Sippe mit der Wurzel 
in melken kann nicht zweifelhaft sein. Auffällig isi 
eine gemeinindogermanische oder wenigstens eine wes 
germanische Bezeichnung für Milch fehlt, während V 
idg. melg-, germ. melk- ,melken^ in allen westindogermaui 
Sprachen auftritt. Griech. yaXa (statt yaXaxT-), la 
(statt lad') können nicht zu Wurzel melg- gehören, 
aksl. mliko (aus "^melko) mit seiner slawischen Sippe 
aus dem altgermanischen Worte entlehnt sein, da für 
bei einem urverwandten Worte g zu erwarten wäre 

MiKLOsicH hält gerade die gotischen Lehnwörter für die äl 
hier hat er mit seiner „ersten Periode" recht, aber ein goti 
Lehnwort ist es eben nicht. Das letztere erkannte als erster Jac 
Arch. f. sl. Phü., XL Bd , 1888, S. 308, denn die got. Form fnUuks \ 
ahd. miluh wollen zum slaw. mliko als einem germanischen Lehnwoi 
gut stimmen, man müsse sie erst auf *mitk' zurückführen, um da 
mliko davon ableiten zu können, was allerdings nicht ui 
1 i c h s e i , da man ja im anord. mjSlkr habe. Allein die Übereinstii 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 261 

des Althochdeutschen mit dem Gotischen sichere dem germanischen 
Worte die Form miiuk für ein so hohes Alter, daß es immerhin be- 
denklich sei, diese Operation an dem Worte yorzunehmen, um das 
siaw. mliko davon herzuleiten. Schwierigkeiten mache auch die 
Verschiedenheit des Geschlechtes. In allen germanischen Sprachen ist 
nämlich das Wort ein Femininum, dagegen in allen slawischen ein 
Neutrum. Man werde schwerlich in Abrede stellen können, daß bei 
der Entlehnung aus dem Femininum *milks im slaw. *mli^h, ein 
Femininum, zu erwarten wäre. Diese Tatsache, sowie auch das Vor- 
handensein eines andern Wortes im Slawischen, nämlich mlHivo (Biest- 
milch) in allen slawischen Sprachen und die Abwesenheit eines Lehn- 
wortes von miluks im Litauischen, alles das zusammen yeranlaßte 
Jagic die Frage aufzuwerfen, ob nicht das Wort dennoch nach der 
Wortbildung echt slawisch sein könnte. JagiO sieht in mliko eine 
Weiterbildung eines konsonantischen Stammes Nominativ ^mli, aus 
*mllz, Genetiv mlHe, wovon auch das erwähnte mlizivo her wäre. 
„Es kommt darauf an, ob es irgendwie wahrscheinlich ist, einen neu- 
tralen konsonantischen Stamm */»//- ^mlize anzusetzen — das muß 
ich allerdings der Beurteilung der vergleichenden Sprachforscher über- 
lassen. Briefliche Mitteilungen . . . B. Ljapunovs lauten dahin, daß 
die Petersburger Freunde (Prof. Fortunatov, Korsch, Al. Sach- 
MATOv u. a.) eine solche Ansetzung nicht wahrscheinlich finden, folg- 
lich vorziehen, an der Entlehnung festzuhalten. Was das Genus an- 
belangt, so meinen sie, es habe sich das ,Lehnwort^ mliko an das 
früher vorhandene mlizivo, welches wahrscheinlich einmal die allgemeine 
Bedeutung ,Milch' hatte, angelehnt Eine derartige Zurechtlegung läßt 
sich ganz gut hören, doch . . . kann ich auch nicht recht einsehen, 
warum bei dem Vorhandensein des Wortes mlizivo in der allgemeinen 
Bedeutung, diese später eingeschränkt worden wäre, da ja in der Regel 
gerade das Gegenteil davon stattzufinden pflegt". 

Dennoch ist diese Einschränkung eingetreten und ist 
ganz natürlich, wie wir weiter unten, S. 308 ff., sehen werden. 

ÜHLEXBECK, Etym. Wtbch. der got. Spr.*, hätte gegen Jagic* Aus- 
führungen nicht viel einzuwenden, findet jedoch das Ansetzen eines 
solchen Stammes wie */w//s- zu hypothetisch. — Auch Kirste, Archiv 
f. alaw. Philol., Bd. XU, 1890, S. 307, hält das Wort mliko für slawisch, 
stellt es jedoch zunächst zu griech. jidpicTO), ich fasse, lat. mulcco, indem 
er von einer Wurzel ^melk- ausgeht, als einer Nebenform von *melg-, 
lat mulgeo. 

Die Annahme, mliko wäre kein germanisches Lehnwort, hat indes 
keinen Anklang gefunden und auch Alex. BrI^ckner, der sonst gar 
manches ablehnt, was Uhlenbeck und Hirt zu den germanischen 
Lehnwörtern zählen, führt in seinem schon genannten Werke: Cywili- 
zacja i Jf'zyk S. 27 auch mliko unter den Lehnwörtern an. 



262 J^ Peisker 

LoEWE (S. 317 und 333) denkt an eine balkangermanische Herkunft, 
etwa von den Gothi minores, von denen Jordanis 51 sagt: . . . gens multa, 
sed paupera et imbellist nihil abundans nisi armento äiversi generis pecorumd 
pascua . . . parum Habens tri Hei . . . Vineas vero nee . . . nam lacte aluntnr pUriquf. 

UHi^BNDfjcK entscheidet sieh in seinem Verzeiohnis (Arch. f. bL 
Phil, Bd. 15) auch nicht für eine Entlehnung des Wortes aus dem 
gotischen oder althochdeutschen, sondern aus einem ^mtlb. 
Diese Zurückhaltung wird von Hirt im 23, Bande der PBBei träge 
S. 341 abgelehnt mit den Worten: 

„Auffällig Rind einige Formen. Abulg. ///»« ist nach Chlkn- 
BECK nicht aus got. hilms [das wie wir schon gehört haben, im Sla- 
wischen nicht Iliim^ sondern Iltfm gegeben hätte], sondern aus einem 
*helma entlehnt, und iUdq [ilisti, zahlen] stammt nicht aus got. gildan, 
sondern aus einem *geldan. Letzteros halte ich — nämlich Hiin" - 
indessen nicht für entlehnt. Diese Voraussetzung würde keine 
Schwierigkeiten bereiten, nur müßte bemerkt werden, daß sie nicht 
bewiesen ist. Über abulg. mllko aus *melko hat sich Uhlskbeck nicht 
geäussert. Got. heißt es miluks, ahd. miluh. Aus beiden könnte die Form 
nicht stammen. Aber es fehlt jedes Beispiel für die Behandlung 
des aus germ. ei enistandencn gotischen //. Wir dürfen nicht 
ohne weiteres das von der Lautgruppe ul gewonnene auf il übertragen, 
denn /*/ ist ja aus el hervorgegangen. Schon Scherer hat vermutet, 
daß got. I für zwei verschiedene Laute geschrieben werde, ZGDS' 
51 Anm., vgl. dazu Braune, Beiträge, 9. 548 und Wkboe hat 
dies QF. 68, 162 weiter begründet, und das Slawische unterstützt seine 
Annahme entschieden. Denn weßhalb sollten — schließt Hurr seine 
Polemik — gerade diese zwei oder drei Wörter aus einem nicht 
gotischen Dialekt entlehnt sein?" 

Das ist der springende Punkt: warum gerade mllk^ 
nicht gotischen Ursprungs sein sollte. Eben weil Hirt meint, daß 
die Goten den ausschlaggebendsten Einfluß auf die Slawen geübt 
haben. Hirt läßt sich hier also nicht von philologischen Gründen, 
sondern von historischen Rücksichten leiten: 

„Leider lässt sich nicht feststellen t in welche Zeit die frühesten Bit- 
lehnungen fallen. Aber mit grosser iVahrscheinlickkeit dürfen wir doch 
die Goten als die ersten ansehen, die einen nachhaltigen Einfluss auf die 
slawischen Sprachen ausgeübt haben'* (a. a. 0. S. 344). 

Auch wenn dies richtig wäre, so müßte doch der früheste von 
dem ersten nachhaltigen Einflüsse genau auseinandergehalten und js 
nicht verwechselt werden, denn sonst bleiben wir für immer in der 
bisherigen Eonfusion stecken, aus welcher uns Uhlenbeck mit seiner 
voraussetzungslosen Analyse germanischer Lehnwörter im Slawischem 
(Arch. f. sl. Phil. Bd. 15) herauszuhelfen trachtet, indem er sich uio 
die uns geläufige politisch-historische angebliche Reihenfolge des 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Tnrkotataren etc. 263 

germanischen Einflnsses einfach nicht kümmert nnd nnr die Laut- 
gesetze sprechen läßt. Seine Ausführungen stimmen nicht immer mit 
dieser politisch-historischen Reihenfolge und werden deswegen von Hirt 
bekämpft, weil Hirt tou dieser Heihenfolge ausgeht und über- 
sieht, daß, wenn diese zwei Faktoren in Widerspruch geraten, nicht 
gerade die Geschichte, eigentlich unsere Geschichts k e n n t n i s recht 
haben muß, sondern eher diese Reihenfolge unrichtig sein dürfte. 
In dieser Richtung aber ist die Sache zu prüfen. Zu einer solchen 
Prüfung fehlen jedoch dem historisierenden Philologen die nötigen Quellen 
and Daten, denn von älteren, yorgotischen slawo«germanischen 
Beziehungen berichten die Griechen und Römer bekanntlich nicht. 
Diese Frage wird also weder die Philologie, noch die Geschichte 
lösen, sondern die Sozialgeschichte, und die wird sich hüten, nach dem 
Grundsätze vorzugehen: Quod uon est in actis, non est in mundo, 
denn die Sozialgeschichte ist schon gewöhnt, mit einem Material zu 
arbeiten, welches quellenmäßig gar nicht überliefert ist und höchstens 
zwischen den Zeilen herausgelesen werden kann. Die Sozialgeschichte 
hat es gelernt, vor einzelnen Überlieferungen gar keinen Respekt zu 
haben, dagegen ist sie sehr empfänglich für die Normen nnd Gesetze, 
nach welchen die Entwicklung der Dinge vor sich geht. Diese Ent- 
wicklung der Dinge ist jedoch oft nur an der Entwicklung von deren 
hörbaren Bezeichnungen, also durch die Terminologie, wahr- 
nehmbar, und dadurch erklärt sich auch die viel größere Abhängigkeit 
der Sozialgeschichte von der reinen Philologie als von der Geschichte 
selbst Ein nüchterner Sozialhistoriker wird somit nie etwas be- 
haupten wollen, was die Sprachforschung als mit den Lautgesetzen 
anvereinbar nachweist, er wird höchstens nur Einwendungen 
machen und eine neue, genauere sprachwissenschaftliche Untersuchung 
empfehlen, aber nie in solchen Fällen apodiktisch auftreten. 

Daher möchte ich auch nicht ganz mit Prof. Brückkhh übereiu- 
sümmen, der im Archiv f. slaw. Phil. Bd. 23 vom Jahre 1901, 
S. 623 sagt: 

„Wir wissen, wie bei sprachlichen Zeugnissen allein 
das Knltnrbild verschwommen ausfällt, wie ein einziger 
Satz eines Historikers oft mehr gewährt als hundert 
sprachliche Gleichungen ..." 

Ein einziger Satz eines Historikers, der mehr gewähren würde 
als hundert sprachliche Gleichungen, ist meines Wissens noch nicht 
geschrieben worden, dagegen ist es mehr als einmal geschehen, daß 
eine einfache sprachliche Gleichung gar viele Geschichtswerke gegen* 
i^tandslos machte. 

Also kann man nicht oft genug betonen, dass in diesen Dingen 
eich nichts halten kann, was von der Sprachforschung nicht 
anerkannt wird. Nur das wird aufrecht bleiben, was sowohl vor 



264 J« Peisker 

der Plülologie als auch yor der Geschichte die Probe bestanden hat. 
— Nun zu mUko zurück: 

mllko ist auf ein älteres *melko zurückzuführen und das kann nicht 
leicht auf got. miluks oder ahd. miluh zurückgehen. Diese Schwierig- 
keit ist allgemein anerkannt und durch Scherers Vermutung, daß 
got. i für zwei verschiedene Laute geschrieben werde, gewiß nicht 
behoben. 

Übrigens: Warum in die Feme schweifen! Ist ja ein westgerma- 
nisches, Yoralthochdeutsches Wort melka in der Bedeutung einer Milch- 
spei s e schon aus dem 2. Jahrhundert nach Christo beiGALENUS tiber- 
liefert 0} tatsächlich ist es selbstverständlich noch viel älter. Nachdem 
wir also ein nachweisbares westgermanisches, v o r althochdeutgches 
melka kennen, aus welchem sich ein slawisches ^melko, später mUko, von 
selbst ergibt, können wir getrost jedes Philosophieren über got. 
miluks und ahd. miluh einstellen und sagen: das slawische mUkoni 
ein westgermanisches, und zwar voralthochdeutschei) 
Lehnwort. 

Nachtrag. Uhlenbeck: „Ich halte rnUko für entlehnt aus 
einer Form *melka (etwa niederdeutsch). Ihre Ausführungen 
sind m. E. ganz richtig." 
aksl. nuta, bos, boves; russ. dialektisch ist nuta für verenica 
in der Bedeutung von ,lange Reihe*, während russ. dialek- 
tisch cereda, wie wir schon unter diesem Worte bemerkt 
haben, Herde bedeutet. Polab. nöta, Herde, Vieh, nötafr 
Hirt; slow, nuta, für Rinderherde dialektisch noch gebräuch- 
lich um Kameno am Isonzo, nach Wolf-Pletersniks 
Wörterbuch. Ahd. nös, Vieh, angls. neät, anord. naut. 
finn. nauta, Vieh. Nach Uhlenbeck aus einer altgerma- 
nischen Mundart entlehnt. Für das u in nuta ist zu ver- 
gleichen aksl. bug^, Armband, aus einem germ. *bauga, 
aksl. kup^, Kauf, aus germ. *kaupa u. s. w. — Nachtragr- 
Stkekelj: Bei nuta ist zwar die unerwartete Nasaliernng: 



::öoet ^spansud-ivras' wv ivCotg jisv oh jiövov tö Tipög^axov S^coxa ätjy*^'^» 
dXXd xal xö Ötd x^^Svo^ i'J^UYJJ^^^o^» ^S ^v 'Pwiitq oxsudj^stv Id-og Ixoocri, Tcpo^sp- 
jiatvovxeg xtjv xaxaoxeuyjv t'jv aöxol TipogaYOpsuouat 8y,xöxxav idia^iaxd ii '* 
ouxü)^ S-p^Tl^^^* TioXXdxt^ dO-edacD ouYXö>po5v'c* V-^ Xaiißdvetv auxoig" iv cl; IJ-J 
xal ^ }iiXxa, xwv iv 'P(!)|i'g xal xoöxo Sv ei>8oxip,o6vx(ov iöiff- 
|idxa)v, woTisp xal xö d^pö^aXa. GAiiENi Älethodi medendi VII, c. 4 
(in der Gesamtausgabe von Kühn, 10. Bd., Lipsiae 1825, S. 467 f.). 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 265 

des Wurzdvokales im Polabischen : ndtUy notar zu beachten, 
indes scheint sie sekundär zu sein, weil das Slowenische 
ein u statt des aus einem Nasalvokal q erwarteten o bietet: 
kämtn. nutnjak, Stier. Das Wort kennt auch das Osorb.: 
nutnica, nuknica, Viehhof, Erblehensgut, Vorwerk, nutnicaf, 
Gutsverwalter. 
Lsl. skot'B, pecus, Vieh, aber auch pecunia, Geld. Bulg., 
serb., öech., poln. ober- und niedersorb., polab. in der Be- 
deutung von pecus, Vieh. Russ. heute ebenfalls Vieh, 
früher auch Geld. Ähnlich wohl auch im älteren Klein- 
russischen, nach dem Worte skotnyca, Schatzkammer, zu 
schließen. 

Skotb in der Bedeutung von Vieh kommt somit 
in allen slawischen Sprachen vor, daneben in 
der Bedeutung von Geld jedoch nicht. 

M1KL.O8ICH sagt in seinem £tjm. Wtbch. S. 303: „Zusammenhang 
von 5kot% mit got. skatts» Geldstück, Geld, ahd. scaz läßt sich nicht in 
Abrede stellen: ob Entlehnung stattgefunden und wer entlehnt hat, 
ist dunkel**. 

uns wird wohl die Frage nicht dunkel erscheinen, nachdem wir 
wissen, daß die alten Slawen, solange und so oft sie sich in turko- 
tatarischer Knechtschaft befanden, keine Viehzüchter waren, folglich 
kann das Wort nur ein germanisches Lehnwort sein. 

Aber aus welcher germanischen Sprache? Hirt im Einklänge 
mit Brückner (Cywilizacja i Jezyk, S. 25 f.) leitet es von got. skatts, 
Geldstück, Geld, her. Uhlenbeck dagegen aus germ. *skatta. 

In den einzelnen germanischen Sprachen gestaltet sich die Be- 
deutung des Wortes so: got. skatts, Geldstück, Geld, skattja, Geld- 
wechsler, anord. skattr, Steuer, Tribut, angls. sceatt, kleine Münze, 
Geld, Vermögen, afries. j^^/, Geld, Vieh, asächs. scat, Geldstück, 
Geld, Vermögen; ahd. scaz^ bedeutet nur Geld, ein bestimmtes Geld- 
stück, also genau dasselbe, wie im Gk) tischen. 

Der Bedeutungswandel von Vieh und Geld kommt in vielen 
»Sprachen vor, der bekanntest« ist lat. pecus und pecunia, ähnlich engl. 
fee (Honorar, Trinkgeld), zu angls. feoh, (Vieh), poln. bydlo, Vieh, 
Vermögen; russ. statokb, Gut, dialektisch auch Herde u. s. w. „Doch 
läßt sich — nach Kluije, Etym. Wtbch., s. v. Schatz — für das 
agerm. ^skatta-, Geld, Geldstück, die Grundbedeutung 
Vieh durch nichts erweisen.*^ 

Nachtrag. Berxekeu : „Da es etymologisch nicht mit einem Wort 
V^ ,Vieh' zu verbinden ist, so mußte es doch von Hause aus einen 



268 J- Peisker 

Lehnwort, wahrscheinlich aus got. *hanaps, unhaltbir 
ist. Hirt selbst nimmt es übrigens nur hypothetisch an: ^Man würde 
hier ja gern die Annahme von Entlehnung ablehnen, da der Hanf doch 
yermutlich eher zu den östlicher wohnenden Slawen als zu den Ger- 
manen gekommen ist. Aber das p [in dem slawischen Worte] gegen- 
über dem /' in griech. xdvvaßic, lat. cannabis bereitet vorläufig un- 
überwindbare Schwierigkeiten. Der einzige Ausweg bliebe, slaw. konoplja 
aus einer Sprache stammen zu lassen, die wie das Germanische die 
Medien zu Tenues verschoben hätte. Aber bis jetzt ist eine solche 
nicht nachgewiesen" [Nachtrag. Uhlenbeck : Das Armenische !]. Soweit 
HiUT, PBBeiträge, 23, 343. 

Woher und wie kam jedoch das Wort zu den Griechen, Slawen 
und Germanen? Vielleicht finden sich doch Fingerzeige, die auf die 
Spur führen werden. 

Man bedenke: 1. Das Wort ist auch den Persern bekannt 2. Die 
Skythen sprachen eine dem Persischen nahe verwandte Sprache. 3. Die 
Skythen kannten den Hanf. 

Versuchen wir es also mit der Annahme, die Skythen hätten 
Sache und Wort nach Europa gebracht und die Griechen, Slawen 
und Germanen damit bekannt gemacht. 

Von den Skythen weiß man, daß sie den Hanf nicht zu einer Ver- 
arbeitung der Fasern nutzten, sondern daß sie Hanfsamen an- 
wendeten. Herodot berichtet darüber im 4. Buche Kap. 73 bis 75 
nach Fk. Langes Übersetzung: 

. . . Und wenn sie ihn [ihren Verstorbenen] begraben, reinigen sieh die 
Skythen auf folgende Art: Nachdem sie sich den Kopf gerieben und /^* 
waschen, tun sie mit dem übrigen Leibe also: Sie stellen drei Stangen auf, 
mit den Spitzen gegeneinander gekehrt, und darüber breiten sie eine Filzdtcki. 
die spannen sie recht an und sodann werfen sie glühtnde Steine in eim 
Wanne, die in der Mitte zwischen den Stangen und dem Filz steht. 

Es wächst auch in ihrem Lande Hanf (xdvvaßig),* der ist dem Lö^ 
sehr ähnlich, abgesehen von der Dicke und der Größe; darin übertrifft ihn 
der Hanf bei weitem. Er wächst von selber und auch gesät (xal aftiOfi«^') 
xal 07C8ipotiivi7 cpoeTOt^). Und von diesem mcLchen sich die Thraker sopif 
Kleider, die sind den linnenen sehr ähnlich, und wer es nicht genau kennt, 
der kann gar nicht unterscheiden, ob es von Lein oder von Hanf ist, «^ 
7üer noch in seinem Leben keinen Hanf gesehen hat, der wird denken, e^ 
sei ein linnen Kleid. 

Aus dieser Stelle ersieht man, daß Herodot von einer den Griechen 
unbekannten Pflanze spricht und augenscheinlich sie so benennt, ^^ 
er es an Ort und Stelle von den Skythen gehört hatte. Die Skythen 
werden somit den Hanf mit demselben Worte benannt haben, ^i* 
später nebst den Griechen auch die Slawen und die Germanen. 

Herodot setzt fort: 



Die älteren BeziebaDgen der Slawen zu Tarkot ataren etc. 269 

V(m diesem Hanf nun nehmen die Skythen die Karner und kriechen 
unter ihre Filsselte und werfen die Hanfkörner auf [die] glühen€le[Ei\ Steine. 
Und wenn die Kömer darauf fallen j so rauchen sie und verbreiten einen 
solchen Dampf, daß kein hellenisches Dampfbad darüber kommt. Die 
Skythen aber heulen vor Freude über den Dampf Das gilt ihnen als Bad, 
denn im Wasser baden sie sich gar nicht. 

Die Skythen benützten somit Hanf nicbt zum Weben, sondern zu 
Bädern, Hanfbädem. Und das haben auch die Slawen wohl von ihnen 
gelernt, denn das slawische Wort für Bad und baden hängt allem 
Anscheine nach mit dem Worte für Hanf zusammen : aksl. kqpilh, Bad, 
slow, kopel, cech. koupel, poln. kqpiel, osorb. kupiel, klruss. kupit, russ. 
kupilh. 

Auf die Möglichkeit einer sprachlichen Verwandtschaft zwischen 
Hanf und Bad im Slawischen hat bereits Meringer in seiner Be- 
sprechung yon Schraders Beallexikon in der Zeitschrift für österr. 
Gymn. 1903, S. 388 hingewiesen. Herodots Bericht tritt nun als eine 
neue Stütze hinzu, und es dürften die Skythen das Wort für Hanf 
an die Griechen, Slawen und Germanen abgegeben haben. 

sl. Ink'B, Zwiebel, als germanisches Lehnwort längst bekannt. 
Nach Uhlenbeck aus germ. *lauka, anord. laukr, ahd. louh 
(Lauch), ndl. look, nach Kluge ein urgermanisches Wort, 
vielleicht mit air. luss (Kraut, Pflanze) [aus '^luksu\ ur- 
verwandt. Danach wäre die Pflanze westeuropäisch. 

-, *mr'Lky, gelbe Rübe, Möhre, aus einem älteren tmrky, 
nach Uhlenbeck entlehnt aus einer älteren Form von 
ahd. moraha, morha, das dunklen Ursprungs sei; nach 
LoEWE aus einem balkangerm. *morhö. Danach wäre es 
ein spätes Lehnwort. Nach Miklosich fällt die Entlehnung 
in die erste Periode. 

1 rbd'bky, Rettich, nach Uhlenbeck aus einem altgerm. 
Feminin *redikd, aus lat. radix^ nach Loewe (S. 326) 
ent>veder aus dem Westgermanischen od^r aus dem Balkan- 
germanischen. Die Pflanze kam nach Miklosich (Et. 
Wtbch. s. V. rüdüky) unter den ersten Kaisem aus SjTien 
nach Italien, zu den Slawen also sehr spät. 

^ vriti, hortus, vr^tograd^. vrbtb ist nach Hirt wohl 
aus vrbtogradh abstrahiert, das auf got. aürtigards, 
Baumgarten, zurückgeht, oder eine ähnliche altgermanische 
Form; aürtigards zusammengesetzt aus aürti und gards. 
Uhlenbeck, Etym. Wtbch., s. v. aürtja, gibt einer Be- 



270 J. Pciaker 

Ziehung des aürti, Kraut, zu waürts den Vorzug vor der 
Annahme, daß aürti aus lat. hortus entlehnt wäre. Nach 
LoEWE (S. 317, 333) ist vr^tograd^ balkangermanischer 
Herkunft (vgl. oben S. 254 f. s. v. gradi). Nachtrag. Ber- 
neker: aürti- halte ich für Entlehnung aus hortus, denn 
warum sollte w gesehwunden sein? Vgl. waurtsl Vntb 
erkläre ich aus urslaw. ^vhrH, zu "^vhrq, verti, , schließen'. 
Vgl. zur selben Wurzel ver- auch öech. obora aus ob-vora. 
— MuRKO: vrbth ist ein spezifisch slowenisches und kroato- 
serbisches Wort aus dem Romanischen, südslaw. vrbtograd% 
in altkirchenslawischen Quellen ist jünger (vgl. Jaoic in den 
Denkschriften d. Wiener Akad., phil.-hist. Kl. 47, S. 63). 

Gruppe IX. 
Ackerbau und die flbrige vegetabile Nahrang. 

aksl. braS&iiOy Speise, nach Miiu.osich aus einem altem *lforhmo, balg. 
und serb. braSnot Mehl, klr. boroJno, Mehl, ross. borohu, Boggenmehl, 
dialektiflch. Nach ühlenbkck urverwandt mit got bariuins (= von 
Gerste bereitet), von *baris, Gerste, nach Hirt ans dem Gotischen ent- 
lehnt. HiRTs Ansicht dürfte sich nicht halten, wenigstens ist bis jeUt 
unter den slaw. Getreidenamen kein alt germanisches Lehnwort wahr* 
genommen worden, und auch aksL ^«r», eine Hirseart, gilt als ur- 
verwandt mit got. baris, Gerste, schon wegen Verschiedenheit in der 
Bedeutung. — Nachtrag. Beknekbr : Hirts Ansicht ist unwahrschein- 
lich, weil meines Wissens kein germanisches Lehnwort im Slawischen 
den Übergang von s in ch mitmacht. 
„ chlih'B, Brot; für germanisches Lehnwort längst gehalten; nach 
MiKLOSiCH stammt die Entlehnung aus der ersten Periode. Got 
klaifs (gen. hlaibis), anord. kUifr, angls. hldf, ahd. hieib. Dazu noch goU 
gahlaiba, ahd. galeipo, Genosse, dem Sinne nach ebenso gebildet, wie^ 
compagnon (aus con und panis, d. i. von demselben Brote essend, p^i^ 
com e stör). Auch engl, lord aus angls. hl&ford (got ^hlaibwards\ HeiTr 
eigentlich wörtlich Brotwart, sowie engl, lady aus angls. klatfägtr 
domina (eigentlich Brotverteilerin?) [Nachtrag. Berniter: nicht Ver- 
teiler in, sondern Kneterin, vgl. düge^ Brotmacherin], enthalten unser hd. La^ 
in der Zusammensetzung. Diese uralten Zusammensetzungen beweisen — 
nach Kluge — das hohe Alter des Wortes laib und den jungem ürsprnngr 
des Wortes brot, welches dem Gotischen noch ganz und dem Angd^ 
sächsischen fast ganz fehle. Dem widerspricht ühi.enbeck, Etym- 
Wtbch., welcher s. v. hlaifs auch für gotisch ein ^braup aumnmt, m^ 
erschließen aus krimgot. broe, anord. braud, angls. bread, afriea. brid'^ 



Die ftlteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 271 

Das slawische ckliH führt ühlenbeck (A. f. sl. Ph. 15) auf germ. 
^hlaiba zurftck. Auch Kluge läßt es aus „einem altgermanischen 
Dialekte' entiehnt sein, wie denn das altgermanische Wort auch in 
das Finnisdi-esthnische drang: finn. leipä» iesth. Itip» Brot. Hirt hält 
dagegen an der älteren Annahme fest, slawisch chlibi» sei direkt auf 
gotisch hlaifs zurückzuführen, in der von uns schon besprochenen 
Meinung, daß wir mit großer Wahrscheinlichkeit die Goten als die 
ersten ansehen dürfen, die einen nachhaltigen Einfluß auf die slawi- 
schen Sprachen ausgeübt haben. — Nach Loewe (S. 834) dürfte chllbi» 
am ehesten aus dem Balkangermanisehen stammen. 

Gegen eine Entlehnung aus dem Germanischen überhaupt und^ 
für eine Urverwandtschaft erklärt sich Kozlovskij im Arch. f. sL 
PhiL XI, S. 886 und stellt hlaifs und chlibi zu lat. Ubus» Ubum, Kuchen, 
Fladen, unter Annahme einer Grundform *xloibko-. Dagegen wendet 
Uhlexbeck, Etym. Wtbch. ', s. v. hlaifs ein, daß die Existenz eines ur- 
sprachlichen tonlosen velaren oder gutturalen Spiranten keineswegs für 
bewiesen gelten darf (Arch. f. sl. PMl. 16, S. 880 f.). — Es würde uns hier zu 
weit führen, auch alle übrigen Erklärungsversuche zu erörtern, man 
findet sie in Uhlenbecks Etym. Wtbch., 2. Aufl., und es sei nur noch 
erwähnt, was 0. Schrader in seinem Eeallexikon der indogerm. Alter« 
tumskunde, Straßburg 1901, s. y. Brot, S. 111 ff. ausführt: 

„Die Prähistorie weist auf ein hohes Alter des Brotes in Europa 
hin. In den Schweizer Pfahlbauten sind verschiedene Brotarten, und 
zwar schon in den ältesten Stationen zutage getreten, die von 
0. Heer, Die Pflanzen der Pfahlbauten, S. 9, ausführlich beschrieben 
werden. Sie bestehen teils aus Weizen, teils aus Hirse. ,Bei dem 
gewöhnlichen Weizenbrot wurden die Körner stark gerieben, dann mit 
Wasser ein Teig angemacht und dieser auf einen heißen Stein gelegt 
und wahrscheinlich mit Asche zugedeckt ... Es waren diese Brote 
mndlich, aber ganz nieder ; sie hatten nur eine Höhe von 15 — 25 mm, 
bekamen also mehr die Form von Kuchen oder Zelten, wie man in 
manchen Gegenden solche flache Brote nennt.* 

Sdiwieriger ist es — setzt Schrader fort — , das Alter des Brotes 
in Europa auf sprachlichem Wege festzustellen. Es handelt sich 
dabei namentlich um die Eeihe: lat. Hbumt gemeingerm. got hlaifs, 
gemeinslaw. aksl. chlibT», Trotz allem, was in neuerer Zeit über das 
Verhältnis dieser Wörttr zu einander gesagt worden ist . . ., ist ein sicheres 
Ergebnis noch nicht erzielt. Am wahrscheinlichsten dürfte immerhin 
die Ansetzung eines ureuropäischen Stammes ^kkloibko- (got. hlaifs)^ 
HhUibho- (lat. libum, aksL chlfbz), ^khlibho- (mhd. /?<5^— kuoche) im Sinne 
von ,Brotkuchen' sein ..." 

Eine charakteristische Eigentümlichkeit der ältesten Brote der 
Schweizer Pfahlbauten war ihre Niedrigkeit, sie mochten somit ohne 
Hefe hergestellt worden sein. Sicher ist es der Fall bei den dem 




270 J. Pciaker 

Ziehung des aürti, Kraut, zu waürts den Vorzug vor d 
Annahme, daß aürti aus lat. hortus entlehnt wäre. Ka 
LoEWE (S. 317, 333) ist vrbtogradb baTkangermaniscl 
Herkunft (vgl. oben S. 254 f. s. v. gradi). Nachtrag. Bi 
nekek: aürti' halte ich für Entlehnung aus hortus ^ de 
warum sollte w geschvmnden sein? Vgl. waurtsl Vr 
erkläre ich aus urslaw. *vhrt9, zu *vhrq, verti, »schließe 
Vgl. zur selben Wurzel ver- auch öech. odora aus oö-voi 
— MuRKO: vr^t^ ist ein spezifisch slowenisches und kroa 
serbisches Wort aus dem Romanischen, südslaw. vrbtogn 
in altkirchenslawischen Quellen ist jünger (vgl. Jagic in d 
Denkschriften d. Wiener Akad., phil.-hist. Kl. 47, S. 6 

Gruppe IX. 

Ackerbau lud die ttbrige vegetabile Nahning. 

aksL braS&HOy Speise, nach Miklosich aus einem altem *bcrhno, bi 
imd serb. brahto, Mehl, klr. bordno, Mehl, rura. borohw, Rogg:enm 
dialeküsoh. Nach ühlenbeck urverwandt mit got. bariuins (= 
Gerste bereitet), von *baris, Gerste, nach Hirt ans dem Gotischen 
lehnt HiRTs Ansicht dürfte sich nicht halten, wenigstens ist bis j 
nnter den slaw. G^treidenamen kein altgerraanisches Lehnwort wi 
genommen worden, ond aach aksl. bhr%, eine Hirseart, gilt als 
verwandt mit got. baris, Gerste, schon wegen Verschiedenheit in 
Bedentnng. — Naebtrag. Bernekbr : Hirts Ansicht ist onwahrsch 
lieh, weil meines Wissens kein germanisches Lehnwort im Slawisc 
den Übergang von s in ch mitmacht. 
„ ehlibi, Brot; für germanisches Lehnwort längst gehalten; i 
MiKLOsicH stammt die Entlehnung aus der ersten Periode. ' 
hlaifs (gen. hlaibis), anord. hleifr, angls. hldf, ahd. hleib. Dazu noch 
gahlaibat ahd. gaUipo, Genosse, dem Sinne nach ebenso gebildet, 
compagnon (aus con und panist d. i. von demselben Brote essend, / 
comestor). Auch engl, lorä aus angls. hldford (got *hlaibwards\ Y. 
eigentlich wörtlich Brotwart, sowie engl, lady aus angls. hlaej 
domina (eigentlich Brotverteilerin?) [Naebtrag. Bern£K£r: nicht 
teiUrin, sondern Kneter in» vgl. d^ge^ Brotmacherin], enthalten unser hd. 
in der Zusammensetzung. Diese uralten Zusammensetzungen beweise 
nach Kluge — das hohe Alter des Wortes laib und den Jüngern ürspi 
des Wortes brot» welches dem Gotischen noch ganz imd dem An 
sächsischen fast ganz fehle. Dem widerspricht ühlenueck, Et 
Wtbch., welcher s. v. hlaifs auch für gotisch ein ^braup annimmt, 
erschließen aus krimgot. broe, anord. braud» angls. bread, afriea i>> 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Tnrkotataren etc. 27 1 

Das slawische ckli^ führt ühlenbeck (A. f. sL Ph. 15) anf gernu 
^hlaiba zurftck. Anch Kluge läßt es ans „einem altgermanischen 
Dialekte' entlehnt sein, wie denn das altgermanische Wort anch in 
das Finnisdi-esthnische drang: finn. leipä, esth. Itip» Brot. Hirt hält 
dagegoi an der älteren Annahme fest, slawisch chlUn» sei direkt auf 
gotisch hlaifs znrttckznfllhren, in der yon nns schon besprochenen 
MeinoBg, daß wir mit großer Wahrscheinlichkeit die Goten als die 
ersten ansehen dürfen, die einen nachhaltigen Einfluß auf die slawi- 
schen Sprachen ausgeübt haben. — Nach Loewe (S. 834) dürfte chliln 
am ehetten aus dem Baikangermanisehen stammen. 

Gegen eine Entlehnung ans dem Germanischen überhaupt und"^ 
für eine Urverwandtschaft erklärt sich Kozlovskij im Arch. f. sl. 
PhiL XI, S. d86 und stellt hlaifs und chlib^ zu lat. libus, libum, Kuchen^ 
Fladen, unter Annahme einer Grundform ^loibko-. Dagegen wendet 
Uhl£xb£ck, Etym. Wtbch. ', s. v. hlaifs ein, daß die Existenz eines ur- 
sprachlichen tonlosen velaren oder gutturalen Spiranten keineswegs für 
bewiesen gelten darf (Arch. f. sl. Phil. 16, S. 380 f.). — Es würde uns hier zu 
weit führen, auch alle übrigen Erklärungsversuche zu erörtern, man 
findet sie in Uhlenbecks Etym. Wtbch., 2. Aufl., und es sei nur noch 
erwähnt, was 0. Schrader in seinem Beallexikon der indogerm. Alter« 
tumskunde, Straßburg 1901, s. v. Brot, S. 111 ff. ausführt: 

„Die Prähistorie weist auf ein hohes Alter des Brotes in Europa 
hm. In den Schweizer Pfahlbauten sind verschiedene Brotarten, und 
zwar schon in den ältesten Stationen zutage getreten, die von 
0. Heer, Die Pflanzen der Pfahlbauten, S. 9, ausführlich beschrieben 
werden. Sie bestehen teils aus Weizen, teils aus Hirse. ,Bei dem 
gewöhnlichen Weizenbrot wurden die Körner stark gerieben, dann mit 
Wasser ein Teig angemacht und dieser auf einen heißen Stein gelegt 
imd wahrscheinlich mit Asche zugedeckt ... Es waren diese Brote 
rundlich, aber ganz nieder ; sie hatten nur eine Höhe von 16 — 25 mm, 
bekamen also mehr die Form von Kuchen oder Zelten, wie man in 
manchen Gegenden solche flache Brote nennt.' 

Sdiwieriger ist es — setzt Schrader fort — , das Alter des Brotes 
in Europa auf sprachlichem Wege festzustellen. Es handelt sich 
dabei namentlich um die Reihe: lat. libum, gemeingerm. got. hlaifs, 
gemeinslaw. aksl. chlibi». Trotz allem, was in neuerer Zeit über das 
Verhältnis dieser Wörter zu einander gesagt worden ist . . ., ist ein sicheres 
Ergebnis noch nicht erzielt. Am wahrscheinlichsten dürfte immerhin 
die Ansetzung eines ureuropäischen Stammes *khloibho- (got hidifs)^ 
^khleibho- (lat. libum, aksl. chlfbz\ *khlibho' (mhd. lebe — kuoche) im Sinne 
von ,Brotkuchen* sein , . ." 

Eine charakteristische Eigentümlichkeit der ältesten Brote der 
Schweizer Pfahlbauten war ihre Niedrigkeit, sie mochten somit ohne 
Hefe hergestellt worden sein. Sicher ist es der Fall bei den dem 



272 J. Peisker 

Pfahlbau des Mondsees entnommenen nnd im Privatbesitz des Br. Mat- 
thäus Mach, Konservators in Wien, befindlichen Brote. 

Und in der Tat scheint es, dass sich die Kunst, dem Teige durch 
Zusatz von Hefe oder Sauerteig leichtere Verdaulichkeit und größeren 
Wohlgeschmack zu geben, in Europa erst verhältnismäßig spät ver- 
breitet hat. Benndorf nimmt in seinem Aufsatze : „Altgriech. Brot" 
(erschienen im E r a n o s Vindobonensis) an, daß die Bekanntschaft mit 
dem Sauerteig in Ägypten aufkam und erst in historischer Zeit von 
dort zu den Griechen gelangte. In Italien ward der Flamen Dialis 
angehalten, farinam fermento imbutam, also mit Sauerteig angemachtes 
Mehl, zu vermeiden, eine unzweifelhafte Erinnerung an eine Zeit, in 
welcher es noch kein gesäuertes Brot gab. Am thrakischen Fürsten- 
hof des Seuthes finden wir nach Xenophons Anabasis YII, 21 aller- 
dings bereits grosse gesäuerte Brote (dLproi C^p.ixai), die an die 
Fleischstücke angeheftet waren, im Gebrauch ; doch mag dies nach der 
Ansicht von Schrader auf griechischem Einfluss beruhen. 

Nachdem die Säuerung des Brotes in Europa bekannt geworden 
war, bedienten sich Griechen und Römer zur Herstellung des Sauer- 
teigs, wie es bei weinbauenden Völkern zu erwarten ist, vorwiegend 
des Mostes, der mit Hirse zusammengeknetet wurde. Es musste daher 
— berichtet Schrader weiter — den Alten auffallen, wenn sie es 
anderswo, wie in Gallien und Spanien, anders fanden. Plixus (Hiät. 
nat. XVni, 68) erzählt, daß man sich in den bierbranenden Ländern 
Gallien und Spanien der Hefe des Bieres zur Anfertigung des Sauer- 
teigs bediente, eine Kunst, die den ceteri, worunter nur die übrigen Bar- 
baren des Nordens, also auch die Germanen verstanden werden können, 
damals noch nicht geläufig war. Deren Brot war demnach damals noch 
ungesäuert, schwer und unverdaulich . . . Von dem gallisch-romanischen 
Westen ging dann in der germanischen Welt die Festsetzung des 
Stammes *hrauda in der Bedeutung ,Brot, gesäuertes Brot* aus. 

Diese Zusammenstellung Schraders von Daten über Laib und 
Brot ist lehrreich und ladet zur Vorsicht ein, dem etwaigen 
Lehnworte chlib im Slawischen eine besondere kulturgeschichtliche 
Bedeutung zuzuschreiben; wir wissen eben vorderhand nicht, was 
dieses Lehnwort, falls es eines ist, überhaupt zu bedeuten hat. Aber 
ganz bestimmt können wir annehmen, dass die Slawen schon vor 
der behaupteten Entlehnung des Wortes irgend ein Brot haben mussten, 
denn ungesäuertes, in der Asche von Kamelmist gebackenes Brot 
kennt auch der turkotatarische Wanderhirt Zentralasiens. Wenn das 
Wort cJUilrb überhaupt germanischen Ursprungs ist, so wurde mit ihm 
höchstens irgendeine besondere Art des Brotes, vielleicht sogar nur 
eine besondere Form übernommen. — Vielleicht hängt das fragliche 
Lehnwort mit der Auflage eines bestimmten Brottribntes zusanmieB. 
aksl. oll, sicera, berauschendes Getränk aus Getreide oder Obst, slow. oU 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 273 

oUjy vol, Bier, russ. oh (oleum), preuss. alu, lit. alus, lett. allus, Bier. 
Nach Hirt aus dem g^rm., anord. gl, angls. ealu, — Naclitrag. Berneker : 
Möglich, aber lautlich nicht zu erweisen. — Strekelj : Nach E. Kithn 
(K. Zs. 35, S. 314) ist auch das ungehopfte Bier (lit. alus, finn. alut) 
durchaus nicht erwiesen als germanisch, noch weniger gilt dies vom 
gehopften (pivo, pyvas, beor). Das kämt. oUj ist verführerisch für die 
Ableitung des ersteren aus oleum (Hehn* 149); indes ist es eine erst 
ganz junge Deminutivbildung mit Dialektsuffii ej von <?/, gesprochen wow, 
aksl. pIug'L, Pflng, in allen slawischen Sprachen gleichlautend. 
Nach Uhlenbeck aus germ. *pldga, anord. plogr ^), ahd. 
pfluogy ndl. ploeg, angls. plöh. Vgl. Loewe S. 316. — 
Nach Meringer*) gehört das Wort pflüg zum Verbum 
pflegen, daher echt germanisch. „Wenn aber, führt Meringer 
aus, Pflug formell unweigerlich ,das ist, womit xsnasv pfleg f , 
wie luoc ,das, wo man liegf, dann ist die Grundbedeutung 
von pflegen so viel als ackern (und weiter, den Acker be- 
stellen) gewesen ... Im deutschen Worte Pflege = ,Ver- 
waltung eines Gutes, eines Landbezirks* (Schmeller L 
Sp. 448) sind wir der alten Bedeutung noch recht nahe" 



1) P. V. Möller, Strödda ütkast rörande Svenska Jordbrukets Historia, 
Stockholm 1881, S. 134, sagt zur Geschichte des Wortes plogr : „In den Edda- 
liedern wird ärdr und plogr gleichzeitig gebraucht, z. B. im Rigsmäl, wo es 
von dem ,Karl', oder dem freien Bauer heisst: äaß er ärder machte, Häuser 
und höht Scheunen zimmerte, Karren machte und den plog fuhr (körde 
plog),'^ Hieraus dürfte jedoch nicht der Schluß gezogen werden, daß der 
arder und der heutige plog schon damals in Skandinavien angewendet wurden, 
selbst wenn man das genannte Eddalied weit jünger ansetzt, als bisher an- 
genommen wird. In den schwedischen Landschaftsgesetzen wird der plog 
nicht genannt, sondern erst in Kristoffers landslag von 1442. Wohl kommt 
an einer Stelle des jüngeren westgö tischen Gesetzes aplöghia vor, für pflügen 
dber die Orenzscheide in eines andern Bereich, und ebenso in einer jungem 
Abschrift des Skanelag das Wort plöghia, welches jedoch in einer älteren 
and von Schlvteu benutzten Handschrift mit ceria^ ärja, wiedergegeben 
wird. Sollte man deshalb nicht aus den Worten im Rigsmal : „machte Karren 
nnd fuhr den Pflügt schließen könneu, daß dieser plog ein Elarrenarder gewesen ? 

In Schweden werden die Benennungen stang-arder und kärrärder nicht mit 
dem des plog verwechselt, aber in Deutschland . . . wenden Autoren, z. B. 
Rau, das Wort Pßug sowohl für ärder oder Haken (krok) wie auch für 
Pflug an." Die Stelle verdanke ich Karl Rhamm. 

2) Meringer, Wörter und Sachen, in den Indogermanischen 
Forschungen, 1904 Bd. 16, S. 184 ff., Bd. 17 S. 100 ff. 



274 J. Peisker 

(JF. 16, S. 186). „Von pflegen, Pflug, kann man, 
RINGER S. 187 weiter fort, unmöglich Pflock tre 
ndl. plug (Propf), engl, plug (Pflock). Die Be 
sind überall ,zagespitztes HolzS ,Stöpsel' . . . i 
Holzpflug paßt es sehr gut^)." 

Über Wort und Gerät Pflug bei den Slawen 
besondere Abhandlung. 

Gruppe X. 
Yerkehr, Handelsartikel, Geld. 
aksl. bug'L, Armband, nur in glagolitischen 
(Miklosich), ein altbekanntes Lehnwort, nach U 
aus germ. *bauga, andd. baugr, ahd. bong, ar 

„ c ^ t a, Münze, nach Uhlenbeck aus einem germ. *^i 
zu vergl. got. kintus, Pfennig, auch im German 
Fremdwort. Vgl. Kossmann, PB Beiträge 30, 

„ godoTablB, Seide, nach Uhlenbeck aus einem 
deutschen *godawebbi, ahd. gotawebbi, angls. god 
gewebe, Gewebe zu gottesdienstlichen Zwecken). — 
MüRKO: Wahrscheinlich auch nur nordslawisch, 
altkirchenslawischen Beispiele (Miklosich, Lex. \ 
8. V. godovablh) sind wohl russischer Herkunft, 
christlicher Zeit entlehnt. — Ötrekelj : Dürfte w( 
sein, weil es im ersten Teil zu got. gupa- besse 
zu goda-; wenigstens weist öech. hedväb, poln./^ 
altes *gbdhvablb hin. In godovabh haben wir ii 
für » wohl russischen Einfluß, das zweite o berul 
Einwirkung des Kompositionsvokals o, 

„ kup'L, kuplja, Kauf, nach Miklosich aus dem 
in der ersten Periode entlehnt. Nach Uhlenbeck 
*kaupa, *kaupja, *kaupjan (kaufen) [neben gol 

„ lichva, Wucher, nach Uhlenbeck abgeleitet 
leihwan, leihen. Es setze ein germanisches fen 
(aus *leihwo) voraus. 

1) Anders K. Rhamm, Ethnogr&ph. Beiträge zur germanisc 
Altertomsknnde. I. Die Großbufen der Nordgermanen. Braunsc 
S. 649 f. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Torkotataren etc. 275 

aksl. myto^ Lohn, Gewinn, in einzelnen slawischen Sprachen 
auch in der Bedeutung Zoll, Maut, ein altbekanntes 
Lehnwort. Nach Uhi^enbeck entweder ans ahd. tnuta oder 
got. mota. Nach Loewe (S. 323) wird man myto am besten 
wohl ans demjenigen germanischen Dialekte herleiten, in 
dem es selbst bezeugt ist, ohne dort Lehnwort zu sein, aus 
dem Altnordischen. 

^ p^nQg'L, pin^dzh, denarius, ein altbekanntes Lehnwort, 
nach Uhlenbeck aus einem germ. *penninga {^Äiox^. penningr, 
ahd. Pfennig). 

^ sk'Kl^ZL, aus einem älteren *skUng6, Münze, nach Mikix>- 
siCH germanisches Lehnwort aus der ersten Periode, nach 
Uhlenbeck aus got. skilliggs, Schilling. — Nachtrag. Uhlen- 
beck: Kann ebensogut aus einer anderen altgermanischen 
Mundart entlehnt sein. 

^ user^g'K, Ohrring, nach Miklosich ein germanisches 
Lehnwort aus der ersten Periode, nach Uhlenbeck aus 
got. *ausa'hrigga. — Nachtrag. Mürko: Wahrscheinlich 
nur südslawisch, erst von den Goten am Balkan; russ. 
serhga ist fernzuhalten. — Uhlenbeck : Das s von usercgb 
weist bestimmt auf das Gotische, denn die übrigen ger- 
manischen Mundarten haben r aus z! Aus germ. s wäre 
bei Entlehnung in das Slawische kein s geworden, sondern 
das s wäre unverändert geblieben. 

fl *TÄr^g'K, zu ermitteln aus russ. varjag, dial. fremder 
Krämer, varjaga, Dieb, klruss. varjah, starker, großer Mann, 
nach Uhlenbeck aus anord. vaeringi. Die nordischen Eroberer 
Rußlands hießen Vaeringjar, — Nachtrag. Strekelj: Das 
Wort ist doch erst altrussisch, wie Korljagb, Karlingr, Kolb- 
jagbj Kylfingr und ähnliche spätere Entlehnungen des 
9. Jahrhunderts, beweist also nichts für die älteren slawo- 
germanischen Beziehungen. 

^ 2löd%, zlistiy zahlen, büssen, aus dem Stamme i^/^, nach 
Miklosich in der ersten Periode entlehnt, nach Uhlenbeck 
nicht aus got. gildany das im Slawischen *zlhdq, *zlhsti 
ergeben hätte, sondern aus einem germ. *geldan (gelten). 
Der gemeingermanische Stamm gelp- ist nach Kluok 



276 J- Peisker 

(s. V. geltefi) auf vorgermanisch ghel-t zurückzn 
verlange, daß aksl. zlidq ein germanisches Lei 
Dagegen hält es Hirt (S. 341) und Loewe (S. c 
für entlehnt. 

Gruppe XL 
Staat, öffentliche Gewalten, Yolk. 

aksl. cösarb, Kaiser. Uhlenbeck leitete es im Arch. f. sl. 
got. kaisar her, jetzt, in seinem Etym. Wtbch. *, aus ahd. k 
Kluge. Nach Loewe (S. 831 f.) ist es balkangermanischer 
Nachtrag. Stuekelj: Ist entweder gotisch oder griec 
scheinlicher das erstere; aus ahd. keisar würde man für 
i erwarten. 

„ *j^beda, Schikane, *j^bedbnikb, Beamter, Verh 
erschließen aus russ. jabednikb, eine Art Bea 
leumder, ein altbekanntes Lehnwort, nach Uhle 
einer altgermanischen Mundart, ahd. ambahti, got 
ein gemeingermanisches Wort, welches nach K 
Amt wieder aus dem gallischen ambactus er 
Daß slaw. *j^beda schon in altslawischer Zeit ei 
muß, lehrt nach Uhlenbeck das anlautende y^ im 1 
aus älterem ^ oder j^, denn sonst wäre der k 
bewahrt geblieben. — Nachtrag. Uhlenbeck: Ai 
steht gewiß anord. embaetti! — Murko: Das W 
im Russischen. 

„ k'Ln^g'L, kbti^dzh, Fürst, slow., serb. kne::, ein al 
Lehnwort aus gemi. *kuninga, 

„ IJudi, nach Hirt entlehnt; ahd. Hut (Leute), nach Kn 
BECK und sonst allen urverwandt. — Nachtrag. Zrn 
einheimisch sein: lett. taudis (plur! ,Leute*), lit. liauiH. 
meines Volk*), und zwar in der lautgesetzlich erwarteten 

„ SO kl, Ankläger, nach Uhlenbeck aus der Sipf 
sakan, Nachtrag. Beunkkek: sokb, sociti kann 
mit got. saihwan, lit. sakyti urverwandt sein. - 
Dürfte einheimisch sein, eher zur Wurzel seci- in 
(ist im lit. durch seku ,folge* vertreten); die sp 
deutung im Slawischen weist darauf hin. 

„ *vira, zu erschließen aus dem altrussischen \^ 
Wehrgeld, altbekanntes Lehnwort, nach Uhlen 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 277 

Verballhomung einer altgermanischen Form von hd. Wehr- 
geld, — Nachtrag. Uhlenbeck: Jetzt halte ich es, durch 
L. V. ScHKOEDER (in dem Festgr. an R. v. Roth 49fiF.) 
überzeugt, für ein echt slawisches Wort, urverwandt mit 
aind. väira-. 
sl. Yladf, ich walte, herrsche, nach Kluge, Etym. Wtbch. 
8. V. walten, scheint dem Germanischen früh entlehnt zu 
sein, was Uhlenbeck, Etym. Wtbch. d. got. Spr., 2. Aufl., 
8. V. waldan, bezweifelt hat, aber jetzt (PB Bei träge 30, 
8. 323 f.) anerkennt; got. und asächs. waldan, afries. 
walda, Hirt (Beiträge 23, S. 337) entscheidet sich nach 
seiner ganzen Disposition für die gotische Quelle, aber nach- 
dem das Wort auch im Altsächsischen und Altfriesischen 
ebenso lautet, so ist Hirts Herleitung zu mindest nicht 
z\vingend. Miklosich weist eine Entlehnung überhaupt ab. 
Nachtrag. Berneker: Vgl. PBB. 30, 324. anord. olli setzt 
idg. / voraus; daher dürfte das slawische Wort doch ent- 
lehnt sein. — Ötrekelj: Bei Vorhandensein eines anders- 
stufigen, bezüglich der Konsonanten mit dem slawischen 
Wort aber vollständig übereinstimmenden lit. veldeti, regieren, 
besitzen, paveldeti, ererben, apreuß. weldlsnan, Erbe, ist 
Entlehnung von vladq nicht annehmbar. 

Gruppe Xn. 
Beligion. 

n criky^ Kirche, ein altbekanntes Lehnwort, nach Uhlenbeck aus 
?erm. *kirkd. Dem Gotischen ist das Wort fremd. Und dennoch 
müssen es die westgermanischen Stämme nach Kluge durch gotische 
Vennittlnng ans dem Griechischen übernommen haben, da in der 
römischen Kirche das Wort nie zur Geltung kam. Gotisch wäre 
nach Kluge *kyreik6 vorauszusetzen. Slawisch crbky, früher crhky, 
ist jedenfalls ein spätes Lehnwort. — Nachtrag« Uhlenbeck: ob- 
wohl älter als die zweite Palatalisierung. — Loewe (S. 327) denkt 
an die Ostgoten in Rußland. 

'T popi, Priester, Pfaffe, nach Uhlenbeck aus einer germanischen 
Mundart. In das Germanische kam es aus dem Griechischen: nana^, 
clericus minor, zum Unterschiede von ndTca^, Papst. In Deutschland 
mag es schon im 6. Jahrhundert verbreitet gewesen sein. Im Slawi- 
schen also ein sehr spätes Lehnwort. 



278 J. Peiaker 

aksl. s % b 1 a 9 Samstag, nach Miklohich und Uhlenbbgk ans gern, *samhai. 
Offenbar ist, nach Kluge s. t. Samstag, ein etwa im 5. Jahrhundert 
bestehendes orientalisches sambato durch das Griechische, mit dem 
Arianismus, zu den Oberdeutschen und Slawen gekommen; doch falle 
es auf, daß IMlas sabbato dags ohne Nasaliening sagt. Wenn ttberhaapt 
aus dem Germanischen, ist slaw. sqbota ein sehr spitei, deutsches 
Lehnwort. — Nachtrag. Berneker: Yg^ G. Heyer in den Idg. 
Forsch. 4, S. 326 ff. 

Wahrscheinlich sind alle die drei Lehnwörter dieser XII. Gruppe, 
crbky, pop%, sqbota, nachgotisch und würden dann für unsere Fragen 
gänzlich entfallen. 

Gruppe Xin. 

Exotika. 

„ iLyby Löwe, nach Hirt aus got. *liwa, 

y, '*'opica, Ableitung von *opa, AflFe, nach Uhlenbeck aus 
einer germanischen Mundart, got. *apa, 

„ osbI'l, Esel, beruht nach Miklosich wohl auf dem Ger- 
manischen. Nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch.*, aus germ. 
*asilu oder *asila, got. asilus, ahd. und asächs. ^siL Nach 
Kluge stammt die germanische Sippe — etwa im 1- 
oder 2. nachchristl. Jahrh. — aus Italien. 

„ *plgy, Feige, nach Uhlenbeck alte Entlehnung aus einem 
germ. *ßgd\ Nach Loewe (S. 325) wahrscheinlich aus dem 
Westgermanischen. 

r> snioky, Feige, nach Uhlenbeck sicher ein germanisches 
Lehnwort, weil sonst das y unerklärbar wäre, aber nicht aus 
got. smakka, sondern aus einem germ. *smakkd. Nach 
LoEWE (S. 325, 330 s. v. buky) wahrscheinlich aus dem 
Balkangotischen. 

n yelBb^d'b, Kamel, alte Entlehnung aus got. ulbandus, 
nach Miklosich und Uhlenbeck. 

„ Tino, Wein, nach Uhlenbeck aus germ. *vina, Rotwein- 
Nachtrag« Murko: Aus sactüichen Gründen können die Entieb* 
nungen dieser Gruppe nicht alt sein. 

Gruppe XIV. 
Abstrakt* und flbriges. 
„ brßg^, bewahre, behüte, nach Hirt aus got. bairga^^ 
bergen. Nach Uhlenbeck und anderen urvenvandt, 80 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 279 

auch MuRKO in der D. Lit.-Zeitg. 1904, Spalte 3145 (dazu 
noch : brzen in Mabulics Jndita, Akad. Rjeönik I, 647). — 
Nachtrair* Bernekeb: urverwandt wegen des alten Ablauts 
(part praet. act. brtgT^e). 

1. diimmti, denken, durnuy Rat, conBilinm, nach Miklosich 
in der ersten Periode entlehnt. Nach Uhlenbeck, Etym. 
Wtbch., ans dem Germanischen. Got. döms, Urteil. Vgl. 
LoEWE, S. 316. — Naektrag. MuRKO: Für alle Slawen 
wenig beweisend, weil nur russisch und bulgarisch. 

, glmn'K, scena, gluma, Unverschämtheit, nach Uhlenbeck 
aus dem Skandinavischen. Anord. glaumr, Getöse. 

n gob&dz'b, reichlich, fruchtbar, schon von Miklosich als 
wahrscheinlich aus got. gabeigs, reich. Uhlenbeck hält 
es für sicher. 

^ ^gomon'by Lärm, nach Uhlenbeck aus dem Skandi- 
navischen. Anord. gatnan, — Nachtrag. Uhlenbeck: 
Könnte auch westgermanisch sein. — Mubko: Entlehnung 
zweifelhaft; nur nordslawisch. 

n gonesti, gotihztic^ti, errettet werden, nach Miklosich in 
der ersten Periode entlehnt. Nach Uhlenbeck, Etym. 
Wtbch. s. V. ganisan, genesen, ist das slawische Wort eine 
alte Entlehnung aus dem Germanischen. — Nachtrag. Uhlen- 
beck: Gewiß nicht gotisch, denn das Gotische hat hier 
stimmloses s. 

-> gonoziti, erretten, nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch. s. v. 
ganasjan^ ist das slavrische Wort aus germ. ganazjan schon 
früh entlehnt worden. 

-» gorazd'b, erfahren, machte Miklosich Schwierigkeiten, und 
er gab seine frühere Annahme einer Entstehung aus got. 
ga -f razda, Sprache, in seinem Etym. Wtbch. wieder auf. 
Uhlenbeck, Etym. Wtbch. s. v. razda^ hält an dieser Her- 
kunft aus einem nicht belegten got. *garazds=ga^- razda fest. 

'^ gotoTi^ fertig, nach Uhlenbeck aus einem got. *gataws, 
von gataujan, machen. — Nachtrag. Berneker: Ich halte 
es nach G. Meyer, Alban. Wtbch. 121 (gat) für zum 
mindesten zweifelhaft. 

<) ehabitis^, abstinere, nach Uhlenbeck aus ^oi. gahabajt 



280 J. Peisker 

sik, davon auch aksl. ochaba, volles Eigejitnm. — Nachtra^r. 
Strekelj: Die Wörter können neben slow, osaben, aksl. 
osajati, osavati, chabiti n. s. w »abstinere* nicht entlehnt 
sein (vgl. Archiv f. sl. Phil. 27, S. 43 f.). 
aksl. chapatiy) beijBen, nach Uhlenbeck aus einer altgerma- 

„ chopiti^f nischen Form von niederl . kappen, etwa *happön. 
— Nachtrag. Uhlenbeck : Sehr unsicher. — Mürko : Nicht 
entlehnt, vgl. Strekelj im Archiv f. slaw. Philol. 27 S. ^. 

n ch^dog'L, peritus, erfahren, altbekanntes Lehnwort, nael 
MiKLOSiCH und Uhlenbeck aus got. handugs, weise. 

„ chlak'b^ ehelos, nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch., ans 
*cholkb, kann aus got. halksj arm, dürftig, gering, entlehnt 
sein. Anders PrüsIk, Kuhns Zeitschr. 33, 157. Pedersen, 
IGF. 5, 64. Nach Miklosich s. v. cholstb ist die Zusammen- 
stellung zu got. halks unsicher. — Nachtrag. Mürko: Un- 
sicher, vgl. Ötrekelj, Arch. f. sl. Ph. 27, S. 45. 

„ chlopot'L, Getöse, *chlopati, klappen, nach Uhlenbeck 
aus der Sippe von anord. klappa, ahd. chlaphbn, — Nachtrag. 
Uhlenbeck: Unsicher. — Ötrekelj: Neben südslaw. klopol 
klopotati, klepati u. s. w. ist es nur als onomatopoetische 
Bildung aufzufassen (vgl. Archiv f. sl. Phil. 25. S. 413 f.). 

„ chlujati, fließen, nach Uhlenbeck aus germ. *7Z5;'ä«. ^ 
Nachtrag. Uhlenbeck: Unsicher. — Berneker: Sehr 
zweifelhaft. 

„ ^chvatx, dreist, zu 2in, hvatr, scharf gestellt. — Nachtra?. 
Streket^: russ. chvatb, dreister Mensch, gehört zur slaw. 
Wurzel ch^t: chytati, chvatiti, chytrb: ,der dreist, schnell 
Zugreifende* und ist von anord. hvatr zu trennen, welches 
übrigens wohl "^chvoth gäbe. 

„ '^'ch T i 1 j a , öech. chvile, Zeit, nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch., 
aus dem Germanischen, got. hweila. 

„ j^6atl, seufzen, aus einem älteren *j(kiti, nach Uhle>'- 
BECK wahrscheinlich aus einer altgermanischen Form von 
mnd., nhd., ndl. janken, — Nachtrag. Uiu^nbegk: Un- 
sicher. — Berneker: unwahrscheinlich. — Mcrko: Ein 
Wort mit regelrechtem slawischen kh\dMi\jenk'^jonk-! Kein 
Lehnwort. — Strekew: Das Verbum ist im Slawischen 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 281 

primär, was sehr gegen Entlehnung spricht. Doch ist es 
von iXoyf.jokati, weinen, zn trennen, weil dieses wiQJavkati 
von jo mit Suflßx ka gebildet ist, wie kajk. jokati (nicht 
yukati) beweist. 
\V knsiti^ kosten, nach Uhlenbeck aus got. kausjan. 
, 1 6k 'b, Medizin, als Lehnwort altbekannt, nach Uhlenbeck 

aus dem Germanischen. Got. lekeis, Arzt. 
, 1 L 8 1 B ^ Betrug, kann nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch., aus dem 
Germanischen entlehnt sein, got. listSy anord., angls., asächs., 
ahd. list, 
„ mog^, ich mag, nach Hirt entlehnt, got. mag. Nach 
Uhlenbeck und anderen urverwandt. — Nachtrag. Ber- 
neker: Vgl. Uhlenbeck PBB. 30, S. 299. 
^ mozolB, vibex, nach Uhlenbeck aus einer altgermanischen 
Form von mhd. masele, Blatter, Geschwür. Nach Miklo- 
siCH urverwandt. — Nachtrag. Uhlenbeck : Jetzt halte ich 
es für urverwandt; vgl. Zupitza in Kuhns Zs. 37, S. 396 fif. 
•» ocLt'K, Essig, altbekanntes Lehnwort, nach Uhlenbeck 

aus got. akeit (aket), 
fl sjrt'K, satt. Uhlenbeck, Etj^m. Wtbch. s. v. saps: man 
vermutet Entlehnung aus dem Germanischen (oder Lit.?). — 
Nachtrag. Berneker : Ganz ausgeschlossen ! y ist allenfalls bei 
Urverwandtschaft, nie und nimmer aber bei Entlehnung zu er- 
klären. — Es gibt kein litauisches Lehnwort im Urslawischen. 
r, Stint, lauter, rein, nach Uhlenbeck, Etym. Wtbch., scheint 
es aus got. skeirs, klar, deutlich, entlehnt zu sein. — Nachtrag. 
Uhlenbeck: Könnte auch einer andern altgermanischen 
Mundart entstammen. — Murko: Nur nordslawisch! 
Xun wären wir mit der Herzählung der mit mehr oder weniger 
icht für altgermanisch geltenden Lehnwörter im Slawischen zu 
ide. Ist dies bei der noch immer herrschenden Unsicherheit schon 
r emen Slawisten heiklich, so ist es für einen Nichtphilologen ein 
ßhrliches Wagnis ; für ein „frisch gewagt, halb gewonnen" ist 
'nig Aussicht, hier entscheiden einzig und allein, wenn richtig 
handhabt, die Lautgesetze, und mit diesen läßt sich nicht feil- 
lien. Dennoch mußte ich das Wagnis auf mich nehmen, denn 
'in Problem kann nicht warten, bis sich die Sprachforscher 



282 J- Peiaker 

geeinigt haben, und überdies ist anch die Provokation einer der 
Wege, die zur Erschließung der Wahrheit fähren. Es war nötig, 
die Lehnwörter, wenn auch nicht vollständig — denn wer ver- 
möchte es! — , so doch in einer größeren Anzahl vorzuführen, 
nicht etwa, weil sie alle sachlich, den Gegenständen nach, ftir 
uns von Belang wären, sondern damit man den Einfluß der ein- 
zelnen germanischen Mundarten einigermaßen abwägen kann. 

Und da bringt uns schon eine oberflächliche Abwägung eine 
nicht geringe Enttäuschung: Die Größe des gotischen Ein- 
flusses wurde bisher gewaltig überschätzt. Am zahlreichsten sind 
die gotischen Lehnwörter noch in Gruppe XIV, Abstraktannd 
übriges, vertreten, und das ist leicht erklärlich, wenn man er- 
wägt, daß frühzeitige Christianisierungsversuche in den Slawen- 
ländem von den Goten ausgingen und das Verkünden des 
Evangeliums den besten Anlaß gab, für gewisse Abstrakta, fnr 
welche das Slawische nicht reichte, gotische Wörter zu entlehnen. 
Sonst kämen etwa nur noch folgende gotischen Lehnwörter m Be- 
tracht: Aus Gruppe IV: bljudo (Schüssel), f kothh (Kessel), Uah 
(Sack); Gruppe V: ckl^7/^ (Stall), fstina (Mauer); Gruppe VI: 
fchorqgy (Fahne), fmhib (Schwert) ; Gruppe X : fgodovabh (Seide), 
lichva (Wucher), fmyto (Gewinn), 1 skbl^zh (Münze), fusertp 
(Ohrring) ; Gruppe XI : f soH (Ankläger) ; Gruppe XIII : lhv^ (Löwe), 
velhbqd^ (Kamel). Alles Lehnwörter, aus denen man keine weit- 
gehenden sozialgeschichtlichen Schlüsse ziehen kann. 

Die soziologisch allergewichtigsten Lehnwörter im Slawischen 
sind jedoch weder gotisch, noch altnordisch, sondern west- 
germanisch, und zwar nicht althochdeutsch : plug^ (Pflug), müio 
(Milch), nuta (Rind), wahrscheinlich auch skotb (Vieh, Schatz). DaTon 
ist mliko für uns ein wertvoller Wegweiser. Es setzt, wie schon 
oben S. 264 dargestellt worden, ein germ. melka voraus. Die«ß 
Form ist bereits für das zweite Jahrhundert n. Chr. direkt be- 
zeugt, tatsächlich aber viel älter. Gotisch lautete es milukh 
]xtkA.'x kann somit nach Rom nur aus Westgermanien gelangt seinr 
und zwar von da nur aus einer von jenen Mundarten, in denen 
es mit e und nicht mit i lautete. Dies trifft bloß im ndl. (meli) 
und angls. (meoloc) zu, während das Wort im Hochdeutschen 
seit jeher, so wie im Gotischen, / hatte. Die Mundart, aus welcher 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 283 

8 Galenische jjLeXza herrührt, war demnach entschieden eine der 
e der deutschen. 

Weiter hörten wir, daß auch genn. *skatta-, woraus slaw. 
otb (pecu, pecunia) wurde, nur in einer niederdeutschen Mund- 
t, nämlich der altfriesischen, in derselben Doppelbedeutung be- 
lügt ist. An sich allein würde dies freilich nichts beweisen, 
idem das Wort auch in anderen germanischen, nord- und ost- 
ermanischen, ja auch hochdeutschen Mundarten dereinst dieselbe 
loppelbedeutung haben konnte; allein im Zusammenhange mit 
er niederdeutschen Herkunft des Wortes mliko darf man die 
loglichkeit nicht a priori abweisen, daß skotb ebenfalls aus 
iner niederdeutschen Mundart abstammt, denn sachlich läßt sich 
Milch* von dem in Germanien hauptsächlich milchspendenden 
Tiere, dem Rind, nicht ohne weiteres trennen ^). Allerdings dürfte 
skatta im Urgermanischen in erster Reihe ,Vieh* bedeutet haben, 
ber in einer gar zu weit vergangenen Zeit, aus welcher kein 
-^hnwort in das Slawische gelangen konnte. Skoth ist demnach 
«^ahrecheinlich, W/>&^ dagegen sicher ein westgermanisches, und 
war nicht althochdeutsches Lehnwort. 

Westgermanen waren es somit, welche in vorhistorischer Zeit an 
üe Slawen grenzten und sie ab und zu beherrschten, schon lange 
>€vor vom Norden her aus Skandinavien die Goten nach dem Süden 
'ingebrochen sind und sich zwischen die Westgermanen und die 
lurch westgermanische Gefolgschaften beherrschten Slawen ein- 
gekeilt haben. 

Für diese Annahme spricht vielleicht auch die slawische Be- 
nennung der Deutschen : aksl. nimhch, nslow. nemec, bulg. nimec, 
•«rb. nijemaCy cech. nimec u. s* w. polabisch nemdc, vornehmer 
önger Bursche — ; rum. nemc, magy. n^metj zig. hamco, ninco. 
*Jach MiKLOSiCH (Etym. Wtbch.) „von nirm ,mutusS bei Nestor 
luch fremd*: ninihCb ist ein , Fremder'^), dann ein ^Deutscher' '' . 



1) Das Rind der Wanderhirten Asiens gibt allerdings keine oder wenig 
^ch und wird nur als Lasttier verwendet. Auch das chinesische Rind wird 
licht gfemolken, aber aus einem ganz anderen Grunde : Der Chinese verabscheut 
fden Milchgennß. Bei den Germanen war dies jedoch nicht der Fall. 

2) Nachtrag. Bernekeu: Diese Bedeutung ist mir bei Nestor nie 
^?egnet, möchte sie auch ohne Beleg unbedingt bezweifeln. 

Viertel jahrschr. f. Social- u. WirticLafiejieflchichte. III. JQ 



284 J- Peisker 

Die Etymologie von nitm, stumm, vertrat bekanntlich auch 
Zeuss^). Anders äußert sich SafarIk: „Bei den Slawen 
hießen .die Deutschen seit undenklichen Zeiten Nimci. Einige 
leiten diesen Namen von dem deutschen Volke der Nemetes% 
andere von nintyy d. h. Fremdsprachiger, ab, ohne daß man bis 
jetzt bestimmen könnte, welche von diesen Erklämngen richtiger 
sei. Die Nemetes, ein germanischer Volksstamm, wohnten auf 
dem linken Rheinufer in der Gegend von Worms nnd Speier, 
in der Nachbarschaft der Wangionen nnd Triboker. Caesab und 
Tacitus erwähnten sie^) . . . Auch in Gallien gibt es indessen 
Städtenamen Nemetum, Nemetacum, Nemetocenna, und in der 
keltischen Sprache soll das Wort nemet Heiligtum, Tempel be- 
deuten*). Dennoch würde ich nicht zögern, diese Erklärung 
als richtig anzuerkennen, wenn erwiesen werden könnte, daß die 
Nemeter einmal in der Nachbarschaft der Slawen gewohnt haben. 
Die, welche nimy für die Wurzel dieses Namens halten, berufen 
sieh auf den Namen der Slawen, als ob von slovo herrührend; 
jedoch mit viel besserem Grunde könnten sie sich auf Nestor 
berufen, der schreibt: Das jugrische Volk ist ein fremder Stamm 
(jazyk jest njem) [Nachtrag. Bernekek: Kann hier auch unver- 
ständlich bedeuten] und zvohnt mit den Samojeden nordseiU\ 



1) Zeuss, Die Deutschen und die Nachbarstämme. Müuchen 1837, S. 68, 
Anm. 1. 

2) Chu. Gottl. Akndt, Über den Ursprung und die verschiedenartige 
Verwandtschaft der europäischen Sprachen. Nach Anleitung des russischen 
aUgem. vergl, Wörterbuchs. Hg. v. KLt beu. Frankfurt a. M. 1818, S. 251 u. a. 

3) Caesar I, 51; Tacitus, Annal. Xil. 27. Germ. c. 28. 

4) „Aijeli:n(.s Mithridates IL Berlin 1809, S. 65. — Die Nemeter erklärt 
auch ÜKicuT, A. Geogr. IV. S. 356 f. für Germanen, nicht für Gallier. - 
W. V. HuMB()Li>T, Prüfung der Untersuchungen über die ürbewohner von 
Hispanien vermittelst der baskischen Sprache. Berlin 1821, S. 103 sagt, da« 
Wort Nemet sei ein keltisches, das Volk der Nemeter sei aber ein deutsche», 
in Gallien angesessenes. — Möglich, daß die Teutonen den Namen Nemetes 
von den Kelten erhalten haben. Wie, wenn mit der Ankunft der Kelten jen- 
seits der Karpathen auch der Name Nemeti, Nimci, zu den Slawen gekommen 
wäre, bei denen vordem nur der Ausdruck Tjudi, Tuidi, Cuzi (z=. Teutonti» 
Jhiudisci) im Gebrauch war?*^ 

5) „Kauamzix, Istor. gosud. ross. IL 38. Anm. 64. Kahamzin erklärt 
.Tjem = inoplemennjj [= von fremdem Stamme].'* 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 285 

' Ableitung ist auch das / in dem Namen Nimec gün- 

in sieht, SafarIk neigt eigentlich denn doch Arndts Er- 
lg des Wortes ninthCh von dem Yolksnamen der Nemeter 
ir macht er die Annahme dieser Erklärung von dem Nach- 
abhängig, daß die Nemeter einmal in der Nachbarschaft 
lawen gewohnt haben. 

iute kann man SafarIks Forderung schon einigermaßen 
ommen und den, wenn auch nicht urkundlichen, so doch 
igeschichtlichen und jedenfalls gleich gewichtigen Nachweis 
gen, daß den Slawen dereinst die Westgermanen, und 
die später westlichsten, benachbart gewesen sind, weil ge- 
lie soziologisch bedeutendsten altgermanischen Lehnwörter 
?rmani8ch sind. Ist — von anderen Wörtern abgesehen — 
sicher und skoth (Rind, Schatz) wahrscheinlich aus einer 
deutschen Mundart entlehnt, warum soll die Herkunft 
Ortes nintbcb (,der Deutsche*) von dem Namen der Nemeter 
kbar sein? Sind ja die Sitze der Nemeter (bei Worms) 
iie der Niederdeutschen überhaupt gleich weit von den 
ten der alten Slawen entfernt; durchzogen ja die Goten 
Europa, von Skandinavien nach der Krim und von dort 
ach Spanien, so daß diese Ostgermanen schließlich von 
Germanen am westlichsten zu wohnen kamen. Krim — 
ön, das sind also ungleich größere Entfernungen. Somit 
adet zwar ÖAFARiKs Hauptbedenken gegen die Herkunft 
Tortes niffthCh von dem Namen der Nemeter, sicher ist 
\ diese Ableitung dadurch nicht geworden, weil das sprach- 
Bedenken SafarIks — das / spricht direkt fiir nitm ! — auf- 
bleibt*); überdies gibt es für die »/iw»-Ableitung auch 

Si'iiAFAKiK, a. a. 0. I. S. 443 ff. nach der Originalausgabe berichtigt. 
NachtraiT« £in zweites Bedenken äußert mir Bernkk£k: „Gegen 
rleitong [aus dem Namen der Nemeter] spricht vor allem das slaw. 
'hch; doch halte ich sie im ganzen nicht für unmöglich.*^ — Uhlenbeck : 
% könnte aber ursprünglich alle Nichtslaven bezeichnet und später 
^deutnng eingeschränkt haben. (Nicht daß ich die M//f/«-Ableitung 
wi-z^rr-Etymologie gegenüber verteidigen wiU)." — Mikkola (in Kluges 
chrift für deutsche Wortforschung. VI. Straßburg 1905, S. 372): 
b ist es sehr verlockend, nimhcb von nhm herzuleiten, dessen Ursprung- 



286 J- Peisker 

noch ein sachliches Analogon, das ich Murko verdanke: Die 
makedonischen Türken nennen nämlich, wie Kancov berichtet, 
die slawischen Muhamedaner dils^zi, ,die Zungenlosen* ^). Bleibt 
somit die »/w»-Ableitung bei ihrem Gewicht, so ist anderer- 
seits auch die iWw^/^r-Etymologie sprachlich nicht unmöglich 
und sachlich nicht unbegründet. Allein, von der Herkunft des 
Wortes NimhCh ganz abgesehen, genügen schon die übrigen west- 
germanischen Lehnwörter zum Beweise, daß in vorgeschichtlichen 
Zeiten, vielleicht irgendwo an der unteren Weichsel oder nordöst- 
licher, niederdeutsche Völkerschaften gewohnt und von dort aus 
Finnen und Slawen unterworfen haben. 

Die auf diesem Wege in das Slawische geflossenen west- 
germanischen Lehnwörter sind vor gotisch, aus vorchristlichen 

liehe Bedeutung nicht ,mata8S sondern ,nicht verstehend^ ist: M/m« = »/ (vgl. 
avest. nai)' irm, vgl. po-jirnq, ,ich verstehe*, aber trotzdem ist diese Etymologie 
sehr wenig überzeugend, insbesondere weü man bei der Erklärung des Wort«» 
iiimhch von ninn seine Znflncht zu der durch nichts begründeten Voraus- 
setzung nehmen muß, daß jeder Fremde und Ausländer tüfmbch (Deutscher} 
benannt worden wäre. [ — Murko : Das ist in Rußland allgemein noch heute 
der Fall, wo dem Volke speziell auch die österreichischen Slawen als AV««7 
gelten; man kann aber schon in der Umgebung von Krakan über Fremde 
die Bemerkung hören, sie „sprechen irgetideifu ^deutsche' Sprache" (njejakiffl 
niemeckim jf zykem) ; in Bosnien und Hercegovina ist jeder Ankömmling aus 
Österreich ein Svaba. — ] Nimhcb (Deutscher) — setzt Mikkola fort — war 
bloß die Benennung der germanischen Nachbarn. Der Ursprung dieses 
Namens dürfte . . . eher in der Benennung Nemetes zu suchen sein. — Gegen 
die ZusammensteUung von slaw. nimbch mit Nemetes könne freilich eingewendet 
werden, daß / in nimhct, auf langes i hinwiese, während e in Nemetes kurz ist» 
Es sei aber zu bemerken, daß kurzes kelt. e auch im got. kiUkn gegenüber 
gall. celicnon durch langes i ersetzt worden ist. Slaw. nimhCb sei a n c h über da* 
Germanische entlehnt — . Zur Zeit Caesars lebte dieser germanische Stamm aia 
Rhein. Das war wahrscheinlich ein germanisierter keltischer Stamm, der sieb 
einst in der Nachbarschaft der Slawen befand. In der Weise bezeichnete nimu^ 
(Deutsclier) ursprünglich die keltischen Nachbarn der Slawen, deren Wohu* 
sitze später von den Germanen eingenommen wurden. Von der alten Na^^*^' 
barschaft der Kelten zeugen die bisher wenig untersuchten keltischen Wort<? 
in den slawischen Sprachen. Die Übertragung eines Namens von eioeflJ 
Stamme auf den andern sei eine nicht seltene Erscheinung . . . [Der Einh^'^* 
lichkcit halber ersetzte ich die von Mikkola angewendeten russischen Formen 
mit altkirchenslawischen]. — 

1) Kähmobl, MaKeaoHH«. Co^ha, 1900, S. 49. 




Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 287 

diten; die gewichtigste germanische Beeinflussung der Slawen 
t somit viel, viel älter, als angenommen wird. 

Außer diesen uralten germanischen, waren die Slawen auch 
rkotatarischen, teils noch weitaus älteren Einflüssen abwechselnd 
aterworfen, wie oben ausführlich dargestellt worden ist. Die 
irkotatarischen Einflüsse, hörten wir, liefen dahin aus, daß die 
lawen keine Viehzucht treiben konnten, ohne Milchnahrung 
iben mußten. Ihr Fleischgenuß beschränkte sich darauf, was 
er Fischfang ergab und die Jagd. Diese dürfte nicht besonders 
rgiebig gewesen sein, wenn der herrschende Nomade dabei Vor- 
echte beanspruchte, und was nach ihm übrig blieb, verfiel zu- 
aeist dem Wolfe ^). Dagegen kann dem Fischfang einige Bedeutung 
'lOgemessen werden. 

Zu Vegetariern ohne Milchnahrung wurden indes die Slawen 
erst durch die turkotatarische Knechtschaft, zuvor waren sie 
Viehzüchter, namentlich Rinderzüchter ebenso wie die Crermanen 
des Caesar und Tacitus. Beweis dessen ist ihre ansehnliche ein- 
heimische Nomenklatur für Groß- und Schmalvieh, die sie aus alters- 
grauen Zeiten über die lange Periode ihres Vegetarismus bis zur 
Gegenwart herübergerettet haben, denn es konnte ihnen die Vor- 
«tellung von diesen Tieren^ welche sie ja bei ihren uralaltaischen 
Peinigem immerfort sahen, nicht entschwinden*). Es sind dies 
unter anderen: aksl. gov^do, Rind, krava, Kuh (daneben poln. 
^arw, fauler Ochse), bykb, Stier, tel^, Kalb, voh, Ochse; avhca, 
Schaf, avhm, Widder, agttbCb, jagnuh, Lamm; kozUj Ziege, 
hzhkj Ziegenbock ; zrib^, Füllen ; nebstdem pasq, pasti, weiden, 
eigentlich hüten, pastuch^, Hirt, pastva, Herde, pasa, pascuum, 
^tado, Herde. Das wichtigste Zeugnis für eine altslawische Vieh- 
^ncht ist jedoch das Wort zupa. Bbügmann erklärt es wie folgt: 

1) Dort, wo Paeudo-CAESARius von Naziauz von den Sklawenen und 
%8oiiit€rn spricht, berichtet er von den einen, daß sie Füchse, wüde Katzen 
^d Schweine essen [siehe onten S. 311], wohl aas Mangel an anderem Wild, 
'^flches gegen das viele Raubzeug nicht aufkommen konnte. 

2) Auch die turkotatarischen Schafwanderhirten Zentralasiens, welche 
•**t alteraher kein Bindvieh mehr züchten, noch züchten können, behielten 
^fotzdem ihre, aus der alten Heimat hergebrachte, noch viel reichere Rinder- 
Nomenklatur (s. oben S. 203, Anm. 1), weil sie bei ihren Raubzügen in weit 
^Dtfernte Gebiete, sogar nach Indien, das Rind überall vorfanden. 



288 J- Peisker 

„Dieses allgemeinslawische Wort ist nach seinem ältesten 
Gebrauch ,ein Bezirk, der verwaltet wird*, und hat in einigen 
Gegenden des slawischen Gebiets seinen Sinn spezialisiert, z. B. 
poln. zupa jSalzwerkgenossenschaft, Salzbergwerk*. Dazu das- 
ebenfalls gemeinslawische zupam, ,Vorsteher einer zupa\ 

Ich verbinde das Wort mit aind. göpä-, ,Hüter, Wächter*, 
göpäyd'ti ,er behütet, bewahrt* . . . zupa war ursprünglick. 
,die Huf^ dann ,das, was in Hut und Pflege genommen ist*,, 
auch vom Ort, ähnlich wie die hiit für den Platz, wo ge- 
hütet wird, die Weide, und die pflege für den Bezirk, der der 
Pflege von jemand anvertraut ist, üblich sind . . . Die urslai^isch^ 
Form war *geupä, und zupa ist ein neues Beispiel für das von 
J. Schmidt gefundene, von E. Zupitza, Die german. Gutturale 
S. 145, und von Berneker, Indog. Forschungen X, 117 fl". näher 
begründete Gesetz, daß uridg. eu im urslawischen zu ü mit Er- 
weichung des vorangehenden Konsonanten geworden ist^).*" 

Neben zupam steht, auf die Nordslawen beschränkt, pam; 
öech. pän, Herr, panose, poln. pan, panosza, osorb. pan, paniy 
weißruss. panicuha, panscizna, russ. panscina, dial. neben 
barscina, lit. ponas, lett. pönis, rum. pan. Man dachte bisher an 
altindisch pä tueri*), und erst J. Gebauer kam auf Eigen- 
tümlichkeiten, die die Frage einer befriedigenden Lösung zu- 
führen; er hatte die Freundlichkeit, mir folgendes mitzuteilen: 

„Das Wort pdn (und ebenso panna und pani) besitzt im 
Böhmischen zwei Eigentümlichkeiten: 1. wird es zuweilen hpa^ 
geschrieben und 2. pflegt es eine vokalisierte Präposition zn 
haben, z. B. se panem (cum domino, statt s panem), ode päna 
(de domino, statt od pd?ia) u. dgl. Dies weist auf eine gewiß 
andere Lautung hin, als das heutige pan ist. Vielleicht war der- 
einst *gbpan\ daraus würden wir sowohl \, hpan, als auch 2.^^ 
panem u. dgl. erhalten." Hiezu bemerkt Hujer: Aus ^/a«a ent- 
stand nach Verlust des » : *gpamy welches sich im altböhm. hpdfi 



1) Bkugmann, Aksl. iupa „Bezirk", in den Indogerm. ForschungeOt 
XI. 1900, S. Ulf. — Auf die Wurzel geup- hat schon Uhlexbeck (Kuri- 
gefaßtes etymologisches Wörterbuch der altindischen Sprache, Amsterd&iB 
1899, S. 182) das slawische Wort iupa zurückgeführt. 

2) MiKLosiriT, Etym. Wörterbuch, s. v. panä. 



Die älteren Beziehangen der Slawen zu Turkotataren etc. 289 

erlialten hat. Dadurch gelaugt das yfori pam in nahe Verwandt- 
sebaft mit zupa, zupam . . . Somit haben wir in zupam und 
pclTt^ zwei Wörter von derselben Wurzel mit demselben SuflSx 
gebildet, nur daß pam ein primäres (ursprünglich ^gupänas), 
zupam dagegen ein sekundäres, von zupa (ursprünglich "^geupä) 
gebildetes Wort ist '). — Die von Brugmaxn auf linguistischem 
Wege ermittelte Bedeutung des Wortes zupa als regio pastoria -), 
und dann, im übertragenen Sinne, als die Gesamtheit der regio- 
nales, der compastoreSj ist noch im Altserbischen nachweisbar. 
^^ bestimmt das Gesetzbuch Kaiser Du^ans: 

,yDorf mit Dorf soll weiden; wo das eine Dorf, dort auch 
das andere, ausgenommen die gesetztnässigen Einhegungen und 
die gesetzmässigen Wiesen, (dort) soll niemand weiden." 

„Eine zupa soll der (andern) zupa nichts mit Vieh abweiden; 
findet sich ein Dorf in derselben zupa, welches Grundherrn 
immer . . . : diesem Dorfe soll niemand das Weiden verwehren, 
is soll weiden, wo auch die zupa*'^). 

Ist also zupa = regio pastoria, corapascua, was ist dann ein 
2upan? In Böhmen ist er ein hoher Würdenträger, in Serbien, 
vor Entstehung des Königtums, das Oberhaupt eines großen Ge- 
Metes, Grosszupan sogar Staatsoberhaupt. Das alles kann jedoch 
nicht die ursprüngliche Bedeutung sein, denn in der turkotata- 
rischen, zuletzt der awarischen Hölle schmolz jede einheimische 

1) HujKR, K etymologfii slova/<w/^ in den Listy filologick6, 31. ig. 1904, 
'^. 106. 

2) Der Reitemomade kennt, solange er die ungeheueren, oft viele Breite- 
?rade weiten Entfernungen zwischen Sommer- und Winterweide durchmessen 
'^'iß, den Begriif Gau, zupa, regio pastoria überhaupt nicht, dieser 
^tateht bei ihm erst, wenn er sich über ein anderes, ansässiges Volk lagert, 
*Qf dessen Territorium er hinreichende Sommer- und Winterweiden näher 
^«isammenfindet und seine angeborene Wanderlust durch Wohlleben und die 
Möglichkeit, nicht so weit herumziehen zu müssen, allmählich ged"mpit ist. 
^»im Aufgeben weiter Wanderungen kann er auch, wie es bei den Balkan- 
^^maden, den Wlachcn, der Fall ist, durch Umstände gezwungen werden. 
^ gelangt er zu Weide re vieren mit festen Grenzen, die er nie mehr 
•^Wschreitct, und zu diesem, für ihn neuen Begriff entlehnt er jenen Aus- 
'^ck, den er an Ort und Stelle vorfindet. 

3)3aKOHHK Cie^ana Jymana, na nono ii.aao n o^jacHiio 
^"f HoBaKOBHh. y Beorpajiy 1898, S. 191. Mian 74, 75. 



290 J« Peisker 

Organisation restlos; nur die Wanderhirten geboten im Lande 
und als solche waren sie die ^upane, als eine besondere 
herrschende Volksschicht. Eine derartige, sehr zahlreiche 2 n 
p an en Schicht werden wir noch in Daleminzien (im heutigen König 
reich Sachsen) und in Untersteiermark kennen lernen. 

Wir sehen, daß die etymologische Bedeutung des Worte: 
zupa^ zupam sich mit der Lebensweise der turkotatarischei 
Wanderhirten vollständig deckt : Die Zupane = Herren der zupa 
regio pastoria, Weiderevier ; der einzelne Zupan = Mitherr in de 
zupa und compastor, Weidegenosse. Und nachdem die Wander 
hirten einerseits die ganze Weide ausschließlich für ihre Herdei 
in Anspruch nahmen, andererseits alles Vieh, auf das sie trafen 
raubten (barantaf), konnte die geknechtete Slawenschicht gar 
keine Viehzucht treiben^). 

1) Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf einen störenden Irrtum aufmerk- 
sam machen : zupanos bedeute im Neugriechischen auch den Hirt, und lapc sei 
bei den Südslawen überhaupt im Sinne von Weideplatz (Rachfahl in den 
Jahrbüchern f. Nationalök. u. Statist. 3. F. 19. (74.) Bd. 1900, S. 211). 

Zupa kommt in diesem Sinne weder bei den Südslawen, noch sonst vor 
und zupanos ist im Neugriechischen gänzlich unbekannt Gustav Meyeb 
führt allerdings unter den slawischen, albanischen und rumänischen Lehnworten 
im Neugriechischen (Sitzungsberichte der phil.-hist. Kl. der Wiener Aka- 
demie 1894, Bd. 130, S. 29) ein slawisches Lehnwort Cowidvoc, praefectus pro- 
Tinciae, vel civitatis an, aber mit Unrecht, denn in seinen Quellen handelt es sieb 
dabei ausschließlich um Slawen und nicht um Griechen, es ist eben bloß ein 
in byzantinischen, Slawen betreffenden Quellen häufig vorkommendes slawisches 
Wort und kein Lehnwort im Neugriechischen. Das längst bekannte nea- 
griechische Wort xaojiTidvrj^, xoowdvTjs (lies tsobanis)^ xooitdvoc, Hirt, Schäfw, 
führt G. Mevek seltsamerweise gar nicht an. Passow, Popularia Cannin* 
Graeciae Recentioris, Leipzig 1860, S. 637 bemerkt : xooTtdvTjc = paator und 
leitet es von einem albanesischen Worte ab: xooßdvi. — Die Literatur 
verdanke ich Prof. K. Krumbachku. 

ToonTidvrjg, xooTtdvrjs, xöoßdvi hat mit slaw. iupan gar nichts zu schafffu, 
es ist das rum. cToban, Schafhirt, türk. (osman.) (oban (G. Meyer, Etyiu- 
Wtbch. der albanesischen Sprache, Straßburg 1891, s. v. tSobän\ nach VAm- 
i5i:kys gütiger Mitteilung aus alttürk. kojban, Schafhirt; das Wort sei a^« 
dem Persischen in das Alttürkische übergegangen. 

Prof. Maxim. Bittner hatte die Freundlichkeit, sich zu äußern: „^^/'*' 
Hirt, wird im Osmanischen nicht gebraucht, dafür hat der Osmane !(f^'> 
das aber persischen Ursprunges, nämlich aus persisch lubän (pehL ipan) herror- 
rregangen sein soll, mit t»^ statt i\ vgl. pabu^, Pantoffel (= neupers. /tf-Z'-O« ^^^ 



Die älteren Beziehungen der Slawen za Torkotataren etc. 291 

Ein Dasein ohne Viehzucht kannte bei inissischen Slawen, wie 
hion erwähnt worden, noch Konstantin VII. Pobphybogennetos 

zehnten Jahrhundert nach Christo, also nachdem die Slawen 
Kvrischen bereits vielemal auch durch das germanische Joch 
■g-angen sind und während dieser germanischen Beherrschungen 
inz gewiss wenigstens einige Viehzucht treiben konnten; denn 
e Germanen waren überhaupt nie Reitemomaden, unbegrenzte 
ebiete in einemfort durchwandernd, sondern Viehzüchter, die 
ch in Weiderevieren, Gauen, mit einigermaßen bestimmten Kon- 
nien abschlössen, innerhalb welcher sie — nach Caesar, B. G. 
V, 1 ; VI, 22 — immer neuen Rodungen folgend, Jahr für Jahr 
hre Wohnsitze weiterrückten. Die Lebensweise der alten Ger- 
manen ist uns hinreichend bekannt; wir wissen, daß sie den 
anterworfenen Völkern nirgends Viehzucht oder Ackerbau ver- 
wehrten; sie pflegten ihnen die Lebensbedingungen nur einzu- 
schränken, indem sie für sich so viel vorbehielten, als sie und 
ihre Herden beanspruchten. So verlangte Ariovist für seine 
Saeven von den Äduem das Dritteil des Landes und wollte es 
nachträglich um ein weiteres Dritteil erhöhen. Der Westgote 
behielt zwei Drittel und beließ dem Römer den Rest. Die mit 
den Langobarden nach Italien gezogenen, 575 zurückkehrenden 
Sachsen beanspruchten von den Nordschwaben zwei Drittel. Die 
Burgunder erhielten in Savoyen zwei Drittel vom Acker ^). 
'»Aber dies geschah nicht unter Räumung jener abgetretenen 



^onn mit /; d. i. also löbän oder ^öpän, kommt al)er auch im Neupersischen vor. 
^ilte dieses etwa mit kojban zusammenhängen, indem es ein altes turanisches 
Lehnwort wäre — mit Ühergaug von k m f^ resp. in /? Doch vgl. pehlevi 
^P^% Hirt! HoRN hält die Formen mit !, wenn ich ihn recht verstehe, für 
^alektisch. Wenn föbän turanisches Lehnwort wäre, müßte es zu den Os- 
'ßanen über Persien gekommen sein, wo die Endung -ban, die an das neu- 
Krs. -bän erinnert, dem Worte um so leichter Eingang verschafft habeu 
l^onnte; denn es ist wohl nicht anzunehmen, daß die Endung -ban im alt- 
^k. kcj-ban die persische Endung sei, ich meine, daß in kojban eine türkisch- 
Krsische Mißbildung vorliege, wie solche im Osmanisclien dort vereinzelt 
vorkommen, wo ein entlehntes persisches Suffix an türkisclie Elemente an- 
^% wird!" 

1) Meffzex, Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen und Ost- 
?«nnanen, der Kelten, Römer, Finnen und Slawen. I. Berlin 1895, S. 526 f. 



292 J« Peisker 

Länder, sondern durch Aufnahme der einzelnen deutschen Familie 
in die ihr amtlich zugewiesene Wirtschaft eines der Pro\inzialeii 
der dadurch gezwungen war, eine Teilung seiner Besitzung übe 
sich ergehen zu lassen" ^). 

Wohl war der wirtschaftliche Unterschied zwischen demrömischei 
Provinzialen des Westens und dem Slawen des Ostens so un- 
geheuer, daß wir die germanischen Einquartierungen in den 
römischen Provinzen nicht so ohneweiters auf die Slawenländer 
übertragen können, und nur das ist als gemeinsam anzunehmen, 
daß sich die Germanen auch in den Slawenländern nicht von 
der unterworfenen Bevölkerung auf abgesonderten Gebieten ab- 
schlössen, sondern mitten unter den Slawen zerstreut niederlielien 
und diesen in dem ihnen belassenen Bereiche eine solche Eigen- 
wirtschaft gestatteten, wie sie etwa ihre servi zu Tacitüs' Zeiten 
führten. 

Darüber berichtet Tacitus*) im Anschlüsse auf die Würfel- 
spielwut der Germanen: ist alles verspielt, dann setzt der Ver- 
lierende die eigene Freiheit und Person auf den letzten Wurf, 
und mißlingt auch dieser, dann begibt er sich ohne Widerstreben 
in die servitus. 

Servos condicionis huius per commercia tradunt, die serri 
dieser Art verhandeln die Germanen nach auswärts, um sieb 
selbst der Schande des Gewinns zu entledigen. Ceteris serz'is 
non in nostrum morem discriptis per familiam minisUriis 
utuntur, die übrigen servi gebrauchen sie nicht nach römischer 
Weise, so daß die verschiedenen Dienstleistungen unter die ein- 
zelnen servi partienweise verteilt wären •^). Anders bei den 
Germanen, deren servi alle Arbeiten gewissermaßen selbständig 
auf den ihnen eingeräumten Anwesen verrichteten ; zu einer Diff^ 
ren zierung landwirtschaftlichen Betriebes ist es noch nicht ge- 
kommen, die ja erst bei Großwirtschaften, welche dort noch 
nicht bestanden, nötig wird. 

suani qiiisque sedem, suos penates regit, der germanische 
servus hat sein besonderes Heim, seinen besonderen Herd, i^ 



1) A. a. 0. I. S. 521. 

2) Tacitus, Germania c. 24, 25. 

3) Ric'HAKD HiLDEBRAxi), Rccht Und Sitte. Jena 1896, S. 102. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zn Turkotataren etc. 293 

satze zu dem römischen, kasernierten Sklaven. Der ger- 
uhe servns wirtschaftete also einzeln für sich; er war auf 
i Anwesen eine besondere und abgesonderte Wirtschafts- 
t. 

umenti modum dominus aut pecoris aut vestis ut colofio 
it et servus hactenus paret, der germanische Herr legt 
i servus so, wie der Römer seinem col onus, dem kleinen 
ter, der kein Sklave ist, Abgaben an Getreide oder Vieh. 
lleiderstoflFen auf, und nur so weit steht der germanische 

in Pflicht, weiter gehen seine Verpflichtungen nicht, 
r servus der Germanen zinst ein Gewisses an Getreide 
rieh oder Gewebe, und was er darüber erzeugt, behält er 
?h, während der kasernierte römische Sklave alles und wo 
n aufgetragen wird, verrichten muß, ohne etwas zurück- 
en zu dür^n. 

tera domus officia uxor ac liberi exsequuntur, der Ger- 
bat keine Haus Sklaven, die in seinem Hause Arbeiten zu 
iten hätten, denn seine servi besitzen ihre besonderen und 
mderten Anwesen, und die häuslichen Arbeiten im Hause 
rermanen besorgt seine eigene Frau und seine eigenen 
r. Der Germane kannte eben keinen Luxus, sein Haus war 
1, so auch seine Bedürfnisse, und dazu reichte die Arbeit 
rau mit Kindern aus. 
rberare servum ac vinculis et opere coercere rarum, den 

zu geißeln oder mit Fesseln und Zwangsarbeit zu strafen 
ten, zum Unterschiede zu dem römischen Sklaven, dessen 

Arbeit dem Herrn gehörte, folglich widerwillig geleistet 
. Der römische Herr brachte die überschüssigen Erzeug- 
seiner Sklaven zum Verkaufe auf den Markt ; solche Märkte 

jedoch in Germanien unbekannt, dort wurde nur so viel 
t, als der Hausbedarf erforderte, und dieser war leicht 
ald befriedigt. Der servus des Germanen hatte bestimmte 
en zu entrichten und sonst nur für seine Lebensbedürfnisse 
rgen; es lag demnach kein Anlaß vor, ihn durch Zwang 
rbeit anzutreiben, seine Kraft auszupressen wie bei den 
Itreibenden römischen Sklavenhaltern. 
cidere solent, non disciplina et severitate, sed impetu et 



294 J. Peisker 

ira, ut inimicum, nisi quod impune est, der Germane mag seinen 
Sklaven wohl töten, nicht um zu züchtigen, aus Strenge, sondern 
aus Ungestüm und Zorn, wie einen Feind; das war nicht straf 
bar, denn der servus war des Herrn Sache, Eigentum, wie Pferi 
und Ochse; die Tötung eines servus, der nicht ihm gehorte 
mußte er wohl durch Zahlung des bestimmten Wergeides büßen 

Der servus des Germanen war somit zwar ein freies Eigentun 
des Herrn, wirtschaftete jedoch auf seinem abgesonderten Anwesei 
und blieb nach Ableistung gewisser Giebigkeiten sonst so ziemlicl 
ungeschoren, solange er es verstand, Zorn und Argwohn des Herrn, 
an dessen Belieben sein Leben hing, von sich fernzuhalten. 

Indes darf ein wichtiges Moment nicht übersehen werden, 
welches zwar von Tacitüs nicht ausdrücklich bezeugt wird, sicli 
jedoch von sich selbst ergibt: Ist nämlich der servus trotz seinei 
wirtschaftlichen, sit venia verbo, Selbständigkeit ein unbedingte.« 
Eigentum des Herrn, das dieser ganz nach Belieben auch ver- 
nichten kann, so gilt dasselbe auch von allem, was der servus 
besitzt; das wurde ihm nur zu seinem Lebensunterhalt belassen, 
ein Recht und namentlich ein Erbrecht darauf hat er nicht. Und 
nachdem die altgermanischen Lehnwörter im Slawischen eine 
westgermanische, vorgotische als die älteste erkennbare ger- 
manische Knechtschaft der Slawen unwiderleglich bekunden, sc 
ergibt sich daraus sogar die Möglichkeit, daß sich unter den serr 
der Germanen bei Tacitus Nachkommen von aus Osteuropa mit 
gebrachten slawischen Knechten befanden, denn das auswan 
demde Herrenvolk wird nicht seine kostbarste Habe, seine servi 
gänzlich im Stiche gelassen haben. Ist dies richtig, dann w^ 
auch das taciteische Staatswesen zweischichtig: eine stammfremd^ 
germanisierte Bauernschicht, von einer germanischen Herren 
Schicht beherrscht. 

Nun haben wir erfahren, wie der turkotatarische Reiterhir 
und wie der germanische Viehzüchter knechtet, und sind in de 
Lage, diese zwei Formen der Knechtschaft gegenseitig abztt 
schätzen. Die germanische Knechtschaft äußerte sich in einer an 
Iialtenden, einigermaßen geregelten, wenn auch harten Beherrschuoi 
durch im Lande selbst, inmitten der Unterworfenen, daoem< 
weilende Herren; die turkotatarische dagegen in steter Todes 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 295 

lügst vor dem Einbrüche der auswärts hausenden oder im 
51awenlande bloß wintemden Horden, die, so oft es ihnen einfiel, 
ien Unterworfenen plünderten und das Land mit Mord und Brand 
aberzogen, wogegen die, jeder Organisation durch die ewige 
Knechtschaft beraubten Slawen wehrlos waren. Und so kann 
es nicht wundernehmen, wenn Slawen die germanische Knecht- 
schaft denn doch vorzogen und zu Germanen sogar Gesandt- 
schaften schickten mit der flehentlichen Bitte, die Herrschaft über 
sie zu ergreifen, wie dies von den Russen der Chronist Nestok 
ausführlich berichtet: 

Im Jahre 636 j (= Sjp) nahmen die Waräger, die von jen- 
seits des Meeres eingebrochen sind, von den Tschuden und Slo- 
vhen und Meriem und Vesen und Krivicen Tribut; und die 
Chasaren (ein uralaltaischer Volksstamm) nahmen von den Pol- 
Janen und den Sjeveranen und Vjaticen: je ein weisses Eich- 
hJmichenfell von jeder Herdstelle (dym) . , . Im Jahre 6j68, 
^3^9j (^370 (= 860 — 862) vertrieben sie die Waräger über das 
Meer und entrichteten ihnen den Tribut nicht. Und sie fingen 
«Ä, sich selbst zu regieren, aber es war kein Rechtszustand 
unter ihnen, und es stellte sich Geschlecht gegen Geschlecht^ und 
Hader war unter ihnen, und sie fingen an, einander zu bekriegen. 
Ind sie sagten: Lasset uns einen Knjaz aufsuchen, der 
uns beherrsche und rechtlich richte. Und sie gingen über 
das Meer zu den Warägern, den Russen, denn so hiessen diese 
^»Varäger: Russen, so wie die einen sich Svejen (Schweden), 
die anderen Nurmanen, Angljanen und die anderen Goten 
^fnnen, so auch diese. Es sagten den Russen die Tschuden, 
^lovinen, Kriviien und Vesen: Unser Land ist gross und 
fruchtbar, aber keine Ordnung ist darin; kommet, 
^her uns zu herrschen und uns zu verwalten. Und es 
^^achen drei Brüder auf mit ihren Geschlechtern, nahmen alle 
Russen mit und kamen. Und es Hess sich der älteste in Ladoga 
(^ohl Xovgorod) nieder, Rurik, und der zweite, Sineus, in Bilo- 
^^0, und der dritte, Truvor, in Izborsk, Und von diesen 
^^ardgern erhielt seinen Namen das russische Land . . . ^). 

1) HEcnop-b. Russische Annalen in ihrer Slavonischen Grundsprache ver- 
glichen, übersetzt und erklärt von A. L. Sciilozeu, 2. Teil, Göttingen 1802. 



296 J. Peisker 

Nicht, als ob die germanische Herrschaft besonders mild ge- 
wesen wäre ; dies war sie, wie wir gesehen, wahrlich nicht, aber die 
iiralaltaische war noch viel schrecklicher und durchaus bestiaUscli. 
Dem Germanen war der slawische Bauer, der Smerd, etwa wie 
ein Haustier, mit einer gewissen Pflege, dagegen dem Uralaltaier 
ein Jagdtier, das man zu Tode hetzt oder zum Verkaufe emfängt. 

So berichtet Nestor: 

Als das Slovinenvolk an der Donau wohnte, brachen von 
Skythien, das ist dem Chasarenlande, die sogenannten Bulgaren 
ein und Hessen sich an der Donau nieder. Und sie waren Be- 
dränger der Slovinen, Hierauf kamen die Weissen Ungarn und 
erbtest das Slovhienland , , . Um diese Zeit waren auch die 



S. 153 ff. — ScHAi^AiUK, a. a. 0. H. S. 68 f. — Chronica Nestoris. Textnm 
russico-slovenicum edidit Miklosich. Vindobona 1860 S. 9 f. 

Ähnliches trug sich etwa 238 Jahre zuvor hei den b{5hmischen Slawen 
zu, nach Fredegar, Historia Francorum (geschrieben um das Jahr 660) cap. 48: 
Anno XL regni Chlothariae (also 623 — 624) homo nomen Samo, natiüne frantcs 
de pago Senonago, plures secum negutiantes adciuit, exercenduffi negudum »» 
Sclauos coinomento Vuinedos perrexit. Sclauiiam contra Auaris coinomento Chmi 
et regem eorum Gagano ceperant reuellare, Vuinidi Befulci Chunis fuerant iaf 
aöantiquitout cum Chuni in exereitum contra gentem qualibet adgrtdiebant, Ckw^ 
pro castra adunatum illorum stabant exereitum, Vuinidi uero pugnabant. St i^ 
uincendum preuaieöant, tunc Chuni predas capiendum adgrediebant ; sin autm 
Vuinidi supercU?antur Chunorum auxilio fulti uirebus resumebant ; ideo Btfulci 
uocabantur a Chunis eo quod dublicem in congressione certamine uestila prili^ 
facientes ante Chunis precederint, Chuni aemandum [hiemandum] annli 
singulis in Esclauos ueniebant , uxores Sclauoruifi et fili^^ 
eorum sirato sumebant , tributa super alias oppr es siones Seh"' 
Chunis s luebant, Filii Chunorum quos in uxores Vuinodorum et ßi*^ 
qenerauerunt tandem non subferentes maliciam ferre et oppressione Ckunef^ 
dominacione negantes ut supra memine ceperant reuellare. Cum in exercito Vtänüd 
contra Chunus fuissent adgressi Samo negucians quo memoraui superius ^* 
ipsos in exercito perrexit, ibique tanta ei fuit utiletas de Chunis facta u[t] miru«i 
fuissct et nimia multitudo ex eis gladio Vuinidorum trucidata fuisset, Viä^ 
cernentes utilitatem Samones eum super sc eligunt regem, ubi XXX et V an^^ 
regnauit feliciter . . . G. Mf)Xoi>, fitudes critiques sur les sources de rhistoire 
M^rovingienne. II. La compilation dite de „ F r e d e g a i r e ". Texte. Paris 1S85, 
S. 138 f. — Monumenta Germ, bist, Scriptores rer.Meroving.il. FrEI>^' 
CAR c. 48. 

Wie später die AVaräger Russen, wurde Samo von den aufstÄndischeo 
Slawen gebeten, sich mit seiner Gefolgschaft an ihre Spitze zu stellen« 



Die filteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 297 

waren (Obre), die mit Kaiser Heraklius Krieg führten, und 
fehlte wenig, dass sie ihn gefangen hätten. Die Awaren 
kriegten die Slovinen und marterten die Duljeber, ein 
^ovinenvolk, und taten Duljeberfrauen Gewalt an. Und wenn 
n Aware eine Fahrt zu unternehmen hatte, so Hess er weder 
n Pferd, noch einen Ochsen vorspannen, sondern befahl, drei 
ler vier oder fünf Frauen an den Wagen zu spannen und den 
waren zu fahren; und so marterten sie die Duljeber^). 
Eingehender schildert die awarische Knechtschaft Fredegak : 
Schon von alten Zeiten her wurden die (böhmischen) Wenden 
m den Chunen (Awaren) als „BefulcV' gebraucht, so dass, 
enn die Chunen gegen irgendein Volk ins Feld zogen, sie 
Ibst sich vor dem Lager aufstellten, die Wenden aber kämpfen 
ussten. Siegten nun diese, so rückten die Chunen vor, um 
eute zu machen; unterlagen jedoch die Wenden, so sammelten 
e, auf der Chunen Hilfe gestützt, neue Kräfte. Darum wur- 
m sie Befulci von den Chunen genannt, weil sie^ vor ihnen 
nherzogen und im, Treffen einen doppelten Kampf bestanden, 
edes Jahr kamen die Chunen zu den Slawen, um bei ihnen 
i überwintern; dann nahmen sie die Weiber und Töchter der 
lawen und schliefen bei ihnen, und zu den übrigen Misshand- 
ingen mussten die Slawen den Chunen noch Abgaben zahlen» 
^ie Söhne der Chunen aber, die diese mit den Weibern und 
ochtern der Wenden erzeugt hatten, ertrugen endlich diesen 
^ruck nicht mehr, verweigerten den Chunen den Gehorsam ufid 
■iannen . . . eine Empörung'^). 



1) Hectopt, a. a. 0. S. 112 flf. — Schafakik, a. a. 0. ü. S. 58 f. — 
•iBgabe MiKLf)8i('H S. 5 f. 

2) Nach 0. Abels Ühersetzung in den Geschichtschreibern der 
«iUchen Vorzeit VII. 3, Berlin 1849, S. 32 ; in der 2. Gesamtausgabe XI. Bd., 
^pzig 1888. S. 26. Text siehe oben S. 296 Anm. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich den Bericht in der „Kirchengeschichte *^ 
'^ syrischen Monophysiten Johannes, Bischofs von Ephesus oder Asia, 
^r die in das oströmische Reich im Jahre 581, also 42 Jahre früher, ein- 
'^rochenen Slawen besprechen, weil er sich ohne Heranziehung der An- 
^ben Fredegars nicht leicht verstehen lässt: VI. Buch, 24. Geschichte, von dem 
^*^i>Micken (e. garstigen) Volke der sogenannten Awaren : Dieses Volk nun, das nach 
tnct Haaren Awaren ieisst, kam in den Tagen des Kaisers Justinianus und 



298 J. Peiflker 

FREDEGArg Bericht darf gewiß nicht dahin verstanden werden, als ob 
die Slawen den Sommer über von den Awaren ganz frei gewesen wären. So un- 
klug waren die Awaren wohl nicht, denn sonst hätten sich die Slawen 
immer wieder zusammenschließen können und von den Awaren von neuem 



Hess sich im römischen Lande sehen . . . [Zu Zeiten Kaiser Tiberius*], im JritUn 
Jahre seiner Regierung nach Justins Tode [681], ließen sie eine Brücke Über 
die Donau schlagen und verlangten, er solle ihnen entweder die Stadt Syrmium 
am Übergange jenes Flusses geben . . ., oder sie wollten mit ihm kriegen , , . Er akr 
Hess sich durchaus nicht dazu bewegen . . . sie versammelten sich , . . und bauten 
eine zweite Brücke . . . 26. Geschichte : Im dritten Jahre . . . der Regierung des siti' 
reichen Tiberius [581] zog das verwünschte Volk der Slawen aus, durchzog ganz Hellas, 
die thessalischen und thrakischen Provinzen, nahm viele Städte . . . ein, verheerte . . • 
und beherrschte das Land und wohnte darin ganz frei und ohne Furcht, wie in 
seinem eigenen. Das dauerte vier Jahre lang und so lange als der Kaiser mit dem 
Perserkrieg beschäftigt war und alle seine Heere nach dem Orient schickte. Da- 
durch hatten sie im Lande freies Spiel, bewohnten es und breiteten sich bald darin 
aus, bis Gott sie [hinaus] warf Sie , , , plünderten aber bis zur äusseren 
Mauer [die Kaiser Anastasius zum Schutze Konstantinopels hat errichten 
lassen], so dass sie alle kaiserlichen Herden . , . und die der übrigen erbeuteten. 
Und siehe! bis auf den heutigen Tag, welches das Jahr 8gs [d. i. 684] "^ 
wohnen . . , sie in den römischen Provinzen, ohne Sorge und Furcht, plündernd, 
mordend und brennetid, sind reich geworden und besitzen Gold und Silber, Pferde" 
herden und viele Waffen und haben gelernt, Krieg zu füJiren, mehr als die J^öner, 
[Und doch sind es] einfältige Leute, die sich ausserhalb der Wälder und hin:- 
freien [Gegenden] nicht sehen zu lassen wagen und nicht wissen, was eine Waft 
sei, ausgenommen zwei oder drei Lonchadien, d, h, Wurfspiesse, JOHANNE!^ 
von Ephesus, Kirchengeschichte. Aus dem Syrischen übersetzt von Schön- 
felder. München 1862, S. 253 ff. 

Die Slawen erschienen auf dem Balkan mit den Awaren gleichieitig» 
als ihre Knechte, befulci nach Fredegar, als Vortruppen, die zu kümpfö» 
und zu siegen hatten, wonach erst die Awaren losbrachen und Beute 
machten. Diese hatten es als Eeitemomaden besonders auf die Herden, 
namentlich Pferde, abgesehen, auf Viehraub, die berüchtigte baranta, die 
den turkestanischen Wanderhirten bis zu ihrer Niederwerfung durch die 
Russen ein Hauptvergnügen war (Vambkry, Das Türkenvolk. Leipzig 18B&y 
fe. 306). Als Wauderhirten hielten sich die Awaren im Sommer, der Weide 
wegen in den Bergen und Waldregionen auf, in kleine Horden von 
wenigen Jurten zerstreut, und viele Slawen mnssten mitziehen, w» 
die erbeuteten Herden hüten zu helfen. Dadurch erklärt sich die Ang«^ 
Johannes', daß sie sich außerhalb der Wälder und holzfreien Gegend«» 
nicht sehen zu lassen wagen, was an sich eine alberne Bemerkung wSie- 
Die Angabe von ihrer Kriegsuntüchtigkeit stimmt im allgemeinen, di* 
brachte ihre endlose Knechtschaft mit sich. — In Übereinstimmon? 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Tnrkotataren etc. 299 

orfen werden müssen. Vielmehr ist anzunehmen, daß die Awaren 
e Garnisonen und eine besondere Verwaltung unter den Slawen auf- 
lielten, um die Geknechteten im Zaume zu halten, die auferlegten 
leiten einzutreiben und die nötigen ,,Befülci^ auszuheben, indes der 
tock der Awarenhorden jedes Frühjahr die Slawendörfer verließ, um 
neu Herden den Sommer über die Gebirge zu beweiden. 



•HANNES von Ephesus sagt auch der wenig ältere Prokopios (f 568), 
lo Got. in. 14], die Slawen kämpften zu Fuß mit kleinen Schilden 
urfspießen, ohne Panzer, einige sogar ohne Leibrock und Mantel, 
t einer Bruch um Hüfte und Lenden . . . aber sie wären nicht bös- 
1er schurkisch, vielmehr arglos und einfältiger Sinne. Daß hier Johannes 
hesus Awaren von Slawen nicht unterscheidet, ist erklärlich, nicht nur durch 
schung zwischen uralaltaischen Herren und slawischen Knechten, sondern 
lurch die mehrfach beobachtete Tatsache, daß der Wanderhirt die 
e des Volkes lernt, in dessen Mitte er Winterquartiere nimmt. So sind 
rthen medisch, Millionen von Bumänen slawisch, griechisch, albanesisch 
ien, und IbrIhIm ibn Jaküb sagt XI.: Mächtige Stämme aus dem 

[welche sich einiger der Slawenländer bemächtigt haben und zwischen 
"vohnenjt sprechen slawisch infolge ihrer Vermischung mit ihnen. Die 
nsten von diesen sind Trsjkint die Ongliin^ die Petschenegen, die Russen 
e Khazaren (Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit. X. 6. 
:iND und Abraham Jakobsen. 2. Aufl. Leipzig [1891], S. 144). 
lawen*^ haben auch den Peloponnes überschwemmt und ihm, wie einige 
D, den heutigen Namen Morea gegeben. Sie sind als Volk spurlos 
gründen; dies wäre nicht leicht denkbar, wären sie Bauern gewesen, 
in erklärlich, wenn man annimmt, sie waren vorwiegend Hirten, slawi- 
Uralaltaier, welche dann in der übrigen Bevölkerung aufgegangen 

wie später so viele rumänische einstige Wanderhirten Griechenlands, 
i wäre das Gegenteil dessen richtig, was Safarik meint : „Wer weiß, ob 
raren, welche sich im Jahre 689 im nördlichen Peloponnes ansiedelten 
»rt 218 Jahre verblieben, nicht ganz oder wenigstens zum Teil Slawen 
m sind, zumal diese, die Kampfgenossen jener, so häufig Awaren ge- 
werden" (ScHAFARiK, a. a. 0. IL S. 191). Slawische „befulci" werden 
üls dabei gewesen sein. 

itreffend urteilt Krumbacher: „Die Awaren bilden den Slawen gegen- 
nr eine wenig zahlreiche Adelskaste. Es ist übrigens bemerkenswert, 

diesem Jahrhundert meist numerisch schwache uralaltaische Stämme 
oen und Slawen unterjochen ; sie müssen also eine militärische, politische 
dstige Superiorität besessen haben; man denke an die Hunnen (als 
^rren der Goten und anderer Gennanenstämme, die Awaren, die Bul- 
** — Krumbacher, Geschichte der Byzantinischen Literatur. 2. Aufl. 
len 1897, S. 944 Anm. 

TtdjAhrtehr. f. Social- n. WirtfchafUg«schicht«. III. 20 



300 J» Peisker 

Und der arabisch schreibende Perser Ibn Rosteh [Ibn Dasta] 
berichtet (vor dem Jahre 913): 

Sie [die Magyaren] leben in Zelten und ziehen auf Futter- 
U7id Weideplätzen herum. Ihr Land ist ausgedehnt. An einer 
Seite grenzt es an das Römische (= Schwarze) Meer, in welches 
zwei Flüsse anfinden . . . Beim Herannahen der Winterseit 
ziehen die näher wohnenden an einen dieser Flüsse, bleiben dort 
solange der Winter dauert, indem sie sich mit Fischfang be- 
schäftigen . . . Das Land der Magyaren ist reich an Bäumen 
und Wasser, der Boden ist feucht, und es gibt auch viel Acker- 
land. Die Magyaren herrschen über sämtliche mit ihnen be- 
nachbarten Slawen, zwingen dieselben zur Erfüllung schwerer 
Pflichten und gehen mit ihnen wie mit Gefangenen um. Die 
Magyaren sind Feueranbeter. Sie bekriegen die Slawen, machen 
dieselben zu Gefangenen und führen sie längs dem Meeresufer 
nach einer zu dem Römerlande gehörigen Stadt, namens Kerck 
. . . Wenn die Magyaren mit ihren Gefangenen nach Kerck 
komfnen, ziehen die Römer [Griechen] ihnen entgegen; alsdann 
die Magyaren sich mit ihnen in Handel einlassen, die Ge- 
fangenen übergeben und dafür im Tausch griechische Brokate, 
Teppiche und sonstige griechische Waren erhalten'^). 

Genau so verfuhren bis zu ihrer Unschädlichmachung durch 
die Russen die Reiterhirten Zentralasiens mit den Persem. Hie 
überzogen das unglückliche Land mit ununterbrochenen Raub- 
zügen, machten dabei alles, was sich zur Wehr setzte oder nicht 
fortgeschleppt werden konnte, nieder, und was arbeitsfähig war, 
verkauften sie in die Sklaverei. „Man rechnet — erzählt Yam- 
BERY — , daß unter den Tekketurkmanen gegenwärtig [nämlich 1865] 
mehr als^ 15000 Reiter Tag und Nacht auf räuberische Exkur- 
sionen sinnen, und man kann sich leicht eine Vorstellung davon 
machen, wie viele Häuser und Dörfer, wieviel Familienglück von 
diesen habsüclitigen Räubern zerstört wird." 

„Die Hauptfrage im Leben des Turkmanen ist die alaman, d. h. Bäu^ 
gesellschaft ... Er ist sogleich bereit, sich zu bewaffnen und sein Pferd «* 
besteigen, sobald er eine Einladung . . . erhält. Der Plan zu einem solcbfB 
Unternehmen wird immer selbst vor den nächsten Anverwandten geheim^ 

1) VAmukkv, Der Ursprung der Magyaren. Leipzig 1882, S. 116. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 301 

Iten, und nachdem der Serdar (Anftthrer) gewählt, von einem Mollah der 
^en gespendet ist, begibt sich nach Anbruch des Abends jeder auf ver* 
liedenem Wege nach dem früher zum Sammelplatz bestimmten Ort. Der 
igriff geschieht immer entweder zur Mittemachtsstunde, wenn man gegen 
vfohnte Orte rückt, oder bei Sonnenaufgang, wenn eine Karawane oder 
ndliche Truppe angegriffen werden soll. Der Angriff der Turkmanen ist 
e bei den Hunnen und Tataren, eher ein Überfall zu nennen; die At- 
^kierenden teilen sich . . . und stürzen von mehreren Seiten auf den nichts- 
aenden Raub zwei-, selten dreimal, denn ein turkmanisches Sprichwort 
ft: Versuche Z7veimal, aber kehr das dritte mal um. Der Angegriffene muß 
ir entschlossen sein oder sich sehr stark fühlen, um einer derartigen Über- 
mpelong Widerstand zu leisten; bei den Persem ist dies nur selten der 
ill, und sehr häufig ereignet es sich, daß ein Turkman gegen fünf, oft 
ch mehr Perser mit Erfolg den Kampf aufnimmt . . . ,Oft geschieht es^ 
gte mir ein Nomade, ,daß die Perser aas Furcht die Waffen wegwerfen^ 
ricke verlangen und sich gegenseitig binden. Wir brauchen nur vom Pferde 

steigen und den letzten zu binden' ... ich bin fast geneigt, zu glauben, 
& es der alte, in der Geschichte bekannte Schrecken vor den Tataren des 
)rden8 ist, der sogar den Kühnsten seines Mutes beraubt Und doch wie 
oer muß die Feigheit gebüßt werden! Wer beim Überfall niedergehauen 
ird, ist glücklich zu schätzen. Dem Mutlosen aber, der sich auf Gnade und 
^gnade ergibt, werden die Hände gebunden, und entweder nimmt ihn der 
nter auf den Sattel, wobei ihm die Füße unter dem Bauch des Pferdes 
isammeugebunden werden, oder er treibt ihn vor sich her oder bindet ihn . . . 
1 den Schweif des Pferdes. Auf . . . tagelangem Wege muß er dem Räuber 

die öde Heimat folgen.^ 
Die Gefangenen, welche von ihren Angehörigen nicht losgekauft werden 
»onten, wurden nach Chiwa, Buchara u. s. w. in die Sklaverei verkauft, und 
dche man zum Viehhüten zurückbehielt, denen wurden die Sehnen an den 
irsen durchgeschnitten, damit sie nicht fliehen können % 

Die Berichte Fredegars, Ibn Rösters und Nestors bilden 
B Ganzes, sie stellen dar die Skylla und die Charybdis, die 
^ei voneinander so verschiedenen Formen der Knechtschaft, 
tischen denen das Slawentum ungezählte Jahrhunderte lang 
in und her pendelte. Namentlich ist Nestors Bericht von einer 
greifenden Lebenswahrheit: Die Slawen Völker schmachten in 
^^\ getrennten Knechtschaften. Gegen die eine, die uralaltaische, 
ibt es am Rande der Steppe überhaupt kein Aufkommen von 
^nen aus, denn der Räuberhirt ist nicht verdrängbar, er hält 

1) VAMBiiRY, Reise in Mittelasien. Leipzig 1866, S. 264 f., 62—69, 190 f. 
•Aufl. Leipzig 1873, S. 293f., 65—71, 211]. — Wenjukow, Die russisch- 
'iatischen Grenzlande, Leipzig 1874, S. 483. 



302 J. Peisker 

nicht Stand und kann nicht in seinen Steppen erfolgreich 
griflFen werden; er verschwindet wie der Blitz, um bald v 
von einer andern Seite einzusch wärmen. Dagegen ist dei 
manische Unterdrücker wohl verdrängbar und wurde wied 
verdrängt; allein was nützt dies dem sodann freigewor^ 
Slawen, nachdem er die erkämpfte Freiheit zu genießen 
gelernt hat, sich staatlich aus sich selbst nicht organisieren I 
Dies letztere gilt übrigens von jedem solchen Knechtenvolke; 
die taciteischen servi der Germanen hätten sich, wenn ihnc 
Vertreibung ihrer Herren gelungen wäre, kaum aus sich selbs 
richten können. Der Slawe konnte wohl ab und zu da« 
manische Joch abschütteln; was tauschte er aber dafür 
Freiheit? Nein, sondern Anarchie, das dritte, nicht we 
schwere Unglück, und mußte schließlich die Wiederkehr 
germanischen Herrschaft erbitten, die ihn ja unmittelba 
vor zur Empörung trieb. 

Über eine der germanischen, nämlich die altnordische 
Schaft gibt uns der Lehnwörterschatz einigen Aufschluß, und 
das Wort aksl. vit^zt, welches Uhlenbeck wohl richtig aus a 
vikingr ableitet (siehe oben S. 258). Die Schrecken der Wiki 
züge hat auch Westeuropa verkosten müssen, und sie sin( 
aus der Geschichte wohlbekannt. Die Skandinavier unteni 
wiederholt die nördlichen Slawen schon seit alters her^) 
ließen sich dort als Vikingr nieder. Das Wort wurde in 
wischen Munde zu vit^zh und bedeutete noch zur Zeil 
deutschen Herrschaft bei den Daleminziem die Schicht 
Krieger, Kriegsknappen zu Roß. Die deutschen Urkunden n< 
sie Withasen*). Hier waren sie eine Art milites a^ 



1) ScH.u-^ARiK a. a. 0. IL S. 66 ff. 

2) 1122 wird bestätigt, daß der edle Wigmaun alle seine Güte 
Kloster Kaltenbrnnn vermacht hatte, cum eo iure hominum et pratdiorui 
sui antecessores ipsis fruebantur, homines scilicet in quinque iustitiis, ut ti 
knechte» zmurde, lazze, heyen, kor um quemcumque secundum ^enus suum. 

1181 wird in den Vogteirechten des Petersklosters auf dem Laute 
bestimmt, dass statutis tantum temporibui seniores villarum, quos lingu 
supanos vocant [das sind die „eldesten" der vorigen Urkunde], et in equ 
vientes, id est withasii [vicazi, die „knechte" der vorigen ürkimde], ad c 
vinciaie jus, quod lantdinc dicitur, veniant, qui, quae dicuntur^ jubentur, tfj 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 303 

über wohl mit leibeigenen Hintersassen ; unter den 210 Dörfern, 
ie bis in das 14. Jahrhundert unmittelbar unter dem Amte 
[eißen standen, waren nach dem Bedeverzeichnis des Amtes 
rom Jahre 1334) 60 sub rusticis qui dicuntur Witsezen, die 
brigen unter ^upanen als Ortsvorstehem ^). Unstreitig waren 
owohl die ^upane als auch diese Withasen Nachkommen von, 
ien Slawen volksfremden, mit der Zeit släwisierten Machthabem, 
md zwar die Withasen direkte Nachkommen von nordischen 
W^ikingem. Das Leben und Treiben der Wikinger in den 
Slawenländem wird von der Saga von den Jomswikingern 
deutlich beleuchtet: 

Palnatoki war der waffengewaltigste Wikinger nnter seinen Zeitgenossen. 
Nachdem er in Irland erfolgreich geplündert, gedachte er im Wendenlande zu 
beeren. Damals herrschte über Wendenland der heidnische König Borisleif, 
dem Dänenkönig zinspflichtig. Der slawische Name soll uns nicht täuschen, 
er war wohl entweder turkotatarischer oder, wie die russischen Ruriklden, 
nordischer Herkunft. Mit dem Eindringling ließ er sich in einen Kampf gar 
lucht ein, sondern bot ihm die Herrschaft über das Land, das Jom hieß, an, 
&Qf daß er das Reich mit ihm gemeinsam verteidige, wenn Krieg entstünde. 
P&hatoki nahm an und baute eine starke Seeburg mit einem trefilichen Hafen, 
die Jomsburg. Dann gab er seinen Wikingern Gesetze, welche die Zucht 
vifs höchste steigerten und die Besatzung unüberwindlich machten. So saßen 
$ie zu Jomsburg in gutem Frieden und beobachteten die Satzungen. Jeden 
Sommer fuhren sie aus der Feste und beerten weit herum in den Landen. 
Am Sterbebette empfahl Palnatoki Sigwald zu seinem Nachfolger. Burisleif 
entgegnete : „Oft waren eure Katschläge trefflich, und es soll auch der, den 
ilir jetzt gebt, befolgt werden . . . Wenn wir zu fürchten haben, nicht 
l^ger deines Rates zu genießen, so sind wir um so mehr verpflichtet, deinen 
letzten zu erfüllen. Bei dir war unsere größte Stärke gelegen, und unser 
^ich haben seit deiner Herkunft fremde Völker weniger beängstigt." So 
^fde Sigwald Anführer der Jomswikinger, verstand es aber nicht, die Zucht 
*ofrechtzuerhalten. Den König Burisleif stellte er vor die Wahl: entweder 



'(atuun/ur, suis referant; ceteri litt, vide licet hoc est zmurdi, qui quotidiano 
^triicio imperata faciunt, et hi, qui censuales [= lazze] ecclesia, vel proprii 
I== beyen] sunt, apud se domi maneant. — Knothe, Die verschiedenen Klassen 
slawischer Höriger in den wettinischen Landen während der Zeit vom 
11- bis zum 14. Jahrhundert, im Neuen Archiv für sächsische Geschichte 
^^ Altertumskunde. IV. Band. Dresden 1883, S. 3 f. — Meitzen, a. a. 0. 
^I- 8. 241. 

1) B. V. Schönberg, Geschichte des Geschlechts von Schönberg. (Leip- 
H 1878) Band II, S. 263. — Meitzen, a. a. 0. H. S. 241. 432. 



ov^ J. Peiaker 

i^W er if-f J^aisbor;^ *ai .>d«r erhalte BuriBleifs Tochter Astrid zur Frau. Der 
Koai^ aatwc^r'rte: ^Idi hab* se einem höherstehenden Manne zu vermähl« 
c^daehc lU «ia htst. AWr ich habe es nötig, daß da in der Jomibor^ 
bleibet, uzd vir voIl«a nun Rat hahea . . .** Hierauf sagte er znr Tochter: «Ich 
*A ünd«h:e. dM& vir di«$e Aagekgenheit in Klugheit schlichteten nnd dodi so^ 
tiab :^irald aiohi toü Jomsbarg fortfahre, denn ich bedarf seiner sehr nr 
LandesT^neidi^nmg meines Rdches. Astrid entgegnete : „Ich will Sigwald nit 
'r:«'hte!i mm Gemahl . . . Will er durchaus die Heirat, so soll er nichts 
«^erin^e? erföUen: er soll Windland Ton dem Zinse befreien, so diB es des 
!>Inenkoni£re nkhts mehr in entrichten hat, nnd dann muß er machen^ dtfi 
Dlnem;irks Ki^nig Svdn hierheriLomrae mit nicht mehr B^leitem, als diB 
ihr ihn in Tofler Gewalt habt ...*") 

Die Erzählung ist die beste IHnstration zu der Botschaft der 
Slawen an die Waräger Süssen in der Chronik Nestors: Der 
wehrlose Slawe fugt sieh den Wikingern freiwillig, denn er weil, 
(laß sie sonst gewaltsam vorgehen würden. Für den alten Slawen 
^-ab es nur drei Möglichkeiten : entweder eine uralaltaische oder 
eine germanische Herrschaft oder Anarchie, und diese drei Zn- 
stände machen so ziemlich seine ganze Voi^eschichte aus. Dabo 
ist wahrzunehmen, daß es in der Regel nicht ein ganzes Ger- 
nianenvolk, sondern nur eine wenig zahlreiche, aber waffengewandte 
(icfolgschaft war, die sich großer Slawenländer zu bemächtigeB 
verstand. In wenigen Generationen hörte sie jedoch auf, ein 
fremdes Element zu bilden, sie ging unter den UnterworfeDö» 
sprachlich unter. Dieser sprachlichen Assimilierung verfielen auck 
die Waräger Russen, die das ganze Slawenland von dm 
äußersten Norden bis zu dem Schwarzen Meere unterworfett 
hatten, und schon der vierte warägische Beherrscher Rußland», 
Svjatoslav, war der Sprache nach slawisch. Man muß sich dem- 
nach einen solchen germanoslawischen Staat so vorstellen, dai 
einer au Zahl verschwindend kleinen Herrenschicht germanische 
Herkunft und Kriegstüchtigkeit eine sehr zahlreiche, unbewebitc 
slawische Bauemschicht unterstand. Die den Warägern unter- 
tänige Slawenschicht hieß Sm erden. Dieser Name ist ohne 
Zweifel älter als die älteste germanische Beherrschung der Slawen 



1) F. KiiuLL, Die Geschichte Palnatokis und der Jomsborger nach ^ 
jüngsten altnordischen Bearbeitnng erzählt. Graz 1891—1892, im XXH. 
und XXIII. Jahresbericht des Zweiten Staats-Ojninasiams in örtf» 
Zeile 489-643, 839-887, 994. 



Die älteren Beziehuiigeii der Slawen zu Turkotatareu etc. 305 

l dürfte mit einer der turkotatarischeu Knechtscliafteu zusammeu- 
igen, wenn er sich auch aus dem Turkotatarischen ebensowenig 
Taren läßt wie aus dem Germanischen. „Man denkt — sagt 
CLOSiCH — an snterd- (= stinken) und an pers. mard, Mann : 

das erstere wahrscheinlich, an das letztere sicher mit Un- 
ht" '). Die Ableitung von persisch merd rührt von SafakIk 
*, der es unter den von ihm für sarmatisch gehaltenen Lehn- 
rtem anführt*). „Man bedenke aber — schreibt mir Uhlen- 
L'K — , daß npers. märd im altiran. ^marta- lautete! Wäre 
raus nicht eher russ. (statt des heutigen smerd'b) morot, poln. 
att smard) mrot entstanden?" Es ist somit wahrscheinlicher, 
ß schon die ersten turkotatarischen Bezwinger der Slawen das 
ort smerdh — welches sodann denn doch auf aksl. smrbditi, stinken, 
rückginge — entweder bereits vorfanden oder aber, selbst rasch 
iwisiert, bildeten, indem ihnen als Galaktophagen und Bewohnern 
« lufdgen Zeltes, insbesondere aber als Angehörigen der gelben 
isse, der slawische Bauer als Vegetarier mit seiner elenden dumpfen 
ihausung, namentlich aber als Arier, gar widerlich stinken mußte. 

Der Japaner Dr. Ada(hi') schreibt: „. . . Für die Japaner ist der 
ruch der Europäer sehr auffallend, besonders der der EnropSerinneu. 

ist stechend und ranzig, . . . bald süßlich, bald bitter. Oft ... so 
Jk, daß er das ganze Zimmer erfüllt . . . Man könnte glauben, daß 
■ Europäer von ihrem eigenen Geruch nichts wissen oder ihn doch 
niger empfinden als die Japaner. Soviel aber ist gewiß, daß die Euro- 
är nicht wissen, daß ihr Geruch ihnen eigentümlich ist . . . Die meisten 
paner . . . finden den Geruch der Europäerinnen anfangs sehr widerlich, nach 
naten aber nicht mehr, endlich oft sogar mehr angenehm und wollüstige 
Stellungen hervorrufend . . . Der Geruch steht zweifellos mit der Ge- 
ilechtstätigkeit in Zusammenhang . . . Was für Geruch die gelben Rassen 
)e&, ist diesen selbst nicht bekannt, und auch ich konnte bei ihnen nicht 
en allgemeinen Geruch finden ^), wie bei Europäern oder Negern. Aller- 
g8 kommt auch bei Japanern, aber nur höchst selten*) und meist bei 



1) MiKLOsicH, Etymologisches Wörterbuch, s. v. smerdü, 

2) S( ILVFARIK, a. a. 0. L, S. 359. 

3) Adachi, Geruch der Europäer. Globits, 83. Band, 1903, S. 14 f. 

4) ^Man sagt, Chinesen riechen. Dieser Geruch ist aber nicht Körper- 
lich, sondern rührt mehr von der ünreinlichkeit her." 

5) „An einen so hochgradigen Geruch, wie ich in Europa jeden Tag zu 
•bacht<?n Gelegenheit habe, kann ich mich bei Japanern nur in einigen 
Uen erinnern." 



306 J. Peisker 

• 
Frauen „Yeki-shiu" vor, der dem Europäergeruch gleich ist. Nach chineaiscka 
medizinischen Büchern kommt dieser Gremch auch bei Chinesen selten vor. Ein 
Japaner, der ,Yeki-8hiu' [Achselgrubengestank] an sich hat, ist militärfreL Und 
eine mit diesem Geruch behaftete Japanerin ist wegen der Schwierigkeit der 
Heirat häufig unglücklich . . . Für gewöhnlich riecht die Achselgrube des Japaners 
gar nicht, weder für Japaner, noch für Europäer, selbst bei lang vernachlässigter 
Eeinigung nicht . . . Jedenfalls ist es eine unbestreitbare und auffallende Tat- 
sache, daß die Schweißdrüsen der Europäer viel größer sind als die der Japaner, 
bei denen man die Drüsen makroskopisch nicht finden kann. Man darf aber nicht 
allein von stärkerem Schwitzen den Geruch des Europäers ableiten wollen; 
stark schwitzende Japaner haben gewöhnlich auch keine riechende Gmbe. 
Bezüglich mikroskopischer Untersuchungen der Achseldrüsen muß ich einst- 
weilen auf später verweisen. Worauf es mir hier ankam, war — als im 
Gegensatz zu den Japanern — hervorzuheben, daß die Schweißdrüsen der 
Achselhöhle bei den Europäern größer sind und daß die Grube riecht.^ 

Es meidet auch der Beduine geschlossene Ortschaften wie die Pest — Der 
turkotatarische Häuptling stellt in das ihm von den Russen gebaute und ^ 
schenkte Haus sein krankes Vieh ein und schlägt für sich auf dem Hofe sein 
Zelt auf. „Der Oezbege gebraucht . . . noch heute das . . . Steingebäude seines 
Gehöftes zur Kornkammer und Stallungen, während er selbst mit Vorliebe 
das mitten im Hofe aufgeschlagene Zelt bewohnt. Ja wir haben es mit ein- 
gefleischten Nomaden zu tun, weshalb es uns gar nicht wundem soll, Haus, 
Gefängnis und Hölli von ein und derselben Wurzel abgeleitet zu sehen** % - 
Der alte Germane ließ die schönste eingenommene römische Villa verfalle» 
und flocht sich daneben seine Hütte. — Nach Eiwilis Vita S. Sturmi abbatis 
cap. 7 kam der Heilige, einen Esel reitend, zum Fuldaflusse, iM ma^» 
Sciavoru m muUitudimm reperit . . . lavandis corporibus se immersisse, (fuoru» 
nuda Corpora animal . . . pertimesctns, tremere coepit : it ipse znr De't eom» 
f oetor e m exhorruit .. .'-) 

Während so der turkotatarische, slawisierte Bezwinger der 
Slawen die Bauernschaft smrbdi, ,die Stinkenden' nannte, nahm 
er als ausschließlicher Nutzer der zupa, des Weiderevieres, den 
Namen zupan an, welches Wort wir oben S. 289 f. in der Grund- 
bedeutung compastor, Weidegenosse, kennen gelernt haben. Und 
es ist bezeichnend, daß bei den, von den Waräger Russen unter- 
worfenen Slawen zwar die Smerden, nicht aber die 2npane vor- 
kommen ; diese einstige turkotatarisclie Herrenschicht unterlag eben 
den Warägern und wurde ausgerottet. Bei einigen Slawenvölkem 
erhielt sich jedoch diese alte, vorgermanische Herrenschicht der 



1) Vamberv, Die primitive Cultur, S. 76. 

2) Monumenta Germ. bist. Scriptores II. S. 369. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 307 

le, 80 bei einem Teile der Alpenslawen, den Slowenen, 
tersteiermark, während sie bei einem anderen Teile von 

im heutigen Kärnten, ebenfalls unterging. Bei den Dale- 
jm in Meißen finden wir zwischen der Schicht der 2u- 
und der Schicht der Smerden die Schicht der Withasen, 
, ein nordisches Einschiebsel, welches sich etwa so, wie 
aga von den Jomswikingem erzählt, in die bestehenden 
Itnisse, im Einvernehmen mit den ^upanen oder vielmehr 
>taatsoberhaupte, als Kriegerkaste einfügte, 
if diese Art fänden die termini zupam, vit^zhj Sfnerd^ ihre 
iche Erklärung. Es könnte jedoch auffallen, daß die turko- 
chen Gewalthaber einen slawischen Titel, zupan, ange- 
en hätten, wenn nicht Analoga vorlägen: 
\% spezieU türkiscb und ans dem grauen Altertume stammend dünkt 
r Titel Chunkiar, osm. Hünkar , Hünkiar, [von mir gesperrt :] nicht 
das Wort, das rein persischen Ursprungs ist, sondern 
Bedeutung, die tief im Leben der türkischen Nomaden wurzelt und 
m Verhältnisse der Familie auf das des Staates übergegangen ist. 
nadischen Familienleben wird nämlich das älteste, stärkste und er- 
ste Mitglied mit dem heiligen Amte der Blutrache betraut und bei 

Stämmen als kan gözUr (Blutspäher), bei anderen als chunkiar (wört- 
essen Angelegenheit das Blut ist) bezeichnet, und in der Tat wird die 
(Dichtigkeit dieser Pflicht durch nichts so sehr in Relief gebracht, 
"ch den Umstand, daß die Obliegenheit desselben zum Ehrentitel des 
;n- oder Stammeshauptes und später ein Attribut der Fürstenwürde 
en ist"»). 

a anderes Beispiel : „• . . und es bestanden bei den Türken [= Magyaren] 
Stämme, utid sie erhobin Niemanden zum Archon über sich, weder eifun 
tiscktn, • noch einen Fremden, sondern es waren unter ihnett ge7visse 
t*"). Es ist das slawische vojevoda, ,Herzog*, daraus magy. vajda, 
i vajvoda, MiKLO.sicH, Etym. Wtbch. s. v. voj, 
)enso können slawisierte Turkotataren von den Slawen das 
zupam angenommen haben. 

ir die Wechselfälle in den wirtschaftlichen Verhält- 

i der alten Slawen ist nichts so bezeichnend wie die Nomen- 

fdr M i 1 c h. Der Slawe hat für diesen BegriflF drei Ausdrücke : 



Vambekv, Die primitive Cultur des turkotatarischen Volkes, Leipzig 
S. 136 f. 

Konstantin P(>RpiivK()c;ENNKros, de adrainistrando imperio cap. 38. 
be Bonn S. 168. 



308 J* Peisker 

1. aksl. "^I^ZL, gen. vilize, Biestmilch, aus dem S 
melz-, dazu das Verbum mhzq, mlisti, aus melsti, w 
*nilizb ist zu erschließen aus nslow. mlizva, mlizivo, niliz 
mlezivoj slowak. mledzivo, klruss. molozyvo, russ. molozivo, 
milch ; poln. mlodzivo, Biestmilch, scheint nach äIiklosich, 
Wtbch., 8. V. melz-, auf russisch molozivo beruhend, mit 
zusammenzuhängen. Durch Steig, molz^i serb. mlaz, die 
die beim Melken auf einmal hervorschießt, bulg. mlaznica, 
bare Kuh. Das slawische z in melz- ist ein palatales g, 
a[As>.Yo), lat. mulgeo, irisch melg, ahd. m'elchan, melken 
märj, zend. marz, streifen. Der Stamm melg-, slaw. melz-, 
auf einen näheren Zusammenhang der westidg. Völker geg 
den ostidg. (Kluge, Etym. Wtbch., s. v. melke?i). 

Das Wort *mlizb ist echt slawisch. 

2. aksl. und gemeinslawisch tvarogi», geronnene 
Topfen, nach Vambery ein turkotatarisches Lehnwort; d2ag 
turak, Käse^); türk. torak, Käse (Miklosich) ; osm. turus 
gesäuert; jakut. tur, gesäuerte Milch-). — Griech. -rjpo; 
dann ebenfalls ein turkotatarisches Lehnwort. 

3. aksl. mISko, Milch im allgemeinen, ein westgermau 
voralthochdeutsches Lehnwort. Siehe oben S. 260 flF. 

Von allen diesen drei Wörtern ist nur eines echt sh 
nämlich 7nlizb. Und merkwürdig! Während, etymologis 
nommen, es „Milch" im allgemeinen bezeichnen sollte, 
tatsächlich nur an einem S p e z i a 1 begriff haften geblieben : 1 
milch, das ist jene Milch, die vor und gleich nach dem 
des Jungen aus dem Euter hervorsprießt, also Säugemilch, 
dem wir nun wissen, daß infolge der Nomadenknechtsch 
Slawen keine Viehzucht trieben, demnach auch keine Nut 
die gemolken aufgefangen und aufbewahrt wird, kannten 
uns die Spezialisierung des altslawischen Ausdruckes für 
nicht mehr befremden. Die Slawen kannten eben währen< 



1) Vamrery, Öa^ataische Sprachstudien, Leipzig 1867, S.260. - 
BKRY, Die primitive Cultur des turkotatarischen Volkes, Leipzig 187! 
— VAmreiiv, Der Ursprung der Magyaren, Leipzig 1882, S. 268. 

2) VAmb6ry, Etym. Wtbch. der turkotatarischen Sprachen, 
1878, S. 185 f. § 198. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zw Turkotataren etc. 309 

eh langen Zeit nur jene Milch, welche aus der Mutter- 
nd dem tierischen Euter, zum Säugen bestimmt, hen^or- 

die Biestmilch, und auf diese bezogen sie dann den 
ek *mUzh, welcher zuvor ohne Zweifel Milch im all- 
3n bedeutete, die gemolkene miteinbegriffen, 
aber bei ihren nomadischen Herren, die doch Galakto- 
waren, mußten sie auch Nutzmilch gesehen haben, so 
en der BegrifiF nicht hätte abhanden kommen können ? Um 
1 Sachverhalt zu ermitteln, müssen wir früher feststellen, in 
n Zustande die Nomaden ihre Milch aufbewahren und ge- 

nach VÄMBERYs gütiger Mitteilung verschmähen sie die 
ilch überhaupt, denn sie halten sie für ungesund; sie 
de, frisch gemolken, in Lederschläuche, deren gesäuerte 
and sie sofort zum Gerinnen bringt und zu Topfen macht. 

können die Nomaden gar nicht verfahren, denn für sie 
dene Gefäße ob ihrer Schwere und Gebrechlichkeit und 
ene Holzgefäße, die nach dem Austrocknen zerfallen, 
endbar, da sie alle überdies schwer verschließbar sind, 
mfang, ob voll, ob leer, beibehalten und das nur auf dem 

von Lasttieren transportable Wandergepäck überflüssig 
cm würden; daher können sie zur Milchbewahrung nur 
ihläuche verwenden, das unverwüstlichste Gefäß, leicht ver- 
gär und unschwer zu befördern; davon können sie sogar 

aufstapeln, die, im leeren Zustande zusammengerollt, 
ringsten Raum einnehmen, denn Ersparnis an Umfang 
;wieht ist für den Nomaden ein wichtiger Vorteil. Somit 
hnen den Lederschlauch nichts ersetzen; dabei brauchen 
ne Töpferei und Böttcherei zu lernen, auf den ewigen 
•ungen, besonders in der baumlosen Steppe, ohnehin un- 
e Geschäfte. Die Slawen sahen somit bei ihren Nomaden- 
nur geronnene Nutzmilch, Topfen, Käse, und nahmen 
en bei den Nomaden gebräuchlichen Ausdruck auf: turak, 

im slawischen Munde zu tvarog wurde, 
i wurden Germanen Herren im Slawenlaud, und die fiilirten 
nz andere Milchwirtschaft, denn sie zogen nicht in eineni- 
rum, wohnten nicht unter Zelten, Jurten, sondern in 

ein Jahr lang auf einer und derselben Stelle. Sie 



310 J. Peisker 

übten schon Töpferei, verfertigten irdene Schüsseln und Napfe 
mit glatten Wänden, die gewaschen, reingehalten werden konnten, 
in denen also die Milch längere Zeit hindurch im süßen Zustande 
haltbar war. 

Die Slawen kannten die Milch in diesem Zustande als Volks- 
nahrung bis dahin nicht, und da sie dafür keinen eigenen Aus- 
druck besaßen, nahmen sie die germanische Bezeichnung als 
Lehnwort auf. 

Mlizh — tvaro£^ — ntliko, diese Trias ist der so lange 
entbehrte Wegweiser in das fernste, dunkelste Altertum der 
Slawen ; sie ersetzt diesen teilweise das, was die Germanen an 
Tacitus' Germania besitzen; sie ist sogar älter und läßt nur eine 
Deutung zu. 

Alles, was uns Reisende des Altertums, des Mittelalters und 
der Neuzeit bis zur Gegenwart über das Vorgehen der Reiter- 
nomaden gegen die unterworfenen Bauemvölker in vollster Über- 
einstimmung erzählen; was Fredegar über die Cechoslawen, 
Ibn Rosteh und Konstantin VII. Porphyrogennetos über die 
[Süd]ru8sen berichten ; alles, was die älteste Schicht der gemiÄ- 
nischen Lehnwörter im Slawischen in Verbindung mit dem einen 
turkotatarischen Lehnworte bezeugen ; alles das gestaltet sich har- 
monisch zu einem klaren Bilde des abwechselnd von Turkotataren 
und Germanen maßgebend beeinflußten altslawischen Daseins voller 
Gegensätze, die erst in überaus hartnäckigen Kämpfen zu einigem 
sehr labilen Gleichgewicht sich abschleiften. 

Das unterjochte Slawentum als Bauemschicht wird von einer 
Hirtenschicht beherrscht, die entweder turkotatarisch, reiter- 
nomadisch, oder germanisch, viehzüchterisch und kaum selbst mit 
eigenem Ackerbau ist. Und eine solche Zweischichtung mi* 
mehr oder weniger gemilderten Gegensätzen hat sich bei mehreren 
slawischen Völkern bis tief in die historische Zeit erhalten, bei 
anderen wieder infolge hergebrachter Disposition sogar von 
neuem gebildet. 

Dazu stimmen aUe übrigen Nachrichteu über die alten Slawen: 
Den ältesten Bericht entdeckte Müllenhoff in den tbeologisch«^^ 
„Fragen und Antworten", welche vom Patriarchen Photios (f um 6^0) 
dem Bruder Gregors von Nazianz, Caesarius von Nazianz (f 368), t%^' 



Die mteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 311 

-ieben, jedoch nach Müllen hoff (Deutsche Altertumskunde, 2. Bd., Berlin 
7, S. 368) erst um das Jahr 580 oder wenig später, nach Seeck (Pauly's 
1-EncycL d. klass. Altertumswissenschaft, neue Bearb. v. Wissowa. 6. Halb- 
d, Stuttgart 1897, col. 1800) dagegen vielleicht schon Ende des 4. oder 
ang des 5. Jahrhunderts abgefasst worden sind. 

Pseudo-CAESARius von Nazianz cap. 110: ütb^ tk ol iv BaßuX&vi, orzoi 
iv Y^veovrai, t^ \i\,af.fQL[ilcf. x&v d(iaC(ia>v Tcapoivouoi ; nS)^ 8' iv ixipq) x(ii^(iaxi 
tc ol SxXauiQvol xal ^uocovtxai, ol xal Aavo6ßioi icpo^aYopsuöticvoi, ol (liv 
xtxo}iaoToßopoOoiv ifiita^, 8iÄ z6 lunktipSio^i xou fdXa%zo^, )iu&v dlxijv 
; (ncoxlx^^uc xalg lUxpaig iicopdrcovrs^, ol bi xal t9)c vo)ii)iT2S xal ddtaßXifj- 

xpscoßoplac dicixovrai ; xal ol (liv Oicdpxouoiv a6^d8sic, a&xövo|ioi, dvigYC(iö- 
coi, ouvsxd^C dvaipoOvtc^, ouvso^öpitvci ^ ouvoSsöovxs^, xöv o^c&v fiys^iöva 

ifX^^tt) dXcimcxac xal xd^ iv8p6)ious xdxxag xal (loviou^ iod-lovxs^ xal 
Xt^xeov Äpirff o^d^ icpooxaXoöticvoi * ol bk xal dMiT^ayla^ dicixovxai xal 
TUXÖYTi &icoTflercö|Jitvoi xal öntlxorcsg '). 

Der ungewöhnlichen Ausdrucksweise halber sei hier eine Übersetzung 
refugt: 

me kimtmt es, daß die Badylorüer, wo immer sie sich einßtiden, das Laster der 
isckande mit Blutsverwandten begehen ? Warum die am andern Ende der Welt 
inenden Skiawenen und Physoniter» die auch Danubier genannt werden, 
' einen mit Vorliebe Weiberbrüste essen, weil sie der Aiilch voll sind^ und die 
*g^^^ wie /hatten an Felsen zerschmettern, die andern dagegen sich des 
'tü'uhen und unbedenklichen Fleischgenusses enthalten? Und die einen sind 
t«, selbständig, sich keitum Hegemon fügend, häufig ihren Hegemon und Archen 
n gemeinsamen Afahle oder Marsche tötend und Füchse und wilde Katzen 
i Schweine essend und als Verständigungsruf das Wolfs geheut anwendend ; die 
deren enthalten sich dagegen der Gefräßigkeit und ergeben und fügen sich 
I ersten besten. 

So befremdlich dieser Bericht auch scheinen mag, enthält er dennoch 
1 Wahrscheinliches. Zwei denkbar schroffste Gegensätze bestehen da hart 
>eneinander: Die einen sind Galaktophagen, bisweilen mit 
r, sonst allerdings nicht bezeugten, perversen Gier, 
illende Weiber zu überfallen und ihnen die Milch auszu- 
Qgen. Diese Gier ist mit Roheiten verbunden; der Säugling wird von 
u Wüterich umgebracht, die Mammilla mitunter weggebissen, und so mag 

Übertreibung entstanden sein, daß die Brüste selbst gegessen wurden. D i e 
^eren sind Vegetarier, weil sie keine Viehzucht haben und die Jagd 

«inem halbwegs regelmäßigen Fleischgenuß nicht ausreicht. 

Die einen sind kriegerisch, autonom, fügen sich keinem 
^frscher, sondern töten häufig ihren Hegemon, sobald sie 

1) MüLLENHOFF, Deutschc Altertumskunde II. S. 867 aus Dücaeus* 
'^liotheca veterum patrum, Paris 1624, S. 588. — Patrologiae cursus 
^pletug. Accurante J.-P. Migne. Patrologiae graecae tom. XXXVIII- 
^ri« 1882, col. 985. 



312 J- Peisker 

seiner überdrüssig werden; sie essen allerlei Raubzeug, weilsieihrc 
Herden schonen und ihr Vieli nicht gern schlachten; durch nachgeahmte« 
Wolfsgeheul geben sie einander Signale'). Die anderen frönen, wie 
alle Vegetarier, der den Kamivoren eigenen Gefräßigkeit nicht, lie 
sind überdies wehrlos und fügen sich einem jeden, der über sie her- 
lallt, T$ XüXÖVXt. 

Ein kriegerisches Volk hat hier ein unkriegerisches, das 
sich dem ersten besten fügt, zum Nachbarn und wird es jeden- 
falls auch geknechtet haben; dies ergibt dann eine Zwei- 
Schichtung, wie sie schroffer garnicht gedacht werdenkann: 
Die herrschende Schicht sind Milchesser, demnach Vieh- 
züchter, mit Fleischgenuß, während die gekuechtete Schicht 
Vegetarier, also Bauern, sind. 

Prokopios von Caesarea (f 558), de hello Gothico III. 14: •Enal Js i 
XÖYOC iteptqpepdiisvog ig ÄTcaytag -^X^ev 7^Y«Cpovxo jiev ini xoöxcp 'Avxai (s^tiv* 
dTcavxeg, xoivyjv 8i elvat xrjv npot^iv :?]giouv ... Td yap Id-ztj xa3xo^ SxXaJtiv« 
TS xal "Avxat, oöx fipxovxat npög dvöpog Ivö^, dXX" Sv ÖTjp-oxpaxlqflx 
TcaXaiou ßioxeuouoi * xal 8ia xoOxo aöxotg x&v icpaY{j.dxa)v dtl xd xt ^u}!^ 
xal xd ÖüoxoXot Sg xotvdv &Yexai. 'OjioCcos Öä xal xd dXXa (Ag slicstv) Ä^ovra 
Ixaxipoig eaxE xs xal vevö[iiaxai xouxoig dvco^sv xoTg ßapßdpoig . . . olxoOct ^i 
Sv xaXößat^ olxxpatc ÖteoxYjvYjjiivot noXXcp [liv dw* dXXifjXcöv, dfielßovxc^ bh &; w 
:ioXXd xdv x^^ ivoixVjoeco^ Ixaoxoi xö)pov. Die große Zerstreutheit und der 
sehr häufige Wechsel des Wohnsitzes kann sich nur auf die Hirteiischicht 
der ^upane beziehen, weU der Bauer höchstens nur einmal im Jahre den 
jeweiligen Platz aufgeben kann, seinen [Brand]acker verlassend, um einen 



1) VAmbekv, Primitive Cultur des turkotatarischen Volkes, S. 130 
schreibt: „. . . die Parole im Krieg, uran, oran oder ören genannt, welche 
nach Barers Aussage zu Kriegszeiten aus zwei Worten bestand, von welchen 
das eine auf den einzelnen Stamm, beide auf die Armee Bezug hatten. 
Dieses dünkt mir jedoch eine Sitte spätem Ursprunges, denn in der ältesten 
Zeit war die Parole eine einfache, auf die einzelnen Stämme bezügliche, 
mittels welcher im Schlachtengetümmel oder in der Dunkelheit der Nacht 
das vom Stamme getrennte Individuum seine Angehörigen zu erkennen und 
aufzufinden imstande war. Ich habe diese sonderbare Sitte selbst in Er- 
fahrung gebracht, und das Schauerliche der Szene, als auf einem nächtlichen 
Marsche durch die Hyrkanische Steppe das verzweiflungsvolle uran eines in 
stockfinsterer Nacht veriiTten Turkomanen zu unsem Ohren drang, ist mir 
ewig unvergeßlich. Der Mann schrie aus Leibeskräften ein mir unbekanntes 
Wort, die turkomanische Reisegesellschaft lauschte lange beklommenen Herzens, 
doch der Ruf blieb unerwidert ,Es ist ein Tckke-Uran', hörte ich sagen, man 
ging seines Weges, und der Verirrte setzte sein Angstgeschrei noch eine 
Zeitlang fort.*^ Jeder Stamm hat seine eigene, uralte Parole: uräsan, tal^J' 

>':auli, U. S. W. 



Die Siteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 313 

len anzulegen. Seiustverständlich bezieht sich auch die Örjiioxpaxta nicht auf 
unterworfenen Slawen, die Smerden — die hatten als rechtlose Knechte nichts 
zureden — , sondern ebenfalls auf die slawisierten 2upane; die lebten 
Qokratisch, keinen Herrscher, £px«0V| kennend, wie alle Wanderhirten, deren 

Sit venia verbo — Verfassung patriarchalisch, der Familie entlehnt ist: 
kalar = die Grauen, und Atalar = die Väter, galten von jeher als 
Zeichnung für Vorgesetzte und Männer höherer Stellung und hohem Ranges, 
3 denen mit der Zeit ein besonderes Geschlecht von aristokratischer Färbung 
h herausgebildet hat, das ebenso sehr des Ansehens ... des gesamten 
»ikes sich erfreute, als das Oberhaupt im engen Kreise seiner Familie, 
d itr Aksakai = Graubart, im weitem Kreise seines Geschlechtes')". 
^Während meines Aufenthalts unter den Turkmanen hat mich am meisten 
ippiert, daß ich keinen entdecken konnte, der befehlen, aber auch keinen 
izigen, der gehorchen wollte. Der Turkman selbst pflegt von sich zu sagen : 
'ir sind ein Volk ohne Kopf, wir wollen auc h keinen haben; wir 
nd alle gleich, bei uns ist jeder ein König, Bei den politischen 
htitntiouen aller übrigen Nomaden flndet man mitunter einen Schatten 
n ßegierang, in der Person der Aksakale bei den Türken ... und der 
'h<ich bei den Arabern; bei den Turkmanen ist von diesen allen keine 
>ur. Die Stämme haben wohl ihre Aksakale, doch genießen diese nur bis 
1 einem gewissen Grade Ehren ; man lieht und duldet sie so lange, als sie 
re Suprematie nicht durch besondere Befehle oder durch Großtun zu er- 
nnen geben [ein prächtiges Gegenstück zu dem soeben vemommenen Bu- 
chte des Pseudo-CAE.sAKius über die ihre Häuptlinge häufig tötenden 
üawenen oder Physoniter!]. Der Leser wird nun fragen, wie denn diese 
rtichtigten Räuber, deren Roheit wirklich grenzenlos ist, miteinander leben 
»rnien, ohne sich gegenseitig zu vertilgen. Dies ist auffallend; aber noch 
cit auffallender wird es scheinen, wenn ich sage, daß trotz dieser schein- 
en Anarchie, trotz aller Wildheit unter ihnen, solange sie sich nicht 
fentliche Feindschaft erklärt haben, weniger Raub und Mord, weniger ün- 
'rechtigkeit und Unsittlichkeit vorkommt, als unter den übrigen Völkern 
"eng, deren soziale Verhältnisse auf der Basis islamitischer Zivilisation ruhen, 
»e Bewohner der Wüste werden von einem alten und mächtigen Könige 
Jbemcht, ja oft tyrannisiert, der ihnen selbst unsichtbar ist, den wir aber 
' dem Worte deb (bei den Kirgisen töre\ Sitte, Gebrauch, deutlich erkennen. 
w den Turkmanen ^drd strengstens befolgt, was der Deb befehlt, und ver- 
^«cheut, was er verbietet . . . Auf den Einfluß der Aksakale zurückkommend, 
oUen wir bemerken, daß diese zwar in den Berühningen mit Fremden, 

B. wenn man mit Persien, Rußland oder fremden turkmanischen Stämmen 
1 tttu hat, im allgemeinen den betreflfenden Stamm vertreten, daß sie aber 
^ht bevollmächtigte Gesandte sind. Wie machtlos sie sind, haben Rußland 
^^ Persien am meisten erfahren können, da diese mit großen Kosten die 
Is^akale an sich zu ziehen suchten, um den Räubereien Einhalt zu tun, aber 

1) VÄMBfeRV, Primitive Ciiltur, S. 132. 



314 J- Peisker 

bis heute nur wenig Erfolg hatten. . . . Eine Hauptstütze des sozialen Bandes 
ist das feste Zusammenhalten sowohl der einzelnen Abteilungen als auch des 
ganzen Stammes. Jeder Turkman, selbst das Kind im vierten Jahre, weiß 
schon, welcher Taife und Tire es angehört, und er weist immer mit einem 
gewissen Stolz auf die Macht oder Zahl seines Clans hin, da dieser eigent- 
lich die Waffe ist, die ihn gegen Willkür anderer schützt, und im Fall einem 
einzelnen Gliede etwas zuleide getan wird, der ganze Stamm Genugtuung 
fordern muß"*) [vgl. oben S. 307 über den Chunkiar], 

„In der mir gegenüber gemachten Äußerung eines turkomanischen Gran- 
bartes: , WrV sind £in kopfloses Volk, bei uns ist jeder ein Padisckah' liegt der 
eigentliche Grundgedanke der Verfassung der . . . Steppenbewohner türkischer 
Zunge, und von demselben ist nur dort und dann abgegangen worden, wenn 
irgendein Nomadenvolk, durch eine geschichtliche Begebenheit oder durch 
sonstige Motive im gewöhnlichen Gange des Alltagslebens gestört, sich zu 
einer außerordentlichen Tat gedrängt sah. Sowie der Stamm der Kariok im 
Nordosten . . . und der Stamm der Turkomanen im Süden des heutigen Zentral- 
asiens nur durch das Auftreten der Mongolen unter Däengiz von der ruhigen 
Existenz eines Hirtenvolkes auf die Bahn der weltstürmenden Begebenheiten 
gedrängt, sich auf eine Zeitlang einem Führer unterwarf und auf dessen 
Befehl sich in Bewegung setzte, ebenso haben die 7 oder 8 Stämme der 
Magyaren nur dann erst dem Oberbefehle Arp&ds sich untergeordnet, nach- 
dem sie . . . von den Petschenegen zum Aufsuchen einer neuen Heimat teil- 
weise gezwungen, auf ihren Wanderungen in fremden Landen ... die leitende 
Suprematie eines einzelnen anzuerkennen sich genötigt sahen ... Die Frage 
daher, ob die Regierungsform unter Arp&d monarchisch oder streng despotisch 
gewesen sei, muß auch schon deshalb als eine müßige betrachtet werden, 
weil bei Nomaden, nach den Grundbedingungen der Gesellschaft zu urteilen» 
nur das Föderatirsystem als einzige Regierungsform möglich ist, ,dies aber 
auch nur dort und dann, wo die Interessengemeinsamkeit stark genug v^ 
das im Naturell der Nomaden liegende Gefühl einer unbändigen Willens- 
freiheit wenigstens einige Zeitlang zu unterdrücken. In solchen FäUen, die 
in der Geschichte durch das Erscheinen glücklicher und begabter Heerführer 
hervorgerufen wurden, hat es auch unter Vorsitz des siegreichen Helden 
gemeinsame Beratungen in Angelegenheiten der zu unternehmenden Schritte 
gegeben, folglich eine Volksversammlung oder Versammlung, ••* 
türkisch . . . jt^Vl, oder auch Rat, . . . türkisch tan^i . . ., wie dies in den 
Kuriltai der Mongolen unter Dsengiz geschah, oder in den Kuren der Türken, 
ein Wort, das seiner heutigen Bedeutung nach = Gesellschaft, Versammlung 
ist, ehedem aber auch Truppenabteilung . . . bedeutete und in gewissen Teilen 
des türkischen Sprachgebietes noch den Begriff Gespräch, Beratung ausdrückt. 
Nun wäre es allerdings eine viel zu kühne Hypothese, wenn wir in diesen 
Versammlungen eine Art gesetzgebenden Körpers entdecken sollten . . • ^** 

1) VAmueuv, Reise in Mittelasien, Leipzig 1865, S. 249—251. 2. Aufl- 
1873, S. 288—290. 



Die älteren Beziehnngen der Slawen zu Torkotataren etc. 315 

tsetz war .. . nur ein Gewohnheitsgeeetz, denn die Grundbedeutung des hieflir 
. . . Türkischen existierenden Wortes . . . töre ist eigentlich das Aufge- 
nmene . . .* '). 

Vamb^ry's Ausführungen über die Turkotataren der Neu- 
iit decken sich auffallend mit den Nachrichten über die 
Iten Slawen; ganz natürlich, denn diese ^ySlawen**, denen die 
achrichten gelten, waren nichts anderes als slawisierte 
arkotatarische Herren der Slawen, die ^upanenschicht — 

Nur die Turkotataren der Steppe erfreuen sich dieser, am meisten bei 
en Tui^manen auffallenden Ungebundenheit. Anders die Nomaden der 
entralasiatischen Gebirge, z. B. die Eara-Eirgisen. Diese zerfallen in Ge- 
blechter und Stämme, welche von selbstgewählten Ältesten, manaps genannt, 
1 ziemlich despotischer Weise regiert werden. Venjukov versichert, daß 
ir die am meisten zu schätzenden Manaps diejenigen gelten, die bei ihren 
orten einen Galgen haben und sich nichts daraus machen, grösserer Ver- 
ehen Schuldige, wozu übrigens ein Räuber nicht gerechnet wird, aufzuhängen*). 
Sie dnd überhaupt ein sehr unruhiges Volk, mit welchem die früheren chine- 
Ischen und chokandschen Begierungen schwer fertig werden konnten, und 
v dem Umstände, daß sie sich in eine Menge kleiner Stämme und Ge- 
chlechter teOen, die noch obendrein in Feindschaft miteinander leben und 
ich gegenseitig bekämpfen und berauben, ist es zu danken, daß sie sich 
icht zu einem Ganzen vereinigten, welches leicht der Schrecken der Nachbar- 
toder hätte werden können** ■). — 

Der sogenannte Maurikios, SxpaxT^Y^xa^v (eine Kompilation, verfaßt wahr- 
cheinlich knapp vor der Thronbesteigung Kaiser Maurikios', also vor dem 
ahre 682. Vgl Zachariä von Lingenthal, Byzantinische Zeitschrift in. 
894, S. 441) XI. c. 6: Td i^t] x&v SxXdßov xal 'Avxfi^v d(iodlaixd xt xal 
)i^Tpo9cd tloi xal ftXtö^pa, ^rfiw^^ douXoOod«i \ dpxtod'ai Tcsid-öiisva [kann 
ich nur auf die ^upane beziehen] . . . Elol hk xol^ iTn^tvoufiivoic a&xo?^ 
ixioi, xal 7iXo9povou(i8vot a&xoug diaocbt^ouoiv ix xönou el^ xönov o& £v dicüvxat, 
K ttyt 8t' d|iiXsiav xo5 67iodsxo|Jiivou oufiß^ xdv ^ivov ßXaßyjvai, nöXtfjiov 
(ivtT xax* a&xdv 6 xouxov napad-i^vog, aißa^ '^foutitvo^ xtjv xou ^ivou ixdCxtjoiv. 
^Qch dieser hohe Grad der Gastfreundschaft ist besonders den turanischen 
Pomaden eigen: „Nichts kann die Liebe und Anhänglichkeit des primitiven 
üensehen zu seinem Heimatsort besser schildern als eben jener Sprachgebrauch, 
ttch welchem der von der Heimat in die Fremde Geratene als arm und elend 
^lehnet wird, indem das Wort ,Fremde* identisch mit ,Elend* und ,Ver- 
Iwienhcit* ist. In diesem Sinne ist auch jener außerordentliche Grad von 
^wrmdschaft und Liebe aufzufassen, mit welcher der türkische Nomade zu 

1) Vämbäry, Ursprung der Magyaren, S. 316, 322 f. 

2) Wenjukow, Die russisch-asiatischen Grenzlande. Leip ig 1874, 

8.363f. 

3) Alex. Petzoldt, Umschau im Russischen Turkestan. Leipzig 1877, 
S. 3l4f. 

^imeljahriehr. f. Social- o. Wirtschmfttgeschichte. III. 21 



316 J. Peisker 

allen Zeiten den Gast, den Mann aus fremden Gegenden aufnahm. Der 
Araber nennt den Gast ganz einfacli musaßr, d. h. der Zugereiste ; . . . wird 
aber in Hinsicht der Zärtlichkeit weit übertroflfen vom türkischen züiün oder 
cücün = Gast, der Grundbedeutung nach der Süße, der Herzige ...***). - 
Maukikios setzt fort: Toüg ds Sviag Iv xatj ttlxp-aXcoaiaig Tcap' aöxol;, oäx 
doptoxq) XP^'^Vj **>S "ca XotTcd l^vyj, Sv öouXsEqp xaxexouoiv, ätXXä. /^yjxöv öpijovtt; 
aöxotg x.po'^oy, iw x§ y^^M-'S aöxöv irotouvxat etxs O-dXouotv 4v xoig l5lot; dv«- 
XtüpYJoat, |i8xa xivoc jitoO-ou, ^ jidvoüotv §xetoe iXeöB-spot xal cpüLot. Diese Idylle 
ist natürlich ein Phantasiegebilde und mit der weiteren Charakterschildenmg 
desselben Gewährsmannes unvereinbar ; in der Wirklichkeit werden es auf den b^ 
rüchtigten turkotatarischen alatnan — siehe oben S. 300 f. — gemachte Gefangene 
gewesen sein, die man eben in der Absicht raubte, um entweder ein hohes 
Lösegeld zu erpressen, oder sie in die Sklaverei zu verkaufen ; daß man die, 
welche man so nicht verwerten konnte, nach Ablauf bestimmter Jahre als 
Freie und Freunde behandelte, widerspricht allem, was die Völkerkunde lehrt. 
Ein Analogon dazu gibt es überhaupt nicht und unter den TarkotaUren 
am allen^'cnigsten. 

Maurikiüs setzt fort: TjisaxYj Ss aöxoig TcXy^O-og dXöyeöv navxoicov [^upane!] 
xal Y8VY]pLdxü)v iv ^>j[i<i)vtatg djcox6{[ievov [Bauern!], xal jxdXiaxa xd^XP^J ** 
äXujiou. [Das Wort jidP.taxa besagt, daß sie nebst xäyxpoc und SXujiog anch 
noch andere Getreidearten bauten] . . . cptXoDaiv iv xoig öaoiot xal oiewf 
xal xpYjpLvcböeoi xÖTiotg xdg xaxd xöv kf^püsN aöxöv lyx^^P^^'s^C ipT^Cso^ 
KexpiQvxat 86 ä7itx>j8sla)c xatg ivdöpat^ xal xotg al(pvtövdo|iaot xal xXctcal; S» 
X8 vu^l xal 'f]}iipai^ noXXdg p.8d-ödouc axiQptaxi£ö|ji8va. [Ebenso beschreibt 
Vambäuy die turkmanischen Alamane] . . . Ksxpi'jvxat de xal xö^oig goXivoi; 
xal oaYtxatg iiixpat^ xsxpTili^vatg xogtxq) cpap|idxtt)v [das tun die Turko- 
tataren!] . . . "Avapxa 8i xal [jtiodXXT^Xa 6vxa [die Äupane!] ohtk xd^iv y^^^* 
xoüotv, oööi xaxd xtjv ouoxdÖTjv ^idxTjv §iitxTf]dsuoüot iJidxtod'ai, oöÄ« 6v Y^tivo? 
xal 6p.aXoi^ xdicoi^ qpalvaaO-ai . . . "Aitioxot hi sloi 7:avxol(ü( xal daö{^pttvoi rx^ 
xd^ auvd-Tjxag, qjößcp fxaXXov ^ dcbpoi^ slxovxeg. Aia9Öpou ydp y^^ 
xpaxouoyjc Iv aöxotg, ^ oö oüjißalvouotv, ^ x«l ou^ißaivövxcov aöidv :« 
ÖoxoOvxa oi)vxö}iö)g Ixspot Tcapaßatvouot, itdvxa)v ivavxicDV dLXXVjXoi^ qpovwvtwv, 
xal ^rfiz'^bz xqi dx^ptp icapaxcopsTv ßouXo|jiivot} * [Geradeso schildert, wie wir 
eben gehört, Vambery die ünzuverlässigkeit der bloß ihren cUb beobachtenden, 
sonst anarchischen Turkmanen und die Machtlosigkeit ihrer Aksakale] . • • 
üoXXcov tk 5vxa>v (^t^y^ov [Aksajcale] xal dauiiqpcbvco^ Ix^vxoov t-^o^ dXXi^Xoo(> 
oöx dxoTcdv xtvag aöxöv tAexax8tplC8"3^at \ XöYOtg ^ dcbpoi^*) [Russland UB^ 
Persien wendeten dieselbe Methode gegen die Turkmanen an]. 

1) VAmb^.ry, Primitive Cultur, S. 78. Petzholdt rühmt a. a. 0. S. 304, 
316 die große Gastfreundschaft namentlich der sonst auf Gelegenheit ^ 
Plünderung und BÄub wartenden Kirgis-Kaisaken. Vgl. anch VAmbeby, 
Keise, S. 66 f., 2. Aufl. S. 69. 

2) AuRiANi Tactica et Mauricii Ars militaris, ed. J. Scheffebis» 
üpsaliae 1664. — Schafarik, II. S. 662 ff. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 317 

Es ist merkwürdig, wie sich der Bericht des Maurikios über die 
awen" mit dem Vämberys über die Turkmanen deckt! 

Kaiser Leo (wahrscheinlich Leo EH. der „Isaurier", 714—741, und nicht 
der Weise, 886—911, nach Zachariä von Lingenthal, Byzantinische 
itschrift, III. 1894, S. 439. — Schenk, Bys»ntini8che Zeitschrift V. 1896, 
298), Taxxtxöv XVIII. § 79: xai yap xal SxXdßot ^v noze 6x8 ic^pav 
lepxoav xoO loxpo^, 8v xal Aavoußiov xaXoufisv, oTg xal npo^enoXifiouv Tcojialoi, 
tiHjievcx vo(iadixo)C xal aöxöv xdxe Ötajcbvxoov Tiplv i^ jcspatcö^vat xdv 
tpov xal bn6 xdv CuY^v x^g ^(önaTxfjc Igoüotac xdv aöxöv a^x^va imoxXTvai . . . 
102. ^Haav 9i . . . x^ qpiXo^svia xaxaxöpco^ XP<^P^s^^ '^^ 2!xXdßa)v qpDXo, ^v 
5« vOv xaxaXinetv idixalcoaav, dXX' Sxoi>oiv 6iAota)g. 103. Totg ydp Sirtgsvoü- 
«ig 4v aöxötg '^iitot xal Tipäot iytvovxo cpiXoippovoönevot ...*). 

BcTor also die Slawen in das byzantinische Reich eingebrochen sind, 
madisUrtm sie in den Gegenden am linken Ufer der unteren Donau. Das 
madisieren kann sich jedoch bloß auf die 2upane — damals waren es 
raren — beziehen, welche, längst slawisiert, hier zu den von ihnen he- 
rrschten Slawen gezählt werden. Die Ton Leo so hoch gerühmte slawische 
«tfreundschaft betrifft — wie schon oben betont — ebenfalls die slawi- 
rt«n iupane, denn vnt konnte der geknechtete slawische Bauer gast- 
ftmdlich sein ? Auch dem Kara-Kirgisen der Neuzeit ist das Gastrecht heilig, 
d niemals wird er einen Gast berauben *). 

Den Bericht Johannes', Bischofs von Ephesus, 6. Jahrhundert, siehe 
en S. 297 Anm. 2 und den Ibn Rosteh's S. 800. 

Kaiser Konstantin VH. Porphyrogennetos, de admin. imp. (geschrieben 
Jahr 952) cap. 29: . . . dXXd xal xd ixsToe I^t], oi xe Xpooßdxoi xal 
ipßXoi xal ZaxXoOfiot xal Tspßouviwxai xal EavaXetxai xal AioxXigxiavol 
i cl nayavoi, xfj^ xöv TcotAaCcöv ßaotXstag dqpirjvidoavxsg Yeyövaotv lötöpD^not 
i okoxiqpoXot, xivl (17) uicoxeCfisvoi. dpxovxa^ 8i, &( qpaai, xauxa xd 
^vrj ji-jj §X8i» iiXfjv CoDwdvoüg yipovxas, xad-cbg xal al XotTüal 
(Xaßlviai ly(^0}iO\. xutcov . . .'). 

Konstantins yipovxec sind nichts anderes als die turko- 
tarischen Aksakale („Graubärte"). 

jBRAHfM IBN Jaküb schreibt im Jahre 973: 

Cap. 1. Die Lande der Slawen ziehen sick hin vom Syrischen Meere bis 
K Ozean nach Norden, Und Stämme des Nordens haben sich eines Teiles be- 
^chtigt und wohnen bis zu dieser Zeit zwischen ihnen [den Slawen]. Sie (be^ 
^ aus) vielzähligen, verschiedenartigen Stämmen . . . 

1) Jo. Meursii operum vol. VI. ex recensione Jo. Lami. Floren tiae 
to. Schafarik a. a. 0. II. S. 665. 

2) Petzholdt, a. a. 0. S. 315. 

3) Corpus scriptorum bist. Byz. Const. Porph. m. recogn. Bekker. 
uiae 1B40, S. 128. — Mione, Patrologiae Cursus completos. Serie» 
fceca posterior, t CXIII, Parisiis 1864, col. 251. 



318 J- Peisker 

2. Der Kornpreis ist dort [im Reiche Näkürs, wohl des Ohotridenfürst^Q 
Xakon, Helmold, I. 13] niedrig und das Land ist reich an Pferden» so daß 
davon nach anderen Ländern ausgefiihrt wird . . . 

3. . . . [Das Land Bwjsläws von Fräga, Prag] ist von allen Landen des 
Nordens das beste und an Nahrungsmitteln reichste; för einen Dinar kauft 
man so viel Weizen» als ein Mann för einen Monat nötig hat, und um den- 
selben Preis so viel Gerste, als man braucht, um ein Pferd 40 Tage lang zu 
füttern . . . Eine bemerkenswerte Erscheinung ist, daß die Bewohner von Böhm* 
von dunkler Hautfarbe sind und schwarze Haare haben. Der blonde Typus kmmt 
unter ihnen nur wenig vor. 

Nach Prokopios, Bellum Got m. 14 waren die Slawen alle sehr 
groß und stark; ihre Haut- und Haarfarbe weder weiß noch 
blond, auch nicht gerade schwarz, sondern ganz und gar röt- 
lich: Tot 8& ocbfiaxa xal xdg xöfjiac o5x8 Xtuxol ig Ayav ^ Sav^i tlotv o&ts 
717) ig xd fjiiXav a&xoTg 9cavx8X(&( xdxpaicxat, dXX* ^ipu9>pol tloiv &icavTt;*') 

Die von IbrAhim bezeugte dunkle Hantfarbe und die schwarzen Haire 
der böhmischen Slawen lassen sich leicht ans Fredegars Nadiricht, cap. 48 
erklären: Die Chunen [A waren] kamen alljährlich tum Überwintern unter 
die Slawen; sie schliefen bei den Frauen der Slawen und ihren Töchtern, und 
zu den übrigen Mißhandlungen mußten die Slawen den Chunen noch TriM 
zahlen. Die Söhne der Hunnen aber, die diese mit den Weibern und Tkkttr* 
der Wenden erzeugt hatten, ertrugen endlich solchen Druck nicht mehr ...«'*' 
begannen . . . eine Empörung, Der dunkle tnrkotatarische Einschlag war biet 
80 stark, daß er noch 300 Jahre später dem IbrAhIm besonders auffiel 

7. Und im Westen von den Rüs [ist] die Stadt der Weiber, Sie besitzen Länder/u^ 
und Sklaven, Und sie werden von ihren Sklaven schwanger, und wenn eine vo» 
ihnen einen Sohn gebiert, tötet sie ihn, Sie reiten und ziehen in eigener Pen^ 
in den Krieg und besitzen Mut und Tapferkeit, Es sagt IbrahIm IBN JaK^ 
der Jude: Die Nachricht über diese Stadt ist wahr. Erzählt hat sie mir ffi^ 
der Konig der Rum [Kaiser Otto L] *). 

8. . . . Ihr [der Awbäba, gemeint wohl die Wolliner] Gebiet ist morastig «*^ 
liegt gegen Nordwesten vom Reich des Mschka [von Polen]. Sie besitzen eine grop* 
Stadt am Meer mit zwölf Toren und einem Hafen. Für diesen Hafen hohen ^'^ 
treffliche Ordnungen [ygl. die Saga von den Jomswikingem oben, S. 808] • • • 
Ihre Macht ist groß ; sie haben keinen König und gehorsamen nic^^ 
einer einzeln en Person, sondern ihre Machthaber sind i^^' 
Altes ten[= ^upane, Graubärte]. Dies erfuhr IbrahIm in der unmittelbarei 
Nachbarschaft, am Hofe Kaiser Ottos I. zu Merseburg und seine Worte decken 
sich genau mit denen Konstantins Poiiph. über die Südslawen und VaM- 
berys über die Turkmanen. 



1) Auch die Germanen waren nicht blond, ^avO-ot, flavi, sondern kü ff *^ 
(Galenits), rutili (Tacitus). Vgl. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde !»• 
Die Germania des Tacitus. Berlin 1900, S. 144. 

2) Über die Amazonen siehe oben S. 210 ff. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 319 

. Im allgemeifun sind die Slawen unverzagt und kriegslustig^ und wenn sie nicht 
nander uneinig wären infolge der mannigfaltigen Verzweigung ihrer Stämme 
rsplitterung ihrer Geschlechter, würde kein Volk auf Erden sich an Mctcht 
xen messen können [bezieht slch doch nor auf die slawisierte Herren- 
, die Zupane]. Die von ihnen bewohnten Länder sind die fruchtbarsten 
ichsten von allen, und sie verlegen sich mit Eifer auf den Ackerbau und 
uf andere Arten von Betriebsamkeit und übertreffen darin alle nordischen 
[bezieht sich auf die slawische Banemschicht] . . . 

. Mächtige Stämme aus dem Norden sprechen slawisch infolge ihrer Ver^ 
ng mit ihnen. Es sind von diesen die Stämme: die Trikin, die Ankliin, 
'schenegen, die Russen und die Khazaren, Welche Völker mit den Tr§kin 
nklün gemeint sind, ist noch nicht ermittelt worden; De Goeje yer- 
unter den letzteren die Magyaren. 

J. Im ganzen Norden ist Hungersnot nicht die Folge des ausbleibenden 
und anhaltender Dürre, sondern des Überflusses an Regen und anhaltenden 
assers, Regenmangel gilt bei ihnen nicht für schädlich, da sie wegen der 
igkeit des Bodens und der großen Kalte davon keine Sorge empfinden, Sie 
n zwei Jahreszeiten, im Sommer und im Frühjahr, und ernten zweimal 
e bauen Sommer- und Winterfrucht an]. Und der grösste Teil 
Ernte besteht aus Hirse ...*). 

HiETMAR, Bischof vou Merseburg, f 1019: Hiis autem omnibus, qui 
miter Liutici vocantur, dominus specialiter non presidet ullus, Unanimi 
7 ad placitum suimet necessaria discutientes, in rebus efficiendis omnes 
iant. Si quis vero ex comprovincialibus in placito hiis contradicit, fustibus 
Uur et si forinsecus palam resistit, aut omnia incendio et continua depra- 
r perdit, aut in eorum presentia pro qualitate sua pecuniae persolvit quanti' 
debitae^y Vgl. dazu die Berichte des Pseudo-CAESARius von Nazianz 
AURiKios', und was Vämbery über die Steppenvölker Zentralasiens sagt. 
>ie Berichte des Pseudo-CAESARius, Prokopios', Maurikios', Kaiser 
Konstantin des VIT. Porphyrogennetos, IbrIhIms und Thietmars, 
h auf ein halbes Jahrtausend erstrecken, nennen hier zwar überall 
Slawen, schildern aber dabei turkotatarische Verhält- 
J, und es kostet Mühe zur Feststellung, wo der Türke 
ort und der Slawe anfängt. Es sind eben ethnisch und 
llschaftlich turkoslawische Mischvölker. 



) Abraham Jakobsens Bericht über die Slawenländer : Die Geschicht- 
eibe r der deutschen Vorzeit. 2. Gesamtausgabe. X. Jahrhundert, 6. Bd. 
idnds Sächsische Geschichten, übersetzt von Schottin. 2. Aufl. Neu 
eilet von Wattenbach. Leipzig [1891], S. 142 ff. ; berichtigt nach Ibra- 
Ifix Jakübb Reisebericht n. d. Slawenlande aus dem Jahre 966 von 
Vestberg in den M6moires de TAcad. Imp. des sciences de St-P6ters- 
r. Vm« s6r. Classe hist.-philol. Vol. 3, Nr. 4. 1898. 
?) Thiktmar, Chronicon, VI. 18. 



320 J- Peisker 

Nun haben wir eine stattliche Reihe von Berichten g« 
die sämtlich auf eine ausgesprochene Zweischichtung der Sl 
mit turkotatarischer Oberschicht hinauslaufen. Dieser Zu 
lebte sich derart ein, daß, wenn er mitunter aufgehört hat 
sich infolge hergebrachter Disposition sogar von neuem bi 

Das letztere war bei allen Balkanslawen der Fall, w 
auf der Halbinsel ein zahlreiches Schafnomadentum; die WIj 
— ohne Zweifel romanisierte Turkotataren — , bereits 
gefunden haben und mit ihnen in einer merkwürdigen S}ti] 
lebten, worüber eine besondere Abhandlung folgen wird. 

Eine Zweischichtung mit germanischer Oberseh 
haben zuletzt die Waräger Russen behauptet; die sla^T 

Bauernschaft war die Sm erden schiebt*). 

* * 

Eine uralte, augenscheinlich vorgermanische Zweischiel 
erhielt sich bis in das späte Mittelalter bei den Daleminzie 
Meißen, sowie auch bei einem Teile der Slowenen in Untersi 
mark, und was ich darüber vor acht Jahren geschrieben % i 
jetzt, aus noch viel älteren Zuständen, die wir soeben ke 
gelernt haben, abgeleitet, volle Bestätigung. 

Bei den Daleminziem sind unter der deutschen Hem 
folgende Volksgruppen wahrnehmbar'): 



1122. homines in quinque 


1181. 


1. seniores villaruin, 


iustitiis: 1. eldesten 




lingua sua supa 
vocant 


2. knechte 




2. in equis servientc 
est withasii 


3. zmurde 




3. zmurdi 




4. lazze 




4. censuales 


lii 


5. heyen 




5. proprii 




Beide Urkunden halten eine w 


nd dieselbe Reihenfolge ( 


5in, 



1) Peisker, Zur Sozialgeschichte Böhmens. Die altslowenische zn] 
in der Zeitschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte V. 1897 S.S« 
im Sonderabdmck S. 106 ff. 

2) A. a. 0. S. 8d6 (Sonderabdruck S. 99) ff. 

3) Die Belege siehe oben S. 302, Anm. 2. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 321 

diese Übereinstimmung muß einen gewichtigen Grund haben : Es 
liegt hier eine stand ige Gliederung der Landbevölkerung vor, bei 
welcher nicht fibersehen werden darf, daß nur die ersten drei 
Klassen slawische, auch sonst in ungezählten Urkunden und 
Akten wiederkehrende Bezeichnungen (supani, withasii, smurdi) 
fuhren, während die Klassen 4 und 5 nirgends slawisch benannt 
werden. 

Nun waren die Smurden, Klasse 3, so vollständig unfrei, 
aller persönlichen und dinglichen Rechte so gänzlich bar, daß 
sie sogar einzeln frei veräußert und ihre Ehen und Familien be- 
liebig gelöst werden konnten. Sie hatten auch gar kein Erb- 
recht '). An Unfreiheit konnte ihnen somit weder Klasse 4 



1) 1040 schenkt Kaiser Heinrich HI. dem Bistum Nanmbnrg mehrere 

Dörfer cum omnibus pertinenciis, appendiciis et utilitatibus suis, videlicet cum 

Urris cultis et incultis sive etiam utriusque sexus familiis aldionibus vel smuräis. 

Er versteht also hier unter den Smurden die älteren, im Besitz gelassenen 

slawischen Bewohner. In demselben Jahre verlieh der Kaiser das Dorf Kosen 

cum omni pertinentia, mancipiis utriusque sexus et colonis, qui vulgo vocantur 

inurdi. 1043 fügte er das predium Rogaz cum omnibus casis, campis, pascuis, 

iilvis cultis et incultis, mancipiis, zmurdis, lascis, undecunque illuc confluxerint, 

<i cum omnibus suis pertinentiis et utilitate hinzn, und 1041 schenkte er einem 

Marquard 10 Königshufen in Tancha cum X smurdis et illorum uxoribus filiis- 

l^e suis et filiabus, immo cum omnibus suis possessionibus. Im Jahre 1066 

werden dem Bistum Naumburg Güter cum omnibus suis pertinentiis, hoc est 

**fnusque sexus mancipiis : zmurdis videlicet propriisque kominibus, vineis, agris . . . 

Mesiis, forestariis , . . bestätigt. Nach dem Vergleich Markgraf Konrads 

^Oö Meißen mit dem Bischöfe von Naumburg Tom Jahre 1144 de singulis 

^'^nsis smurdonum quatuor denarii, et de mansis hospitum duo denarii ad usuni 

P^tdicti marchionis persolvantur. Es war dies, nach Meitzen, die ümwand- 

'^? einer von allen Untertanen des Stifts an den Markgrafen bisher in Ge- 

^eide entrichteten Abgabe in Geld. Wie hart aber gleichwohl die Lage der 

'iiurden sein konnte und ursprünglich zweifellos allgemeiner gewesen war, 

^^ eine Urkunde von 1174, in welcher der Halberstädt^r Dompropst Rein- 

'^^rd ober den zur Villikation Hecklingen gehörenden Zehnten in Amersleben 

^^mmungen trifft: . . . Res litonum, que post mortem ipsorum 

^*^ usus ecclesie spectare debent, si tantum uno talento appeme fuerint, 

i^^rts ad supplementum prebendarum eas accipiant, si vero amplioris precii 

^*^nnt, dimidia pars fratribus, altera pars preposito remaneat . . . Mansi et alia 

^"^ vacaverint, que discreta dispensacione locanda sint, ad potestatem fratrum 

'^'^Piciant, cui vel quomodo aut quare ea locare velint. Folgt der CensUS. Hec 

^"^Hia dant Sclavi ad reditus prepositi, insuper dantur de banno xxiiij sexa- 



322 J- Peisker 

noch Klasse 5 irgendwie nachstehen. Ein Erbrecht erhielten sie 
erst im Jahre 1197 zugleich mit den hien (Klasse 5), wobei 
der Klasse 4, der lazze, censuales, nicht einmal gedacht wird, 
zum Beweise, daß das Erbrecht dieser Klasse 4 gar nicht frag- 
lich gewesen ist, die lazze somit ungleich bessergestellt waren 
als die Smurden, Klasse 3, trotzdem beide, sowohl die Smur- 
den als auch die lazze, in den Urkunden als coloni, liti 
bezeichnet werden, also bestiftet waren. Urkunde 1144 kennt 
zwei Klassen von Bestifteten, sie spricht von mansis smur- 
donum und von mansis hospitum und belegt einen Smurden- 
mansus mit einer doppelt so hohen Abgabe als den eines hospes. 
Weil aber unter diesen hospites nur Klasse 4, die der lazze, 
censuales, gemeint sein kann so ergibt sich für sie auch in 
dieser Beziehung eine ungleich günstigere Lage als die der 
Smurden war. 
Am deutlichsten wird aber die Lage der iustitia 3, die der 



genaria annone et de vj villis nummus de quolibet hospicio . . . (Codex diplo* 
maticus Anhaltinus hg. v. Heinemann I. Dessau 1867—1873, S. 405 f.). 

Unter diesen slawischen 1 i t o n e s können nur die Smurden gemeint sein. 
Dies zur Beleuchtung der Urkunde vom Jahre 1197, in welcher Heinrich VL 
bestätigt, daß er auf Bitten seines Getreuen Rüdiger de Lewenberc: amui' 
lonum [= smurdorum] et eorum, qui dicuntur hien de officio de Waldele et dt 
officio Hescelini et de officio Friederici de Frose [also auf kaiserlichen Güternl 
rigorem iuris relaxavimus, statuentes eis talem iustitiam, gualem habent samää 
et im, qui dicuntur hien de Jhezere, scilicet ut, quicunque moreretur, her es persok'ä 
viilico iv solidos, Prius enim villici omnem substantiam eor** 
accipi ebant, quod nobis videbatur tniserabile, unde compacienier talem imptif 
dimus humanitatem eis et posteris eorum, ut heres persolvat predicto viilico ä* 
sol. et cum ceteris bonis in pace permaneat. Die ausdrückliche Erwähnung ^^^ 
Ehefrauen, Söhne und Töchter als Mitgeschenkten in der Urkunde voa 
Jahre 1041 besagt implicite, daß diese auch zurückbehalten, somit die 
Smurdenehen beliebig gelöst und alle Famiiienbande gänzlich zerstört werden 
konnten. Vgl. Thibtmar, Chron. lU. cap. 9 ; . . . Sdavonicae ritu famUistt 
quae accusata venundando dispergitur. Monumenta Germ. bist. SS. HI. S. 763 
Z. 44. — Meitzen, a. a. 0. IL S. 452 f. — Eduard Otto Schulze, Di« 
Kolonisierung und Germanisierung der Gebiete zwischen Saale und ElbCr 
Leipzig 1896, S. 107 (Preisschriften der Jablonowskischen GeseUschift 
XXXin). — Peisker in der Zeitschrift f. Soz.- und Wirtschaftsgesch. V. 
S. 341 f., im SAbdr. S. 105 f. Die Urkunden abgedruckt in Lfipsa's, Ge- 
schichte der Bischöfe von Naumburg I. 201. 203. 205. 207. 221. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 323 

3, censnales, durch die Urkunde vom Jahre 1043 charak- 
jrt : predium Rogaz, cum . . . ntancipiis, zmurdis, lascis, 
unqtu illud conßuxerint. Es fällt auf, daß hier die Reihen- 
der Justitien eine andere ist als in den obigen Urkunden, 
ch 5, 3, 4. Der Grund ist in der Beifügung: undecunque 
conßuxerint zu suchen. Diese Bemerkung kann sich näm- 
?eder auf Klasse 3, die Smurden, noch auf Klasse 5, die 
, proprii, mancipia beziehen, denn beide sind leibeigen, 
unfähig, die Scholle, an die sie geheftet sind, zu verlassen 
oderswohin confluere; dies vermögen nur die Hergelaufenen, 
le Scholle nicht Gebundenen, und dies kann nur die Klasse 
izze, censuales, die iustitia 4 sein^). Die Verstellung der 
afolge ist also hier stilistisch begründet, 
►mit hätten wir jene Momente beisammen, welche die Lage 
stitia 4, die der lazze, censuales, deutlich kennzeichnen 
ie von den Klassen 3 und 5 scharf abgrenzen: Die lazze, 
lales, sind hergelaufen, einstweilen persönlich frei ; sie ge- 
\ seit jeher ein Erbrecht, welches den Klassen 3 und 5 
pät verliehen wurde, und sind weniger belastet, da sie fiber- 
icht, wie die Smurden, quotidiano servitio imperatafaciunt, 
ie Stufenleiter der fünf Justitien ist also keine Rang stufen- 

iustitia bedeutet hier keine Rangstufe, sondern Kompetenz, 
lie Leiter ist eine Kompetenzleiter. Klasse 3 (smurdi) ge- 
lit Klasse 1 (supani) und 2 (withasii) vor andere Kompe- 
1 als Klasse 4 (lazze, censuales) und 5 (heyen, proprii), 

wird die ungleich höher stehende Klasse 4 (lazze, censuales) 
efer stehenden Klasse 3 (smurdi) in der Leiter nachgesetzt. 



^Es ist dies die früheste Nachricht, die sich auf das Einströmen von Ele- 
1 der ackerbauenden Masse im alten Reich deuten ließe, wenn man 
lers die Lassen als Flüchtlinge auffaßt^, bemerkt E. 0. Schulze 
Anm 3. Sagt ja Helmold, Chronica, I. c. 87 in fine: Et aucte sunt 
tiotus in terra Slavoruntt eo quod confluerent de terris suis 
nes Teutonici ad incollendam terram sfaciosam, fertilem frumento, com- 
\ pascuorum uberiate, abundantem pisce et came et omnibus bonis. Und 
im Jahre 961 schenkt Otto I. dem Erzbistum Magdeburg omnem regionem 
mque vocatum Neletice . . . cum omnibus ad eas pertincntibus . . . mancipiis 
onicis et Sclavanicis . . . Monumenta Germ. bist. DD. I. Hanno- 
ISai, 4<^ S. 318, Nr. 232. 



324 »T. Peisker 

Man darf eben nicht übersehen, daß die fünf iustitiae die ge- 
samte Landbevölkerung umfaßt haben müssen und die Fremden, 
nämlich die lazze, welche illuc confluxerunt, sowie die heyen, 
die hergeschleppt wurden, einen ganz anderen Rechtsgang hatten 
als die einheimischen supani, withasii und smurdi. Die heyen 
standen ja auch in Westfalen und Osnabrück unter eigenen 
Scholzen mit einer besonderen, hiensprake genannten Gerichts- 
barkeit*), während hier die Smurden mit ihrem ius smurdonumr) 
der Supanengerichtsbarkeit unterstanden^), dem Grundsatze ge- 

1) KaNOTHE a. a. 0. S. 33 f. Meitzen, U. 451. 

2) 1279 entläßt Burggraf Otto von Kirchberg fratres de Condizce ix 
ipsorum Servitute nobis in iure smurdonum ab antiquo adstrictos . . . daiuw 
ipsos singulis annis solidum denariorum, MeitzEM, II. 453. 

3) 1276 behält sich Graf Konrad von Brehna beim Verkauf der Ober- 
gerichtsbarkeit von fünf Dörfern vor, guod tres seniores [= supani] <^f^* 
villarum ad iudicium ipsius comitis Vicin ter in anno eant, eiusque iudicii SifttentüiS 
dictent. Bei dem Landgerichte zu Bautzen aber bestand eine besondere Ab- 
teilung für Bauersachen, das „wendische Landgericht". Seine Schoppen, tod 
denen nur zwei Bauern, und zwar wendische, waren, werden in einer ürba«!« 
von 1436 als Starosten bezeichnet (Knothe a. a, 0. S. 10 f.). Der Ausdrnck 
entspricht — wie MErrzEN II. S. 242 hervorhebt — dem Sinne nach den 
seniores, eldesten [= supani]. 

In der Gerichtssprache für Anhalt und Nienburg a. S. wurde das Wen- 
dische erst im Jahre 1293 abgeschafft: 

1293 . . . Nachdem durch Verenderung der Sprachen der Baw zu Bo^^ 
verhindert worden und große Ungelegenheit gibt vweyerley Sprachen unter ^ 
Unterihanen, datier auch viel Dörffer ledig liegen bleiben und wüste werden, ^ 
vergleichen sich hochgedachte Fürsten [Graf Albert I. und Bernhard II. TOD Ab* 
halt] mit Conrado dem Apte zu Niettburgk und geben ihm für die verwOsUt^ 
Dörffer zu Wie der er bauung deroselbigen 40 Mark . . . mit dem Bescheide, ^r 
die Wendische Sprach gentzlich sol ausgelassen und nicht mehrt sondern allein ^^ 
Teutsche Sprache in den Gerichten . . . gebraucht iverden . . . Der Text diesö" 
Urkunde ist nicht zu ermitteln. — Codex diplomaticos Anhaltinus. Heraus- 
gegeben von He ine mann. IL Dessau 1875, S. 528. 

Dasselbe soll für Leipzig 1327 geschehen sein (Meitzen, n. S. 2i3' 
Der Mitherausgeber des Codex dipl. Saxoniae Regiae, H. Eriiisch, teilt 
mir gütigst mit: „Eine Urkunde von 1327, die die oft wiederholte Ad^^ 
über die Abschaffung der wendischen Sprache bestätigte, gibt es aUem An- 
scheine nach nicht; die Angabe schreibt ein Autor dem andern nach -^^ 
wäre interessant, ihrer Quelle nachzugehen ..." Ich konnte sie nur bi« «^ 
Jahre 1820 verfolgen: „Landgraf Friedrich mit der gebissenen Wan^e vtr^ 
[seinen Altenburger Wenden] ij^? ^" Lebensstrafe wendisch tu sprechen päer v^ 



Die älteren Beziebungen der Slawen zu Turkotataren etc. 325 

iß, daß außer bei handhafter Tat der Sachse nicht über den 
enden, der Wende nicht über den Sachsen Urteil finden durfte ^). 
) mußte also — sagt E. 0. Schulze — über deutsche und 
endische Sachen getrennt, vor besonderer SchöflFenbank, ver- 
andelt werden, so daß es nicht überraschen kann, wenn von 
legitima iura Slavorum", „placita Slavorum", „advocati Slavorum" 
ie Rede ist, und wenn dort, wo die Wenden zahlreich und lange 
ch behaupteten, der Gebrauch der wendischen Sprache vor Ge- 
cht sich bis in das 15. Jahrhundert erhielt*). 

Die fünf iustitiae sind somit zu trennen, und dies geht nicht 
nders, als daß wir bloß die ersten drei, die der supani, withasii, 
murdi, als in der Kompetenz des wendischen Rechtes, des ius 
elauonicum, dagegen die ungleich höher als die Smurden stehen- 
en lazze, censuales, und die den Smurden gleich tief stehenden 
eyen, proprii, mancipia als außerhalb dieser Kompetenz stehend 
nnehmen. 

Wir sehen, die einheimischen Quellen reichen zu einiger Auf- 
ellnng der sozialen Gliederung hin, und es ist nicht nötig, dazu 
uswärtige Zustände zum Vergleiche heranzuziehen; so etwas ist 
•ekanntlich immet sehr mißlich und so viel als nur möglich zu 

ftrichii sich dieser Sprache zu bedienen. Auch wurden alle Wenden für unfähig 
rklärt, öffentliche Ämter und Ehrenstellen zu verwalten, ja sie durften nicht ein- 
w/ ein Handwerk erlernen," ScHMALz, Erfahmngen im Gebiete der Land- 
nnhgchaft IV. Die altenburgsche Landwirthschaft, Leipzig 1820, S. 15. 

Viel später in Schlesien : 1495 befalü Bischof Johann von Breslau seinen 
och slawisch redenden Bauern, binnen 5 Jahren deutsch zu lernen, widrigeu- 
*Ü8 er sie fortjagen wollte : Do durch sy sich mit Deutschenn undsern Amacht- 
f^ieuH nicht anders» den durch Tolmetschen beredenn und yre Notdorf vorbrengen 
^tuttt hüt seine fürstliche Gnade mit denselben Woitzern dy do von Polnischer 
^H^ sein und der bisher gebraucht habenn, vorschafft, das sy innerhalb fünff 
^<^en, itzt noch enander erfolgend, deutscher Sproch üben, reden und der fort er 
^Puicr habenn würdenn, dy sollen durch yre Eidern angehaltenn werdenn, das 
K lum ersten Deutsch wol lernen. So aber ir keiner aufs gemelten Woitzitzern 
*^^ seiner Gnoden Gebot unnd deutsche Spruch zu lernen vorachten würde, den 
"^ seine Gnade aldo unnd anderswo unnder am nicht doldenn, sunder von dann 
'Hftm, Langethal, Gesch. d. tentschen Landwirthschaft, IL Jena 1850, 
U79. 

1) Sachsenspiegel, Landrecht HI. 70, §§ 1—2. Auch Richtsteig 
^drcchu 50 § 10. 

2) Eduard Otto Schulze a. a. 0. S. 99 f. 



326 J« Peiflker 

vermeiden, weil sich derlei Verhältnisse in verschiedenen Staats- 
wesen fast nie gleichmäßig gestalten; um so verfehlter wirkt noch 
die Parallele, wenn man znr Erklärung eine auswärtige Institution 
heranzieht, welche selbst noch unerforscht, sogar viel dunkler 
ist als das zu Erklärende. Und es kann nicht oft und laut 
genug betont werden, daß zur Erschließung der elbeslawischen, 
polabischen Volkszustände namentlich die polnischen, schlesischen 
und böhmischen Einrichtungen ganz unverwendbar sind. Einmal, 
in vorhistorischer, nicht ergründbarer Zeit, standen sie gewifi 
einander nahe ; die deutsche Eroberung unterband aber die Ent- 
wicklung der Elbeslawen vollständig, während sich die polnißchen, 
schlesischen und böhmischen Slawen von dieser Seite ungehinderter 
entwickeln konnten und gerade um diese Zeit ungeheuer ent- 
wickelt haben. Die Supane, Withasen und Smurden konunen 
dort in dieser Form gar nicht vor, die einstige Supano-Smurden- 
verfassung dieser Länder gehört in vorgeschichtliche Zeiten; 
sie war damals bereits gänzlich ausgelebt, geradezu spnrios 
verschwunden. Und was aus ihr in mehr oder weniger oiiga- 
nischer Entwicklung sich herangebildet hat, das steht den pola- 
bischen Zuständen wildfremd gegenüber. Man lasse daher bei 
Besprechung der elbeslawischen gesellschaftlichen Verhältnisse 
die polnischen, schlesischen und böhmischen Quasianalogieo 
hübsch beiseite, denn man weiß von dem Wesen der Opolebauern, 
smardi, heredes censuarii, Kmeten, decimi, narocznici, milites medü 
u. s. w. u. s. w. noch herzlich wenig, jedenfalls viel weniger als von 
den fünf iustitiae in Polabien zur Zeit der deutschen Herrschaft 
Und wenn man schon Analogien zu den polabischen Verhält- 
nissen nicht entbehren will, so suche man sie wenigstens dort, 
wo solche Volksklassen tatsächlich auch vorkommen. Die Smer- 
d e n z. B. sind im alten Rußland die Gesamtheit der [persönlid» 
freien] slawischen Bauernschaft ^) und fordern weit eher einen Ver- 
gleich mit den Smurden der Daleminzier heraus, als irgendein^ 
schlesisch-polnische oder böhmische Volksklasse. 



1) CeprlieBHH-b, PyccKiH loputtHMecKiH ;xpeBHOCTn. I. C.-IleTepÖyp^ 
1890, S. 165, in der 2. Aufl. 1902, S. 178 ff.; im Auszuge bei Pkiskkr, Zeit- 
schrift f. Soz.- und Wirtschaftsgesch. Y. 1897, S. 342 ff., im Sonderabdrack 
8. 106 ff. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 327 

isere Analyse der fünf iustitiae führte zur Annahme, 
lie Smurden als die breite Masse der daleminzischen 
nschaft anzusehen^), während die lazze, censuales, erst 
nd der deutschen Herrschaft Hergekommene sind, infolge* 
1 keinen slawischen Namen haben können. Dazu ist dann 
be Verhältnis der russischen Smerden ein vollgewichtiges 
gon. Daß aber die daleminzischen Smurden leibeigen, da- 
die russischen Smerden persönlich frei sind, erklärt sich 
die Niederwerfung der Daleminzier durch die Deutschen 
lie freiwillige, vielleicht sogar vertragsmäßige Unterwerfung 
issischen Slawen unter die Waräger Russen, deren früheres 
jie soeben abgeschüttelt haben (siehe oben S. 295). Die volk- 
n russischen Slawen nahmen die Herrschaft einer ver- 
ödend kleinen Herrenschar auf sich, während die geringen 
hen der Elbeslawen einzeln, infolge ihrer verzweifelten Auf- 
3, unter der ungeheuren Wucht der deutschen Weltherrschaft 
immer tiefer sanken. Ob jedoch die polabischen Smurden 



1057 bekundet Erzbischof Anno n. von Köln, daß Königin Richeza 
bloß Salfeld und was sie zu Orla besessen, der Kölnischen Kirche ge- 
t habe. Tradidit quoque domina Regina . . . seruientes . . . omnes utriusque 

ad fuc predia pertinentia . . . sub censu duorum denariorum annis singulis 
US ipsi et omnis posteritas eorum sub ea lege permaneant, que omnes similem 
! ad altare soluunt, Illud quoque firtna ratiotu constituens, u( liberis 
mordis, uenatoribus siue cuiuscumque gener is hominibus ad hanc 
tionem pertinentibus [permaneant] , que suis temparibus iura et optimas 
udines habuisse probare poterint (Urkundenbuch für die Geschichte 
ederrheins, herausgegeben von Lacomblet, I. Düsseldorf 1840, S. 124, 
2). Oben lernten wir schon den Vergleich Markgraf Konrads von 
1 mit dem Bischöfe Ton Naumburg vom Jahre 1144 kennen: de singulis 

smurdonum quatuor denarii et de mansis ßutspitum duo denarii ad usum . . . 
mis persoluantur (Codex dipl. Saxoniae Regiae I. 2. S. 118 Nr. 167). 
lesen und auch mehreren anderen Urkunden schließt auch Heinr. Leo 
SQchungen zur Besiedlung und Wirtschaftsgeschichte des Thüringischen 
indes, Leipzig 1900, S. 42, bildet das 3. Heft des VL Bandes der L e i p- 

S tu dien aus dem Gebiete der GeschichteX daß der Name Smurden 
ilen als Bezeichnung für den Gesamtteil der slawischen Untertanen ge- 
t wird, während nirgends noch außerdem eine breite Schicht acker- 
ier höriger Bevölkerung nachzuweisen ist". Daß auch in Kußland die 
itheit der [persönlich freien] slawischen Bauernschaft Smerden genannt 
, haben wir bereits gehört 



328 J- Peisker 

vor der deutschen Unterjochung ebenso oder weniger frei, wie die 
russischen Smerden, gewesen sind, bleibt eine offene Frage. 

Nun glauben wir die Annahme hinreichend begründet zu 
haben, daß die Deutschen bei den Daleminziem drei Volks- 
klassen vorgefunden haben : dieSupane, die Withasen unddie 
Smurden. Davon scheiden die Withasen, der Berufekriegerstand, 
als ein späteres Einschiebsel ^) aus, so daß wir dann nur die 
zwei Klassen: die Supane und die Smurden, als die erkennbar 
einzigen ältesten Bestände der Daleminzier vor uns hätten. Da- 
durch wären wir aber auch in die Vorzeit so weit vorgedrungen, 
daß wir organische Zusammenhänge der Gliederung der Dale- 
minzier in Supane und Smurden mit den altslawischen Zuständen 
erwarten können, wie diese aus den vielfachen und abwechselnden 
Knechtungen durch turkotatarische Reiterhirten- und geraa- 
nische Viehzüchtervölker herausgewachsen sind. 

Das Ergebnis für die altslawische Vorzeit lautet kurz: die 
slawische Bauemschicht wird von einer nichtslawischen Schicht 
von Reiterhirten oder von einfachen Viehzüchtern als Herrenschicht 
beherrscht. Läßt sich diese Herrenschicht mitten unter den unter- 
worfenen Slawen nieder, dann entstehen Weide re viere, und 
die heißen 2upen (sing, znpa), 2upan, supanus, ist jeder 
Angehörige der Herrenschicht einer Zupa'). Das Weiderevier, 
die !^upa, liegt in bestimmten Konfinien, ist somit zugleich Ver- 
waltungsbezirk, Gau. 

Das Verhältnis der Herrenschicht zu der Bauemschicht kann 
in zwei Formen gedacht werden: Entweder steht Schicht gegen 
Schicht, so daß nicht der einzelne Bauer einem einzelnen Herrn 
hörig ist, sondern die Gesamtheit der Gesamtheit. Oder jeder 
Bauer hat einen bestimmten Herrn. Die letztere Form wohnt 
ganz gewiß der germanischen Herrschaft inne, während die 
erstere der Lebensweise der turkotatarischen Nomadenhorden 
entspricht, welche immerfort wandern, heute die, morgen eine 
andere bäuerliche Ansiedlung heimsuchend. Und hat eine Horde 
eine Ansiedlung verlassen, rückt eine zweite nach, sobald sich 
der abgeweidete Platz einigermaßen erholt hat. Bei einem solchen 

1) Siehe oben S. 302. 

2) Siehe oben S. 290. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotatareu etc. 329 

echsel und Tausch der Weideplätze konnte sich eine Abhängig- 
it von Person zu Person gar nicht entwickeln, es blieb bei der 
hängigkeit von Schicht zu Schicht. 

Ob diese Form, Schicht gegen Schicht, dereinst auch bei den 
leminziem bestanden hat, läßt sich mangels an Quellen nicht 
Aweisen, ist aber wahrscheinlich, weil sie, wie wir sehen 
rden, bei den Slowenen Untersteiermarks — bei denen ähn- 
le Verhältnisse oflfenkundig sind — nachweislich vorhanden 
r. Über die Stellung der daleminzischen l^upane selbst 
an jedoch kein Zweifel bestehen. Sie waren zur Slawenzeit 
undherren, denn sie werden auch noch in der spätesten 
it, als sie schon längst unter der deutschen Herrschaft hörig 
(?orden sind, senior es genannt, und das kann eben nichts 
deres bedeuten als Grund-, Lehensherren ^). Nach der Unter- 
rfung durch das Deutsche Reich verloren sie wohl den größten 
il ihrer Herrschaft, qualitativ und quantitativ, nicht aber alles, 
d es ist gewiß ganz verfehlt, sie schon für die ersten Zeiten 
r deutschen Herrschaft für bloße Dorfvorsteher mit richterlichen 
d administrativen Befugnissen zu erklären; denn sie sind so 
ilreich und die Dörfer so klein, daß es von selten der Deutschen 
5 reinste Verschwendung gewesen wäre, so viele „Vorsteher" 
zustellen, so viele Supanenhuben unverzinst oder wenig ver- 
8t zu lassen; es ist vielmehr anzunehmen, daß die ^upane^ 
nigstens in der ersten Zeit der deutschen Herrschaft, gewisse 
istungen von den ihnen unterstehenden Smurden weiterbezogen 
ben. 



Viel deutlicher als in Daleminzien liegen die Verhältnisse in 
itersteiermark*); diesen kann man dank dem reichen Material 
car statistisch beikommen: 



1) Noch Thietmar von Merseburg 11. 24 bezeichnet den Häuptling der 
'Qden in Zwenkau zur Zeit Ottos des Großen als senior, also mit einem 
sdrnck, der bei ihm fast stets synonym ist mit dominus oder princeps. 
0. ScmjLZE, S. lOB. 

2) Ansführlich behandelte ich den Gegenstand in der Zeitschrift für 
äal. und Wirtschaftsgeschichte V. 1897, S. 351 (im Sonderabdruck 116) ff. 



330 J- Peifiker 

Nach dem Rationarium Stirie v. J. 1265 — 1267^) ge- 
hörte zn den landesfürstlichen Gütern anch das geschlosseDe 
officium de Tyuer (heute Alt-Tüffer, slowen. Debro, südlich 
von Cilli). Es bestand aus vier Verwaltungsbezirken, provinciae, 
schephonatus, mit je einem schepho an der Spitze, und innerhalb 
jeder provincia werden die einzelnen Ortschaften mit der Zahl 
ihrer praedia (Hüben) angeführt. Mit wenigen Ausnahmen steht 
an der Spitze einer jeden, auch der kleinsten Ortschaft ein 2apao, 
supanus ; wie viele praedia er selbst besitzt, wird jedoch nirgend» 
im officium Tyuer ausdrücklich angegeben, denn es ist selbstrer- 
ständlich, daß er immer und überall je ein Zw ei hübner ist, wie 
auf den übrigen, im Rationarium verzeichneten HerrschafteD'). 
Auch der 2upan ist zinspflichtig, und nur jene vier Topase, 
welche ad personam mit dem Amte eines schepho betraut sind, 
Zinsen nicht. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir nun indirekt, 
daß das Gut eines 2upan tatsächlich zweihubig war'). 

Die Zinsungen sind nicht in allen, sondern immer nur in 
mehreren Ortschaften gleich hoch und werden infolgedessen bei 
jeder solchen Gruppe von gleichzinsenden Ortschaften summarisch 
angeführt, abgesondert für die Bauern- und für die 2upanen- 
wirtschaften, weil der 2upan nach einem ganz anderen Schlüssel 
zinst. 

Die erste Gruppe der ersten provincia, der sub regimine 
schephonis Gyrredei*), umfaßt 7 Ortschaften (Chreinen-Scheyr) 
mit 2,2,2,3,2,2,3 praedia und mit je einem 2upan. Der 2apaD 
von Scheyr ist zugleich der schepho der provincia. Zusammen 
umfassen die 7 Ortschaften 30 praedia (16 bäuerliche und 14 



1) Fehlerhaft abgedruckt in Eenun Austriacarom Scriptoresi edi^^ 
A. Rauch, vol. 11. Vindobonae 1793, S. 114 ff. ; ich folge dem von Archivs- 
direkter v. Zahn kollationierten Exemplar der Grazer Landesbibliothek am 
Joanneum. 

2) Die ständige Formel lautet : In villa x sunt y predia, de quibus su- 
panus habet ij. 

3) Damals waren mit dem Amte eines schepho die i^upane von 8ch^> 
Weidiz, Pirch betraut, und bei jeder dieser Ortschaften steht die Bemerkiffljf- 

IbUiem habet schepho ij predia, de quibus nichil solvit. Der Sitz deS viert«» 

schepho ist nicht angegeben. Rauch, a. a. 0. S. 128. 131. 132. 

4) Rauch, II. S. 127—129. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zn Tnrkotataren etc. 331 

i der 7 ^upane), nnd weil das praedium eines colonus 
iglich nur einer Bauemfamilie zugewiesen war, so muß 
3 Zeit gegeben haben, in welcher hier annähernd jede 
P'amilie eine ^upanenfamilie gewesen ist. In 5 von den 
chaften ist eine ganze Hälfte des ausgetanen Bodens 
mgut. 

^upane sind hier so zahlreich und im Vergleich zu den 
unterstehenden Bauern so außerordentlich stark begütert, 

unzulässig ist, in ihnen lediglich Dorfschulzen oder gar 
laftsbeamte zu erblicken. Kann man ja bei diesen Ort- 
n ob ihrer Kleinheit von Dörfern gar nicht sprechen, 
inmal recht von Weilern, sondern von einer Art Ortsver- 
en, deren Wesen keinesfalls verwaltlicher, vielmehr wirt- 
cher Natur sein konnte, weil eine Dreifamilienortschaft 
2upan eingerechnet! — einer besonderen und noch dazu 
h dotierten Verwaltung gar nicht bedarf. Und wie erst 
jm Orte, wo der 2upan bloß einen einzigen^) oder gar 
Bauer ^) unter sich hatte, ganz allein im Orte saß! Über- 



Um iuxta aquam, que dicitur Trevol i predium et supanus (in der zweiten 
i, de Trevül, ex regimine Livtoldi schephonis). Rauch, U. 130. 
Poltenperg i predium et supanus (in der vierten provincia, de regimine 
lis Zaschirz). Rauch, IL S. 132. 

'tem in Zeitz tantummodo supanus (in der dritten provincia, ex regimine 
lis Jorizla. Rauch, n. S. 131. 

dieser Gelegenheit möchte ich anfein MiBverständnis eingehen, welches 
ine unklare Fassung im Rationarinm Temrsacht worden ist Dieses 
; nämlich über die Praedia im Bachergebirge und im Marborger Felde 
n Seiten der Dran: 

"»onus Poch er aput Hermannum xij mansi, Quilibet v metretas 
Hum modium [= 6 metretae] avene et xii denarios, Computate denarii 
5 [d. i. von den 12 mansi zusammen 12 Denare]. — Janso xij mansi 
isu. — Adelper xviij mansi simili censu. — In Vogtwin Wie ha r- 
j mansi simili censu. — Aput supanum leben xii) [= I272] fnansi 
nsu. — Zrala xj mansi. Quilibet iii/*^ metretas tritici et unum 
avene t et xij denarios. — Perhtold us institor xvii mansi simili censu, 
'vicus supp anus xvj mansi simili censu. — Ad Perhtoldum altera 
msnitz xviiij mansi simili censu. — Aput Iuris se vj mansi* Ilqui' 
[= */j] modium tritici et unum modium avene et xii denarios. — Aput 
i vj mansi simili censu. — Ad Laure ntium vj mansi simili censu, — 
^emasen v mansi simili censu. — Aput Dom am er viij mansi. Quill- 
iljahnebr. f. Social- n, WirUchaftsgeiehicbte. III. 22 



332 J» Peisker 

dies gibt es auch Ortschaften mit je zwei ^upanen. Sa in Prunne 
mit 7 Haben, davon 6 besetzt. Von diesen sechs duo suppani 



bet ij metretas tritici et J modium avene et vj denarios. — Aput Batsen vüj 
mansi simili censu. — In Chestenpach xij mansi simili censu, exceptis dfnarüs, 
— Supanus Ulricus habet v mansos, serviunt sicut Domamer, — Supanitj 
Stoyn iiij mansos, serviunt sicut Domamer , . . 

Summa Pocfier, Summa Urbar um [= habarum] cxcij [h]«^^. 

Supra Pocher. Summa tritici cxxvj modii. Summa avene clxxv- [= 174''|] 
modii. Summa denariorum xij marce et iij solidi et xv denarii, Rauch, II. 
S. 172 f.) 

Fr. y. Krones, Verfassung und Verwaltung der Mark und des Henogthnms 
Steier, Graz 1897, S. 442, sieht „da Supane von bedeutendem Gnindbesiti 
und entsprechenden Zinsen^. Und S. 448: „Die besonders in der Marbnrger 
Gegend am Bacher angeführten Supane Ton bedeutendem Grundbesitz bilden 
eine besondere Gruppe, die somit als zinsende Großbauern erscheinen.*^ 

Das ist ein Mißverständnis. Supanus Pocher aput Hermannum xij 
mansi bedeutet nicht: 12 Hüben des iup&n „am Bacher bei Hermann^ 
denn aput Hermannum und die weiteren Personennamen sind hier zugleich al« 
Ortsnamen zu verstehen; bei jeder Ortschaft wird hier eben der ^upan, oder 
der magistor villae, iudex angeführt, und daneben die Zahl der bestifteten 
Hüben genannt. Solche Fälle sind im Rationarium ungezählt, und gleich 
drei Seiten zuvor lesen wir : Item apud Welygoy xix mansus . . . apud Lamher- 
tum xxiij mansus u. s. w. Aus solchen aptid xy entstehen dann mit der Zeit 
regelrechte Ortsnamen, hier und auch sonst in den Slaweuländern. So er- 
hielt 1268 das Zisterzienserstift Goldenkron mehrere Dörfer im Böhmerwalde, 
darunter U Gere, U Maäone, U Yanka, ü Dirka, U Mita, also apud Jirek 
apud Mladon, apud Janek, apud Jurik, ad theloneum, weiche 
im Jahre 1284 Jercenzlag, Budeczlag (Plattetschlag), Jenkezlag (JanketSchUg), 
Jurizlag, Muczstat (Mautstatt) genannt werden (Emler, KegestaBohemiae 
n. Nr. 608 und 1809). Die Ortsnamen der zweiten Urkunde sind Kanilei- 
namen, die großenteils auf dem Papier blieben, während das Volk selbstSudig 
vorging und manche seiner eigenen Wortbildungen schließlich durchsetzte. 
So führt die zweite Urkunde auch den Ortsnamen Dietohzlag, welcher sich 
unter den Dörfern der ersten Urkunde nicht ermitteln lässt und U Dieteckt, 
apud Dietoch lauten würde. Das Volk nahm aber den Kanzieinameii 
Dietohzlag nicht an, sondern bildete aus Ditochov, wie der Ort später genannt 
wurde, die Form Tichtihöfen und so heißt das Dorf (wsw. von Kruman) 
bis zum heutigen Tage. 

Solauge ein Ortsname schriftlich nicht fest genug fixiert ist und dem 
\'olke amtlich nicht oft genug vorgesagt wird, ist er vor Änderungen, ja 
auch vor gänzlichem Untergang nicht gesichert. Dies gilt besonders fon 
jenen, welche von Personennamen abgeleitet sind, auch von den sogenannteo 
Patronymicis, die man ganz willkürlich und fälschlich auf Sippennafli^ 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Torkotataren etc. 333 

labent hubas iiij, also */s (siehe unten S. 348). — In einer Krainer 
Jrkunde von 1274 lesen wir: . . . suppanus . . . Petrus et Ekke- 
krdus suppanus eciam de Holaren^ item Waltherus suppanus 
. . de villa Vitigos . . . item suppanus Merti ibidem . . . Dazu 
)emerkt Levec: „In zwei Dörfern (Holaren und villa Vitigos) 

nirückführt Die aus Personennamen entstandenen gehen auf den Gründ^ 
xler einen dereinstigen Besitzer oder Ortsvorsteher zurück und nicht selten 
mit diesem gleichzeitig ein, dem Namen des Nachfolgers weichend, z. B. : 

1306 . . . ßoUslaus dux SlezU . . . quod . . . Lucas , filius quondam Domi" 
ilai et uxor , , , (U hereditate ipsorum Lukas ckowicz dicta, que olim Dom- 
dawici vocabatur , , ,decem mansos . . . vendiderunt . . . (Meitzen, Urkunden 
Klüesischer Dörfer, Breslau 1863, S. 6 ; im Codex diplomations Silesiae IV). 
Solange hier Domislaw Grundherr war, hieß das Dorf Domslawice, 
unter seinem Sohne Lukas z, mutato nomine, Lukaszowice, und, von Ur- 
barbüchem fixiert, verblieb dieser Name bis heute (Luggwitz, nicht Domslau!). 

Und so kommt es, daß man von den alten Ortschaften viele gar nicht 
mehr finden kann und glaubt, sie wären verschwunden. In vielen Fällen 
ist es jedoch nicht richtig, sie haben bloß den Namen gewechselt, manche 
Ortschaft sogar mehrmals. Der Besitzer oder der Vorsteher nahm einfach 
inch den von ihm abgeleiteten Ortsnamen mit ins Grab. Daher lassen sich 
inch die Ortschaften ... aput Hermann um xii mansi, . . . aput supa- 
nam Jeben heute nicht mehr ermitteln, und obzwar hier nur Personen ge- 
nannt werden, sind es dennoch echte Ortsnamen. [Nachtrag« Hofrat v. 
Luschin : Ist noch heutzutage in der Umgebung von Graz der Fall : Sparbers- 
bach heißt Hallerschlössel, Kroisbach im Volksmunde das Baier- 
schlösse 1 u. 8. w.] Der Supanus Pocher aput Hermannum, Supanus 
Jeben n. s. w. sind keine „Großbauern^, sondern einfache, zweihubige ^upane 
^e die sonstigen im Bationarium. 

Dabei ist noch zu bemerken, daß die großen Dörfer des Marbnrger 
geradeso wie die des Pettauer Feldes erst unter der deutschen Herrschaft 
entstanden sind. Dies zeigt schon die Anlage der Dorf marken, und bei ein- 
ten kann es auch urkundlich nachgewiesen werden. 

Jetzt noch einiges über fünf ^upane im Officium Eatkerspurg: Supanus 
^ntuko. Supanus Waltschin, Supanus Cursay. Supanus Iwanz, Supanus Zlaian, 
^panus Droget. quarum vülarum redditus cUnariorum tarnen solventes ignoro . . . 

Summa totalis prediorum de officio Ratgerspvrch ccctv et supani xxxiii preter 
*^^^J sex supanos antescriptos Chrinko et ceteros. Rauch, II. S. 126. 

Es sind dies keineswegs ^upane ohne irgendeine Bauernschaft, wie wir 
^ ^itx, tantummodo supanus [am Anfange dieser Anmerkung], einen wahr- 
^enonunen haben, sondern Ortschaften, von denen dem inventierenden Nota- 
^^ bloß die ^upane, nicht aber die diesen unterstehenden Bauern und 
*ie Zinjungeu zur Kenntnis gelangten. Auch hier sind die Personennamen 
^Tirincho, Waltschiu u. s. w. zugleich Ortsnamen! 



334 J. Peisker 

werden hier je zwei Supanen angeführt; sie können also keines 
wegs etwa richterliche oder wirtschaftliche Beamte gewesen seiB 
denn was hätten zwei solche in einem Dorfe, wie Holaren, da 
nur 11 Hufen zählte, zu richten gehabt!"^). 

Nicht jede Ortschaft des oflBcium Tüffer steht unter einen] 
^upan. So gleich in der ersten provincia, der sub regimine 
schephonis Gyrredei: 

Item in Zuchdol iiij predia carent supano . . . Item in Slage? 
predia . . . Item in Lokke inferiori iiij predia. Item in Lokki 
superiori vj predia. Census vero illorum iiij mensure tritici 
et avene vj. Alia non solvunt, quia sunt de proprietate prin- 
cipis et serviunt alia servitia. Item in Gelowe superiori et 
inferiori xij pfedia supano carentia . . . Item in Hinderberge xiii 
predia ...*). 

Diese predia supano carentia der Provinz des schepho Gyrredei 
unterstanden ebensowenig wie die de proprietate principis irgend- 
einem 2upan, denn sonst müüte im Rationarium irgendeine ent- 
sprechende Andeutung, etwa ,,spectant ad supanum in . . .** oder 
dergleichen vorkommen. Und dennoch müssen diese 6 Ortschaften 
mit 44 Hüben irgendeine Vorstehung gehabt haben. Welche, 
sagt die Summa (Rauch H. S. 129): 

Hec predicta sunt sub regimine schephonis Gyrredei, quorm 
summa est Ixxxxiiij [falsch gezählt!], de quibus xlHj 
respiciunt in Sibenekke . . . Daß hier statt 44 nur 43 Hüben 
gezählt werden, ist einer der vielen Rechenfehler des Ratio- 
nariums. 



1) Wl. Levec, Pettauer Studien, in den Mitteilungen d. AnthropoL 
Gesellschaft in Wien. Bd. XXXV, 1905, S. 72. 

2) Rauch, n. S. 128 f. — Ebenso in der dritten provincia des Officium 
Tüifer, apud aquam, qne dicitor Schoma, ex regimine schephonis Juriil»^ 
. . . Item in Toplitt iij predia sine supano, quem non habet. Item in Wist* 
iij predia et non haöent supanum . . . Item in Swarsenprunne iij predia '^ 
non habent supanum , . . Item in Dornberch viij predia preter supanum. (S. 131-} 

Dasselbe in der vierten provincia, de regimine schephonis Zaachin: 
. . . Item in Haslach v predia et non habent supanum. Item in DakscnptftT 
superiori vij predia et non habent supanum. Item in Dahsenperge inferiori Oif 
predia et non habent supanum . . . Item in Torischendorf unum predium si»^ 
supanoy quem non habet. Desgleichen in Tal maior und minor, Sleife UD<* 
Markowitz. (S. 132.) 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Torkotataren etc. 335 

Die sieben Ortschaften, in denen kein 2apan war, hatten 
omit eine abgesonderte Verwaltung von der Burg Sibenekke 
ins. Die Bemerkung: quia sunt de proprietate principis \^Q%2i^f 
laß die Ortschaften mit 2upanen nicht so ohne weiteres de pro- 
metate principis sind; demnach besaß der 2upan irgendwelche, 
venn auch beschränkte Proprietätstitel an der Ortschaft, der 
jr vorstand. 

Wollen wir diesem Proprietätstitel nachgehen, zuvor aber im 
\.uge behalten, daß hier der 2upan schon aus dem Grunde 
keineswegs als bloßer grundherrlicher Ortsvorstand, Richter, 
*>chulze ist, weil er, wie wir bereits vernommen haben, in zahl- 
reichen Fällen nur zwei, in zwei Fällen nur Einen colonus unter 
sich hat, in einem Fall sogar ganz allein, ohne irgendeinen colonus 
im Orte sitzt, und so gab es dort herzlich wenig, hier gar nichts 
zu richten. 

Das officium TüflFer ist ein sehr bewaldetes Hügelland. Laub- 
holz (Buche und Eiche) überwiegt im Osten, Nadelholz im Westen. 
Das Klima ist rauh, in den Tälern mehr feucht, auf den Bergen 
trocken. Tau ist reichlich, Hagel und Überschwemmung nicht 
«elten. So wurde das nahe hochstiftlich salzburgische officium 
Kann anfangs des 14. Jahrhunderts durch Wasserfluten so furcht- 
bar verheert, daß von den 448 ausgetanen Hüben im Jahre 1309 
Woß 129 besetzt waren und 319, somit 71 ^/o, wüst lagen *). 

Wie so ein Wolkenbruch so viele Hüben derart zerstören 
tann, daß die Bauernschaft gar nicht zurückkehrt, läßt sich nach 
unseren heutigen Begriffen schwer vorstellen, denn wenn auch 
fie Gebäude mitsamt den Vorräten weggeschwemmt werden, 
können doch die Felder nicht so gänzlich zugrunde gerichtet 
*cin. Oder waren die Häuser mit Vorräten die Haupt- und die 
Felder eine Nebensache? So undenkbar wäre dies nicht, denn 



1) Liber predialis vrborie ecclesie Salzburgensis in Rajn et Lihteu- 
*Älde conßcriptua . . . anno . . . 1309. Original im Staatsarchiv zu Wien 
(Hs. 862). Nach einer Abschrift des Landesarchivs zu Graz (Sign. 3794) zum 
Teil abgedruckt bei Peisker, a. a. 0. S. 361 (123) und 363 (125). — Daß 
^^ Verwüstung durch einen ungeheuren Wolkenbruch geschah, ergibt die 
°^"e: In Potatschach sunt hübe xiiij, quarum vj iacent in monte, Harum due 
^«nt Possesse . . , 



336 J« Peiskex 

an permanenten Äckern gab es überhaupt sehr wenig Inder 
Gegend um das Jahr 1309: 

In Stanonik sunt hübe viiij. iure dintidio, quarunt iiij sunt 
possesse, harum suppanus habet ij. Folgt das Schema der 
Zinsungen für das ganze oflScium Rajn . . . et villa, que habet 
aratrum, tenetur arare officiali dies tres, unam in vere et duos 
in autumpno, et tota villa tenetur ad prandia iiij officiali . . . 

In superiori Pyrch sunt hübe iij iure media, quarum suppanus 
habet ij , . , Folgt das Schema der Zinsungen für alle Ort- 
schaften des officium in Lihtenwalde . , . et omnes coloni cum 
suppano tenentur officiali ad prandia iiij et si villa habet in- 
tegrum aratrum, tenetur officiali in autumpno arare dies duos 
et in vere diem unum; vini urne iij . , . 

Auf der ganzen Herrschaft Rann und Lichtenwald hat somit 
kein einziger Bauer, kein einziger 2upan, der doch immer zwei- 
hubig ist, einen Pflug, und erst eine ganze Ortschaft — der 2n- 
pan mit seinen Bauern zusammen — wird bestenfalls als Eigen- 
tümer dieses Gerätes genannt. Die Bedeutung: et villa, que 
habet aratrum ; et si villa habet integrum aratrum setzt Ortschaften 
voraus, quae non habent aratrum, und Ortschaften, que non 
habent integrum aratrum, so daß erst mehrere Ortschaften zu- 
sammen ein integrum aratrum hatten. An einen Zusammen- 
hang mit den Wasserschäden ist hier nicht zu denken, denn sonst 
müßte es statt „wenn das Dorf ein integrum aratrum hat ...* 
heißen: „bis das Dorf ein integrum aratrum haben wird ../• 

Wo kein Pflug ist, dort gibt es auch keine permanenten Äcker, 
sondern bloß Schwendäcker. Und gerade in Steiermark wird 
nicht nur auf hohen Alpen, sondern auch in niederen Lagen 
mit seichtem Humus bis zum heutigen Tage Brandwirtschaft be- 
trieben: Ein Stück Waldes wird im Hochsommer niedergelegt, 
das Dünnholz gleichmäßig ausgebreitet, nach dem Austrocknen an 
Ort und Stelle verbrannt, der Boden mit der Haue gelockert und 
in die Asche ein- oder zweimal mit Roggen oder Hafer bestellt. 
Darauf dient er so lange zur Weide, bis er von neuem Wald 
angesetzt hat^). Ein Pflug wird und kann dabei gar nicht an- 

1) Hlubek, Die Land¥m*thschaft des Herzog^thnines Steiermark. Qratsl846 
§§ 29, 31. — Peisker, S. 368 (130) ff. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 337 

gewendet werden, weil er ob der vielen festsitzenden Steine und 
nichtverbrannten Wurzeln gar nicht vorwärtskäme; er ist hier 
überdies ganz überflüssig^), denn auch ohne ihn erreicht man 
großartige Ernten, und das Brandgetreide wird wegen seiner Rein- 
heit — alles Unkraut ist ja mitverbrannt worden und neues noch 
nicht aufgekommen — zur Aussaat sehr gesucht. 

Was heute nur auf mageren oder wenig zugänglichen Böden 
geschieht, das war dereinst die herrschende Wirtschaftsform über- 
haupt, in Untersteiermark an vielen Orten noch im 14. Jahr- 
hundert und gewiß auch noch viel später. Die Zustände in Rann 
und Lichtenwald sind ein Beleg dafür. 

Durch die Brandwirtschaft werden ganz andere bäuerlich- 
soziale Verhältnisse vorausgesetzt und gezeitigt, als die unsrigen 
sind. Unser Bauer wirtschaftet ganz selbständig, die Brand- 
wirtschaft dagegen bindet den Bauer sehr bedeutend an die Nachbar- 
schaft;, denn sie kann nicht von einem einzelnen auf eigene Faust 
ohne Gefährdung des weitesten Umkreises betrieben werden. Sehr 
bittere Erfahrungen veranlaßten den Menschen, vorsichtig beim 
Schwenden vorzugehen *) ; hat der Brand die vorgesteckte Grenze 

1) Es ist mir kein Fall bekannt und kommt gewiss nirgends vor, dasa 
man eine Schwende, sei es mit dem Pfluge, sei es mit einem Haken bearbeiten 
▼tirde, ttberaU wird unmittelbar in die Asche gesät und höchstens mit einer 
Haue Yorgearbeitet. 

2) In Skandinavien: Vetnsto tempore unicuique in funicnlo distri- 
bntioius ager proprins divisus et depntatns erat, censusque descriptus, ut 
possessio sna nnlli haberetur incerta, quam pro tributorum snsceperat quanti- 
täte solvendam. Attamen oborto per occasionem latiore terrarum spatio et 
^«rtüiori, nulli violentiam faciens, quisqne contendit pro ingenio et viribus 
^qoid soperaddere solo quaesito. Et hinc est, quod virgulta noxia impor- 
^^uutate in vidnioribns silvis nascentia, evulsis cespitibus pro fertiliore agro 
fornando, igne snpposito, conatur auferre, ne radicum quidem capilli et 
^^estres asperitates paulatim surgentes, agrorum yisceribus inserantur, et 
Bore Tiperino prolem sibi foecunditate contraria nutriat, unde se propago 
^^tnra comunpat Cineribus itaque ex cespitnm, virgammque et sarmentorum 
coabostione super faciem terrae relictis, mira foecunditas exsurgit, ut siligine 
PiVtertim, rapisque, et papavere, lino et canapo seminatis, multiplicatus 
^naidtor fimctns. Cavent tamen, ne sit solutus ignis, obvias 
PopQletur incendio Silvas: Et hoc circa rupes et aquas: quarum 
**^ectn, ne amplius coalescat, metas impermeabiles ponunt. Alioquin evenit, 
^t Tiritim singnli domos exeant a toto territorio, pro restinguendis flammis. 



338 J« Peisker 

überschritten, dann ist, von der Vernichtung anderer Güter ab- 
gesehen, die über den Bedarf geschwendete Strecke auf Jahr- 



yelnti contra hostes, omnia incendüs et rapinis cmdeliter devastantes. Olaus 
Magnus, Historia de gentibus sept Romae 1565, über XTTT, capnt V, de 
cinericüs et süvestribus agris. Cap. VI spricht de fertUitate talinm agromin. 

So schwendet man Hochwälder mit nutzbarem Banholze. Dort aber, wo 
die Brandwirtschaft das ganze Territorium ausschließUch beherrscht, kSnoeo 
keine Hochwälder aufkommen, weü schon viel früher der Platz zum Schwenden 
an die Reihe gelangt; da braucht man auch keine Stöcke auszugraben, so 
dass die Brandwirtschaft desto müheloser wird, je länger man sie übt 

In Großrußland und Litauen: Agroshocmodo ad sementempraepannt: 
Circa festum divorum Petri et PauU (29. Juni) in aestate, ad festum nsque 
Assumptionis Mariae (15. Aug.), nemora miricesque exscindere solent, quam 
excisionem arbustorum vulgariter Lada appellant. Nam si nemus densam 
fuerit, Stramine supersternunt, per hyememque sie durare patiuntar. Veit 
autem postea redeunte, post Paschatis festum, sole torrido aliquot diebos 
ingruente, illam prostrationem praedictam arbustorum, Stramine supposito 81]pe^ 
stratoque, succendunt, et in cinerem comburunt; ubi vero terra combureretor, 
illic nihil fere nasceretur, ideo ligna incombusta congerunt, in straemqne 
composita, denuo succendunt, sicque in illa terra combuata et in- 
culta, collectis duntaxat carbonibus et titionibua superfluis, 
triticum seminant primo, et supra sementem uuo equo jnncto 
aratro arant et occant, in Russia videlicet. [Der Same wird hier 
mit der Zoche {socha, einem zweizinkigen Haken ohne Sohle) eingehakt, 
richtiger gesagt, sehr seicht bloß eingescharrt, denn sonst müßte das Saatgetreide 
ersticken.] L i t u a n i enim bobus comibus aratrum [= dieselbe Zoche] trahentibos 
arare [= ebenfalls sehr seicht einscharren] solent, tantaque ibi feconditas 
dictu incredibilis subsequitur, ut Cererem in illis regionibus natam affirmare«. 
Eodem modo et hordeum seminatur, metitur et coUigitur ; niai quod crassiora 
nemora pro hordeo exscindnntur, et pinguiorem terram triticum exigit In 
hujusmodi autem agris, per annos sex vel octo fimo stercoreque non 81Ipe^ 
posito, Seminare solent. Qaod si arbores nimis altae et crassae, in ea syl^ 
ubi seminaturi sint, esseut: utpote pinus, fraxini, robora, et id genus aliae: 
eas non succidunt : nisi frondes ramosque circumsecant, ne solem agro praeri- 
piant. Rusticus vero unus, omnes arbores una semel adscensa circumsecabit, 
non descendendo ; instrumentum enim ad id factum, quasi sedile, ad stapedae 
similitudinem, secundum proportionem hominis sedentis factum arbori fiui^ 
longo appendet ; sicque sedens, a puero, fune alia ab arbore ad arborem faciie 
transfertur : habetque ad latus alligatum lignum curvum, ad id studio praepa- 
ratum, quo arbori appropinquans firmiter eam apprehendit, quam a vertioe 
ad radicem usqne circumsecat, et frondes ülas eodem modo supradicto aestate 
redeunte suocendit et seminat. Siliginem postea seminant hyemalem, saper 
haec culta novalia, tritico vel hordeo collecto: sed duabus vicibus ad siligifi^oi 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Torkotataren etc. 339 

ehnte für jedweden Getreidebau verloren, weil sie schon im Laufe 
Ines Jahres vergrast und in diesem Zustande brandwirtschaftlich 



rare cogontnr, quam Seminare incipiunt circa festum Assumptionis Mariae 
rV. Augusti. Quod si segnis agricola non absoWerit seminationem ad alterum 
Mtum nativitatis Mariae, quatuor hebdomadis, ad sequentem VIII. diem Sep- 
embris, tunc fructifero proventu consueto frustratur. Hanc seminationem 
üi^rinis hyemalem vocant. Vere enim redeunte, aliam, aestivalem vocatam 
«minant 

Hier handelt es sich nicht um ständige Brandwirtschaft, sondern um 
GU>dungen zu permanenten Äckern, welche 6 — 8 Jahre tragen, ohne gedüngt 
EU werden. Das erste Jahr wird, ohne zu pflügen, Weizen und Gerste ge- 
titet, und erst nach deren Abemtung wird das Feld zweimal gepflügt und 
Mitte August mit Koggen bestellt. Sodann folgt eine Sommerfrucht. 

Est quoque alius seminandi mos nuper adinventus, in praedicta prostra- 
tione succisioneque nemornm superius descriptorum, hoc modo : Duabus partibus 
hordei, tertiam siliginis intermiscere solent, quam commixtionem vere instante, 
tempore consueto seminant; eadem aestate hordeum solummodo demetunt, 
fiüiginem vero subter hordeum ad modum graminis paulatim densissime cre- 
«centem per hyemem durare sinunt; quae sequente aestate, adeo fecuudisslme 
densissimeque excrescit, ut equo yix eam densitatem penetrare possis, et ex uno 
grano 30 pluresve spicae pullulare in tantam altitudinem solent, ut vir equo 
insidens yix ex ea appareat. Omnes vero agros Buteni uno equo proscindere 
«olent, adeo enim facile aratro terra cedit 

Hie autem ordo in seminandis frumentarüs in tota fere Sarmatia obser- 
Tator: Primo post festum Paschae triticum seminant, postea siliginem aesti- 
^em dictam: ab aestivali seminatione vulgariter Jarzycza appellatur, ad 
differentiam hyemalis siliginis, quae, ut diximus, pro festo Assumptionis 
ll&riae seminatur ad hyemem futuram: unde vulgariter Otimina dicitur. Ex 
hac, si aestate seminaretur, nihil prorsus nasceretur, et h contra si aestivalis 
ad hyemem pro hyemali seminaretur (quamvis sibi grano similes essent, et 
Quadern naturae viderentur), null! usui esset, sed in gramen inutile verteretur. 
[Das ist unrichtig : „Die unzähligen Varietäten . . . sind bloß Ab- oder Spiel- 
arten, die sich yerändem und durch Einwirkung äußerer Umstände in einander 
ö^rgehen. Dies ist — gegen die gewöhnliche Meinung, selbst der Botaniker, 
die überhaupt in der Unterscheidung der Arten und Abarten (species und 
▼^etas) bei den unter der Einwirkung der Kunst stehenden landwirtschaft- 
lichen Pflanzen noch nicht aufs reine gekommen sind — auch bei dem Sommer- 
"*<* Winterweizen der Fall. Wenngleich beide, besonders einige Abarten, 
i^er Natur nach sehr verschieden zu sein scheinen, so kann man doch will- 
^^Üch den einen in den andern umwandeln. Indem man den entschiedensten 
Winterweixen spät im Winter im Februar oder anfangs März sät, wird er 
^t einem Teile seiner Sprossen aufschießen und reifen Samen in demselben 
J»hre machen, aber freilich nur einen schwachen Ertrag geben. Sät man 



340 J. Peieker 

unbestellbar ist. Verzehrt das Feuer ein ganzes großes Wald- 
gebiet, welches ganzen Dorfschaften zur alljährigen Schwendung 
bisher genügt hatte und auch fernerhin genügen würde, dann 
bleibt diesen nichts übrig, als auszuwandern, wenn sie es nicht 
vermögen, ihre ganze Wirtschaftsform von Grund aus zu ändern, 
und dies geschieht wohl äußerst selten, nur wenn alle Auswege 
versagen. Damit erklärt sich auch die auffallende Beweglichkeit 
primitiver, nur Brandwirtschaft treibender Völker. 

Die Brandwirtschaft erfordert somit gegenseitige Rücksichten, 
und diese werden auch ohne Eingreifen einer Obrigkeit geübt, 
weil sie zunächst der eigenen Person nützen. Das Bedfirfiiis 
nach Regelung des Vorganges ist so zwingend, daß es gewiß das 



den hiervon genommenen Samen im nächsten Frühjahre, so wird er schon 
mehr die Natur des Sommerweizens angenommen haben . . . und im folgendes 
Jahre wird er Tollkommener Sommerweizen sein. Dagegen säe man ent- 
schiedenen Sommerweizen zu Ende Oktobers : konmit ein harter Winter ohne 
genügsame Schneedecke, so wird er freUich sämtlich erfrieren, bei günstiger 
Witterung aber ziemlich durchkommen, dann früher wie der Winterweizen 
in Ähren gehen und reifen. Die hiervon gewonnene Saat wird den Winter 
schon besser aushalten . . . und im darauffolgenden Jahre wird er gans 
Winterweizen sein und später, z. B. zu Ende des Mai gesät, in demselben 
Jahre überall nicht in Ähren gehen. Denn der entschiedene Winterweiien 
kann so früh gesät werden, ohne emporzuschießen, was der entschiedene 
Sommerweizen noch tut, wenn man ihn auch zn Johannis säte^. — ifi^ 
Sommer- und Winterroggen geht auf eben diese Weise, wie der Weizen, in- 
einander über." A. Thabr, Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. VII. 
Wien 1818, S. 53 f., 79.] Hanc itaque aestivalem circa festum Pasehte 
seminant. Secundum agri possibilitatem praeperationemque Poloni, Lita&ni 
et Ruteni nigri, cum Masovitis et Prutenis et propter solis beneficinn ac 
regiones temperatiores, priori seminatione longe antecedunt Rutenos albos ti 
Moschovitas in Septentrionem vergentes, qui ob intemperiem aSris posteritf 
bis Omnibus Seminare coguntur; attamen interdum eodem tempore agrof 
demetunt. Hoc autem mirum est, quod siliginem seminantea aestavaleOt 
post Paschatis festum interdum, aliquot eiapsis hebdomadis, tamen eadea 
aestate, ut decet, maturam quasi per octo duntaxat hebdomadas, demetnnt, 
colligunt et recondunt. Pisa circa ferias D. Adelberti (23. April) . . . avenafl 
et hordeum post Pentecostes festum seminant . . .** 

Theatrum orbis terramm, sive Atlas novus et descriptiones omniiuB 
Regionnm. Editae a Guil. et Jo. Blaeu. Amsterdami 1641. I. fol. 19b, 30. 
— Jo. Jakssonii Atlas major I. Amst«laedami 1675. Litvania. — Theop. 
Preusz, Litauen vor 300 Jahren. Progr. d. Kgl. Gymn. zu Tilsit 1897/98. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 341 

stärkste Band abgibt, welches je den Menschen, auch den sonst 
nngefägigsten, an seine unmittelbare Nachbarschaft gefesselt hat. 
Das sieht man deutlich auch an den alten Germanen, von 
denen gar manche Gelehrte nicht begreifen können, was Cäsar 
berichtet: 

Niemand hat bestimmte Grundstücke zu Sondereigen, viel- 
mehr weisen die magistratus ac principes den einzelnen gentes 
cognationesque hominum, qui una coierunt, nur immer auf ein 
Jahr Land zur Bebauung an, wo und in welcher Ausdehnung 
es ihnen passend erscheint, und zwingen sie, das nächste Jahr 
anderswohin zu übersiedeln^). 

Und doch gfibt es nichts Nattlrlicheres, Zwingenderes. Der einzelne „homo^ 
kannte ja allein das Schwenden nicht Terrichten, es müssen daher alle Mit- 
interessenten, die bei den Germanen nach gentes und cognationes neben- 
dnander leben, sich zusammentun, coire, und die magistratus ac principes 
weisen denen, qui una coierunt, so viel an geeignetem Land an, als zur Er- 
&Shnmg nötig, also pro numero cultorum, wie Tacffus, Germ. XXVI, be- 
richtet; nicht mehr, weil das danebenliegende Wildland für das kommende 



1) Agriculturae non Student maiorque pars eorum victus in lacte caseo carne 
i^nnstit. Neque quisquam agri modum certum aut fines habet proprios ; sed 
magistratus ac principes in annos singulos gentibus cognationibusque hominum qui 
^M coierunt, quantum et quo loco visum est agri attribuunt atque anno post alio 
tratuire cogunt. Und YOn den Sueben : . . . Sed privati ac separati agri apud 
tos nihil est neque longius anno remanere uno in loco incolendi causa licet, 
Septe muitum frumento, sed maximam partem lacte atque pecore vivunt multumque 
«w/ in venaäonibus. Caesar, Bell. Gall. VI, 22. IV, 1. — ElCH. HiLDEBRAND, 
Bedit und Sitte. Jena 1896, S. 67 ff. — Vergl Jordanis 61 (oben S. 262). 

Hichtig bemerkt J. Hoops, Waldb&ume und Kulturpflanzen im germa- 
Mien Altertum. Straßburg 1906, S. 486: „Das agriculturae non student ...» 
dis wiederholt fälschlich durch mit Ackerbau beschäftigten sich die Ger- 
"Mnen nicht übersetzt wurde, bedeutet vielmehr: auf den Ackerbau legen sie 
^tinen Wert, Dies wird bewiesen durch die Parallelstelle VI, 29, wo es 
unter Bezugnahme auf die eben zitierte Angabe heißt : quod, ut supra demon- 
'f^nimui, minime omnes Germani agriculturae student. Ob Max Weber 
(^r Streit um den Charakter der altgermanischen Sozialverfassung, in 
Conrads Jahrbttchern f. Nationaltfk. u. Stat. 88 [3. F. 28] 1904 S. 444) 
•^t hat, wenn er minime mit omnes verbindet und die beiden Wörter durch 
^nesToegs alle übersetzt, ist mir doch zweifelhaft. Die offenbare Beziehung 
*nf die Stelle agriculturae non student (VI, 22^ die in den Worten ut supra 
"^^nstravimus liegt, spricht mehr für die Richtigkeit der üblichen Verbindung 
^^8 minime mit student,*^ 



342 J- Peiaker 

Jahr Yonnöten und deswegen zu wertvoll ist, um heuer durch sinnlose 
Schwendung auf Jahrzehnte unverwendbar gemacht zu werden; dies wMe 
ja die Gesamtheit der gentes cognationesque schädigen. 

Warum zwingen — cogunt — aber die magistratus ac principe» die 
Leute, gleich schon das Jahr darauf die Äcker aufzugeben, weiterzuziehen 
und Neuland zu schwenden? Zu wessen Nutz und Frommen? 

Erstens liegt der Zwang in der Bodennatur selbst, welche bei dieser 
Wirtschaftsform nur eine Saat ohne besondere Mühe gewährt 0. 

Zweitens liegt der Zwang in der Lebensweise der Germanen. Diese 
nährten sich zu Cäsars Zeiten weniger vom Ackerbau als von Jagd imd 
Viehzucht : Milch, Käse, Fleisch. Dies gilt allerdings mehr von der Herren- 
Schicht, weniger von den servi, dem zahlreicheren, großenteils wohl fremd- 
rassigen Teil der Bevölkerung, welchem gewiss nur eine beschränkt« Vieh- 
zucht eingeräumt war'). Die Hauptsorge der germanischen Machthaber 
ging also dahin, dass es an dem nötigen Weideland nicht fehle, die Vieh- 
zucht vom Getreidebau nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern möglichst 
gefördert werde. Und gefördert wird die Viehzucht ebenso wie der Get^cid^ 
bau am besten durch einjährige Brandwirtschaft. 

Der heurige Schwendacker hat die Mühe des Bauers reichlich gelohnt 
und ihm ein Getreide gespendet, das unserem besten nicht nachsteht Das 
künftige Jahr würde er jedoch erlahmen und tippiges Onkraut mit anseUea. 
Dies kann der Bauer gar nicht, der Viehzüchter dagegen vorzüglich braaeho. 
So zieht der Bauer willig von dannen und der Viehzüchter an seine Stelle. 
Daher cogunt auch die magistratus ac principes die feldbauenden homines, 
die minderen, ärmeren Leute'), nicht länger, als unbedingt nötig, znrü^* 
zubleiben und den Platz, auf welchem sie nichts mehr zu suchen haben, lo 
räumen. Wer von den homines wäre auch so albern, auf einer zweiten Be- 
stellung derselben Schwende zu bestehen, die nur noch unreines Getreide 
liefert, während daneben die beste Ernte winkt; wie könnte er eine zweite 
Saat vor Abweiden schützen, nachdem ringsum alles unbestellt geblieben ist 

Den durch Cäsar geschilderten Vorgang erzwang jedoch nicht allein 
der wirtschaftliche Vorteil, sondern auch die, das ganze germanische Daieia 
durchdringende Notwendigkeit, daß gens an gens, cognatio an cognatio, 
so wie sie in der Schlachtordnung gegliedert waren, auch daheim immer and 
tiberall nebeneinander wohnen und wirtschaften. Daher wiesen die ma^* 
stratus ac principes zuerst den gentes und innerhalb dieser fortgesetzt den 
einzelnen cognationes, nach der Zusammengehörigkeit, der Stufe der Parentel 
— so ist nämlich auch das vielbesprochene Taciteische secundum dignationen 
(Germ. c. 26) zu verstehen — , Land an, auf daß Bruder an Bruder, Vatersippe a» 

1) Hildebrand, S. 66. 

2) Daß sie eingeräumt war, lehrt die Zmwiiig : frumenti modum dommus 
attt pecoris aut vestis ut colono iniungit, et servus hactenus paret, TaCITI^ 
Germania, c. 25. 

3) HlLDEBKAND, S. 93. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zn Turkotataren etc. 343 

iimsippe nnd so fortgesetzt bis znr Grenze der ganzen cognatio, tatsächlich 
eneinander, zn gegenseitigem Beistand, wohnen könne. Und nachdem 
ser Modus Jahr für Jahr gettbt worden, ist die Einwendung nichtig, als 
die Germanen sich ihre Genealogien nicht immer hätten merken können. 
' Stammbaum einer cognatio war doch nicht gar so lang, und wo er ver- 
te, wurde das Fehlende fingiert. In der Bibel stehen ja ungleich längere 
lealogien, und wie sehr weit das Gedächtnis einer Sippe gehen kann, er- 
sen zum Beispiel die Stammtafeln stidslawischer Hausgemeinschaf ten Or 
rie auch die Sippe der sieben Vorväter im turkotatarischen «r«^*). 

Und indem die Germanen die Schwendwirtschaft nicht der Willkür der 
zelnen homines beließen, sondern nach Erfahrungsnormen behördlich hand- 
»ten, zeigten sie, wie man auch auf einer primitiven Wirtschaftsstufe 
"chans zweckmäßig und geregelt leben, dabei alljährlich wandern und 
iDOch alle Blutsbande festgefügt und unversehrt bewahren kann. 

Im Gegensatze zn den send der Germanen konnten die Slawen 
der turkotatarischen Knechtschaft keine Viehzucht treiben, das 
kben wir schon dargelegt. Und daß sie, darin den homines der 
ermanen gleich, auch nicht willkürlich schwenden durften, liegt 

der Natur des herrschenden Nomaden, welcher jeden Feldbau 
brachtet, nicht weil dieser seine Macht oder Herrschaft gefährdet, 
)ndem seiner Natur nach immer die Tendenz hat, der Jagd 
der Weide mehr oder weniger Boden zu entziehen ^). Der Nomade 
ißt den Feldbau nur dort zu, wo dieser ihn nicht stört oder dessen 
ierden direkt fördert. Dies gilt besonders von jenen Nomaden, 
i^elche das Herumziehen auf weite Entfernungen allmählich auf- 
;aben, aufgeben mußten, und sich in bestimmten Weiderevieren, 



1) Friedrich S. Erauss, Sitte und Brauch der Südslaven. Wien 1885, 
^* 121 f. In Magud's Hausgemeinschaft ging man bei der Teilung bis auf 
len Großvater des Urgroßvaters zurück und erinnerte sich dabei noch dessen 
»wßTaters. 

2) „Nach nomadischer Auffassung der Afißnitätsgrade wird ... die 
Frenze des uruk durch sieben Vorväter definiert, daher man unter dem Ausdrucke 
'^ö ata (wörti. sieben Väter) Ahnen, Voreltern im allgemeinen versteht; was 
Iber diese Zahl hinaus sich erstreckt, wird als der weite Verwandtschaftskreis, 
^ t als der Stamm betrachtet Für die Zusammengehörigkeit der yerschie- 
J«nen tire's (Stämme) hat der Nomade ein schon verhältnismäßig geringeres 
^cntÄndnis, und der BegrifiF Volk, Nation, was er unter // versteht, kann 
^^ schon weniger erwärmen, als die auf Grundlage einer engem Verwandt- 
est ruhende Einteilung der tire's und der uruks,^ Vambäry, Primitive 
^tur, S. 134. 

B) Hildebraxd, S. 92. 



344 J' Peisker 

2upen, zurechtfanden. Und auf solche Hirten kann man un- 
bedenklich Cäsars Angaben über die Schwendwirtschaft der Ger- 
manen paraphrasieren und sagen: 

Bei den alten Slawen hatte niemand bestimmte Gmndstficke 
zu Sondereigen, vielmehr wiesen die ^upane den Bauern, die zu 
diesem Zwecke zusammentraten, nur immer auf ein Jahr Land zum 
Schwenden an, wo und in welcher Ausdehnung es ihnen passend er- 
schien, und zwangen sie, das nächste Jahr anderswohin zu äbersiedeb. 

Ja, wo steht es geschrieben, daß es gerade die 2upane waren, 
welche, wie bei den Germanen die magistratus ac principes, die 
altslawische Brandwirtschaft befehligten? Nun, die 2upane waren 
eben die einzige Obrigkeit der Slawen *), und sonst war niemand 
da, welchem an den Schwendungen was gelegen wäre. Sie 
kehrten sie selbstverständlich zu ihrem eigenen Nutzen, mit allei- 
niger Rücksicht auf die Viehzucht, welche sie auch in Unter- 
steiermark, zu Zeiten vor der deutschen Eroberung, den Slawen, 
wie wir noch hören werden, wahrscheinlich noch immer verwehrten. 
Nach der deutschen Eroberung bestand aber eine solche Ver- 
wehrung jedenfalls nicht, denn man findet in Untersteiermark 
auch die Bauernschaft zumeist mit vi eh zinspflichtig. 

Die Handhabung der Schwendwirtschaft zu eigenem 
Nutzen ist die Grundherrlichkeit selbst, die 2upane 
Untersteiermarks waren somit vor der deutschen 
Landnahme Grundherren imvollsten Sinne des Wortes. 

Hob der deutsche Machthaber diese 2upanenrechte vollständig 
auf? Mit nichten. Er entzog den Unterworfenen möglichst nel 
vom Territorium, um Platz für sich zu schaffen und seine an- 
zulegenden Kolonien. Die Brandwirtschaft selbst und ihre Hand- 
habung ließ 'er jedoch bestehen, und indem er 2upan und Bauer 
besteuerte, löste er dadurch die bisherigen sozialen Verhältnisse 
noch lange nicht. Unbedenklich kann man annehmen, daß die 
Zupane auch fernerhin zu ihrem eigenen Nutzen die 



1) Von Konstantin Porphyrogennetos hörten wir oben S. 317, diß 
die Slawen außer Zupanen-GeronUn keine sonstigen dtpxovxtg hatten. Es waren 
das zupanische Graubaru, Aksakale, senior es, Familienälteste der turko- 
tatarischen Herreuschicht. — So auch Ibrahim 8 und Thietmab 
VI, 18 (oben S. 318 f.). 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 345 

hwendwirtschaft handhabten und dadurch gewisse 
8te ihrer einstigen Grundherrlichkeit, also ge- 
sse Proprietätstitel behielten. Die altslawische, eigent- 
i turkoslawische Verwaltung und Wirtschaft blieb auA*echt, 
' daß die bisherige ^upanenwillkür einem gewissen Rechts- 
utze weichen mußte. Dadurch wäre die auf S. 335 aufgeworfene 
Ige nach den, den ^upanen an den Ortsmarken als Weide- 
ieren belassenen Proprietäts titeln beantwortet ^). 
Die absolute, einjährige Brandwirtschaft ohne Pflugarbeit be- 
nd in Untersteiermark noch im 14. Jahrhundert, wohl auch 

1) Dementsprechend war auch noch nach der deutschen Landnahme 

gesellschaftliche Rang der 2upane bedeutend höher als der der Banem. 
VEC fand : „Snpanen werden vielfach als Zeugen in Urkunden des Klosters 
iudental in Kraiii genannt, so z. B. . . . 1274: iUm suppanus dicte domus 
h. Freudental) nominatus Petrus et Ekkehardus suppanus eciam de Holaren, 
n Waltfurus suppanus Wolkeri de Reyfenberch de villa Witigos, item filius 
"sdem suppani, item suppanus Merti ibidem, item Nedel suppanus meus 

h. des Urkundenausstellers . . .) et Hertvicus /rater ipsius de Wippach 
itteilungen d. Musealvereines f. Krain XIII. 1900, S. 44, Nr. 4) . . . 
teressant ist die Zeugenreihe einer Urkunde von 1322 (a. a. 0. S. 63, No. 27) : 
Minus Fridericus saeerdos vicarius de Stein, dominus Hermanus de Gutenveld, 
ici Rudgerus de Ige, Leonhardus offieialis de Vreuncz, Georius supp onus 
' Vegaun, yacoöus f rater ipsius, Cunradus civis de Laybac o, Fridericus 
tarius ibidem, Nycolaus de Lapide. Wir haben keinen Grund, anzunehmen, 
^ die Reihenfolge der Zeugen hier eine willkürliche sei, sondern können 
8 zum Beweise des Gegenteiles präsumieren, daß die Zeugen hier, wie es 
n«t im Mittelalter üblich war, nach gesellschaftlichen Unterschieden gruppiert 
erden. Da ist es nun jedenfalls befremdend, daß der Georius suppanus de 
fidUH zwischen einem Einschildritter und einem Laibacher Bürger steht. Daß 

ein Rittermäßiger gewesen wäre, ist undenkbar, weil die Snpanen im 
IV. Jahrhundert überall, wo sie sich nachweisen lassen, dem bäuerlichen 
erafe obliegen. Trotzdem aber wird er nicht unter den Zeugen bäuerlicher 
bknnft angeführt — zu diesen gehört wohl ziemlich sicher der am Schlüsse 
sr Zeogenreihe genannte Nicolaus de Lapide, Man beachte, daß die Urkunde 
' ^oco, qui dicitur Siein, iuxta ßuvium qui dicitur Laybach ausgestellt wurde. 
8 ist das Dorf Kamnik (Stein), OG. Preser, GBez. Oberlaibach — , sondern 
^n Bürgern vorangestellt. Das deutet darauf hin, daß er einen hervor- 
^nden gesellschaftlichen Rang eingenommen hat, sozial höher als diese 
^standen ist. Man wird daraus mit Rechtauf eine privilegierte Stel- 
'Ägder Snpanen schließen dürfen." W. Levec, Pettauer Studien III. 
» den Mitteilungen der Anthropol. Gesellschaft in Wien, Bd. XXXV. 
905, S. 72 f. 



346 J. Peisker 

noch später an vielen Orten, wo eine intensivere Wirtschaftsform 
ob der Sterilität des Bodens noch nicht an der Zeit war. Da- 
neben und darunter gab es — gewiß nicht erst seit 1309 — 
Ort8chafl;en mit je einem Pfluge. Dies lehren die Stellen : vilh 
que habet aratrutn; si villa habet integrum aratrum. Da» 
setzt indes permanente Acker noch lange nicht voraus, sondero 
bloß mehrjährige, wohl zumeist zweijährige Schwendäcker: im 
ersten Jahre ungepflügt mit Winterfrucht, hier Weizen, bestellt, 
sodann im folgenden Frühjahr zur Sommersaat, hier Hafer, g^ 
pflügt, wohl nicht mit Pflug, sondern mit Haken. Nebstdem gab 
es hier gewiß schon frühzeitig Ortschaft;en, deren Mark teils in 
permanenten Äckern (in besonders günstigen Lagen) bestand, 
während der übrige Teil noch fernerhin brandwirtschaftlich 
genutzt wurde. Dagegen waren die, erst während der deutschen 
Herrschaft gegründeten Kolonien wohl von allem Anfang an in 
Hüben als Wirtschaftseinheiten mit permanenten Äckern ver- 
messen und rein gerodet. Es sind dies die villae suppano 
carentes, die de proprietate principis, in denen kein 2upan*) 



1) Nämlich Z«//a» im alten Sinne des Wortes. Die deutsche 
Kolonisation des den unterworfenen entzogenen Bodens» 
teils mit slawischen, teils mit deutschen, später slawisierten 
Kolonisten, brachte eine Verschiebung in der Bedentnngdei 
Wortes Zupan, indem der Gemeindevorsteher jedes solche« 
neuen Dorfes — einer in der Regel viel größeren Anlage, als 
die alten Ortschaften waren — slawisch ebenfalls den Titel 
Zupan führte, obzwar er hier ausschließlich Amtsperson war, 
ohne irgendwelche Privatrechte, wie sie der 2upan einer 
alten Ortschaft als einstiger Grundherr besaß. Fortan be> 
standen also zweierlei villae und zweierlei Zupane, diescharf 
zu unterscheiden sind, weil ihr Ursprung und Charakter 
grundverschieden war: 

1. Altslawische villae, meist kleine Weiler, deren ^upan 
gewisse grundherrliche Rechte auf dem ganzen Territoriu» 
ausübte und — um uns des daleminzischen prägnanten Aat- 
druckes zu bedienen — der senior [princeps] villae Ursprung" 
lieh war, implicite mit auch Gemeindevorstand (magiater 
villae), Dorfschulze. 

2. Neue Kolonistendörfer, in der Regel größere Gewanndorf- 
anlagen, mit einem Dorfmeister (magister villae) an derSpiti«» 
einem einfachen administrativen und richterlichen Dor^ 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Torkotataren etc. 347 

1 suchen hatte, und in denen jeder Hfibner, sei es mit 
n, sei es mit gemeinsamem Pfluge seine Hube bestellte, 
die Dienstgüter der Officiales, der Amtmänner, lagen in 
lenten Äckern, und der Liber predialis vom Jahre 1309 
mt — wie wir schon vernommen — , daß jede 2upanenvilla, 
ibet (integrum) aratrum, dem Amtmanne zu pflügen habe 
'age im Herbst — zweimaliges Pflügen zur Wintersaat — 
nen Tag im Frühjahr — einmaliges Pflügen zur Sommer- 
-, gerade so wie in den bestbewirtschafteten Gegenden 
hiands. 

dem Liber predialis vom Jahre 1309 werden die einzelnen 
mit einer stereotypen Formel angeführt, so gleich die 
iUa: 

Stananik sunt hübe viii/ (= 8V2) . . . quarunt iiij sunt 
e (4 V2 waren vom Wolkenbruch zerstört), harutn suppanus 
ij et servit (folgt der Zins)^). 

ist die Ortschaft Stolounig ö. von Lichtenwald, n. von 
uburg. Die Dorfmark ist 314-466 Hektar groß, und war 

auch im Jahre 1309, dann kämen auf eine huba genau 
ktar, das ist zwei Drittel einer Königshufe. 
ist die Frage : Waren alle die einzelnen Hüben in festen Rainen, 

jeder einzelne Hübner auf seinem eigenen Grundkomplex 
laftete, oder waren es in der Regel bloße unberainte Rech- 
luben, durch deren Gesamtheit die Brandwirtschaft betrie- 
od vom 2upan jedem Insassen jährlich ein Bestimmtes 
jhwenden zugewiesen wurde, während der unbestellte Teil 



nde, Schulzen, den man mit demselben Titel, Zupan, 
ite und jederzeit absetzen konnte: gibt nichts alß lang 
an ist (Puntschart, Herzogseinsetzung und Huldigung in Kärnten, 
1899, S. 228). 

Q muß sich somit jeden !^upan früher genau ansehen, um nicht einen 
n Dorfschulzen, magist er vilU, für einen einstigen Grundherrn, senior 
Kauf zu nehmen. Diesen gewaltigen Unterschied zwischen den zwei 
ngen eines und desselben Wortes nahm man bisher nicht wahr und 
« dadurch die an sich schon komplizierte l^upanenfrage noch mehr, 
ird nun durch reine Scheidung der zwei, mit einem Namen belegten 
onen leicht lösbar. 
Peisker, a. a, 0. S. 361 [123]. 

•IjabTtchr. f. Social- u. Wirtschaftsgesehicht«. m. 23 



348 J- Peisker 

zur Weide gemeinsam diente, und zwar zu einer bestimmten An- 
zahl von Viehhänptem für einen jeden Insassen? Nach allenit 
was wir bisher von der Brandwirtschaft gehört haben, ist dtt 
zweite als ziemlich sicher anzunehmen. Berainungen der einzebeo 
Hüben hätten nur dann einen Sinn, wenn die Sondemutzung nur 
innerhalb derselben stattgefunden hätte, dadurch wäre aber einem 
Eingreifen des 2upan der Boden entzogen. 

Die Formel wäre somit aufzulösen : Stanonik umfaßt 8Vt Hnbeo 
Landes, d. i. für 8V2 Anwesen; davon sind 4 besetzt und ?oa 
diesen hat 2 der ^upan. 

Der ^upan hat immer zwei Hüben, bloß in drei^ von den 
Fluten besonders hart mitgenommenen Ortschaften hat er nur je 
1 Hube^). Dagegen: 

In Prunne sunt hübe vij, quarum sex sunt possesse. Harun 
duo SMppani habent hubas iiij et serviunt de duabus suppis iure 
medio (= halben Zins), reliquarum una serviet iure medio anno 
Dni millo CCC X. Item alia huba serviet anno Dni M. CCC XL 
sed recessit, et alter serviet anno Dni M, CCC, Xll ...*). 

In dieser Ortschaft sind gleich auf einmal zwei 2upane und 
dienen von zwei 2upen. 

In inferiori Schriemez sunt hübe vj, omnes possesse, iuri 
medio, quarum suppani habent ij\ lidem habent hubam i qitaM 
servient anno Domini millesimo CCC Xlo, Item, reliquarum 
trium hubarum una servit iure medio. Item alie due servient 
anno Dni millo CCC X. Einschub anderer Tinte: lum imätm iHdm 
swaigam unam cum ovibus lactarns xx que serviet anno Dni M. CCC X . • • *^ 



1) In Villa Ansache sunt hübe vij iure pleno, quarum suppanus habet hu- 
bam i, et serviet de suppa dimidia iure pleno anno Dni M. CCC, X. 

Item huba i servit iure pleno, 

El nota quod predicta villa servire primo incepit anno Dm mill^ ccc. X, *** 
war eben yoUständig zerstört. — pleno iure = im vollen Zinse . . . 

In Zdol sunt hübe xij pleno iure, quarum iij sunt possesse, harum /*/* 
panus habet i et servit de suppa dimidia pleno iure , . . 

In villa Obres sunt hübe xvj, quarum ij sunt possesse, harum suppanuf 
habet i et servit de suppa dimidia iure pleno. Reliqua huba j servit ^^^ 
pleno . . . Pkisker, S. 361-363 [123—125]. 

2) Peisker, S. 363 [125]. 

3) Peisker, S. 361 [123]. 



Die älteren Bedehangen der Slawen zn Turkotataren etc. 349 

Hier sind wohl ebenfalls zwei !^upane, sitzen gemeinschaft- 
h auf der üblichen Doppelhube and haben nebstdem eine dritte 
enfalls gemeinschaftlich inne. Es scheint, daß die Schwaige, 
3 Schäferei, als die vierte, za der zweiten vollen „2apa^ 
nlende Habe za zählen ist. 

In jeder dieser zwei Ortschaften stehen zwei andifferenzierte 
ipane einer verschwindend kleinen Bauemgrappe gegenüber, 
lese Erscheinang dürfte jedoch gar nicht vereinzelt in Unter- 
eiermark dastehen, denn das schon genannte Rationariam Stirie 
[>m Jahre 1265 — 1267 meldet aas der ersten provincia officii 
xiffer: 

Item in loco, gut dicitur Cvom, sunt v supani, quorutn 
uilibet solvit ovem cum agno, pro porco iij den,, pro agno iiij, 
ro Uno iiij. Sub eisdem supanis sunt xviij predia, quorum 
iiodlibet solvit ovem cum. agno et quelibet villa illarum solvit 
^ den : pro porco iij, pro Uno ij *). 

„Die Vermutang liegt da nahe, daß die Bewohner des ,locas 
ini dicitar Cvom^ nach Ortschaften und ^npanen noch nicht 
lifferenziert waren ^), sondern daß hier eine Grappe von 18 Baaem- 
'amUien einer Grappe von 5 ^apanenfamilien unterstanden hat. 
ias Verhältnis der beiderseitigen Zinsungen — kein Getreide! 
— verrät, daß auch hier in „Cvom^ das 2upanengut mit zwei 
^Qemhaben bewertet war; wir erhalten somit einen Komplex 
^OD 28 Hüben; davon sind 35*71 ®/o Zupanengut, und auf je einen 
^üpan kommen durchschnittlich 3*6 Bauemhuben. 

Genau so verhielt es sich in einem Orte des Amtes Marburg: 

Item in Pechsen xl predia et xj supani, quorum supanorum 
luilibet habet ij, illorum vero xl cuiuslibet census solvit x den \ 

Pechsen war also im ganzen mit 62 Hüben bewertet und 
•^ar augenscheinlich ebenso wie „Cvom" keine Ortschaft, sondern 



1) Rauch, IL S. 129. 

2) Es ist bezeichnend, daß auch in der Summa diese 5 2upane abg^esondert 
^2hlt werden: Hec predUta predia sunt sub regimine schephonis Gyrredei, 
^oruM summa est Ixxxxiiij [sie!]. De quibus xliij [xlüij?] respiciunt in Siben- 
'*^i et V Supani. Aliorum Supanorum est numerus xj [soll heißen vly ; 
^«T neunte, als schepho, zinst nicht, ist daher nicht zu zählen]. 

3) Rauch, H. S. 142. 



350 J- Peisker 

eine Gegend ; wie dort, werden auch hier die den einzelnen Za- 
panen unterstehenden Banemhuben nicht aaseinandergehalten, 
auch hier scheint einer nicht differenzierten Gruppe von 11 iu- 
panen eine ebensowenig diflferenzierte Gruppe von 40 Bauern 
gegenübergestanden zu sein ; 35*48 ^/o des ausgetanen Bodens 
war Zupanenguty und auf einen 2upan kamen im Durchsclmitt 
3-64 Bauemhuben" ^). 

Ich glaube, diese hier geäußerte Vermutung ist hin- 
reichend durch die Angaben des Liber predialis über Pronne 
und Schriemez inferior gestützt. Hier standen tatsächlich (je zwei) 
undifferenzierte 2upane der Bauernschaft gegenüber, daher ist 
es möglich, daß auch in Cvom und in Peehsen dasselbe der 
Fall war. 

Die zwei ^upane in Prunne serviunt de duabus suppis. 
Was ist hier ^upa? 2upa, einfach = 2 hubae, hätte keinem 
Sinn. 2upa = Gemeindeamt, noch weniger, denn in einem 
Sieben- oder gar Sechshubenweiler — die vier ^upanenhuben mit- 
einbegriffen! — wären zwei Gemeindeämter denn doch zu viel 
Eine nähere Erklärung finden wir über das Rätsel im Liber 
predialis nicht, müssen sie somit anderswo suchen, freilich dort, 
wo dieselben wirtschaftlichen Verhältnisse bestanden habai. 

Im Stockurbar der Pettauer Herrschaft v. J. 1495 lesen wir: 

Dy Sup Oberhart hat zwelf /luebm, das dorff dint aintn 
ambtmann drey phlueg, so es gesiifft ist (= wenn es besetzt ist). 

Steffan Supan hat zwo huebm, Michel . . . hat i h., Andre . . . 
I h., die anderen 8 sind öd% 

Und so heißt jedes weitere Dorf als Ganzes eine Sup, mit 
je einem 2upan auf einer Doppelhube. Oberhart dient dem Amt- 
mann gleich wie das 12 hubige Mitterhart drei Pflug, d. i. 3 Tage 
mit dem Pfluge, so wie es auf den Herrschaften Rann uni 
Lichten wald 1309 beglaubigt ist. 

Dy Sup Niderhart hat achthalb huebm . . . und dienn dnif 
ambtmann zwen phlueg, so das dorff besetzt ist . . . Die Snf 
Grüntl hat achthalb huebm . . . und dienn ainen phlueg . • 



1) Pkiskek, S. 356 [118] ff. 

2) Landesarchiy zu Graz, Fase. 50 Nr. 126. 



Die älteren Beziehungen der Slawen za Torkotataren etc. 351 

y Sup Gertnitzen hat zwelf huebtn . . . dint . . . zwen phlueg 
id vier tagwerch u. 8. w. ^). 

Wir sehen, auch auf der Pettauer Herrschaft war noch 1495 
e altertämliche Pflugrobot nicht von dem einzelnen Bauer, 
ndem von der ganzen ^Sup", dem ganzen Dorfe, zu verrichten, 
Q Beweis, daß auch hier dereinst die Brandwirtschaft die maß- 
^bende Wirtschaftsform bildete, geradeso wie in Rann und 
ichtenwald, wenn schon vielleicht inzwischen eine intensivere 
odenbestellung Platz gegriffen und der einzelne Bauer bereits 
it eigenem Pfluge ackerte, denn man vergesse nicht, daß das 
ettauer Urbar um rund 200 Jahre jünger ist als der Liber 
redialis. 

Nun wissen wir, was eine Sup, ^upa ist: eine Dorfmark, 
i. i. villa cum terris cultis et incultis, cum agi-is, pascuis, silvis, 
iquis. Es ist das ein Territorium, dessen teils gemeinsame, teils 
^ondemutzung, durch Weide und Saat, nur den Insassen zusteht, 
ivelehe außerhalb dieses Territoriums keine geschlossenen Nutzungs- 
rechte haben. Hier, auf dem Boden der Brandwirtschaft, ist Äupa mit 
auch, ja vornehmlich Weiderevier, durch welches der Schwende- 
tumns Tauft. In Untersteiermark hat somit das Wort 2upa noch 
die altslawische, der altindischen gleiche Bedeutung: Weide- 
revier, wie es auch im Altserbischen der Fall war^, und es 
ist dabei ganz gleichgültig, daß die altserbische 2upa, als Weide- 
revier, den ganzen Gau mit allen darin vorhandenen Ortschaften 
umfaßte, während in Untersteiermark eine jede villa, auch jene, 
in welcher ein 2upan ganz allein, ohne irgendeinen „colonus**, 
i»vicinu8" saß, eine Äupa für sich ausmachte, eine Folge der 
deutschen Herrschaft, welche die alten, großen 2upen auflöste. 

Aber in Pmnne sind ja zwei 2upane und serviunt de duabus 
^ppis! Wie ist dann das zu erklären, etwa dadurch, daß die 
^ sich schon kleine Ortschaft in zwei Weidereviere tatsächlich 
^rfiel? Kaum, denn während die vermutlich zwei 2upane in 
^hriemcz inferior sogar ihre eigenen drei Hüben ungeteilt „habenf', 
^e ^upane zu Prunne noch viel weniger die Weide geteilt haben 

1) Über Bupania, supanatus, zupnica a. dgl. siehe Peisker, 
a. 0. S. 365 [127] Anm. 47. 

2) Siehe oben, S. 289. 



352 J- Peisker 

dürften. Dies ist auch durch die Formel: serviunt de duabus 
suppis gewiß nicht gemeint; jeder 2upan repräsentiert auch hier 
eine ^upa, nur bilden hier die zwei ^upen einen, ongeteilten 
Komplex. Die zwei ^npane wirtschafteten mit ihren 2 Bauern 
wohl auf einer ungeteilten Siebenhubenmark, zugleich Weiderevier, 
^upa, zinsten jedoch de duabus suppis, von zwei Rechnungs- 
'Zupeu, denn sie galten dem Fiskus ebensoviel, als wenn sie ge- 
trennt wären. Prunne war in der Wirklichkeit eine villa, eine 
suppa, eine Verwaltungs- und Wirtschaftseinheit, nnr 
fiskalisch galt sie für zwei villae, zwei suppae, weil sie 
unter zwei ^upanen stand. 

So auch vielleicht in loco Cvom, mit 5 ^upanen, quorom 
quilibet solvit . . . Sub eisdem supanis sunt 18 predia, quornm 
quodlibet solvit ... et quelibet villa illarum solvit V denarios. 
Auch hier dürfte jeder 2upan eine [Rechnungsjvilla repräsentieit 
haben, die aus ihm und der auf ihn von den 18 Bauern ent- 
fallenden Quote bestehen würde, falls es zur Teilung der Bauern 
unter die 5 ^upane käme. — 

Unterschied sich der 2upan auch in seiner Lebensweise 
von dem ihm unterstehenden Bauern? Darüber läßt sich riel- 
leicht einiges zwischen folgenden Zeilen des Liber predialis vom 
Jahre 1309*) herauslesen: 

Amlawicz umfaßt 6 Haben, von denen 2 besetzt sind; davon hat der 2apanil 

^ 2. 

n n ^ I* ff jt n n tj n^* 

» n ^ n I» 7i »»»»»*• 

^ 2. 

» «1/i» n jt n n it ^' 

Q t 

Diese acht von der Wassersnot furchtbar heimgesuchten Ort- 
schaften umfaßten ursprünglich 71 Hüben, und von diesen wur- 
den so viele zerstört, daß noch im Jahre 1309 ihrer 52, also 
mehr als 73%, wüst lagen. Von den 19 besetzten Hüben hatten 
die acht Supane 14 Hüben, also 74 ®/o ; es wird da in drei Fallen 
nur der 2upan als der einzige Insasse angeführt; in einem Falle 



Lok 


n 


5 


Zdol 


» 


12 


Ponikel 


» 


9 


Suschitze 


?» 


8 


Obres 


n 


16 


Pnikke 


» 


10 


Poklek 


n 


6 



1) Pkiskek, S. 366 [128] f. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren etc. 353 

aßer ihm noch ein Halbhübner, in drei Fällen ein Hübner, in 
inem Falle IV« Hühner. 

Ja, hat denn das entfesselte Element just immer vor dem 
iupan Halt gemacht, nur seine „Hüben" verschont, die anderen 
erstört? Undenkbar! Das Wasser zerstörte das Anwesen des 
iupan ebenso, wie das der Banem, mitsamt den Vorräten an 
retreide zur Nahrung und Aussaat. Während aber der von 
inbsistenzmitteln entblößte Bauer an der Unglücksstätte nicht 
reiterleben konnte und von dannen ziehen mußte, blieb der 
lupan^); er muß somit noch andere Subsistenzmittel gehabt 
aben, die der einfache Bauer nicht besaß. Und worin können 
lese besonderen Subsistenzmittel bestanden haben, als in einer 
iel stärkeren Viehzucht? Herden lassen sich nicht so gründ- 
ich fortschwemmen wie Getreide! Und so drängt diese Unver- 
mstlichkeit der ^upane schon an sich zur Annahme, daß der 
üdsteierische 2upan stellenweise auch noch unter der deutschen 
lerrschaft mehr Viehzüchter als Feldbebauer war, während bei 
!en ihm unterstehenden Bauern es umgekehrt stand. Dafür 
pricht auch eine andere Erscheinung: 

Wollen wir uns zu diesem Zwecke der ersten Gruppe der 
rsten provincia des oflScium Tüflfer zuwenden, von welcher 
uf S. 330 die Rede war. Sie umfaßt 7 Ortschaften (Chreinen- 
cheyr) mit 2,2,2,3,2,2,3 Prädien und mit je einem 2upan. 

Jeder 2upan dieser Gruppe, mit zwei Hüben bestiftet, zinst: 

unum porcum vel xij den. et ovem cum agno vel xz>j den. 

Jede Bauemhube dieser Gruppe zinst: 

itij metretas iritici et avene iiij metretas. Et de eisdem (Bauemhuben) iij 
L i.: je drei) solvunt unum porcum aut xv den, et quodlibet istorum [d. i. jede 
lila] soivit unam ovem vel xvj den. 

Der Bauer zinst Getreide (Sommer- und Winterfrucht gleich- 
läßig, da es sich hier schon um Winterweizen handelt) und je drei 
[üben zusammen ein Schwein und (jede villa) ein [säugendes Mutter-] 
chaf. Dagegen zinst der 2upan kein Getreide, sondern ein etwas 
eringeres Schwein und ein säugendes Mutterschaf. Wenn es ge- 



1) Meine in der Zeitschrift f. Sozial- u. Wirtschaftsgesch. V. S. 367 
5Abdr. 129] versuchte, andere Erklärung, die auch von Levec a. a. 0. S. 71 
Qgenommen wurde, entf&llt. 



354 J. Peisker 

Stattet ist, aus den Zinsungen Rückschlüsse auf die Erwerbs- 
quellen zu machen, dann war zurzeit, als diese Abgaben auferlegt 
worden sind^), der ^upan zumindest mehr Hirt als der ihm 
unterstehende "Bauer. 

Die zweite Gruppe umfaßt bloß 2 Ortschaften (Char, Poltz) 
mit 5-1-2 Bauemhuben und je einem 2upan. 

Jeder Hübner zinst: 

iiij nutretas tritici, item iiij metretas avene ; et tria predia sohunt i porcvm 
vel XV den. et tota villa avem cum agno vel xvj den. 

Jeder 2upan zinst: 

ij metretas tritici et iiij metretas avene, porcum vel xij den, agnum vel iiij den. 

Die zweite provincia des officium TüflFer, die ex regimine 
Livtoldi schephonis, umfaßt 26 Ortschaften unter ebensoviel 2q- 
panen, mit 89 Hübnem. 

Jeder Hübner zinst: 

iiij metretas tritici et iiij metretas avette. Item tria predia solvunt poram 
vel XV denarios et iiij predia solvunt ovem cum agno [hinzuzufttgeil : vel xvj den]. 

Jeder 2upan zinst: 

ij metretas tritici et iiij metretas avene et agnum vel iiij denarios et porcum 
vel xij denarios^), 

„Hier zinst der Bauer, so wie dort, Winter- und Sommerfrucht 
gleichmäßig; der 2upan dagegen zinst hier auch Getreide, jedoch 
ungleichmäßig: ebensoviel Sommerfrucht als der Bauer, aber um 
die Hälfte weniger Winterfrucht als dieser. Hier nähert sich, 
was Gegenstände der Zinsung betriffi, der 2upan dem Bauer, 
aber die Tendenz — vielleicht richtiger noch deren Residuum — 
seiner Erwerbsquellen entspricht noch immer der LebensweiÄe 
des Hirten, da erst die Winterfrucht es ist, welche wir als das 
maßgebendste Kriterium zwischen dem überwiegenden Hirtenleben, 
dem sogenannten Halbnomadentum und der überwiegenden Land- 
wirtschaft in unserem Himmelsstriche wahrzunehmen haben"')- 



1) Und diese Abgaben, nämlich die von der ersten Gruppe der ersten 
provincia, können um Jahrhunderte älter sein als das Rationariam tod 
Jahre 1265! 

2) Rauch, II. S. 130. 

3) Peisker, a. a. 0. S. 352 [SAbdr. 116] f. — Die Zinsungen sind nicht 
in allen Provinzen gleich, oft bloß für gewisse Gruppen von Ortschaften. 
Will man nun aus diesen Zinsungen etwas für die Lebensweise des 2up»Q 



Die älteren Beziehungen der Slawen zn Torkotataren etc. 355 

Q dieser Darstellung läßt sich nichts hinwegdisputieren. 
18 bestätigt Erzbischof Philipp von Salzburg donationem 
am loci, übt suppanus W eschemer residebat, cum 



luer gegenüber ermittein, dann darf man die Zinsnng des 2upan 
it der des Bauers eines and desselben Ortes vergleichen. Ergeben 
)ei Unterschiede, die sich am einfachsten durch einen Unterschied in 
»ensweise erklären lassen, dann ist man berechtigt, einer solchen Br- 
auch Ausdruck zu geben. Die Zinsung eines 2upan mit der Zinsung 
lauers nicht derselben Ortschaft, nicht derselben Zinsungsgruppe zu 
ben, ist unzulässig, weil sich die wirtschaftlichen Verhältnisse auf 
idenen Plätzen denn doch nicht so gleichmässig entwickein konnten 
e die Verschiedenheit der Zinsungen lehrt, tatsächlich auch nicht ent- 
haben. Ein derartiges Bergland, wie das oMcium Tüffer, bietet ja 
1 Tälern einen anderen Kulturboden als in den höheren Lagen, ein 
ist hier dem Ackerbau oder der Viehzucht günstiger oder weniger 
als das benachbarte. Stellenweise verschlechtert sich sogar der 
mit der Zeit durch Raubbau derart, daß er schließlich eine fernere 
ing nicht mehr lohnt. So lesen wir im Kationarium von einer Ort- 
der vierten Provinz offtcii Tüffer: in Vierst , . , vj predia sunt 
inculta ei sint spe colendi (Rauch II. S. 133). 

\ Zinsung von Weizen (triticum) und von Hafer (avena) bezeichnete 
eine Zinsung von Winter- und Sommerfrucht. Diese Bezeichnung 
t etwa eine Kombination von mir, sondern eine Tatsache: 
.fer, avena, ist eine einjährige Getreideart, die zur Frucht nur im 
% angebaut werden kann, sie ist eine Sommer frucht überall und zu 
dten. 

eizen, triticum, wird in aUen Kulturländer sowohl als Sommer- 
[1 als Winterfrucht gebaut, aber man gibt, wo nur möglich, dem 
D den Vorzug. Sommerweizen zu bauen, wo Winterweizen gedeiht, 
igen jede Erfahrung, denn er ist dem Miß wachs und dem Staubbrand 
nsgesetzt, und seine Kömer sind kleiner und von geringerem Gewicht 
ER, Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Für die österreichischen 
bearbeitete Ausgabe. VH. Teil. Wien 1813, S. 70 f.). Der Winter- 
war zur 2ieit des späten Hittelalters in Deutschland auf tonigem 
ülgemein bekannt; bei den Nordslawen bezeugt ihn in der zweiten 
des 10. Jahrhunderts implidte der Augenzeuge IbrAhIm ibn Jaklb: 
'« in twei yahrzeiten, im Sommer und im FrtJijahr, und ernten zwei- 
^nd der größte Teil ihrer Ernte besteht aus Hirse** (siehe oben S. 319). 
irse wird im Mai gesät, also im Frühjahr, dagegen im Sommer, und 
i manchen Gegenden vorteilhaft schon im August, also im Hochsommer, 
nterweizen (Thaer, VIL S. 62 § 64). 

ist somit möglich, daß die untersteierischen Slawen den Winterweizen 
^on ihrer früheren Heimat aus kannten, wo nicht, dann haben ihn die 



&mKtiiti atÜMd^tizs er Urmimis q^ms idewg Wtschewur toMit, 
facUtm ccnM^mSmi im Grr^rrst md fmscmm eHetm c^muemtui 
neceizariam p€r axUcesserem mostrmmt . . . mrckiefiuopmiL 
EitrkarduiK, promt friuiUgiMmi p€r emmdem . . . eis iraditum 
cantiiut ...'}. 

,I>jcm''. nbi W< »ncr reädri»!! ut nidit etw» 

die bk/6e nbUebe ] > txfaM^ scMdoB eme guoe 

Oiui^baft, welche Xai des deraeitigcii 2«|hui als Oits- 

namen trog (Tgl. o S. 332 J ) nnd em WeidereTier war, 
das, dem Kloster ad | e ariom, dem ^f^u mid semea 

Baaern — wenn aberiu it dagewesen sind — abgeD<Hih 

men und in das I einre ibt wurde. Diese Angabe ist 

far onsere Frage n so ¥ 7, als es sidi nm das Kloster 

G eiraeb bandelt, liebes \ d dem offidnm Tnffer nnd dm 

von Liebtenwald liegt ^). 



Deatiehen frfihzeitig eingefohrt. Und der abwisehe Baner, eiuMl Bit üui 
Tertraiit, wird den ungeheuren Vorteil, den diese Getreideart gerade ib 
Winterfracbt Inetet, doch nicht Ton rieh gewiesen haben. Dw Vorteil W- 
steht unter anderem darin, daß die Sai tarbeit geteilt werden kani: Die 
Wintersaat, Weizen, im Hochaoramer oder im Heriwt, die Sommersaaty Hifer, 
Flachs, im Frühjahr. Anch dem Schaf] ^n nutzt der Winterweiien, weil er, 
namentlich auf Neabrach, zu einem g n Wachse neigt und in diesem FaUe ia 
Frühjahr, bis Ende April, also gerade zur Zeit anderweitigen WeideaiangeU, mit 
Schafen abgehtttet werden kann (Thaer, VII. S. 65) und dann nm so besser 
gedeiht. Und daß der Winterweizen im 13. Jahrhnndert in Untenteieiiiuik 
auch tatsächlich gebaut wurde, beweist der oftgenannte laber predialis von 
Jahre 1909: et si villa habet integrum arairum, tenetmr offecimli in mmtnmf^ 
arare dies duos et in vere diem unum (siehe oben S. 886), das ist: iwei Ti|9 
zur Winterfrucht (Weizen) und einen Tag zur Sommerfimcht (Hafer). Wwie 
ja, nach den Zinsungen im Rationarium vom Jahre 1266 und im Libo' prediiia 
vom Jahre 1309 zu scliließen, im südlichen SteiermartL (in den Ämtern Tfiier, 
liichtenwald, Rann) vom Getreide nur Weizen und Hafer gebaut! Dea 
iloggen (siligo) begegnet man, dem Norden zu, erst vom oficinm WlndiMb- 
Keistritz an. Rauch, II. S. 135 f.). 

1) Urkundenbuch des Hzts. Steiermark. Bearbeitet Ton J. t. Zahx. 
III. Graz 1903, S. 83. 

2) Lkvkc, a. a. 0. S. 73: „Der gesamte Besitz eines SupaaB wH 
hi<'r iin das Kloster vergabt. Dieser gesamte Besitz aber besteht dorchatf 
nur in Weideland! Mit anderen Worten: War der Supan noch um d« 
Milto doH XIII. Jahrhunderts vorwiegend ^ehzüchter und Hirt, so w* 






Die älteren Beziehungen der Slawen zn Turkotataren etc. 357 

In der ersten provincia oflScii Tüffer, der sub regimine schephonis 
yrredei, lernten wir bereits die Stelle kennen: 

Item in loco, qui dicitur Cvom, sunt v supani, quorum 
Milibet solvit ovem cum agno^ pro porco iij denar., pro agno 
ij, pro Uno iiij, Sub eisdem supanis sunt xviij predia, quo- 
um. quodlibet solvit ovem cum agno et quelibet villa illarum 
ilvit V denarios: pro porco iij, pro Uno ij, 

Locns Cvom zinst überhaupt kein Getreide und ist, auch an- 
esichts der Urkunde vom Jahre 1248, wohl ebenfalls Weide- 
jvier, in welchem nicht nur die ^upane, sondern auch die Bauern 
orwiegend Viehzucht trieben \ der Boden wird eben für Getreide- 
an nicht günstig gewesen sein. 

Wollen wir jetzt die ziffernmäßige Höhe der Belastung ins 
.uge fassen und zu diesem Zwecke an einem beliebigen Beispiele 
iie zweite provincia, siehe oben S. 354) berechnen, wieviel der 
iupan Zinsen müßte, wenn er dem Bauer darin gleichgestellt, sein Zins 
einer Bodenzins und nicht ein bevorzugender Personalzins wäre. 

Der Bauer zinst dort: 
• 4 M. Weizen, 4 M. Hafer, Vs Schwein = 5 -^, Vi Schaf mit 
«amm = 4 ^. 

Gleichgestellt, müJßte der zweihubige 2upan zinsen: 

8 M. Weizen, 8 M. Hafer, Vs Schwein = 10 ^, V2 Schaf 
lit Lamm = 8 ^. 

Er zinst aber: 

2 M. Weizen, 4 M. Hafer, 1 Schwein = 12 -^, 1 Lamm = 4 ^. 

An Weizen zinst er somit bloß V4, an Hafer und an Schafzins 
ie Hälfte, dagegen an Schweinezins nur zwei Denare, also um 
in Unbedeutendes, um den Wert eines Sechstels eines Schweines 
lehr, denn er war Gebieter auch der Eichel- und Eckerweide 
nd zu einem größeren Auftriebe befugt. Es dürften politische 
lücksichten gewesen sein, die den deutschen Machthaber veran- 
ißten, ihn durch eine recht geringe Belastung günstig zu stim- 
len. — 



r es stellenweise zu Beginn des XIII. Jahrhunderts — etwa 40 Jahre früher 
- noch ganz ansschließlich. Er besitzt kein Ackerland, sondern nur 
Veide, und das weist mit Notwendigkeit darauf hin, daß er ein Hirtenleben 
ahrte.** 



358 J. Peisker 

Im 13. Jahrhundert wurden in der Südspitze Steiermarks an 
Vieh nur Schafe und Schweine gezinst. Auch besondere 
Schäfereien werden genannt als N e u a n 1 a g e n ^). Was veranlaßte 
diese Neu anlagen?: 

Die den Slawen belassenen Gebiete erwiesen sich mit der 
Zeit für die Brandwirtschaft an manchen Orten als viel zu klein. 
Eine Hube Landes mußte eine Bauemfamilie ernähren, und weil 
sie zu knapp bemessen war, konnte dem Boden hinreichend lange 
Ruhe zur Erholung nicht belassen werden. Ihre Ertragsfähigkeit 
sank durch eine solche Raubwirtfichaft immer mehr und versagte 
schließlich vollends*). Ganze Ortsmarken wurden nicht mehr 
anbaufähig, zur Weide waren sie jedoch immerhin verwendbar. 
Man legte also Schäfereien an und kehrte dadurch zu jener 
Bodennutzung zurück, welche dereinst die 2upane als reine Schaf- 
wanderhirten geübt hatten, denn auch die Gewalt, die man dem 
Boden antut, hat ihre Grenzen, über welche hinaus sie selbst 
zusammenbricht; und weil der 2upan zum Betriebe einer Schäferei 
geeigneter war als ein Bauer, so fielen diese Neuanlagen ver- 
mutlich zu seinem Vorteil aus. — 

Schweinezucht kann wanderhirtlich nicht betrieben werden, 
denn das Schwein ist kein eigentliches Herden- und Weidetier. 
Während das Schaf, ja auch das Pferd auch im Winter herden- 
weise Nahrung findet, die es unter dem Schnee herausscharrt, 
will das Schwein im Winter gefüttert und eingehegt sein, 
sonst verläuft es sich einzeln. Der Nomade führt infolgedessen 
keine Schweinezucht. Zu einer solchen ist, nebst reichlicher 
Eichel- und Bucheckermast, ein gewisser Grad von Ansässigkeit 
des Züchters unerläßlich, wie sie nicht dem Wanderhirten, son- 
dern dem Bauer eigen ist. Aber auch für diesen ist eine 
Schweinezucht mühsam, weil er das nötige Winterfutter sammeln 
oder gar anbauen, und davon ganze Vorräte anlegen muß nnd 



1) Summa vero totalis prediorum officii in Tyuer: Quingenti et xix et jf 
de quibus xj redacta sunt in octo sweigas, — RaüCH, H. S, 133. 

Item institui ibidem swaigam unam cum ovibus lactariis xx. — PbiSKER» 
a. a. 0. S. 361 (123). 

2) Item in Vier st , , , vj predia sunt penitus inculta et sine spe cfiienJi- 
Rauch, H. S. 133. 



Die älteren Beziehungen der Slawen zu Tnrkotataren etc. 359 

1 die Herbstweide an Eicheln und Bucheckern oft jahrelang 
)Ieibt. Er kann somit die Schweinezucht nur unregelmäßig 
eiben, solange er nicht zu einer regelrechten Stallftitterung 
schreiten vermag. In den Eichel- und Eckerjahren hat er 
gewaltigen Überfluü, er kann in dieser günstigen Zeit sogar 
ides Vieh zur Weide aufnehmen, worauf dann oft ein sehr 
:er Futtermangel eintritt. 

Man darf demnach als sicher annehmen, daß auch in Unter- 
^rmark vor der deutschen Landnahme die ^upanenschicht 
i&ucht und damit Milchwirtschaft trieb, während dem Bauer, 

keine Milchnahrung kannte; höchstens das fettspendende 
wrein, und zwar in einer sehr beschränkten Zahl zur Ver- 
mg stand ^). Nach der deutschen Landnahme wurde auch 

2upan durch Auflösung der großen 2upen, als Weidereviere, 
.'inzelne Ortsmarken, Orts2upen, das bisherige Wanderleben 
löglich gemacht, auch er wurde allmählich ansässig und kam 
iie Lage, ebenfalls Schweinezucht mit zu treiben, wo aus- 
ihnte Eichen- und Buchenwälder ihn förderten. Dadurch er- 
:te in gewissen Gegenden die Lebensweise des 2iupan und 
der Bauern eine weitere Ausgleichung*). Ja, es konnte so 
: kommen, daß hie und da, wo der durch Raubbau aus- 
)gene Boden die Saat nicht mehr lohnte, dafür aber einige 
t gewährte, auch der Bauer überwiegend Viehzüchter 
de, so, wie sein 2upan einer war, denn wir lesen im Ratio- 
nm: 

... in loco qui dicitur Cvom sunt v supani, quorum quilibet 
'it ovem cum agno^ pro porco iij denar,, pro agno iiij, 

Uno iiij, Sub eisdem supanis suut xviij predia, quorum 
ilibet solvit ovem cum agno et quelibet villa illarum solvit 
enarios : pro porco iij, pro Uno ij. Hier zinste weder Zupan 



1) Über die Rinder zncht läßt sich nichts Bestimmtes sagen nnd nur 
mit einiger Sicherheit annehmen, daß das Rind nicht gänzlich fehlte, 
die Awaren ebenso wie die Petschenegen nnd früher die Nomadenskythen 
1er hatten, und zwar als Zug-, kanm als MUchtiere. 

2) Die nns schon bekannte Stelle : si yilla habet integrum aratnun setzt 
)ch8enge8pann voraus, und das würde für das 13. Jahrhundert und wohl 

schon fdr früher auf eine bäuerliche Rinder zucht hinweisen. 



360 J* Peisker, Die älter. Bez. d. Slawen z. Torkotataren etc. 

noch Bauer irgendein Getreide, sondern nebst Flachs bloß 
Vieh^. — 

1) Bauch, ü. S. 129. Der Fall ist keineswegs vereinzelt: in Chrisanu- 
torf sunt X predia, de quibus supanus habet ij. Census vero aliarum viij pro 
quolibet : mellis i quartale ; item tota viUa dat i poreum vel x den., agnum vel viij 
denarios . . . folgen weitere drei Dörfer mit dem gleichen oder fast gleichen 
Censns. — In fVarissen viij mansus; solvunt mel et tota viUa i poreum, Suppt- 
dragen x mansi simili censu, Aput Heinricum x mansi simili censu, Aput 
Kvneten viiij mansi; solvunt mel et quilibet i poreum et tota villa i agnum. 
Folgen weitere drei Dörfer mit zusammen 22 Haben simili censu. A. a. 0. 
S. 141 f., 170. 

(Schloß folgt in Heft 4.) 



as Rodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter 
und zu Beginn der Neuzeit 

Von 
Johannes Müller (Nürnberg). 



Inhaitsverzeichnis. 



Salt« 

Einleitungr* 

Die geographische Gnmdlage 362—866 

Übersicht über die Rodstationen der beiden großen Tiroler fiod- 

straßen 367—372 

Erster Teil. 
ie Entstehnng und Orsranisation des Rodwesens Bayerns und Tirols 
im Spätmittelalten 

I. Ursprung der Transportverbände Bayerns und Tirols 
und Verkehrsentwicklnng in den Ostalpen während des 

Spätmittelaiters. 
Der Ursprung der Transportverbände Bayerns und Tirols im 

13. Jahrhundert 372—382 

Die rapide Entwicklung des deutsch-italienischen Verkehrs im 

Bereich der Ostalpen während des 14. Jahrhunderts . . . 382—388 

n. Die Organisation des Bodwesens Bayerns und Tirols 

im Spätmittelalter. 
Die Voraussetzungen der Mitgliedschaft an der Bod .... 388—392 

Die Organe des Bodwesens Bayerns und Tirols 393—397 

Rechte und Pflichten der Rodleute 397—404 

m. Der Transportbetrieb. 

Die Arten des Transportbetriebes 40 4—4 13 

Die Niederlagshäuser und Gutfertiger 414 — 420 

(Schluß folgt in Heft 4.) 



Einleitung. 

1. Die geographische Grundlage*). 

Dem Verkehre Äßtteleuropas mit Italien standen im Mittel- 
alter drei Straßengruppen zur Verfugung, von denen jede naci 
Hauptrichtung, Einzelverlauf und nach der Anzahl sowie dem 
Grad der dabei zu besiegenden Terrainschwierigkeiten ihre Eigen- 
tümlichkeiten hatte. Die Schweizer Alpenstraßen, durch das 
System der Rhonepässe und der Rheinpässe sowie des erst spater 
erschlossenen Gotthardpasses vertreten, stellten die Verbindung 
zwischen Ostfrankreich und Südwestdeutschland einerseits, der 
westlichen Hälfte der Po-Ebene andererseits her und konvergierten 
nach dem Mittelpunkt dieser Ebene, nach Mailand, das die von den 
drei großen Schweizer Seen, dem Genfer, Vierwaldstätter und Boden- 
see, ausgehenden, bedeutende Paßhöhen (Simplon 2009 m, St 
Gotthard 2114 m, Splügen 2117 m) und tief eingerissene Schluchten 
durchschreitenden Verkehrswege vollkommen symmetrisch wie in 
einem Strahlenbündel zusammenfaßte. 

Die Tiroler Alpenstraßen, die im Süden des Gebirgswalles 
zwar auch einem Hauptziele, nämlich der Lagunenstadt, zustreb- 
ten, unterschieden sich trotz dieser Ähnlichkeit von den Schweiz^ 
Straßen in jeder Richtung. Schon an Zahl — zwei gegen sech« 
— hinter diesen bedeutend zurückstehend, kennzeichnete die zwei 
von Norden nach Süden führenden Tiroler Straßen, die untere 
Straße über den Brenner und die obere Straße über das Reschen- 
scheideck, ein eigentümlicher intermittierender Parallelismas, der 
durch das Einschieben der breiten krystallinischen Masse der 

1) Vgl. hierfür des Verf. AufsaU „Das spätmittelalterliche Straßen- un^ 
Transportwesen der Schweiz und Ilrols". (Eine geographische ParalleW 
Geojrraphische Zeitschrift B. 10 S. 85 ff. 



J. Müller, Das Hodw. Bayerns n. Tirols i. Spätmittelalter etc. 363 

taler Alpen und der Sfidtiroler Dolomiten zwischen den mitt- 
!ii Teil der beiden großen Fahrstraßen hervorgebracht wurde, 
diese zwei nordsüdlich ziehenden Hauptverkehrsstraßen Tirols, 

zum Unterschied von den nur die zentrale Alpenzone traver- 
renden Schweizer Alpenstraßen die drei Parallelzonen der Ost- 
en in allerdings niedrigen Pässen überschritten^), mündeten 
1 Westen vier und von Osten zwei Transversallinien, die 
x^htpaß-, die Arlberg-, die obere Inntal- und die Stilfserjoch- 
afle, die untere Inntal- und Pustertalstrasse ein, die die Ver- 
idnng Tirols mit der Schweizer Rheintalstraße einerseits, mit 
r Salzburger-K'ämtnerstraße andererseits herstellten. 

Die dritte Gruppe der deutsch-italienischen Alpenstraßen des 
ittelalters, die kärntnerisch-steierischen Straßen um- 
mud, nahm ihren Ausgangshauptpunkt im Süden von Venedig, 
eich den beiden Hauptverkehrswegen Tirols. Von Venedig über 
intafel bis Villach in einer Linie ziehend, teilte sich von diesem 
ehtigen Straßenkreuzungspunkt Kärntens an die Straße zunächst 

iwei divergierende Äste, die nordwestlich ziehende Salzburger 
td die nordöstlich verlaufende steierische Straße mit dem End- 
inkt Wien. Von der letzteren zweigte in Unzmarkt an der 
IT wiederum eine direkt nach Norden gerichtete Straße ab, die 
tf Rottenmann nach Steyer in das untere Ennstal führte und 
i Linz an der Donau endete. 

Von den drei Straßengruppen soll hier nur die mittlere, die 
n Verkehr zwischen der schwäbisch-bayerischen Hochebene 
id Venedig vermittelte, betrachtet werden, da einesteils diese 
raßen für den mittelalterlichen Handel von ganz hervorragen- 
T Bedeutung waren, andemteils dem Verfasser dieser Abhand- 
Qg ein ziemlich reiches Quellenmaterial für die Geschichte des 
Jrkchrs in diesem Gebiete zur Verfugung stand. 



Die obenerwähnten beiden großen Verkehrsstraßen Tirols, 
e obere und die untere Straße, hatten nicht von je als Kon- 

1) Fempaß 12Q& m, Reschenscheideck 1494 m, Paß von Levico 666 m; 
efelder Paß 1176 m, Brennerpaß 1372 m, Pentelsteinpaß 1544 m. 

VUneljAhrtchr. f. Social- n. Wirtiobaftsgeichioht«. UI. 24 



364 Johannes Müller 

kurrenzwege für den deutsch-italienischen Handel und Verkehr 
bestanden, sondern hatten sich als solche erst im Laufe des spa- 
teren Mittelalters unter der Einwirkung des stetig wachsenden 
Verkehrs von Südwestdeutschland nach Venedig entwickelt Im 
früheren Mittelalter, also etwa bis zum Untergang der Hohen- 
staufen, wo das Bedürfnis der raschen Heranführung einer be- 
deutenden Truppenmacht aus Deutschland nach Ober- bezw. 
Mittelitalien auf die Benützung einer möglichst meridional ver- 
laufenden Heeresstraße hinwies, war der Weg von Augsburg über 
das Seefeld und den Brenner, sodann durch das Eisack- nnd 
Etschtal die fast ausschließlich von den deutschen Kaisern bei 
ihren Römerzügen benützte Heeresstraße, die wir uns in jener 
Zeit auch als die Haupthandelsstraße zwischen Süddeutschland 
und Oberitalien vorstellen müssen^). 

Als aber im 13. Jahrhundert der Handel zwischen dem see- 
beherrschenden Venedig und den mitteleuropäischen Ländern sich 
immer mehr entfaltete, als die süddeutschen Handelsemporien, 
vor allem Augsburg und Ulm, die wichtigsten Zwischenstationeo 
zwischen der Lagunenstadt, dem Stapelplatz der orientalischeo 
Waren, und den Rheinlanden, dem fruchtbarsten und dichtest 
bevölkerten Gebiete Mitteleuropas, wurden, da wurde nicht nur 
das Bedürfnis nach einem zweiten grossen Verkehrsweg neben 
der Brennerstraße fühlbar, sondern es mußte auch die in der 
Brennerstraße bisher eingehaltene meridionale Richtung in die süd- 
südöstliche Richtung umschlagen, da der Verkehr nach Venedig 
gleichsam alle übrigen Verkehrsadern von Süddeutschland nach 
der Osthälfte der Po-Ebene aufsog. 

Betrachtet man nun den Verlauf der oberen und der unteren 
Straße Tirols im einzelnen, so wird man die Abhängigkeit derselben 
einesteils von den großen Faltenlinien der Ostalpen, andemteils 
von den die Falten quer durchsetzenden Bruchlinien gewahr. 
Durch dieses abwechselnde Einschwenken der beiden großen 
Verkehrslinien einmal in die Längsfalten, dann wieder in di* , 
Querspalten des Gebirges entstehen jene zahlreichen rechtwink- 



1) Vgl. E. ÖHLMANN, Die Alpenpässe im Mittelalter (Jahrbücher f^ 
schweizerische Geschichte, 3. und 4. Bd.). 



Das Rodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 365 

^n Knickungen, die für die dentsch-venezianischen Handels- 
raßen Tirols so charakteristisch sind. 

Die obere Straße, die von Ulm bis Kempten das Illertal 
mutzte, bog bei der letztgenannten Stadt aus der bisher ein« 
ihaltenen Südrichtung in die Südostrichtung ab und behielt 
ieselbe mit Benützung der Querspalte von Nesselwang, des un- 
iren Vilstales und der Furche von Heiterwang bis Lermoos bei. 
ei Lermoos erfuhr die obere Straße Tirols den ersten recht- 
inkligen Knick; denn die Wegstrecke von Lermoos über den 
em und Imst bis Landeck verlief in der nordöstlich gerich- 
jten Inn-Gurgl-Talung, die ein Glied der großen, vom Patznaun 
18 zur Vorderriß reichenden Längsfurche bildet. Die scharfe recht- 
rinklige Umknickung wiederholte sich in der oberen Straße noch 
unfmal und zwar jedesmal da, wo ein wichtiges Seitental in die 
Hauptstraße einmündete. So traf am Innknie bei Land eck die 
^rlbergstraße auf die große, über das Reschenscheideck ziehende 
Verkehrsstraße, am Etschknie bei Meran das vom Jaufenpaß 
abzweigende Passeyertal, am Etschknie bei Bozen das zum 
Brenner führende Eisacktal. Bei Trient verließ die obere Straße 
die Etschlinie, schwenkte im rechten Winkel in die Val Sugana 
tin und behielt die damit eingeschlagene Westostrichtung bis 
Primel an bei. Am letztgenannten Orte, geschichtlich bekannt 
durch die Talenge von Kofel (Canale di Brenta), war die letzte 
rechtwinklige Ablenkung der oberen Straße, indem die Straße, 
^statt der nach Osten weiterführenden Belluneser-Linie zu folgen, 
in dem südlich verlaufenden Brentatal über Bassano und Castel- 
franco nach Westen zog und sich bei letztgenanntem Orte, also 
^mittelbar vor Venedig, mit der von Treviso kommenden un- 
tren Straße vereinigte. 

Die untere Straße nahm ihren Ausgang von Augsburg, 
'olgte dem Lech bis Schongau und zog, die Ammer bei Echels- 
Wh unweit des Klosters Rothenbuch überschreitend, über Ammer- 
?Hu und Ettal in südöstlicher Richtung bis Ob er au, wo sich 
*üt üir eine zweite von Augsburg ausgehende, jedoch wenig be- 
'fitzte Straße, die über Mering, Inning am Ammersee, Weilheim 
^M Mumau dem Gebirge zustrebte, vereinigte. Von Oberau 
^ng die Straße über Partenkirchen, Mittenwald und Zirl 



366 Johannes Mttller 

nach Innsbruck, an jedem der vier genannten Orte in einem 
scharfen rechten Winkel abbiegend *). Von Innsbruck bis Oberaa 
in Tirol oder Franzensfeste, an der Einmändung des Poster- 
tales, verlief die Straße wie die heutige Brennerbahn in direkt 
südlicher Kichtnng ; von dem letztgenannten Orte an aber schwenkte 
die Hauptstraße, im spätei*en Mittelalter wenigstens, ans der SM- 
richtung in die Ostrichtung um, zog in dieser Riehtnng dJBsA 
das Pustertal bis Toblach, bog hier in scharfem rechten Winkel 
wieder nach Süden zum Paß von Peutelstein ab und behielt nu 
die Südrichtung auf ihrem ganzen weiteren Verlauf, über Cortin« 
d'Ampezzo (Haiden), Pieve die Cadore, Serravalle und Treviw 
ziehend, bis Venedig bei. 

Zwischen den beiden großen, im ganzen parallel verlaufenden 
Hauptrouten Tirols gab es nun im späteren Mittelalter vier Ver- 
bindungsstraßen, von denen zwei am Alpenrand, zwei innerhalb 
der Alpen verliefen. Die Verbindungsstraße am Nordrand gin; 
von Schongau nach Füssen, dem Lech entlang oder, da bAga 
im 14. Jahrhundert eine Wasserrod auf dem Lech von Ffissea 
bis Augsburg bestand, auf dem Lech selbst. Die am Südrand 
der Palagrnppe dahinziehende Querstraße verband Primolano tt 
der Brenta mit Capo di Ponte an der Piave. Von den beide» 
inneren Verbindungsstraßen endlich verlief die eine, die sog. 
mittlere Straße, im mittleren Inntal von Nassereit über Telfs niA 
Zirl, die andere im unteren Eisacktal von Franzensfeste b» 
Bozen. Von diesen vier Verbindungsstraßen war die untere Eissek- 
straße im späteren Mittelalter die am wenigsten frequentierte; 
denn auf derselben wurde erst in der zweiten Hälfte des 16. 
Jahrhunderts die Rod eingeführt, die auf den drei übrigen, der 
Füssen-Schongauer, der Telfser und der Belluneser Straße, sehen 
lange zuvor im Gebrauch war. 



1) Bei Mitten wald stieß die von München herführende hayerische Stnße 
auf deu Hauptverkehrsweg zwischen Schwaben und Venedig; dieselbe be 
nützte ursprünglich in ihrem ganzen Verlauf das Isartal von München bi^ 
Mittenwald, führte aber seit Erbauung der Eesselbergstraße unter HenofT 
Albrecht IV. von Wolfratshausen über Benediktbeuren und den Waichcnsf* 
in gerader südlicher Eichtung nach Mittenwald. 



Das Rodwesen Bayerns nnd Tirols im Spätmittelalter etc. 367 

Übersicht über die Rod Stationen der beiden großen 
Tiroler Rodstraßen. 

Im Mittelalter bestand für Kauflente, die mit ihren Waren- 
agen ein bestimmtes Gebiet kreuzten, nicht nur ein oft sehr 
weitgehender Routenzwang sondern es unterlagen die Kaufmanns- 
üter auf einer von ihnen benützten Verkehrsstraße auch dem 
fiederlagsrecht derjenigen Ortschaften, deren Gemeindegenossen 
en Transport der Güter zu besorgen oder, nach dem mittelalter- 
chen Ausdruck, „auf der Rod zu fertigen"" hatten. Da die 
Laschheit des Transportes in umgekehrtem Verhältniss zu der 
lahl der mit Niederlagsrecht ausgestatteten Zwischenstationen, 
er sog. Rodstationen, stand, die Höhe der Transportkosten aber 
a dem gleichen Maße wuchs, wie sich diese Zahl vermehrte, 
ist es für die Abschätzung des kommerziellen Wertes der 
eiden großen Tiroler Rodstraßen zunächst von Bedeutung, die 
lahl der Rodstätten sowie die Entfernungen derselben voneinander 
uf beiden Straßen festzustellen. Aus den bei den einzelnen 
todorten angegebenen Höhenzahlen läßt sich zugleich ein un- 
efahres Bild von den Steigungsverhältnissen der beiden Routen, 
ie trotz der geringen Verschiedenheiten in der Länge und in 
1er Höhe der Pässe durchaus nicht die gleichen gewesen sind, 
'ewinnen. Als Ausgangspunkte im Norden seien Schongau und 
"üssen gewählt, da erst von diesen beiden Orten an den beiden 
''erkehrswegen der Charakter einer Gebirgsstraße zukommt. 

Rodstationen der oberen Straße von Füssen bis Venedig um 1600. 



Kamen, politische Zugehörigkeit 
und Meereshöhe der Stationen. 


KBtfer. 
niing«n 

in 
Moilan. 


Pallhaus und Wage. 


1. •Füssen oder Vils, Bistum 
Augsburg 797 m 

2. Heiterwang, Grafschaft Tirol, 
991 m 

3. Lermoos, Grafsch. Tirol, 987 m, 
♦Fem 1203 m 

4. Imst, Grafsch. Tirol, 672 m . 
6. Zams, Grafsch. Tirol, 773 m 


4 

3 

2 
5 
2 


Pallhaus und Wage. 

Kein Pallhaus und keine Wage. 

Pallhaus und Wage. 

Pallhaus und Wage. 
Pallhaus und Wage. 



368 Johannes Müller 

Bodstationen der oberen Straße von Füssen bis Venedig nm Ib 



Untfer- 
ntmgen 

in 
M«a«n. 



Namen, politische Zugehörigkeit 
und Meereshöhe der Stationen. 



Pallhaus nnd Wage. 



6. Pmtz, Grafsch. Tirol, 861 m, 
'^Finstermünz 1106 m . . . 

7. Nauders,Grafsch.Tirol, 1362 m, 
Reschenscheideck 1494 m . . 

8. Glums, Grafsch. Tirol, 915 m 

9. Latsch, Grafsch. Tirol, 643 m 
♦TöU 

10. Meran oder Ober- und Nieder- 
mais, 820 m 

11. Terlan, Grafsch. Tirol, 243 m 
•Bozen 

12. Neumarkt, Bistum Trient, 
211 m 

13. *Trient, Bistum Trient, 193 m 

14. Fersen, Bistum Trient, 480 m 

15. Levico, Bistum Trient, 507 m 

16. Castelnuovo (Castelneuf), Graf- 
schaft Tirol, 370 m ... . 

17. Grigno (Grimb), Grafsch. Tirol, 
250 m 

"i8. *Primolano, Herrschaft Vene- 
dig, 217 m 

19. Cismone, Herrschaft Venedig, 
205 m 

20. Carpane, Herrschaft Venedig, 
148 m 

21. Salagna, Herrschaft Venedig 

22. Bassano, Herrschaft Venedig, 
129 m 

23. Castelfranco 

24. Mestre 



2 

3 
8 
8 



3 
4 

IV. 
IV. 

2V, 



IV. 

1 

IV. 
1 

1 

3 
4 



Wage, aber nnr ein verfa 

Pallhaus. 
Kein Pallhaus, aber eine W 

Kein Pallhaus, aber eine W 

Pallhaus und Wage. 

Kein Pallhaus, aber eine W 

Kein Pallhaus, aber eine Wi 
Kein Pallhaus, aber eine Wi 



Pallhaus und Wage. 
Kein Pallhaus, aber eine W« 
Kein Pallhaus, aber eine Wa 
Offenes Pallhaus und Wage. 

Kein Pallhans, aber eine Wai 



8 Hodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 369 

Q der unteren Straße von Schongau bis Venedig nm 1500. 



tische ZtigehdrigKeit | nm]««i 
hübe der StationeQ. 



in 

I M^ilm 



Pallhaua nnd Wage. 



n, Hz^ Bayeni, 668 m 
m, He^, Bayern, 

■chenj Bist, Frey sing, 

ald, Bist. Freyaing, 

^rafsclu Tirol, 1176 m 
ftfich. Tirol, 620 m , 
;k,G raf scb »Tirol j574m 
Jrafsch. Tirol, B93 m 
rafsch. Tirol, 1370 m 
Graf&ch. Tirol, 948 m 
b,Grafgcli.Tirol,777m 
j Bist BrUen, 835 m 
GrafscLTirol, 1209m 
oder Ospetale 
ein, 1&44 m . . 
d^Ampezzo {Halden), 
Venedif^ 1224 m 
S. Vito), Venedig] 



in (Vallf}, Venedig] 



Venedig-, 490 m . 
*ont*?, Venedigs 395 m 
Venedig, 875 m . 
Bj Venedig, 144 m 

10, Venedig, 62 m 
, Venedij^ . . . 
'enedig .... 



2 
2 
d 
IV. 

3V» 
4 

S 
2 

2 



3 

2 

3V» 

2 

2 

2 



Pallhani} und Wagä. 
Pallbaufi und Wage. 

Fallbaua mid Wage. 
Pallbans nnd Wage* 

Kein PaUbana nnd keine Wage. 
Kein Pallhauß, ein^^ Wage. 
Patibaus nnd Wage« 
Fall h am nnd IVage. 
Kein PaÜhaus, eine Wage. 
Pallhans und Wage. 
Fatlbana und Wage* 
PaUJiauÄ und Wage. 
PailhauB, keine Wage. 
Kein PaUbane und keine Wage. 

Pallbans nnd Wage. 

Fallbaua und Wage, 



einem Stern versehenen Stationen waren Zollstätten; demnach 
eiden Straßen von Schongan bis zur venezianischen Grenze 
-9) ZoUetätten, eine im Verhältnis zu andern mittelalterlichen 
3en auffallend geringe Zahl. 



370 



Johannes Müller 



Kodstationen der vier Verbindungswege zwischen der oberen und 4er 
unteren Straße um das Jahr 1500. 



Namen und politische Zugehörig- 
keit der Stationen. 



Entfor- 

In 
Meilen. 



Pallhans und Wage. 



a) Füssen-Schongauer Straße. 



1. Füssen, Bist. Augsburg . 

2. Schongau, Hrzgt. Bayern 



Pallhaus und Wage. 
Pallhaus und Wage. 



b) Telfser oder mittlere Straße. 



1. Nassereit, Graf seh. Tirol 

2. Telfs, Grafsch. Tirol . . 

3. Zirl, Grafsch. Tirol . . 



2V» 
2 



Pallhaus und Wage. 

Kein Pallhaus, aber eine Wage. 



c) Untere Eisackstraße (Franzensfeste-Bozen). 

1. Bozen, Grafsch. Tirol 

2. Brixen, Bist. Brixen . 



:!1 



Pallhaus und Wage. 
Pallhaus and Wage. 



d) Belluneser Straße. 



1. Primolano Herrsch. Venedig 

2. Feltre, 

3. Belluno ,. ,. 



2V, 
4 



Aus dieser kurzen Übersicht ergibt sich zunächst eine M 
vollkommene Übereinstimmung der beiden Hauptrodstraßen wie an 
Länge so auch hinsichtlich der Anzahl der Rodstationen, femer 
die gleichfalls sehr bemerkenswerte Tatsache, daß die untere 
Straße mit weit mehr Fall- oder Niederlagshäusem ausgestattet 
war als die obere Straße, die eben zu jener Zeit an kommer« 
zieller Bedeutung schon weit hinter der geringere Terrain8chwi^ 
rigkeiten und günstigere Witterungsverhältnisse aufweisenden 
Brennerstraße zurückstand. Auf der unteren Straße entbehrten 
nur die mit den Paßübergängen von Bayern nach Nordtirol und 
von Südtirol nach Venetien zusammenfallenden Stationen Seefeld 
und Peutelstein eines Pallhauses wie einer Wage und außer- 
dem besaß auch Toblach keine Wage. Der Mangel solcher Bod- 
stationsattribute bei Seefeld und Peutelstein erklärt sich daran«» 



Das Rodwesen Bayerns and Tirols im Spätmittelalter etc. 371 

ß diese beiden Stationen arsprfinglich sog. Unterrodstätten, 
8 heißt Stationen waren, die zwar keine eigene Rod besaßen, 
er dnreh Gewohnheit zu dem Recht gekommen waren, daß an 
len der Transportwechsel zwischen den Mittenwalder und Inns- 
acker Rodleuten beziehungsweise den Toblacher und Haidener 
ihrleuten stattfand. Solche Unterrodstätten gab es auf den 
iden großen Rodstraßen noch je eine, nämlich Leyfers zwischen 
^rlan und Neumarkt und Mauls zwischen Sterzing und Mähl- 
ich, von denen jedoch nur die eine, nämlich Leyfers, in dem 
er in Betracht kommenden Zeitraum als offizielle Unterrod- 
ätte anerkannt wurde, d. h. eine eigene Rodordnung besaß, 
ährend die Maulser Fuhrleute mit den Mühlbachem ein Privat- 
bkommen getroffen hatten, wonach sie gegen eine entsprechende 
.bfindung die zu Mauls abgeworfenen Güter von ihrem Ort bis 
ach Sterzing zu fuhren hatten. Dieser Pakt hinderte aber die 
laulser nicht, von den Kaufleuten noch einen eigenen Überlohn 
owie Xiederlagsgeld für die zu Mauls durchgehenden Güter zu 
ordern. 

Abgesehen von diesen offiziellen und halboffiziellen Unterrod- 
•tätten auf beiden Straßen gab es auf außergewöhnlich langen 
Strecken noch mehrere, von den Rodleuten nach eigenem Ge- 
fallen ausgewählte Zwischenstationen, auf denen die Umladung 
ler Kauftnannsgüter nach gegenseitigem Übereinkommen zweier 
benachbarter Rodstationen per nefas stattfand. Solche wider 
lodreeht gebrauchte Zwischenstationen waren z. B, zwischen 
Kjhongau und Füssen der Sammeister, ein Wirtshaus oberhalb 
*echbruck, zwischen Schongau und Oberammergau Echelsbach 
n der Ammer, zwischen Schongau und Spöttingen Asch, zwischen 
leumarkt und Trient St. Michele. An diesen Orten übernahmen 
iauem bezw. Wirte, die nicht in der Rod waren, die Beförde- 
mg der Güter bis zur nächsten Rodstation, selbstverständlich 
ieder nur gegen eine entsprechende Entlohnung durch die Kauf- 
nte oder deren Faktoren, wodurch die an und für sich hohen 
tansportkosten abermals erhöht und die Handelsleute zu stets 
euen Klagen über Verletzungen der aufgerichteten Rodordnungen 
eranlaßt wurden. Die einfachste Abhilfe dieser Beschwerden, so 
)llte man glauben, wäre die gewesen, daß die genannten Orti^ 



372 Johannes Müller 

zu Unterrodstätten erhoben und mit Pallhäußem versehen wor- 
den wären. Der Versuch hierzu ist bei zweien dieser Orte, näm- 
lich bei Asch seitens der Schongauer und bei St. Michele seitens 
der Rodleute von Trient, auch mehrmals gemacht worden, aber 
jedesmal an dem Widerstand der Kaufleute und Gutfertiger ge- 
scheitert ^). Die letzteren fürchteten eben nicht bloß eine weitere 
Verzögerung des schon jetzt sehr langsamen Transportes ihrer 
Güter sondern scheuten vor allem vor der Mehrung der Unkosten 
zurück, die sich notwendigerweise bei der Errichtung neuer Rod- 
orte durch Fuhrlöhne und Niederlagsgelder ergeben mußten. Wie 
hoch sich aber die Kosten für den Transport der Kaufmanns- 
güter samt den Zöllen, Niederlags-, Wacht- und Faktorengelder 
in jener Zeit beliefen, das läßt eine Mitte des 17. Jahrhundert» 
angestellte Berechnung der Transportspesen von Venedig nach 
Augsburg erkennen. Nach dieser Berechnung betrugen die Trans- 
portkosten eines Saumes oder eines Ballens von vier Zentnern 
inkl. der Zölle von Venedig nach Augsburg via Trient-Bozen- 
Brenner-Seefeld-Schongau 22 fl. 15 kr.*). 

Erster Teil. 

Die Entstehung und Organisation des Rodwesens Bayerns 
und Tirols im Spätmittelalter. 

I. Ursprung der Transportverbände Bayerns und Tirob 
und Terkehrsentwlckliing in den Ostalpen während des 
Spatmittelalters. 

1. Der Ursprung der Transportverbände Bayerns 
und Tirols im 13. Jahrhundert. 

Die Benützung der öffentlichen Straßen und schiffbaren Flüsse 
für den Transport war ursprünglich ein königliches Regal mid 

1) Vgl. die Unterhandlungen zwischen der Stadt Augsburg und der Luf' 
brucker Regierung über die Errichtung einer Unterrod zu St Michele im Jt^ 
1533, Aogsb. Handelsv.-Archiv LXXXX. Nr. 60 und 56 Fase., sodann ^ 
Unterhandlungen zwischen Schongau und den Angsburger Kauflenten i^ 
die Errichtung einer Unterrod zu Asch vom Jahre 1548, Augsb. Handelsr.- 
Archiv Fase. LXXXX. Nr. 112, 113 und 114. 

2) Vgl. Beilage I. 



Das Rodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelaiter etc. 37 ^ 

konnte als ein Recht an einzelne Personen oder Korporationen 
verliehen werden. Solche Verleihungen fanden wie in anderen 
Teilen des Deutschen Reiches schon früh auch in den Alpen- 
gebieten Tirols und Bayerns statt, wie z. B. die Venezianer durch 
die Kaiser Otto L, Otto II. und Otto ÜI. Freiheitsbriefe für die 
Benützung der Flüsse und Landstraßen in ihrem Alpenhinterlande 
erhielten ^). 

Als nun im Laufe des 13. Jahrhunderts die Mehrzahl der 
königlichen Hoheitsrechte in die Hände der Territorialherren 
überging, war es das Bestreben der letzteren, vor allem die Ver- 
kebrshoheiten (Markt-, Münz-, Zoll- und Straßenregal) ganz in 
ihre Gewalt zu bekommen, da die daraus fließenden Einkünfte 
mit der fortschreitenden Entwicklung der Gewerbe und des Han- 
dels im Spätmittelalter als die ergiebigsten Geldquellen der Lan- 
desfürsten sich erwiesen *). Der Zeitpunkt für den Übergang der 
Verkehrshoheiten aus der königlichen Gewalt in die Hände der 
Territorialherren war für die verschiedenen Gebiete des Reiches 
verschieden; doch kann man im allgemeinen soviel sagen, daß 
die deutschen Territorialherren am Ende des 13. Jahrhunderts 
fast durchgehends in den tatsächlichen Besitz der meisten Verkehrs- 
hoheiten gelangt waren und im Anfang des 14. Jahrhunderts dieser 
Besitz als ein durch Herkommen erworbenes Recht betrachtet wurde. 
Was nun das Straßenregal betrifft, so kann wenigstens für Tirol 
dieser Zustand im 14. Jahrhundert als rechtlich begründet durch 
mehrere Urkunden nachgewiesen werden. In einem von dem 
Richter von Aufenstein, Seybold von Colfoß, unter dem 27. März 
1337 erlassenen Spruch an die Bauleute von Vinaders, ob dem 
Ritten und von Steinach behufs Schlichtung der zwischen den- 
selben entstandenen Streitigkeiten über das Recht, die Kaufmanns- 
güter von Lueg einerseits gegen Matray, andererseits gegen Ster- 
zing zu fahren, wird eingangs erwähnt, daß die von Vinaders 
und ob dem Ritten gemeinlich und etliche Bauleute von Steinach 



1) Heyd, Levantehandel I. S. 128. 

2) Siehe die Verleihung des Wegzolles znPöttmes an Heinrich von Gnmpen- 
berg dnrch Heraeog Ludwig von Bayern vom 24. August 1810 zur Erhaltung 
und Ansbesserang der Straßen. Lori, Urkunden zur Geschichte des Lech- 
rains, Nr. XXIV. 



374 Johannes Müller 

einen Hauptbrief der Herrschaft von Tirol vorgezeigt, worin ihnen 
das trockene Gut vom Brenner nach den zwei genannten Nach- 
barorten „durch Recht und alte Gewohnheit zu führen" zugestan- 
den sei. Die von den Vinadersem und einem Teil der Steinacher 
ausgesprochene Bitte um Bestätigung des ausschließlichen Trans- 
porti-echts wurde von dem Aufensteiner Richter nebst sieben 
Thädingern dahin entschieden, daß das Rodrecht am Lueg nicht 
den Bittstellern allein, sondern durch Recht und von alter Ge- 
wohnheit den Besitzern von 66 Wägen, die in der Urkunde 
namentlich aufgeführt werden, zustehe, und daß mit dieser Entr 
Scheidung aller weiterer Streit darüber, wer das trockene Gut 
fürbaß von Lueg nach Matray und Sterzing führen solle, abgetan 
sei^). Der in dieser Urkunde gebrauchte Ausdruck „durch Recht 
und alte Gewohnheit" beweist, daß die Warenbeforderung in 
Tirol zu Anfang des 14. Jahrhunderts kein freies Gewerbe mehr 
war, das jeder Bauer oder Bürger nach Belieben ausüben konnte, 
sondern bereits durch die Landesregierung an bestimmte Be- 
<lingungen geknüpft war. 

Welches waren nun wohl die ursprünglichen Voraussetzungen 
zur Erlangung des Rechtes, das Fuhrmannsgewerbe in den Ost- 
alpengebieten ausüben zu dürfen? Darauf läßt sich eine dnrch 
gleichzeitige, d. h. mit der Entstehung der Rod zusammenfallende 
Urkunden belegte Antwort zwar nicht geben, aber durch Ver- 
gleich mit anderweitigen Verhältnissen, z. B. mit denjenigen Grau- 
bündens, und durch Rückschlüsse von der späteren Organisation 
auf die früheren Einrichtungen läßt sich immerhin ein im ganzen 
richtiges Bild von dem Rodwesen Bayerns und Tirols in seinem 
Anfangsstadium gewinnen. 

In den Ostalpen war wie in der Schweiz der Warentransport 
wegen der damit verbundenen großen Gefahren und bedeutenden 
Kosten für den Straßenbau von vornherein nicht das Unternehmen 
einzelner, sondern ganzer Verbände, die sich entweder innerhalb 
einer Stadt, wie Schongau in Bayern oder Innsbruck in Tirol, 
oderinnerhalb einer größeren Landgemeinde bezw. mehrerer kleinerer 
Dörfer und Höfe bildeten. Den Anstoß zur Bildung solcher Trans- 



1) Vgl. Beilage II. 



Das Bodwesen Bayerns nnd Tirols im Spätmittelalter etc. 375 

)rtverb*ände erhielten die Bürger der Landstädte und die Bauern 
T Dorfgemeinden Tirols und Bayerns, die an den durch das 
ebirge ziehenden großen Heerstraßen und Flüssen lagen, zunächst 
ohi dadurch, daß sie, als Grundholden einer Herrschaft zu Spann- 
id Wagendienst verpflichtet, diese Dienste innerhalb einer Gemeinde 
einer gewissen Ordnung verrichteten ^). Es lag für die Grundherren, 
e innerhalb ihres Bezirks das Straßenregal besaßen, nahe, den 
it Spanndiensten belasteten Grundholden als Entschädigung für 
ese Last das Recht des Warentransportes zu verleihen*). Die 
m Warentransport besorgenden Bauern und Kleinbürger bilde- 
Q keine in sich geschlossene Zünfte, denn sie betrieben das 
ihrmannsgewerbe neben ihren sonstigen bäuerlichen Beschäflti- 
mgen gleichsam nur als Nebengewerbe ^) und entbehrten trotz 
hlreicher Ordnungen, die von der Obrigkeit zum Teil aufgestellt, 
if jeden Fall aber streng kontrolliert wurden, einer eigentlichen 
inftverfassung. Eine solche Verfassung war bei den bayerischen 
id Tiroler Rodleuten schon darum ausgeschlossen, weil sich 
ren Rodrecht zum Teil — nämlich in den Orten Mittenwald, 
irtenkirchen, Heiterwang, Lermoos, Allgund, Meran, Terlan, Zirl, 
leg, Sterzing, Mühlbach und Bruneck — auf den Besitz von Lehens- 
tem gründete, die ihnen von ihren Herrschaften, den Herzögen von 
lyem, den Grafen von Tirol, den Bischöfen von Freising, von 
ixen und von Trient, zu „desto stattlicher Verführung der Kauf- 
uinsgüter** verliehen worden waren, die im Laufe der Jahr- 
inderte vielfach zum Eigentum der Rodleute wurden und auf 
e bei unverhüteten Beschädigungen von Rodgütern die geschä- 
gten Kaufleute ein Pfandrecht hatten'*). Briefe über solche 



1) Vgl. über die Spanndienste der im Gericht Neuhaus (Terlan) gesessenen 
kuleute König Heinrichs und Grafen von Tirol A. Jäger, Landständ. 
trfassnng Tirols I. S. 560, Anm. 4. 

2) So belehnte Bischof Konrad von Trient 1192 die Gemeinde Eiva mit 
m Recht der Schiflfahrt nach Pönale und Torbole. Cod. Wanng. S. 116. 

3) Vgl. hierüber die von den Kaufleuten in allen ihren Beschwerdeschriften, 
B. Tom Jahre 1645, über die Rodmängel hervorgehobene Tatsache, daß die 

)dlente ihre Gemen (Vieh) nicht aUein wegen der Kaufmannsgüter sondern 
ch zu ihrer Feldarbeit und anderer Notdurft halten. 

4) Vgl. hierzu außer dem obenangeführten Spruch des Aufensteiner 
ichters vom Jahre 1887 und anderen Schiedssprüchen des 14. Jahrhonderts^ 



376 . Johannes Müller 

Lehensverleihungen sind uns namentlich aus der Zeit der Her- 
zoge Friedrieh IV. und Sigmund von Tirol, die an Brixener 
Bürger und Mühlbacher Bauern teils ererbte, teils neu erworbene 
Rodlehen vergaben, in großer Zahl überliefert^). Aus diesen 
Lehensbriefen geht nun noch deutlicher wie aus den erst später 
entstandenen Rodordnungen die Tatsache hervor, daß zwischen 
den verschiedenen Rod- oder Pallwägen einer Rod ein scharf 
ausgesprochener Rangunterschied bestand, indem man zwischen 
€inem ersten, zweiten, dritten etc. Pallwägen unterschied und den 
Besitzern der ersten Wägen einen gewissen Vorrang unter den 
Rodleuten eines Rodbezirkes einräumte. Aus der bevorzugten 
Stellung der ersten Rodwägenbesitzer ergab sich bald in ver- 
schiedenen Rodbezirken, wie am Lueg (Brenner) und in Sterzing, 
die weitere Folge, daß die sog. Vorwägen, deren Besitzer jeden- 
falls vermöglichere und darum auch im Fuhrwesen leistun^- 
fähigere Bauern waren, die Nachwägen beim Warentransport 
nahezu ganz verdrängten, so daß das an und für sich für eine 
geringe Anzahl von Personen geltende Monopol des Transport- 



über die 66 Lehenhöfe von Lueg bis Steinach (z. B. den Spruch des Markgrafea 
Lndwig des Brandenburgers vom Jahre 1352, des Herzogs Leopold vom Jahr« 
1380) vor allem : Ein Anzaigen, wie die beschwärd, so die kaaflent nnd gat- 
fertiger ob der rod und derselben rodlenten in der fürstlichen Grafschtift 
Tyroll haben, herkomen sey 1626. Z. B. Folio 11.: „K. M. in Hungtfii 
und Behem oder derselben Statthalter, hof- und camerrät der oberösterrcichi- 
sehen lande zu Innsprugg woUen gnediglich und dannocht des emsts darelB 
sehen, das die rod, laut herzog Sigmnndts herkomen Ordnung, mit der anitl 
wägen, darumb sy dann an vil orten guete gueter und anders 
haben, stattlich gehalten, dero gelebt und gewart werde. Augsb. Handebv.- 
Archiv. — Ähnliche Verhältnisse wie in Bayern und Tirol herrschten i* 
Wallis und Graubünden, wo die Bischöfe von Sitten und von Chur da» 
Straßenregal besaßen und die Rodrechte an Bauern und Bürger verliehen* 
BöHLiN, Die Transportverbände der Schweitz ff., Schulte, Geschichte de» 
mittelalterlichen Handels I. S. 212. 

1) Siehe den Lehensbrief Herzog Friedrichs IV. v. heiL Osterabend 1424, 
gegeben dem Gerhard zu Brixen um den 3. und 6. Rodwagen zu Mühlbach 
und andere Lehenstücke, so denselben anhängig. Bischof Georg v. Brixefl 
bestätigt den Bürgern von Matrei das Recht des Pallwagens, der vor anderen 
4er 1. sei, 30. Dez. 1438. Archivberichte v. Tirol, IL S. 316. — Innsbrucker 
Statthaltereiarchiv, Abt. Pestarchiv IX. 159. 



Das Rodwesen Bayerns and Tirols im Spfitmittelalter etc. 377 

etriebs innerhalb einer Gemeinde oft auf einen noch kleineren 
jreis, nämlich auf fünf bis sechs Fuhrwerksbesitzer, eingeschränkt 
Tirde '). 

Eine Ausnahme von den sonst üblichen Einrichtungen der 
lod in Bayern und Tirol machten die Rodbezirke von Nau- 
ers und Neumarkt bezw. der drei Viertel Neumarkt, Auer und 
[ontani im Gericht Enn und Caldif. In Nauders waren nämlich 
nter den 234 vorhandenen Feuerstätten ungefähr die Hälfte 
rotteshausleute des Hochstiftes Chur, mit etlichen Freisassen 
amnter, die weder zu Gericht noch zur Führung der Rodgüter 
ebraucht werden konnten. Aus der andern Hälfte der Nauderser 
iauem, die Herrschaftsleute und als solche zum Warentransport 
erpflichtet waren, wurde mit Rat und im Beisein des Pflegers und 
lichters von Nauders alljährlich eine Anzahl Bauern ausgewählt, 
lie für das laufende Jahr der Rod gewärtig zu sein hatten*), 
[m Gericht Enn und Caldif, wo die drei Viertel Neumarkt, 
\uer und Montani alle Kaufmannsgüter von Neumarkt nach Ter- 
lan einerseits, von Neumarkt nach Trient andererseits zu führen 
hatten, mußten alle in den genannten drei Vierteln eingesessenen 
Bauern, die Ochsengemen hatten, der Rod gewärtig sein. Die 
ßodpflicht traf aber auf jedes Viertel nur alle drei Wochen je 
eine Woche lang, so daß also für die Rodleute dieses Bezirkes 
«in dreiwöchiger Turnus durchgeführt war. 

Mit dem Bau der Straßen hatten die Rodleute Bayerns und 
Tirols im großen und ganzen nichts zu tun, es besorgten das 
vielmehr die Gemeinden mit Unterstützung der Landesregierung, 
^e für den Bau und die Erhaltung einzelner Strecken gewisse 
Teile der Zollerträgnisse anwies oder auch die Erhebung eigener 
Veglöhne gestattete'*). In einzelnen Rodbezirken, wie in dem 
Sehongauer und Lermooser, waren die Rodleute zur Wiederher- 
stellung der durch Wasserflüsse, Schneelawinen und andere Na- 



1) Vgl. hierzu die Einleitongssätze zu den Rodordnongen von Lneg und 
^on Sterzing vom Jahre 1530. Augsb. Handelsv.-Archiv Fase. XVI. 

2) Vgl. die Rodordnung von Nauders vom Jahre 1530. Augsb. Handels- 
^er.-Archiv Faso. XVI. 

3) So wurden die Wegbaukosten im Gerichte Castelbell und Meran 
«"^us den Erträgnissen des Zolles an der Toll bestritten. 



378 Johaimes Müller 

turgewalten zerstörten Wege und Brücken sowie zur Aufstellung 
ein^s Wegmachers verpflichtet, wofür dieselben aber auch eineB 
Weglohn von allem in ihrem Bezirk durchgehenden Zugvieh, die 
Rosse der Rodleute selbstverständlich ausgeschlossen, erheben 
durften ^). 

Das Eigentümlichste an dem spätmittelalterlichen Rodwesra 
Bayerns und Tirols war also im Gegensatz zu dem Transport- 
wesen der Schweiz das, daß dort nicht die Gemeinden als solche, 
sondern meist nur eine beschränkte Anzahl von Gemeinde- 
genossen eine Rod bildeten, die die Beförderung der Eaufmanns- 
güter sowie der Kammergüter innerhalb ihres Bezirkes gegen 
einen bestimmten Lohn übernahmen. Den Straßenbau nberlielien 
diese Roden im großen und ganzen den Gemeinden bezw. 
der Landesregierung; nur zur Aufbewahrung und zum Sehnte 
der niedergelegten Güter vor Nässe wurden von den Rodleutoi 
fast an allen Stationen, aber erst ganz am Ende des Mittelalten, 
sog. Pallhäuser errichtet, die aber erst mit Beginn der Neuidt 
als charakteristische Attribute der Rodstationen Bayerns nnd 
Tirols betrachtet werden können. 

Nach diesen Grundformen hatte sich die Landrod Bayern« 
und Tirols in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters heraus 
gebildet. Etwas anders war die Entwicklung der sog. Wasser- 
rod, die in beiden Gebieten mindestens seit dem Beginn de» 
15. Jahrhunderts eingerichtet war und insbesondere auf dem Lech 
von Füssen bis Augsburg, auf der Isar von Mittenwald bis München, 
auf dem Inn von Telfs bis Innsbruck und auf der Etsch von 
Terlan bis Neumarkt betrieben wurde. 

Schon im 12. Jahrhundert wurde auf der Etsch zwischen 
Bozen und Mori Schiffahrt zu Handelszwecken betrieben, wie ein 
von dem Bischof Albrecht von Trient an eine SchiflFahrtsgesell-' 
Schaft zu Mori erteiltes Privileg vom Jahre 1188 bezeugt*). D* 
das „Ripaticum", d. h. der von allen Flößen und Schiffen auf 



1) Vgl. hierzu den 10. Artikel der Rodordnung von Lermoos vom Jaii* 
1530, Augsb. Handels ver.-Archiv Fase. XVI. 

2) HoRMAYR, Geschichte Tirols II. Nr. 41. Danach hatte jedes tod 
Mori nach Bozen gehende Schiff 10 ff Bemer, jedes mit Getreide bdadene 
Schiff, das in Trient ausgeladen wurde, 5 ff Bemer Zoll tu sdilen. 



Das Rodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 379 

er Etsch zu entrichtende Zoll, von den Trientiner Bisehöfen um 
800 S Berner jährlieh verpachtet wurde, so muß der Güterver- 
ehr auf der Etsch zu jener Zeit schon eine ziemlich bedeutende 
lohe erreicht haben ^). Auf den den Nordrand der Alpen durch- 
rechenden Flüssen hat der Verkehr, entsprechend der lang- 
ameren Entwicklung des Handels der nördlichen Alpenländer, 
edeutend später als auf der Etsch und dem Gardasee eingesetzt. 
Erst mit Beginn des 15. Jahrhunderts, als der Andrang der 
Laufmannsgüter auf den beiden Tiroler Rodstraßen so stark 
mrde, daß die Rodfuhren zu Land für die Weiterbeforderung 
erselben nicht mehr ausreichten, wurde auch auf dem Inn, dem 
iCch und der Isar die Wasserrod eingeführt. Schon im Jahre 
407 hatten bayerische Kaufleute, insbesondere jene von Mün- 
hen, mit einigen Flößern von Mittenwald ein Abkommen ge- 
roffen, wodurch sich diese verbindlich machten, die aus Welsch- 
and kommenden Güter der bayerischen Handelsleute nach einer 
;ewissen Ordnung auf der Isar nach München zu führen*), 
üs nun auch andere deutsche Kaufleute, vor allem die Nürn- 
berger, für ihre Güter aus Venedig sich dieser Wasserstraße zu 
>edienen suchten, stellten die Mittenwalder Floßleute so harte 
Bedingungen bezw. so hohe Frachtforderungen, daß sich die 
lerzoge Ernst und Wilhelm von Bayern 1431 ins Mittel legen 
anßten, um die Mittenwalder zu einem für die Kaufmannschaft 
llgemein gültigen Abkommen zu bewegen. Im Jahre 1436 wurde 
a Mittenwald die erste Wasserrodordnung aufgerichtet und die- 
elbe im Jahr 1450 von dem Bischof Johann von Freising mit 
lern Zusatz bestätigt, daß die in die Rod aufgenommenen Flößer 
»ei der Stallung der Flöße kein Versäumnis sich zuschulden 
kommen lassen dürften; widrigenfalls hätten sie dem Kaufinann 
ien aus ihrer Saumsal entstandenen Schaden zu ersetzen und 
^rdem in die bischöfliche Kammer einen ungarischen Gulden 
ur Strafe zu zahlen. Diese erste Mittenwalder Wasserrodordnung 
nirde im Jahr 1462, als zwischen der Gemeinde und dem Hand- 
werk der Floßleute Zwistigkeiten wegen des Gütertransportes 

1) A. JÄOER, LandBtändische Verfassuiig Tirols I. S. 237, Anm. 5. 

2) Vgl J. Baader, Mittenwalder Wasserrodordnungen des 16. Jahr- 
undert«. Oberbayerisches Archiv Bd. 37, S. 327. 

VicrttljAhnchr. f. SocUl- u. WirttchAftsgesoliichU. III. 25 



380 Johannes Müller 

auf dem Wasser entstanden, durch den Bischof von Freising 
nach Einholung des Rates der bayerischen Herzoge Johann und 
Sigmund ergänzt und diese ergänzte Ordnung im Jahr 1489 von 
dem Freisinger Bischof erneuert und bestätigt. 

Auf dem Lech hat wohl wie auf der Wertach schon um die 
Mitte des 14. Jahrhunderts eine regelrechte Floßfahrt zur Beför- 
derung der Kaufmannsgüter bestanden *), doch scheint der Ver- 
kehr auf diesem Fluß wie auf der Isar erst zu Änfiemg des 
15. Jahrhunderts größeren Umfang angenommen zu haben. Am 
26. August 1415 richtete der Rat von Augsburg an den Rat der 
Stadt Füssen das Ersuchen, daß dieser ihren Bürger Hans Bacb- 
mair sowohl zu Land als zu Wasser die Straße wandeln lassen 
möge^. In einem am 19. Februar 1446 von dem Floßer- 
handwerk festgesetzten Floßlohntarif für die Fahrt von Augsburg 
bis Regensburg heißt es eingangs: Es ist zu wissen, daß Tor 
Zeiten eine rod hie zu Augsburg gewesen und das den alten 
Leuten kund und wissent ist^). Am 9. Oktober 1418 verlieh 
Kaiser Siegmund, der sich eben damals auf der Rückreise vom 
Konstanzer Konzil zu Augsburg aufhielt, der durch die bayeri- 
schen Herzoge Ernst und Wilhelm in der Lechfloßfahrt behin- 
derten Stadt die Freiheit, daß niemand befugt sein solle, ihr den 
Lechstrom zu verbauen, daß hingegen die Augsburger, wenn 
ihnen solches widerführe, den Fluß gleichfalls zu versehlagen 
das Recht hätten*). Als nun die bayerischen Herzoge unter 
dem Vorwand, daß Augsburg von dem durch den Bischof Nen- 
ninger über die Stadt verhängten Bann noch nicht ordentlicher- 
weise losgesprochen sei, nachmals die Reichsstraße und den Lech- 
strom sperrten, befahl der Kaiser am 15. Januar 1419 den Ang»- 
burgem, daß sie den Lech gleichfalls gegen Bayern schüteen, 
schirmen und verschlagen sollten. Dieser kaiserliche Befehl 
ist dann wohl wieder der Anlaß dazu gewesen, daß Herzog Ernst 
von Bayern am 29. März 1419 den Landsbergem das Recht 
verlieh, von jedem Floß, das bei Landsberg den Lech hinab- 

1) Stetten, Augsburg. Chronik S. 94 u. 98. 

2) Augsburger Brief buch Ib, Nr. 523. 

3) Augsburger Ratsdekrete II. Bd., S. 190. 

4) Stetten, Augsb. Chronik S. 148. 



Das Bodwesen Bayerns and Tirols im Spätmittelalter etc. 381 

Lhrt ward, einen Zoll von drei Pfennigen zu dem Strombau 
nehmen, „daß allermeniglich, die das Wasser arbeiten und 
ideln, mit Leib und Gut desto sicherer gefahren mögen und 
erdorben bleiben" ^). Die sichere Fahrt auf dem Lech scheint 
r seitens der bayerischen Herzoge noch des öfteren gehindert 
den zu sein; denn im Jahr 1450 z. B. muß der Pfleger von 
sen an die Landsberger die Bitte richten, daß dieselben die 
sener Floßleut mit ihrem Holz und Wein auf dem Lech sicher 

ungehindert, wie von alter Gewohnheit, fahren lassen möchten *). 
Was nun die wesentlichen Einrichtungen der Wasserrod auf 

südbayerischen Flüssen betrifft;, so waren diese, dem von 

Schweizer Gewässern durchaus verschiedenen Charakter dieser 
sse entsprechend, von denjenigen der Schweizer SchiflFergesell- 
aften ziemlich verschieden. Auf den Schweizer Seen und den 
iten, ruhiger dahinfließenden Gewässern der Schweiz, wie der 
imat etc., gab es eine wirkliche Schiffahrt mit kleineren oder 
ßeren Schiffen und von mehreren Gesellschaften auf einem und 
aselben Wasser zugleich in ziemlich freier Konkurrenz betrieben, 
f dem Lech, der Isar und dem Inn dagegen, reißenden 
)engewässem mit stark wechselndem Fahrwasser, konnte nur 

Flößerei betrieben werden und diese war naturgemäß wie 
t Landrod auf einer bestimmten Strecke des Flusses entweder 
den Händen einer ganzen Gemeinde, wie in Mittenwald, oder 
den Händen der Flößerzunft, wie in Füssen und Schongau. 
if der Isar wechselte die Stallung der Flöße unter den Bürgern 
d Inwohnern des Marktes Mittenwald, die in die Wasserrod 
standen waren, auf dem Lech lag die Kauflfahrteiflößerei in 
n Händen bestimmter Floßmeister, also Angehöriger der Flößer- 
nfte zu Füssen und Schongau, die von den Gemeinden ge- 
nnter Städte zur Beförderung der Kaufmannswaren von Füssen 

Sehongau und von Schongau bis Augsburg verpflichtet waren, 
le Beaufsichtigung der sog. Floßsteller in Mittenwald sowie 
■ Floßmeister zu Füssen und Schongau fand seitens der be- 



1) LoRi, Geschichte des Lechrains II., Nr. 111. 

2) 4. Bd. der Akten des Aogsburger Hochstiftes im Miinchener Reichs- 
biT. 



382 Johannes Müller 

treffenden Gemeinden insofern statt, als die von den Floßstellern 
angenommenen Knechte vom Handwerk bestätigt sein muflta 
und als der Rat der genannten Städte — in Mittenwald durch 
zwei sog. Geschworene der Wasserrod, in Füssen und Schongau 
durch sog. Geschaumeister — die Flöß und, was dazu Notdurft 
war, auf ihre Brauchbarkeit beschauen ließ. Im übrigen waren 
die Wasserrodordnungen, vor allem die Festsetzung der Rodlöhne 
auf dem Wasser, an die Zustimmung zunächst der Gemeinden, 
sodann der betreffenden Landesregierungen (Herzog von Barem, 
Bischöfe von Augsburg und Freising) gebunden^). 

2. Die rapide Entwicklung des deutsch-italienischen 
Verkehrs im Bereich der Ostalpen während des 
14. Jahrhunderts. 

Um die Wende des 13. und 14. Jahrhunderts nahm der 
deutsch-venezianische Handel und Verkehr jenen mächtigen Auf- 
schwung, der durch das ganze spätere Mittelalter dauern und 
eine der Hauptgrundlagen des materiellen Wohlstandes wie der 
hohen geistigen Kultur vor allem der deutschen Reichsstädte 
werden sollte. Dieser durch verschiedene Ursachen bedingte 
Aufschwung des Handels zwischen Deutschland und Italien am 
Anfang des 14. Jahrhunderts machte seinen Einfluß auch auf da» 
Straßen- und Transportwesen Tirols und Südbayems, der Haupt- 
durchgangsländer von Venedig nach Deutschland, geltend; die Re- 
gierungen von Venedig und Tirol sowie die bürgerfreundlichen 
deutschen Kaiser Albrecht I. und Ludwig der Bayer suchten 
durch entsprechende Maßnahmen den Bedürftiissen des stet* 
wachsenden Handels und Verkehrs ihrer Länder auf alle mögliche 
Weise entgegenzukommen. So erwirkte Albrecht L durch Unter- 
handlungen mit der Signoria in den Jahren 1298, 1305 und 1307 
den deutschen Kaufleuten in Venedig bedeutende Zollerleichte- 



1) Vgl. außer den Mittenwalder Wasserrodordnungen v. J. Baader (Obe^ 
bayer. Archiv Bd. 37, S. 324 ff.) die auf die Rod auf dem Lech bezüg- 
lichen Korrespondenzen zwischen Schongau und den Schongauer Bodfloßlenlei» 
einerseits, der Augsburger Kaufmannschaft andererseits ans der 1. Hälft« 
des 16. Jahrhunderts. Augsb. Handelsver.-Archiv LXXXX. 



Das Eodi^esen Bayerns and Tirols im Sp&tmittelalter etc. 3S3 

ingen '). Ludwig der Bayer sicherte im Jahre 1315 allen frem- 
sn Kaufleuten Schutz und Sicherheit an Leib und Gut, sodann 
ie Befugnis zu, sofern sie jemand beleidige, Gewalt mit Ge- 
alt abtreiben zu dürfen*). Die Verleihung des Stadtrechtes 
d die am Rande des Gebirges liegenden Orte Weilheim, Wasser- 
arg (1312), Landsberg (1315) durch Ludwig den Bayer steht 
i¥eifellos mit dem damals stark zunehmenden Verkehr durch das 
^birge ebenso im Zusammenhang wie die Verleihung des 
iederlagsrechts an die Oberammergauer durch denselben Herr- 
5her im Jahre 1332. Die Signoria, die schon im Jahre 1314 
ie Zahl der für den deutsch-venezianischen Handel so wichtigen 
ensale des deutschen Fondaco in Venedig von zwanzig auf 
reißig erhöht hatte'), baute das im Jahre 1318 niedergebrannte 
eutsehe Kaufhaus am Rialto in vergrößertem Umfange wieder 
uf und erließ für die Beamten des Kaufhauses, wie den Haus- 
leister etc., genauere Verordnungen*). Am meisten ließen es 
ich aber die Grafen Otto und Heinrich von Tirol, die Söhne 
[einhards H., angelegen sein, sowohl durch Begünstigungen der 
remden Kaufleute als durch Verleihung von Privilegien an ihre 
Intertanen und durch Straßenbauten den Warentransport von 
nd nach Venedig durch Tirol zu leiten. Im Jahre 1309 (7. Sep- 
ember) verlieh Otto, Herzog von Kärnten und Graf von Tirol, 
em Regensburger und dem Ulmer Handelsstand einen Freipaß, 
ronach jeder Regensburger und Ulmer Kaufmann ungeniert in 
nd durch Kärnten und Tirol mit seiner Kaufinannschaft handeln 
onnte*). Das den Regensburgem von dem Grafen Otto erteilte 
Vivileg wurde im Jahre 1312 von dessen Bruder Heinrich, 
rrafen von Tirol und Titularkönig von Böhmen, bestätigt und 
rweitert. Derselbe Fürst schloß in demselben Jahre 1312 mit 



1) K. Jäger, Ulms kommerzielles Leben im Mittelalter S. 699 ff. 

2) Nr. 80 des Urknndenbnches der beurkundeten Geschichte Münchens. 

3) H. Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig I. Nr. 41. 

4) H. Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig I. Nr. 51, 
52 und 71. 

5) Regensbnrger Stadtarchiv, außerdem K. Jäger, Ulms kommerzielles 
!/eben im Mittelalter S. 697. Den Regensburgem wurde ihr Privileg im 
Fahre 1335 durch die Gräfin Margarete Maultasch erneuert. 



384 Johannes Müller 

dem bayerischen Herzog Rudolf einen Vertrag ab, durch welchen 
den Kaufleuten beider Gebiete gegenseitig Schutz zugesichert 
und den bayerischen Handelsleuten insbesondere Begünstigungen 
bei der Ausfuhr von Wein und Ol aus Tirol eingeräumt wur- 
den^). Diese Begünstigungen wurden im Jahre 1329 von dem 
Grafen Heinrich, sodann 1344 von dem Witteisbacher Ludnig, 
dem Gemahl der Gräfin Margarete Maultasch, bestätigt und znm 
Teil erweitert^). 

Wie auf diese Weise die Grafen von Tirol zu jener Zeit durch 
Verträge mit Nachbargebieten den Handel ihres Landes zu for- 
dern suchten, so auch durch Verleihung von Stadt- und Stapel- 
rechten an besonders wichtige Orte und durch die Inangriffnahme 
von Straßenbauten sowohl auf den beiden Hauptverkehrslinien 
Tirols wie auf den Zufuhrstraßen zu denselben. So verlieh Herzog 
Otto dem am Ende des 13. Jahrhunderts durch seine Sakberg- 
werke rasch emporgekommenen Hall im Jahre 1303 das Stadt- 
recht und Herzog Heinrich erhob Meran 1317 zum Rang einer 
Stadt '*). Sterzing erhielt von Herzog Otto im Jahre 1304 da« 
' ausschließliche Niederlagsrecht zwischen den beiden Mittenwalde 
im Wipptal zugesprochen, nachdem sich die Sterzinger bei ihrem 
Landesherm darüber beschwert hatten, daß etliche Bauleute von 
Auterwang, Gossensaß, Mauls und Kalch in ihren Häusern Kauf- 
leute, Fuhrleute, Klger und andere das Wipptal Durchziehende 
mit Essen und Trinken versorgten*). 

Noch bedeutsamer als diese Verleihung von Stadt- und Stapel- 
rechten durch die eben genannten Tiroler Grafen war der unter 
dem Grafen Heinrich in Angriff genommene Bau der Arlberg- 
Straße, der Eisackstraße zwischen Bozen und Trostburg und de» 
Weges durch die Ehrenberger Klause. Mit dem Bau des letzt- 
genannten Weges und der Straße über den Arlberg wurde 1309 
begonnen und der Bau der Arlbergstraße bis zum Jahre 1335 

1) RiEZLER, Geschichte Bayerns U. S. 526. 

2) Münchner Urkundenbuch Nr. 69 und 71. 

3) Jäger, Geschichte der landständischen Verfassung Tirols I. S. 649 
und 679. 

4) Jäger, Geschichte der landständischen Verfassung Tirols I. S. 652 
und 663. 



Das Eodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc 385 

fortgesetzt^). Ein von dem Grafen Heinrich von Tirol im 
Jahre 1330 gemachter Versuch, die bei dem Dorfe Grins steil 
üD dem Talhang emporsteigende Straße durch Verlegung in die 
riefe des Stanzer Tales für Fuhrwerke praktikabler zu machen, 
scheiterte an dem Widerstand der Grinser, die den Grafen durch 
ihre Beschwerde zur Einhaltung des alten Straßenzuges be- 
wogen^. Die hervorragendste Leistung auf dem Gebiet des 
Tiroler Straßenbaues zu jener Zeit war aber die EröflFhung des 
unteren Eisacktales für den Verkehr durch den Bozener Bürger 
Heinrich Runter in den Jahren 1314 — 1317^). Wegen der Un- 
^ngbarkeit der Talengen des unteren Eisack war nämlich bis 
m dieser Zeit die Straße von Bozen nach Klausen über das 
Rittenplateau gegangen und zwar in der Weise, daß der Weg 
bei Rentsch, gleich hinter Bozen, die Hochfläche hinauf- und bei 
TroBtbui^ unweit Weidbruck wieder in das Eisacktal herabführte. 
Um nun den langen Umweg über den Ritten zu vermeiden, schloß 
der erwähnte Kunter mit dem Tiroler Grafen Heinrich im Jahre 
1314 (Sonntag vor Michaeli) einen Vertrag, wodurch sich der 
Bozener Bürger verpflichtete, gegen Überlassung bestimmter ZoU- 
^fälle auf alle durchgehenden Waren die genannte Wegstrecke 
für Saumtiere herzustellen. In einigen Jahren war der Bau der 
Straße so weit gefordert, daß sie dem Verkehr von Bozen nach 
Klausen dienen konnte. Da dieser nach seinem Erbauer ge- 
nannte Kuntersweg aber in der ersten Zeit noch eine recht un- 
vollkommene Verkehrsstraße war, für Wagenfuhren unpassier- 
[)ar, so ließ der Markgraf Ludwig, der Gemahl der Margarete 
Manltasch, im Jahre 1350 durch seinen Landeshauptmann, Kon- 
rad von Teck, über den Ritten eine Wagenstraße bauen, die bei 
Rentsch unweit Bozen das Rittenplateau in vielfachen Windungen 
erstieg und bei Kollmann wieder auf den Talboden sich herab- 



1) Historisch-statistiBcbes Archiv für Sttddeutschland I. S. 226 (Historische 
Bruchstäcke über das Tiroler Straßenwesen) und Bmchstücke über Tirols 
Straßenwesen im Archiv für Geographie und Historie, Jahrg. 1818, S. 361. 

2) VerkehTBgeschicbte des Arlbergs von H. Biedermann, Zeitschrift des 
D.-Ö. Alpenvereins, 16. Bd., S. 418 ff. 

3) Vgl. für das Folgende : Die Brennerstraße von 0. Wanka v. Rodlow, 
S. 124 ff. Prager Geschichtsstudien, 7. Heft. 



386 Jobannes Müller 

senkte. Diese neue Weganlage über den Ritten zur Zeit des 
Markgrafen Ludwig dürfte zum Teil durch die damals hervor- 
tretenden Bemühungen der Venezianer veranlaßt worden sein, 
sich statt des Gotthardweges, der sowohl durch viele Geleits- 
herrschaften wie durch den eben ausgebrochenen schweizerisch- 
österreichischen Krieg unsicher geworden war, den Brennerweg 
neben der oberen oder Reschenscheideckstraße für ihren Waren- 
zug von und nach Flandern offen zu halten*). 

Ob die Rittener Straße die Erwartungen auf Verkehrsmehrung, 
die Markgraf Ludwig bei ihrem Bau auf sie gesetzt haben wird, 
erfüllt hat, scheint mehr als zweifelhaft. Kurz vor der InMigriff- 
nahme der Rittener Straßenanlage, im Jahre 1339 nämlich, hatte 
die Signoria ihre Herrschaft über das Gebiet von Treviso aus- 
gedehnt und dadurch einen bequemen Zugang zu der bei Serra- 
valle das Gebirge verlassenden Ampezzaner Straße, die vom Piave- 
und Boitatal über den leicht passierbaren Peutelsteiner Paß in 
das Pustertal hinüberführte, gewonnen. Seit dieser Zeit waren 
die Venezianer bemüht, den Warenzug aus und nach Deutsch- 
land über die Ampezzaner Straße zu leiten, weil sie mittelst 
dieser die ihnen feindlichen Gebiete von Padua und Verona um- 
gehen konnten % Der Verkehr auf der Ampezzaner Straße oder 
durch das „Cadober", wie die Straße nach dem deutschen Namen 
des venezianischen Ortes Pieve di Cadore an der Piave von den 
Deutschen genannt wurde, ist in der zweiten Hälfte des 
14. Jahrhunderts nach mehreren unverwerflichen Zeugnissen jeden- 
falls ein ganz bedeutender gewesen. Im Jahre 1365 schickte 
die Signoria eine Gesandtschaft nach Deutschland, speziell nach 
Augsburg und nach München, um die beiden Wege nach Flan- 
dern durch Tirol, den Caminum Usporgi (Augsburger Weg), d. h. 
den Weg über das Reschenscheideck, und den Caminum Bavariae, 
d. h. den Brennerweg, zu sichern*). Aus den den veneziani- 



1) MoNK, Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, V. Bd., S. 20. Danach 
schickte die Signoria 1351 an den Markgrafen Ludwig eine Gesandtschaft 
mit der Bitte, den venezianischen Handel durch Tirol sowie ultra monte«, 
d. h. in Bayern, in Schutz zu nehmen. 

2) Simonsfeld, Fondaco I. Nr. 230 und 231. 

3) Simonsfeld, Fondaco I. Nr. 207, 208, 210, 211, 215. 



Das Bodwesen Bayerns and Tirols im Sp&tmittelalter etc. 387 

Gesandten mitgegebenen Instruktionen ergibt sich, daß den 
ianem vor allem die Sicherung des Weges durch Bayern, 
iber den Peutelsteiner und Brennerpaß, am Herzen gelegen 
ia eine Verzögerung in dieser Sache magni incommodi et 
[ terrae et mercatorum nostrorum est. Im November des 
5 1375 traf der venezianische Senat Verfügungen, um den 
;hen Warenzug, der infolge des seit 1373 mit den österreichischen 
gen Albrecht HI. und Leopold HI. ausgebrochenen Krieges 
er Ampezzaner Straße abgelenkt worden war, wieder über 
ianisches Gebiet, speziell über Serravalle und Treviso statt 
Padua, zu lenken*). Der Erfolg dieser Maßnahmen Vene- 
blieb denn auch nicht aus; denn nach einer über den 
YefferzoU zu Bruneck *) aus dem 14. Jahrhundert auf uns 
imenen Nachricht erreichte die Zahl der sog. Adritura- 
Eilgutwägen, die von Michaeli 1378 bis Sonnenwend 1386 
leck passierten, allein die stattliche Zahl 2066'), was auf einen 
jtarken Güterverkehr auf der Ampezzaner Straße zu jener 
schließen läßt. Zu demselben Schluß gelangt man bei 
Betrachtung der bedeutenden Erträgnisse des Zolles am 
oder Brenner, die z. B. für die Zeit vom 9. September 1414 

September 1415 die stattliche Summe von 1126 Dukaten 
en*). 

if der oberen Straße scheint der Verkehr um die Wende 
4. und 15. Jahrhunderts nicht minder bedeutend gewesen 



SiMOXSFELD, Fondaco I. Nr. 230 und 231. 

In dem zum Bistum Brixen gehörigen Broneck gab jeder sog. Eigen- 
oder Adriturawagen, d. b. jeder von Treviso bezw. Schongau durch- 
ie Wagen außer dem 14 Kreuzerzoll pro Saum nach altem Herkommen 

ff Pfeflfer oder Säcklein sonstiger Spezerei. 

SiNNACHER, Geschichte des Bistums Brixen V. S. 522. 

Von dem österreichischen Herzog Friedrich IV. war der Stadt Augs- 
dr die Augsbnrger Kaufleuten i. J. 1409 zugefügten Schäden im Wert von 
)akaten 7 fl. Schadenersatz zuerkannt und zur Sicherung der Zoll am 
auf mehrere Jahre verpfändet worden. C. Jäger, Ulms Verfassungs- 
ommerzielles Leben im Mittelalter S. 698, Anm. 268. Nach den Quit- 
a Augsburgs an den Lueger Zoller betrug der Zoll vom 9. Sept. 1414 

Febr. 1416: 300 Dukaten, vom 2. Febr. 1416 bis 3. Sept. 1416: 
Dukaten. Vgl. das Augsburger Briefbuch Ib, Nr. 390 und 603. 



388 Johannes Müller 

zu sein als auf der unteren Straße. Nach den in dem Inns- 
brueker Stadtarchiv aufbewahrten Zollregistem der Zollstätte zu 
Pfunds, deren Errichtung den durch eine Feuersbrunst schwer 
geschädigten Innsbruckern im Jahre 1395 (2. März) von dem 
österreichischen Herzoge Albrecht III. gestattet worden war, pas- 
sierten in dem einen Halbjahre des Jahres 1434 (Ende Februar 
bis Anfang August) 573 Wägen die genannte Zollstätte '). Wenn 
man nun erwägt, daß unter diesen Wägen die zahlreichen Wein- 
fuhren der deutschen Klöster als Wägen, welche sich der Zoll- 
freiheit erfreuten, nicht einbegriffen sind, so ergibt sich für den 
Güterwagenverkehr auf der oberen Straße im Anfang de» 
15. Jahrhunderts pro Jahr zum mindesten eine Anzahl von 1300 
bis 1400 Wägen, eine Wagenmenge, die auch für das 16. Jahrhundert 
noch Gültigkeit haben dürfte, da nach einer im Jahre 1560 Tor- 
genommenen Schätzung des Güterv^erkehrs zwischen Terlan 
und Bozen die Masse der jährlich zwischen beiden Orten befor- 
derten Güter auf rund 15000 Ztr. geschätzt wurde'). Für die 
weitere Behauptung Chmels, der für die obere Straße im 15. Jahr- 
hundert eine stärkere Frequenz als für die untere Straße an- 
nimmt'*), lassen sich nach den bisher zugänglichen Quellen- 
schriften jedoch keine Beweise beibringen. Der Verkehr anf 
beiden Straßen dürfte sich vielmehr in jenem Zeitraum so liem- 
lieh die Wage gehalten haben. Gegen das Ende des 15. Jahrhun- 
derts aber hat die Brennerstraße die Reschenscheideckstraße, wie 
schon oben angedeutet, in bezug auf Verkehrshöhe und Bequem- 
lichkeit des Reisens schon bedeutend überflügelt. 

II. Die Organisation des Rodwesens Bayerns und Tirok 
Im Spätmittelalter. 

1. Die Voraussetzungen derMitgliedschaft an derRoi 

Zur Bewältigung des bedeutenden Verkehrs auf den 

beiden großen Tiroler Straßen und auf deren Abzweigungen 

1) H. Biedermann, Verkebrsgeschichte des Arlbergg, Zeitschr. des D.-O- 
Alpenvereins Jahrg. 1884, S. 413. 

2) Bericht des Ritters Simon Botsch (dat. Bozen, 3. Juni 1660) in ^ 
Sammlung älterer Originalurkunden in der Bibliothek des Ferdinandenini i* 
Innsbruck (Bibl. Tirol), Handschriften Nr. 1166, Stttck lU. BI. 169. 

3) J. Chmel, Österreichischer Geschichtsforscher U. 2. Heft> LVI. 






Das Rodwesen Bayems und Tirols im Spätmittelalter etc. 389 

lurch Bayern war eine straffere Organisation des Transport- 
i^esens, das wir uns bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts als 
ine ziemlieh lockere Vereinigung der Bauleute in Tirol bezw. 
jchensleute in Bayern an den großen Verkehrsstraßen vorzustellen 
laben, notwendig. 

Es ist schon oben, bei der Erörterung des Ursprungs des 
Lodwesens Bayems und Tirols, darauf hingewiesen worden, daß 
ieses Rodwesen im innigsten Zusammenhang stand mit dem 
littelalterlichen Lehenswesen oder mit der Verleihung von Bau* 
echten, wie diese Lehen in Tirol genannt wurden. Die Ver- 
^ihnng von Baurechten an unfreie oder hörige Bauern erfolgte 
n Tirol wie in Bayern nachweisbar erst im 13. Jahrhundert 
iBd zwar sollen nach den Angaben des Innsbrucker Schatz- 
rehiv-Repertoriums die ersten Fälle von Baurechtverleihungen 
uf landesfürstlichen Besitzungen in Tirol unter dem Grafen Mein- 
lard n., dem Zeitgenossen Kaiser Rudolfs I. vorgekommen sein ^). 
fahrend nun im 13. Jahrhundert die Lehensgüter den Kolonen 
»der Bauleuten nur auf eine Reihe von Jahren, allerhöchstens 
luf Lebenszeit, übertragen wurden, wurde es im 14. Jahr- 
inndert bald allgemeine Norm, die Baurechte mit dem Erbrechte 
tu verleihen, höchstens mit der Einschränkung, daß die Über- 
tragung der Baurechte durch den Baumann auf Verwandte ohne 
ausdrückliche Bewilligung des Grundherrn verboten sei. Doch 
auch diese Beschränkung fiel im Laufe des 14. Jahrhunderts, 
so daß die Bauleute, die durch Generationen auf demselben Gute 
^haft waren, dieses schließlich als ihr freies Eigentum ansahen 
nnd dieses selbst wie die darauf ruhenden Zinsen und Giebig- 
keiten als einen veräußerlichen und verkäuflichen Gegenstand 
behandelten *). 

1) Vgl. über diese Verhältnisse A. Jäuek, Landständische Verfassung 
^Is I. S. 546 ff. 

2) lUiERHOFBR, Das Urkundenbucb Neustifts, Nr. 470 erwähnt aus 
^H) Jahre 1826 einen Fall, wonach einem Bauern dieses Klosters die Baii- 
^^te eine« Maierhofs nicht nur für sich und seine Erben, sondern auch fUr 
^>x»e Brttder und deren Nachkommen verliehen wurden. — Nach Monum. 
^oica, Ettal VII. S. 282 verlieh Ludwig der Bayer im Jahre 1330 der ge- 
^mten Bauernschaft von Ammergau das Erbrecht für ihre dem Kloster 
'^W zinsbaren Lehensgttter. 



390 Johannes Müller 

Die Verleihung von Leliensgütern, deren Besitz die belehnten 
Bauern zunächst zum Transport der Kammergüter der Lehens- 
herrschaften und erst in zweiter Linie zur Beförderung der Kauf- 
mannsgüter durch Bayern und Tirol verpflichtete, scheint nun 
allerdings bloß in den ländlichen Gemeinden Südbayems und 
Tirols im Gebrauch gewesen zu sein; denn weder von Schon- 
gau in Bayern noch von Innsbruck, Imst, Glums und Bozen in 
Tirol sind uns derartige Lehensbriefe überliefert, wie wir sie so 
zahlreich von den Landgemeinden Bayerns und Tirols besitzen. 
Vielmehr stand bei diesen Städten dieRod auf der ganzen Gemeinde, 
die zur Stellung einer bestimmten Anzahl von Rodwägen ver- 
pflichtet war. Aber auch unter den Landgemeinden waren meh- 
rere, wie z. B. Zams und Prutz an der oberen Straße, Tob- 
lach im Pustertal, deren Rodfuhrleute der Lehensgüter ganz ent- 
rieten ^), oder solche, wie die Sterzinger und Terlaner, von 
denen nur ein Teil Lehen genoß*). Die Zahl der mit Lehen 
begabten Rodleute in den einzelnen Rodstätten war anfangs des 
14. und 15. Jahrhunderts jedenfalls größer als in der späteren 
Zeit. So stellte Reutte-Heiterwang ursprünglich 82 Rodwägen, 
woran 33 Heiterwanger und 49 Reutter Bauern beteiligt waren; 
durch die Rodordnung vom Jahre 1530 wurde diese überaus 
große Anzahl von Rodwägen auf 12 Wägen für ein Jahr in der 
Weise reduziert, daß die Heiterwanger aus ihren 33 Rodbauern 
alljährlich fünf, die Reutter aus ihren 49 Rodfuhrleuten sieben 
Rodleute wählten. Wie bei Reutte, so findet sich auch bei den 
meisten übrigen Rodstätten Tirols eine solche Reduktion von 
einer größeren Zahl von Rodwägen auf eine beschränkte Anzahl 
und zwar meist auf ein Dutzend, bei Innsbruck ausnahmsweise 
auf ein halbes Dutzend Rodwägen, die zum Transport der Kaof- 
mannsgüter allzeit bereitstehen sollten. 

In den Rodstätten Bayenis ist ein solches Zurückgehen der 
ursprünglichen Anzahl der Rodbauem eines Ortes im Laufe des 



1) Vgl. Schriften und Sachen, so anno 1545 zu Innsbruck gehandelt 
worden, insbesondere Verantwortung auf der von Toblach beschwftrden. Angsb. 
Handelsvereins-Archiv, LXXXX. Nr. 83. 

2) Rodordnung im Gericht Terlan vom Jahre 1530, Augsb. Handel«- 
vereins-Archiv, Fase. XVI. 



I 



Das Bodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 391 

päteren Mittelalters nicht wahrzunehmen ; in Ammergau, Parten- 
irchen und Mittenwald ist die Zahl der Rodbanem (18, bezw. 36, 
ezw. 24) im 16. Jahrhundert dieselbe, wie sie im 14. und 15. Jahr- 
andert gewesen ist. Zu diesem einen Unterschied zwischen dem 
ayerischen und Tiroler Rodwesen kommen nun noch zwei weitere 
Verschiedenheiten, die als charakteristische Merkmale der ungleichen 
Entwicklung des Bauernstandes in Bayern und Tirol zu betrachten 
ind. In Bayern, wo die Bauern im großen und ganzen in dem 
ürbzinsstand yerblieben, also auch der Freizügigkeit entbehrten, 
»lieben die Rodlehen im Besitz wirklicher, ortsansässiger Bauern ; 
Q Tirol dagegen mit seiner am Ende des Mittelalters zum groß- 
en Teil freien Bauernschaft kamen die Rodlehen und damit die 
lodwägen vielfach aus Bauemhänden in den Besitz von An- 
^hörigen anderer Stände, wie uns denn in den Rodordnungen 
on Sterzing und Mühlbach vom Jahre 1530 neben Bauern bezw. 
Jfirgem dieser Orte landesfürstliche Beamte, so in Sterzing ein 
>alzmaier von Hall, in Mühlbach der Pfleger von Steinach und 
ler Zöllner von der Mühlbacher Klause, als Rodwagenbesitzer 
begegnen *). 

Das, was dem Tiroler Rodwesen aber gegenüber dem Trans- 
)ortwesen der übrigen Alpengebiete einen ganz besonderen Cha- 
akter verleiht, ist die Unterscheidung zwischen sog. Vor- und 
Ifachwägen oder die Rangabstufung zwischen den einzelnen 
Wagen einer Rodstätte"). Dieser Rangunterschied findet sich 
;war nicht bei allen Tiroler Rodstätten, sondern nach den Rod- 
)rdnnngen vom Jahre 1530 nur bei den sieben Orten: Matrei, Lueg, 
sterzing, Mühlbach, Brunneck, Terlan und Allgund. Trotz dieser 
Einschränkung der hier erwähnten Einrichtung auf diese wenigen 
Tiroler Rodstätten muß dieselbe doch als das hervorstechendste 
Kennzeichen des Tiroler Rodwesens bezeichnet werden ; denn sie 
dient als Beweis dafür, daß auf denjenigen Strecken der beiden 
großen Rodstrecken Tirols, auf denen der Verkehr am stärksten 

1) Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse in Graubünden, wo nach Schulte 
(Mittel. Handel I. S. 362) Adelige an die Spitze der Porten traten. 

2) Tiroler Archivberichte H. 316: Bischof Georg von Brixen bestätigt 
«Jen Bürgern von Matrei das Recht des Pallwagens, „der vor andern palwägen 
^eit der erste sei". Brixen 1438, Dez. 30. 



392 Johannes Müller 

war, sich eine besondere Klasse von Rodbanern herausbildete, 
die das Fuhrmannsgewerbe ex professo betrieben und dadurch 
ihre Genossen, die Nachwägenbesitzer, die das Roden neben 
ihren bäuerlichen Beschäftigungen nur im Nebengeschäft aus- 
übten, mit der Zeit tatsächlich ganz aus der Rod hinaus- 
drängten '). 

Neben dem Besitz von Rodlehen war in früherer Zeit der 
Besitz von mindestens zwei Pferden oder zwei Ochsen Voraus- 
setzung für den Eintritt in eine Rodgemeinschaft; doch konnten 
auch zwei Bauern, von denen jeder nur ein Pferd oder einen 
Ochsen hatte, sich zusammentun und miteinander eine Rod neh- 
men^. In älteren Rodordnungen, wie in der von Landeck vom 
Jahre 1474, waren auch Vorschriften über das Alter des Zug- 
viehs enthalten; so durften nach der ebenerwähnten Landecker 
Rodordnung weder Strohrinder noch Pferde unter einem Jahr 
zum Ziehen der Rodwägen verwendet werden. Die Rodordnongen 
des 16. Jahrhunderts enthalten diese Bestimmungen bezüglich 
der Zahl und des Alters der Zugtiere nicht mehr; viele Rod- 
leute besaßen in dieser Periode, wie die Kaufleute und Gut- 
fertiger in ihren Beschwerden gar oft bitter bemerken, weder 
Roß noch Wagen, ließen darum die auf sie treflFenden Rodfuhren 
durch andere Bauern fertigen^), ein Gebrauch, der nach den 
mittelalterlichen Rodordnungen Tirols und Bayerns absolut ver- 
boten war"*). 



1) Sterzinger Rodordnung vom Jahre 1630 : „Und dann d^e ereten sech* 
wagen sich bißher der verfuerung gebraucht, dadurch es wenig an die sechs 
nachwagen gelanget, darob sy, dieweil sie nichts minder wie die TorwS^" 
mit vieh und andern hiezu nottnrftig gewertig sein mtissen, beschwert gehabt'' 
Augsb. Handelsvereins-Archiv. 

2) Landecker Rodordnung vom Jahre 1474, Imster Rodordnung ▼offl 
Jahre 1485, Tiroler WeLstümer in. 2. Jahrg., S. 296 und 163. 

3) Vgl. hierzu: Beschwerden, so die kaufleut und gutfertiger ob der 
Rod und derselben Rodleuten in der fürstlichen Grafschaft Tirol haben, 
1529, Augsb. Handelsvereins-Archiv, Fase. LXXXX. 

4) Siehe den 3. Artikel der Imster Rodordnung von 1485: „Bin jeder, 
der in der rod sein will, soll die rod und das gut, so ihm gefeilt, selber 
fiiereu und keinem fremden aufgeben." 



J 



Das Rodwesen Bayerns and Tirols im Spätmittelalter etc. 393 

2. Die Organe des Rodwesens Bayerns und Tirols. 

Die Kontrolle sowohl über die Rodlente selbst als über die 
emen (Zugtiere) und Wägen nebst Geschirr wurde in der 
jätmittelalterlichen Periode des Rodwesens viel schärfer gehand- 
abt als im 16. Jahrhundert. Noch Ende des 15. Jahrhunderts 
egegnet uns in den Tiroler Rodordnungen die Bestimmung, 
aß ein Schätzer die Wägen und das Zeug der Rodleute vor 
em Aufladen zu prüfen hat; erst wenn jener diese Erforder- 
isse des Rodmannes für genügend erfunden hatte, durfte dieser 
lit seinem Wagen abfahren. Das gleiche Verfahren fand statt 
ei den Floßleuten auf dem Lech und der Isar, deren Flöße 
urch Aufsichtsbeamte des Rates der betreflFenden Stadt auf ihre 
ieschaffenheit geprüft wurden, ehe sie die Fahrt flußabwärts an- 
beten durften^). 

Die von den Gemeinden Mittenwald, Schongau, Füssen, Augs- 
ui^ geordneten Aufsichtsbeamtan hatten aber nicht nur die 
löße vor ihrer Stallung und Fertigung zu besehen sondern 
Quflten auch darob sein, daß alle, die an die Rod kamen, d. h. 
üe Floßmeister und Floßknechte, dazu geschickt waren. Die 
Floßknechte sollten geschworene und vom Handwerk bestätigte 
Knechte sein; aber auch die Floßmeister, deren es im 15. Jahr- 
hundert in den Wasserrodstätten Bayerns vielleicht dreimal so viel 
gab als im 16. Jahrhundert*), waren von den Räten der be- 
treffenden Gemeinden zur Stallung der nötigen Flöße und zur 
förderlichen Fertigung der Kaufmannsgüter verpflichtet. Diese 
Aufsichtsorgane, wie Schätzer, Verordnete zum Floßwesen, die 
äem Mittelalter zur Durchführung eines regelrechten Rodbetriebs 



1) Mitten walder Wasserrodordnung vom Jahre 1450 (Oberbayr. Archiv, 
^' Bd., S. 328), außerdem Augsb. Ratsdekret vom 19. Febr. 1446 betreffs 
'^Ößerei und Rodwesen auf dem Lech, (Augsb. Ratsdekrete II. S. 190). 
^gl. hiermit die ähnlichen Einrichtungen in Zürich, H. Börlin, Die Traus- 
^<>rtYerbände und das Transportrecht der Schweiz im Mittelalter S. 31. 

2) Nach der Verantwortung der Augsburger Kaufleute auf der Floßleute 
^ Schongau begeren vom Jahre 1543 betrug die Zahl der Schongauer Floß- 
^^ister, die Kaufmannsgüter beförderten, damals bloß noch 6 bis 7, während 
*ch früher 24 Floßmeister von diesem Gewerbe ernährten. Augsb. Handels- 
^feins-Archiv, Fase. LXXXX. Nr. 82. 



394 Johannes Müller 

notwendig schienen, kannte das Rodwesen im 16. Jahrhundert 
nicht mehrO- Dagegen finden wir diejenigen Organe, die auch 
im Schweizer Transportwesen, wenn auch teilweise unter anderen 
Namen, im Mittelalter anzutrefTen sind, sowohl im späteren 
Mittelalter wie im Anfang der Neuzeit im bayerisch-tirolischen 
Rodwesen vertreten. 

Da ist zunächst der in der Schweiz unter dem Namen Teiler 
(partitor ballarum) bekannte „Aufgeber" zu erwähnen, der in 
der allerersten Zeit den Namen Binder gefuhrt zu haben scheint; 
in Reutte und Heiterwang erhielt sich die letzterwähnte 
Bezeichnung für dieses wichtige Amt bis in die Mitte des 
16. Jahrhunderts-). Der Aufgeber hatte für die Aufrecht- 
erhaltung der vorgeschriebenen Reihenfolge unter den Rodlenten 
und für die Verteilung der zu befördernden Waren auf die Fuhr- 
leute zu sorgen; in vielen Fällen war ihm auch das Amt des 
Wagmeisters oder Wägers und damit zugleich die Obhut über 
das Pall- oder Niederlaghaus anvertraut. Waren diese beiden 
Amter nicht in einer Person vereinigt, so war ein eigener Wag- 
m ei st er aufgestellt, dem das Nachwägen der Ballen und Fässer 
oblag, und der für die Genauigkeit der im Pallhaus aufgestellten 
Wage Sorge zu tragen hatte. In der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts wurden die Wagen durch die Pfleger der einzehien 
Pflegschaften im Jahre mindestens einmal visitiert und die Wag- 
meister im Falle von Mängeln zur Nacheichung ihrer Wagen 
nach einer gerechten Wage angehalten^). 

Die Besoldung der Aufgeber bestand in den meisten Rod- 



1) Instruction) was von wegen eines erbaren raths der statt Augsburg 
irer kaufleut halber auf eines raths zu Schongau schreiben und der floßkut 
daselbst eingeschlossener supplication weiter gehandelt mögte werden, 
anno 1543 : die Floß sind vonnals, eh sy weggefahren, von raths wegen be- 
sichtigt worden, geschieht jetzt auch nit mer. Augsb. Handelsyereins-ArchiT^ 
Fase. LXXXX. Nr. 111. 

2) Rodordnung von Reutte und Heiterwang vom Jahre 1630. Augsb. 
Handelsvereins-Archiv, Beilage IV. In Telfs war der Aufgeber zugleich 
Fronbote, Telfser Rodordnung vom Jahre 1633. 

3) Vgl. hierzu die Rodordnungen Tirols vom Jahre 1672, z. B. die Bod- 
Ordnung in der Herrschaft Ehrenberg (Reutte, Heiterwang, Lermoos). Ang^b» 
Handelsvereins-Archiv. 



Das Bodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 395 

Stätten in dem sog. Ansaggeld, das zu Anfang des 16. Jahr- 
hnnderts für einen Lastwagen in der Regel 1 kr. betrugt). In 
Augsburg dagegen erhielt der Aufgeber schon im 15. Jahrhun- 
dert von jedem Wagen 6 ^ oder IV« kr.*). In Terlan, wo 
das Aufgeberamt mit dem des Wagmeisters vereinigt war, erhielt 
derselbe von jedem Rodführer für das ganze Jahr 14 kr. In 
Reutte und Heiterwang erhielten die Aufgeber oder Binder einen 
gewissen Anteil am sog. Niederlagsgeld. Die Höhe des Waggeldes 
scheint sehr verschieden gewesen zu sein, so daß über die Besoldung 
der Wagmeister keine bestimmten Angaben gemacht werden kön- 
nen ; in mehreren Rodordnungen, wie in der von Allgund (bei Meran) 
vom Jahre 1530, heißt es bezüglich des Waggeldes, daß es mit dem 
Waggeld gebührlich gehalten werde, damit deshalb niemand klagbar 
werde. In der Landecker Rodordnung vom Jahre 1474 ist für zwei 
Säume, d. i. 8 Zentner, nur eine Waggebühr von 1 Kr. festgesetzt. 
Aufgeber und Wagmeister wurden von den Rodleuten mit 
Bewilligung der Obrigkeiten gewählt und von den letzteren beim 
Antritt ihres Amtes in Pflicht genommen ') ; in mehreren Rodstätten, 
z. B. in Latsch und Terlan, wo der Bau und die Erhaltung des 
Niederlaghauses bestimmten Familien — selbstverständlich gegen 
Vereinnahmung des dort angesetzten Niederlagsgeldes — oblag, 
scheint das Aufgeberamt mehr oder weniger erblich gewesen zu 
sein*). Der von der Innsbrucker Regierung im Jahre 1541 ge- 
machte Versuch, die Wahl des Aufgebers in Mühlbach durch die 
Rodführer und die Kaufleute vornehmen zu lassen, ist, soviel aus 
den Akten zu entnehmen ist, als unpraktisch wohl schon wieder im 
Jahre 1542 aufgegeben worden*). 



1 ) Vgl. hierzu die Rodordnungen von Innsbruck, Matrei, Zams vom Jahrel580. 

2) Vgl. die vom Augsburger Rat v. 14. Dez. 1420 erlassene Ballenbinder- 
ordnung nebst Ergänzung v. 18. Nov. 1438 (Augsb. Ratedekrete, I. Bd., S. 87 ff. 
und 467) Beüage lU. 

3) Siehe die Tiroler Rodordnungen vom Jahre 1672. Augsb. Handels- 
Tereins- Archiv. 

4) Vgl. die Rodordnungen von Lätech und Terlan vom Jahre 1630. 
Angsb. Handels Vereins- Archiv. 

5) VgL die Rodordnung von Mühlbach vom Jahre 1641 und den Bericht 
des Pflegers von Rodeneck an die Innsbrucker Regierung v. 30. Januar 1642. 
Innsbrucker Statthaltereiarchiv, Abt. Pestarchiv IX. 67. 

Vi«TtelJabrtohr. f. Social- n. WirtBchaftiffeschlchtt. IIL 26 



396 Johannes Müller 

Neben diesen beiden in allen Rodstätten vorkommendeD 
Beamten gab es in einzelnen Rodorten, jedoch nur in den 
größeren Städten, wie Augsburg, Innsbruck, Ballen bin der 
und Lader oder Aufleger. Die Ordnung der Augsburger 
Ballenbinder vom 14. Dezember 1420, die uns in den Bate- 
dekreten Augsburgs aus dem 15. Jahrhundert überliefert ist 
gestattet uns, sowohl in die Arbeitsweise wie in die Lohn- 
verhältnisse dieser für das mittelalterliche Transportwesen »o 
wichtigen Handwerker einen genaueren Einblick zu gewinnen'). 
Nach der Augsburger Ballenbinderordnung vom Jahre 1420 und 
einer Ergänzung dazu vom Jahre 1438 unterschied man unter 
dem Gros der Ballenbinder oder Lader einen Aufgeber und 
einen Gastgeber oder Hauswirt, die außer dem letzteren all- 
jährlich bei Besetzung des Rates letzterem schwören mußten, 
alles getreulich zu halten, was ihnen nach ihrer Ordnung auf- 
getragen war. Diese Ordnung bestimmte nun zunächst, daß die 
Ballenbinder zwei Parteien oder Gruppen bilden sollten, die beim 
Binden der Ballen und Fässer regelmäßig wechseln sollten, beim 
Laden aber gemeinsam arbeiten durften. Mit den Kaufleuten 
oder Fuhrleuten Gemeinschaft zu haben, war den Ballenbindern 
streng verboten; nur die Güter derjenigen Rodleute sollten sie 
laden, die sich die obrigkeitliche Erlaubnis von einem der beiden 
Bürgermeister hierzu erholt hatten. Auch waren sie gehalten, 
alles böse Zeug an Löschen, Blähen und Seilen, das ihnen die 
Kaufleute allenfalls zum Binden darreichten, zurückzuweisen und 
allein mit Nadeln und Faden zu binden. 

Als Lohn erhielt der Aufgeber durch die Fuhrleute von jedem 
Wagen 6 -^, von jedem Karren 3 ^ ; die Ballenbinder erhielten 
von den Kaufleuten als Binderlohn für einen Zentner 2 ^, also 
vom Saum oder Ballen 8 -^, als Laderlohn von jedem Fardel, 
d. i. einem Ballen zu 2 Zentnern, bezw. von jedem Lägel 2 ^ von 
den Kaufleuten und Fuhrleuten zusammen. Übernahm der Haus- 
wirt oder Gastgeber die Ladung sog. Sammelgüter, so erhielt er 
für einen Karren 3 ^ für einen Wagen 6 ^ Laderlohn. 

Neben Aufgebern oder Verteilern, Wagmeistem und Ballen- 

1) Siehe Beilage III. Von BaUenbindern. Augsb. Ratsdekrete von 
14. Dez. 1420 und 18. Nov. 1438. 



Das Rodweseu Bayerns and Tirols im Spätmittelalter etc. 397 

^rn kam dann in Heiterwang noch ein von den dortigen 
*uten gewählter und durch den Richter zu Ehrenberg be- 
:ter Einnehmer des Niederlaggeldes von Heiter- 
g vor, eine vollständig vereinzelte Erscheinung, da in den 
«n Rodstätten dieses Geschäft von den Aufgebern besorgt 
erden pflegte. 

.inen eigenen Wegmacher hatten die Rodleute von Ler- 
und Bichelbach angestellt, wofür aber auch den Lermoosem 
besonderer Weglohn, den Bichelbachem die Erhebung eines 
ideren Roßzolles (von jedem Wagenpferd 1 kr., von jedem 
iroß 2 Vierer) zugestanden war. 

in bereits dem Rodwesen der Neuzeit angehörendes Organ 
das Institut der Gutbestätter in Augsburg, die nicht nur 
Ankunft der Fuhrleute behufs richtiger Wiederabfertigung 
Iben aufzuschreiben sondern auch Verzeichnisse über die 
itümer, Firmenzeichen und Nummern der Güter zu führen 

3. Rechte und Pflichten der Rodleute. 

a der Schweiz war wie die Arbeitsleistung so auch die Ge- 
verteilung unter den Fuhrleuten bezw. SchiflFem doppelter 
die SchiflFergesellschaftien betrieben den Transport auf ge- 
same Rechnung und dementsprechend wurde auch der An- 
im Gewinn auf die einzelnen, Meister und Gesellen, verteilt. 
1er Warenbeförderung zu Land dagegen führte jeder Fuhr- 
i die ihn nach der Reihenfolge treflFende Arbeit aus und 
5 dann direkt den von den Porten — so hießen in der Schweiz 
bäuerlichen Transportgemeinschaften — festgesetzten Lohn 

lin Ansatz zu einer solchen zweifachen Art sowohl der Ar- 

leistung wie der Gewinnverteilung findet sich in dem Rod- 

n Bayerns und Tirols insofern, als bei der Rod auf der 

der von den Mittenwalder Floßleuten gewonnene Rodlohn 

) Vgl. außer der Instruktion der Gutbestätter in Beilage X P. v. Stbtten, 
reibung der Stadt Augsburg, S. 69. 

;) G. BöRLiN, Die Transportverbände und das Transportrecht der Schweiz 
ittelalter, S. 32 ff. 



398 Johannes Müller 

vom Rat der Gemeinde Mittenwald und vom Flößerhandwerk zu- 
sammen eingenommen und sodann unter die Floßsteller und die 
Floßknechte (Steuerer und Fergen) verteilt wurde*). Bei der 
Mittenwalder Wasserrod, die also in der Art der Gewinnvertei- 
lung mit dem Verfahren der Schweizer SchiflFergesellschaftea 
einigermaßen übereinstimmte, fehlte aber vor allem das bei dem 
Schweizer Transportwesen zu Wasser hervortretende Moment des 
gemeinsamen Besitzes der Transportmittel ; denn von den Mitten- 
walder Floßleuten, die in die Rod gestanden, stellte jeder die 
zwei Flöße, deren Stallung für den Eintritt in die Wasserrod 
vorgeschrieben war, für sich selbst und fertigte mit den von ihm 
geworbenen Fergen das ihm anvertraute Rodgut. Bei der Was- 
serrod auf dem Lech und dem Inn betrieb jeder Floßmeister mit 
seinen Knechten die Floßfahrt auf eigene Rechnung, d. h. die 
Flößer erhielten von den Floßmeistem, deren Lohn durch Ver- 
träge mit den Augsburger Kaufleuten auf eine gewisse Reihe 
von Jahren (anfangs 5, später 10 Jahre) festgesetzt war, einen 
nach Übereinkommen bedungenen Lohn, der etwa die Hälfte 
des den Floßmeistem zu entrichtenden Fuhrlohnes betragen 
mochte *). 

Im übrigen herrschte in Bayern und Tirol beim Gütertrans- 
port zu Land derselbe Brauch wie in der Schweiz, daß nämlidi 
jeder Fuhrmann in der durch das Los oder sonstwie bestimm- 
ten Reihenfolge innerhalb seines Rodbezirkes zu seiner Arbeit 
kam und diejenige Gütermenge, die ihm nach seinem Anteü a& 
der Rod zukam — es gab nämlich halbe, ganze, doppelte Ro- 
den etc. — , auf seinem Wagen von der Niederlage seiner Rod- 
stätte bis zur nächsten Niederlage beförderte. Das Wort Rod, 
die oberdeutsche Form für Rotte, hatte also in den Ostalpen 
(Bayern, Tirol, Kärnten etc.), gerade so wie in Graubünden zu- 
nächst die Bedeutung: Reihenfolge der Fuhrleute, sodann da» 
Recht des Anteils an dem Transport der auf der Rodstrafle be- 



1) J. Baader, Mittenwalder Wasserrodordnimgen. Oberb. ArchiT 37. Bi 
S. 327. 

2) Vgl. die Supplikation der Schongauer Floßleute vom Febr. 1543 und 
Jan. 1548. Augsb. Handelsvereins-Archiv Fase. LXXXX. Nr. 81 und 108, 
Beilage V. 



Das Rodwesen Bayerns and Tirols im Spätmittelalter etc. 39^ 

forderten Güter. Der anfängliehe Sinn des Wortes Rod ergibt 
sich, abgesehen von dem besonders in den Rodstätten der Brenner- 
straße herrschenden Gebrauch, die Rodwägen nach ihrer Reihen- 
Folge zu numerieren, vor allem aus der in allen Rodordnungen 
Bayerns und Tirols vorkommenden Wendung: und soll eine 
umgehende Rod sein und bleiben^). 

In der Bedeutung „Recht" tritt uns das Wort Rod schon in 
den ältesten Rodbriefen, wie in dem Schiedsspruch des Aufen- 
Btainer Richters vom 27. März 1337 für die Steinacher Rodleute, 
entgegen; doch bezieht sich hier der BegriflF Recht nicht auf 
einen einzelnen, sondern auf eine ganze Gruppe von Personen, 
die auf Grund der Verleihung von Lehensgütem durch die Tiroler 
Regierung das Recht der WarenbefSrderung vom Brenner bis 
nach Matrei einerseits, nach Sterzing andererseits beanspruchten. 
Aus diesem Kollektivrecht erwuchs aber bald ein für eine be- 
stimmte Person geltendes Recht, das sowohl vererblich als auch 
verkäuflich war. So erfahren wir aus einem von Herzog Fried- 
rich IV. im Jahre 1430 an den Thomas Stübel gegebenen Lehen- 
brief über einen Hof nebst daranhängenden Fisch- und Jagd- 
gerechtigkeiten und über den fünften Rodwagen, der trockenes 
Gut von Lueg gen Matrei und Sterzing zu fahren hat, daß der 
genannte Stübel den fünften Lueger Rodwagen von seiner Mutter 
Sabina von Kalb aus dem Passeyertal ererbt hatte. Aus einem 
Lehenbrief des Erzherzogs Siegmund vom Jahr 1483 ist zu er- 
sehen, daß die beiden Lehenträger, der Mühlbacher Pfleger Bene- 
dikt Gaßner und der Mühlbacher Bauer Eberhard Kaufmann, die 
ihnen verliehenen Rodwägen, den 2., 4., 8. und 9. Wagen nebst 
dem Pallhaus von Mühlbach, von einem Mühlbacher Bauern namens 
Prießinger gekauft haben*). 



1) In der Heiterwanger Eodordnung vom Jahre 1630 heißt es im 8. Ar- 
tikel: Die pinder sollen nach der kaufmans diener ansagen die anzahl rod- 
faerer, sotü zu laden werden haben, und an denen es jedesmals in seinem 
gebiet nach umbgehender rod irer Ordnung nach sein würdet, . . . u faren gebieten. 
Die Einleitung der Mittenwalder Wasserrodordnung vom Jahre 1436 lautet: 
Pemer soll die Stallung der Flöß zu Wein und Trockengut unter den Bürgern 
und Inwohnern des Marktes ordenlich und fürderlich umgehen. Beüage IV. 

2) Rod-Lehenbriefe des Innsbrucker Statthaltereiarchivs. 



400 Johannes Müller 

Das für den einzelnen Fuhrmann einer Rodstätte geltende Eod- 
recht, dessen strenge Einhaltung in den Rodordnungen denRodlenten 
immer wieder eingeschärft wurde, war also nichts anderes als eine 
gesetzlich gewährleistete Anweisung auf den Transport eines Gutes 
von bestimmtem Gewicht in immer wiederkehrender Reihenfolge. 
Die Reihenfolge der Rodleute wurde nun teils durch das Los, 
wie z. B. in Imst oder in Landeck ^), teils durch eine jeden- 
falls schon sehr früh ausgebildete Rangabstufung der Wägen, 
wie in Matrei, Sterzing etc., festgesetzt. Die für einen Wagen 
mit einem Joch (2 Pferde oder 2 Ochsen) bestimmte Gewichts- 
einheit betrug, wie sich aus mehreren Rodordnungen ersehen 
läßt, 2— 2Va Säume oder 8—10 Zentner^. Für ein Floß anf 
dem Lech sollte eine Ladung, ein sog. halbes Rodgut, ein Ge- 
wicht von 16 — 18 Zentnern (4 — 4V« Säume) haben'). Es ist 
anzunehmen, daß diese Gewichtseinheiten, die vom Ende des 
15. Jahrhunderts an als feststehend nachweisbar sind, schon von 
Beginn des Rodwesens an galten, da die Zugkraft der Tiere im 
Lauf der Zeit dieselbe geblieben ist. Der Rodlohn wurde jedoch 
nicht nach der Wagenladung, die ja von 8 — 10 Zentnern variierte, 
sondern nach der Zahl der Säume bemessen. An mehreren 
Stationen der oberen Straße, so in Heiterwang, Imst, Nauder?, 



1) Siehe den 18. Artikel der Imster Rodordnung vom Jahre 1485: Wer 
in der Kod sein wül, der soll der rod gewertig sein, und wann der auf- 
geber einem pultet, soll ain jeder gehorsam sein zu fueren, was im dano mit 
dem looß feilet etc. 

2) Der 8. Artikel der Landecker Rodordnung vom Jahre 1474 lautete: 
„Item mer ist gemacht, das ainer sol auflegen auf ain joch zween söd 
guets oder dritthalben ungevarlicL^ Der 10. Artikel der Imster Rodordnunf 
vom Jahre 1485 gebot: „Es soll auch keiner, der ainige rod hab zu fuereo 
über den Fem oder gen Zambs, genöt sein, wo sich das an den pallen oder 
stucken geben mag, mer denn zween söm.** — Der 2. Artikel der Rod- 
ordnung von Pieve di Cadore vom Jahre 1662 sagte: Besagte Gemeindea 
(Pieve und Valle) können auf keine Weise von den Kaufleuten gezwun^ 
werden, mehr als 24 Fuhren auf einmal zu fahren, wobei auch genaimte 
Fuhren von Ballen wegen der Bequemlichkeit des Fahrens 1000 tf nicht fibe^ 
schreiten sollen. Augsb. Handelsvereins-Archiv. 

3) Vgl. hierzu die Beschwerde der Schongauer Floßleute vom Februtf 
1543 über die Zunahme des Gewichts eines Floßrodgutes von 8—9 SlnmeD 
auf 11—12 Säume. 



Das Rodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 401 

jlurns und Meran, erhielten die Rodleute für jeden geladenen 
Vagen noch ein sog. Jochgeld, dessen Höhe von 6 bis zu 12 kr. 
chwankte. Außer dem für einen Wagensaum innerhalb eines 
lodbezirkes festgesetzten Fuhrlohn, den jeder Rodmann von dem 
Kaufmann oder dessen Agenten sofort nach erfolgter Arbeits- 
eistung empfing ^), hatten die Rodleute eines Bezirkes noch Anteil 
m dem sog. Niederlagsgeld ihres Rodortes. Dieses Nieder- 
agsgeld, das von sämtlichen Rodorten, auch von solchen, die 
Lein Niederlag- oder Pallhaus hatten, erhoben wurde, war 
iweierlei Art. Die eigentlichen Rodgüter, d. h. diejenigen Güter, 
velche an jeder Station niedergelegt, bezw. umgeladen wurden, 
gezahlten ein verhältnismäßig niedriges Niederlagsgeld, im all- 
remeinen 1 kr. pro Wagen am Ende des Mittelalters und im 
.6. Jahrhundert. Die auf eigener Achse oder mit den sog. Adri- 
urawägen durchgeführten und nicht niedergelegten Güter da- 
gegen mußten ein ganz bedeutend höheres Niederlagsgeld, das 
ich bei manchen Stationen der unteren Straße, wie Innsbruck, 
Poblach, auf 24 — 25 kr. pro Wagen belief, bezahlen. Dabei 
¥ar noch in verschiedenen Rodstätten, wie in Matrei, am Bren- 
ler etc., der feine Unterschied gemacht, daß die von Venedig 
lach Deutschland herausfahrenden Terviswägen mit einem höheren 
"Jiederlagsgeld belastet waren als die von Deutschland nach 
/^enedig fahrenden Wägen. 

Der Anteil der Rodleute eines Bezirkes an dem anfallenden 
fiederlagsgeld war im allgemeinen ein gleichmässiger, sofern nicht 
las für Rodwägen zu zahlende Pallhausgeld einer bestimmten 
'^amilie für die Pflicht des Baues und der Erhaltung des Pall- 
lanses zufiel. Doch waren in solchen Rodstätten, wie z. B. in 
Iterzing, wo die Besitzer der Vorwägen zur Herbeiführung einer 
leichen umgehenden Rod auf ihre altererbten Vorrechte ver- 
lebtet hatten, diese Vonvägenbesitzer gegenüber den Nachwägen- 



1) In mehreren Kodstätten, wie in Schongau, war es um die Mitte des 
6. Jahrhunderte bereits Vorschrift^ daß der Rodlobn noch vor der Beförde- 
ang der Güter, sobald dieselben verladen waren, an die Fuhrleute ausbezahlt 
rurde. Vgl. den Vertrag der in das Gebirg hantierenden Augsburger Kauf- 
sute mit der Stadt Schongau und iren Eodverwandten vom 28. März 1549, 
LUgsb. HandelsTereins-Archiy Fase. LXXXX. Nr. 119. 



402 Johannes Müller 

besitzen! durch einen größeren Anteil an dem Niederlagsgeld be- 
vorzugt. Trat ein Rodfuhrmann außerhalb seines Bezirkes ein 
Geding an, so verlor er von dem Tag seines Aasstandes an das 
Recht, an dem Niederlagsgeld seiner Rodstätte zu partizipieren*). 
Der Rodmann durfte das nach der Ordnung ihn treffende Gnt 
einem Mitrodmann zur Beförderung aufgeben, dagegen einem 
Fremden Rodgut zum Transport zu übergeben, war ihm nidit 
erlaubt*). 

Im Falle der Aufgeber auf die Anzeige der Eaufleute hin 
zu viele Rodleute seines Bezirkes aufgeboten hatte, hatten die- 
jenigen Fuhrleute, die nichts zu laden bekamen, das Recht, für 
ihre Versäumnis den vollständigen Fuhrlohn, wie er ihren Mit- 
gespannen, die geladen hatten, bezahlt wurde, von den Eaof- 
leuten zu fordern. 

Diesen zum Teil recht wertvollen Rechten der Rodleute Bayerns 
und Tirols standen aber auch verschiedene Pflichten gegenüber. 
Vor allem hatten dieselben mit ihren Gemen, Wägen und not- 
dürftiger Zugehörung Sommers wie Winters bereit zu sein und 
der Rod fleißig zu warten und, sobald sie der Aufgeber zur Rod- 
fuhr aufgeboten hatte, ohne Verzug an der Niederlage zu er- 
scheinen'*). Erschienen sie auf das Ansagen nicht, so hatten 
sie den Kaufleuten so viel zu entrichten, als der Fuhrlohn für 
die betreffende Rodfuhr betrug*). Die Rodleute hatten auf die 
von ihnen geladenen Güter gut obacht zu geben, daß dieselben 
beim Fahren nicht beschädigt und nichts davon verloren oder 
entwendet wurde. Einen durch Nachlässigkeit der Rodleute an 
den Gütern entstandenen Schaden hatten diese den Kauflenten 
zu ersetzen^). 



1) Vgl. den 21. ArtU^el der Imster Rodorduung vom Jahre 1485. 

2) Vgl. den 3. Artikel der Imster Rodordnung vom Jahre 1486. 

3) In den Rodstätten des Ampezzaner Tales waren die Rodleute an Geoigü, 
St. Peter und Maria Geburt wegen der zu dieser Zeit notwendigen Feldarbeiten 
von der Rodfiihrpflicht dispensiert. 

4) In St. Martino im Ampezzanertal war für eine solche Versäumnis ein 
für allemal eine Strafe von 12 Kr. angesetzt. Vgl. Art 7 der Rodordnnng 
von Venas vom Jahre 1662. BeUage VI. 

6) In Schongau war der Rat der Stadt zum Ersatz des durch Schongaoer 
Rodleutc verursachten Schadens an den Rodgütem verpflichtet, wenn die 



Das Bodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 403 

Kammergüter, alles zum Gejaid des Landesherm Gehörige 
nd jeglichen Kriegsbedarf hatten die Rodleute vor allen anderen 
rütem zu fertigen. Für den Bau und die Erhaltung des Pall- 
auses hatten die Rodleute, wenn dieselben nicht einer bestimm- 
en Familie oblagen, gemeinsam zu sorgen, desgleichen für die 
^Wiederherstellung von Straßen und Brücken, die nicht durch 
rottes Gewalt, sondern durch Fuhren und stetiges Hin- und 
V^iederreisen Schaden gelitten hatten ^). In einzelnen Rodbezirken, 
rie in Lermoos, Schongau, Mittenwald, waren die Rodleute gegen 
Empfang eines von der Landesherrschaft eigens ausgesetzten 
Feglohnes auch zur Wiederherstellung der durch Naturgewalt 
»eschädigten Wege verpflichtet*). 

Die Stellung einer Kaution oder Tröstung, wie sie in der 
ichweiz für den Fuhrmann bei seinem Eintritt in die Rodge- 
lossenschaft vielfach üblich war, ist im Rodwesen Bayerns und 
["irols nicht nachweisbar. Nur bei der Mittenwalder Wasserrod 
ludet sich der Gebrauch, daß derjenige Floßmann, der in die 
lod eintreten wollte, dem Rat von Mittenwald 3 S Bemer zu 
ahlen hatte, die der Rat zu keinem andern Zweck, denn zu 
,-emeinem Nutzen des Marktes, anlegen sollte'*). 

Ausschluß aus der Rodgemeinschaft, und zwar stets nur 
ür ein Jahr, erfolgte, wenn ein Rodfuhrmann sich weigerte, 
las nach dem Los ihm zugefallene Gut zu fahren, oder wenn er 
ein Rodgut einem außerhalb der Rod stehenden Fuhrmann auf- 
gab. Der von der Rod Ausgeschlossene hatte, wenn er wieder 
n dieselbe stehen wollte, in Imst 10 S Berner zu entrichten*). 

Der Kaufleute Pflicht war es, dem Aufgeber die Zahl der 
Vagen zu benennen, die zur Beförderung ihrer Güter notwendig 
varen. Begehrte ein Kaufmann von einem Aufgeber mehr Wägen, 



todleate solchen Schaden nicht gut tun konnten oder mochten. Vgl. den 
Tertrag zwifchen den Augsburger Kaufleuten und der Stadt Schongau samt 
leren Rodverwandten vom 28. März 1549. 

1) S. Oeschichte des Dorfes Oberammergau im Oberb. Archiv, Bd. 20, S. 84. 

2) S. oben S. 377 und 397. 

3) Mittenwalder Wasserrodordnungen, Oberb. Archiv, Bd. 37, S. 328. 

4) VgL die Imster Rodordnung vom Jahre 1485, und zwar Artikel 4, 
und 17. 



404 Johannes Müller 

als zur Ladung seiner Güter notwendig waren, so hatte er den 
Inhabern der überzähligen Rodwägen denselben Fnhrlohn zuzahlen, 
den diejenigen Rodleute erhielten, die seine Güter geladen hatten. 
Die Bezahlung des Fuhrlohns erfolgte täglich, in den bayeri- 
schen Rodstätten, wie Mittenwald, Schongau • (in letzterem, wie 
schon oben erwähnt, erst seit 1549), pränumerando'). In man- 
chen Rodstätten, wie in denjenigen des Ampezzaner Tale«, hatten 
die Kaufleute das Anrecht auf eine bestimmte Anzahl von Fahren 
pro Tag*). Im allgemeinen war jedoch in Bayern und Tirol 
bloß die Zahl der Rodwägen vorgeschrieben, die das Jahr über 
für die Rodfuhren in Bereitschaft stehen sollten. 

m. Der Transportbetrieb. 

1. Die Arten des Transportbetriebes. 

Da, wie oben mehrfach hervorgehoben, die mittelalterliehen 
Transportverbände Bayerns und Tirols entweder aus stadti- 
scher Initiative hervorgegangen oder auf Grund lehensrechtlicher 
Verleihungen durch die Landesherrschaften an Dorfbewohner 
bezw. Hofbesitzer entstanden waren, so war der Wirkungs- 
kreis jedes solchen Verbandes auf das Gebiet der betreffen- 
den Stadt- oder Dorfgemeinde beschränkt, d. h. es fand der sog. 
Rodbetrieb oder die Beförderung der Waren durch die Fuhrleute 
jedes Rodbezirkes lediglich innerhalb dieses Bezirkes statt, hn 
Gegensatz zur Schweiz, wo die Waren von den Fuhrleuten der 
einen Port bis an die Grenze der nächsten Port geführt wurden, 
erfolgte die Beförderung in Bayern und Tirol von Rodort m 
Rodort oder, da fast an jeder Rodstätte ein Pallhaus oder 
ein Niederlagstadel war, von Niederlage zu Niederlage. In den 
Niederlaghäusem wurden die Waren von den Rodleuten an die 
Aufgeber (Schreiber, Fronboten) überantwortet und von diesen 



1) Nach einer Beschwerde der Augsburger Kaufleute über die Rodleote 
Bayerns vom Jahre 15S0 scheint die Vorauszahlung des Rodlohns m Anfang 
des 16. Jahrhunderts allgemein üblich gewesen zu sein : „Es ist unser befereor 
daß man kein fuerion zalen soll, denn man hat die gueter voi^peantwoftL* 

2) Vgl. die Rodordnungen von St. Martino und Pieve di Cadore ▼»« 
Jahre 1562. Augsb. Handelsvereins-Archiv Fase. XVI. 



Das Rodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 405 

wieder an die Rodleute des eigenen Bezirkes verteilt; war der 
Aufgeber hierin säumig, so war derselbe in gewissen Rodstätten, 
wie in St. Martino, einer Strafe und dem daraus erwachsenen 
Schaden verfallen^). 

In den meisten Pallhäusem war eine Wage aufgestellt, die 
zur Kontrolle des Gewichtes der Waren diente. Fehlte eine 
Pallhauswage, so geschah das Nachwägen auf der sog. Fron- 
wage des Ortes. Doch scheint letzteres nicht allgemein gebräuch- 
lich gewesen zu sein, da in der Rodordnung von Au und Leyfers, 
einem Rodort ohne Pallhaus, das Nachwägen der Güter auf der 
Fronwage, das auf Verlangen der Rodleute zu geschehen hatte, 
durch letztere bezahlt werden mußte, wenn sich die von den 
Kaufleuten gemachten Gewichtsangaben als richtig erwiesen*). 

An den Wasserrodstätten, wie Schongau, Füssen, Mittenwald, 
Telfs, Terlan, Neumarkt, gab es neben den Pallhäusem noch 
eigene Lendstädel, die zur Aufbewahrung der auf dem Wasser- 
weg zu befördernden Güter dienten. 

Die Verwahrung der Güter in den Pallhäusern und Lend- 
städeln war Pflicht der Aufgeber, die in den allermeisten Fällen 
zugleich die Verwalter der Pallhäuser waren. Die Kaufleute 
hatten aber hierfür außer dem sog. Niederlagsgeld, das, wie oben 
erwähnt, am Anfang des 16. Jahrhunderts im allgemeinen 1 kr. 
für einen Wagen betrug, für solche Güter, die über Nacht im 
Pallhaus lagerten, dem Aufgeber für die von diesem bestellten Hüter 
noch ein sog. Wachtgeld oder einen Hüterlohn zu bezahlen. 
Dieser Hüterlohn betrug für die erste Nacht gewöhnlich daf^ 
Doppelte wie für die folgenden Nächte, z. B. 1 kr. pro Wagen 
im Sterzinger Pallhaus, ^h kr. für die folgenden Nächte '). Auch 
nach der Jahreszeit war der Hüterlohn in einzelnen Rodstätten 



1) S. Rodordnung von St. Valle vom Jahre 1662. 

2) Rodordnung von Au und Leyfers vom Jahre 1580. Augsb. Handels- 
▼ereins-Archiv Fase. XVI. Nr. 1. 

3) Bericht des Landrichters von Sterzing vom 4. Juni 1541 an die luns- 
bmdEer Begiemng ttber die Höhe des Niederlags- nnd Wachtgeldes in Sterzing. 
Inasbrock. Stadtbaltereiarchiv, Pestarchiv IX. Die gleiche Ermäßigung ge- 
Doraen die Güter in Mittenwald, wenn sie länger als eine Nacht im dortigen 
Pallhans lagen. Lagerhausordnung von Mittenwald. Münch. Reichsarchiv. 
Akten der Grafschaft Werdenfels. 



406 Johannes Müller 

verschieden; so zahlten die Kaufleute in Toblach im Sommer 
4 kr., im Winter 6 kr. Hüterlohn ^). Sobald jedoch die Guter 
auf die Rodwägen verladen und aus den Niederlaghäosem ver- 
rückt waren, trat Haftung der Fuhrleute für etwa entstehende 
Schädigungen der Güter ein*). In den bayerischen Rodorten 
trat die Gemeinde bezw. die gesamte Rod subsidiär ein für den 
Schaden, den ein Fuhrmann nicht zu ersetzen imstande war^. 
Für Tirol ist eine solche subsidiäre Haftung der Gemeinden für 
Schäden, die im Rodbetrieb entstanden und von den einzelnen 
Fuhrleuten nicht gut gemacht werden konnten, nicht nachweisbar. 
Um die rechtzeitige Beförderung der Rodgüter zu erreichen, 
konnte der Betrieb auf zweierlei Weise geregelt werden: ent- 



1) Anzaigen, wie die beschwärd, so die kanflent und guetfertiger ob der 
rod und derselben rotlenten in der fürstlichen grafschafft Tyroll haben, her- 
komen sey. Angsb. Handelsyereins-Archiv, LXXXK. Nr. 83. 

2) Telfser Rodordnung vom Jahre 1533: So den kanfleuten ainidier 
schaden an iren gutem, so die auf die rodwägen geladen und aus dem nieder- 
lagstadl verrückt sind, beschähe oder entstände, soll den oder dieselbe lod- 
lent dem kaufmann denselben schaden nach pillichkeit abthun. — Bodord- 
nung im Gericht Ehrenberg vom Jahre 1572: Wo sich aber eine oder mehr 
hierin (d. h. in der furdersamen fertigung der rodgüter) ungehorsamlieh halten 
und sy die guter nit nach Ordnung fertigen wurden, sollen Jr (d. h. die Biditer 
und Pfleger von Ehrenberg) gegen denselben nit allein mit gebfirlicher 
straff verfaren, sondern inen noch darzu auferlegen, den kauflenten und gut- 
fertigem den schaden und nachtail, so inen in einen oder anderen dorchirr 
farlässigkeit und langsame fertigung entstehen würde, abzutragen. Augsb. 
Handelsvereins-Archiv Fase. XVI. 

3) Vgl. hiezu ausser dem oben bezüglich Schongaus (Bodvertrag vom 
28. März 1549) gemachten Bemerkungen folgende Stelle aus einer von des 
Partenkirchener Rodleuten gegen die Garmischer Bediente gerichteten Be- 
schwerdeschrift vom März 1523 wegen der Weigerung der letzteren, die 
Loisachbrücke femer allein zu unterhalten: Es ist vor äugen, daß eine 
sorgfeltigere pmckh auf der reichsstrass weit und breit nit zu finden, desn 
dieße lantpruckh, über die viel köstlich schwere kaufmansgüter übergeee 
müssen. Passirt den gutem der kauf leut etwas darauf, so klagen sy nit die 
Garmischer, sondem die Partenkircher an; denn wan ainem kanfinaa eil 
schaden auf der pmckhen beschieht, so muß der Partenkircher rodman is 
den abtun, so vil das gut wert ist, und wann das nlnder ist, so maß eo« 
ganze rod den schaden gut machen. Münchener Kreisarchiv, Abten der Grtf- 
8chaft Werdenfels. Fase. 44. Streit zwischen Partenkirchen und Garmiseh 
wegen Unterhaltung der Loisachbrack 1523. Beilage C. 



Das Rodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 407 

weder man begrenzte den Zeitraum, der zwischen dem Termin, 
da die Kaufleute die Güter ansagten, und der Abfahrtszeit 
liegen durfte, oder man bestimmte die Frist, innerhalb welcher 
die Güter von einer Rodstätte zur anderen gebracht werden sollten. 
Das letzterwähnte Verfahren war im großen und ganzen in den baye- 
rischen Rodorten gebräuchlich ; denn nach den Rodordnungen von 
Schongau, Ammergau, Partenkirchen und Mitten wald war die Liefer- 
zeit in der Weise bestimmt, daß ein Wagen von Schongau nach 
Ammergau in einem Tag, von Ammergau nach Partenkirchen in 
einem halben Tag, von Partenkirchen nach Mittenwald und von 
Mittenwald nach Zirl in je einem halben Tag fahren sollte^). 
In den Rodorten Tirols wurde dieses bayerische Verfahren 
auch zum Teil eingehalten, doch wurde daneben das andere 
System, zwischen Ansage- und Abfahrtermin eine Präklusivfrist 
zu setzen noch vielfach in Anwendung gebracht. So war z. B. in 
den Rodordnungen von Matrei und Sterzing vom Jahre 1530 als 
Fahrzeit eines Wagens von Matrei nach Innsbruck, desgleichen 
von Sterzing nach Mühlbach ein Tag, von den beiden genannten 
Rodstätten an den Brenner als Fahrzeit ein halber Tag vor- 
geschrieben. Daneben enthielten die Sterzinger und Matreier 
Rodordnungen aber noch Bestimmungen über das Höchstmaß 
der Zeit, die vom Ansagetermin der Güter bis zur Abfahrt der- 
selben verstreichen durfte. Und ähnlich wie bei Sterzing und 
Matrei war auch in den andern Tiroler Rodordnungen auf dop- 
peltem Wege für die rechtzeitige Beförderung der Kaufmanns- 
güter Fürsorge getroffen^). 



1) Vgl. anßer den Kodordnnngen von Tirol vom Jahre 1630 die Be- 
schwerden der Augsbnrger Kaufleute ob den bayerischen Bodlenten, Herrn 
Leonhart von Eck vom 27. September 1530 tiberantwortet. Auch im Vene- 
zianischen war die Fahrzeit von einer Kodstätte zur andern bestimmt, so war 
z. B. nach der Bodordnnng von St. Martino vom Jahre 1562 für einen Wagen 
von Valle bis Termine ein Tag als Fahrzeit festgesetzt. Augsb. Handels- 
vereins-Archiv Fase. LXXXX. Nr. 46. 

2) Diese Präklusivfrist betrug im allgemeinen 24 Standen, für Pieve di 
C^ore 20 Stunden, für Telfs im Winter 12, im Sommer dagegen, wo die 
Bosse auf den Almen waren, 24 Stunden, für den Brenner 18 Stunden, für 
Imst ausnahmsweise 48 Stunden. Vgl. den 3. Artikel der Tiroler Bodord- 
nungen vom Jahre 1530. 



408 Johannes Müller 

Die Wasserrodordnungen von Füssen, Schongan und Mitten- 
wald enthielten keine derartigen genauen Bestimmungen über 
die Dauer der Fahrzeit der Flöße von diesen Orten nach Augs- 
burg bezw. nach München, sondern schrieben nur ganz allgemein 
fürderliche Fertigung der Rodgüter unter Androhung entsprechen- 
der Strafen seitens der Obrigkeiten und etwaigen Schadenersatzes 
seitens der Floßmeister an die Kaufleute vor. Die ungleichmäßige 
Wasserführung dieser Flüsse sowie die im Winter häufig auf- 
tretenden Eisgänge, die z. B. eine von Schongau nach Augsburg 
knapp zwei Tage dauernde Floßfahrt gleich um einen ganzen 
Tag verlängerten; lassen einen größeren Spielraum in der Fahrzeit 
der Flöße gegenüber der Fahrzeit der Landwägen durchaus ge- 
rechtfertigt erscheinen. 

Die Fertigung der Waren sollte im allgemeinen in der Reihen- 
folge vor sich gehen, in der dieselben angesagt wurden. Eines 
Vorrangs unter gleichzeitig eintreflFenden Gütern erfreuten sich 
bei der Fertigung nur die sog. Kammergüter der Landesherr- 
Schäften und in Kriegszeiten jede Art von Kriegsbedarf^). 

Die nach dem Los einem Fuhrmann zufallenden Güter hatte 
dieser selbst zu führen; nur für den Fall, daß einem Rodmann 
das Vieh erkrankt war, sollte der Aufgeber den nächsten in der 
Reihenfolge aufbieten*). Daß der Fuhrmann sein Fuhrwerk 
meist selbst leitete, selten durch einen Knecht leiten ließ, ist 
deshalb anzunehmen, weil die Rodordnungen Bayerns und Tirols 
hierüber auch nicht die leiseste Andeutung enthalten. Da- 
gegen bestand für die Wasserrod auf dem Lech die Vorschrift, 
daß zwei bis drei Rodgüter, also 16 — 24 Säume, von je einem 
Floßmeister in Person geleitet werden sollten'). Auch die 
Zahl der Floßknechte war genau vorgeschrieben. Für den Trans- 
port eines Rodgutes, d. h. eines Gutes von 8 — 9 Säumen, das auf 
zwei Flößen befördert wurde, waren zwei Floßknechte erforderlich; 
waren jedoch 10 Säume, bezw. 3 Faß Wein von 42 Ym auf 



1) Vgl. den 11. Artikel der Tiroler Rodordnangen vom Jahre 1B80. 

2) Vgl. den 3. und 12. Artikel der Imster Rodordnnng yom Jahre 148Ö. 

3) Die Information über das Rodwesen von Augsburg bia nach Seefeid 
vom 9. Oktober 1665. Handschriftensammlang (Kommerzwesen) der Angsb. 
Stadtbibliothek. 



Das Rodwesen Bayerns and Tirols im Spätmittelalter etc. 409 

dem Wasser zu befördern, so war ein dritter Floßknecht oder 
ein dritter Ferge zu der Fahrt heranzuziehen*). 

Neben diesem hier gekennzeichneten Rodbetrieb, der auf dem 
Monopol der Rodbauern beruhte, gab es aber schon sehr früh 
einen freieren Betrieb, der teils von Rodbauem, teils von son- 
stigen Fuhrwerksbesitzem einzelner Rodorte behufs schnellerer 
Beförderung gewisser Güter, wie Spezereien, Gewürze etc., auf 
Eigenachs- oder sog. Adriturawägen ausgeübt wurde. Gelegent- 
lich eines Streites der Partenkirchener mit den Mittenwalder 
Rodleuten vom Jahre 1381 erfahren wir, daß die letzteren Kauf- 
mannsgüter durch Partenkirchen ohne alle Irrung und Nieder- 
legung der Waren durchführten, eine Gewohnheit, die nach Aus- 
sagen von Zeugen aus Zirl damals mindestens schon vierzig 
Jahre im Gebrauch gewesen sei^). Dieser wie in Bayern so 
auch in Tirol seit Mitte des 14. Jahrhunderts bestehende Eil- 
gutbetrieb') wird auch durch Urkunden aus späterer Zeit viel- 
fach bezeugt, nur daß statt der Bezeichnung Eigenachswägen der 
Name Nebenfuhren für die Sache gewählt wird*). Diese 
Nebenfuhren unterschieden sich von den Rodfuhren nicht bloß 
dadurch, daß die durch sie beförderten Güter an den Rodorten 



1) J. Baader, Mittenwalder WasserrodordnimgeQ vom Jahre 1460. 

2) Auf Verlangen des Konz Vogl von Mittenwald sagte vor dem ünter- 
richter Khainz von Zirl wegen der stössen zwischen den Partenkirchern und 
Mittenwaldem von irer vertigung und niderlegung der waren Heinrich der 
Bainer folgendes ans : Was mir um die niderlegung und vertigimg derer von 
Mittenwald kund war gegen den von Partenkirchen, das im gedacht wol auf 
40 jar, das alle zeit die von Mittenwald mit iren wägen on alle irrung und 
hindenmg gefahren sind, durch Partenkirchen hin und her on alle niderlegung 
«nd on alle säumung. Werdenfelser Akten. Fase. 34, Nr. 97 des Münchener 
Kreisarchivs. 

3) Vgl. oben S. 387 den Verkehr von Adriturawägen im Pustertal 
<Bnmneck) am Ende des 14. Jahrhunderts. 

4) Vgl. die Entscheidung Herzog Alhrechts in. von Bayern vom Jahre 
1455 über den Streit zwischen den Mittenwalder Rodleuten und dem Abt 
von Benediktbeuem wegen des Rechtes des letzteren, den Tiroler Wein auf 
eigener Achs durch Mittenwald gen Wallgau und Krien zu führen. Werden- 
felser Akten (Fase. 34) des Münchener Kreisarchivs. — VgL außerdem des 
Christimn Scheuchers, Pflegers von Ehrenberg, mengel und anbringen vom 
14- Mai 1608. Innsbrucker Statthaltereiarchiv, Abt. Pestarchiv IX. Nr. 14. 



410 Johannes Müller 

nicht abgeladen bezw. umgeladen wurden, sondern auch darin, 
daß die sich damit befassenden Fuhrleute Feiertags wie Werk- 
tags, Tag und Nacht dem Transportgeschäfte oblagen*). Be- 
günstigt wurden dieselben im Bayerischen und in Nordtirol be- 
sonders dadurch, daß viele Bauern aus der Mumauer und Weil- 
heimer Gegend ihre mit Getreide und Heu beladenen Wagen 
nach Nordtirol, insbesondere nach Innsbruck, fuhren und bei A& 
Rückfahrt von Innsbruck Kaufmannsgüter, die mit sog. Tenris- 
wägen von Venedig nach Innsbruck kamen, als willkommene Rück- 
fracht nach Bayern herausbrachten, ebenso wie diejenigen Bauern 
Bayerns und Nordtirols, die zum Abholen des Südtiroler Weines leer 
nach Bozen fuhren, Güter der Augsburger Kaufleute bei der Hinfahrt 
als Eigenachsgüter nach Südtirol (Bozen, Lienz) beförderten^ 
Daß sich die Rodleute durch diese Nebenfuhren, die beson- 
ders im Sommer schwunghaft betrieben wurden, in ihrem Fnhr- 
mannsgewerbe stark benachteiligt fühlen mußten, war unausbldb- 
lich. Es finden sich darum unter den anfangs des 16. Jah^ 
hunderts von den Augsburger Kaufleuten bei der herzoglidien 
Regierung über die bayerischen Rodleute eingereichten Be8dlwe^ 
den gerade solche über Repressalien der bayerischen Rodleute g^en 
die Eigenachsfuhren. In der oben (Anmerk. 2) angeführten 
Beschwerde vom Jahre 1530 heißt es z. B. bezüglich der Ammer- 
gauer Rodleute: „Sie mögen auch da (d. i. in Ammergau) und 
fast an allen Roden nit leiden, so ein Fertiger, so gern eilendF 
von statt führe, einen Fuhrmann von Mumau, Weilheim oder 
Wessobrunn, so herfährt und eilends fertig macht, überkommt, 
daß er demselben auflade. Tut er es aber, so wollen sie Uun 
nit mehr fahren und strafen ihn, daß er mit ihnen abkommen 
muß vom Wagen 1 fl., und gehören doch Landstraß, Maut mid 
Zoll dem löblichen Fürstentum Bayern zu ; darum es eine rechte 
Schätzung ist.*^ In den Rodordnungen des 15. Jahrhunderts^ 
z. B. in der Imster Rodordnung vom Jahre 1485, war den ein- 
heimischen Rodleuten gegenüber den fremden Fuhrleuten, die 



1) Vgl. die Beschwerden der Augsburger Kaufleute über die bayerisclK]» 
Rodleute vom Jahre 1526. Augsb. Handelsvereinsarchiv, LXXXX, Nr. 1^ 

2) Vgl. die Beschwerden der Augsburger Kaufleate über die bayerisch« 
Rodleute vom Jahre 1530. Augsb. Handelsvereins- Archiv, LXX^X, Nr. 42^ 



Das Bodwesen Bayerns und Tirols im Spätmittelalter etc. 41 1 

Güter auf eigener Achse durch einen Rodort führten, noch ein 
gewisses Vorrecht eingeräumt, indem darin (Artikel 26 der Imster 
Bodordnnng) ausdrücklich bestimmt vrurde, daß, wenn ein Nach- 
bar käme, daran die führende Rod stünde, und wollte davon (d. b. 
Ton einem auf eigener Achs gebrachten Gut) nehmen, was die 
Bod inhält an Lohn, der Kaufmann ihm dasselbe führen lassen 
sollte vor einem andern, der außerhalb der Imster Rod ist Von 
einer solchen Begünstigung der ortsansässigen Rodleute gegen- 
über fremden Fuhrleuten bei der Fertigung durchgehender Güter 
war man im 16. Jahrhundert sowohl in Tirol wie in Bayern allem 
Anschein nach gänzlich abgekommen; ja die Rodleute Tirols sind 
zu jener Zeit sogar bemüht gewesen, der Verpflichtung, durch 
Terviswägen angefahrene Güter auf der Rod weiter zu befördern, 
sidi zu entziehen. In dem von der Innsbrucker Regierung zwischen 
den schwäbischen Gutfertigem und den Mühlbacher Rodleuten 
errichteten Abschied vom 11. Dezember 1535 hieß es ausdrück- 
lich, daß die Fertiger der Kaufinannsgüter diejenigen Güter, 
wdche auf Terviswägen durchs Land geführt worden sind, 
femeriiin noch darauf fuhren dürfen, aber die Rodleute „vor ires 
aigenen nutzens wegen '^ damit nicht beschweren sollen^). In 
dem von der herzoglich bayerischen Regierung vom 6. Februar 1542 
erlassenen Rezeß zwischen den in das Gebirge handelnden Augs- 
bmrger Kaufleuten und der Stadt Schongau lautete die Bestimmung 
bezüglich der Eigenachsfuhren folgendermaßen: Doch sollen die 
Kanfleute, wie von alters Herkommen, Macht haben, die Güter 
anf einer Achs von Augsburg aus gegen Bozen unabgeladen zu 
schicken oder wo die zu Schongau abgeladen würden, von dannen 
auf einer Adis gegen Bozen fahrenden Fuhrleuten, als denen von 
Mittenwald, Partenkirchen, Ammergau, Füssen oder so um Schon- 
gau gesessen, zu führen aufdingen, doch daß sie für die Nieder- 
lage das gewöhnliche Geld, wie unten gemeldet wird, bezahlen *)• 



1) Abschied: Fertigung der kaufmannsgttter za Mühlbach halber, vom 
11. Dezember 1535, (geschehen zu Innsbmck. Innsbmcker Statthaltereiarchiv, 
Abt. Peatarchlv IX. Nr. 56. 

2) Rezeß vom 6. Februar 1542, zwischen den Augsburgischen in das 
^Idrg hantierenden kauflenten und der statt Schongan anfgericht. Angsb. 
BandelBYereins-Archiv LXXXX. Nr. 28. 

VierUlJahraehr. f. Social- u. Wirtachftftsgeschichte. III. 27 



412 Johannes Müller 

Nur in den späteren Rodordnungen von Mittenwald, z. B. Id 
der vom Jahre 1574, hatte sich eine Bestimmung zugunsten der 
ortsansässigen Rodleute beim Durchfahren sog. Eigenachswägen von 
Seefeld her erhalten. Der 8. Artikel der erwähnten Mittenwalder 
Rodordnung setzte nämlich fest, daß ein fremder Fuhrmann, der 
Futter oder anderes auf das Seefeld führte und von da bei der 
Rückfahrt Seidenballen nach Mittenwald brächte, mit demjenigen 
Mittenwalder Rodmann nach billigen Dingen abzukommen hätte, 
an dem die Ordnung zu führen sei^). 

Die Vorteile, die die Kaufleute von der Beförderung üirer 
Waren durch Nebenfuhren hatten, mußten von denselben durdi 
nicht geringe Spesen, vor allem durch Niederlagsgelder, die im 
Verhältnis zu den von den Rodfuhren bezahlten Niederlagsgeldeni 
teilweise sehr bedeutend waren, erkauft werden. Die Höhe dieser 
Niederlagsgelder der Eigenachsfuhren war nun auf den beiden 
großen Rodstraßen Bayerns und Tirols wie auch auf den einzelnen 
Stationen der beiden Straßen außerordentlich verschieden. Durdi- 
schnittlich war das Niederlagsgeld auf der unteren Straße doppelt 
so hoch wie auf der oberen Straße, was zweifellos mit dem viel 
stärkeren Verkehr auf der Brennerstraße zusammenhing. Als 
zweite Eigentümlichkeit der Niederlagsgelder für durchgehende 
Terviswägen kann dann noch der Umstand bezeichnet werden, 
daß dieselben in den Rodstätten Bayerns um das Drei- nnd 
Vierfache niedriger waren als in den Tiroler Rodorten. 

Zur deutlicheren Vergegenwärtigung der die Höhe der Trans- 
portkosten wesentlich beeinflussenden Niederlagsgelder sind die- 
selben nach den Tiroler Rodordnungen des Jahres 1530 beiw. 
nach Rodverträgen der bayerischen Rodorte mit den Augsbui^gw 
Kaufleuten aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts in folgender 
Tabelle übersichtlich zusammengestellt. 

Höhe des Niederlagsgeldes fttr durchgehende Güter pro Wagen anno 159ft 
Obere Straße. Untere Straße. 

Rodort. Kr. Rodort. ^^ 

Füssen Schongau ^ 

Heiterwang 8 Ammergau ^ 

1) Mittenwalder Rodbrief vom 13. Juni 1574. Werdenfelser Akt« 
des Münchener Kreisarchivs, Pasc. 34. 



Das Bodwesen Bayerns und Tirols im